31.12.1989  Beitrag drucken

Der Klassenkampf-Fetisch

Thesen zur Entmythologisierung des Marxismus

Robert Kurz / Ernst Lohoff

 

Erstes Kapitel

Kein Grundsatz des Marxismus scheint fundamentaler als der Bezug auf die Klassenspaltung der Gesellschaft. „Alle bisherige Geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen“. Klasse, Klasseninteresse, Klassenkampf scheinen das kategoriale A und O der Marxschen Theorie zu beinhalten.

Aber der Schein trügt. Das Marxsche Hauptwerk trägt weder den Titel „die Klasse“ noch beginnt es mit dieser Kategorie, sondern vielmehr mit derjenigen der Ware: „Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als ungeheure Warensammlung, die einzelne Ware als seine Elementarform. Unsere Untersuchung beginnt daher mit der Analyse der Ware“. Statt dessen endet das „Kapital“ mit der systematischen Ableitung der Klassen, und auch dies bloß der Absicht nach, denn der 3. Band ist bekanntlich Fragment geblieben. Schon diese Stellung verrät: Die Klassen sind also in der Marxschen Theorie letztlich eine sekundäre, abgeleitete Kategorie. Der traditionelle Marxismus in all seinen Variationen aber hat dieses Verhältnis in der Theorie auf den Kopf gestellt. Hier ist die Klasse der letzte Grund der Gesellschaft und nicht die Ware. Die Analyse der Warenform erscheint vielmehr als bloß definitorisch und unkritisch herunterzuschnurrender Vorspann zur „eigentlichen“ Theorie des Kapitals, die primär als Theorie des Klassenkampfs verstanden wird.

Die auf diese Weise programmierte theoretisch-politische Mustererkennung ist sehr einfach. Während die bürgerliche Ideologie bemüht ist, über eine Theorie der übergreifenden gesellschaftlichen Kategorien und Institutionen (Volkswirtschaft, Staat und Demokratie, Nation etc.) die identitäre Gemeinsamkeit der Gesellschaftsmitglieder zu betonen und herauszuarbeiten, verweist der Marxismus demgegenüber beharrlich auf die „dahinterstehende“ Klassenspaltung. Die staatliche, nationale usw. Identität wird konterkariert durch die „klassenmäßige“ Nicht-Identität. Die Warenform und die von ihr konstituierten gesellschaftlichen Sphären, den Staat eingeschlossen, erscheinen demzufolge quasi als die gesellschaftliche Oberfläche, „hinter“ der sich als das „Eigentliche“ der Gesellschaft der Klassengegensatz „verbirgt“. Mit derselben ermüdenden Eintönigkeit, mit der die bürgerliche Theorie die Gemeinsamkeit der Gesellschaftsmitglieder beweist, beweist der Marxismus postwendend ihre Klassenspaltung als Nichtgemeinsamkeit. Dieser Marxismus bemerkt gar nicht, dass er mit einer solchen Diktion völlig an einer Kritik der Fundamentalkategorien des Kapitals vorbeizielt. Nicht Warenform, Geld und Staat als solche werden zum Gegenstand der Negation, sondern lediglich der gesellschaftliche Bezug darauf, der als klassenmäßig bestimmter „entlarvt“ wird. Indem Warenform, Geld und Staat zu quasi-ontologischen Hintergrund-Kategorien vernebelt werden, richtet sich die kritische Aufmerksamkeit hauptsächlich auf den „Umgang“ mit diesen Erscheinungen. Die zentralen, von der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie radikal angegriffenen Gegenstände verkommen so zu Requisiten, deren sich die herrschende Klasse auf der Klassenkampfbühne gewohnheitsmäßig bedient. Nichts fällt aber leichter als der Nachweis, dass die „Monopole“ sich den Staat „untergeordnet“ haben, dass die erarbeiteten „Werte“ nicht den Arbeitenden zugute kommen, sondern „dem Kapital“, dass die Steuern für die (u.a. kriegerischen) „Zwecke des Kapitals“ ausgegeben werden und nicht oder unzureichend für die Bedürfnisse der Massen, dass überhaupt die „Verwendung“ des Geldes im allgemeinen den Interessen der „Kapitalistenklasse“ folgt und nicht den Interessen der „Arbeiterklasse“ usw.

In dieser herrschenden Interpretation der Marxschen Theorie ist letztlich die Kritik der politischen Ökonomie durch einen affirmativen Vulgärsoziologismus ersetzt. Die „Arbeiterklasse“ erscheint nicht mehr als eine logische Realkategorie des Kapitals selbst, d.h. als Charaktermaske des variablen Kapitals, sondern als absolute Entität der „Arbeit“ in einem unhistorischen Sinne, die in der kapitalistischen Produktionsweise quasi „von außen“ durch die Profit-Subjektivität der feindlichen, mit dem „Willen zur Ausbeutung“ begabten „Kapitalistenklasse“ geknechtet wird. Die Kritik dieses kastrierten Marxismus richtet sich demzufolge nicht gegen das gesellschaftliche Verhältnis als solches, das ja die „Arbeiterklasse“ immer mit einschließt, sondern bloß gegen das subjektive „Interessen“-Handeln der „Kapitalisten“. Indem diese hilflose und begriffslose Theorie sich bloß positiv und affirmativ auf die „Arbeiterklasse“ als das auserwählte Volk Gottes bezieht und mit fliegenden Fahnen „Partei ergreift“ im „Klassenkampf“, bemerkt sie gar nicht, dass sie sich ausschließlich in der Hülle des Kapitalverhältnisses bewegt und sich einbildet, dieses Verhältnis mit seinen eigenen Kategorien kritisieren und umwälzen zu können. Der „Klassenkampf“ in diesem Sinne ist aber nichts weiter als die subjektive Seite der „Selbstbewegung des Kapitals“, d.h. der Selbstverwertung des Werts in der Form eines bewusstlosen, den Individuen äußerlichen gesellschaftlichen Verhältnisses.

Zweites Kapitel

Die Subjektivität, die in diesem traditionellen „Klassenkampf“-Modell und dessen realen historischen Verlaufsformen beschworen bzw. bekämpft wird, ist aber eine Schein-Subjektivität, die auf beiden Seiten des Verhältnisses im Fetischismus der Warenform befangen bleibt. Diese Willens-Subjektivität ist nicht ihr eigener letzter Grund, weil ihre sozialen Träger, die „kämpfenden Klassen“, nicht der letzte Grund der gesellschaftlichen Verhältnisse sind, sondern vielmehr selber sekundäre, abgeleitete Formen. Diese Subjektivität ist also eine konstituierte, die ihren eigenen Konstitutionszusammenhang nicht weiß, der völlig außerhalb ihres Blickfelds bleibt. Das auf dem Boden dieser unwahren, konstituierten Subjektivität entwickelte Denken bleibt begriffslos gegenüber seiner eigenen Form, der die Warenform der gesellschaftlichen Reproduktion zugrunde liegt. Die bloße Beschwörung der „Klassenmäßigkeit“ aller gesellschaftlichen Erscheinungen berührt das zentrale Wesensproblem des Konstitutionszusammenhangs der Klassen selber überhaupt nicht. Die bürgerlichen Identitäts-Kategorien wie Nation, Staat etc. können gerade deswegen nicht als solche radikal kritisiert werden, weil sie demselben ausgeblendeten Konstituierungszusammenhang wie die unvermittelt als Ausgangspunkt genommenen Klassen und deren Gegensatz angehören. Die Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaftskategorien kann nicht gedacht werden, weil die Aufhebung warenförmiger und damit geldförmiger Beziehungen nicht gedacht werden kann, sondern die Kritik in der empirisch-soziologischen Bestimmung der „Klassenmäßigkeit“ stecken bleibt.

Mit dem Verhältnis von Warenform und Klassen wird so auch der Marxsche Begriff des gesellschaftlichen Fetischismus auf den Kopf gestellt. Während im Ansatz der Marxschen Theorie die subjektiv bewussten Sozial- und Konkurrenz-Handlungen der kapitalistischen Oberfläche, also letztlich auch der „Klassenkampf“, als falsche und scheinbar selbstverständliche Unmittelbarkeit in Wirklichkeit durch den zugrundeliegenden Waren-Fetischismus konstituiert sind, versteht der traditionelle Arbeiterbewegungs-Marxismus diesen Zusammenhang gerade andersherum. Die bloß „scheinbare“ Gleichheit und Freiheit des Waren-Tausches soll als Fetisch die „verborgene“ Ungleichheit und Unfreiheit des „dahinterstehenden“ Klassengegensatzes verschleiern. Paul Mattick etwa plaudert diese für das landläufige Marxverständnis typische Verkehrung mit naivem Selbstbewusstsein aus. Er erklärt ganz offen:

„Bei Marx handelt es sich um den die heutige Gesellschaft beherrschenden und auf Ausbeutung beruhenden Klassengegensatz von Arbeit und Kapital, der sich durch die Marktbeziehung in ökonomischen Kategorien darstellt und in diesen fetischistischen Formen ins Bewusstsein rückt.“1

Der Begriff des Warenfetischismus erscheint hier im Gegensatz zu Marx auf die Zirkulationssphäre verkürzt, auf den „Austausch“ von Äquivalenten des „Werts“. Das Verhältnis von Wesen und Erscheinung wird damit umgekehrt, die Klassen bzw. der Klassenkampf zur Wesenskategorie und die Warenform zur (Oberflächen-) Erscheinung erklärt. Diese eingefleischte Auffassung widerspricht schon der simpelsten empirischen Evidenz. Der Klassengegensatz, auch wenn er nicht als aufhebbar gedacht werden kann, ist in vielfältigen Formen im empirischen Alltag allgegenwärtig, angefangen vom unmittelbaren Arbeitsprozess bis hin zu den vermittelten Formen der Sozialverwaltung usw. Dieser Gegensatz ist in seinem kruden empirischen Dasein durchaus begriffen und bewegt sich in den sozialen Handlungen und Organisationsformen der Subjekte; nicht begriffen und völlig außerhalb jedes bewussten Handlungs-Zugriffs hingegen bleibt das Gehäuse der Warenform selber als der blind vorausgesetzten gesellschaftlichen Reproduktionsform, die den empirischen Klassengegensatz der modernen Gesellschaft erst erzeugt hat und in deren Hülle er sich empirisch- historisch bewegt.

Die Warenform selber ist das eigentlich „Verborgene“, Zugrundeliegende, Unbegriffene; was durch die Freiheit und Gleichheit des Äquivalenten-Tausches in der Zirkulation verdeckt und verschleiert wird, ist nicht der in Wahrheit empirisch offenliegende Klassengegensatz, sondern der Fetischismus der Warenform im produktiven Kern des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses selbst. Der Warenfetischismus besteht in der Fetischisierung der gesellschaftlichen Arbeit selber zum „Wert“, zur scheinbaren Produkt-Eigenschaft. Die wirkliche Nicht-Identität der Gesellschaftsmitglieder ist ihr Dasein als Warenproduzenten überhaupt, d.h. das Auseinanderfallen von konkretem Arbeitsprozess und an sich realer, aber bewusstloser Gesellschaftlichkeit der Arbeit. Die Gesellschaftlichkeit der Arbeit existiert so außerhalb der menschlichen Arbeits-Subjekte als Beziehung der Produkte aufeinander; diese negative, dingliche Form der Gesellschaftlichkeit kommt in der Zirkulation, im Warenaustausch, zur Erscheinung, sie hat ihre Grundlage jedoch in der Form des Arbeitsprozesses selbst als Dasein der abstrakten Arbeit: der kapitalistische Arbeitsprozess ist wesenslogisch nicht Produktion von Gebrauchsgütern, die „danach“ ausgetauscht werden, sondern vielmehr abstrakter Verausgabungsprozess menschlicher Arbeitskraft um seiner selbst willen. Die produzierten Gebrauchswerte sind demzufolge nur Erscheinungsform von „Wert“, nicht umgekehrt, weil die konkret-stoffliche Arbeit bloß Erscheinungsform von abstrakt-gesellschaftlicher Arbeit ist. Diese Verallgemeinerung des Warenfetischs zur gesellschaftlichen Reproduktionsform oder Totalität und damit die vollständige Subsumtion der produktiven Grundlage der gesellschaftlichen Arbeit unter den Fetischismus ist nur möglich durch die Warenform der menschlichen Arbeitskraft selbst. Der Warenfetisch verschleiert also nicht etwa den „eigentlichen“ Klassengegensatz, sondern er konstituiert diesen erst. Die Warenform und der in ihren produktiven Kern eingeschlossene Fetischismus sind die wirklichen Wesenskategorien des Kapitalverhältnisses, Klassen und Klassenkampf hingegen die Oberflächenerscheinungen dieses Wesens. Kapital und Arbeit sind identisch als die sozialen Daseinsformen des Warenfetischismus, der auf der Nicht-Identität der menschlichen Subjekte überhaupt mit der Gesellschaftlichkeit ihrer eigenen Arbeit beruht. Der herkömmliche „Klassenkampf“ beinhaltet also nicht das Durchschauen des Fetischismus und die Befreiung davon, sondern er ist im Gegenteil die Bewegungsform des Fetischismus selbst, die wiederum identisch ist mit der Selbstbewegung des Kapitals; denn nur als Verwertung des Werts kann der Warenfetisch zur gesellschaftlichen Totalität aufsteigen.

Drittes Kapitel

Die zentrale Subjekt-Kategorie des fetischistischen Vergesellschaftungsprozesses der Warenform ist die des Interesses, in der soziologischen Wahrnehmung des traditionellen Marxismus definiert als das Klasseninteresse. Wie es für einen scheinbar radikalen Standpunkt gegen die kapitalistische Produktionsweise in dieser verkürzten Diktion ausreicht, sich „auf den Standpunkt der Arbeiterklasse“ zu stellen und also „klassenmäßig“ zu denken und zu handeln, so scheint dieses Denken und Handeln seinen Inhalt vom „Klasseninteresse des Proletariats“ zu beziehen. Die Erhebung dieses „Klasseninteresses“ zur schein-transzendenten, scheinrevolutionären Kategorie kann dadurch vorgetäuscht werden, dass die „Arbeit“ nicht von ihrer wirklichen warenfetischistisch-kapitalistischen Formbestimmtheit her begriffen wird, sondern als überhistorische Entität des Stoffwechselprozesses mit der Natur. Die Marxsche Kategorie der „abstrakten Arbeit“ verschwindet ganz oder wird einseitig dem „Klasseninteresse des Kapitals“ zugeschlagen, während die Arbeiterklasse ebenso einseitig auf der Seite der konkreten Arbeit erscheint. In der Diktion des traditionellen Marxismus findet hier eine doppelte Verwechslung und Vertauschung statt: einerseits wird die gesellschaftliche Abstraktion des „Werts“ nicht etwa kritisiert, sondern positiv affirmiert in der dithyrambischen Feier der Arbeiterklasse als der „Schöpferin aller Werte“, damit aber (konkretes) Mehrprodukt und (abstrakter) Mehrwert begriffslos vermischt und so der tatsächliche „unversöhnliche“ Gegensatz von Gebrauchswert (konkrete Nützlichkeit) und „Wert“ der gesellschaftlichen Arbeit und ihrer Produkte ebenso begriffslos versöhnt; andererseits aber wird das diffuse Unbehagen an den negativen Seiten der warenförmigen Abstraktion empiristisch auf das manifeste „Profitinteresse“ des „Kapitals“ zurückgeführt und das „Arbeiterinteresse“ als das ontologische, „lebensweltliche“ Interesse des quasi-„natürlichen“ Produzenten aus dem unbegriffenen Abstraktions-Zusammenhang der fetischistischen Verwertung des Werts klammheimlich herausgenommen. Das „Klasseninteresse des Proletariats“, wiewohl verräterisch immer und unvermeidlich in der Wert- und damit Geldform geltend gemacht, erhält so den (freilich nie exakt hergeleiteten) Geruch eines unmittelbaren „Gebrauchswertinteresses“ bzw. auf der Seite des „proletarischen Klasseninteresses“ erscheint der Gegensatz von Wert und Gebrauchswert als ausgelöscht oder unwesentlich.

In dieser Fassung des „Arbeiterinteresses“ als „Gebrauchswertinteresse“, soweit es überhaupt politökonomisch begründet ist, erscheint wieder die Zirkulations-Bornierung des traditionellen Marxismus, indem der Verwertungsprozess ausschließlich in das subjektiv-empirische „Klasseninteresse“ verlegt wird (womöglich als subjektive Pseudo-Eigenschaft namens „Profitgier“), während das „Klasseninteresse des Proletariats“ im Austausch der Ware Arbeitskraft gegen die Geld-Lohnform der Konsumtionsmittel quasi der Form eines „einfachen“ Warenaustauschs zugeschlagen erscheint. Die Selbstbewegung des Geldes als Verwertung des Werts, d.h. die kapitalistische Warenproduktion, in der die Zirkulation nicht etwa die Sphäre der Vermittlung von Gebrauchswerten ist, sondern in Wahrheit die bloße Realisierungs-Sphäre des Mehrwerts, erscheint so einseitig als der Zirkulationsprozess des Kapitals, während das „Arbeiterinteresse“ quasi auf die Form einer „einfachen“ Zirkulation bezogen erscheint und der Lohnarbeiter also in der Position eines „einfachen“ Warenproduzenten, für den der Warentausch tatsächlich nur der Gebrauchswertvermittlung dient. Hier wird die begriffliche Vernebelung der Warenform noch deutlicher: Nicht die Wert-Kategorie als solche wird in diesem Verständnis angegriffen, sondern bloß das scheinbar subjektive „Mehrwert“-Interesse des Kapitalisten (das gleichzeitig mit der Mehrprodukt-Aneignung vorkapitalistischer Produktionsweisen fälschlich identifiziert wird), während auf der anderen Seite die Kategorien des Lohnarbeiters, des „einfachen“ Warenproduzenten und der Gebrauchswert-Produktion zu einer einzigen pseudo-natürlichen und ontologischen Kategorie amalgamiert werden, die nur positiv und dem „Kapitalinteresse“ äußerlich als das Dasein und der Standpunkt der ewigen menschlichen Arbeit schlechthin erscheint.

Dieses verkürzte „marxistische“ Denken verkennt völlig, dass es nur eine einzige Zirkulation gibt, nämlich die des Kapitals, in die das „Arbeiterinteresse“ und der Tausch der Ware Arbeitskraft vollständig involviert sind. Diese Ware Arbeitskraft unterscheidet sich fundamental von allen anderen Waren und kann keineswegs einem „einfachen“ Zirkulationsprozess auf der Seite des Arbeiters zugeschlagen werden. Der Arbeiter produziert seine Arbeitskraft nicht unmittelbar als stofflichen Gebrauchswert wie der Bäcker seine Brötchen, sondern die Produktion dieser seiner „Ware“ ist selbst schon durch abstrakte Arbeit negativ gesellschaftlich vermittelt und erlischt nicht im Gebrauchswert als konkretem, sondern in der Wert-Abstraktion selbst als Gebrauchswert für das Kapital, mehr Wert als ihre Reproduktionskosten zu produzieren. Das Kapital-Interesse und das Arbeiter-Interesse sind also bereits von vornherein innerhalb der abstrakten Form miteinander verschränkt und können nicht als „abstraktes“ Wert-Interesse auf der Seite des Kapitals und als „konkretes“ Gebrauchswert-Interesse auf der Seite des Arbeiters auseinanderdividiert werden. Die unmittelbare Produktion der Ware Arbeitskraft geschieht teils überhaupt außerhalb des Wert-Gebrauchswert-Gegensatzes der Warenform (Naturvorgang der Zeugung und Geburt einerseits, Hausarbeit andererseits), teils ist sie ganz unabhängig von der Tätigkeit des Arbeiters oder seiner Familie wertförmig indirekt vermittelt durch den Staat (Schule usw.); gleichzeitig ist diese „Ware“ mit ihrer ursprünglichen Produktion nicht ein für allemal produziert und verkauft, sondern muss ständig neu reproduziert und neu verkauft werden. Diese Reproduktion aber geschieht eben unmittelbar zunächst einmal über die Geldform des Lohns, worin sich die Verkehrung von Abstraktem und Konkretem auch auf der Seite des Arbeiters ausdrückt; denn indem in Gestalt des Lohns auch für ihn das Geld als die Inkarnation der abstrakten Arbeit der wirkliche Ausgangspunkt seiner Reproduktion ist, und nicht die vorgängige Produktion eines stofflichen Gebrauchswerts, bleibt die scheinbar einfache W-G-W-Bewegung für ihn eine bloß formelle, deren wirklicher stofflich-gesellschaftlicher Inhalt nichts, aber auch gar nichts mit der bloßen Gebrauchswert-Vermittlung einer „einfachen“ Warenproduktion zu tun hat. Der Arbeiter ist ein genauso abstraktes Geld-Subjekt wie der Kapitalist, aber eben auf der anderen Seite der negativ-polaren gesellschaftlichen Beziehung. Die bloße Konsequenz seiner Interessen-Verfolgung führt daher nie und nimmer aus der Wertabstraktion heraus zu einem unmittelbaren Gebrauchswert-Interesse, sondern bleibt notwendig in der Warenform, d.h. im Kapitalverhältnis befangen.

Viertes Kapitel

Es gehört zur fetischistischen Mythologie des traditionellen Marxismus, die „Klasseninteressen“ in der vorgefundenen Form für „unversöhnlich“ zu erklären, ohne zu bemerken, dass sie gerade durch diese Form, die Warenform nämlich, zu einer Identität zusammengeschlossen werden, die den erscheinenden und von der bürgerlichen Ideologie angerufenen Identitäten wie Staat und Nation etc. noch vorgelagert ist und diese erst konstituiert. Innerhalb der Warenform ist das „Klasseninteresse des Proletariats“ ein ganz gewöhnliches, stinknormales Konkurrenzinteresse, das zwar einen Gegensatz zu anderen Konkurrenz-Interessen stiftet, aber als solches keineswegs einen „unversöhnlichen“.

Bevor noch die Gegensätze der konkurrierenden Individuen und sozialen Charaktere („Charaktermasken“) in Kraft treten und vollzogen werden können, sind diese Individuen und Charaktere immer schon in die zugrundeliegende abstrakt-allgemeine Identität und gesellschaftliche Gemeinsamkeit der Warenform eingebunden, die sie in einer einzigen gesellschaftlichen Totalität, der Selbstbewegung des Werts nämlich, zu einem Ganzen gesellschaftlicher Reproduktion zwanghaft aneinanderkettet. Erst innerhalb dieser abstrakt-allgemeinen gemeinsamen Identität unterscheiden sich die Individuen und sozialen Charaktere voneinander, je nachdem, welchen Platz und welche Funktion sie in der warenproduzierenden Gesellschaft einnehmen bzw. welcher Natur ihre jeweilige Ware ist. Daraus ergeben sich in der Hülle der Warenform unterschiedliche und gegensätzliche Interessen. Solange jedoch die Warenform selber nicht radikal kritisiert wird, muss sich der „Klassengegensatz“ in dieser Form objektiv notwendig in die allgemeine Logik der Konkurrenz und ihrer Formen einordnen, ohne dass dadurch ein besonderer Gegensatz über die anderen Ebenen der Konkurrenz hinaus gestiftet würde. Dieser falsche Schein konnte nur entstehen, solange die „Arbeiterklasse“ innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft noch nicht als offizielles Konkurrenzsubjekt anerkannt war, solange sie also noch gegen den halbfeudalen Staat und/oder gegen mächtige Einzelkapitale ihre „Koalitionsfreiheit“, überhaupt ihre „Rechte“ als warenförmiges soziales Subjekt geltend machen und durchsetzen musste.

Wenn die alte Arbeiterbewegung ein explizit sozialistisches Pathos entwickelt hat und aus ihm ihre ideologische Durchschlagskraft schöpfte, so beruht dieser antikapitalistische Überschuss auf einem grundsätzlichen Quidproquo. Sie erklärte gerade die ständischen Eierschalen, die ihrem zeitgenössischen Kapitalismus noch anhafteten, mit dem sie sich empirisch nun einmal auseinandersetzen musste, zu unaufhebbaren Wesensmerkmalen dieser Gesellschaftsformation. Während realiter die gleichberechtigte Anerkennung des „Arbeiterinteresses“ identisch mit der vollen Ausbildung der Wertvergesellschaftung ist, setzte die alte Arbeiterbewegung daher fälschlicherweise die Emanzipation der Arbeiterklasse als Arbeiterklasse mit dem Ende der bürgerlichen Form in eins. Der traditionelle Marxismus hielt die Exterritorialität der Arbeiterschaft, ihren Ausschluss aus der Welt der freien und gleichen Warenbesitzer, der sich aus vorkapitalistischen Verhältnissen in die bürgerliche Gesellschaft des beginnenden Jahrhunderts noch hinübergerettet hatte, für ein spezifisches Charakteristikum jeder bürgerlichen Gesellschaft. Er kam zu dieser Einschätzung, weil er die eigene Gegenwart nicht vom Standpunkt der allgemeinen Logik des Kapitals beurteilte, sondern statt dessen unter Gesichtspunkten deutete, die selber noch von ständischen Modellen hergeleitet waren. Der dabei transportierte Klassenbegriff nahm eine eindeutig vorkapitalistische Färbung an. Der Kontrast zu der verflossenen organischen Einheit von Arbeitsmittel und Arbeitskraft trübte den Blick für die neue, sich erst herausbildende Konstellation und ließ den Arbeiter als erweiterte und verallgemeinerte Fortsetzung der vorkapitalistischen landlosen Armut erscheinen. Der traditionelle Marxismus nimmt den Arbeiter nicht als Warenbesitzer neben anderen, sondern sieht ihn innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft rein negativ bestimmt und zum eigentumslosen outlaw degradiert, der allen Besitzenden unterschiedslos gegenübersteht. Die noch in ihrer Herausbildung begriffene Arbeiterklasse verstand sich selbst der klassisch-marxistischen Kurzdefinition gemäß rein negativ, als die berüchtigte Klasse der „Nichtbesitzer von Produktionsmitteln“, und wurde von der empirischen Bourgeoisie ihrer Zeit auch als solche unterständische Masse gesehen. Der Klassengegensatz erscheint nicht als das, was er dem Begriff des Kapitals nach nur sein kann, als wertimmanenter Konkurrenzgegensatz verschiedener Warenbesitzerkategorien, sondern beansprucht einen weit fundamentaleren Stellenwert und wird zum allgemeinen Widerspruch von Besitz und Nichtbesitz, von Produktion des gesellschaftlichen Reichtums und dessen parasitärer Aneignung hochstilisiert. Nur unter diesem, vom vorkapitalistischen Widerspruch von Arm und Reich bestimmten Blickwinkel, kann die Arbeiterklasse den Anspruch erheben, per se als grundlegend andere, immer schon transbürgerliche Entität zu gelten.

Die historische Entwicklung strafte das antibürgerliche Selbstverständnis der alten Arbeiterbewegung mit unübersehbarer Evidenz Lügen. Ihre praktischen, historischen Erfolge erwiesen handgreiflich, wie unzureichend diese Selbsteinschätzung immer schon gewesen war, und höhlten sie gründlich aus. Indem die Arbeiterklasse ihrem wirklichen Beruf einer erst vollen Durchsetzung der „freien“ Lohnarbeit und damit der totalen Warenproduktion nachkam, konstituierte sie einerseits das halbständische Arbeitermilieu endlich zur modernen Klasse, arbeitete aber andererseits den profanen Geldkern des „Arbeiterinteresses“ heraus und zerstörte damit dessen transzendenten Schein. Im selben Masse, wie die Arbeiterklasse wirklich zu Klasse wird, und alle ständischen Überbleibsel an ihr verdampfen, verblasst der Klassenstandpunkt. Er wandert aus dem Zentrum des Sonnensystems auf die Erde und wird banal. Er taugt offensichtlich nicht länger zur allgemeinen Sinnstiftung und Welterklärung. Dieser Endzustand des positiven „Klassenbewusstseins“ entspringt nicht der Niederlage der sich affirmierenden Arbeiterklasse, wie es sich die enttäuschten Liebhaber des verblichenen „sozialistischen Ideals“ gerne einreden, sie hat vielmehr deren Endsieg zur Quelle. Der reale gesellschaftliche Prozess, der unter der Bezeichnung einer „Integration der Arbeiterklasse“ als vermeintliche „Abkehr“ von positivem „Klassenbewusstsein“, „Klasseninteressen“ und „Klassenkampf“ etc. erscheint, ist in Wirklichkeit deren unvermeidliches Resultat. Am Ende des „Klassenkampfs“ des Proletariats als dessen Selbstaffirmation in der Warenform der Arbeitskraft kann nur seine endgültige Entpuppung als „reines“ Dasein des variablen Kapitals stehen.

In der allseitigen Konkurrenz der warenförmigen Subjekte, wie sie erst mit der fordistischen Voll-Vergesellschaftung nach dem Zweiten Weltkrieg als totale und weltweite Verkehrsform endgültig und unter Zerstörung der letzten vor- bzw. nichtkapitalistischen Reproduktionsformen und -Sektoren herausgebildet wurde, verliert das „Klasseninteresse“ seine privilegierte Konfliktposition. Einerseits zwingt die nationale ebenso wie die Weltmarkt-Konkurrenz die konkurrierenden Sozialcharaktere „Lohnarbeit“ und „Kapital“ auf einer anderen Ebene gleichzeitig in eine unmittelbare Interessen-Identität hinein. In ganz allgemeiner Form war dieses Phänomen auch schon relativ frühzeitig in der alten Arbeiterbewegung wirksam, etwa in deren „nationaler“ Integration gegen andere (konkurrierende) Nationen. Auf der heute erreichten Stufe einer fast total gewordenen Weltmarkt-Vergesellschaftung ist dieses Moment der Interessen-Identität jedoch noch viel durchschlagender und vielfältiger geworden. Es handelt sich hier keineswegs bloß um „Ideologie“ im Sinne eines „falschen Bewusstseins“ bzw. gar im Sinne einer vermeintlichen „manipulierten“ Abkehr vom „wahren“ eigenen Interesse. Die empirischen Subjekte sind hier viel „materialistischer“ (in einem affirmativen, zynischen, eben warenförmig konstituierten Bezug) als die „humanistischen“ Idealisten des Altmarxismus verschiedenster Couleur. Sie wissen sehr wohl, dass sie in einem objektiven „Interessengegensatz“ zum „Kapital“ stehen, vielleicht besser und abgeklärter als ihre arbeiterbewegten Vorfahren, aber sie wissen ebenso, dass dieser Gegensatz seine Schranke findet in der Interessen-Identität auf einer anderen Ebene der allseitigen Konkurrenz. Die eigenen Forderungen müssen sich den „Gesetzen der Warenproduktion“ beugen, auch wenn deren wissenschaftlicher Begriff nicht gewusst ist, ihre Objektivität sich jedoch empirisch aus dem Erfahrungszusammenhang der totalen Warengesellschaft alltäglich aufdrängt. Die Lohnarbeiter von Siemens, Daimler, MBB oder der Atomindustrie usw. „vertreten“ durchaus ihr Lohn- und Arbeitsplatz-„Interesse“ gegen „ihr“ jeweiliges Kapital, treten für bessere Arbeitsbedingungen ein usw., aber sie müssen notwendig als warenförmige Interessen-Subjekte gleichzeitig für den Weltmarkterfolg von Siemens oder Daimler gegen die japanische Weltmarkt-Konkurrenz eintreten oder um ihrer „Arbeitsplätze“ willen die Lobby der Atomindustrie etwa gegen Umweltschützer und Atomkraftgegner unterstützen (wie es auch die Betriebsräte der Kraftwerksindustrie ganz konsequent tun). Die Lohnarbeiter wissen längst, dass die Konkurrenz der warenförmigen Interessen nicht so eindimensional ist, wie es der traditionelle Marxismus glauben möchte. Und deswegen wissen sie auch, wann sie zu schlechte Karten und ausgereizt haben, etwa bei den Stillegungen der Stahlindustrie. Die „Gesetze der Warenproduktion“, die als Vollstreckung der Weltmarkt-Konkurrenz in Erscheinung treten, werden letzten Endes notgedrungen hingenommen, weil keinerlei gesellschaftliche Alternative dazu sichtbar ist. Nicht die abgeklärten, ihre Konkurrenz-Interessen auf allen Ebenen wahrnehmenden und „realistischen“ Lohnarbeiter sind die historischen Idioten, sondern die selber durch und durch im Warenfetisch befangenen Linken und Marxisten, die den ordinären Konkurrenz-Interessen der Ware Arbeitskraft eine „Unversöhnlichkeit“ gegen „das Kapital“ andichten wollen und die von Kapital und Staat ebenso nüchtern und zynisch präsentierten höchst realen Sachzwänge, die „Zwangsgesetzlichkeit der Konkurrenz“ (Marx), schlicht wegleugnen und wegmoralisieren bzw. in die „Profit“-Subjektivität „der Kapitalisten“ verlagern möchten. Jeder Versuch, die Lohnarbeiter innerhalb der nicht explizit als solche angegriffenen Warenform zu einer „konsequenten“, „unversöhnlichen“, „rücksichtslosen“ usw. Interessenverfolgung gegen „das Kapital“ anzustacheln, muss sich als unwahr und aussichtslos blamieren. Die Inkonsequenz des Interesses liegt in ihm selber, in seiner Form, die immer eine reale Identität von Interessengegensatz und Interessengleichheit auf verschiedenen Ebenen stiftet. Die Lohnarbeiter als Lohnarbeiter können überhaupt kein absolut unversöhnliches Interesse gegen das Kapital als Kapital besitzen, weil sie selber Moment und Bestandteil des Kapitals sind. Der Marxsche Satz, dass die Idee sich immer blamiert, sofern sie vom Interesse verschieden war, beweist sich hier auf überraschende Weise an den Marxisten selbst, deren Denken nicht über den Warenfetisch hinauskommt. Es führt kein Weg vom warenförmig konstituierten Interessenkampf zur Aufhebung des gesellschaftlichen Verhältnisses selber, das diese Interessen auf allen Ebenen erst konstituiert.

Andererseits aber bricht sich das Lohnarbeiter-Interesse nicht nur an der Interessen-Identität mit dem Kapital auf einer anderen Ebene der Konkurrenz, sondern die Allseitigkeit der Konkurrenz zwingt gleichzeitig zum Konkurrenzkampf nicht nur unter den „Kapitalisten“, sondern auch unter den Lohnarbeitern selber. Im Interessenkampf um Arbeitsplätze, Arbeitsbedingungen, Lohnquoten, Status, Qualifizierung usw. stehen sich nicht nur Lohnarbeiter und Kapital, sondern immer gleichzeitig auch die einzelnen Arbeiter untereinander, Facharbeiter und Un- oder Angelernte, Kern- und Randbelegschaften, Vollzeit- und Teilzeitarbeiter, Beschäftigte und Arbeitslose, männliche und weibliche Lohnarbeiter usw. gegenüber. Die Interessengegensätze und -Identitäten auf dieser Ebene sind nicht weniger real als diejenigen zwischen Kapital und Arbeit, dieselben Gegensätze und Identitäten zwischen den verschiedenen Branchen, Nationen, Blocks usw. Die Vielschichtigkeit und Allseitigkeit der Konkurrenz treibt in ihrem totalen, weltweiten Dasein ein ungeheures Kraftfeld widerstreitender und identischer Interessen hervor, dessen Resultante und konkrete Verlaufsform nicht wirklich vom warenförmig konstituierten „Klassengegensatz“ als lediglich einer von vielen Kräften übergriffen und dauerhaft dominiert werden kann. Die altmarxistische Behauptung, dass allein das „Klasseninteresse“ real sei, alle anderen Interessenlagen der Konkurrenz aber dem Arbeiter in letzter Instanz fremd wären, er „nichts davon hätte“ oder diese mit dem Klasseninteresse divergierenden Konkurrenz-Interessen gar bloß Ideologie, „Bestechung“ usw. wären, hält so gut wie keiner konkreten Einzelfall- oder Situationsanalyse stand und wurde auch längst historisch Lügen gestraft. Weder auf der Ebene des Trade-Unionismus noch auf der Ebene der „proletarischen Partei“ konnte die Involvierung der Lohnarbeiter in die divergierende Allseitigkeit der Konkurrenz-Interessen jemals wirklich aufgehoben werden. Diese Involvierung ist mit der Warenform als solcher mit Naturnotwendigkeit gesetzt; alle Versuche des verkürzten Marxismus, innerhalb dieser unbegriffenen, als quasi-ontologisch hingenommenen Form einen „reinen“, totalen, von den anderen Ebenen der Konkurrenz abgekoppelten „Klassengegensatz“ zu mobilisieren, mussten letztlich in der bloß noch moralischen Beschwörung eines quasi altruistisch verklärten „Klassenbewusstseins“ verenden und kläglich scheitern.

Fünftes Kapitel

Es ist also klar, dass die warenförmig konstituierten Interessen nicht dem „freien Willen“ der voraussetzungslos gedachten Subjekte entspringen, sondern umgekehrt diese Subjekte und ihre Willenshandlungen immer schon von ihnen objektiv vorgegebenen Interessen und deren undurchschauter, blind-gesetzmäßiger gesellschaftlicher Grundlage präformiert sind. Dies wirft allerdings ein eigentümliches Licht auch auf jene Standard-Begrifflichkeit des Marxismus, die den revolutionären Bewusstwerdungs-Prozess angelegt sieht im Übergang von der „Klasse an sich“ zur „Klasse für sich“. Marx hat hier die Hegelsche Terminologie in die Soziologie des Klassenkampfes umgegossen. Freilich ist in der Marxschen theoretischen Argumentation diese Soziologie der Arbeiterklasse und ihres Bewusstseinsprozesses immer bezogen auf die Kritik der politischen Ökonomie, d.h. letzten Endes die Kritik der Warenform überhaupt und den darin eingeschlossenen gesamtgesellschaftlichen Fetischismus, der „vergangene gesellschaftliche Arbeit“ bewusstlos als „Wert“ der Produkte „darstellt“. Die Soziologie des Proletariats und seines „Klassenkampfs“ steht also in Wirklichkeit nicht für sich, sondern ist in die Kritik dieses zugrundeliegenden Fetischismus eingebunden.

Die Marxsche Terminologie wirft hier allerdings trotzdem ein schwerwiegendes Verständnisproblem auf, insofern dieser Rückbezug auf die Kritik des Warenfetischismus in seinem Werk keineswegs durchgängig explizit und auch nicht systematisch durchgehalten ist. Aus dieser Schwierigkeit bei Marx selber, die zweifellos den unvermeidlichen Anfangsschwierigkeiten einer großen theoretischen Entdeckung ebenso wie dem Bezug auf die kapitalistisch noch wenig entwickelten empirischen Zeitverhältnisse geschuldet ist, ergibt sich die Möglichkeit einer Lesart, die den „proletarischen Klassenkampf“ völlig von der Kritik des Warenfetischs wegpräpariert. Genau dies ist die Lesart des traditionellen Marxismus. Damit wird aber die Begrifflichkeit des Übergangs von der „Klasse an sich“ zur „Klasse für sich“ nicht mehr bloß der Terminologie nach hegelianisch, auch wenn dieser Sachverhalt den Marxisten nicht bewusst geworden ist. Hegel hat die Kategorie des historischen Entwicklungsprozesses entdeckt, aber für ihn bleibt Entwicklung immer nur die des Geistes, nämlich dessen Ansichsein, Selbstentfremdung und schließliches Fuersichwerden in der philosophischen Geistesgeschichte. Eine revolutionäre „Aufhebung“ kann demzufolge für Hegel auch immer nur im Denken stattfinden, indem dieses ein schon immer vorgegebenes „an sich“ nunmehr auch endlich subjektiv „für sich“ erkennt, d.h. das Denken (und Handeln) der Objektivität des „an sich“ gegebenen Verhältnisses adäquat wird. Hegels Bezug auf die (von ihm noch nicht in ihrer gesellschaftlichen Form begriffenen) bürgerlichen Verhältnisse ist also von vornherein ein affirmativer, der Gang des Bewusstseins vom „an sich“ zum „für sich“ für ihn ein solcher des bewussten Einsehens und Anerkennens, womit die Dialektik mit dem Erreichen des Endstadiums dieser begreifenden Geschichte des Geistes auch zum Stillstand kommt. Marx hat diesen Zug des Hegelschen Denkens schon in der „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ im Ansatz denunziert und aufgebrochen. Für ihn ist die Einsicht des Denkens in die Verhältnisse eine kritische, die den objektiven Widerspruch dieses Verhältnisses selber in seiner Dynamik aufnimmt und daher nicht zur Aufhebung des Widerspruchs im Denken, sondern zur praktisch-materiellen Umwälzung der Verhältnisse selber gelangt. Erst damit ist die kritische Dimension des Denkens in vollem Umfang erlangt und die bloße Immanenz durchbrochen. Der Marxismus hat nicht erkannt, welche Schlussfolgerung darin für das Verständnis des revolutionierenden Bewusstwerdungsprozesses im Übergang von der „Klasse an sich“ zur „Klasse für sich“ begründet ist; er hat diese Begrifflichkeit vielmehr rein affirmativ interpretiert, also letztlich im Verständnishorizont der Hegelschen Rechtsphilosophie und nicht deren Kritik. Denn im Hegelschen Sinne interpretiert, stehen die „glücklichen“ Besitzer der Ware Arbeitskraft in einem objektiven, ihnen selber noch nicht bzw. nicht hinreichend bewussten Interessenzusammenhang gegenüber anderen Warenbesitzern. Allein dadurch werden sie zu einer „Klasse an sich“. Indem sie sich nun dieses ihr objektiv konstituiertes „Interesse“ subjektiv bewusst machen und danach handeln, also „ihre Interessen vertreten“, werden sie zur „Klasse für sich“. Was damit gewonnen ist, ist letztlich nichts als der Standpunkt der hegelschen affirmativen Rechtsphilosophie. Dass sich dieser Standpunkt nicht in süßliche und in sich ruhende Harmonie auflöst, sondern in den immerwährenden Interessenkampf der Konkurrenzsubjekte, ändert überhaupt nichts am Befangenbleiben in den vorgegebenen bürgerlichen Gesellschaftskategorien. Der Kampf der konkurrierenden Interessen innerhalb der Warenform ist keinerlei den Kapitalismus praktisch infragestellendes Moment, sondern vielmehr umgekehrt gerade sein positives Dasein. Insofern gehört der Interessenkampf der Arbeiterklasse zum Funktionieren des Kapitalverhältnisses und die historische Herausbildung der „Klasse für sich“ kann gar nichts anderes zum Inhalt haben als die vollständige und bewusste Einbindung der Lohnarbeiter in das immer mehr auf seinen Grundlagen prozessierende Kapitalverhältnis.

Das Hegelsche Zusichkommen des Geistes schließt ja Praxis keineswegs aus; es handelt sich aber darum, dass diese Praxis als eine immer schon „an sich“ gegebene nunmehr auch von einem „für sich“ gewordenen Bewusstsein subjektiv bewusst vollzogen wird. Nicht die gesellschaftlichen Realkategorien Ware, Geld, Recht, Staat, Familie usw. sollen als solche praktisch „aufgehoben“ werden, sondern das Bewusstsein soll ihnen im praktischen Vollzug adäquat werden. Ohne es zu wissen, repräsentiert Hegel hier in abstrakter Form das „Zusichkommen“ der bürgerlichen Verhältnisse, das „reine“ Werden des Kapitals als totaler Warenform der gesellschaftlichen Reproduktion und damit das Abstreifen vorkapitalistischer Schlacken. Das „an sich“ der Warenform ist schon vorgegeben, es muss nur im „für sich“-Werden des Bewusstseins erkannt und bewusst praktiziert, d.h. aber auch praktisch durchgesetzt werden.

Der Logik der Marxschen Theorie nach, wenn auch nicht immer in seiner expliziten Diktion, geht es aber um eine viel tieferliegende Schicht des Umwälzungsprozesses vom „an sich“ zum „für sich“. Das selber revolutionäre, umwälzende „an sich“, das sich bewusstlos unter der Hülle der Warenform herausbildet, ist auf dem Weg der Industrialisierung und Verwissenschaftlichung der Vergesellschaftungsprozess der konkret-stofflichen Arbeit und Reproduktion. Dieses „an sich“ jedoch steht im Widerspruch zu seiner eigenen gesellschaftlichen Form, der Warenform und aller ihrer Emanationen wie Staat, Recht, Familie usw. Das subjektive Bewusstwerden dieses Widerspruchs, der revolutionäre Übergang vom „an sich“ zum „für sich“ beinhaltet also nicht die „bewusste Anerkennung“ und den „bewussten Vollzug“ der warenförmigen Kategorien, sondern im Gegenteil ihr praktisches In-die-Luft-Sprengen. Die Hülle der Warenform muss gesprengt werden, um die reale Vergesellschaftung des stofflichen Arbeitsprozesses „bewusst anzuerkennen“. Der Bewusstseinsprozess des „für sich“-Werdens beinhaltet also nicht das affirmative „Vertreten der Klasseninteressen“, sondern im Gegenteil die Aufhebung des objektiven Konstitutionszusammenhangs dieser Interessen selber.

So klar auf dieser fundamentalen Ebene der Unterschied zwischen der Hegelschen und der Marxschen Auffassung des Verhältnisses von „an sich“ und „für sich“ wird, so klar muss es auch sein, dass der gesamte „Interessenkampf“ der alten Arbeiterbewegung und der darauf bezogene Marxismus sich in dieser Hinsicht völlig im Verständnishorizont von Hegel und nicht von Marx bewegt. Marx selber hat allerdings mit seiner positiv-affirmativ und damit soziologistisch verkürzt interpretierbaren Formel vom Übergang der „Klasse an sich“ zur „Klasse für sich“ ungewollt diesem Missverständnis Vorschub geleistet, im Widerspruch zur Logik seines eigenen theoretischen Ansatzes. Dies verweist auf die historische Notwendigkeit einer Epoche, in der tatsächlich noch gewissermaßen Hegel praktisch Recht behält gegen den weiter und tiefer denkenden Marx: nämlich auf die Notwendigkeit eines tatsächlichen praktischen „Zusichkommens“ der bürgerlichen Gesellschaft, d.h. der Durchsetzung der totalen Wertform und der Befreiung der Arbeiterklasse nicht etwa von der Konkurrenz, sondern vielmehr zur Konkurrenz, nicht von der Lohnarbeit, sondern zur Lohnarbeit in einer von allen vorkapitalistischen Resten befreiten Form, nicht vom Recht, sondern zur abstrakten Freiheit warenförmiger Rechts-Subjekte. Einzig und allein in diesem historischen Kontext macht die Formel des Übergangs von der „Klasse an sich“ zur „Klasse für sich“ einen positiven Sinn. In der noch unentwickelten bürgerlichen Gesellschaft bildet sich die Arbeiterklasse objektiv („an sich“) heraus, aber sie wird nicht als vollgültiges bürgerliches Konkurrenz-Subjekt anerkannt, weil die bürgerliche Gesellschaft (das Bewusstsein und das Handeln der „Kapitalisten“ eingeschlossen) noch überformt ist von vorkapitalistischen Zuständen. Indem die Arbeiterklasse also von den ihr „an sich“ entsprechenden bürgerlichen, warenförmigen Daseinsformen auf vielen Ebenen ausgeschlossen bleibt, wird sie sich als Klasse „für sich“ bewusst und negiert praktisch den empirischen Zustand des Kapitalismus, ohne zu ahnen, dass sie damit zum entscheidenden Bahnbrecher „reiner“ bürgerlicher Verhältnisse im Sinne eines Hegelschen Bewusstseinsprozesses wird.

Sobald aber das historische Ziel des „für sich“-Werdens der Arbeiterklasse tatsächlich praktisch erreicht und sie als vollgültiges Konkurrenz- und Rechts-Subjekt, als „freier und gleicher Warenbesitzer“, als Staatsbürger etc. anerkannt ist, erlischt notwendig auch der Sinn dieses „für sich“-Werdens. Der positive Zusammenschluss der Klasse als Klasse war notwendig, um dieses Ziel zu erreichen; mit diesem Erreichen aber wird die Arbeiterklasse in den allseitigen und weltweiten Prozess der Konkurrenz eingebunden und der warenförmig immanente Klassengegensatz verliert seine Exklusivität, wird zu einer Ebene der Konkurrenz neben vielen anderen. Während die „Wende“-Linken bzw. Ex-Linken diese Wahrheit wenigstens empirisch gefressen haben, d.h. sich (wenn auch bewusstlos und affirmativ) „vom Proletariat verabschieden“, beschwören die übriggebliebenen historischen Idioten des Marxismus den Fetisch eines völlig zu Recht vergangenen „Klassenbewusstseins“, das seinen Sinn nur innerhalb jener historischen Aufgabe hatte. Sie beten diesen Fetisch weiter an, obwohl er das Gegenteil von dem bedeutet, was sie zu meinen glauben, nämlich „Antikapitalismus“.

Sechstes Kapitel

Wenn aber gerade das „für sich“-Werden der Arbeiterklasse, somit also positives „Klassenbewusstsein“, Klasseninteresse und Klassenkampf identisch ist nicht mit der Negation des Kapitalverhältnisses, sondern im Gegenteil mit dessen „Zusichkommen“ und der vollständigen Integration der Lohnarbeiter, dann muss die heiligste Kuh des Marxismus endlich notgeschlachtet werden, nämlich der positive, affirmative Bezug auf jenes historische Subjekt namens „Arbeiterklasse“ und alle ihm entsprechenden Kategorien. Dann wird klar, dass gerade in diesen „heiligsten“ Begriffen des Klassenkampfes der Marxismus noch hegelisch auf dem Kopf steht. Auf die Fuße gestellt, ist das Problem kaum wiederzuerkennen. Denn die logische Konsequenz kann nur darin bestehen, dass alle positiven Klassen-Begriffe des Marxismus mit einem negativen Vorzeichen versehen werden müssen. Nicht „proletarisches Klassenbewusstsein“ ist „revolutionär“, sondern im Gegenteil negatives Klassenbewusstsein, nicht die Selbst-Affirmation der Arbeiterklasse als Klasse, sondern ihre Selbst-Negation.

Damit aber hat sich auch die Frage nach dem „revolutionären Subjekt“ völlig verschoben. Keineswegs kann die Arbeiterklasse als Klasse das „identische Subjekt-Objekt der Geschichte“ sein, wie es noch Lukacs in „Geschichte und Klassenbewusstsein“ formuliert. Diese Formel zeigt nur, wie auch der „kritische“, „westliche“ Marxismus noch ganz in der positiven, affirmativen Bestimmung des Klassen-Subjekts befangen ist.

Das Dasein der Arbeiterklasse als Klasse drückt vielmehr im Gegenteil gerade die totale Nichtidentität der arbeitenden Subjekte mit der Gesellschaftlichkeit ihrer eigenen Arbeit aus. Das „identische Subjekt-Objekt der Geschichte“ könnte erst die kommunistische Gesellschaft sein, deren Dasein gerade in der bewussten Negation des Daseins der Arbeiterklasse bestehen muss.

Das vage Ziel einer „Selbstaufhebung der Arbeiterklasse“ geistert zwar gelegentlich in Randströmungen des Marxismus, aber nie konnte dieser Standpunkt konsequent durchgehalten werden; immer schlug die „Ungeheuerlichkeit“ dieses Vorhabens schließlich doch um in die Affirmation eines positiven Klassenbewusstseins. Allzu fremdartig wäre auch der Gedanke erschienen, dass die Arbeiterklasse sich ihrer selbst negativ bewusst wird, dass der wirkliche Bewusstwerdungsprozess gerade die Auflösung jeden „Klassenstolzes“ ist, d.h. unmittelbar das Nicht-mehr-Arbeiter-Sein-Wollen. Die letzte Konsequenz der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie beinhaltet eine „Umwertung aller Werte“ des traditionellen Marxismus: nicht die Arbeiterklasse reproduziert sich selbst bewusst im Klassenbewusstsein, sondern die Anti-Klasse negiert sich im negativen Klassenbewusstsein; nicht die Arbeiterklasse baut als Klasse „den Sozialismus auf“, sondern umgekehrt ist der „Aufbau des Sozialismus“ unmittelbar identisch mit dem Selbst-„Abbau“ der Arbeiterklasse. Ein „Sozialismus“, in dem die Arbeiterklasse sich als Klasse affirmiert und Arbeiterklasse bleibt, ist nur ein anderer Name für Kapitalismus. Allzu krude und durchsichtig ist das Argument, die Klasse müsse sich als Klasse formieren und für eine ganze Epoche selbst affirmieren, um etwa den „kapitalistischen Widerstand“ etc. zu brechen. Woran sollte „die Bourgeoisie“ die famose Arbeiterklasse denn eigentlich „hindern“ wollen außer an ihrer Selbstaufhebung? Das unlogische Affirmations-Argument des traditionellen Klassenbewusstseins verwechselt hier die revolutionäre Organisation zur Aufhebung der bürgerlichen Vergesellschaftungs-Formen mit einer „Selbstorganisation des Proletariats“ in diesen Formen. Die auch bewaffnete Organisation zum Zwecke der Aufhebung der Lohnarbeit schließt jedes positive Klassenbewusstsein vollkommen aus; die revolutionären Subjekte organisieren sich nicht als Arbeiter, sondern als Kommunisten, deren unmittelbares Ziel es nur sein kann, das Arbeiter-Dasein für immer abzuschütteln. In der kommunistischen Revolution kommt nicht die „Ontologie der Arbeit“ (Lukacs) des „unmittelbaren Produzenten“ zum Selbstbewusstsein, sondern umgekehrt wird in der „bewussten Anerkennung“ der erreichten Industrialisierung, Verwissenschaftlichung und Vergesellschaftung der konkreten Arbeit jener „unmittelbare Produzent“ für immer abgeschafft und bewusst als „vorgeschichtliche“ Kategorie negiert.

Für das im Warenfetisch befangene Bewusstsein des Marxismus und der alten Arbeiterbewegung dagegen mussten die vermeintliche „Revolution“ gegen das Kapital und die (Selbst-)Aufhebung der Arbeiterklasse um eine ganze Epoche, womöglich um Jahrhunderte auseinanderfallen. Die Negation der „Arbeit“ und des Arbeiter-Daseins schien daher keinerlei theoretische, geschweige denn praktische Relevanz zu besitzen. Der „Sozialismus“ ist diesem Verständnis nach nicht etwa wie bei Marx eine „niedere Phase des Kommunismus“, d.h. der unmittelbar praktische Beginn der Aufhebung des unmittelbaren Produzenten, sondern eher eine in sich abgeschlossene, weiterhin warenförmige Gesellschaftsformation, deren Beziehung zu einem transzendenten Kommunismus völlig unklar und vage bleibt. Im historischen Dasein dieser Vorstellungswelt drückt sich nur die Verkleidung des realen „Zusichkommens“ einer rein kapitalistischen Gesellschaftsformation in pseudo-sozialistischen Begriffen einer Arbeiterbewegung aus, die selber noch wesentliches Moment dieses „Zusichkommes“ ist. Am klarsten wird dieser Sachverhalt am Schicksal der Sowjetunion, wo die ideologische Selbstaffirmation der Arbeiterklasse wirklich identisch ist mit dem „nachholenden“ Aus-dem Boden-Stampfen einer modernen bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft.

Siebtes Kapitel

Die Identifikation des Sozialismus mit der Verallgemeinerung der Figur des unmittelbaren Produzenten beschränkt sich aber nicht auf die theoretische Rechtfertigung der nachrevolutionären „sozialistischen Akkumulation“, sie kommt ebenso schon in den Vorstellungen zum Vorschein, in denen die alte Arbeiterbewegung den Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus denkt. Im Verständnis der alten Arbeiterbewegung bahnt das Kapital einer sozialistischen Reproduktion nicht negativ den Weg, durch die Zersetzung seiner eigenen Basis, sondern wird im Gegenteil von seiner lebendigen, nur äußerlich unterworfenen Grundlage überwuchert und verschluckt. Die Herausbildung einer sozialistischen Gesellschaft hat nicht die reale Auflösung des Wertzusammenhangs zu ihrer Voraussetzung, das Kapital schaufelt diesem Verständnis gemäß sein Grab, indem es ein „beständig wachsendes“ Proletariat erzeugt. In diesem Rahmen bewegt sich auch das proklamierte „objektiv-gesetzmäßige“ Heraufziehen der sozialistischen Gesellschaft.

Das Hauptargument, auf dem die Vertreter der These von der „ehernen, ökonomischen verankerten Notwendigkeit“ des schließlichen Triumphs des Sozialismus herumreiten, ist die wachsende Konzentration der Kapitalien und das gleichzeitige Wachstum des Proletariats an Kraft und Zahl. Die Entwicklung fuhrt, dieser klassischen Stereotype zufolge, zur ständigen Ausdünnung einer für die Produktion überflüssig werdenden Kapitalistenklasse, der ein parallel dazu sich vollziehendes Anschwellen der Arbeiterklasse gegenübersteht. Das Kollektivsubjekt Arbeiterklasse muss früher oder später das Subjekt Kapitalistenklasse erdrücken und als herrschende Klasse ablösen. Fast schon goldig formulierte Boudin dieses grundlegende Theorem, auf das der traditionelle Marxismus sein Zukunftsvertrauen stützte. Er geht davon aus, dass im Laufe des Konzentrationsprozesses

„eine Stufe erreicht würde, wo aus Mangel an der nötigen Anzahl die Kapitalisten aufhörten, eine gesellschaftliche Klasse zu sein, da eine solche ein gewisses Minimum an Zahl voraussetzt; der Verlust an Quantität würde für die Kapitalisten in einen Verlust ihrer Stellung als gesellschaftliche Klasse umschlagen“ 2

Dieses Bonmot entspricht vollkommen dem Geist des soziologisierenden traditionellen Marxismus. Das glatte Hinüberfließen in den Sozialismus erwächst charakteristischerweise nicht aus der Krise und dem Ausbrennen der Verwertungslogik, sie ist deren Resultat auf ureigenster Grundlage. Die Kapitallogik fuhrt sich nicht ad absurdum, sondern stößt, indem sie sich nur konsequent fortsetzt und die Verwertungsbasis, die vernutzte lebendige Arbeit erweitert, die Tür zum Sozialismus auf. Dieses Axiom bestimmt tiefgreifend die innermarxistische Theoriedebatte und den Stellenwert, den die einzelnen Momente der Marxschen Theorie in der klassischen Rezeption einnahmen. Besonders die subalterne Stellung aller krisentheoretischen Überlegungen im traditionellen Marxismus und ihre beschränkte Reichweite resultiert wesentlich aus diesem festverankerten Paradigma. Entgegen landläufigen Vorurteilen lebten gerade die entschiedensten Anhänger eines deterministischen Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus mit der Krisentheorie im allgemeinen eher auf Kriegsfuß und lehnten alles, was auch nur im Entferntesten einer Zusammenbruchstheorie ähnlich sah, instinktiv entschieden ab. Die wenigen krisentheoretischen Anläufe, die von einer absoluten immanenten Schranke des Kapitals ausgingen, insbesondere der Ansatz von Rosa Luxemburg, wurden von den Hauptströmungen des Marxismus grundsätzlich verdammt. Kautsky etwa leugnet in seiner Entgegnung auf Bernstein ex cathedra, dass der Marxsche Ansatz eine „Zusammenbruchstheorie“ intendieren würde, und schreibt den Gegensatz beider Positionen ein für allemal fest:

„Nicht von der Möglichkeit oder Notwendigkeit eines kommenden Zusammenbruchs oder Niedergangs des Kapitalismus hängen die Aussichten des Sozialismus ab, sondern von den Erwartungen, die wir hegen dürfen, dass das Proletariat genügend erstarkt“3.

Kautsky setzt nicht auf die Schranken, die sich das Kapital selber setzt, seine Hoffnung richtet sich auf das wachsende Gewicht eines Moments der Wertvergesellschaftung, der Arbeiterklasse. In die gleiche Kerbe haut Braunthal:

„Die Entwicklung zum Sozialismus wird nicht von Zusammenbruch und Verelendung, sondern im Gegenteil von einer wachsenden Polarisierung der beiden Klassen und der Wirtschaft erwartet.“4

Die nur geringe Resonanz, die die wenigen Zusammenbruchstheoretiker in den Hauptströmungen der alten Arbeiterbewegung fanden, kommt nicht von ungefähr. Solange die Arbeiterklasse, wie sie dem Kapitalverhältnis entspringt, also sich selber affirmierend, zum revolutionären Subjekt auserkoren wird, gerät jeder Gedanke, der auch nur entfernt die reale Zersetzung des Zusammenhangs ins Auge fasst, in dem die Arbeiterklasse allein als solche existieren kann, von vornherein in den Geruch der Irrationalität. Denn allzu leicht verschwindet die geliebte Arbeiterklasse mitsamt ihren gewerkschaftlichen und sonstigen Organisationen selber im Wirbel des allgemeinen Zusammenbruchs und das schöne, handgreifliche „revolutionäre Subjekt“ ginge verschütt. Die allgemeine Angst vor tiefgreifenden gesellschaftlichen Erschütterungen in der sozialdemokratischen Variante wird so verständlich. Aber auch bei den Leninisten verhielt sich die Sache nicht wesentlich anders. Die Zerrüttung der kapitalistischen Verhältnisse musste die Arbeiterklasse als revolutionäres Subjekt in ihrer Substanz aussparen. Zwischen dem kapitalistischen Heute und dem sozialistischen Morgen gähnt ein Schlund, der nur von einem lebenskräftigen Proletariat überbrückt werden kann.

Dieses Credo existiert nicht nur als Vorbehalt gegen jede weiterreichende krisentheoretische Überlegung, sie findet auch dort ihren Niederschlag, wo der traditionelle Marxismus seinen inhärenten Widerstand überwindet und sich auf dieses unsichere und angstbesetzte Terrain vortastet. Soweit der traditionelle Marxismus Krisentheoretiker hervorbringt, üben sie sich erst einmal in Selbstbescheidenheit. Sobald sie die zunehmende Krisenhaftigkeit kapitalistischer Entwicklung proklamierten, dachten sie an sich verschärfende zyklische Krisen, die alleine den Zweck haben sollten, als handgreifliches Aufklärungsmittel das Proletariat über seine „wahre Lage“ ins rechte Licht zu rücken, und keinesfalls an die grundsätzliche Zersetzung der Wertbeziehung und damit natürlich auch des Proletariats selber. Mit dem bekannten Marxzitat „permanente Krisen gibt es nicht“ retteten sich die Krisentheoretiker von vornherein vor der beängstigenden Perspektive der Auflösung des Proletariats schon unter kapitalistischen Bedingungen und behielten damit an der Empirie ihrer Zeit recht. Die Krisen schienen einzig den Sinn zu haben, dem revolutionären Willen als periodisches Aufputschmittel zu dienen. Sie hatten sonst keinerlei Bedeutung für den Übergang zum Sozialismus und stellten lediglich eine Störung dar, die die Auslösung von Lernprozessen versprach.

In dieser Denkfigur blieben auch Rosa Luxemburg und Henryk Grossmann gefangen, die als die klassischen Zusammenbruchstheoretiker überhaupt gehandelt werden. Grossmann spricht in seinem „Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz..“ von einer Zusammenbruchstendenz, die in jeder periodischen Krise zum Ausdruck kommt, aber einstweilen auch wieder durch Wertvernichtung, Erhöhung der Mehrwertrate, etc., überwunden werden kann, wenn die revolutionäre Aktion des Proletariats ausbleibt:

„Die Zusammenbruchstendenz zerfällt… in eine Reihe von scheinbar voneinander unabhängigen Zyklen, wo die Zusammenbruchstendenz nur periodisch immer wieder von neuem einsetzt, wie der natürliche Wachstumsprozess der Schafwolle, der mit jeder Schafschur unterbrochen wird, um dann von neuem zu beginnen.“ 5

Die Revolution beginnt, sobald das Proletariat vom periodischen Scheren genug hat. Auch bei Grossmann fängt die Revolution dort an, wo die Geduld des Proletariats aufhört. Wer wenigstens von ihm einen krisentheoretischen Begründungszusammenhang für ein automatisches Hinüberwachsen in den Sozialismus erwartet, der wird enttäuscht, und wird in der gesamten marxistischen Theoriegeschichte vergeblich nach einem solchen Theorem fahnden. Selbst wer in diesem Kontext auf die Theoreme vom „verrottenden“ und „verkommenden“ Kapitalismus setzt, die die Theoretiker der 3. Internationale bis zum Erbrechen breitgewalzt haben, wird nicht fündig werden. Die Dauerkrise, von der sie schwadronieren, und die ihnen als sicheres Zeichen für das baldige Ende des Kapitalismus galt, bezog sich auf ein Sammelsurium sozialer, politischer (Krieg und Kriegsgefahr stehen im Mittelpunkt) und kultureller Phänomene und streift die Krisentheorie bestenfalls kursorisch. Eklatant tritt dies bei E. Varga, dem wohl profiliertesten Ökonomen der Stalinära, zutage. Er kommt auf die ökonomische Seite des „kapitalistischen Verfalls“ allein durch die soziologisierende Brille zu sprechen und vermischt diese Ebene umgehend wieder mit der Beschreibung politischer Veränderungen. Sein stärkstes Argument für die Krise des kapitalistischen Systems ist die Existenz der Sowjetunion! Die matte Unterkonsumtionstheorie dagegen, die Varga vertritt, spielt nur eine mäßige Rolle und ist weit davon entfernt, die behauptete Instabilität des zeitgenössischen Kapitalismus auch nur annähernd zu begründen.

Die ärmliche Selbstbeschränkung der klassischen marxistischen Krisentheorie und ihr nachgeordneter Charakter reflektieren zweierlei. Zum einen spiegelt sich darin die Realität aller Vorkriegskrisen, die, weit davon entfernt, die absolute Schranke kapitalistischer Entwicklung anzuzeigen, der Entfaltung der Wertvergesellschaftung nur die nötigen Sporen gaben. Zum anderen macht sich der praktische, enge, auf die Durchsetzung des Wertzusammenhangs beschränkte Horizont der alten Arbeiterbewegung theoretisch bemerkbar. Die Antizipation einer wirklichen Zersetzung des Kapitalverhältnisses verbot sich, da ein solcher Zustand notwendig die Auflösung der geheiligten Arbeiterklasse mit einschließt. Nicht zufällig denkt Grossmann seine Zusammenbruchstheorie nicht bis zu dem Punkt, wo deren rationales Moment, das absehbare Schrumpfen der produzierten Wertmasse und der wertproduktiven Lohnarbeiterschaft zutage tritt, sondern siedelt seinen Zusammenbruchspunkt weit vorher an. Die Prämisse: „ohne ein starkes, stolzes Proletariat keine Revolution, kein Sozialismus“ kastriert von vornherein alle krisentheoretischen Überlegungen, weil eine Zusammenbruchstheorie zu Ende gedacht die Zweifaltigkeit von Kapitalistenklasse und Lohnarbeiterschaft en bloc in Frage stellen muss. Die Theoriebildung kann an diesem Punkt nur mit angezogener Handbremse fahren und findet so allein schon aus Rücksicht auf das „revolutionäre Subjekt“ ihre vom Wert bestimmten Grenzen. Keinesfalls dürfen Krisen als mehr denn ein aufstachelnder Wellenschlag gedacht werden. Die mögliche Höhe der Wogen (in erster Linie sind sie dabei immer politisch bestimmt, die Ökonomie folgt nur im zweiten Glied) ist dabei eine Temperamentsfrage. Mit mehr Mut als ihre sozialdemokratischen Vettern ausgestattet, können die Bolschewisten ein höheres Maß an gesellschaftlicher Erschütterung verkraften, ohne in Panik zu geraten. Der Grundkonnex hat sich dadurch aber selbstverständlich nicht geändert. Die sozialistische Zukunft hängt auch bei ihnen davon ab, dass sich das Proletariat als festumrissene Schicht im allgemeinen Chaos bewahren kann. Endet die Entwicklung mit dem gemeinsamen Untergang beider kämpfender Klassen, so ist dies gleichbedeutend mit dem Versinken der Gesellschaft in Barbarei. In seiner „Ökonomik der Transformationsperiode“ hat Bucharin diese Verknüpfung explizit formuliert:

„Ist der Zerfall der kapitalistischen Produktionsverhältnisse einmal real gegeben und ist die Unmöglichkeit der Wiederherstellung derselben theoretisch einmal bewiesen, so entsteht die Frage, wie das Dilemma:’Untergang der Kultur` oder Sozialismus gelöst werden soll. In den Grundzügen ist diese Frage durch die vorhergehende Untersuchung gelöst… Wir sahen, dass das Zeitalter des Zerreißens der technisch-sozialen Schichten der Produktion im großen und ganzen die Einheit des Proletariats beibehält. Dieses entscheidende und grundlegende Element zerfällt im Verlaufe der Revolution nur teilweise. Andererseits schließt es sich ungeheuerlich zusammen, erzieht sich neu, organisiert sich. Den empirischen Beweis liefert die russische Revolution mit ihrem relativ schwachen Proletariat, das sich dennoch als geradezu unerschöpfliches Reservoir organisatorischer Energie erwies.“ 6

Das gemeinsame Verschwinden beider von der Wertform konstituierter Klassen, der reale Inhalt der kommunistischen Revolution, kann innerhalb des Horizonts der alten Arbeiterbewegung nur als Supergau gedacht werden und wäre gleichbedeutend mit dem Versinken der zivilisierten Welt im Meer der Barbarei.

Achtes Kapitel

Solange sich der historische Vergesellschaftungsprozess des Kapitals nicht erschöpft hatte und die darin enthaltene „Mission der Arbeiterklasse“ noch positiv als „Zusichkommen“ der Ware Arbeitskraft einzulösen war, konnte auch der wertimmanente positive „Klassenstandpunkt“ nicht überwunden werden. Die Idee eines negativen Klassenbewusstseins und einer sozialistischen Selbstaufhebung der Arbeiterklasse gewinnt theoretisch wie praktisch Relevanz und Brisanz erst in dem Masse, wie ihr die Wirklichkeit entgegenkommt in Gestalt eines objektiven Prozesses „hinter dem Rücken der Subjekte“, ein unvermeidliches Merkmal der Progression in warenförmig und also fetischistisch verfassten Gesellschaften. Der Fortschritt erscheint dann als Krise, die sich allerdings nicht mehr wie in der bisherigen Geschichte des Kapitals nur als periodische Abfolge von Wachstumskrisen darstellen kann, sondern die absolute immanente Schranke des Kapitalverhältnisses signalisiert.

Erst die heutige Krise des Kapitalverhältnisses erweist sich gerade darin als diese absolute Schranke, dass in ihr erstmals das Proletariat als solches objektiv in Frage gestellt wird. Dieser Zusammenhang bleibt in der gegenwärtigen Krisendebatte so gut wie unbemerkt. Der gängige Topos von der „Krise der Arbeit“ kann diese nicht als Krise des Kapitals selber (d.h. der Warenform und des Geldes überhaupt) entziffern und tut so, als könnte das Kapital ohne „Arbeit“ weiterexistieren. Mit der Entwicklung von „künstlicher Intelligenz“, von Expertensystemen usw. beginnt heute die Computer-Technologie in ein Stadium einzutreten, in dem erstmals in der Geschichte die massenhafte und flächendeckende Substitution menschlicher Arbeit nicht mehr bloß in diesem oder jenem Produktionszweig oder innerhalb einzelner technischer Abläufe, sondern quer durch den gesamten gesellschaftlichen Reproduktionsprozess möglich und in Ansätzen auch schon wirklich geworden ist. Während die Koryphäen der Informatik schon seit langem auf die empirische Evidenz dieses Prozesses hinweisen und auf dieser empirischen Ebene auch vage die in den gegebenen gesellschaftlichen Formen nicht mehr bewältigbaren sozialen Probleme erkennen, kann die bodenlose Ignoranz der Gesellschaftswissenschaften und insbesondere der Marxisten dieser Sachlage gegenüber nur verblüffen. Gerade die „Arbeiterbewegungs“- und „Klassenbewusstseins“-Marxisten stecken sogar den Kopf am heftigsten und tiefsten in den Sand, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, weil in Wahrheit mit der kapitalistischen Form der Arbeit auch ihr eigenes Weltbild zusammenbricht. Ein an der „Ontologie der Arbeit“ festgemachter, affirmativer Klassenbegriff, der die „Arbeiterklasse“ auch noch außerhalb der kapitalistischen, wertförmigen Bestimmtheit der Reproduktion existent sieht im Sinne einer „Naturnotwendigkeit“ des unmittelbaren Produzenten, muss in heillose Verwirrung geraten angesichts einer realen Entwicklung, die dem Dasein dieses vermeintlich „natürlichen“ und ewigen unmittelbaren Produzenten den Boden unter den Füßen wegzieht. Der Marxismus in seiner fetischistisch verkürzten Form kann nicht akzeptieren, dass im wirklichen Endstadium der kapitalistischen Dynamik die „Arbeiterklasse“ selber samt Klassenbewusstsein und allen Schikanen vollständig obsolet wird. Die soziologistische Interpretation der Marxschen Theorie, die Übersetzung des Grundwiderspruchs der bürgerlichen Gesellschaft in die glatte soziale Dichotomie von Arbeiter- und Kapitalistenklasse paralysiert gerade in dem Augenblick, in dem sich das Kapital an seiner absoluten Schranke zu stoßen beginnt, jede positive, über das Kapitalverhältnis hinausreichende Perspektive. Das tradierte marxistische Denken steht und fallt mit Lebenskraft und Selbstbewusstsein der Arbeiterklasse. Sobald die Arbeiterklasse sich als gleichberechtigte Interessengruppe innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft etabliert hat, verliert dieses Denken aber seine Grundlage. Dieser Verlust wendet sich ins Katastrophale, sobald ihm sein überkommener Besitz, das handgreifliche, als homogene Interessengruppe innerhalb der bestehenden Verkehrsform angesiedelte „revolutionäre Subjekt“ von anno dazumal auch noch unter den Fingern auseinanderfällt. Der Alptraum von der bevorstehenden Auflösung des unmittelbaren Produzenten stellt auch noch die minimalste reformistische Zukunftserwartung in Frage und muss daher mit allen Mitteln gebannt werden. Die Zersetzung der lebendigen Basis der Wertvergesellschaftung erscheint im Lichte des überlieferten Marxismus als die größtmögliche Bedrohung jeder emanzipativen Perspektive.

Dabei ist es logisch einleuchtend, dass die „Krise der Arbeit“ identisch sein muss mit der Krise des Kapitals und umgekehrt, weil die „proletarische Arbeit“ identisch ist mit dem Dasein des Kapitals. Der tiefste Widerspruch des Kapitalverhältnisses besteht gerade darin, dass es einerseits die gesellschaftliche Reproduktion einbannt in die Form des „Werts“ und damit an den Verausgabungsprozess abstrakter Arbeit unmittelbarer Produzenten kettet, andererseits aber gleichzeitig über die Konkurrenzvermittlung diesen unmittelbaren Produzenten im Prozess der Verwissenschaftlichung der Arbeit selber aufhebt. Dieser Widerspruch ist heute in ein entscheidendes Stadium getreten, und eben deswegen steht erstmals der Kommunismus real auf der historischen Tagesordnung, aber nicht als Vollendung und Triumph des „proletarischen Klassenbewusstseins“, sondern als dessen Krise und Negation. Dort, wo heute noch „Klassenkämpfe“ alten Stils aufflackern, etwa in der sterbenden Montanindustrie, in den Deindustrialisierungsprozessen der kapitalistischen Peripherie als einem Moment der Weltmarkt-Krise etc., lebt nur noch einmal die Vergangenheit gespenstisch auf. Diese Kämpfe tragen keinerlei historische oder gar revolutionäre Perspektive mehr in sich. Wo die Arbeiter noch Arbeiter sein und sich positiv als Klasse mit Klassenbewusstsein formieren wollen, sind sie nur noch reaktionär, tendenziell „produktivkraftkritisch“ und womöglich maschinenstürmerisch militant, aber völlig unfähig zu einer kommunistischen Perspektive. Der Einbruch der postfordistischen Krise, mit dem die allmähliche Aushöhlung der Figur des unmittelbaren Produzenten gesellschaftlich virulent wird, ist am allerwenigsten dazu geeignet, ein „wahres“, bisher verschüttetes, antikapitalistisches „Arbeiterinteresse“ freizusetzen. Jedes Bestreben, ein schlafendes revolutionäres Klassenbewusstsein wachküssen zu wollen, bleibt vergebliche Liebesmüh. Trotz aller Vergewaltigungsversuche, der Frosch bleibt ein Frosch. Die saekularisierte Arbeiterschaft lässt sich nicht mehr auf den Pfad des Sozialismus und anderer hehrer Ziele zurückfuhren. In die Enge getrieben, ziehen sich die traditionellen Arbeiterformationen im Gegenteil aufs Unmittelbarste zurück, verschanzen sich hinter der eigenen konstituierten Sozialkategorie und klammern sich verzweifelt an den unhaltbar werdenden Status quo. Neue reformistische, geschweige denn revolutionäre Horizonte können innerhalb dieser Konstellation nur mehr linke Illusionisten und Ideologen ausmachen. Den Protagonisten dieser Kämpfe bleiben derlei Vorstellungen nicht zufällig fremd oder bestenfalls äußerlich. Weihrauchschwingende Pfaffen und Demokratisierungsphraseologen können schwerlich verbergen, dass für den altbekannten Arbeiterstandpunkt nur mehr korporatistischer Abgesang auf dem Programm steht und keinesfalls eine vorwärtstreibende gesamtgesellschaftliche Perspektive. Das Lohnarbeiterinteresse ist längst als gleichberechtigtes Geldinteresse gesellschaftlich anerkannt, der Spielraum, innerhalb dessen die vom Wert konstituierten Sozialkategorien miteinander konkurrieren, ist abgesteckt. Die absolute Schranke, an die die Wertvergesellschaftung heute zu stoßen beginnt, bestätigt die grundlegende Identität der konkurrierenden Geldinteressen von Kapital und Lohnarbeit nicht nur, sie arbeitet sie erst handgreiflich heraus und treibt sie auf die Spitze. Die Revisionsinstanz Weltmarktkrise hebt das Urteil, das der Nachkriegsboom über die Arbeiterbewegung gesprochen hatte, nicht auf und schmettert lakonisch alle Hoffnungen auf eine arbeiterbewegte Radikalisierung ab, die die neue Linke einst in sie gesetzt hatte. Der historische Prozess, der den Arbeiter in ein gleichberechtigtes Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft verwandelt und gleichzeitig die soziale Kategorie des Lohnarbeiters auf eine Emanation der Wertbeziehung reduziert hat, erweist sich als irreversibel, und der glatte Automatismus Krise = Herausbildung eines revolutionären Klassen(selbst)bewusstseins entlarvt sich als frommer Wunsch. Die Lohnarbeiter, die Lohnarbeiter bleiben wollen, können sich nurmehr in Selbstbescheidung üben und für das Wohlergehen „ihres Kapitals“ beten.

Diese Entwicklung kann nicht sonderlich überraschen, wenn wir uns noch einmal die Spannung zwischen dem realen Gehalt der klassischen Arbeiterbewegung und ihren „sozialistischen Idealen“ in Erinnerung rufen. Der tradierte Marxismus und die praktische Bewegung, die sich in ihm reflektierte, bezog ihren chiliastischen Schwung aus der Diskrepanz zwischen allgemeiner Logik des Kapitals und dem erreichten empirischen Stand kapitalistischer Entwicklung. Was er wirklich bekämpfte, war nicht das „Kapital“ schlechthin, sondern die antediluvianischen unzureichenden Formen, in die sich die empirische kapitalistische Herrschaft kleidete. Die Arbeiterbewegung war der ständige Stachel, der die Entfaltung der Wertvergesellschaftung auf ihren eigenen, vorgezeichneten Bahnen vorantrieb. Die emanzipatorischen Potenzen, die in den identifikatorischen Bewusstseinsformen, in der selbstbewussten Vertretung des Arbeiterstandpunkts lagen, konnten nur als Moment der Herausbildung der totalen abstrakten Geldbeziehung und damit der abstrakten Individualität wirksam werden. Die progressive Rolle, die die Arbeiterbewegung in der Geschichte spielte, enthüllt sich ex post als eine Seite der zivilisatorischen Mission des Kapitals. Damit ist aber auch klar, dass gleichzeitig mit der bürgerlichen Gesellschaft auch jede positive Arbeiterbewegung am Ende ihres Weges angelangt ist.

Es kann keinesfalls unsere Aufgabe sein, diese Tatsache zu bedauern und in das vorherrschende Lamento über die „Krise des Marxismus“ einzustimmen. Denn im Gegensatz zum landläufigen linken Vorurteil wird der Gedanke der revolutionären Umwälzung der bürgerlichen Gesellschaft vor dem skizzierten Hintergrund keineswegs zur nostalgischen Reminiszenz. Im Gegenteil, er kann auf dieser heute erreichten Grundlage erst konkret gedacht und schließlich eingelöst werden. Die Eingemeindung des wertkonstituierten Arbeiterinteresses schafft die objektive Krise der bürgerlichen Gesellschaftsformation nicht aus der Welt. Weder die Notwendigkeit noch die Grundbedingung einer revolutionären Bewegung verschwindet. Wenn das Arbeiterinteresse mittlerweile zu sich selber gefunden hat, sich als profanes Geld- und Konkurrenzinteresse weiß, und ein für allemal auf jeden sozialistischen Überschwang verzichtet, so ist damit nur die Verknüpfung von kommunistischer Revolution und positivem Arbeiterinteresse hinfällig geworden, nichts weiter. Klar geworden ist nur, dass jede emanzipative Entwicklung innerhalb der bürgerlichen Formbestimmtheit ein für allemal abgeschnitten ist und dass jeder weitere Fortschritt nurmehr den Bruch mit Wert, Geld und allen davon konstituierten Interessen und Daseinsweisen, allen voran die Lohnarbeiterexistenz, zum Inhalt haben kann. Diese Desillusionierung ist gegenüber dem alten selbstaffirmativen Arbeiterstandpunkt ein gigantischer Fortschritt. Denn heute drängt sich praktisch auf, was Marx begrifflich schon in seinen Frühschriften als Quintessenz des Übergangs zum Kommunismus aufgezeigt hat. Es wird endlich handgreiflich, dass der Kampf für die Aufhebung des Kapitalverhältnisses die bewusste Negation der Arbeiterkategorie überhaupt einschließt.

Die Desavouierung des „revolutionären Subjekts“ von anno dazumal bedeutet nicht die Verewigung des Kapitalverhältnisses, sie ist die Voraussetzung einer neuerlichen revolutionären Perspektive. Bevor die wahren Totengräber des Kapitalverhältnisses sich ihres Berufes bewusst werden können, muss zunächst einmal der vermeintliche Totengräber und reale Geburtshelfer der Wertvergesellschaftung seine Planstelle räumen und ohne falsche Rücksichtnahme unter die Erde gebracht werden. Dieses negatorische, kritische Werk öffnet erst den Weg zu einer Neubestimmung des sozialistischen Ziels und macht den Blick für positive Anknüpfungspunkte frei, die die moderne Wirklichkeit einer revolutionären Bewegung gegen Wertbeziehung, Geldinteresse und Lohnarbeit bietet. Nur wenn wir die praktisch längst verfaulte, klassenstolze Proletenfaust endlich theoretisch abhacken und uns radikal von allen sonstigen an dieser Metapher klebenden Bildern verabschieden, lassen sich jene Momente im Auflösungsprozess der bürgerlichen Gesellschaft aufspüren, in denen sich die Herausbildung einer revolutionären Subjektivität andeutet. Dann wird klar, dass die moderne bürgerliche Gesellschaft nicht nur negativ zum Marxschen Gedanken der „Selbstaufhebung des Proletariats“ drängt, indem sie die alten Illusionen und Hoffnungen ad absurdum führt, sondern damit gleichzeitig auch erstmals die positiven Voraussetzungen für die Selbstkonstituierung revolutionärer Subjektivität jenseits von Wert und Ware schafft. Damit kann endlich der logische Widerspruch jeder bisherigen radikalen Position aufgelöst werden, die Revolution gleichzeitig als Verwirklichung des Arbeiterstandpunkts und als Aufhebung der proletarischen Arbeit denken zu müssen. Indem heute sichtbar wird, dass bereits innerhalb der kapitalistischen Entwicklung selber die Arbeit im bisherigen Sinne krisenhaft abgeschafft wird, wird auch die Vorstellung vom „Absterben des Wertes“ in einer fernen nachrevolutionären Zukunft gegenstandslos, mit der sich bisher die Sozialisten um das Konkretisieren einer Aufhebung der bürgerlichen Basiskategorien herumgedrückt haben. Wenn sozialistische Umwälzung und die Abschaffung des unmittelbaren Produzenten nicht mehr um Jahrhunderte auseinanderfallen, dann kann auch das kommunistische Ziel nicht mehr als Konsequenz des Arbeiterstandpunkts erscheinen.

Neuntes Kapitel

Auch wenn ein revolutionäres nichtidentifikatorisches Bewusstsein schon ex definitione nicht einfach der korrekten „Widerspiegelung“ der eigenen gesellschaftlichen Seinsweise entspringen kann, so schwebt die Bereitschaft und Fähigkeit, den Horizont des eigenen konstituierten Daseins zu durchstoßen, natürlich trotzdem nicht frei über der realen gesellschaftlichen Existenz. Das Auseinandertreten von Waren- bzw. Geldform und konkret stofflichem Inhalt der gesellschaftlichen Beziehung trifft heute nicht mehr nur auf von der Wertform positiv konstituierte, sondern auch bereits auf von ihrem Ver- und Zerfall gezeichnete Daseinsweisen und führt entsprechend zu divergierenden Verarbeitungsformen. Die Krise des Werts zieht sich nicht auf einen Punkt zusammen, dessen Erreichen schlagartig die Reproduktionsunfähigkeit des Gesamtsystems nach sich zieht und alle Interessenkategorien gleichermaßen vollautomatisch in die Luft sprengt, sie füllt eine ganze Epoche, und in deren Brüchen und Sprüngen müssen wir uns theoretisch wie praktisch notgedrungen bewegen. Angesichts der realen Zersetzung der Wertbeziehung und aller von ihr konstituierten Interessen wird die Antizipation ihrer Verlaufsform notwendig und möglich.

Gerade weil unter den heutigen Bedingungen der Gedanke der „Selbstaufhebung des Proletariats“, der Kampf für das Verschwinden aller bestehenden Sozialkategorien, endlich virulent wird, reicht es nicht aus, ihn abstrakt-philosophisch zu denken. An die Stelle des ausgezehrten, greisenhaft schwächlich und impotent gewordenen „Klassenstandpunkts“ kann nicht der exhumierte moralisierende „Menschheitsstandpunkt“ aus dem Grabmal der bürgerlichen Aufklärung des 18. Jahrhunderts treten, dessen gebleichte Gebeine heute eine endgültig närrisch gewordene demokratische Linke noch einmal zum Tanzen animieren möchte. Die Auflösung der Geschichte in die allseitige und unaufhörliche Konkurrenz der abstrakten Individualität, die sich als das in Wirklichkeit übergreifende Moment aller denkbaren „Standpunkte“ innerhalb der Warenform herausstellt, verwandelt die revolutionäre Kritik dieser Form keineswegs in eine reine Kopfgeburt und eine dieser Kritik entsprechende revolutionäre Bewegung nicht in eine bloße Vereinigung aller Einsichtigen. Auch jenseits von warenförmigem „Klassenstandpunkt“ und „Klassenkampf“ bleibt die weitergehende Negation der Warenform selber in den realen Verhältnissen und deren Entwicklung auffindbar als prozessierender Selbstwiderspruch des Kapitals auf höherer Stufenleiter. Das bisher als „Klassenanalyse“ firmierende Problem löst sich also nicht in Wohlgefallen auf, sondern stellt sich nur auf veränderter, nunmehr negativ gewendeter Grundlage. Es gilt nicht mehr, von einer warenförmig konstituierten sozialen Klassenkategorie aus positiv eine „gesamtgesellschaftliche Hegemonie“ innerhalb dieses Gehäuses strategisch zu formulieren, sondern vielmehr eine „negative“ Umkehrung dieses Konstrukts zu bestimmen; aber auch diese muss in den realen Verhältnissen selbst angelegt sein. Krise und Zerfall der Wertform bringen soziale Charaktere hervor, die nur noch negativ zu den vorgefundenen Verkehrsformen quasi als „Antiklasse“ zu definieren wären, weil sie nicht mehr in den Konstitutionszusammenhängen der warenförmigen Reproduktion aufgehen. Wir müssen bei der Bestimmung der revolutionären „Antiklasse“ antizipieren, wo und wie die von der Geldform konstituierten „Interessen“ brüchig werden und der immer noch blinde soziale Prozess Subjekte hervorbringt, die in ihrem ganzen Dasein nicht mehr mit der warenförmigen Konstituiertheit übereinstimmen können und wollen, also den erreichten Stand der gebrauchswertmäßigen Produktivkräfte gegen die wertabstraktiven Produktionsverhältnisse auf einem neuen Widerspruchsniveau repräsentieren.

Die Kritik des „Klassenkampffetischs“ kann nur das Prolegomenon zur Analyse der Entstehungsbedingungen von Antiklasse und negativem Klassenbewusstsein sein. Vorweggenommen sei nur, was nach dem Gesagten auf der Hand liegt. Ein neues revolutionäres Subjekt ist dort zu suchen, wo innerhalb der gesellschaftlichen Gesamtarbeit schon unter kapitalistischen Bedingungen Elemente einer ideellen und praktischen Negation der Arbeit selber auftauchen, d.h. des abstrakten Verausgabungsprozesses menschlicher Arbeitskraft als einer vermeintlich „natürlichen“ und „sinnstiftenden“ Angelegenheit. Diese Negation der proletarischen Arbeit geschieht am ehesten nicht in den traditionellen Industrien, sondern in den fortgeschrittensten Sektoren des Verwissenschaftlichungsprozesses, wo Lohnabhängige sich heute schon durch die Negation familiärer Reproduktion („Familienverweigerung“), Teilzeitarbeit, bewusstes Ausnützen der sozialstaatlichen Netze usw. von einer totalen Subsumtion unter die abstrakte Arbeit zu entkoppeln und die Höhe des Vergesellschaftungsprozesses der Reproduktion für sich selber zu mobilisieren suchen, im offenen Gegensatz zur traditionellen Arbeiterbewegung ebenso wie zu den „alternativen“ Reaktionären der kruden „Selbermacher“- und Selbstausbeutungs-Szene (den Schwachsinn der „Belegschaftsbetriebe“ eingeschlossen). Diese fortschrittliche negatorische Einstellung zur abstrakten Arbeit existiert bereits real, sie scheint auf in den gängigen soziologischen (und natürlich begriffslosen) Analysen des „Wertewandels“, in dem sich das Obsoletwerden der abstrakten Arbeit widerspiegelt.

Revolutionäre Subjektivität wird sich also gerade dort herausbilden, wo die Charaktermasken nicht mehr als zweite Haut organisch mit ihren Trägern verwachsen, und die eigene Sozialkategorie den Individuen selber ein äußerliches und eher befremdliches Merkmal wird. Die zentrale Voraussetzung für die Genesis eines transzendierenden Bewusstseins ist die Entstehung einer inneren Distanz zu allen Emanationen der Wertbeziehung in Menschengestalt, also auch zur eigenen Sozialfunktion. Diese radikal neue Grundhaltung ist keine fiktive Zukunftsmusik, sie zeichnet sich längst massenhaft empirisch ab. Von den marxistischen Nostalgikern unbemerkt hat sich eine breite soziale Schicht herauskristallisiert, für deren Angehörige die Nichtidentifikation mit der eigenen Sozialkategorie längst zum essentiellen Bestandteil ihres eigenen Selbstverständnisses und zur alltäglichen Lebenspraxis geworden ist. In den nachwachsenden Generationen ist zunehmend ein ausgesprochen „pragmatischer“ und desillusionierter Umgang mit diversen wechselnden Einkommensquellen salonfähig und weit verbreitet. Die Übergänge vom Arbeitslosengeldbezieher zum Jobber, vom Kleinunternehmer zum Bafög-Empfänger sind fließend und in beide Richtungen durchgängig geworden, ohne dass diese wechselnden bis beliebigen Bestimmungen einen besonders nachhaltigen Eindruck im Selbstverständnis der Einzelnen hinterlassen müssten. Die mit dem Totalwerden der Geldbeziehung gesetzte Gleichgültigkeit der Einkommensquellen führt gerade in den modernsten Schichten der bürgerlichen Gesellschaft dazu, dass ein spezifischer Broterwerb nicht länger zum identitätsstiftenden Merkmal taugt. Die Selbstkonstituierung des revolutionären Subjekts kann an diese von der bürgerlichen Verkehrsform selber geschaffene flexible Grundhaltung anknüpfen. Zum revolutionären Subjekt sind daher Angehörige all jener Schichten und Gruppen prädestiniert, die das moderne flexibel werdende Kapitalverhältnis schon aus dem engen Horizont identifikatorischer Lebensformen entlässt; Menschen, die alle Rollen, zwischen denen die bürgerliche Gesellschaft den freien und gleichen Individuen die Wahl lässt, im Grunde gleichermaßen als Zwang und Zumutung empfinden müssen. Das Programm der fundamentalen Kritik von Ware und Geld kann nur bei den modernen Individuen Widerhall finden, die ihrem eigenen Selbstverständnis nach weder Arzt noch Sozialhilfeempfänger, weder Arbeiter noch Student noch Bankangestellter „sind“, selbst wenn sie die eine oder andere dieser Positionen gerade innehaben. Der Weg zur konkreten revolutionären Subjektivität öffnet sich dort, wo die Menschen mit ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten in ihrer abstrakten, an sich selber inhaltsleeren, von Geld und Ware konstituierten Subjektivität nicht mehr aufgehen und über sie hinausdrängen.

Es wäre allerdings ein fataler Fehlschluss, wollten wir in Anlehnung an die von der bürgerlichen Soziologie konstatierten Phänomene wie „Wertewandel“ und „Abkehr vom protestantischen Arbeitsethos“ uns freudiger Erwartung hingeben und auf die allmähliche und friedliche Herausbildung eines „postindustriellen Menschen“ spekulieren, der weniger auf sein unmittelbares Geldinteresse versessen wäre und dem Pflänzchen Gemeinwohl Licht und Raum ließe, weil er sich in friedlicher Koexistenz „neben“ den Formationen der abstrakten Arbeit gemütlich niederlassen könnte. Die „Antiklasse“ kann erst mit der vollen Wucht der Krise von Wert und Ware überhaupt zum vollen Bewusstsein gelangen. Ihr Beruf ist nicht die Kreierung eines postindustriellen Hedonismus neben Ware und Geld, sondern die bewusste revolutionäre Zerstörung dieser Form von Gesellschaftlichkeit, weil sie untragbar geworden ist.

Die revolutionäre Theorie hat diesen Bewusstwerdungsprozess gegen die abstrakte Arbeit in Übereinstimmung mit dem objektiven Verwissenschaftlichungsprozess der Reproduktion zu unterstützen und zu beschleunigen, nicht aber die Vergangenheit des „Klassenkampfes“ wieder hilflos heraufzubeschwören. Kommunistisches Bewusstsein und „proletarisches Klassenbewusstsein“ schließen sich gegenseitig aus. Deswegen gibt es auch keine „revolutionäre Klassenpartei des Proletariats“ oder dergleichen mehr „aufzubauen“. Die meisten derjenigen, die in den letzten zehn Jahren von dieser „Titanic“ des „klassenbewussten Parteiaufbaus“ etc. abgesprungen sind, haben jedoch nicht einmal die Hälfte der Wahrheit für sich, weil sie das Obsoletwerden der proletarischen Arbeit ausgerechnet mit einer Verewigung der Warenproduktion identifizieren, innerhalb der es bestenfalls noch für „demokratische Reformen“ zu kämpfen gelte. Das genaue Gegenteil ist richtig. Mit der objektiven und zunehmend subjektiven Negation der abstrakten Arbeit steht erst wirklich der Kommunismus auf der Tagesordnung, nicht als „proletarische Revolution“, sondern als Revolution gegen die proletarische Arbeit, d.h. als Revolution gegen den Wert.


1 Paul Mattick, Marxismus und die Unzulänglichkeiten der Arbeiterbewegung, in: Arbeiterbewegung Theorie und Geschichte Jahrbuch 1, Frankfurt 1973, S. 193.

2 Boudin, das theoretische System von Karl Marx, Stuttgart 1909, S. 172

3 Karl Kautsky, zitiert nach Henryk Grossmann, Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems, Frankfurt M., 1970, S. 73

4 Alfred Braunthal, Die Entwicklungstendenzen der kapitalistischen Wirtschaft, Berlin 1927, S.7.

5 Henryk Grossmann, das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems, Frankfurt M., 1970, (Ersterscheinung 1929), S.140

6 Nikolaj Bucharin: Ökonomik der Transformationsperiode, Hamburg 1970 S. 63