31.12.1991  Beitrag drucken

Das Ende des Proletariats als Anfang der Revolution

Über den logischen Zusammenhang von Krisen- und Revolutionstheorie

Italiano: LA FINE DEL PROLETARIATO COME INIZIO DELLA RIVOLUZIONE

Ernst Lohoff

1. Krise der Revolutionstheorie

Die moderne bürgerliche Gesellschaft treibt zielsicher in Richtung Reproduktionsunfähigkeit. Seit dem Bericht des Club of Rome ist die Einsicht in die suizidalen Tendenzen der herrschenden Form von Weltgesellschaft auch tief ins Alltagsbewusstsein eingesickert. Druckfrische Tatarenmeldungen aus Ökologie, Ökonomie und Politik versorgen ein mittlerweile tief verwurzeltes diffuses und längst nicht mehr auf die ökologische Frage eindeutig zentriertes Krisengefühl beständig mit neuer Nahrung. Trotz der Häufung objektiver Krisensymptome scheint die bürgerliche Verkehrsform auf der „subjektiven“ Seite hingegen ungefährdeter denn je. Die ehemals „systemoppositionellen“ Strömungen erweisen sich angesichts der realen Probleme unserer Zeit als ebenso begriffs- wie hilflos und danken sang- und klanglos ab. In ihrem desolaten geistigen und organisatorischen Zustand stellen sie keine Herausforderung mehr dar, sondern liefern im Gegenteil noch die Legitimation für die Fortschreibung des Status quo. Angesichts des Desasters oppositionellen Denkens kann sich die herrschende bürgerliche Vergesellschaftungsform ein bestechendes Argument zugute halten. Sie gilt anerkanntermassen als alternativlos. Die Fundamentalopposition muss alle Pfauenfedern lassen und schrumpft auf den anklagend erhobenen Zeigefinger zusammen. Sie verkommt zur besinnlich-griesgrämlichen Untermalung, während die Modernisierer und Reformer besinnungslos ihr armseliges Geschäftchen weiterverrichten.

In dieses ideologische Ensemble ordnet sich als ein Kernstück die Misere des marxistischen Denkens ein. Die langjährige Krise des Marxismus endete mit dessen endgültigem Konkurs. Das Debakel trifft allerdings nicht alle Bestandteile der Marxschen Theorie gleichermassen. Der Bankrott des Marxismus besteht in erster Linie im kläglichen Scheitern seines revolutionären, die bürgerlichen Verhältnisse transzendierenden Anspruchs. Während Marx als Theoretiker kapitalistischer Entwicklung posthum auch von seinen Gegnern noch ab und an ob seiner analytischen Weitsicht mit Blümchen versorgt wird, ist seine Vision von der Aufhebung der bürgerlichen Produktionsweise längst als der toteste aller toten Hunde abgeschrieben. Feuilltonisten und andere Leichenfledderer brauchen auch heute nicht davor zurückzuscheuen, sich aus den Gedanken von Marx ebenso freundlich-freigiebig zu bedienen wie sie bei anderer Gelegenheit Aristoteles, Thomas von Aquin oder die französischen Aufklärer ausschlachten. Seine „Entfremdungstheorie“ kann als Evergreen gelten. Nur eins verbietet sich bei diesem Rekurs ebenso selbstverständlich wie zwingend – eine revolutionäre, transbürgerliche Perspektive. Wer den Marxschen Gedanken einer möglichen Aufhebung der kapitalistischen Gesellschaft weiterspinnt, begeht einen unverzeihlichen faux pas und gibt sich der Lächerlichkeit preis. Er stellt sich ausserhalb jedes „rationalen Diskurses“ und desavouiert sich mit dieser „eschatologischen Heilserwartung“ unabhängig vom Begründungszusammenhang, aus dem heraus er das mögliche Ende der bürgerlichen Gesellschaft proklamiert. Auch linken Ohren klingt die Rede vom „transitorischen Charakter der kapitalistischen Produktionsweise“ reichlich obskur. Der Rest der Menschheitsgeschichte scheint zumindest auf absehbare Zeit an die bürgerliche Form gekoppelt und deren Beseitigung wird unweigerlich mit dem Übergang zur blanken Barbarei identifiziert 1.

Dieses Grundmuster beschränkt sich nicht auf die rechten und linken Apologeten der bürgerlichen Gesellschaft, es reproduziert sich auch dort, wo Theorie an ihrer kritischen Spitze festhält und bestrebt ist sich dem stillen Einverständnis mit dem herrschenden Status quo zu verweigern. Jener minoritäre Teil der aktuellen Marxrezeption, der keinen Frieden mit der bestehenden Ordnung geschlossen hat, schlägt sich vor der Zumutung so etwas wie Revolution zu denken, adornitisch in die Büsche. In der von der Kritischen Theorie inspirierten Lesart fällt das konsequente Insistieren auf Fundamentalkritik mit dem Verzweifeln an jeder revolutionären, die negative Vergesellschaftung transzendierenden Perspektive in eins. Die Aufhebung bürgerlicher Herrschaft ist ebenso dringend notwendig wie unmöglich 2. Diese Quintessenz hat sich zum Paradigma versteinert. Das Verschmelzen von Kritik und Aussichtslosigkeit bedarf gewöhnlich gar keiner Herleitung und Begründung mehr, es ist als implizite Vorgabe jeder analytischen Bemühung immer schon stillschweigend vorausgesetzt 3. Natürlich gibt es keine Regel ohne Ausnahme. In unserem Fall trägt sie vor allem den Namen Stefan Breuer. Er versucht in seiner „Krise der Revolutionstheorie“ den Zusammenhang zwischen Radikalkritik und entschiedener Ablehnung aller „revolutionaristischen Illusionen“ selbständig und explizit zu begründen. Dieser Ansatz hebt sich angenehm vom bewusstlosen Wiedergekäue abgestandener Paradigmen der Kritischen Theorie ab, mit dem die Apologeten der klassischen Frankfurter Schule es sich in ihrer Verzweiflung an der revolutionären Perspektive ansonsten intellektuell bequem machen, und verdient von daher besondere Beachtung.

Breuer macht bei seiner Auseinandersetzung mit der Marxschen Theorie zwei einander diametral entgegengesetzte Theoriestränge aus, die im Werk der Klassiker unvermittelt nebeneinander existieren. Marx weist in seiner Fetischismuskritik einerseits nach, dass die Herrschaft der Wertform nur Raum für konstituierte, der Botmässigkeit des Kapitals restlos unterworfenen Subjektivität lässt, andererseits vertritt er eine von diesem Denkansatz vollkommen entkoppelte „arbeitsontologisch“ argumentierende Revolutionstheorie.

„Während Marx – um eine Unterscheidung der älteren Hegelinterpretation aufzugreifen – der >esoterische< Marx mit einer Radikalität wie kein anderer Theoretiker die abstrakt-repressive Natur der bürgerlichen Vergesellschaftung aufdeckte, die alle ihr nicht entsprechenden Lebens-, Verkehrs- und Produktionsweisen gewaltsam eliminierte – denn was war sie anderes als die >>völlige Unterjochung der Individualität unter gesellschaftliche Bedingungen, die die Form von sachlichen Mächten, ja von übermächtigen Sachen<< annehmen -, neigte der >exoterische4„.

Um das Proletariat als revolutionäres Subjekt, und damit die revolutionäre Perspektive überhaupt, zu retten, fällt Marx bei seinen revolutionstheoretischen Überlegungen genau wie seine Epigonen hinter das von der Kritik der politischen Ökonomie gesetzte Reflexionsniveau zurück. Er behandelt statt dessen das Proletariat als eine dem Kapital wesensfremde, ihm nur äusserlich unterworfene Macht.

„Um kontrafaktisch weiterhin an seinen revolutionären Hoffnungen festhalten zu können und sie zugleich auf objektive Prozesse zu gründen…wich Marx vor den Konsequenzen seiner eigenen Theorie zurück und machte aus der spezifisch kapitalistischen Form der Arbeit einen archimedischen Punkt jenseits aller Formbestimmtheit, von dem aus die Kritik an der kapitalistischen Produktionsweise geführt werden konnte,und dessen Existenz die Möglichkeit der Entstehung eines neuen, wahrhaft humanen Subjekts verbürgte 5„.

Marx kann sich nach Breuer nur deshalb überhaupt eine transbürgerliche Perspektive vorgaukeln, weil er bei seinen revolutionstheoretischen Überlegungen die Arbeit als ontologischen Gegensatz zum Kapital behandelt und davon ausgeht, dass die Wesenheit Arbeit in ihrem Kernbestand von der Herrschaft des Kapitals nicht affiziert wird. Genau dieser Sichtweise aber entzieht die Analyse der Wertform, die Marx in seiner Kritik der politischen Ökonomie als Grundform bürgerlicher Vergesellschaftung dechiffriert, die Basis! Der von Marx antizipierte Vormarsch der Wertbeziehung bricht die Unabhängigkeit der unmittelbaren Produzenten und degradiert die Arbeiter zu Anhängseln des Maschinensystems. Aus dem stolzen unabhängigen Produzenten wird ein abhängiges Rädchen im kapitalistischen Getriebe, das sich nur noch als Bestandteil des variablen Kapitals, also in den Verwertungsprozess integriert, verhalten kann. Dem proletarischen Interesse wohnt unter diesen Bedingungen kein Jota revolutionärer Potenz inne. Stefan Breuer argumentiert hier ähnlich wie Wolfgang Pohrt, ein anderer Vertreter der Enkelgeneration der Kritischen Theorie, in seiner „Theorie des Gebrauchswerts“, und kommt auch zu einem analogen Schluss. Die kommunistische Revolution war, wenn überhaupt je, dann nur an der historischen Schnittstellt zwischen formeller und reeller Subsumtion denkmöglich. Diese Chance wurde aber verpasst, und so schliesst sich mit der Herstellung der reellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital das kapitalistische Universum zur negativen, nicht mehr aufhebbaren Totalität. Der Skandal Kapitalverhältnis verewigt sich durch seine Verallgemeinerung. Es wird unüberwindlich, indem es die Arbeiterklasse als integralen Bestandteil in sein Getriebe aufnimmt. Die Verselbständigung des Werts zum automatischen Subjekt der Gesellschaft wird in der Interpretation Breuers zum Garanten für die Stabilität der bürgerlichen Form. Die Marxsche Revolutionstheorie, die Hoffnung auf ein Ende des Kapitalverhältnisses, gilt ihm nur mehr als Fremdkörper, der mit der ganzen Stossrichtung der Kritik der politischen Ökonomie unvereinbar bleibt 6.

2. Der janusköpfige Marx

Die Argumentation von Stefan Breuer trifft den traditionellen arbeitsontologisch orientierten Marxismus ins Herz. Die Hoffnung auf die revolutionäre Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft durch eine dem Kapital entgegengesetzte proletarische Wesenheit bricht sich tatsächlich an der alles durchdringenden Kraft der Wertform. Hinter der vom Arbeiterbewegungsmarxismus verherrlichten alle Werte schaffenden Arbeit, verbirgt sich nichts weiter als die Logik des Kapitals unter anderem Gesichtspunkt 7. Der Gegensatz von Kapital und Arbeit bewegt sich innerhalb des gleichen wertförmigen Zusammenhangs, und so affirmiert der Konkurrenzkampf beider Standpunkte nur das Grundverhältnis. Der arbeitsontologische Standpunkt ist ex definitione nicht dazu in der Lage, die bürgerliche Wirklichkeit zu transzendieren. Die Kritik der politischen Ökonomie konsequent zu Ende gedacht schliesst die Vorstellung einer arbeiterstolzen kommunistischen Revolution aus. Genau unter diesen klassenkampffetischistischen Auspizien aber wurde die Marxsche Theorie von der Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft ausschliesslich geschichtsträchtig. Die fälschliche Identifizierung von Selbstaffirmation der Arbeiterklasse und Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft bestimmte nicht nur die sowjetische Hammer und Sichelvariante des Marxismus, sie wiederholte sich genauso in dessen sozialdemokratischer Version wie in all seinen häretischen Spielformen. Bis heute hat der Marxismus als Gegenbild zur aufzuhebenden bürgerlichen Gesellschaft nur die durch die reale Entwicklung längst blamierte Chimäre einer Ontologie der Arbeit zu bieten.

Wenn die Marxsche Theorie vom schliesslichen Ende des Kapitalverhältnisses sich in dieser wohlbekannten Arbeiterbewegungsquintessenz erschöpfen würde, sie wäre zu Recht der Gnade des Vergessens überantwortet. Die reale historischen Entwicklung hätte dann in der Tat jene revolutionäre Emphase endgültig erledigt, mit der die Marxsche Theorie einst antrat. Unter diesen Umständen müsste die Hoffnung auf den Sturz der bürgerlichen Gesellschaft tatsächlich zusammen mit der grossen historische Bewegung ein für allemal erlöschen, der sie ein Jahrhundert als ideologisches Vehikel diente. Der Widerspruch von Wertform und stofflichem Inhalt lässt sich in der Tat vom Standpunkt des unmittelbaren Produzenten keineswegs aufrollen 8. Allein, auch die Marxsche Theorie von der Aufhebung des Kapitalverhältnisses ist mit der mittlerweile reichlich antiquierten Beschwörung eines scheintranszendeten arbeitsontologischen Standpunkts bestenfalls zur Hälfe getroffen. Die Kritik der politischen Ökonomie, die Breuer und Konsorten auf ihrer eigenen pessimistisch gestimmten Seite wähnen, öffnet aus ihrer eigenen Logik heraus einen Parallelzugang zu einer gänzlich anders strukturierten Revolutionstheorie, die ohne die altbekannten arbeiterbewegten Herrlichkeiten auskommen kann, ja sie durch ihre Stossrichtung radikal negiert 9.

Der doppelte Marx, den Stefan Breuer im Auge hat, existiert tatsächlich. Die Trennlinie zwischen den disparaten Teilen innerhalb der Marxschen Theorie verläuft allerdings etwas anders, als sie Breuer verortet. Die revolutionstheoretische Perspektive ist nicht per se als ein blosses Abfallprodukt Marxscher Arbeitertümelei und zwangsläufig an arbeitsontologische Reminiszenzen gekoppelt. Auch die Marxsche Revolutionstheorie liegt zumindest in nuce doppelt vor. Die Illusion einer revolutionären Arbeiterklasse kann platzen, ohne dass damit Stabilität und ewiger Frühling kapitalistischer Herrschaft bewiesen wären. Neben dem von der Arbeiterbewegung reichlich plattgetretenen Theoretiker einer proletarischen Revolution verbirgt sich in den Tiefen der Kritik der politischen Ökonomie eine weitere Alternativversion vom Ende des Kapitals, die bis heute weder eingelöst geschweige denn falsifiziert ist. Während Marx und Engels einerseits tatsächlich, ganz dem landläufigen Arbeiterbewegungsjargon gemäss, die Überwindung des Kapitalverhältnisses von der Aktion des selbstbewussten Proletariats erwarteten, entwirft Marx im „Kapital“ und in den „Grundrissen“ gleichzeitig dazu ein anderes, in der Rezeptionsgeschichte vollkommen vergessenes Szenario vom Ende der bürgerlichen Gesellschaft. In dieser, allerdings mehr chiffrenhaft angedeuteten denn ausgeführten Version bringt nicht die schwielige Proletenfaust das Kapital zur Strecke, die wertförmige Vergesellschaftung scheitert statt dessen an ihrer eigenen immanenten Logik. Diese Vorstellung einer objektiven Schranke der bürgerlichen Gesellschaft prognostiziert die Selbstzersetzung der Keimform der bürgerlichen Gesellschaft, der Wert- und Warenform und zentriert sich logisch um das Obsoletwerden des unmittelbaren Produzenten. Wert- und Warenform verlieren ihre Grundlage und damit ihre Lebensfähigkeit, „sobald die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die grosse Quelle des (stofflichen! Anmerkung E.L.) Reichtums zu sein“ 10, weil die unmittelbare Produktionsarbeit die lebendige Grundlage des Werts bildet. In dieser, von der Kritik der politischen Ökonomie bestimmten Lesart, fallen der Untergang des Kapitals und das sukzessive Zurücktreten des unmittelbaren Produzenten zusammen. Mit dieser Variante desavouiert Marx die gängigen Arbeiterbewegungsraster vollkommen und stellt sie auf den Kopf. Während für jeden Arbeiterbewegungsmarxismus die unmittelbaren Produktionsarbeiter ganz selbstverständlich den Kern der proletarischen Klassenmacht bilden und ihm daher folgerichtig als das Allerheiligste gelten, erscheint hier urplötzlich pikanterweise gerade der rapide Bedeutungsschwund der Kultfigur als conditio sine qua non kommunistischer Umwälzung!

Es fällt schwer diese einander diametral entgegengesetzten Argumentationslinien zusammenzudenken. Marx gelang es nicht, den grundlegenden schreienden Widerspruch zwischen beiden Betrachtungsweisen zu einem kohärenten Ganzen zusammenzufügen. Statt dessen durchkreuzen sich in seinem Werk unvereinbare Theoriestränge und der gigantische Torso der Marxschen Theorie bleibt doppeldeutig. In seinem Werk stehen zwei Optionen vom Untergang des Kapitalverhältnisses unvermittelt nebeneinander. Marx redet gleichermassen von der Expropriation der Expropriateure durch die selbstbewussten Arbeitermassen wie von der immanenten objektiven Schranke des Kapitals, ohne je mehr als eine provisorische Verknüpfung beider Gesichtspunkte herstellen zu können 11. Der Bezug zwischen dem Schlusspunkt der Kritik der politischen Ökonomie, dem objektiven Krisenprozess, und dem soziologisch daherstolzierenden revolutionären Arbeitersubjekt bleibt im gesamten Werk ein blinder Fleck und entsprechend unklar.

Dieser wenig befriedigende Umstand ist sicher nicht den mangelnden analytischen Fähigkeiten von Marx geschuldet. Er hat seinen Grund in den realen historischen Umständen, die in die Marxsche Theoriebildung miteingingen. Marx antizipierte zwei grosse historische Prozesse. Er nahm zum einen die Emanzipationsbewegung der Arbeiterschaft gedanklich vorweg, eine Bewegung, die zu seinen Lebzeiten noch in den Kinderschuhen steckte. Er analysierte andererseits auf sehr hohem Abstraktionsniveau das objektive Ausbrennen und die schliessliche Auflösung der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Grundformen. Die crux, die uns Nachgeborenen den Bezug auf dieses zweite, heute virulent werdenden Moment seiner Theorie immens erschwert, liegt nun darin, dass er beide historische Prozesse nicht streng scheiden konnte, sondern sie als zusammengehörigen Komplex denken musste. Für ihn und seine Anhänger sind Emanzipation der Arbeiterklasse und Ende der bürgerlichen Gesellschaft aneinander gekoppelt. Realiter fallen diese entscheidenden Einschnitte aber nicht nur historisch um einige Menschenalter auseinander, sondern auch logisch. Die Emanzipation der Arbeiter hat sich mittlerweile als Befreiung der Arbeiter zu gleichberechtigten Staatsbürgern und Warenbesitzern längst vollzogen, das Ausbrennen der Wert- und Warenform und die ganze Brisanz, die in dieser Entwicklung steckt, zeichnet sich erst heute am historischen Horizont ab. Die Zerstörung der bürgerlichen Form ist nicht mit der Emanzipation der Arbeit, sondern mit der Befreiung von ihr identisch. Weit davon entfernt die Wertlogik ausser Kraft zu setzen, entpuppte sich die Emanzipation der Lohnarbeiter als ein Hauptkettenglied der Entfaltung der Wertvergesellschaftung. Deren reale, empirisch greifbare Selbstzerstörung tritt dagegen erst mehr als hundert Jahre nach Marxens Tod in ihr akutes Stadium, und schliesst dabei ganz selbstverständlich die Zersetzung aller Arbeiterherrlichkeit mit ein!

Für Marx war die illusorische Identifizierung von Arbeiteremanzipation und kommunistischer Revolution wohl unvermeidlich. Auf der Suche nach Anknüpfungspunkten für seine revolutionäre transbürgerliche Theorie im real sich vollziehenden historischen Prozess, gab es in seiner Zeit nur einen denkbaren Bezugspunkt, und das war nun einmal die Arbeiterbewegung. Die kommunistische Revolution konnte nur ein Gewächs dieser sich anbahnenden Emanzipationsbewegung sein, oder die kommunistische Perspektive war auf absehbare Zeit gegenstandslos, ein unpraktikables Hirngespinst. Dementsprechend hält Marx die These einer objektiven,dem Kapital immanenten Schranke nur konsequent durch, solange er sich auf hohem Abstraktionsniveau bewegt. Sobald er die Brücke zur empirischen Wirklichkeit seiner Epoche zu schlagen versucht, nähert er sich unweigerlich dem gewohnten Arbeitersoziologismus 12. Statt für seine Gegenwart zum Apologeten der bürgerlichen Produktionsweise zu konvertieren und ihr freiwillig eine unabsehbar hohe Lebenserwartung zu attestieren, rettete Marx die revolutionäre Intention seiner Theorie, indem er seine Vision einer nicht mehr warenförmigen Reproduktion in die akut sich herausbildende Arbeiterbewegung hineinprojizierte. Mangels objektiver empirischer Anknüpfungspunkte für das Obsoletwerden der Wertbeziehung zu seinen Lebzeiten, formulierte Marx die theoretisch anvisierte Abschaffung von Wert und Ware ersatzweise als subjektive Aufgabe und schrieb sie der allmählich aufblühenden Arbeiterbewegung ins Stammbuch.

Diese Lebenslüge zentrierte sich im wesentlichen um ein Missverständnis. Marx hielt den Ausschluss der Besitzer der Ware Arbeitskraft von den Segnungen der Waren-Demokratie für ein Strukturmerkmal jeder kapitalistischen Gesellschaft. Die Emanzipation der Arbeiter kann für Marx nur deshalb mit der Aufhebung der Geld- und Warenbeziehung zusammenfallen, weil es sich die Arbeitermassen, anders als die Bourgeoisie, in den verdinglichten Verhältnissen nicht bequem machen können. Er geht davon aus, dass den Eigentümern der Ware Arbeitskraft der Weg zur vollwertigen Mitgliedschaft innerhalb der Gemeinschaft freier und gleicher Warenbesitzer, trotz aller Anstrengungen auf immer und ewig verschlossen bleiben muss. In dieser für die Marxsche Interpretation paradigmatischen Voraussetzung verschränken sich ganz eigentümlich das Rückständige an den handgreiflichen, empirischen Bedingungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts mit der Fundamentalkritik der bürgerlichen Gesellschaft. Marx muss gerade die spezifisch unterständischen Merkmale, die sich in der proletarischen Existenzweise noch einmal reproduzieren, hypostasieren und in die Zukunft verlängern, um der Arbeiterschaft einen revolutionären transbürgerlichen Charakter im Sinne seiner Fetischismusanalyse zuordnen zu können. Damit verfehlt aber der Marxsche Antizipationsversuch den realen historischen Trend. Die „soziale Frage“ des 19.Jahrhunderts war der Unreife und Unentwickeltheit der damaligen Verhältnisse geschuldet. Beim klassischen Arbeiterelend handelte es sich bekanntermassen nur um ein Übergangsphänomen. Dieses Phänomen war innerhalb der kapitalistischen Logik überwindbar, und es wurde überwunden. Die grausamen Friktionen, die die Kindertage des Kapitals begleiteten, verschwanden mit der Entwicklung der Wertvergesellschaftung und die Arbeiterklasse entfaltete sich durch vielerlei Kämpfe und Brüche hindurch zu dem was sie ihrem Begriff nach immer schon gewesen war. Sie metamorphosierte vom unterständischen „Vierten Stand“ zu einer spezifischen Kategorie freier und gleicher Warenbesitzer.

Diese in der Logik seines Kapitalbegriffs enthaltenen Entwicklungstrends bekam Marx nicht ins Visier. Gleichermassen von der himmelschreienden empirischen Misere wie von der himmelstürmenden Hoffnung auf eine operationalisierbare revolutionäre Perspektive geblendet, galten ihm die Arbeiter per se als die lebendige Negation der bürgerlichen Gesellschaft. Jeder Akt der Selbstbehauptung und Selbstaffirmation der Arbeiterschaft kann in diesem Verständnis praktisch nur in einen Anschlag auf ihr elendes Arbeiterdasein münden. Die Differenz zwischen dem Kampf gegen das Elend der Arbeiterexistenz und dem Kampf gegen die elende Arbeiterexistenz selber, fielen auf diese Weise unter den Tisch, und so kamen die naiven Arbeitermassen zu der besonderen Ehre, bei Marx als die privilegierten Träger einer kommunistischen Umwälzung figurieren zu dürfen. Diese von der Geschichte gründlich falsifizierte Sichtweise hat Marx strategisch verdichtet und in die beliebte Parole „Selbstaufhebung des Proletariats“ übersetzt. Diese Zauberformel zwingt theoretisch zusammen, was nicht zusammengehört, und ermöglicht es Marx in seinen Schriften, am Gedanken der Aufhebung des unmittelbaren Produzenten durchgehend festzuhalten und diesem Ziel dennoch die gegen jedes selbstaffirmative Arbeiterbewusstsein gerichtete polemische Spitze abzubrechen 13.

Diese Unzulänglichkeit ist Marx selber allerdings kaum zum Vorwurf zu machen. Der Versuch, die Kritik der bürgerlichen Form auf einem Vergesellschaftungsniveau zu konkretisieren, auf dem statt ihrer Beseitigung erst deren Herstellung auf dem geschichtlichen Programm steht, führte zwangsläufig zu eigenartigen Verkehrungen. Was Marx hoffnungsvoll bereits als Anzeichen für die beginnende Agonie der bürgerlichen Gesellschaft deutet, waren realiter nun einmal lediglich deren Geburtswehen, und dieser Umstand hinterlässt auch in seiner Theorie zwangsläufig Spuren.

Wenn sich im Marxschen Werk die radikale Kritik der bürgerlichen Form und der Kampf für sie, via Arbeiterbewegung, zu einem vermengen, so ist es eben die Aufgabe einer zeitgemässen revolutionären Theorie das Amalgamierte auseinanderzudividieren, statt in Ehrfurcht unser Brevier aus den Schriften der Klassiker wiederzukäuen. Wollen wir an deren revolutionärer Intention festhalten, bleibt gar kein anderer Weg. Die falsche Einheit von disparaten Gesichtspunkten macht die Marxsche Theorie in ihrer überlieferten Fassung für die Bedürfnisse unserer Epoche unbrauchbar. Im Marxschen Werk überlagert die Zukunftsmusik von ehedem, die Emanzipation der Lohnarbeit, die in der Fetischkritik intonierte Melodie. In den Interpretationsmustern des Marxismus wird sie vollends neutralisiert und verkommt zu dunkel-unklaren Sphärenklängen. Gerade diese scheinbar mystischen Töne sind es aber, die allein akuten Zündstoff für unsere scheinbar undurchdringliche Wirklichkeit liefern und nicht nur die Herstellung eines durch und durch verobjektivierten Verhältnisses erfassen können, sondern auch in der Lage sind, die in diesem Versachlichungsprozess enthaltenen Bruchlinien aufzuspüren und nachzuzeichnen. Erst die wertkritische Zuspitzung macht die Marxsche Theorie aus einem alten Hut zum hochbrisanten Sprengstoff. Auf der Suche nach dem verlorenen sozialistischen Ziel müssen wir die alten, längst zu Gebetsmühlen heruntergekommenen Verknüpfungen von Revolution und Arbeiterstandpunktsseligkeit rigoros kappen und statt dessen die Kritik des Warenfetischs bis zu ihren krisen- und revolutionstheoretischen Implikationen weitertreiben und konkretisieren. Es kann nur dann gelingen, eine durchschlagende Revolutionstheorie zu reformulieren, wenn wir aus der konsequent durchgehaltenen Kritik der politischen Ökonomie heraus den Zugang zum Problem der Überwindung der bürgerlichen Gesellschaft von neuem freischaufeln.

Die positive Reformulierung einer Revolutionstheorie auf der Höhe unserer Zeit und des in der Kritik der politischen Ökonomie gesetzten Reflexionsniveaus setzt die theoretische Demontage der tradierten revolutionstheoretischen Raster voraus. Die Bilder, die sich der überlieferte Marxismus vom Untergang des Kapitals machte, überlagern wie dicke Tünche die innere Logik und Struktur der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie und verstellen hermetisch den Zugang zu deren revolutionstheoretischer Auflösung. Die Umrisse einer zeitgemässen Revolutionstheorie werden deshalb erst sichtbar, sobald wir ihre Vorgänger kritisch aufgearbeitet und uns die tradierten Denkgewohnheiten in Sachen revolutionäres Subjekt gründlich vom Hals geschafft haben.

3. Zum logischen Status von Krisen- und Revolutionstheorie

Eins sollten wir bei der Auseinandersetzung mit der Marxschen Theorie nie vergessen. Wenn Marx die bürgerliche Produktionsweise untersucht, so handelt es sich dabei keineswegs um eine alternative Wirtschaftstheorie, der es um die positive Darstellung der Funktionsmechanismen der kapitalistischen Produktionsweise ginge, sondern um die Kritik der politischen Ökonomie. Der Untertitel des Marxschen Hauptwerks bezeichnet das gesamte Untersuchungsprogramm. Mit der Metamorphose der Marxschen Theorie zum Marxismus ging diese fundamentalkritische Stossrichtung allerdings völlig verloren. Stellenwert und Bedeutung der negativen Selbstcharakterisierung gerieten in der marxistischen Tradition in Vergessenheit oder überlebten lediglich als entleerte Phrase. Soweit die Marxisten an der kritischen Intention der Kritik der politischen Ökonomie festhielten, nahmen sie diese mit Vorliebe auf ihre ideologiekritische Seite zurück. Diese Reduktion verfehlt allerdings die Marxsche Intention gründlich. Denn wenn Marx gerade die negatorische Stossrichtung seines Ansatzes zum Markenzeichen erhebt, so geht es ihm dabei nicht allein um die radikale Enthüllung der Schwächen konkurrierender theoretischer Ansätze. Marx begnügt sich keineswegs damit, die zu seinen Lebzeiten vorherrschenden ideologischen und wissenschaftlichen Vorstellungen über Ökonomie anzugreifen; seine Kritik zielt gleichzeitig, und das ist das Entscheidende, auf den zu untersuchenden Gegenstand selber. Marx nimmt das System der bürgerlichen Ökonomie nicht als krudes vorausgesetztes Faktum, seine Darstellung ist immer schon auf innere Widersprüchlichkeit und schliessliche Auflösung des „nationalökonomischen Zustands“ hin orientiert. Die Marxsche Kapitalismusanalyse hat es sich von der ersten bis zur letzten Zeile zur ausschliesslichen Aufgabe gemacht, jene Paradoxien herauszuarbeiten, die die bürgerliche Vergesellschaftungsform als unhaltbares, nur transitorisches Stadium menschlicher Entwicklung kennzeichnen.

Dieser negative Charakter der Analyse verleiht der Krisentheorie ihren besonderen Stellenwert im Marxschen Werk. Wenn es die Krise ist, die die Wahrheit der kapitalistischen Produktionsweise enthüllt, kann die Analyse der wirklichen Weltmarktkrisen nicht wie in positiven Wirtschaftstheorien als Appendix an der allgemeinen Theorie des Kapitalverhältnisses kleben, sie wird selber zum übergreifenden und zusammenfassenden Moment. Marx hat die integrative Funktion der Krisentheorie in seinen methodischen Überlegungen immer betont. So schreibt er etwa flogendes in den „Theorien über den Mehrwert“, um die Marschrichtung seiner Kritik der politischen Ökonomie anzugeben:

„Und dies ist bei der Betrachtung der bürgerlichen Ökonomie das Wichtige. Die Weltmarktkrisen müssen als die reale Zusammenfassung und gewaltsame Ausgleichung aller Widersprüche der bürgerlichen Ökonomie gefasst werden. Die einzelnen Momente, die sich also in diesen Krisen zusammenfassen, müssen also in jeder Sphäre der bürgerlichen Ökonomie hervortreten und entwickelt werden, und je weiter wir in ihr vordringen, müssen einerseits neue Bestimmungen dieses Widerstreits entwickelt, andererseits die abstrakteren Formen desselben als wiederkehrend und enthalten in den konkreteren nachgewiesen werden“14.

Die Krisentheorie wirft ihren Schatten auf das gesamte System der Kritik der politischen Ökonomie und gibt dem Bau seine Färbung. Die Beschäftigung mit den Weltmarktkonvulsionen, die das Finale furioso im ursprünglichen Aufbauplan der Marxschen Ökonomiekritik bilden sollte, bringt kein neues apartes Thema aufs Tablett. Sie bündelt nur noch einmal konkretisiert und im Brennspiegel all die Bestimmungen, die Marx auf anderen abstrakteren Ebenen seiner theoretischen Aufarbeitung bereits vorab entwickelt hat 15. Wenn Marx auf den ersten Seiten des „Kapitals“ die einzelne Ware analysiert, dabei den in der nackten Existenz der Ware gesetzten Zerfall der Einheit von Produktion und Konsumtion herausarbeitet, der in seinem Gefolge die Verdopplung von Ware und Geld hervortreibt, so hat er damit auch schon die abstrakteste Form der Krise herausgeschält.

„Indem die Austauschbarkeit der Ware ausser ihr als Geld existiert, ist sie etwas von ihr Verschiedenes, ihr Fremdes geworden; mit dem sie erst gleichgesetzt werden muss, dem sie also d’abord ungleich ist; während die Gleichsetzung selbst von äussren Bedingungen abhängig wird, also zufällig“ 16.

„Insofern Kauf und Verkauf, die beiden wesentlichen Momente der Zirkulation, gleichgültig gegeneinander sind, in Raum und Zeit getrennt, brauchen sie keineswegs zusammenzufallen. Ihre Gleichgültigkeit kann zur Befestigung und scheinbaren Selbständigkeit des einen gegen das andere fortgehn. Insofern sie aber beide wesentliche Momente Eines Ganzen bilden, muss ein Moment eintreten, wo die selbständige Gestalt gewaltsam gebrochen und die innre Einheit äusserlich durch eine gewaltsame Explosion hergestellt wird. So liegt schon in der Bestimmung des Geldes als Mittler, in dem Auseinanderfallen des Austauschs in zwei Akte, der Keim der Krisen, wenigstens ihre Möglichkeit..“17

Wir sehen, die Beschäftigung mit der Krise kapitalistischer Vergesellschaftung findet sich nicht erst fragmentarisch im 3.Band des „Kapitals“, sie beginnt in diesem, wie in allen anderen zentralen Werken, in denen Marx seine Kritik der politischen Ökonomie entwickelt, mit der ersten Zeile. Die Durchdringung der „metaphysischen Mucken“ der Warenform ist keine l’art pour l’art-Veranstaltung, sie beinhaltet bereits die abstrakteste Form der Krisentheorie. Der architektonische Grundriss, in den sich der gigantische Torso des Marxschen Werkes einfügt, ist von vornherein auf den krisentheoretischen Schlussstein hin ausgerichtet.

Den in der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie konzipierten kohärenten Zusammenhang löst die Verharmlosung des „Kapital“ zu einer positiven marxistischen Wirtschaftswissenschaft rigoros auf. In den Händen der Epigonen verliert die Krisenproblematik ihre fokussierende Funktion und rückt aus dem Zentrum der theoretischen Anstrengung in den Anhang. Der kapitalistische Normalzustand erscheint, zumal was die Grundformen dieser Gesellschaftsformation angeht, als die eine Sache, die krisenhafte Störung des reibungslosen Ablaufs der Kapitalakkumulation als ein ganz anderer theoretischer Gegenstand, den es gesondert abzuhandeln gilt. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie diffundiert zu einem Bündel wirtschaftswissenschaftlicher Theoreme, und die debattierenden marxistischen Ökonomen hantieren mit diesem Instrumentarium, indem sie mehr oder minder virtuos einzelne auseinanderdriftende Bruchstücke gegeneinander geltend machen. Die marxistische ökonomische Diskussion gewinnt ihre Einheit nur mehr unter ideologischen Gesichtspunkten. Ghettoisiert und vom bürgerlichen Wissenschaftsbetrieb ausgeschlossen, bleiben die marxistischen Kontrahenten aufeinander verwiesen. Der innertheoretische Zusammenhang dünnt dagegen aus, und die Verknüpfungen zwischen den abgetrennten Spielwiesen können zusehends lediglich willkürlich erzwungen werden. Dieser Umstand schlägt sich in der klassischen marxistischen Krisendebatte unübersehbar nieder. Überakkumulations-, Unterkonsumtions- und Disproportionalitätstheoretiker reden vornehmlich konsequent aneinander vorbei. Zusammenhalt und Identität marxistischer Ökonomie liegt nicht so sehr im Diskussionsprozess begründet, sie ruht vielmehr in dem, was als vermeintlich selbstverständliche Vorgabe nicht mehr thematisiert wird, in den gemeinsamen Vorurteilen. Der Hauptteil des Marxschen Werks, vor allem der 1.Band, bleibt so gut wie unumstritten und damit unbeleuchtet. Die durchgängige positivistische Verbiegung der Marxschen Werttheorie zu einer Definitionsübung 18 enthebt die marxistischen Ökonomen vor allem der Mühe, sich auf die allgemeinsten Bestimmungen von Wert- und Warenform analytisch einzulassen. Die konkurrierenden klassischen marxistischen Krisentheoriestränge umspannen nicht das gesamte Feld der Kritik der politischen Ökonomie, sie machen sich jeweils an bestimmten Teilproblemen im zweiten und dritten Band des Marxschen „Kapital“ fest, und blasen sie ersatzweise zum Nonplusultra auf, um sich auf diesem beschränkten Standpunkt einzuigeln. Mit dem Verlust ihrer fetischismuskritischen Spitze büsst die Kritik der politischen Ökonomie gleichzeitig die Fähigkeit ein, die Totalität der bürgerlichen Verkehrsform zu fassen und fällt einem unaufhaltsamen Erosionsprozess anheim.

Der negativ-kritische Grundzug des Marxschen Ansatzes bestimmt aber nicht nur die Binnenbeziehungen aller Teilmomente innerhalb des Bezugssystems Kritik der politischen Ökonomie und fügt sie, um mit Marx zu sprechen, zu einem „artistischen Ganzen“ zusammen, er wirkt sich auch auf den Bau des Marxschen Gesamtwerks aus. An der kritischen Stossrichtung hängt nicht nur die Kohärenz der Kritik der politischen Ökonomie als solcher, erst die negatorische Themamelodie gruppiert auch die Marxsche Gesamttheorie um dieses Zentrum. Sobald der Wert zur positiv handhabbaren Grösse verkehrt wird, verwandelt er sich im gleichen Atemzug auch zu einer rein innerökonomischen Kategorie. Der von Marx als Keimzelle der gesamten bürgerlichen Gesellschaft apostrophierte „Wert“ büsst mit der rigorosen Beschränkung des Gültigkeitsbereiches seine Relevanz zur Erklärung ausserökonomischer Phänomene ein. So wird für die Behandlung der politischen und ideologischen Sphäre die Entwicklung eigenständiger Kategoriensysteme unerlässlich, die entkoppelt und unabhängig vom Wert eine eigene Logik entfalten. Sobald Theorie ohne wertkritische Spitze operiert, wiederholt sie auf ihrem eigenen Boden blind und bewusstlos die für die bürgerliche Gesellschaft charakteristische Sphärentrennung. Mit dem Abschied von der Negation der Grundformen der bürgerlichen Gesellschaft geht der Kapitalismusanalyse jede Tiefendimension verloren und die Erfassung der inneren Gliederung der Wirklichkeit, in deren Rahmen alle Oberflächenphänomene dieser Gesellschaft sich aufeinander beziehen, weicht einem in Spezialdisziplinen aufgefächerten Marxismus. Die Verwandlung der Kritik der politischen Ökonomie in marxistische Ökonomie zerlegt das Ganze der Wirklichkeit und schafft eine Vielzahl disparater Theoriefelder, die nach jeweils eigenen Gesetzen zu funktionieren scheinen und nur durch äusserliche „Wechselwirkungen“ aufeinander einzuwirken vermögen. Nichts könnte der vielbeschworenen Dialektik mehr Hohn sprechen als dieser sich weise gebende, hölzerne Mechanizismus. Wo der Marxismus sich als positive Theorie der bürgerlichen Gesellschaft kapriziert, reproduziert er in kruder und unausgegorener Weise auf seinem eigenen Boden den bürgerlichen Wissenschaftspluralismus und spreizt sich ins Unendliche auf. Marxistische Soziologie, marxistische Staatstheorie, marxistische Religionstheorie, marxistische Ökonomie, marxistische Anthropologie und marxistische Krisentheorie stehen einander gegenüber und ihre Einheit rutscht aus der analytischen Stringenz ins Attribut und damit ins Ideologische. Die historische Marxrezeption kann im wesentlichen als frappierende Bestätigung dieser Erosionslogik gelten. Konfrontiert mit unweigerlich auseinanderstrebenden Theoriemomenten mussten Legionen von Epigonen bis heute auf einen mechanischen Basis-Überbau-Schematismus zurückgreifen um die auseinanderfallenden Zweige marxistischen Denkens noch irgendwie unter das Primat einer positiv gewendeten Ökonomie zu zwingen. Damit verfehlen sie aber das reale innere Band der bürgerlichen Gesellschaft vollkommen und fügen nur äusserlich und mit der Brechstange disparate Theoriesegmente zusammen.

Das abschreckende Beispiel verdeutlicht die Quintessenz unserer Überlegungen. Der innere theoretische Zusammenhang, der Griff nach der Totalität des gesellschaftlichen Getriebes, hängt notwendig am negativ-kritischen Zugang und ist auf Gedeih und Verderb an ihn gebunden. Die Keimzelle dieser Verkehrsform, Wert und Ware, um deren Analyse sich die Kritik der politischen Ökonomie und die Marxsche Untersuchung der bürgerlichen Gesellschaft überhaupt rankt, wird nur vom Standpunkt ihrer Negation aus sichtbar. Die Darstellung bleibt nur solange stringent, folgt einem roten Faden und zielt aufs Ganze, solange Wert und Ware als zu erklärende Grundrätsel zum Ausgangspunkt genommen und nicht als selbstverständliche positive Tatsache unhinterfragt vorausgesetzt werden.

Wenn wir diese negatorische Stossrichtung in unserer Herangehensweise konsequent durchhalten, und das Kapital statt als positive Entität ernsthaft als seinen eigenen lebendigen Widerspruch behandeln, so hat dies immense Implikationen für den Stellenwert der Marxschen Krisentheorie und ihre Stellung zu anderen Momenten der Marxschen Theorie. Unter wertkritischem Blickwinkel streift Krisentheorie ihren subalternen Rang ab und wird zum Einheit stiftenden Scharnier des ganzen Marxschen Werkes. Die krisentheoretische Quintessenz der Marxschen Konzeption der Kritik der politischen Ökonomie entpuppt sich nicht nur als deren Kulminations-, sondern gleichzeitig auch als ihr Umschlagspunkt zu anderen scheinbar fremden Theoriesphären. Wo die Analyse der kapitalistischen Bewegungsgesetze explizit in die Darstellung der realen Zersetzung des kapitalistischen Mechanismus einmündet, muss sie sich zur Theorie der Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft zuspitzen. Wenn das Kapital nicht an einem fremden Wesen, sondern letztlich an sich selber scheitert, so kann Krisentheorie nicht selbstbescheiden bei sich zu Hause bleiben, sie zieht aus ihrer eigenen Logik heraus die Umrisse einer spezifischen Revolutionstheorie nach sich. Die Vorstellung einer objektiven immanenten Schranke impliziert, zu Ende gedacht, die grundlegende Einheit von Revolutions- und Krisentheorie. Dabei ist die Krisentheorie der umfassendere grundlegende Gesichtspunkt und die Revolutionstheorie entspringt ihr als Spezifikation. Wer den Gedanken der objektiven immanenten Schranke ernst nimmt und weitertreibt, muss gerade bei allen revolutionstheoretischen Überlegungen von dieser Grundannahme ausgehen, auf sie rekurrieren und Revolutionstheorie als Ausfluss der Krisenanalyse begreifen 19. So etwas wie eine immanente Schranke vorausgesetzt, kann die Revolutionstheorie ihrem ganzen Status nach nichts anderes als die Konkretion und Bewährung dieser Grundthese sein, während die Krisenanalyse nicht nur in sie eingeht, sondern ihr auch als logisches prius immer schon vorausgesetzt ist. Am Ende einer Krisentheorie, die sich nicht damit begnügt, ökonomisches Spezialfach zu sein und einen allgemeinen, das ganze System der Kritik der politischen Ökonomie umgreifenden Anspruch erhebt, steht der Übergang zur Theorie der kommunistischen Revolution, die die krisentheoretische Färbung nicht abwirft, sondern fortschreibt und konkretisiert.

4. Die Arbeiterklasse revolutionäres Subjekt a priori

In der traditionellen Marxrezeption findet sich allerdings, wie auch nicht anders zu erwarten, von dieser engen Verzahnung beider Theoriemomente nicht die geringste Spur. Im Gegenteil, Krisenanalyse und Revolutionstheorie scheinen hier disparaten theoretischen Sphären zugeordnet, die wenig bis nichts miteinander gemein haben. Eine Affinität zur Organisationswissenschaft macht sich auf Schritt und Tritt bemerkbar, sobald sich der traditionelle Marxismus revolutionstheoretischen Überlegungen zuwendet, die Querverbindungen zur Krisentheorie dagegen verlieren sich im Übergang von der Marxschen Theorie zum Marxismus so gut wie vollständig. Krisentheorie verkommt zu einer wenig praktischen und entsprechend subalternen Übung für Ökonomiespezialisten. Im Richtungsstreit der alten Arbeiterbewegung spielt die ökonomische Debatte insgesamt nur die Rolle eines mehr oder minder vergessenen Nebenkriegsschauplatzes, und ihre krisentheoretische Seite scheint erst recht jenseits von Gut und Böse im Wolkenkuckucksheim angesiedelt.

Während Marx mit der These einer immanenten objektiven Schranke, die dem Kapitalverhältnis zu guter Letzt aus dessen eigener Logik heraus ein Ende setzt, kryptisch die grundlegende Identität von Krise und Revolution proklamiert, verliert sich bei den Nachfolgern der damit zwangsläufig intendierte umgreifende Stellenwert der Krisenanalyse restlos. Die himmelschreiende Diskrepanz zwischen der Marxschen Konzeption einer immanenten objektiven Schranke und der marxistischen Vorstellungwelt und ihren Phantasien zum Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus, ist innerhalb der marxistischen Diskussion nie wirklich aufgebrochen und auch von keinem Aussenseiter ernsthaft thematisiert worden. Keiner der Protagonisten stellte sich in den theoretischen Diadochenkämpfen konsequent auf den Standpunkt des objektiven Endes des Kapitalverhältnisses, und die Epigonen erlaubten einander, sich mit grösster Leichtigkeit allzeit über eventuelle Lippenbekenntnisse hierzu hinwegzusetzen. Dieses Verdikt trifft selbst noch die wenigen expliziten und in höchsten Masse angefeindeten Zusammenbruchstheoretiker in der marxistischen Debatte. Rosa Luxemburg, Henryk Grossmann und dessen Erbverwalter Paul Mattick nahmen sich zwar lobenswerter Weise vor, den Marxschen Grundgedanken einer dem Kapital immanenten Schranke zu explizieren, in ihren Konsequenzen landeten sie aber gleich ihren „harmonistischen“ Konkurrenten bei der selbstbewussten aprioristischen Arbeitersubjektivität, die eine schlechte Welt zu richten hätte. Weil sie bei der Erstellung ihrer Zusammenbruchstheorien die wirkliche absolute Schranke des Kapitals, die allein in der Selbstzerstörung der grundlegenden Gestalt kapitalistischer Reproduktion, der Waren- und Wertform liegen kann, nicht in den Blick bekommen und sie statt dessen mit sekundären, rein binnenökonomischen Fragestellungen (Realisierungsproblem, Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate) kurzschliessen, müssen sie, sobald sie die reale Auflösung des Kapitalverhältnisses skizzieren wollen, zur Beschwörung der Arbeiterklasse als revolutionärem Subjekt a priori springen. Jeder Krisenobjektivismus, der sich auf abgeleitete Ebenen im Innenleben einer positiven marxistischen Ökonomie kapriziert, schlägt notwendig in Subjektivismus um, sobald er sein eingesponnenes enges Terrain verlässt, sich das theoretische Interesse dem Akt der Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft zuwendet. Weder der von Rosa Luxemburg prognostizierte Tod des Kapitals am Aussterben ausserkapitalistischer Milieus, noch die mathematischen Übungen, mit denen Henryk Grossmann das Gesetz vom tendenziellen Fall des Profitrate breittritt, können per se irgendeinen Hinweis auf die mögliche Auflösung der Misere zur sozialistischen Gesellschaft hin liefern. Sie sind ausserstande, die Grundlage für die Konstituierung des revolutionären Subjekts anzugeben. Krise und Untergang der bürgerlichen Gesellschaft und die Herausbildung einer revolutionären Gegenbewegung, die diesen Zustand überwinden kann, stehen einander innerhalb dieses theoretischen Horizonts als äusserliche und gleichgültige Faktoren gegenüber. Zwischen ihnen besteht kein innerer Zusammenhang. Die tausendfach beschworene Alternative Sozialismus oder Barbarei droht jederzeit sich zur Barbarei hin aufzulösen, denn nichts garantiert, dass die Herausbildung einer selbstbewussten revolutionären Arbeiterklasse, die das drohende Geschick allein wenden kann, mit der Durchkapitalisierung aller Länder dieser Erde oder dem Verfall der allgemeinen Profitrate zeitlich korrelieren muss. An diesem Punkt öffnet der krisentheoretische Determinismus, der für gewöhnlich mit den Namen Luxemburg und Grossmann in Verbindung gebracht wird, den Spielraum für sein Pendant. Beide ökonomische Theoreme erfordern daher ihre Ergänzung durch andersgeartete, politisch-soziologisch strukturierte Theoreme 20 und enden in revolutionärem Voluntarismus. Die marxistischen Zusammenbruchstheoretiker können sich dieser, dem marxistischen Denken inhärenten Strömung nicht entziehen, ihre Gegenspieler überlassen sich ihr von vornherein und treiben mit ihr wie tote Fische. In der Sache hat sich der gesamte Marxismus von der Vorstellung einer dem Kapital immanenten objektiven Schranke verabschiedet. In den seltensten Fällen (etwa bei Bernstein) geht diese Abkehr allerdings mit einer expliziten Kritik dieses Grundaxioms der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie einher. Für gewöhnlich fühlten sich die Marxisten mit den Worten des grossen Meisters im Einklang 21. Die Wortgetreuen beteten rund hundert Jahre lang bewusstlos herunter, dass „die wahre Schranke der kapitalistischen Produktion..das Kapital selbst“ 22 sei, aber ohne dass deswegen die Implikationen dieser Aussage ins Blickfeld geraten wären. Ebenso buchstabentreu wie pflichtbewusst leierten die marxistischen Theoretiker ihr Bekenntnis zu diesem Grundaxiom der Marxschen Theorie herunter, um es de facto bei allen analytischen Bemühungen zu ignorieren. Der gewohnheitsmässige Kotau vor den Worten des grossen Meisters führte, wann immer er sich theoretisch bewähren wollte, nur zu blamablen Resultaten. Mit all den zurechtgezimmerten Bezügen und Deutungsmustern, mit denen marxistische Theoretiker in den letzten hundert Jahren zu erklären versucht haben, warum Marx davon ausgeht, dass das Kapital aus sich heraus über sich hinaustreibt und sich schliesslich selber in die Luft sprengt, blieben nicht nur immer theoretisch äusserst dünn; schlimmer noch: Wo immer der traditionelle Marxismus den Marxschen Gedanken von der absoluten Schranke des Kapitals einzulösen meint, verkehrt er den bei Marx anvisierten Zusammenhang in sein genaues Gegenteil und landet in krudem Subjektivismus. Was auch immer den Gedanken einer immanenten objektiven Schranke erläutern soll, war realiter nur dazu geeignet ihn zu dementieren.

Es fällt nicht sonderlich schwer zu erklären, warum keine der zahlreichen Facetten marxistischer Theorie in der Lage war, den Gedanken einer objektiven Schranke duchzuhalten. Der traditionelle Marxismus war in all seinen Spielformen wesentlich Arbeiterbewegungsmarxismus. Das gesamte marxistische Denken musste sich durch das Nadelöhr apologetischer Überhöhung des Arbeiterinteresses hindurchpressen. Die Arbeiterklasse galt dem triumphierenden Marxismus uneingeschränkt als Träger der besseren sozialistischen Zukunft. Diese Verherrlichung der Arbeiterklasse hatte aber ihren Preis. Die Marxisten konnten kommunistische Bewegung und Arbeiteremanzipation nur in eins setzen und die geliebte Arbeiterklasse mit den höheren Weihen eines revolutionären Subjekts ausstatten, indem sie sie zu einer jenseits der bürgerlichen Wirklichkeit beheimateten Wesenheit verklärten. Das Proletariat stand in der landläufigen marxistischen Lesart für den ewigen Stoffwechsel von Mensch und Natur, für die reine Gebrauchswertseite einer verkollektivierten Produktion. Es schien damit in seiner Kernsubstanz den Irrungen und Wirrungen profitorientierter Privatproduktion enthoben. In den Theoremen der alten Arbeiterbewegung verwandelt sich die Arbeiterklasse unweigerlich in eine im Prinzip immer schon systemtranszendente Wesenheit, die der bürgerlichen Form nur äusserlich unterworfen ist 23. Die marxistischen Theoretiker hypostasierten das Proletariat zum ontischen Gegensatz zur Herrschaft des Kapitals. Arbeiterklasse und Kapital erscheinen in den traditionell-marxistischen Denkmustern nicht als die Pole ein und desselben Verhältnisses, sondern als Verkörperungen entgegengesetzter Prinzipien. Kapital und Arbeit konstituieren nicht die gleiche Wirklichkeit, sondern verschiedene, die sich im Grunde wechselseitig ausschliessen.

Diese Grundkonstellation bestimmt natürlich nachhaltig auch die Denkschablonen, die sich der Marxismus vom Ende des Kapitalverhältnisses zurechtschneidert. Die revolutionäre Perspektive steht und fällt mit der proletarischen Unschuld. Der revolutionäre Beruf des Proletariats entsprang in dieser Sichtweise nicht seiner Existenz als Moment der bürgerlichen Gesellschaft, es kam zu dieser Ehre, weil es im Grunde seiner Seele ausserhalb des bürgerlichen Verblendungszusammenhangs im Reich kraftstrotzender Eigentlichkeit angesiedelt schien. Dementsprechend wird in diesem Interpretationsmuster das Kapital nicht sich selber zum Schicksal, sein Los trifft es gewaltsam von aussen. Es tritt ihm als ebenso aprioristisches wie feindliches Prinzip in der proletarischen Aktion entgegen. Das Kapital fällt diesem sowohl simplen als auch stereotypen Gedankengang zufolge dem Zugriff einer artfremden Arbeiter-Subjektivität zum Opfer. Gerade das vermeintlich vom Kapital grundverschiedene Wesen der arbeitenden Klasse figuriert als alleiniger Garant und conditio sine qua non der Beseitigung der bürgerlichen Gesellschaftsformation.

In dieser Aporie verhedderten sich unweigerlich alle Vorstellungen, die der traditionelle Marxismus von der Auflösung der kapitalistischen Produktionsweise im Laufe seiner Geschichte entwickelt hat 24. Im gesamten marxistischen Denken hängt die Hoffnung auf die nur transitorische Rolle des Kapitalismus in der Menschheitsgeschichte an dieser immer unterstellten Zwei-Welten Theorie 25. Zum Subjekt revolutionärer Umwälzung wird sie gerade als die Inkarnation des ganz Anderen, das dem Kapital und seiner inhärenten Logik existentiell entgegengesetzt und nicht von seiner Welt sein soll. Wo immer marxistisches Denken gezwungen ist, die Arbeiterklasse als Moment der bürgerlichen Gesellschaft anzuerkennen, muss es an der Revolution verzweifeln 26. Hoffnung auf die Auflösung der bürgerlichen Verkehrsform hängt im Marxismus am Arbeiterheiligenschein. Die Überwindung des Kapitals scheint nur denkmöglich, solange ein archimedischer Punkt ausserhalb des kapitalistischen Sytems auszumachen ist, und das Proletariat soll und muss diesen Part übernehmen. Das überlieferte Revolutionsverständnis wiederholt damit die klassische bürgerliche Subjektillusion. Die revolutionäre Subjektivät wird nicht von den inneren Widersprüchen der Wertvergesellschaftung freigesetzt, sie fällt aus dem transbürgerlichen Himmel. Die Überlebensfähigkeit der bürgerlichen Gesellschaft hängt nicht von ihr selbst ab, sie erscheint als Funktion der Lebenskraft und des Selbstbewusstseins einer ihm fremden Subjektivität. Die Stärke des Kapitals ist die Schwäche des Proletariats. Wo immer der tradierte Marxismus das Ende des Kapitalismus ins Auge fassen will, wechselt er von einer Betrachtungsweise, die auf der Analyse der inneren Logik des Kapitals zielt, in transzendente Gefilde über. Sobald die Marxisten auf die apostrophierte, mit der Fortexistenz des Kapitals unvereinbare Grenze zu sprechen kommen, deuten sie diese nicht immanent, sondern verorten sie in letzter Instanz immer in dessen vermeintlichem Kontrapunkt a priori, in der Arbeiterklasse. In den marxistischen Denkgewohnheiten ist das Ende des Kapitalverhältnisses nicht nur mit der revolutionären Bewusstwerdung des Proletariats kurzgeschlossen, der Arbeiterklasse kommt ihr revolutionärer Charakter nur in demselben Masse zu, wie die Verstrickung in die Händel der schnöden bürgerlichen Wirklichkeit an der Substanz proletarischen Daseins nichts ändert. Die revolutionäre Arbeiterklasse verkörpert eine höhere Form kindlicher Unschuld 27.

Ein revolutionäres Subjekt, das auf diese Weise aus der objektiven Wirklichkeit der schnöden bürgerlichen Gesellschaft ins Metaphysische entrückt, kann auch nur mehr gewaltsam mit dem Gedanken einer objektiven Schranke des Kapitals kurzgeschlossen werden. Denn entweder ist es die subjektive Kraft des Proletariats, das Fleisch gewordene sozialistische Prinzip, die dem Kapital als einer wesensfremden Macht ein Ende setzt, oder es ist die bürgerliche Form selber, die sich durch ihre Selbstentfaltung zur Strecke bringt. Wo das Proletariat seinem arbeitsontologischen Wesen nach als revolutionär gilt und daher als Garant der kommunistischen Umwälzung figuriert, ist für diese zweite Option vom Zerfall des Kapitalverhältnisses, für seine objektive Krise, kein Platz. Wenn die Verschmelzung von Marxismus und Arbeiteremanzipation paradigmatisch den theoretischen Rahmen vorgeben, dann bleibt in diesem Bezugssystem kein Raum, um den Gedanken einer objektiven Schranke theoretisch umzusetzen. Er kann nur unter die Vorherrschaft der Arbeiterselbstherrlichkeit subsumiert und damit in sein Gegenteil pervertiert überleben. Genau diesem Schicksal fiel die Vision einer dem Kapital immanenten Schranke zum Opfer. Im arbeiterbewegten Universum überlebt der Gedanke einer objektiven Schranke nur als Schatten und dem Schein nach. Das eilfertige Lippenbekenntnis geht mit einer gründlichen Metamorphose einher, die vom intendierten Gehalt nur eine Worthülse übrig lässt. Der Versuch, zu verdeutlichen, was denn nun genau unter der absoluten immanenten Schranke des Kapitals zu verstehen sei, führte stante pede und unweigerlich zum Rekurs auf die allseits vertraute und geliebte Arbeiterklasse.

Diese Lesart kann durchaus an bestimmte Ausführungen im Marxschen Werk anknüpfen. Selbst im „Kapital“ rutscht Marx gelegentlich in die Arbeiterbewegungsdiktion. Besonders eine Passage war beliebt, wenn es darum ging die transitorische Rolle des Kapitals auf die klappernden Mühlen der Arbeiterbewegungsherrlichkeiten zu leiten. Was Marx am Ende des 24. Kapitels des „Kapital“ schrieb wurde tausendmal zitiert:

„Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten, welche alle Vorteile dieses Umwandlungsprozesses usurpieren und monopolisieren, wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung, aber auch die Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse. Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist. Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie werden gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Expropriateurs werden expropriiert.“ 28

Was Marx in diesem Absatz seinen Epigonen schon in den Mund legt, kauen diese bis zum Erbrechen und noch darüber hinaus ein Jahrhundert lang genüsslich wieder. In der Vorstellungswelt der alten Arbeiterbewegung ist deshalb mit dem Untergang des Kapitalismus zu rechnen, weil das Kapital bei der Herstellung und Ausdehnung seines Herrschaftsbereiches nicht nur sich selber setzt, sondern in der lebendigen Arbeit gleichzeitig auch sein Gegenprinzip beständig auf erweiterter Stufenleiter reproduziert. Das Kapital ist an seinem eigenen Tod lediglich indirekt beteiligt. Es leitet seine Abschaffung insofern ein, als es nicht in der Lage ist, den ganzen gesellschaftlichen Raum auszufüllen und neben seiner selbst ein massenhaftes, seiner ganzen Natur nach zur Transzendierung des kapitalistischen Systems genötigtes, Proletariat erzeugt. Das Kapital geht zugrunde, weil seine Expansion unglücklicherweise an das Wachsen und Erstarken der Arbeiterklasse gekoppelt ist. Es findet seine absolute Schranke den beiden populärsten Varianten von arbeiterbewegtem Aberglauben zufolge im „stetigen Wachstum des Proletariats an Kraft und Zahl“, bzw. in der unaufhaltsamen „Verelendung der arbeitenden Massen“, die sie unweigerlich zum Aufstand treibt. Diese durch und durch arbeitersubjektivistische Logik bringt der klassische Marxismus mit dem „Objektivismus“ der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie zur Scheindeckung, indem er sich auf „objektive Faktoren“ kapriziert, die der Wandlung von der „Klasse an sich“ zur „Klasse für sich“ förderlich sein sollen. Damit vertuscht der Marxismus aber nur notdürftig und in heilloser Begriffverwirrung sein grundlegendes Quidproquo, die ungenierte Verkehrung der im Proletariat gesetzten vermeintlichen Gegensubjektivität zur objektiven Schranke des Kapitals. Statt die subjektivistisch-soziologistische Grundkonstellation zu überwinden, vernebelt das marxistische Denken dieses Basisraster nur und zementiert es.

Arbeiterstandpunktssubjektivismus und kruder ökonomistischer Objektivismus schliessen einander nicht nur nicht aus, sie bedingen einander im tradierten marxistischen Denken. Besonders krass stösst ihr geheimes einvernehmliches Miteinander im Werk von Karl Kautsky auf. Er vereinigt in seiner Theoretikerperson geradezu klassisch beide Pole des arbeiterseligen Universums. Einerseits fabuliert er für gewöhnlich genüsslich von den „ehernen ökonomischen Notwendigkeiten“, und geht in seinem Vulgärmaterialismus sogar soweit, die holländische Geistesgeschichte des 16. Jahrhunderts mit der Entwicklung des holländischen Wollhandels kurzzuschliessen, andererseits steht hinter diesem Primitivökonomismus ein blanker darwinistisch gestrickter Subjektivismus. In letzter Instanz entspringt der Kampf der Arbeiter aus dem „Willen zu leben“ und auch die revolutionäre proletarische Bewegung hat diese ontologische Bestimmung zum Urquell ihrer Kraft:

„Wenn nicht der Urgrund aller ökonomischen Notwendigkeit, der Wille zu leben, in den Arbeitern aufs kraftvollste wirkte, wenn dieser Wille in ihnen erst künstlich geweckt werden müsste, dann wäre all unser Streben vergeblich. “ 29

Der Untergang des Kapitals bleibt gerade bei dieser Vogelscheuche von marxistischem Objektivismus im Grunde schon in der nackten biologischen Existenz der Arbeiterklasse angelegt. Das Kapital zerschellt schliesslich am proletarischen Urgestein; es geht unter, sobald die Arbeiterklasse mit sich, d.h. ihrem vorgeblich revolutionären Wesen ins Reine kommt 30.

Diese hanebüchene Reduktion der Marxschen Theorie ist, wie wir weiter oben schon gesehen haben, bereits im Spannungsverhältnis zwischen dem „esoterischen“ und „exoterischen“ Marx präformiert, das das Marxsche Werk insgesamt charakterisiert. Während bei Marx der Positivbezug auf die reale Arbeiterbewegung und die radikale Fetischismuskritik nebeneinander existieren, lösen seine arbeiterbewegten Epigonen den unhaltbaren inneren Gegensatz ebenso zielsicher wie einseitig zugunsten der Vision einer proletarischen Revolution auf. Ohne den geringsten Anflug von Problembewusstsein ignorieren sie das dunkel-unverständliche fetischismuskritische Raunen und werfen sich dafür voll Inbrunst auf die Option einer triumphierenden und endlich zur politischen Herrschaft gelangenden Arbeiterklasse. Die filigrane Zauberformel „Selbstaufhebung des Proletariats“, in der Marx mit einiger theoretischer Akrobatik die selbstbewusste proletarische Aktion beschwört, sie aber gleichzeitig an die radikale Kritik des Arbeiterdaseins zurückkoppelt, weicht im nachfolgenden Arbeiterbewegungsmarxismus der simplen Affirmation eines positiv verstandenen Arbeiterstandpunkts. Der unbedingte Glaube an den revolutionären Beruf der Arbeiterklasse rutscht ins Ontologische. Das Proletariat gilt im Selbstverständnis der revolutionären Arbeiterbewegung nicht mehr als die negative Seite der bürgerlichen Gesellschaft, sie wird zur positiven, bereits „an sich seienden“ transbürgerlichen, revolutionären Grösse verklärt. In dieser tief eingeschliffenen Lesart wird der revolutionäre Charakter zum Wesensmerkmal der Arbeiterklasse. Jede Abweichung von dieser zugeordneten Grundbestimmung kann daher nur mehr in die vom heutigen Standpunkt schon pathologisch wirkenden Kategorien des mangelnden Bewusstseins, der böswilligen Manipulation und der üblen Bestechung 31 eingeordnet werden.

5. Objekt-Subjekt-Dichotomie und Determinismus

 

Der Gedanke einer immanenten objektiven Schranke der kapitalistischen Produktionsweise zielt auf deren Totalität. Er ist nur dann sinnvoll durchhaltbar, wenn der Begriff Objektivität weit gefasst wird und die handelnden, von der Wertform erzeugten Subjekte, konsequent mit einschliesst. So etwas wie eine objektive Schranke ist nur dann denkmöglich, wenn die von der Wertvergesellschaftung hervorgebrachten sozialen Klassen als Bestandteil der objektiven Wirklichkeit und nicht als deren Widerpart gefasst werden. Der Gedanke einer objektiven immanenten Schranke unterstellt stillschweigend die Analyse des Konstituierungszusammenhangs mit, der die konkurrierenden Exekutoren der bürgerlichen Vergesellschaftung erzeugt. Der traditionelle Marxismus verfügt an diesem Punkt über keinerlei Problembewusstsein. Das Konstitutionsproblem verkommt in der überlieferten Marxrezeption durchgängig zur black box. Die Ausführungen zum Thema im Marxschen Werk quittieren die Marxisten konsequent mit Unverständnis und Desinteresse 32. Sie haken diese entscheidende Schnittstelle revolutionärer Theoriebildung, soweit sie sie überhaupt wahrnehmen, unter der Rubrik esoterische Spitzfindigkeiten ab. Die Folgen dieser Betriebsblindheit sind ebenso durchschlagend wie verheerend. Da der Marxismus die Klassen und ihren Konkurrenzkampf ganz unbekümmert als voraussetzungslose, nicht mehr hintergehbare Entität behandelt und sich den Zugang zum Konstitutionsproblem hermetisch versperrt, ist er ausserstande, die Frage nach dem Subjekt in die Analyse der objektiven Wirklichkeit zu integrieren. Er kann sie nur mehr als gesonderte Spezialfrage, jenseits einer objektiven Seite der historischen Entwicklung formulieren. Die Wirklichkeit zerfällt ihm unweigerlich in den unaufhebbaren Dualismus von Subjekt und Objekt. Wo immer er auch auf die ihn umgebende Realität trifft, spaltet sie sich ihm im Handumdrehen in auseinanderstrebende „subjektive“ und „objektive Faktoren“ 33. Die Totalität des gesellschaftlichen Prozesses verliert sich im Dunkeln und weicht dem mechanischen Wechselspiel einander äusserlicher objektiver und subjektiver Faktoren. Alle Versuche, die beiden auseinanderdriftenden Hälften wieder zusammenzubringen, gleichen innerhalb dieses Universums dem Versuch der Quadratur des Kreises, und so prägt die unaufgelöst durchgeschleppte Subjekt-Objekt-Dichotomie, von den Marxisten vorzugsweise euphemistisch als „Dialektik“ bezeichnet, das Antlitz des Marxismus bis zum heutigen Tag.

Das Auftreten einer fremden, ausserhalb der handelnden Subjekte angesiedelten Wirklichkeit knackt deren esoterisch-undurchdringlichen Status nicht auf, sondern bestätigt ihn nur. Die bis zum Exzess apostrophierte „Wechselwirkung“ zwischen Subjekt und umgebender Wirklichkeit bleibt allzeit brav mechanisch und belässt das handelnde Subjekt in seiner Kernsubstanz unangetastet im exterritorial-ontischen Vorraum. Der einigen Theoretikern der alten Arbeiterbewegung zugeordnete Objektivismus fügt sich bestens in dieses Raster ein. Der Objektivismus … la Hilferding oder Kautsky ist keineswegs die radikale Kritik des Subjektivismus, für den ihn seine Gegner und Anhänger halten, sondern dessen Zwillingsbruder. Das Grunddilemma von aprioristischem Subjekt und aussermenschlichem, quasi naturgesetzlichem, gesellschaftlichem Prozess lässt sich eben nicht durch Selbstbeschränkung hintergehen. Wer sich auf innerökonomisches Räsonnieren zurückzieht, durchstösst den fatalen Zirkel nicht, er schafft nur eine schmerzhafte Leerstelle. Die subjektivistische Gegenwende ist darin bereits präjudiziert. Was als diametraler Gegensatz erscheint, bildet ein zusammengehöriges Denkuniversum. Genauso wie es enorme Schwierigkeiten bereitet, einen Magnetpol vom anderen zu isolieren, und sich bei jeder Teilung die bipolare Struktur wiederherstellt, genauso wenig können Objektivismus und Subjektivismus einander loswerden. Der Objektivismus schreit in seiner Konsequenz nach der notwendigen Ergänzung durch sein immanentes Gegenteil und findet sie denn auch. Solange wir nicht zum Konstituierungsproblem durchstossen und damit den falschen Gegensatz von Objekt und Subjekt auflösen, bleibt das Gegenstück zum Objektivismus, das unbedingte Subjekt, das Geheimnis seines eigenen Vexierbildes. Weit davon entfernt, einander verdrängen zu können, fügen sich „objektivistische“ und „subjektivistische“ Strömungen im marxistischen Denken zu einer zusammenhängenden Weltsicht zusammen, und nur die Gewichtung beider Faktoren macht den Streit zwischen den Konkurrenten aus 34. Der Marxismus hat in seiner Geschichte den Kampf zwischen beiden Linien zu einer seiner Lieblingsmelodien gemacht. Bliebe er ungestört, so könnte er dieses Wechselspiel noch jahrhundertelang fortsetzen, ohne dass aus dem im Grunde ewig gleichen Binnenkonflikt heraus noch irgendein vorwärtstreibender Impuls zu erwarten wäre.

Der traditionelle Marxismus transportierte sein Lebtag die bürgerliche Subjektillusion. In seinen Rastern steht dementsprechend für gewöhnlich das handelnde Subjekt, dessen Bedingungszusammenhang unhinterfragt bleibt, für die aktive, verändernde Seite. Das Konstituierte erscheint als letztendliches Agens; die gesellschaftliche Objektivität hingegen gibt den passiven Hintergrund ab. Sie stellt das Material, das die mit unbedingten Willen begabten (Klassen)subjekte aus freier Schöpferkraft heraus umgestalten. Wo marxistische Theoriestränge dieser durchgängigen Subjektvergottung gegenüber den Selbstlauf des objektiven gesellschaftlichen Prozesses geltend machen, gelingt es ihnen nicht, dieses Wahrnehmungsraster zu durchbrechen. Was sich als innermarxistischer Gegenpol zum kruden Arbeiterbewegungssubjektivismus formiert, ist nur ein quietistisches Zerrbild, das seinem Kontrapunkt in jeder Beziehung würdig und ebenbürtig ist. Die marxistischen Ökonomisten, Lichtjahre davon entfernt, den Konstituierungszusammenhang aufzurollen, drücken sich konsequent um das Subjektproblem. Ihre Beschäftigung mit determinierten Entwicklungen spart die determinierende bürgerliche Formbestimmung selber aus und beschränkt sich auf die Untersuchung vermeintlicher oder realer sozialer und ökonomischer Binnentrends. Diese Reduktion auf abgeleitete Ebenen im System der Kritik der politischen Ökonomie geht mit einer fatalen Positivwendung einher. Die aus ihrem Bezug auf die bürgerliche Form herausgelösten ehernen ökonomischen Gesetze werden nicht als abzuschaffendes Übel thematisiert, sie gelten statt dessen als Verbündete der sozialistischen Bewegung und als Garanten ihres letztendlichen Triumphes. Voll Gottvertrauen überlässt sich diese Sorte von Marxismus dem determinierten Zusammenhang und erwartet, dass der blinde Selbstlauf aus sich heraus ohne Rekurs auf die Subjekte schon so etwas wie eine sozialistische Gesellschaft inaugurieren würde. Diese Sichtweise findet wohl im Hilferdingschen „Finanzkapital“ ihre bekannteste und folgenreichste Ausprägung. Nur ein schmaler Grat trennt bei diesem Klassiker des Marxismus das kapitalistische „Generalkartell“, das er an die Wand zu malen sucht, von einer wahrhaft sozialistischen Reproduktion. Und so wäre ganz folgerichtig die blosse Übernahme von sechs bis sieben Berliner Grossbanken durch den Staat vollkommen zureichend, um das imperialistische deutsche Kaiserreich in eine sozialistische Republik zu verwandeln. In dieser Lesart reimt sich der Verweis auf die Determiniertheit des bürgerlichen Entwicklungsprozesses auf revolutionären Attentismus und fatalistische Zukunftshoffnung und verschmilzt mit ihnen zu einem Gesamtkomplex.

Die tief eingefressene Positivkonnotation verfehlt allerdings nicht nur die Stossrichtung der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie, sie verkehrt sie schlicht und einfach in ihr genaues Gegenteil. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie intendiert keinen determinierten Übergang zu einer sozialistischen Reproduktion. Das Vorhandensein objektiver gesellschaftlicher Zwangsgesetze ist ein Charakteristikum der bürgerlichen Entwicklungsstufe. Der Übergang zu einer kommunistischen Gesellschaft fällt so mit dem bewussten Sprung aus einer determinierten, von der Last der toten Arbeit bestimmten Wirklichkeit in eine den Reflexionen und Wünschen der Menschen erstmals zugänglichen Welt zusammen. Marx weist in seinen Schriften die Determiniertheit des gesellschaftlichen Prozesses nicht nach, um damit die Subjekte von ihrer transzendierenden Aufgabe zu entlasten. Die Marxsche Theorie, weit davon entfernt die deterministische Übermacht des Objektiven zu vergöttern und sich mit ihr ins stille Einvernehmen zu setzen, ist ihrem ganzen Wesen nach gerade Kritik jeder Determiniertheit. Wenn Marx betont, dass unter kapitalistischen Bedingungen die Subjekte lediglich auf wachsender Stufenleiter die Zwangsgesetze der Wertvergesellschaftung exekutieren, und sich in der Folge auch die gesamtgesellschaftlichen Resultate ihres Handelns von jedem subjektiven Wollen und Begehren emanzipieren, so führt er das keineswegs als Argument zur Verherrlichung und schliesslichen Anerkennung objektiver gesellschaftlicher Gesetzmässigkeiten an, sondern konzentriert darin seine Kritik an der bürgerlichen Vergesellschaftungsform! Das Kapitalverhältnis muss gerade deshalb verschwinden, weil in ihm die menschlichen Beziehungen die Form der Beziehungen von Sachen annehmen und in dieser Gesellschaftsformation die menschlichen Produkte über ihre menschlichen Produzenten triumphieren. Die bürgerliche Gesellschaft setzt zu guter Letzt ihre eigene Aufhebung auf die Tagesordnung, weil sie keine ihrer selbst bewusste konkrete menschliche Subjektivität zulässt, vielmehr unterschiedslos alle von ihr erzeugten Sozialkategorien über den Leisten der abstrakten Wertform schlagen muss und so ihre eigene Entwicklung auch nicht in den Griff bekommen kann. Auf den ersten Blick scheint diese Argumentation vielleicht auf ein moralisches Verdikt hinauszulaufen, das in der Beschwörung eines rein voluntaristischen revolutionären Akts gipfelt. Sie beinhaltet aber in doppelter Hinsicht mehr als das. Zum einen ist die Emanzipation der menschlichen Produkte von ihren Produzenten nicht nur ein skandalöser Zustand; mit der Verobjektivierung und Verdinglichung des gesellschaftlichen Zusammenhangs ist gleichzeitig ,in noch sehr abstrakter und allgemeiner Form, bereits auch die Krisenhaftigkeit kapitalistischer Entwicklung gesetzt! Zum anderen bedeutet die Krise nicht einfach die blinde Negation der bestehenden Ordnung und damit auswegsloses Chaos, sie steht selber für das angestaute Emanzipationspotential! Sie enthält, negativ verpuppt und ins Katastrophische verkehrt, die wesentlichen Bestimmungen einer kommunistischen Gesellschaft. Die Verobjektivierung des gesellschaftlichen Zusammenhanges, die bedingungslose Unterwerfung der Subjekte unter die Wertlogik, macht nicht die besondere Stärke, sondern die besondere Schwäche und Instabilität des Kapitalverhältnisses aus. Wenn Marx gegen die kapitalistische Produktionsweise die Tatsache anführt, dass in ihr den Menschen der Zugriff auf den eigenen Zusammenhang entzogen wird und sie marionettenhaft auf Träger einer fremden ihnen vorausgesetzten Logik reduziert werden, so protestiert er damit gegen die unmenschliche Irrationalität kapitalistischer Vergesellschaftung, er arbeitet gleichzeitig aber auch in nuce ihre letztliche Unhaltbarkeit heraus. Eine Vergesellschaftungsform, die sich um den Wert als das determinierende automatische Subjekt zentriert, muss sich zu guter Letzt ad absurdum führen. Im Schatten, den die auf die Spitze getriebene wertförmige Vergesellschaftung auf die Erde wirft, sind bereits die Umrisse des Kommunismus zu erkennen. Marx analysiert Wert und Verobjektivierung genau in diesem Sinn. Weder operiert er positiv mit ihnen noch verzweifelt er an der Unauflösbarkeit einer schlechten Wirklichkeit. Der Gedankengang mündet in die Antizipation der Aufhebung des beschriebenen Zustands. Die Kritik eines vom Wert durch und durch determininierten Gesellschaftzustands spitzt sich zum Gedanken einer objektiven Schranke zu.

Wenn wir die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie unter diesem Blickwinkel zu reformulieren versuchen, so muss eins dabei von vornherein klar sein. Die objektive Krise der kapitalistischen Form muss die Krise der vom Wert konstituierten Sozialkategorien mit einschliessen. Die Krise des Werts ist unweigerlich auch die der abstrakten wertförmigen Subjektivität. Der gesellschaftliche Prozess setzt Momente revolutionärer Subjektivität nur in demselben Masse frei, wie er das abstrakte Ware-Geld-Subjekt zersetzt. Wenn wir die totale Krise der Wertform und die darin enthaltene revolutionäre Perspektive aufzeigen und konkretisieren wollen, so müssen wir untersuchen, wie die totale Krise der Wertform auf die wertförmig konstituierten Existenzweisen durchschlägt, sie entleert und ins Wanken bringt.

Die Frage nach der Genesis revolutionärer Subjektivität wird nicht überflüssig, wenn wir von einer dem Kapital immanenten objektiven Schranke ausgehen, sie stellt sich unter gänzlich veränderten Vorzeichen jenseits aller aprioristischen Raster neu und damit erst wirklich radikal. Der Rekurs auf die Fetischismuskritik als den Angelpunkt des Marxschen Werkes bedeutet zwar den radikalen Abschied vom revolutionären Subjekt a priori, die Frage nach revolutionärer Subjektivität ist damit aber genausowenig erledigt wie eine revolutionäre Perspektive.

6. Die negative Fortschreibung des Subjektmythos

Der marxistische Apriorismus hat viele Spielarten. Der klassische Arbeiterbewegungsmarxismus ist nur sein ältestes und naivstes Sediment. Die Kritik des Apriorismus muss auch die abweichenden Versionen einschliessen, in denen das marxistische Denken die praktische Entweihung des Arbeiterstandpunkts innerhalb seiner aprioristischen Raster verarbeitet. Die Überhöhung des Arbeiterinteresses zur transbürgerlichen Gewalt ist Ausgangspunkt, aber nicht Schlusspunkt unserer antiaprioristischen Überlegungen.

Wann immer sich der klassische Arbeiterbewegungsmarxismus mit der Überwindung des Kapitalverhältnisses beschäftigte, war die Arbeiterklasse als revolutionäres Subjekt a priori Dreh- und Angelpunkt. Jede revolutionäre Perspektive hatte die Deifizierung des Proletariats zur Grundlage. Die Frage nach der Formbestimmung dagegen war für die Theoretiker der 2. und 3. Internationale und ihre Adepten ein unbekanntes böhmisches Dorf. Sie wiederholten statt dessen ohne Anflug von Problembewusstsein die bürgerliche Subjektillusion mit proletarischem Vorzeichen und besangen den Arbeiter als den unbedingten und nicht hintergehbaren geschichtlichen Heros. Der geschichtliche Horizont schien ebenso klar und deutlich vorgezeichnet wie strahlend. Der unaufhaltsame Zug der selbstbewussten Arbeitermassen zur Sonne, zur Freiheit endet aber abrupt und unschön. Das Vertrauen in die selbstbewusste proletarische Kraft, die revolutionäre transbürgerliche Emphase der Arbeiterbewegung, zerplatzte unter der eindringlichen Erfahrung von Stalinismus, Faschismus und Wirtschaftswunder. Diese tiefen historischen Einschnitte erschütterten den aprioristischen Revolutionsoptimismus bis in seine Grundfesten und machten ihm in seiner ungebrochenen Form ein für allemal den Garaus. Mit dem fälligen Katzenjammer vollzog das marxistische revolutionstheoretische Denken eine einschneidende Wende. Konfrontiert mit den Unbilden des realen historischen Prozesses schalteten die sensibleren Elemente im oppositionellen Geistesleben vom reichlich derangierten revolutionären Optimismus auf jene Trotzhaltung gegenüber der empirischen Entwicklung um, die seitdem deren Diktion wesentlich charakterisiert. In Deutschland markiert vor allem die Kritische Theorie und ihre Verbreitung diesen Umschlag. Die Vertreter der Frankfurter Schule stossen sich energisch vom altvorderen Standpunkt einer sich revolutionär gerierenden Arbeiterapologetik ab. Den vorgängigen Marxismen, die ihre revolutionäre Hoffnung immer auf dem ontischen proletarischen Urgestein gegründet haben, halten sie die reale Integration der Arbeiterschaft, die Subsumtion der proletarischen Massen unter die bürgerliche Form entgegen. Am naiven Gottvertrauen in die revolutionäre Reinheit des Proletariats verzweifend, machen die Kritischen Theoretiker, allen voran Adorno und Horkheimer, gegenüber der hausbackenen arbeiterbewegungsmarxistischen Konkurrenz die Reichweite und Tiefendimension kapitalistischer Fetischisierung geltend, die auch die Arbeiterklasse in ihren Bann schlägt. Die fortschreitende Verdinglichung, die unaufhaltsame porentiefe Durchdringung aller gesellschaftlichen und individuellen Beziehungen durch die Kapitallogik wird zum zentralen und unerschöpflichen Thema des gesamten Theoriestrangs.

So beeindruckend sich die Frankfurter Schule vom Arbeiterbewegungsmarxismus abhebt, so wichtig und vorwärtstreibend ihre Kritik an der marxistischen Arbeiterstandpunktsapologetik auch war, sie blieb unzureichend. Denn Adorno, Horkheimer und die übrigen Protagonisten der Kritischen Theorie kamen über das aprioristische Subjektdenken nicht hinaus, sie verarbeiten den Zusammenbruch des aprioristisch argumentierenden Arbeiterbewegungsmarxismus selber wiederum innerhalb des vertrauten Schemas. Statt die Analyse des Konstitutionszusammenhangs bis zur Kritik des Apriorismus überhaupt weiterzutreiben, verschob die Kritische Theorie nur den Ursprung des aprioristischen Koordinatensystems. Die Kritischen Theoretiker ersetzen das blamierte unbedingte Arbeitersubjekt, an dem sich die kapitalistische Wirklichkeit in der arbeiterbewegungsmarxistischen Diktion zu messen hatte, durch Alternativversionen aprioristischer Subjektivität.

Der archimedische Punkt ausserhalb bleibt dabei zwar schillernd, oft im Ungefähren und wird nicht selten nur implizit angegeben, in dieser Diffusität ist das aprioristische Subjekt aber allgegenwärtig. Indem sie die reale historische Entwicklung unter dem Aspekt der Subjektvernichtung wahrnehmen, unterstellen die Kritischen Theoretiker damit logisch immer gleichzeitig eine schon vorgängig vorhandene Subjektivität, die durch die kapitalistische Überformung im nachhinein erst ausgelöscht wird 35. So facettenreich die Frankfurter Schule und ihre Entwicklung war, so wiederholt sie diese Grundkonstellation doch durchgängig. Vom grundsätzlichen Wahrnehmungsraster her ist es nur von sekundärer Bedeutung ob das ichstarke bürgerliche Indivduum, das Idealbild der Freudschen Psychoanalyse, als verblichenes Gegenbild zur totalen Verdinglichung herhalten muss, oder ob die aprioristische Subjektivität mit der hellen Seite der Aufklärung identifiziert wird. In allen Fällen führt erst die subjektillusionäre Grundierung zu den pechschwarzen Tönen in denen die Kritischen Theoretiker ihr Bild vom Siegeszug der Wertbeziehung halten. Das aprioristische Subjekt figuiriert als die Messlatte an der sich das Faktische als das schlechte Faktische enthüllt. Zum liquidierten Paradies stilisiert, gibt es den unvermeidlichen Kontrapunkt zum diagnostizierten Subjektverfall ab. Die Kritische Theorie bleibt auf diese Weise negativ auf das aprioristische revolutionäre Subjekt fixiert.

Der Unterschied zur Marxismusorthodoxie erschöpft sich wesentlich im Vorzeichenwechsel, er trifft nicht die Grundstruktur. Im Arbeiterbewegungsmarxismus kam das aprioristische Subjekt offensiv und naiv soziologistisch daher. Die Frankfurter Schule vernebelt es ins Philosphische und/oder verschiebt es in die Vergangenheit. Wo im Arbeiterbewegungsmarxismus am historischen Horizont eitler Sonnenschein herrschte, droht bei den Frankfurtern stockdunkle Nacht. Das ändert aber nichts daran, dass es immer noch ein und derselbe Denkhimmel ist, der uns da präsentiert wird.

Der Salto mortale rückwärts schützt das Grundraster vor der falsizifizierenden empirischen Wirklichkeit und schafft die Grundlage für den nunmehr 40 Jahre dauernden Altweibersommer des ergrauten und trübsinnig gewordenen systemoppositionell fühlenden Apriorismus. Statt die aprioristischen Raster abzustreifen, um den Konstitutionszusammenhang auf die seiner eigenen Dynamik inhärenten Bruchlinien abzuklopfen, orientiert sich die Kritische Theorie bis in ihre Enkelgeneration hinein nach rückwärts und schöpft ihr radikales Nein zur verdinglichten modernen bürgerlichen Gesellschaft aus Rückerinnerung an den liberalistischen Kapitalismus des 19. Jahrhunderts und einem aufs Mikrologische beschränkten Messianismus 36. In dieser Verarbeitungsform wahrt die Kritische Theorie im klaren Bruch mit der klassischen Apotheose der Arbeitersubjektivität die Kontinuität des zugrundeliegenden Kategoriensystems. Wie der klassische Marxismus, so kreist auch die kritische Häresie, wann immer sie sich dem Problem der Überwindung des Kapitalverhältnisses zuwendet, unweigerlich um das revolutionäre Subjekt a priori. Das Zentralgestirn hat seine einstige Leuchkraft eingebüsst und ist längst zum weissen Zwerg geschrumpft, aber dennoch bleibt jeder Gedanke an die Transzendierung der bürgerlichen Gesellschaft bis zum heutigen Tag in seinem Gravitationsfeld eingefangen. Verödet und ohne Hoffnung auf Erlösung umlaufen die restlichen Planeten theoretisch argumentierender Systemopposition bis zum heutigen Tag beharrlich die verschrumpelte aprioristische Sonne. Die ernüchternde praktische Demontage jener Revolutionshoffnung die sich aus der Apologetik des Arbeiterstandpunkts speist, hat das aprioristische Sonnensystem nachhaltig verändert aber nicht gesprengt.

Der Preis, den die Kritische Theorie und ihre Adepten für die unkritische Verlängerung des Apriorismus zu zahlen hat, ist hoch. Er besteht im endgültigen Verlust jeder revolutionären Perspektive. Wo der Ausbruch aus dem Verblendungszusammenhang an die Figur eines aprioristischen Subjekts gekoppelt ist, muss die Darstellung der fortschreitenden Versachlichung aller gesellschaftlichen Beziehungen logisch im Postulat der Unaufhebbarkeit des kritisierten Verhältnisses gipfeln 37. Weil die Kritische Theorie die entscheidende Widerspruchsebene nicht als dem verobjektivierten Verhältnis immanent betrachtet, sondern sie statt dessen ganz traditionell ihrem Wesen nach in den Gegensatz von aprioristischer Subjektivität und Verdinglichung verlegt, verschwindet mit der Entfaltung des Kapitals die revolutionäre Option im Orkus. Die immanenten objektiven Widersprüche mögen vielleicht fortexistieren. Sie scheinen auf jeden Fall stillgestellt und unerheblich geworden, weil der subjektive archimedische Punkt ausserhalb fehlt, an dem dieser Hebel ansetzen könnte um wirksam zu werden. Im Laufe ihrer Entwicklung schliesst sich die schlechte kapitalistische Wirklichkeit zur wasserdichten „negativen Totalität“, weil sie die Diskrepanz zwischen Subjektivität und dem objektiven gesellschaftlichen Prozess auslöscht. Der Verweis auf den allgegenwärtigen Konstituierungszusammenhang, der allen in der bürgerlichen Gesellschaft existierenden Sozialkategorien zugrunde liegt, macht in diesem Interpretationsmuster den Traum einer nicht verdinglichten kommunistischen Gesellschaft gegenstandslos. Indem sie ihre radikale Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft nach diesem Strickmuster formuliert, spricht die Kritische Theorie daher gleichzeitig das Verdikt über ihre eigene historische Durchschlagskraft. Die Wirklichkeit, der sich Adorno und die anderen gegenübersehen, drängt nicht zum kritischen Gedanken, sondern mit aller Gewalt von ihm weg 38. Mit dem aprioristischen Subjekt verschwindet die Hoffnung auf die Aufhebbarkeit des herrschenden Schlechtfaktischen aus dieser Welt. Die Kritischen Theoretiker sehen den „nicht verdinglichten Rest“ dahinschmelzen, und damit droht ihnen die menschliche Geschichte schon in ihrer Vorgeschichte zu verenden. Weil die bürgerliche Gesellschaft unbedingte Subjektivität nicht zulässt, verwandelt sie sich zum monolithischen Block, der jede Negationsbewegung längst verschluckt hat. Die Dynamik und Rasanz der realen historischen Entwicklung verkommt zu einem ebenso grausamen wie tautologisch-sinnlosen Prozess, der die Herrschaft des Kapitals bis zum Ende der Zeiten nur mehr beständig auf erweiterter Stufenleiter reproduziert 39.

So stimmig und in sich geschlossen diese Argumentation auch wirkt, so brüchig erweist sich bei genauerem Hinsehen das zugrundeliegende Paradigma. Wenn die Kritische Theorie und die Heerscharen ihrer Adepten die Entfaltung des Werts notorisch als fortschreitenden Subjektivitätsverlust deuten und beklagen, so sitzen sie einem Phantom auf. Die allzeit ausgemalte „Vernichtung von… Subjektivität durch den Prozess der reellen Subsumtion“ 40, „die Regression der Massen“, „die tendenzielle Annäherung ihrer Erfahrungswelt an die der Lurche“ 41 trifft die reale historische Entwicklung schon deshalb nicht, weil sie etwas als Verlust deklariert, was vorab niemals existiert hat! In keiner Phase der Vergangenheit hatten die Massen je ihre amphibische Existenzweise überwunden. Die Herstellung abstrakter geldförmiger Subjektivität bedeutet daher nicht die Vernichtung einer bereits vorhandenen autochthonen Version. Gerade umgekehrt, als abstraktes bürgerliches Geld- und Warensubjekt erblickt das Individuum überhaupt erst das Licht der Welt! Individualität und Subjektivität werden keineswegs vom Wert und seinen Emanationen historisch verdrängt, sie sind selber, wenn auch in abstrakter, dem Warenfetisch unterworfener Form, das genuine Produkt der Entfaltung der Wertbeziehung. Erst der Siegeszug der bürgerlichen Form zersetzt alles quasi-natürliche und setzt an seine Stelle die bis dahin unbekannte Frage nach dem Subjekt als Massenphänomen. Vor dem Entstehen der bürgerlichen Gesellschaft, in den organischen auf unmittelbarer Herrschaft beruhenden Formationen kann von sozialer Individualität genau genommen gar nicht die Rede sein 42. Es bedarf schon eines gerüttelten Masses an Idealisierung und Romantizismus, um in der viehisch-waldursprünglichen Existenzweise der vorbürgerlichen bäuerlichen Massen so etwas wie Subjektivität ausmachen zu wollen. Die Menschen fügten sich in diesen Verhältnissen einfach bruchlos in vorgegebene Rollen ein und kamen gar nicht auf die Idee, die vorgezeichneten Lebensgleise auch nur zu hinterfragen. Sie vegetierten statt dessen in stumpfsinniger Selbstverständlichkeit dahin. Bauer und Bäuerin waren in ihrer organischen Gebundenheit auf den sozialen Zusammenhang bezogen genausowenig Subjekt wie die Kuh, mit der sie unter einem Dach lebten. Das bornierte, noch halb ständisch-gebundene proletarische und kleinbürgerliche Elend des beginnenden Jahrhunderts war ebenfalls kaum der geeignete Nährboden, auf dem sich Individualität zur Blüte hätte entfalten können. So etwas wie individuelles Denken und Fühlen konnte sich vor dem 20. Jahrhundert nur in ganz wenigen gesellschaftlichen Nischen, vor allem im Schöngeistigen halten, und markierte selbst wiederum schon die Morgendämmerung bürgerlichen Denkens. Erst der Durchmarsch der Wertbeziehung löste endlich die organischen Verwachsungen auf, die bis dato die breite Masse der Menschen an ihren eng eingezirkelten Lebenskreis gefesselt hatten und schuf mit zunehmender Rollendifferenzierung und der Möglichkeit alternativer Lebensentwürfe die Voraussetzung zur Entwicklung von Individualität und Subjektivität. Er öffnet den Menschen einen bis dahin ungeahnten Kosmos gesellschaftlicher und persönlicher Möglichkeiten. Während in vorkapitalistischen Formationen die Menschen nach Herkommen und Tradition sich in einen ererbten und vorgezeichneten Lebenslauf einzufügen hatten, konstituiert die Wertform eine breite Palette von Existenzweisen, zwischen denen die modernen Individuen wählen können und müssen. Die Entfaltung abstrakter Geldsubjektivität bedeutet gegenüber dem status quo ante daher einen gewaltigen Emanzipationsschub.

Die Befreiung von unmittelbar personalen Abhängigkeitsverhältnissen, die Etablierung abstrakter Geldsubjektivität ist allerdings keineswegs gleichbedeutend mit der Herstellung idyllischer Zustände. Die sukzessive Herausbildung des abstrakten Geld- und Warensubjekts bricht sich unter gewaltsamen und opferreichen Friktionen Bahn, und an ihrem Ende steht keine in sich abgerundete Existenz, sondern ins Unhaltbare gesteigerte menschliche Selbstzerrissenheit. Das abstrakte, wertförmig konstituierte Subjekt kann sich nicht vollenden, ohne sich dabei in die Luft zu sprengen. Gleichgültig gegen jeden bestimmten Inhalt bringt die Herrschaft der Wertform eine unerträgliche Leere und Beliebigkeit in die menschlichen Verhältnisse, die auf ihre Reproduktionsunfähigkeit und Auflösung drängt. Ohne Zugriff auf den realen gesellschaftlichen Zusammenhang, den der Wert als automatisches Subjekt den Menschen nur als äusserlich fremde Zumutung aufherrscht, bleibt die nach der Wertmelodie konstituierte Subjektivität prekär und ungastlich. An die Stelle der verdampften Gemütlichkeit persönlicher Abhängigkeitsverhältnisse rückt ein gähnender Abgrund, der das moderne bürgerliche Individuum in seinem labilen Gleichgewicht auf Schritt und Tritt bedroht. Das bürgerliche Denken reflektiert auf seine Weise diesen Umstand. In der Geistesgeschichte der Moderne fällt die Frage nach dem Subjekt seit jeher mit der Bearbeitung der Krise des Subjekts zusammen und heute hat sich dieser „philosophische Diskurs“ banalisiert und bis ins Massenbewusstsein verallgemeinert. Die grassierende Psycho- und Selbsterfahrungswelle lebt von einer tiefreichenden und notwendigen Verunsicherung. Der Siegeszug der Wertform säkularisiert und vermasst die Frage nach dem eigenen Selbst und holt sie vom Himmel esoterisch-philosophischer Erörterung auf die Erde. Das moderne monadisierte Subjekt fühlt sich als solches, indem es seiner selbst nicht sicher ist. Die Suche nach der eigenen Subjektivität wird ein millionenfach erlittenes lebenspraktisches Problem. Die erwachende Subjektivität kann sich selbst zunächst nur als Sinnkrise und Krise des Subjekts gewahr werden.

Vor diesem Hintergrund wird die romantisierende Form des Apriorismus verständlich. Weil abstrakte Individualität nur als schreiender Widerspruch erfahren werden kann, ideologisches Bewusstsein aber immer nach Befriedung streben muss, spaltet das bürgerliche Denken das nicht mehr hintergehbare Ideal der Subjektivität als Naturkonstante vom realen Leiden an der abstrakten geldförmigen Durchsetzungsform ab. Das Ergebnis ist paradox. Die Regression in den Mutterschoss vorindividueller Verhältnisse paart sich mit der Beschwörung des Subjekts. Auf der Flucht vor diesem schmerzhaft unerträglichen Zustand rettet sich das moderne, an sich selbst leidende ideologische Bewusstsein ins Reich der Projektion und macht das Arkadien der freien Subjektivität ausgerechnet in Bedingungen aus, die jeden Anflug individueller Regung verunmöglichen. Kritizistisch-mäkelnd malen sich die scheinkritischen Zeitgeistströmungen in der Vorvergangenheit eine eigentliche ursprüngliche Subjektivität aus, um dann nach Herzenslust und folgenlos über die nachträgliche Entfremdung jammern zu können. In dieser Verarbeitungsform verliert die Sehnsucht nach unbedingter Subjektivität ihre Sprengkraft. Sie verwandelt sich in einen rückwärtsgewandten Irrglauben und regrediert zum zivilisationsmüden Mythos vom edlen Wilden. In der gegenwärtigen linken Debatte treibt diese Figur besondere Blüten. Sie bewegt sich über weite Strecken in dieser durch und durch reaktionären Bahn. Das Habermassche „Lebenswelttheorem“ weist hier ganz ähnliche Züge auf wie die in feministischen und autonomen Kreisen weit verbreitete Vorstellung von „Subsistenzproduktion“ 43. In all diesen Fällen haust Subjektivität und Individualität ausschliesslich in den wirklichen oder vermeintlich vorwertförmigen Beziehungen 44.

Der galoppierende Niveauverfall darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Sichtweise bereits in der von der Frankfurter Schule vertretenen Position präjudiziert ist. Die kruden ideologischen Kümmerformen, mit denen die linksoppositionellen Ideologen operieren, popularisieren die Themamelodie, die, theoretisch reflektiert, Adorno und Horkheimer intonieren. Die Kritische Theorie kann die ausweglosen Schrecken kapitalistischer Herrschaft nur plastisch malen, weil sie für den historischen Hintergrund irgendwo klammheimlich idyllische Töne mitverwendet. Die „Dialektik der Aufklärung“, die den Sieg des rationalen Denkens an das Verhängnis der Barbarisierung koppelt, hat dieser Argumentation zufolge in der Vergangenheit Konstellationen erzeugt, die der Entfaltung von Subjektivität und Individualität weit günstiger waren als die moderne Form der Vergesellschaftung. Allerdings schweifen Horkheimer und Adorno auf der Suche nach einem handgreiflichen Gegenmodell zur modernen bürgerlichen Gesellschaft nicht wie die modernen Linksromantizisten zurück in präbürgerliche Vorvergangenheiten. Sie erwählen statt dessen die bürgerliche Frühform für diese Funktion. Der Prozess der Aufklärung ist in ihrer Interpretation nicht einfach gleichzusetzen mit dem linearem Verfall menschlicher Selbstbestimmung, in seinem zwieschlächtigen Verlauf setzt er gleichzeitig die Blüte bürgerlicher Kultur im 19.Jahrhundert als die eigentliche goldene Ära von Individualität und Subjektivität. Es ist gerade der Kontrast mit der embryonalen Stufe der Wertvergesellschaftung, der die Verallgemeinerung der abstrakten Wertbeziehung als Prozess fortschreitender Barbarisierung enthüllt. Das verlorene Individuum der Kritischen Theorie ist nicht, und das macht ihre Überlegenheit gegenüber ihren unbewussten und bewussten Adepten aus, der vorbürgerliche in ständisch-organischer Bornierung vegetierende Mensch, sondern der klassische Bildungsbürger.

Auf dieser Grundlage scheint das Bild, das die Kritische Theorie von der Zerstörung von Individualität zeichnet, weit plausibler als die mythologisierenden Phantasien der nachfolgenden Zivilisationsflüchtlinge. Stimmig und kohärent ist aber auch diese Variante der Beschwörung eines besseren Gestern nur, wenn wir den klammheimlich vollzogenen Ebenensprung übersehen, der sich in den Arbeiten der Frankfurter Schule regelmässig wiederholt und konstitutiv für deren Kritik an der modernen bürgerlichen Gesellschaft ist. Die Verfallslinie, die Adorno und andere beim Übergang zur Massenkultur mit ihren genormten und sterilen Produkten ausmachen, lässt sich nur dann ziehen, wenn wir die bürgerliche Geistesentwicklung statt vom gesellschaftlichen Durchschnittsniveau von ihren Vorzeigeexemplaren her betrachten. Die klassischen Geistesgrössen sterben im Laufe der Entfaltung der Wertbeziehung in der Tat aus. Nach Kant und Hegel verflacht das bürgerliche Denken, verliert zusehends an Tiefe und Selbstreflexionsfähigkeit und erreicht im Positivismus und in der modernen Systemtheorie allmählich seinen Nullpunkt. Mit dem theoretischen Gehalt des bürgerlichen Geistesbetriebes versinkt auch jene kleine, eng umgrenzte bildungsbeflissene Bürgerschicht unwiederbringlich im Meer „sekundären Analphabetentums“, die den sozialen Untergrund einstiger Blüte bildete. Dieser Trend darf allerdings nicht einfach mit der Entwicklung des Massenbewusstseins identisch gesetzt werden, wie das die Frankfurter Schule unter der Hand tut 45. Das vielgepriesene klassische Bildungsbürgertum bildete nur eine ganz dünne Firnisschicht auf einem Meer von Unwissen und Bornierung. Sie war keineswegs für das gesellschaftliche Reflexionsniveau bestimmend. Für das Gros der Population beinhaltet die Metamorphose zum „sekundären Analphabeten“ ganz im Gegensatz zur Lesart der Kritischen Theorie einen gewaltigen Sprung nach vorn, weil sie nicht nur metaphorisch, sondern faktisch das primäre Analphabetentum zur Ausgangsbasis hat! Wenn wir die in ihrer unmittelbaren Existenz bornierten, unwissenden Volksmassen, die noch zu Beginn des Jahrhunderts die breite Grundlage des gesellschaftlichen Getriebes bildeten, zum Vergleich heranziehen, dann stellen Massenkonsum und Massenkommunikation trotz aller Beschränktheit und Perversion sehr wohl einen radikalen Fortschritt dar. Wer sich vor Augen führt, dass die übergrosse Mehrheit der Bevölkerung nie in der Lage war, über den eigenen Kirchturm hinauszuschauen und ihr Dasein in muffiger Bornierung verbrachte, der muss selbst noch dem vielgeschmähten Fernsehen eine den Horizont erweiternde Funktion zubilligen. Erst recht gilt das für die Bildungsinstitutionen. Der Untergang des Humboldtschen Bildungsideals ging mit der Vermassung von Qualifikationen und auch Kenntnissen über allgemeine Zusammenhänge einher, die in der bisherigen Geschichte keine Parallele hat. Die Bundesdeutschen können sich heute nicht mehr als das „Volk der Dichter und Denker“ zelebrieren, dafür bewegt sich aber der Anteil der „Gebildeten“ an der Gesamtbevölkerung auch nicht mehr im Promillebereich. Wenn hierzulande mittlerweile mehr als 50% einer Jahrgangsstufe im Laufe ihrer Schullaufbahn die Hochschulreife erlangen, so bedeutet dies trotz der instrumentellen Zurichtung von Wissen gleichzeitig die massenhafte Erzeugung geistiger Potenzen, ohne die eine kommunistische Gesellschaft für immer Utopie bleiben muss.

Es ist keineswegs ausgemacht, dass das Kapitalverhältnis allzeit Abzugskanäle schaffen kann, um die von ihm erzeugten menschlichen Kompetenzen systemkonform abzuleiten. Der Tauschwert kann sich vom Gebrauchswert nicht emanzipieren und der tautologische Selbstzweck der Verwertung des Werts nicht von den menschlichen Fähigkeiten, die er massenhaft erzeugt und anwendet. Der grundlegende Widerspruch zwischen der Entwicklung universeller Produktivkräfte unter der Ägide des Kapitals und den bornierten bürgerlichen Produktionsverhältnissen, der Gegensatz von stofflichem Inhalt und Wertform, wiederholt sich zwangsläufig an den Subjekten. Das Kapital schafft mit der Verwissenschaftlichung und stofflichen Vergesellschaftung der Produktion gleichzeitig seine Totengräber, weil es die Produktivkräfte, deren es sich bedient, nicht in rein sachlicher Form, sondern immer auch als menschliche Fähigkeit setzen muss. Aus den Springquellen gesellschaftlichen Reichtums, die das Kapital öffnet, strömt nicht nur eine Überfülle an stofflichem Reichtum, sondern als dessen zugehöriges Pendant auch ein Mass von Kompetenzen und Bedürfnissen, die über die Wert- und Geldförmigkeit des gesellschaftlichen Zusammenhangs hinausschwappen. Die Inkongruenz zwischen modernen Produktivkräften und dem System abstrakter Reichtumsanhäufung erscheint wieder als die allmählich heranreifende Fähigkeit der Individuen, sich von den ihnen in dieser Gesellschaft zugemuteten geldförmigen Sozialkategorien und Rollen zu distanzieren.

Fußnoten

 

1

Auf diese Matrix greift etwa Kurt Hübner in seiner Entgegnung auf Robert Kurz in der „Konkret“ vom April 90 zurück. Mit schon bewundernswerter Ignoranz setzt er dort kurzerhand fundamentale Wertkritik und Stalinismus in eins. Die einzig denkmögliche Variante der Aufhebung von Geld- und Warenform hat in dieser Interpretation Pol Pot vorexerziert.

2

Diesem Muster bleibt auch die Zeitschrift „Kritik und Krise“ treu. In ihrem Sonderdruck zur Leipziger Buchmesse 1990 können wir zum Paradoxon der „Aktualität des Kommunismus“ lesen:“Die Notwendigkeit der Revolution befindet sich in umgekehrt proportionalem Verhältnis zu ihrer Möglichkeit.“

3

Das gilt gleichermassen für die sozialpsychologisch orientierten Beiträge von Wolfgang Pohrt wie für die Kulturkritik eines Christoph Türcke.

4

Stefan Breuer, Krise der Revolutionstheorie, Frankfurt 1977, S.45

5

ebenda. S.49

6

Die gleiche These vertritt auch Helmut König in seinem Buch „Geist und Revolution“. Auch er scheidet im Marxschen Werk fein säuberlich zwischen revolutionären Flausen und davon nicht beeinträchtigter handfester Analyse der kapitalistischen Logik.

7

Ich habe diese Position zusammen mit Robert Kurz in dem Beitrag „Klassenkampffetisch“ in der „MK“7 dargestellt. Ich nehme den dort entwickelten Faden in diesem Aufsatz wieder auf.

8

Breuer argumentiert allerdings reichlich kurzschlüssig, wenn er aus diesem Sachverhalt die Identität von Form und Inhalt schlechthin ableitet. Die zunehmende Vernetzung des gesellschaftlichen Zusammenhangs unter dem Vorzeichen des Werts erschöpft sich eben nicht nur in der Erzeugung gleichgeschalteter unmittelbarer Produktionsarbeit, sie setzt gleichzeitig notwendig auch andere menschliche Potenzen, die sich nicht zwanglos und ein für allemal der tautologischen Bewegung der Verwertung des Werts einfügen. Die Befriedung des unmittelbaren Produzenten durch Eingemeindung in den pax capitalistica ist keineswegs das letzte Wort der Geschichte. Die fortschreitende stoffliche Vergesellschaftung schiebt die Figur des unmittelbaren Produzenten, die lebendige Grundlage des Kapitals zusehends in den Hintergrund und macht sie schliesslich obsolet. Damit steuert das Kapital nicht nur zielsicher in seine Krise, es setzt parallel dazu Fermente transbürgerlicher Subjektivität frei.

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Stefan Breuer kann sie aus zwei Gründen nicht ausmachen. Erstens hält er ganz selbstverständlich an der Vorstellung aprioristischer Subjektivität fest. Andererseits spart er in seiner Rezeption der Kritik der politischen Ökonomie deren Gipfelpunkt – ihre krisentheoretischen Implikationen – aus. In beidem bleibt er im Dunstkreis der Frankfurter Schule stecken, der er ansonsten durchaus kritisch gegenübersteht.

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Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Berlin/Ost, 1974, S. 595

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Es muss einer nachfolgenden Arbeit überlassen bleiben, die These vom doppelten, janusköpfigen Marx genauer zu entwickeln und auch philologisch zu belegen. Der geneigte Leser muss sich hier zunächst mit der nackten These begnügen. Ihre solide Absicherung würde aber den Rahmen dieses Thesenaufsatzes hoffnungslos sprengen.

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Mehr noch als bei Marx springt dieses Abkippen in den Arbeiten seines Kompagnons ins Auge. Das liegt aber sicher nicht daran, dass sich die Positionen von Engels und Marx grundlegend unterschieden hätten, sondern resultiert wohl in allererster Linie aus der Arbeitsteilung der beiden Klassiker. Gerade weil Engels viel mehr als Marx den Part der Vermittlung und Popularisierung übernommen hatte, gerät er zwangsläufig in den Sog der schnöden empirischen Wirklichkeit, die sich partout noch nicht auf der Höhe des Marxschen Begriffs befindet. Marx selber bleibt bei der rein analytisch begrifflichen Bestimmung diese Zumutung in weit höherem Masse erspart. Es ist zwar in gewissen Kreisen populär, aber wenig glaubhaft, dem reinen alles durchschauenden Marx ein doof-trotteliges Faktotum namens Engels an die Seite zu stellen, das für alle Böcke ausschliesslich verantwortlich zu machen wäre. Seine wichtigsten und wohl auch fragwürdigsten Schriften verfasste Engels grossteils noch zu Lebzeiten von Marx unter dessen Aufsicht (etwa den „Antidühring“) und wir können kaum annehmen, dass diese Schriften in dieser Form veröffentlicht worden wären, wenn Marx Entscheidendes einzuwenden gehabt hätte. Aber das sei hier nur am Rande bemerkt.

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Dieses theoretische Deutungsmuster wird bei Marx und Engels von einem fast schon mystisch zu nennenden Vertrauen in die fiktiven revolutionären Instinkte insbesondere der deutschen Arbeiter flankiert. Konfrontiert mit der realen Borniertheit der protegierten sozialdemokratischen Bewegung kritisieren Marx und Engels in ihrem Briefwechsel über Jahre hinweg konsequent bis ätzend die theoretischen „Eseleien“ der deutschen Sozialdemokraten. Trotzdem bleiben sie dieser Partei in der Erwartung treu, dass die Arbeitermassen sich nicht von den Dummheiten ihrer Führer affizieren lassen würden. Realiter entsprachen der Bewusstseinsstand von Führern und Geführten einander recht genau. Wer sich das Studium der Marx-Engels Briefe sparen will, dem vermittelt bereits die klassische Engelsbiographie von Gustav Mayer zumindest einen Überblick über das ausgesprochen gespannte Verhältnis der „Londoner Alten“ zur gehätschelten Sozialdemokratie.

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MEW 26.2, S. 510

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Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Berlin(Ost), 1974 S.66

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Ebenda, S. 112

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In meiner Kritik an Henryk Grossmanns Zusammenbruchstheorie in der „Marxistischen Kritik“ Nr. 5, habe ich die für den klassischen Marxismus konstitutive Umwandlung der Marxschen Wertkritik zu einer Variante der Ricardianischen Werttheorie exemplarisch dargestellt.

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In den vom Standpunkt der fundamentalen Wertkritik in dieser Zeitschrift bereits veröffentlichten grundlegenden krisentheoretischen Beiträgen wird diese enge Verknüpfung spürbar. Die gleichen Entwicklungen, die die bürgerliche Gesellschaft in die strukturelle Krise führen, sind gleichzeitig die Voraussetzung für die revolutionäre Aufhebung dieser Formation und die Grundlage einer nicht wertförmigen gesellschaftlichen Reproduktionsform. Wenn der allein tauschwertschaffende unmittelbare Produzent sukzessive zurücktritt, verliert damit nicht nur das System der Verwertung des Werts seine lebendige Grundlage, parallel dazu bildet sich ein stofflich schon eng vernetztes gesamtgesellschaftliches Aggregat heraus, das allein die Basis einer kommunistischen Gesellschaft sein kann. Die Ausdehnung der wertmässig unproduktiven gesellschaftlichen Rahmensektoren (Infrastruktur, Ausbildungsbereich etc.) wird als faux frais kapitalistischer Produktion zur erdrückenden Last, in ihr erscheint aber auch eine Stufe von stofflicher Vergesellschaftung, die die direkte Organisation des gesellschaftlichen Zusammenhangs notwendig und erstmals in der Geschichte möglich macht. Die strukturelle überzyklische Arbeitslosigkeit der letzten Jahre charakterisiert mit den Eintritt des Kapitals in seine Krisenepoche. Sie setzt aber gleichzeitig in verquerer unmenschlicher Form die „disponible time“, die nach Marx den wahren Reichtum jeder Gesellschaft ausmacht. Was hier unter kapitalistischen Bedingungen zur Bedrohung wird und negativ als Nichtzustand der „Arbeitslosigkeit“ definiert ist, wird in der kommunistischen Bewegung mit einem positiven Inhalt gefüllt („produktiver Müssiggang“) und avanciert zum Zukunftsversprechen. Die Krise setzt in negativer Form, unter katastrophischen Vorzeichen, Momente frei, die die kommunistische Revolution zusammenbringen und positiv wenden muss, um den Aufbau einer neue Reproduktionsform zu organisieren.

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Henryk Grossmann versteht sich als Fachökonom und überlässt diese theoretische Aufgabe bewusst lieber anderen. Rosa Luxemburg hat dagegen einen universaleren Anspruch. Ihre theoretischen Anstrengungen verteilen sich auf beide Gebiete. Allerdings ändert das nichts am Grundproblem, sondern lässt es nur noch krasser in einer Person hervortreten. Kein inneres Band knüpft „Die Akkumulation des Kapitals“ an die politischen Schriften der Rosa Luxemburg. Beide Teile ihres Werks stehen einander äusserlich gegenüber. Darin zeigt sich die Grösse und die Beschränktheit ihrer Position. Sie wandelt zwischen den theoretischen Welten, in die das Universum der marxistischen Theorie auseinanderbricht und sie kann in ihnen allen wertvolle Beiträge liefern. Sie schafft es aber nicht, dieses Auseinanderdriften zu thematisieren und umzukehren.

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Charakteristisch und daher in unserem Zusammenhang auch bemerkenswert ist die Position von Rudolf Hilferding. Hilferding widerspricht explizit und energisch der Vorstellung einer dem Kapital immanenten Schranke und nimmt dafür auch noch die Autorität von Marx in Anspruch. In seinem berühmt-berüchtigen Referat „Die Aufgaben der Sozialdemokratie in der Republik“, gehalten 1927 auf dem sozialdemokratischen Parteitrag in Kiel, findet sich folgende phänotypische Passage: „Ich habe immer zu denen gehört, die jede ökonomische Zusammenbruchstheorie ablehnten, weil gerade Karl Marx den Nachweis erbracht hat, dass eine solche ökonomische Zusammenbruchstheorie falsch ist…Wir sind von jeher der Meinung gewesen, dass der Sturz des kapitalistischen Systems nicht irgendwie fatalistisch zu erwarten ist, nicht aus inneren Gesetzen des Systems eintreten wird, sondern dass der Sturz des kapitalistischen Systems die bewusste Tat der Arbeiterklasse sein muss.“ Zitiert nach dem Protokoll der Verhandlungen des sozialdemokratischen Parteitages 1927 in Kiel, Berlin 1929, S.165.

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MEW 25, S. 260.

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Die unausweichliche Seligsprechung der unmittelbaren Produzenten hat natürlich auch den Blickwinkel bestimmt, unter dem der Marxismus den Produktionsprozess als solchen wahrgenommen hat. Es ist in diesem Zusammenhang keineswegs ein Zufall, dass der traditionelle Marxismus permanent dem Drang erlegen ist, das Kapital als blosses Zirkulationsphänomen zu betrachten, und, ohne einen Gedanken auf das Problem der abstrakten Arbeit zu verschwenden, den Produktionsprozess als an sich zweckrationalen, nur technischen Notwendigkeiten folgenden Stoffwechsel mit der Natur im Grunde genommen von allen Grässlichkeiten des Kapitalverhältnisses freizusprechen. Explizit finden wir eine solche zirkulationsbeschränkte Position etwa bei Rudolph Hilferding, aber auch am anderen Ende marxistischer Theorie, in den Arbeiten von Alfred Sohn-Rethel. Ihre Kritiker haben sich von dieser Zirkulationsbornierung nur verbal, unter Hinweis auf den Wortlaut der Marxschen Schriften distanziert, selten in der Sache.

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Vergleiche in diesem Zusammenhang den Artikel „Der Klassenkampffetisch“ in der „MK“7, insbesondere S. 29-33.

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Das zugrundeliegende Muster ist bis heute erhalten geblieben. So erklärt sich auch die pessimistische Wendung, die sich in der Linken in den letzten Jahrzehnten breit gemacht hat. Solange der Gedanke der Revolution an die Existenz eines aprioristischen revolutionären Subjekts geknüpft bleibt, jeder Fortschritt in der Wertvergesellschaftung aber nach und nach alle Sozialkategorien als Emanationen der alles umgreifenden Wertform enthüllt, muss die Aufhebung der bürgerlichen Form mehr und mehr unmöglich erscheinen. Der Prozess der reellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital begründet in dieser Logik den Ewigkeitscharakter des Kapitals. Die Revolution war vielleicht einmal im 19. Jahrhundert möglich oder in der 3.Welt, sie ist es aber nicht mehr. Nicht nur die Arbeiterklasse, auch die revolutionären Ersatzsubjekte (soziale Randgruppen, Frauen etc.), haben die in sie gesetzten revolutionären Hoffnungen blamiert, und jede Neuauflage des Apriorismus fällt von vorneherein von Mal zu Mal schaler und unglaubwürdiger aus.

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Dementsprechend war die Trennung zwischen eigentlicher revolutionärer Mission und schnödem Alltagsgeschäft, dem das Proletariat innerhalb des kapitalistischen Rahmens ebenfalls noch nachzugehen hat, im Marxismus ein durchgängiges Problem. Sie hat sich in den unterschiedlichsten Verlaufsformen theoretisch und politisch reproduziert. Die Unmöglichkeit, vom reformistischen Kleinkrempel zur Entwicklung revolutionärer Strategien durchzustossen, die innere Blockade des Marxismus, zeigt sich besonders krass im „revolutionären Attentismus“ der 2. Internationale. Wir finden sie auf anderer Ebene, aber genauso wieder, etwa in den theoretischen Verrenkungen von Lukacs‘ „Geschichte und Klassenbewusstsein“. Luk cs geht wie gewohnt von einem an sich revolutionären Wesen des Proletariats aus, kann aber in der Empirie kein rechtes Erscheinen dieses Wesens ausmachen. Im täglichen Handeln überlagert die kapitalistische Form dieses eigentliche Wesen, und Lukacs kann es nur dechiffrieren, indem er auf die Methodenebene ausweicht und das Problem zu einem des Blickwinkels verwässert.

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Das erklärt auch, warum so etwas wie eine revolutionäre Linke heute nicht mehr existiert, und nur mehr völlig realitätsblinde Exemplare verflossener Spezies an tradierten Revolutionsmustern positiv ansetzen wollen. Gerade die Krisenerscheinungen löschen auch den letzten Schein eines aprioristischen revolutionären Subjekts aus und überführen alle Sozialkategorien, gleichermassen Emanationen der Wertform zu sein. Solange die Linke nach einem von der Herrschaft des Kapitals in seinen Grundfesten unberührten Subjekt Ausschau halten muss, um sich die Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft vorstellen zu können, muss sie sie ob dieser schnöden Realität zur Denkunmöglichkeit erklären und in Pessimismus verfallen.

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MEW 23, S.790 f.

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Karl Kautsky, Wille zur Macht

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Das gleiche Problem, an dem die Glaubwürdigkeit des revolutionären Marxismus zerbricht, stellt sich allerdings auch, wenn die Arbeiterklasse als aprioristisches revolutionäres Subjekt durch andere, allesamt von der bürgerlichen Form konstituierte Sozialkategorien ersetzt wird. So etwas wie ein objektives Ende des Kapitalverhältnisses kann erst recht nicht antizipiert werden, wenn Randgruppen, Frauen etc. für das versagende Proletariat in die Bresche springen sollen. Das Kapitalverhältnis hat seine Tiefenwirkung und formt alle Sozialcharaktere nach seinem Bilde. Die crux jeder traditionellen Revolutionsvorstellung liegt bereits darin, dass sie überhaupt darauf angewiesen ist, so etwas wie ein revolutionäres Subjekt a prioiri anzunehmen. Die Herausbildung kommunistischer Subjektivität bedeutet in Wirklichkeit gerade den Bruch mit allen vorgefundenen sozialen Kategorien. Sie entspringt nicht der konsequenten Fortsetzung irgendeines von der Wertform konstituierten Interesses, sie setzt gerade dort ein, wo deren Integrationskraft und Fähigkeit zur Sinnstiftung ausbrennt.

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In diese Rubrik fällt etwa die These Lenins von der Arbeiteraristokratie, die heute noch in den Klagen der antiimperialistisch angehauchten Weltveränderer und ihrer christlichen Kollegen aus den 3. Welt-Gruppen widerhallt.

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Diese bemerkenswerte Ignoranz kennzeichnet den Marxismus im übrigen als eine ganz vulgäre Wald- und Wiesenart des bürgerlichen mainstreams in der Geistesgeschichte. Die Aporien, in denen sich die Marxrezeption verfängt, sind die gleichen, mit denen sich das bürgerliche Denken seit Kant abquält, ohne sie jedoch überwinden zu können.

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Auf niedrigerem Niveau und bar jeden Problembewusstseins reproduziert sich hier das aus der Kantschen „Kritik der reinen Vernunft“ bekannte Verhältnis zwischen erkennendem Subjekt und Erkenntnisgegenstand. Beide stehen einander wesensverschieden gegenüber und nichts führt aus dem äusserlichen, die Substanz der Dinge aussparenden Verhältnis heraus.

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In den Hochzeiten der alten Arbeiterbewegungsseligkeit schien der ausdrückliche Verweis auf den Arbeiterstandpunkt und die revolutionäre Aktion der Arbeiterklasse als überflüssig, weil selbstverständlich. Die führenden theoretischen Köpfe der Vorkriegssozialdemokratie konnten nur deshalb sich in den ehernen ökonomischen Notwendigkeiten, die den Sieg des Sozialismus nach sich ziehen würden, rücksichtslos suhlen, weil sie dem Proletariat einen quasi ontologisch-revolutionären Charakter anhefteten. Erst als diese Selbstverständlichkeit mit dem Ausbruch des 1. Weltkriegs und der Blamage der internationalen Arbeiterbewegung einen ersten tiefen Riss erlitt, musste die im Marxismus immer schon enthaltene subjektivistische Unterströmung sich explizit bemerkbar machen. Was zum Problem geworden war, wurde ein zusätzlicher Schwerpunkt revolutionärer Theorie. Für diesen Umbruch steht in erster Linie Lenin mit seiner „revolutionären Organisationswissenschaft“, aber auch der westliche Marxismus, etwa Lukacs.

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Diese Denkfigur reproduziert gleichzeitig auch die altehrwürdige Subjekt-Objekt-Dichotomie, die uns weiter oben bereits beschäftigt hat. Die moderne bürgerliche Gesellschaft dementiert auf Schritt und Tritt platt empirisch die im klassischen Marxismus proklamierte unbefleckte Unschuld der Subjekte. Die längst unausweichlich gewordene Desillusionierung hebelt aber das grundlegende Wahrnehmungsraster nicht aus. Die dichotomische Zerteilung der Wirklichkeit in Subjekt und objektive Sphäre erweist sich als ausgesprochen zäher Brocken von bemerkenswerter Überlebensfähigkeit, und so handelt das marxistische Denken die praktische Blamage der optimistisch-revolutionären Variante des Subjekt-Objekt-Dualismus eilfertig wiederum auf dessen unhinterfragter Grundlage ab. Sobald der Marxismus dazu genötigt ist anzuerkennen, dass das Reich der handelnden Subjekte doch von dieser, vom Wert geformten Welt sei, verstümmelt er diese Erkenntnis und bricht ihr die inhärente kritische Spitze. Er übersetzt das unabweisliche Erscheinen des Konstituierungszusammenhangs an seinen Exekutoren in eine äussere Zudringlichkeit. Der Glaube an das unbedingte Subjekt rettet sich durch die Verdopplung von Subjektivität in vorausgesetzte eigentliche und eine uneigentliche-unterworfene. Die Subjekt-Objekt-Schablone bleibt auf diese Weise auch dort erhalten, wo das gewaltsame Eindringen des Verdinglichungszusammenhanges thematisiert wird. Die Vertreter der Frankfurter Schule interpretieren Entfremdung, Verdinglichung und den Endsieg objektivierter Gewalt als die gnadenlose sukzessive Eroberung der Subjektsphäre durch die Objektivität. Im Habermasschen Lebenswelttheorem fabriziert diese Sichtweise ihr zeitgenössisches Auslaufmodell. Aber auch schon die unverdünnte Kritische Theorie lässt das gescheiterte unbedingte Subjekt ,selbstbescheiden und pessimistisch geworden, als vermeintlich „nicht reduzierbaren subjektiven Rest“ überleben. Der Endsieg der falschen Objektivität, die Zerstörung des unverdinglichten Rests ist nur ein Grenzfall innerhalb der Objekt-Subjekt-Matrix. Die im Arbeiterbewegungsmarxismus unterstellte unbedingte Subjektivität reüssiert damit auch in der Kritischen Theorie und bewahrt ihre Stellung als entscheidende Triebfeder jeder transzendierenden gesellschaftlichen Bewegung. Sie figuriert als Gradmesser des vorhandenen Emanzipationspotentials, nur leider zeigt die Uhr nahezu auf Null.

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Für diese beiden Aspekte der Kritischen Theorie stehen in erster Linie auf der einen Seite der ältere Horkheimer und andererseits der ältere Adorno. Vergleiche in diesem Zusammenhang: Rolf Wiggershaus, Die Frankfurter Schule, München 1986.

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Zumindest Adorno und Horkheimer sind ohne falsche Ausflüchte diesen Weg bis zu seinem Ende gegangen. Ihre gnadenlose Konsequenz macht ihre Überlegenheit gegenüber dem populäreren, aber dafür auch eher flachen Herbert Marcuse aus. Adornos Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft schürft tiefer, weil er nicht dem Zwang nachgibt, sie in eine praktische Perspektive zu stellen. Er verzichtet darauf, ein revolutionäres Subjektsubstitut irgendwo hervorzuzaubern, wie das Herbert Marcuse mit seinem obskuren Randgruppentheorem tut.

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Auf dieser Grundlage hat die Kritische Theorie natürlich Probleme, sich selber zu erklären. Sie kann sich nur-mehr als Auslaufmodell begreifen, als letztes Aufflackern des Geistes vor dem Untergang im Meer bewusstloser Barbarei.

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Diese Sicht schlägt auch unangenehm auf den Habitus durch, mit dem sich die zeitgenössischen Adepten der kritischen Theorie mit Vorliebe der schnöden Wirklichkeit nähern. Der durchschnittliche, moderne Kritische Theoretiker geriert sich als angeekelter, besserwisserischer Zuschauer, der vor jeder analytischen Anstrengung bereits das Ergebnis seines Bemühens im Grunde genommen sicher hat. Mit dieser sterilen Haltung decken die Erben der Kritischen Theorie durchaus eine Facette des von ihnen so gern und vehement kritisierten Zeitgeistes selber mit ab.

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Stefan Breuer, Krise der Revolutionstheorie, S.15

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Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Dialektik der Aufklärung, Frankfurt 1978, S. 36

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Der Prozess der Subjektwerdung des Menschen hat verschiedene Ebenen, die analytisch streng auseinanderzuhalten sind. Bezogen auf die erste Natur fällt der Übergang des Menschen zum Status des Subjekts schlicht und einfach mit der sukzessiven Entkopplung seines Daseins von der Instinktgrundlage zusammen. Im selben Masse wie sich die menschliche Gattung nach und nach aus dem übrigen Tierreich heraushebt, verwandeln sich die Einzelexemplare der Spezies dem blinden Naturprozess gegenüber zu Subjekten. Unter diesem Gesichtspunkt sind Menschsein und Subjektsein synonyme Ausdrücke. Es führt aber vollkommen in die Irre, wenn wir diesen grundlegenden und tiefstliegenden Aspekt der Genesis von Subjektivität kurzschlüssig auf das Dasein der Einzelnen als soziale Subjekte übertragen. Bezogen auf ihren gesellschaftlichen Zusammenhang sind die Menschen bis heute nicht zum Subjektstatus durchgestossen. Ihr gesellschaftlich soziales Dasein ist ihren subjektiven Regungen vorausgesetzt. Er existiert als Fetischzusammenhang und ist ihrem subjektiven Zugriff und ihrer Reflexionsfähigkeit systematisch entzogen. Das gilt gleichermassen für alle bisherigen sozialen Formationen, vom archaischen auf Blutsverwandtschaft beruhenden System, bis zum modernen Geld- und Warenfetisch. Die menschliche Vorgeschichte umfasst eine Vielzahl aufeinander folgender fetischistischer Synthesesysteme, sie kennt aber keine konkrete Subjektivität. Mit der modernen bürgerlichen Gesellschaft findet die im Fetischismus gefangene menschliche Vorgeschichte ihren Höhepunkt und Abschluss. Die Krise abstrakter, vom Wert nach seinem Bilde gestanzter, Ware- Geldsubjektivität führt an die Schwelle konkreter Subjektivität. Der erste Akt in dem sie sich manifestiert kann nur die Befreiung vom Fetischismus, die kommunistische Revolution sein.

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Unter diese Rubrik fallen unter anderen die Ergüsse mit denen sich die Zeitschrift „Autonomie“ in ihrer Nummer 14 verabschiedet hat (vgl. dazu Nuno Tomatzky, Militanter Empirismus und IWF-Kampagne, in der „MK“ 6) und die Beiträge der Bielefelder Feministinnen um Maria Mies und Claudia von Werlhof. „Frauen, die letzte Kolonie“.

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Die Zeitschrift „Autonomie“ etwa ordnet revolutionäre Subjektivität ausschliesslich den präproletarischen Bewegungen des 18. und 19. Jahrhunderts zu. Diese verschwindet mit der Verwandlung der unterständischen Massen zu Arbeitern. Sie überlebt nur ausserhalb kapitalistischer Zudringlichkeit in einer synthetisch zurechtkonstruierten „Subsistenzproduktion“. Bei diesem Denkmuster handelt es sich keineswegs um eine spezielle Marotte der Autonomie-Leute, sie ist weit verbreitet und charakterisiert unter anderem auch die zeitweilig recht populäre Thompsonrezeption.

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Dieser Unterschied ist besonders auch dort festzuhalten, wo sich Vertreter der Frankfurter Schule mit den Psychostrukturen des modernen Individuums beschäftigen. Wenn die Kritischen Theoretiker auf diesem Gebiet einen kulturellen Abstieg ausmachen, nehmen sie in stiller Regelmässigkeit das Ideal eines autonomen, ichstarken Individuums als Messlatte, wie es Sigmund Freud geprägt hat. Sie bemerken dabei nicht, dass die klassische Psychoanalyse die Verhältnisse einer kleinen bürgerlichen Schicht reflektiert, nie aber für die Masse der Bevölkerung gegolten hat. Wenn etwa Marcuse in „Der eindimensionale Mensch“ die Umformung von Psychostrukturen mit dem Schlagwort „repressive Entsublimierung“ charakterisiert, dann trifft diese Begriffsbildung die wirkliche Entwicklung schon deswegen nicht, weil eine diffizile psychische Leistung wie Sublimierung immer das Privileg einer verschwindenden Minderheit war. Da die dumpfe Masse der unmittelbaren Produzenten nie sublimiert hat, lässt sich mit dem Schlagwort Entsublimierung natürlich auch nicht die Grundtendenz beschreiben, nach der sich die Massenpsyche historisch verändert hat. Was nur als Rarität vorhanden war, kann auch nicht massenhaft zurückgenommen werden.