31.12.2000  Beitrag drucken

Die Inflationierung der Krise

Vom immanenten Zyklus zur Zersetzung der kapitalistischen Struktur

Ernst Lohoff

1. Krisenphänomenologie

Ein Begriff macht Karriere: der Begriff der Krise. Der inflationäre Gebrauch dieses Terminus, der sich in den letzten Jahren breit gemacht hat, ist nicht nur ein ideologisches Phänomen. Der Sprachgebrauch, so bunt-obskure Blüten er auch treiben mag, verweist auf eine dahinterstehende reale Veränderung.

Hinter den pittoresken Varianten von Krisenbewußtsein steht die empirische Wirklichkeit selber und klopft an die Tür. Die Zeit, in der wir leben, ist eine Krisenzeit. Auf welcher Oberflächenebene der moderne Mensch sich gerade auch immer bewegen mag, es knirscht unüberhörbar im Gebälk. Auf Sand ruhen nicht nur Staatsfinanzen und Weltwirtschaft, die Krise erfaßt auch das Individuum, seine persönliche Sinnfindung und sein Liebesleben. Selbst die natürlichen Lebensgrundlagen sind bekanntlich mittlerweile keineswegs mehr so natürlich wie noch vor einem Menschenalter. Die Zeichen an der Wand häufen sich, und es bedarf wachsender Willenskraft und immer mehr der konsequenten Abkehr von der Fülle der empirischen Wirklichkeit, um sie zu übersehen. Schlägt der von „privaten“ Sorgen eh schon reichlich gebeutelte Zeitgenosse unvorsichtiger Weise seine Tageszeitung auf, so schwappt augenblicklich eine ganze Menetekelflut über ihn hinweg. Vor seinen Augen kippen gleichzeitig das Öko- und das Rentensystem aus dem Gleichgewicht, zerfällt die Legitimationsgrundlage der großen Volksparteien und des Realsozialismus, lösen sich Familie, Kunst und sonstige Werte in Wohlgefallen auf, bleiben zu allem Überfluß die Dauerquerelen der „Grünen“ und die Schuldenkrise der „Dritten Welt“ ungelöst, stoßen auch die „Autogesellschaft“ und der „neue deutsche Film“ an ihre Grenzen und zeichnen sich zu guter Letzt konjunkturelle Einbrüche, Inflation und die Unfinanzierbarkeit des Gesundheitssystems ab. Noch funktioniert das gesellschaftliche Getriebe zumindest in den westlichen Ländern leidlich. Seine Grundlagen erweisen sich aber insgesamt zusehends als brüchig, und der Verdacht liegt nahe, daß es sich dabei um etwas mehr als eine bloß vorübergehende Insuffizienz handelt. Die bürgerliche Form selber steht auf dem historischen Prüfstand, und Zweifel sind daran angebracht, daß sie den Test bestehen kann.

Die linken und rechten Apologeten der bürgerlichen Produktionsweise tun ihr möglichstes, um diese beängstigende Perspektive abzuwehren. In bewährter Manier beruhigen sie sich mit dem Hinweis darauf, daß es Krisen schon immer gegeben habe und die bürgerliche Gesellschaft noch jedesmal, trotz all der bedauerlichen Friktionen und Opfer, gestärkt aus ihnen hervorgegangen sei. Dieser Trost erweist sich allerdings als nicht sonderlich tragfähig, wenn wir den Begriff Krise nicht als unwandelbare geschichtsphilosophische blackbox handhaben, sondern stattdessen den besonderen Charakter der gegenwärtigen Krisenepoche herausarbeiten. Schon phänomenologisch hinkt die populäre Parallelisierung der klassischen bürgerlichen Entwicklungskrisen mit der modernen strukturellen Krise auf allen verfügbaren Beinen. Die Ballung auf den ersten Blick unzusammenhängender Krisensymptome mit der wir heute konfrontiert sind, ist historisch einmalig. Sie unterscheidet die Gegenwart grundlegend von allen anderen Umbruchphasen in der Geschichte. Das Auflisten der überbordenden Fülle von Krisenerscheinungen, wie sie jeder Zeitungsleser kennt, stößt natürlich nicht zum „Wesen“ der modernen Krise vor, sie kann deren Begriff nicht ersetzen. Trotzdem wird aber bereits in der Addition der Krisenebenen etwas von der neuen Qualität der Umbruchsära spürbar, in die wir gegenwärtig hineintreiben. In der Häufung vollkommen disparater gesellschaftlicher Momente, die, wie von geheimer Hand angestoßen, allesamt fast gleichzeitig aus dem Gleichgewicht kippen, macht sich eine historisch ganz neuartige Dichte bemerkbar.

2. Vergesellschaftung und universale Krisenpotenz

Die Krisenepoche, in die wir momentan eintreten, hat im Unterschied zu all ihren Vorgängern globale Ausmaße. Ihre Universalität äußert sich zunächst ganz banal geographisch. Die Vernichtung der südamerikanischen Regenwälder trifft bekanntlich nicht allein diesen Kontinent, das entstehende Ozonloch bleibt keineswegs das Privatproblem einiger antarktischer Pinguinkolonien. Auf der ökonomischen und sozialen Ebene wiederholt sich dieses Bild. Die gigantomanisch angeschwollenen Geld- und Warenströme haben längst jeden Rest von volkswirtschaftlicher Selbstgenügsamkeit hinweggespült und sämtliche nationalen Ökonomien auf Gedeih und Verderb unmittelbar an die Bewegung des Weltmarkts gefesselt. Die Einheit spendende Unterwerfung unter die Herrschaft abstrakter Geldsubjektivität hat den buntscheckigen Fleckenteppich bornierter sozialer Daseinsweisen abgelöst. Die Allgegenwart des Weltmarktzusammenhangs und die Gefährdung des Ökosystems haben die Welt handgreiflich und irreversibel zu einer einzigen vereinigt. Das Gesamtschauspiel „Krise der Wertvergesellschaftung“ findet auf einer einzigen, weltumspannenden Bühne statt. Der Kontrast zu allen bisherigen Wendeepochen in der Geschichte könnte kaum deutlicher ausfallen. Die vorkapitalistischen Krisen, von der Sintflut über die Völkerwanderungswirren bis zu den Pestwellen des 14. Jahrhunderts, waren allesamt Ereignisse von nur regionaler Bedeutung. Sie blieben für den Rest der bewohnten Erdoberfläche zunächst folgenlos. Selbst die großen Erschütterungen, die den Aufstieg der bürgerlichen Form begleiteten, berührten nicht alle Länder. Die große Weltwirtschaftskrise etwa ließ die Sowjetunion vollkommen ungeschoren und das auf dem Boden der Subsistenzwirtschaft verharrende Gros der Bevölkerung in den großen Kolonialreichen bemerkte sie ebensowenig. Die sogenannten Weltkriege tobten fast ausschließlich in Europa und Ostasien. Zwar befanden sich im April 1945 3/4 aller selbständigen Staaten mit dem Deutschen Reich formell im Kriegszustand real hatten aber auf dem Höhepunkt der militärischen Auseinandersetzungen vielleicht ein dutzend Staaten ihre Ökonomien einigermaßen konsequent auf die Erfordernisse der Kriegswirtschaft umgestellt. Die strukturelle Krise der bürgerlichen Vergesellschaftungsform zieht dagegen alle Erdteile gleichermaßen in ihren Strudel. Sie duldet keine regionalen Oasen.

Hinter dieser geographischen Grenzenlosigkeit steht ein allgemeiner Gesichtspunkt. Die Wertvergesellschaftung hat in einem ungeheuren Entwicklungsschub in den Jahrzehnten seit dem zweiten Weltkrieg nicht nur jede territoriale Abschottung beseitigt und alle nationalen Ökonomien unmittelbar dem Diktat und dem Rhythmus des Weltmarkts unterworfen, sie hat auch innerhalb der einzelnen staatlichen Gebilde alle Reste von selbstgenügsamen, vorwarenförmigen Zusammenhängen überrollt und an ihre Stelle die nackte Logik geldförmiger Vermittlung gesetzt. Die Vergesellschaftung durch die Wert- und Geldbeziehung löscht in ihrem Voranschreiten alle in sich selber ruhenden Partikularismen, autonomen Milieus und Lebenswelten aus und umgreift und durchtränkt den gesamten menschlichen Lebensraum. Das gesamte System personeller Beziehungen, insbesondere die Familie, hat der Gewalt der vorrückenden Geldvergesellschaftung nicht standhalten können. Es erwies sich in vielen Bereichen als dysfunktional und wurde durch ein System gesellschaftlicher monetärer Umverteilung ersetzt. Alte, Kranke und Kinder sind in ihrer Versorgung unmittelbar auf das Geld verschiebende Gemeinwesen verwiesen. Forschung, Bildung, die wuchernde Infrastruktur, sie alle sind auf erweiterter Stufenleiter durch den die allgemeinen Verwertungsbedingungen sichernden Staat an die Selbstbewegung des Geldes gekoppelt und von ihr abhängig. In der modernen bürgerlichen Gesellschaft haben sich die menschlichen Beziehungen und der Stoffwechselprozeß mit der Natur unter dem Vorzeichen der Anhäufung abstrakter Arbeit zu einer allgegenwärtigen Totalität verwoben. Damit ist ein vor wenigen Jahrzehnten noch unvorstellbares Vergesellschaftungsniveau erreicht, und die rücksichtslose Durchvergesellschaftung aller bestehenden Verhältnisse, wie sie in der Logik des Kapitals liegt, ist Wirklichkeit geworden. Die Empirie hat sich mit einem Jahrhundert Anlaufzeit zur von Marx antizipierten Höhe des Begriffs emporgeschwungen.

Das Auseinanderdriften bestimmter gesellschaftlicher Funktionsmechanismen, die Trennung gesellschaftlicher Sphären konterkariert nur scheinbar diesen unaufhaltsamen Zug zur Vereinheitlichung, zur Herausbildung eines gesellschaftlichen Gesamtzusammenhangs. Realiter ist es mit ihm identisch. Die Expansion des Gültigkeitsbereichs der Wertlogik setzt die Ausdifferenzierung ihrer Funktionsmechanismen voraus und fällt mit dem Konkurrenzkampf ihrer Erscheinungsformen zusammen. Der Gegensatz von bürgerlichem Staat und bürgerlicher Gesellschaft, die Dichotomie von abstrakter Privatheit und Politik, die Genesis eines öffentlichen Sektors mit vielgliedrigen Funktionen neben einem umfangreichen System partikularer Interessenvertretungen, sie sind allesamt nur Binnendifferenzierungen innerhalb ein und derselben, immer ganz selbstverständlich vorausgesetzten, Grundform. Nichts Wesensfremdes trifft in dieser Welt mehr aufeinander, sondern immer Fleisch vom eigenen Fleisch. Eine Emanation des Geldes arbeitet sich nur an der anderen ab, um zwischen den Polen das wertförmige Gesamtverhältnis aufzuspannen. Als immanente Gegensätze bestätigen sie nur die Herrschaft der gemeinsamen Basiskategorie, und der gleiche Prozeß, in dem sich diese Dualismen entwickeln, dehnt das der bürgerlichen Formbestimmung unterworfene Terrain aus. Die Wertvergesellschaftung bildet gesonderte Sphären von Politik und abstrakter Privatheit, den öffentlichen Sektor in seinen vielgliedrigen Funktionen und ein umfangreiches System partikularer Interessenvertretungen nur aus, um sie wiederum zu einer alles und jeden umgreifenden Einheit geldförmig vermittelter Gesellschaftlichkeit zu verzahnen. Die Verallgemeinerung wertförmiger Reproduktion verdampft bis auf Spurenelemente alle Reste von Schrebergartenautarkie und verweist die einzelnen Individuen in jeder Lebensäußerung unmittelbar auf den durch die Geld- und Warenform präformierten gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang. Die Suche nach dem unverdinglichten Rest, der Wunsch, ein Stückchen Land im Meer der Gesellschaftlichkeit aufzutun, endet wie der Wettlauf zwischen Hase und Igel in der Fabel. Wo immer auch sich das auf seine Unabhängigkeit kaprizierende bürgerliche Individuum hinwenden mag, die dem Wert unterworfene Gesellschaft ist schon da. Die moderne bürgerliche Gesellschaft gleicht immer mehr einem System kommunizierender Röhren, und das Geldmedium stiftet die notwendige und wesentliche Verbindung.

Der Entwicklungssprung, der sich auf dem Weg hin zur totalen Vergesellschaftung seit dem 2. Weltkrieg vollzogen hat, kann kaum überschätzt werden. Der unaufhaltsame Anstieg der Staatsquote am Bruttosozialprodukt, das stetige Anwachsen monetärer Redistribution können als quantitative Indikatoren für einen qualitativen Vergesellschaftungsschub gelten, der längst nicht mehr hintergehbar ist. Vom heutigen Niveau aus entpuppen sich in der Retrospektive alle vorfordistischen Gesellschaften als embryonale Vorformen einer sich erst heute vollendenden negativen Vergesellschaftung.

3. Die Identität von Vollendung und struktureller Krise der bürgerlichen Gesellschaft

Diese einschneidende Veränderung bestimmt natürlich nachhaltig Stellenwert und Charakter der Krise. Wenn die bürgerliche Gesellschaft die gesellschaftliche Wirklichkeit zu einer ihr gemäßen Totalität verwoben hat, so verändert sich damit auch notwendig der Charakter der Krisen. Die Krisen der letzten 2« Jahrhunderte waren allesamt Wachstumsstörungen bei der Herausbildung der bürgerlichen Form. Sie wurden durch einen Sprung im Vergesellschaftungsniveau überwunden. Die Kriseneinbrüche waren Schritte auf dem Weg zur Herstellung der bürgerlichen Gesellschaft. Diese Logik hat sich indessen erschöpft. Die bürgerliche Gesellschaft muß nicht mehr werden, sie ist schon, und wo es Regionen noch nicht zu einer vollentwickelten bürgerlichen Form gebracht haben, da sind die vom Weltniveau gesetzten Wachstumshorizonte beschränkt 1. Sobald die bürgerliche Gesellschaft die Höhe ihres Begriffs erklommen hat, kann nur mehr der Zustand ewiger Krisenfreiheit anstehen, oder die einzelnen Krisenmomente verflechten sich zur universellen strukturellen Krise der bürgerlichen Form selber. Ernstzunehmende partikulare Krisen innerhalb der Form kann es in einer geldförmig durchvergesellschafteten Welt jedenfalls nicht mehr geben. Bestehende Friktionen reduzieren sich entweder zu im Grunde unbedeutenden Reibungsverlusten, oder sie reichen weit tiefer und verweisen bereits auf den Zusammenbruch wertförmiger Vergesellschaftung überhaupt.

Die Vorstellung, das Kapital habe seine immanente Widersprüchlichkeit überwunden und steuere zielsicher auf die Stabilisierung und Verewigung seiner Herrschaft zu, hat sich seit den Tagen der Frankfurter Schule zum vorherrschenden Paradigma auf Seiten der Kritiker dieser Gesellschaftsformation verallgemeinert. Vom fordistischen Nachkriegsboom waren nicht nur die bedingungslosen Befürworter der freien Marktwirtschaft geblendet, sondern auch deren entschiedenste Gegner. Die Linke verzweifelte am transitorischen Charakter der kapitalistischen Produktionsweise, und wo sie an ihm festhielt, konnte sie diesen Gedanken nur exegetisch belegen, aber nicht inhaltlich füllen, und er verkam zum nichtssagenden Glaubensbekenntnis. Wenn die radikalen Systemgegner den Übergang zu einer sozialistischen Reproduktion überhaupt ernsthaft ins Auge faßten, so dachten sie ihn nur mehr als äußeren Willensakt, während die Erwartung, das System abstrakter Arbeitsverausgabung könne sich selber zur Schranke werden und an seinen immanenten Widersprüchen scheitern, von der Empirie gründlich diskreditiert schien. Obwohl sich mittlerweile der ewig blaue Himmel des kapitalistischen Indianersommers reichlich verdunkelt hat, kann sich die Linke von dieser tiefeingeschliffenen Sichtweise nicht trennen und spult sie bei jeder Gelegenheit bewußtlos ab. Die ersten Herbststürme fordern ihren Tribut, aber die Linke malt voll Inbrunst am realitätsfremden Bild einer innerlich stabilen und unbegrenzt überlebensfähigen bürgerlichen Gesellschaft. Statt zur Kritik der politischen Ökonomie zurückzufinden und sie auf der Höhe der Zeit zuzuspitzen, degeneriert die Linke zum ewig schlechten Gewissen eines vermeintlich kraftstrotzenden Kapitalismus, moniert die „Kosten der Freiheit“, die ungerechte Verteilung des abstrakten Reichtums, ohne auch nur zu ahnen, daß Freiheit, Gleichheit und Geld, längst in Auflösung begriffen, ihrem Ende entgegentorkeln. Fixiert auf die letzte große Eroberungswelle der Wertvergesellschaftung und den eigenen eingefallenen Nabel, weigert sie sich zu begreifen, daß der Triumph negativer Vergesellschaftung, quasi ex definitione, seinen Abschluß nicht im positiven, reibungslosen Funktionieren des kapitalistischen Systems finden kann, sondern allein in der universellen Krise des wertvermittelten Gesamtverhältnisses. Trotz aller Fingerzeige, die die Empirie liefert, fabulieren sie sich eine friedliche Einheit im Gelde zurecht, die nur einige fest umrissene Gruppen von Verlierern ausspart. Die moralische Klage über die Hungertoten in der Dritten Welt, das dumme Gewäsch von der „Zweidrittelgesellschaft“ hierzulande, die auf dem Rücken eines ausgegrenzten Armutsdrittels angeblich wachsen und blühen soll, geht am Wesentlichen vorbei. Die Akkumulation abstrakter Arbeitsverausgabung konstituiert kein in sich stabiles System, die Herrschaft der Verwertungslogik läuft auf eine schreiende contradictio in adjecto hinaus, die sich früher oder später ad absurdum führen muß. Die Form indirekter Vergesellschaftung durch die Geldbeziehung wird angesichts der unmittelbaren real-stofflichen Vergesellschaftung, die sich in der kapitalistischen Hülle vollzieht, unhaltbar. Die Herrschaft der abstrakten, zum prozessierenden Selbstzweck avancierten Geldform kollidiert unweigerlich mit dem konkret-stofflichen Inhalt, den sie bei der Verfolgung ihres borniert-tautologischen Ziels, der Verwertung des Werts, in Bewegung setzt. Die fetischistische Anhäufung toter Arbeit tritt auf dem modernen, von der Mikroeletronik bestimmten Produktivkraftniveau eine Lawine an menschlichen Potenzen und gesellschaftlichen Bezügen los, die alle Prinzipien abstrakter Vergesellschaftung unter sich begraben muß. Das Universalwerden gesellschaftlicher Vernetzung verlangt bei Strafe der Selbstvernichtung die direkte Organisierung dieses Zusammenhangs. Die Wertvergesellschaftung als die Verallgemeinerung indirekter, versachlicht vermittelter Gesellschaftlichkeit entpuppt sich daher mit ihrem Fortschreiten immer deutlicher als ihr eigener lebendiger Widerspruch. Die Vollendung der bürgerlichen Form ist identisch mit ihrem Zusammenbruch.

Die bürgerliche Gesellschaft kann nicht selbstzufrieden aus sich heraus leben, sie kann nur existieren, solange sie noch nicht bei sich angekommen ist. Die Genesis des Kapitals 2 als einer transitorischen Formation ist gleichbedeutend mit der Durchvergesellschaftung aller menschlichen Lebensbereiche. Sie kann diese Entwicklung aber nicht unbegrenzt fortsetzen, ohne über sich selbst hinauszutreiben. Der Wert als das automatische Subjekt kann nur existieren, indem er seinen Herrschaftsbereich durch die Umwandlung vor- und frühkapitalistischen Materials ausdehnt. Die bürgerliche Gesellschaft überwindet einstweilen ihre inneren Widersprüche, indem sie sie in eine die eigenen Vorformen verschlingende Expansionsbewegung übersetzt. Sobald die bürgerliche Form aber allein auf sich gestellt weiterbestehen soll, ist sie am Ende, und all ihre Emanationen geben nacheinander den Geist auf 3. Rosa Luxemburg’s Gedanke, daß die Lebensfähigkeit des Kapitalverhältnisses vom Fortbestand eines außerkapitalistischen Milieus abhängt und das Kapital mit dessen Durchdringung zielstrebig auf seine Selbstzerstörung hinarbeitet, bewahrheitet sich zu guter letzt doch noch. Er trifft den Kern der Sache, allerdings in einem anderen, viel allgemeineren Sinn als es die Urheberin vor 80 Jahren ahnen konnte.

Die Einheit in der Unterwerfung unter die bürgerliche Form enthüllt sich negativ als universeller Krisenprozeß. Die hinter dem Rücken der Protagonisten zur alles umgreifenden Totalität heranreifende bürgerliche Vergesellschaftung wird erst in ihrem Zerfall als solche sichtbar. Die Vollendung der bürgerlichen Form reißt alle ihr inhärenten Paradoxien unheilbar auf, und die geheime, wertförmige Einheit, die den gesamten in viele Besonderungen aufgespreizten (Politik, Privatleben) gesellschaftlichen Zusammenhang in sich faßt, enthüllt sich in der Form der strukturellen Endkrise.

Diese universelle Dimension unterscheidet die moderne Krise grundsätzlich von all ihren Vorgängern. Die Krisen der Vergangenheit waren punktuell und beschränkt, die Krise, die sich heute zusammenbraut, schlägt nicht nur flächendeckend ein, sie gräbt das gesellschaftliche Terrain von Grund auf um.

4. Vorkapitalistische Krisen und Entwicklungskrisen

Der fehlende Tiefgang der Krisen in vorkapitalistischen Formationen bedarf keiner tiefschürfenden Herleitung. Der Grund hierfür liegt einfach im unentwickelten Grad von Gesellschatlichkeit. Die Krisen vor der Durchsetzung der Warenproduktion auf breiter Front waren keine gesellschaftlichen Krisen im eigentlichen Sinne. In der präbürgerlichen Phase bildete der gesellschaftliche Zusammenhang nur eine dünne Firnisschicht, während die eigentliche tägliche Reproduktion im Wesentlichen im vorgesellschaftlichen Raum vonstatten ging. Weitgehend selbstgenügsam widmeten sich die unmittelbaren Produzenten unbeeinflußt von allen Wirrungen und Irrungen in den herrschaftlichen Gefilden ihrer ärmlichen Existenzsicherung. Dieser bornierten Lebensweise konnten auch großartige Erschütterungen wie der Zusammenbruch von Großreichen wenig anhaben. Sie waren nicht viel mehr als Oberflächengekräusel auf einem Ozean, während die Fortentwicklung dieser Gesellschaften ganz anderen, weit bedächtigeren Rhythmen folgt. Die ständig drohenden Krisen und Katastrophen erwuchsen nicht so sehr aus den Widersprüchen im gesellschaftlichen Beziehungsgeflecht, sie waren in erster Linie noch der Übermacht der ersten Natur geschuldet. Wo „politische“ Einbrüche das vorhandene behäbige Gleichgewicht störten, nahmen sie ihrerseits ebenfalls die Form von Naturkatastrophen an. Die kriegerischen Verwicklungen, die in regelmäßigen Abständen den alltäglichen Reproduktionsprozeß empfindlich störten, unterschieden sich in ihrer Wirkungsweise, vom Standpunkt der breiten Masse aus gesehen, kaum von anderen Naturkatastrophen. Fremde Heerscharen, die einst sengend, brennend und plündernd durchs Land zogen, konnten als Unterrubrik der ersten Natur gelten. Die Invasionen menschlicher Bestien standen für die Zeitgenossen mit dem Einfall von Heuschreckenschwärmen auf einer Stufe. Wenn die Bewohner des Abendlandes im 10. Jahrhundert von Endzeitvisionen gepackt mit der Jahrtausendwende das Kommen des Antichristen und das Jüngste Gericht erwarteten, so nicht, weil ihnen wie ihren Nachfahren 1000 Jahre später der gesellschaftliche Zusammenhang über den Kopf gewachsen wäre, sondern im Gegenteil, weil sie ihn entbehren mußten. Von der Zentralgewalt im Stich gelassen, waren sie nicht nur regelmäßigen Mißernten und Seuchen schutzlos ausgeliefert, sondern auch den ständigen Raubzügen von Normannen, Sarazennen und Magyaren 4. Epidemien, Ernteausfälle und Barbareneinfälle vermischten sich von alters her zu einer einheitlichen apokalyptischen Kategorie. In all diesen Fällen wurde der Reproduktionsprozeß von einer äußeren unbeherrschten Naturgewalt unterbrochen.

Mit dem allmählichen Aufblühen der bürgerlichen Gesellschaft emanzipieren sich die Krisenszenarien nach und nach von der einst übermächtigen ersten Natur. Erst die Wirtschaftskrisen ab 1856 sind eineindeutig als gesellschaftliche Krisen zu fassen 5. Dieser sich allmählich anbahnende Terrainwechsel, der mit der langwierigen Genesis der bürgerlichen Gesellschaft zusammenfällt, veränderte auch nachhaltig den Stellenwert von Krise. Waren die vorbürgerlichen Krisen nicht viel mehr als die von äußeren Faktoren bedingte Unterbrechung eines an sich selber stabilen Zustands gewesen, so wurden Krisen nun zum dynamischen Entwicklungsmoment. Das Resultat der Krise war nicht länger die Rückkehr zum leicht variierten Status quo, die Krisen verwandelten sich in notwendige Übergangsstadien zwischen aufeinanderfolgenden Etappen in der Entfaltung der Wertvergesellschaftung. Aus bloßen Störungen waren Akzeleratoren geworden, und die Vielzahl einander ablösender krisenhafter Entwicklungen kündeten nicht vom Ende, sondern von der triumphalen Durchsetzung der bürgerlichen Gesellschaft. Es bedurfte unter anderem der Gewalt regelmäßiger Wirtschaftskrisen, zweier Weltkriege und dutzender Revolutionen, um endlich das abstrakte Individuum und die universelle Herrschaft geldförmiger Gesellschaftlichkeit freizusetzen. Da sich dieser Prozeß blind hinter dem Rücken der Protagonisten herstellte, hatten die Zeitgenossen, die in diesen Taumel geworfen waren, ab und an das drohende Ende jeder Zivilisation deutlich vor Augen. Trotz aller Schrecken war es aber immer nur der pompöse Untergang einer antediluvianisch gewordenen Vorform, die einer reiferen Variante der bürgerlichen Gesellschaft Platz machen mußte.

5. Das Zusammenbruchstabu

Gestützt auf diese Erfahrung, hoffen die rechten wie linken Liebhaber der bürgerlichen Verkehrsform auch heute auf eine Neuauflage des alten Drehbuchs und wittern hinter dem Krisenhorizont immer bereits prophylaktisch eine neue Variante bürgerlicher Vergesellschaftung. Zwar ist in den neueren Theorieansätzen zum entwickelten Kapitalismus kaum Platz für inhärente Krisen, wenn sich aber die eigentlich überhaupt nicht mehr vorgesehen Störungen dennoch mit einer nur schwerlich zu leugnender Evidenz einstellen, so darf sich dahinter eben nicht mehr verbergen als die Wiederholung einer *aus der Geschichte längst bekannten Konstellation. Die Ökonomen etwa stillen ihre Angst vor einer drohenden Depression neuer Art damit, daß sie in den sich auftürmenden Krisensymptomen nur mehr das stete und immer gleiche Auf und Ab sehen wollen, das plötzlich wieder zum wirtschaftlichen Leben untrennbar dazugehören soll. Statt qualitativer struktureller Veränderungen sehen sie nur den ewig gleichen konjunkturellen Wellenschlag am Werk und freuen sich während der Talfahrt bereits an völlig aus der Luft gegriffenen Aufschwungsvisionen. Nicht zufällig erfreut sich die mit dem empirischen Material im Grunde vollkommen ahistorisch operierende lange-Wellen-Theorie momentan gerade bei den Ökonomen linker Provenienz großer Beliebtheit. Mit der Renaissance dieses Theorems rettet sich die Wirtschaftswissenschaft vor der Zumutung den konkreten und spezifischen Charakter der gegenwärtigen Entwicklung analysieren zu müssen und sichert ihren Rückzug in den Sandkasten zahlenmystischer Betrachtungen. Die besondere neue Qualität kapitalistischer Verwertung auf Grundlage der Mikroelektronik erlischt hier in der Wiederholung des Immergleichen, und ihre die Verhältnisse revolutionierende Potenz löst sich in Wohlgefallen auf. In die Theorie der langen Wellen geht keinerlei begriffliche Anstrengung ein. Hier zelebrieren die Ökonomen nur mehr ihren Hinduglauben an den ständig sich erneuernden Zyklus von Tod und Wiedergeburt, in dem das Kapital zu einem ewigen irdischen Leben gelangt. Was den Ökonomen recht ist, ist ihren geisteswissenschaftlichen Kollegen billig. Sie sind sich in ihrer apologetischen Vorgehensweise einig. Kein Argument ist zu dünn, wenn es darum geht, die Tiefendimension der Krise der bürgerlichen Gesellschaft abzuwehren und den realen Problemdruck zumindest phantastisch auf einen in den bürgerlichen Formen handhabbaren Maßstab zurechtschrumpfen zu lassen. Alle Übel dieser Welt sind letzten Endes mit ein bißchen mehr Demokratie und ein bißchen mehr Markt lösbar. Für die fehlende Begründung dieses Dogmas werden als letzter Notanker ersatzweise historische Analogien an den Haaren herbeigezogen. Wo der analytische Zugriff vor einer sich überschlagenden realen Entwicklung versagt, erfolgt beim Blick auf die große historische Perspektive der zielsichere Griff zu diesem letzten empiro-mystizistischen Valium. Weil die bürgerliche Gesellschaft bislang nur Entfaltungskrisen erlebt hat, wird es auch diesmal wieder ein Entwicklungsschub innerhalb der bürgerlichen Form sein, der sich da heute anbahnt. Die Tatsache, daß die bürgerliche Gesellschaft trotz aller Erschütterungen, die sie im Laufe ihrer Geschichte durchgemacht hat, nach wie vor besteht, reicht der abstrakten Geldsubjektivität schließlich aus, um daraus die Garantie ihrer Fortexistenz abzuleiten. Die klassische Weisheit „media vita in morte sumus“ kann es sich auf seine alten Tage nicht mehr leisten. Das memento mori, mit dem die revolutionäre Variante bürgerlicher Subjektivität die übrigen unreifen Ware-Geld-Monaden über Jahrzehnte hin schrecken konnte, fällt daher der Amnesie anheim und wird stattdessen von einem seltsam selbstvergessenen Selbstbewußtsein abgelöst. Das neue heimliche Credo lautet ebenso bündig wie kurzschlüssig: Wer lebt, der kann auch nicht sterben. Der Nachfolger des Kapitalismus kann nur wieder ein erneuerter Kapitalismus sein. Wenn auch der Zusammenbruch des einstigen Ostblocks und der Weltmarktcrash nicht mehr vermieden werden können, am Ende aller Umbrüche wird die bürgerliche Gesellschaft dem Jungbrunnen entsteigen und uns mit straffer Haut und strammer Brust entgegenlächeln. Durch diesen apologetischen Wahrnehmungsfilter hindurch erscheint das blutig qualvolle Sterben der Geldsubjektivität in weit freundlicherem Licht. Unter ideologischem Drogeneinfluß verwandelt es sich in ein, leider mit gewissen Schmerzen verbundenes, frohes Ereignis. Hinter dem langgezogenen Todesröcheln der alten Gesellschaft vermuten die solchermaßen präparierten Ohren Wehen, und überall versuchen sie gewaltsam aus dem Stöhnen den ersten Schrei des Wiedergeborenen herauszuhören.

Das angestrengte Lauschen weistan sich auf etwas Richtiges hin. Die strukturelle Krise der bürgerlichen Gesellschaft bedeutet nicht das Ende aller Zeiten und den zwangsläufigen Untergang der Menschheit in Elend und Selbstzerstörung. Im allgemeinen Krisengewirr zeichnen sich tatsächlich die Umrisse eines neuen Gesellschaftsmodells ab, das die weltzerreissenden Widersprüche aufheben könnte. Die Krise, konkret bestimmt, verweist auch auf ihre Auflösung, und in diesem Sinne hat die beruhigende Geburtsmetapher einiges für sich. Allerdings kann der zu erwartende Sprößling keineswegs den Vorstellungen entsprechen, die sich die eilfertigen Taufpaten machen. Statt zu einer Renaissance des Systems abstrakter Arbeitsverausgabung unter dem Titel „ökologisch orientierte Marktwirtschaft auf mikroelektronischer Grundlage“, kann auf dem modernen Produktivkraftniveau nur der Sprung weg von der Geld- und Warenform hin zu einer funktionstüchtigen gesellschaftlichen Vermittlung führen. Die neue Gesellschaftsformation, die aus den Wirrungen unserer Epoche einzig und allein hervorgehen kann, wird nicht Fleisch vom Fleisch ihrer Vorgängerin sein, und ihr Entstehen setzt den Tod der Leihmutter voraus. Die Krise des Werts und seiner Emanationen läßt sich innerhalb seiner Formen nur zeitweilig verwalten, nicht –auffangen. Baron Münchhausen wird bei dem Versuch, sich am eigenen Schopfe aus dem Sumpf zu ziehen, scheitern. Die strukturelle Krise, die von der Keimzelle aus, der Warenform nämlich, die bürgerliche Gesellschaft in ihrer Totalität beutelt, verweist ex negativo auf eine postbürgerliche, sprich kommunistische Gesellschaft, die jenseits von Wert, Geld, Staat und abstrakter Privatheit den gesellschaftlichen Stoffwechsel organisiert und sich aneignet. Nichts klingt in den Ohren der Zeitgeistvertreter so absonderlich wie diese Sichtweise. Der Gedanke, die bürgerliche Reproduktionsform könne auf ihren logischen und historischen Zusammenbruch hinsteuern, ist Tabu. Das hysterische Lachen, mit dem die akademische Linke unisono diese Perspektive von sich weist, spricht Bände. Vom möglichen Weltuntergang darf jeder nach Herzenslust fabulieren ohne Anstoß zu erregen; es kommt aber einem Anschlag auf Anstand und Sitte gleich, die Unhaltbarkeit der bürgerlichen Vergesellschaftungsform zu diagnostizieren und ihre mögliche Aufhebung zu proklamieren. Jeder, der auch nur in den Geruch kommt Zusammenbruchsvorstellungen zu vertreten, wird im linken universitären Milieu wie ein Exhibitionist behandelt. Man wahrt die eigene Moral und schaut, innerlich empört, verkrampft weg. Jede Scharlatanerie läßt das universitäre anything goes durchgehen, nur der Versuch, über die bürgerliche Form hinauszudenken, gilt als Verstoß gegen den pluralistischen Konsens und führt unnachsichtig zum Ausschluß vom laufenden Diskurs. Dieses immer schon prophylaktisch erhobene Denkverbot weist im Umkehrschluß allerdings zielsicher den Weg zur Themenmelodie der nächsten Jahrzehnte. Das mit Gewalt Weggeschobene kehrt unbarmherzig zurück. Die reale Entwicklung wird gerade das Tabuisierte trotz aller allergischer Reaktionen ins Zentrum rücken und den linken Beobachern aufherrschen. Auf dem Spielplan der Geschichte steht eben genau das, was nicht sein kann, weil es nicht sein darf: das Ende warenförmiger Reproduktion überhaupt. Alle exorzistischen Übungen werden dieses Geschick zwar wegleugnen, aber nicht aufhalten können. Genausowenig wie die Anstrengungen der heiligen Inquisition dazu in der Lage waren, die Erde wieder in den Mittelpunkt des Universums zu rücken, so wenig wird es deren pluralistischen Nachfolgern gelingen, den Einsturz des bürgerlichen Himmelsgewölbes zu verhindern. Auch wenn im Speisesaal der Titanic die betuchten Fahrgäste ihre Sektgläser noch zu einem Toast auf das glorreiche unsinkbare Schiff erheben, von Deck aus sind die Umrisse des Eisbergs deutlich auszumachen, an dem die Reise ihr tragisches Ende finden wird. Wie hinter jedem Tabu steht auch hinter der irrationalen Ablehnung jeder Zusammenbruchsvorstellung nackte Angst. Die Abgrenzung fällt nur deshalb so rigoros aus, weil sie auf massiver Verdrängung beruht. Wie selten zuvor herrscht heute in allen Bereichen einer unübersichtlich gewordenen Gesellschaft Verunsicherung. Diese Verunsicherung bestimmt auf ihre Weise auch die Bahnen, denen die Theorieproduktion folgt. Angesichts des gähnenden Abgrunds, der sich unter den Füßen auftut und alles schwankend macht, klammern sich auch die Theorieproduzenten ans Gehabte. So oft geistige Anstrengungen sich über das Niveau empirischer Studien erhebt, Konzeptionen erstellt und Zusammenhang stiften will, gerät sie folglich in den Sog kollektiver Abwehrarbeit.

Die bürgerlichen Vorfahren hatten in jeder Entwicklungskrise das drohende Ende der Zivilsation oder zumindest ihrer bürgerlichen Variante vor Augen und sahen die Welt in regelmäßigen Abständen schon im Meer der Barbarei versinken 6. Ihre postmodernen Nachfahren stellen heute angesichts des sich vollziehenden Zusammenbruchs der warenproduzierenden Gesellschaften Abbild und Wirklichkeit wiederum spiegelverkehrt, aber anders herum, auf den Kopf. Die Geldmonaden deuten voller Vertrauen in die göttliche Vorsehung das beginnende große Sterben als eine für die Existenz der bürgerlichen Gesellschaft harmlose Zwischenkrise und setzen apriori ganz selbstverständlich all ihre Hoffnungen auf ein neues Modell kapitalistischer Reproduktion.

Dieser Wunschtraum hypostasiert nicht nur ganz umstandslos die historischen Erfahrung einer bestimmten, verflossenen Epoche und verlängert sie einfach in die Zukunft, er lebt dabei auch noch von einer eigenwilligen finalistischen Verkehrung der historischen Perspektive. Ausgerechnet diejenigen, die alles, was nur im entferntesten nach geschichtsphilosophischer Teleologie klingt, gewohnheitsmäßig geißeln, fallen mit ihrem ganz selbstverständlich unterstellten Paradigma eines sich stets wandelnden, dabei aber sich beständig erneuernden Kapitalismus auf eine primitve, zirkuläre Variante teleologischen Denkens zurück. Das Credo ist einfach. Das Ziel ist der Ausgangspunkt in Ewigkeit, Amen. Die bürgerliche Entwicklung erschöpft sich in der permanenten Reproduktion der bürgerlichen Form. Ihr Sinn und Zweck ist die Selbsterhaltung der durch die Waren vermittelten Vergesellschaftung. Mit diesem Raster ist einem subjektlosen ungerichteten Entwicklungsprozeß allerdings aus den gleichen Gründen nicht gerecht zu werden, wie mit dem fortschrittsgläubigen Optimismus, der uns aus der Geschichte des Marxismus vertraut ist. Der Versuch, sich des Resultats des historischen Prozesses apriori zu vergewissern, scheitert auch in der gegenüber der bürgerlichen Form offen apologetischen Variante daran, daß sich der Progreß der Wertvergesellschaftung nach keinem vorgegebenen Plan vollzieht, sondern sich als blinde Resultante herstellt. So etwas wie Sinnhaftigkeit zeichnet sich im Prozeß fortschreitender Versachlichung jeweils erst a posteriori ab. Es ist das Privileg des nachgeborenen Betrachters, sie im nachhinein aufzuspüren. Solange der historische Fortschritt an die Entwicklung versachlichter Verhältnisse gekoppelt ist, bleibt sein Inhalt den Zeitgenossen und kämpfenden Protagonisten notwendig verborgen. Was immer bürgerliche Subjektivität an Plänen entwerfen und an akuten Frontlinien zwischen den miteinander kämpfenden gesellschaftlichen Kräften beobachten mag, das historische Endergebnis dementiert energisch all die vorangegangen Vorstellungen. Das gilt gleichermaßen für die unmittelbaren Akteure wie die Theoretiker, die in den Aporien der Warenproduktion herumirren. Die Fähigkeit, die reale Entwicklung im Kopf vorwegzunehmen, setzt den Bruch mit der Herrschaft des Objektiven, den Übergang vom abstrakten zum konkreten, in sich reflektierten Wollen voraus. Subjektives Wollen und reale Funktion, Selbstbewußtsein und intentionales Handeln finden nur dort praktisch zusammen, wo der Versachlichungszusammenhang aufreißt und nicht nur konstituierte, marionettenhafte, sondern selbstbewußte Subjektivität freisetzt.

Die Theorie geht auf dem Weg von der geldförmig konstituierten und zur zweiten Natur verselbständigten Gesellschaftlichkeit hin zur direkten Aneignung der entwickelten gesellschaftlichen Beziehungen voran. Sie erreicht das neue Ufer bewußter Gesellschaftlichkeit vor der umwälzenden Praxis und wird zur antizipierenden Kraft. Die aus der Analyse des Fetischzusammenhangs erwachsende prognostische Leistung ist dabei aber unauflöslich an die kritische Funktion der Theorie gebunden. Der erste Akt bewußter Gesellschaftlichkeit kann nur negativ-abgrenzend bestimmt sein und besteht in der theoretischen Durchdringung des pathalogische Züge annehmenden warenförmigen Gesellschaftszustandes. Die Erkenntnis der Wirklichkeit und die radikale Kritik dieser versachlichten Verhältnisse fallen in Eins. Der Wert als das entdeckte geheime automatische Subjekt läßt sich nicht apologetisch besingen, er enthüllt sich nur in der Analyse seiner Unhaltbarkeit. Die relative historische Berechtigung, die die Wertkritik ihrem Gegenstand zubilligt, gilt daher immer nur für die Vergangenheit, nicht für Zukunft und Gegenwart. In gewissem Sinne behält die alte Hegelsche Sichtweise, die die Erkenntnis in ihrer Totalität an den Blick zurück koppelt, recht. Die Eule der Minerva fliegt wirklich erst in der Abenddämmerung am Ende der Zeiten. Allerdings, was da zu Ende geht und damit erst im nachhinein intelligibel wird, ist realiter nicht die erlöschende Geschichte überhaupt, sondern lediglich die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft, oder, um mit Marx zu reden, die „menschliche Vorgeschichte“. Die alte Eule der Minerva Hegels erweist sich bei näherer Betrachtung als ausgesprochen janusköpfig. Sie verweist nicht nur auf das Ausglühen einer Epoche, sie kündet im gleichen Atemzug auch vom Beginn einer neuen, transbürgerlichen Ära. Sie willigt nicht versöhnt in die gewordene Form ein, sondern erklärt ihr den Krieg.

Dieser logische Status von analytischer Durchdringung und radikaler Kritik aller Varianten der bürgerlichen Gesellschaft gibt gleichzeitig den historischen Ort an, an dem das mit ihrer fundamentalen Kritik identische theoretische Verständnis der bürgerlichen Form allein keimen und Wurzeln schlagen kann 7. Die Kritik der bürgerlichen Form als solcher fällt auf unfruchtbaren Boden, solange sie kein adäquates Pendant in der empirischen Wirklichkeit findet. Während der Aufstiegsphase der bürgerlichen Gesellschaft, im Kampf für die Durchsetzung und Verallgemeinerung wertförmiger Reproduktion gegen den zähen Widerstand vor- und frühbürgerlicher Verhältnisse, konnte die Fundamentalkritik der bürgerlichen Kategorien immer nur als abgedrehte, für den Eingriff in die gesellschaftliche Praxis völlig irrelevante theoretische Spitzfindigkeit erscheinen. Statt in der Auseinandersetzung mit den praktisch anstehenden Aufgaben sich zu konkretisieren und virulent zu werden, ließ sich die Kritik der bürgerlichen Form selber auf dieser Ebene nicht einlösen und fiel der Verflachung und schließlich dem Vergessen anheim. Das Schicksal der Marxschen Fetischismuskritik, das völlig Desinteresse an ihr in allen historischen Sozialismusdebatten, geben dafür ein beredetes Zeugnis ab. Solange sich die Wertvergesellschaftung auf dem Vormarsch befindet, bleibt die Widersinnigkeit ungesellschaftlicher Vergesellschaftung im wohligen Dunkel. Was logisch immer schon auf eine contradictio in adjecto hinausläuft, gilt den Zeitgenossen durch die Bank als vollkommen natürliche Form, und jedes Denken, das auf die bewußte Aneignung der eigenen Gesellschaftlichkeit hinaus will, verfängt sich unweigerlich in den nicht hintergehbaren Aporien der Warenproduktion. Die Sozialisten jeder Couleur operierten bei ihren theoretischen und praktischen Versuchen, den gesellschaftlichen Zusammenhang in den Griff zu bekommen, ganz in diesem Sinne und gingen daher völlig selbstverständlich positiv mit den diversen Emanationen der Wertform um statt gegen die Realkategorien abstrakter Arbeitsverausgabung anzudenken. Sie nahmen bereits die regulierenden Eingriffe des Staates naiv als Überwindung des gesellschaftlichen Wildwuchses und identifizierten blauäugig bewußte Gesellschaftlichkeit mit der politischen Form, ohne dabei auch nur einen Gedanken auf die Konstitutionsbedingungen zu verschwenden.

Diese Konstellation ändert sich erst dann, wenn sich die Expansionsbewegung des Werts erschöpft hat, und diese Vergesellschaftungsform an ihre objektive Schranke stößt. In der strukturellen Krise, in der die Selbstbewegung des Kapitals versackt, blamiert sich auch das hochgepriesene politische Instrumentarium, und so wird die Absurdität jeder Planung des Unplanbaren endlich auch sicht- und begreifbar. Der Kollaps der Basis des Verwertungsprozesses zieht letztendlich auch dessen abgeleitete Ebenen in die Misere hinein und enthüllt das bürgerliche Gesamtverhältnis als einen einzigen gigantischen Selbstwiderspruch. In der Dynamik des historischen Prozesses war der Zauberlehrling zwar nie Souverän, er konnte sich aber zeitweilig als solcher fühlen. Solange die fremden Kräfte, die den politischen Willen erzeugen und schieben, ihn nicht wie eine Fliege an der Wand zerdrückten, konnten die Apologeten der Politikillusionen noch in Selbstzufriedenheit schwelgen und sich nur über die ins Riesenhafte gewachsenen Fähigkeiten des „politischen Faktors“ wundern. Der nach 40 Jahren Boom tief eingegrabene Irrglaube an die Allmacht politischer Regulationsmechanismen lebt allein von diesem Mißverständnis. Er bricht in sich zusammen, sobald die Selbstbewegung des Werts ihrer inhärenten Logik folgend aus dem Ruder läuft, und all die wundersamen staatlichen und geldpolitischen Steuerungsmittel, egal welcher Kurs verfolgt wird, daran nichts ändern können. Mit dem Auslaufen der Entfaltung des Wertverhältnisses und dem Übergang zur struktureller Krise öffnet sich erst am Ende der bürgerlichen Ära der Raum zur Entwicklung einer radikalen Kritik der bürgerlichen Form selber. Kritik und Krise der Form erweisen sich nicht nur sprachgeschichtlich als zusammengehörig (aus dem Griechischen: krisis=Entscheidung, auch Unterscheidung, von krinein=sich entscheiden, prüfen, von daher auch „Kritik“). Der Gedanke der Aufhebung von Wert, Ware und Demokratie schwebt nicht frei in Raum und Zeit, um sich zufällig einmal zu materialisieren. Der entscheidende konsequente Schritt über die geldvermittelte Gesellschaftlichkeit hinaus wird erst dann denkmöglich, wenn die bürgerliche Gesellschaft ihren Zenit überschritten hat und das Scheitern aller Versuche, wertimmanent den gesellschaftlichen Stoffwechsel menschlicher oder gar sozialistisch zu organisieren, offensichtlich zu Tage tritt. In diesem Sinne ist die Genesis revolutionärer Theorie kein Geschenk des Himmels, sie ist selber ein Moment der objektiven Krise der bürgerlichen Formation. Die Krisenepoche bringt nicht nur zu guter letzt die praktischen Totengräber des Kapitalverhältnisses hervor, sie zeugt vorab erst einmal auch jene Menschen, die Sterbeurkunden ausstellen und Grabreden schreiben, noch bevor die teure Verblichene endgültig in die Grube fährt.

Der antizipierenden Kraft der revolutionären Kritik der bürgerlichen Grundformen hat das bürgerliche Denken in all seinen Spielformen nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen. Es kann, wo es einigermaßen ehrlich ist, nur Agnostizismus predigen, oder sich zum Glaubensbekenntnis versteifen. Alle Bilder von einer künftigen bürgerlichen Gesellschaft können nur in der Sphäre des geschichtsphilosophisch angehauchten Ungefähren überleben. Um nicht sofort in sich zusammenzufallen, müssen sie den Kontakt zur empirischen Wirklichkeit und die Realanalyse meiden wie der Teufel das Weihwasser 8. Die Hoffnung auf die Überlebensfähigkeit der bürgerlichen Gesellschaft bleibt argumentativ ungedeckt und verkommt zur reinen Glaubenssache. Den Apologeten steht lediglich die Alternative offen, entweder dem Stoff rücksichtslos Gewalt anzutun, oder sich traumtänzerisch über ihn zu erheben.

6. Wachstumskrisen und strukturelle Krise

Wenn sich die linken und rechten Apologeten der bürgerlichen Gesellschaft über die beängstigenden Zukunftsperspektiven damit hinwegtrösten, daß sie einen Parallelismus zwischen den gegenwärtigen Friktionen und den historischen Krisen konstruieren, so fällt dieses Bemühen für gewöhnlich in die zweite der genannten Kategorien. Sie leiten ihre Identifizierung der gegenwärtigen Schwierigkeiten mit den historischen Wachstumskrisen nicht realanalytisch her, die unterstellte Analogie bleibt schlicht und einfach paradigmatisches Postulat. Bevor auch nur ein Gedanke auf die spezifischen Merkmale unserer Epoche verschwendet wird, steht das Resultat schon fest. Die moderne Krise kann und darf keinen grundsätzlich anderen Charakter haben als ihre Vorgänger, weil sich der Gedanke an eine andere Auflösung der sich abzeichenden gesellschaftlichen Verwerfungen als die Erneuerung bürgerlicher Herrschaft von selbst verbietet. Da die Möglichkeit einer postbürgerlichen Gesellschaft, jenseits von Geld, Staat und abstrakter Privatheit bei allem Gesäusel von „konkreter Utopie“ auch der geläuterten Linken längst als abstruse Denkunmöglichkeit gilt, bleibt nur die Wahl zwischen nackter Verzweiflung und der Hoffnung auf die Erneuerung der bürgerlichen Errungenschaften durch den Krisenprozeß hindurch. Dabei springt schon phänomenologisch die Einzigartigkeit der heutigen Konstellation ins Auge, die sie grundsätzlich von den verflossenen Durchsetzungskrisen abhebt.

Trotz aller Differenzen zeichnen sich die Krisen, die die bürgerliche Gesellschaft in der Vergangenheit durchgemacht hat, durch einige gemeinsame Grundzüge aus, welche sie klar von der gegenwärtigen Umbruchssituation unterscheiden 9. Die diversen Wachstumskrisen, die die Entfaltung der bürgerlichen Form begleiteten, waren beschränkt, die Endkrise dieses Vergesellschaftungstypus muß als Krise der Grundformen universellen Charkater annehmen. Die Ausdehnung innerhalb der bürgerlichen Form erfolgte schubweise. Ihre großen Durchbruchphasen erfaßten nicht alle Dimensionen des bürgerlichen Universums gleichzeitig, jede von ihnen hatte ihre besondere Spitze. Auch die tiefer gehenden Durchsetzungskrisen lassen sich durch ein Attribut genauer bestimmen und ordnen sich um eine Themamelodie. Der Gründerkrach und die Krise von 1929 sind eindeutig als Wirtschaftskrisen auszumachen, die politisch-militärischen Einschnitte 1917-1919 und 1945 hatten zwar auch wirtschaftliche und soziale Implikationen, das Epizentrum ist aber hier unschwer zu verorten. Selbst noch die Kulturrevolution im Gefolge der 68er Bewegung blieb in diesem Sinne eingezirkelt. Ihr zentraler Gegenstand war die Umwälzung anachronistischer politischer Formen und des Privatlebens (sexuelle Revolution), außerhalb dieses Bereiches wurde sie nur vermittelt wirksam. Diese thematische Zentrierung in den klassischen Wachstumskrisen korrespondiert mit deren beschränktem wertimmanenten Charakter. Die historischen Krisen der bürgerlichen Gesellschaft waren in ihrer Dramaturgie auf ein beschränktes Teilmotiv ausgerichtet, weil es sich bei ihnen um Binnenkonflikte innerhalb eines sich herstellenden Kontinuums handelte und nicht um die Auflösung des Kontinuums selber. Ganz abstrakt läßt sich sagen, daß die bürgerliche Gesellschaft regelmäßig dann in Krisen geriet, wenn unter dem Druck der fortschreitenden Expansion von Verwertung und Versachlichung die anacronistisch gewordene Fassung des bürgerlichen Kosmos an ihrer jeweils schwächsten und zurückgebliebensten Stelle riß. Die entsehenden Konvulsionen lösten sich auf, indem die Wertvergesellschaftung an der Bruchstelle neue Emanationen ausdifferenzierte. Das Resultat des Prozesses war die Ausdehnung des Herrschaftsbereichs des automatischen Subjekts. Die bürgerliche Welt setzte sich um dieser Erwerbungen vervollständigt neu zusammen. Der Zuwachs warf zwar die bisherige Gewichtung innerhalb der die bürgerliche Form charakterisierenden Dichotomien über den Haufen, er stellte die herrschenden Dualismen selber aber keineswegs in Frage, sondern reproduzierte sie nur auf erweiterter Stufenleiter. Während die moderne strukturelle Krise alle Emanationen wertförmiger Vergesellschaftung gleichermaßen obsolet macht und alle gesellschaftlichen Sphären zum Offenbarungseid zwingt, standen in den Wachstumskrisen nur die Rollenverteilung zwischen Staat und Gesellschaft, die Abgrenzung von abstrakter Freiheit und abstraktem Recht, die soziale Rangordnung von Kapital und Arbeit zur Disposition, nicht aber das diese Dualismen umgreifende Gesamtverhältnis selber 10. Sie mußten als ebenso unhintergehbar wie selbstverständlich erscheinen und bildeten die feste Burg im Meer der Friktionen und plötzlichen Wendungen. Entsprechend klar und eindeutig bestimmt erschienen auch die Frontlinien an der Oberfläche des gesellschaftlichen Prozesses.

Die gesamte für das bürgerliche Subjekt heimelige Konstellation löst sich gründlich auf, und alle überkommenen Lösungsmechanismen verheddern sich in Absurditäten, sobald in den Krisen nicht mehr das Fortschreiten der Wertvergesellschaftung auf der Tagesordnung steht, sondern Krise zum Synonym für den Kollaps der bürgerlichen Form selber wird. Phänomenologisch macht sich diese grundlegende Veränderung im Krisenszenario beim Übergang zur strukturellen Krise als Entkernung und neue Unübersichtlichkeit bemerkbar. Wenn der Erdbebenherd nicht länger dort zu suchen ist, wo der Siegeszug wertförmiger Subjektivität an anachronistische Vorfomen stößt, sie gewaltsam brechen muß, um sie dem eigenen Bilde gemäß umzuformen, sondern er ins unterirdische Zentrum des Planeten rutscht, dann läßt sich an der Oberfläche des gesellschaftlichen Prozesses auch kein einzelnes Epizentrum mehr ausmachen. Wird die Wertform als der geheime Dreh- und Angelpunkt der herrschenden Vergesellschaftungsform obsolet, so kann fürderhin jeder Punkt auf der Oberfläche des gesellschaftlichen Prozesses gleichermaßen als Epizentrum gelten. Im Gegensatz zu den vielen gesonderten Krisen auf dem Weg zur bürgerlichen Form ist daher die Endkrise der Wertvergesellschaftung als die Krise der bürgerlichen Grundformen universell und allgegenwärtig. Sie schlägt in jedem Einzelbereich eines in viele gesonderten Sphären aufgespreizten gesellschaftlichen Zusammenhangs durch und erreicht so eine bis dato ungeahnte Tiefendimension.

Diese Veränderung bestimmt natürlich auch nachhaltig die Wahrnehmungsweise der dem krisenhaften Prozeß unterworfenen Individuen. Solange die gesellschaftlichen Friktionen sich innerhalb der die bürgerliche Gesellschaft charakterisierenden Dichotomien bewegten, fiel es dem sich herausschälenden bürgerlichen Individuum nicht schwer, sich auch im Umbruch artgerecht zurechtzufinden. Die Protagonisten machten sich zwar jeweils zu kurz greifende Vorstellungen von alledem, was sich unter ihren Augen vollzog, mit der realen historischen Bewegung bildeten sich aber auch die ideologischen Maßstäbe heraus, mit deren Hilfe sie sich selbst in der dynamisierten Entwicklung orientieren konnten. Das ideologische Bewußtsein stieß zwar nicht zum Verständnis der ablaufenden Entwicklung vor, es war aber immerhin eine adäquate Hülle und genügte dem Bedürfnis nach Sinnstiftung und Standpunktbestimmung. Der Kampf zwischen Faschismus und Demokratie stellte die Zeitgenossen ebenso vor eine klare und eindeutige Wahl wie die Auseinandersetzung zwischen sozialistischer Arbeitermacht und Bürgertum. Es ging in diesen Fällen nur darum, im vertrauten Spannungsfeld zwischen Individuum und Kollektiv Stellung zu beziehen. Eine solche Aufgabe bleibt im Horizont bürgerlichen Bewußtseins und ist innerhalb der bürgerlichen Denkformen zu bewältigen.

7. Strukturelle Krise und ideologische Krise

Mit jedem Anflug von Klarheit ist es heute vorbei, und wo immer sie in der bürgerlichen Form wiederzuerstehen scheint, handelt es sich bei näherem Hinsehen nur um Fieberträume. Unsere Zeitgenossen stehen völlig verwirrt und orientierungslos vor der Undurchsichtigkeit des Gesamtprozesses. Die Krise der Form sprengt auch die bürgerlichen Denkformen und läßt die Subjektmonade ratlos und restlos überfordert zurück. Die Krise der Form höhlt die tradierten Dichotomien von innen her aus und die Ware-Geld-Subjektivität wirft sich von Alpträumen geschüttelt von der einen zur anderen Seite ihres Instrumentariums, ohne einen Ausweg finden zu können. Gegen die Allmacht des Staates ruft es die Gesellschaft an. Wo die Gesellschaft versagt, soll der Staat ersatzweise in die Bresche springen. Wenn der längst vergesellschaftete Stoffwechsel mit der Natur irrsinnige Resultate ausstößt, soll die Beschwörung der Verantwortung des Einzelnen Abhilfe schaffen. Gegen das ungebremste und rücksichtslose Profitinteresse der Konzerne müssen gesetzgeberische Maßnahmen her. Obwohl es längst ein Allgemeinplatz geworden ist, daß der auswuchernde Paragraphendschungel genauso Symptom für ein gestörtes gesellschaftliches Gleichgewicht ist wie die Ausbreitung von Algenteppichen den biologischen Tod von Nordsee und Adria ankündigt, fällt der abstrakten Subjektmonade in ihrer Verzweiflung keine andere Zuflucht ein, als die Verwandlung der Natur in ein freies und gleichberechtigtes Rechtssubjekt einzuklagen. Zu einer halbwegs, auch nur im unmittelbaren Sinne realitätstüchtigen Orientierung kommt sie auf diese Weise natürlich nicht mehr. Während die ideologische Sphäre und ihre Konflikte in der Aufstiegsphase der bürgerlichen Gesellschaft den realen Siegeszug der Wertvergesellschaftung flankierend begleiteten, verkommt sie in der strukturellen Krise dieser Vergesellschaftungsform zur absurden Stilblüte, entwickelt sich zusehends gegenläufig zum realen Prozeß und bekommt einen ausgesprochen unwirklichen Beigeschmack. Die Verdoppelung der wirklichen Kämpfe in der ideologischen Sphäre weicht zunehmender Realitätsblindheit, und das bürgerliche Denken verliert sich rettungslos im weit verzweigten Labyrinthsystem seiner Dichotomien. Es verliert die Fähigkeit zur kohärenten Welterklärung und zersplittert sich. Seine Vertreter mühen sich nur mehr damit ab, bald diesen, bald jenen partikularen Gesichtspunkt als weiteren Faktor geltend zu machen. Die großen Linien dagegen zerfallen und zurück bleibt eine geistige Kleingärtnerlandschaft mit einer Vielzahl selbstbescheidener Biotope.

Dieses auf marodem Grund sprießende Idyll wird von derselben Krisenwirklichkeit, die es hervorgetrieben hat, auch wieder zermalmt. Der unerbittliche Einbruch der Krisenwirklichkeit herrscht zu guter letzt dem Bewußtsein gewaltsam die Tatsache auf, daß es sich bei dieser unserer Welt um einen einzigen in sich geschlossenen Zusammenhang handelt. Wenn die bislang zu einem guten Teil in die Peripherie exportierte strukturelle Krise auch für die bisherigen Weltmarktgewinner in ihr akutes Stadium eintritt, werden damit nicht nur die alten ideologischen Muster brutal falsifiziert, gleichzeitig entsteht das dringende Bedürfnis nach einer zusammenhängenden Erklärung für die ganze Misere. Wenn die populäre kassandrahafte Aufzählung sich anbahnender oder bereits im Gang befindlicher Katastrophen im Grunde heute schon zur einer einheitlichen zusammenhängenden Welterklärung drängt, so wird dieser Sog sich noch gewaltig verstärken, wenn die Implusion des bürgerlichen Universums voranschreitet und auch in den Flagschiffnationen der Weltwertvergesellschaftung die Spielräume schmerzhaft schrumpfen. Der Kollaps, auf den alle gesellschaftlichen Teilbereiche gleichzeitig zielsicher zusteuern, bringt ex negativo, als allgemeiner Zusammenbruch, den verlorenen Zusammenhang zurück. Die universelle Krise zieht das gesamte unübersehbar aufgespreizte gesellschaftliche Universum zu guter letzt zu einem einzigen gigantischen gordischen Knoten zusammen. Die Schlinge wird zusehends enger und das moderne bürgerliche Individuum, dem in diesem Prozeß Hören und Sehen vergeht, weil es tragischerweise stranguliert wird, erlebt in seinem Todeskampf eine historisch neuartige Dichte. Dem abstrakten Geldsubjekt wird im finale furiosa der Wertvergesellschaftung schwarz vor Augen, und sterbend enthüllt sich ihm die Welt, die über seinem Kopf zusammenstürzt und es erschlägt: als Einheit.

1Die Vollendung der bürgerlichen Form bedeutet keineswegs die Herstellung all ihrer Errungenschaften auch im letzten westafrikanischen Dorf. Die Wertvergesellschaftung stiftet den Gesamtzusammenhang konkurrenzvermittelt und produziert damit von vornherein „ungleiche Entwicklung“ und Verlierer. Da alle Herrlichkeiten einer funktionierenden pluralistischen Demokratie eine adäquate ökonomische Basis voraussetzen, sind für die schwächeren Glieder auf dem Weltmarkt daher auch im Bereich des „Überbaus“ von vornherein nur kryptische Kümmerformen des westlichen Orginals erreichbar.

2Die Genesis des Kapitals fällt nicht in eine dunkle Vorgeschichte dieser Produktionsweise, etwa in die Zeit der ursprünglichen Akkumulation, sie umfaßt die gesamte Geschichte dieser Produktionsweise bis in die Gegenwart. Jede Sicht, die von einem statischen Kapitalbegriff ausgeht und ein seit dem 19. Jahrhundert weitgehend fertig ausgebildetes Wesen voraussetzt, das nur in sich ablösenden Varianten in Erscheinung tritt, verfehlt nachhaltig die Dynamik des historischen Prozesses.

3Dieser Zusammenhang wiederholt sich auf den verschiedensten Ebenen. Was die unmittelbare Wertproduktion angeht, so haben R.K. und ich diesen Zusammenhang in der „MK“ 6 in den Artikeln „Alles im Griff auf dem sinkenden Schiff“ und „Staatskonsum und Staatsbankrott“ bereits ausführlich dargestellt. Aber nicht nur in der Produktion der gesellschaftlichen Wertmasse erweist sich das logische Endstadium bürgerlicher Entwicklung als unhaltbarer Zustand. Für sämtliche Emanationen der Wertform gilt: Ihre reine unverfälschte Herstellung fällt unweigerlich mit ihrem Tod zusammen. Die abstrakte Geldmonade etwa, kann sich gar nicht zur vollendeten Realität aufschwingen. Sie ist als inhaltsleeres Wesen auf Sinnstiftungsanleihen angewiesen, die sie aber nicht aus sich selber schöpfen kann. Als Aasfresser lebt sie von vorgefundenem älteren Material. Nicht zufällig hecheln die Moden ein um das andere mal die Vergangenheit neu durch. Bei immer knapper werdendem Fundus muß die Ernährung mittlerweile bereits weitgehend auf den Verzehr von Exkrementen umgestellt werden. Das logische Ende vom Lied ist klar. Genauso wie Vampire vom Erdball verschwinden, sobald sie dem letzten lebenden Wesen den letzten Tropfen Blut ausgesaugt haben, genauso zerreißt es die abstrakte Geldindividualität unweigerlich, sobald sie mit sich allein gelassen ist.

4Spätestens seit Ecos‘ „Im Namen der Rose“ erfreut sich die Rückbesinnung auf das Mittelalter und das mittelalterliche Lebensgefühl einer gewissen Popularität. Der mit einer wildgewordenen zweiten Natur konfrontierte moderne Mensch scheint Trost bei jenen Weisheiten und Lebenshaltungen zu suchen, die seine Vorfahren in ihrem Ohnmachtsgefühl gegenüber der ungezähmten Naturgewalt vor tausend Jahren entwickelt hatten.

5Noch bei der Behandlung der Krise von 1847/48, die schließlich in die Revolution von 1848 mündete, weist Marx ausdrücklich auf die Bedeutung der Mißernten als entscheidendem Ausgangspunkt der Gesamtkrise hin. Auch der französischen Revolution geht eine Häufung ausgesprochen schlechter Ernten voraus. In diesem Sinne verschwindet der Naturfaktor faktisch im Verlauf des 19. Jahrhunderts. Wenn die Naturschranke als Ökologieproblem heute wieder aufscheint, so produziert sie dieses Licht keineswegs mehr selber. Die Verseuchung der natürlichen Umwelt, die Zerstörung der Lebensgrundlagen ist nicht per se der logische Rückschlag auf die Erweiterung des Stoffwechsels von Mensch und Natur. Sie resultiert daraus, daß der gesellschaftliche Prozeß sich zur zweiten Natur verselbstständigt und aus dem Ruder läuft. Es handelt sich also um eine abgeleitete Ebene der gesellschaftlichen Krise. Das Geldmedium als die zentrale Vermittlungsinstanz abstrakter Gesellschaftlichkeit schließt die Berücksichtigung stofflicher Gesichtspunkte aus, die nicht den Gebrauchswert der zu verkaufenden Waren betreffen. Diese institutionalisierte Ignoranz muß sich rächen.

66Das gilt gleichermaßen für den rechten, kulturkritischen Flügel bürgerlichen Denkens wie für die Linke. Die Sozialisten haben in beiden Weltkriegskrisen die Alternative „Sozialismus oder Barbarei“ bis zum Exzeß beschworen.

7Gepflanzt hat das Samenkorn allerdings bereits Marx mit seiner Kritik der politischen Ökonomie, die sich um die Fetischismusanalyse zentriert. In seiner Zeit konnte es allerdings nicht aufgehen. Historisch wirksam wurde immer nur der soziologistisch verbogene Arbeiterbewegungs-Marx. Seine Kritik von Verdinglichung dagegen fand in der Rezeption keinerlei Anklang. Soweit sie in den hundert Jahren nach seinem Tod überhaupt zur Kenntnis genommen wurde, wurde sie „philosophisch“, also auf dem Niveau des jungen Marx, und damit vollkommen entschärft wahrgenommen.

8Besonders krass tritt uns das völlige Abheben von der Wirklichkeit in der gerade im Schwange befindlichen Euphorie entgegen, mit der die vereinigten Demokratisierungsideologen die osteuropäische Entwicklung feiern. Die Demokraten können nur die Sektgläser erheben, weil sie die ökonomische Grundlagen ignorieren. Naiv gehen sie davon aus, daß die wirtschaftlichen Fundamente einer funktionierenden pluralistischen Demokratie sich aposteriori schon noch nachschieben lassen, wenn erst einmal die Demokratisierung auf volle Touren kommt. Die Ärmsten begreifen einfach nicht, daß derselbe Prozeß, der die Sowjetunion und ihre Brüdervölker in den Bankrott und den Realsozialismus zur bedingungslosen Kapitulation getrieben hat, von vornherein auch die Errichtung einer funktionierenden alternativen Ökonomie verunmöglicht. Das demokratische Arkadien osteuropäische Provinienz kann nur ein Wolkenkuckucksheim bleiben.

9Die Zentrierung um ein innerhalb des sich aufspreizenden bürgerlichen Kosmos angesiedeltes Thema gilt allerdings noch nicht für die Krisen des 18. Jahrhunderts, einschließlich der französischen Revolution. Dieser Umstand resultiert einfach daraus, daß es sich bei diesen historischen Einschnitten gar nicht um genuin bürgerliche Krisen handelte. Sie begannen nicht bereits mit der Hegemonie der bürgerlichen Form, sondern stellten deren ersten noch unvollkommenen Triumph erst her. Das Unspezifische an der Krise, ihre Multipolarität, resultiert daraus, daß ihr Inhalt im Zerfall eines in wesentlichen Zügen noch feudal strukturierten Ancien Regime bestand. Analoges gilt auch für die englische Entwicklung bis zur „glorious revolution“ von 1688/89.

10Die geneigte Leserschaft mag die etwas chiffrenhafte Darstellungsweise entschuldigen. Aber auch nur ein Durchzug durch die realen historischen Krisen, der sich auf die gröbsten Linien beschränken würde, müßte den Rahmen dieses Aufsatzes hoffnungslos sprengen.