31.12.1989  Beitrag drucken

Staatskonsum und Staatsbankrott

Die Absorbtion lebendiger Arbeit als Grundlage des kapitalistischen Krisenzyklus

Ernst Lohoff

1. Profitrate und Profitmasse

Marx hat in seinen Schriften zur Kritik der politischen Ökonomie, insbesondere im „Kapital“, die zentrale Bedeutung des „Gesetzes des tendenziellen Falls der Profitrate“ herausgestellt. Die marxistische Krisendebatte kreiste daher wesentlich mit um diesen Punkt. Trotz des hervorgehobenen Stellenwerts dieses Problems blieb dabei aber die theoretische Beschäftigung der Marxepigonen mit der Entwicklungsrichtung der Profitrate merkwürdig blass und abstrakt.

Die zentrale Bedeutung für die Zukunft des Kapitals, die der Profitratenentwicklung zugeordnet wurde, kontrastierte mit einer wenig zwingenden Darstellung der Folgen dieses „gesetzmässigen“ Zusammenhangs. Dieser eigenartige Gegensatz in der marxistischen Profitratendebatte hat sicher verschiedene Ursachen. Einer der wichtigsten innertheoretischen Gründe ist dabei zweifellos die Isolierung aller Überlegungen zum tendenziellen Fall der Profitrate von der Analyse der Entwicklung der Profitmasse. Während Marx seine krisentheoretischen Erörterungen zum tendenziellen Fall immer am schliesslichen Sinken der Profitmasse erläutert, ziehen seine Interpreten zwischen beiden Phänomenen eine scharfe Trennungslinie. Dieser Gegensatz wird besonders krass an den schon klassischen Passagen im 3.Band des Kapitals, deutlich in denen Marx die Bedeutung des Begriffs Überakkumulation idealtypisch zu skizzieren versucht. Marx schreibt dort bekanntlich:

„Um zu verstehn, was diese Überakkumulation ist.., hat man sie nur absolut zu setzen… Es wäre eine absolute Überproduktion von Kapital vorhanden, sobald das zusätzliche Kapital für den Zweck der kapitalistischen Produktion = 0. Der Zweck der kapitalistischen Produktion ist aber die Verwertung des Kapitals, d.h. Aneignung von Mehrarbeit, Produktion von Mehrwert, von Profit. Sobald also das Kapital gewachsen wäre in einem Verhältnis zur Arbeiterbevölkerung, dass weder die absolute Arbeitszeit, die diese Bevölkerung liefert ausgedehnt, noch die relative Mehrarbeitszeit erweitert werden könnte…Der Fall der Profitrate wäre diesmal begleitet von einer absoluten Abnahme der Profitmasse, da unter unseren Voraussetzungen die Masse der angewandten Arbeitskraft nicht vermehrt und die Mehrwertrate nicht gesteigert, also auch die Masse des Mehrwerts nicht vermehrt werden könnte“1.

Seine Epigonen konnten mit dieser Verknüpfung von Profitratenfall und sinkender Profitmasse wenig anfangen und lasen über diesen Zusammenhang für gewöhnlich rigoros hinweg. Gewissenhaftere Theoretiker setzten sich von dieser Erläuterung dessen, was unter Überakkumulation zu verstehen sei, sogar bewusst ab. Paul Mattick etwa distanziert sich offen von diesem „nicht besonders glücklich gewählten Beispiel“ 2, weil es dem Missverständnis Tür und Tor öffnen würde, dass Überakkumualtion aus einem Mangel an Arbeitskräften und einem daraus resultierenden Steigen der Löhne entspringen würde. Mit seiner nicht ganz unberechtigten Kritik an der mangelnden Klarheit und Eindeutigkeit der Marxschen Formulierung wischt Mattick aber auch den realen theoretischen Kern vom Tisch, der sich in ihr doch deutlich abzeichnet. Er begreift nicht, dass die von Marx anvisierte absolute Schranke für das Wachstum der vernutzten Arbeitsbevölkerung keineswegs im Mangel an potentiellen Arbeitskräften bestehen muss, sondern auf einer bestimmten Stufe aus der Produktivkraftentwicklung entspringt. Er streicht den Zusammenhang zwischen Überakkumulation und absoluter Abnahme der vernutzten lebendigen Arbeitsmenge, auf die die Argumentation von Marx doch recht zielsicher hinsteuert, ersatzlos! Stattdessen mühte er sich ein Leben lang an krisentheoretischen Überlegungen ab, die mit einer selbstgenügsam fallenden Profitrate auskommen müssen.

Mit der Trennung von fallender Profitrate und letztlich schrumpfenden Profitmassen steht Paul Mattick alles andere als allein. Wie er, so eskamotieren auch alle anderen wesentlichen marxistischen Krisentheoretiker den Gedanken einer absoluten Abnahme der Profitmasse, hinter der die Verringerung der wertmässig produktiv vernutzten lebendigen Arbeit steht, von vornherein aus der marxistischen Theorie und erklären das Nebeneinander von sinkender Profitrate und steigender Profitmasse zu einer unaufhebbaren Grundtatsache. Aus der Tatsache, dass sinkende Profitrate mit einer wachsenden Profitmasse einhergehen kann, solange die Kapitalmasse nur schneller wächst als die Profitrate fällt, wird ein Grundgesetz: fallende Profitrate bedeutet grundsätzlich und überall steigende Profitmasse 3! Damit ist aber der marxistischen Krisentheorie jede Sprengkraft genommen, denn in dieser Interpretation lässt sich beim besten Willen keine absolute Schranke der kapitalistischen Produktionsweise angeben. In dieser Interpretation verlieren die aus dem Fall der Profitrate entspringenden Krisen ihren zwingenden Charakter. Es wird rätselhaft, warum, auf eine bestimmte Stufe gefallen, die Profitrate endgültig nicht mehr für die Fortsetzung des Akkumulationsprozesses ausreichen soll. Wo der tendenzielle Fall punktuell sich durchsetzt und zur zyklischen Krise verdichtet, schrumpft sie auf eine vorübergehende Unterbrechung der aufsteigenden Linie kapitalistischer Entwicklung. Was den langfristigen Trend angeht, so ist die marxistische Krisentheorie auf dieser Basis ausserstande, einen grundsätzlichen säkularen Wendepunkt zwischen aufblühendem und verfallendem Kapitalverhältnis anzugeben 4. Sie bleibt in dem dumpfen Ahnen stecken, das schon Ricardo in Sachen Fall der Profitrate umtrieb und der empirischen Entwicklung gegenüber hilf- und begriffslos bleibt.

Die blinde Hinnahme der scheinbar zwingenden Verknüpfung von steigender Profitmasse und fallender Profitrate kommt selbstverständlich nicht von ungefähr. Diese Sicht hat ihre Hauptstütze natürlich in erster Linie an der Empirie jener Zeit, in der sie entstand. Die Interpretation lebt davon, dass die Erfahrung der letzten beiden Jahrhunderte, die mit der Entfaltung des Kapitalverhältnisses die langfristige Ausdehnung der angeeigneten Mehrarbeit mit sich brachte, bedenkenlos in die Zukunft verlängert wird. Die Profitmasse hat sich trotz des Gesetzes vom tendenziellen Fall der Profitrate fleissig ausgedehnt, warum sollte sich dieses Verhältnis künftig einmal ändern? Hierbei wird allerdings furchtbar flach aus der Notwendigkeit wachsender Profitmasse für das Gedeihen und die Existenz des Kapitals dabei schlichterhin die Garantie für das weitere Wachstum der angeeigneten Mehrarbeitsmenge geschlussfolgert! Was zum Wohle des Kapitals sein muss, wird auch sein! Am historischen Horizont steht, was schon aus Vergangenheit und Gegenwart bekannt ist, das Anwachsen der vernutzten wertmässig produktiven Arbeit. Bekanntlich existiert innerhalb der marxistischen Debatte kein Missverständnis, für das nicht schon ein Marxzitat als Rechtfertigung hätte herhalten müssen, und in diesem Fall verhält es sich nicht anders. Auch die Vertreter dieser verqueren Sichtweise wähnen sich ihrem eigenen Selbstverständnis nach bei ihrer durch und durch apologetischen Interpretation in Übereinstimmung mit Marx. Und in der Tat, oberflächlich betrachtet scheint es sich bei dieser ausgesprochen eigenartigen Deutung lediglich um die Paraphrasierung der Marxschen Ausführungen im 14.Kapitel des 3.Bandes zu handeln. Dort schreibt der grosse Meister:

„Die Anzahl der vom Kapital angewandten Arbeiter, also die absolute Masse der von ihm in Bewegung gesetzten Arbeit, daher die absolute Masse der von ihm aufesaugten Mehrarbeit, daher die Masse des von ihm produzierten Mehrwerts, daher die absolute Masse des von ihm produzierten Profits kann also wachsen, und progressiv wachsen, trotz des progressiven Falls der Profitrate. Dies kann nicht nur der Fall sein. Es muss der Fall sein -vorübergehnde Schwankungen abgerechnet- auf Basis der kapitalistischen Produktion“ 5.

Bei etwas genauerem Hinsehen schält sich allerdings sehr schnell der grundlegende Unterschied zwischen dem Ansatz von Marx und der geschilderten Lesart heraus. Marx setzt den Ewigkeitscharakter des Kapitalismus, seine objektive Schrankenlosigkeit, nicht voraus, wie es die schlechte Apologetik der Epigonen ganz selbstverständlich tut, im Gegenteil. Die Existenz der bürgerlichen Produktionsweise angesichts fallender Profitraten ist das Rätsel, das Marx erklären will! Es geht ihm bei seinen Ausführungen nicht darum, den Gegensatz von steigender Profitmasse und fallender Profitrate zum unabweisbaren Quasinaturgesetz zu erheben, er will verständlich machen, wieso trotz des tendenziellen Falls der Profitrate die kapitalistische Produktionsweise überhaupt bestehen kann und unter welchen Voraussetzungen. Nur in diesem Rahmen gewinnen Marxens Ausführungen Sinn. Mit dem Gegensatzpaar steigende Profitmasse und fallende Profitrate bestimmmt er die Grundbedingung, unter der allein die Fortsetzung des kapitalistischen Akkumulationsprozesses trotz der angenommenen stetigen Steigerung der organischen Zusammensetzung des Kapitals sichergestellt ist. Das Anwachsen der Profitmasse ist conditio sine qua non für das Kapital. Die Profitmasse hängt von zwei Faktoren ab. Einerseits von der Masse des fungierenden produktiven Kapitals, andererseits von der Profitrate. Das Schrumpfen des einen Faktors kann durch die Vergrösserung des anderen ausgeglichen werden. Konkret heisst das: Der Fall der Profitrate kann durch ein schnelleres Anwachsen des angewandten Kapitals kompensiert werden. Mit dieser Erklärung für den Fortgang des kapitalistischen Akkumulationsprozesses öffnet Marx gleichzeitig, sozusagen im Umkehrschluss, einen zentralen Zugang zur Krisentheorie. Wenn die Lebensfähigkeit des Kapitalverhältnisses davon abhängt, dass die Ausdehnung des angewandten Kapitals den Fall der Profitrate kompensiert und sich die Verwertungsbasis, also die Gesamtmenge der wertschaffenden lebendigen Arbeit – „vorübergehende Schwankungen abgerechnet“ – erweitert, ist das Ende dieses Kompensationsprozesses, das absolute Schrumpfen der vernutzten produktiven lebendigen Arbeit, gleichbedeutend mit der Krise der kapitalistischen Reproduktion, und ihre säkulare Abnahme führt in die Auflösung des kapitalistischen Systems. Marx selber hat diesen Zusammenhang recht deutlich herausgestellt:

„Übrigens ist es nur das Bedürfnis der kapitalistischen Produktionsweise, dass die Anzahl der Lohnarbeiter sich absolute vermehre, trotz ihrer relativen Abnahme…Eine Entwicklung der Produktivkräfte, welche die absolute Anzahl der Arbeiter verminderte, d.h., in der Tat die ganze Nation befähigte, in einem geringern Zeitteil ihre Gesamtproduktion zu vollziehen, würde Revolution herbeiführen, weil sie die Mehrzahl der Bevölkerung ausser Kurs setzen würde. Hierin erscheint wieder die spezifische Schranke der kapitalistischen Produktion, und dass sie keineswegs eine absolute Form für die Entwicklung der Produktivkräfte und Erzeugung des Reichtums ist, vielmehr mit dieser auf einem gewissen Punkt in Kollision tritt. Partiell erscheint diese Kollision in periodischen Krisen, die aus der Überflüssigmachung bald dieses, bald jenes Teils der Arbeiterbevölkerung in ihrer alten Beschäftigungsweise hervorgehn. Ihre Schranke ist die überschüssige Zeit der Arbeiter“ 6.

In letzter Instanz haben die Krisen der kapitalistischen Entwicklung ihre Ursachen in fehlender Profitmasse, und erst die Verknüpfung des „tendenziellen Falls der Profitrate“ mit ihr verleiht den „inneren Widersprüchen des Gesetzes“, wie sie von Marx im 15. Kapitel des 3. Bandes geschildert werden, ihre Sprengkraft. Solange die Brücke zur gesellschaftlichen Mehrwertmasse ungeschlagen bleibt, zerfasert sich die Analyse der Profitrate nur in blutleeren Zahlenspielereien. Es ist die Grösse der gesellschaftlichen Mehrwertmasse, die über Leben oder Tod, erweiterte Reproduktion oder Zerfall der kapitalistischen Ökonomie entscheidet. Das Absinken der Durchschnittsprofitrate hat nur bedrohliche Relevanz, soweit es in das Schrumpfen der produzierten Mehrwertmasse einmündet. Das gilt sowohl für den einzelnen Krisenzyklus wie erst recht für die säkulare Entwicklungslinie des Kapitalverhältnisses. Das Kapital muss wachsen oder sterben, und das heisst für die Ebene des Gesamtkapitals: Die Entfaltung des Kapitalverhältnisses ist gleichbedeutend mit der Ausdehnung der Mehrwertmasse. Die Mehrwertmasse ist aber nichts anderes als die Mehrarbeit unter anderem Gesichtspunkt betrachtet, und die absolute gesellschaftliche Mehrarbeitszeit wiederum hängt in erster Linie von der produktiv absorbierten Arbeitszeit überhaupt ab 7. Die Geschichte der kapitalistischen Weltwirtschaft und ihrer Krisen löst sich so im Kern in die Geschichte der Absorption, Freisetzung und Reabsorption lebendiger, produktiver Arbeit durch das Kapital auf.

Auf den ersten Blick mag es überraschen, dass diese fast schon banal bis selbstverständliche wirkende Schwerpunktsetzung in der marxistischen Politökonomie so sehr in den Hintergrund gedrängt und von der Beschäftigung mit sekundären, abgeleiteten Fragestellungen vollkommen überlagert wurde. Die platte Empirie, die Tatsache, dass die vernutzte lebendige Arbeit eben realiter noch im Anwachsen begriffen war und dass die marxistischen Krisentheorien in diesem Sinne nur die Wirklichkeit ihrer Zeit reflektieren, reicht zur Erklärung allein nicht aus. Die Verwunderung weicht aber, wenn wir uns den historischen Kontext und die realen gesellschaftlichen Aufgabenstellungen angesichts derer diese Verdrängung vor sich ging, vergegenwärtigen. Die Rezeption der Marxschen Krisentheorie erfolgte nicht im luftleeren Raum, Sinn und Zusammenhang gewann sie aus ihrem politischen Bezug, und so darf es nicht verwundern, dass die für das Selbstverständnis der traditionellen sozialistischen Bewegung konstitutiven Prämissen sich auch in der krisentheoretischen Debatte niederschlagen und deren Horizont abstecken. Auch alle krisentheoretischen Überlegungen blieben letzten Endes an dem Resonanzboden haften, von dem sie zehrten, und so spiegelt sich das Streben nach der Selbstaffirmation der Arbeiterklasse auch in den politökonomischen Theoremen. Der historische Kampf der Klasse galt nicht ihrer Selbstaufhebung. Das Emanzipationsverständnis blieb narzisstisch auf die Klasse als Klasse bezogen. Das schwere Los, Arbeiter zu sein, wurde nicht als zu beseitigendes Unglück begriffen. Sozialismus war kein Synonym für das Verschwinden des Arbeiterdaseins, sondern war gleichbedeutend mit der Verallgemeinerung und Adelung dieses Schicksals. Der traditionelle Marxismus begriff die Lohnarbeiterklasse nicht als die andere Seite des Kapitalverhältnisses, sondern hielt sie als solche für eine transkapitalistische Kraft. Die Siegeszuversicht der alten Arbeiterbewegung lebte vor diesem Hintergrund ganz selbstverständlich vom Vertrauen in die wachsende eigene Stärke, und die sicherste Garantie für den schliesslichen Endsieg des Sozialismus schien die ständige zahlenmässige Ausdehnung der Arbeiterklasse zu sein. Auf dem Boden dieser unangegriffenen Vorgaben verbot sich aber jeder krisentheoretische Ansatz, der die Krisen des kapitalistischen Reproduktionsmechanismus von ihrer realen Basis, dem Schrumpfen der vernutzten produktiven Arbeit, aufgerollt hätte. Alle Momente der kapitalistischen Krise, die die lebendige Grundlage der bürgerlichen Produktionsweise wesentlich betrafen, wären nur als Defätismus und Nihilismus erschienen und wurden von vornherein aus der Analyse ausgespart. Unter diesen Auspizien konnte die Beschäftigung mit der kapitalistischen Krisenlogik nur mit angezogener Handbremse voranschreiten und unter Ausklammerung der realen Basis, der absorbierten produktiven Arbeit. Sie musste haltmachen, sobald die Integrität des machtvoll wachsenden Proletariats in Gefahr geraten wäre 8, und zerstreute sich stattdessen auf die ungefährlichere Ebene abgeleiteter Phänomene. Die gesamte Profitratendebatte ist davon gezeichnet. Sie musste vor der Vision einer fallenden gesamtgesellschaftlichen Profitmasse haltmachen 9.

Solange der Übergang zum Sozialismus an das Gegensatzpaar maroder Kapitalismus einerseits, kraftstrotzendes Proletariat andererseits gekoppelt war, war der Weg zur Antizipation der Krise des gesellschaftlichen Gesamtverhältnisses natürlich von vornherein verschlossen. Die Beschränkung der klassischen marxistischen Krisentheorie betraf aber nicht nur deren prophetische Leistungskraft, sie machte sich auch in der Analyse der konkreten historischen Konjukturzyklen bemerkbar. Die marxistischen Ökonomen konnten weder die Logik des säkularen Trends kapitalistischer Entwicklung und die objektive Schranke der bürgerlichen Produktionsweise logisch stimmig herleiten noch einen befriedigenden Beitrag zur Erklärung der wirklichen Weltmarktkrisen liefern. Solange der grundlegende innere Widerspruch des Kapitals nicht logisch sauber herausgearbeitet war, konnte auch sein partielles Aufscheinen in den periodischen Krisen nicht wirklich begriffen werden. Mit dem Schlüssel zu den langfristigen Entwicklungslinien war auch der Zugang zur theoretischen Durchdringung der jeweiligen Etappe und ihrer besonderen Bedingungen aus der Hand gelegt worden, und die Marxisten hielten sich notgedrungen wo es um die Erklärung wirklicher Veränderungen ging an eine, oft von bürgerlichen Ökonomen entliehene Auswahl von ad hoc Konstrukten. Die eigenen marxistischen Grundlagen verkamen dabei zum inhaltlichen Ballast. Die Kritik der politischen Ökonomie verlor für die Realanalyse jeden eigenen Erkenntniswert und degenerierte zu einer verschrobenen Ausdrucksweise, zu einem ideologischen Spezialjargon. Die marxistischen Ökonomen hatten zur Aufarbeitung der vorliegenden Phänomene nichts beizutragen, was von bürgerlicher Seite ohne marxeologisierenden Schwulst nicht schon vorgetragen worden wäre.

2. Der lange Weg zum Keynesianismus

 

Das Erlöschen der theoretischen Erklärungskraft der marxistischen Politökonomie, ihre Deformation zu einer marxistischen Wirtschaftssoziologie, die mit von Marx überlieferten Versatzstücken operiert, hat natürlich selber wiederum eine lange Geschichte, die schon mit der Marxrezeption der 2. Internationale einsetzt. Allerdings wirkte der Erosionprozess, dem die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie in den Händen der Epigonen unterlag, zunächst und über weite Strecken untergründig. Der Verfall erschien vorderhand, im Selbstverständnis der Zeitgenossen, als strammes Festhalten. Das Unverständnis der Theoretiker der alten Arbeiterbewegung gegenüber der theoretischen Sprengkraft des Marxschen Werkes kam selbstbescheiden, als devoter Respekt vor diesem geistigen Monumentalbau daher, und die Anpassung der Marxschen Theorie an die beschränkten Bedürfnisse der alten Arbeiterbewegung verstand sich selber als praktische Auslegung einer sakrosankten Lehre. Wie das Wort Gottes nur durch den Mund seiner Priester existieren kann, so wälzten sich die diversen handgeschusterten marxistischen Wirtschaftstheorien über den revolutionären theoretischen Torso, den Marx hinterlassen hatte, und verschütteten ihn völlig. Diese quasireligöse Mimikry bestimmte auch den Umgang mit der zeitgenössischen bürgerlichen Theorie. Die offiziös geübte Ignoranz gegenüber der bürgerlich-akademischen Diskussion, das rein ideologiekritische Vorgehen, verschleierte nur, wie sehr hinter dem Rücken der Beteiligten Motive aus der feindlichen terra incognita das politökonomische Verständnis im marxistischen Lager nach ihrer Melodie umorganisiert hatten.

Bei aller Kritik an dieser Entwicklung darf aber keinesfalls angenommen werden, dass die klammheimliche Metamorphose die aktuelle Wirkungskraft der marxistischen Theorie untergraben hätte. Im Gegenteil, zu ihrer Zeit war diese Verbiegung durchaus funktional. Die legitimatorische Leistung des traditionellen Marxismus beruhte gerade auf dieser Umwandlung. Die reale, historische Aufgabe der alten Arbeiterbewegung bestand gerade im Kampf für die Durchsetzung und Verallgemeinerung der bürgerlichen Verkehrsform, und in diesem Zusammenhang mussten die das bürgerliche Denken sprengenden Momente der Marxschen Theorie in der Rezeption konsequent -weil für die praktische Aufgabenstellung kontraproduktiv- ausgeschaltet werden. Das sozialistische Ethos mit dem die alte Arbeiterbewegung in den realen Kampf für die Verallgemeinerung der bürgerlichen Verhältnisse zog, lebte auf dem theoretischen Parkett von der Heiligung durch und durch bürgerlichen Denkens zu sozialistischem Gedankengut. Die Verkehrung der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie in positive marxistische Wirtschaftswissenschaft wiederholt nur folgerichtig und wie im Brennglas gebündelt die notwendige Adaption aller Aporien bürgerlichen Denkens durch den traditionellen Marxismus. Zwar konnte auf der Grundlage dieses kastrierten Marxverständnisses der historische Prozess, dessen Agent die marxistische Linke selber geworden war, nicht durchleuchtet und auf den Begriff gebracht werden, für die Konkurrenz mit den bürgerlichen Kontrahenten reichte das zusammengedeichselte Rüstzeug aber allemal. Die Marxisten hatten zwar auf politökonomischem Gebiet seit dem Erscheinen des 3. Bandes des Kapitals nichts wesentlich neues zu sagen, aber auch auf seiten der bürgerlichen Konkurrenz blieben die grossen wissenschaftlichen Umwälzungen der Nationalökonomie aus. Solange die reale Konjunkturentwicklung mit den Vorhersagen der marxistischen Wirtschaftswissenschaftler nicht in offensichtlichen Gegensatz geriet und solange die bürgerliche Makroökonomie, soweit sie nicht vollkommen darniederlag, sich im wesentlichen mit der Fortschreibung der schon von Marx kritisierten klassischen Nationalökonomie begnügte, konnte auch die marxistische Politökonomie in aller Ruhe weiter vor sich hindümpeln, ohne damit automatisch ins Hintertreffen zu geraten. Diesem bequemen Zustand bereitete allerdings die Überwindung der „Weltwirtschaftskrise“ der 30er Jahren und die den einsetzenden Aufschwung begleitende „keynesianische Revolution“ in der bürgerlichen Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik ein Ende. Die reale Entwicklung der Weltwirtschaft und der Diskurs darüber wandte sich handgreiflich gegen die marxistische Überlieferung und zog sie arg in Mitleidenschaft. Die Entfaltung der bürgerlichen Gesellschaft, die Verallgemeinerung der Wertbeziehung, an deren Durchsetzung sich realiter der Marxismus verzehrt hatte, brachte ihn aussichtslos ins Hintertreffen. Die einsetzende explosionsartige Ausdehnung der Staatstätigkeit innerhalb des kapitalistischen Rahmens war von einem Marxismus, der die Wertbeziehung rein distributiv als Austauschrelationen auf dem Markt auffasste, theoretisch nicht zu bewältigen. Der traditionelle Marxismus hatte den Staat immer ausserhalb des Wertzusammenhangs als dessen Kontrapunkt angesiedelt, und der emanzipative Impuls der Arbeiterbewegung hatte sich wesentlich in die Propagierung der Ausdehnung der Staatstätigkeit ergossen. Der Staat als vermeintlich bewusstes Organ der Gesellschaft sollte die „Marktanarchie“ beseitigen und die Regulation des Wirtschaftslebens übernehmen. Die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft erfüllte diese essentielle Forderung – allerdings unter von der Arbeiterbewegung nicht vorausgesehenen Vorzeichen. Der Staat, der diese Aufgabe auf sich nahm, war peinlicherweise mit dem falschen Adjektiv ausgerüstet. Es war kein „sozialistischer“ Staat, sondern der „Staat der Monopole“. Damit war diesem Marxismusverständnis de facto das Genick gebrochen. Der Mohr hatte seine Schuldigkeit getan und konnte von der historischen Bühne abtreten. Das Schicksal, das im 19.Jahrhundert die bürgerlichen Revolutionen in Deutschland und Italien getroffen hatte, wiederholte der Faschismus an der Arbeiterbewegung. Wenn Marx darauf hinweist, dass ironischerweise ausgerechnet ihre ärgsten Feinde, Bismarck und Napoleon III., die Revolution von 1848 beerbt, und wesentliche ihrer Ziele schliesslich verwirklicht haben (die deutsche und italienische Einigung), so lässt sich rückblickend ähnliches noch entschiedener von den faschistischen Diktaturen sagen. Der Faschismus radierte nicht nur die organisierte Arbeiterbewegung aus, er machte sie auch positiv überflüssig. Mit Hitlers Kriegswirtschaft und den parallellen Entwicklungen in den anderen kriegführenden Staaten erreicht die innerökonomische Potenz des Staates ein Niveau, von dem die Sozialisten immer nur träumen konnten. Die physische Verfolgung und Liquidierung der marxistischen Linken in Faschismus und Stalinismus war nicht viel mehr als die grausam-vorwegnehmende Begleitmusik zu diesem Substanzverlust. Sie traf einen an sich selber hohl gewordenen Gegner, dessen stolze Divisionen nur eins verdient hätten, nämlich Mitleid. Die theoretisch und praktisch kampflose Abdankung der deutschen Arbeiterbewegung vor dem Faschismsus enthüllte, wie überlebt und haltlos diese Form von Oppositionsbewegung schon geworden war. Der 2.Weltkrieg, das Ende des Faschismus und der langanhaltenden Depressionsphase, das Einsetzen des Nachkriegsbooms, der sich mit historisch einmaligen Wachstumsraten für die gesamte Weltwirtschaft auswies, setzten die strukturellen Veränderungen, an denen sich der traditionelle Marxismus gründlich blamiert hatte, fort. Die marxistische Politökonomie blieb hoffnungslos in der Defensive. Das lag aber nicht nur einfach an der flachen empirischen Tatsache, dass die Renaissance der kapitalistischen Weltwirtschaft als handgreifliche Wiederlegung aller marxistischen Zusammenbruchs- und Krisentheorien erscheinen musste, sondern hatte tiefer gehende, innertheoretische Ursachen. Der Marxismus scheiterte und machte eine theoretisch äusserst kläglich Figur, weil er, unfähig die Dichotomie von Politik und Ökonomie begrifflich aufzulösen, ausserstande, war die parallell zum Aufschwung sich vollziehende Wende vom ökonomisch abstinenten Nachtwächterstaat zum keynsianischen Interventionsstaat10 in seine Konzeption der Kritik der politischen Ökonomie zu integrieren. Er blieb die Antwort auf die enge Einbindung des Staates in die kapitalistische Ökonomie und deren Reflexe in der bürgerlichen Wirtschaftswissenschaft schuldig und dankte de facto ab.

Dabei hatte alles, oberflächlich betrachtet, so hoffnungsvoll begonnen. Als 1929 die „Weltwirtschaftskrise“ hereinbrach und im Anschluss daran das ganze Jahrzehnt vor dem Ausbruch des 2.Weltkriegs unter dem Vorzeichen einer langwierigen Depression stand, musste dieser Umstand den marxistischen Ökonomen als glänzende empirische Bestätigung der Marxschen Krisentheorie erscheinen. Das nebelhafte und immer so schwer fassbare „Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate“ und die anderen in der klassischen marxistischen Debatte kolportierten Bruchstücke der Marxschen Krisentheorie verwandelten sich den konkurrierenden marxistischen Theoretikern aus analytischen Bestimmungen in unmittelbar greifbare materielle Tatsachen. Fritz Sternberg spricht nicht nur für sich, sondern für alle, wenn er 1934 schreibt:

„Wenn wir die heutige Krise insgesamt betrachten, so beweist die Analyse, dass die von Marx aufgewiesene Gesetzlichkeit nicht mehr nur Tendenz ist, sondern bereits Realität, bereits Wirklichkeit. Und vieles was er vor Generationen im „Kapital“ schrieb, ist heute als Wirklichkeit mit Händen zu greifen…“ 11.

Unabhängig davon, ob sie die Krise unter dem Vorzeichen der Unterkonsumtions oder der Überakkumulation einordneten, alle verstanden die reale Weltmarktkrise als Verifikation ihrer Interpretation der Marxschen Krisentheorie. Zwar brachte die langanhaltende Krisenperiode nicht die erwarteten politischen Früchte, sondern im Gegenteil vernichtende Niederlagen für die historisch gewachsene Arbeiterbewegung, trotzdem war aber das ökonomische Faktum der Krise des Kapitalismus selbstverständlich nicht von der Hand zu weisen. Auch wenn alle Ausformungen marxistischer Krisentheorie der konkreten Krise von 1929 gegenüber reichlich abstrakt blieben und keinesfalls deren Ablauf begreifbar und nachvollziehbar machten, die marxistischen Astrologen hatten die Krisenhaftigkeit kapitalistischer Entwicklung immerhin stets genüsslich proklamiert und konnten sich auf diesem Lorbeer zur ewigen Ruhe betten. Wie wenig tragfähig und inhaltsleer diese scheinbar glatte empirische Verifikation der marxistischen Krisentheorie war, blieb den zeitgenössischen Ökonomen zunächst verborgen 12. Selbst im Kreis der hilfs- und begriffslosen bürgerlichen Ökonomen, die in ihrem Gros vom Zusammenbruch der Weltwirtschaft vollkommen überrascht worden waren, machte sich der Gedanke breit, dass der Kapitalimus der freien Konkurrenz unhaltbar geworden sei und grundlegend verändert werden müsse. Die axiomatische Hoffnung auf die Selbstregulierungskräfte des Marktes, hatten sich an der Empirie der 30er Jahre gründlich blamiert und befand sich bei den akademischen Ökonomen, wenn auch zögerlich, auf dem Rückzug. Das Saysche Theorem, demzufolge jedes Angebot auch seine Nachfrage schafft, das die Grundlage zur vorherrschenden klassischen Gleichgewichtstheorie gebildet hatte, war durch die Krisenwirklichkeit falsifiziert worden und musste fallengelassen werden. Die Schlappe, die die empirische Entwicklung dem tradierten Credo bürgerlicher Wirtschaftswissenschaften bereitet hatte, ebnete aber gleichzeitig den Boden für eine Gegenbewegung innerhalb des bürgerlichen Lagers und entzog den Marxisten ihr gewohntes Terrain. Der tiefsitzende Schock machte die Position des Aussenseiters John Maynard Keynes hoffähig. Sie beeinflusste von nun an massgeblich die Debatte im bürgerlichen Spektrum.

Religionen werden für gewöhnlich, wenn sie in die Krise geraten, von ihren Ketzern gerettet. Im Reich der Theorie verhält sich das nicht anders 13. Keynes ist dafür ein Musterbeispiel. Er brach nicht grundlegend mit der tradierten klassischen Theorie, sondern sprengte sie durch Erweiterung. Seine Häresie blieb theoretisch voll in ihrem eigenen Rahmen angesiedelt. Er kritisierte nicht das klassische Gleichgewichtstheorem, sondern behauptete lediglich, dass der von der klassischen Theorie angenommene Fall keinesfalls der einzig mögliche sei, und integrierte die überlieferte klassische Theorie als Spezialfall in seine eigene theoretische Konzeption 14.

In einer verzweifelten Situation lieferte Keynes innerhalb der auf die Zirkulationsoberfläche fixierten bürgerlichen Nationalökonomie ein Alternativkonzept. Ohne die Probleme von Profitproduktion und Verwertung zu thematisieren, allein auf die alle kapitalistischen Spezifika einebnende Kategorie „Einkommen“ fixiert, proklamierte er in stillschweigender Anlehnung an die Grenznutzentheorie eine „Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals“ und forderte die Ergänzung der erlahmenden investiven Unternehmernachfrage durch staatliche Ausgabenpolitik.

„Ausgehend von einem wachsenden Volkseinkommen postulierte Keynes, dass der Verbrauch relativ weniger schnell und infolgedessen die Ersparnisse relativ schneller steigen als das Gesamteinkommen. Die Ersparnisse stehen über das Kreditsystem zur Investition zur Verfügung. Der Zinsfuss als Regulierungsmechanismus von Angebot und Nachfrage im Kreditsystem bildet jedoch nach Keynes allein keine ausreichende Garantie der für Vollbeschäftigung und kontinuierliches Wachstum erforderlichen ständigen gleichmässigen Anpassung der Investitionsquote und der Ersparnisquote aneinander und an den optimalen Wachstumsfaktor. Eine solche Garantie zu übernehmen ist vielmehr Aufgabe des Staates. Über seinen Anteil am Volkseinkommen kann er auf vielfältige Weise die notwendigen Anpassungsprozesse induzieren. Er hat nach der keynsianischen Theorie die Möglichkeit, über den Steuermechanismus Ersparnisse an sich zu bringen und sie je nach der Konjunkturlage der eigenen oder privatwirtschaftlichen Investitionen zuzuführen oder vorzuenthalten“ 15.

Nach dem Erscheinen seines sagenumwogenen Hauptwerks „General theory of employment, interest and money“ 1936 trat seine Lehre ihren unaufhaltsamen Siegeszug an. Sehr schnell zum Keynesianismus vergröbert und ausgewalzt, errang sie in der Wirtschafpolitik eine Schlüsselstellung und bewahrte sie bis heute. Erst tief in den 70er Jahren, angesichts einer grundlegenden wirtschaftlichen Trendwende, begann die keynesianische Vormacht zu bröckeln und geriet das Credo: „deficit spending“ in der wirtschaftspolitischen Debatte in die Defensive. Die enorme Durchschlagskraft der Keynesschen Position muss überraschen, wenn wir sie allein innertheoretisch betrachten. Denn wenn wir den wissenschaftlichen Grenznutzen der Keynesschen Theorie zu messen versuchten, so läge er sicher nahe Null. Als theoretischer Ansatz zeichnet sich die Keynessche Lehre weder durch fulminanten Tiefgang noch durch besondere Reichweite aus 16. Selbst im bürgerlichen Wissenschaftsrahmen war Keynes‘ fiscal theory eher ein Rückschritt. Sie brachte an Gesichtspunkten der realen Entwicklung kaum etwas aufs Tapet, was die bedeutendsten Gestalten der deutschen „Finanzsoziologie“, Wagner, Goldscheid, Schumpeter, Mann und Jecht, nicht schon umfassender und mehr in die Tiefe gehend vorgedacht und vorformuliert hatten. Aber wahrscheinlich liegt gerade in dieser bescheidenen Armseligkeit des Keynesschen Gedankenguts der Schlüssel zu dessen bemerkenswerten Erfolg. Seine theoretische Beschränktheit und Schnörkellosigkeit macht den Keynesschen Ansatz glatt finanztechnisch operationalsierbar und liess ihn als unmittelbar praxistaugliches Rüstzeug moderner Finanz- und Konjunkturpolitik erscheinen. Ohne viel theoretisches Brimborium, angelsächsisch nüchtern im kümmerlichsten Sinn, erfüllte der Keynesianismus bestens seine historische Aufgabe. Rein finanztechnisch, ohne grossen emphatischen Überhang 17, reetablierte Keynes die eigenständige Funktion des Staates im Wirtschaftsleben und lieferte so eine passende, durch und durch technokratische Begründung für die historisch anstehende, längst schon real angelaufene Ausdehnung der Staatstätigkeit. Krisentheoretisch ist Keynes‘ Ansatz eher belanglos. Bei der Suche nach den Krisenursachen flüchtet er flugs aus den Wirtschaftswissenschaften in die Psychologie und nimmt eine wachsende „Sparneigung“ zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen. Er lieferte keinesfalls eine irgendwie zureichende und tiefsinnige Erklärung für den sich vollziehenden tiefgreifenden Umstrukturierungsprozess innerhalb der kapitalistischen Weltwirtschaft, sondern legitimierte lediglich eine sich ohne sein Zutun schon zögerlich, naturwüchsig durchsetzende Praxis. Sein „Paradigmenwechsel“ beseitigte lediglich ein lebensfremdes und anachronistisches Dogma, dessen zähe Anwendung in der Wirtschaftspolitik längst kontraproduktiv geworden war, und lieferte dabei frei Haus einige handliche finanztechnische Tips mit.

Selten ging eine Theorie so in ihrer unmittelbar-praktischen Funktion auf wie der Ansatz von Keynes. Die berüchtigte „keynesianische Revolution“ richtete sich kaum gegen die tradierten theoretischen Grundlagen der herrschenden Wirtschaftslehre, die radikale Umwälzung bezog sich auf die praktischen Schlussfolgerungen, die gemeinhin aus ihnen gezogen wurden. Diese Tatsache muss auch unser Vorgehen bestimmen. Wir können uns an das Verständnis der Bedeutung Keynes‘ kaum rein innertheoretisch herantasten. Wir müssen stattdessen sie reale historische Entwicklung in den Mittelpunkt unserer Überlegungen rücken. Den Schlüssel zum Verständnis der „keynesianischen Revolution“ erhalten wir nur, wenn wir uns zunächst die Aussgangssituation, das wirtschaftstheoretische und wirtschaftspolitische „Ancien Regime“ und seine Krise, vor Augen führen, von der die Lehre von Keynes sich abstiess.

Mit dem 1. Weltkrieg und seinen immensen Folgelasten geriet die bis dahin weitgehend heile Welt der Finanz- und Wirtschaftspolitik gründlich in Unordnung. Der Vergesellschaftungsschub, den die imperialistische Kriegsführung mit sich brachte, zwang den bürgerlichen Staat in seine Pflicht und führte zu einer bis dahin unvorstellbaren Expansion seines Einflusses auf die Gestaltung des Wirtschaftslebens. Nur widerwillig und halbherzig unterwarf sich die Wirtschaftspolitik dem Zwang militärischer Notwendigkeiten. Denn im Lichte der vorherrschenden liberalen Wirtschaftsdoktrin konnte die Ausdehnung der Staatstätigkeit nur als Abweichung vom rechten Pfad der Tugend erscheinen. Indes, die Bedingungen einer modernen Kriegsökonomie liessen keine andere Wahl, und so beschritt die Wirtschaftspolitk in allen kriegführenden Staaten notgedrungen Wege, die der offiziösen Lehre ins Gesicht schlugen. Als erstes forderte der Krieg in der Währungspolitik seinen Tribut. Die Kriegsbedingungen erlaubten nicht länger die Aufrechterhaltung der bis dahin unangestasteten Goldkonvertibilität, und die kriegführenden Staaten mussten zu einer aktiven Geldpolitiik übergehen. Das auf dem Goldstandard beruhende internationale „Währungssystem geriet schon vor der Eröffnung der Feindseligkeiten, in den Tagen der kriegsnahen Spannungen, in eine Krise“ 18 und hielt dem Krieg kaum Tage stand. Die Währungen unterlagen für den Rest des Krieges staatlicher Regulierung, und das Geldangebot wurde im Interesse der Kriegsfinanzierung in allen beteiligten Ländern stark ausgedehnt. Parallell dazu dehnten sich die Staatausgaben explosionsartig aus.

„Die Staatsausgaben der kriegführenden Parteien erreichten alsbald eine Höhe, die alles in den Schatten stellte, was man vorher gewohnt war. Bereits die ersten Kriegsbudgets lagen überall erheblich über den Friedensbudgets, und das war erst der Anfang. In den folgenden Jahren liess die totale Kriegführung die Staatsausgaben immer weiter steigen. Das letzte Kriegsbudget betrug in Relation zum ersten Kriegsbudget in Deutschland 505 Prozent, in Frankreich 448 Prozent, in Grossbritannien 562 Prozent, in Russland (bis 1916) 315 Prozent“ 19.

Dieses Abgehen vom idealen „staatsfreien“ Gleichgewichtszustand ging aber keinesfalls mit einer Umwälzung der wirtschaftstheoretischen Grundvorstellungen einher 20. Der Krieg wurde von den Zeitgenossen nicht als das wahrgenommen, als was er sich vom heutigen Standpunkt aus enthüllen muss, als die Einleitung einer neuen wirtschaftspolitischen Epoche, sondern sie empfanden ihn nur als unliebsame Unterbrechung der ökonomischen Normalität. Dementsprechend erwarteten und erhofften selbst die Protagonisten der Ausweitung der Staatstätigkeit vom Friedensschluss Wiederkunft des Status quo ante. Sie gingen davon aus, dass, sobald die Waffen endlich zur Ruhe finden, alsbald der Rückmarsch in den liberalen, sich in Wirtschaftsdingen in Askese übenden Nachtwächterstaat beginnen würde. So waren die staatlichen Eingriffe ins Wirtschaftsleben und die Ausdehnung des Staatssektors keineswegs auf Dauer geplant. Sie bezogen ihre Rechtfertigung allein aus der aktuellen Notlage, die aussergewöhnliche Massnahmen erfoderlich machte. Das Ideal blieb die Vorkriegsordnung und deren Reetablierung gab erst einmal auch den Orientierungsrahmen für jede Nachkriegswirtschaftspolitik ab. In den Köpfen der bürgerlichen Ökonomen blieb die Abweichung vom rechten Pfad des staatslosen Wirtschaftens allein einer historisch einmaligen Kostellation, dem Druck „ausserökonomischer Faktoren“ geschuldet. Sie begriffen nicht, dass hinter den besonderen Kriegsnotwendigkeiten sich ein allgemeiner Zug verbarg, der in den Jahren des Weltkriegs sich im kriegerischen Gewand beschleunigt durchsetzte. Die zunehmende Vergesellschaftung, die mit dem Weltkrieg einen entscheidenden Sprung voran gemacht hatte, musste sich unter kapitalistischen Bedingungen als Ausdehnung der abstrakten Allgemeinheit (des Staates) vollziehen.

Die grundlegende Veränderung wurde nach dem Krieg erst wirklich sichtbar. Alle Anstrengungen, national und international die Vorkriegsordnung zu rekonstruieren, scheiterten kläglich. Das zäh verteidigte Ideal des Laisser-faire-Staates wurde permanent durch eine Wirklichkeit gestört, die sich ihm partout nicht mehr fügen wollte und mit Macht genau in die entgegengesetzte Richtung strebte. Trotz allem finanzpolitischen Konservativismus war die zunehmende Einbeziehung des Staates in den kapitalistischen Reproduktionsprozess nicht rückgängig zu machen. Deutlich wird das etwa an der Entwicklung der Staatsquote. Sie erreicht zwar in den 20er Jahren nicht mehr die Weltkriegsspitzen, von einem Schrumpfen auf Vorkriegsniveau kann aber erst recht nicht die Rede sein. Im Gegenteil, der langfristige Trend verläuft steigend:

„Beliefen sich 1913 die von allen Doppelzählungen bereinigten Ausgaben des Reiches, der Länder, der Gemeinden und der Sozialversicherung nach zuverlässiger Schätzung auf knapp 16 Prozent des Bruttosozialprodukts, so lag dieser Satz 1927 bereits zwischen 27 und 28 Prozent und dürfte beim Ausbruch der Krise (gemeint ist natürlich die Krise von 1929, Anmerkung E.L.) nahe an 30 Prozent herangekommen sein“ 21.

Die herrschende Wirtschaftspolitik fügte sich keineswegs kampflos in ihr Geschick. Ihre Zielsetzung blieb die ganzen 20er Jahre hindurch der Kampf gegen den säkularen Trend, und auch das Hereinbrechen der Weltwirtschaftskrise brachte zunächst keine Umkehr, sondern eher zähes Festhalten an überlieferten Glaubenssätzen. Heinrich Brühning etwa verfolgte während seiner Reichskanzlerschaft gottesfürchtig und völlig vernagelt eine entschiedene Deflationspolitik und sorgte dafür, dass die eh schon prekäre Lage weiter verschärft wurde.

„Statt die Krise durch zusätzliche öffentliche Aufträge zu bekämpfen, kürzte man in erster Linie die Investitionsausgaben“ 22.

Der Traum, an dem die bürgerlichen Ökonomen zäh festhielten und den erst die volle Wucht der Weltwirtschaftskrise zertrümmern konnte, die Wiederherstellung der idyllischen „staatsarmen“ Vorkriegsordnung, scheiterte nicht nur auf diesem Gebiet. Besonders augenscheinlich blamieren sich die entsprechenden Anstrengungen in diese Richtung in der Währungspolitik. Sie ist die ganzen 20er Jahre hindurch von dem zweifelhaften Unterfangen geprägt, die veränderte Wirklichkeit der neoklassischen Tradition anpassen zu wollen. Sie müht sich jahrelang an dem realitätsblinden Versuch ab, um jeden Preis den Goldstandard und die Währungsparitäten von 1913 wiederherzustellen 23. Der Verzicht auf jede aktive Währungspolitik, die Beschränkung der staatlichen Zuständigkeit auf diesem Gebiet auf die Sicherstellung der Goldkonvertibilität, stärkt aber nur die zentrifugalen Kräfte der Weltwirtschaft und wirkt krisenverschärfend 24. Die verzweifelten Versuche, gegen den historischen Strom anzukämpfen und gemäss der neoklassischen Tradition zum Rückzug des Staates aus der wirtschaftlichen Verantwortung zu blasen, zeitigen allenthalben die selben Resultate: Sie wirken verheerend. Wo die anachronistische Theorie auf die veränderte Wirklichkeit losgelassen wird, steigert sie die real-existierenden Probleme nur weiter. Die falsche Gegenüberstellung von wirtschaftlich vernünftiger Selbstbeschränkung des Staates und politisch motivierten Ansprüchen an die abstrakte Allgemeinheit verbaut den Weg zum praktischen Krisenmanagement. Diese Selbstblockade räumt Keynes aus dem Weg und vor diesem Hintergrund wird die Bedeutung seines Ansatzes verständlich. Der Keynesianismus erlaubte mit wissenschaftlicher Absicherung und einigen finanztechnischen Tips, was die reale Entwicklung in ihrem Selbstlauf lange schon dabei war, den Wirtschaftspolitikern aufzunötigen, was aber im Lichte der klassischen Nationalökonomie nur als Sündenfall erscheinen konnte. Die Ausdehnung der Staatstätigkeit, die den Ökonomen bislang nur unter politischen Vorzeichen als ökonomiefremde Zumutung aufgezwungen worden war, führte die keynesianische Revolution in den ökonomischen Zuständigkeitsbereich zurück. Keynes leitete die Staatstätigkeit endlich aus dem wohlverstandenen Eigeninteresse des freien Marktes ab:

„Der Zwang zur Intervention ergibt sich für Keynes (als fundamental neoklassisch orientiertem Denker) jedoch nicht aus sozialstaatlichen oder gar staatssozialistischen Überlegungen, sondern aus der strikt konservativen Einstellung, es gelte, die freie Wirtschaft um ihrer Selbsterhaltung willen in den Grenzen zu halten, innerhalb derer langfristiges Wachstum ohne Depression und Inflation möglich ist“ 25.

Dieser Grundzug der keynesianischen Wende bedeutete die Auflösung jenes gordischen Knotens, in dem sich die Finanz- und Wirtschaftspolitik der Zwischenkriegszeit hoffnungslos verheddert hatte. Die „keynesianische Revolution“ beendete den permanenten Widerspruch zwischen dem überlieferten neoklassischen Dogma, das den Staat soweit wie irgend möglich aus dem Wirtschaftsleben heraushalten wollte, und der schnöden Realität, die sich dieser Lehre partout nicht mehr beugen wollte und ein ums andere mal die Ausdehnung der Staatsintervention erzwang. Endlich durften die Wirtschaftspolitiker ihr schlechtes Gewissen ablegen, und die aussichtslose Don Quichotte Existenz beenden, die sie jahrzehntelang führen mussten, solange sie sich noch am neoklassischen Leitbild orientiert hatten.

Der Übergang zum Keynesianismus bereinigte diese Situation. Die bürgerlichen Wirtschaftpolitiker durften endlich guten Gewissens und mit wirtschaftswissenschaftlichem Segen den Weg einschlagen, den die Pragmatiker unter ihnen von sich aus schon lange in Angriff genommen hatten. Keynes‘, General Theory schob eine verallgemeinernde Rechtfertigung für das nach, was der „gesunde Menschenverstand“ wirtschaftswissenschaftlicher Vollblutdilettanten wie Roosvelt und Hitler bereits erprobt hatte, oder dabei war zu erproben.

Die keynesianische Herausforderung und die Marxisten

Wenn es auch offensichtlich ist, dass die Krise von 1929 durch falsche Wirtschaftspolitik, zumal durch den Verzicht auf sie, verschärft wurde, so wäre es doch falsch, dieses Versagen zur Ursache der Krise zu erklären. Was Marx in Bezug auf seine Kritik der currency-theory und die Krise von 1847 schrieb, dass eine falsche Geldtheorie zwar krisenverschärfend wirken kann, aber niemals als der letzte Grund der Krise angesehen werden darf, das gilt selbstverändlich auch für die 29er Krise. Die Weltwirtschaftskrise von 1929 wäre sicher weniger hart ausgefallen, wenn die praktische Wirtschaftspolitik sich den ihr aus dem erreichten neuen Stadium der Wertvergesellschaftung entspringenden Möglichkeiten und Aufgaben von vornherein gestellt hätte, sie wäre aber deswegen nicht ersatzlos entfallen. Das Gedeihen der Weltwirtschaft und ihre Konjunkturen hängen nicht ursächlich an der Anwendung „richtiger“ oder „falscher“Theorien, weder im Guten noch im Bösen, weder in der Krise noch im Aufschwung. Die „keynesianische Revolution“ beseitigte zwar einige Hemmungen in den wirtschaftswissenschaftlichen Köpfen, die einem Neuaufschwung unter den modernen Bedingungen im Weg standen, die Anwendung keynesianischer Grundsätze kann aber keinesfalls als letzte Ursache für die Überwindung der Krise verantwortlich gemacht werden. Die Entwicklung in jenen Ländern, in denen in den 30er Jahren eine protokeynesianische, antizyklische Wirtschaftspolitik verfolgt wurde, machen diesen Sachverhalt deutlich. Im faschistischen Deutschland etwa hob das staatliche deficit spending in der Aufrüstungskonjunktur zwar das Beschäftigungsniveau erst einmal an, dieser Erfolg wurde allerdings mit einer immensen Staatsverschuldung bezahlt. Hitlerdeutschland stand Ende der 30er Jahre nur mehr vor der Wahl, über kurz oder lang Staatsbankrott anzumelden oder, in der Hoffnung, die Begleichung der Rechnung auf die Schultern anderer Nationen umzuwälzen, die Flucht in den Weltkrieg anzutreten. Diese historische Alternative spricht nun aber keinesfalls für die Praktikabilität keynesianischer Krisenregulierung.

Trotz dieses abschreckenden Beispiels hat sich, geblendet vom realen Aufschwung der Weltwirtschaft nach dem 2.Weltkrieg, der Irrglaube durchgesetzt, die Ausdehnung staatlicher Nachfrage sei ursächlich verantwortlich für den Nachkriegsboom. Diesen Ursache-Wirkung-Zusammenhang unterstellen nicht nur eingefleischte Keynesianer, gerade viele marxistisch orientierte Theoretiker kommen gleichfalls zu dieser Fehleinschätzung. Auf der Suche nach den Wurzeln der Nachkriegsprosperität streifen sie bestenfalls die Geschichte der Verdrängung und Reabsorption lebendiger Arbeit im unmittelbaren Produktionsprozess, die, wenn wir die Gültigkeit der Marxschen Werttheorie voraussetzen, allein die reale Basis der ökonomischen Entwicklung abgeben kann, und konzentrierten sich vielmehr auf die Veränderungen in der Wirtschaftspolitik 26. Mit dieser Schwerpunktsetzung stellt sich der reale Zusammenhang auf den Kopf und die permanente Ausdehnung der Staatstätigkeit erscheint als Motor des neuanlaufenden Akkumulationsschubs. Sie wird nicht als sekundäres, aus den stofflichen Notwendigkeiten der Akkumulation auf einem bestimmten Produktivkraftniveau abzuleitendes Moment betrachtet, sondern wird zur logischen Basis der Akkumulationsbewegung umgebogen. Damit verschiebt sich die Ebene, von der Entwicklung und Reproduktion des Kapitalverhältnisses abhängt, aus der ökonomischen Sphäre zur nun alles entscheidenden politischen Instanz. In dieser gelegentlich ins Paranoide umschlagenden Weltsicht markiert der Übergang zum Keynesianismus die Emanzipation der Politik vom Selbstlauf des ökonomischen Prozesses und die Heraufkunft eines neuen, seiner selbst bewusst gewordenen und seine Entwicklung selber steuernden Kapitalismus. Diese Interpretation verfestigte sich in den 60er Jahren zum fast allgemeinverbindlichen linken Vorurteil. Das wachsende ökonomische Gewicht des Staates wird als Vordringen eines anderen ausserökonomischen Prinzips ins Wirtschaftsleben missverstanden und fälschlich als zunehmende Zurückdrängung der verselbständigten privaten Wert- und Profitlogik identifiziert. Die Spukgestalt einer gemischten Wirtschaft, in der die der „Profitlogik“ enthobene öffentliche Sphäre weiter an Gewicht gewinnt, geht um. Im wesentlichen macht sich diese Sicht an der nach dem Krieg entscheidend anwachsenden staatlichen Nachfrage fest. Die Ausdehnung der Staatsquote gilt per se als Indikator für die wachsende Potenz der „Globalsteuerung“ und wird zum Garanten für die innere Stabilität des kapitalistischen Molochs. Eine zentrale Stellung nimmt in diesem Zusammenhang die ökonomische Deutung von Wettrüsten und Kriegsproduktion ein. Unter dem Stichwort „Warfarestaat“ gehörte es während der Zeit des Vietnamkriegs zu den Standardvorwürfen gegen das bestehende kapitalistische System, seinen ökonomischen Erfolg aus Verschwendung, Rüstungsproduktion und Völkermord herzuleiten,um es damit madig zu machen. Diese Interpretation war (und ist) nicht nur populär, sie war auch in der linken theoretischen Diskussion vorherrschend und spukt heute noch in der einen oder anderen Version durch den linkssozialistischen „Diskurs“. Der recht umfang- und einflussreiche, von der Frankfurter Schule herkommende Theoriestrang etwa sucht durchgängig die Erklärung für die jahrzehntelange Vollbeschäftigungsphase ausser in planmässiger Verschwendungsproduktion in erster Linie im Expandieren der Militärausgaben. Neben den Frankfurtern und ihren Adepten reiten die unterkonsumtionstheoretisch orientierten marxistischen Ökonomen mit besonderer Begeisterung auf dieser Vorstellung herum. Für Baran und Sweezy etwa schrumpft der Unterschied zwischen der Depression der 30er Jahre und dem Boom der 50er auf die rasant gestiegenen Rüstungsausgaben und die daraus vermeintlich entspringende Produktion und Absorption von zusätzlichem Surplus:

„Der Unterschied zwischen der tiefen Stagnation der Dreissiger- und der relativen Prosperität der Fünfzigerjahre geht völlig auf die hohen Rüstungsausgaben in den Fünfzigerjahren zurück. 1939 zum Beispiel waren 17.2 Prozent der Arbeitskräfte ohne Beschäftigung, und von den übrigen mögen 1.4 Prozent mit der Produktion von Gütern und Dienstleistungen für die Rüstung beschäftigt gewesen sein. Gut 18 Prozent der Arbeitskräfte waren, mit anderen Worten, entweder arbeitslos oder von Beschäftigungen abhängig, die aus dem Rüstungsetat finanziert wurden. 1961 .. waren die vergleichbaren Ziffern 6.7 Prozent Arbeitslose und 9.4 Prozent Arbeitskräfte, die von Rüstungsausgaben abhingen, insgesamt also 16 Prozent. Man könnte diese Rechnungen vervollkommnen oder verfeinern, ohne dass sich an der allgemeinen Schlussfolgerung etwas ändern würde: Der Prozentsatz an Arbeitskräften, die entweder unbeschäftigt oder von Rüstungsausgaben abhängig sind war 1961 etwa der gleiche wie 1939. Daraus folgt, dass die Arbeitslosigkeit würde der Rüstungshaushalt auf den Umfang von 1939 reduziert, ebenfalls wieder die Ausmasse von 1939 annehmen würde“ 27.

Mit ihrer flachen Unterkonsumtionsvorstellung, in der unproduktiver Staatskonsum für die mangelhafte Nachfrage der ausgebeuteten Arbeitermassen in die Bresche springen muss, transportieren unsere beiden Mac-Donalds-Marxisten ein für die marxistische ökonomische Nachkriegsdebatte insgesamt charakteristisches Motiv. Wie Baran und Sweezy so leugnen auch alle anderen aus der Marxschen Tradition kommenden Ökonomen schlicht die Realität der Prosperität oder verharmlosen den Nachkriegsboom zu einem unwesentlichen, zufälligen Strohfeuerchen. Nicht nur Ernest Mandel zerredet den Nachkriegsaufschwung bis zur Unkenntlichkeit und lässt ihn lediglich aus einem Bündel für das Kapital äusserst günstiger Umstände resultieren, auch in den ernsthafteren Versuchen, die Nachkriegsentwicklung theoretisch in den Griff zu bekommen, wiederholt sich dieser Tenor und der Boom wird allzu gern zum Boomchen miniaturisiert. Paul Mattick etwa, dessen Ansatz ansonsten keinesfalls mit den die Schwachsinnsgrenze streifenden Milchmädchenrechnungen der Mac-Donalds-Marxisten und der trotzkistisch bornierten Harmlosigkeit auf eine Stufe gestellt werden kann, verfällt ebenfalls dieser Versuchung und bagatellisiert schamlos den Stellenwert des selbsttragenden Aufschwung der kapitalistischen Weltwirtschaft. Er rutscht bedrohlich in die Nähe der Position von Sweezy und Baran ab und schreibt über die USA:

„Aber da die Arbeitslosigkeit nicht unter vier Prozent der Gesamtbeschäftigung fiel und die Produktionskapazität keine volle Ausnutzung fand, ist es mehr als wahrscheinlich, dass ohne den ‚öffentlichen Konsum` der Aufrüstung und Menschenschlächterei die Arbeitslosenzahl weit höher gestanden hätte, als es tatsächlich der Fall war. Und da ungefähr die Hälfte der Weltproduktion auf Amerika fällt, liess sich trotz des Aufschwungs in Westeuropa und Japan nicht von einer völligen Überwindung der Weltkrise sprechen, und besonders dann nicht, wenn die unterentwickelten Länder in die Betrachtung mit einbezogen werden. So lebhaft die Konjunktur auch war, so bezog sie sich doch nur auf Teile des Weltkapitals, ohne es zu einem allgemeinen die Weltwirtschaft umfassenden Aufschwung zu bringen“ 28.

In dieser mit schon beneidenswerter Ignoranz gesegneten Interpretation wird aus einer Epoche, die historisch einmalige, weder vorher noch nachher je annähernd erreichte Wachstumsraten mit sich brachte, ein halbherziger Wiederaufschwung, wie er nun einmal auf jede „zyklische Krise“, wenn sie sich erschöpft hat, irgendwann folgen muss. Aufschlussreich für diese verharmlosende Herangehensweise sind die Ursachen, die Paul Mattick für den relativen Wiederaufschwung anzugeben weiss. Die Nachkriegskonjunktur hat keine eigenen positiven Ursachen, sie ist für ihn lediglich das Echo der Weltwirtschaftskrise und des verheerenden Weltkriegs, die relative Stabilisierung, die die vorhergegangene katastrophale Entwicklung irgendwann nach sich ziehen muss. Um die Nachkriegskonjunktur zu erklären, beschränkt er sich nämlich auf den obligatorischen Hinweis auf die in jeder zyklischen Krise sich vollziehende Kapitalvernichtung und die parallell dazu stattfindende Erhöhung der Mehrwertrate und stellt dabei den Krieg als Verstärker in Rechnung:

„Die Kombination fortwährender Kapitalvernichtung während der langen Depressionsperiode mit der enormen Akzeleration dieses Prozesses durch die Zerstörung von Kapitalwerten während des Krieges fand das überlebende Kapital in einer veränderten Welt, in der die gegebene Profitmasse einem weithin verringerten Kapital zugute kam und dessen Rentabilität entsprechend vermehrte. Gleichzeitig erlaubte die durch den Krieg forcierte technische Entwicklung eine bedeutsame Erhöhung der Arbeitsproduktivität, die, in Verbindung mit der veränderten Kapitalstruktur, die Profitabilität des Kapitals genügend anhob, um Produktion und Produktionsapparat zu vergrössern“ 29.

Das zentrale Problem, die technische Entwicklung und ihre Rückwirkung auf die Wertproduktion (Reabsorption oder Verdrängung lebendiger Arbeit), blendet Mattick aus oder verschüttet sie vollkommen unter allgemeinsten Leerformeln. Den technischen Fortschritt nimmt er nur unter zwei Gesichtspunkten wahr. Einerseits und in erster Linie unter dem Vorzeichen der Erhöhung der Mehrwertrate und andererseits unter dem Gesichtspunkt der Verbilligung der Elemente des konstanten Kapitals. Beides sind für ihn unmittelbare Ergebnise der Kapitalvernichtung in der Krise. Unter diesem beschränkten Blickwinkel bleibt der Nachkriegsboom ein retardierender Reflex innerhalb des kapitalistischen Krisenprozesses und die „grosse Depression“ im Kern unüberwunden. Auch nach dem Krieg bleibt die aus dem Gesetz vom tendenziellen Fall resultierende Schwierigkeit für die Kapitalverwertung im wesentlichen akut. Auch Mattick landet dann aus der Erklärung der unverkennbaren „relativen Stabilisierung“ des kapitalistischen System bei der wachsenden Rolle des Staates. In seinem Konzept einer „gemischten Wirtschaft“ kommt er dabei der Sicht von Baran/Sweezy unfreiwillig recht nahe. Auch er meint, die Krise der 30er wirkt im Grunde immer noch fort, sie wird aber in ihrer Wirksamkeit vom keynesianischen Interventionsstaat überlagert. Die Zusammenbruchstendenz existiert unverändert weiter, ihr gelingt es nur nicht mehr, empirisch in Erscheinung zu treten 30. Die oft schon komisch wirkenden Verrenkungen, mit denen Mattick seine vom Vorkriegstheoretiker Henryk Grossmann übernommene Zusammenbruchstheorie vor der drohenden Falsifizierung durch den realen Nachkriegsboom zu retten versucht, zeigen exemplarisch, wie wenig die marxistischen Nachkriegsökonomen bereit waren, die Veränderungen der Akkumulationsbedingungen anzuerkennen und sie im Lichte der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie zu analysieren. Sie begnügten sich in ihrem ureigensten Bereich damit, die überlieferten Motive der Nachkriegsdebatte zu variieren und dankten de facto ab. Statt die bisherige Theoriebildung kritisch zu durchleuchten, bewegte sich die innermarxistische Debatte stur auf den Holzwegen weiter, auf denen sie schon zur Erklärung der 29 er Krise und ihrer Vorgänger real hatte nichts beitragen können, und mühte sich im besten Fall damit ab, die verborgenen Krisentopoi als im Nachkriegsboom noch immer existent nachzuweisen. Die marxistische Politökonomie trat steril auf der Stelle und hantierte mit handgeschneiderten Ergänzungen, um die Fortschreibung der überlieferten Theoreme irgendwie zu legitimieren. Der offensichtliche Triumph der kapitalistischen Produktionsweise führt zum Rückzug in die Wagenburg. Die letzten Getreuen gruben sich in den obsolet gewordenen Stellungen ein und bewahrten sich ihre „marxistische“ Identität im zähen Bemühen, das arg gefledderte tradierte Fähnchen weiterhin hochzuhalten. Krisentheoretisch lief das darauf hinaus, den schon Anno 29 gebrochenen Stab dem Kapital weiterhin um die Ohren zu hauen. Aus dem kleinen Häufchen marxistischer Nachkriegsökonomen echot noch einmal das gleichen Verdikt, das schon die divergierenden klassischen marxistischen Krisentheorien über den Vorkriegskapitalismus gesprochen haben. Faktisch lief dieses Festkrallen an den überlieferten Krisentheorien freilich auf die Selbstaufgabe jedes krisentheoretischen Ansatzes hinaus. Denn wenn die alten Theoreme zutreffend die Krisengesetzmässigkeit des kapitalistischen Systems beschrieben haben sollen, gleichzeitig aber der moderne Kapitalismus partout nicht die geringsten Anstalten macht, in gewohnter Weise in Stagnation zu verfallen, so konnte dieser Widerspruch nur aufgelöst werden, wenn bewusst oder stillschweigend eine grundsätzliche Metamorphose des Kapitalverhältnisses angenommen wurde. Wenn die tradierten marxistischen Krisentheorien die bisherigen Krisen befriedigend erklärt haben, so müssen sie sich zur Nachkriegsrealität wie die Newtonsche Physik zu den in der allgemeinen Relativitätstheorie beschriebenen Phänomenen verhalten. Das sture Festhalten an den Standpunkten der Vorkriegskrisendebatte, verwandelte ein Herzstück marxistischer Theorie in ein nebensächliches, gegenüber einer veränderten Wirklichkeit letztlich bedeutungslos gewordenes Abstellgleis. Der reale Nachkriegsboom konnte in die überholten Konzeptionen nicht wirklich eingearbeitet werden und blieb ein äusseres störendes Faktum. Die Möglichkeit eines derart langen und gründlichen Aufschwungs war im Horizont keiner der landläufigen Krisentheorien enthalten, und so liessen sie sich mit der realen Entwicklung nur verquer und gewaltsam auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Die marxistischen Krisentheoretiker konnten mit ihren überlieferten Theoremen den Boom nicht plausibel erklären und schrieben ihn daher dem Vordringen „ausserökonomischer Faktoren“ zugute. Der Unterschied zwischen Vorkriegsdepression und Nachkriegsboom schrumpfte im Kern auf das neue Phänomen des „keynesianischen Interventionsstaats“. Er galt als die vermeintlich schlagende politische Antwort des Kapitals auf seine innerökonomisch unüberwindbare Krise, die in der Lage war, den klassischen Krisenmechanismus auszuhebeln. In dieser Interpretation der marxistischen Ökonomen wurde der Siegeszug des Keynesianisums gleichbedeutend mit dem Sieg der politischen Sphäre über die Eigengesetzlichkeit der Ökonomie, und so war die Reproduktion des Kapitals im Gültigkeitsbereich der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie gar nicht mehr voll zu erfassen. Die blinde Nibelungentreue zu den klassischen marxistischen Krisentheorien, die Leugnung eines sellbsttragenden Akkumulationsschubs, mündete ganz folgerichtig in den Abschied von der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie. Die politökonomische Debatte rutschte in der marxistischen Binnentheoriegeschichte an den Rand und blieb das Steckenpferd weniger verstreuter Spezialisten ohne breitere Resonanz. Das Interesse konzentrierte sich von nun an auf politische und legitimatorische Fragestellungen, von denen unter den neuen Bedingungen die Existenz und Lebenskraft des Kapitalverhältnisses allein abzuhängen schien. Diese Verschiebung des theoretischen Interesses der Marxisten ist vor dem Hintergrund einer scheinbar endlosen Boomphase, in der die innere Widersprüchlichkeit des Akkumulationsprozesses innerhalb der ökonomischen Sphäre nicht mehr spürbar war, vielleicht verständlich. Die einseitige Orientierung auf die politische Sphäre endete aber keineswegs mit der ihr zugrundeliegenden krisenfreien Konjunkturentwicklung, sie ist auch heute noch das Nonplusultra aller linker Ansätze. Selbst für die theoretisch interessierten Teile der Linken, die sich mit wirtschaftlichen Fragen intensiv auseinandersetzen und sich daher der Krisenwirklichkeit nicht einfach verschliessen können, ist das Ausweichen vor dieser Realität in die politische Sphäre zum unumstösslichen Paradigma geworden. Aus diesem Impuls speist sich im wesentlichen die intensive und begeisterte Keynesrezeption bei den Linkssozialisten. Der politizistische Zauberlehrling bleibt bei der verzweifelten Hoffnung auf den Spielraum politischer Entscheidungen, auch wenn sich der längst gebändigt geglaubte Dämon der Wertlogik, lebenskräftiger und irrationaler denn je, neu erhebt. Fortschrittliche, reformorientierte Politik soll richten, was der Selbstlauf des ökonomischen Prozesses anrichtet, und ihn an ihren Zügel nehmen. Besonders plastisch präsentiert Harald Mattfeldt von der SOST das realitätsblinde Festkrallen am Politikasterzauberstäbchen. In seinen Kommentaren zu einer Auswahl aus den Werken von Keynes entblödet er sich nicht, die Hosen bis zu den Knöcheln herunterrutschen zu lassen, und greint:

„Wenn auch der Staat ganz selbstverständlich nicht ein anderes Prinzip gegenüber der Wert- und Profitlogik verkörpert, sondern immer nur das abstrakt allgemeine Interesse gegen gesonderte Einzelinteressen durchsetzen kann, so bleibt mit der Entwicklung der Wertvergesellschaftung doch immer ein Spannungsverhältnis zwischen den verschiedenen Ebenen und Formen, in der sich die Wertbeziehung gesellschaftlich durchsetzt. Die Freiheit des Staates….“Der ‚linke` Keynesianismus ist also ein Versuch, das politische System mit seinen zentralen Institutionen, insbesondere dem Parlament, und seinen Rationalitäten (‚Eigengesetzlichkeiten`) als Schutzschild gegen die ökonomischen Gesetzmässigkeiten des Kapitalismus zu mobilisieren und sie mit Hilfe dieses Schildes zurückzudrängen. So können profitlogisch verdünnte oder ‚befreite Gebiete`, Basen geschaffen werden, von denen aus weitere Schritte überlegt und unternommen werden können. Diese Position wird manchmal als ‚falsche Staatstheorie` bezeichnet, da der Mechanismus des politischen Systems gerade, im Prinzip zumindest, stromlinienförmig auf die Bedürfnisse des Kapitalismus zugeschnitten sei. Aber wenn nicht im ökonomischen System und nicht durch das politische System und über dieses eine Politisierung der Ökonomie möglich sein soll, wie denn dann? Hoffen auf die ‚Superkrise` mit ihrer gefährlichen konservativen bis reaktionären Dynamik“ 31?

Mattfeldt zieht mit aufgepflanzter weisser Fahne aufs theoretische Schlachtfeld. Seine bescheidene Logik lautet: Die Krise darf nicht sein, sie würde ja die Grundlagen jeder reformistischen Strategie zertrümmern, deshalb wird sie auch nicht sein! Seine Kriegserklärung an jede moderne Version einer „Zusammenbruchstheorie“ kommt einer bedingungslosen Kapitulation gleich.

Diese erbarmungswürdige Selbstentblössung des Politikasterdogmas ist recht jungen Datums. Erst die Krise enthüllt rücksichtslos den Glauben an die souveräne Herrschaft des wirtschaftspolitischen Instrumentariums über die herrschende Wertlogik als Treppenwitz und ebnet der Einsicht den Weg, dass die politische Sphäre nur als abgeleitete Ebene des Wertverhältnisses gefasst werden kann und immer allen Unbilden unterworfen bleibt, die die Realakkumulation auch weiterhin treffen 32. Fruchtlos für die reale theoretische Durchdringung des zeitgenössischen Kapitalismus war der Irrglaube an die Selbstregulierungsfähigkeit des keynesianisch moderierten Kapitalismus aber von Anbeginn an. Er blamiert sich im Grunde nicht erst an der Krise der 80er, sondern schon bei der Erklärung des „Wirtschaftswunders“.

Die Suche nach den Ursachen muss die Wertproduktion zum Ausgangspunkt nehmen, eine Ebene also, in die das keynesianische Begriffsinstrumentarium, das die verwaschene Kategorie „Einkommen“ als Grundlage hat, überhaupt nicht hineinreicht. Die letzte Ursache für die Überwindung der Weltwirtschaftskrise war keineswegs der keynesianische Interventionsstaat, seine Durchsetzung und Verallgemeinerung war nur ein begleitendes Moment eines selbsttragenden Aufschwungs. Das Ende der Depression, der Übergang zu einer neuerlichen, in der Geschichte des Kapitalismus einmaligen Prosperitätsphase, ist allein von den produktiven Grundlagen her erklärbar.Die ungeahnte Blüte der kapitalistischen Weltwirtschaft entsprang aus einer bemerkenswerten Verbreiterung der Verwertungsbasis. Die Weltwirtschaft konnte sich nicht aus ihrem Tief befreien, weil der Staat ansonsten brachliegendes Kapital an sich zog und Menschen darüber in Brot und Arbeit setzte, sondern weil die Umstrukturierung der stofflichen Produktion seit den 40er Jahren neue Industriezweige schuf, die massenhaft bis dahin freigesetzte lebendige produktive Arbeit reabsorbierte und die Verwertungsbasis des Kapitals insgesamt sprunghaft absolut ausdehnte. Die fordistische Umwälzung der Produktionsstruktur liess auf breiter Front neue Industriezweige entstehen, deren technische Struktur die massenhafte Einsaugung lebendiger Arbeit bedingte und so zu einem sprunghaften absoluten Wachsen der produzierten Wertmasse führte. An erster Stelle ist hier natürlich die Automobilindustrie zu nennen. (Die Massenmotorisierung wurde zu einer der tragenden Säulen des Nachkriegsbooms; noch heute hängt bekanntlich in der BRD jeder 7. Arbeitsplatz am Auto.) Aber auch die Massenproduktion anderer Konsumgüter beruhte auf ähnlichen technologischen Gundlagen und zeitigte daher die gleichen ökonomischen Folgen. Die verschiedenen Teilströme neu eingesaugter unmittelbarer Produktionsarbeit vereinigten sich zum „fordistischen Akkumulationsschub“. Die sprunghafte Erweiterung der realen Basis der Wertschöpfung löste dabei gleichzeitig das Realisationsproblem. Die Ausdehnung der produktiv vernutzten lebendigen Arbeit schuf durch ein rasantes Wachstum der Lohnsumme (Reallohnanstieg und Wachstum der Beschäftigtenzahl in den wertproduktiven Bereichen) die nötige Massenkaufkraft. Die fordistische Massenproduktion erzeugte den notwendigen Massenkonsum aus ihrer eigenen Logik heraus selber, und das auf den 2.Weltkrieg folgende Vierteljahrhundert stand im Zeichen eines sich selbst tragenden weltweiten Booms.

Für die Genese dieser wohl alle Zeitgenossen überraschende Entwicklung war die Ausdehnung der Staatstätigkeit keineswegs ohne Belang. Ihre Bedeutung lag aber auf einer ganz anderen Ebene als es der populäre keynesianische Irrglauben annahm. Der Staatsnachfrage kam durchaus eine Katalysatorfunktion zu. Sie betraf aber nicht die Absorption von „überschüssigem Surplus“, sondern bezog sich auf die beschleunigte Veränderung der technischen Struktur der Produktion. An der Wiege der neuen Massenproduktion stand zunächst die Produktion für den totalen Krieg. Die Erfordernisse der Kriegswirtschaften erzwangen die Verallgemeinerung der neuen fordistischen Prinzipien. Die Herstellung genormten Kriegsgeräts in hohen Stückzahlen (Panzer, Flugzeuge, Schiffe, dazu gehörige Basisindustrien etc.) gab technologisch die Matrix ab, nach der sich die Produktion der „zivilen“ Massenkonsumgüter ausrichtete. In diesem Sinne legte die Kriegswirtschaft den Keim zum Nachkriegsboom.

Wenn wir die Nachkriegswirtschaft betrachten und damit allgemein zum Zusammenhang zwischen der Ausdehnung der Staatsquote und dem fordistischen Akkumulationsschub durchstossen, so wiederholt sich auf einer ganz anderen Ebene diese primär stofflich-technologische Verknüpfung von Staatsnachfrage und fordistischem Akkumulationsschub. Entscheidend für die unaufhaltsame Expansion der Staatsquote war nicht deren Nachfragewirksamkeit, entscheidend waren die veränderten Erfordernisse der stofflichen Produktion und Reproduktion. Der Vergesellschaftungsschub, den der Übergang zum „fordistischen Akkumulationsmodell“ mit sich brachte, führte zu einer sprunghaften Ausdehnung von Bereichen, die für die gesellschaftliche Reproduktion unumgänglich waren, sich aber einzelkapitalistischer Verwertung entzogen und daher dem Staat anheim fielen. Die Zunahme der produktiv vernutzten unmittelbaren Produktionsarbeit erforderte parallel dazu umfängliche Investitionen in die gesamtgesellschaftliche Infrastruktur, die selber aber auf breiter Front keinesfalls Warenform annehmen kann. Die nach dem Krieg anlaufende Massenmotorisierung etwa verlangte nicht nur die Massenproduktion von Automobilien, sie erforderte genauso die Schaffung eines umfänglichen Strassennetzes. Besonders krass führt uns diesen Sachverhalt vielleicht die stetige Ausdehnung der Bildungsinstitutionen vor Augen, die in allen wichtigen kapitalistischen Ländern unabhängig von deren politischen Präferenzen sich unaufhaltsam durchsetzte. Die neuen Methoden wissenschaftlicher Betriebsführung und die betriebswirtschaftliche Verwertung moderner naturwissenschaftlicher Erkenntnisse bedürfen selbstverständlich eines entsprechenden Menschenmaterials. Die fordistischen Fabriken kommen nicht mit gut konditionierten, Knöpfchen drückenden Halbaffen, wie sie Taylors grosser Vision entsprachen, aus. Sie hängen am anderen Pol ebenso von einem umfänglichen Reservoir qualifizierter Arbeitskräfte ab. Diese menschliche Potenz kann aber weder im Naturzustand von den Bäumen geschüttelt werden, noch sind die erforderlichen zugrundeliegenden allgemeinen Qualifikationsmerkmale dafür geeignet, im Einzelbetrieb unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten vermittelt zu werden. Mit dem wachsenden Gewicht allgemeiner, betriebsunspezifischer Qualifikationen im Arbeitsprozess wird es daher mehr und mehr zur Staatsfunktion, für die Bereitstellung eines adäquaten Arbeitskräftepotentials zu sorgen, und die allgemein-qualifizierenden Bildungsinstitutionen schwellen in einem historisch einmaligen Umfang an. Der Übergang vom „Bildungsnotstand“ zur „Bildungsschwemme“ ist kein historischer Ausrutscher, der von allzu reformfreudigen Politikern verursacht worden wäre, er entspringt notwendig dem allgemeinen Widerspruch, in dem sich das fordistische Akkumulationsmodell bewegt und an dem es schliesslich zugrundegeht. Der armselige Selbstzweck der Verwertung des Werts bricht sich an den Mitteln, derer er sich bedienen muss. Die Produktion des stofflichen Reichtums wird zusehends abhängig von der Leistung gesamtgesellschaftlicher Aggregate (Infrastruktur etc.), deren Anteil an der Herstellung von Gebrauchswerten sich nicht als Tauschwert darstellen kann 33. Der Widerspruch zwischen der allein herrschenden Wertbeziehung und den stofflichen Inhalten, die sich dieser Form energisch entziehen, kann unter kapitalistischen Bedingungen nur durch die Verstaatlichung dieser zentralen Sektoren überbrückt werden. Für die Verwertung des Kapitals hat diese Entwicklung prekäre Folgen, denn wenn die öffentlichen Arbeiten sich der Tauschwertproduktion sperren, so heisst das natürlich nicht, dass sie in einer warenproduzierenden Gesellschaft deshalb kostenlos wären. Im Gegenteil. Die vom Staat für diese Aufgaben verausgabten Mittel können nur durch Steuern, sprich Umverteilung aus dem wertproduktiven Bereich aufgebracht werden. In einer vom Wert konstituierten Gesellschaft nehmen auch die in ihrer Zwecksetzung von vornherein gesellschaftlichen Arbeiten Geldform an. Sie können es aber nicht als positiver Beitrag zur Wertschöpfung, sondern nur als faux frais. Der Staatskonsum ist real und nicht nur in der monetaristischen Propaganda eine schwere Bürde für die private Kapitalakkumulation. Stofflich zwar unumgänglich notwendig, wird sein exponentielles Wachstum vom Standpunkt der Tauschwertproduktion zum kaum tragbaren Luxus. Dieser Doppelcharakter führt dazu, dass der gigantisch gewachsene Staatskonsum in der Akkumulationskrise zum zusätzlichen und verschärfenden Moment wird (ein Moment, das in allen bisherigen Krisen kaum eine Rolle spielte), trotzdem aber auch unter Krisenbedingungen nicht beliebig zusammengestrichen werden kann. Da die Ausdehnung der Staatsquote nicht einfach das Eigengewächs der politischen Sphäre und das Ergebnis der siegreichen Kämpfe der Arbeiterklasse ist, wie es die Linkssozialisten in ihren Schriften so gerne phantasieren, sondern schlicht und platt den Notwendigkeiten des stofflichen und gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses auf fortgeschrittenem Produktivkraftniveau entspringt 33a, kann der Welfarestate auch nicht durch anders gelagerte politische Entscheidungen still und heimlich rückgängig gemacht werden, ohne den Reproduktionsprozess der Kapitalien wiederum, diesmal von der stofflichen Seite her in Frage zu stellen 34. Wie wir das Problem auch drehen und wenden, der grundsätzliche Antagonismus zwischen zunehmender Vergesellschaftung der Produktion und ihrer Formbestimmtheit durch den Tauschwert setzt sich auch in Bezug auf den Staatkonsum durch. Er erscheint hier als Widerspruch zwischen der wachsenden Notwendigkeit staatlicher Eingriffe für die Aufrechterhaltung des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses einerseits und der wachsenden finanziellen Last, die er für die wertproduktiven Sektoren andererseits bedeutet. In den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg wurde dieses Problem nur deshalb (noch) nicht akut, weil das Anwachsen der produktiv vernutzten, unmittelbaren Produktionsarbeit die Expansion des staatlichen Sektors und anderer wertmässig unproduktiver Bereiche in seinem Windschatten noch mehr als kompensierte. Trotz dieser günstigen Rahmenbedingungen war die öffentliche Hand aber schon während der Boomphase nicht in der Lage, ihre laufenden Ausgaben aus dem laufenden Steueraufkommen allein zu bestreiten. Weit entfernt, dem Keyneschen Konzept folgend die Staatsausgaben antizyklisch zu regulieren, wich die abstrakte Allgemeinheit schon sehr früh bei der Mittelbeschaffung auf den Kreditmarkt aus und löste ihre aktuellen Finanzprobleme durch einen Wechsel auf künftiges gesteigertes Wirtschaftswachstum. Schon in den Jahren der Hochkonjunktur stieg die Staatsverschuldung in allen kapitalistischen Kernländern langsam aber kontinuierlich an. Im Wirtschaftswunderland Deutschland, das auf diesem Gebiet noch einen sehr vorsichtigen, „konservativen“ Kurs fuhr, bewegte sich die Kreditmarktneuverschuldung von Bund, Ländern und Kommunen 1950 bei 1,22 Mrd. DM, kletterte 1960 auf 20,1 Mrd. und erreichte 1970, gegen Ende der Boomära bereits 91.52 Mrd. DM. Der säkulare Trend zur Finanznot der öffentlichen Hand, der sich schon in „guten Zeiten“ durchgesetzt hatte, musste sich mit dem Abflachen der Konjunktur enorm verschärfen. 1980 erreichte die Kreditmarktneuverschuldung bereits 430,75 Mrd DM, und auch die Wenderegierung brachte keine Veränderung sondern nur eine weitere Zuspitzung dieser Entwicklung. Die Verschuldung der öffentlichen Haushalte in der BRD kletterte im Zeitraum von 1980 bis 1987 von 468,61 Mrd DM auf 848,36 Mrd DM 35 Das für die 80er Jahre charakteristische Nebeneinander von erschlaffter Realakkumulation 36 und exponentiell steigender Staatsverschuldung kann als empirischer Beleg dafür genommen werden, wie wenig die Nachfragewirkung wachsender öffentlicher Ausgaben als dauerthaftes Subsitut für erlahmende „private Nachfrage“ taugt. Trotzdem bleiben alle reformistischen Krisenbewältigungskonzepte permanent in dieser Denkfigur stecken. Die linkssozialistische Platte hat hier ihren Sprung. Während das ständig wiederholte Credo: „kreditfinanzierte Ausdehnung des Staatskonsums“ von Umlauf zu Umlauf schriller klingt, bemerken die eifrigen Protagonisten diesen Umstand gar nicht. Sie empfehlen agnz unbekümmert und vertrauensselig man möge das lodernde Krisenfeuer doch mit Napalm zu löschen. Mit armseligsten und abgeschmacktesten Fassung dieses ausgelutschten Gedankens, geht wohl derzeit Karl Georg Zinn hausieren. Schon 1986 schrieb er seine bedingungslose Liebeserklärung an den Staatskredit.

„Die ökonomisch verständliche Vorliebe für ‚produktive` Kredite hat…manche Ökonomen und Wirtschaftspolitiker gegenüber der Tatsache blind werden lassen, dass es für die gesamtwirtschaftliche Stabilität immer noch besser ist, Kredite für ‚unproduktive` Zwecke aufzunehmen und damit jenes von den Ersparnissen der Haushalte gerissene Nachfrageloch zu stopfen, als sich einer allgemeinen Absatzkrise auszuliefern…Salopp formuliert lässt sich sagen ‚produktive` Schulden sind besser als ‚unproduktive`, aber wenn die Haushalte sparen, dann muss es irgendwelche Schuldner geben, sonst ist die Krise unvermeidbar. Fehlt es an Möglichkeiten der ‚produktiven` Verwendung von Krediten, so sind auch ‚unproduktive` Schulden gerechtfertigt. Denn der Nachfrageeffekt für die Gesamtwirtschaft ist der gleiche, ob nun Kredite für Investitionen, für Konsumgüter oder für staatliche Ausgabenerhöhungen aufgenommen wurden. Um es kurz an einem empirischen Beispiel zu erläutern: der US-amerikanische Wirtschaftsaufschwung von 1983/84 ist vorwiegend durch eine starke Ausweitung von kreditfinanzierten Ausgaben getragen worden. Die Kredite waren zudem überwiegend ‚unproduktiv`. Eindeutig trifft dies für die mit 14% im Jahr 1984 gewachsene Konsumentenverschuldung zu; aber auch die staatlichen Haushaltsdefizite sind vor dem Hintergrund des US-Rüstungsetats wohl kaum als ‚produktiv`, schon gar nicht im Sinne des Produktivitätsverständnisses konservativer Ökonomen einzustufen“ 37.

Zinn ist dumm genug sich in seinem begriffslosen Gestammel auch noch positiv auf die Reaganomics zu beziehen. Dabei zeigt gerade die US-Erfahrung handgreiflich, was immer schon unmittelbar einsichtig gewesen ist: Staatliche Kreditaufnahme stösst früher oder später auf immanente Schranken. Obwohl die hegemoniale Stellung der USA, und die Funktion des Dollars als Weltgeld der US-Administration den einmaligen Spielraum eröffnete ein Inlandscheinblüte auf Pump zu inszenieren, ist dieser Traum doch binnen weniger Jahre für die USA zum Trauma geworden. Der Anteil der Zinszahlungen an dem für das Jahr 1990 vorgelegten US-Haushalt beläuft sich bereits auf 14,8% 38 und stellt damit schon den drittgrössten Haushaltsposten dar. Die Staatsverschuldung insgesamt hat sich unter Reagan explosionsartig vermehrt. Entsprechend hat sich die Manövriermasse verringert, die dem neuen Präsidenten Bush noch bleibt.

Zinns Vulgärökonomik, mit ihrer pikanten Wendung zur Reganomicsapologetik, sticht aus dem linkssozialistischen Meinungspluralismus nur deshalb noch einmal besonders negativ heraus, weil Zinn auch noch Keynes gnadenlos vulgarisiert. Mit seinen Grundaxiomen schwimmt er aber durchaus im Hauptstrom linkssozialistischer Theoriebildung. Das Desinteresse an der Klärung zentraler theoretischer Fragen ist ebenso ein allgemeiner Zug dieses Debattenstrangs, wie die Flucht zu keynesianisch inspirierten Oberflächenkategorien. Die ökonomische Scharlatanerie eines Zinn kann nur deshalb im linkssozialistischen Theoriepluralismus mitschwimmen, weil die linkssozialistische Debatte insgesamt sich nur mehr auf Oberflächenphänomene fixiert und um entscheidende Probleme, wie die Unterscheidung von produktiver und unproduktiver Arbeit, einen grossen Bogen macht. Mit dem allgemeinen theoretischen Rückzug von Marx auf Keynes verschwanden die werttheoretischen Grundlagen aus dem Blickfeld, und die Irrungen und Wirrungen der alle entscheidenden kategorialen Unterschiede einebnenden Zirkulation vernebelten den analytischen Zugriff. Auch der Glaube an die Heilkraft des deficit-spending lebt in seinem Kern von diesem Standpunktwechsel. Plausibel erscheint der Ersatz von Akkumulation im wertschaffenden Bereich durch Staatskonsum nur vom Standpunkt des Einzelkapitals aus. Nur ist real der Standpunkt der gesamtgesellschaftlichen Wertschöpfung keineswegs identisch mit der blossen Summe der produktiven Kapitalien. Einige grundsätzliche Überlegungen mögen das verdeutlichen.

Betrachten wir zunächst isoliert die Akkumulation eines einzelnen Kapitals, so ist klar für dieses Kapital der Staat als Käufer ebenso gut wie jeder andere. Das Einzelkapital muss den von ihm produzierten Wert realisieren, das ist alles. Wer ihm dazu verhilft, ist ihm völlig gleichgültig. Mit dem Verkauf hört die Ware auf, ein Bestandteil dieses Kapitals zu sein, und damit endet auch jede Beziehung dieses Kapitals zu dieser Ware. Ihr weiteres Schicksal hat für den Einzelkapitalisten keinerlei Bedeutung. Ihn interessiert allein, dass er verkaufen kann. Was der Käufer mit dem Gekauften anfängt, ob er die erworbene Ware produktiv konsumiert, wegwirft oder verzehrt, ist dessen Privatangelegenheit. Die Frage, aus welchen Quellen der Käufer die Mittel zur Bezahlung schöpft, berührt den Verkäufer ebenso wenig. Im Händewechsel des abstrakten Reichtums ist die Zukunft der Ware, die das Kapital austauscht, ebenso ausgelöscht wie die Vergangenheit des Geldes, die es als Gegenwert dafür erhält. In diesem Akt hat nur das Hier und Heute, das stumme Sein des Geldes Gültigkeit. Das Auftreten des Staates als besondere Sorte Käufer ändert an diesem Verhältnis für das Einzelkapital selbstverständlich nichts. Die zusätzliche Nachfrage, gleichgültig aus welchen Quellen sie fliesst, wird sich in verstärkten produktiven Anstrengungen niederschlagen und die vernutzte produktive Arbeit wird anwachsen. Von dieser Perspektive leben alle nachfrageorientierten Wirtschaftsdoktrinen. Deren Standpunkt löst sich aber in Wohlgefallen auf, wenn wir nicht von der Oberfläche des Zirkulationsprozesses ausgehen, die alle Katzen unterschiedslos grau macht, sondern stattdessen auf die Produktion und Reproduktion des Werts zurückgehen 39. Wechseln wir die Ebene und betrachten wir nicht nur punktuell die Realisation eines Kapitals, sondern die Reproduktion des gesellschaftlichen Gesamtkapitals und dessen Akkumulation in ihrem zeitlichen Fluss, so reproduziert sich dieser Zusammenhang keineswegs. Nehmen wir den Reproduktionsprozess einer kapitalistisch verfassten Gesellschaft als ganzes ins Visier, so ist es alles andere als gleichgültig, auf welchem Weg die jeweiligen Käufer ihren Anteil aus dem abstrakten Reichtum beziehen und wie sie das Erworbene verwenden. In die gesamtgesellschaftlichen Akkumulationsfonds kann eine Ware nämlich nur eingehen, wenn sie produziert wurde, um selber wieder als Kapital verwandt zu werden. Alle Produkte, die dieser Bedingung nicht genüge tun und unproduktiv verausgabt werden, also nicht in den nächsten Produktionszyklen als Bestandteile eines Kapitals wiedererscheinen, verwandeln sich für das gesellschaftliche Gesamtkapital zu faux frais, auch wenn die in ihrer Erzeugung vernutzte Arbeit eindeutig als produktive, wertschaffende Arbeit zu klassifizieren ist. Was für das Einzelkapital die Realisierung des von ihm produzierten Werts brachte, ist gesamtgesellschaftlich dann trotzdem als Abzug in Rechnung zu stellen. In einer auf der Selbstverwertung des Werts beruhenden Gesellschaft sind daher grundsätzlich zwei Kategorien von Käufen zu unterscheiden. Auf der einen Seite Käufe von Waren, die selber wiederum unmittelbar in die Erzeugung von Tauschwert eingehen, auf der anderen Seite Erwerb von Waren für nicht produktive Zwecke. Zur ersten Sorte gehören sowohl alle Käufe von Produktionsmitteln als auch alle Käufe, mit denen die Ware Arbeitskraft, der variable Bestandteil des gesellschaftlichen Gesamtkapitals seine unmittelbare Reproduktion sicher stellt. Sie allein summieren sich zur Realakkumulation, von der die Lebens- und Entwicklungsfähigkeit des Kapitalverhältnisses abhängt. Die wertmässige Reproduktion des Kapitals, die von der Unterkonsumtionstheorie immer beschworene Realisierung, ist in letzter Instanz in diese Verflechtung eingefangen und vollzieht sich in deren Rahmen. Solange die Akkumulation problemlos voranschreitet, ist auch sie gesichert. Marx hat in seinen berüchtigten Reproduktionsschemata aus dem wirren Geflecht von Käufen und Verkäufen, wie sie auf der ökonomischen Oberfläche vonstatten gehen, die für die wertmässige und stoffliche Akkumulation wesentlichen Verknüpfungen herausgehoben und näher betrachtet. Er sah dabei bewusst von allen nichtkapitalistischen Konsumenten ab und beschränkte sich auf das Ineinander der Käufe der Kapitalisten und Arbeiter, um den Reproduktionsprozess des Kapitals „rein“ zu untersuchen. Wir können für unsere Zwecke, um den Akkumulationsprozess idealtypisch darzustellen, die Marxsche Abstraktion noch etwas weiter treiben und selber eine Schema konstruieren, in der die Kapitalisten allein als Charaktermasken des sich verwertenden Werts erscheinen und ausschliesslich dem Beruf der Akkumulation nachgehen. Diese Vereinfachung hat den Vorteil, dass wir so die Logik von Realisation des Mehrwerts durch Akkumulation idealtypisch darstellen können. Denn während Marx die Fleischlichkeit der lebendigen Kapitalisten in Rechnung stellte, indem er in seinen Schemata einen Teil des produzierten Mehrwerts unproduktiv zwischen den Kapitalistenzähnen verschwinden liess, übt sich unser entpersonalisiertes Kapital in vollkommener Askese, isst und trinkt nicht und kennt nur eine Beschäftigung, seine rastlose Vermehrung. Auf diese Weise kommen wir zu einem Reproduktionsschema, in dem der gesamte in einer Produktionsperiode erzeugte Wert im nächsten Produktionszyklus wiedererscheint. Wenn jede Mark Mehrwert in Lohn- und Anlagefonds fliesst, ergibt sich in Anlehnung an das zweite Beispiel für erweiterte Reproduktion im 2.Band des Kapitals (d.h wenn wir eine konstante Mehrwertrate von 100% und konstante organische Zusammensetzung unterstellen) folgendes Bild 40:

c v m av ac Produktenwert
Abt I 4000 1000 1000 200 800 6000
Abt II 1000 250 250 50 200 1500
5000 1250 1250 250 1000 7500
c v m av ac Produktenwert
Abt I 4800 1200 1200 240 960 7200
Abt II 1200 300 300 60 240 1800
6000 1500 1500 300 1200 9000
c v m av ac Produktenwert
Abt I 5760 1440 1440 288 1152 8640
Abt II 1440 360 360 72 288 1860
7200 1800 1800 360 1440 10500
c v m av ac Produktenwert
Abt I 6912 1728 1728 345.6 1382.4 10368
Abt II 1728 432 432 86.4 345.6 2292
8640 1860 1860 432 1728 12160

Die einzigen Konsumenten in unserem Schema sind die Arbeiter. Die Realisation der gesamten produzierten Wertmasse erfolgt also ausschliesslich durch deren Mägen hindurch, und trotzdem muss keine „Unterkonsumtionskrise“ eintreten. Die künftige Konsumtion der Arbeiter verschlingt die im gegenwärtigen Produktionszyklus angehäuften Wertmassen und vermittelt deren Rückverwandlung in Kapital. In unserer einfachen schematischen Darstellung drückt sich dieser Zusammenhang als Spezifizierung der aus den Marxschen Reproduktionsschemata vertrauten Gleichgewichtsbedingungen aus. Die Akkumulation hängt an zwei Voraussetzungen:

  1. muss innerhalb jeden Produktionszklus‘ gelten: vI = cII, sowie folgerichtig auch avI = acII
  2. zwischen aufeinanderfolgenden Produktionszyklen herrscht folgende Verknüpfung: Produktenwert in Abt II im Zyklus x = variables Kapital im darauffolgenden Zyklus.

Solange wir die organische Zusammensetzung belassen und auch ansonsten die Ausgangsbedingungen einfach fortschreiben, gilt dieser Zusammenhang allgemein. Verändern wir die Mehrwertrate (hier auf 150%) so bleibt dennoch diese Verknüpfung:

c v m av ac Produktenwert
Abt I 4000 1000 1500 300 1200 6500
Abt II 1000 250 375 75 300 1625
5000 1250 1875 375 1500 8125
c v m av ac Produktenwert
Abt I 5200 1300 1950 390 1560 8450
Abt II 1300 325 478.5 97.5 390 2212.5
6500 1625 2437.5 487.5 1950 10662.5

Wir haben damit die zirkulative Beziehung im Kernsegment des kapitalistischen Akkumulationsprozesses herausdestilliert. Betrachten wir den Reproduktions- und Akkumulationsprozess einer kapitalistisch verfassten Gesellschaft als ganzer, so ist klar, dass er seine Kraft und Wucht allein aus diesem Bereich bezieht, in dem die produktiv verausgabte Arbeit sich wertmässig perpetuiert und sich so dem Erlöschen in der blossen Konsumtion entzieht. Alle Käufe und Verkäufe, die sich nicht zwischen den Polen der Realakkumulationssphäre bewegen und den Stoffwechsel mit dem Rest des gesellschaftlichen Reproduktionszusammenhangs vermitteln, schlagen sich als gesamtgesellschaftliche Kosten und damit als Abzug von der gesamtgesellschaftlichen Realakkumulation nieder. Sie können daher das Erlahmen des Akkumulationsprozesses nicht konterkarieren, ihr wachsendes relatives Gewicht belastet im Gegenteil zusätzlich dessen Fortgang. Das gilt natürlich auch und in erster Linie für den Staatskonsum. Ein weiteres Schema mag das illustrieren. Gehen wir von unserem zweiten Schema aus, so kann durch die Einführung unproduktiven Staatskonsums 41 unser Wirtschaftsmechanismus unschwer auf Stagnation umgestellt werden. Wenn wir unsere schematische Darstellung um eine dritte Abteilung, die wertmässig unproduktiven Staatsausgaben, ergänzen, die den gesamten akkumulierten Mehrwert (ac+av) abschöpft, so ergibt sich folgendes Bild:

c v m Produktenwert
Abt I 4000 1000 1500 6500
Abt II 1000 250 375 1625
5000 1250 1875 8125
c v m Produktenwert
Abt I 4000 1000 1500 6500
Abt II 1000 250 375 1625
5000 1250 1875 8125
Abt III 1500 375
c v m Produktenwert
Abt I 4000 1000 1500 6500
Abt II 1000 250 375 1625
5000 1250 1875 8125
Abt III 1500 375

usw.

Abteilung 1 produziert zwar in jedem Zyklus einen Mehrwert von 1500, und Abteilung 2 einen von 375, diese Güter werden aber vom unproduktiven Sektor aufgesogen und können daher im nächsten Zyklus nicht mehr als Kapital wiedererscheinen. Die produktive Basis stagniert. Das von Abteilung I erzeugte Mehrprodukt verendet als staatliche Sachinvestition, das Mehrprodukt von Abteilung II erlischt im Konsum der staatlichen Almosen- und Gehaltsempfänger. Damit ist eins klar: Soweit der Staatskonsum aus dem aktuellen Steueraufkommen finanziert wird, fliessen in ihn Teile des gerade erzeugten Wertprodukts und er wirkt als unmittelbarer Abzug von der Realakkumulation.

Wenn zu seiner Finanzierung Kapitalien herangezogen werden, die sich ausserhalb der produktiven Basis im Kreditüberbau tummeln, ändert sich am grundsätzlichen Verhältnis natürlich nichts, die Schwierigkeiten werden damit nur zeitlich gestreckt und verlagert. Die Dazwischenkunft des Kreditsystems kann die aktuelle Belastung von der gegenwärtigen auf die künftige Realakkumulation umwälzen. Die Notlösung Staatsverschuldung funktioniert, sie funktioniert aber nicht unbegrenzt. Früher oder später müssen die gemachten Schulden zurückgezahlt werden und es kommt ans Licht, dass in letzter Instanz die aus dem Nachlassen der Realakkumulation entstehenden Probleme durch das Leben auf Pump nur angestaut und um ein weiteres Moment bereichert wurden 42. Die negativen Rückwirkungen der ins astronomische gewachsenen Staatsverschuldung werden am Beispeil der USA besonders deutlich. Das unter Reagan ins unermessliche gestiegene US-Haushaltsdefizit war nur durch eine Hebung des US-Zinsniveaus finanzierbar, die Investionen in die kränkelnden wertproduktiven US-Industrien zur unrentablen Kapitalanlage machte und zu einer gigantischen Umlenkung der Geldströme aus den darbenden produktiven in die unproduktiven Sphären führte. In den USA, aber nicht nur dort, haben spekulative Anlagen die produktive Verausgabung des akkumulierten Geldkapitals mehr und mehr verdrängt. Aber nicht allein das ist ein Problem. Selbst die unmittelbare Belastung durch Tilgungs- und Kreditzahlungen, die „finanziellen Altlasten“, sind zu einem ernsthaften Faktor innerhalb der staatlichen Ökonomie geworden. Schon heute fliesst der grössere Teil der staatlichen Kreditaufnahme in den Schuldendienst.

Vor der brutalen Wucht der sich anbahnenden Weltmarktkrise werden alle Hoffnungen in die Möglichkeiten staatlicher Wirtschaftspolitik und in die heilsame Wirkung des keynesianischen deficit-spending sich sehr schnell als völlig lächerlich und illusionär erweisen. Denn genauso wenig wie die Lehren von Keynes‘ real für die Überwindung der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre verantwortlich gemacht werden können, so wenig sind sie in der Lage, die Zuspitzung einer neuen weltweiten Akkumulationskrise zu verhindern. Der viel gepriesene „keynesianische Interventionsstaat“ hat nie die Geschicke der Wirtschaft gelenkt, er war immer nur Trittbrettfahrer des sich selbst tragenden fordistischen Akkumulationsschubs. Das Auslaufen des Nachkriegsbooms läutet das lange Sterben der keynesianischen Ideologeme ein, und der Weltmarkteklat wird schlagartig enthüllen, wie nackt dieser scheinbar im vollen Ornat prunkende Monarch doch immer schon gewesen ist. Sobald das Schiff der Weltwirtschaft in schweres Wetter gerät, zeigt sich, wie fragil das Ruder der staatlichen Nachfrageregulierung ist. Das imposante Instrumentarium wirtschaftspolitischer Steuerung erweist sich dann als sekundäres, abhängiges System, das am Kurs der säkularen Entwicklung der Absorption lebendiger produktiver Arbeit nichts ändern kann. Die Eigengesetzlichkeiten der Wirtschaftspolitik wirken zuguterletzt verschärfend (!) auf Zeitpunkt und Verlaufsform der krisenhaften Zuspitzung ein, sie sind aber weit davon entfernt, die Eigendynamik des ökonomischen Prozesses aus den Angeln zu heben.

1MEW 25 S. 261/262

2Paul Mattick in „Krisen und Krisentheorien“ Hrsg. Claudio Pozzoli Frankfurt 1974 S.58

3Schon grotesk naiv vertritt Klaus Winter in seiner Kritik an E.Mandels „Marxistischer Wirtschaftstheorie“ dieses Axiom. Vgl. „Aufsätze zur Diskussion“ 46, S. 82.

Aber auch andere Autoren gehen ganz selbstverständlich von dieser scheinbar naturgesetzlichen Verknüpfung aus. Elmar Altvater etwa zieht sie zur „Erklärung“ der aktuellen Entkopplung von monetärer Entwicklung und Realakkumulation heran. Für ihn sinkt mit dem Fall der Profitrate auch die Akkumulationsrate. Damit ist aber der stur weiter wachsenden Profitmasse der Weg zur Neuanlage in der Sphäre der Realakkumulation versperrt und sie wird auf die schiefe Bahn der Spekulation abgedrängt. Vgl. dazu den Aufsatz von Altvater „Bruch und Formwandel des Entwicklungsmodells“, in Jürgen Hoffmann (Hrsg.):“Überproduktion, Unterkonsumtion, Depression“, Hamburg 1983, S. 234/235.

4Denn wo soll der festgemacht werden, bei 5, 10, 100, 1 oder 0,1% Profit?

5MEW 25 S.228

6MEW 25 S.274

7Die Evidenz dieses Zusammenhangs steigt mit der bereits erreichten Ausgangshöhe des Mehrwerts und damit mit dem Entwicklungsstand des Kapitalverhältnisses. Je höher die Mehrwertrate bereits geklettert ist, desto geringer ist das absolute Anwachsen der Mehrwertmasse, das aus ihrer weiteren Steigerung resultieren kann. Ein simples Zahlenbeispiel mag das verdeutlichen. Nehmen wir eine kapitalistische Gesellschaft oder Fabrik an, in der 6000 Arbeitsstunden produktiv gearbeitet wird. Die Mehrwertrate sei zunächst 100% und steigere sich von Produktionszyklus zu Produktionszyklus um weitere 100%, während die Gesamtarbeitszeit konstant bleibe. Für die absolute Grösse der Arbeitszeit ergibt sich dann folgendes Bild:

Gesamtarbeitszeit Mehrwertrate Mehrwertmasse Anwachsen der Mehrwertmasse
6000 100% 3000 —-
6000 200% 4000 1000
6000 300% 4500 500
6000 400% 4800 300
6000 500% 5000 200
6000 600% 5143 143
6000 700% 5250 107
6000 800% 5333 83

8Diesen Punkt habe ich zusammen mit R.K. in dem Artikel „Der Klassenkampffetisch“ herausgearbeitet. Dieser Beitrag erscheint in der nächsten Ausgabe der „MK“. Ich verzichte daher darauf an dieser Stelle genauer auf diesen Zusammenhang einzugehen.

9In der gesamten marxistischen Krisendebatte wird die Betrachtung der Profitmasse und ihrer Entwicklungslinie strikt von der Profitrate getrennt. Die Profitmasse bleibt für gewöhnlich völlig ausserhalb des Blickfelds. Eine gewisse Sonderstellung nimmt hier allein Henryk Grossmann ein. Er ist die Ausnahme, die die Regel und das zugrundeliegende Prinzip bestätigt. Er wiederholt den gewohnten Fehler und stellt ihn andererseits gekonnt auf den Kopf. Für Grossmann hat die Profitratenentwicklung expressis verbis keinerlei eigenständige Bedeutung, sie taugt lediglich als Index für die Entwicklung der Profitmasse. Da er unter Profitmasse aber keineswegs den gesellschaftlichen Gesamtprofit versteht, sondern sie auf den „eigentlichen Profit“, den konsumierten Mehrwertteil beschränkt, bezieht sich auch seine Zusammenbruchstheorie keineswegs auf die hinter der Profitmasse stehende vernutze lebendige Arbeit. In Grossmanns System sinkt die von ihm begrifflich zurechtmalträtierte Profitmasse, obwohl die absorbierte lebendige Arbeit weiterhin im Anwachsen begriffen ist! Die Verbiegungen, zu denen er bei diesem Konstrukt Zuflucht suchen muss, habe ich an anderer Stelle („MK5“) bereits dargestellt, es erübrigt sich daher, hier auf diesen Zusammenhang einzugehen.

10Wenn ich in diesem Zusammenhang die faschistische Wirtschaftspolitk und die Keynessche Lehre in einem Atemzug nenne, so kommt dies nicht von ungefähr. Das nationalsozialistische Deutschland war wohl das erste Land, das sich wirtschaftspolitisch auf breiter Front auf das später nach Keynes benannte Instrumentarium ganz unbekümmert in wesentlichen Punkten einliess. Die Affinität zwischen Keynes und der faschistischen Wirtschaftspolitik (dass Keynes persönlich keinerlei Zuneigung zum faschistischen Denken verspürte, tut hier nichts zur Sache) kommt unter anderem in der Abkehr vom Weltmarkt und in der starken Binnenmarktorientierung zum Ausdruck. Das Streben relativ geschlossener Wirtschaftsräume nach Autarkie, wie wir es vom Dritten Reich kennen, galt Keynes als Voraussetzung dafür, dass die von ihm vorgeschlagenen Massnahmen überhaupt greifen können. In dem 1933 erschienenen Aufsatz „nationale Selbstgenügsamkeit“ schreibt er : „Ich sympathisiere .. mehr mit denen, die die finanzielle Verknüpfung zwischen den Nationen sehr stark lockern wollen, als mit denen, die sie zu steigern gedenken. Ideen, Wissen, Kunst, Gastfreundschaft, Reisen- das sind Dinge, die ihrer Natur nach international sein sollten, aber lasst Güter in der Heimat herstellen, wenn immer es sinnvoll und praktisch möglich ist, und vor allem lasst die Finanzen in erster Linie nationale sein“ ( zit. nach Harald Mattfeldt, Keynes, kommentierte Werkauswahl, Hamburg 1985, S.154).

Der Gedanke der Zurückdrängung des Welthandels und die Forderung nach Befreiung der nationalen Geldmärkte von internationalen Einflüssen kommen nicht von ungefähr. Keynes geht davon aus, dass die Verwirklichung seiner Pläne von einer niedrigen Zinsrate abhängen. Die staatliche Regulierung des Zinses kann aber nur innerhalb des nationalen Rahmens funktionieren und wird durch die weltwirtschaftliche Verflechtung konterkariert: „In der Tat mag aber die Umformung der Gesellschaft, die ich in erster Linie betrachten möchte, in den nächsten dreissig Jahren eine Reduktion der Zinsrate bis auf eine verschwindend geringe Höhe fordern. Aber in einem System, in dem die Zinsrate durch die Wirkung normaler finanzieller Kräfte … in der ganzen Welt ein einheitliches Niveau erreicht, ist eine Entwicklung in dieser Richtung ganz unwahrscheinlich“ (ebenda. S.157).

11Fritz Sternberg, „Der Faschismus an der Macht“, Hildesheim 1981, S.3

12Dieses Urteil trifft allerdings auf einen bedeutenden Ökonomen nicht zu. J.A. Schumpeter kritisiert seine „marxistischen“ und „bürgerlichen“ Zeitgenossen genau in dem von uns beschriebenen Sinne. Er schreibt 1942, zu einem Zeitpunkt, an dem die schliessliche Überwindung der „grossen Depression“ längst noch keine ausgemachte Sache war:

„Insbesondere besteht kein Anlass, auf die Art und Weise stolz zu sein, in der die Marxsche Synthese die Erfahrung des letzten Jahrzehnts erklärt. Jede anhaltende Periode der Depression oder der unbefriedigenden Erholung wird jede pessimistische Voraussage ebenso gut verifizieren wie die Marxsche. In diesem Falle wird ein gegenteiliger Eindruck erweckt durch das Gerede von mutlosen Bourgeois und erregten Intellektuellen, die durch ihre Befürchtungen und Hoffnungen unwillkürlich einen Marxschen Anstrich erhielten. Aber keine wirkliche Tatsache rechtfertigt irgend eine spezifische Marxsche Diagnose und noch weniger eine Schlussfolgerung, dass das, was wir erlebt haben, nicht einfach eine Depression war, sondern Symptome einer strukturellen Änderung im kapitalistischen Prozess,so wie Marx sie erwartete.“ (J.A. Schumpeter, „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“, München 1975, S.86.

13Keynes war sich seiner eigenen Stellung zur klassischen Nationalökonomie vollkommen bewusst. Im Vorwort zur ersten deutschen Ausgabe seines Hauptwerks greift Keynes bei der Beschreibung des Stellenwerts seines Ansatzes selber zu der von uns gewählten Metapher, um die Schärfe seiner Abgrenzung zu rechtfertigen: „Wie ich …die Punkte, in denen ich von der anerkannten Doktrin abweiche, hervorgehoben habe, ist in gewissen Kreisen in England als übermässig kontrovers betrachtet worden. Aber wie kann einer, der in englischer wirtschaftlicher Orthodoxie erzogen wurde, sogar einmal ein Priester jenes Glaubens war, einigen kontroversen Nachdruck vermeiden, wenn er zum erstenmal Protestant wird?“ (John Maynard Keynes, „Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“, Berlin 1936, S. VIII)

14An hervorgehobener Stelle, im ersten Kapitel schreibt Keynes dies explizit : „Ich werde darlegen, dass die Postulate der klassischen Theorie nur in einem Sonderfall, aber nicht im allgemeinen gültig sind, weil der Zustand, den sie voraussetzt, nur ein Grenzpunkt der möglichen Gleichgewichtslagen ist. Die Eigenheit des von der klassischen Theorie vorausgesetzten Sonderfalls weichen überdies von denen unserer gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnisse ab, und ihre Lehren werden daher irreführend und verhängnisvoll, wenn wir versuchen, sie auf die Tatsachen der Erfahrung zu übertragen.“ (ebd. S. 3)

15Klaus-Martin Groh, „Die Krise der Staatsfinanzen Systematische Überlegungen zur Krise des Steuerstaates“ Frankfurt/M. 1978, S. 40.

16Bei Keynes „general theory..“ entsprechen sich Umfang und Inhalt ziemlich genau. Beide sind ausgesprochen dünn bemessen.

17Ein Theoretiker wie Goldscheid, der sich schon während des 1. Weltkriegs mit der geänderten Rolle des Staates für die kapitalistische Wirtschaft beschäftigt hatte, machte sich beim eigenen, bürgerlichen Publikum durch seine „staatssozialistischen“ Untertöne suspekt. Nur ein flacherer, dafür aber im bürgerlichen Sinne „ideologiefreier“ Theoretiker konnte der gewachsenen Bedeutung des Staates Rechnung tragen, ohne das Selbstverständnis der bürgerlichen Wirtschaftswissenschaften völlig zu sprengen.

18Gerd Hardach, „Geschichte der Weltwirtschaft im 20 Jahrhundert“, Band 2, München 1973.

19ebd. S. 163.

20Das gilt insbesondere für den angelsächsischen Raum. In Deutschland dagegen kristallisierten sich schon während des Krieges Strömungen heraus, die die wachsende Bedeutung des Staates durchaus nicht als einmalige historische Entgleisung betrachteten, die es so schnell wie irgendmöglich zu revidieren gelte. In erster Linie wäre hier Rudolf Goldscheid zu nennen. Ihr Einfluss blieb allerdings relativ gering. Die Position von Goldscheid ist in Rudolf Hickel (Hsg.), „Die Finanzkrise des Steuerstaates. Beiträge zur politischen Ökonomie der Staatsfinanzen“, Frankfurt 1976, recht breit dokumentiert.

21Otto Barbarino: Geldwert, Konjunktur und öffentlicher Haushalt, München 1981 S. 113

22ebd. S.114. Diese Aussage ist insofern bemerkenswert, als sie andeutet, wie allgemeinverbindlich das keynesianische Credo in der praktischen Wirtschaftspolitik, und zwar, zumindest in der BRD, in all ihren Spielarten, geworden ist. Bei dem Autor handelt es sich nämlich um einen erzkonservativen Ministerialdirektor im Bayrischen Finanzministerium.

23Die britische Regierung tut sich hier besonders rühmlich hervor, und Keynes polemisiert ganz zurecht seit Anfang der 20er Jahre gegen diese Politik, die die ökonomischen Potenzen des Landes fast planmässig erdrosselt.

24Diese Sicht wird heute auch von der bürgerlichen Wirtschaftswissenschaft unisono vertreten. Vgl. etwa Charles Kindleberger und Otto Barbarino.

25ebd. S. 38

25Das gilt auch für die linkssozialistischen Theoretiker, die neuerdings mit dem Begriff des Akkumulationsmodells hausieren gehen. In der Angst, keinesfalls „monokausal“ zu argumentieren, zerfällt ihnen ihr „fordistisches Akkumulationsmodell“ in eine üppige Vielzahl sich durchkreuzender technischer, ökonomischer und politischer Faktoren, die die Geschichte der Absorption lebendiger Arbeit bestenfalls unter ferner liefen kennt.

26Paul A. Baran, Paul M. Sweezy, „Monopolkapital. Ein Essay über die amerikanische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung“, S. 174.

27Paul Mattick, „Krisen und Krisentheorien“, Frankfurt 1974, S. 133.

28ebenda, S. 131.

29Besonder hübsch bringt Mattick seine Windungen, mit denen er eine empirisch nicht erscheinende Krisenwesenheit konstruiert, in seiner Polemik gegen Gillman aufs Papier. Nachzulesen in „Kritik der Neomarxisten“, Frankfurt, 1974.

30Harald Mattfeldt, „Keynes“, Hamburg 1985, S. 46 f..

31Natürlich kann sich auch die linkssozialistische Diskussion um den Interventionsstaat der platt empirischen Tatsache nicht einfach verschliessen, dass die unproduktiven, staatlichen Tätigkeiten finanziell vom Funktionieren der Wertproduktion abhängen. Sie geht trotzdem aber davon aus, dass der „politische Faktor“ in der unauflöslichen Ehe von abstrakter Allgemeinheit und abstrakter Reichtumsproduktion letzlich doch den Spielraum zur freien Gestaltung sich erkämpfen könne. Dabei bleibt der Wunsch stets Vater des Gedankens. Das Ideologem und Volksvorurteil von der Herrschaft der Politik springt als deus ex machina vollkommen unabgeleitet und unbegründet den von den schnöden Fakten hart bedrängten linkssozialistischen Theoretikern hilfreich zur Seite. Besonders schön, ja schon klassisch ist die Hickelsche Version dieses allgemeinen Motivs. Rudolph Hickel weiss insgesamt nicht sehr viel, aber zumindest ist ihm klar: „Der ausserhalb privater Wertschöpfung stehende Staat kann sich im Kern lediglich durch die Abschöpfung dieser finanzieren. Damit wird ein früherer Hinweis verständlich, demzufolge der Staat seine aufgabenspezifischen Interventionen auf die Sicherung und Erweiterung der Konkurrenzökonomie konzentrieren muss, denn diese ist -wie sich jetzt zeigt- seine Finanzierungsgrundlage. Die Finanzierungsfähigkeit des Staates hängt von der Entwicklung privater Wertschöpfung unmittelbar ab“, S.13. Rudolf Hickel als Herausgeber und Vorwortschreiber zu Rudolf Goldscheid/Joseph Schumpeter „Die Finanzkrise des Steuerstaates Beiträge zur politischen Ökonomie der Staatsfinanzen“ ,Frankfurt 1976, S.13.

„Die zwangsmässige, d.h. steuerliche Abschöpfung der privaten Wertschöpfung unterliegt einer prinzipiellen Grenze. Abstrakt ist die Grenze dadurch charakterisiert, dass die Abschöpfung ihre Quelle, die werteschaffende Ökonomie, nicht zum Versiegen oder, besser, zum ‚Schrumpfen` bringt“, (ebenda S.13). Diese Überlegungen haben aber nur auf abstrakter Ebenene Bedeutung. „Praktisch-konkret“ sind sie ohne Belang. Real sind, wie sich jeder Lieschen-Müller-Marxismus mit Erfolg einredet, jene mystisch-dunklen „Kräfteverhältnisse zwischen den Klassen“ das entscheidende Kriterium für die weitere Entwicklung: „Ähnlich wie bei der Analyse des Funktionskorridors des Interventionsstaats lässt sich die Besteuerungsgrenze nur in ihrer prinzipiellen Bedeutung abstrakt bestimmen; in ihrer realen Ausprägung ist sie durch die politischen Kräfteverhältnisse, die sich im Staat reproduzieren determiniert“ (ebenda S.13.)

32Vgl in diesem Zusammenhang den zentralen Artikel von Robert Kurz aus der „MK“1, „Krise des Tauschwerts„.

33Das soll natürlich nicht heissen, dass die gewerkschaftlichen und sonstigen Kämpfe keinerlei Bedeutung bei der Herausbildung des staatlichen Sektors gespielt hätten. Allein, wo sie erfolgreich waren, verdankten sie ihre Siege dem Umstand, dass sie Forderungen auf ihre Fahnen schrieben, die im Trend lagen, also einem entwickelteren Kaptialverhältnis nur adäquat und förderlich waren. Das schliesst die Auseinandersetzung mit empirischen Kapitalisten und Kapitalfraktionen natürlich nicht aus, aber auch die verliefen, in der BRD zumal, bekanntlich eher gesittet und im grundsätzlichen sozialpartnerschaftlichen Einverständnis.

33aDie Reprivatisierung verstaatlichter Bereiche hat eine absolute Grenze. Sie liegt dort, wo Einschnitte in die Infrastruktur die Reproduktionsfähigkeit einer modernen Industriegesellschaft in Frage stellen. Die in die Tiefe zielenden Entstaatlichungsideologeme, mit denen etwa Mrs. Thatcher schwanger geht, müssen die Kernbereiche der unproduktiven Staatsausgaben aussparen, will sie Grossbritannien nicht auch in der Konkurrenz der führenden kapitalistischen Staaten auf das Niveau eines 3.Welt-Landes herunterdrücken. Folgerichtig bestand ihre reale Reprivatsierungspolitik fast ausschliesslich in der Verschleuderung verstaatlichter Industrien (Pünktlich zum Börsenkrach 1987 wurde die BP in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, und das gleiche Schicksal trifft derzeit die verstaatlichten Bereiche der britischen Stahlindustrie).

34Quelle Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung, München, 1988.

34Der Beschäftigungsboom, mit dem die Reaganadministration hausieren ging, beschränkte sich vollständig auf den unproduktiven Sektor. Die Beschäftigtenzahlen im Dienstleistungbereich wuchsen zwar in den 80er Jahren in den USA real an, die klassischen Industriezweige dagegen erlitten enorme Arbeitsplatzverluste, die durch die Entstehung weniger Spitzentechnologien (Computer etc.) bei weitem nicht wett gemacht wurden. Die USA sind dabei kein Einzelfall, sondern zeigen nur wie im Brennglas die Entwicklung des Weltmarkts insgesamt. Auch in der BRD konzentrierten sich alle Beschäftigungszuwächse auf die unproduktive Sphäre. Die Wachstumsbranche Nummer 1 waren auch hierzulande Banken und Versicherungen.

35Karl Georg Zinn, „Arbeit, Konsum, Akkumulation“, Hamburg, 1986, S.41 f..

36Quelle:“Frankfurter Rundschau“ vom 11.1.1989

37Dieser Rekurs auf die den Zirkulationsphänomenen zugrundeliegende Ebene der Wertproduktion und -reproduktion ist aber nur innerhalb der Marxschen Werttheorie möglich. Alle bürgerlichen Theoreme, die seit 100 Jahren die Arbeitswertlehre ersatzlos fallen gelassen haben, verschliessen sich damit selbstverständlich auch von vornherein den Weg zur analytischen Durchdringung der Erscheinungen auf der Marktoberfläche. Das gilt insbesondere auch für die Keynesche Theorie. Keynes‘ Dreh- und Angelpunkt ist die vollkommen unspezifische, rein auf den blossen Austausch fixierte Kategorie Einkommen.

Diese grundlegende Beschränktheit müssen natürlich auch die mittlerweile zahllosen „linken“ Interpretationsversuch dieser Theorie transportieren. (Genauso wie sich die ehemals „marxistischen“ Soziologen zunehmend auf Max Weber zurückziehen, haben die „marxistischen“ Ökonomen seit einigen Jahren fast geschlossen Sir Maynard Keynes zur theoretischen Fluchtburg auserkoren.) Diesen Zusammenhang können wir schon mustergültig an der wohl ausgefeiltesten linken Keynesrezeption, bei Stephan Krüger verfolgen. Krüger siedelt in seiner Arbeit „Keynes contra Marx?“ das Werk von Keynes „gewissermassen zwischen der klassischen (und neoklassischen) Ökonomie einerseits, der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie andererseits“ (Stephan Krüger, „Keynes contra Marx?“, Hamburg 1984, S. 14) an und erhofft sich von Keynes tiefere Einsichten in die von Marx nicht näher analysierten Oberflächenphänomene. Mit diesen ungerechtfertigten Vorschusslorbeeren für Keynes ist das Endresultat seiner Anstrengung schon vorgezeichnet. Statt die von Keynes thematisierten Problemfelder im Sinne der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie auszuleuchten, fährt Krüger die marxistische Theorie auf das oberflächenbornierte Niveau des Keynesschen Ansatzes zurück und kann am Schluss seines Buches nur mehr ganz allgemein auf eine der Zirkulation zugrundeliegende Produktionsebene verweisen, um ganz abstrakte und nichtssagende Forderungen nach Änderungen in der Produktionsstruktur zu stellen.

38In unserer schematischen Darstellung steht, analog zu den Marxschen Reproduktionsschemata im 2.Band des Kapitals, Abteilung I für den Teil des gesellschaftlichen Produkts, der aus Elementen des konstanten Kapitals besteht, Abteilung II für die Konsumgüterproduktion. m umfasst den in den Abteilungen produzierten Mehrwert, av setzt sich aus dem akkumulierten und schliesslich für zusätzliche Lohngüter verausgabten Teil des Mehrwerts, ac aus dem zusätzlichen, neu akkumulierten konstanten Kapitalteil zusammen.

39Auf der Abstraktionsebene, auf der wir uns hier bewegen, sind die konkreten Mechanismen des Steuersystems irrelevant. Da wir unterstellen, dass die Arbeitskraft sich zu ihrem Wert reproduzieren kann und nicht durch die Steuerlast unter dieses Niveau gedrückt wird, kommt als einzige andere primäre Einkommensquelle in einer durchkapitalisierten Gesellschaft nur der Mehrwert in Betracht.

40Was für die Entwicklung von Staatausgaben und Staatsschulden gilt, ist allgemein für die gesamte Entwicklung des unproduktiven Sektors und des Kreditüberbaus charakterstisch. Die Aufblähung des unproduktiven Sektors kann zwar einstweilen die ökonomischen Krisensymptome übertünchen, aber nur, damit seine eigene unvermeidbare Krise künftig mit umso verheerenderer Gewalt auf die wertproduktive Basis zurückschlägt. Die grundlegende Krise der Wertproduktion wird erst einmal von der Eigendynamik der abgekoppelten Bereiche überlagert, aber nur, damit der Zusammenbruch der Kredit- und Finanzsphäre zum Fanal der akuten Weltmarktkrise werde. In der gegenwärtigen Situation zeichnet sich der bevorstehende Eklat bereits auf verschiedenen Ebenen deutlich ab.