31.12.1990  Beitrag drucken

Die Quadratur des Kreises

Funktionsmechanismus und Zusammenbruch der sowjetischen Planökonomie

„Bevor er in die blaue Flut gesunken,

Träumt noch der Schwan und singet todestrunken;

Die sommermüde Erde im verblühn,

Lässt all ihr Feuer in den Trauben glühn;

Die Sonne, Funken sprühend, im Versinken,

Gibt noch einmal der Erde Glut zu trinken,

Bis, Stern auf Stern, die Trunkne zu umfangen,

Die wunderbare Nacht ist aufgegangen.“

Joseph Freiherr von Eichendorff

Johanna W. Stahlmann

Einleitung: der Zusammenbruch des Realsozialismus

Es ist ein Phänomen der beginnenden neunziger Jahre, dass eine von Endzeitphantasien zu Aufschwungsjubilieren sich wandelnde Zeitgeiststimmung mit wachsender ideologischer Verunsicherung und Perspektivlosigkeit sich paart.

Der offensichtlich werdende Zusammenbruch der realsozialistischen Gesellschaftsform ist ein augenfälliges Beispiel für dieses Dilemma: Freilich feiert man den Sieg von Markt und Demokratie, aber freilich nicht ohne einen Hauch von Angst vor der eigenen Courage. Es ist nicht allein der Kollaps eines jahrzehntelang wohlgehegten Feindbildes, es ist die immanente Orientierungslosigkeit des fetischistischen Denkens der isolierten Wertmonade selbst, deren komplementärer Gegensatzpartner, der dumpfsolidarische Kollektivismus, sie nunmehr, indem er sich selbst entleibt, in ihrer Reinheit sich entblössen lässt und erst dadurch ihre Hohlheit ohne Ausrede auf die Tagesordnung setzt.

Die ziellose Konsumentalität des modernen Auto-Individuums, welche nichts anderes ist als die „Subjektivität“ der schlechten Unendlichkeit des kapitalistischen Verwertungsprozesses, muss nun beim Tageslicht der historischen Verantwortungsübernahme beweisen, ob nach dem Arbeiten um des Arbeitens willen, dem Geldverdienen um des Geldverdienens willen, dem Konsumieren um des Konsumierens willen noch irgendeine Potenz in ihr steckt. Die Entleertheit dieses abstrakt- quantitativen Progresses der Akkumulation um ihrer selbst willen, ist die rationale Grundlage all des Gefasels um den Erhaltenswert der angeblichen solidarischen, sozialen und familiäreren Elemente des Realsozialismus, der Sehnsucht nach der Wärme des Karnickelzüchtervereins. Der reale Inhalt jener Romantisierung war und ist wohl eher der eines brutalen unmittelbaren Existenzkampfes, der sich mehr und mehr in Pogromen entlädt, das erwärmende daran wohl eher Ideologie von der widerlichsten Sorte, die als Sozialismus verkaufen muss, was in Wahrheit nur eine rückständige Form von Kapitalismus ist.So krude sich dies dem Blick im Nachhinein darstellt, so sehr konnte es für eine ziemlich lange Periode zur Sinnstiftung dienen und die freie Sicht auf die wirklichen Lebensformen verstellen.

Je mehr nun die Fakten ans Tageslicht kommen, desto getroster kann man die sozialistische Ideologie, denn mehr war es nicht, auf den Müllhaufen der Geschichte wandern lassen, in der Gewissheit, dass ihr keine mehr folgen wird, die negative Gesellschaftlichkeit in ihrer Nacktheit zurückbleibt, nicht mehr in Ost und West getrennt, sondern als Totalität.

Dem westlichen Kapitalismus aber wird eine Perspektive nicht allein in der Hinsicht einer allgemeinen Sinngebung abverlangt werden; beweisen müssen wird er sich auch und vor allem ganz praktisch und unmittelbar ökonomisch. Was bei den Ländern Afrikas und Lateinamerikas jämmerlich scheiterte, sie an der frischen Luft des Weltmarkts zu entwickeln, soll nun am Beispiel des Ostblocks, wo man es durchaus gewohnt ist Nationalstaaten als Reagenzgläser zu betrachten, vorexerziert werden. Wie die Aasgeier stürzen sich „Wirtschaftsexperten“ auf die breiten Experimentierfelder, die ihnen anscheinend die Möglichkeit des Von-Null-Anfangens suggerieren. Jämmerliche historische Zufallskonzepte a la Ludwig Erhard werden zu allfähigen Modellen stilisiert und damit versucht, die frisch verstorbene Illusion der Herrschaft der Politik über die Ökonomie in Hau-Ruck-Manier wiederzubeleben, ohne zusammenhängende Strategie, aber mit der Überzeugung des Praktikers, der niemals fragt, ob, was einmal geklappt hat, immer klappen muss.

Der Euphorie aber ist die Desillusionierung bereits inhärent, und so halten sich Skeptiker und Jubelperser im Einzelnen fast schon die Waage, während sich auf allgemeiner Ebene Freiheitspredigt und das Misstrauen des gesunden Menschenverstandes gegenüberstehen. Es ist nicht so sehr die Erkenntnis, dass die Langeweile von Geld und Formaldemokratie für ein Banner nicht mehr taugt, welche die fröhliche Vereinnahmung vermiest, sondern, wie es einer Zeit des „Sieges“ der ökonomischen Praxis entspricht, vor allem die pure Angst vor den Kosten. Denn so unsicher die Finanzmärkte sind, ob sie einen nochmaligen Verschuldungsschub verkraften können,, so sehr fürchtet der Pfeffersack um seinen Taler; so schnell die DDR-Phantasie in einen Verfall der Renten abkippte, so schnell verwandelten sich die Verbrüderungsszenen in abgebrannte Trabbies.

Der Unmittelbarkeit des Weltmarkts, deren Opfer die Länder des Realsozialismus, trotz Schutzwällen, gerade geworden waren, soll nun die offene Verantwortung übertragen werden. Was mit den DDR-Betrieben passieren wird, wenn sie demnächst der Marktlogik überantwortet werden, dürfte überzeugend darlegen, wie wenig die Marktwirtschaft noch zur Erweiterung fähig ist und möglicherweise sogar einen der Weltmarktsieger mit in den Strudel reissen.

Mit dem Bankrott des Sozialismus in Polen und der DDR hat eine Entwicklung ihre letzte Phase erreicht, die mit grossen Reformkonzepten und Hoffnungen begann und auf einen langwierigen Krisenprozess des Realsozialismus zurückgeht, der erst mit der Aussenhandelskrise in den 80er Jahren seine akute Dynamik gewann und katatstrophische Dimension annahm. Während allerdings der polnische Sozialismus mittlerweile seine Selbstentleibung öffentlich zelebriert, versucht man in der Sowjetunion immer noch mittels einer gezielten Reform, den Anschluss an die Moderne zu finden, dabei von Krisen und Zerfallserscheinungen geschüttelt, aber mit einem Führer versehen, der es sogar noch schafft, zum Idol der westlichen Jungmonaden zu avancieren.Die Verbindung von Managerpragmatismus mit der Aura des mittlerweile zur Popperromantik verkommenen Leninismus, schaffte dieses Wunder, ein Wunder allerdings, das von der geschmacklosen Realität bereits kräftig angenagt wird.

Das Festhalten an der sozialistischen Phraseologie muss mehr und mehr als notwendige Verkleidung eines geschützten Übergangs in die offene Weltmarktlogik betrachtet werden, eine berechtigte Angelegenheit, bedeutete jener Sozialismus doch nie etwas anderes als den Versuch, die Verwertungslogik bewusst bzw. politisch auszunutzen. Nachdem nun diese Logik in ihren Grundzügen durchgesetzt ist, scheint jener seine Aufgabe darin zu finden, sich selbst aufzuheben, paradoxerweise per eigenem Plan. Empirisch drückt sich dies darin aus, die Betriebe per Dekret dazu zu zwingen, ihre Logik nicht mehr nach dem System der Dekrete auszurichten, sondern nach der Spontaneität des Marktes.

Stückweise soll also in der Realität der sozialistische Löffel abgegeben werden, während die „sozialistische Utopie“ in der Phrase von direkter Demokratie und Selbstverwaltung der Betriebe noch nachglüht und die unterschiedlichsten Klientel in ihren Bann zieht: Für die zarteren Seelchen erstrahlt darin die Sehnsucht nach Frieden und Basisdemokratie, die Wärme der solidarischen Gesellschaft (man denke nur an die rumänische Wettervorhersage), die besseren Rechner sehen grosse Möglichkeiten der Mitbestimmung im Verkauf von Belegschaftsaktien, bei dem die Arbeiter ihren Kaufkraftüberhang im Kauf ihres eigenen Eigentums eliminieren sollen; die Popper finden Lenin-Anstecker einfach irgendwie geil.

Dieser seltsame Zusammenhang von realem Verfall und ideologischem Nachglühen erzeugt den diffusen Blick auf die Umwälzung des realen Sozialismus, der allenthalben zu bemerken ist. Seine Grundlage ist in dem Paradox des Sozialismus angelegt, Motor einer nachholenden kapitalistischen Akkumulation im Osten und der Demokratisierung im Westen gewesen zu sein und gleichzeitig den Anspruch einer Transzendenz, der Sehnsucht nach einer Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise und ihrer Grausamkeiten formuliert zu haben.

Die Integration der Arbeiterbewegung in die westliche Demokratie, die von ihr wesentlich erst mitentfaltet wurde, war dabei das geringere Problem. Viel schwerwiegender war der Versuch einer nachholenden Akkumulation im Osten und in etlichen Ländern der Dritten Welt, die vor dem Widerspruch standen, den „naturwüchsig“ historisch sich herausbildenden Prozess der Wertvergesellschaftung „bewusst“ (in Wahrheit mit dem doppelten Fetischschleier des „sozialistischen Werts“), planmässig nachholen zu müssen. Nur so konnte das heute so absurd erscheinende planwirtschaftliche Konstrukt zustande kommen.

Der Wert als angewandter Mechanismus

„Darf eine lösen Dir der Schuhe Band,

Dir? Die so manchen Plan gesponnen,

Der, wenn er im Oktober fertig war,

Schon im November zu vergehn begonnen.

Dante

1

Was wir als Wertvergesellschaftung bezeichnen, und was gängigerweise den Namen Kapitalismus trägt, ist ein Verhältnis voneinander unabhängiger Privatproduzenten, deren sozialer Zusammenhang kein direkter ist, sondern sich mehr oder weniger vermittelt, negativ, hinter dem Rücken der Protagonisten, herstellt – ökonomisch über den Markt, politisch über die demokratischen Institutionen. Vermittlungsform dieses Prozesses ist der Wert, als gesellschaftlich versteinerte Abstraktion, die die negativ vergesellschafteten Teilproduzenten ihrem Handeln unbewusst voraussetzen. Um ihre Produkte über den Tausch aufeinander bezeihen zu können, bedürfen sie dieses Dritten, der Fiktion gesellschaftlich durchschnittlicher Arbeitszeit, die sich wesentlich spontan über den Markt herstellt.

Der Warenproduzent stellt Produkte arbeitsteilig für Andere her, wobei ihm der Inhalt seiner Arbeit, sowie seiner Ware, gleichgültig ist; was ihn interessiert ist die Menge Geld, die er dafür bekommt. Die Arbeit wird dadurch abstrakt, Arbeit um der Arbeit willen, „Arbeit sans phrase“ – wertschöpfende Arbeit. Diese abstrakte Arbeit, in der die lebendige Arbeit nur noch als Mittel der toten Arbeit, inkarniert im Geld, erscheint, hat weder unmittelbar Gebrauchswert zum Zweck, er ist nur Mittel und Träger des Tauschwerts, noch ist sie ein bewusst stattfindender Prozess. Die augenfällige Absurdität dieser abstrakten Arbeit liegt in ihrer Gleichgültigkeit gegenüber ihrem Produkt, welches durchaus destruktiv sein kann, solange bei seiner Produktion nur verwertbarer Wert geschaffen wurde.

Das Erscheinen lebendiger Arbeit als ihr Gegenteil, als Inkarnation vergangner Arbeit, kann sich seinem Wesen nach, als Verhältnis voneinander isolierter Privatproduzenten, nur spontan, über den Markt herstellen. Er ist die chaotische Prüfungsinstanz dafür, ob die Arbeit des Wertschöpfers ihrer gesellschaftlich durchschnittlichen Vorgabe entspricht, welche selbst nur eine Fiktion ist, sich eben nur zufällig, über Unmengen von Kaufs- und Verkaufsakten herstellt. Dieser sich naturwüchsig entwikkelnde Prozess wird quasi zur zweiten Natur der Wertmonade (als Betrieb, wie als Individuum),deren wesentlicher Inhalt ihre Privatheit als Gegensatz zum gesellschaftlichen Zusammenhang bleibt, auch wenn die Vergesellschaftung stofflich längst allgemein geworden ist. Sowohl als Produzent wie als Konsument steht die vernetzte Monade ein für ihre individuellen Interessen, im strikten Gegensatz zu denen Anderer und dem im Staat inkarnierten abstrakten Gesamtinteresse. Ökonomisch entfaltet sich dieser Individualismus als betriebswirtschaftliche Vernutzungslogik, als Gleichgültigkeit gegenüber Prozess und Ergebnis und als Konkurrenz gegenüber den Marktkontrahenten.

Der Sozialismus (in Theorie und Praxis) sass nun zwei Hauptillusionen auf: einmal, man könne jenen hinter dem Rücken der Individuen sich durchsetzenden Prozess der Verwertung bzw. dessen Marktvermittlung durch staatliche Planung substituieren, ja sogar unter Kontrolle bringen und zum zweiten, ihm durch diese Bewusstmachung eine Art Gebrauchswert- also am unmittelbaren Nutzen der Gesellschaft orientierte -Logik aufzwingen.Im Leninschen Begriff des Staatskapitalismus ist diese Paradoxie auf den Punkt gebracht: die konkurrierenden Kapitalsubjekte mit ihren bornierten Sonderinteressen unter dem Hut der abstrakten, weil eben von den besonderen Interessen abgekoppelten, Allgemeinheit Staat und von diesem zum Handeln im Sinne des Proletariats gezwungen.

Diese besondere Form der bürgerlichen Subjektillusion, der Vorstellung, dieses prozessierende Interessenchaos sei unter Kontrolle eines irgendwie gearteten Metasubjekts – das Kapital, der Staat, die Politik – ,mit der speziellen Konsequenz, das Proletariat könne sich an dessen Stelle setzen, konnte nur entstehen und durchschlagen auf Basis der historischen Sonderstellung Russlands, als rückständigem Land, indem eine kommunistischen Partei die Macht übernahm, die einerseits zunächst Wert und Geld abschaffen wollte, andererseits aber deren Logik erst gesamtgesellschaftlich durchsetzen musste. Im Lauf einer durchaus widersprüchlichen Entwicklung überlistete die Notwendigkeit das subjektive Wollen und so ging es in der Sowjetunion, rückblickend gesehen, nur um die Entfaltung der Wertvergesellschaftung, allerdings in einer besonderen Form, eben einer nachholenden, der sich zur Absurdität, welche der Wert als solcher bereits darstellt, die Absurdität der vermeintlich bewussten Nachholung jenes unbewussten Prozesses als zweiter Fetischschleier hinzugesellt.

Die Kommunisten waren für diese unmögliche Aufgabe besonders gut geeignet, da sie ohne grössere psychische Probleme auf die einzige vorliegende Analyse des kapitalistischen Gesamtprozesses zurückgreifen konnten, die Marxsche Theorie, die dabei jedoch eine eklatante Umdeutung erfahren musste. Was von Marx grundsätzlich als Kritik der politischen Ökonomie angelegt war, wurde für die Marxisten zu einer blossen Handlungsanleitung, die kritische, negierende Theorie verkam zu einem Anhängsel einer zweifelhaften gesellschaftlichen Praxis. Im Laufe der Zeit wurde die gesamte Marxsche Negation zu einer positiven „Theorie des Sozialismus“, in die vom „sozialistischen Wert“ bis zur „sozialistischen Kapitalakkumulation“ alles eingeführt wurde.Diese Umdeutungsaufgabe war sicherlich keine leichte, ihr standen jahrzehntelang die Theoretiker in den eigenen Reihen als Kritiker gegenüber und Väterchen Stalin sah sich schliesslich genötigt, den Knoten mit der Methode des dialektischen Materialismus zu zerschlagen, wobei er selbst sich bekanntlich noch mit dem ideologischen Problem der Existenz von Ware und Geld in der sozialistischen Gesellschaft herumschlug. Die Reformer der 60er jahre haben diese Frage bereits abgehakt.

Die eigentlichen Schwierigkeiten aber lagen in der Entwicklung der Realität, nicht so sehr in der Anpassung einer querliegenden Theorie an dieselbe, zumal letztere bereits vorher, innerhalb der Arbeiterbewegung eine entsprechende Zuschneidung erfahren hatte, etwa in den Phrasen vom „gerechten Lohn“ oder „werteschöpfenden Arbeiter“. Im Missverständnis des Werts als dinghafter Substanz, nicht als gesellschaftlichem Verhältnis (auch Verhalten und Denken implizierend), ist die Illusion seiner Berechenbarkeit und Planbarkeit fundamental angelegt.

Die Wirklichkeit aber wartete zunächst mit einigen knallharten stofflichen Problemen auf, so dem Aufbau von Industrie und Infrastruktur, auf der subjektiven Seite der Herausbildung einer Arbeiterklasse durch den Arbeiterstaat, Notwendigkeiten, die man grundsätzlich als solche der Umwälzung eines Agrarlandes bezeichnen kann; Probleme die zunächst einmal vom Staat durchaus zu lösende Aufgaben darstellen, sich mittels Planung bzw. Gewalt durchsetzen lassen. Hier konnte die „Gebrauchswertlogik“ in Form einer rigiden gesamtnationalen Tonnenplanung eine positive, sprich: entwickelnde Rolle spielen. Abschottung vom Weltmarkt sowie ein gigantischer Zwangsapparat waren Voraussetzung für diese Rolle. Die stoffliche Entwicklung ist aber niemals unabhängig von ihrer gesellschaftlichen Formbestimmtheit und wir werden noch sehen, wie sich aus der im nationalen Bereich produktiven Planung für die „Mikroebene“ der Betriebe durchaus destruktive Folgen ergeben, die selbst wiederum ins „Makrooekonomische“ umschlagen.

Wie gesagt, fand die gesellschaftliche Entwicklung der Sowjetunion nicht in einem quasi rein stofflichen, „wertfreien“ Raum statt, sondern sie erfüllte gleichzeitig die „objektive“ Aufgabe der Entfaltung einer Wertvergesellschaftung, der Auflösung der agrarischen Gesellschaft durch die famosen Ware-Geld-Beziehungen. Es ist schon viel Tinte ob der Frage geflossen, inwieweit diese formelle Nachholung denn notwendig gewesen sei, dass alte Russland mit seinen traditionellen, auf Gemeineigentum aufgebauten Dorfgemeinschaften nicht direkt zum sozialistischen Kollektivismus hätte springen können. dazu ist zu sagen, dass natürlich auf Basis einer modernen Umwelt durchaus solche Sprünge möglich sind, nicht aber im Rahmen einer nationalen Abschottung gegen einen sich entfaltenden Weltmarkt; noch wichtiger aber ist der Einwand, dass jener dumpfe Kollektivismus nichts, aber auch gar nichts, mit einer Gesellschaft zu tun hat, in der die durch den Individualismus hindurchgegangenen Menschen sich als umfassend bewusste (also vor allem gesamtgesellschaftliche, nicht dörfliche) Subjekte direkt, ohne Dazwischenkunft von Geld, aber auch ohne naturhafte Tradition, miteinander vermitteln.

Die Aufgabenstellung der sowjetischen Entwicklung war also objektiv klar, so unklar sie den Subjekten, vor allem dem Übersubjekt Partei war: die Entfaltung einer betriebswirtschaftlichen Logik, also an Verwertung interessierter Privatproduzenten, seien es nun Betriebe, Kombinate oder Branchenministerien unter treibhausmässiger Abschottung vom Weltmarkt (um die jungen Pflänzchen nicht zerstören zu lassen), durch einen gesamtnationalen Plan, der neben seinen stofflichen Zielen die Aufgabe bekam, die Einzelbetriebe zur Produktivität anzustacheln und zentrale Marktfunktionen (Preiskontrolle, Kapitalfluss, Allokation der Ressourcen etc.) zu ersetzen. Diese Substitution ist bis heute die zentrale Funktion der Planung. Die voneinander unabhängigen betriebswirtschaftlichen Einheiten, die allein ihrer abstrakten Vernutzungslogik folgen, bedürfen einer Vermittlungsinstanz, als welche normalerweise ein mehr oder weniger offener Markt fungiert. In einem rückständigen Bereich oder Land aber wirkt die Marktlogik destruktiv, weil das Kapital in die profitableren Sektoren fliesst. Die gezielte Entwicklung eines rückständigen Landes und darin bestimmter Sektoren bedürfte also einer vorläufigen und teilweisen Aufhebung jener Marktlogik und ihrer Ersetzung durch eine andere Form, die des zentralen Plans.

Wie aber sollte eine solche Planung aussehen, die gleichzeitig eine stoffliche Entwicklung gewährleisten, eine eigene betriebswirtschaftliche Vernutzungslogik entfalten und dabei den Markt, seine automatischen Kontroll- und Verteilungsfunktionen substituieren sollte? Wie war eine geplante Anhäufung von „Wert“ und seine Verteilung in die gewünschten Sektoren denkbar?

Bekanntermassen rechnet der Plan mit zweierlei Mass: einmal wird stofflich geplant in Tonnen, Metern, etc., zum Anderen in Geld, wie es der anerkannten Existenz der Warenproduktion entspricht. Haben wir nun hier deutlich getrennt zwei Gesellschaften vor uns? Auf der einen Seite die stofflich- gebrauchswertorientiert-sozialistische, auf der anderen die Geldform als Überbleibsel des Kapitalismus? Mitnichten!

Die berüchtigte >Tonnenplanung< besagt nämlich noch nichts über die Qualität des Produkts, sondern bestimmt nur seine Quantität, schliesst Produktion als Selbstzweck, als Akkumulation abstrakter Arbeit nicht aus , ja es entspricht sogar der Logik des Werts, die abstrakte Produktenmenge auf seine Fahnen zu schreiben, da er nicht um sich selbst weiss, nicht direkt hohe Arbeitszeitverausgabung, sondern hohen Produktenverkauf anstrebt.Um die Anhäufung und Verteilung von Wert dreht sich aber der Plan, die Anhäufung von Gebrauchswerten als Träger von Wert ist sein Inhalt, weshalb er diese auch in Geldeinheiten ausdrücken muss, um überhaupt noch eine Kontrolle zu haben, wenn schon nicht über den Inhalt von Produktion und Produkt, so doch wenigstens über die Kosten.

Die Zentrale plant also in Tonnen, um wenigstens abstrakt- quantitativ den Inhalt der Produktion zu bestimmen, und sie plant in Geld, um einerseits eine Kostenkontrolle zu gewährleisten (die sich ja nicht aus der Quantenplanung selbst ergibt) und andererseits Kapital in bestimmte Bereiche zu lenken, also die Verteilungsfunktion eines Kapitalmarktes zu substituieren. Die Planung in Geld ergibt sich im Übrigen aus der Tatsache, dass der Wert letztlich keine real auffindbare Grösse ist. Produktion und Verteilung von Wert sind aber ihr Inhalt, wobei sie dem entscheidenden Missverständnis aufsitzt, dass der Wert, weil er in der Produktion entsteht, durch Verausgabung lebendiger Arbeit, auch unmittelbar durch Feststellung des Produktionsaufwands planbar sei. Zur Verwandlung lebendiger in tote Arbeit, also in Wert, bedarf es aber der gesellschaftlichen, sprich: Marktvermittlung, also der Herstellung der gesellschaftlich durchschnittlichen Arbeitszeit, die wiederum nur indirekt über den Markt gemessen werden kann.

„Der wirkliche Wert einer Ware ist aber nicht ihr individueller, sondern ihr gesellschaftlicher Wert, d.h. er wird nicht durch die Arbeitszeit gemessen, die sie im Einzelfall dem Produzenten tatsächlich kostet, sondern durch die gesellschaftlich zu ihrer Produktion erheischte Arbeitszeit.“ Kapital I S. 336

Der Privatproduzent entdeckt erst im Nachhinein, ob sein Produkt ihr entsprach, die Planzentrale aber bescheinigt es den ihren im voraus, was die Betriebe von vorneherein einer Verbesserungs- und Verwohlfeilerungslogik enthebt, während sie selbst nunmehr die endlose Arbeit des Berechnens jenes gesellschaftlichen Durchschnitts vor sich aufbaut. Mit dieser ihrer logisch unmöglichsten Marktersetzungsfunktion wird sie zum Bürokratie-und Zwangsapparat.

Die Gleichschaltung der individuellen Arbeitszeiten zur gesellschaftlich durchschnittlichen Arbeitszeit kann nur die blinde Spontaneität des Marktes gewährleisten, da es sich um eine Abstraktion handelt, die sich ständig neu auf indirektem Wege herstellen muss, nicht um etwas real vorhandenes, das es nur zu suchen gälte. Es liegt eine gänzlich als normal angesehene Absurdität darin, zwischen den unzähligen individuellen Formen eine Gleichschaltungsform finden zu müssen, die nie wirklich Vermittlung sein kann, sondern immer nur Zwang. Auf diese Weise bringt die bürgerliche Gesellschaft die Doppelleistung hervor, einerseits als Privatproduktion die Illusion reiner Individualität erst zu schaffen, bei gleichzeitiger Notwendigkeit zu permanenter Gleichschaltung, was jene Individualität zu einer schlecht-unendlichen, in permanenter Konkurrenz sich zwanghaft gegen den Gleichschaltungsmechanismus beweisen müssenden, macht. Die Gleichschaltung bleibt dabei aber immer eine spontan- indirekte, die sich als blinder Mechanismus zwischen den Individuen und Betrieben herstellt. Der Versuch, sie bewusst durchzuführen, hemmt quasi beide Seiten: einerseits die Gleichschaltung selbst, indem er sie als direkten Zwang erscheinen lässt und damit den Individuen gegenüberstellt, andererseits die Individualität, indem er die schlechte Unendlichkeit zwangsweise zu hemmen versucht.

Gerade auf betrieblicher Ebene ist dies fatal, indem zunächst einmal die Produktion von Wert vorgegeben wird, dieser dann aber per Dekret auf die gesellschaftliche Durchschnittlichkeit zurechtgestutzt werden soll.Es entsteht so eine Art Spiel zwischen Teilproduzent und abstrakter Allgemeinheit um die Anerkennung des individuellen Werts als gesellschaftlichem, das verschiedene Stufen durchmacht, die wir vom Widerspruch zwischen Privatproduzent und abstraktem Gesamtinteresse her aufzurollen versuchen.

2

Die Zentrale stellt also einen Plan in Tonnen und Geldwert auf, den die Betriebe nun geflissentlich zu erfüllen suchen – soweit zumindest in der Theorie. Wie aber verhalten sich die Betriebe real zum „gesamtgesellschaftlichen“ Plan? Zunächst noch ein paar grundsätzliche Worte vorweg.

Ein Privatproduzent im Sinne kapitalistischer Vergesellschaftung über den Wert muss nicht eine natürliche Person, etwa ein dickbäuchiger Kapitalist, sondern kann auch eine Aktiengesellschaft, ein multinationaler Konzern, ein selbstverwalteter Betrieb oder ein Kombinat sein. Entscheidend für den Charakter als Wertproduzent sind seine isolierte Stellung, die einem blinden Zusammenhang entspricht, und sein Sonderinteresse gegenüber andern Betrieben und der Gesamtgesellschaft, sein notwendiger Blick auf die eigene Verwertung, nicht auf die gesellschaftlichen Folgen. Dieses negative gesellschaftliche Verhältnis macht ihn zum Privateigentümer, unabhängig davon, ob er auch einen juristischen Titel besitzt; denn der Begriff des Privateigentums definiert sich zunächst als Verhältnis von Privatproduzenten, was deren reale Verfügung und Nutzung im Gegensatz zum Gesamtinteresse einschliesst, die juristische Bestimmung aber faktisch zweitrangig macht.

Zentral für den gesellschaftlichen Mechanismus ist nicht, dass mir Betrieb und Produktionsmittel gehören und dass ich über sie rechtmässig verfüge, sondern wie und für was ich sie nutze, ob im eigenen Interesse und auf eigene Rechnung oder für den „Nutzen“ der Gesamtgesellschaft. Der Warenproduzent oder Privateigentümer aber ist nur durch die Marktkonkurrenz gezwungen, einigermassen sinnvoll zu produzieren, zumindest so, dass sein Produkt noch gekauft wird, was bekanntermassen ein sehr relatives Kriterium ist.

Existieren nun im Realsozialismus derartige Teilproduzenten, die im Gegensatz zueinander und zur Gesamtgesellschaft stehen? Die offizielle Ideologie ging bisher immer davon aus, dass dies nicht der Fall sein dürfe:

„Die Betriebe werden durch das sozialistische Eigentum an den Produktionsmitteln und die sozialistische Staatsmacht zu einem einheitlichen Ganzen vereinigt.“ Wörterbuch der Ökonomie – Sozialismus 1973 S.154

Diese Vorstellung der Gesellschaft als Gesamtfabrik in der es keine Scheidung der Produzenten gibt, wirft allerdings die Frage auf, wieso trotz Gemeineigentums und Einheitlichkeit der Staat als Zwangsapparat und das Geld als Wertvermittlungsinstanz notwendig sind. Mit einer „freien Assoziation der Produzenten“ kann die „Vereinigung durch die sozialistische Staatsmacht“ wohl kaum verwechselt werden, sie suggeriert eher die Zusammenkettung voneinander unabhängiger Privateigentümer.

Die Reformer erkennen denn auch bereits den Widerspruch an, den sie dann dummerweise ausgerechnet über eine Affirmation der Wertlogik kitten zu können meinen:

„Um bei der Preisbildung das richtige Verhältnis und einen volkswirtschaftlichen Nutzen zu gewährleisten, dass, was für die Gesellschaft gut ist, auch für den Betrieb gut sein muss.“ Aganbegjan 1989 s. 39

Die Harmonie, die der Staat nicht zustande brachte, soll nun der Markt herstellen. Beidemal liegt eine gewaltige Illusion über den Charakter der Warenproduktion zu Grunde, deren Protagonisten als stoffliche Arbeitsteiler missverstanden werden, die prinzipiell dem Gemeininteresse dienen, sei es geplant, sei es über die „invisible hand“ des Marktes. Für den „westlichen“ Kapitalismus lässt sich diese Auffassung mit Leichtigkeit widerlegen, sei es durch drastische Beispiele aus dem Umweltschutzbereich, sei es durch die prinzipielle Gleichgültikeit der Wertform gegenüber ihrem stofflichen Inhalt, die nur nach der Verkäuflichkeit von Produkten fragt, nicht nach den gesellschaftlichen Folgen.

Steht es mit den realsozialistischen Wertproduzenten wegen ihrer Bindung an den Plan und damit an das „Gemeininteresse“ grundlegend anders? Der Harmonisierungstendenz der Ideologie stehen die Berichte über das reale Verhalten gegenüber, wie sie seit 70 Jahren weitergegeben werden. So schreibt Pollock schon 1927:

„Strumilin kommt zu dem Schluss, dass nicht die Fehlrechnungen, sondern die mangelnde Plandisziplin die Hauptschwäche und die grösste Gefahr der Planarbeit darstelle.“ Pollock 1927 S. 335

Also selbst wenn man von der Richtigkeit des Plans ausgeht, muss es irgenwelche Sonderinteressen der Betriebe, Branchen oder Privatpersonen geben, die sie dazu bewegen, sich nicht dem im Plan inkarnierten (ich sage abstrakten, weil den Individuen fremden) Gemeininteresse gemäss zu verhalten. Aus dem Jahre 1989 aber bekommen wir dasselbe Bild des Nach-mir-die-Sintflut – Warenproduzenten:

„Unter dem bürokratischen Lenkungssystem ist der Hersteller daran interessiert, seine Produktion loszuwerden und dann nicht mehr daran zu denken.“ Aganbegjan 1989 S. 57

Wie der naive Reformer darauf kommt, ein Produzent für einen freieren Markt hätte eine grundsätzlich andere Einstellung, wäre eine Untersuchung über die Ideologiegläubigkeit realsozialistischer Wissenschaftler wert, für uns aber ist interessant, dass die Betriebe sich ihrem eigenen Interesse gemäss verhalten und der Plan ihnen äusserlich gegenübersteht, bzw. sie über ihn nur ihre eigenen Ziele zu verfolgen suchen. So dreht sich denn die ganze Reformdebatte der 80er Jahre darum, wie die Betriebe dazu zu bringen sind, im „gesellschaftlichen Interesse“ zu produzieren, was die Existenz ihres Sonderinteresses und dessen Gegensatz voraussetzt. Wie aber drückt sich ihre spezifische betriebswirtschaftliche Logik aus?

Zunächst einmal darin, dass die Betriebe sich dem Planrahmen entsprechend verhalten: von ihnen wird gefordert, eine bestimmte Ware mit einem bestimmten Wert zu produzieren, beides gemessen in Quantitäten, einmal naturalen, einmal geldförmigen, woraus sich zwei in der Literatur sattsam bekannte Phänomene ergeben, die der jeweiligen Planform entsprechen. Die stoffliche Seite der Planung des Werts zeitigt folgende Logik:

„Angenommen zum Beispiel, der Direktor eines sowjetischen LKW-Transportunternehmens muss einen Plan in Tonnen-Kilometer erfüllen; sein Bestreben, möglichst keine Ladungen über kurze Entfernungen zu transportieren, ist kein Fehler, sondern eine rationale Anpassung an das System, in dem er tätig ist.“ Alec Nove 1980 S. 13

Der Betrieb hat so die von ihm geforderte stoffliche Leistung gebracht, einen Gebrauchswert als Basis des Tauschwerts geliefert, ohne sich dabei aber im geringsten um den gesellschaftlichen Nutzen zu kümmern.

Weiterhin wird von ihm gefordert, einen bestimmten „Wert“ zu produzieren, der ihm in Geldform vorgegeben wird, also letztlich immer in realen Produktionskosten, die der Produzent zu verbrauchen hat. Je mehr dieses seltsamen „Werts“ er verröstet, desto leichter erfüllt er seinen Plan, je mehr Wert er von Vorprodukten auf sein Produkt überträgt und je mehr Neuwert er durch Vernutzung von Arbeitskraft schafft, desto „wertvoller“ ist sein Produkt und dementsprechend seine Prämien, sein Gewinn.

„Der sprichwörtlich unstillbare Appetit sowjetischer Betriebe auf alle Arten des Input, sei es in Form menschlicher oder maschineller Arbeitsleistung, scheint der Wahrheit zu entsprechen. Das hat einen weit massiveren Einsatz von Produktionsfaktoren zur Folge als es weltweit üblich ist oder in der Sowjetunion erforderlich wäre.“ Hewett 1989 S. 43

Die Betriebe scheinen also eine äusserst geringes Interesse zur Verwohlfeilerung zu haben, zumindest was ihre planmässige Produktion betrifft. Der Widerspruch zwischen betriebswirtschaftlicher Vernutzungslogik und abstraktem Gesamtinteresse bedingt aber prinzipiell eine Tendenz der Unternehmen Überschüsse über dem Plansoll, schwarz zu verscherbeln, und dabei nicht die schlechtesten auszusuchen, was besonders in der Landwirtschaft eine grosse Rolle spielt, aber auch im Investitionsgütersektor. Auf diesem Weg setzt sich die betriebswirtschaftliche Logik seit langem frei durch, ohne dabei das Plansoll zu verfehlen, allein mit verfügbaren Überschüssen, die legal oder illegal ein gigantisches Ausmass erreicht haben: der Schwarzmarktumsatz in der Sowjetunion etwa wird auf 8o Mrd. Rubel geschätzt (Moscow news, Mai 89).

Klar dürfte sein, dass hier das Privatinteresse überwiegt, und der öffentlichen Knute soviel wie möglich versucht wird abzutrotzen. Ebenso klar dürfte geworden sein, dass es keine Einheit von einzelbetrieblichem und Gesamtinteresse gibt, dass die Betriebe zwar Produktion auf der Basis der Verwertung des Werts betreiben und die Planung kein anderes Ziel verfolgt als diesen Wert zu planen, beide aber bei aller Gutwilligkeit darüber in Widerspruch geraten. Die ihrem Anspruch nach gesamtgesellschaftliche Planung muss fundamental an dem ihr vorausgesetzten Privatinteresse scheitern, demgemäss die Betriebe tun, was ihrer individuellen Verwertungslogik , nicht was einer imaginären gesellschaftlichen Wertgesetzmässigkeit entspricht. Die Warenproduktion setzt sich trotz Planung als blinder Zusammenhang durch und lässt das Gemeininteresse zum äusserlichen Zwang werden, der die verinnerlichte Wertlogik ex post kontrollieren und zügeln soll.

3

Ebenso wie die Wertlogik den Plan stört, behindert aber auch der Plan die Entfaltung der Wertlogik. Es wurde bereits gesagt, dass die Ersetzung des Marktes durch den Plan die Wertlogik dahingehend desavouiert, dass sich der Wert, bestimmt als gesellschaftlich durchschnittliche Arbeitszeit, an sich nur hinter dem Rücken der Produzenten durch unzählige Markvermittlungen herstellen kann, nur als gesellschaftlich versteinerte Fiktion existiert und permanentem Wechsel unterworfen ist. Durch die bürokratische Festlegung (oder besser den Versuch) erfährt diese spontane Vermittlung notwendigerweise einen Knacks, eine Hemmung ihrer normalen Entwicklung, deren erste Stufe das Ausetzen des Verwohlfeilerungszwangs der Marktkonkurrenz ist.

Entscheidender Mechanismus der Marktsubstitution ist die Finanzierungs- und Abnahmegarantie, welche die knallharte Kontrolle des Marktes zur, in den gesellschaftlichen Konsequenzen ebenso harten, Beliebigkeit werden lässt, indem sie der Fiktion aufsitzt, den „wirklichen Wert“ berechnen zu können, was den Betrieben die Chance eröffnet ihren „individuellen Wert“ zum gesellschaftlichen zu machen oder dies zumindest zu versuchen. Zur abstrakten Möglichkeit, den Plan per Kosten zu erfüllen, kommt die Garantie hinzu, dass das Produkt abgenommen und bezahlt wird, was im Rahmen der betriebswirtschaftlichen Vernutzungslogik nur eine Konsequenz haben kann:

„Die Überzeugung, dass ihm alle Erzeugnisse abgenommen werde, enthebt den Lieferbetrieb in hohem Masse der Sorge um die Qualität seiner Produkte….“ Palterowitsch 1985 S.33

Diese Finanzierungs- und Abnahmegarantie ist es schliesslich auch, die für die gesamtwirtschaftlichen Ungleichgewichte, vor allem den gewaltigen Geldüberhang verantwortlich ist. Galt noch für den ersten Jahresplan 1925/26 das Prinzip der Haushaltsfinanzierung mittles des konvertiblen Tscherwonez-Rubel, was ihn deshalb unfinanzierbar machte, so war für den Entwurf 1926/27 bereits ein Wachstum der Geldmenge um 22% vorgesehen (Pollock 1927). Seitdem ist es die Regel, die Finanzierung der Betriebe durch die Notenpresse und damit eine versteckte Geldentwertung zu gewährleisten. Der festgestellte „wahre Wert“ wird auf diesem Wege bezahlt, die im System der Wertplanung angelegte Kosteninflation durch Geldinflation beglichen.

Die Betriebe gewinnen auf diese Weise eine im Westen unvorstellbare Freiheit, Schrott zu produzieren, denn die eigentliche Kontrollinstanz für den Gebrauchswert einer Ware ist der Markt; der Plan hingegen legt nur Menge und Geldquantität fest, abgesehen von einzelnen Qualitätskennziffern, die die unzähligen Bestimmungen eines Gegenstandes jedoch kaum erschöpfen. Aber auch wenn eine offensichtliche Verfehlung nachgewiesen werden kann, steht der Staat für die Folgen finanziell gerade. Die „Gebrauchswertplanung“ zeitig demgemäss Ergebnisse, die dem äusseren Betrachter als unsägliche Lächerlichkeit erscheinen:

aus Nürnberger Zeitung, 28.1.90

Dem Beispiel liessen sich noch etliche hinzufügen, die ein ebensolches Licht auf die Qualitätskontrolle der Tonnenplanung werfen: Prinzipiell kann zunächst einmal Scheisse produziert werden, dann wird im nachhinein kontrolliert, der Kontrollinstanz können wieder Erleichterungen abgerungen werden, die dann wieder übertreten werden und am Schluss kommt hinein, was die Schamgrenze des Produzenten zulässt. Die Zentrale kauft dies Produkt dann ab, der Betrieb verrechnet soviel Kosten wie möglich.

Doch bedarf die Warenproduktion neben der indirekten Kontrolle des Marktes auch einer direkten, die vor allem in der Bedrohung mit Sanktionen besteht und unzählige Gesetzbücher füllt. Dem Privatproduzenten ist eben nicht zu trauen. Natürlich gibt es auch im Realsozialismus solche Strafmöglichkeiten in Hülle und Fülle, sie scheinen jedoch nur bei strafrechtlich relevanten Tatbeständen zur Anwendung zu kommen, etwa nach dem Zusammenbruch unzähliger Häuser beim Erdbeben in Armenien, deren Fundamente aus Schutt bestanden (SZ 20.6.89, Pressedienst 2 S.139). Ein Vertragsrecht jedoch, das Fristgerechtigkeit und Qualität von Lieferungen gewährleistet, scheint nicht zu funktionieren:

„Der Lieferbetrieb verletzt häufig die Vertragsdisziplin, braucht aber in der Regel kaum Sanktionen zu befürchten. Höchstens in jedem zehnten Falle kommen Sanktionen zur Anwendung und nur in 0,15% der Fälle ersetzen sie voll den Schaden.“ Bunitsch 1982 S. 204

Die Reformer nennen dies die „Macht der Produzenten über die Konsumenten“. Das aber war der Ausgangspunkt: Der Produzent ist die Basis, er schafft die Werte, seine Arbeit ist es, die geplant wird. Da jeder Produzent aber gleichzeitig Konsument von Produktionsmitteln etc. ist, beisst sich hier der Produktivismus in den Schwanz und führt in der Realität zum Autarkiebestreben der Unternehmen, d.h. dem Bestreben nach grösserer Produktionstiefe, zu Zwecken der Unabhängigkeit des Wertproduzenten von seinen Konkurrenten. Wir haben damit eine weitere Funktion des Marktes, die die Planlogik untergräbt, indem sie sie zu ersetzen vermeint – die einer breiten gesellschaftlichen Arbeitsteilung.

Durch die Abnahmegarantie verschärft sich die Tendenz zur Anhäufung „abstrakter Arbeit“, vom blossen Desinteresse an Kostensenkung auf Grund der rein quantitativen Planung zum positiven Interesse, die Kosten möglichst zu steigern, da ein billigerer Produzent sich kaum melden wird, denn die Finanzierung ist so oder so gesichert. Damit aber ist der Stachel zur Steigerung der Arbeitsproduktivität gleichsam abgeschnitten, vor allem in der Hinsicht, dass es keinen Grund gibt, lebendige Arbeitskraft freizusetzen, denn sie gilt ja per se als wertschöpfend und wird deshalb unabhängig von ihrer Notwendigkeit finanziert. Die famose Arbeitsplatzgarantie ist also nichts als eine Form der Wertfinanzierung, mit den gleichen Folgen:

„Zum Beispiel hat sich der Direktor einer Gerätebaufabrik im Nowosibirsker Raum, darüber beklagt, dass rund ein Drittel seiner 600 Mitarbeiter im Sommer für drei bis vier Monate „verschwände“, um Erzeugnisse aus dem eigenen Garten zu verkaufen. Daran verdienen sie offenbar mehr als in ihrem Betrieb.“ Hewett 1989 S. 32

Wenn der Betrieb nicht liefern muss, muss auch der Arbeiter nicht arbeiten; wenn der Betrieb für den Schwarzmarkt produziert, arbeitet der Arbeiter schwarz – beide scheinen keine Angst vor der Rechenschaft zu haben, sie rechnen mit der Finanzierung. Sollte diese wirklich einmal gestrichen werden oder gar eine Strafe verlangt, so hat man vielleicht auf dem Schwarzmarkt etwas viel Begehrteres eingetauscht als wertloses Geld. Die Arbeitsplatzgarantie scheint dabei wirklich die schärfste Form zu sein, ganz dem Wertschöpfungsprimat entsprechend. Es ist evident, dass diese Form der Einsaugung von Arbeit, der Zeit entstammt, in der sich das planwirtschaftliche Modell entwickelt hat und in der es darum ging, eine Arbeiterklasse, als Basis der Industrie erst entstehen zu lassen. Die Produktion des absoluten Mehrwerts, als einfache quantitative Ausdehnung der Arbeitszeit, steht dabei im Mittelpunkt.

Die Logik der Verwertung hat die Existenz eines freien Marktes zur Prämisse, der einen Zwang zur Verwohlfeilerung und ein gewisses Mass an Qualitätskontrolle, bei Strafe der Unverkäuflichkeit setzt. Mit der Aushebelung dieser Selbstkontrolle durch die Finanzierungs-und Abnahmegarantie, wird die Planzentrale vor die Frage gestellt, die Pollock als die Grundfrage der sowjetischen Geschichte bezeichnet:

„… ob und auf welche Weise eine Planwirtschaft die Funktionen des Marktes ersetzen kann.“ Pollock 1927 s. 5

Den Markt ersetzen aber kann die Planung auf Basis des Werts nicht, sie kann nur das tun, was sie auch mit dem Wert tut, sie kann versuchen den Markt zu planen. Diese Sprachregelung hat sich denn auch in den letzten 70 Jahren durchgesetzt:

„Mit Plänen und Bilanzen ist den Veränderungen des Marktes Rechnung zu tragen, damit für den Kunden und nicht für das Lager produziert wird.“ Köhler/Reuss 1984 S.4

Allein, auch beim blossen Versuch der Planung des Marktes und dem Versuch, verschiedene seiner Funktionen zu übernehmen, hat sich die Zentrale viel aufgebürdet. Verhalten sich die Privatproduzenten schon nicht von selbst dem Plan entsprechend und reagieren sie nicht auf die Finanzierungsgarantie mit der entsprechenden Dankbarkeit, so muss eben ein perfektes System ausgeklügelt werden, um die Ressourcen richtig zu verteilen, die Qualität zu kontrollieren und die Betriebe zur Verwohlfeilerung zu zwingen. Der Plan muss also noch genauer und rigoroser werden, um die Einzelinteressen zur Verfolgung des Gemeininteresses zu zwingen. Kann er das?

4

Bei der Frage, wie der Plan zustande kommt, steht klar die Schwierigkeit im Mittelpunkt, dass Betrieb und Zentrale einander als Inkarnationen von abstrakter Privatlogik und abstraktem Gemeininteresse gegenüberstehen. Der Betrieb wird also versuchen, die Zentrale zu hintergehen und die Zentrale versuchen, dem Betrieb draufzukommen. Dazwischen schieben sich die Branchenministerien mit eigenen Sonderinteressen und der Neigung „ihre“ Betriebe zu unterstützen. Zum entscheidenden Zünglein an der Waage wird dabei für die Betriebe und Branchen ihr Informationsmonopol:

„Wie wir sehen werden, gehen die Informationen, mit deren Hilfe die Planer Instruktionen erlassen, von den untergeordneten Stellen aus.“ Nove 1980 S. 25

„Die zentralen Planungsorgane und sogar die lokalen Behörden verfügen über keine hinreichend breite und zuverlässige Informationsbasis bezüglich der Bedingungen der Wirtschaftsführung jedes Betriebes und insbesondere der ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen. Auch über das Ausmass der wirklichen Bedürfnisse der Gesellschaft an Ausrüstungsgegnständen, Roh- und Werkstoffen, Konsumgütern und Lebensmitteln besitzen sie nur eine ungefähre Vorstellung.“ Salawskaja 1989 s. 98

Den Markt zu planen wird damit aber für den Abnahmegaranten zu einer unlösbaren Aufgabe, denn der Logik des Einzelbetriebes muss es entsprechen, sein Informationsmonopol auszunutzen und nicht nur die Qualitätskontrolle, sondern auch die Tonnen- und Kostenplanung unüberblickbar zu machen. Die gigantischen Disproportionen der sowjetischen Wirtschaft sind nur der empirische Beleg, der im Begriff des Werts selbst angelegten Unmöglichkeit der Versöhnung von Privatproduktion und Gemeininteresse, anders ausgedrückt, der Organisierung des Marktes. Nove bringt den hinter der Disfunktion der Planung steckenden Widerspruch fast auf den Punkt, auch wenn, was er gegenüberstellt, prinzipiell zusammengehört, Interessenwiderspruch und Informationsabstraktion sind real eins:

„Einige Wissenschaftler sehen die Ursachen dieser Probleme vor allem darin, dass es zwischen Planern und Managern (und auch Arbeitern) keine gemeinsamen Interessen gebe und da? die hierarchisch-bürokratische Form der Gesellschaft Kommunikation und Verständnis unterbinde. Solche Überlegungen haben ihre Bedeutung, gehen jedoch am Problem vorbei, denn in den meisten Fällen weiss die Zentrale einfach nicht, was im Einzelnen zu tun ist, während das Management in seiner Situation nicht über die Bedürfnisse der Gesellschaft informiert ist, es sei denn, die Zentrale setzte es darüber in Kenntnis.“ Nove 1980 S. 102

Der so zum stofflichen degradierte Widerspruch ist natürlich naiv aufgefasst. Die Betriebe haben ihrer Logik gemäss kein Interesse, Informationen an die Zentrale zu geben, denn sie müssten mit höheren Planauflagen und geringeren Materialzuweisungen rechnen. Die Zentrale ist im übrigen durch ihre Getrenntheit von den Teilproduzenten auch nur abstraktes Gemeininteresse, d.h. auch sie weiss nicht über die realen Bedürfnisse der Gesellschaft Bescheid, sondern erstellt nur Prognosen (eine Tatsache, die seit Chruchtchow anerkannt wird).

Der Widerspruch zwischen Planer und Betriebsmanager aber muss eine Form finden, innerhalb derer er sich bewegen kann, und so besteht die Planaufstellung in langwierigen und zähen Verhandlungen, wobei es wie gesagt für den Betrieb darum geht, möglichst viel Zuteilung bei möglichst niedrigem Plan zu erhalten, die Zentrale aber in die entgegengesetzte Richtung steuern möchte.

„Unter dem zentralisierten Versorgungssystem beginnt alles mit einer Bedarfsmeldung; jeder Betrieb schickt seine Bestellung an die Beschaffungsstellen…. Aufgrund von blossen Vermutungen also, wie dieser Plan aussehen wird, versucht der Betrieb natürlich, sich für alle Fälle zu rüsten…. Darum gibt der Betrieb eine etwas höhere Bestellung ab. Wenn alle Bestellungen gesammelt sind, stellt sich heraus, dass der gemeldete Bedarf die Liefermöglichkeiten des angeforderten Materials weit übersteigt. Dann werden die bestellten Mengen zusammengestrichen, und die Betriebe versuchen, ihre Lager so weit wie möglich mit den knappen Materialien zu bestücken.“ Aganbegjan 1989 S. 56

Von dieser eher spontanen Interessenkollision, wie sie Aganbegjan parteinehmend für die Betriebe schildert, scheint sich dieses Spiel im Laufe der Zeit zu einer festen Form kristallisiert zu haben. Reformkollegein Salawskaja stellt fest:

„… dass das gegenwärtige System nicht so sehr eine Kommandowirtschaft darstellt, wie gemeinhin angenommen wird, sondern eher einer Verhandlungswirtschaft auf Gegenseitigkeit zwischen Behörden und Betrieben entspricht…. eine Art Dialog.“ Salawskaja 1989 S. 96

Verfügt die Zentrale dabei formal über die Knute der Geldzuteilung, Anreizprämien und Preiskontrolle, so der Betrieb über Einspruchsrechte und Nachbestellungsmöglichkeiten, die im übrigen weidlich genutzt werden.

In der Realität gehen die Möglichkeiten der Betriebe noch wesentlich weiter, sodass weder der reale Materialverbrauch noch der Ausstoss kontrolliert werden können, was sich nicht zuletzt an der Existenz eines riesigen Schwarzmarktes ablesen lässt. Gerade im Bereich der Ressourcenverteilung, wo angeblich überhaupt kein Markt existiert, und die Zuteilung besonders streng sein sollte, setzen die Betriebe ihre Inputinteressen weitgehend durch:

„In einem bestimmten Gebiet haben Kolchosen und Sowchosen innerhalb eines Jahres Objekte im Wert von 400 Mio. Rubeln erstellt, obwohl die zugeteilten Ressourcen (Metall, Zement, Baukonstruktionen, Ziegel, Holzteile) nur für Objekte im Wert von 60 Mio. Rubel ausgereicht hätten. Dabei sind alle Ressourcen streng kontingentiert und dürfen nach den gesetzlichen Bestimmungen der UdSSR nur zentral verteilt werden.“ Aganbegjan 1989 S. 53

Natürlich kann der Betrieb die Planung nicht nur durch sein Informationsmonopol beeinflussen, sondern hat unzählige Wege der Bestechung, Beeinflussung etc., zudem wird er auch seine Planerfüllung möglichst so halten, dass er im nächsten Zeitraum nicht überfordert wird, es sei denn, er will durch neue Projekte seine „Wertschöpfung“ ausdehnen. Die Sucht nach Input, nach Aufhäufung von „abstrakter Arbeit“, die dann vom Abnahmegaranten zum marktgültigen Tauschwert erklärt wird, zeitigt nämlich auch die Konsequenz, dass die Betriebe statt zur Intensivierung der Produktion zur ständigen Ausdehnung tendieren. Die Planzentrale, die alles finanzieren muss, versucht auch hier die Aufhäufung neuer Kosten, in Form neuer Projekte, möglichst einzudämmen, die Kontrollfunktion des Marktes zu ersetzen, was ihr allerdings nicht sehr überzeugend gelingt. Der Markt würde ein überflüssiges, in der Wertsprache nicht verkäufliches, Projekt im Nachhinein durch finanziellen Zusammenbruch bestrafen und führt gerade damit zur vorgeschalteten freiwilligen Selbstkontrolle. Die Zentrale darf dies nicht und muss deshalb die Zensur vorschalten, was unser Informationsproblem aufwirft und verschiedenste Formen von Geschicklichkeitsspielen hervorbringt. Der Betrieb, der nun unbedingt erweitern will, muss auf dem umgekehrten Weg anfangen, indem er weniger ansetzt, um mehr zu bekommen. Noch ein letztes Beispiel, wie die Betriebsleiter ihren dialektischen Materialismus gelernt haben:

„Viele Betriebe setzen die Plankosten bewusst niedrig an. Damit erhöhen sich die Chancen, dass ihr Projektvorschlag angenommen wird. Erst später enthüllen sie die vollen Kosten. Eine Erhebung in 1600 sowjetischen Unternehmen hat gezeigt, dass durch Erweiterungsinvestitionen im Zeitraum 1971-78 zusätzliche Produktionskapazitäten geschaffen wurden. Die tatsächlichen Kosten waren dabei durchschnittlich um eine Drittel höher als in den Voranschlägen ausgewiesen.“ Hewett 1989 S. 89

Hinter dem Informationsproblem steckt der fundamentale Widerspruch zwischen gesellschaftlichem Teilproduzenten, dessen individuelles Interesse auf seinen eigenen Gewinn, in welcher Form auch immer, ob in Geld oder Pfründen, gerichtet ist und einem abstrakten Gemeininteresse, welches sich der Gesellschaft gegenüber im Staat verselbständigt. Auf dieser Basis des Werts, als Verhältnis voneinander unabhängiger und dadurch in Interessenwiderspruch gesetzter Privatproduzenten, denen ein gesellschaftlicher Zusammenhang von Grund auf als fremd erscheint, muss jegliche Form von Planung scheitern, sogar in Kontraproduktivität umschlagen. Selbst wenn man auf dieser Basis davon ausgeht, dass sowohl Betrieb, als auch Zentrale keine irgendwie betrügerischen Interessen verfolgen, sind sie gezwungen, so zu handeln – der Betrieb nach seiner betriebswirtschaftlichen Vernutzungslogik, der Staat gemäss einem nur mehr abstrakten, weil den besonderen Interessen gegenüberstehenden Gemeininteresse.

Der Widerspruch zwischen Teilproduzent und Zentrale, dargestellt am Informationsproblem, ist aber nur eine der spezifischen Formen, in denen sich der Wert in Planwirtschaften durchsetzt, gleichzeitg existiert auch eine Konkurrenz zwischen den Betrieben selbst.

5

Die Konkurrenz zwischen Konkurrenzsubjekten findet gewöhnlich auf einem offenen Spielfeld statt, welches sich Markt nennt und einigermassen dadurch gekennzeichnet ist, dass es den Subjekten wenig äusserliche Zwänge vorschreibt, aber einen gewaltigen indirekten Zwang zur Verbesserung und Verwohlfeilerung, freilich in nur auf das Einzelprodukt bezogener und deshalb abstrakter Weise, ausübt. Die Kontrahenten selbst kämpfen um Marktanteile bei möglichst hohen Gewinnen und gleichzeitigem preismässigen Ausstechen der jeweiligen Gegenspieler. Erst durch das Bestehen dieses Konkurrenzkampfes erweist sich der individuelle Wert als gesellschaftlich gültig, wird die Fähigkeit des Produzenten bewiesen und in klingender Münze belohnt, die dann erneut ins Spiel geworfen werden kann.

Wie sieht diese Konkurrenz aber nun aus, wenn versucht wird , den Markt zu planen, die Wirtschaftssubjekte bewusst zur Konkurrenz, zur Verbesserung und Verwohlfeilerung anzustacheln?

Wir haben gesehen, dass es sich bei den realsozialistischen Betrieben um gesellschaftliche Teilproduzenten handelt, die ihren isolierten Interessen folgen, welche statt durch den Markt durch einen Plan kontrolliert werden sollen, und wie bereits dieser Plan selbst, geht man auch von seiner Richtigkeit aus, durch seine Finanzierungs- und Abnahmegarantie, den Verwohlfeilerungs- und Verbesserungszwang der Tauschwertlogik aushebelt. Durch den Gegensatz der Monade Betrieb zum abstrakten Ganzen, wird schliesslich noch die Richtigkeit des Plans selbst zu einem Problem der Aufrichtigkeit, die selbst bei angenommener Gutwilligkeit der Betriebe zu Verschleierung führen muss.

Es ist evident, dass die Betriebe bei garantierter Abnahme weniger um einen Absatzmarkt konkurrieren können, es sei denn auf dem Schwarzmarkt; gleichermassen evident, dass sie durch ihre Einzellogik und ihre Möglichkeiten der Planbeeinflussung zu Formen der Konkurrenz in der Lage sind, die sich aber, dies allgemein vorweg, da ja „Wertanhäufung“ belohnt wird, nicht um Verwohlfeilerung, sondern um massenhafte Einsaugung aller Arten von Ressourcen drehen (siehe auch Zitat Hewett S. 43). Diese Inputkonkurrenz kann sich, grob gesprochen, auf drei Gebiete beziehen: Fonds (Geld), Investitionsgüter und Arbeitskräfte.

Die erstere Konkurrenzfläche ist dabei die unmittelbar einleuchtendste und deshalb auch Spezialgebiet aller Planverbesserer und Stimulierungsideologen, was jene deshalb noch keineswegs als Reformer gelten lassen muss, sondern einfach der Natur des Systems entspricht. Das Unternehmen lebt nun einmal formal von Mittelzuweisungen der Zentrale, den verschiedenen Fonds, Prämien, Sonderzuschüssen, die es zu besorgen gilt,

„… mit Hilfe von Bekanntschaften, Geschenken, Anrufen bei einflussreichen Leuten, Berufung auf die Autorität des entsprechenden Leiters, das Ansehen des Betriebes, der Stadt oder des Gebietes.“ Bunitsch 1982 S. 205

Die Betriebe konkurrieren dabei zunächst einmal um die absolute Ausdehnung ihrer Produktion, die Erhöhung der „Wertschöpfung“. Da natürlich vom Plankomittee nicht alles gewährt wird, müssen sie einigermassen trickreich sein, wie wir am Beispiel der Erweiterungsinvestitionen bereits gesehen haben. Nachgerade raffiniert aber müssen sie sein, wenn sie ihre Fondszuweisung und ihre Prämien erhöht bekommen wollen, bei gleichzeitiger Planreduzierung oder zumindest gleichbleibendem Niveau, denn es scheint so zu sein, dass sich das Interesse an „Wertschöpfung“ für den Einzelbetrieb eher auf individuelle Anhäufung bezieht, als auf gesamtgesellschaftliche Verwertung. Ein wirklich guter Genosse Hauptbuchhalter schafft es jedenfalls, den Plan niedrig zu halten und gleichzeitig Prämien und Fonds zu erhöhen, entweder indem er nachträglich fiktive Erhöhungen durchsetzt und dafür Mittel kassiert, die er gar nicht braucht, oder aber den Plan als zu hoch kritisiert, ihn sich senken lässt, die jeweiligen Mittel aber möglichst versucht zu behalten.

„Manchmal werden Produktionspläne auch erhöht. Dafür erhalten die Betriebe zusätzliche Investitionen, Rohstoffe, Materialien und Arbeitskräfte. Danach aber bemühen sich manche Betriebsleiter um eine Planreduzierung, wobei sie natürlich die zusätzliche Ressourcen behalten“ Bunitsch 82 S. 206

Die Betriebe konkurrieren hier zwar mit knallharten Mitteln, befinden sich aber immer noch auf einer quasi offiziellen Ebene, denn sie sollen ja zumindest um die Prämien kämpfen, wenn auch eigentlich mit anderen Mitteln. Die Konkurrenz ist jedenfalls hier noch über die Planzentrale vermittelt und so wenigstens formal unter Kontrolle.

Der zweite Gegenstand der Konkurrenz ist bereits wesentlich mehr ein Kampf zwischen den Betrieben, auch wenn er formal der Kompetenz planmässiger Fondzuteilung zugehört – der Zuliefermarkt für Produktionsmittel und andere Ressourcen. Bereits auf der Ebene der Bedarfsmeldung setzt sich dabei, wie wir gesehen haben, das betriebswirtschaftliche Interesse gegen die Plankontrolle durch.

Die besonders krasse Überschreitung auf diesem Gebiet ist einerseits auf die Logik der Tonnenplanung zurückzuführen, die ein möglichst grosses Mass an Ressourcenverbrauch impliziert, andererseits auf den daraus und aus der geringen Kontrolldichte resultierenden ständigen Mangel an Ressourcen, was zu zwei negativen, weil an sich kontraproduktiven Formen der Konkurrenz führt: erstens, dem fatalen Autarkiebestreben der Betriebe und Branchen, die damit versuchen, ihren Grundcharakter als gesellschaftliche Teilproduzenten permanent zu verleugnen und der Produktion nichtverwertbarer Tonnen noch eins draufsetzen; zweitens, dem System der „Tolkatschi“, jener halblegalen Mittelsmänner, die mit nichts anderem als der Besorgung stofflicher Mittel auf inoffiziellen Wegen befasst sind.

„Der tolkac, wörtlich der Schieber, ist eine Art inoffizieller Versorgungsmakler, dessen Arbeit darin besteht, sich zu rühren , zu nörgeln, zu betteln, zu borgen und manchmal zu bestechen, damit die erforderliche Rohstoffe, Einzelteile und Ausrüstungen geliefert werden. Da der Versorgungsplan mit dem eigenen Produktionsplan und auch mit den Plänen der Lieferbetriebe übereinstimmen sollte, beweist schon die Existenz des tolkac, dass hier etwas im Argen liegt.“ Nove 1980 S.120

Dies aber bedingt und wird zugleich dadurch bedingt, dass es für die Betriebe wichtiger ist, auf dem Tauschmarkt für Ressourcen und Produktionsmittel mitzuhalten und sich per Naturaltausch, mit inoffiziellen oder verplanten Produkten zu versorgen, als die Verträge und Pläne der Zentrale einzuhalten. Die Logik der negativen, weil kontraproduktiven Konkurrenz hebelt den Planwillen ein weiteres Stück Richtung Abgrund. Die Versorgung mit wirklichen Gütern geht betriebswirtschaftslogischerweise einer Geldzufuhr vor, deren Wert zweifelhaft ist.

„Es gibt natürlich Vorschriften über Bussgelder für nicht eingehaltene Verträge. Doch sind sie wirkungslos, was kaum überrascht, weil es absolut unmöglich ist, Verträge einzuhalten. Wenn Geldstrafen verhängt werden, zahlt man sie vom Bankkonto des Betriebes. Das schadet keinem.“ Nove 1989 S. 120f

Die Planmässigkeit des System bewegt sich damit aber nunmehr unterhalb der Ebene des westlichen Kapitalismus, denn nicht einmal der Einzelbetrieb kann mit einer gesicherten Zulieferung planen, weil ihr Erhalt immer fragwürdig bleibt – der Lieferant kann an einer Vertragsstrafe nicht pleite gehen, und so kann er durchaus einmal auf eine Lieferprämie verzichten, wenn er dafür ein notwendiges Ersatzteil erhält. In der Konsequenz führt diese Form der negativen Konkurrenz zu einer gigantischen Lagerhaltung.

„Bei einem Nationaleinkommen von etwa 600 Mrd. Rubeln beträgt der Gesamtwert der bei den Betrieben eingelagerten Materialien über 460 Mrd. Rubel, mindestens doppelt so viel, wie sinnvoll wäre.“ Aganbegjan 1989 S. 56

Der dritte Konkurrenzmarkt, ist jener, den es am wenigsten geben darf, der aber wohl am meisten ausser Kontrolle ist – der Arbeitsmarkt. Wir lassen uns hier die Fakten von einem Herrn liefern, der vehement behauptet, dass es letzteren nicht gäbe, zugleich aber der Sowjetunion eine Überdimensionale Arbeitskräftefluktuation bescheinigt:

„Ein Drittel der Beschäftigten wechselt jährlich den Arbeitsplatz.“ Mandel 1988 S. 85

Mit allen erdenklichen Mitteln, Wohnungen, Konsumgüterzuteilungen, Prämien etc. werden die Arbeiter abgeworben, gerade auf diesem nicht vorhandenen Markt konkurrieren die Unternehmen am offensten, weil es um Mehrwertproduzenten geht, die der Staat am freigebigsten subventioniert.

Die lebendige Arbeit schafft bekanntlich den zu planenden und heiss ersehnten Wert, weshalb ihr Verbrauch nicht nur als gerechtfertigt, sondern als notwendig erscheinen muss, was den kapitalistischen Grundwiderspruch, gerade jene Arbeit zu eliminieren, zwar bremst, aber um den Preis der permanenten Krise. Die Nachholung der westlichen Industrialisierung musste eben auch die massive Einsaugung von „Wertschöpfern“ implizieren, die daraus entspringende Logik war eine der Anhäufung von Ware Arbeitskraft, das richtige Verhalten der Betriebe, möglichst viele Arbeiter anzustellen, vor allem in diesem Bereich durch die Finanzierungsgarantie der Zentrale belohnt, die in der Überwindung der agrarischen Gesllschaft durch das proletarische Industriesystem ihr Ziel sah. Selbst das Informationssytem spielt hier eine geringere Rolle, denn der Betrieb braucht gar nichts zu verschleiern – es wird von ihm verlangt, viele Prolis laufen zu haben.

Was liegt also näher für die Betriebsleiter, als um die Lohnfonds zu buhlen, indem sie soviel Werktätige wie möglich an Land ziehen, die Gesamtarbeitzeit soweit wie möglich auszudehnen versuchen und damit eine weitere zivilisatorische Mission des Kapitalismus desavouieren, die der potenziellen Überflüssigmachung von abstrakter Arbeit.

Diese spezifische Form der Konkurrenz, die nicht Verwohlfeilerung und Verbesserung zum Ziel hat, weil sich der Wert nicht als Tauschwert auf einem Markt beweisen muss, sondern die die Unternehmen Kostenmaximierung und quantitativen Ausstoss als Interesse verfolgen lässt, weil die Zentrale den „individuellen Wert“ bezahlt, liesse sich einigermassen treffend als negative Konkurrenz betiteln. Darin drückt sich aus, dass ihr in gewissem Sinne, nämlich sobald sie vom nachholenden Übergangsapparat zum versteinerten System wird, jegliche zivilisatorische Mission abgeht, vor allem in Bezug auf die Befreiung von Arbeit. Gerade im Zwang zur Entfaltung der produktiven Potenzen und der damit verbundenen Eliminierung der wertschöpfenden Arbeit besteht der historische Fortschritt und zugleich die Selbstentleibungstendenz der kapitalistischen Konkurrenz. Der Realsozialismus aber ist in seinem Versuch der positiven Entfaltung des Werts nur zur permanenten Ausweitung von Investition und Arbeitskraftvernutzung fähig, was ab einem bestimmten Punkt – der Erschöpfung der stofflichen Grenzen im gesteckten nationalen Rahmen – nur noch Stagnation bedeuten kann.

Im Rahmen der negativen Konkurrenz zielt jeder, ob Einzelperson, Betrieb oder Branche, nur auf maximale Anhäufung auf seinem eigenen Terrain, wodurch neben dem Produktivitätszwang auch die gesellschaftliche Arbeitsteilung und stoffliche Vernetzung verunmöglicht werden. Der Zentralismus erweist sich auf den zweiten Blick als Käseglocke über einem extremen Dezentralismus, der mächtige Staatsapparat als nicht in der Lage, das massenhafte Verschwinden von Gütern zu verhindern. Der angeblich geplante Markt schlägt mit doppelter Spontaneität zurück.

6

Die negative Konkurrenz, als Kampf um „Wertzuweisung“ durch die Zentrale, nicht um spontane Verteilung auf Märkten, findet ihre entfaltete Form im Preis. Konkurrieren allerdings ihrem Klischee entsprechende kapitalistische Unternehmen um möglichst hohe Preise, bei Unterbietung des Gegners, mit dem Ergebnis einer sinkenden Tendenz, so sind ihre östlichen Pendants, durch die Vermittlung der zahlenden Zentrale auf möglichst hohe Preise bei geschickter Berechnung eingestellt. Gerade mit dem Preis aber bildet sich die Zentrale ein, ein besonders funktionstüchtiges Kontrollmittel in Händen zu halten, weshalb auch nahezu alle Reformer die Preisreform zum entscheidenden Moment erklären.

Der Preis aber wird berechnet als Kostenpreis mit einem Gewinnaufschlag, was ganz der Marxschen Theorie des Produktionspreises entsprechen soll und den Namen Wert-Preis-Transformation trägt. Diese Verwandlung des Werts in Preis hat allerlei komplexe Rechensysteme hervorgebracht, die sich die schwachsinnige Aufgabe stellen, die rein fiktive Grösse Wert in realen Preis umzusetzen, eine weitgehend überflüssige Spielerei, da ja auch der „Wert“ bereits in Geldform ausgedrückt wird, schlussendlich nur in Form von Produktionskosten geplant werden kann. Der Inhalt der realen Preise ist dementsprechend, bei aller komplizierten Ideologie, zunächst einmal furchtbar einfach:

„Der Preis spiegelt aber heute weder die Nützlichkeit des Produkts, noch die Dringlichkeit des Bedürfnisses der Gesellschaft nach diesem Produkt wider, sondern die faktischen Produktionskosten, bestenfalls die Durchschnittskosten des Zweiges, meist jedoch nur die individuellen.“ Jassin 1985 S. 468

Auch das Verfahren, wie diese Preise ermittelt werden, entspricht kaum dem grandiosen Anspruch theoretischer Ableitung, den die offizielle Ideologie vorgibt:

„Das Unternehmen, das eine neue Produktion übernimmt, liefert dem Preiskomitee seine Aufstellung der Stückkosten, die Kostenrechnung wird „überprüft“ (obwohl keine relevanten Daten dafür vorliegen) und bestätigt, anschliessend wird eine bestimmte Gewinnspanne hinzugerechnet und – der Preisvorschlag ist fertig. Bei diesem Verfahren ist gefragte und hochwertige Ware oft billiger als zweitklassige und absatzschwache. Ausserdem entsteht bei den Betrieben Interesse daran, die Produktionskosten möglichst hoch zu halten, da die Gewinnspanne als Prozentsatz der Produktionskosten errechnet wird.“ Salawskaja 1989 S. 100

Heraus kommt bei diesem Verfahren der „Sieg“ der „Wertschöpfer“ über die billigen Produzenten:

„Das Werk für Bergwerksausrüstungen in Kriwoi Rog stellt ein transportables Bohrgerät her, das eine um 30% niedrigere Leistung hat als ein analoges Gerät aus dem Maschinenbaubetrieb in Kyschtyn. Anzunehmen wäre, dass es auch weniger kostet. Aber nein: es kostet 570 Rubel und das bessere Gerät 470 Rubel. Die Ursache ist in den Kosten zu suchen. Der erste Betrieb hat grössere Aufwendungen als der zweite, doch er fährt dabei nicht schlecht.“ Bunitsch 1982 S. 207

Das Ziel der Planung, per „Wert-Preis-Transformation“ die Spontaneität des Marktes zu überwinden und auf diesem Wege den wahren Preis zu finden, schlägt um in ein Konkurrieren um die Anerkennung von Kosten und schliesslich in die Tendenz einer permanenten Preisinflation. Die Zentrale muss bezahlen, selbst wenn sie ungerechtfertigte Preissteigerungen in Einzelfällen nachweisen kann, auf Grund der zwischengeschalteten Branchenministerien eine schlichte Unmöglichkeit.

Die unmittelbare Konsequenz aus dieser Struktur ist ein Metasystem von Preissubventionen, um die Inflation nicht voll durchschlagen zu lassen. Folge davon, die in allen realsozialistischen Ländern bekannte Preisschere zwischen wahnsinnig überteuerten „Luxusgütern“ wie Elektronik etc. und subventionierten Gütern wie Brot, das billiger ist als Getreide.

Wir befinden uns hier aber immer noch auf der Ebene offiziell festgelegter Preise, über die zumindest noch eine Endkontrolle möglich ist. Es gibt aber unzählige halblegale und illegale Zwischenwege, sowie einen gigantischen Schwarzmarkt, der als Pendant zur Mangelproduktion der offiziellen Wirtschaft kaum Preisgrenzen mehr kennt. Aber schon ohne diese gigantische Nebenökonomie ist ein Verfolgen der Preismechanismen äusserst verwirrend und vielschichtig, wenn nicht gar unmöglich.

Gehen wir zunächst einmal den legalen Weg, der, wie wir inzwischen wissen, weitgehend von der Informationsgestaltung des Einzelproduzenten abhängig ist. Hier gibt es im wesentlichen drei Formen: den Politpreis, welcher nicht einmal die realen Kosten des Einzelbetriebes impliziert, sondern von der Zentrale finanziert wird, den Einzelkostenpreis, der die Produktionskosten plus Gewinnaufschlag zu Grunde legt und schliesslich den genialen Durchschnittspreis, der bereits als Reformpreis anzusehen ist, weil er den Gewinn von der Kostensenkung unter den Branchendurchschnitt abhängig macht. Auch letzterer führt allerdings zu keiner Kostensenkung, da er die Rechnung ohne die Branchenkonkurrenz macht, zudem gesellschaftlich auch nur zu einer Umverteilung führt:

„Natürlich liegen sowohl den hohen als auch den niedrigen Preisen gewöhnlich die zweigdurchschnittlichen Aufwendungen zu Grunde. Diese weichen von den individuellen Aufwendungen der einzelnen Betriebe ab; doch diese Abweichungen beunruhigen die Betriebe kaum. Die einen erhalten Zuschüsse, die anderen müssen ihre Überschüsse abführen. Die Produktion guter , mittlerer und schlechterer Betriebe erscheint letzten Endes etwa im gleichen Licht. Alles kommt in einen Topf, wenn dabei auch tausende und Millionen Rubel verschleudert werden.“ Bunitsch 1982 S. 208

Daneben gibt es aber auch noch unzählige Möglichkeiten für Zuschläge, etwa für neue Produkte, mit der Folge massenhafter „Neuerungen“, die eigentlich keine sind oder für modische Produkte etc.pp. Jede dieser zur besseren Planung eingeführten Kennziffern, die ihrem Sinn nach Schrottproduktion verhindern soll, ruft eine neue Preisinflation hervor, ohne die gewünschte Qualitätsüberwachung zu gewährleisten; auf der Basis betriebswirtschaftlicher Vernutzungslogik eine selbstverständliche Angelegenheit.

Auf halblegaler Ebene aber spielt sich noch einiges mehr ab. Es erweist sich hierbei als notwendig, zwischen Investitions- und Konsumgütern zu unterscheiden, wodurch ein bekanntes makroökonomische Problem in einem klareren Licht erscheint. Eine, vielleicht die Hauptmöglichkeit, des Preisaufschlags ergibt sich nämlich aus der permanenten Mangelsituation, denn es ist auf jedem Markt der unmittelbarste Weg der Preiserhöhung, für knappe Güter mehr zu verlangen.

Bei Konsumgütern ist diese Möglichkeit für die Betriebe selbst aber relativ begrenzt; unter dem Ladentisch verkaufen ist eine Sache der Handelsorganisationen, die dadurch auch ein gerüttelt Mass an Hass auf sich laden. Zudem sind viele Güter rationiert und somit nur gegen berechtigungsschein erhältlich, das heisst, der Betrieb oder der Händler erhalten direkt gar kein Entgelt, sondern den gerechten Preis von der Zentrale (die Folge wird ein gewaltiger Qualitätsschwund sein). Die subventionierten Konsumgüterpreise hinwiederum beinhalten zwar grosse Möglichkeiten legalen Aufschlags, aber nur geringe halblegale Zuschlagsmöglichkeiten. Nur dort, wo die Unternehmen Monopolisten geworden sind, wie die Kombinate in der DDR, können sie die Preise fast beliebig nach oben puschen. Zweifelhaft ist aber auch hier der legale Gegenwert – das Geld.

Ganz anders ist die Situation bei den Investitionsgütern, die den eigentlich bedeutenden Konkurrenzmarkt der Betriebe ausmachen. Hier ermöglicht die gigantische Inputsucht und der zugehörige Mangel eine schier endlose Potenz an Graumarktzuschlägen, die naturgemäss zu einem Grossteil in natura auszuführen sind, der Bedarf ist ja unendlich. Zudem gibt es zwischen den Betrieben auch legal die Möglichkeit von Vertragspreisen, die sicherlich beliebig erhöhbar sind, bei Androhung der Nicht-Lieferung.

Die Gegenlieferung oder Bezahlung in Devisen ist dem System entsprechend wesentlich mehr wert als die Zahlung von Konsumenten in wertmässig ungültigem Geld, oder die Vertragsstrafe, die der rechtmässige Abnehmer einklagen kann. Ein Schlaglicht wird hierdurch auf das sattsam bekannte Problem des Übergewichts der Schwerindustrie über die Kosumgüterindustrie geworfen, das die Gemüter der Sowjetwissenschaftler seit langem bewegt und einer Lösung trotz umfangreicher Bemühungen noch keinen Schritt näher gekommen ist. Nach den vorigen Ausführungen dürfte aber klar sein, dass ein Wirtschaften in Abteilung I für die Betriebe profitabler ist, sie ihre produktiven Fähigkeiten lieber in eine Sphäre werfen, in der sie mehr und vor allem auch Devisen und faktische Leistungen herausschlagen können.

Die Vernachlässigung der Konsumgüterproduktion hat also im Preissystem ihre Wurzel, die Waren sind knapp und teuer und müssen deshalb in weiten Teilen subventioniert werden. Wegen des geringen Masses an Konkurrenz in diesem Bereich ist hier die Produktivität besonders niedrig. Gerade die wirkliche Verwohlfeilerung, nicht die bloss nachträgliche Subventionierung der Konsumgüter und damit eine Senkung des Werts der Ware Arbeitskraft, wäre für den Übergang zur Produktion auf Basis des relativen Mehrwerts ein entscheidender Faktor – dieser Übergang ist aber das hinter den Reformbemühungen steckende Problem.

Schluss:

Grüft‘, auf mein Geheiss,

Erweckten ihre Toten, sprangen auf

Und liessen sie heraus durch meiner Kunst

Gewalt’gen Zwang: doch dieses grause Zaubern

Schwör ich hier ab; so brech ich meinen Stab,

Begrab ihn manche Klafter in die Erde,

und tiefer als ein Senkblei je geforscht,

Will ich mein Buch ertränken.

Shakespeare, Der Sturm

Die Reform aber begibt sich des Problems auf die prinzipiell gleiche Weise wie die ihr vorgehende Plandiktatur, indem sie die Subjektillusion noch ein weiteres Mal verschärft. Die Verwertung des Werts als gegebene Grundlage affirmierend, versucht sie deren „Bewusstmachung“ weiter zu vervollkommnen und leitete damit den Versuch einer zweiten Quadratur ein.

Die Reformdebatten beginnen mit der Suche nach dem „wahren Wert“, der nicht einfach die Produktionskosten beinhaltet, sondern in den die gesellschaftlichen Vermittlungen mit eingehen. Unsägliche Rechenexempel sind die Folge, die ihre Hoffnung in die moderne Kybernetik legen. Es bleibt aber die Illusion, der Wert sei eine auffindbare, planbare Grösse, nicht ein hinter dem Rücken der handelnden Subjekte sich vollziehendes gesellschaftliches Verhältnis.

Von vornherein sind so die Reformbestrebungen in den Widerspruch getaucht, die subjektlose Logik des Werts freisetzen zu wollen, zu diesem Zwecke aber zugleich planmässig vorgehen zu müssen. Diese Antinomie reproduziert sich auf allen Ebenen.

Sind die Reformer etwa einerseits bestrebt, die „Macht der Produzenten“ zu brechen, so fordern sie gleichzeitig die Selbständigkeit der Betriebe; diese aber in ihrer leidenden Form als Konsumenten zu fördern und zugleich als Produzenten einzüngen, verlangt nach einer Schizophrenisierung der betriebswirtschaftlichen Vernutzungslogik. Die Betriebe sollen ihr Eigeninteresse stärker ausprägen, bei gleichzeitiger Orientierung am gesellschaftlichen Nutzen. Sie sollen sich selbst finanzieren, die Abnahme muss ihnen dennoch weiter garantiert werden, weil sonst ihr Zusammenbruch zu befürchten ist.

Durch ein besseres Kennziffern- und Normativsystem soll das Allgemeininteresse gewährleistet , zugleich aber auch Eigeninitiative per Dekret entwickelt werden. Konkurriert werden soll nun nicht mehr um Ressourcen aller Art, sondern um Gewinne, die allerdings Prozentual zu den nunmehr realistischen Preisen berechnet werden. Der „wahre Preis“ soll nunmehr die gesellschaftlichen Durchschnittskosten plus einem Gewinnaufschlag beinhalten und zugleich qualitative Momente wie gesellschaftlichen Nutzen, geringen Materialverbrauch, neue Technologien etc. beinhalten. Die Schere zwischen Preisinflation und Subventionsbedarf wird damit nur geschärft.

Die Reformer setzen also an allen Problemen des realsozialistischen Funktionsmechanismus an – denn sie wissen Bescheid – übersteigern sie aber nur in einen zweiten Quadraturversuch. Ihre Krux liegt darin, dass sie einen notwendigen Übergang zur Produktion für den Weltmarkt mit den Mitteln einer nationalen Nachholung durchsetzen müssen. Die planmässige Angleichung soll die Möglichkeit einer Öffnung schaffen, wo sie in Wirklichkeit doch durch das bereits vorhandene Mass an Offenheit erzwungen ist. Die Reformer müssen so bremsen, wo sie eigentlich gasgeben wollen. Ein typisches Beispiel ist die Freigabe der Lohnfonds, der eine Absage an die Arbeitsplatzgarantie aus sozialen Gründen nicht folgen konnte, was die privaten Einkommen gewaltig aufblähte. Die Verwertung des Werts mit ihren Folgen für Betriebe und Menschen in einer immer noch nicht konkurrenztauglichen Wirtschaft kann so niemals durch eine Reform freigesetzt werden, da diese auch die sozialen Interessen auf ihren Fahnen stehen hat (der polnische Katholikensadismus mag vielleicht als Gegenbeispiel durchgehen).

Erst die Macht des Ökonomischen in Form der Weltmarktkrise beendet die Quadraturversuche durch die grausame Durchsetzung der Logik des Werts.

Literatur:

Aganbegjan A./ Ökonomie und Perestroika, Hamburg 1989

Bunitsch P./ Defizit und Produktion, Sowjetwissenschaft 2/82

Hewett E./ Der neue Markt Sowjetunion, Landsberg 1988

Jassin J./Ökonomische Stimuli, Sowjetwissenschaft 5/85

Köhler/Reuss/ Bilanzierung, Berlin 1984

Mandel E./ Das Gorbatschowexperiment, Frankfurt 1989

Nove A./ Das sowjetische Wirtschaftssystem, Baden-Baden 1980

Palterowitsch D./ Wege zur Einsparung, Sowjetwissenschaft 1/85

Pollock F./ Die planwirtschaftlichen Versuche, Frankfurt 1971

Salawskaja T./ Die Gorbatschowstrategie, Wien 1989

Wörterbuch der Ökonomie – Sozialismus, Berlin 1973