31.12.2001  Beitrag drucken

Subjekt der Emanzipation oder Emanzipation vom Subjekt

Oh hätt´ ich doch nie gehandelt! um wie manche Hoffnung wär ich reicher — Friedrich Hölderlin, Hyperion

„Warum hab ich Idiot bloß die blaue Pille genommen“ — aus „Matrix“, der Hollywood-Version von Wertkritik

Ernst Lohoff

I. Prolegomena – zum Stellenwert der Subjektkritik in der Entwicklung wertkritischer Theorie

 

1.

Auf die abstrakteste Ebene gebracht, lässt sich die Kritik der Warengesellschaft auf zwei Grundaussagen reduzieren. Unter der Herrschaft der Ware verselbständigt sich der soziale Zusammenhang zu einer den Menschen fremden, objektivierten Macht; die Herrschaft der „toten Dinge“ bedeutet hochgradige Vergesellschaftung, aber sie vergesellschaftet indirekt und bewusstlos. Ex negativo sind damit auch schon Aussagen über den allgemeinsten Inhalt von Emanzipation getroffen. Befreiung vom Formdiktat kann auf nichts anderes abzielen als eben auf den Ausbruch aus der Objektivierung und den Übergang zu direkter und damit auch bewusster Vergesellschaftung.

Seit seinen Anfängen verknüpft das moderne Denken selbstbestimmtes Handeln und Bewusstsein mit der Kategorie des Subjekts. Gerade das Emanzipationsdenken hat sich denn auch beharrlich positiv auf sie bezogen. Was liegt angesichts dieser tief im abendländischen Denken verwurzelten Tradition näher, als auch den wertkritischen Ansatz und seine Kritik an der Objektivierung der gesellschaftlichen Verhältnisse subjektemphatisch zu interpretieren?

2.

Die werten Wertkritiker haben jedenfalls ursprünglich genau in diesem Sinne argumentiert. Dass die Krisis-Gruppe ab Ende der 80er Jahre zusammen mit dem positiven Bezug auf die Arbeiterklasse insgesamt die Beschwörung positiv-soziologisch bestimmbarer Ersatzemanzipationssubjekte (die Frau, der Marginalisierte, usw.) verwarf, markierte zwar schon eine erste Absetzbewegung vom tradierten Subjektdenken; ins Blickfeld geriet zu diesem Zeitpunkt aber ausschließlich die Vorstellung, es könne so etwas wie Emanzipationssubjekte a priori geben, die es nur mehr vom „an sich“ zum „für sich“ zu befördern gelte(1). Indem die Konstitution des Emanzipationssubjekts in die Zukunft verlegt wurde – frei nach dem Motto „wo Objektivierung herrscht, soll Subjekt werden“ – blieb die emanzipative Perspektive an das Schicksal des Subjekts gebunden. Die Kritik der Warensubjektivität beschränkte sich in dieser Lesart auf das Attribut. Der durch die warengesellschaftlichen Zwänge limitierten Subjektivität wurde das Gegenbild einer anderen, von diesen Begrenzungen befreiten Subjektivität entgegengesetzt.

3.

Legt man die in der Gesellschaftstheorie landläufige Unterscheidung von Handlungs- und Strukturebene zugrunde, so hat sich die wertkritische Analyse ursprünglich erst einmal auf erstere zentriert und letztere im Dunkeln belassen. Die Wendung von der Subjektontologie zu einem vagen, nie näher bestimmten Subjektwerdungs-Pathos, passt zu dieser Ausrichtung. Die Gleichsetzung von als denkmöglich unterstellter Herausbildung von formemanzipativen Bewusstsein mit einem Prozess künftiger Subjektkonstitution entsprang keiner tiefergehenden Untersuchung auf der Handlungsebene selber. Vielmehr handelte es sich um eine Art Flankenschutzannahme. Diese Denkfigur erlaubte es nämlich, ansonsten konsequent auf der Strukturebene verbleibend, die prinzipielle Unhaltbarkeit der Warengesellschaft zu formulieren, ohne deswegen in Weltuntergangsphantasien abdriften zu müssen. Fernerhin ließen sich mit diesem zum landläufigen links-aufklärerischen Verständnis durchaus kompatiblenHilfskonstrukt die Binnensubjekte der Warenform als Exekutoren des Formzwangs klassifizieren und zugleich die mit unserem krisentheoretischen Ansatz schwerlich vereinbare Vorstellung der Wertvergesellschaftung als einer prinzipiell hermetisch geschlossenen Veranstaltung vermeiden.

4.

Gleich das erste Herantasten an die Handlungsebene führte indes zu einer viel weiterreichenden Problematisierung der Subjektvorstellung. Der Verdacht keimte, dass mit der Gewohnheit das Subjekt unbesehen als Handlungs- und Bewusstseinsträger schlechthin zu akzeptieren, die spezifischen Charakteristika der warengesellschaftlichen Bewusstseins- und Handlungsform in den Geruch des Überhistorischen geraten. Beim Begriff der Arbeit waren Krisis-Autoren zu dem Schluss gekommen, dass sich diese Kategorie nicht ohne weiteres umbesetzen und von jenem historischen Abstraktionsprozess ablösen lässt, dem die allgemeine Tätigkeitsform ihre Existenz verdankt. Sollte für die Kategorie des Subjekts Ähnliches gelten und ihr per se all das anhaften, was die warengesellschaftliche Zurichtung von Menschen ausmacht? Unter diesen Umständen ließe sich Bewusstsein und Handeln, das über die Warenform hinausweist, aber nur als Handeln und Denken jenseits und gegen die Subjektform denken. Bei Termini wie Warensubjekt oder bürgerliches Subjekt würde es sich dann strenggenommen um Pleonasmen handeln.

5.

Immer wieder ist die Neubewertung von Kategorien in der Entwicklung der Wertkritik als überkandidelter Streit um eine korrekte Wortwahl wahrgenommen worden. Selbst die Kritik der Arbeit wird bis zum heutigen Tag gelegentlich als terminologischer Taschenspielertrick abgetan, der es erlaube eigentlich Altbekanntes, nämlich die Kritik der Lohnarbeit, schrill verpackt als Neuheit zu verkaufen. Noch viel mehr liegt Bedeutung und Tragweite der subjektkritischen Wendung im Dunkeln. Auch acht Jahre nach dem ersten, Artikel gewordenen Andenken in der „Krisis“ wird sie regelmäßig ignoriert oder unter der Rubrik schwer verdauliches und wenig relevantes Begriffsgeklimper abgelegt.

Für die Urheber der wertkritischen Subjektkritik sieht die Sache etwas anders aus. Terminologische Neubestimmungen haben stets inhaltliche Neuorientierungen auf den Punkt gebracht. Die Subjektkritik markiert einegrundsätzliche Neubewertung der großen historischen Prozesse, denen das Subjekt seine Entstehung verdankt. Sie steht für den Abschied vom Fortschrittsdenken und für einen radikal kritischen Bezug auf das Erbe der Aufklärung.

Das marxistische Denken lässt sich in all seinen Verästelungen alsZweitdurchgang der Aufklärung fassen.Im Kampf zwischen Rationalismus und Irrationalismus hat es sich im Zweifel stets auf die Seite des ersteren geschlagen. Erst in ihrer subjektkritischen Wendung kann Wertkritik fundieren, warum es sich bei diesem „Kampf zweier Linien“ nur um eine Binnenauseinandersetzung innerhalb der warengesellschaftlichen Zurichtungsbewegung handelte. Damit wird es aber nicht nur möglich sich einer solchen immanenten Positionierung zu verweigern; mit der von der Aufklärung überkommenen Subjekt-Emphase fällt auch der Glaube an irgendeine historische Mission des Kapitals. Der wertkritische Ansatz hat sich, was Stossrichtung und Ethos angeht, schon früh energisch vom linken Verwirklichungs- und Prinzipiendenken abgesetzt. Die Subjektkritik erhebt den Anspruch, diese Orientierung konsequent durchzuhalten, ohne deswegen die Ebene des bewussten Handelns durchstreichen zu müssen. Sie öffnet überhaupt erst einen Zugang zu der Frage, wie Befreiung jenseits und in Kontrast zu den modernisierungsgeschichtlichen Mustern denkbar werden könnte.

6.

Dafür dass in der Diskussion um die Krisis-Position subjektkritische Überlegungen kaum eine Rolle spielen, ist in erster Linie der höchst unzureichende Ausarbeitungsgrad der Subjektkritik verantwortlich. Mit der Handlungsebene ist auch die Subjektkritik in den letzten Jahren wieder aus dem Blickfeld wertkritischer Textproduktion geraten. Selbst als die Krisis-Gruppe die Aufhebungsfrage zu einem zentralen Thema machte, lief das vornehmlich als Formulierung einer negatorischen gesamtgesellschaftlichen Zielbestimmung und ohne sichtbaren Rekurs auf die Subjektkritik.

Gerade an diesem Punkt musste sich dieses Auslassen aber unweigerlich sehr schnell rächen. Die Möglichkeit emanzipativen Handelns in den Raum stellen, ohne die prinzipielle Strukturdifferenz zwischen Denken und Handeln innerhalb der Form und gegen die Form systematisch aufzurollen, heißt folgenschwere Missverständnisse und Kurzschlüsse geradezu provozieren. Dass zu allem Überfluss seitens der „Krisis“ im Zusammenhang mit dem Aufhebungsproblem auch eine unglückliche, weil mit einem positivistischen Verständnis vollkompatible Konstruktion wie die der „Keimform“ mit ins Spiel gebracht wurde, war da nur noch das fehlende Tüpfelchen auf dem I. Auch unabhängig davon füllten Handlungs- und Vermittlungskonzepte, die den Restbeständen vergangenen Emanzipationsdenkens entstammen, notdürftig die klaffende Lücke in der Theoriebildung. Insbesondere die Aufnahme des Manifests machte das handgreiflich. Das ging soweit, dass diese Publikation als die Verlautbarung eines Quasi-Partei-Subjekts in spe verstanden wurde, das davon träumt, Theorie und Praxis in sich zur Deckung zu bringen. Als Polemik könnte uns das noch kalt lassen; schließlich ist auch sonst kein Anwurf zu abwegig, als dass er nicht gegen die „Krisis-Position“ geltend gemacht würde; peinlicherweise geistert eine solche Orientierung aber auch als stillschweigende Erwartung an die Manifestanten durch den Raum!

Derlei Ansinnen geht aber nicht nur ins Leere, weil die Krisis-Gruppe ihrem Charakter nach schwerlich als deren Adressat taugt; sie beißt sich letztlich mit der Stoßrichtung von Wertkritik. Die Suche nach einem mit sich identischen Gesamtsubjekt, das sich die Emanzipation von der Warenform auf die Fahnen schreibt, ist nicht nur wegen der fehlenden Erfolgsaussichten einzustellen; vielmehr dementiert diese Vorstellung das Anliegen. Emanzipation von der Wertform wäre auf der Makroebene der historischen Großsubjekte wie auf der Mikroebene des Einzelnen als Emanzipation von der herrschenden Handlungsform und damit als Befreiung vom Subjektzwang zu denken.

II. Was heißt wertkritische Subjektkritik? Ein paar bestimmende Stichpunkte

1.

Auf der allgemeinsten und abstraktesten Ebene lässt sich die Ausgangsüberlegung für die subjektkritische Wendung von Wertkritik auf einen dürren Nenner bringen: So etwas wie ein Subjekt lässt sich immer nur im Gegensatz zu etwas ihm Äußerlichem, ihm Gegenüberstehenden denken, also nie ohne Objekt. Dem modernen Bewusstsein gilt die Subjekt-Objekt-Relation als conditio humana. Kann man das aber tatsächlich unterstellen oder handelt es sich dabei um eine falsche Ontologisierung, hat also die strikte Scheidung der Welt in das handelnde Subjekt und ein Ensemble von ihm strikt getrennter Gegenstände eine spezifische gesellschaftliche Praxis zum Hintergrund? Klaus Peter hat diesen Grundgedanken für die Frage der Naturerkenntnis aufgeworfen. (Vgl. seinen Beitrag Bewusstlose Objektivität in der Krisis 21/22). Selbst im Bezug auf die erste Natur, sogar bei der Mechanik, der frühen Leitwissenschaft des modernen Denkens, entspringt deren „Objektivität“ keineswegs einfach dem Stoff, auf den sich der Naturwissenschaftler einlässt; die Metamorphose des zu Erkennenden zum Objekt und die gleichzeitige Erhebung des Forschers zum erkennenden Subjekt geht auf einen ganz spezifischen, Institution und gesellschaftliches Programm gewordenen Zugriff auf dieses zurück.

In Hinblick auf das gesellschaftliche Dasein springt sich die Identität von Subjektkonstitution und Objektivierungsprozess, bleibt man auf einer hohen Abstraktionsstufe, leichter ins Auge. Um auf den sozialen Zusammenhang bezogen als Subjekt zu figurieren, bedarf der Einzelne oder eine soziale Gruppe natürlich eines sozialen Objekts. Weil Gesellschaft nun einmal eine inter-menschliche Veranstaltung ist, kommen für diesen Part aber nur andere Menschen in Frage. In Hinblick auf das gesellschaftliche Ganze heißt das nichts anderes: wer als Subjekt denkt und agiert, verhält sich zum eigenen gesellschaftlichen Zusammenhang immer schon wie zu einer vorausgesetzten, äußeren Größe. Weit davon entfernt, die Verselbständigung der eigenen sozialen Beziehungen zu einer Art von „zweiten Natur“ zu konterkarieren, setzt das Subjekt die fetischistische Verfasstheit gerade voraus. Mehr noch, das Subjekt wird zum Subjekt, indem es andere zum Objekt degradiert. Demnach trägt es nicht nur Spuren der gesellschaftlicher Objektivierung, seine Selbstsetzung bezeichnet vielmehr die Objektivierungsbewegung von ihrer Handlungsseite her.

2.

Das Subjekt schöpft sein Selbstbewusstsein aus seiner Distanz zum sozialen Zusammenhang und begreift sich als dessen Kontrapunkt. Gerade dieser vermeintlich exterritoriale Status und die permanente Selbstbezüglichkeit des Subjekts garantieren aber die mimetische Anpassung an den Formzwang ungesellschaftlicher Gesellschaftlichkeit. Indem die Individuen sich als Subjekte verstehen, an deren Kernbestand die Gesellschaft nicht heranreicht und deren natürlicher Bezugspunkt die Verfolgungen der eigenen privaten Zwecke ist, schalten sie sich der Warenlogik gleich. Erst der Wegfall des Distanzzwangs, der Abschied von der Dichotomie von Individuum und Gesellschaft, würde es den Einzelnen ermöglichen, sich reflexiv zu ihren sozialen Bezügen zu verhalten.

3.

Indem der Einzelne sich zum Subjekt aufschwingt und von der Objektwelt absetzt, macht er keineswegs das geltend, was seine Besonderheit ausmacht und von anderen Individuen unterscheidet. Emphatische verstandene Individualität könnte nur Beziehungsreichtum zum Hintergrund haben. Genau den lässt die Subjektform aber nicht zu, sondern setzt qualitatives Einerlei. Die strikte Trennung vom Objekt steht für die Suprematie der immer gleichen Handlungs- und Bezugsform. Die Subjekt-Objekt-Dichotomie scheidet zwei Daseinsweisen, auf beiden Seiten der Demarkationslinie aber herrscht Gleichschaltung. Als Subjekte lösen die Handlungsträger nicht nur die Natur, den „anorganischen Leib“ des Menschen, in eine Ansammlung passiver, toter Dinge auf; die ganze Wirklichkeit fällt unter diese Kategorie. Die Subjektform setzt ihren Träger in den Stand sich unterschiedslos jedes beliebigen Gegenstandes zu bemächtigen; sie schließt gerade damit Aneignung aus. Die Reduktion der Wirklichkeit auf tote Gegenstände reduziert genauso den vermeintlichen Herrn in seiner gespenstischen Souveränität. Soweit Menschen im Zugriff auf die Wirklichkeit der Subjektform Genüge tun, sind sie sich immer gleich und gleichen allen anderen Subjekten. Als universelle Subsumtionsform ist die Subjektform für jeden besonderen Inhalt zu haben, aber nur insoweit und weil sie diesen in abstrakte Besonderheit verwandelt, und die realen Beziehungen als Staffage und bloß akzidentelle Größe behandelt.

4.

Mit dem für das Subjekt konstitutiven Generalvorbehalt gegenüber dem sozialen Ganzen bricht die Brücke zum anderen ab. Die Subjekt-Objekt-Dichotomie steht für eine strikte Trennung in einen aktiven und einen passiven Part. Wo sich das Subjekt des Objekts bemächtig, treffen zwei wesensverschiedene Daseinsweisen aufeinander. Das gilt nicht nur für die erste Natur, sondern auch und wesentlich für das soziale Gegenüber. In der Beziehung zum anderen kann das Subjekt seinen Status als souveränen Aktor nur behaupten, indem es in ein instrumentelles Verhältnis zu ihm tritt. Die Verallgemeinerung der Subjektform macht aus diesem Verhältnis ein Verhältnis wechselseitiger Instrumentalisierung. Das hebt dessen herrschaftlichen Charakter indes nicht auf, sondern impliziert im Gegenteil dessen Omnipräsenz.

5.

Das Subjekt definiert sich aus der Welt der „Objekte“ heraus und kann sein tatsächliches Dasein doch nur im Raum der „Objekte“ verbringen. Die Degradierung des Rests der Welt zur zusammenhanglosen Verfügungsmasse schlägt aber unweigerlich als Selbstinstrumentalisierung auf ihn selber zurück. Die Entwertung der unbelebten und belebten Natur wiederholt sich an der eigenen inneren Natur. Das Subjekt kommt zu sich, indem es in der gleichen zergliedernden und subsumierenden Weise auf sich selber zugreift, die es im Umgang mit der äußeren Natur eingeübt hat. Das Subjekt wäre keins, würde es sich nicht auch zu seinen eigenen Bedürfnissen, zu seiner eigenen Sinnlichkeit, wie zu einem äußeren Gegenstand verhalten.

6.

Mittel sind immer Mittel für einen Zweck; machen sich Menschen zum Mittel, so unterstellen sie dabei zwangsläufig einen jenseits der Selbstinstrumentalisierung liegenden Selbst-Zweck. Die Warensubjekte verkaufen und kaufen nicht um ihrem gesellschaftlichen Auftrag, die Wertverwertung, nachzukommen, sie sind sich sicher all dies ihrer selbst willen zu treiben. Die Aussage, das Subjekt sei im Kern Selbstbehauptungssubjekt, gewinnt damit eine Doppelbedeutung. Das Subjekt befindet sich nicht nur, quasi ex definitione, stets im Feindesland; das Selbst das jenseits der Selbstinstrumentalisierung liegen soll, das Subjekt als Wesen, das sich selber Zweck ist, bleibt eine bloße Behauptung, eine notwendige Fiktion.

7.

Subjektkritik meint strenggenommen Subjektformkritik. An den empirischen Subjekten tritt die Abstraktionsbewegung bereits an ihrem Gegenteil in Erscheinung. Der Mensch als sinnliches Wesen ist in letzter Instanz nicht ausschaltbar. Die Subjektform kann sich demnach nie rein durchsetzen. Das hebelt die Subjektkritik aber genauso wenig aus, wie Tatsache, dass der Tauschwert am und vermittels des Gebrauchswerts existiert. Als logischer Fluchtpunkt ist das inhaltsleere Subjekt mit Händen zu greifen. Das Subsumierende wird an dem sichtbar, was es vom Subsumierten übrig lässt, und begegnet uns dann als leere, tautologische Pseudokonkretion vom Typus „ich bin ich“. In dieser Gestalt wirkt sie aber durchschlagend. Als Indikator für den erreichten Grad von Subjekthaftigkeit kann das von den Subjektträgern erreichte Maß an Geschichtslosigkeit und Diskontinuität dienen. Gerade weil das Subjekt eine Biographie hat, aber es ist in seiner Selbstgleichheit keine ist, kann es von Zustand zu Zustand springen und nur so ist es in der Lage sich frei in der Welt der Angebote zu bewegen.

8.

Der Subjektbegriff schillert. Er bezieht sich gleichermaßen auf den Einzelnen wie auf aggregierte Subjekte, Großsubjekte. Dieser Sprachgebrauch täuscht nicht. Was die Handlungs- und Aktorenform angeht lassen sich in der Tat weitgehende strukturelle Übereinstimmung zwischen Mikro- und Makroebene ausmachen. Die hier an der Transformation der Einzelnen in Subjekte festgemachten Charakteristika kehren bei den Metasubjekten wieder. Das Metasubjekt definiert sich als souveräner Gestalter gegenüber dem Material Gesellschaft. In einem substantiellen Sinn kennen sie alle keine eigene Geschichte, sondern stehen für ein Fleischgewordenes sich selber ewig gleiches Prinzip (Arbeit, Blut). Das Verhältnis zu den Angehörigen des Großsubjekts läuft auf ein Identitäts- und Subsumtionsverhältnis hinaus, das sie als Intermediärgewalten bei der Durchsetzung der Wertlogik kenntlich macht.

III Nachrüstungen

1.

Gutmütige werden dem eben Angedeuteten möglicherweise zu gute halten, dass es einige, nicht ganz unwesentliche Merkmale des zeitgenössische Warensubjekts benennt. Angesichts der ziemlich dürren Herleitung aus der Subjekt-Objekt-Dichotomie drängt sich allerdings unweigerlich die Frage auf, warum aus diesen Bestimmungen so weitreichende Schlussfolgerungen wie die Kritik des Subjektbegriffs schlechthin abzuleiten sein sollen. Handelt es sich hier nicht einfach um eine Definitionsübung mit eher willkürlichen Ergebnis? Kann man nicht das Warensubjekt besser und vor allem nachvollziehbarer kritisieren, wenn man die seltsame Problematisierung des Subjektbegriffs lässt, schließlich hat der sowieso etwas Schwammiges und ist in der abendländischen Tradition höchst unterschiedlich besetzt worden?

Die Gegenhypothese, die der subjektkritischen Wendung zugrunde liegt, könnte man auf das berühmt-berüchtigte Marxzitat von der Anatomie des Menschen als Schlüssel zur Anatomie des Affen zusammenziehen. In Einzelhypothese zerlegt und auf den Kontext bezogen: 1. Das heutige Subjekt ist nicht irgendein Subjekt, in ihm kommt ein langer historischer Prozess zum Abschluss. Es ist das eigentliche Subjekt sans phrase. 2. Überhaupt lässt sich erst im Lichte dieses Endresultats der Inhalt dieser Entwicklung in aller Schärfe fassen und die auseinanderlaufenden historischen Subjekt-Vorstellungen in der Moderne sinnvoll einordnen.

2.

Diese Behauptung erscheint angesichts der Übermacht der abendländischen Denktradition, euphemistisch gesprochen, nicht unbedingt zwingend. Gerade auch elaborierte gesellschaftskritische Positionen bieten reichlich argumentativen Rückhalt, wenn es darum geht, die negative Besetzung des Subjektbegriffs vom Tisch zu wischen. Namentlich vom Standpunkt der Kritischen Theorie könnte wohl schon die apodiktische Formulierung von der strikten Trennung vom Objekt und Subjekt als suggestiver Trick gewertet werden. Sie legt in die Gegenüberstellung von Subjekt und Objekt eine prinzipielle Schärfe, die etwa Adorno mit seiner Vorstellung von der Versöhnung von Subjekt und Objekt nie anerkannt hätte. Genauso wenig leuchtet wohl unmittelbar ein, warum die auch aus dem Alltagssprachgebrauch vertraute Gewohnheit über den Haufen geworfen wird, das Subjektive als das Zufällige, keiner festen Regel Folgende zu verstehen. Wäre es nicht stimmiger mit der Kritischen Theorie, den Prozess der hier als Vollendung des Subjekts figuriert als dessen Liquidierung zu begreifen, eine Liquidierung mit der auch der Freiheitsgrad verschwindet, den die bürgerliche Gesellschaft einst geheckt hat?

3.

Ein paar präventive antikritische Zwischenbemerkungen will ich mir nicht verkneifen. Der Standpunkt der Kritischen Theorie hat entscheidende Schwächen. Indem Adorno die Herausbildung der Subjektkategorie mit einer Entwicklung identifiziert, die es Menschen erst möglich gemacht haben soll „eigene Zwecke“ (negative Dialektik S. 257) zu verfolgen, „die in den gesellschaftlichen nicht unvermittelt aufgehen“, strickt er mit an der aufklärerischen Mär, in vorkapitalistischen Formationen seien die Menschen gemessen an der Installationsgeschichte der Warengesellschaft unmittelbarer dem herrschaftlichen Zugriff ausgeliefert gewesen.

Außerdem verdankt das Subjekt seinen gewohnten Ehrenplatz bei Adorno und Co einem fragwürdigen negativ-geschichtsteleologischen Konstrukt. Unter Absehung von allen außereuropäischen Kulturen haben sie der Entstehung der spezifisch westlichen Bewusstseins- und Handlungsformen eine derart enge Verschränkung mit der Ablösung des Menschen von der Natur zugeschrieben, dass die einmalige Qualität der okzidentalen Entwicklung zu verschwimmen droht.

Dabei gerät, insbesondere der Umbruch in der Frühmoderne, in ein diffuses, allzu mildes Licht. Das, was den zentralen Inhalt der Subjektkategorie ausmacht, ist aber gerade in dieser Phase entstanden. Sicherlich lassen sich Vorläufer der modernen Subjekt-Objekt-Dichotomie schon bis in die Antike zurückverfolgen; in ihrem eindeutig strengen, qualitativ neuartigen Sinn taucht sie in der Geistesgeschichte aber erst im 15. und 16. Jahrhundert auf. Zur universellen Matrix stieg sie wiederum erst in den folgenden Jahrhunderten auf, in dem Maße wie die Wertlogik von Europa aus den Globus eroberte.

4.

So wichtig eine genauere Auseinandersetzung mit der Position der Kritischen Theorie gerade in diesem Zusammenhang auch wäre, hier reicht es erst einmal die Differenz deutlich zu machen und den Springpunkt der eigenen Argumentation einzukreisen. Die Kritik des Subjekts macht nur Sinn, wenn zu zeigen ist, dass der Prozess der Subjektkonstitution im strengen Sinn der modernen Warengesellschaft angehört und diese Formation auszeichnet. Sie steht und fällt außerdem damit, dass sich ab innerhalb dieses Prozesses trotz aller Brüche ein hohes Maß an Kontinuität und Folgerichtigkeit nachzuzeichnen lässt. Es finden sich indes genug Anhaltspunkte in diese Richtung, die es erlauben Subjektkritik als erkenntnisleitende Hypothese weiterzuverfolgen.

5.

Im mittelalterlichen Denken stand der Subjektbegriff, seinem eigentlichen Wortsinn entsprechend (Subjectum = das Unterworfene) noch für das genau das Gegenteil dessen, was für ihn bestimmend geworden ist und unweigerlich mitschwingt, wenn wir ihn heute bemühen. Der Mensch galt insofern als Subjekt, als er sich als Teil der Schöpfung in die göttliche Ordnung einfügte, ihr unterworfen war. Indem das neuzeitliche Denken dieses Gefüge auflöste und an ihre Stelle die uns vertraute Subjekt-Objekt-Dichotomie setzte, hat es überhaupt erst die uns so selbstverständlich anmutende Spaltung der Wirklichkeit in zwei wesensverschiedene Entitäten geschaffen. Sowohl bei der Auflösung und Gleichschaltung der äußeren Wirklichkeit in eine Ansammlung toter Körper, als auch bei der Transformation der irdischen Menschen in gleichgültige Exempla handelt es sich um Neukreationen des frühmodernen Denkens.

6.

In der Geistesgeschichte markiert die cartesianische Revolution den Durchbruch der neuen Weltsicht, die Aufklärungsphilosophie kann als Fortentwicklung gelten und Kants Transzendentalphilosophie als deren entwickeltste Gestalt. Die Hauptleistung von Descartes solipsistischer Erkenntnistheorie bestand darin, die Welt-Fremdheit des modernen Subjekts zum Ausgangspunkt des Denkens zu machen. Die hermetische Scheidung der res extensa, des Kosmos der ausgedehnten Dinge, von der res cogitans, der unkörperlich raumlosen Denkinstanz, brach die Brücke zwischen Erkennbaren und Erkenntnisträger ab. Descartes Denken war für die okzidentale Subjektvorstellung aber gleichzeitig noch in anderer Hinsicht Rahmen setzend. Indem seine Zwei-Substanzenlehre den eigenen Körper der res extensa zuschlug, erhob die Selbstobjektivierung zum Programm; zugleich begründet er wesentlich mit die Tradition, die Inthronisierung des Subjekts gerade an die Auslöschung der empirischen Besonderheit zu binden. Bei Descartes funktioniert das darüber, dass sich die Subjektvorstellung ausschließlich an das allen Menschen Gemeinsame, bei ihm die Prinzipien menschlicher Erkenntnis schlechthin, heftet.

Kant argumentierte am Ende des Weges, dessen ersten (eigentlich wohl eher der zweite) Meilenstein Descartes gesetzt hatte, konsequenter und radikaler. In seinem Feldzug gegen den Empirismus siedelte er sein Tranzendentalsubjekt völlig jenseits jeglicher Erfahrung an. Die Vernunftprinzipien, die das Subjekt zum Subjekt machen, zeichnen sich gerade dadurch aus, dass sie sich überhaupt nicht mehr auf die menschliche Natur beziehen. Zum einen wird Kant nie müde zu versichern, dass seine glorreichen Prinzipien ausnahmslos für sämtliche vernunftbegabte Wesen Geltung haben; daher begegnet man in der Praktischer Vernunft auch immer wieder Außerirdischen. Zum anderen fungieren die Menschen nur soweit als Träger des freien Willens, wie sie von ihrer eigen Kreatürlichkeiten, ihren Bedürfnissen, ihren Gefühlen und Neigungen konsequent absehen. Subjekt ist der Mensch demnach, soweit er reinen unpersönlichen Prinzipien Genüge tut. Als souveräner Herr dieser Welt darf er sich fühlen, soweit und indem er sich selber unterwirft. Das Einzelsubjekt figuriert zwar als das Besondere, aber immer schon und ausschließlich als abstrakte Besonderung. Das übersehen heißt, das Subsumierende mit dem Subsumierten verwechseln.

7.

Diese Aussage provoziert zwei Einwände. Zum einen war eben nur von der Geistesgeschichte die Rede. Selbst wenn die Darstellung den Kern träfe, was hat das mit dem wirklichen Prozess der Subjekt-Konstitution zu tun? Gerade den Antiempiristen Kant als den zentralen Kronzeugen für den realen historischen Prozess heranzuziehen, könnte als eher gewagt erscheinen. Außerdem wird hier ein Strang von Subjektverständnis als verbindlich behandelt, der alles andere als unstrittig geblieben ist. Von der Romantik, über die Lebensphilosophie bis zur Wissenschaftskritik à la Feyerabend hat sich eine Gegenbewegung nach der anderen von der Traditionslinie, die von Descartes zu Kant führt, energisch abgesetzt. Dem Denken des 19. und 20. Jahrhundert haben wesentlich Strömungen mit ihren Stempel aufgedrückt, die das dürre inhaltsleere Subjekt im Namen von ganzheitlichen Vorstellungen energisch kritisiert haben. Schon beim Cheftheoretiker der Romantik, Friedrich Schlegel, war es ein zentrales Topos, dass sich Subjekt und Objekt letztlich nicht unterscheiden lassen. Blendet wertkritische Subjektkritik die Hälfte der Denkgeschichte aus, oder ist sie mit dieser Wendung gar drauf und dran, ins Fahrwasser des Irrationalismus abzudriften.

8.

Im Prinzip hieße auf den ersten Einwand eingehen, eine eigene grundsätzliche Fragestellung aufrollen: Wie stellt sich nach dem Bruch mit dem Historischen Materialismus das Verhältnis von Ideen- und Realgeschichte von einem gesellschaftskritischen Standpunkt aus dar? An der Beantwortung dieser Frage versuche ich mich hier vorsichtshalber erst gar nicht, sie würde den wohl sowieso überspannten Bogen dieses Papiers endgültig überspannen. An dieser Stelle muss ein Verweis auf einige ältere Arbeiten von Peter Klein genügen. Insbesondere in dem Aufsatz Demokratendämmerung (Krisis11), hat er meines Erachtens plausibel gemacht, warum gerade Kants antiempiristisches Transzendentalsubjekt das Problem der Wertform reflektiert und vorwegnimmt. Das als richtig unterstellt und vielleicht noch in dem Sinne zugespitzt, dass die Kantsche Philosophie das moderne, an sich selber inhaltsleere Willenssubjekt nicht bloß antizipiert und widerspiegelt, sondern quasi zum Programm erhebt, lässt sich aber auch die Kritik am blutleeren, rein als Verstandeswesen gefassten Subjekt wie sie seit der Romantik immer wieder geltend gemacht wird, gerade in den Prozess einordnen, gegen den sie sich zu wenden meint.

Bei Kant bleibt das durch die Abstraktion von den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen bestimmte Vernunft-Subjekt unerreichbarer Fixstern. In ihrem Drang diesem Abstraktifizieren zu entkommen und die konkrete Lebensfülle zu fassen zu bekommen, rücken Romantik und Lebensphilosophie die bis dahin ausgesparten und abgewerteten Bereiche selber in den unmittelbaren Zugriff des Prinzipiendenkens und der Unterwerfung unter die Abstraktion. Genau das ist aber die passende Begleitmusik zum Übergang von der formellen zur reellen Subsumtion des Menschenmaterials im Voranschreiten der Wertvergesellschaftung. Dass Schopenhauer -ähnlich wie viele dann nach ihm – Kants Antiempirismus verwirft, um dessen unerkennbares „Ding an sich“ mit angeblich unmittelbar gegebenen Prinzipien wie „Wille“ und „Leben“ zu übersetzen, mag vorderhand als radikaler Bruch erscheinen. Zugleich und vor allem befreit diese Wendung den Subjekt-Kultus aber aus dem engen Gefängnis der Vernunftreligion.

9.

Das irrationalistische Denken negierte das rationalistische Vernunft-Subjekt nur, indem es dessen Charakteristika unmittelbar ins Sinnliche verlegt. Das betrifft zunächst einmal den Ausgangspunkt. Descartes Erkenntnistheorie begann mit dem Gebot, an jeder sinnlichen Gewissheit zu zweifeln. Bei den Rationalismuskritikern greift diese Unsicherheit und das Gefühl absoluter Getrenntheit auf das gesamte Dasein über und kommt dabei in den Geruch unmittelbaren existentiellen Grunderfahrung: „Ich habe nichts, wovon ich sagen möchte, es sei mein eigen“, lässt etwa Hölderlin seinen Hyperion sagen, um hier nur einen beliebigen frühen Vertreter dieser Strömung zu bemühen.

Aber auch die Auflösung liegt in beiden Fällen wiederum durchaus auf einer Linie. Subjektdenken ist wesentlich identitäres Denken. Beim aufklärerischen Vernunft-Subjekt ist das in zweierlei Hinsicht zu fassen. Descartes und Kants Erkenntnissubjekt ist in seiner Selbstbezogenheit keiner Veränderung zugänglich, es bleibt sich selber gleich. Zugleich figuriert das Einzelsubjekt immer nur als Träger einer universellen Vernunft. Das irrationalistische Denken wiederholt diese doppelte Identitätsstruktur nur auf einen pseudosinnlichen Inhalt verschoben. Der Einzelne erscheint nicht in der Vielfalt seiner sinnlichen Bezüge; das Subjekt findet zu sich, indem es lernt seine eigene Sinnlichkeit als einer einheitlichen Wesenheit untergeordnet (Leben, Willen) zu erleben. Die wiederum ist mindestens so unabhängig von dem Einzelnen und ewig wie die Aufklärungsvernunft.

10.

Der polare Gegensatz von Subjekt und Objekt ist nur unter antiempiristischen Vorzeichen sauber durchzuhalten. Wo das Subjekt, und damit die Abstraktion, sinnlich werden soll, verschwindet das dichotomische Verhältnis zwar keineswegs, aber die Subjektvorstellung färbt sich selber objektivistisch ein. Das ist vor allem daran festzumachen, dass das Subjekt seine Validität nicht länger von einem überempirischen Vernunft-Prinzip ableiten kann, sondern substantialistisch aufgeladen wird. Besonders deutlich wird das an der Metasubjekten wie Nation, Rasse und Klasse, die für die ganze Wucht Emphase und auch Brutalität des großen Subjektwerdungsschubs des 19. und frühen 20. Jahrhundert stehen. Nicht nur die Abstraktion Volk findet im Blut ein pseudosubjektives Substrat, auch das gute alte revolutionäre Arbeiterklassensubjekt erfreut sich paradoxerweise einer „objektiven“ Fundierung in der sozialen Lage und als Inkarnation der heiligen Arbeit. Das revolutionäre Subjekt ist ein objektiver Faktor.

11.

In der Sturm und Drangphase des Subjektwerdung kommt derer totalitärer Zug nicht allein in der privilegierten Stellung der Metasubjekte zum Vorschein, denen sich das Menschenmaterial einzugliedern hat. Ein totalitärer Anspruch kennzeichnet die Subjektemphase auch dort, wo sie den einzelnen in den Himmel hebt. Schon die Romantik verkündet die unmittelbare Identität des Individuellen mit dem Allgemeinsten. Aus dieser Quelle speist sich etwa der Kunst- und Künstlerenthusiasmus eines Friedrich Schlegels: „Durch die Künstler wird die Menschheit ein Individuum, indem sie Vorwelt und Nachwelt in der Gegenwart verknüpfen“. Dieser Grundton schwingt auch noch abgewandelt in Nietzsches mit. Der Übermensch vertritt eigentlich die Menschheit.

12.

Am Ende der langen Take-off-Phase der Warengesellschaft haben sich die substantialistischen subjektemphatischen Vorstellungen erschöpft. Ihre transitorische Funktion ist erfüllt und sie sind obsolet geworden. Als Strukturimperativ ist die Subjektform allgegenwärtig und das macht ihre Unsichtbarkeit aus. Im Zeichen der sogenannten Individualisierung hat sich gleichzeitig der Schwerpunkte der Alltagserfahrung und der ideologische Reflexe von den Metasubjekten zu den Einzelsubjekten verschoben. Die Modetheoreme des ausgehenden 20. Jahrhunderts feiern diesen Umschwung als „Tod des Subjekts“. Dieses vornehmlich bei postmodernen Strömungen beliebte Singsang verwechselt aber das Ende eines bestimmte Typus von Subjektivität und zwangsidentitären Denken mit dem Ende der Subjekt und Identitäts-Struktur. Das Durchsetzungssubjekt mag tot, das durchgesetzte Subjekt lebt, soweit der Begriff Leben bei Gespenstern Sinn macht. Das performative Subjekt, das von einem Zustand zum anderen springt und sich souverän der Deutungs- und Warenangebote bedient hat den Subjekt-Status nicht hinter sich gelassen. Vielmehr ist es der Inhaltslosigkeit der reinen Selbstbehauptung näher gerückt als jeder seiner Vorgänger. Der lange Marsch der Moderne ist am Ziel angekommen.

(1) Diesen Stand repräsentieren Beiträge wie „Der Klassenkampffetisch“ (Kurz/Lohoff, Marxistische Kritik 7), „Das Ende des Proletariats als Anfang der Revolution“ (Lohoff Krisis 10) und „Die vergebliche Suche nach dem unverdinglichten Rest“ (Trenkle Krisis 10)