31.12.1994  Beitrag drucken

Vom ideellen Gesamtkapitalisten zum reellen Gesamtkriminellen

Der Fall Jugoslawien

Ernst Lohoff

1.

So oft die demokratische Weltöffentlichkeit einen der Dutzende von »Bürgerkriegen«, die auf der Erde toben, zur Kenntnis nimmt(1), reagiert sie immer in derselben Weise. Sie drängt auf »politisch-diplomatische« Lösungen. Politische Lösungen lassen sich allerdings logischerweise nur dort ansteuern, wo auch genuin politische Kräfte am Werk sind. Die Weltstaatengemeinschaft definiert folglich, wenn sie sich zur friedensstiftenden Tat aufrafft, zunächst einmal ordentliche, d.h. als politisch qualifizierte Kombattanten, komplimentiert im weiteren deren Führer flugs an den Verhandlungstisch, um sie schließlich im Schnellkurs in »politische Vernunft« einzuüben. Zieren sich die Ansprechpartner, dann schrecken die UNO oder parallel zu ihr agierende internationale Institutionen auch nicht davor zurück, gehörig nachzuhelfen und die Unbotmäßigen gewaltsam auf das diplomatische Parkett zu zerren. Gelingt das Unternehmen und finden sich diplomatische Abordnungen am grünen Tisch ein, so ist die Geschäftsgrundlage gewährleistet, und das demokratische Weltgewissen zeigt sich einstweilen zufrieden. Solange staatliche oder pseudostaatliche Delegationen ihren Verhandlungsbetrieb in Gang halten, Nationalfahnen protokollarisch gehißt werden und auch sonst die politisch-staatsmännische Form gewahrt bleibt, scheint alles auf bestem Wege.

In dieser Praxis spiegelt sich die Entwertung des Politischen. Noch vor wenigen Jahren, in der Zeit der Ost-West-Konfrontation, wäre ein solches Vorgehen undenkbar gewesen. Damals gehörte es zum Kampfritus der Großmächte, den Gegenspielern, mit denen sie es bei den Stellvertreterkriegen in der Dritten Welt zu tun hatten, den Status freier und gleicher Völkerrechtssubjekte zu verweigern. Wie vor ihnen die Kolonialmächte im Kampf gegen ihre rebellischen farbigen Untertanen, so sahen sich auch die UdSSR in Afghanistan oder die USA in Vietnam immer nur »bewaffneten Banden« gegenüber, aber nie politischen Befreiungsbewegungen. Erst in dem Augenblick, als die ehemaligen Herren sich prinzipiell zu Rückzug und Friedensschluß bereitfanden, erkannten sie die Gegenseite überhaupt als legitime politische Kraft an. Mittlerweile hat sich in der internationalen Staatengemeinschaft die umgekehrte Gepflogenheit eingebürgert. Jeder Bandenchef erhält jetzt eilfertig die Weihen eines Staatsmannes in spe. Die Anerkennung ihrer Legitimität ist nichts, was die politischen newcomer erst mühevoll erkämpfen müßten. Höflichkeitshalber wird sie a priori unterstellt, damit der Konferenzbetrieb seinen Leerlauf beginnen bzw. fortsetzen kann. Das kostbare umstrittene Gut ist zur wertlosen Massenware verkommen. Im selben Maße, wie die Regierungsgewalt in weiten Teilen der Erde tatsächlich in den Händen von Bandenchefs liegt, wird es in diplomatischen Kreisen unüblich, von Banden zu sprechen.

Der diplomatische Sprachgebrauch spiegelt auf seine Weise, nämlich antizyklisch, die wirkliche Entwicklung.

Die Erfolge dieser Umdefinition und der auf Staats- und Regierungsabkommen fixierten Denk- und Vorgehensweise lassen überall in den Bürgerkriegsregionen, ob in Somalia oder in Kambodscha, schwer zu wünschen übrig. In den blutigen Wirren im ehemaligen Jugoslawien haben sie sich jedoch endgültig bis zur Kenntlichkeit blamiert. Monatelang standen die Genfer Friedensverhandlungen zwar als Dauerbrenner im Mittelpunkt der allabendlichen Nachrichtensendungen, nur für die kriegerische Entwicklung in Bosnien-Herzegowina hatten sie keine Bedeutung. Die Waffenstillstände, die die unermüdlichen Friedensvermittler Lord Owen und Stoltenberg den Vertretern der Konfliktparteien abtrotzten, waren ebenso zahlreich wie wirkungslos. Dennoch galt den westlichen Vermittlern nicht die Fortsetzung von Massakern und Vertreibungen als die eigentliche Katastrophe, sondern die Unterbrechung im Konferenzauftrieb. Bis heute fällt es ihnen ausgesprochen schwer, die unübersehbare Tatsache zu realisieren, daß im Balkankonflikt die alte Diplomatenweisheit »solange verhandelt wird, wird wenigstens nicht geschossen« außer Kraft gesetzt ist.

Natürlich rief die Enttäuschung über die Irrelevanz der diplomatischen Anstrengungen Kritiker auf den Plan. Angesichts der fortgesetzten Greuelberichte bildete sich quer zum überlieferten Links-Rechts-Schema im öffentlichen Meinungskampf ein bellizistisches Lager heraus. Selbst altgediente Pazifisten schlossen sich ihm an. Zahlreiche Publizisten wollten sich mit lauwarmen diplomatischen Protesten und mehr oder minder symbolischen Embargoerklärungen nicht länger zufrieden geben. Sie machten sich dafür stark, den Menschenrechten mit militärischen Mitteln gegen die »serbisch-nationalistischen Aggressoren« Geltung zu verschaffen.

Aber auch wenn die Bellizisten erbittert die »Appeasement«-Politiker attackieren, so darf das über eins nicht hinwegtäuschen: Kritiker und Kritisierte legen ihren Argumentationen die gleiche Folie unter. »Falken« wie »Tauben« gehen in ihrem zutiefst politizistischen Weltbild davon aus, daß auf dem Balkan nationalstaatliche Subjekte mit einem in der jeweiligen Regierung verkörperten Gesamtwillen die Klingen kreuzen. Weder die antiserbischen Kreuzzugsprediger noch die Herren Stoltenberg und Owen kommen auf die Idee, daß sich die Logik des »jugoslawischen Bürgerkriegs« prinzipiell von historischen Konflikten zwischen etablierten Nationalstaaten oder Nationalstaaten in statu nascendi unterscheiden könnte.

Genau hier liegt aber das grundsätzliche Problem. Was so selbstverständlich vorausgesetzt wird, ist es in Wirklichkeit gar nicht. Die westliche Krisenbewältigungspolitik scheitert nicht nur am oft beklagten mangelnden Durchsetzungswillen. Das diplomatische Geschäft läuft in erster Linie deshalb leer, weil die internationale Gemeinschaft es gar nicht mit funktionstüchtigen Staaten zu tun hat. Die Kombattanten simulieren nur die Existenz von Staatlichkeit. Die Delegationen aus Belgrad, Sarajevo, Zagreb und sonstwoher vertreten keine neuen, hoffnungsfrohen jungen Nationalstaaten. In diesen Ländern haben vielmehr zu konkurrierenden Mafia-Organisationen mutierte Überreste der politischen Klasse die Macht inne. Diese saubere Gesellschaft und ihre kriminellen Helfer leben einzig davon und dafür, die Substanz des kollabierten jugoslawischen Staates auf eigene Rechnung auszuschlachten, und Krieg bietet keine schlechten Rahmenbedingungen für dieses Geschäft.

Die Verhandler wollen Übereinkünfte zwischen agierenden politischen Subjekten herstellen. Die Bellizisten verstehen den militärischen Eingriff, den sie propagieren, ganz klassisch als Ergänzung zur Politik bzw. als deren Fortsetzung mit anderen Mitteln. Sie sind bemüht, eine der beteiligten Parteien vom Spiel auszuschließen oder zumindest gewaltsam zur Anerkennung der offiziellen Spielregeln zu nötigen. Beide »Strategien« operieren also mit politisch-staatlichen Subjekten und gehen deshalb am realen Geschehen vorbei. Der implodierte titoistische Staat war bereits das letzte stabile genuin politisch-staatlich organisierte Metasubjekt, das diese Weltgegend gekannt hat.

2.

Wer verstehen will, wie die im Zerfall Jugoslawiens freigesetzten Spaltprodukte einzuordnen sind, muß sich zunächst einmal klar machen, was da überhaupt zerfallen ist. Vom jugoslawischen Bürgerkrieg läßt sich nicht sprechen, ohne auf die Entwicklungsgeschichte Tito-Jugoslawiens zu rekurrieren(2), d.h. auf den Versuch, einen jugoslawischen Weg in die Moderne zu finden.

Südosteuropa gehört zu den geographischen Räumen, die erst relativ spät in das moderne warenproduzierenden Weltsystem einbezogen wurden. Dementsprechend lief hier auch die Nationalstaatsbildung nur mit großer Verzögerung an. In Jugoslawien etablierte sich erst mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein entschiedenes, aus dem Land selber entstammendes Modernisierungsregiment, das den Ehrgeiz hatte, die Südslawen in einem modernen Gemeinwesen zusammenzufassen und mit der im ausgehenden 19. Jahrhundert erstmals propagierten Idee einer »dreinamigen jugoslawischen Nation« ernst zu machen. Als sich 1945 die deutschen Besatzungstruppen aus Jugoslawien zurückzogen und die nationalsozialistische Großraumpolitik ihre osteuropäische Manövriermasse insgesamt freigab, eröffnete sich nicht nur der Raum für ein solches historisches Projekt nachholender Modernisierung. Im Kampf gegen die Okkupanten, die Tschetniks und die Ustascha hatte sich auch erstmals eine politisch-militärische Kraft herausgebildet, die in der Lage war, diesen Part zu übernehmen(3).

Die neuen Herren des Landes standen allerdings vor immensen Problemen. Dem siegreichen »Bund der Kommunisten« stellte sich nicht nur die Aufgabe, in dem abhängigen, zurückgebliebenen und zu allem Überfluß kriegsbeschädigten Agrarland(4) so etwas wie innere Kapitalbildung und Industrialisierung in die Wege zu leiten. Die Partei an der Macht mußte gleichzeitig vollkommen disparate Landesteile, die von ihrem Entwicklungsniveau und von ihren kulturellen Standards her wenig gemein hatten, in dieses Gesamtprogramm integrieren.

Das Vorkriegsjugoslawien hatte kaum eine Vorleistung für dieses Einigungs- und Modernisierungswerk erbracht. Zwar hatte sich die serbisch dominierte Administration des »Königreichs Jugoslawien« recht großzügig aus den Mitteln der reicheren, aus dem Habsburger Reich herausgebrochenen Regionen bedient(5) und diese Gebiete von Mitteleuropa abgekoppelt. Die Gelder flossen aber vornehmlich in den Taschen der serbischen Elite und wurden zur Bedienung der immensen Kriegsschulden des Landes verwendet. Der notwendigen Homogenisierung der infrastrukturellen Entwicklung kamen sie jedenfalls kaum zugute. Die Kroaten stöhnten unter der Belgrader »Finanzdiktatur«, von der sie sich insbesondere in den 30er Jahren konsequent benachteiligt sahen. Die zurückgebliebenen Landesteile konnten deswegen jedoch noch lange nicht Boden gutmachen. In Slowenien arbeiteten 1931 immerhin 21% aller Beschäftigten im sekundären Sektor(6); dieser Landesteil verfügte also zumindest über eine gewisse industrielle Basis. Im Kosovo hingegen existierte während der gesamten Lebenszeit des Königreichs Jugoslawiens genau ein Großunternehmen, das sich überdies in britischem Besitz befand, nämlich das Blei- und Zinkbergwerk »Trepca Mines Limited«(7). Das erhebliche Wohlstands- und Produktivitätsgefälle im Land blieb durchgängig erhalten. Während in Slowenien, Kroatien und in der Region von Belgrad die Elektrifizierung bedeutende Fortschritte machte, waren im zu Serbien gehörenden Kosovo bei Kriegsausbruch gerade 2,6% der Haushalte an das Stromnetz angeschlossen(8). Selbst das vor 1914 entstandene und im Norden vornehmlich auf Wien und Graz hin ausgerichtete Verkehrsnetz wurde in den 20 Jahren, in denen das erste Jugoslawien bestand, nur sehr zögerlich den Bedürfnissen des neuen Staatswesens angepaßt. Die in der Zwischenkriegszeit als vorrangig erachtete Eisenbahnanbindung Belgrads an die Adria etwa kam vor dem Krieg über das Planungsstadium nicht hinaus. Sie erlebte ihre feierliche Einweihung erst 1976 (9).

3.

Angesichts der insgesamt wenig erbaulichen Ausgangslage kann es nicht sonderlich überraschen, daß die Kommunisten als die erste und einzige gesamtjugoslawische Partei(10) den industriellen »take off« des Landes zunächst unter dirigistisch-zentralistischen Vorzeichen einzuleiten versuchten. Nur der Zentralstaat, der sich darum bemühte, als eine Art reeller Gesamtkapitalist die Einzelbetriebe administrativ auf seine landesübergreifenden Planvorlagen zu verpflichten, und der sich die Verteilung aller gesellschaftlichen Ressourcen vorbehielt, schien in der Lage zu sein, die heterogenen und zum Teil ausgesprochen rückständigen Landesteile zu einem kollektiven Modernisierungs- und Industrialisierungsprozeß zusammenzufassen. Dem sowjetischen Vorbild gemäß, dennoch allerdings zu Stalins Unwillen(11), konzentrierte sich der erste Fünfjahresplan auf die Basisindustrialisierung und verkündete den absoluten Vorrang der Grundstoff- und Schwerindustrie. Das Programm des »revolutionären Etatismus« zeitigte anfänglich Erfolge. Seine Umsetzung versetzte in einem ersten großen Schub die noch immer vornehmlich auf Selbstversorgung ausgerichteten kleinbäuerlichen Massen in die Welt von Geldwirtschaft und abstrakter Arbeit. Die in den entwickelteren Landesteilen nach der Beseitigung der unmittelbaren Kriegsschäden anstehende Diversifikation der Produktion ließ sich auf dieser Basis allerdings nicht bewerkstelligen. Die administrativen Abstimmungsprobleme, die Planung mit quantitativen Größen und die üblichen staatssozialistischen Erscheinungen »negativer Konkurrenz«(12) behinderten nicht nur die Steigerung der Produktivität, sie führten auch dazu, daß die gewaltsam aus dem Boden gestampften industriellen Kapazitäten im Schnitt nur zu 30% ausgelastet waren (13).

Der Bruch der Belgrader Regierung mit Moskau und der Abzug sowjetischer Entwicklungshelfer spitzte die Situation zu. Gleichzeitig entstand damit aber auch das Klima, das eine Umorientierung ermöglichte. Seit Beginn der 50er Jahre traten zunehmend Momente von »Arbeiter-Selbstverwaltung« neben den zentralstaatlichen Interventionismus. Belgrad unternahm die ersten vorsichtigen Schritte auf seinem viel gefeierten »Dritten Weg« und öffnete sich vorsichtig dem Westen. Die von der Zentralplanwirtschaft als bloße Ausführungsorgane behandelten Einzelbetriebe wurden nun sukzessive als eigene Wirtschaftssubjekte anerkannt. Während ursprünglich die Gewinne vollständig an die Zentralinstanzen abzuführen waren, durften die Kombinate jetzt nach eigenem Gusto über einen wachsenden Anteil verfügen. Das bedeutete nicht nur eine Dezentralisierung von Investitionsentscheidungen. Auch das Lohngefüge differenzierte sich dem einzelbetrieblichen Erfolg entsprechend aus. In der Phase des administrativen Sozialismus erschienen die Löhne als Kostenfaktor in der betrieblichen Aufwandrechnung, ihre Festsetzung erfolgte dementsprechend ebenso zentral wie die Preisbestimmung von Rohstoffen und Vorprodukten. Mit dem Übergang zur Selbstverwaltung wurden sie nun zu einem Gutteil aus den betrieblich Periodenüberschüssen finanziert. Was das Kriterium beruflicher Qualifikationen angeht, so blieb eine egalitaristische Grundtendenz in Jugoslawien durchgängig vorherrschend(14). Hingegen bildeten sich zwischen den Branchen und auch innerhalb einzelner Fertigungszweige erstaunliche Unterschied in den Lohnhöhen heraus.

Das jugoslawische Selbstverwaltungsmodell hat auch außerhalb des Landes heftige Diskussionen hervorgerufen und in der internationalen Linken viele Liebhaber gefunden. Viele, die von einer besseren und gerechteren Gesellschaft träumten und sich enttäuscht vom stalinistischen System abgewandt hatten, projizierten ihre Hoffnungen in das »jugoslawische Modell«. In ihrer Euphorie haben dessen Befürworter einen ebenso grundsätzlichen wie entscheidenden Baufehler der glorreichen jugoslawischen Selbstverwaltung allerdings übersehen. Eine Selbstverwaltung, die nicht Regulation der stofflichen Produktion als solche zum Gegenstand hat, sondern die Teilproduzenten ganz selbstverständlich über das abstrakte Medium des Geldes zueinander in Beziehung setzt, kann niemals in das ersehnte kooperative Miteinander münden. Wo Geld und Ware als die universell gültigen Verkehrsformen vorausgesetzt sind, ist unweigerlich auch die Konkurrenz der Geldsubjekte gesetzt, und der gesellschaftliche Reproduktionszusammenhang muß sich durch das Nadelöhr des einzelbetrieblichen Verwertungszwanges pressen. Die Eingriffe des sozialistischen Staates veränderten die zwischen den getrennten Teilproduzenten herrschenden Konkurrenzbedingungen, sie setzten deswegen aber keineswegs deren Konkurrenz als solche außer Kraft.

Im Medium des Geldes läßt sich nur eine ungesellschaftliche Gesellschaftlichkeit herstellen, keine bewußte. Daran ändert sich auch dann nichts, wenn die einzelnen Konkurrenzsubjekte sich selber verwalten, und wenn sich auf der Ebene sämtlicher denkbaren gesellschaftlichen Partikularsubjekte (Betriebe, Behörden usw.) die Menschen beständig zu diskursiven Prozessen versammeln. In Jugoslawien haben die Werktätigen seit den 50er Jahren hunderte von Arbeitsstunden im Jahr mit Diskussionen verbracht. Kein anderes Land hat die (teil)öffentliche Debatte um die Ausgestaltung der Arbeitsbedingungen und des sozialen betrieblichen Rahmens in einem vergleichbaren Maße institutionalisiert. Da die einzelbetriebliche Verwertung und die mit ihr gesetzten »harten ökonomischen Fakten« aber immer bereits vorausgesetzt waren, blieben genau die eigentlich entscheidenden gesellschaftlichen Fragen ausgeblendet. Als Ware-Geld-Subjekte exekutierten die Selbstverwaltungsorgane schon die Zwangsgesetze der Konkurrenz, bevor die diversen Akteure unter dem Dach dieser Selbstverwaltung überhaupt Stellung zum Resultat ihrer Konkurrenz beziehen konnten.

Jenseits der utopischen Hoffnungen, in der schnöden jugoslawischen Wirklichkeit, funktionierte die Selbstverwaltung nicht als Instrument herrschaftsfreien Interessenausgleiches, sie war vielmehr Vehikel und Schauplatz harscher Verteilungskämpfe(15).

Das betrifft nicht nur die einzelbetriebliche Ebene. Von Beginn an hatte der Konflikt zwischen Selbstverwaltung und zentralstaatlicher Planung auch eine regionale Komponente. Vom Vormarsch des Selbstverwaltungselements auf Basis der Warenproduktion profitierte einseitig der Norden Jugoslawiens. Der Süden hingegen mußte Einbußen hinnehmen. Das konnte auf Dauer nicht ohne Folgen für die sozio-ökonomische und schließlich auch die politische Einheit des Landes bleiben. Im selben Maße, wie die gesamtstaatlichen Planungsinstanzen an Macht einbüßten, trat auch die gesamtjugoslawische Entwicklungsperspektive in den Hintergrund und wurde schließlich im Laufe von 40 Jahren Modernisierung zur Fata Morgana.

Schon die erwähnte Veränderung der Lohnstruktur, die Kopplung des Einkommens an die Gewinne der jeweiligen Unternehmen, bevorzugte naturgemäß die fast durchgängig in den entwickelteren Regionen ansässigen gewinnträchtigeren Betriebe und hatte eine krasse regionale Einkommenspolarisierung zur Folge. Das gleiche Resultat zeitigte der Sieg der Selbstverwaltung aber auch bei der Verteilung von Investitionen und damit für den Verlauf des Akkumulationsprozesses. Wo die Einzelbetriebe über ihre Gewinne selber verfügen, schrumpft der Redistributionsspielraum der Zentralgewalt, das Geld bleibt in den »reichen« Gebieten, die schon vorhandene Schere zwischen den »Gewinner- und Verliererregionen« öffnet sich. Der Selbstverwaltungsgedanke war in Jugoslawien de facto immer eine Waffe des Nordens im Verteilungsstreit mit dem Süden. Er entstand auch als Reaktion auf die zentrifugalen, aus der wirtschaftlichen und sozialen Inhomogenität des Landes resultierenden Schwierigkeiten, und sein Sieg verstärkte gleichzeitig die volkswirtschaftliche Inkohärenz noch weiter.

Diese aus der einzelbetrieblichen Konkurrenz entspringende Tendenz setzte sich umso wirksamer durch, als die Gewichtsverschiebung zugunsten des Selbstverwaltungselements mit der sukzessiven Verlagerung von Kompetenzen und finanziellen Mitteln von den Zentralinstanzen zu den Einzelrepubliken einherging. Im selben Maße, wie sich die Einzelbetriebe dem Zugriff der Zentralmacht entwanden, gedieh auch der wirtschaftliche Republik-Egoismus, und alle Versuche zur Entwicklung eines einheitlichen Wirtschaftsgefüges kamen zum Erliegen. Jeder weitere Fortschritt im Sinne des Selbstverwaltungsprinzips eröffnete den Einzelrepubliken neue Spielräume für die Verfolgung ihrer Sonderinteressen.

Die langfristig verschärfte Polarisierung wird statistisch sichtbar, wenn wir die regionale Entwicklung des Sozialprodukts pro Kopf betrachten. 1951 erreichte Slowenien 170% des jugoslawischen Durchschnitts. Bis 1981 stieg der Index in dem fortgeschrittensten Landesteil kontinuierlich bis auf 198%. Die Bewohner Kroatiens kamen 1951 auf 114%, 1981 hatte sich diese Republik mit immerhin 126% deutlich weiter vom jugoslawischen Durchschnitt abgesetzt. Während das engere Serbien seinen Anteil mit einigen Schwankungen weitgehend konstant halten konnte (96,2% bzw. 98,3%), fiel Bosnien-Herzegowina innerhalb von dreißig Jahren von immerhin 91,3% auf 66,8% zurück. Die montenegrinischen Vergleichsziffern sehen günstiger aus, zeigen aber den gleichen grundlegenden Trend. Hier sank der Anteil am Sozialprodukt gegenüber dem gesamtjugoslawischen Durchschnitt pro Kopf von 83,4% auf 75,5%, im Armenhaus Kosovo sogar von 44,1% auf 30,0%. Der Triumph des an die Geldform gekoppelten Selbstverwaltungsgedankens gegenüber der zentralstaatlichen Sozialismus-Konzeption führte nicht zur notwendigen Angleichung der Lebensbedingungen in Gesamtjugoslawien, sondern zu einem Auseinanderdriften der verschiedenen Landesteile, und untergrub schließlich die wirtschaftliche Einheit des Landes endgültig.

Diese dem »Selbstverwaltungs-Sozialismus« auf der Basis von Warenproduktion und Geldwirtschaft inhärente Gefahr entwickelte sich schleichend. Sie wurde zunächst von der Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung überlagert. Während die Weltarbeitsgesellschaft insgesamt historisch einmalige Wachstumsraten erreichte, schlug sich der globale industrielle Boom dank des besonders niedrigen Ausgangsniveaus in Jugoslawien seit 1953 in recht eindrucksvollen Zahlen nieder. Die auch unter dem neuen Selbstverwaltungs-Vorzeichen vom Staat nach wie vor geförderte extensive Inputsteigerung hatte bis zum Beginn der 60er Jahre ein jährliches Durchschnittswachstum von über 12% zur Folge(16). Innerhalb von zehn Jahren, zwischen 1952 und 1962, verdreifachte sich der Wert der industriellen Produktion. Angesichts dieser allgemeinen Erfolgsgeschichte verblaßte zunächst die Tatsache, daß sich die relativen wirtschaftlichen Gewichte keineswegs zugunsten der rückständigen Regionen verschoben.

4.

Die auf den ersten Blick durchaus vielversprechend wirkende Aufholjagd, die Jugoslawien an die Schwelle der Vollindustrialisierung führen sollte, hatte allerdings noch andere Schönheitsfehler. Das rasante Wachstum der industriellen Produktion beruhte wesentlich auf künstlich niedrig gehaltenen Energie- und Rohstoffpreisen. Es hing also nicht nur von staatlicher Subventionierung ab, sondern ging auch mit beträchtlichen strukturellen Ungleichgewichten einher: »Republiken und Gemeinden neigten … dazu, ihre Investitionen in Branchen zu leiten, die unter den gegebenen Voraussetzungen attraktive Gewinne versprachen. Das führte zur Errichtung von >politischen Fabriken< und zur Vernachlässigung der Basisindustrien«(17), außerdem zu einem verschwenderischen Umgang mit Energien und Rohstoffen. Da der Rationalisierungszwang durch die systematische Subventionspolitik partiell außer Kraft gesetzt war, verlor die jugoslawische Wirtschaft außerdem den Anschluß an das Produktivitätsniveau des Weltmarkts.

Die auf die weitere Stärkung der Selbstverwaltung orientierten Reformen von 1964/65 hatten das Ziel, diese auf Dauer nicht haltbaren Zustände zu verändern. Die Abwertung des Dinars sollte eine realistischere, auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Landes abgestimmte Geldpolitik ermöglichen. Mit dem Abbau von Schutzzöllen und des Subventionsnetzes wollte die Regierung die Anpassung der jugoslawischen Binnenökonomie an die Weltmarktbedingungen einleiten. Sie erhob das Prinzip der »Rentabilnost« zum Programm und propagierte die Anerkennung der »objektiven Marktgesetze«.

Die an das Reformprogramm geknüpften Hoffnungen platzten innerhalb weniger Jahre wie Seifenblasen. Für das Scheitern sind zwei zentrale Momente verantwortlich. Zum einen verstärkte die Gewichtsverlagerung zugunsten dezentraler Gewalten die zentrifugalen Kräfte so weit, daß sie schließlich die Funktionsfähigkeit des Modernisierungsregimes in Frage stellten. Was sich schon in den ersten Schritten hin zur Selbstverwaltung abgezeichnet hatte, erreichte nun eine neue negative Qualität. Die erweitert zugelassene Konkurrenz der Selbstverwaltungssubjekte sprengte zuletzt das Bezugssystem ihrer Konkurrenz. Zum andern verschlechterten sich die Weltmarktbedingungen entscheidend. Als Jugoslawien Ende der 60er Jahre Anstalten machte, den Übergang von einer Basisindustrialisierung zu einem qualitativen Wachstum nachzuholen, erreichte der kurze Sommer des globalen Fordismus schon seinen Höhepunkt und Abschluß. Damit verengten sich aber auch die Spielräume für die jugoslawische Version der warenproduzierenden Arbeitsgesellschaft. Bei weltweit sinkenden Wachstumsraten mußte es dem unterproduktiven Nachzügler zunehmend schwerer fallen, überhaupt noch zu bestehen.

So entschieden das Balkanland auch nach dem Zweiten Weltkrieg den Industrialisierungspfad eingeschlagen hatte, um die Konkurrenzfähigkeit der jugoslawischen Wirtschaft stand es zu keinem Zeitpunkt zum besten. Wäre die jugoslawische Wirtschaft von Beginn an der Weltmarktkonkurrenz ausgesetzt gewesen, so hätte in diesem Land nie eine Industrialisierung stattgefunden. Jugoslawien wäre wie schon in der Zwischenkriegszeit als subalterner Agrarproduzent in die internationale Arbeitsteilung integriert worden. Der realsozialistische Schutz vor dem unmittelbaren Zugriff der globalen Wertlogik ermöglichte den industriellen take off, verhinderte allerdings gleichzeitig den Anschluß an das herrschende Produktivitätsniveau. Dieses Dilemma schlug sich unter anderem in der chronisch negativen Handelsbilanz des Landes nieder, und die zog wiederum eine permanente Devisenknappheit nach sich. Der jugoslawische Export deckte oft nur 50% der Importe, bestenfalls erreichten die Ausfuhren 70% der Einfuhren(18).

Mit dem Ölpreisschock von 1973 verschlimmerte sich gerade diese Problematik entscheidend. Zum einen mußte das Land nun erheblich mehr kostbare Devisen verausgaben, um seine Erdölimporte zu begleichen. Zum andern konnte der jugoslawische Staat sein chronisches Handelsbilanzdefizit durch die Überweisungen der Arbeitsemigranten nicht mehr im gleichen Maße wettmachen. Im Gefolge der nachlassenden Weltkonjunktur sank die Zahl der jugoslawischen Arbeitsemigranten von 860.000 1973 auf 770.000 1975, und entsprechend weniger Hartwährung floß nun in die Heimat.

Die Situation verschärfte sich dadurch noch erheblich, daß die Devisenfrage sich gleichzeitig zum zentralen Schlachtfeld im innerjugoslawischen Verteilungskampf entwickelte. Neben den Überweisungen der Arbeitsemigranten hielten vor allem die Devisenzuflüsse aus dem Tourismus die gesamtjugoslawische Redistributionsmaschinerie am Laufen. Diese Einnahmen fielen aber keineswegs flächendeckend im ganzen Land an, sie konzentrierten sich auf die zu Kroatien gehörende dalmatinische Küste. Mit dem Touristikboom avancierte Kroatien zum wichtigsten Finanzier des Gesamtstaates. Zu Beginn der 70er Jahre mußte die Touristikindustrie 88% ihrer Hartwährungseinkünfte an die Bundeskasse abführen(19). Die kroatische Teilrepublik ging weitgehend leer aus. Nach den auf Dezentralisierung ausgerichteten Reformanstrengungen der 60er Jahre mußte dieser Umstand aber über kurz oder lang zum Konflikt führen.

Es war zunächst die Studentenschaft, die sich gegen das autoritäre Belgrader Regime wandte. Anders als in Westeuropa nahm ihr Protest jedoch nicht nur sofort eine nationalistische Färbung an, er fand überdies seinen Widerhall im kroatischen Parteiestablishment. Da die national-liberale Studentenschaft einen offen separatistischen Kurs einschlug und selbst nicht davor zurückschreckte, eine eigene kroatische Armee und eine eigene UNO-Mitgliedschaft des Landes zu fordern, zog Tito schließlich die Notbremse. Er entschloß sich, die aus dem Ruder laufende Bewegung gewaltsam zu unterdrücken. Gegen Jahresende 1971 setzte eine Verhaftungswelle ein. Die Kehrtwendung betraf vor allem den Parteiapparat. Die Zagreber Führung wurde zum Rücktritt gezwungen, aber auch außerhalb von Kroatien begann eine breite Säuberungswelle, von der selbst rangniedrige Chargen erfaßt wurden. Tausende allzu reformfreudiger Manager verloren ihre Posten.

5.

Die liberalen Kräfte in und außerhalb der Partei waren damit zwar ausgeschaltet, das von dem um sein Machtmonopol besorgten Parteiapparat erzwungene Roll-back bedeutete allerdings keineswegs eine Rückkehr zur Zentralplanwirtschaft. Die einheitsstaatliche Kommandowirtschaft der frühen 50er Jahre ließ sich schlicht und einfach nicht mehr zurückdekretieren. Die Schere zwischen Slowenien und Kroatien einerseits und den südlichen Landesteilen andererseits hatte sich bereits so weit geöffnet, daß es unter den Bedingungen der 70er Jahre unmöglich geworden war, eine einheitliche gesamtjugoslawische Entwicklungsstrategie zu formulieren. Während im Süden nur ein knallhart etatistisches Regime die steckengebliebene Basisindustrialisierung einstweilen vor dem endgültigen Aus retten konnte, blockierte im Norden gerade die Übermacht der administrativen Elemente den Übergang vom einseitig extensiven Wachstum zu einem diversifizierten Wirtschaftsgefüge.

Dieses grundlegende Dilemma wurde in der neuen Verfassung von 1974 quasi Konstitution. Der am 21.2.1974 verabschiedete Verfassungsentwurf brachte zwar nicht den von den liberalen Reformern geforderten, unter jugoslawischen Bedingungen allerdings illusionären Abschied vom Etatismus überhaupt, vervielfachte aber dessen Gravitationszentren. Der Gesamtstaat verzichtete darauf, wo es nur ging, landeseinheitliche Bedingungen für die Verwertungsbewegung zu definieren und gab diese Kompetenz weitgehend an die autonomen Provinzen und Teilrepubliken ab, die in der Folge zu recht unterschiedlichen Einzelregelungen fanden. Während in den südlichen Republiken und in Serbien das etatistische Moment unter teilrepublikanischen Vorzeichen weiter eindeutig dominierte, entwickelte Kroatien und mehr noch Slowenien eine Neubestimmung des Selbstverwaltungs-Sozialismus, die den marktwirtschaftlichen Elementen größeren Spielraum ließ. Post mortem kam die neue Verfassung so den Forderungen der abgelösten kroatischen Führung indirekt in vielerlei Hinsicht entgegen. Das gilt im übrigen auch für die umstrittene Devisenfrage. Sie wurde zugunsten der Einzelbetriebe und Selbstverwaltungsorgane gelöst.

Während aber die regionalen Führungen sich ihres enormen Autonomiezuwachses erfreuten und sie sich als die eigentlichen wirtschaftspolitischen Subjekte etablierten konnten (20), verwandelte sich Gesamtjugoslawien in ein allein chaostheoretisch beschreibbares System. Die »Planung, die nach der Verfassung von 1974 ein kontinuierlicher Prozeß von unten nach oben sein sollte«(21), verkam de facto zu einem allgemeinen, kaum durchschaubaren Kuhhandel. Weil den Republiken in allen »zentrale Überlebensinteressen berührenden Fragen«, also letztlich bei jedem nennenswerten Problem, ein Vetorecht zustand, war jede regionale Führung in der Lage, die zentralen Entscheidungsprozesse zu blockieren. Selbst in Aufgabenbereichen wie Währungs-, Devisen-, Außenhandels- und Preiskontrollangelegenheiten bedurfte Belgrad der Zustimmung der Republiken bzw. Provinzen. Die Regionalfürsten nutzten das konsequent und erpreßten bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Berücksichtigung ihrer lokalen Sonderinteressen.

Gehen wir von der Verfassung aus, so war es um die Handlungskompetenzen der jugoslawischen Zentralorgane schon Mitte der 70er Jahre etwa genauso schlecht bestellt wie um diejenigen der entsprechenden Institutionen der EG: »Diese Verfassung machte Jugoslawien praktisch zum völlig unregierbaren Land«(22). Zwei Klammern hielten das Projekt eines einheitlichen Jugoslawien dennoch zusammen: die Symbolfigur Tito und die einheitliche, auf seine Person ausgerichtete Partei. Tito zwang die aufgrund der regionalen Interessengegensätze permanent auseinanderstrebenden Teile des BdKJ auf einen gemeinsamen Nenner, und die auf ihren Führer ausgerichtete Partei wiederum hielt ihre lokalen Machthaber unabhängig von der verfassungsmäßigen Kompetenzverteilung mit den Mitteln des Einparteienstaates auf Linie. Die antiliberalen Züge, die das Titoregime nach dem kroatischen Frühling verstärkt wieder annahm, erscheinen vor diesem Hintergrund in einem neuen Licht. Sie verhinderten keineswegs, wie die Apologeten des neuen Liberalismus suggerieren, einen weiteren Modernisierungsschub und das Entstehen eines weltmarktfähigen Gesamtstaates. Eine solche Perspektive hatte sich schon vor dem Rückschlag des »konservativen Apparates« als eine Fata Morgana erwiesen. Das zähe Festhalten an der Einparteienherrschaft und das repressive Klima innerhalb der Partei waren im Gegenteil conditio sine qua non dafür, daß die alljugoslawische Modernisierungsfassade überhaupt noch einige Jahre aufrechterhalten blieb.(23)

Diese Parallele weist darauf hin, daß das Wechselspiel von Reform und Restauration im Realsozialismus keineswegs allein den Zufällen politischer Konjunkturen und Kräfteverhältnisse geschuldet war, sondern einer weiter reichenden Logik unterlag.

Titos Integrationskraft ist kaum hoch genug zu veranschlagen. Er allein war in der Lage, auf der vollkommen dysfunktionalen jugoslawischen Tastatur zu spielen und mit ihr noch Politik zu machen. Er allein konnte mit Überredung und Drohung die Ambitionen der Regionalfürsten im Zaum halten und zwischen den im Grunde unversöhnlichen Interessengegensätzen vermitteln. Für sich genommen war der Faktor Tito dennoch nicht zureichend, um die Fiktion Jugoslawien am Leben zu halten. Die durch die Verschlechterung der Weltmarktposition angeheizten inneren Widersprüche wären wohl auch bereits unter der Herrschaft des Staatsgründers eklatiert, wäre nicht ein zusätzliches Binde- und Betäubungsmittel hinzugekommen. Es waren die internationalen Kredit- und Kapitalströme, die dem maroden Jugoslawien eine Schonfrist und der Führung des sozialistischen Gemeinwesens simulativen Spielraum verschafften. Als mit der Weltkonjunktur auch die Wachstumraten der jugoslawischen Wirtschaft einbrachen und gegen Null tendierten, und als die Einzelrepubliken vornehmlich auf die Verteidigung ihres jeweils erreichten Einkommensniveaus(24) bedacht waren, füllten zunächst einmal massive Kreditaufnahmen die entstehenden Lücken. Die Einzelbetriebe mußten bei ihren Investitionen nicht auf ihre eigenen mageren Gewinne zurückgreifen. Angesichts der niedrigen, unter der Inflationsrate liegenden Zinsen nahmen sie, ebenso wie die privaten Konsumenten, exzessiv Kredite bei den freigiebigen Staatsbanken auf(25), und Jugoslawien konnte auf diese Weise wieder positive Wachstumsraten verzeichnen. In den Jahren von 1975 bis 1981 errechneten die jugoslawischen Statistiker eine zwischen 3,3% und 9,5% schwankende jährliche Zunahme der industriellen Produktion. Der Weltmarkt indes hatte über die jugoslawische Wirtschaft das Todesurteil bereits verhängt. Mindestens 30-50% der im Land erwirtschafteten »Werte« erklärte er für ungültig, und damit natürlich auch die bei der Erzeugung verausgabte Arbeit. Der Einfluß des internationalen Kredits aber setzte die Vollstreckung einstweilen aus. Die armen Republiken kamen die ganzen 70er Jahre hindurch weiterhin zu ihren »politischen Fabriken«. Die Regierungen in Mazedonien, Montenegro und Serbien setzten unbekümmert einen Industrialisierungsprozeß fort, der keinem Rentabilitätskriterium genügte. Aber auch die kroatischen und slowenischen Kombinate zogen aus dem Status quo einstweilen ihren Vorteil. Auf den internationalen Märkten konnten sie zwar kaum mithalten, dafür standen ihnen in Jugoslawien sichere Absatzmärkte offen und ihre oft monopolistische Stellung verschaffte ihnen recht befriedigende Verdienstmöglichkeiten. Während die gesamtjugoslawische Arbeitslosenquote bereits 1980 mit 11,9% veranschlagt wurde und in Mazedonien und im Kosovo selbst die offiziellen Zahlen deutlich über 20% lagen, war Arbeitslosigkeit im Zuständigkeitsbereich der Herren von Ljubljana ein unbekanntes Phänomen.

Diese Art von Pseudostabilisierung hatte aber ihre auf Dauer verhängnisvolle Schattenseite. Soweit diese Mittel nicht aus der Druckerpresse stammten und die Geldmengenaufblähung(26) unmittelbar die Inflation anheizte(27), hatten die Banken sie selber erliehen. Das ganze Land lebte (im Rahmen und nach den Gesetzen des Ware-Geld-Systems) über seine sich im Grunde beständig verschlechternden Verhältnisse, und es war unvermeidlich, daß irgendwann auch die Rechnung dafür präsentiert würde.

Jugoslawien beschritt dabei den gleichen Weg, den zeitgleich auch andere Schwellenländer der Dritten Welt einschlugen. Während die inneren Widersprüche des Landes ein halbes Dezennium unter gepumptem Geld provisorisch z ugeschüttet blieben, wurden in rasantem Tempo Auslandsschulden akkumuliert. 1970 lag die Nettoverschuldung des Landes noch bei tragbaren 1,8 Mrd. Dollar(28), fünf Jahre später bei 5,8 Mrd. Dollar; 1978 überstieg sie bereits die 10 Mrd.-Grenze, und 1980, im Todesjahr Titos, hatten sich bereits 16,9 Mrd. Dollar aufgehäuft(29). 1981 verschlang der Schuldendienst schon 25% der Devisenzuflüsse in konvertiblen Valuten, mit steigender Tendenz.

6.

Als Tito am 4. Mai 1980 starb, mußte Jugoslawien nicht nur Abschied von seiner kaum ersetzbaren Symbol- und Integrationsfigur nehmen. Zur gleichen Zeit wurde auch die bis dahin wohlweislich als Staatsgeheimnis behandelte horrende Außenverschuldung bekannt und damit die gesamte wirtschaftliche Misere des Landes offenkundig. Jugoslawien fand sich Anfang der 80er Jahre quasi über Nacht wie Brasilien, Mexiko oder Argentinien in der vielzitierten »Schuldenfalle« wieder.

Mit einiger Verzögerung realisierten Titos Nachfolger den Ernst der Lage. Im April 1982 bezeichnete das in Schönfärberei geübte ZK des BdKJ erstmals die wirtschaftlichen Probleme des Landes als dramatisch und forderte die jugoslawische Bevölkerung unmißverständlich auf, den Gürtel nun enger zu schnallen. Gleichzeitig wurde die Dysfunktionalität der jugoslawischen Wirtschaftsverfassung zum Thema. In der offiziellen jugoslawischen Presse fanden sich nun natürlich im üblichen Politkaster-Jargon gehaltene Klagen darüber, »daß egoistische Partikularinteressen bereits die Aktionseinheit des BdKJ gefährden«, »Abweichungen von der Parteilinie«, so konnte das über die neue Offenheit verdutzte Publikum lesen, »seien an der Tagesordnung, weil einzelne Gruppen, die die Interessen der Republiken und Autonomen Provinzen vertreten, ohne Rücksicht auf gemeinsame Zielsetzung nur das eigene Wohl im Auge haben. Die Gegensätze zwischen den einzelnen Parteiführungen hätten sich inzwischen so verschärft, daß es kaum noch möglich sei, gemeinsame Interessen zu definieren«(30).

Die Parteizeitung Borba führte ganz ähnliche Klagen: »Die Republiken und Autonomen Provinzen fordern ohne Rücksicht auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung Jugoslawiens und dessen außenwirtschaftliche Probleme stets die gleiche Summe an Devisen. Sie verlangen außerdem für den Export von Waren in andere Republiken, in denen Devisen in Form von Vorleistungen für Rohstoffe, Reproduktionsmaterialien oder Lizenzen stecken, Kompensation«(31).

»Es kommt sehr häufig vor, daß Waren aus einer Republik exportiert werden, damit diese Republik ihre Devisenposition realisiert, und daß eben diese Waren zu einem höheren Preis für die Bedürfnisse einer anderen Republik importiert werden«(32).

Die einsetzende Reformdiskussion kam über die Beschreibung von Symptomen zunächst nicht hinaus. Die zahlreichen Verteidiger Jugoslawiens in der Führung des BdKJ waren sich zwar durchaus darüber im klaren, wie verheerend sich die Blockade der Zentralgewalt auf die Gesamtentwicklung des Landes auswirkte; ein Konzept zur Beendigung des schleichenden innerjugoslawischen Wirtschaftskrieges hatte jedoch niemand anzubieten. Die vielfach eingeklagte Abkehr vom »Republik-Egoismus« blieb bloßer Wunsch.

Die fehlende Durchschlagskraft ist nicht einfach den ungünstigen »Kräfteverhältnissen« geschuldet, dem Umstand also, daß bloße Appelle am zähen Beharren der Provinzmogule abprallten. Der Grund liegt tiefer. Die »Reformer« mußten hilflos bleiben, weil eine gemeinsame, für Gesamtjugoslawien gültige Entwicklungsperspektive in den 80er Jahren überhaupt schlicht und einfach nur mehr als Phantom existieren konnte. Wenn schon in den 70er Jahren das Modernisierungsprojekt Jugoslawien auf unüberwindliche Grenzen gestoßen und bereits damals daran die innere Kohärenz des Landes zerbrochen war, wie sollte sich da unter radikal verschärften Bedingungen eine grundlegende Wende erreichen lassen? Wenn eines der Oberhäupter der »Praxis«-Gruppe (Svetovar Stojanovic) damals klagte, »das Hauptmerkmal der Situation Jugoslawiens ist, daß wir erstklassige Probleme, aber eine drittklassige Führung haben«, so geht dieses Lamento am Grundproblem schlicht vorbei. Die Harm- und Konzeptlosigkeit der jugoslawischen Elite entsprach vollkommen der Aussichtslosigkeit jedes marktwirtschaftlich inspirierten, auf staatliche Formierung ausgerichteten »Reform«-Unterfangens. Die ganze verfahrene innere Lage Jugoslawiens resultierte nicht einfach aus einer Kette politischer Fehlentscheidungen. Sie hing vielmehr mit den grundlegenden Schwierigkeiten bei der nachholenden Modernisierung dieses Landes zusammen, mit der Unmöglichkeit, sie erfolgreich unter den herrschenden Weltmarktbedingungen im Gesamtstaat zu Ende zu bringen. Das heißt aber umgekehrt auch, daß sich mit gutem politischen Willen allein die zentrifugale Zwangslogik nicht aushebeln und aus der Welt schaffen ließ. Im Gegenteil, mit dem massiven Kriseneinbruch mußte die erkaufte Gnadenfrist enden und die auseinanderstrebenden Tendenzen eine unwiderstehliche Gewalt gewinnen.

Die Konfrontation zwischen den Vertretern einer konsequent partikular-nationalistischen Linie und den Befürwortern eines einheitlichen Jugoslawien gewann relativ spät scharfe Konturen. Das gemeinsame Erbe band auch über Titos Tod hinaus zunächst die politische Klasse des Landes, und keiner wagte es, offen mit dem bewährten Konsens zu brechen. Das gilt in erster Linie für die offizielle jugoslawische Regierung. Während die Inflation sich zusehends beschleunigte und die Arbeitslosigkeit schon im Gefolge sehr zögerlich durchgeführter Austerity-Maßnahmen monatlich neue Rekordmarken passierte, träumte sie davon, die Krise durch die Anreicherung des »Selbstverwaltungs-Sozialismus« mit mehr marktwirtschaftlichen Elementen zu bewältigen, ohne die Kompetenzen der Teilrepubliken substantiell in Frage zu stellen. Unter dem aus Bosnien stammenden Ministerpräsidenten Branko Mikulic, der im Mai 1986 sein Amt übernommen hatte, regierte bloßes Wunschdenken das Land. Mikulic und seine Mannschaft propagierten eine »verabredete Wirtschaft«: »In diesem bisher unbekannten Modell sollten die eigentlichen Kontrahenten im Wirtschaftsleben wie Unternehmen und Beschäftigte, Banken und Bankkunden, Verkäufer und Käufer mit Blick auf das Wohlergehen Jugoslawiens ihre Forderungen aufeinander abstimmen«(33). Der etwas merkwürdig anmutende Appell, die Wirtschaftssubjekte möchten doch jedes für sich als Konkurrenzsubjekte reüssieren, untereinander sich aber nicht als solche, sondern als Staatsbürger verhalten, zeitigte verständlicherweise keinen Erfolg. Sämtliche wirtschaftlichen Eckdaten von der Inflation bis zur Arbeitslosigkeit verschlechterten sich während der Präsidentschaft Mikulics nachhaltig. Als er am 13.12.1988 zurücktrat, hatte die Teuerungsrate die 250%-Marke überschritten. Die offene und verdeckte Arbeitslosigkeit addierten sich auf mehr als 60% der aktiven Bevölkerung. Gleichzeitig nahm der innerjugoslawische Konkurrenzkampf vor dem Hintergrund der Krise, dem amtlichen Eiapopeia zum Trotz, immer härtere Formen an.

Schon auf der Ebene der selbstverwalteten Betriebe erwies sich die »abgesprochene Wirtschaft« als völliger Flop. Die Kombinate hüteten sich, der angemahnten gesellschaftlichen Verpflichtung nachzukommen. Die ihnen im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit aufoktroyierten Pflichteinstellungen von Ausbildungsabsolventen etwa unterliefen sie konsequent und operierten trotz allen guten Zuredens mehr denn je als closedshop-Vereinigungen. Ihr Interesse lag einzig und allein in der Besitzstandswahrung. Zusätzliche Stellen hätten aber den auf jeden Beschäftigten entfallenden Einkommensfonds verkleinert und wurden daher, solange sie keine unmittelbare Erhöhung der Gewinne und damit wiederum eine Vergrößerung des Konsumfonds versprachen, nicht eingerichtet. Da im gesellschaftlichen Sektor Mitte der 80er Jahre nach vorsichtigen Schätzungen ein Beschäftigungsüberhang von 20-30% herrschte, die selbstverwalteten Arbeitskollektive jedoch Entlassungen unter allen Umständen zu vermeiden suchten, hatten natürlich die Berufsanfänger die Hauptlast der Arbeitslosigkeit zu tragen. Ende 1985 klagte Vladimir Karakasevic in der Zeitschrift Ekonomika:

»In der Welt sind überwiegend Industriearbeiter arbeitslos, die ihre Arbeitsplätze verloren haben, während bei uns überwiegend die Angehörigen der jüngeren Generation arbeitslos sind, die nach dem Abschluß ihrer Ausbildung keine Arbeit finden können«(34).

Die amtlichen Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. 1983 gehörten 69,7% aller Arbeitslosen in die Kategorie der Berufsanfänger. 1985, als Mikulic eifrig mit dem Motto hausieren ging. »das Schicksal der Arbeitslosen liegt in den Händen der Beschäftigten«, war die Arbeitslosigkeit nicht nur absolut beträchtlich gestiegen, gerade auch der Anteil jugendlicher Arbeitsloser kletterte weiter und passierte damals die 75%-Marke(35). Dieses Schicksal traf insbesondere die akademische und hochqualifizierte Jugend(36). Die jugoslawische Wirtschaft setzte ihre Zukunft außer Kurs.

Ebensowenig wie die Selbstverwaltungs-Betriebe das Problem der Arbeitslosigkeit lösen konnten, waren sie in der Lage, die Sanierung ihrer Betriebe aus eigener Kraft in Angriff zu nehmen. Ultima ratio blieben die Geld-Einkommenssicherung der Beschäftigten und die Vermeidung von Entlassungen. Diese beiden Ziele wurden auch dort noch konsequent weiterverfolgt, wo sie nur auf Kosten der betrieblichen Substanz zu erreichen waren. Die Kombinate ließen lieber Verbindlichkeiten gegenüber ihren Lieferanten auflaufen, als daß sie ihre ohnedies durch die galoppierende Inflation dahinschmelzenden Konsumfonds eingeschränkt hätten. Die angesichts der realen Negativzinsen(37) exzessive Kreditaufnahme floß nicht in den investiven Bereich, sie diente vornehmlich dazu, den nach betriebswirtschaftlichen Kriterien unrentablen laufenden Betrieb aufrechtzuerhalten. Die Folgen liegen eigentlich auf der Hand. Als Mikulic stürzte, bestanden 80% des Bruttosozialprodukts Jugoslawiens aus den Defiziten des vergesellschafteten Sektors. Die unbeglichenen Schulden der Unternehmen und Banken untereinander beliefen sich offiziell auf rund 1 Mrd. DM. Hinzu kamen noch sogenannte »graue Gelder« in mindestens siebenfacher Höhe, Wechsel, die nur zu einem Bruchteil durch reale Werte gedeckt waren(38). Insgesamt summierte sich die innere Verschuldung nach damaligen Schätzungen auf 20 Mrd. Dollar.

Der verfahrenen Lage auf der einzelbetrieblichen Ebene entsprachen die Beziehungen der Teilrepubliken zueinander. Der verdeckte Kampf der Apparate war in der Zeit der »abgesprochenen Wirtschaft« zum unerklärten, aber dennoch offenen allgemeinen innerjugoslawischen Wirtschaftskrieg eskaliert. In Serbien verschwanden, soweit irgend substituierbar, die slowenischen Waren aus den Regalen und umgekehrt, während sich auf den Auslandsmärkten die Serben und Kroaten mit Dumpingpreisen gegenseitig auszustechen suchten. Auch im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit ging jede Republik ohne jede Abstimmung ihren jeweils eigenen Weg. In Bosnien-Herzegowina, das mit 23,3% nach dem Kosovo die niedrigste Beschäftigtenquote des Landes aufzuweisen hatte, sollten nationale Zwangsanleihen und »Beschäftigungsbeiträge« das Problem lindern. Vom Dezember 84 bis zum Februar 86 wurden immerhin rund 160 Mrd. Dinar zur Schaffung außerordentlicher Arbeitsplätze aus den Einkommensfonds der Kombinate herausgepreßt. Im Kosovo und in Montenegro fehlte zwar nicht der Bedarf dafür, aber jeder finanzielle Spielraum für derlei Maßnahmen. Slowenien wiederum zog es vor, seinen noch kaum erschütterten Arbeitsmarkt durch die Rückführung der nicht sonderlich zahlreichen innerjugoslawischen »Gastarbeiter« in ihre Herkunftsrepubliken ins Gleichgewicht zu bringen(39).

7.

Auf die galoppierende Schwindsucht, die Jugoslawiens Wirtschaft ergriffen hatte und die seine staatliche Restsubstanz zersetzte, hatte die paralysierte jugoslawische Führung mehr als sieben Jahre lang mit halbseidenen Pseudoreformen reagiert. Aber die Zeit des Weiterwurstelns ging schließlich doch zu Ende. Eine kurze Phase panischer »Reformunternehmen« löste sie ab. Als das jugoslawische Parlament im Dezember 1988 ein vom IWF erzwungenes Sparprogramm ablehnte und der Wegfall der internationalen Beistandskredite und Umschuldungsprogramme drohte, war es soweit. Der blaße Branko Mikulic trat nach dieser Niederlage nach fast dreijähriger Amtszeit von seinem Posten als Ministerpräsident zurück. Sein Nachfolger, der entschiedene »Reformer« Ante Markovic, brachte mit seinem Versuch, Jugoslawien in eine Marktwirtschaft nach westlichem Vorbild zu verwandeln, den angestauten Sprengstoff zur Explosion. Sein absehbares Scheitern ebnete jenen Kräften den Weg zur Macht, die schließlich das längst über das jugoslawische Modernisierungsregime verhängte Todesurteil auch exekutierten.

Als Markovic im März 1989 die Regierungsgeschäfte übernahm, lag seine Marschroute fest. Der von ihm propagierte »Sozialismus neuen Typs« bedeutete ganz im Sinne des IWF, auf dessen Unterstützung das neue Kabinett zunächst denn auch zählen konnte, nichts anderes als ein rigides marktwirtschaftliches Schockprogramm. Die Markovic-Administration nahm sofort zwei zentrale Maßnahmen in Angriff. Zum einen leitete sie im Vertrauen auf die segensreiche und ausgleichende Wirkung der invisible hand die Freigabe aller Preise ein. Zum anderen hob sie die geltenden Nutzungsbeschränkungen für Devisenkonten auf. Die Anpassung der Zinssätze an das EG-Niveau ergänzten den Abschied von der Devisenbewirtschaftung. Zehn Milliarden Dollar(40), die jugoslawische Bürger in ihren Sparstrümpfen horteten, sollten damit endlich dem Wirtschaftskreislauf zugeführt werden. Diese Wendung war in ein breiter angelegtes und vom IWF abgesegnetes Konzept zur Sanierung des Bankwesens eingebunden. Während die Weltbank sich schließlich bereiterklärte, die notwendigen Mittel von 1 Mrd. Dollar zur Installierung funktionsfähiger Banken zur Verfügung zu stellen, erkämpfte Markovic die Einführung realer Sollzinsen, um überhaupt eine ökonomische Grundlage für das Bankwesen zu schaffen. Die staatlichen Geldinstitute sollten nicht länger mit De-facto-Zuschüssen die unrentablen Betriebe über Wasser halten. Zahlungsunfähige Firmen wollte Markovic tatsächlich künftig dem Bankrott anheimfallen lassen.

Vom Standpunkt marktwirtschaftlicher Grundsätze mutet eine solche Vorgehensweise durchaus vernünftig und notwendig an. Ihre Wirkung auf die jugoslawische Wirtschaft war allerdings kein bißchen heilsam, sondern schlicht und einfach selbstmörderisch. Die Einführung realer Zinsen als einer Art wirtschaftlichem Realitätsprinzip führte zur völligen Demontage der jugoslawischen Ökonomie. Da nicht nur die unterproduktiven Betriebe, sondern dank allgemeiner wechselseitiger Verschuldung ganze Sektoren im vergesellschafteten Sektor zahlungsunfähig waren, versprach eine nunmehr restriktive Frischgeldzufuhr keineswegs, zwischen lebensfähigen und vom betriebswirtschaftlichen Standpunkt lange überfälligen Firmen zu selektieren. Ein solche Umstellung war vielmehr nur noch geeignet, tabula rasa zu machen und die Deindustrialisierung des Landes zu besiegeln. Wenn der stellvertretende Ministerpräsident Zivko Pregl nonchalant und offenherzig verkündete, daß »Verlustbetriebe mit rund zwei Millionen Beschäftigten« eben »ihre Pforten endgültig zu schließen«(41) hätten, dann bedurfte es schon eines gerüttelten Maßes an Euphemismus, um darin kein Desaster, sondern eine notwendige »Reinigungskrise« zu sehen. Zumindest für Serbien und die südlichen Teilrepubliken, die Gebiete also, in denen die gegenseitigen Zahlungsausstände unübersehbare Ausmaße angenommen hatten(42) und sich die maroden Fabriken häuften, mußten diese Schritte augenblicklich auf eine mehr oder minder flächendeckende Stillegung des Wirtschaftslebens hinauslaufen.

Der Kompromiß zwischen etatistischer Modernisierung und Selbstverwaltungs-Sozialismus, auf dem Jugoslawien und seine Industrialisierung gegründet waren, war in die Sackgasse geraten. Alle Reformen auf der Grundlage des Waren-Sozialismus hatten daran nichts ändern können, sondern die Aussichtslosigkeit des »jugoslawischen Sonderweges« nur immer deutlicher markiert. Gegen die vom Weltmarkt induzierten Bedingungen kamen das Titoregime und seine Erben nicht an.

Der Hang zum wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Suizid zeigte sich auf allen Ebenen von Markovics Wirtschaftsprogramm(43). Das beginnt bei den Vorstellungen der »Reformer« zur Lohnentwicklung. Die neue Administration propagierte die Bindung der Löhne an das Produktivitätsniveau. In der marktwirtschaftlichen Dogmatik hat diese Kopplung nicht nur ihre Berechtigung, sie scheint unumgänglich, um überhaupt zu einer »realistischen« Wirtschaftspolitik zu gelangen. An der jugoslawischen Wirklichkeit ging diese Form von Realismus aber gänzlich vorbei. 1988 lebten nach offiziellen Statistiken bereits drei Viertel der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Innerhalb von 10 Jahren war der monatliche Durchschnittslohn um mehr als 30% auf dürftige 212 Dollar(44) gesunken. Von einem Gleichgewichtszustand war man dennoch mehr denn je entfernt. Wie weit, das brachte der jugoslawische Wirtschaftsexperte Branmir Lokin ganz gut auf den Punkt. In einem »Spiegelgespräch« im Herbst 1989 stellte er lakonisch fest: »Wenn wir aber unsere Löhne an der Effektivität der Wirtschaft orientieren würden, hätten wir Schlichtweg keine Löhne mehr«(45).

Um den sprichwörtlichen Gürtel überhaupt noch enger schnallen zu können, hätte der ebenso sprichwörtliche »kleine Mann« ihn sich schon freiwillig statt um die dürren Lenden um den Hals winden und stramm zuziehen müssen. Die Anpassung der Löhne an die Produktivität, also ihre faktische Abschaffung unter Beibehaltung der Lohnarbeit, blieb Theorie. Die Selbstverwaltungseinheiten unterliefen die Umsetzung dieser Maßnahme. Dafür gelang es Markovic, einen anderen, ebenso zentralen Punkt seines liberalistischen Wirtschaftsprogramms durchzusetzen, die Freigabe der Preise. Markovic und der IWF betrachteten die Deregulierung des Preisgefüges als Voraussetzung für die Normalisierung der wirtschaftlichen Beziehungen; unter den jugoslawischen Bedingungen zeitigte dieser Schritt allerdings verheerende Folgen. Da der jugoslawische Markt in fast allen zentralen Sektoren von Monopolanbietern beherrscht wurde, konnten diese nach der Aufhebung der Preisbindung die Binnenpreise fast nach Belieben hochschrauben.

Die neuerliche marktwirtschaftliche Reform hatte unter diesen Umständen vor allem eine Wirkung: sie sorgte dafür, daß die galoppierende Inflation sich zu überschlagen begann und der Dinar schließlich seine Funktion als Zahlungsmittel einbüßte. Als Mikulic abtrat, hatte die Inflationsrate immerhin schon bei phantastischen 250% gelegen. Im März 1989, als Markovic mit der Verwirklichung seiner grandiosen Reformpolitik begann, schnellte sie sofort auf 467%(46) hoch. Im Mai überschritt die Teuerungsrate bereits die 600%-Marke. Im Juni berichtet die »Süddeutsche Zeitung«, daß es mittlerweile unmöglich geworden sei, Ferngespräche von jugoslawischen Münztelefonen aus zu führen, weil kein Mensch das notwendige Hartgeld schnell genug nachwerfen könne(47). Bereits zu dieser Zeit verkam der Dinar zu einer Art Spielgeld, während als reales Zahlungsmittel in erster Linie die Deutsche Mark zirkulierte.

8.

Ein halbes Jahr nachdem die neue Reformerriege das Zepter übernommen hatte, hatte sich der Widerstand gegen sie schon auf breiter Front formiert. Die Markovic-Administration mußte nicht nur einzelne Rückschläge hinnehmen. Insbesondere die südlichen Teilrepubliken verweigerten dem kroatischen Ministerpräsidenten die Gefolgschaft. Die Regierung Serbiens, der mächtigsten Teilrepublik, profilierte sich dabei als Haupt einer breitangelegten Fronde. Im Mai 1989 spitzte sich die seit dem Amtsantritt von Markovic bereits schwelende Konfrontation ein erstes Mal zu. Die serbische Führung startete für ihr Territorium zu diesem Zeitpunkt eine aufsehenerregende, mit den Austerity-Plänen Markovics unvereinbare Staatsanleihe zur Ankurbelung der Wirtschaft. Dieser Anlauf endete zwar mit einem Flop, weil sich kaum serbische Bürger bereitfanden, diese Anleihen zu zeichnen, der Linienkampf zwischen dem etatistisch orientierten Serbien und den »Reformern« in der Zentralregierung war damit aber noch lange nicht beendet. Die Auseinandersetzung konzentrierte sich zunächst auf das Problem der Inflationsbekämpfung. Das von der serbischen Republik geführte »konservative« Lager verlangte vehement die Rücknahme der Preisliberalisierung. Angesichts der prekären Lage an der Inflationsfront fand diese Forderung breite Resonanz. Am 14.9.89 organisierten die »Konservativen« in Belgrad eine Großdemonstration gegen die Politik der Markovic-Regierung und für einen allgemeinen Lohn- und Preisstop. Anfang Dezember, als die jugoslawische Jahresinflationsrate 2700% erreichte, kündigten zahlreiche Betriebe in Serbien, Mazedonien, Montenegro und Bosnien-Herzegowina einen Generalstreik an, falls Markovic auch weiterhin von seiner liberalistischen Linie bei der Inflationsbekämpfung nicht abweichen sollte. Mitte Dezember 1989 eröffnete die serbische Regierung eine neue Front. Sie kündigte für ihre Einflußsphäre die Aufgabe realer Zinsen an, um damit die flächendeckende Stillegung der serbischen Industrie zu verhindern.

Die Konfrontation zwischen der serbischen Führung und dem kroatischen Ministerpräsidenten ist wie schon angedeutet nicht allein als politischer Richtungsstreit zu verstehen. In der Auseinandersetzung zwischen »Liberalen« und »Etatisten« ging es immer auch um einen regionalen Verteilungskampf. Die von Markovic in Angriff genommene Umsetzung eines liberalen Wirtschaftsprogramms besiegelte nicht nur deshalb den Untergang Jugoslawiens, weil es mit tiefen und unerträglichen Schnitten ins ökonomische und soziale Gefüge verbunden war. Die Rücknahme der interventionistischen Momente verschlechterte überdies noch einmal dramatisch die Position der ärmeren südlichen Republiken im innenjugoslawischen Verteilungskampf. Die Monopolbetriebe, die von der Preisfreigabe profitierten, lagen fast durchweg im Nordwesten des Landes; die Betriebe dagegen, die der Zahlungsunfähigkeit anheimfielen, waren vorzugsweise in Serbien, in Bosnien-Herzegowina und in Montenegro beheimatet. Wenn sie sich den Markovic-Plänen gefügt hätten, dann wären die Führungen sämtlicher Teilrepubliken, von Slowenien und Kroatien natürlich abgesehen, der De-facto-Abkopplung ihrer Regionen zu Diensten gewesen. Selbst als Markovic im Dezember 1989 unter dem Eindruck des Massenprotestes zumindest teilweise von seiner konsequenten Marktwirtschaftslinie abwich und wenigstens die Preisbindung für kommunale Dienstleistungen und Medikamente sowie für Strom, Kohle und metallurgische Erzeugnisse wiederherstellte, blieb es bei der einseitigen Lastenverteilung. Gerade Serbien als der größte Rohstoff- und Lebensmittellieferant Jugoslawiens mußte auf der Einnahmenseite Einbußen verzeichnen, während auf der Einfuhrseite die Preise weiter explodierten.

Vor diesem Hintergrund kann es nicht sonderlich überraschen, daß es Markovic nicht gelang, die zur Umsetzung seiner »Reformpläne« unumgängliche Stärkung der Zentralgewalt durchzusetzen. So sehr sich Markovic mit Unterstützung des IWF auch darum bemühte, die Geld- und Wirtschaftspolitik im marktradikalen Sinne zu rezentralisieren, der zur Revision der Verfassung von 1974 notwendige Konsens war zu keinem Zeitpunkt in Sicht. Die serbische Oberen und ihre südlichen Verbündeten hüteten sich wohlweislich davor, irgendwelche Kompetenzen an die in der Hand der Reformer befindliche gesamtjugoslawische Regierung abzutreten.

Markovic steht für eine Politik, die darauf hinauslief, das prekäre innerjugoslawische Gleichgewicht der Schwerkraft der Marktlogik folgend radikal zuungunsten der südlichen Republiken umzuwälzen. Hätte er sich mit seiner Linie durchgesetzt, so hätten die slowenischen und kroatischen Betriebe ihre innenjugoslawische Absatzmärkte behalten, während sie mit dem Verschwinden etatistischer Umverteilungsmechanismen gleichzeitig weitgehend von den Lasten innenjugoslawischer Redistribution befreit gewesen wären. Die weitere Verarmung des Südens mußte zwar dessen Konsumtionsfähigkeit beeinträchtigen, den nördlichen Republiken versprach das Weiterbestehen des jugoslawischen Binnenmarkts aber trotzdem noch immer bessere Aussichten, als sie sich ihnen ohne diesen Hintergrund geboten hätten. Eine gesamtjugoslawische Entwicklungsperspektive hatte Markovic also weniger denn je zu bieten. Der Ausbau und die Fortexistenz des jugoslawischen Staatsrahmens waren unter seinem Reformprogramm lediglich dazu angetan, einen Beitrag zur einstweiligen Wahrung des slowenisch-kroatischen Besitzstandes zu leisten.

9.

Vom serbischen Standpunkt aus hatte diese Variante der Fortschreibung Jugoslawiens natürlich kaum etwas Verlockendes. Im selben Maße, wie sich die gesamtjugoslawische Entwicklungsperspektive in Nichts auflöste und auch deren kreditfinanzierte Simulation im Desaster endete, entstand in diesem Landesteil daher parallell zu den vornehmlich in Slowenien und Kroatien verankerten liberalistischen Reformideen ein anderer, alternativer Bezug auf die Modernisierungsruine Jugoslawien. Neben der liberalistisch-marktwirtschaftlich orientierten Totengräberriege formierte sich also eine zweite konkurrierende Kraft, der großserbische Nationalismus. Indem er die jugoslawistische Idee zu einer rigorosen »Serbien zuerst«-Ideologie uminterpretierte, schaufelte er auf seine Weise mit am Grab Jugoslawiens.

Das großserbische Ressentiment richtete sich zunächst vornehmlich gegen die Kosovo-Albaner. Der Haß auf diese Volksgruppe, den zunächst die Intellektuelle des Landes geschürt hatten, wurde seit dem Amtsantritt von Milosevic 1987 zum zentralen Inhalt serbischer Politik.

Die Zugkraft und Dynamik dieser innerjugoslawischen großserbischen Eroberungspolitik läßt sich nicht allein aus ideologischen Gründen erklären. Die großserbische, aggressiv nach außen gewendete Paranoia hatte nicht nur eine Ablenkungs- und Pseudoerklärungsfunktion angesichts der sich beständig verschlimmernden inneren Misere. Sie ist auch als eine Fortsetzung des Verteilungskampfes mit anderen Mitteln innerhalb der gesamtjugoslawischen Modernisierungsruine zu verstehen. Das Einschwören der jugoslawischen Staatsmaschinerie auf einen antialbanischen, großserbischen Kurs versprach zum einen den serbischen Herren den Zugriff auf den größten Teil des innerjugoslawischen Entwicklungsfonds und ermöglichte die Umleitung von Ressourcen aus den Siedlungsgebieten der ungeliebten Albaner ins serbische Kernland. Zum anderen taten sich mit der Reinigung des Staatsapparates von Albanern neue Beschäftigungsmöglichkeiten für die dünne serbisch-montenegrinische Bevölkerungsgruppe auf. Bis zum März 1989 wurden nicht nur fast alle albanischen Polizisten als »unzuverlässige albanische Nationalisten« vom Dienst suspendiert und durch serbische Beamte ersetzt(48), das gleiche Schicksal ereilte auch die Regionalverwaltungen, die Partei(49) und nicht zuletzt die Lehrerschaft. Diese Umbesetzungen waren nicht nur Mittel nationaler Unterwerfung, sie entwickelten sich gleichzeitig auch zu einem der praktischen Ziele.

Diese Gesichtspunkte weisen über das Kosovo-Exempel hinaus. Der Strömung, an deren Spitze sich der serbische Parteichef setzte, liegen insgesamt zwei Motive wesentlich zugrunde. Zum einen läßt sich die stramm serbisch-nationalistische Politik Milosevics als Versuch deuten, die starke Stellung der Serben in den jugoslawischen staatlichen Apparaten zugunsten einer einseitigen Bevorzugung dieser Teilrepublik innerhalb des krisengeschüttelten Gesamtstaates zu nutzen. Was sich als Verteidigung von Titos Erbe gegen die zersetzende Wirkung des Marktes gerierte, war also von Beginn an rigide partikularistisch orientiert. Es zielte auf nichts anderes ab, als darauf, ohne Rücksicht auf irgendeine Gesamtperspektive mit administrativen Mitteln die Überreste der jugoslawischen Redistributionsmaschinerie zugunsten von Serbien einzusetzen und in diesem Sinne umzumodeln.

Zum anderen scharten sich um Milosevic beträchtliche Teile des von der Krise Jugoslawiens schwer gebeutelten Staatsapparates. Die Wendung zum Serbonationalismus flankierte in diesen von Serben bestimmten und in Serbien eindeutig dominierenden Kreisen das Bemühen, die für den eigenen Erhalt notwendigen Gelder und Ressourcen auch nach dem Zusammenbruch jeder gesamtjugoslawischen Modernisierungsperspektive irgendwie sicherzustellen. Die Neuentdeckung des Großserbentums fällt für diese auch im soziologischen Sinne etatistischen Schichten mit einem Programm zur Plünderung der jugoslawischen Gesellschaft in eins.

10.

Nirgends tritt dieser Zusammenhang so klar, plastisch und brutal hervor wie an der Entwicklung der jugoslawischen Bundesarmee. Die JVA, bzw. das, was von ihr schließlich übrig blieb, verwandelte sich in ihrem Selbsterhaltungskampf nicht nur aus der Garantin der jugoslawischen Integrität in ein Instrument großserbischer Politik. Parallel dazu fand der Restbestand jener Institution, die einmal dazu berufen war, die jugoslawische Gesellschaft vor äußeren Bedrohungen zu schützen, ihre neue Erfüllung in einem inneren Plünderungskrieg.

Diese frappierende und zumindest in der neueren europäischen Geschichte einmalige Wendung faßt wie in einem Brennspiegel das Elend der jüngsten jugoslawischen Entwicklung zusammen. Sie läßt sich nur erklären, wenn wir sie zum Kollaps der gesamtjugoslawischen Modernisierung in Beziehung setzen. Als mit Beginn der 80er Jahre die wirtschaftliche Misere des Landes offen aufbrach, brachte das natürlich auch die Streitkräfte heillos in die Bredouille. Nicht nur die Rüstungsausgaben sanken angesichts leerer Haushaltskassen seit Titos Tod kontinuierlich, auch die Realeinkommen der Armeeangehörigen verringerten sich mit der anziehenden Inflation beträchtlich. 1980 hatten die Jugoslawen nach offiziellen Aussagen noch umgerechnet auf den einzelnen Soldaten 8.800 Dollar verausgabt, 1985 waren es nur noch 6.620 Dollar, bei weiter sinkender Tendenz(50). Selbst mittlere Offiziere konnten von ihrem Sold allein ihre Familien nicht mehr unterhalten. Sie standen vor der Alternative, restlos zu verarmen oder sich nach mehr oder minder legalen Nebeneinkünften umzusehen.

Die wenig ersprießliche Lage und die ausbleibenden finanziellen Zuwendungen zwangen die Armee-Einheiten sogar dazu, zu partieller Selbstversorgung überzugehen. Nur so ließen sich die schlimmsten Engpässe überbrücken, nur so war es möglich, wenigstens eine ausreichende Ernährung der Soldaten sicherzustellen. Zwischen 1981 und 1986 versiebenfachte sich die Menge der im Rahmen der Jugoslawischen Volksarmee produzierten Lebensmittel, und 80% der Einheiten und Einrichtungen widmeten sich nun auch (und teilweise wahrscheinlich sogar vornehmlich) der Landwirtschaft. Generaloberst Georgije Jovicic verkündete im April 1986 freudestrahlend in der Zeitschrift Politika, daß die Armee schon 1985 nicht nur 40% ihres Gemüsebedarfs aus eigenem Anbau gedeckt habe, für den gleichen Zeitraum sollten nach seinen Angaben auch 50% des Fleisches, das in den Kasernen verbraucht wurde, aus militäreigener Züchtung stammen(51). Die Spontankonversion von Militärgelände in Rübenäcker und von Soldatenunterkünften in Schweineställe änderte aber natürlich nichts Grundsätzliches an der sozialen Verarmung der Militärangehörigen, sondern war zunächst einmal nur ihr Ausdruck.

Diese prekäre Situation konnte auf Dauer nicht spurlos am Selbstverständnis der jugoslawischen Bundesarmee vorübergehen und mußte ihrem Verhältnis zum jugoslawischen Staat eine neue Färbung geben. Das wurde spätestens sichtbar, als Markovic seine Ministerpräsidentschaft antrat. Als der neue Regierungschef mit dem stumpfsinnigen Dahintreiben und Weiterwursteln auf seine Weise Schluß zu machen versuchte, führte sein Aktionsprogramm sehr schnell zu einer allgemeinen Polarisierung, und auch die Armee wurde davon erfaßt. Wenn sie es auch einstweilen vermied, allzu offen Partei zu ergreifen, ihre Affinitäten zur »konservativen« Opposition gegen Markovic waren nicht zu verleugnen. Das kann auch nicht weiter überraschen. Für die Armeeangehörigen bot die marktwirtschaftliche Orientierung der neuen Zentraladministration ebensowenig eine Perspektive wie für die übrigen unproduktiven und unterproduktiven Teile des etatistischen Apparates. Aus purem Überlebensinteresse war das Militär auf die Aufrechterhaltung eines starken etatistischen Moments angewiesen. Es war jedoch nun mit einer Regierung konfrontiert, von der keinesfalls zu erwarten war, daß sie der Armee die notwendigen finanziellen Mittel bereitstellen würde. Markovic hatte angesichts der Haushaltsmalaise und mit seinen Austerity-Ambitionen weder den Spielraum, den Bedürfnissen des militärisch-industriellen Komplexes entgegenzukommen und dem seit einem Dezennium fortschreitenden Schrumpfungs- und Verarmungsprozeß gegenzusteuern, noch war er überhaupt willens, der Armee und ihren militärischen Gesichtspunkten jenen Stellenwert einzuräumen, der ihr unter Tito immer zugekommen war. Das Land war der guten alten Partisanenromantik entwachsen, und die überdimensionierte jugoslawische Armee mußte sich Fragen nach ihrer Daseinsberechtigung gefallen lassen. Besonders in den nördlichen Republiken ließ die Bereitschaft, Opfer für die »militärische Sicherheit« zu bringen, stark nach. Die öffentliche Meinung in Slowenien und Kroatien konnte sich mit dem militärisch-industriellen Komplex nur anfreunden, soweit er einen Beitrag zur Devisenerwirtschaftung leistete(52), sie brachte ihm aber wenig Liebe entgegen, wenn es darum ging, die in den »Verteidigungssektor« fließenden faux frais aufzubringen. .

Markovic war selbstverständlich nicht so leichtfertig, offensiv gegen die Ansprüche der Armee Front zu machen. Dennoch nahm er auf die vorherrschende Stimmung nicht nur Rücksicht, er repräsentierte sie für die Militärs auch. Für sie war klar: dieser Mann steht für ein Jugoslawien, in dem die titoistische Militärmaschinerie als ein kostspieliger und überflüssiger Anachronismus zum allmählichen Absterben verurteilt ist.

Bessere Aussichten versprach dagegen die von keinerlei Rücksichtnahme auf die reichen Nordstaaten belastete Politik von Milosevic und seiner Crew. Wenn etwas die fortschreitende Verarmung der Armeeangehörigen beenden und die vom Wehrunwillen befallenen »verwöhnten« Slowenen und Kroaten zur Räson bringen könnte, dann nur eine Erneuerung des Jugoslawismus, die sich dem serbisch-nationalistischen Affekt aufgeschlossen zeigen würde. Dementsprechend begannen immer mehr Militärs, als naturwüchsige Etatisten mit Milosevics großserbischer Reinterpretation des Jugoslawismus zu liebäugeln. Dieser von breiten Armeekreisen früh vollzogenen Wendung kam die Tatsache entgegen, daß in der Armee Serben seit jeher deutlich überrepräsentiert waren. Die JVA sah sich zwar in der Tradition des Befreiungskampfes gegen Nazideutschland und verstand sich dementsprechend seit jeher als ein gesamtjugoslawisches Organ; mit der Verfassungsreform von 1974 und der Stärkung der einzelrepublikanischen Gewalten war sie gewissermaßen sogar zu der jugoslawischen Institution schlechthin aufgestiegen. Die Rekrutierungspraxis deckte sich allerdings nie so recht mit diesem Anspruch. Im vermeintlichen Schmelztiegel überwog von Beginn an zumindest im Offizierskorps, dem Rückgrat der Truppe, das serbische Element(53). Im selben Maße, wie der Ruin des Gesamtstaates auch den Unterhalt der »Sicherheitsapparate« in Frage stellte, gewann diese nationale Zusammensetzung eine neuartige politische Bedeutung.

Der Umschlag bahnte sich schleichend an. Die Armee tat, was sie vierzig Jahre lang getan hatte. Sie feierte sich unverdrossen als »Hüterin der Einheit«. Jedoch gewann die vielbeschworene »Einheit« nach dem Auslaufen jeder Modernisierungsperspektive und angesichts separatistischer Tendenzen in Slowenien und Kroatien eine neue, serbophile Konnotation. Die Atmosphäre innerhalb der Armee veränderte sich im Laufe der zweiten Hälfte der 80er Jahre nachhaltig. Viele Nichtserben verließen in der Folge die Streitkräfte, während das sukzessive serbifizierte jugoslawische Militär von der Bevölkerung insbesondere in den nördlichen Republiken zusehends als eine parasitäre fremde Besatzungsmacht empfunden und auch so behandelt wurde. 1988 berichteten die jugoslawischen Zeitungen von rund 260 Zwischenfällen, bei denen Zivilisten Angehörige der Streitkräfte körperlich angegriffen hatten. Die meisten Übergriffe ereigneten sich in Slowenien, ein Gradmesser für die Massenstimmung gerade in dieser am meisten auf ihre Unabhängigkeit erpichten Republik.

Als das Jahr 1989 sich zu Ende neigte, war der sukzessive Serbifizierungsprozeß schon weit fortgeschritten. Die jugoslawische Idee, zu der sich die JVA nach wie vor bekannte, verschwamm immer mehr mit der großserbischen Umdeutung, für die sich Milosevic stark machte. Die Armee hielt eisern an der unverbrüchlichen Integrität des jugoslawischen Gesamtstaates fest. Gerade dadurch trieb sie aber unter den veränderten Bedingungen schon im großserbischen Fahrwasser und verwandelte sich endgültig aus einer jenseits der schwelenden Nationalitätenkonflikte angesiedelten neutralen Macht in einen Bestandteil der serbischen Kriegspartei. Diese Metamorphose der JVA zur Serbenstreitmacht vollzog sich natürlich über byzantinische Machtkämpfe und personelle Umbrüche innerhalb der Armeeführung. Diese wurden von Teilen des Offizierskorps entschieden betrieben. Das alles ist in diesem Zusammenhang aber nur von sekundärer Bedeutung. Wichtiger als die nur schwer rekonstruierbaren politischen Intrigen mit ihren Irrungen und Wirrungen ist etwas anderes. Wenn sich nach dem Untergang Jugoslawiens die Überreste der JVA als serbische Streitmacht neu formierten, so hat das durchaus seine Logik. Der Grund für die Affinität der Armee zur großserbischen Option ist nicht allein auf der soziologischen Ebene zu suchen. Die zarte Liebe zwischen Militärkorporatismus und Serbentum beruht auf innerer Verwandtschaft. Volksarmee und Großserbentum treffen sich in dem Bemühen, das etatistische Umverteilungsmoment auch im Kollaps der jugoslawischen Wirtschaft geltend zu machen. Das staatstragende, vom Weltmarkt mehrheitlich außer Kurs gesetzte serbische Staatsvolk versuchte, die auseinanderbrechende gesamtjugoslawische Redistributionsmaschinerie zu nutzen. Das überflüssig gewordene jugoslawische Militär konnte nur überleben und seine materielle Basis sichern, wenn es gelang, auch die unwillige Gesellschaft in den reicheren Republiken im gesamtstaalichen Rahmen zu halten. Zur Not waren die führenden Armeekreise sogar zu dem Versuch bereit, die Aufrechterhaltung der Einheit mit Waffengewalt zu erzwingen.

11.

Die großserbische Umdeutung des Jugoslawismus begann als eine konkurrierende Interpretation. Sie gewann im selben Maße an Zuspruch, wie die alte übernationale gesamtjugoslawische Idee ihre Bindekraft verlor. Mit der Präsidentschaft von Markovic trat die Abstiegsgeschichte dieses von Tito geprägten Gedankens in ihre letzte, entscheidende Phase. Markovics marktwirtschaftliches Schockprogramm zerstörte zunächst die gesamtjugoslawische Idee grundsätzlich, weil er, wie weiter oben gezeigt wurde, den Süden auf dem Altar der Marktlogik opfern wollte und insbesondere auch Serbien bereitwillig der Verarmung überließ. Unter diesem Vorzeichen war der Versuch einer Neuformierung Jugoslawiens für die südlichen Republiken inakzeptabel und traf also auf ihren erbitterten Widerstand. Das Ringen mit dieser Opposition, die sich um die serbische Führung scharte, prägte Markovics erstes Amtsjahr. Die zu diesem Zeitpunkt bereits überaus prekäre Position der Zentralregierung verschlechterte sich aber in der Folge noch einmal entscheidend. 1989, solange Markovic und die Seinen vornehmlich für die Preisderegulierung fochten und sich der Inflationsbekämpfung per Dekret sperrten, konnte sich die neue Administration im Kampf gegen die serbische Regierung noch des Wohlwollens der slowenischen und kroatischen Führung sicher sein. Durch seinen fortgesetzten Versuch, mit marktwirtschaftlichen Instrumentarien die horrende Teuerung abzubremsen und Jugoslawien zu stabilisieren, brauchte Markovic aber schließlich auch den politischen Kredit auf, den ihm die nördlichen Teilrepubliken eingeräumt hatten. Damit verlor er im Laufe des Jahres 1990 jeden Boden unter den Füßen. Die Zentralregierung verkam zur Fassade.

Die Enddemontage begann mit einem Durchstartversuch. Am 19.12.1989 gab der Regierungschef dem monatelangen Drängen nach einem »Anti-Inflationsprogramm« auf seine Weise nach. Er versuchte, die schwindsüchtige jugoslawische Wirtschaft durch eine weitere marktwirtschaftliche Roßkur zu stabilisieren, indem er dem Land einen Währungsschnitt verordnete und den Dinar im Verhältnis 7 zu 1 an die Deutsche Mark ankoppelte. Da im vorweihnachtlichen Belgrad und Zagreb die DM gerade 70.000 Dinar kostete, warf die Festschreibung keine größeren technischen Probleme auf. Die in alltäglicher Zahlenakrobatik wohlgeübten jugoslawischen Bürger mußten lediglich in Gedanken auf den umlaufenden Geldscheinen vier Nullen streichen, und fertig war die neue Währung und ihr fester Wechselkurs(54). Ergänzende Maßnahmen, die allesamt bis ins Detail mit dem Internationalen Währungsfonds abgestimmt waren, begleiteten diese währungspolitische Notbremsung. Insbesondere dekretierte die Administration einen halbjährlichen Lohnstop. Dafür tat auch der IWF das Seinige, sicherte einen Stand-by-Kredit in Höhe von 600 Millionen Dollar zu und ermöglichte die überfällig Umschuldung der Auslandsverbindlichkeiten. Jugoslawien blieb einstweilen also pro forma zahlungsfähig und damit bedingt kreditwürdig. Der drohende Staatsbankrott war vorläufig abgewendet.

Das teilweise über Notverordnungen durchgesetzte Wirtschaftsprogramm führte tatsächlich zu einer drastischen Drosselung der Inflation. Nach Angaben des Regierungschefs sank die Jahresinflationsrate 1990 auf 75%, das statistische Bundesamt Jugoslawiens errechnete 121,7%(55) . Im Vergleich zu den 6000%, die Experten für dieses Jahr prognostiziert hatten, kann aber auch das, für sich genommen, noch als beeindruckender Erfolg gelten. Doch waren die »Nebenwirkungen« dieser wirtschaftspolitischen Chemotherapie mindestens genauso verheerend wie die Krankheit selber.

Die Heilmethoden des Marktwirtschaftsdoktors Eisenbart-Markovic erschütterten diesmal, und das ist für die weitere politische Entwicklung entscheidend, auch die slowenische und die kroatische Wirtschaft in ihren Grundfesten. Das ganze Jahr 1989 hindurch hatten sich die Betriebe in den nördlichen Teilrepubliken trotz oder vielmehr gerade wegen der galoppierenden Inflation im Durchschnitt einigermaßen über Wasser halten können. Das Jahr 1990 aber brachte auch ihnen den Übergang in den freien Fall. Die Politik des knappen Geldes und die Beibehaltung des immer unrealistischer werdenden Wechselkurses zur Deutschen Mark ruinierten die vornehmlich im Norden dislozierte Exportwirtschaft. Sie mußte weit unter ihren Gestehungskosten verkaufen, wollte sie überhaupt noch auf fremden Märkten präsent bleiben. Die Handelsbilanz erreichte denn auch bis zum Jahresende ein Minus von 4 Mrd. Dinar. Dieses Defizit war allerdings nicht allein dem rapiden Rückgang der Exporte geschuldet, es resultierte auch aus gezielten Interventionsimporten, mit denen die Regierung die überhöhten inländischen Preise abzusenken versuchte. Dennoch lag das jugoslawische Preisniveau schon zur Jahresmitte um 20% über dem Weltmarktlevel, während die Inlandsproduktion selbst nach den sicher reichlich geschönten Angaben Markovics um satte 11% einbrach(56).

Die abermalige rasante Talfahrt der Industrie brachte diesmal auch den wackelnden Finanzüberbau und das marode Bankensystem zum Einsturz. Nach dem Währungsschnitt hatten die jugoslawischen Bürger zu Beginn des Jahres 1990 noch leichtfertigerweise ihre seit Jahren im Sparstrumpf wohlgehüteten Devisen den Banken anvertraut. Die neuen Zinssätze schienen allzu verlockend. Diese Deviseneinlagen machten nun bei sämtlichen defizitär wirtschaftenden Geldinstituten den mit Abstand größten Teil des »Eigenkapitals« aus. Der Absturz der Wirtschaft und die damit aufkommenden Angst vor der künftigen politischen Entwicklung versetzte die Sparer nicht zu Unrecht sehr bald in Panik. Die Situation spitzte sich ab dem Oktober 1990 zu. Ein Run auf die Devisenkonten setzte ein. Wer die Zeichen der Zeit auch nur ansatzweise erkannte, suchte sein Geld zu retten. In nur fünf Tagen hoben die Inhaber von Devisenkonten von ihren Einlagen mehr ab als sonst in einem Monat. Innerhalb weniger Wochen schmolzen die staatlichen Reserven in ausländischen Währungen von über zehn auf sieben Milliarden Dollar zusammen(57) und drohten sich gänzlich in Nichts aufzulösen. Dem Marktwirtschaftsreformer Markovic blieb in dieser Lage keine Wahl; am 21.12.1990 ließ er sämtliche Devisenkonten sperren und alle Auszahlungen wurden bis auf wenige Ausnahmen augenblicklich verboten.

Markovic verkaufte diesen Schritt natürlich als eine vorübergehende Notmaßnahme. Realiter hat er damit aber die größte Enteignungsaktion in der jugoslawischen Geschichte vollzogen. Der Gegenwert der Einlagen war längst auf Nimmerwiedersehen von dem zum schwarzen Loch verkommenen öffentlichen Sektor geschluckt worden oder war in Form uneintreibbarer Kredite in die bankrotten Betriebe geflossen; an eine Rückzahlung war jedenfalls unter keinen Umständen mehr zu denken. Im November 1991 räumte Markovic selber ein, daß 18 Milliarden Mark an Guthaben von den Devisenkonten verausgabt waren.

Das titoistische Modernisierungsregime hatte seine Karriere damit begonnen, daß es nach dem Zweiten Weltkrieg mit großem ideologischen Brimborium das Eigentum von »Volksschädlingen« und »Kriegsgewinnlern« einziehen ließ. Die marktwirtschaftliche Transformation Jugoslawiens gipfelte, welche Ironie, in einem weit einschneidenderen Enteignungsakt. Das sozialistische Jugoslawien hatte nie ernsthaft versucht, an das privat erwirtschaftete und vor dem staatlichen Zugriff gut verborgene Hartwährungsvermögen von hunderttausenden von ehemaligen Arbeitsemigranten und anderen Kleinbesitzern heranzukommen. Der Reformer und Beschützer des Privateigentums Markovic hingegen vollbrachte gegen seine Intention dieses Kunststück. Nachdem die Inflation und die staatliche Gelddruckmaschinerie schon jedes Dinarvermögen entwertet hatte, eignete sich unter der Ägide Markovics der bankrotte jugoslawische Staat in seinem Überlebenskampf auch noch die privaten Hartwährungsspargroschen an. Was könnte schlagender die Paralyse der Markovic-Administration und ihres marktwirtschaftlichen Reformprogramms dokumentieren?

12.

Das Scheitern von Markovics gesamtjugoslawischem Reformprogramm war natürlich wenig geeignet, die auf ihre Sonderinteressen bedachten Republikführungen zu einer stärkeren Unterordnung unter die Belgrader Regierung zu bewegen. Während der Zentralgewalt trotz hektischer Betriebsamkeit die Lage immer mehr entglitt, gingen die Regierungen nicht nur der südlichen Republiken rücksichtsloser denn je ihre eigenen Wege, auch die Slowenen und Kroaten behandelten Markovic und seinen Staat nun als Auslaufmodell(58). Damit war aber das Schicksal des jugoslawischen Gesamtstaates endgültig besiegelt. Der Regierungschef wurde zwar nicht abgewählt, die Republikregierungen gingen aber dazu über, ihn und die Zentralinstanz insgesamt konsequent zu ignorieren. 1990 richteten sie sich weder in irgendeiner Weise nach den von den Zentralinstanzen beschlossenen Vorgaben noch kamen sie ihren finanziellen Verpflichtungen gegenüber dem gesamtstaatlichen Dach nach. 300 Millionen Dinar hätten die Landesteile täglich an Steuereinnahmen an Belgrad weiterleiten müssen, tatsächlich floß aber nur 1 Million in die Bundeskasse. Auf einer solchen finanziellen Grundlage konnte Gesamtjugoslawien nur mehr eine Existenz pro forma fristen.

Während die Erosion der Zentralgewalt voranschritt und sie als politischer Akteur zusehends ausfiel, verschärften sich die politischen und ökonomischen Konflikte zwischen den Teilrepubliken. Die Republikführungen versuchten immer weniger, auf der Ebene der Zentralinstanzen ihren spezifischen Interessen Geltung zu verschaffen, sie traten vielmehr an der jugoslawischen Führung vorbei in einen unmittelbaren Kampf miteinander. In diesem Ringen standen sich zunächst Serbien und Slowenien als Hauptkontrahenten gegenüber. Der Auslöser für den offenen Wirtschaftskrieg war die Albanerfrage. Nachdem diverse serbische Institutionen schon seit März 1989 auf die ablehnende Haltung der slowenischen Öffentlichkeit und der slowenischen Regierung gegenüber der serbischen Kosovopolitik mit wirtschaftlichen Boykottmaßnahmen reagiert hatten, eklatierte die Situation am Ende des Jahres. Für den 1.12.1989 hatten serbische Nationalisten eine antialbanische Massenveranstaltung in Ljubljana angekündigt. Die slowenische Regierung setzte jedoch Sonderpolizeikräfte ein und verhinderte dieses »Treffen der Wahrheit« in Sloweniens Hauptstadt. Die serbische Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Noch am gleichen Tag »richtete die Vorsitzende der Massenorganisation >sozialistische Allianz<, Radmila Andjelkovic, einen Aufruf an die serbischen Firmen, sofort alle Kontakte mit slowenischen Partnern einzustellen« (59). Anfang Januar waren schon 229 Betriebe diesem Aufruf gefolgt. Der Schaden, der Slowenien daraus erwuchs, hatte sich Mitte Januar auf 205 Millionen US-Dollar summiert(60). Slowenien wiederum drohte daraufhin, alle Zahlungen an den »Fonds für die Finanzierung der unterentwickelten Gebiete« einzustellen. Da Ljubljana immerhin 40% der Mittel dieses Fonds aufbrachte, der vor allem serbischen Gebieten zugute kam, war damit die innerjugoslawische Redistribution insgesamt in Frage gestellt. Das gilt natürlich umso mehr, als die Republiken sich mittlerweile, wie schon erwähnt, abgewöhnt hatten, Steuern und Zölle an die Bundeskasse abzuführen. Der Konflikt eskalierte in der Folge noch weiter. Im November 1990 verpflichtete die serbische Regierung schließlich alle serbischen Unternehmen, auf Waren aus Slowenien und Kroatien 50% des Wertes als »Sonderzoll« aufzuschlagen und an die leere serbische Republikkasse abzuführen. Die Einheit des jugoslawischen Marktes war zu diesem Zeitpunkt aber schon längst endgültig zersprengt.

Der offene Wirtschaftskrieg, den die Zentralregierung weder verhindern noch begrenzen, geschweige denn beenden konnte, schlug natürlich auch auf die politischen Institutionen durch. Bevor der Staat Jugoslawien auch offiziell auseinanderbrach, mußte zunächst jene Partei daran glauben, die sich mehr als vier Jahrzehnte als sein Rückgrat verstanden hatte, nämlich der BdKJ. Der XIV außerordentliche Kongreß des Bundes der Kommunisten, der im Januar 1990 zusammentrat, brachte das Ende der Partei. Die anschließenden Wahlen in den Teilrepubliken führten zu einer endgültigen Entkoppelung der politischen Bezugsfelder. Überall siegten die nationalistischen Kräfte.

Auch wenn die »Bundesarmee« unter dem Einfluß Serbiens die Umsetzung von Sloweniens Unabhängigkeitserklärung im Juni 1991 gewaltsam zu verhindern suchte, mehr als ein dreimonatiges Moratorium war mit dieser blutigen Farce nicht mehr zu erreichen. Als die JVA am 18.7.91 sich aus Slowenien zurückzog, schied damit die nordwestlichste Teilrepublik de facto aus dem jugoslawischen Staatsverband aus.

Im Fahrwasser Sloweniens strebte auch die Nachbarrepublik Kroatien ihre »Souveränität« an. Die Auseinandersetzung zwischen dem von Präsident Franjo Tudjman geführten Kroatien auf der einen Seite und dem auf Serbien und seine engsten Verbündeten reduzierten Restjugoslawien auf der anderen zeichnete sich nach den Ergebnissen der Slowenien-Intervention jedoch durch eine neue Qualität aus. Die Serben waren nicht mehr bemüht, mit allen Mitteln den widerborstigen Landesteil im Jugoslawischen Bundesstaat zu halten. Auch Milosevic hatte sich von der zwangsweisen Aufrechterhaltung des jugoslawischen Staates verabschiedet und machte stattdessen das Selbstbestimmungsrecht der Völker gegen die Integrität Kroatiens geltend. Wenn die kroatische Republik schon entschlossen war, Jugoslawien den Rücken zu kehren, dann müßten die mehrheitlich von Serben besiedelten Regionen wiederum das Recht haben, der kroatischen Republik Lebewohl zu sagen. Seine Unabhängigkeit sollte Kroatien also mit erheblichen Gebietsabtretungen bezahlen.

Da in Kroatien anders als in Slowenien starke Minderheiten, insbesondere Serben beheimatet waren(61), und unter diesem Bevölkerungsteil sich angesichts des militanten kroatischen Nationalismus selber wiederum separatistische Tendenzen breit machten, bot sich reichlich Gelegenheit, derlei Forderungen zu begründen. Eine neue blutrünstige Etappe im Zerfall Jugoslawiens begann. Während einst die Teilrepubliken ihren Konkurrenzkampf mit und vermittels der zentralstaatlichen Institutionen ausgetragen hatten, um dann unmittelbar in den wirtschaftlichen Kampf miteinander zu treten, liefen die Frontlinien des aufflackernden Ethno-Nationalismus nun mitten durch die Teilrepubliken hindurch. Die gesamtjugoslawische Malaise begann sich nun in den ethnischen Gemetzeln innerhalb der politischen Nachfolgegebilde Ex-Jugoslawiens zu reproduzieren.

13.

Die wirtschaftlichen, sozialen und sozialpsychologischen Verheerungen, die diese Auseinandersetzungen nach sich zogen, sind oft beschrieben worden. Allein Kroatien hat das halbe Jahr Krieg 37% seiner Industriekapazität gekostet und dafür eine dreiviertel Million entwurzelter Menschen eingebracht(62). Die Waffengänge machten all jene Lebensgrundlagen zuschanden, deren jedes funktionstüchtige Gemeinwesen bedarf, und sie haben die Bewohner des ehemaligen Jugoslawien tief ins Elend gestürzt. Diese natürlich unstrittige Tatsache darf allerdings über eins nicht hingwegtäuschen. So sehr der Krieg das jugoslawische Desaster verschärft hat, er hat es nicht verursacht, sondern er ist selber dessen Folge. Die Beobachter, die kopfschüttelnd der »balkanischen Irrationalität« gegenüberstehen, die für uns ach so aufgeklärte Westeuropäer angeblich nicht nachvollziehbar sein soll, übersehen geflissentlich den ökonomisch-politischen Prozeß, der weltmarktvermittelt an diesen Punkt geführt hat. Mit dem Scheitern des »titoistischen Experiments« war nicht allein die sozialistische Entwicklungsdiktatur am Ende, sondern auch jede andere denkbare Variante weiterer Modernisierung mußte chancenlos werden. Das Tor zur Marktwirtschaft, durch das Markovic und seine Reformer-Crew Jugoslawien ins demokratisch regulierte Waren-Arkadien führen wollten, war nur ein Wandgemälde, das einen unüberwindlichen Betonblock ziert. Wenn dieser Zusammenhang klar wird, dann verändert sich auch der Blickwinkel, unter dem die Bürgerkriegswirren wahrzunehmen sind. Auf dem Boden des ehemaligen Jugoslawien machen sich keine hoffnungsfrohen kleinen Nationalstaaten gegenseitig unnötig das Leben schwer. Die neuen politischen Herrschaftsgebilde lassen sich vielmehr nur als selber instabile Spaltprodukte eines kollabierten Modernisierungsregimes begreifen. Die Entwicklung auf dem Balkan weist mehr Ähnlichkeiten mit den Zerfallsreihen radioaktiver Elemente auf als mit nationalen Formierungsprozessen, wie wir sie aus der Geschichte kennen. Weder Kroatien noch Serbien, geschweige denn Makedonien oder Bosnien-Herzegowina werden als irgendwie funktionstüchtige Nationalökonomien aus bewaffneten Geburtswehen hervorgehen. Die ethno-nationalistischen Greuel sind vielmehr eine der Formen, in denen sich der Kollaps der Moderne vollzieht und fortsetzt.

Die katastrophale jugoslawische Entwicklung steht nicht für sich. Ähnlich geartete Zerfallsprozesse vollziehen sich auch in anderen Regionen der Weltgesellschaft. In all diesen Fällen läßt sich das Geschehen nur aus dem Auslaufen jeder Modernisierungsperspektive verstehen. Wenn wir uns an die innere Logik der blutigen Weltbürgerkriegswirren herantasten wollen, so muß sich das Augenmerk insbesondere darauf richten, wie der Kollaps der Modernisierung das Verhältnis von Staatlichkeit und Gesellschaft umwälzt und auf das Wesen des Politischen durchschlägt.

Blicken wir auf die beiden letzten Jahrhunderte zurück, so zeigt sich, daß der globale Siegeszug der Warenproduktion an die Entwicklung von (National)staaten gekoppelt war. Der Staat bzw. sein Apparat vertrat auf dem jeweiligen Entwicklungsniveau das Moment der abstrakten Allgemeinheit und funktionierte (unter welchem politisch-ideologischen Vorzeichen auch immer) als ideeller Gesamtkapitalist; d.h. er garantierte den Rahmen des gesellschaftlichen Verwertungsprozesses. Diese Leistung konnte er allerdings nie kostenlos erbringen. Die Aufrechterhaltung und der Ausbau der notwendigen staatlichen Aufgaben fielen vielmehr immer der Gesellschaft als faux frais zur Last. Die beschriebenen Funktionen existierten dabei nicht nur als Kostenfaktor, sondern gleichzeitig auch als Personage, als soziale Gruppe mit ihrem besonderen Reproduktionsinteresse. Beides gilt ebenso für Armee und Polizei, die für die innere und äußere »Sicherheit« zu sorgen haben, wie für die Verwaltung und die diversen infrastrukturellen Institutionen. Je weiter die Warenvergesellschaftung voranschreitet, desto mehr nimmt dabei das Gewicht des Staatsapparats zu, sowohl die finanzielle Belastung der Gesellschaft wächst also, als auch die Zahl derer vervielfacht sich, die sich als staatliche Funktionsträger reproduzieren müssen. Die Symbiose von Warengesellschaft und moderner Staatlichkeit setzt daher umfängliche Abschöpfmechanismen voraus, und sie kann für beide Teile nur reibungslos vonstatten gehen, solange die gesellschaftliche Verwertungsbewegung mächtig genug ist, den Staatsapparat mitzutragen. Kollabiert die Arbeitsgesellschaft alias Kapitalverwertung, fällt diese Bedingung also weg, so muß auch die Ehe von Staat und Gesellschaft zu Bruch gehen. Sowohl die ideell-ideologischen Bindungen lösen sich auf, als auch die Redistributionsmechanismen, die der Staat installiert hat. Von der treulosen Gesellschaft im Stich gelassen, verschwinden die Überreste des nun von seiner Funktion als abstrakte Allgemeinheit zusehends entkoppelten Staatsapparates aber nicht einfach spurlos. Wenn die Angehörigen dieses Apparates mit keinem nennenswerten Einkommen aus Steuermitteln, Staatskredit oder Notenpresse mehr rechnen können, sind sie darauf angewiesen, ihr Überleben in der unaufgehobenen Ware-Geld-Beziehung aus anderen Quellen zu sichern. Drei Optionen stehen ihnen in dieser Situation grundsätzlich offen. Sie können ihre Staatsfunktion als Nebenbeschäftigung weiter brav erfüllen, sie können aus dem schlecht bis gar nicht bezahlten Dienst ausscheiden (aber wohin gehen unter den Bedingungen von Krise, Massenarbeitslosigkeit und Hyperinflation?) oder sie können die ihnen zugefallene Position und ihre spezifische Qualifikation zur irregulären Bereicherung auszunutzen versuchen. Aus dem idealiter symbiotischen Verhältnis zur Gesellschaft entlassen, gehen gerade die Überreste der staatlichen Gewalt also keineswegs überraschend Schritt für Schritt zur Plünderung der Gesellschaft über. Dieser Raubzug kann wiederum verschiedene Formen annehmen. Die am weitesten verbreitete Form (auch unabhängig von Zeiten der Systemkrise) ist die Korruption. In den kapitalschwachen Ländern der Dritten Welt spielte dieses Phänomen immer eine Rolle. Heute ist es dabei, sich weltweit zu verallgemeinern. An sich kostenlose, vom Staat zu garantierende Rahmenleistungen der Warenproduktion werden hier zum käuflichen Gut, sie erhalten einen Preis, den die Sachverwalter in ihre Taschen wirtschaften. Die Plünderung der Gesellschaft kann aber auch eine andere Form annehmen. Insbesondere für die tendenziell außer Kurs gesetzten (oder schlicht nicht mehr bezahlten) Sicherheitsapparate liegt es nahe, ihre spezifische Qualifikation autonom zu verwerten und sich in den Wachstumsbranchen Raub und Diebstahl zu engagieren. Die Grenze zwischen organisiertem Verbrechen und Polizei bzw. Armee sind in vielen Ländern der Erde nur mehr schwerlich auszumachen, und das liegt nicht einfach am allgemeinen Sittenverfall, sondern entspricht einer Situation, in der die Warenlogik wild weiterwuchert, obwohl sie ihre arbeitsgesellschaftliche Funktionsgrundlage einzubüßen beginnt.

14.

Eine ganz besondere Qualität nimmt die neue allgemeine Plünderungsökonomie dort an, wo sie sich pseudopolitisch geriert. Auch hier wird direkte physische Gewalt zum Mittel der Aneignung. Die Träger einer poststaatlichen Raubwirtschaft gehen ihrem Handwerk aber nicht im Dunkel der Nacht nach, sondern unter dem fadenscheinigen Deckmäntelchen pseudonationalistischer Ziele. Damit wären wir wieder beim jugoslawischen Exempel und seinen Spezifika angelangt. Die Restbestände der jugoslawischen Sicherheitsapparate plündern nicht unterschiedslos die gesamte Gesellschaft aus. Während die jugoslawische Gesellschaft sich an den ethnischen Linien spaltet und in allesamt funktionsunfähige kroatische, serbische, muslimische usw. Gesellschaften auseinanderbricht, machen die Spaltprodukte des Sicherheitsapparates jeweils die aus den neuen Partialgesellschaften herausdefinierten »Fremden« zum bevorzugten Opfer ihrer Unterhaltssicherungsmaßnahmen. Die serbischen Freischärler und die ehemalige Bundesarmee rauben und morden unter Kroaten und Moslems. Die kroatische Administration vertreibt die serbischen Bewohner aus ihrem Herrschaftsbereich und beschlagnahmt deren Besitz. Die Moslem-Milizen, die offizielle bosnische Armee, halten sich an den in Sarajevo verbliebenen Serben und Kroaten schadlos. Das autonome Geld- bzw. Warenbeschaffungsprogramm verbindet sich mit dem nationalen Ressentiment und den Konflikten der fragilen Nachfolgegebilde. Die installierte Plünderungsökonomie gewinnt mit dieser Freund-Feind-Definition keinen neuen Gehalt, dafür aber eine politische Fassade.

In ihren ideologischen Verlautbarungen greifen die Konfliktparteien beständig auf rhetorische Figuren aus der Vergangenheit zurück. Dieser stereotype Rekurs darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß wir es deswegen noch lange nicht tatsächlich mit der Rückkehr verflossener Zeiten, also mit nationalen Formierungsversuchen zu tun haben. Im jugoslawischen Bürgerkrieg vertreten die neu etablierten offiziellen Regierungen keine hoffnungsvollen Nationalstaaten im statu nascendi, die Staatsleitungen existieren vielmehr als Betreiber und Nutznießer einer auf private Bereicherung ausgelegten Plünderungsökonomie, und der Krieg einschließlich der »ethnischen Säuberungen« gibt den adäquaten Rahmen für deren Mafia-Regime ab. Ohne Rücksicht auf Verluste nähren sich diese mit genuin kriminellen Elementen angereicherten poststaatlichen Apparate von der Substanz einer implodierten Nationalökonomie.

Diese Metamorphose des Staatsapparates zum reellen Gesamtkriminellen sticht am serbischen Beispiel vielleicht besonders deutlich ins Auge. Mit dem Krieg und den UNO-Sanktionen können die Belgrader Herren einerseits die katastrophale ökonomische Lage des Landes und die galoppierende Massenverarmung scheinbar plausibel erklären(63), gleichzeitig bietet der Krieg die ideale Bühne für weitreichende dunkle und durchaus lukrative Geschäfte. Wenn die Weltbank mittlerweile davon ausgeht, daß in den letzten drei Jahren mindestens 5 Mrd. Dollar Fluchtgelder aus Serbien(64) ins Ausland strömten(65), dann entfällt das Gros dieser in Wirklichkeit wohl noch um einiges erklecklicheren Summe zweifellos auf den Staatsapparat und seine Angehörigen. Transfer und Geldwäsche laufen vornehmlich unter der Regie staatlicher Gesellschaften wie der Genex. Dieses aus dem ehemaligen gesamtjugoslawischen Außenhandelskonzern General-Export hervorgegangene international operierende Gangstersyndikat befindet sich fest in der Hand von Milosevic und seinen Getreuen und verknüpft wie ähnlich geartete Organisationen drei Aufgaben miteinander. Zum einen organisiert es den notwendigen Nachschub für die serbische Militärmaschine, soweit er nicht im Land erzeugt werden kann. Zum anderen bietet es die notwendige transnationale Logistik für weitreichende profitträchtige Schmuggel- und Schiebergeschäfte. Zuguterletzt schafft es die aus diesen Aktivitäten entspringenden Einnahmen des Milosevic-Clans und assoziierter Banden ins sichere Ausland(66). Der »Spiegel« resümiert Funktion und Stellenwert der Genex ganz richtig, wenn er schreibt: »In einer Mischung aus Gangstertum und Geheimdienstaktivität besorgen derzeit 45 Filialleiter und 200 ehemalige KP-Funktionäre den weltweiten Transfer bosnischer Kriegsbeute und die Geldwäsche aus kriminellen Geschäften – Hauptlebensader für das Regime des großserbischen Kriegsherrn Slobodan Milosevic.«(67)

Restjugoslawien ist nicht nur eine Metropole des internationalen illegalen Waffenhandels, Belgrad hat sich auch zu einem Hauptumschlagplatz im Drogenhandel entwickelt. All diese Aktivitäten erfreuen sich staatlicher Protektion. Nach nicht ganz unplausiblen Gerüchten folgt auch die ehemalige jugoslawische Bundesdruckerei diesem Konversionskurs. Sie soll neben den längst wertlosen Dinarscheinen mittlerweile auch Deutsche Mark und US-Dollar ausstoßen. In den seligen Zeiten eines Schalck-Golodkowski und seiner vielen Ostblock-Kollegen hatten dubiose staatliche Geschäfte noch eine ziemlich begrenzte Funktion. Sie halfen mit, die vom Erlahmen der nationalen Ökonomien aufgerissenen finanziellen Löcher notdürftig zu stopfen. In Großserbien hingegen ist nach dem Kollaps der serbischen Wirtschaft aus dem Randphänomen von einst längst die zentrale, alles entscheidende Aktivität der staatlichen Apparatur geworden. Bis zum August 1992 hatten nach Erkenntnissen der Nato-Aufklärung 60-70% der Betriebe um Belgrad bereits die Arbeit völlig eingestellt(68), wobei das Embargo wohl eine sekundäre Rolle gespielt haben dürfte. Unter diesen Umständen hängt die restliche Funktions- und Überlebensfähigkeit der staatlichen Apparatur von den Erfolgen auf den diversen »Schwarzen Märkten« ab. Korruption, Nepotismus und Schattenwirtschaft haben als unvermeidlicher Reibungsverlust jeden nachholenden Entwicklungsversuch begleitet. Es wäre insofern natürlich falsch, sie als eine völlig neuartige Erscheinung zu behandeln. In Restjugoslawien hat sich aber ein qualitativer Sprung vollzogen. Die vom nationalen Entwicklungsstandpunkt aus dysfunktionale Randstörung hat sich z um Eigentlichen gemausert(69).

Dieses Verdikt gilt nicht nur für das Milosevic-Serbien. Das kroatische Regime zeigt durchaus, trotz aller Feindschaft, ganz artverwandte Züge. In Serbien trug die nationalserbisch entpuppte Konkursmasse der alten sozialistischen Partei die Etablierung der unheiligen Allianz von ehemaliger Schattenwirtschaft und kleptokratischer Führungsriege. In Kroatien vollzog sich ein ähnlicher Prozeß im Bruch mit der titosozialistischen Tradition unter dem Banner der marktwirtschaftlichen Reformen. Während die siegreiche Tudjman-Garde den Abschied von der Staatswirtschaft proklamierte und mit ihren Privatisierungsinitiativen offiziell den Startschuß zur Installation einer blühenden Marktökonomie abgab, bestand in der Praxis der Übergang zur Marktwirtschaft wesentlich darin, daß alle Gewinn versprechenden Teile des ehemaligen »Volkseigentums« im Handumdrehen in das Privateigentum der regierenden Seilschaften überführt wurden. Die von der Tourismusindustrie bestimmten dalmatinischen Küstenstriche befinden sich, wie könnte es auch anders sein, fest in der Hand der umfangreichen Anverwandtschaft des maximo lider. Die strikte Trennung von öffentlichen und privaten Kassen, eine der großen Errungenschaften moderner Staatlichkeit und Voraussetzung dafür, daß der Staat seiner Rolle als ideeller Gesamtkapitalist nachkommen kann, läßt sich auch auf diese Weise gründlich durchlöchern.

Der Zerfall von Staatlichkeit trifft nicht nur die Beletage, er macht sich genauso und erst recht im administrativen Unterbau und bei den traditionellen Machtmitteln der Regierungen bemerkbar. Das gilt insbesondere für den bewaffneten Apparat. Der Sinn militärischer Operationen besteht dabei für die Militärangehörigen weniger in strategischen Gesichtspunkten, sondern in erster Linie in der Möglichkeit zur Plünderung. Da keine der Kriegsparteien ihren Soldaten einen nennenswerten Sold zahlen kann, muß der Krieg selber die Kriegführenden ernähren. Schon über den Krieg in Kroatien berichteten Beobachter internationaler Menschenrechtsgruppen von »systematischen Plünderungen durch die Armee«, und auch Überlebende von Massakern berichten davon, daß die Armeeangehörigen und Cetniks die Leichen einfach liegen ließen, dafür aber »Videorecorder und Fernsehgeräte« sorgfältig verpackt auf »Lastwagen verluden«(70). Wieviele hochwertige gebrauchte Elektrogeräte mögen in den letzten Jahren wohl aus Restjugoslawien nach Osteuropa verschoben worden sein?

Die Bürgerkriegsmaschinerie emanzipiert sich zusehends von den Plänen der offiziellen Regierungen und funktioniert nach eigenen Gesetzen. Diese Entwicklung wird insbesondere auf dem bosnischen Schauplatz greifbar. Zum einen entpuppt sich die Plünderung als der eigentliche Sinn militärischer Aktionen. Zum anderen operieren die diversen Warlords zunehmend auf eigene Rechnung. Selbst wenn sich die amtierenden Galionsfiguren über eine Dreiteilung des Landes oder eine wie auch immer geartete sonstige »friedliche Lösung« verständigen könnten, für die diversen assoziierten Kriegsherren wäre das sicher kein Grund, ihre Waffen tatsächlich aus der Hand zu legen. Statt der selbstherrlichen Milizenführer müßten in diesem Fall der Fälle viel eher die dann überflüssig gewordenen »Vertreter der am Konflikt beteiligten Parteien« abdanken. Die diversen Kampftruppen sind kein willfähriges Instrument, das die um Macht und Einfluß ringenden nationalen Führungsriegen nach Belieben handhaben und ein- und ausschalten könnten; umgekehrt verkleiden die politisch-diplomatischen Gefechte der nationalen Vertreter im Nadelstreifenanzug nur eine entkoppelte Kriegs- und Plünderungsdynamik mit millimeterdünnem politischen Furnier. Das Überleben der »Politiker« hängt davon ab, daß sie diese Funktion weiterhin ausfüllen. Der Chef der Kroaten in der Herzegowina, Mate Boban, operiert mit seiner Soldateska auf eigene Rechnung und läßt sich von Tudjman oder sonst jemandem nur kommandieren, solange sich dessen »Befehle« und »politischen Richtlinien« mit seinen eigenen Interessen decken. Karadzic hat im Sommer 1993 mit Müh und Not eine Militärrebellion in Banja Luka abgewehrt, und das labile Gleichgewicht innerhalb der bosnisch-serbischen Reihen trägt nur solange, wie der Kampf gegen den »äußeren Feind« weitergeht(71). Der bosnische Präsident Izetbegovic wiederum kann sich nur halten, solange er eine Fraktion der muslimischen Mafia gegen die andere ausspielt, und diese Sorte von Machtspiel beruht ebenfalls auf der Fortführung der bewaffneten Auseinandersetzungen. Das simple Weltbild der Bellizisten, die in »den Serben« den Angreifer und in den »Kroaten« und insbesondere in den »Moslems« die unschuldigen Opfer ausgemacht haben, hat nie gestimmt. Aber nicht etwa deshalb, weil die serbischen Cetniks besser als ihr Ruf wären, sondern weil es im jugoslawischen Drama national-staatliche Metasubjekte, die auf eine wie auch immer geartete Nachkriegsordnung zusteuern würden, nur als Fassade gibt.

In der Zeit, als »Kroaten« und »Moslems« einander bekämpften und im bedrängten moslemischen Lager offen heftige Binnenkämpfe ausbrachen, sickerten diese Aspekte der Kriegswirklichkeit ins öffentliche Bewußtsein. In den Medien häufen sich mittlerweile Berichte, aus denen hervorgeht, wie weit die Paralyse staatlicher Gewalt in den Nachfolgegebilden Ex-Jugoslawiens fortgeschritten ist und wie wenig die »Regierungen« »ihre Armeen« im Griff haben. Besonders gut sind die Verhältnisse für die muslimische Seite recherchiert. Seit Beginn des Konflikts meist in die Defensive gedrängt, entlädt sich auf ihrer Seite die Aneignungspolitik der Kriegsherren vornehmlich nach innen und kann daher kaum mit strategischen Schritten verwechselt werden. Jovan Divjak, der stellvertretende Oberbefehlshaber der bosnischen Armee, gestand, als sich im Sommer letzten Jahres die Spannungen zwischen der offiziellen bosnischen Regierung und »ihrer Armee« zuspitzten, gegenüber der »Zeit« auch offen ein, wie wenig die bosnische Führung ihre Truppen in der Gewalt hat. »Immer häufiger«, so faßte das Blatt seine Aussagen zusammen, »seien die Soldaten der Altstadtbezirke zu organisierten Raubzügen und Plünderungen aus ihren Stellungen herunter in die Stadt gekommen. Gegen den ausdrücklichen Befehl der Armeeführung seien bei solchen Aktionen Hunderte männliche Zivilisten von Soldaten regelrecht gejagt, gefangen und als lebendige Schutzschilder an die Frontlinien gezerrt worden«(72). Über die Drahtzieher von derartigen Heldentaten, bei denen in der ersten Jahreshälfte 1993 1.400 namentlich bekannte Einwohner von Sarajevo, für gewöhnlich natürlich mitsamt ihrem Eigentum, verschwunden sind, weiß der Korrespondent Dietrich Willier folgendes zu berichten: »Bei den Standortkommandanten, die solche Aktionen befohlen oder gedeckt hatten, handelt es sich ausschließlich um wohlbekannte Mafiosi. Ramiz Delalic etwa, genannt >Celo<, wurde erst vor wenigen Jahren wegen zahlreicher Verbrechen aus Deutschland ausgewiesen und steht heute in dem Ruf, größten Einfluß auf die muslimische Regierung des bosnischen Präsidenten Alija Izetbegovic zu besitzen. Mustafa Zulic gehört dazu, ein Drogenhändler mit Niederlassungen in Amsterdam, und Nenad Puska, den sie den >Analphabeten< nennen. Ein weiterer, dessen muslimische Kidnapperbanden schon seit Wochen panische Angst in der Stadt verbreiten, ist der ehemalige Musiker und Mafioso Musan Topalovic, genannt >Caco<. Auch er verfügt über einen Wohnsitz und ausreichend Geld in der Bundesrepublik«(73)

Die Versuche Izetbegovics und seiner Getreuen, dieses Treiben in den Griff zu bekommen, haben keinerlei Aussicht auf dauerhaften Erfolg. Nicht nur, weil sich die Herren Standortkommandanten mit ihren Mitteln gegen Polizeiaktionen zu wehren wissen(74), sondern in erster Linie deshalb, weil sie gar keine Alternative zum Kungeln mit diesen kriminellen Kreisen haben. Als die Auseinandersetzungen in Bosnien ihren Anfang nahmen, war die einzige bewaffnete Kraft im muslimischen Teil des Landes, das ein Gegengewicht zur serbisch-bosnischen Soldateska bilden konnte, die organisierte Unterwelt. An diesem Zustand hat sich auch im Verlauf der Kämpfe nur bedingt etwas geändert. Dem bosnischen Staat stehen schlechterdings weder die organisatorischen noch die finanziellen Mittel zur Verfügung, um eine reguläre Armee zu bilden und zu unterhalten. Die darniederliegende Wirtschaft bringt keine Steuererträge und auch nicht die nötigen Versorgungsmittel. Es läßt sich weder eine nationale Kriegsökonomie mobilisieren, noch kann der bosnische Staat substituierend auf internationale Kredite zur Kriegsfinanzierung hoffen. Auf dieser prekären Grundlage müssen bewaffnete Kräfte wie gezeigt schon selber für ihre Reproduktion sorgen, und wie diese bewaffnete Eigeninitiative allein aussehen kann, liegt eigentlich auf der Hand: Raub und Plünderung, nach innen und außen. Die offizielle Regierung kann vielleicht im Machtkampf konkurrierender Gangsterbanden die eine oder andere Gruppe ausschalten, aber keineswegs das Bandenwesen als solches. Mit dem Verlust jeder regulären Reproduktionsbasis rutscht der erodierte Staatsapparat im Gegenteil selber in den Status einer Gangstergruppe. Die Zeichen der Zeit stehen also nicht etwa auf allmähliche Festigung der staatlichen Administration, sondern auf deren weitere Erosion und Zersplitterung, und pseudostaatliche Gewalt und kriminelles Bandenwesen verschmelzen über kurz oder lang bis zur Ununterscheidbarkeit. Bei Politikergestalten wie Izetbegovic, die vielleicht einmal nationale Ziele verfolgt und von einer Perspektive für ihr Land geträumt haben, handelt es sich um Auslaufmodelle. Die Ereignisse in der Moslem-Enklave Bihac in der Nordwestecke Bosniens können wohl als Menetekel für die weitere Entwicklung gelten. Dort haben sich die lokalen Machthaber von der offiziellen bosnischen Regierung abgekoppelt. Sie schlossen auf der Grundlage gemeinsamer Schieber- und Transitgeschäfte einstweilen einen Separatfrieden mit den Krajina-Serben, den benachbarten kroatischen Milizen und den von Banja Luka aus operierenden serbischen Warlords (und beschäftigen sich daneben vornehmlich damit, die eigene Bevölkerung auszuplündern).

Dieses vom Standpunkt nationaler Formierung ernüchternde Bild bietet nicht nur die moslemische Seite. Wenn wir einen Blick auf die Kontrahenten werfen, dann sehen wir dort überall die gleichen Auflösungs- und Verkriminalisierungstendenzen am Werk. Zwar steht das serbische Warlordwesen nicht nur was die Bewaffnung angeht, sondern auch personell mehr in der Tradition der zerbrochenen gesamtjugoslawischen Armee, dennoch geben auch dort immer mehr Figuren wie der Cetnikführer Arkan den Ton an. Dieser Mann, der auf der Kriegsverbrecherliste ganz oben steht, kann auf eine ganz ähnliche Karriere zurückblicken wie seine moslemischen Konfliktpartner. Der ehemalige Belgrader Kneipier wurde und wird in der BRD sowie in Schweden, Belgien und den Niederlanden wegen Bankraub mit Haftbefehl gesucht und hat sich angesichts dieses lästigen Umstandes in Bosnien ein neues Betätigungsfeld gesucht.

Die Ereignisse auf dem Balkan passen insgesamt nicht in das Schema einer klassischen nationalstaatlichen Eroberungs- und territorialen Aneignungspolitik. Das zeigt sich aber nicht nur beim Anblick der dubiosen Akteure, das gesamte Szenario sperrt sich gegen diese Einordnung, und auch die vielzitierten »ethnischen Säuberungen« folgen einer anderen Logik als der Holocaust und andere systematische Völkermorde und Vertreibungen in der Geschichte. Als die Nazis sich einst daran machten, Europa im Sinne großdeutscher Großraumpolitik zu ordnen, fügten sich Krieg, Zerstörung und Verfolgung als Momente in dieses Eroberungsprogramm. Bei den Cetniks der 90er Jahre fehlt jedes Pendant dafür. Sie nehmen nur in der Propaganda großserbischen Lebensraum ein, realiter schaffen sie jedoch lediglich menschenleere Gebiete, verbrannte Erde, die so schnell keinem mehr nütze sein können. Wo sie operieren, suchen aus gutem Grund auch große Teile der serbischen Bevölkerung das Weite. Die Moslems und Kroaten werden vertrieben und fliehen, das heißt aber noch lange nicht, daß über kurz oder lang die »serbische Nation« die geräumten Gebiete für sich okkupieren wird.

Diesem Umstand entspricht auch der bezeichnende Mangel einer umfassenderen nationalen Mobilisierung. Den Krieg erlebt die breite Bevölkerung sowohl in Serbien als auch in den von serbischen Milizen kontrollierten Gebieten in erster Linie als Opfer. Dasselbe gilt für die offiziellen Gegner. Die alltäglichen Lebensbedingungen verschlechtern sich rapide; alle sind vollauf damit beschäftigt, ihr privates Überleben zu sichern. Das Volk wird nicht so sehr von einer Welle fanatischer nationaler Euphorie erfaßt, vielmehr geht der Kriegsalltag mit zunehmender Entpolitisierung einher.(75) Das Gros der Serben wird kaum aktiv in das nationalistische Abenteuer hineingezogen. Die Cetniks hätten in den ersten beiden Bürgerkriegsjahren bei weitem mehr Kämpfer ausrüsten und auf ihre Weise versorgen können, als sich ihnen zugesellten. Die diversen bosnisch-serbischen Milizen stoßen bei der einheimischen serbo-bosnischen Bevölkerung jedoch auf enorme Rekrutierungsschwierigkeiten(76). Nationalistische Ideologien und Schlagworte haben in Serbien sicher weite Verbreitung gefunden, eine Kriegs- und Opferbegeisterung à la 1914 hat aber nie Platz gegriffen.

Der Kriegsverlauf fügt sich erst recht nicht in das für nationale Kriege charakteristische Bild. Während des gesamten Bosnienkonflikts gab es, noch mehr als im Kampf zwischen Serben und Kroaten um die Krajina und Ostslawonien, so gut wie keine strategisch großräumigen Operationen. Einheitlich geführt, hätte die an Kampfkraft und Bewaffnung überlegene serbische Seite den Krieg in seiner Frühphase entscheiden und siegreich beenden müssen. Statt dessen zersplitterte sich jedoch der Waffengang in eine Vielzahl lokaler Scharmützel, bei denen Plündern und Beutemachen vor Ort das zentrale Moment bilden und nicht die koordinierte Schwächung und Niederwerfung der bewaffneten Macht des Gegners. Die Tatsache, daß viele Städte in Bosnien über Monate hinweg belagert werden, hat sicher wenig damit zu tun, daß eine baldige Einnahme militärisch nicht möglich wäre. Solange Belagerer und Belagerte an gemeinsamen Schwarzmarktgeschäften auf DM-Basis möglichst mit ausländischen Hilfsgütern verdienen können, besteht schlicht und einfach kein vernünftiger Grund dazu.

Wer historische Parallelen zu den Vorgängen im jugoslawischen Bürgerkrieg sucht, wird wohl eher im Dreißigjährigen Krieg fündig werden als bei den großen nationalstaatlichen und imperialistischen Auseinandersetzungen, wie sie die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt haben. Die Analogie betrifft dabei nicht nur den zerrissenen und in den üblichen Clausewitzschen Kategorien militärischer Strategie schwerlich faßbaren Kriegsablauf. Sie trifft auf einem neuen Produktivkraft- und Vergesellschaftungsniveau auch den Reproduktionshintergrund der Bürgerkriegsökonomie, und nicht zuletzt die Perspektive. Der Krieg in Jugoslawien wird wohl kaum mit dem Endsieg der einen oder anderen Seite enden, sondern eher allmählich ausglühen. Eine Plünderungsökonomie läßt sich ex definitione nicht auf Dauer durchhalten. Wenn die Substanz des Landes endgültig aufgezehrt ist, wird wohl auch der Krieg entschlafen. Signale in diese Richtung gibt es bereits. Viele von den aus Jugoslawien stammenden Berufskriminellen, die nach Ausbruch des Bürgerkriegs in ihrer Heimat als Ustascha-Leute, Cetniks oder in der bosnischen Armee ihrem Gewerbe nachgingen, sind mittlerweile wieder nach Westeuropa zurückgekehrt. Der jugoslawische Markt scheint für sie nicht mehr so sonderlich lukrativ zu sein. Die Leute des berüchtigten Arkan beschäftigen sich mittlerweile laut Presseberichten damit, im Kosovo und im serbischen Kernland nach Goldschätzen aus der Antike und dem Mittelalter zu graben. Anlaß zur Entwarnung besteht damit aber noch lange nicht. Plünderungsökonomien lassen sich auch noch auf einer erbärmlichen Basis fortschreiben. Wenn die letzten verwertbaren Besitztümer aufgezehrt sind, warum sollen dann die diversen Kriegsherren nicht dazu übergehen, auch noch die Herzen, Nieren und Lebern ihrer Opfer an westeuropäische Organbanken zu verscherbeln? Wo ein Markt ist, da ist bekanntlich auch ein Weg. Solange die Logik des Geldes im Kollaps der Weltarbeitsgesellschaft fortlebt, gibt es keine Perversion, die nicht noch Wirklichkeit werden könnte.

Fußnoten

(1) Wie bekannt, ist das eine seltene Ausnahme. Die Mehrzahl bewaffneter Konflikte fällt längst durch den Nachrichtenrost und wird nicht mehr realisiert. Auf ein Somalia, das über Monate hinweg Schlagzeilen machte und zum Operationsfeld von UN-Aktionen wurde, kommt ein Vielfaches an vergessenen Schlachtfeldern. Allein für das Jahr 1993 addierten Friedensforscher, wie die UNO zum Jahreswechsel verkünden ließ, mehr als 100 Bürgerkriege auf. Das ehemalige Jugoslawien verdankt die Aufmerksamkeit, die es auf sich zieht, nur seiner geographischen Lage. Die Greuel, die die bosnische Bevölkerung zu erleiden hat, sind alles andere als einmalig. Sie gehören in außereuropäischen Weltteilen mittlerweile zum business as usual.

(2) Das klingt sicher banal und müßte eigentlich selbstverständlich sein. Dennoch wird dieser Gesichtspunkt in der laufenden Debatte kaum beachtet. In den Statements zum jugoslawischen Bürgerkrieg verschwimmt das Nachkriegsjugoslawien für ge wöhnlich zu einem nicht weiter benennbaren kommunistischen Unterdrückungsregi me, nach dessen Zusammenbruch die so lange unter dem Deckel gehaltenen nationa len Widersprüche urplötzlich zum Vorschein gekommen seien. Die Frage, wie sich im titoistischen System nationale Gegensätze überhaupt reproduziert haben und warum das Scheitern des Selbstverwaltungs-Sozialismus sich ausgerechnet als Nationalitäten konflikt äußert, bleibt bei den Apologeten des westlich-liberalen Modells aber durch gängig außen vor. Die weitverbreiteten ideologischen Interpretationsfiguren beein trächtigen sogar – und zwar nachhaltig – die Material- und Quellenlage. Wer sich die innere Entwicklung Jugoslawiens in den 80er Jahren vergegenwärtigen will, insbeson dere die ökonomischen Prozesse, muß einigen Spürsinn entwickeln. So viel auch zum Thema Jugoslawien seit Jahr und Tag zu Papier gebracht wird, die unmittelbare Vor geschichte schrumpft fast durchgängig auf die politischen Oberflächenereignisse, die gesellschaftliche und ökonomische Entwicklung bleibt terra incognita. Es bedarf eini gen Fleißes, hier Licht ins Dunkel zu bringen.

(3) Anders als die meisten osteuropäischen Staaten wurde Jugoslawien bekanntlich nicht von außen als ein im wesentlichen passives Objekt vom Faschismus befreit, sondern hat sich selber freigekämpft, eine Tatsache, die in der Folge die wichtigste Quelle jugoslawischen Selbstverständnisses blieb.

(4) Industrie und Gewerbe erreichten 1931 einen Anteil von lediglich 10,7% an der Gesamtbeschäftigung. 76,3% aller arbeitsfähigen Bewohner Jugoslawiens gingen hingegen einer Tätigkeit im primären Sektor, also in der Land- und Forstwirtschaft nach, wobei außerhalb Slawoniens und der Wojwodina die Produktion für den Markt eine untergeordnete Rolle spielte. Entsprechend sah das Produktivitätsniveau aus: Nicht einmal die Hälfte aller Landwirte besaß einen Eisenpflug oder eigenes Zugvieh. Die Erträge je Flächeneinheit lagen daher im Durchschnitt weit unter dem west- und mitteleuropäischen Niveau und erreichten bei den Hauptanbauprodukten (Mais, Weizen, Gerste, Hafer und Roggen) häufig nicht einmal die Hälfte der in der deutschen Landwirtschaft erzielten Erträge.« (Handbuch der europäischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Band 6, Stuttgart 1987, S. 886). Dennoch waren landwirtschaftliche Produkte neben Rohstoffen das einzige, was das Land auf dem Weltmarkt anzubieten hatte. Vor dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise in der zweiten Hälfte der 20er Jahre entfielen 49,4% aller jugoslawischen Exporte auf landwirtschaftliche Produkte (vornehmlich Getreide). Zusätzlich belief sich der Anteil von Holz und Holzprodukten an der Ausfuhr auf 19,3%.

(5) Schon die Währungsumstellung lief auf eine breit angelegte Enteignung der Slowenen und Kroaten durch einen mit frischem gesamtjugoslawischen Lorbeer drapierten Serbenstaat hinaus. Als der Erste Weltkrieg zu Ende ging, kursierten im neuen Königreich vier offizielle Währungen: der serbische Dinar, die österreichische Krone, der montenegrinische Perper und der bulgarische Lev. Die Kaufkraftparität zwischen Krone und Dinar hätte für den unvermeidlichen Umtausch ein Verhältnis von 1:1 nahegelegt. Tatsächlich führte die »Nationalbank des Königreichs SHS« die Konversion zu einem Kurs von 4:1 zuungunsten der nördlichen Landesteile durch (vgl. Handbuch der europäischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Band 6, S. 899).

(6) Im Landesdurchschnitt belief sich dieser Anteil auf lediglich 10,7%.

(7) Vgl. Jens Reuter, »Die Albaner in Jugoslawien«, herausgegeben vom Südost-Institut München, München 1982, S. 29.

(8) A.a.O., S. 54.

(9) Handbuch der europäischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Band 6, S. 897.

(10) Sämtliche Vorkriegsparteien in Jugoslawien lassen sich, sowohl was die Klientel als auch was die Programmatik angeht, eindeutig ethnisch bestimmen. Nur die (verbotene) KPJ war nicht national zuzuordnen (vgl. dazu Holm Sundhaussen, Geschichte Jugoslawiens, Stuttgart 1982, S. 40f.) Dieser gesamtjugoslawischen Tradition blieb die Partei bis zu ihrem Ende verpflichtet. Zwar waren die Serben im Staatsapparat und insbesondere in der Armee statistisch durchgängig überrepräsentiert, eine einseitig proserbische Orientierung der vom Sloweno-Kroaten Tito geleiteten Partei läßt sich daraus aber nicht ableiten. 1957 bekannten sich 41,7% der Bevölkerung als Serben, bei den Parteimitgliedern lag der serbische Anteil hingegen bei 54,5%. 1964 zählten 42,8% der Gesamtpopulation als Serben. In der Partei hatte diese Volksgruppe mit 51% immerhin noch eine absolute Mehrheit (die Zahlen sind übernommen aus: Artisien, Patrick F., Albanian Nationalism, S. 188).

(11) Stalins Absicht war es, Jugoslawien als Rohstoff- und Agrarproduzenten in eine internationale »sozialistische Arbeitsteilung« zu integrieren. Eine eigenständige jugoslawische Industrialisierung war in seinen Plänen nicht vorgesehen.

(12) Die inneren Widersprüche und Grundprobleme einer solchen administrativen, in der Wertbeziehung planenden Wirtschaft hat Johanna W. Stahlmann in ihrem Beitrag »Die Quadratur des Kreises« in der Krisis 8/9 dargelegt. Die dort am sowjetischen Beispiel entwickelte Darlegung der Mechanismen »negativer Konkurrenz« trifft selbstverständlich auch die jugoslawische Entwicklung in dieser Phase. Ich kann daher darauf verzichten, dieses Problem hier ausführlicher zu behandeln.

(13) Felix Niesmann, »Im Spannungsfeld von Zentralismus und Selbstverwaltung in der sozialistischen föderativen Republik Jugoslawien«, Bochum 1979, S. 91.

(14) »Die qualifikationsbedingte Differenzierung in der Entlohnung blieb bis heute gering und ging kaum einmal über einen durchschnittlichen Einkommensunterschied von 1:2,6 zwischen einem unqualifizierten Arbeiter und einem Angestellten mit Universitätsausbildung hinaus… Wenn es dennoch in der Praxis zu erheblichen Einkommensunterschieden kommt, so resultieren diese zum einen aus bestehenden Branchendifferenzen in der Entlohnung… Sozialpolitisch gravierender sind jedoch jene Einkommensdifferenzen, die bei gleicher Qualifikation zwischen Unternehmen derselben Branche bestehen und die aus dem System der Arbeiterselbstverwaltung herrühren… In florierenden Unternehmen, in Betrieben mit marktbeherrschender Position oder Unternehmen, deren Produktion keiner Preisregulierung unterliegt, können auf diesem Wege weniger qualifizierte Beschäftigte ein höheres Einkommen erzielen als höhere und hochqualifizierte Angestellte in Betrieben mit schlechter Marktlage.« (Handbuch der europäischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Band 6, S. 871).

(15) An der Blindheit für diesen Zusammenhang hat übrigens auch das jugoslawische Desaster nichts geändert. Die letzten posthumen Verehrer des jugoslawischen »Selbstverwaltungs-Sozialismus« kommen heute immer noch nicht auf die Idee, daß der glorreiche »Dritte Weg« mit zur Vorgeschichte der gegenwärtigen Nationalitätenkonflikte gehören könnte. Ihnen geht es weniger um kritische Aufarbeitung und eine grundsätzliche Neubestimmung des sozialistischen Ziels, sie sind vielmehr vornehmlich damit beschäftigt, die »utopischen Momente« im jugoslawischen Modell über die schweren Zeiten hinwegzuretten. Wenn sich die ehemaligen jugoslawischen Praxis-Philosophen mittlerweile großenteils im (kroatischen) nationalistischen Lager wiederfinden, dann spricht schon die personelle Kontinuität eigentlich Bände. Sie legt den Verdacht nahe, daß diese Wendung möglicherweise schon im alten Selbstverwaltungsdenken angelegt gewesen sein könnte. Die letzten westeuropäischen Praxisphilosophen haben sich gegen derlei Anfechtungen aber anscheinend immunisiert. Die schockierende nationalistische Entpuppung taucht bei ihnen nur als Verrat und Verirrung auf. Der gleichen Neigung zur linken Geschichtsklitterung fröhnen auch andere Restlinke. In ganz extremer Weise dokumentiert Catherine Samary in ihrem auf deutsch vom ISP-Verlag herausgegebenen Bändchen »Krieg in Jugoslawien« diese altlinke Apologetik. Dieses Machwerk läßt sich nicht allein sprachlich-stilistisch nur als eine seltene Zumutung bezeichnen, sondern mehr noch inhaltlich. Die Autorin liefert nicht den geringsten Ansatz zu einer Erklärung der postjugoslawischen Situation. Nur ein Anliegen treibt sie statt dessen offenbar um. Sie will den untergegangenen Selbstverwaltungs-Sozialismus, koste es was es wolle, im guten Andenken behalten. »Das >titoistische< Experiment ermöglicht es weit mehr als das maoistische China, Hinweise dafür zu erhalten, wie ein dritter Weg hätte aussehen können.« (Catherine Smary, Krieg in Jugoslawien, Köln 1992, S. 11), so heißt ihr Credo; und was dieser Verlautbarung auf 150 Seiten noch folgt, markiert den Übergang vom linken Politizismus zum bloßen Geschwätz.

(16) Aber selbst dieses Wachstum reichte nicht aus, um die wachsende Bevölkerung und insbesondere die in der Landwirtschaft Freigesetzten zu absorbieren. Die jugoslawische Arbeitslosigkeit hielt sich nur dank beträchtlicher Arbeitsemigration in Grenzen.

(17) Handbuch der europäischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Band 6, S. 894.

(18) Vgl. dazu den kurzen Aufsatz von Fred Singleton »Yugoslavia’s Foreign Trade und External Relations«, in: »Südosteuropa in Weltpolitik und Weltwirtschaft der achtziger Jahre«, Hrsg. Roland Schönfeld, München 1983, S. 227.

(19) Bei den ebenfalls in Kroatien überrepräsentierten Exportindustrien lag der Satz teilweise sogar bei 93%.

(20) Der Bund durfte beispielsweise – abgesehen vom zur Förderung rückständiger Gebiete eingerichteten Entwicklungsfonds – keine außerbudgetären Fonds mehr bilden, und selbst die für diesen Fonds aufzubringenden Mittel wurden auf weniger als 2% des Sozialprodukts reduziert.

(21) Holm Sundhaussen, Geschichte Jugoslawiens, Stuttgart 1982, S. 204.

(22) Hans Peter Rullmann, Krisenherd Balkan, Hamburg 1989, S. 29.

(23) Ganz ähnliche Entwicklungsphasen wie Jugoslawien machte übrigens auch mit gewissen zeitlichen Verschiebungen die Sowjetunion durch. Wie in Jugoslawien, so stieß auch »im Vaterland aller Werktätigen« das Stalinsche Kommandosystem nach dem Abschluß der ersten Wiederaufbauphase an seine Grenzen. Der anstehende Übergang von einem extensiven Tonnenwachstum zu einem modernen industriellen Entwicklungsprogramm ließ sich in den überlieferten etatistischen Formen nicht bewerkstelligen. Der Prozeß der Entstalinisierung und der Versuch, die Sowjetökonomie durch die Aufnahme marktwirtschaftlicher Elemente auf Vordermann zu bringen, bildeten in dieser Situation zwei Seiten der gleichen Medaille. Die Reformversuche liefen aber auf die Quadratur des Kreises hinaus und konnten weder im Sowjetreich noch auf dem Balkan das erwünschte Ergebnis bringen. Ihr Scheitern entzog auch dem Tauwetter seine Grundlage, und die Sowjetunion verfiel nach dem Sturz Chruschtschows 1964 mit dem Beginn der Breschnewära in eine Totenstarre. In Jugoslawien vollzog sich dieser Umschlag, »die Rückkehr zu den bewährten Methoden der Partei«, acht Jahre später. Hier wie dort bedeutete er ein perspektivloses simulatives »weiter so«. Als sich diese Simulation nicht mehr aufrechterhalten ließ, folgte in beiden Ländern die panische Flucht in die Reform, die als Erneuerung mißverstandene bedingungslose Kapitulation des ergrauten Modernisierungsregimes vor den Zwangsgesetzen der Konkurrenz und des Weltmarkts.

(24) Zwischen 1955 und 1980 hat sich der Reallohn in Jugoslawien verdreifacht. 1979 kam es erstmals zu einem massiven Reallohneinbruch von immerhin 7%. 1980-84 verringerte er sich um rund ein Drittel. Ohne die kompensatorische Wirkung des internationalen Kredits hätte diese Talfahrt schon 10 Jahre früher beginnen müssen.

(25) Diese Entwicklung hatte sich schon in den 60er Jahren angebahnt. 1963 stammten noch 51,6% aller betrieblichen Investitionen aus Haushaltsmitteln und nur 8,3% aus der Kreditvergabe der Banken. 1970 hatten sich die Verhältnisse bereits umgekehrt. Nur noch 13,4% der Investitionsmittel stellten die staatlichen Haushalte bereit, dagegen steuerten die Banken satte 44,1% bei. Ursprünglich sorgte die reale Redistributionsgewalt des Staatshaushaltes für die Entkopplung der Investitionsmittel von den Eigenmitteln der Investoren. Die Reformen änderten an dieser Entkopplung nichts. Sie emanzipierten die Investitionspolitik aber von ihrer realwirtschaftlichen Basis. Die vom Staat zu aberwitzig niedrigen Zinssätzen verdonnerten und seit dem Ende der 70er Jahre beständig am Rande des Bankrotts schwebenden Banken öffneten den einzelbetrieblichen Investoren den Zugang zu fiktivem, von jedem Wertschöpfungsprozeß abgelösten Kapital. Nicht nur die Investoren profitierten auf Kosten jeder gesamtwirtschaftlichen Rationalität von dieser Geldpolitik; bei Zinssätzen, die deutlich unter der Inflationsrate lagen, verschuldeten sich auch die privaten Konsumenten nach Leibeskräften.

(26) 1966 liefen 6,9 Mrd. Dinar um. Innerhalb von 10 Jahren versiebenfachte sich der Notenumlauf auf 49,1 Mrd. Dinar. Bis 1980 setzte sich diese Entwicklung weiter fort. In diesem Jahr zirkulierten bereits 116 Mrd. Dinar. Danach geriet das Geldmengenwachstum, trotz des propagierten Austerity-Programms, endgültig außer Kontrolle. 1981: 148,9 Mrd, 1982:195,6 Mrd. 1983: 249 Mrd. Dinar.

(27) Schon 1970 betrug die Erhöhung der Lebenshaltungskosten 11% jährlich, 1971 sogar 18 %.

(28) Fünf Jahre vorher war sie nur halb so hoch gewesen.

(29) Zu den Schulden bei ausländischen Banken kommen noch 7 Mrd. Dollar Devisenschulden bei den eigenen Staatsbürgern hinzu.

(30) So das Mitglied des ZK des BdKJ Vlado Jonzic, in Politika, 9.4.1982, zitiert nach Irena Reuter Hendrichs, »Die Reformdiskussion in Jugoslawien«, in: Südosteuropa in Weltpolitik und Weltwirtschaft der achtziger Jahre, München 1983, S. 30.

(31) A.a.O., S. 31.

(32) A.a.O., S. 32.

(33) Thomas Brey, Jugoslawien: Der Vielvölkerstaat zerfällt, in: Osteuropa Mai 1991, S. 419.

(34) Zitiert nach: Osteuropa Archiv Dez. 1986, S. 618.

(35) In den rückständigen Gebieten lag deren Anteil sogar noch höher, in Montenegro etwa bei 86%.

(36) Eine besonders zugespitzte Situation bot sich schon zu Beginn der 80er Jahre natürlich den albanischen Studenten. An der Universität von Pristina studierten damals 50.000 Studenten. Kaum einer von ihnen hatte aber irgendeine berufliche Perspektive. Die Alma mater ersetzte nur das Arbeitsamt und sorgte für eine Schönung der amtlichen Beschäftigungslosen-Statistiken. »Ohne Rücksichtnahme auf die tatsächlichen Bedürfnisse und Kapazitäten der Provinz war der Versuch unternommen worden, gravierende Probleme auf dem Arbeitsmarkt kurzfristig durch die Umleitung des Stroms arbeitssuchender Jugendlicher an die Hoch- und Fachschulen Kosovos zu überdecken« (Jens Reuter, Die Albaner in Jugoslawien, München 1982, S. 79). Vor diesem Hintergrund kann es kaum überraschen, daß die Universität Pristina im März 1981 als der Ausgangspunkt der gewaltsamen Unruhen im Kosovo Schlagzeilen machte.

(37) Die Inflation lag, wie bereits beschrieben, höher als der amtlich festgesetzte Zinssatz.

(38) Diese Angaben sind allesamt dem Handelsblatt vom 24.5.1989 entnommen.

(39) Die Slowenen leiteten damit übrigens keinen neuartigen Trend ein. Die Mobilität der Bevölkerung Jugoslawiens folgte schon in den 70er Jahren dem Prinzip ethnischer Polarisierung. Die Mutterrepubliken hatten für gewöhnlich einen positiven Wanderungssaldo zu verzeichnen. Von 1975 bis 1985 zogen beispielsweise 70.293 Serben aus Bosnien-Herzegowina ins eigentliche Serbien, während nur 17.934 den umgekehrten Weg gingen. Die gleiche Grundtendenz läßt sich auch zwischen Kroatien und Bosnien-Herzegowina ablesen. Die Zahl der kroatischen Abwanderer überstieg die der Zuwanderer um 39.643. Außerdem verließen zahlreiche Serben ihre angestammte kroatische Heimat, um sich in Serbien anzusiedeln. Eine dramatische Lage bot auch in dieser Beziehung das Kosovo. Den massenhaften Rückzug von Serben und Montenegrinern aus der bis dahin autonomen Provinz, die Zahl der Abwanderungen erhöhte sich von 45.058 im Jahre 1961 auf 120.934 im Jahr 1981, werteten die serbischen Nationalisten denn auch als »Vertreibung« aus der Wiege des Serbentums. Die Zahlen sind allesamt dem Aufsatz von Milan Milosevic, Nacije i migracije (Nationen und Wanderungsbewegungen) entnommen. Er erschien in der NIN, Nr. 1820 vom 17.1.1985 und wurde in deutscher Sprache im Osteuropa-Archiv Mai 1986, S. 274 f. publiziert.

(40) SZ vom 27.6.1989.

(41) Thomas Brey, Jugoslawien: Der Vielvölkerstaat zerfällt, in: Osteuropa Mai 1991, S. 421.

(42) Die landesweite interne Verschuldung schätzte das »Handelsblatt« in der Ausgabe vom 16.10.89 auf 40 bis 60 Milliarden Dollar!

(43) Diese Grundproblematik betrifft natürlich nicht nur Jugoslawien, sondern alle osteuropäischen »Reformstaaten«. Was Jugoslawien von seinen in ihren Entwicklungsniveaus homogeneren östlichen Nachbarländern unterscheidet, ist nur die Tatsache, daß der Kampf für oder gegen die Reform hier von vornherein auch eine regionale Komponente angenommen hat, ja annehmen mußte. Warum, das liegt eigentlich auf der Hand. Die Umsetzung der Reformen traf die zurückgebliebenen Landesteile wesentlich härter als die am höchsten entwickelten. Überdies benachteiligte sie im inneren Verteilungskampf systematisch die »armen« Landesteile gegenüber den »reichen«. Die politische Polarisierung pro oder kontra Markt fällt vor diesem Hintergrund mit einer regionalen zusammen. Vergleichbare Ausgangsbedingungen führen zu vergleichbaren Konfliktkonstellationen und ähnlichen Ergebnissen. Neben Jugoslawien prägten auch die Sowjetunion und die Tschechoslowakei enorme Entwicklungsgefälle. In allen drei Ländern setzten sich in den »reichen« Regionen die liberalen Kräfte durch, während die abgehalfterten Industrie- und Agrardistrikte durch die Bank sich zu Hochburgen der »Konservativen«, bzw. »Kommunisten« entwickelt haben. Keiner dieser drei Staaten existiert heute noch.

(44) Spiegel 40/1989.

(45) A.a.O., S. 90.

(46) »Handelsblatt« vom 27.4.89.

(47) »16.300 Dinar (rund 2,25 DM) kostet eine Fernsprechminute Belgrad-München. Das sind 163 mal eine 100-Dinar-Münze, höhere Geldwerte gibt es nicht. Nicht einmal der Fingerfertigkeit eines Zauberkünstlers würde es gelingen, so viele Münzen in so kurzer Zeit in den Schlitz zu stecken« (»SZ« vom 27.6.89).

(48) Thomas Brey, Jugoslawien: Der Vielvölkerstaat zerfällt, in: Osteuropa Mai 1991, S. 519.

(49) Die Albaner, die nicht herausgesäubert wurden, gingen angesichts der allgemeinen antialbanischen Repression von selber. Thomas Brey resümiert diese sich Anfang 1989 zuspitzende Entwicklung folgendermaßen: »Seit April verließen fast alle Albaner den Bund der Kommunisten, die Gewerkschaften, die Sozialistische Allianz und andere gesellschaftspolitische Organisationen. Die jahrzehntelangen Säulen der Gesellschaft wurden damit zu unbedeutenden Splittergruppen, die nur von einigen wenigen Serben am Leben erhalten wurden« (a.a.O., S. 521). Diese »unbedeutenden Splittergruppen« monopolisierten allerdings zugunsten der serbischen Minderheit, was an administrativem Instrumentarium übriggeblieben war.

(50) Die Angaben sind einem am 22.12.85 in der NIN veröffentlichten Aufsatz von Aleksandar Tijanic entnommen. Der Beitrag dieses jugoslawischen Militärs liegt auszugsweise in deutscher Übersetzung vor, in: Osteuropa-Archiv Okt. 1986, S. 502 f.

(51) Georgije Jovicic, der Vorsitzende des Komitees des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens in der jugoslawischen Volksarmee, kritisiert in seinem Artikel die Metamorphose der Volksarmee in einen uniformierten Schweinezuchtbetrieb nicht, sondern begrüßt sie als Beitrag zur Kostensenkung. Er will mit dieser Erfolgsmeldung klarlegen, wie preiswert die jugoslawische Volksarmee doch mittlerweile Sicherheit produziert. Vor diesem Hintergrund könnten die Zahlen möglicherweise übertrieben sein. Andererseits ist wohl anzunehmen, daß die einzelnen Armee-Einheiten ihre vorgesetzten Stellen nicht über ihre gesamte fachfremde wirtschaftliche Tätigkeit ins Bild gesetzt haben. Wie dem auch sei, die in den Ausführungen von Generaloberst Jovicic aufscheinende Tendenz bleibt allemal ebenso bezeichnend wie seine Wertung dieser Entwicklung.

(52) Jugoslawien gehörte traditionell zu den größeren Waffenexporteuren in Europa. Rüstungsgüter made in Jugoslavia gingen dabei vorwiegend in die blockfreien Länder des Nahen Ostens und nach Südamerika. Als Ende der 80er Jahre mit der Verschärfung der jugoslawischen Krise die Touristen ausblieben, stieg der Waffenexport zum wichtigsten Devisenbringer überhaupt auf. Innerhalb Jugoslawiens waren die rüstungsindustriellen Standorte sehr ungleich verteilt. Aus strategischen Gründen lag ihr Hauptschwerpunkt in Bosnien-Herzegowina. Für diese wenig entwickelte Republik war der militärische Sektor wohl der entscheidende Wirtschaftsfaktor überhaupt. In Slowenien, Kroatien, der Vojvodina und den grenznahen Regionen Serbiens kam ihm hingegen nur eine untergeordnete Rolle zu.

(53) In fast allen Ländern, die ein starkes wirtschaftliches Binnengefälle aufweisen, sind die Angehörigen der wirtschaftlich schwächeren Gebiete im Staatsapparat deutlich über repräsentiert. Angesichts hoher Arbeitslosigkeit und mangels Alternativen ist die Karriere in diesem Bereich für sie durchaus attraktiv, während schon die relativ gerin ge Besoldung die Privilegierten aus den ökonomischen Siegerregionen« abschreckt. Besonders augenscheinlich wird das meist bei den »Sicherheitsapparaten«.

(54) Mit dem Streichen von Nullen waren zumindest die älteren Jugoslawen bereits vertraut. Zum dem gleichen Kunstgriff hatte 1966 schon einmal die Tito-Administration Zuflucht genommen. Die alten und die neuen Dinar unterschieden sich damals allerdings nur um zwei Stellen.

(55) Die Abweichung ist ebenso beträchtlich wie charakteristisch. Alle offiziellen Zahlen sind in Jugoslawien mit Vorsicht zu genießen, sie können nicht mehr als einen gewissen Anhaltspunkt liefern. Wer Statistiken aus der Titozeit zu Rate zieht, muß mit einer Phantasiekomponente rechnen. Der Übergang zur Marktwirtschaft hat an dieser Neigung zum Phantastischen nichts geändert, im Gegenteil.

(56) Das in den beiden letzten Abschnitten verwendete Zahlenmaterial habe ich ausnahmslos dem bereits mehrfach zitierten Artikel von Thomas Brey: »Jugoslawien: Der Vielvölkerstaat zerfällt« entnommen.

(57) A.a.O., S. 424.

(58) Diese Entwicklung zeichnete sich spätestens in der zweiten Hälfte des Jahres 1989 ab. In Slowenien wetterte die Zeitung »Delo« im Dezember gegen den »diskreten Charme des Zentralismus« und wandte sich gegen die Stärkung der Bundesregierung. Binnen kurzer Zeit war diese Position verallgemeinert.

(59) Thomas Brey, a.a.O., S. 515.

(60) »Süddeutsche Zeitung« vom 25.1.1990.

(61) Es erübrigt sich an dieser Stelle fast, darauf hinzuweisen, wie destruktiv das glorreiche nationale Selbstbestimmungsrecht in Jugoslawien wirken mußte. In einem ethnisch durchmischten Gebiet wie Kroatien kann es gar keine vom Nationalitätenstandpunkt korrekte Grenzziehung geben, es sei denn auf der Grundlage von Massenvertreibungen. Das gilt natürlich erst recht für Bosnien-Herzegowina, das als Jugoslawien im Kleinen gelten kann. Das ethnisch relativ homogene Slowenien bildet hier die einzige Ausnahme.

(62) Die Zahlen stammen aus einem Artikel der »Süddeutschen Zeitung« vom 15.1.1992.

(63) 1993 lebten vier Fünftel der Serben unter der offiziellen Armutsgrenze. Die Inflation erreichte im Dezember dieses Jahres eine Million Prozent. Angesichts dieser Zerrüt tungen der Geldwirtschaft werden Löhne mittlerweile für gewöhnlich in Form von Naturalien ausgezahlt.

(64) Zum Vergleich: aus dem übrigen Gesamtosteuropa ohne die Länder der ehemaligen Sowjetunion sollen im gleichen Zeitraum nach der gleichen Schätzung 10 Mrd. Dollar abgeflossen sein.

(65) Pikanterweise ergießen sie sich übrigens vornehmlich in den arabischen Raum. Besonders eng kooperieren die restjugoslawischen Schieber dabei mit Oberst Gaddafi. Neben der Libyen-Connection können sie aber auch andere alte Verbindungen aus der Zeit, als Jugoslawien noch eine zentrale Rolle im Konzert der »Blockfreien« spielte, für lukrative illegale Geschäfte nutzen.

(66) Eine zentrale Rolle als Gelddrehscheibe kommt dabei Zypern zu. Bezeichnenderweise residiert auf der Insel in der Nähe von Larnaka auch die Milosevic-Sippe, soweit sie in Restjugoslawien abkömmlich ist.

(67) »Spiegel« vom 7.2.94.

(68) »Die Welt« vom 26.8.92.

(69) Der Begriff »Schattenwirtschaft« hat damit in Serbien strenggenommen seinen Sinn verloren. Von Schatten kann nur in Kontrast zum Licht die Rede sein. Nur hoffnungslose Euphemisten können in stockdunkler Nacht von Schatten sprechen.

(70) Susanne Gelhard, Ab heute ist Krieg, Frankfurt 1992, S. 54.

(71) Vgl. den recht aufschlußreichen Artikel von Michael Thuman über »die Friedens-Falle«, der am 24.9.93 in der »Zeit« erschien.

(72) »Die Zeit« vom 27.3.1993.

(73) »Die Zeit«, a.a.0.

(74) Als im Frühsommer 1993 Izetbegovic-loyale Teile der bosnischen Armee gegen marodierende Mafiatruppen vorzugehen versuchten, reagierte der ehrenwerte »Caco« prompt und nahm die Söhne des Oberbefehlshabers Rasim Delic und dessen Stellvertreters Jovan Divjak sowie zwanzig Offiziere der Militärpolizei und 200 andere Menschen als Geiseln.

(75) Dieser allgemeine Rückzug aus den öffentlichen Angelegenheiten trifft gerade die oppositionellen Kräfte besonders schwer.

(76) Die kroatische »Armee« steht zusehends vor ganz ähnlichen Problemen. In ihren Reihen tummeln sich denn auch massenhaft abenteuerlustige Exil-Kroaten, die ihren Hauptwohnsitz in Übersee oder nördlich der Alpen haben, und faschistische Kampfsportler aus ganz Europa.