31.12.1996  Beitrag drucken

Die Entwertung des Werts

Über die krisenhafte Durchsetzung des Wertgesetzes auf dem Weltmarkt

aus: Weg und Ziel 3/96

Norbert Trenkle

Eines der zentralen ungelösten Probleme der Kritik der Politischen Ökonomie ist die Frage nach dem Verhältnis von Wertgesetz und Weltmarkt oder genauer: die Frage danach, ob das Wertgesetz auf dem Weltmarkt gilt und wie es sich dort durchsetzt. Marx selbst hat diese Frage nie systematisch behandelt, sondern nur hier und dort gestreift, und die marxistische Theoriebildung hat sie – vermutlich deshalb, weil sie sich dabei nicht auf die Autorität des Meisters berufen konnte – im allgemeinen links liegen lassen. Eine bemerkenswerte Ausnahme bildet die Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre geführte Diskussion um das „Theorem des ungleichen Tauschs“. Einst höchst prominent und in jeder imperialismuskritischen Schrift zum Verhältnis von „Erster“ und „Dritter Welt“ bemüht, ist es heute fast in Vergessenheit geraten. Der größte Teil seiner ehemaligen Anhänger ist längst zur Marktwirtschaftsreligion übergelaufen und will von Ausbeutung und Verelendung nichts mehr hören. Nur ein Resthäuflein unermüdlicher Alt-Neomarxisten spult gelegentlich die alte Leier ab, ohne dabei auch nur einen Millimeter über den Diskussionsstand – und das heißt auch: die Aporien – der 70er Jahre hinauszukommen.

Als Strafe für diese Denkfaulheit sind die einst revolutionär gemeinten Gedanken in Kreisen der Dritte-Welt-Solidarität, insbesondere im Umfeld der Kirchen, endgültig zur ideologischen Kenntlichkeit gelangt. Die scheinkritische Forderung nach „gerechten Preisen“ für die Länder des Südens, zeugt nicht nur von einer grenzenlosen Naivität gegenüber den Zwangsgesetzen des warenproduzierenden Weltsystems, vor allem ist sie in ihrem Innersten zutiefst affirmativ. Das kapitalistische Prinzip des Jeder-nach-seiner-Leistung wird nämlich nicht etwa in Frage gestellt, sondern im Gegenteil noch in den Rang höchster moralischer Dignität erhoben. Zwar liegt diese Wendung durchaus schon in der Logik des Theorems vom ungleichen Tausch (1), dennoch kann die Diskussion der 60er und 70er Jahre nicht darauf reduziert werden. Sie bewegte sich immerhin auf einem ökonomiekritischen Niveau, daß man heute vergeblich suchen muß, und an dem kritisch angeknüpft werden kann. Allerdings muß ein Perspektivwechsel vollzogen werden. In der alten Debatte ging es letztlich immer darum, ob und wie die Länder des Südens sich vom Joch der Ausbeutung befreien und einen eigenständigen Weg nachholender Modernisierung („autozentrierte Entwicklung“) beschreiten könnten. Doch dieser Standpunkt ist evidenterweise obsolet geworden. Angesichts der gewaltigen Verheerungen, die das System des totalen Marktes weltweit produziert, müssen wir uns heute vielmehr fragen, ob nicht gerade die Durchsetzung eines globalen Wertniveaus, das Niederreißen der nationalökonomischen Schranken, identisch ist mit dem katastrophischen Ende der warenproduzierenden Moderne.

Rekapitulieren wir zunächst noch einmal die Grundzüge der Diskussion um den ungleichen Tausch. Ausgelöst wurde sie durch das Buch „L’échange inégal“ (Paris 1969) des aus Algerien stammenden Arghiri Emmanuel. Seine Grundaussage lautet, daß vermittelt über den Weltmarkt ein Werttransfer aus den Ländern der Peripherie in die kapitalistischen Zentren stattfinde und also die Armut im Süden direkt den Reichtum des Nordens finanziere. Ich möchte hier jetzt nicht Emmanuels Argumentation im einzelnen nachvollziehen, die erhebliche theoretische Schwächen und Inkonsistenzen aufweist und als solche kaum weiterführend ist.(2) In seiner ziemlich wirren Version einer „Wertheorie“ wirft Emmanuel alle möglichen Kategorien und Argumentationsebenen (Mehrwert, Lohn, organische Zusammensetzung des Kapitals etc.) ziemlich willkürlich durcheinander. Das Ganze gipfelt in der Behauptung, die niedrigen Löhne in der „Dritten Welt“ seien nicht etwa Folge sondern Ursache der „Unterentwicklung“ (3).

Auf die vielen Widersprüchlichkeiten und Widersinnigkeiten haben Emmanuels marxistische Kritiker (u.a. Bettelheim und Mandel) sehr bald hingewiesen. Mandel wartete daraufhin mit einer anderen Fassung des Theorems vom ungleichen Tausch auf, die sich bald als weitgehend verbindlich durchsetze und heute noch teilweise durch die Gegend geistert.(4) Im Gegensatz zu Emmanuel sah Mandel den Mechanismus des ungleichen Tauschs von Werten in der Konkurrenz zwischen Unternehmen der gleichen Branche angelegt. Ein Werttransfer finde nämlich darüber statt, „daß auf dem Weltmarkt die Arbeitsstunde des entwickelten Landes als produktiver und intensiver gilt als die des zurückgebliebenen“ (5). Deshalb erhalte das periphere Land für jede aufgewandte Arbeitsstunde im Austausch auf dem Weltmarkt nur den Gegenwert einer viel geringeren in Waren dargestellten Arbeitszeit zurück. Bei einem Produktivitätsverhältnis von 1:4 bestehe dann zum Beispiel der „ungleiche Tausch im Tausch des Produkts von 300 gegen das Produkt von 1 200 Millionen Arbeitsstunden“ (6). Es ist offensichtlich, daß Mandel hier die Wertseite und die stoffliche Seite des Äquivalententausches einfach durcheinander wirft. Natürlich erhält das weniger produktiv operierende Unternehmen bzw. Land nicht den Gegenwert für die tatsächlich aufgewandten Arbeitsstunden vergütet, denn die über dem gesellschaftlich notwendigen Durchschnitt verausgabte Arbeitszeit ist ungültig: sie stellt keinen Wert dar.

Der Wert ist eine gesellschaftliche Zwangskategorie, ist die Abstraktion von allen konkret-sinnlichen Eigenschaften der Produkte und von den spezifischen Bedingungen ihrer Produktion; er setzt Maßstäbe, denen sich jeder beugen muß. Vermittelt über die Zwangsgesetze der Konkurrenz verallgemeinert sich immer das jeweils höchste Produktivitätsniveau, und all diejenigen, die es nicht erklimmen können, werden in den Ruin getrieben. Doch dieser Prozeß funktioniert nicht nach der Logik des Raubrittertums. Zwar steht immer schon vorher fest, daß es Gewinner und Verlierer geben wird, und auch, daß die Verlierer kaum mehr auf die Beine kommen werden, dennoch findet hier keine einfache Ausplünderung statt. Wenn Marx davon spricht, daß die produktiveren Unternehmen einen „Extramehrwert“ auf Kosten ihrer unterlegenen Rivalen erzielen, so ist dies keinesfalls so zu verstehen, als würden „Wertquanten“ aus dem einen Betrieb in den anderen übertragen, so als handle es sich dabei buchstäblich um gefrorene Arbeitsstunden (7). Vielmehr ist die produktivere Arbeit potenzierte Arbeit und stellt aus diesem Grund mehr Wert dar, der sich natürlich auch in einem größeren Warenquantum (also in einem höheren Anteil am stofflichen Reichtum) ausdrückt. Dies ist aber kein „ungleicher Tausch“ sondern macht das Wesen des Wertgesetzes aus.

Für den nationalen Markt erkennt Mandel dies zumindest dem Wortlaut nach an (8). Auf dem Weltmarkt aber, sieht er eine andere Logik walten. Da der Wert einer Ware durch die in dem Produktionsland herrschenden Durchschnittsbedingungen der Produktivität bestimmt werde (9) und also im Weltmaßstab betrachtet nebeneinander durchaus unterschiedliche Wertniveaus existierten, könne im Fall des internationalen Handels durchaus von einem Werttransfer in Form eines Nichtäquivalententauschs gesprochen werden. Mandel: „Der ungleiche Tausch führt daher zum Werttransfer (Transfer von Arbeitsquanten, d.h. Wirtschaftsressourcen) nicht im Gegensatz zum Wertgesetz, sondern in Anwendung des Wertgesetzes(10). Der richtige Kern dieses Gedankens besteht nun darin, daß in der Tat auf dem Weltmarkt durchaus unterschiedliche Produktivitäts- und damit Wertniveaus nebeneinander existieren oder, so muß man heute fast schon sagen, existierten. Dies gilt allerdings grundsätzlich nur solange, wie der Weltmarkt nicht als solcher unmittelbar der Bezugsrahmen der Wertproduktion ist, sondern sich die Nationalökonomien als Filter oder Vermittlungsinstanzen dazwischen schieben. Unter diesen Voraussetzungen (die man im großen und ganzen für die frühen 70er Jahre noch anerkennen kann) gelten auf den verschiedenen Binnenmärkten verschiedene Wertmaßstäbe. Ausdruck hiervon ist primär die Existenz verschiedener Landeswährungen, sowie außerdem die unterschiedlichsten Formen von Handelsbeschränkungen (Zölle, Import- und Exportverbote oder -kontingente etc.).

Soweit eine Ware für den Binnenmarkt produziert und dort vertrieben wird, gilt für sie der jeweilige nationale Wertmaßstab. Das heißt, sie vergleicht sich mit all den anderen Waren, die in dem Land (d.h unter den dort gültigen durchschnittlichen Produktivitätsbedingungen) hergestellt wurden oder mit Weltmarktwaren, die vermittelt über den Wechselkurs und Zollaufschläge monetär an diese Bedingungen angeglichen worden sind. Doch dies ändert sich, sobald dieselbe Ware auf den Weltmarkt geworfen wird. Hier herrschen andere Durchschnittsbedingungen und nur an diesen hat sie sich jetzt zu messen. Diese Durchschnittsbedingungen aber werden letztlich von den führenden Weltmarktländern (d.h. von dem dort herrschenden Produktivkraftniveau diktiert (11). Vor diesem Richtstuhl stellt die betreffende Ware, soweit sie aus einem peripheren Land stammt, nun in der Tat einen geringeren Wert dar, als auf dem geschützten Heimatmarkt. Dennoch kann hier ebensowenig von einem „Werttransfer“ gesprochen werden, wie im Fall zweier unterschiedlich produktiver Kapitalien auf einem geschlossenen Markt. Denn die Differenz zwischen dem betreffenden „nationalen“ und dem „internationalen“ Wert fließt ja nicht in die Kassen irgendeines Konzerns oder westlichen Staates, sie verpufft schlicht und einfach im Nichts. Diese Differenz existiert ja nicht – um es nochmal zu betonen – als materielle Substanz, die irgendwo produziert wurde und nun hin- und hergeschaufelt werden kann, so wie es sich der nationalökonomische und traditionelle marxistische Positivismus vorstellt. In ihr drückt sich vielmehr der Unterschied zwischen zwei auseinanderklaffenden und daher nicht einfach addierbaren Wert- und Produktivitätsniveaus aus. Der Form nach ist die betreffende Ware zwar auf dem nationalen ebenso wie auf dem internationalen Markt Trägerin von Wert, doch die Wertmaßstäbe sind eben nicht identisch. Wenn die in dem peripheren Land produzierte Ware auf dem Weltmarkt zu einem relativ niedrigen Wert realisiert wird, dann drückt sich darin nur aus, daß sie in ein anderes Bezugssystem geraten ist.

Es ist also eine völlig falsche, fetischistische Vorstellung, die Wert- bzw. Kapitalakumulation in den Gewinnerländern des Weltmarkts speise sich aus der in der „Dritten Welt“ zusammengeräuberten Wertmasse. Dabei handelt es sich nicht um eine Frage von Quantitäten, die auf der empirischen Ebene entschieden werden könnte, nach dem Motto: Wie hoch ist der Anteil des westlichen Reichtums, der auf der Ausplünderung des Südens basiert? Auf dieser Ebene läßt sich alles und nichts belegen, und sehr leicht kann man auch zu dem Ergebnis kommen, daß „wir“ uns „unseren Wohlstand“ ja eigentlich doch mit „ehrlicher Arbeit“ sauer verdient hätten und die „Dritte Welt“ letztlich selbst schuld sei an ihrem Elend. Hier schlägt eine primitive Ausbeutungsanalyse unvermittelt in eine nicht weniger einfach gestrickte Systemaffirmation um, eine widerliche Tendenz, die sich seit Beginn der 90er Jahre selbst in ehemals linken Kreisen der Dritte-Welt-Solidarität durchgesetzt hat (12).

Darum geht es nun aber überhaupt nicht. Zu bestreiten, daß es einen „ungleichen Tausch“ auf dem Weltmarkt gibt, heißt alles andere als das Hohelied der Marktwirtschaft zu singen oder gar einem Wohlstands- und Ausgrenzungschauvinismus das Wort zu reden. Natürlich gibt es historisch und strukturell einen engen, nicht zu leugnenden Zusammenhang zwischen der fortschreitenden Verelendung des größten Teils der Welt und der kapitalistischen Akkumulation in den Zentren des Weltmarkts. Natürlich fand und findet ein gigantischer Ressourcentransfer aus den Ländern des Südens in die des Nordens statt. Und natürlich ist es keinesfalls so, daß sich über den Welthandel eine internationale Arbeitsteilung durchsetzen würde, von der alle Beteiligten (wenn auch in unterschiedlichem Maße) profitieren. Das berühmte Ricardosche Theorem von den „Komparativen Vorteilen im auswärtigen Handel“ war nie mehr als die Rechtfertigungsideologie der jeweils führenden Weltmarktnationen.

Doch der Mechanismus, über den sich dieser Gleichschritt von warenförmigem Reichtum und Massenelend am Weltmarkt herstellt und hergestellt hat, besteht nicht in einem Werttransfer, sondern in der systematischen Durchsetzung eines weltweit gültigen Produktivitätsstandards, der alle auf niedrigeren nationalen oder regionalen Wertniveaus getätigten Produktionen für ungültig erklärt und vernichtet. Dieser Durchsetzungsprozeß hat natürlich seine jahrhundertelange Geschichte, die ich hier nicht nachzeichnen kann. Festhalten möchte ich nur, daß Nebeneinander unterschiedlicher Produktivitätsniveaus am Weltmarkt immer unhaltbarer wurde, je weiter sich die Warenproduktion als gesellschaftliche Reproduktionsform weltweit etablieren konnte. Immer höhere Barrieren mußten die Staaten errichten, die ihre nationalen Produzenten vor der destruktiven internationalen Konkurrenz schützen wollten, bis unter dem Druck klaffender Produktivitätslücken, steigender Kosten und wachsender Schuldenberge schließlich kein anderer Weg mehr blieb, als die totale Öffnung der Märkte.

Empirisch ist diese Entwicklung häufig beschrieben worden. Wie aber läßt sie sich theoretisch erklären? Wir müssen dazu die Wirkungsweise des Wertgesetzes auf Weltmarktebene noch einmal genauer betrachten. Ich hatte bereits darauf hingewiesen, daß auf dem Weltmarkt, im Gegensatz zum nationalen Markt, auch größere Produktivitätsunterschiede zwischen Unternehmen aus verschiedenen Ländern für längere Zeiträume nebeneinander existieren können. Wie kommt dies zustande? Sehen wir einmal von Zöllen und sonstigen nichttarifären Handelsschranken ab, so ist es der sogenannte Schutzmechanismus der Wechselkurse, der dieses Kunststück ermöglicht. Ein Produktivitätsunterschied von sagen wir 1:4, wie ihn Mandel in seinem Rechenexempel verwendet, könnte auf einem nationalen Markt (unter Bedingungen freier Konkurrenz) niemals bestehen, denn das unterproduktive Unternehmen würde binnen kürzester Zeit bankrottieren. Beim Handel zwischen zwei Nationen dagegen können die Niveaus auf der monetären Ebene durch eine proportional umgekehrte Währungsrelation von 4:1 einander angeglichen werden. Dem Preisausdruck nach ist dann die Ware des weniger produktiven Landes bzw. Unternehmes durchaus konkurrenzfähig.(13)

Doch dieser rein monetär vermittelte, also bloß oberflächliche Ausgleich der Produktivitätdifferenz gewährt nur einen temporären Aufschub von einigen Jahren oder allenfalls ein paar Jahrzehnten. Denn der Druck des Weltmarkts hält nicht nur an, sondern verstärkt sich sogar noch und zwar von zwei Seiten her. Zum einen schreitet die Produktivitätsentwicklung ja fort, weshalb das unterproduktive Land nun alle Anstrengungen unternehmen muß, um wenigstens nicht noch weiter zurückzubleiben. Zum zweiten aber verteuert jede Abwertung auch die Importe, und dies wiederum schlägt negativ auf die Exportproduktion zurück. Denn anders als im Ricardoschen Theorem der „Komparativen Vorteile“, das in abgewandelter Form immer noch von der Volkswirtschaftstheorie bemüht wird, tauschen zwei Länder ja nicht völlig unabhängig voneinander produzierte Spezialprodukte aus. Vielmehr ist die moderne Warenproduktion weltweit so sehr ineinander verflochten, daß jede Exportproduktion ihrerseits nur auf der Basis vielfältigster Importe möglich ist. Insbesondere industriell wenig entwickelte Länder müssen, um überhaupt weltmarktfähig zu werden bzw. zu bleiben, ungeheure Mengen an Produktionsmitteln, Vorprodukten, Grund- und Rohstoffen einführen. Dies gilt selbst noch für die Rohstoffförderung und Agrarwirtschaft, die ja ebenso wie alle anderen Sektoren auch in den Produktivitätswettlauf eingebunden sind (14). Insofern ist die Währungsabwertung immer ein zweischneidiges Schwert, und der „Schutzmechanismus der Wechselkurse“ kann leicht eine Abwertungsspirale einleiten, in der die Wettbewerbsfähigkeit des betreffenden Landes vollends unter die Räder kommt.

Auf der Wertebene läßt sich dieser Mechanismus in etwa wie folgt beschreiben: Mit jedem relativen Absacken der Produktivität stellt die in Land A aufgewandte Arbeit gemessen am Weltniveau ein immer geringeres Wertquantum dar. Damit sind nicht nur die dort hergestellten Waren international gesehen weniger wert, zugleich müssen auch immer mehr nationale Arbeitsstunden aufgewandt werden, um das notwendige Produktivkapital in Form von Maschinen, Vorprodukten etc. einzuführen. Dies aber führt zu einer weiteren Verschlechterung der Wert- bzw. Kapitalproduktivität, denn nun müssen unter relativ schlechteren Bedingungen relativ höhere Portionen an fixem Kapital verwertet werden. Das heißt: Jede Vergrößerung der Produktivitätsdifferenz zum Weltmarktniveau löst einen mehr oder weniger starken „Multiplikatoreffekt“ aus, der die Lage noch weiter verschlechtert.

Auf die Dauer bietet also auch die Währungsgrenze keinen Schutz vor dem Druck der weltweit fortgeschrittensten Produktivität. Und je steiler das Gefälle zwischen den verschiedenen Niveaus ist, desto schwieriger gestaltet sich natürlich der Versuch, die Lücke zu schließen. Was den Spätstartern der kapitalistischen Modernisierung im 19. Jahrhundert (insbesondere Deutschland, Italien und Japan) noch gelang, war für die Nachzügler des 20. Jahrhunderts nicht mehr zu schaffen. Schon die Strategie der „Importsubstitution“ der 50er und 60er Jahre schuf sehr schnell einen hohen Importbedarf an Produktivkapital, der wertmäßig nicht durch entsprechende Exporte gedeckt werden konnte. Eine Zeitlang ließ sich dies durch Plünderung der Naturressourcen, Überausbeutung der Arbeitskraft und Auslandsverschuldung überdecken (insofern fand und findet tatsächlich ein gewaltiger Transfer stofflicher Ressourcen von Süd nach Nord statt). Doch spätestens der ungeheure Produktivitätsschub der „mikroelektronischen Revolution“ machte alle Hoffnungen zunichte. Die Folge war die Durchsetzung eines weltweit gültigen Wertniveaus, nicht auf dem Wege einer Angleichung nach oben, sondern des Abrasierens aller „unproduktiven“ Produktionen; mit anderen Worten: die Deindustrialisierung ganzer Länder und Regionen im Osten und Süden. Letztlich blieben nur solche Industrien und „Dienstleistungen“ erhalten, die direkt als Teil eines der von vorneherein global orientierten Produktionsaggregate fungieren, und die im übrigen nur einem Bruchteil der Weltbevölkerung die Möglichkeit bieten, ihre Arbeitskraft zu verkaufen (oft genug unter miserablen Bedingungen).

Im totalen Weltmarkt ist der Kapitalismus zwar nun endgültig zu sich gekommen, doch keinesfalls in jenem glorreichen Sinne, wie seine Hofsänger es verkünden. Die Auflösung der Nationalökonomien ordnet sich vielmehr in einen globalen Krisenprozeß ein, der die Fundamente der modernen Warenproduktion selbst untergräbt. Erstens ist die Durchsetzung des einen Wertstandards auf dem Wege der breitflächigen Deindustrialisierung gleichbedeutend mit der weltweiten Abschmelzung der Wertbasis (und damit auch der Verwertungsfähigkeit) des Kapitals. Zweitens – und auf diesen Punkt möchte ich hier noch kurz eingehen – ist der totale Weltmarkt schon deshalb prekär, weil dem überall gültigen Wertniveau keinesfalls ein weltweiter Wertmaßstab entspricht. Dies erscheint paradox, doch drückt sich darin nur ein unauflösbarer Widerspruch aus, der auf die Unhaltbarkeit des warenproduzierenden Weltsystems verweist. Der Goldstandard läßt sich nicht wiedereinführen, ohne gewaltige Kontraktionen des Finanzüberbaus mit entsprechend katastrophalen Rückwirkungen auf die Realökonomie zu provozieren; seine Aufhebung war nämlich Voraussetzung (und zugleich Folge) der völligen Entfeselung der Verwertungslogik im fordistischen Boom (15). Andererseits kann es aber auch nie einen Weltstaat geben, der ein einheitliches, überall gültiges Papier- bzw. Buchgeld einführt und garantiert; denn dies würde als notwendige (wenn auch nicht hinreichende) Bedingung eine weltweite ökonomische Homogenisierung erfordern, die ja gerade durch die Zwangsgesetze des Weltmarkts verhindert wird.

Diese Lücke können auch die Währungen der relativ stärksten Länder (insbesondere Dollar, DM, Yen und Schweizer Franken) nicht schließen, die sich – nachdem der Dollar seine Monopolstellung als Weltgeld eingebüßt hat – als parallele Ersatzmaßstäbe durchgesetzt haben. Dagegen spricht schon, daß es sich eben nicht um ein Wertmaß,sondern um mehrere handelt, die nebeneinander existieren und zunehmenden Schwankungen unterliegen. Darüberhinaus sind auch diese Währungen einem beschleunigten Auszehrungsprozeß ausgesetzt, der sie bald vollend diskreditieren könnte. Hinzu kommt, daß sie im allgemeinen eben doch nur als Parallelgeld neben den fortexistierenden (und meist nicht frei konvertiblen) Landeswährungen fungieren. Solange sich die Nationalstaaten noch einen Rest von Funktionsfähigkeit bewahren, eröffnen sich damit aber auch gewaltige Manipulationsspielräume auf der Ebene der Wechselkurse. Was einmal die „Schutzfunktion der Wechselkurse“ war, wird nun zunehmend gezielt als exzessives Wechselkursdumping eingesetzt (vor allem osteuropäische und ostasiatische Staaten wie China praktizieren diese Art von Wettbewerbspolitik). Das Ziel ist hier nicht mehr, eine bestimmte nationalökonomische Struktur vor dem Druck der übermächtigen Konkurrenz zu schützen, um sie nach und nach auf Weltniveau hinaufzuhieven, sondern besteht bloß noch darin, überhaupt irgendetwas auf dem Weltmarkt verkaufen zu können, um wenigstens ein paar mickrige Devisen an Land zu ziehen.

Unter dieser Prämisse wird der Ausplünderungsprozeß an Mensch und Natur nun beschleunigt fortgesetzt und alles verschleudert, was noch verschleudert werden kann. In gewisser Weise könnte man hier nun tatsächlich von einem Werttransfer sprechen, nur daß eben durch die weltweite Verallgemeinerung dieser Dumpingpolitik letztlich jeder objektive Wertmaßstab verloren geht. Außerdem ist der Vorteil für die Länder des Weltmarktzentrums nur ein sehr relativer, denn der von ihnen durchgesetzte Produktivitätsstandard tritt nun in Konkurrenz zu scheinbar produktiveren Anbietern, deren Konkurrenzfähigkeit allerdings nicht auf höherer Produktivität basiert (wegen billiger Arbeitskraft), sondern einzig und allein auf einer Manipulation der Relationen. Was hier wirklich stattfindet ist ein beschleunigter und irreversibler Prozeß weltweiter Wertvernichtung, der die Fundamente des warenproduzierenden Weltsystems untergräbt.

(1) Arghiri Emmanuel, der die Diskussion anstieß, hatte zum Beispiel nichts gegen die Marktwirtschaft an sich einzuwenden, bemängelt aber, daß das Wertgesetz auf dem Weltmarkt verletzt werde und deshalb die Länder der Peripherie unter die Räder kämen (vgl. Klaus Busch, Ungleicher Tausch, in Prokla 8/9, Erlangen 1973 , S. 53).

(2) Ihr rationaler Kern besteht in der These, einen Wertransfer gebe es deshalb, weil die organische Zusammensetzung des Kapitals in den peripheren Ländern durchschnittlich niedriger sei, als in den Weltmarktmetropolen. Emmanuel selbst findet diese Form des Werttransfers allerdings unproblematisch denn sie entspreche ja dem „normalen Funktionieren“ des Wertgesetzes auch auf dem nationalen Markt (vgl. Busch a.a.O., S 52).

(3) Vgl. Busch, a.a.O, S. 53

(4) Vgl. etwa Winfried Wolf, 500 Jahre Conquista, Köln 1992, S. 39

(5) Ernest Mandel, Der Spätkapitalismus, Frankfurt/M. 1973, S. 331

(6) ebd.

(7) Die auch und gerade im Marxismus weitverbreitete Vorstellung, im Wert würde die Arbeit in einem buchstäblichen Sinne dinglich konserviert, ist Ausdruck eines fetischistischen Bewußtseins, das die bürgerliche Verkehrsform ontologisiert.

(8) Mandels Interpretation des Wertgesetzes auf Weltmarktebene verweist allerdings darauf, daß er die Sache nicht begriffen hat, sondern, was den nationalen Markt angeht, sich nur brav an den Wortlaut des „Kapitals“ hält. Dort wo er sich aber nicht mehr auf eindeutige Marxsche Aussagen stützen kann, kommt sein krudes werttheoretisches Verständnis zum Vorschein. Hier erscheint es dann mit einem Mal doch so, als klebe an den Produkten buchstäblich eine bestimmte Portion verausgabter Arbeit, die hin- und hergeschoben werden kann.

(9) „… kann man sagen, daß die national durchaus gesellschaftlich notwendige (unter Bedingungen gesellschaftlich durchschnittlicher Arbeitsproduktivität geleistete) Arbeit international geringer anerkannt wird als jene der fortgeschrittenen Länder, jedoch tatsächlich voll wertbildend ist“ (Mandel, a.a.O., S. 331).

(10) Mandel, a.a.O., S. 332. Auch hier schmeißt Mandel unreflektiert Wertseite und stoffliche Seite durcheinander. Denn ein Abfluß von „Wirtschaftsressourcen“ ist nun mal keinesfalls mit einem Wertabfluß identisch, sondern findet vielmehr vermittelt über den Äquivalententausch statt.

(11) Man kann darüber streiten, ob das am Weltmarkt gültige Wertniveau den Durchschnitt aller dort auftretenden Konkurrenten repräsentiert, wie es etwa Klaus Busch in seinem Buch „Die multinationalen Konzerne“ (Frankfurt/M. 1974) vertritt. Ich vermute eher, daß dies nur scheinbar der Fall ist, weil sich in der Konkurrenz auf dem Weltmarkt immer schon (und immer noch) der Filter der Wechselkurse dazwischenschiebt, es also keinen gemeinsamen Wertmaßstab gibt (dazu weiter unten noch ein paar Bemerkungen). Selbst wenn es aber so wäre, wie Busch behauptet, würde das fortgeschrittenste Produktivitätsniveau weiterhin absolut dominant bleiben.

(12) Anfang 1991 fand beispielsweise in „Konkret“ eine Debatte unter der Überschrift „Leben wir auf Kosten der Dritten Welt?“ statt, in der Kurt Hübner und Jörg Goldberg sich Zahlenkolonnen um die Ohren schlugen, um nachzuweisen, daß „die Ausbeutung der Dritten Welt nicht die Quelle des Wohlstands der Ersten Welt (ist)“ (Hübner in „Konkret“ 2/1991). Winfried Wolf wartete ein Jahr später in seinem Buch „500 Jahre Conquista“ auf der gleichen (empirischen) Ebene mit einer alternativen Berechnung auf, die das gegenteilige Ergebnis abwarf. Theoretisch kam er keinen Milimeter weiter als seine Kontrahenten.

(13) Dieser Ausgleichsmechanismus diente Generationen von Volkswirtschaftstheoretikern seit Ricardo als Argument für die Behauptung, daß ein freier Welthandel letztlich allen Beteiligten Vorteile (wenn auch unterschiedlichen Ausmaßes) beschere. Ricardo setzte bekanntlich den allgemeinen Goldstandard voraus. Er argumentierte dementsprechend nicht mit Wechselkursrelationen, sondern mit sich verändernden Preisniveaus in den miteinander Handel treibenden Ländern. Ein Handelsüberschuß in Land A führe zu Goldzuflüssen, dies zu einer Erhöhung der Geldmenge und dies wiederum zu einer Anhebung der Preise. In Land B vollziehe sich der gleiche Prozeß spiegelbildlich (Goldabfluß und Deflation), bis schließlich das schwächere Land wieder konkurrenzfähig werde. Beide Länder spezialisieren sich dann auf die Produkte, die sie am relativ produktivsten herstellen können (Theorem der komparativen Kostenvorteile). Formal gesehen vollzieht sich dieser Mechanismus auch ohne Goldstandard unter der Voraussetzung von flottierenden Wechselkursen analog auf der Ebene der Währungsrelationen: Handelüberschüsse führen zur Aufwertung und damit zur Verteuerung der Produkte am Weltmarkt und viceversa (hiermit argumentiert übrigens auch Klaus Busch a.a.O. in seiner neoricardianischen Kritik am Theorem vom ungleichen Tausch). Der gravierende, und von der Volkswirtschaftstheorie meist unbeachtete Unterschied besteht allerdings im Fehlen eines weltweiten Wertmaßstabs (Gold). Ich werde hierauf noch kurz zurückkommen.

(14) Die landwirtschaftliche Produktivität (Produktivität hier immer gemeint im kurzfristigen und kurzsichtigen Sinne betriebswirtschaftlicher Rentabilität) ist seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sogar in besonderem Maße gesteigert worden (Einsatz von Maschinen, Chemikalien und besonderen Zuchtpflanzen). Daher „gilt“ die Arbeit des peripheren Kleinbauers wertmäßig so gut wie nichts mehr.

(15) Vgl. dazu Ernst Lohoff, Die harte Landung des Dollar, in Krisis 16/17, Bad Honnef, 1995