31.12.1997  Beitrag drucken

Der Tod des sterblichen Gottes

Skizze über Aufstieg und Fall des Nationalstaats

Ernst Lohoff

1. Anmerkungen zur traditionellen Nationalismusforschung

Wer zu Beginn der achtziger Jahre auf die Idee verfallen wäre, sich nach den Perspektiven des Nationalstaats und der nationalistischen Ideologie zu erkundigen, hätte für gewöhnlich sicherlich eine recht eindeutige Antwort bekommen: Bei der Nation, so die vorherrschende Meinung damals, handelt es sich um ein Auslaufmodell. Man nahm an, daß mit der zunehmenden transnationalen wirtschaftlichen Verflechtung und der damit einhergehenden Verallgemeinerung der westlichen Massenkultur die Bedeutung politischer Grenzen und nationaler Identitäten immer mehr verblassen würde und stattdessen supranationale Zusammenschlüsse die nationalstaatlichen Funktionen zusehends übernehmen. Diesem Grundverständnis folgte auch die offizielle Nationalismusforschung. Ihr galten Nation und Nationalismus vornehmlich als historische Probleme. Die Zeitgeschichtler datierten das Ende des »Zeitalters des Nationalismus« einhellig auf das Jahr 1945. Von dieser Zuordnung blieben nur die Länder der 3. Welt partiell ausgenommen. Nach dieser Einschätzung würde der Nationalismus beim Prozeß »nachholender Modernisierung« als Integrationsideologie noch eine gewisse Rolle spielen; auf dem europäischen Kontinent hingegen, wo einst die Wiege der Nation gestanden hatte, und in allen anderen industriell entwikkelten Gebieten habe der nationale Gedanke seine Zukunft schon hinter sich.

Wer heute, anderthalb Jahrzehnte später, die gleiche Frage stellt, wird kaum mehr die gleiche Antwort erhalten. Die reale Entwicklung hat die weit verbreitete Erwartung vom Absterben des Nationalen dementiert. Stattdessen sehen sich die Beobachter am Ende des 20. Jahrhunderts mit einer zwiespältigen, in sich widersprüchlichen Situation konfrontiert. Während der Prozeß der Globalisierung ein atemberaubendes Tempo erreicht hat und die amtierenden Nationalstaaten zusehends außerstande sind, sich dem Griff des Weltmarktdiktats zu entziehen, schwappt eine Welle des Nationalismus um den Planeten. Zur gleichen Zeit, da sich die westeuropäischen Regierungen wild entschlossen zeigen, den europäischen Binnenmarkt zu vollenden, ja sogar die Einführung einer gesamteuropäischen Währung anvisieren, da in anderen Weltteilen ebenfalls wirtschaftliche Zusammenschlüsse (ASEAN, NAFTA) aufund ausgebaut werden, bestimmen nicht nur im zerfallenen Ostblock, in Afrika und Asien separatistisch-nationalistische Strömungen wesentlich das politische Geschehen; auch im Westen feiern vergessen geglaubte nationalistische Ressentiments fröhliche Urständ. Nationalismus wird heute also merkwürdigerweise gleichzeitig obsolet und hochaktuell.

Die Renaissance des Nationalismus paßt den Apologeten der westlichen Moderne ganz und gar nicht in ihr ach so aufgeklärtes Weltbild. So wenig die Ideologen, die sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion schon in der Vision einer unter der Herrschaft des totalen Marktes geeinten »one world« ergingen, das Phänomen als solches leugnen können, so entschieden bemühen sie sich denn auch, die Wiederkehr des Nationalen aus Raum und Zeit zu eskamotieren. Der neue Nationalismus wird zum Einbruch einer ebenso irrationalen wie anachronistischen Gewalt erklärt und als ein Fremdkörper behandelt, der quasi ex definitione in keiner Beziehung zum Endsieg des Weltmarktes stehen darf.

Gerade diese weitverbreitete entschiedene Abwehr ist aber hochgradig verdächtig. Angesichts des demonstrativ vorgetragenen Unverständnisses der westlichen Demokraten gegenüber dem »nationalistischen Ungeist« drängt sich die Frage auf, ob nicht wie so oft das Tabu auch in diesem Fall unmittelbar auf einen versteckten realen Zusammenhang verweist. Wenn heute die nationalökonomische Substanz weltweit einer beschleunigten Auszehrung unterliegt und parallel dazu nationalistische Ambitionen ins Kraut schießen, beide Entwicklungen aber nicht miteinander zusammenhängen dürfen, liegt dann nicht die Annahme nahe, daß beide Sachverhalte nicht nur zeitlich koinzidieren, sondern auch historisch-logisch verknüpft sein müssen? Vielleicht lassen sich diese gegenläufigen Prozesse überhaupt nur zusammen, also als zwei Seiten derselben Medaille, begreifen.

Wer sich gegen die Exterritorialisierung und Entzeitlichung von Neorassismus, Ethnonationalismus und Fremdenhaß wehrt und diese Erscheinung auf die Ära zu beziehen versucht, in denen sie auftreten, für den gewinnt die gegenwärtige Gesamtentwicklung eine andere, von der herrschenden Apologie des universellen Marktes deutlich abweichende Färbung. Klare Konturen bekommt das neue Bild allerdings erst, sobald es gelingt, seine historische Tiefendimension auszuleuchten. Wer die neonationalistische Welle verstehen und in ihrem Bedeutungsgehalt einordnen will, kommt nicht umhin, noch einmal von ihrem aktuellen Ergebnis her die Durchsetzungsgeschichte der nationalstaatlichen Form aufzurollen und sich dabei die grundlegenden Aporien der durch den Gang der Ereignisse falsifizierten Nationalismustheorien zu vergegenwärtigen. Die Frage nach der gegenwärtigen Bedeutung des Nationalen und nach dessen Zukunft läßt sich nur beantworten, wenn es gelingt, gleichzeitig die Frage nach seiner Vergangenheit zu reformulieren.

Bei der Lösung dieser Aufgabe tut sich vorderhand vor allem eine Schwierigkeit auf. Das weite Themenfeld Nationalismus und Nationalstaat, das es unter kritischen Auspizien zu sondieren gilt, ist zwar in seinen vielen Aspekten alles andere als unbeackert, es fehlt aber ein zusammenhängender wissenschaftlicher Diskurs, an dem eine retrospektive Gesamtschau ohne weiteres anknüpfen könnte. Bei fast jedem anderen Thema, von der Staats- und Rechtstheorie bis zu Fragen der ökonomischen Entwicklung, kann jeder die wesentlichen theoretischen Grundpositionen kennenlernen, wenn er auf die Schriften von zehn bis zwanzig Standardautoren zurückgreift. Riskiert er einen ergänzenden Seitenblick in die Sekundärliteratur, die sich im wesentlichen auf dieses gute Dutzend Theoretiker bezieht, dann ist er schnell mit den Hauptfrontlinien der jeweiligen Debatte vertraut. Nicht so jedoch bei der Nation. Das Schillernde am Gegenstand, die zahlreichen Metamorphosen und Wechselfälle, die die Idee der Nation und die wirklichen Nationalstaatsbildungsprozesse in ihrer Geschichte vollzogen haben, spiegeln sich in der Zersplitterung der Nationalismusdebatte wieder.

Der Facettenreichtum, und die einander konterkarierenden ideologischen Besetzungen der Nation verstellen den Blick für das Ganze der Nationalisierungsbewegung. (1) Zu jeder Einzelphase in der Durchsetzungsgeschichte der nationalstaatlichen Form gibt es zahllose Studien und ausufernde Debatten. Die Befreiungsnationalismen der Dritten Welt wurden ebenso intensiv und kontrovers diskutiert wie die Einigungsnationalismen des 19. Jahrhunderts.

Das gleiche gilt selbstverständlich auch für historische Phänomene, die zum weiteren Umkreis des Nationenproblems gehören, man denke nur an Faschismus oder Rassismus. Übergreifende Ansätze, die sich das Ziel setzen, den Herausbildungsprozeß des nationalstaatlichen Systems als Ganzes in den Griff zu bekommen, sind hingegen dünn gesät(2) und kommen selten über die Erstellung dürrer Typologien hinaus.(3)

Trotz dieses Mankos zeichnen sich in der traditionellen Nationalismusforschung zumindest einige Grundlinien ab, die auch einer wertkritischen Aufarbeitung als Orientierungshilfe dienen können. An eines ihrer zentralen Ergebnisse kann eine Neuuntersuchung sogar unmittelbar positiv anknüpfen und es als Voraussetzung für die weitere Annäherung nehmen, nämlich die Entontologisierung des Nationalen.

Die Apologeten des Nationalismus behandeln die Nation bekanntlich als eine Wesenheit a priori. Die Nationalisten sahen sich selber immer als Erwecker einer schlummernden, aber längst schon vorhandenen Entität. Im pseudoaufgeklärten antinationalistischen Naserümpfen der liberalen Sonntagsredner, die den Nationalismus für letztlich unerklärlich halten und ihn aus den Abgründen der menschlichen Seele hervorkriechen sehen, kehrt diese Sichtweise heute noch einmal, negativ gewendet, wieder. Diese landläufige (Selbst-)Interpretation haben eigentlich alle Historiker, die sich mit der Nation oder Teilaspekten des Nationenbildungsprozesses beschäftigt haben, entschieden als (Selbst-)Mystifikation entlarvt. Als Benedict Anderson seinem 1988 erschienen Buch den programmatischen Titel »Die Erfindung der Nation« gab, sprach er nur den Konsens der Nationalismusforschung aus. »Die Nation« ist kein historisches Metasubjekt, das im gläsernen Sarg darauf wartet, vom nationalistischen Prinzen endlich wachgeküßt zu werden; sie ist vielmehr ein Konstrukt.(4) Es lassen sich beim besten Willen keine verbindlichen objektiven Kriterien angeben (Sprache, ethnische Herkunft, Kultur), nach denen bestimmte Untergruppen der Weltbevölkerung von vornherein dazu prädestiniert wären, Nationen zu bilden, während andere territorial verortbare Teilpopulationen der Menschheit per se von diesem Status ausgeschlossen wären. (5)

Diese Entdeckung ist nicht gerade brandneu. Sie war schon für die Nationalismusforschung der fünfziger und sechziger Jahre basal. In den jüngeren linken nationalismuskritischen Arbeiten, die oft vom dekonstruktivistischen Diskurs beeinflußt sind, ist sie in den letzten Jahren zu neuen Ehren gekommen. Viele druckfrische Publikationen aus dieser Ecke finden in der Kritik eines ontologischen Verständnisses von Nation ihren zentralen, wenn nicht einzigen Inhalt. Will man den spezifischen Charakter des Nationalen verstehen, so ist der antiontologische Gesichtspunkt sicherlich unverzichtbar. Er löst aber das Rätsel, das die Renaissance des Nationalismus aufgibt, noch nicht, sondern ermöglicht es überhaupt erst, die erkenntnisleitende Problemstellung genauer einzukreisen. Gerade wenn das Nationale nichts Ewiges, sondern etwas Gewordenes ist, drängt sich die Frage auf, unter welchen spezifischen Bedingungen dieses »Konstrukt« in der Vergangenheit geschichtsmächtig werden konnte und warum ihm in der heutigen Konstellation abermals eine derartige Ausstrahlungskraft zukommt.

Die dekonstruktivistisch beeinflußte neuere Debatte begibt sich nicht auf diese Ebene, ja blendet sie systematisch aus. Die ältere, modernisierungstheoretisch orientierte Nationalismusforschung und deren Erben kamen und kommen dem Kernproblem deutlich näher. Sie begnügte sich nicht damit, sich von der Ontologisierung des Nationalen abzugrenzen, sondern versuchte darüber hinaus, eine Verbindung zwischen dem Siegeszug der Nation und dem Vormarsch der bürgerlichen Gesellschaft herzustellen. Der marxistische Historiker Eric J. Hobsbawm rekurriert auf eine in der akademischen Nationalismusforschung bis in die fünfziger Jahre zurückreichende Tradition, wenn er in der Einleitung zu seinem Buch »Nationen und Nationalismus« schreibt:

»Wie die meisten ernsthaften Forscher betrachte ich >die Nation< nicht als eine ursprüngliche oder unveränderliche soziale Einheit. Sie gehört ausschließlich einer bestimmten und historisch jungen Epoche an. Sie ist eine gesellschaftliche Einheit nur insofern, als sie sich auf eine bestimmte Form des modernen Territorialstaates bezieht, auf den Nationalstaat, und es ist sinnlos, von Nation und Nationalität zu sprechen, wenn diese Beziehung nicht mitgemeint ist.«

Es ist unter Historikern seit langem unstrittig, daß der Prozeß der Nationen- und Nationalstaatsbildung und die Durchsetzungsbewegung der bürgerlichen Gesellschaft zusammengehören. Das heißt allerdings noch lange nicht, daß je Einigkeit darüber bestanden hätte, wie der Zusammenhang im Einzelnen zu bestimmen sei. Daniel Katz und andere sozialpsychologisch ausgerichtete Autoren faßten die Herausbildung nationaler Identitäten vorzugsweise als Reaktion auf die mit dem Siegeszug der bürgerlichen Gesellschaft einhergehenden psychosozialen Erschütterungen.

Sie begriffen Nationalismus als eine kompensatorische Erscheinung. Andere Historiker gingen weiter. Sie verstanden die nationalistische Ideologie und erst recht die Entstehung von Nationalstaaten selber als Moment einer umfassenderen »Modernisierungsbewegung«.(6) Das gilt insbesondere für Nationalismustheoretiker wie Miroslav Hroch und Werner Conze, die den Nationalstaat als die der entwickelten bürgerlichen Gesellschaft adäquate politische Form begriffen. Besonders prononciert und auch sehr früh vertrat Karl W. Deutsch diese Interpretation. In den fünfziger und sechziger Jahren kam er, ausgehend von seiner Beschäftigung mit der ostmitteleuropäischen Geschichte, zu dem Schluß, daß die unter »dem Einfluß von Massenkommunikationsmitteln und dem Vordringen der Geldwirtschaft« entstehende soziale Mobilität auch eine politische Mobilisierung nach sich zieht. Wo die bis dahin selbstgenügsam vor sich hin existierenden breiten Massen ins Weltgetriebe hineingezogen werden, fällt ihre soziale Integration mit der »Politisierung entlang den Linien von Sprache und ethnischer Kultur« zusammen.

In der Fallinie dieser Grundargumentation bewegt sich auch Ernest Gellner in seinem 1991 erschienenen Band »Nationalismus und Moderne«.(7) Er stellt dort die »Industriegesellschaft« den traditionellen »agrarischen Gesellschaften« gegenüber und arbeitet bei diesem Vergleich heraus, daß die moderne dynamische, beständig im Fluß befindliche Arbeitsteilung einen historisch neuartigen klassenübergreifenden kulturellen Homogenitätszwang erzeugt. Die vormodernen Gesellschaften, so Gellner, konnten auch dann sehr wohl funktionieren, wenn sie in abgeschottet nebeneinander herlebende soziale Schichten zerfielen, die unterschiedlichen kulturellen Bezugssystemen angehörten. In der hochmobilen modernen Gesellschaft aber verliert diese friedliche Ignoranz ihre Grundlage. Weil an der umfassenden modernen Gesellschaftlichkeit alle partizipieren (müssen), kann der vom Staat und seiner Infrastruktur (bei Gellner steht das Bildungswesen im Vordergrund) garantierte Funktionsraum auch nur Angehörige derselben Kultur (einheitliche Landessprache usw.) zusammenfassen. Damit wird es erstmals in der Geschichte erforderlich, politische und kulturelle Grenzen zur Deckung zu bringen. »Im Nationalismus findet die objektive Notwendigkeit kultureller Homogenität ihren Ausdruck«. Der moderne Staat ist damit im Gegensatz zu seinen Vorläufern der Tendenz nach per se Nationalstaat. »Eine Hochkultur durchdringt […] die gesamte Gesellschaft, definiert sie und muß vom Gemeinwesen aufrechterhalten werden. Das ist das Geheimnis des Nationalismus.«

2. Die blinden Flecken in der traditionellen Nationalismustheorie

Die modernisierungstheoretische Deutung stieß von Anfang an auf erheblichen Widerstand. Vor allem bekennende Demokraten wie etwa August Winkler warfen den Modernisierungstheoretikern vor, daß sie »den sozialen Funktionswandel des Nationalismus aus dem Blickfeld verlieren« würden.(8) Sie wandten sich energisch dagegen, »reaktionäre« und »emanzipative« Bewegungen unter eine Kategorie zu subsumieren, und bestanden darauf, demokratische Nationalismen, die die politischen Partizipationsmöglichkeiten der Bevölkerungsmehrheit vergrößern, von solchen zu unterscheiden, die als »Ablenkungsideologie« funktionieren.

Diese eingeforderte Grenzziehung zwischen einem »guten« und einem »schlechten« Nationalismus bleibt reichlich künstlich. Sie trägt mehr zur Verteidigung der ideologischen Unbeflecktheit von Demokratie und Moderne bei als zur Klärung des Stellenwerts von Nation und Nationalismus. Aus einer wertkritischen Perspektive macht diese Trennung jedenfalls keinerlei Sinn. Selbst der Nationalsozialismus, der die dunkle Seite des nationalistischen Denkens ins Bestialische gesteigert und in einer bis dahin unvorstellbaren Weise realisiert hat, trug gleichzeitig wesentlich zur Einebnung der ständischen Binnenschranken in der deutschen Gesellschaft bei und wirkte so demokratisierend.(9) Die faschistische Bewegung hat bis dahin passive Bevölkerungsschichten ins politische Leben hineingestoßen. In der Figur des »Volksgenossen«, der den Arbeiter »der Stirn und der Faust« in sich vereint, leuchtet der vom demokratischen Bewußtsein so hochverehrte abstrakte Staatsbürger auf. Gerade der extreme deutsche Fall weist auf etwas Allgemeines hin. Die Licht- und die Schattenseite der Konstituierung von Nationen sind allemal miteinander verschränkt. Die Partizipation aller Gesellschaftsmitglieder als Staatsbürger und Warensubjekte, das hehre Ideal der Demokratie und die Vernichtung aller »volksfremden« und zur Teilnahme an der universellen Verwertungsbewegung ungeeigneten Elementen gehören logisch zusammen.(10)

Zu dieser nur von einem demokratiekritischen Standpunkt formulierbaren Konklusion gelangte natürlich keiner der Modernisierungstheoretiker. Selber in den Aporien von Demokratie und Moderne gefangen, traten sie der Kritik der demokratischen Vorneverteidiger nicht entgegen, sondern wichen ihr nur aus. Die Modernisierungstheoretiker beschränkten sich im wesentlichen darauf, einige objektive Trends zu konstatieren, soweit sich diese Entwicklungen unabhängig von den gerade vorherrschenden ideologisch-politischen Besetzungen langfristig durchsetzten. Die politischen Programme und Ideologien wurden nicht als integrale Momente in Beziehung zum realen Modernisierungsprozeß gesetzt, sondern zum mehr oder minder austauschbaren Accessoire entwirklicht, und es waren dann bestenfalls noch dünne formale Bestimmungen, an denen die Kompatibilität der ideologischen Begleitmusik zum Realprozeß festgemacht werden konnte. So reduziert, erschien die Ideologiegeschichte als Appendix in einer explizit oder zumindest implizit strukturalistischen Argumentation.

Mit diesem Hang zu einer aideologischen Reduktion schlichen sich merkwürdige kontemplative Töne ein.(11) Gleichzeitig beeinträchtigte diese Selbstbeschränkung nachhaltig das theoretische Auflösungsvermögen dieser Art von Nationalismustheorie. Die wirkliche Geschichte läßt sich ohne ihre ideologisch-politische Durchsetzungsform nicht verstehen. Die modernisierungstheoretische Vogelperspektive ist zwar vielleicht dazu geeignet, unter den unübersichtlichen politischen Konvulsionen einige säkulare Entwicklungslinien sichtbar zu machen; solange die Modernisierungstheoretiker aber nicht willens und fähig sind, der Moderne und damit auch der demokratischen Form kritisch zu begegnen, bleiben deren Konturen unscharf. Entsprechend lesen sich denn auch ihre Arbeiten. In ihren Darstellungen zeichnet sich die Binnengeschichte und Stufenfolge des Nationenbildungsprozesses bestenfalls in schemenhaften Umrissen ab .(12) Symptomatisch tritt das an Gellners Ansatz zu Tage.

Gellner vermeidet es bewußt, sich auf ideologisch-politische Inhalte und Bestimmungen und deren Entwicklung einzulassen. Die nationalismusträchtige »Industriegesellschaft«, die er der nationalismus-resistenten »agrarischen Gesellschaft« gegenüberstellt, wird immer en bloc behandelt. Die nationalistische Ideologie hat bei ihm strenggenommen keine Binnengeschichte, zumindest liefert sein Modell keinen Zugang zu ihr.

Die modernisierungstheoretischen Ansätze haben offenbar entscheidende Mängel. Ihre Unzulänglichkeit machen die Nationalismusforschung und ihre Ergebnisse indes keineswegs einfach zur Makulatur. Die genauere Bestimmung der vorhandenen Defizite verdeutlicht vielmehr, an welchen Punkten ein Anknüpfen eine kritische Wendung voraussetzt, eine Wendung, die angetan ist, die Forschungsergebnisse der modernen Geschichtsschreibung in ein neues Licht zu tauchen. Die Spezifizierung der Kritik führt schnurstracks zu den zentralen Fragen, von denen aus sich das Problem der Nation neu aufrollen läßt.

Den modernisierungstheoretischen Ansätzen kommt ihr emphatischer Bezug auf die Moderne nicht nur bei der Analyse der nationalistischen Ideologie mit ihren »Irrationalismen« in die Quere; der affirmative Bezug führt auch auf dem ureigenen Terrain zu entscheidenden Denkblockaden. So wenig in den konkreten historischen Analysen der einzelne Nationalstaatsbildungsprozeß von der Gesamtentwicklung der bürgerlichen Gesellschaft isoliert wird, so wenig kann »general theory« die Herausbildung der Nationalstaaten als Entfaltungsbewegung der globalen Warengesellschaft fassen. Wenn die Modernisierungstheoretiker die Entwicklung der »Nation im allgemeinen« zu umreißen versuchen, unterstellen sie immer schon, daß es sich bei der Herausbildung von »Nationen« im Kern um endogene Prozesse handelt, und damit erscheint das nationalstaatliche System auf der politischen und auf der ökonomischen Ebene als die bloße Summe nationaler Entwicklungen. Die Idee der Nation haben in dieser Lesart die Nachholer zwar allesamt adaptiert, die Ambitionen anderer »Nationen« können natürlich auf die Existenzbedingungen anderer Nationalstaaten einwirken, dies alles erscheint aber als bloß äußerliche Repulsion. Im wesentlichen erscheint die Modernisierungs- und Nationalisierungslogik als eine überall cum grano salis gleiche Binnenlogik, und dementsprechend wird unterstellt, daß alle Nationen auf ihrem Weg früher oder später analoge Phasen durchlaufen.(13) In diesem Denkschema können die Durchsetzungsgeschichten variieren, insbesondere in ihren ersten Abschnitten, für diese unleugbaren Differenzen werden aber in erster Linie die unterschiedlichen vorbürgerlichen Voraussetzungen verantwortlich gemacht. Der Fluchtpunkt bleibt allemal die nachholende Angleichung an das entwickelte westliche Muster. Zu guter Letzt müßten die Nachholer dort anlangen, wo sich auch die europäischen Vorreiter tummeln, in einer durchindustrialisierten Wohlstandswelt.

Diese Perspektive wird der realen kapitalistischen Entwicklung in keiner Weise gerecht. Realiter läßt sich der Siegeszug der Warenproduktion und der Moderne von Beginn an nur als ein Prozeß fassen, der verschiedene Weltteile in eine asymmetrischer Beziehung gesetzt hat und sie nur in dieser Art und Weise in Beziehung setzen kann. Bei der Existenz anderer Nationen, in der sich nicht zuletzt die Segregierung des Weltmarkts nach unterschiedlichen Produktivitätsniveaus niederschlägt, handelt es sich nicht um einen äußeren Faktor, und es hat sich niemals um einen solchen gehandelt.

Was das aus dem Blickwinkel des einzelnen Nationalstaats bedeutet, erschließt sich unschwer. Der allgemeine Entwicklungsstand und die eigene Position im jeweils herrschenden System der Arbeitsteilung bestimmen in jeder Ära von vornherein die Rahmenbedingungen der nationalen Konstituierung. Die jungen afrikanischen Nationen konnten nicht allein deshalb kaum getreulich auf den gleichen Pfaden lustwandeln, die europäische Staaten im 19. Jahrhundert eingeschlagen haben, weil sich das Sozialgefüge im kolonialen Afrika nachhaltig vom europäischen des letzten Jahrhunderts unterschied, der veränderte Entwicklungsstand des warenproduzierenden Weltsystems schließt vielmehr von vornherein Kopien aus! Das Ungenügen einer endogenen Betrachtungsweise reicht aber tiefer und hat eine begrifflich-logische Dimension. Der Weltmarkt und das System der Nationalstaaten sind auf jeder Entwicklungsstufe der einzelnen Nation und ihrer Nationalökonomie allemal vorgängig.

Es reicht nicht, Schemata zu erstellen, die die Stufenfolge endogener Nationalisierungsschritte beschreiben, stattdessen muß es darum gehen, die sukzessive Herausbildung und Neuproduktion des Nationengeflechts als einen wesentlich von der Gewalt des Weltmarkts und der warenförmigen Durchdringung induzierten Prozeß zu analysieren.(14) Genauso wie die Konkurrenz der Einzelkapitalien nicht die kapitalistische Entwicklung erklären kann, sondern der Wettbewerb nur die logisch bereits vorausgesetzten Zwangsgesetze des Werts dem Einzelkapital aufherrscht, lassen sich die einzelnen Nationalstaaten und ihr Zusammenprall nur als abgeleitete Vermittlungsebene fassen. Eine Theorie des Nationalstaats kann sie dementsprechend nicht als logischen Ausgangspunkt nehmen.

3. Ausgangsfragestellung

Dieser »methodische« Einwand gegen die modernisierungstheoretisch orientierte Nationalstaatstheorie bestimmt die Herangehensweise des vorliegenden Aufsatzes. Im weiteren richte ich das Augenmerk auf den Zusammenhang von nationalstaatlicher Form und nationalökonomischen Inhalt und komme darüber zu einer verblüffend simplen Fragestellung: Wie ist es überhaupt zu erklären, daß die Entfaltung der kapitalistischen Wirtschaft den einen Weltmarkt zum Fluchtpunkt hat, während auf der politischen Ebene eine vergleichbare säkulare Vereinheitlichungstendenz fehlt? Warum existiert Staatlichkeit im Plural und zeigt sich teilungsfreudig, wenn doch der Markt im Singular als universeller und globaler seine Vollendung findet?

Die Marktwirtschaftsapologetik kann die in dieser Fragestellung intendierte gegenläufige Entwicklungslogik nicht erkennen, und auch die Nationalismusforschung hat sie in ihrem Schlepptau nicht realisiert. Die aufgeklärten Martkwirtschaftsfans unterstellen für gewöhnlich ganz selbstverständlich, daß es auf Basis der Warenproduktion per se funktional sei, wenn sich die politisch-staatliche Einfassung mit dem Marktraum deckt, und schließen von der im säkularen Trend fortschreitenden globalen Vernetzung auf einen zumindest langfristigen Trend zur politischen Zentralisation. In diese Sichtweise wird auch die Figur des Nationalstaats eingeordnet. Der Nationalstaat und die Nationalökonomie gelten als transitorische Phänomene auf dem langen Weg zum einheitlichen, unter einem politischen Dach zusammengefaßten Weltmarkt. Als der Vormarsch der Marktbeziehungen über den engen lokalen Rahmen hinauswucherte, so der simple Grundgedanke, mußten Nationalökonomien entstehen, die diesen weiter reichenden Verwertungskontext in sich fassen konnten; mit der fortschreitenden Globalisierung und dem Durchbrch zu einer totalisierten Marktgesellschaft erweisen sich jedoch auch diese größeren Einfriedungen als noch zu eng. Die Schaffung kontinentaler und weltweiter Zusammenschlüsse und die sukzessive Übertragung nationalökonomischer Funktionen auf die supranationale Ebene wird langfristig indes die verlorene Kongruenz wiederherstellen. Wenn mittlerweile der eine einheitliche Weltmarkt mit Riesenschritten seiner Vollendung entgegeneilt, dennoch aber nach wie vor viele Nationalstaaten existieren, dann sehen die Apologeten des totalen Marktes darin letztlich einen Anachronismus, der früher oder später durch die Anpassung des (wirtschafts)politischen Bezugssystems an das erreichte Vernetzungsniveau zu überwinden ist.

Diese Interpretation hat einige Mängel. Das beginnt schon damit, daß sie recht schlecht mit der realen historischen Entwicklung zusammenpaßt und auf einem ausgesprochen schlechten Gedächtnis beruht. Offenbar will sich keiner daran erinnern, daß eigentlich in allen Abschnitten der bürgerlichen Entwicklung die Vordenker schon von zunehmender politischer Zentralisation träumten und jedesmal in ihrer Erwartung Lügen gestraft wurden. Bereits im 18. Jahrhundert hatten Aufklärungsphilosophen vom Weltbürgertum und von einem der Vernunft verpflichteten bürgerlichen gesamteuropäischen Staat geträumt. Die Etablierung bürgerlicher Staatlichkeit ging jedoch realiter ohne weltbürgerliche Anwandlungen vonstatten und vollzog sich stattdessen in der Form der Herausbildung strikt voneinander abgetrennter Nationalstaaten. Im letzten Jahrhundert projektierten die Vordenker der großen nationalen Bewegungen ein »junges Europa«, das sich nur aus einer guten Handvoll von Nationalstaaten zusammensetzen sollte.(15) In den folgenden Jahrzehnten vermehrte sich indes die Zahl der europäischen Nationalstaaten auf rund vierzig. Im Zeitalter des Imperialismus wiederholte sich dieses Spiel ein weiteres Mal. Der Cheftheoretiker der Sozialdemokratie, Rudolf Hilferding, brachte die allgemeine Erwartung auf den Punkt, als er prognostizierte, daß aus den Kämpfen der großen Mächte schließlich ein einziger weltumspannender imperialistischer Gesamtstaat hervorgehen werde. Einige Jahrzehnte später zerfiel der Trikont nicht mehr in die Kolonialreiche und Einflußsphären von siebeneinhalb europäischen Mächten, sondern in mehr als 100, mittlerweile sogar mehr als 150 Einzelstaaten. Kann man ein solches immerhin über zwei Jahrhunderte beständig wiederholtes Auseinanderklaffen zwischen zentripetaler Erwartung und zentrifugaler Entwicklung tatsächlich nur als eine Art empirische Störung abtun, die zu guter Letzt schließlich doch von einer grundlegenden Zentralisierungstendenz ausgeschaltet wird?

Die Marktapologeten werden diese Frage abtun, indem sie auf die neue Qualität des gegenwärtigen Globalisierungsprozesses verweisen und eilfertig einwenden, daß heute der Einfluß des Weltmarkts in einem Grade gewachsen ist, der keinen Vergleich mehr zu früheren Phasen zuläßt. Dieses Argument ist sicherlich richtig, aber es trifft nur die halbe Wahrheit und ist insofern ganz falsch. Der Weltmarktdruck wirkt nämlich nicht einfach nur einebnend und homogenisierend, wie in dieser Argumentation immer unterstellt; vielmehr schafft er in erster Linie Entwicklungsdifferenzierungen, die letztinstanzlich auch auf der politischen Ebene ihren Niederschlag finden müssen. Nicht nur die zentripetalen Kräfte haben heute einen Grad erreicht, dem die alten Nationalökonomien nicht mehr standhalten können, auch die vom Weltmarkt induzierten zentrifugalen Kräfte, von denen die jeweiligen Weltmarktgewinner noch nie etwas wissen wollten, machen sich heute stärker denn je bemerkbar.

Wenn die Apologeten des totalen Marktes sich gerne eine langfristige Tendenz zur Bildung immer größerer politischer Einfassung zurechtimaginieren, die ihren logischen Fluchtpunkt in der Zusammenfassung der Weltmarktgesellschaft unter einem einheitlichen politischen Dach haben müßte, dann steht hinter dieser Idee eine harmonistische Vorstellung von den Wirkungen der freien Konkurrenz. Wie weiland bei Adam Smith wird die ungezügelte Marktbewegung als ein Prozeß aufgefaßt, an dem alle Beteiligten cum grano salis gleichermaßen profitieren, die einzelnen Warensubjekte ebenso wie die am Marktgeschehen partizipierenden Regionen. Es dürfte jedoch kein Geheimnis sein, wie fragwürdig diese Sichtweise ist. Die unbedingte kapitalistische Konkurrenz wirkt nicht nur als der Stachel, der sämtliche potentiellen Mitwettbewerber dazu zwingt, alle technologischen Möglichkeiten und wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Zweck der Produktivitätssteigerung anzuwenden und auf diese Weise dafür sorgt, daß die Springquellen stofflichen Reichtums immer reichlicher sprudeln; sie wirkt gleichzeitig als der große gnadenlose Liquidator und scheidet erbarmungslos zwischen denjenigen, die das Potential haben, auf dem jeweils gültigen Niveau mitzuhalten, und denjenigen, die sich nicht als Marktteilnehmer qualifizieren können, und beraubt die Verlierer ihrer Reproduktionsgrundlage. In der paradoxen Schumpeterschen Formel vom Kapitalismus als einem »Prozeß produktiver Zerstörung« klingt diese destruktive und ausschließende Seite der Prinzipien freier Konkurrenz an. Sie kommt aber nicht nur, was Schumpeter allein im Blick hatte, auf der Ebene des Wettbewerbs der Einzelkapitale zum Tragen; sie entfaltet ihre verheerende Wirkung auch im Kampf der Weltmarktregionen, und gerade hier schlägt der periodische Kahlschlag unter den Unterproduktiven in eine der Ordnung von freier und gleicher Marktherrlichkeit inhärente strukturelle Apartheid um. Weil kapitalistische Entwicklung notwendig ungleichgewichtige Entwicklung ist, die ungezügelte und unmodifizierte Konkurrenz aber unweigerlich zum Verschwinden der unterlegenen Wettbewerber vom Markt führt, kann Entwicklung unter ihrem unmittelbaren weltumspannenden Regiment für die meisten Marktteilnehmer in spe nur Ausschluß von der Marktteilnahme, Ausschluß von Entwicklung bedeuten. Hätte sich die flächendeckende Entfaltung des Systems der abstraken Arbeit unter der Ägide der unbedingten freien Konkurrenz vollziehen sollen, so wäre sie niemals zustande gekommen und die Wertform hätte lediglich eine verschwindende Minderheit der Menschheit in ihren Reproduktionszusammenhang einbeziehen können.

Diese Tendenz zur Selbstblockade kapitalistischer Entwicklung war sehr früh wirksam. Sie ließ sich nur auf einem Weg überwinden: durch die Parzellierung des einen universellen warengesellschaftlichen Funktionsraums in voneinander geschiedene, dabei in ihrem internen Produktivitätsniveau allerdings vergleichsweise homogene Funktionsräume. Damit die Warensubjekte in den Stand versetzt werden, innerhalb der vielen Unterbezugsrahmen in Wettbewerb miteinander zu treten, muß also die Konkurrenzbeziehung im Verhältnis zwischen diesen Teilsystemen modifiziert und damit ihrer unmittelbar mörderischen Wirkung beraubt werden. Wo es unmöglich wird, den nationalökonomischen Bezugs- und Schutzraum aufrechtzuerhalten, steht dementsprechend nicht die Herausbildung eines einheitlichen, die alten Nationalökonomien übergreifenden politischen Regulationsrahmens an, vielmehr zerfällt die gesellschaftliche wie die politisch-staatliche Integration ersatzlos. Im Neonationalismus unserer Tage und in der Misere supranationaler Vereinigungen zeichnet sich ab, daß die Dialektik von Teilsistierung und Durchsetzung der Wertlogik ab einem gewissen Vernetzungsniveau nicht mehr funktionieren kann. Gerade in ihrem Versagen wird jedoch die Bedeutung sichtbar, die ihr bei der Verallgemeinerung der Warengesellschaft zukam, und wir finden einen Ariadnefaden in unseren Händen, an dem wir uns nur entlangtasten müssen, um einen Weg durchs Labyrinth der Nationalstaatsgeschichte zu finden. Je höher das Vergesellschaftungsniveau stieg und je mehr das Gewicht des Weltmarktes wuchs, desto klarer trat der Zwang zu einer Doppelbewegung von Homogenisierung der Konkurrenzbedingungen nach innen und Abgrenzung des eigenen nationalökonomischen Raums gegenüber Weltregionen, die sich auf einem anderen Produktivitätsstandard befanden, hervor. Das ändert aber nichts daran, daß sich dieser Zusammenhang unschwer bis tief ins 19. Jahrhundert hinein zurückverfolgen läßt. Schon in dieser Phase war die nachholende Inwertsetzung von vornherein an den partiellen Ausschluß der überlegenen ausländischen Konkurrenz gekoppelt, und die sukzessive Verallgemeinerung der nationalstaatlichen Form lieferte die Möglichkeit dazu.

4. Primäre Nationalstaatsbildung

Wenn die Apologeten des entgrenzten Marktes die Entstehung von Nationalstaaten und Nationalökonomien ausschließlich auf die zentripetalen Kräfte beziehen, die aus der allmählichen Ausdehnung der Marktbeziehungen resultieren, dann behandeln sie eine ganz spezifische historische Konstellation als die allgemein gültige. Die Entstehung der allerersten modernen Territorialstaaten läßt sich zwar tatsächlich im wesentlichen als ein schrittweiser Integrationsprozeß beschreiben, der die Ablösung zersplitterter feudaler Verhältnisse mit ihrer unübersehbaren Vielfalt von Sonderrechten und einer vorzugsweise auf den lokalen Rahmen ausgerichteten Wirtschaftsweise durch einen relativ kohärenten Binnenmarkt mit einheitlichem Norm- und Rechtssystem zum Inhalt hatte; was für die Frühstarter gilt, gilt aber keineswegs in der gleichen Weise für die zweite, dritte und vierte Startreihe. Die nachdrängenden Nationalstaaten konnten sich per se nur in einer doppelten Frontstellung formieren, nämlich nach innen im Kampf gegen die vorbürgerlichen Verhältnisse, die ein niedriges Vergesellschaftungsniveau festschrieben, und nach außen in Abgrenzung gegen die schon etablierten und überlegenen Nationalstaaten. Was die Marktapologetik und in ihrem Gefolge die Nationalismusforschung als das Grundmuster behandelt, erweist sich aus dieser Perspektive betrachtet als historischer »Sonderweg«, der nur einen engen geographischen Raum und eine genau bestimmbare historische Phase zum empirischen Substrat hat.

Die Wiege der nationalstaatlichen Form stand beiderseits des Ärmelkanals. Seit der Zeit des Hundertjährigen Krieges hatte in Frankreich und England von der ile de France und dem Londoner Becken ausgehend ein Prozeß territorialer Formierung eingesetzt, der nach mancherlei Wechselfällen, die sich hier nicht abhandeln lassen, schließlich in die Herausbildung homogener Nationalstaaten mündete. Mit dem Triumph der absolutistischen Monarchie in Frankreich sowie Cromwells Diktatur und der Stuart-Restauration in Großbritannien trat diese Entwicklung in ihre entscheidende Phase. Während seit dem ausgehenden Mittelalter der frühe Handelskapitalismus vornehmlich in den großen selbständigen Städten oder Städtebündnissen wie der Hanse und den Generalstaaten(16) seine Heimat gefunden hatte, bildete sich in der Symbiose von absolutistischer Monarchie und jungem Produktivkapital ein neuartiges System heraus, in dem die wachsende Geldwirtschaft eine enge Verbindung mit der sich von der feudalen Gefolgschaftsordnung endgültig ablösenden Staatlichkeit einging, um den gesellschaftlichen Reproduktionsprozeß in seiner ganzen Breite zu erfassen. Das in erster Linie machtpolitischer Ambitionen und der Revolutionierung des Militärwesens wegen entstandene Bedürfnis nach ständig wachsenden Staatseinkünften zwang die absolutistischen Herrscher zur Förderung des nicht-zünftigen Gewerbes und zur Schaffung nationaler Märkte. Das produktive Kapital gewann damit erstmals in der Geschichte einen Funktionsraum. Diese Phase fand ihren charakteristischen Ausdruck im merkantilen System.

Unter der Jakobinerherrschaft und im Napoleonischen Kaiserreich fand die Ehe von territorialstaatlicher Integration und der Entfaltung der Warengesellschaft ihre Fortsetzung. Die Französische Revolution trieb nicht nur das vom Absolutismus begonnene Zentralisierungs- und Normierungswerk weiter, sondern markiert auch einen entscheidenden Schritt bei der Etablierung von Nationalbewußtseins. Mit der Emanzipation des »Dritten Standes« von der dynastischen Gewalt triumphiert erstmals eine Klasse, die stolz den Anspruch erhebt, identisch mit der »Nation« zu sein. Damit kommt der Prozeß primärer Nationenbildung zum Abschluß.

Die Ideologie, unter der sich diese revolutionäre Neuerung vollzog, spiegelte getreulich die Besonderheiten des primären Nationalstaatsbildungsprozesses. Wie schon vorher die »amerikanische Nation« in ihrer Unabhängigkeitserklärung, so konstituiert sich auch die französische im Geiste der Aufklärung und ihrer universalistischen Weltsicht. Die beiden frischgebackenen Nationen schöpften ihr Selbstverständnis vornehmlich aus der Erklärung der allgemeinen Menschenrechte, und sie konnten das nur tun, weil für sie die Nation nichts anderes als ein emphatisch besetztes Synonym für die junge bürgerliche Gesellschaft war. In der Konfrontation mit den überlebten und doch allgegenwärtigen feudalen Gewalten innerhalb und außerhalb der Landesgrenzen, die aus der bürgerlichen Gesellschaft und damit aus der Definition von Nation herausfielen, stellte sich die Frage nach dem Verhältnis des französischen Nationalstaats zu anderen Völkern noch gar nicht. Die Parole der Revolutionskriege »Krieg den Palästen, Friede den Hütten« gibt diese Sichtweise wieder. In den vier ersten Koalitionskriegen zwischen dem revolutionären Frankreich und den reaktionären europäischen Mächten erreicht diese Phase ihren Kulminationspunkt.

5. Von der primären zur sekundären Nationalstaatsbildung: die deutsche Kulturnation im Kampf gegen die französische Staatsnation und die britische Werkstatt der Welt

Die Herausbildung einer zentralisierten modernen Staatlichkeit im westeuropäischen Zentrum des aufkommenden Weltmarkts war die unabdingbare Voraussetzung für den globalen Siegeszug der Warenproduktion. Das bedeutet allerdings noch lange nicht, daß sich die weitere (geographische) Ausbreitung der Warengesellschaft in der Form des bloßen Anschlusses an das Territorium der ersten bürgerlichen Staaten hätte vollziehen können. Die Verallgemeinerung moderner Staatlichkeit fiel letzten Endes nicht mit der Ausdehnung der etablierten Staaten zusammen, sie war vielmehr im wesentlichen mit der Genese zusätzlicher Nationalstaaten identisch. Der bürgerliche Modernisierungs-Staat kam dabei nicht nur deshalb als Ensemble sich stetig vermehrender Nationalstaaten (und nicht als Weltstaat) zu sich, weil die Integrationskraft der etablierten primären Staaten in ihrer Reichweite beschränkt blieb; die Vermehrung der Nationalstaaten erweist sich auch auf einer grundsätzlicheren Ebene als funktional für den globalen Triumph der Verwertungsgesellschaft.

Politische Abhängigkeit von einer kapitalistischen Vormacht war nämlich stets dazu angetan, in den angeschlossenen Gebieten das Aufkommen einer integrierten Volkswirtschaft im Keim zu ersticken und ließ dementsprechend nur eine punktuelle Modernisierung zu. Der klassische Eroberungs-Imperialismus konnte daher zwar in den angeschlossenen Gebieten der Durchkapitalisierung den Boden bereiten; die Subsumtion der politisch abhängigen Länder unter die Bedürfnisse des Mutterlandes bedeutete aber gleichzeitig ein Entwicklungshemmnis, und so war die imperiale Ordnung außerstande, das begonnene Modernisierungswerk über einen bestimmten Punkt hinaus weiterzutreiben.

Dieser Zusammenhang tritt auf dem europäischen Kontinent ansatzweise bereits am Beginn des 19. Jahrhunderts zur Zeit der napoleonischen Eroberungen zu Tage. Mit dem Import der Errungenschaften der Französischen Revolution wurden insbesondere in Italien und Deutschland zwar die rechtlichen und administrativen Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft gelegt (Code Napoléon), gleichzeitig war das neu etablierte System jedoch einseitig auf die Förderung der französischen Wirtschaft ausgerichtet, während die Zwangsverbündeten wesentlich die Kosten der imperialen Ordnung (Kontinentalsperre, Truppenaushebungen) zu tragen hatten.

Dieser Umstand mußte auf die Haltung der bürgerlichen Avantgarden in diesen Ländern zurückschlagen und damit zum politischen Faktor werden. Besonders deutlich trat dies an der deutschen Entwicklung hervor. Hatte die Fortschrittspartei in dem verschlafenen östlichen Nachbarland zunächst die Erfolge der Französischen Revolution begeistert gefeiert und vor allem in den linksrheinischen Gebieten den Anschluß an Frankreich offensiv angestrebt, man denke nur an die deutschen Jakobiner um Georg Forster und deren Mainzer Republik, so kehrte nach wenigen Jahren Ernüchterung ein und eine andere Option gewann allmählich die Oberhand, der Wunsch, eine eigenständige deutsche Nation zu schaffen. Die Niederlage der inländischen traditionellen Mächte wurde nicht mehr so sehr als Befreiung vom »feudalen Joch« begrüßt, sondern als nationale Schmach empfunden, die es zu tilgen galt. Das Desaster der preußischen Armee in der Schlacht von Jena-Auerstedt 1806 und die anschließende Eingliederung der Überreste des »Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation« ins Napoleonische Herrschaftssystem markieren den Umschlagspunkt. Im Abwehrkampf gegen den eben noch von Hegel als »Weltgeist zu Pferde« gepriesenen Imperator, der nun als Tryann firmierte, formierte sich die deutsche Nation.

Der nachholende deutsche Nationalismus läßt sich als eine ambivalente Reaktionsform auf den von außen hereinbrechenden Modernisierungsschock verstehen. Als solche unterscheidet er sich grundlegend von seinem französischen Gegner und Vorbild. Einerseits trägt er selber die Züge einer Modernisierungsbewegung und setzt damit die französische Revolution fort. Die militärische Niederlage verschaffte insbesondere in den verknöcherten Staatsapparaten(17) Reformkräften einen gewissen Spielraum. Die Regierungen konnten die Notwendigkeit, die Kluft zwischen den rückständigen deutschen Verhältnissen und dem westeuropäischen Vergesellschaftungsniveau zu überbrücken, nicht von der Hand weisen. Andererseits stieß sich der deutsche Nationalismus von Anbeginn an heftig vom westlichen Universalismus und den Prinzipien der fortgeschrittenen bürgerlichen Gesellschaft ab. Die Defensive schürte Ressentiment und Abgrenzungsbedürfnisse. In der deutschen Adaption nahm der zunächst universalistisch gefärbte Nationbegriff denn auch eine völkischpartikularistische Wendung. Während in Frankreich das Bekenntnis zur »grande nation« und die allgemeine Erklärung der Menschenrechte miteinander harmoniert hatten, konnte sich das Deutschtum im Sog französischer Vorherrschaft nur als etwas besonderes, allem »Welschen« wesensfremdes definieren. Indem Herder und Fichte in Abgrenzung zur französischen »Staatsnation« eine deutsche »Kulturnation« erfanden, brachten sie dieses Bedürfnis auf den Punkt. Im Verständnis der Französischen Revolution war zumindest virtuell jeder Franzose, der sich zu Frankreich bekennt. Diesem imperialen Anspruch begegneten die Vordenker des deutschen Nationalismus, indem sie das Nationale dem politischen Wollen enthoben und zu einer Anlegenheit des Blutes und vorausgesetzer kultureller Separierung machten.

Über eins darf die von der Romantik beeinflußte antiuniversalistische Polemik allerdings nicht hinwegtäuschen: indem die Franzosenfeinde mit dem Deutschtum einen neuen, bis dahin unbekannten Bezugspunkt einführten, wirkte ihr Antimodernismus und Antiuniversalismus selber modernisierend und ordnet sich daher selber in den Vormarsch eines universalistischen Weltverständnisses ein. Auf der ideologischen Ebene wiederholt sich damit also das, was sich schon auf der strukturellen Ebene abgezeichnet hat. Das deutsche Nationalbewußtsein konstituiert sich in einer Doppelbewegung. Unter der Fahne der Kritik am westlichen Universalismus, an der Gleichmacherei und der Menschenrechtsreligion werden die partikularistischen Binnenschranken eingerissen und ein einheitliches Deutschtum erfunden, zu dem es in den Zeiten des »Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation«(18) keinerlei Entsprechung gab.

Die Konfrontation mit der napoleonischen Herausforderung fand vornehmlich auf der militärischen und politischen Ebene statt. Im Zentrum der vielfach in sich gebrochenen nachholenden Modernisierungsbewegung stand dementsprechend die Erneuerung des Militär- und Verwaltungswesens. In den Jahrzehnten nach der Niederwerfung des kaiserlichen Frankreich schob sich für die im Modernisierungsprozeß rückständigen deutschen Länder zusehends eine neue Gefahr in den Vordergrund. Sie fanden für den Rest des 19. Jahrhunderts in England, der damaligen »Werkstatt der Welt«, einen neuen Gegner, dessen ökonomische Überlegenheit nicht weniger existenzbedrohend war als am Beginn des Jahrhunderts die Schlagkraft der napoleonischen Armeen.

Was es schon auf dieser noch embryonalen Entwicklungsstufe des Weltmarkts hieß, in unmittelbarem Wettbewerb zur kapitalistischen Vormacht zu stehen, wird in drastischer Form deutlich, wenn man einen Blick auf die Länder wirft, die dank ihrer Zugehörigkeit zum Empire dem Zugriff der britischen Konkurrenz schutzlos ausgeliefert waren. Insbesondere das Filetstück des britischen Imperiums, Indien, hatte darunter zu leiden. Die Zurichtung auf die Bedürfnisse des britischen Kapitals führte auf diesem Subkontinent zur völligen Vernichtung zentraler Bereiche der heimischen Fertigung (man denke in diesem Zusammenhang vor allem an die Textilproduktion). In Europa stand insbesondere das Verhältnis Irlands zum Vereinigten Königreich für eine vom Standpunkt des abhängigen Landes nicht weniger verheerende Beziehung. Unter britischer Herrschaft begannen »die Schafe die Menschen zu fressen«. Die Lebensgrundlage der Bevölkerung wurde zugunsten der Rohstoffversorgung der britischen Textilindustrie zerstört, und die menschlichen Bewohner der grünen Insel hatten nach der Aufhebung der »Corn Laws« und dem Übergang zum Freihandel nur die Wahl zwischen Hungertod und Auswanderung.

Dieses Damoklesschwert hing in gewisser Weise auch über dem kontinentalen Europa. Auch ohne unmittelbare imperiale Abhängigkeit der west- und mitteleuropäischen Länder von England drohte das Aufblühen des ersten industriekapitalistischen Zentrums die Entwicklung an der damaligen Peripherie abzuwürgen. Das blieb nicht unerkannt. In den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts machte Friedrich List deutlich, daß Adam Smith’s berüchtigte »invisible hand« einseitig zugunsten Großbritanniens arbeitet. Der Freihandel, so seine Sorge, konnte für die deutschen Einzelstaaten nur die Verewigung von präkapitalistischer Rückständigkeit bedeuten. Wenn Deutschland wirtschaftlich desintegriert und der innere Markt ungeschützt bliebe, so Lists Prognose, würden die deutschen Lande künftig eine von England dominierte Welt außer mit Agrarprodukten allenfalls mit »Kinderspielzeug, hölzernen Wanduhren und philologischen Schriften« versorgen, während das Gros seiner Bevölkerung in der »Neuen Welt« eine neue Heimat suchen müßte. Der Gründungsvater der deutschen Nationalökonomie war aber nicht nur in der Lage, die Diagnose zu stellen, er konnte auch das Heilmittel angeben. Er erkannte in der »Einheit der Nation« »die Grundbedingung für einen dauerhaften Nationalwohlstand« und war sich sicher, daß der zu formierende deutsche Gesamtstaat durch die Einführung von »Erziehungszöllen« den für die Formierung eines kohärenten Wirtschaftsraumes nötigen Rahmen schaffen und damit den Prozeß einer nachholenden Industrialisierung in Gang setzen könne.

Diese ökonomische Doppelstrategie von (teilweiser) Ausschaltung der (britischen) Konkurrenz und nachholender Binnenintegration sowie Industrialisierung wurde zwar nicht mehr zu Lists Lebenszeit umgesetzt, dafür folgte die tatsächliche nachholende Industrialisierung Deutschlands in der zweiten Jahrhunderthälfte ziemlich genau dem von ihm entworfenen Drehbuch. Die industrielle Aufholjagd setzte dabei in gewisser Weise auf einer neuen Ebene das Werk der deutschen Nationalbewegung zu Beginn des 19. Jahrhunderts fort. Wie die preußischen Reformer die Errungenschaften der französischen Revolution partiell übernahmen, um sie gegen die Fremdherrschaft zu wenden, und die Idee der »deutschen Nation« insgesamt durch die französische Expansion induziert war, so entsprang die beschleunigte wirtschaftliche Expansionsbewegung aus der gleichzeitigen Übernahme des britischen Vorbilds und dem (partiellen) Ausschluß der britischen Konkurrenz. Schon zur Zeit der Befreiungskriege hatte die aufgeklärte Bürokratie die tragende Schicht der Modernisierungs-Anstrengung gebildet, und auch beim zweiten Anlauf spielte der Staat bei der Installation moderner kapitalistischer Verhältnisse eine zentrale Rolle. Deutschland übernahm gegenüber den etablierten kapitalistischen Mächten eine Avantgardefunktion im säkularen Prozeß der Etatisierung.

Der staatlich protegierten nachholenden Entwicklung war in Deutschland ein erstaunlicher Erfolg beschieden. Dem jungen Deutschen Reich gelang es nicht nur, sich als Nationalstaat zu etablieren; der Modernisierungsprozeß gewann hierzulande sogar eine besondere Dynamik, und gerade in den Schlüsselsektoren der zweiten industriellen Revolution zeigte sich die deutsche Industrie der britischen Vormacht sehr schnell deutlich überlegen. Die »semiperiphere Region« (Wallerstein) verwandelte sich in einen Teil des kapitalistischen Zentrums.

6. Vom sekundären zum tertiären und quartären Nationenbildungsprozeß

Das Grundproblem, das im rückständigen Deutschland gelöst worden war, stellte sich auch für alle anderen Späteinsteiger. Bei sämtlichen nachholenden Nationen gehörten das innere Einigungswerk und der Schutz vor der ökonomischen und militärischen Überlegenheit der bereits etablierten Nationen zusammen. Von daher kann es nicht überraschen, daß die deutsche »Erfolgsstory« in vielerlei Hinsicht für die Vordenker zahlreicher anderer nachholender Nationalismen explizit oder implizit zum Vorbild wurde. Das gilt insbesondere für die Übernahme der etatistischen Option.

Lenin steht mit seiner Bewunderung für die deutsche Post, in der er den Prototypus der sozialistischen Produktionsorganisation sah, nicht allein. Die nationalistischen Avantgarden in Südosteuropa, im arabischen Raum, in Asien und Lateinamerika, linke wie rechte, träumten alle davon, daß es auch ihren jungen Nationen gelingen könne, wenn sie erst einmal die politische Souveränität erkämpft hätten, einen ebenso vielversprechenden Prozeß nachholender staatlich lancierter Modernisierung in Gang zu setzen.(19)

Fast alle neuen Nationalstaaten suchten das in Deutschland bewährte »Modell« in der einen oder anderen Variante nachzuahmen. Vergleichbare Ergebnisse wie im Deutschen Reich zeitigten die Modernisierungs-Anstrengungen indes nur in zwei weiteren Ländern. Japan(20) und (mit Abstrichen) Italien begannen in etwa zeitgleich die industrielle Aufholjagd und stiegen ebenfalls in die Beletage des Weltkapitalismus und der imperialen Mächte auf.(21) Die anderen jungen Nationen hingegen, die erst im Laufe des 20. Jahrhunderts den Pfad nationalstaatlicher und nationalökonomischer Formierung einschlugen, kamen bei diesem Bemühen über anfängliche Achtungserfolge nicht hinaus und scheiterten schließlich. Keinem dieser Nationalstaaten in statu nascendi gelang es im Wettlauf um das Produktivitäts- und Vergesellschaftungsniveau, dauerhaft den Abstand zu den Ländern im kapitalistischen Zentrum zu verringern. Das bedeutete aber nicht allein, daß diese Nationen in spe dazu verurteilt waren, im Weltkapitalismus eine untergeordnete Rolle zu spielen; es hatte ebenso Folgen für den erreichbaren Grad von nationalökonomischer und damit auch nationalstaatlicher Integration. Neben den etablierten Nationen in Nordamerika und Westeuropa entstand eine Vielzahl von unvollständigen Nationalstaaten, die nie über das Rohbaustadium hinauskamen und heute, vor ihrer Vollendung, schon wieder in den Zerfall übergehen.

Wenn in Deutschland, Japan und Italien die nachholende Nationalstaatsbildung glückte, in Osteuropa, Asien, Lateinamerika, Afrika usw. hingegen Stückwerk blieb, so sind dafür vornehmlich zwei Faktoren verantwortlich. Zum einen hatte die Ausbildung einer nationalstaatlichen Ordnung bei den Ländern in der zweiten Startreihe einen viel längeren historischen Vorlauf als bei denjenigen in der dritten. Dieser Prozeß konnte nämlich bei den erfolgreichen älteren Späteinsteigern und nachholenden Nationen an vorgängige Entwicklungen anknüpfen, zu denen andernorts ein Pendant fehlte. Zum anderen wurde mit der zunehmenden Dichte der von den kapitalistischen Zentralmächten gesponnenen Weltmarkt-Vernetzung die für jede nachholende Entwicklung unumgängliche partielle Sistierung der Weltmarktkonkurrenz immer schwieriger.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als erst eine vergleichsweise schmale Produktpalette unter die Weltmarktkonkurrenz fiel, hatte dem Deutschen Reich noch ein Schutzzollsystem ausgereicht, um sich den Spielraum für einen selbsttragenden Akkumulations- und Industrialisierungsprozeß zu verschaffen. Im selben Maße jedoch, wie im Laufe des 20. Jahrhunderts die Weltmarktkonkurrenz sukzessive sämtliche Fertigungszweige erfaßte (eine Entwicklung, die sich seit den 50er Jahren immer mehr beschleunigt hat), war es damit nicht mehr getan. Soweit die nachholenden Nationen der »invisible hand« des Weltmarkts überhaupt Freiräume abtrotzen konnten, mußte die partielle Abschottung mit enormen Produktivitätsverlusten erkauft werden, die jede mühsam ermöglichte eigenständige Entwicklung wieder blokkierten. Zwar war es vielen Entwicklungsregimes noch möglich, so etwas wie eine schwerindustrielle Basis zu legen; aber schon der Übergang zu der für die hochfordistische Akkumulationsbewegung charakteristischen, breit aufgefächerten Massenfertigung von Konsumgütern ließ sich kaum mehr mit den etatistischen Instrumentarien bewältigen – von der Anpassung an die von der mikroelektronischen Revolution geschaffenen neuen Verwertungsbedingungen ganz zu schweigen.

Für die Spätstarter im dritten und vierten Glied der Nationenbildung lag also die Meßlatte, die es im Prozeß nachholender Modernisierung zu überwinden galt, deutlich höher als bei den Nationen der ersten und zweiten Generation. Das betrifft nicht allein den eben schon angesprochenen wachsenden Produktivitäts-Abstand zu den kapitalistischen Vormächten und die im säkularen Trend zunehmende Tiefenwirksamkeit des Weltmarkts; es gilt ebenso (darüber vermittelt) für die »innere Seite« der Konstituierung von Nationalstaaten, d.h. für die sukzessive Homogenisierung der Lebens- und Verwertungsbedingungen in den verschiedenen Landesteilen.

Als Ende des 19. Jahrhunderts der deutsche Nationalstaat aus der Taufe gehoben wurde, waren die Lebensverhältnisse in den diversen deutschen Landen noch in vielerlei Hinsicht kaum miteinander zu vergleichen. So lag beispielsweise das Lohnniveau, um hier nur einen leicht quantifizierbaren Indikator zu nennen, im preußischen Rheinland in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts rund fünfmal so hoch wie in Ostpreußen. Derlei schreiende Diskrepanzen bedrohten damals jedoch keineswegs zwangsläufig den Zusammenhalt der sich herausbildenden politischen und nationalökonomischen Einheit. Bleiben wir bei unserem Exempel, so zeigt sich vielmehr, daß die über das enorme Lohngefälle vermittelten Wanderungsbewegungen überhaupt erst der Montanindustrie des Ruhrgebiets die für ihre sprunghafte Expansion notwendigen Arbeitskräfte verschafften und gleichzeitig im agrarischen Osten für jenen Modernisierungsdruck sorgten, der die altväterlich-junkerliche Wirtschaftsweise aufzulösen begann. Natürlich blieben angesichts der enormen Differenzierung soziale Friktionen nicht aus, diese Verwerfungen blockierten das Zusammenwachsen Kleindeutschlands aber keineswegs, sondern bildeten eher so etwas wie eine Begleitmusik.

Diese Konstellation war indes an die spezifischen Bedingungen des GründerzeitKapitalismus gekoppelt. Sie konnte nur zum Tragen kommen, solange der Regulationsstaat noch in den Kinderschuhen steckte. Sobald aber die abstrakte Allgemeinheit sich angesichts der Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte nicht mehr darauf beschränken konnte, eine einheitliche Normierung und Gesetzgebung, Außenzölle und das Polizei- und Militärwesen zu garantieren und stattdessen das Gewicht der infrastrukturellen öffentlichen Aufgaben (Verkehrs- und Bildungswesen, soziale Sicherung usw.) für die Reproduktion der Marktgesellschaft(22) zunahm, entstand ein neuartiger verschärfter Zwang zur Homogenisierung. Je weiter der säkulare Etatisierungsprozeß voranschritt, desto mehr waren die nachrückenden Nationalstaaten gezwungen, sehr schnell landesweit einheitliche Verwertungs- und Lebensbedingungen zu schaffen. Wo sich die notwendige Kohärenz nicht herstellen und reproduzieren ließ, stand auf Dauer nicht allein das nationale Entwicklungsziel in Frage, sondern letztlich auch die politische Einheit des jeweiligen Staates zur Disposition.

7. Nationalismus in Osteuropa

Wenn die im Laufe des 20. Jahrhunderts aus dem Boden gestampften jungen Nationalstaaten prekäre Gebilde blieben, die mittlerweile reihenweise vor dem Auseinanderbrechen stehen oder schon in den Zerfall übergegangen sind, dann ist der letzte Grund sicher darin zu suchen, daß die gestellte Homogenisierungs- und Entwicklungsaufgabe nicht lösbar war. Sie scheiterten in letzter Instanz allesamt an der Weltmarktdynamik. Die nachholende nationalstaatliche Formierung stieß aber nicht erst in ihrem Fortgang auf unüberschreitbare Grenzen, sie stand in vielen Ländern von Beginn an auf äußerst wackeligen Füßen, weil das Importmodell Nationalstaat dort auf ein gesellschaftliches Gefüge traf, das sich der nationalstaatlichen Zurichtung seiner ganzen Grundstruktur nach sperrte. In Europa gilt das insbesondere für die östliche Hälfte des Kontinents. Der Osten blieb gegenüber dem Westen bei der nationalstaatlichen Formierung auch deshalb im Hintertreffen, weil diese hier nicht organisch an ältere Vereinheitlichungstendenzen anknüpfen konnte, sondern die Idee des Nationalstaats gegen die bestehende gesellschaftliche Wirklichkeit geltend gemacht werden mußte.

Wenn Nationalstaatsbildung wesentlich Homogenisierung bedeutet, dann betrifft das zunächst einmal natürlich die kulturellen Standards und andere Bereiche, die der klassische Marxismus für gewöhnlich dem »Überbau« zurechnet. Vorbürgerliche Imperien, in denen die Produktion für den Markt nur eine periphere Rolle spielte, konnten ohne weiteres eine nach sprachlichen und kulturellen Gesichtspunkten völlig heterogene Bevölkerung unter einem gemeinsamen Herrschaftsdach vereinen; und sie verzichteten daher letztlich allesamt darauf, gegen die bestehende Vielfalt vorzugehen. Weil Herrschaft dabei nur eine dünne Firnisschicht bildete, die an die Tiefen des alltäglichen Reproduktionszusammenhangs kaum heranreichte, tat es ihrer Funktionsfähigkeit keinerlei Abbruch, wenn die Untertanen unter vollkommen disparaten rechtlichen, sozialen und religiösen Verhältnissen ihr Dasein fristeten und sich untereinander nicht einmal verständigen konnten. Eine moderne bürgerliche Gesellschaft bedarf hingegen schon in einem relativ frühen Entwicklungsstadium einer einheitlichen Verkehrsbasis (verbindliche Landessprache, Rechtsnormen, usw.). Dieser Tatsache verdankt moderne Staatlichkeit ihre genuin nationale Färbung.

In West- und Mitteleuropa bildete sich die Bezugsbasis der kulturellen Homogenisierung seit der frühen Neuzeit parallel zum Aufschwung der Geldwirtschaft sukzessive heraus. In Frankreich begann sich das im Pariser Becken gesprochene Idiom seit dem 14. Jahrhundert immer mehr als verbindliche Verwaltungssprache durchzusetzen. In Deutschland existierte seit der Lutherschen Bibelübersetzung zumindest für die schriftkundigen Schichten ebenfalls ein verallgemeinerungsfähiger sprachlicher Bezug. Aus der Mundart des großen Reformators ging dementsprechend die deutsche Hochsprache hervor. In Osteuropa, das traditionell ein viel niedrigeres Vergesellschaftungs- und Vernetzungsniveau aufwies, fehlten bis ins 19. Jahrhundert hinein vergleichbare zentripetale Kräfte. Gerade die dünnen bürgerlichen Schichten, die hauptsächlichen Träger des Modernisierungsprozesses, rekrutierten sich vornehmlich aus zugewanderten, ursprünglich landesfremden Bevölkerungsgruppen (vornehmlich aus Juden und Deutschen; im Südosten aus Italienern, Griechen und Armeniern), während die Landbevölkerung in einer bunten »ethnischen Gemengelage« lebte.(23) Bei solchen historischen Ausgangsbedingungen konnte sich die Bezugsbasis der anlaufenden Homogenisierungsprozesse nicht quasi naturwüchsig ergeben, sondern mußte zum Konfliktgegenstand werden.

Im Ostteil des europäischen Kontinents, der im wesentlichen in drei vormoderne Imperien aufgeteilt war (Zarenreich, Osmanenreich, Donaumonarchie), ging die Nationalisierungstendenz zunächst einmal von den Völkerschaften aus, die den jeweiligen Landesadel stellten. Dies machte sich vornehmlich als Russifizierungs- bzw. Madjarisierungsbewegung bemerkbar. Im Widerstand gegen die neuartigen Absorptionsgelüste entstand aber seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert in den dünnen bürgerlichen Schichten auch ein ganzes Bündel untereinander konkurrierender Nationalismen, die gegen die großungarische bzw. großrussische Uminterpretation der alten Reichsideen frisch konstruierte nationale Sonderidentitäten geltend zu machen suchten. Während in Italien und Deutschland die Nationalstaaten aus Einigungsprozessen hervorgegangen waren, konnte die nationale Idee sich in Osteuropa nur im Kampf gegen die vorgängigen übernationalen Imperien formieren und auf deren Trümmern realisieren.

Die Gründungswelle von Nationalstaaten nach den Balkankriegen und dem 1. Weltkrieg bereitete zwar der alten pränationalen Ordnung, wie sie in der Donaumonarchie, dem Zaren- und Osmanenreich nachgelebt hatte, ein Ende; sie war deswegen aber noch lange nicht geeignet, adäquate Rahmenbedingungen für den Prozeß nachholender Modernisierung zu schaffen. In den zu Nationalstaaten deklarierten Spaltprodukten hatten zwar andere Völkerschaften das Sagen als in den kollabierten Großreichen; diese neuen Staatswesen waren dadurch aber weder »ethnisch« wesentlich homogener als ihre Vorgänger noch besser in der Lage, die diversen Minoritäten in ein einheitliches Staatsvolk einzuschmelzen.

Die Idee der Nation machte sich auch in Osteuropa zusammen mit der kapitalistischen Produktionsweise breit. Unter den spezifisch osteuropäischen Bedingungen, wo nationale Grenzen nur vollkommen willkürlich gezogen werden konnten, blokkierte dieses Importgut den staatlich lancierten Modernisierungsprozeß aber mehr, als daß es ihm förderlich gewesen wäre. Die Zwischenkriegszeit mit ihrer inneren und äußeren politischen Zersplitterung wurde für Ostmitteleuropa und den Balkanraum denn auch zu einer Phase der Stagnation, in der gewachsene wirtschaftliche Verflechtungen litten, ohne daß eine in den Einzelstaaten einsetzende Binnendynamik sie hätte ersetzen können.

Unter diesen Bedingungen standen zwei Wege zur »Lösung« der nationalen Frage offen. Die eine Möglichkeit bestand in der Relativierung des nationalen Gesichtspunkts, die andere in seiner rigorosen Realisierung durch Genozid und Vertreibung. Die erste Option ist untrennbar mit dem sogenannten Realsozialismus verknüpft. Die Errichtung einer Administrativwirtschaft, die das Ziel hatte, alle gesellschaftlichen Kräfte jenseits der Marktkonkurrenz für ein gigantisches Modernisierungsprojekt zu mobilisieren, bedeutete auch die Eskamotierung nationaler Gegensätze. Die Bolschewiki erkannten den Nationen zwar so etwas wie eine kulturelle Identität zu, die Sowjetökonomie wurde indes von vornherein als ein einheitliches Gefüge konzipiert. Solange die sowjetsozialistische Emphase trug und durch eine halbwegs funktionierende, immer ja auch regional zu verstehende allsowjetische Redistribution unterfüttert wurde, blieb die nationale Problematik unter dem Deckel. Regionale bzw. nationalistische Konkurrenz existierte untergründig zwar fort, aber nur versteckt; und sie kam allein in die Mechanismen einer einheitlichen Staatswirtschaft eingeschrieben zum Tragen. Die sowjetische Lösung wiederholte sich nach dem 2. Weltkrieg in dem einzigen anderen europäischen Land, das sich aus eigener Kraft vom nationalsozialistischen Deutschland befreien konnte und den Weg einer nachholenden ursprünglichen Akkumulation unter sozialistischem Vorzeichen einschlug: nämlich Titojugoslawien.(24)

In den anderen Ländern Ostmitteleuropas und Osteuropas dagegen setzte sich durch den Zweiten Weltkrieg und seine Folgeereignisse eine Annäherung an die rigorosen Prinzipien nationalstaatlicher Homogenität durch. In Polen hattens ich vor dem Zweeten Weltkrieg etwa 60 Prozent der Bewohner der »polnischen Nation« zugerechnet. Das deutsche NS-Besatzungsregime dezimierte die nicht-polnische Bevölkerung durch seine Ausrottungspolitik gegenüber den Juden erhablich. Da nach dem Krieg als Konsequenz der deutschen Politik der deutsche Bevölkerungsanteil vertrieben wurde und sich durch die Westverschiebung des Landes die Ruthenen, Ukrainer und Weißrussen im ehemaligen Ostpolen plötzlich als Sowjetbürger wiederfanden, stieg im neuen Staat der Anteil der polnischen Nationalität auf mehr als 90 Prozent an. Nach demselben Muster verlief der Prozeß der Homogenisierung in der benachbarten Tschechoslowakei. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatten sich nicht einmal 50 Prozent der Bewohner als Teil der tschechischen Nationalität betrachtet. Auch hier war es das deutsche Besatzungsregime, das durch den Holocaust den jüdischen Bevölkerungsanteil nahezu auslöschte, und auch hier wurde als Reaktion auf die deutschen Besatzungsgreuel der Bevölkerungsteil der Sudetendeutschen vertrieben während die Ostslowakei an die Sowjetunion fiel. Nach dem Krieg waren auf diese Weise die Staatsvölker der Tschechen und Slowaken deutlich in der Mehrheit.

8. Nationalismus in Asien und Afrika

Die nationalstaatliche Formierung in Osteuropa, die nach dem Ersten Weltkrieg recht stockend begonnen hatte und erst unter dem Vorzeichen des Realsozialismus auf Touren kam, war nicht die letzte Etappe in der Verallgemeinerung der nationalstaatlichen Form. Nach dem 2. Weltkrieg entstanden in den von den europäischen Kolonialmächten unterworfenen Gebieten Afrikas und Asiens ebenfalls breite Bewegungen, die sich das Ziel setzten, ihre Länder in die nationale Unabhängigkeit zu führen und zu modernisieren. Hier wiederholte sich ein letztes Mal das alte Doppelspiel von Opposition gegen das westliche Zentrum und Übernahme des westlichen Musters. Allerdings hatten die westlich-antiwestlichen Eliten in diesen Weltregionen mit noch weit prekäreren Bedingungen zu kämpfen als ihre osteuropäischen Vettern. Das Hauptproblem lag dabei weniger in der Erringung der politischen Unabhängigkeit; die eigentliche Malaise begann vielmehr bei der Umsetzung des nationalen Aufbauwerks nach dem Rückzug der Kolonialherren.

Das betraf zunächst einmal natürlich die Herausbildung von so etwas wie einem Nationalbewußtsein. In Ländern wie China oder Indien, die bei aller inneren Differenzierung schon in vorkolonialer Zeit politisch und kulturell über viele Jahrhunderte eine Einheit gebildet hatten, konnte der neue postkoloniale Nationalismus sich wenigstens auf dieses verklärte Erbe beziehen. In vielen anderen Gebieten war das nicht der Fall, und eine übergreifende Identität, die geeignet gewesen wäre, die von den Kolonialherren einst mit dem Lineal gezogenen Verwaltungseinheiten zu Nationen in spe zu überhöhen, mußte erst »erfunden« werden, und die Modernisierungseliten oktroyierten den nationalen Standpunkt der heimischen Bevölkerung von außen auf.

Hätte ein breiterer arbeitsgesellschaftlicher Akkumulationsschub zur Herausbildung eines nationalen Marktes geführt, dann wäre es sicher möglich gewesen, dieses Handicap zu überwinden, und die Kopfgeburt Nation wäre wohl nachträglich doch noch allmählich zur Alltagsrealität geworden; die Dynamik der Weltmarktbewegung verhinderte indes eine solche Auflösung. Auch nach der Erringung der politischen Unabhängigkeit konnten sich die Länder der 3. Welt nie aus den Dilemmata abhängiger Entwicklung befreien. Die Zersetzung der traditionellen lokalen Reproduktionsformen schritt zwar weiter voran, die freigesetzten Menschen wurden jedoch nicht mehr auf breiter Front unter dem Vorzeichen arbeitsgesellschaftlicher Verwertung neu integriert. Wo der Prozeß nationalökonomischer Integration in einem embryonalen Stadium steckenblieb, mußte aber auch die Existenz einer nationalen Identität letztlich Fiktion bleiben.

Als die Anfangseuphorie nach der Erringung der Unabhängigkeit verflog, machte sich dieses Problem schon nach wenigen Jahren bemerkbar. In demselben Maße, wie die staatlichen Modernisierungsapparate an die Grenzen ihrer Entwicklungsaufgabe stießen, setzte sich unter dem Deckmäntelchen nationalistischer Emphase eine subnationale Orientierung durch und die etatistische Redistributions-Gewalt wurde zusehends im Sinne eines regional und nepotistisch gegliederten Klientelwesens umfunktioniert. In Äthiopien etwa bestand die Haupttätigkeit des Staates unter Haile Selassie (aber auch unter dem Regiment seiner »sozialistischen« Nachfolger) darin, die knappen Ressourcen des Landes rücksichtslos in die vom Volk der Amhara bewohnte Hauptstadt Addis Abeba zu lenken und den Rest des Landes sich selber und schließlich dem Hungertod zu überlassen. Im Laufe der siebziger Jahren verallgemeinerte sich dieses Muster. In fast allen schwarzafrikanischen Staaten spiegelte das Parteienwesen getreulich die »ethnische« Gliederung wieder, und der Staat degenerierte immer mehr zu einem Selbstbedienungsladen für die staatsbesitzenden Cliquen, die sich bei dieser Art von Umverteilung auf die Loyalität ihrer »Stammes«-Klientel stützen konnten.

9. Von der nachholenden Nationalstaatsbildung zum Zerfallsnationalismus

In dieser Entwicklung deutete sich bereits an, welches Schicksal die zu spät gekommenen Nationen allesamt im Folgenden erwartete und noch erwartet. Der Verlust der arbeitsgesellschaftlichen Entwicklungsperspektive mußte letztlich die politische Form mitgefährden, in der sich der steckengebliebene Prozeß der Inwertsetzung vollziehen sollte, den Nationalstaat nämlich. Wo der Nationalstaat es nicht fertigbringt, den Rahmen einer gemeinsamen landesweiten abstrakten Reichtumsproduktion sicherzustellen und damit an seiner genuinen Aufgabe versagt, verliert er seine integrative Kraft und es machen sich über kurz oder lang zentrifugale Kräfte bemerkbar. Gerade in Schwarzafrika, wo es den jungen Nationalstaaten nie gelungen war, mehr als erste Ansätze einer übergreifenden nationalen Identität herzustellen, lösten sich diese sehr schnell wieder auf.

In Angola und Mozambique, die erst nach der portugiesischen Nelkenrevolution von 1974 das koloniale Joch endgültig abstreiften, ging die nachholende Nationalstaatsbildung unmittelbar in den Zerfallsnationalismus über. Die anderen afrikanischen Staaten konnten zunächst im Windschatten des globalen fordistischen Booms mit seinen vergleichsweise hohen Rohstoffpreisen (und seit den siebziger Jahren dank exzessiver Staatsverschuldung) die nationalstaatliche Modernisierungsfassade wenigstens einige Jahre lang aufrechterhalten. Hinter dieser Fassade war der Staat aber längst zur Beute clanmäßig organisierter Großseilschaften geworden; und als sich mit dem Verfall der Rohstoffpreise und dem Zuschnappen der Verschuldungsfalle die Spielräume für jegliche Rest-Redistribution verengten, war der Boden für diverse Separatismen und ein ausuferndes Warlord-Unwesen bereitet.

Der Zusammenhang von scheiternder arbeitsgesellschaftlicher Durchdringung und nationalstaatlicher (Selbst)Destruktion, der in den »Bürgerkriegen« in Liberia und Somalia sowie im ruandischen Genozid in seiner ganzen Brutalität sichtbar geworden ist, kennzeichnet aber nicht allein die Situation des »vergessenen Kontinents«. Dieselbe Grundlogik setzt sich derzeit in all den Weltregionen durch, in denen der nationalstaatliche Homogenisierungs- und »ethnische« Einschmelzungsprozeß unvollständig geblieben ist. Im demselben Maße, wie sich die schon erreichte nationalökonomische Integration auflöst, werden allerorten ältere, scheinbar längst verblaßte sprachliche und kulturelle Differenzen neu besetzt. An diesen Bruchstellen zerfallen reihenweise die ihres Modernisierungsinhalts beraubten Staaten an der Weltmarktperipherie. Besonders dramatische Formen hat diese Entwicklung in den ehemals realsozialistischen »Vielvölkerstaaten« angenommen. Mit dem Ende der realsozialistischen Entwicklungsperspektive zerbrachen dort auch die im Kontext der nachholenden Modernisierung geschaffenen transnationalen, synthetischen Staatsidentitäten. An die Stelle des einheitlichen »Sowjetvolkes« trat eine Vielzahl auseinanderstrebender Einzelnationalismen. Mit dem Kollaps von Titos »Selbstverwaltungssozialismus« brach auch das jugoslawische Staatswesen auseinander.

Diese Entwicklung wird für gewöhnlich als Renaissance des Nationalismus apostrophiert. Und in der Tat, diese Strömungen lehnen sich, was ihre Ideologie angeht, eng an ältere Nationenkonzepte an, die in der Modernisierungsgeschichte nicht so recht zum Zug kamen. Dieser Rekurs darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß die neonationalistische Welle einen ganz anders gearteten historischen Inhalt hat als sämtliche ihrer Vorgänger. Nationalismus war bislang im wesentlichen eine Integrationsideologie. Die Ausbreitung des Nationalismus ging mit der Installation moderner Staatlichkeit einher, und sie fand darin ihre Erfüllung, in Weltgegenden Nationalstaaten zu schaffen, in denen es vorher keine gegeben hatte. Der Neonationalismus hingegen verläßt dieses Schema. In seiner separatistischen Orientierung wird er nur noch als Begleitideologie bei der Ausschlachtung von Modernisierungsruinen geschichtsmächtig. Er steht also nicht für eine neu zu findende nationalökonomisch-nationalstaatliche Integration, sondern gerade für deren ersatzlose Zerstörung. Er markiert den Übergang von nationalstaatlichen Entwicklungsregimes zum poststaatlichen Warlord-Unwesen. Wie eine Hyperinflation nicht gerade als Indiz für die Stärke des Geldwesens zu verstehen ist, ebensowenig kündet das wilde Wuchern von Pseudo-Nationalstaaten von der unbändigen Kraft des Nationalen, sondern vielmehr von der Zersetzung des nationalstaatlichen Bezugsfeldes.

10. Globalisierung und Krise des Nationalstaats im Westen

Die bisherige Darstellung behandelte im wesentlichen den Zusammenhang zwischen warengesellschaftlichem Take off und der Erstinstallation der nationalstaatlichen Form. Dabei ergab sich ein Doppelbefund. In all den Weltteilen, die in den letzten beiden Jahrhunderten sukzessive in den Bannkreis der Verwertungsgesellschaft gerieten, war die an die Figur des Nationalstaats gekoppelte Dialektik von Teilsistierung der Weltmarktkonkurrenz und Etablierung eines nationalen, in sich kohärenten Verwertungsrahmens für die Durchsetzung der Arbeits- und Warengesellschaft unverzichtbar. Gleichzeitig zeigte sich aber auch, daß mit zunehmendem zeitlichen wie räumlichen Abstand vom westeuropäischen Ausgangspunkt der modernen bürgerlichen Gesellschaft die strukturellen Schwierigkeiten wuchsen, mit denen die Architekten nachholender nationalstaatlicher Formgebung zu kämpfen hatten. Mittlerweile verhindert der vom Weltmarkt ausgehende Druck an dessen Peripherie nicht nur die Neuinstallation funktionstüchtiger Nationalstaaten, es geht dort auch noch der im Etatisierungsprozeß schon einmal erreichte Stand an nationalökonomischer Kohärenz wieder verloren. Die »ethnischen« Konflikte, die heute an allen Ecken des Globus toben, sind weniger Ursache als vielmehr Ausdruck dieser Auflösungsbewegung, auch wenn sie diese Tendenz natürlich beschleunigen.

Damit ist aber nur ein Aspekt der Krise der nationalstaatlichen Ordnung erfaßt. Die Figur des Nationalstaats spielte nicht nur bei der (nachholenden) Transformation von vormodernen Gesellschaften in Warengesellschaften und bei deren geographischer Ausdehnung eine Schlüsselrolle, sondern ist ebenso für ihre Reproduktion unverzichtbar. Das betrifft zunächst einmal das Verhältnis zwischen den Nationalökonomien. Nicht nur beim Zusammenstoß mit wesentlich noch vorkapitalistisch geprägten Verhältnissen, sondern auch dort, wo kapitalistische Entwicklung sich auf ihrer eigenen Grundlage fortbewegt, erzeugt sie beständig Ungleichgewichte, die ihren Fortgang außerhalb der absolut fortgeschrittensten Metropolenländer stillzustellen drohen. Anders als die Freihandelsmärchenwelt mit ihrer Theorie komparativer Kostenvorteile behauptet, müßte in der schnöden kapitalistischen Realität das unabgepufferte Aufeinandertreffen unterschiedlicher Produktivitätsniveaus für die unterlegene Seite die gleiche Wirkung zeitigen wie in der Welt der Physik die Begegnung von Materie und Antimaterie. Wenn die große Boomphase nach dem Zweiten Weltkrieg nicht auf die kapitalistischen Kernmächte beschränkt blieb und die ganze westliche Welt, ja partiell sogar den Osten und Süden erfaßte, dann konnte das nur deshalb geschehen, weil sich der fordistische Aufschwung noch auf der Basis relativ selbständiger Volkswirtschaften vollzog und die nationalökonomische Terrassierung verhinderte, daß die Produktivitätsgefälle zu Bergstürzen, sprich zum Wegbrechen der schwächeren Verwertungsregionen führten.

Vom Kriegsende bis in die späten 50er Jahre hinein schützte in erster Linie die Einschränkung des Freihandels und auf der monetären Ebene der Fortbestand von Devisenbewirtschaftungssystemen die europäische Wirtschaft davor, von der damals in der Produktivität haushoch überlegenen amerikanischen Konkurrenz ausradiert zu werden. Im selben Maße, wie sich die Gewichte innerhalb der kapitalistischen Welt radikal zugunsten Japans und der BRD verschoben und die im Bretton-WoodsSystem vorgesehene freie Konvertibilität aller Währungen hergestellt wurde, übernahm immer mehr der Wechselkursmechanismus diese Funktion. Sämtliche Länder, die ihre Währung vom Gold abgelöst hatten, seit 1971 also auch die Vereinigten Staaten, waren dadurch in die Lage versetzt, im Bedarfsfall die Wettbewerbssituation durch die relative Abwertung des internen Wertmaßstabes gegenüber anderen nationalen Wertmaßstäben zu verbessern.(25)

Die Funktionsweise dieses Mechanismus läßt sich in seiner Grobstruktur in jedem VWL-Handbuch nachlesen. Wenn eine Nationalökonomie Produktivitätsdefizite aufweist, dann kann die Abwertung der Landeswährung zumindest partiell deren Wirkung kompensieren, indem sie für eine Verteuerung sämtlicher in das abwertende Wirtschafts- und Währungsgebiet fließender Importe sorgt. Die Verschiebungen in den Preisrelationen versetzen die unterproduktiven heimischen Betriebe in die Lage, ihre im Vergleich zu den hochproduktiven ausländischen Konkurrenten höheren Gestehungskosten auf dem Binnenmarkt zu realisieren und dadurch ihren Fortbestand zu sichern und ihrer Vernichtung zu entgehen; darüber hinaus stärkt die relative Verbilligung sämtlicher Exportgüter die Position des Abwertungslandes auf den Außenmärkten und eröffnet der unterlegenen Volkswirtschaft Ausfuhrspielräume, die sie vorher nicht hatte.

Die zunehmende transnationale Verflechtung hebelt diesen Ausgleichsmechanismus indes heute mehr und mehr aus, ohne daß ein alternatives Stabilisierungsmoment seine Aufgabe übernehmen könnte. In einer globalisierten Wirtschaft verliert der Wechselkursmechanismus immer mehr an Wirksamkeit, während die Kosten, mit denen er verbunden ist, immens steigen. Warum das so sein muß, läßt sich unschwer erklären. Der Vorteil, der sich aus der Abwertung der heimischen Währung ergibt, kann sich selbstverständlich immer nur auf den im eigenen Land erzeugten Wertanteil jedes Endprodukts beziehen. Soweit die heimischen Anbieter auf Vorprodukte und Rohstoffe aus dem Ausland angewiesen sind, schlägt die Abwertung auch bei ihnen nicht anders als bei der ausländischen Konkurrenz als bloße Verteuerung zu Buche, und die Wettbewerbseffekte schrumpfen. Gleichzeitig drückt die wechselkursinduzierte Erhöhung der Preise der Importgüter umso nachhaltiger auf die allgemeine Inflationsrate, je mehr relatives Gewicht den Einfuhren zukommt.(26)

Damit aber nicht genug. Die Wechselkurssteuerung, das klassische Kernstück volkswirtschaftlicher Außenregulation, wird zusätzlich noch durch etwas anderes blockiert, durch die in den letzten Jahrzehnten entstandene extreme Abhängigkeit der Staatsapparate und der Realwirtschaft vom transnationalen Geldkapital und dessen Verwertungslogik. Ein unterproduktives Land, das heute auf den internationalen Finanzmärkten auch nur in den Verdacht gerät, es könne auf die Idee verfallen, seine Wettbewerbssituation durch eine Abwertungsstrategie verbessern zu wollen, muß das augenblicklich mit einer Fluchtbewegung der auf den entgrenzten Geldkapitalmärkten frei fluktuierenden Gelder büßen. Für die verschuldete öffentliche Hand, aber auch für die auf Fremdfinanzierung angewiesenen Unternehmen bedeutet das, daß sie postwendend mit einem Anstieg des Zinsniveaus konfrontiert werden, der dazu angetan ist, die mögliche wechselkursbedingte Verbesserung der Wettbewerbssituation des ehemaligen nationalen Standorts in sein Gegenteil zu verkehren.

Dieser Gesichtspunkt weist über die im kapitalistischen Weltsystem zweitrangigen Staaten hinaus. Angesichts der Entnationalisierung des Kapitals, insbesondere des Finanzkapitals, verengen sich nicht nur die Handlungsspielräume für die schwächeren kapitalistischen Länder, auch die Regulationsfähigkeit der auf dem Weltmarkt führenden Länder schwindet dahin. Sie genossen zwar in den letzten beiden Jahrzehnten dank ihrer privilegierten Stellung auf dem transnationalen Finanzmarkt den Vorzug, fiktives Kapital aus aller Welt zu günstigen Konditionen für die Finanzierung der Staatsdefizite und der heimischen Unternehmen anzapfen zu können, auf längere Sicht muß dieser Vorzug aber mit einem Verlust an Souveränität bezahlt werden. Solange es die Staaten mit national segmentierten Geldmärkten zu tun hatten und sich mit dem Zugriff auf die heimischen Spargroschen begnügten, waren sie in der Lage, das Konkurrenzverhältnis von Real- und Geldkapital weitgehend nach ihren wirtschaftspolitischen Zielvorgaben zu regulieren. Staaten, die auf beständige Frischgeldzufuhr angewiesen sind, die nur vom globalisierten Finanzmarkt kommen kann, haben diesen Gestaltungsspielraum nicht mehr, und der vorauseilende Gehorsam gegenüber den Verwertungsinteressen des entnationalisierten Geldkapitals wird schließlich zur ultima ratio finanz- und wirtschaftspolitischen Handelns.

Für die bürgerliche Geschichtsschreibung, darauf habe ich eingangs schon hingewiesen, endet »das Zeitalter des Nationalismus« in den kapitalistisch hochentwikkelten Ländern mit dem Jahre 1945. Diese Sichtweise hat sicherlich ideologiegeschichtlich ihre Berechtigung. In der Nachkriegsära mit ihrer Blockkonfrontation spielte die nationale Emphase zweifellos längst nicht mehr die Rolle, die sie in der Zwischenkriegszeit und zu Beginn des Jahrhunderts einmal gespielt hatte. Das bedeutet indes keineswegs, daß der Nationalstaat als Funktionsträger der herrschenden Vergesellschaftungsform in dieser historischen Phase an Bedeutung eingebüßt hätte. Der von Massenarbeit und Massenkonsum getragene Boom der westlichen Marktwirtschaft wäre natürlich ohne die auf die Sicherstellung des nationalökonomischen Rahmens gerichtete exzessive Tätigkeit des Staates gar nicht denkbar gewesen. Seit den fünfziger und sechziger Jahren fiel es den staatlichen Apparaten in einem bis dahin unbekannten Maße zu, durch eine geeignete Wirtschafts- und Sozialpolitik sowie infrastrukturelle Maßnahmen jeder Art (Bildungs- und Verkehrswesen usw.) die Rahmenbedingungen für die privatwirtschaftlich organisierte Verwertungsbewegung sicherzustellen. Bei den Staaten, die diese rahmensetzende Funktion übernahmen, handelte es sich aber nicht nur empirisch um Nationalstaaten, angesichts der Ausdifferenzierung von Produktivitätsniveaus in der kapitalistischen Warenwelt war diese nationalstaatliche Attributierung auch der Sache nach unumgänglich. Wenn die gesamte wirtschafts- und strukturpolitische Tätigkeit des Staates sich darauf auszurichten hatte, für einheitliche weltmarktadäquate Verwertungsbedingungen zu sorgen, dann mußte sie von vornherein in all ihren Aspekten (von der Geldpolitik bis zur Ausgestaltung des Systems sozialer Sicherheit) auf die spezifische Position des staatlich zusammengefaßten Standorts in der Weltmarktkonkurrrenz abgestimmt sein. Die sprunghafte Etatisierung läßt sich von daher als die Fortsetzung der Vernationalstaatlichung fassen. So gesehen schließt das Zeitalter des Nationalstaats die Nachkriegsära also nicht nur ein, im keynesianischen Wachstumsprogramm fand die Symbiose von Territorialstaat und industriekapitalistischer Verwertung vielmehr überhaupt erst zu ihrer entwickeltsten Gestalt. Der Hochfordismus stellte die nationalökonomische Vollintegration her und die nationalen Wirtschaften erreichten einen bis dahin unbekannten Grad an innerer Homogenität.

Dieser Zustand blieb jedoch nicht auf Dauer erhalten. Zusammen mit dem fordistischen Modell unterlag auch der Nationalstaat einem schleichenden Auszehrungsprozeß, der allmählich in seine kritische Phase tritt. Weiter oben habe ich schon darauf hingewiesen, daß angesichts der entnationalisierten Geldkapitalströme und der Verschuldungs- und Fiktionalisierungsdynamik nationalstaatliche Souveränität zu einer Funktion der landesspezifischen Kreditbonität degeneriert. Das ist aber nicht das einzige Problem, das sich mit dem fortschreitenden Globalisierungsprozeß auftut. Gleichzeitig löst sich auch auf der Ebene des Realkapitals die dreihundertjährige Symbiose von Territorialstaat und einzelkapitalistischer Verwertungsbewegung sukzessive auf. Mit der zunehmenden Globalisierung der Produktionszusammenhänge verliert das Kapital unwiederbringlich seine Bindung an einen festen, in sich kohärenten Verwertungsstandort und damit sein nationales Attribut. So wenig die Einzelbetriebe auf dem heutigen Produktivitätsniveau für ihre Reproduktion darauf verzichten können, daß staatliche Regulation die Verwertungsvoraussetzungen garantiert, so wenig Sinn macht es vom global-player-Standpunkt aus, sich in irgendeiner Weise an der Finanzierung solcher Aufgaben zu beteiligen, wenn der Konzern durch geeignete geographische Zersplitterung der Produktion und eine kreative Buchhaltung die Steuer- und Abgabenstaaten gegeneinander ausspielen kann. Im Zeitalter der unmittelbaren Subsumtion unter das Weltmarktdiktat, in dem nicht mehr der nationale Binnenmarkt, sondern der planetare Markt den Bezugsrahmen abgibt, wird die Koppelung von einzelbetrieblicher Prosperität, inländischem Massenkonsum und dem Gedeihen der Volkswirtschaft als ganzer für den Einzelbetrieb zum Luxus und damit gesellschaftlich zum Anachronismus. Der Abschöpfungsstaat, der sich zu jeder Rücksichtnahme auf das scheue Reh Investivkapital genötigt sieht, kann sich nur mehr an die immobilen Produktionsfaktoren (sprich die Arbeitskraft) halten und fiktive künftige Steuereinnahmen verpfänden (Verschuldung), während er gleichzeitig zum Einspar- und Rückzugsstaat mutiert. Die Emanzipation der einzelbetrieblichen Verwertung vom Territorialstaat bedroht auf diese Weise die nationalstaatliche Integration in ihren Grundfesten.

Diese Entwicklung markiert offenbar einen Epochenbruch in der Geschichte des Nationalstaats. Eine solche Wendung vollzieht sich nicht innerhalb weniger Jahre, sondern zunächst einmal subkutan. Dennoch handelt es sich hier längst nicht mehr nur um einen vagen Trend, der irgendwann im nächsten Jahrhundert praktisch greifbar würde. Die politische Entwicklung reflektiert schon geraume Zeit die hier angedeutete basale und irreversible Veränderung. Der Triumph des Neoliberalismus und das Ende des sozialdemokratischen Zeitalters stehen für eine Art von Offensivkapitulation vor dem Selbstlauf des entnationalisierten Marktes(27). Der verwertungsgesellschaftliche Staat läßt immer mehr den Anspruch fahren, überhaupt noch eine nationalökonomische Integration sicherzustellen, die allen seinen Bürgern Partizipationsmöglichkeiten eröffnen könnte. Er zieht sich aus der Breite des sozialen Territoriums zurück in der Hoffnung, nach dieser Frontbegradigung wenigstens einigen Verwertungsinseln optimale Bedingungen bieten zu können.

Diese Metamorphose in den kapitalistischen Zentren wiederholt in gewisser Weise die Desintegrationslogik, die an der Weltmarktperipherie schon geraume Zeit zu beobachten ist. Die neokonservative Wendung bereitet auch im Westen keineswegs den Übergang zu einem anderen, nur weniger sozialen Akkumulationsmodell vor; die ungefiltert sich durchsetzende Gewalt des Weltmarktes höhlt mit der nationalstaatlichen Regulation vielmehr letztlich jegliche gesellschaftliche Reproduktionsfähigkeit aus. Die anomischen Tendenzen, die sich in den Metropolenländern im selben Maße breitmachen, wie die wohlfahrtsstaatliche Domestizierung der unbedingten Konkurrenz durchlöchert wird, dürften kaum schwächer ausfallen als bei den Spätstartern am Rande der Weltmarktgesellschaft. Sie werden sich indes wahrscheinlich in etwas anderen Formen durchsetzen. Zwar wird im Kollaps der Weltarbeitsgesellschaft die Neubesetzung nationalistischer Feindbilder nach außen als alternatives Erklärungsmuster eine wachsende Rolle spielen, angesichts des erreichten nationalen Einschmelzungsgrades ist es aber wohl eher unwahrscheinlich, daß innerhalb der bestehenden Staaten separatistische Strömungen und »Ethnonationalismen« entscheidend das Geschehen bestimmen werden.(28) Die Ausgrenzungstendenzen dürften sich auch künftig weniger gegen bestimmte Landesteile als gegen bestimmte Schichten richten, während das rassistisch-nationalistische Ressentiment in Europa vornehmlich als Ausgrenzung gegen die Zuwanderer aus Ost und Süd unmittelbar praktisch zum Tragen kommt. Die äußere nationalstaatliche Hülle einschließlich der bestehenden politischen Grenzen dürfte hier also im wesentlichen erhalten bleiben, soweit die »nationale Identität« nicht sogar als Reaktion auf kläglich scheiternde supranationale Experimente(29) eine neue Bedeutung gewinnt und vom wildwerdenden Warensubjekt ein letztes Mal emphatisch besetzt wird. Das ändert aber nichts am strukturellen Problem. Der Nationalstaat lebt fort, wird aber seines gesellschaftlichen Inhalts entleert, ohne daß supranationale Vereinigungen in der Lage wären, seine traditionellen Funktionen zu übernehmen.

In einem sehr frühen Stadium der Nationalstaatsbildung und der Aufstiegsgeschichte der Warengesellschaft sang Thomas Hobbes, einer der Gründerväter des modernen bürgerlichen Denkens, sein Loblied auf den absoluten Staat. Indem der Staat die bürgerlichen Subjekte zu einem Metasubjekt vereint(30) und sich zum »sterblichen Gott« aufschwingt, so seine Grundargumentation, hält er sie davon ab, ihrer asozialen Grundanlage zu folgen und einander zu zerfleischen. Wer sich am Allmachtsanspruch des Staates versündigt, beschwört die Rückkehr des Naturzustandes in den innerstaatlichen Raum, d.h. den allgemeinen Bürgerkrieg, herauf. In den sechziger und siebziger Jahren lag es nahe, Hobbes‘ Wunschtraum vom gottgleichen Staat als einen Alptraum zu dechiffrieren, der in der Gestalt der allgegenwärtigen und allzuständigen keynesianischen Wohlfahrts- und Regulationsapparate dabei war, Wirklichkeit zu werden. Hobbes wurde dementsprechend in der Linken (aber nicht nur dort) gern als früher Apologet des Totalitären eingeordnet. Mittlerweile zeichnet sich ab, daß seine Urangst, die Angst der bürgerlichen Gesellschaft vor sich selber, durchaus ein Moment von Berechtigung, ja historischem Weitblick enthielt. Die globalisierte Warenlogik fegt die staatliche Regulations- und Befriedungsmacht als eine intermediäre Gewalt zur Seite, aber nur, um in der zur Anomie verschärften allseitigen Konkurrenz aller Warensubjekte zu sich zu kommen. Wo der »sterbliche Gott« dahinsiecht, ohne daß sich die Menschen von der warengesellschaftlichen Form emanzipieren, ist der Abschied vom Leviathan identisch mit gesellschaftlicher Selbstdestruktion. Noch schrecklicher als die Übermacht des Leviathan ist seine tödliche Schwäche, solange die Warengesellschaft die Szene beherrscht und sich noch keine Formen direkter Vergesellschaftung jenseits von Markt und Staat herausbilden.

Fußnoten

(1) Heinrich August Winkler beginnt seine Einleitung zu dem von ihm herausgegebenden Sammelband »Nationalismus« mit folgender Aussage: »Der Begriff Nationalismus ist einer der inhaltlich vieldeutigsten, die es im politisch wissenschaftlichen Sprachgebrauch gibt. Mit diesem Begriff kann das Programm einer Befreiungsbewegung ebenso gemeint sein wie die Bekämpfung und Unterdrückung fremder Völker […]. Der Nationalismus erscheint mithin als coincidentia oppositorum, und erst im konkreten historischen Zusammenhang kann deutlich werden, wofür der Begriff jeweils steht oder stehen soll.« Das beschworene »Konkrete« entpuppt sich nicht nur bei Winkler schnell als das Einzelne. Die Neigung, den Nationalismenwald in seine Bäume aufzulösen, ist in der Debatte um Nation und Nationalismus insgesamt sehr verbreitet.

(2) Das gilt übrigens nicht nur für den bürgerlichen Wissenschaftsbetrieb, sondern auch für die Marxisten. Marx und Engels selber haben in ihren politischen Schriften zwar mehrfach zu den nationalistischen Strömungen ihrer Zeit Stellung genommen, als theoretisches Problem spielt die Nation bei ihnen jedoch kaum eine Rolle. Es gibt schlicht und einfach keine Marxsche Theorie der Nation. Der Bezug auf die diversen Nationalismen blieb bei den Klassikern von taktischen Überlegungen bestimmt, die mit zum Teil schon recht merkwürdig anmutenden ad-hoc-Konstrukten unterfüttert wurden. (Man denke in diesem Zusammenhang nur an das Engelssche Diktum von den »geschichtslosen osteuropäischen Völkern«, denen er jedes Lebensrecht absprach). Für die marxistischen Epigonen war die »nationale Frage« über Jahrzehnte theoretisch überhaupt nicht existent. Während der Chauvinismus lange schon wilde Blüten trieb, übten sich die Wortführer der Arbeiterbewegung in entschlossener Indifferenz. Noch 1908 prophezeite Kautsky, daß die internationalisierenden Wirkungen des Kapitalismus zum schmerzlosen Ineinanderaufgehen der Nationen führen würden, und prognostizierte »die schließliche Zusammenfassung der gesamten Kulturmenschheit in einer Sprache und Nationalität«. Während in seiner Heimatstadt Prag und in der gesamten Habsburger Monarchie die nationalen Gegensätze brodelten, konnte der Cheftheoretiker der Zweiten Internationale in derlei Entwicklungen nur Ablenkungsmanöver der Bourgeoisie ausmachen. Die Bolschewiki gingen mit der nationalen Frage taktisch flexibler um. Von einer theoretischen Auseinandersetzung mit dem Problem Nation kann bei ihnen aber genausowenig die Rede sein wie bei ihren Vorgängern und Konkurrenten. (Stalins Enzykliken fallen ja wohl kaum in die Kategorie Theorie.) Bucharin etwa blieb in seiner »Ökonomie der Transformationsperiode« der Erwartung von Kautsky treu. Noch in den 20er Jahren ging er davon aus, daß die aus der Konkursmasse des Zarenreiches und der Habsburger Monarchie neu enstandenen Nationalstaaten alsbald wieder verschwinden und ein politischer Konzentrationsprozeß einsetzen würde, sei es unter sozialistischen, sei es unter imperialistischen Vorzeichen. Im marxistischen Lager hat sich vor dem zweiten Weltkrieg außer Otto Bauer (»Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie«) kaum einer ernsthaft um eine Analyse der Nation bemüht.

(3) Die erste einflußreiche Typologie erstellte der amerikanische Historiker Carlton J. H. Hayes 1931. Er operierte vorzugsweise geistesgeschichtlich und machte fünf Arten von Nationalismen aus, »humanitären, jakobinischen, traditionalen, liberalen und einen integralen Nationalismus«. Hans Kohn reduzierte diese Vielfalt auf zwei Grundtypen. In Anlehnung an Friedrich Meineckes Unterscheidung zwischen »Staatsnation« und »Kulturnation« stellte er dem westlichen subjektiv-politischen Begriff der Nation das östliche objektiv-kulturelle Verständnis von Nation entgegen. Diesen Dualismus ergänzte Theodor Schiedet in den 60er Jahren um eine dritte Variante, wobei er mehr als seine Vorgänger nicht nur die Ideologie-, sondern auch die Realgeschichte im Auge hatte. Er macht in Europa (auf diesen Kontinent beschränkt sich sein Interesse ebenso wie das seiner Vorgänger) drei Grundtypen von Nationenbildung aus. Im Westen Europas geht die Bildung einheitlicher staatlicher Gebilde deren Metamorphose zur Nation voraus (Frankreich und das Vereinigte Königreich existieren als Staaten, bevor sich die französische und britische Nation konstituierte). In Deutschland und Italien formieren sich die Nationalstaaten aus politisch zunächst »getrennten Teilen von Nationen, die ihre staatliche Zerrissenheit überwinden wollen«. Im Osten des Kontinents entstehen Nationen auf separatistischem Wege, sie spalten sich von »anationalen Großmonarchien« ab. Eine Untersuchung des Nationalismus kann an diesen Unterscheidungen nicht vorbeigehen. Sie haben ihr empirisches Substrat. Es reicht aber nicht, diese Differenzen zu konstatieren und zu beschreiben. Die konträren Wege zur Nation sind auf das West-Ost-Gefälle im europäischen Vergesellschaftungsniveau zu beziehen.

(4) Ein Konstrukt übrigens, das im gesellschaftlichen Handeln täglich neu reproduziert werden muß.

(5) Besonders deutlich hat das Ernest Gellner in seinem Buch »Nationalismus und Moderne« dargestellt.

(6) Diese beiden Konzeptionen schließen einander übrigens nicht unbedingt aus, auch wenn die Urheber sie gern alternativ setzen. Die mit dem Rekurs auf den vermeintlich ontischen nationalen Standpunkt einhergehende Flucht vor der Moderne kann selber entgegen den Intentionen der Protagonisten zum Moment der realen Durchsetzungsbewegung werden. Insbesondere am Nationalsozialismus läßt sich diese paradoxe Verkehrung eines irrationalen, antiwestlichen, antimodernen Impulses zu einer Modernisierungskraft studieren.

(7) Diesen Beitrag halte ich übrigens für die mit Abstand spannendste und fruchtbarste unter den neueren Arbeiten zum Thema Nation. Gerade diese Wertschätzung ist der Grund dafür, warum ich mich von ihr im Weiteren mehrfach abstoße.

(8) Der Einwand galt bei Winkler Karl W. Deutsch. Unter dieses Verdikt müßte aber auch der neuere Versuch von Gellner fallen.

(9) Demokratie und Parlamentarismus sind nicht dasselbe. Eine populistische Diktatur wie die faschistische, die alle »Volksgenossen« gleichermaßen in ihrem sozialen Sosein affirmiert, ist in gewisser Weise demokratischer als ein parlamentarisches System, in dem »Milieuparteien« den Ton angeben. In diesem Sinne war die NSDAP nicht nur von ihrer sozialen Trägerschaft her, sondern auch, was ihre Ideologie angeht, dem Modell der demokratischen Volks- und Allerweltspartei weit näher als die tragenden »Systemparteien« von Weimar. Die SPD und das Zentrum repräsentierten jeweils nur eine eng umschriebene katholische oder arbeiterständisch geprägte Klientel, sie waren keine Parteien des ganzen Volkes wie ihre Nachfolgeorganisationen.

(10) Es geht nicht darum, den Horror des Faschismus zu relativieren, wie das Nolte und Konsorten versuchen. Umgekehrt werfen vielmehr die Nazigreuel ein bezeichnendes Licht auf den demokratischen Normalbetrieb. So erhaben die Demokratie sich über den Faschismus dünkt, er gehört zu ihrer ureigenen Vorgeschichte und verweist auf deren inhärentes barbarisches Potential. Ich verzichte an dieser Stelle darauf, diesen Gedanken herzuleiten, da ich und andere ihn in vielen seiner Aspekte in den Krisis-Publikationen schon mehrfach entwickelt haben. Vgl. insbesondere »Rosemaries Babies: die Demokratie und ihre Rechtsradikalen«,

(11) Diese Schlagseite macht sich auch bei Gellner bemerkbar. Er vertritt den Standpunkt, daß wir uns in der modernen Welt mit der Existenz von Nationen und Nationalismus nun einmal einzurichten haben. In den neunziger Jahren, in einer Zeit, da der Nationalismus abermals sein volles destruktives Potential entfaltet, wirkt diese Sichtweise doch einigermaßen befremdlich. Genauso gut könnte er die einsichtige Menschheit auffordern, es sich auf einer heißen Herdplatte so gut es eben geht bequem zu machen.

(12) Wenn die von der apologetischen Haltung gegenüber der Moderne erzwungene strukturalistische Sicht das theoretische Auflösungsvermögen der modernisierungstheoretischen Ansätze beschränkt, dann gilt das natürlich nicht allein für den Blick auf die Vergangenheit des Nationalismus. Dieser grundlegende Mangel macht sich gerade auf die heutige Entwicklung bezogen noch viel deutlicher bemerkbar. Die zeitgenössischen Neonationalismen passen beim besten Willen in kein funktionalistisches Schema. Die neonationalistischen Wirren werden nie und nimmer zur Herstellung geordneter bürgerlicher Verhältnisse beitragen. Angesichts dieses offensichtlichen Befunds muß aber ein Ansatz, der die irrationalen und selbstzerstörerischen Seiten des Nationalismus nie befriedigend integrieren konnte, wohlweislich verstummen.

(13) Stein Rokkan hat Anfang der 70er Jahre die wohl ausgefeilteste Stufenfolge von Entwicklungsstadien und den dazugehörigen Übergangskrisen vorgelegt. Vgl. Rokkan, Saelen, Warmbrunn: »Nation-building: A review of Recent Comparative Research at a Select Bibliography of Analytical Studies«.

(14) Auf den ersten Blick mag diese Ausrichtung an den Ansatz von Immanuel Wallerstein erinnern. Dieser amerikanische Autor behandelt den Weltmarkt bekanntlich explizit als ein den vielen einzelnen Nationen vorausgesetztes logisches prius. Diese Übereinstimmung darf aber nicht über grundlegende Differenzen hinwegtäuschen, die zwischen der Wallersteinschen »Weltsystem«-Vorstellung und dem wertkritischen Zugang zum Nationenproblem bestehen. Wenn wir von den soziologistischen Neigungen Wallersteins und deren weitreichenden Implikationen einmal absehen, dann ist der entscheidende Unterschied wohl darin zu sehen, daß die Wertkritik den Weltmarkt als Prozeß, als historischen Fluchtpunkt zu fassen sucht. Wallersteins Vorstellung von einem »Weltsystem« dagegen, der Terminus selber verrät das ja im Grunde schon, hat etwas Statisches. In seiner Diktion existiert das »Weltsystem« seit dem 16. Jahrhundert fix und fertig. In den letzten 500 Jahren hat sich zwar ein Übergang vom »Agrarkapitalismus« zum »Industriekapitalismus« vollzogen, und die kapitalistischen Vormächte haben in der Zwischenzeit mehrfach gewechselt, die »Modelle« variierten also; die Grundstruktur haben diese vielen Metamorphosen jedoch nicht berührt. Das wesentliche Merkmal von Wallersteins »Weltsystem«, die Dreiteilung der kapitalistischen Weltwirtschaft in Zentrum, Peripherie und Semiperipherie, hat sich seiner Theorie zufolge durch alle Umbrüche hindurch nur beharrlich reproduziert. Die wertkritische Herangehensweise konzentriert sich hingegen gerade auf die bei Wallerstein ausgeblendete oder in die bloße Empirie abgeschobene Entwicklungsdynamik der Beziehung von Weltmarkt und Nation. Wo Wallerstein den Weltmarkt definitorisch voraussetzt, geht es gerade darum, die sukzessive Herausbildung des nationalstaatlichen Geflechts auf die aufeinanderfolgenden Schübe in der Herstellung des Weltmarkts zu beziehen. Der Weltmarkt ist nicht seit dem 16. Jahrhundert einfach existent, er wird erst, und dieses Werden erlebt erst heute seinen krisenhaften Abschluß. In seinen früheren Entwicklungsstadien erreichte der Einfluß des Weltmarkts niemals eine dem heutigen Stand vergleichbare Tiefenwirkung, und je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, desto mehr verliert sich die Durchschlagskraft des globalen Warenzusammenhangs. Es ist eben keineswegs eine bloß sekundäre Frage, ob die internationale Arbeitsteilung nur einen relativ kleinen Sektor der Güterherstellung erfaßt, wie das zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Fall war, oder ob wie heute sich fast jede Produktion immer schon unmittelbar am Weltmarktstandard messen muß. Für derartige qualitative und weitreichende Veränderungen hat die Wallersteinsche »Weltsystemtheorie« keinerlei Sensorium.

(15) In Mazzinis künftigem Europa war gerade einmal für ein gutes halbes Dutzend Staaten Platz. Marx sah das ganz ähnlich, billigte 1848 auf dem europäischen Kontinent ebenfalls nur Frankreich, Spanien, Deutschland, Polen, Italien und Ungarn ein nationales Lebensrecht zu und zeigte keinerlei Verständis für einen belgischen oder tschechischen Nationalismus. Diese Völkerschaften hatten ebensowenig ein Recht, als eigenständige »Nationalitäten« aufzutreten, wie die Schweiz, die Niederlande oder Dänemark ihre Selbständigkeit bewahren sollten.

(16) Ihrer ganzen Struktur nach sind die aus dem habsburgischen Reichsverband ausgeschiedenen Niederlande noch nicht als einheitlicher homogener Territorialstaat zu verstehen, sondern als Zusammenschluß autonomer Städte, die im wesentlichen auf eigene Rechnung operieren.

(17) Hier ist in erster Linie von Preußen die Rede.

(18) Nation meint beim »Heiligen Römischen Reich deutscher Nation« immer nur den Adel. Mit dem moder nen schichtenübergreifenden Nationenbegriff hat das nichts zu tun.

(19) Der nachholende Nationalismus entfaltete nirgends (wenn man von der Meiji-Diktatur vielleich einmal absieht) eine für die Nachbarn derart mörderische Durchschlagskraft wie in Deutschland. Von daher könnte man, würde dieser Begriff nicht fälschlicherweise die Existenz eines Normalpfades nahelegen, durchaus von einem »deutschen Sonderweg« sprechen. Das darf aber nicht davon ablenken, daß Deutschland in vielerlei Hinsicht für sämtliche Spätstarter das nie erreichte Vorbild abgegeben hat. Parallellen springen schon auf der soziologischen Ebene ins Auge. Anders als im Westen spielte bei der Formierung der nationalistischen Strömungen in Deutschland die Bourgeoisie kaum eine aktive Rolle. Die frühen Nationalisten rekrutierten sich in erster Linie aus dem Bildungsbürgertum. In Osteuropa und im Trikont bietet sich das gleiche Bild. Auch hier stammen die Avantgarden der Nationalbewegungen aus den Reihen der Intelligenz, während sich Bourgeoisie und Kapitaleigner zunächst passiv bis feindlich verhielten. Das deutsche Vorbild läßt sich aber auch in der Art und Weise mit Händen greifen, in der die Nation bestimmt wurde. Da Fichte und Herder sich auf keine schon vorhandene polirische Einheit berufen und sie in den Dienst ihrer Ideen stellen konnten, war die Nation bei diesen Gründungsvätem der deutschen Nationalbewegung im Virtuell-Ideellen angesiedelt. Sie behandelten das Deutschtum als Erziehungs- und Kulturangelegenheit. Die nationalistische Strömung machte sich diese Grundorientierung zu eigen und verplattete sie. Eine mystifizierte Vergangenheit wurde zum Bezugspunkt nationaler Identität. Hermann der Cherusker, Kaiser Friedrich Barbarossa und andere historische Figuren mußten als die Inkarnationen eines antiromanischen, deutschen Wesens herhalten, das es wiederzuentdecken galt. Die nachfolgenden nationalen Aufbruchsbewegungen brachten ganz ähnlich geartete Konstrukte hervor. Die nationalistischen Ideologeme von Senghors Négritude bis zu den großserbischen Träumen, die das Amselfeldtrauma von 1389 immer wieder aufs neue beschworen, bewegten sich allesamt in diesem Bewußtseinshorizont. Wie einst in Deutschland, so begann der Nationalismus in Osteuropa, aber auch in Afrika und Asien abseits der Niederungen des täglichen Daseins als Kultur- und Bildungserlebnis. Er fand seine ersten Aufgaben darin, eine eigene Schriftsprache und eine nationale Geschichte zu synthetisieren. Die Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt setzten damit ein, daß Teile der verwestlichten Bildungseliten die eigene »uralte« Kultur »entdeckten« bzw. konstruierten und ihre kulturelle Besonderheit als Waffe gegen den übermächtigen westlichen Universalismus kehrten. Die Übereinstimmung mit dem deutschen Muster blieb meist implizit und hinter ideologischen Gegensätzen verborgen. Einigen nationalistischen Autoren war sie aber durchaus bewußt. Die führenden Theoretiker des Panarabismus und Gründungsväter der Baath-Partei verstanden sich nicht nur wie einst Fichte und Herder wesentlich als nationale Erzieher, sie bezogen sich auch explizit auf ihre beiden deutschen Vorgänger als ihre Vordenker. Der antiwestliche Impuls kam gerade im arabischen Raum regelmäßig in germanophilem Gewande daher. Der gemeinsame antiwestliche Impuls und das starke etatistische Moment bei der Nationenbildung machte sich selbstverständlich auch in der allen nachholenden Nationalismen gemeinsamen Distanz zum Liberalismus bemerkbar. Schon das Deutsche Reich war bekanntlich nicht das Produkt einer bürgerlichen Revolution, es wurde als »Gründung von oben« von der preußischen Administration ins Leben gerufen. Der aggressive Nationalismus, der in den achtziger und neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts Deutschland zu prägen begann, sprengte endgültig den borniert besitzbürgerlichen Rahmen der liberalen Ideologie. In der explosiven Mischung von imperialistischen, rassistischen, sozialdarwinistischen und antisemitischen Vorstellungen brach sich eine Bewegung Bahn, die ständische Abschottungen im deutschen Volk einebnen und unter militaristischen Vorzeichen einen Demokratisierungsschub in Gang setzen sollte. Diese antiliberalistische und gleichzeitig negativ demokratisierende Wendung wiederholten unter den unterschiedlichsten ideologischen Vorzeichen die nachholenden Nationalismen in den Kolonialgebieten und in Osteuropa. In den rückständigen und abhängigen Gebieten ging der Nationalismus eine Verbindung mit rechtspopulistischen oder sozialistischen Doktrinen ein, aber nie mit liberalem Gedankengut.

(20) Der Weg Deutschlands zum Nationalstaat begann auf den Schlachtfeldern von Jena-Auerstedt und fand im »Weltgeist zu Pferde«, Napoleon I., einen unfreiwilligen Helfer. Für Japan übernahm der amerikanische Commodore Perry diese Rolle, als er mit militärischen Mitteln die Öffnung des Landes erzwang.

(21) Die USA nehmen im Vergleich dazu eine Sonder- und Zwischenrolle ein. Sie verdanken ihre Existenz zwar einer antikolonialen Bewegung und sind insofern nicht dem primären Nationenbildungsprozeß zuzuordnen; anders als in Japan und Deutschland mußte sich die moderne bürgerliche Form in Nordamerika jedoch nicht erst aus tiefverwurzelten feudalen Strukturen herausarbeiten. Zumindest in den nördlichen Bundesstaaten waren die Prinzipien bürgerlicher Vergesellschaftung schon im 18. Jahrhundert reiner ausgebildet als im englischen Mutterland, und im Gefolge des amerikanischen Bürgerkriegs pägte diese fortgeschrittene Struktur das gesamte Land.

(22) Es war in diesem Zusammenhang auf verschiedenen Entwicklungsstufen seit Beginn des 20. Jahrhunderts nur von sekundärer Bedeutung, ob es sich hierbei um einen »sozialistischen« (Jugoslawien, Sowjetunion) oder um einen »freien« Markt handelte.

(23) In West- und Mitteleuropa sorgte das schon im hohen Mittelalter eingebürgerte Anerbenrecht für eine gewisse Mobilität innerhalb der bäuerlichen Schichten und damit zumindest im regionalen Rahmen für eine Durchmischung und Angleichung der Bevölkerung. In Osteuropa und auf dem Balkan hingegen, wo die Geschwistergemeinschaft als Ganze erbte und auch die jüngeren Geschwister vor Ort blieben, bewahrten Dörfer in unmittelbarer Nachbarschaft über Jahrhunderte ihre irgendwann einmal entstandene ethnisch-religiöse Besonderung.

(24) Ich erspare es mir an dieser Stelle, auf die jugoslawische Entwicklung weiter einzugehen. Eine ausführliche monographische Darstellung findet sich in meinem kürzlich im Horlemann-Verlag erschienen Buch »Der Dritte Weg in den Bürgerkrieg, Jugoslawien und das Ende der nachholenden Modernisierung«.

(25) Das setzt natürlich voraus, daß anders als in der Zeit des Golddeckungssystems kein allgemeiner weltumspannender Wertmaßstab existiert.

(26) Ein simples Rechenbeispiel mag das erläutern. Ein Einzelbetrieb bezieht 10% seiner Vorprodukte aus dem angrenzenden Hartwährungsraum, was dem aktuellen Landesdurchschnitt entspricht. Die Währung wird um 50% abgewertet. Gegenüber dem Konkurrenten aus dem produktiveren Land hat unser Anbieter nun seine Kostensituation schlagartig um 45%, nämlich um die Hälfte von 90% verbessert. Von diesen 45% sind allerdings noch die durch den Inflationseffekt steigenden Kosten für die Reproduktion der Ware Arbeitskraft abzuziehen (konstanter Reallohn vorausgesetzt). Wenn sich die Nachfrage nach den aus dem Hartwährungsland bezogenen Waren als unelastisch erweist, dann müßte cum grano salis das inländische Preisniveau aufgrund der verteuerten Importe insgesamt um 10% steigen. Bezieht ein Einzelbetrieb dagegen 90% seiner Vorprodukte aus dem Hartwährungsraum und entspricht das auch in diesem Fall dem Landesdurchnitt, dann verschieben sich die Proportionen radikal. Mit der Abwertung um 50% verbessert sich seine relative Wettbewerbssituation nur mehr um 5%, der Inflationseffekt liegt dagegen bei 90%.

(27) Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn ausgerechnet das um die Beschwörung seiner nationalen Sonderidentität bemühte Großbritannien in Europa seit den Tagen von Margaret Thatcher eine Avantgar derolle bei der (Selbst)Zerstörung nationalökonomischer Integration übernommen hat.

(28) Eine Ausnahme bilden in diesem Zusammenhang in Europa natürlich Italien und Spanien. In diesen beiden Ländern gelang es nie, das extreme Entwicklungsgefälle zwischen Nord und Süd auszugleichen und einen kulturellen Homogenisierungsgrad zu erreichen, der dem der alten Bundesrepublik vergleich bar wäre.

(29) Das betrifft vor allem Europa. Der regierungsamtliche Versuch, einige Aspekte der Misere nationalstaatlicher Regulation durch die Bildung einer Wirtschafts- und Währungsunion zu überwinden, wird verheerende Folgen zeitigen, die unter den heutigen Bedingungen nichts so nahe legen wie eine reaktionär-nationalistische Wendung.

(30) Thomas Hobbes denkt insofern Staatlichkeit immer schon national, als er, indem er den Begriff des Staates in Verlängerung und Analogie zum Individuum herleitet, sie per se immer schon im Plural denkt.