30.12.2004  Beitrag drucken

Fan und Führer

Anregungen zu einer Typologie des affirmativen Unwesens

Franz Schandl

„Warum Halbgott sein wollen? Warum nicht lieber Vollmensch?“1
(Arnold Schönberg)

Wenn wir den grassierenden Populismus in seinen verschiedenen, nicht nur politischen Varianten analysieren, dann sollten wir uns mehr um dessen kulturindustriellen Kern kümmern (Medien, Vergnügungsindustrie, Mode, Werbung) als vorschnell in historische Analogien flüchten. Die Analogiebildung zählt überhaupt zu den dürftigsten Methoden der Forschung, eben weil sie den Gegenstand aus seiner unmittelbaren Umgebung ablöst und ihn in ein anderes historisches Bezugsfeld stellt; somit in identitätslogischer Reduktion im Seienden und Werdenden primär das Gewesene erkennen möchte. Mit solchen Verkürzungen wollen wir hier nicht dienen. Kritische Analyse darf nicht in den retrospektiven Diskurs flüchten.

Analogien beherrschen das Terrain. Und sie korrespondieren durchaus mit den öffentlichen Absichten, denn auch diese möchten von den aktuellen Zusammenhängen nichts wissen, während sie für jeden historischen Rückgriff und dessen journalistische Aufarbeitung dankbar sind. Aufmerksamkeit wird verschoben, das innige Verhältnis von Demokratie und Populismus soll ausgeblendet werden, indem man sich auf die (zweifellos vorhandenen) Bezüge von Populismus und Nazismus kapriziert. Das ewige Hitler-Spiel lockt da eher als eine Aufarbeitung der grassierenden Starmania, obwohl Letztere weit mehr für das Verständnis des Populismus hergeben würde als die billige historische Reminiszenz.

Im Prinzip erfüllt der Populismus die demokratischen Ansprüche. Ja, Populismus und Demokratismus sind eigentlich identisch.2 Jener ist auch keineswegs die Negation des Liberalismus, er ist vielmehr dessen Konsequenz. Seine Demagogie ist nichts anderes als die liberalisierte Werbung, sein Auftreten erinnert frappant an die Serienstars in den Soap-operas, seine Rede ist das nachgeschliffene Gerede des Stammtischs. Der Populismus ist entschieden antikritisch. Er meint Auslieferung an die Stimmungen durch ihre Einforderung. Er will die Kommerzialisierung des politischen Sektors. Auch wenn das schwer ideologische Gerede der Liberalen mit dem Populismus nichts zu tun haben will, erfüllen doch die Populisten die Gesetze der Marktwirtschaft in Politik und Ideologie am konsequentesten. Die so zugerichtete öffentliche Nachfrage heischt nach diesem Angebot. Wo Populismus draufsteht, ist Demokratie drinnen.

Der Populismus ist keineswegs ein bloß rechtes Phänomen, es waren bloß rechte Demagogen, die ihn bisher vornehmlich nutzten. Inzwischen hat der Populismus sich mehr oder weniger verallgemeinert. Auch die ersten Linkspopulisten betreten das Terrain. So erst jüngst der ehemalige Spiegel-Redakteur und Bestsellerautor („Die Globalisierungsfalle“ 1996), der abgesprungene SPÖ-Spitzenkandidat zum Europäischen Parlament, Hans-Peter Martin, der bei der diesjährigen Europawahl in Österreich dank tatkräftiger Unterstützung der Kronen Zeitung einen sensationellen Erfolg einfahren konnte. Martin erreichte ohne große Wahlwerbung über 14 Prozent der Stimmen. Am meisten fischte er im Teich der ehemaligen FPÖ-Wähler, die sich enttäuscht von der Haider-Partei abwandten. Außer den sagenhaften Vorwürfen an Politikerkollegen, dass sie sich bereichern, Spesen falsch abrechnen, und einer aus Funk und Fernsehen bekannten ORF-Moderatorin auf dem 2. Listenplatz hatte diese Kandidatur nichts anzubieten. Aber es reichte.

Die populistische Anmache ist Standard geworden. Es ist auffällig, dass etwa in Österreich immer mehr Journalisten als Quereinsteiger3 in die Politik wechseln, und zwar bei allen Parteien. Da der Populismus in erster Linie von den Medien geprägt ist und von ihnen bereitwillig transportiert wird, ist dies naheliegend. Niemand weiß so gut wie die Ex-Kollegen, wie das Geschäft läuft, wie man Sager platziert, wo die Seilschaften verlaufen, wer wo wann zu kontaktieren ist etc.- It’s entertainment.

Die relative Distanz von Politik zu Medien und Werbung, Kommerz und Unterhaltung ist endgültig passé. „Unter den Mächten, die uns heute formen und entformen, gibt es keine mehr, deren Prägekraft mit der der Unterhaltung in Wettbewerb treten könnte“4, behauptet Günther Anders. Die unablässige Unterhaltung lässt keine reflektierte Haltung zu, die sich über jene erheben könnte. Kulturindustrie wie Populismus setzen auf permanentes Entertainment und bedienen alle gängigen Vorurteile. Wobei diese sich durchaus widersprechen können. Der aktuelle Populismus ist nicht stringent, er ist für alles Mögliche zu haben, vorausgesetzt es kommt irgendwo bei irgendeinem Publikum an. Der Populismus wirft die letzten Skrupel der traditionellen Politik über Bord. Die traute mehr ihren Gremien, der verbeamteten Vorsicht ihrer Paragraphen, als den unmittelbaren Stimmungen. Diesbezüglich war sie im besten Sinne des Wortes abgehoben – was hier ausdrücklich mal nicht als Vorwurf formuliert wird.

Das Problem ist nun nicht die Unterhaltung an sich, sondern dass die Unterhaltung die Haltung bestimmt, nicht als Unterbestimmung (wie ja der Terminus Unterhaltung eigentlich nahe legen würde) in einem begrenzten Feld sich entfaltet. Nicht, dass wir uns gelegentlich der Seichtigkeit und dem Kitsch hingeben (wer sollte das nicht?), ist das Problem, sondern dass wir diesem vollinhaltlich entsprechen sollen. Das Sucht-Subjekt schreit nach einer Überdosis, denn es ist diese gewohnt. Die Dosierung ist ihm abgenommen. Es hat nicht nur einzunehmen, es ist bereits eingenommen, was auch heißt, dass eine Souveränität, mit Unterhaltung umzugehen, in den meisten Fällen gar nicht gegeben sein kann. Wir müssen unterhalten werden, wie sonst sollten wir es aushalten.

Begeisterungsfähigkeit setzt ein bestimmtes Maß an Entgeistigung voraus. Ohne diese könnte jene gar nicht zustande kommen. Das ist nun aber kein Plädoyer gegen Begeisterung oder gar als Verbot zu lesen, wohl aber als Aufforderung zur Reflexion der eigenen Stimmungen. Wie kommen sie in die Welt und wie komme ich dazu? Unsere Sicht wendet sich entschieden gegen dieses ewige Begeistert-sein-Müssen, gegen die unselige Mixtur aus Geschehen-Lassen und Jubel. Mitnichten gilt, dass nie jemand blöd sein darf. Hier geht es nicht um die Einforderung eines bildungsbürgerlichen Ideals, das uns vor der Unterhaltung schützen soll. Das Dumme ist auch nie restlos zu entsorgen, es sollte nur als ebensolches wahrgenommen, nicht obligat umdefiniert werden. Blöd ist nicht, wer sich blöd stellt, sondern wer blöd ist. Als notorische Größe ist Dummheit doch nichts anderes als das ständige Hereinfallen auf den Schein der Welt. Stimmung. Einstimmung. Übereinstimmung.

Populismus projiziert reale Anliegen (über deren Qualität man freilich streiten kann) auf oberflächliche Reize und Reflexe. Seine Faszination besteht geradewegs in der Einfachheit und Beschränktheit seiner Losungen und Lösungen. Diese Einfachheit unterstellt stets, dass etwas hintertrieben wird, oder besser noch: dass jemand etwas hintertreibt. Es gilt nunmehr die dunklen Mächte und ihre Machenschaften zu benennen. Der Populismus urteilt vor jeder Kenntnis, in die er sich gar nicht erst versetzen will. Umgekehrt, die Unkenntnis ist der Boden, auf dem der Populismus gedeihen kann. Dafür äußert es sich dann in präpotenter Überzeugtheit ausgesprochen handfest: „Wenn ich etwas zu sagen hätte…“, so beginnt eine dieser bekanntesten Drohungen des Stammtischs.

Der Populismus stellt nun genau auf diese Momente ab, und er hält sie als die entscheidenden Kriterien hoch. Reflexion, die über unmittelbare Reflexe hinausgeht, diffamiert er meist erfolgreich. Er gedeiht auf der Dummheit. Dummheit wiederum kann aber nur gedeihen, wenn sie Figuren findet oder besser noch: vorfindet, die ihr entsprechen. Dieser Typus findet sich in den Fans.

1. Star und Wunder

Der Fanatiker von heute heißt Fan. Der Führerkult hat sich im Starwesen demokratisiert, aber keineswegs aufgelöst. Die Promiparade ist der Laufsteg der Kulturindustrie. Diese ständige Idolisierung ist Ausgeburt drückend empfundener Mangelhaftigkeit und Minderwertigkeit. Die (und das Wort ist hier in seiner ganzen maskulinen Bedeutung gemeint) Verherrlichung von Stars durch Fans, die flächendeckende Idolatrie, ist eines der gängigsten Muster der Selbstmissachtung. Von Kindesbeinen an werden Menschen auf Vorbilder ausgerichtet. Wer kein Idol hat, ist nicht. Sich an Größen aufrichten zu müssen, heißt am Defizit zu leiden, selbst keine Größe zu sein. So denken und fühlen die so genannten „kleinen Leute“, die einen ideellen Komplementär ebenso brauchen, wie er ihnen aufgenötigt wird.

Die Aufgabe dieses Essays besteht darin, auf die Gemeinsamkeiten der Idole und Ikonen hinzuweisen, sei es der Populist oder Schlagersänger, der Fernsehstar oder Wirtschaftsführer. Es sollen auch nicht gute von schlechten Führern unterschieden werden (beides gibt es), sondern das Prinzip „Führung“ soll desavouiert werden.5 Natürlich könnte man einwenden, dass der Populist führen will, der Popstar aber keineswegs. Gemeinsam ist ihnen aber das idolistische Dogma in Führung und Aufführung, sei es auf der Versammlung, im Studio oder im Stadion, auf der Bühne, in der Arena oder auf der Rennbahn. Beide funktionieren als Leitfiguren der Bewusstseinsführung, an beiden personifiziert sich das Defizit der Subjekte. Beide sind Fetische der Organisation der bürgerlichen Psyche. Beide sind real gewordene Projektion. Beide existieren nur aufgrund des öffentlichen Zuspruchs. Es geht vor allem darum, den Konsens zu durchbrechen, der eine hätte mit dem anderen nichts zu tun. Eine ebenfalls notwendige Differenzierung des verallgemeinerten Typus unterbleibt daher in diesem Zusammenhang.

Es war die Kritische Theorie, die Star und Diktator als Parallelerscheinungen erkannte.6 Der Star kann als der beliebige Diktator für jedermann gelten, in ihm demokratisiert sich Führung, und zwar, weil der Führer nicht mehr vorgesetzt wird, sondern ausgesucht werden kann – so will es zumindest der hartnäckige Schein. Die Demokratisierung geht sogar so weit, dass jeder sein eigener Star werden kann. Zumindest kann es sich eins einbilden. Ray Davis hat das im Soundtrack „Soap Opera“ (1974) durchgespielt: „Everybody’s in showbuiss and everybody’s a star“. Nur hält der Einzelne sich als selbstgesetzter Star nicht aus, auch der Norman der Kinks tut das nicht. Wird die Außenprojektion zu einer Eigenprojektion gemacht, ist ihre Falschheit unübersehbar. Insgeheim wäre jeder potenzielle Anhänger wohl wirklich gerne selber der Star, muss sich aber mit dem Status des Fans zufrieden geben. Aber auch dort hat dieser was von jenem.

Der Prominente ist personifizierte Ware schlechthin. Aber anders als die Arbeitskraft bemisst er seinen Wert an der Vergleichbarkeit der Quoten, Stimmen, Auftritte, Vorkommen, Zuschauer. Es geht um öffentliche Geltung, was heißt: Konkurrenzsubjekte buhlen um Aufmerksamkeit am Markt der Stimmungen und wollen daraus Kapital schlagen. Der Promi ist aber nicht nur ohne Ware nicht zu denken, er selbst ist Sonderware: Das unerreichbare Erreichbare, das es anzuhimmeln gilt. Ganze Sparten der Kulturindustrie produzieren Prominenz. Man schlendere nur durch einen Zeitschriftenkiosk und nehme zur Hand, was unsereins sonst selten zur Hand nimmt, die Illustrierten der Macht.

Führer wie Stars werden bewundert. Wundern demonstriert allerdings das Nichtbegreifen von dem, was da abgeht. Das ist für sich noch nichts Verurteilenswertes. Tritt das Wundern als eine Sequenz des Lebens auf, mag es als wunderbarer Akzent durchgehen. Tritt es jedoch als ultimative Konsequenz der Subjekte in allen Lebenslagen, als Sucht auf, ist dies demütigend und entmündigend, vornehmlich aufgrund solch einer einfältigen Selbstausschaltung. Das affirmative Unwesen gehört zum Getriebe des Subjekts, das sich akkurat über das Wundern nicht wundert, sondern es einfach akzeptiert und praktiziert. Derweil wäre unkritisches Bewundern in Kombination mit kritischem Verwundern durchaus in der Lage Abläufe sowohl zuzulassen als auch zu erkennen, was da läuft. Es würde an sinnlichem Empfinden nichts verlieren, wenn es sich nicht in diesem verliert. Wie komme ich dazu, was mir geschieht? Was freut sich in mir, wenn ich mich freue? Zu kompliziert diese Fragerei? Nein, wirklich nicht. Diese Zumutung ist ebenso emotional gemeint wie intellektuell. Umgekehrt: Wird das Spüren als unbedingte Instanz anerkannt, sollte man es am besten gleich als Spuren übersetzen.

Potenzielle Stärke des Ichs negiert sich in dieser Personalisierung durch ihre Außersichsetzung in ein Anderes. Der demokratische Heldenkult, das Promi-Glotzen, das Star-Verehren, das Persönlichkeiten-Anerkennen hat gerade die spürbare Nichtigkeit des Selbst zur Bedingung. Was es in sich nicht spürt, aber spüren möchte, projiziert es in Leitfiguren, zu denen es aufschauen will. Diese Fixierung ist eine fetischistische, wie schon Robert Michels treffend bemerkte: „Die Massen besitzen einen tiefen Drang zu persönlicher Verehrung. Sie bedürfen in ihrem primitiven Idealismus weltlicher Götter, denen sie mit desto blinderer Liebe anhängen, je schärfer das rauhe Leben sie anpackt. Es liegt etwas Wahres darin, wenn Bernard Shaw in seiner paradoxen Art die Demokratie im Gegensatz zur Aristokratie, die ein Aggregat von Götzen sei, als ein Aggregat von Götzenanbetern bezeichnet.“7 Im Anbetungsbedürfnis säkularisiert sich das Religiöse zu einer Veranstaltung der vielen weltlichen Götter. Solange der Fetischismus herrscht, könnten zwar immer bestimmte Götzen abgeschafft werden, nicht jedoch der Götzendienst. Stets droht Denken ins Anbeten zu kippen. In der bürgerlichen Gesellschaft herrscht wahrlich ein „Vergötterungsdelirium“8, wie es der norwegische Dramatiker Henrik Ibsen benannte.

Persönlichkeit ist ein regressiver Begriff, weil er in der Anerkennung der einen die anderen als Nicht-Persönlichkeiten diskreditiert, ihnen auch noch das abspricht, was gemeinhin eingefordert wird. Persönlichkeit könnte umschrieben werden als Eloquenz und Eleganz der Entsprechung, die aber wegen ihrer Eigenschaften nicht als obligate Fügung und Anpassung wirkt, obzwar sie es ist. Somit erhält die Persönlichkeit die Aura einer ganz besonderen Individualität, wenngleich sie doch nur eine besonders gefinkelte Konstruktion des Subjekts vorstellt. Das Publikum erkennt sich darin wieder, aber eben nicht als eigene Projektion. Ähnliches gilt für das Charisma, das auch dechiffriert werden kann als eine kollektive, an einer Person festgemachte Überidentifikation. Persönlichkeit meint die Person mit Format, also eine, wo die Formatierung in auffälliger Weise gelungen ist. Solch Persönlichkeiten ranken sich dann als Ausstellungsobjekte in den Charts der Medien.

Gerade weil die Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft gleichgemacht werden, ist die außerordentliche Erhöhung Einzelner die Möglichkeit Besonderheit zu suggerieren, wo sich doch nur Banalität und Standard entfaltet. „Der Stand eines Stars ist die Spezialisierung des scheinbar Erlebten, ist das Objekt der Identifizierung mit dem seichten, scheinbaren Leben, welches die Zerstückelung der wirklich erlebten Produktionsspezialisierungen aufwiegen soll.“9 In dieser Besonderheit kommt nichts Besonderes zu sich, sondern nur die aufgeblasene Absonderung der Normalität. Es ist der Schein, dass mehr ist als das, was ist. Aber es wärmt die Seele im kalten Gehäuse der Verwertung. Das Gewöhnliche schreit nach dem Außergewöhnlichen und bringt doch nur eine Übertreibung des Gewöhnlichen zustande.

2. Fanatismus und Projektion

„Der als Star in Szene gesetzte Agent des Spektakels ist das Gegenteil, der Feind des Individuums, an sich selbst ebenso offensichtlich wie bei den anderen.“10 Im Führer, im Star, im Promi, im Populisten und Demagogen finden die Defizite vieler Menschen ihre „optimalen“ Projektionen. Was sie nicht haben, geschweige denn darstellen, hat er (und meistens ist dieses er nicht nur strukturell männlich, sondern auch geschlechtlich) zu sein. Es ist ein Verhältnis, das einerseits Ferne und Distanz braucht, um Aura aufbauen zu können, andererseits aber eine Nähe fühlt, die fast schon als intim bezeichnet werden könnte. Der Besondere ist eine Absonderung des Eigenen. Der Verehrte ist ein medialer Scheinbekannter, das Bekenntnis zur Persönlichkeit korrespondiert kaum mit einer Kenntnis der Person. Wo Täuschung also die obligate Komponente der Bezugnahme (die eben keine Beziehung ist) ist, führt verwirklichte Nähe oft zu einer herben Enttäuschung. Der Star ist im Fan, aber nicht beim Fan. Der Star ist real in der Projektion des Fans, ja er wird Realität erst durch die vollzogenen Projektionen der vielen. Ohne diese ist jener gar nichts. „Ist der Star die Grundfigur des modernen mythischen Bewusstseins, so ist der Fan der Sozialcharakter, der dieses Bewusstsein als den Mythos eines gesellschaftlichen Daseins reproduziert.“11

Fanatismus, die höchste Form dieser Projektion, meint eine Bezugnahme, die außer Identität nichts zulassen will. Jedes „Aber“, jeder Einwand soll ausgeschlossen werden. Fans hängen sich an, und die Termini Anhänger, Anhängerschaft und Anhänglichkeit verdeutlichen das. Die Begriffe Fan, Fanatiker und Fanatismus haben übrigens religiöse Wurzeln. Bis ins 19. Jahrhundert hinein bezeichnete man mit den beiden Letzteren nur religiöse Schwärmerei, erst dann verbreitete sich die Begrifflichkeit über ihren ursprünglichen Bereich hinaus. In gewisser Weise zu Recht.

Der Fan ist das kritiklose, weil anbetende Unwesen. Wobei Unwesen zu verstehen ist als das Sich-unwesentlich-Machen des Anhängers: Erhöhung durch Selbstaufgabe. Fan sein meint Außer-sich-Sein. Dieses Außer-sich-Geraten, das Abfahren, ist das spezifische Charakteristikum des Fans: wenn das Gefallen in ein Verfallen mündet, in eine Fallsucht sondergleichen. Der Fan ist süchtig. Es geht um Starmania, wie ein neuer Ausdruck es unabsichtlich begreift. Der Fan ist im wahrsten Sinne des Wortes süchtig darauf, abhängig zu sein. Das Abfahren ist aber auch eine immanente Revolte der zur Indifferenz verurteilten Subjekte, das oberflächlich betrachtet sogar widerständig erscheinen mag. Indem man sich in Entzückung und Bewunderung versetzt, gelingt es scheinbar der Lethargie und der Konventionalität zu entgehen.

Der Fan zeichnet sich aus durch die ständige Fixierung eines Moments bei gleichzeitiger Ausblendung sowohl der Alltagsbefindlichkeiten als auch der Totalität gesellschaftlicher Verhältnisse. Erstere will er nicht zulassen und von Letztgenannter macht er sich keinen Begriff, ja er weiß vielleicht gar nicht, dass es eine solche gibt. Sein Universum gestaltet sich von seiner Projektion her. Der Fan ist eine zentrale Figur des Spektakels, wie es Guy Debord analysiert: „Im Spektakel stellt sich ein Teil der Welt vor der Welt dar, und ist über dieselbe erhaben.“12 Diese Erhabenheit korrespondiert mit einem Desinteresse die Welt betreffend. So bedingt die Überidentifikation in einem Punkt die Indifferenz in vielen anderen Punkten. Je heller etwas beleuchtet wird, desto mehr fällt der Rest ins Dunkel. Fokussierung des Stars meint Ausblendung der Totalität. Nicht in Zusammenhängen soll gedacht (und schon gar nicht gefühlt) werden, sondern eins soll sich auf Exponate kaprizieren und in ihnen aufgehen.

Der Fanatismus von heute ist nicht mehr so statisch wie in vergangenen Tagen, er ist weitgehend beliebig geworden. Die Fixierung folgt keinem monotheistischen Muster, sie ist flexibel. Diese Flexibilität gehorcht den unmittelbaren Sinnstiftungen und Sinngeboten des Marktes. Bedingungslose Identität ist zwar der Idealfall, aber Dauer und Intensität des Abfahrens sind im Abnehmen begriffen. Man drehe die Apparate auf oder blättere die Illustrierten durch, und schon kann man unter VIPs sich den oder die aussuchen. Aufdringlich ist nur der Typus, die Typen selbst kann eins sich aus dem pluralistischen Sortiment auswählen. Die Grundform ist identisch, die Äußerungsform nicht: wie Marken gewechselt werden, so auch Promis. Und immer schneller, Mode und Trend halten hier auf Trab.

Im Phänomen sprießender Fanclubs zeigt sich Formierung der Subjekte zu kleinen Massenpolen. Gegen die Verbreitung der Fanclubs decken etwa linksradikale Gruppierungen ein vergleichsweise mickriges Segment der Gesellschaft ab. Fanclubs als populistische Keimzellen bilden eine ideelle Gemeinschaft, die aber auch einen bedeutenden ökonomischen Faktor darstellen kann. Nicht nur für den Star, sondern auch für besonders eifrige Fans. Es geht auch um das Werbematerial, um die Herstellung von Souvenirs, Postern, T-Shirts u.v.m. Nicht nur eine innere Haltung ist gefordert, sondern eine beinahe aggressive Anschaulichkeit: „Ich verehre David Beckham, und daher wollte ich seine Tätowierung auf meinem Körper“, sagt ein junger weiblicher Fan.

Die Linke, insofern sie nicht selbst dem Personenkult erlegen ist (von Stalin bis Che Guevara), hat der Idolisierung eine Anonymisierung entgegengesetzt, so als sei durch die Gleichmacherei der Konkurrenzsubjekte etwas zu gewinnen. Indes hätte man die Leute ernst nehmen sollen, um den und die Einzelne durchaus besser einschätzen zu können ohne sie zur Persönlichkeit aufzublasen, aber auch ohne sie der Gleichgültigkeit anheim fallen zu lassen. Falsche Besonderheit wurde negiert, indem man jede Besonderheit unter Verdacht stellte. Der Führerkult wurde so ersetzt durch den Kult des Durchschnittlichen oder den der Unterdrückten. Als ob gerade das Unterdrückte besser wäre als das Unterdrückende. Im Beherrschten kommt primär das Herrschende zu sich.

Während die Rechten mit der formalen Anerkennung von Führung und Führer keine Schwierigkeiten hatten, setzte sich diese bei den Linken meist hinterrücks als informelle Fügung durch. Deren Muster wurden oft einfach geleugnet, so als gäbe es sie nicht. Anstatt diese objektive Strukturierung der eigenen Kommunikation eingehender zu beleuchten, fiel einem im Konfliktfall nichts Besseres ein als die Demokratisierung aller Entscheidungsprozesse einzufordern. Mehr als eine Bürokratisierung der Abläufe ist aber bei all diesen (zuletzt basisdemokratischen) Versuchen nicht herausgekommen. Auch das leidige Spiel, wo die demokratisch Unterlegenen mehr Transparenz und Partizipation fordern, die demokratischen Gewinner aber auf Effizienz und Handlungsfähigkeit pochen, ist so alt wie abgeschmackt.

Befreiung wird um die Negation der Idole, insbesondere auch der eigenen, nicht herumkommen. „Die Bewegung des Kommunismus ist anti-heroisch“13, schreibt John Holloway. Nicht andere Führer, Helden und Vorbilder braucht das Land, sondern keine. Es waren die Lettristen, die Vorläufer der Situationisten, die das schon 1952 auf ihre Nichtfahnen geschrieben hatten: „Wir glauben, dass die dringlichste Ausübung der Freiheit in der Zerstörung der Idole besteht, vor allem, wenn sie sich auf die Freiheit berufen.“14 Die Besonderheit des Einzelnen hat erst dann eine reale Chance auf Entfaltung. „Unglücklich das Land, das keine Helden hat!“, sagt der Knabe Andrea. Doch Brechts Galilei antwortet ihm: „Nein. Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“15

3. Mann klein, Masse groß

Es ist der „Kleinheitswahn“16 (Freud), der sich in Größenwahn versetzt und in der Masse versteckt. Masse meint die Transzendierung des Minderwertigkeitsgefühls in eine Stimmung der Überwertigkeit. Masse zeitigt Erhöhung des Unerhöhten, ein Teilhaftigwerden an etwas Größerem als dem „Sich“. Im erniedrigenden und selbsterniedrigenden Gerede vom „kleinen Mann“ steckt der Keim des Größenwahns, der in der Masse sein Betätigungsfeld sucht. Die Masse wird so auch zur gleichen Maske des Subjekts. Sie suggeriert Bedeutung durch Menge, Größe, die sich durch Massierung und Uniformierung potenziert. In der Masse sind sich alle gleich und gleichgültig. Die Masse ist so Ausdruck der vollendeten Demokratisierung, ja der biologische Organismus der direkten Demokratie schlechthin. In der Masse enthemmt sich das Gehemmte: Hier herrscht das Volk.

„Die Masse ist außerordentlich beeinflussbar und leichtgläubig, sie ist kritiklos, die Unwahrscheinlichkeit existiert für sie nicht. Sie denkt in Bildern, die einander assoziativ hervorrufen, wie sie sich beim Einzelnen in Zuständen des freien Phantasierens einstellen, und die von keiner verständigen Instanz an der Übereinstimmung mit der Wirklichkeit gemessen werden. Die Gefühle der Masse sind stets sehr einfach und sehr überschwänglich. Die Masse kennt also weder Zweifel noch Ungewissheit.“17 Ja, sie kann gar nicht im Zweifel sein, denn das Unbezweifelbare ist ihr charakteristisch. Sie erträgt keine Schwäche. Die Masse ist die Ansammlung der Schwachen, die keine Schwäche dulden. „Da die Masse betreffs des Wahren oder Falschen nicht im Zweifel ist und dabei das Bewusstsein ihrer großen Kraft hat, ist sie ebenso intolerant wie autoritätsgläubig. Sie respektiert die Kraft und lässt sich von der Güte, die für sie nur eine Art von Schwäche bedeutet, nur mäßig beeinflussen. Was sie von ihren Helden verlangt, ist Stärke, selbst Gewalttätigkeit. Sie will beherrscht und unterdrückt werden und ihren Herren fürchten.“18

In der Masse wird die Verzweiflung der Einzelnen transformiert. Masse bedeutet Defragmentierung durch Zusammenfügung. Und Zusammenfügung bedeutet in doppeltem Wortsinn Fügung, nämlich als Schicksal sowie Gehorsam. Die Zugehörigkeit manifestiert sich noch eine Stufe höher, als Zusammengehörigkeit. Es handelt sich dabei um eine chronische Depression (der anders als einer akuten aber kaum individuell beizukommen ist), um eine gesellschaftliche Störung, die jedoch durchaus funktional ist, weil die Gesellschaft eine gestörte ist.

Die mögliche, aber misslingende Selbstliebe des Ich wird ausgelagert: „Das Objekt hat sich an die Stelle des Ichideals gesetzt.“19 Das Selbstbewusste wird so zum Dirigenten der eigenen Bewusstlosigkeit. Das Subjekt ist zu beschreiben als das atomisierte und uniformierte. Es ist sich allein, aber es sind ihrer viele. Fans gibt es eigentlich nur im Plural, als massenhafte Erscheinung der vielen Gleichen. Ansonsten hat eins bloß einen Tick oder ist eben ein Freak. Der Fan ist ohne Masse nicht zu denken. Masse ist die Überwindung der Einzelnen im Vielen, aus Atomen wird ein Organismus, aus kalter Funktionalität warme Emotionalität. Masse meint Biologisierung der Ohnmacht zur Macht, ja Allmacht.

„In der Masse, meint Le Bon, verwischen sich die individuellen Erwerbungen der Einzelnen, und damit verschwindet deren Eigenart. Das rassenmäßige Unbewusste tritt hervor, das Heterogene versinkt im Homogenen. Wir würden sagen, der psychische Oberbau, der sich bei den einzelnen so verschiedenartig entwickelt hat, wird abgetragen, entkräftet, und das bei allen gleichartige unbewusste Fundament wird bloßgelegt (wirksam gemacht).“20 In der Herde und noch deutlicher in der Horde kann man sich vergessen (Ich-Vergessenheit), was meint: einlösen und auflösen in einem größeren Ganzen, das jedes individuelle Gefühl, nicht nur jenes der Verantwortung, aber insbesondere dieses, auslöscht. „Die Masse entbehrt der Feinfühligkeit,“21 schreibt Robert Michels. Man folgt quasi einem Trieb, über den man sich keine Rechenschaft ablegt. Bei dieser Anzahl scheint jeder Irrtum ausgeschlossen. Die Masse vermittelt ihren Gliedern Sicherheit, die der Einzelne nie haben könnte, der nun meint: Es kann nicht falsch sein, was ich tue, denn sonst würden es ja die andern nicht tun. Die gegenseitige Unterstellung wird zum endgültigen Beweis. Dass diese Aussage an und für sich absurd ist, fällt nicht auf, ja im Gegenteil, die Verallgemeinerung der Versicherung dient gegebenenfalls auch als Ausrede. Einer kann irren, viele nicht! In seiner proletarischen Form hieß das übrigens: „Die Partei hat immer recht“, besungen von großen Dichtern wie Bertolt Brecht oder Pablo Neruda.

Man fällt als Einzelner in der Masse nicht auf, man verschwindet, ist aber voll zugegen und bei der Sache. Man multipliziert sich in ihr, indem man sich durch sie dividiert: Ich bin keine Nummer mehr, denn wir sind eine große Zahl. Aus Quantität wird Qualität. Sie stecken sich gegenseitig an und stacheln sich auf: mehr, stärker, schärfer, wilder, rücksichtsloser. Der von Freud zitierte Le Bon schreibt: „Die bewusste Persönlichkeit ist völlig geschwunden, Wille und Unterscheidungsvermögen fehlen, alle Gefühle und Gedanken sind nach der durch den Hypnotisator hergestellten Richtung orientiert.“22 Doch dieser Hypnotisator muss nicht im Singular auftreten. Massen hypnotisieren Massen auch selbst.

Ursprünglich mag es schon etwas wie ein ehernes Vergesellschaftungsbedürfnis der Menschen geben, sie sind soziale Wesen. Es stellt sich aber die Frage, ob jenes, wie Freud (Trotter folgend) behauptet23, einfach mit dem Herdeninstinkt übersetzbar und gleichsetzbar ist. Hier vermuten wir vielmehr eine ganz spezifisch sekundäre, d.h. gesellschaftliche Ausprägung. Nicht etwas „rassenmäßig Unbewusstes“, sondern etwas massenmäßig Bewusstloses. Letzteres meint Unkenntnis der Form, in der es sich dieser entsprechend bewegt, Ersteres wäre aber eine anthropologische Wesensbestimmung des Menschseins.

4. Sich als Ich

„Der Vormacht des Allgemeinen ins Auge zu sehen, schädigt psychologisch den Narzissmus aller Einzelnen und den demokratisch organisierter Gesellschaft bis zum Unerträglichen. Selbstheit als nichtexistent, als Illusion zu durchschauen, triebe leicht die objektive Verzweiflung aller in die subjektive und raubte ihnen den Glauben, den die individualisierte Gesellschaft ihnen einpflanzt: sie, die Einzelnen, seien das Substanzielle.“24 Das schreibt Adorno, und man kann dem nur beipflichten. Das Ich ist noch kein Für-Sich, sondern ein An-Sich, organischer Reflektor gesellschaftlicher Konstellationen. Seine wichtigste Rolle ist die des Konkurrenten, die Behauptung am Markt. Es muss sich nach den ungeschriebenen Geboten seiner Verwertung richten: verrichten, anrichten, herrichten, hinrichten, abrichten, nachrichten, unterrichten. Und richtig ist, was sich gestern, heute, morgen verwerten lässt. Auch in Zeiten der Krise des Werts.

Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft leiden an der chronischen Einbildung, eines nicht zu sein, „a face in the crowd“ (Ray Davis)25, obwohl doch gerade die fundamentale Erkenntnis, als Monade bewegt zu werden, der erste, schmerzhafte wie zaghafte, Schritt ihrer ideellen Überwindung sein könnte. Eine Ahnung davon ist ja vorhanden, aber ihr folgt selbstverachtende wie selbstbewusste Verdrängung. Wäre ich kein Ich, was wäre ich? Ein Serienprodukt alltäglicher Geschäftigkeit? Etwa mit beschränktem Auslauf und beschränktem Bewusstsein? Solch bedrohliche Fragen dürfen gar nicht erst gestellt werden. Ich ist für das bürgerliche Subjekt doch die Instanz, die nicht in Frage gestellt werden darf, nein besser noch: kann. Indes wäre die Infragestellung eine ermutigende Intervention, eben weil das Subjekt einmal nicht das Ich, sondern das Ich das Subjekt negiert. Also: „Misstraue deinen Gefühlen und Stimmungen! Möglicherweise sind sie nicht deiner, sondern du bist ihrer!“ – Hier wäre ein Punkt, wo das Ich seine Differenz zum Sich aufmachen könnte.

Das uns bekannte Ich ist das doppelt Durchgestrichene. Einmal durch die objektiven Zwänge, und das andere Mal durch die subjektiven Fügungen. Dieses Ich gibt es nur als Ich. Eins kann also nicht einfach sagen: Das Ich gibt es gar nicht. Das Ich-Selbst ist Versuch und Missglückung in einem und endet meist mit dem, was man Selbstaufgabe durch gesellschaftliche Anpassung bezeichnen könnte. Jenes ist Beschränkung und Zerstörung, aber doch widerstrebt dem etwas in ihm und vor allem ist es unauslöschbar. Mensch sein heißt beharrliches Hadern mit diesem Schicksal. Anpassung ist zwar obligat, aber sie vollzieht sich stets in Brüchen und mit Widerständen. Doch das objektive Resultat muss zum subjektiven Ziel gemacht werden, es stellt sich nicht einfach her. Gerade in den sich versuchenden Manifestationen eines Ich gegen das Sich erlebt die Person Momente individuellen Gelingens, spürt sie den Hauch ihrer Möglichkeiten. Wo das Ich, obwohl ideologisch so überhöht und angebetet, tatsächlich aber so vernachlässigt wird wie in der bürgerlichen Gesellschaft, ist der Abschied vom Ich eigentlich nahe liegend, auch wenn er sich partout nicht als solcher verstehen will. Bei näherer Betrachtung entpuppt sich die egomanische Ichversessenheit als krude Ichvergessenheit. Die freilich wird konsequent geleugnet.

Eins selber sein ist nicht leicht. Den meisten fällt das gar nicht auf. Die Leute sind wie „gehätschelte Haustiere, und sie merken nie, dass sie anderer Leute Normen leben, dass sie wahrhaftig anderer Leute abgelegte Kleider tragen und nie einen einzigen Augenblick lang sie selbst sind“.26 Die öffentliche Meinung nennt Oscar Wilde das „unwissende Gebilde“27, spricht bezüglich des ehrenwerten Mannes vom „Ichwahn seiner Unwissenheit und dem Ichwahn seiner Bildung“28. Auch Günther Anders verhöhnt diesen „Wahn der Freiheit“29. Selbstverständlich ist es eine Zumutung „Ich“ zu sagen. Aber die noch größere Zumutung sind Verhältnisse, die den Menschen verwehren, ein „Ich“ entwickeln zu können, so dass sie sich eines vorlügen müssen.

Dieses Ich definiert sich nicht an sich oder mit anderen, es definiert sich als Gegeneinander, als Gegen-Dich, das immer den Vergleich suchen muss. Es ist der konkurrenzistische Trieb der Marktteilnehmer. Das ist wohl mit ein Grund, warum viele sich gern ihrer Kindheit erinnern. Der Behütung wegen. Obwohl auf Konkurrenz trainiert und abgerichtet, waren sie doch der unmittelbaren Konkurrenz entzogen und vor ihr geschützt. Das tut zweifellos gut, lässt spüren, was fein ist.

5. Führer und Führung

Nach Robert Michels – und er spricht hier sicher für die überwiegende Mehrheit – ist das Führerprinzip ein unhintergehbares Apriori, dessen Analyse strikt von der Hand zu weisen ist: „Das Führertum ist eine notwendige Erscheinung jeder Form gesellschaftlichen Lebens. Es gehört deshalb nicht in den Bereich der Wissenschaft zu untersuchen, ob es von Nutzen oder von Übel sei oder welches von beiden überwiege.“30 Zweifellos, Führung ergibt sich aus dem Defizit der vielen. Aber nicht aus irgendeinem menschlichen Defizit (Anleitung braucht man ja für dieses und jenes), sondern aus dem gesellschaftlich dimensionierten psychischen Minderwertigkeitsgefühl.

Der Unmut der Durchflexibilisierten, ihre Haltlosigkeit schreit nach einem festen Halt. Führung verspricht, den Haltlosen Halt zu geben. Auch wenn dieser nur simuliert ist, ergriffen wird er. Der Haltlose will gar nicht verstehen. Er will zugehörig sein. Er will gehörig sein. Er will hörig sein. Er will treu sein. Er will. „Politische Begabung einer Menge ist nichts als Vertrauen auf die Führung31, behauptete einstens Oswald Spengler. „Unsere Ehre heißt Treue“; in Sedimenten ist dies abgelagert, und wenn auch nicht mehr lebbare völkische Substanz, so doch abrufbare und anrufbare Bezugsgröße, die Grüße aus besseren Zeiten verkündet. Auch wenn der Referenzpunkt außer Reichweite ist, funktioniert er als munitionierter Mythos einer aggressiven Gemeinschaft: Wir!

Das Heillose erwartet im wahrsten Sinne des Wortes Heil. Der Populist entzückt als Heilsbringer. Das Faszinosum aller Populismen des bürgerlichen Zeitalters ist in diesem Charisma (wörtlich: Gnadengabe) der Erlösung zu suchen. Schwäche impft sich durch Unterwerfung und Hörigkeit, die jedoch nicht als solche empfunden werden. Jene, die sich von Bürokraten und Funktionären nicht drangsalieren lassen wollen, schreien nicht nach Emanzipation, sondern nach Führung. Sie wollen richtig rangenommen werden. Nur in einem Führer kommen jene zu sich, die sich selbst fremd sind. Einen Führer brauchen jene, die sich nicht auskennen, aber genau wissen, wo es lang geht.

Fan und Führer gerieren sich als Alternativen zum alltäglichen Dasein, nicht als dessen Zuspitzung. Indes sind sie bloß Avantgarde des Ordinären, Auswuchs der Gewöhnlichkeit. Fan und Führer verkörpern den Typus des Rücksichtslosen, sie sind konzentriert auf etwas Bestimmtes und blenden alles andere aus. Besonders die Rücksichtnehmer in Staat, Partei und Gewerkschaft sind ihnen ein Dorn im Auge. Sie dulden Apparate als Funktionsinstanzen, nicht aber als Regulierungsinstanzen. Insbesondere dort, wo sich der politische Sektor noch in Distanz zur Marktwirtschaft sieht, wird er stigmatisiert. Da ist dann die Rede von Funktionärswirtschaft, Betonierern, Bürokratie etc. Auch hier verlaufen Populismus und Liberalismus parallel.

Der Führer kann gelten als das aufgeblasene Subjekt, und zwar in doppelter sprachlicher Deutung. Führer wie Star berauschen sich an der Masse, ohne die sie nichts wären. Sie schöpfen Kraft aus dem, was aus ihnen Kraft schöpft. „Ich bin weil du bist“, ist das sinnliche Einmaleins von Fan und Führer. Es ist ihre Gewissheit. Beiderseits. Sie sind durch Angewiesenheit miteinander verbunden. Lust auf Führung korrespondiert mit der weitverbreiteten Lust auf Gefolgschaft. Ja, beide sind eigentlich eins, das Eine ist ohne das Andere nicht zu haben.

Der Führer ist nicht selbstbestimmter als die, die ihm folgen, auch wenn das die feste Überzeugung der Seinen ist. Seine als Sicherheit wahrgenommene Führung ist ein Trugbild, doch sie ist Realität gewordene Marschrichtung: „Er weiß, wo es hingeht, daher werden wir folgen.“ Ihre Ratlosigkeit korrespondiert mit seinem Rat, der als fixe Größe erscheint. Seine Ratlosigkeit kann demnach nur als Entratung, ja somit als Verrat aufgefasst werden. Der Führer ist Gefangener seiner struktiven Konstellation. Sollte er offensichtlich versagen oder gar zugeben, er wisse nicht, wohin er oder es führe, dann wäre er seiner Führung entledigt. Solche Führer gibt es nicht. Ein Führer muss die Masse im Griff haben, hat er sie nicht, ist er seiner Führung ledig.

Gehalten kann die Masse nur als Herde werden, als Horde ist sie ungehalten, wenn auch nicht ungelenkt. Indes sie auch völlig außer Kontrolle geraten kann. Fehlmobilisierungen können so auch zur Katastrophe oder Niederlage führen. Letztere fügte sich Jörg Haider beim Knittelfelder Treffen der FPÖ im September 2002 zu, als das durch ihn aufgestachelte Funktionärskorps der Freiheitlichen wider alles Eigeninteresse ein Schlachtfest veranstaltete, nicht nur die Wiener Parteiführung (Susanne Riess-Passer, Peter Westenthaler) ins Aus schickte, sondern auch die Partei selbst zum Einsturz brachte.32 Beabsichtigt ist etwas anderes gewesen. So kann es vorkommen, dass die Anhängerschaft den Führer überläuft. Disziplin ist nur möglich durch Aufstauung und Anspannung, sie schreit aber regelrecht und regelmäßig nach Entladung, Enthemmung und Entspannung. Sie muss sich bei Gelegenheit abreagieren, um sich neu aufzubauen. Die reine Disziplin ist nicht zu haben. Die Herde ist immer ein potenzieller Herd der Unruhe. Die „Fähigkeit“ des populistischen Führers offenbart sich darin, dass er es versteht, die Ventile richtig zu betätigen, was meint die Aggregate der Masse richtig zu steuern.

Der Führer hat freilich nur die Führung übernommen und inne. Des Weges zu ziehen ist seine unbedingte Aufgabe, die ihm oft Lust, manchmal auch Last ist. Er steht auf jeden Fall unter Erfolgsdruck, was meint Wachstumsdruck. Er folgt dem komparativen Zwang. Die Masse will sich vermehren. Sie will akkumulieren. Ökonomisch ausgedrückt: Die Verwertung der Masse ist ihre permanente Massierung. Gelingt ihr diese nicht, geht sie bankrott. Wenn der Führer versagt, gibt es Katzenjammer im teilnehmenden Publikum, es ist dann wie nach einem Rausch.

Ziel von Führer und Geführten ist das Obsiegen, und zwar in zugespitzter Form: nicht bloß als gelungenes Geschäft, sondern als Triumph über die Feinde, die personalisiert werden, selbst wenn von „System“ gesprochen wird. In der Niederlage, ja Unterwerfung, in der Zerstörung, ja Vernichtung liegt das Ferment dieses „Glücks“. Die Grundmuster der Konkurrenz werden übersteigert und überhöht. Gerade weil die Vielen Schutz vor der Konkurrenz in einer bestimmten übergeordneten Form suchen, wollen sie jene nicht überwinden, sondern nur für sich selbst außer Kraft setzen, um sie doch auf höherem Terrain (dem des Staates, der Nation, des Volkes) durch Massierung wieder in Funktion zu setzen.

Exkurs A: Renaissance der Wirtschaftsführer

Das Führerprinzip erlebt gegenwärtig eine Renaissance, nicht nur im politischen und kulturellen Bereich. Die allgemeine Klage von heute ist, dass nicht zu viel, sondern dass zu wenig geführt wird. Mediale Flaggschiffe des Wirtschaftsliberalismus machen diesbezüglich mobil: „Leadership ist mehr denn je gefragt“, heißt es in der „Sonderbeilage Führen“ der Neuen Zürcher Zeitung vom 21. November 2000. Was ist schon der Manager gegen den Führer? Ihre Heiligkeit ist Letzterer: „Der Manager analysiert, plant, kalkuliert, teilt Ressourcen zu und überwacht die Zielrichtung. Er führt Führungssysteme ein, organisiert Abläufe, koordiniert zwischen verschiedenen Verantwortungsbereichen und stellt Ordnung und Konstanz sicher. Er ist eher der optimierende Technokrat (…).

Im Unterschied dazu erkennt und schafft der Leader eine Marschrichtung, erzeugt großes Vertrauen und bewirkt eine Aufbruchstimmung, die zu Veränderungen führt, und zwar ohne dass der Vergangenheit nachgetrauert wird. Er lebt das vor, was er immer und immer wieder predigt. Und er führt die Menschen direkt, dank seiner überzeugenden Persönlichkeit. Er führt viel weniger als der Manager mit Hilfe institutionalisierter Führungsprozesse. Er konzentriert sich stets nur auf das Essenzielle, vernachlässigt viele Details und kümmert sich wenig um die äußere Form. Er ist in sich selber so konsistent, dass man ihn auch ohne Kenntnis von Fachjargon sofort versteht.

Unsere Unternehmen, unsere Verwaltungen, unsere Institutionen benötigen sowohl den Manager- als auch den Leadertyp. Das Wirken des Ersteren führt dazu, dass in komplexen und meistens großen Organisationen keine chaotischen Verhältnisse entstehen. Die Energie und die Ausstrahlung des Zweiten führt dazu, dass das größte Wertpotenzial unserer Unternehmen, die Schaffenskraft der Mitarbeitenden, mobilisiert wird.“ Kurzum: „Führungskräfte sind daher mehr denn je gezwungen, eine Wertekultur aufzubauen, die den erforderlichen Halt wieder schafft.“33 Ziel sei die „positive Grundeinstellung“ zu dieser Wertekultur.

Man beachte bei diesem Prospekt die gesamte Terminologie, in der dieser Werbetext da vorgetragen wird. Da findet sich die „positive Grundeinstellung“, die „Marschrichtung“, die „Aufbruchstimmung“, die „Mobilisierung“, die „Predigt“, die „Persönlichkeit“, das „Wertpotenzial“ und die „Wertekultur“. Und alles läuft auf den Leader genannten Führer hinaus. Es ist schon interessant, dass heute, wo die Unternehmungen immer weniger ordentlich verwaltet werden können, nicht die Betriebswirtschaft zum Gegenstand der Kritik wird, sondern der einst gepriesene Manager seine Entwertung erfährt, und der Führer, der Chef, der klassische Unternehmer reinthronisiert wird. Die Berechtigung liegt darin, dass das Konventionelle bei den Unternehmensführungen zusehends dem Unkonventionellen weicht. Was immer das nun heißen mag – von der Verstärkung der Werbung über das Mitspielen bei der Börsenspekulation bis hin zu mafiotischen Methoden ist hier alles möglich. Auch als Mix.

Der außerinstitutionelle Zusatz verdeutlicht jedenfalls eine Tendenz zum Ersatz obligater Geschäftstätigkeiten. Gefragt ist weniger die fachliche Kompetenz als die Fähigkeit sich im Marktgeschehen entsprechend zu positionieren. Dessen Fluktuationen lassen sichere Prognosen unsicherer werden, was gestern noch stimmte, kann morgen schon der größte Unsinn sein. Die letzten Reste der Gemächlichkeit werden sukzessive entsorgt, Geschäftstüchtigkeit heißt permanentes Anspannen und Zuschlagen. Schon der junge Friedrich Engels bezeichnete die Konkurrenten als „eine Horde reißender Tiere“34. Diese Einschätzung dürfte heute noch mehr der Wahrheit entsprechen als dazumal. Gefragt ist ein „Killer-Instinkt“. Es herrscht eine Betriebsamkeit, die keine Freiräume gestattet, sondern Effizienz (was heißt: Verwertungseffizienz) zum Gott erhoben hat, der keinen anderen neben sich duldet, geschweige denn heidnische Bräuche wie Faulenzen, Krankfeiern, Ausrasten durchgehen lassen darf.

Nur weil es den Führer gegeben hat und nicht mehr gibt, ist jedoch nicht zu schließen, dass es keine Führer mehr gibt. Im Gegenteil, Führer gibt es mehr als genug. Diese Kategorie ist also nicht aus dem Vokabular zu streichen. Auch wenn man in den Nachfolgestaaten des Dritten Reichs den Begriff aus nahe liegenden Gründen nicht gerne in den Mund nimmt (da spricht man lieber vom „Boss“, „Chef“ oder „Macher“), ist das autoritäre Prinzip stark im Kommen. Autorität ist eine entscheidende Größe der bürgerlichen Freiheit. Gerade im Befehl wie im Gehorchen kommt die Unmittelbarkeit eines unbeschränkten „Verfügen-Könnens“ ungeschminkt zu sich. Der Befehl ist so gesehen nicht die Beschneidung der Freiheit, sondern deren höchster Ausdruck. Nirgendwo ist man so frei wie im Kommando.

Führung ist auf jeden Fall in. Nicht nur in der Neuen Zürcher Zeitung. Die liberale Wiener Tageszeitung Der Standard lädt zu einem Seminar mit dem Titel „Führen mit Charisma“35. Und das konservative Konkurrenzblatt Die Presse bewirbt das Top-Seminar des Monats September 2003 unter dem Titel „Das Prinzip Führung“: „Klarheit in der Führung statt Konsens-Sauce“ lautet eine Botschaft. „Denn die Praxis hat gezeigt, dass Motivation kein ‚Mythos‘ ist, sondern vielmehr eine Frage der Umsetzung von bewährten Führungsinstrumenten“. „Brigadier Gerald Karner36 vermittelt wirksame Instrumente für den Führungserfolg.“37 In letzter Konsequenz heißt das: Freiheit ist der militärische Akt zur Durchsetzung der Marktgesetze. Die extremste Form der bürgerlichen Freiheit ist das Kommando, der Befehl, dem zu gehorchen ist. Wirtschaftstreibende sind Offiziere der Zirkulation. Nicht umsonst heißt Büro im Englischen „office“. Und „officium“ ist das lateinische Wort für Pflicht.

6. Konformierte Selbstbeherrschung

Führung ist das Wesen des Fans. Der Fan steht auf die Leitung, die er gar nicht wahrnimmt und auf der Leitung, die er ebenfalls nicht erkennt. Er kommt schon formatiert daher. Günther Anders hat auf diese tiefere Fundierung des Konformismus hingewiesen. „Wenn man statt von ‚Konformanden‘ und von ‚Konformierten‘ von ‚Konformisten‘ spricht, dann verwendet man nicht nur einen ungenauen (…) einen verfälschenden Ausdruck. Denn dann unterstellt man dem Individuum, dass es die Wahl habe, sich konform zu machen oder das auch bleiben zu lassen. Dann setzt man, gleich ob bewusst oder unbewusst, jene Freiheit voraus, die zu liquidieren der Konformismus sich zur Aufgabe macht und die er tatsächlich in höchstem Grade bereits liquidiert hat. In gewissem Sinne stellt daher (…) der Begriff ‚Konformist‘ bereits eine Ableugnung der Tatsache des Konformismus dar. Diese Ableugnung oder Fälschung ist freilich bereits das Werk des Konformismus selbst; das heißt: wer so spricht, der ist bereits konform. Denn eine der Lieblingsbeschäftigungen, eine der wesentlichen Betrugsaktionen des Konformismus besteht eben darin, Einzelne als Konformisten anzuprangern; ja diese gewissermaßen als willentliche Konformisten hinzustellen, um damit zu verbergen, dass der Konformismus alle konform zu machen sucht. In der Tat blüht der Konformismus am schönsten dort, wo er dem unfrei Gemachten den Wahn der Freiheit belässt, oder ihm den Wahn überhaupt erst einimpft; wo er das Individuum mit Erfolg dazu bringt, ein Individuum-Vokabular nachzuplappern; ein Vokabular, das durch die Tatsache der Plapperei sich selbst widerlegt.“38 „Nichts scheinheiliger, nichts komischer als das von der Konformismusindustrie aufgezogene ‚self expression‘-racket“ 39, schreibt Anders an anderer Stelle.

Der Konformand stellt sich also gar nicht die Frage, ob er konformistisch ist. Er ist es einfach. Diese Frage ist jenseits seines Denkhorizonts. Konformismus hieße zumindest, sich absichtlich und bewusst in etwas umgewandelt zu haben. „Soll ich dafür oder soll ich dagegen sein?“, ist nicht in seiner Reichweite. Erreichte er sie, wäre sein Konformandentum passé. Könnte er jene Frage formulieren, wäre seine Formatierung fehlerhaft. Seine Gewordenheit ist ihm kein Problem, ja nicht einmal stellbare Frage. Ignoranz schützt allerdings nicht vor Konsequenz. Im Gegenteil: Er ist für was, von was er nichts versteht. Er ist ganz einfach drauf, wenn es geht, gut drauf. Er wird aber nicht verleitet, er leitet sich durchaus selbst. Als Demokrat ist er sein Selbstführer, er gehorcht sich, er ist sein „eigener Herr“. Ja, es ist das Ziel sein eigener Herr zu sein, niemanden anderen über sich herrschen zu lassen als das verinnerlichte Sich-selbst, das da als Ich daherkommt, ja geradezu Persönlichkeit behauptet. Im schlechtesten Sinne des Wortes, hier herrscht Selbstbeherrschung.

Natürlich ist es unsinnig zu verlangen, dass Affirmation nicht stattzufinden habe. Das wäre wahrlich ein aussichtsloses und selbstzerstörerisches Unterfangen. Wer nie drauf ist, ist stets drüber, und das hält der beste Intellektuelle nicht aus. Wer aber immer drauf ist, ist als Ich-selbst restlos draufgegangen. Es gilt sich aber über den Charakter der allgemeinen und spezifischen Affirmation Rechenschaft abzulegen, sie nicht als Selbstverständlichkeit hinzunehmen, sondern als Ausdruck formatierten Bewusstseins. Nicht nur zu fragen Wofür bin ich?, sondern auch Wie komme ich dazu, dafür zu sein? Erst wenn das Ich seine chronische Nichtung begreift, wird es wirklich größer, ja eminent. Es sollte daher nicht a priori behaupten, wofür es eigentlich zu kämpfen hätte und was es nur ansatzweise in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen herstellen kann.

Indes, wie schon ausgeführt, ist der postmoderne Konformismus doch schwerer zu fassen, als man denkt, eben weil er sich trotz imperativer Fixierung als unbestimmte Gebundenheit gestaltet, permanent in Bewegung ist. Fix ist die Fixierung, aber nicht das Fixierte. „Die Entfesselung der neoliberalen kapitalistischen Ökonomie im Subjekt wird pervers und paradox als seine Freiheit inszeniert“, schreibt Roger Behrens: „keine Bindung an Gewerkschaften, Berufsverbände, keine Vereinsmeierei, keine festen sozialen Beziehungen, nicht einmal ein fester Beruf, eine feste Liebesbeziehung und Familie, kein festgelegter Geschmack, kein fester Stil, kein festgelegter Standpunkt und keine Utopien über die Zukunft heißen die Leitlinien der bizarren Konformität.“40

7. Passives Passieren

Für den Zuschauer gilt: „Je mehr er zuschaut, um so weniger lebt er; je mehr er akzeptiert, sich in den herrschenden Bildern des Bedürfnisses wiederzuerkennen, desto weniger versteht er seine eigene Existenz und seine eigene Begierde.“41
Diese zu begreifen, sie nicht nur zu spüren, sondern vielmehr zu erkennen, wäre aber die Bedingung, um sie überhaupt kritisch reflektieren zu können. Was jener tut, entspricht der Vollstreckung eines Vollzugs. Einem schaut der Zuschauer nämlich nicht zu: sich selbst.

„Das Vergnügen erstarrt zur Langeweile, weil es, um Vergnügen zu bleiben, nicht wieder Anstrengung kosten soll und daher streng in den ausgefahrenen Assoziationsgeleisen sich bewegt. Der Zuschauer soll keiner eigenen Gedanken bedürfen“42, heißt es in „Die Dialektik der Aufklärung“. Zuschauen als Konsum ist passives Passieren. Es ist kein Aufpassen, sondern ein bloßes Anpassen, ein Geschehen-Lassen und Berieseln, kurzum: unaufmerksame Aufmerksamkeit. Selbstvergessenheit meint Verdrängung der Aktivität durch Konsum, heißt sich einer Abspeisung hingeben. Eins ist zwar begierig darauf, aber es betrifft einen nicht.

Wir merken uns, was wir uns merken sollen, aber wir bemerken nicht, was wir uns da zu merken haben. Unaufmerksame Aufmerksamkeit konditioniert Menschen. Es zieht in uns ein, ohne je um den Einlass zu bitten. Wir wissen gar viel, aber wir wissen wenig über Struktur, Absicht und Hinterlist des Merkbaren. Wir stellen uns vorab keine Fragen, auf die die Matrix keine Antwort gibt, ja umgekehrt, deren Antworten sind unsere Fragen gewesen, egal ob wir sie gestellt haben oder ob sie bloß mitgeliefert wurden. Wir sind nicht nur unserer Antworten enteignet, sondern auch der Fragen. Was wir uns zu fragen haben, werden wir nicht gefragt. Jedes geistige Losreißen von dieser Determination unserer Gedanken und Gefühle ist mit einem Akt höchster Anstrengung verbunden. Um wie vieles leichter ist es da, das zu wollen, was wir sollen. Und wir sollen wollen. Und wir wollen auch. Emanzipation hieße auch die Fragen zu erobern, nicht wie heute sich Antworten in einem „Multiple-Choice-Test“ auszusuchen.

„Kann das Publikum wollen?“43, fragte Adorno zu Recht. „Je dichter das Netz der Vergesellschaftung geflochten und womöglich ihnen über den Kopf geworfen ist, desto weniger vermögen ihre Wünsche, Intentionen, Urteile ihm zu entschlüpfen. Gefahr ist, dass das Publikum, wenn man es animiert, seinen Willen kundzutun, womöglich noch mehr das will, was ihm ohnehin aufgezwungen wird. Damit das sich ändere, müsste erst die stillschweigende Identifikation mit dem übermächtig Verfügbaren unterbrochen, müsste das schwache Ich gekräftigt werden, das es soviel bequemer hat, wenn es sich unterwirft, und man wird vergebens nach denen suchen, die unter den gegebenen Verhältnissen das möchten und die Macht dazu hätten.“44 „Gäbe es einen Willen des Publikums, und folgte man ihm unmittelbar, so betröge man das Publikum um eben jene Autonomie, die vom Begriff seines eigenen Wollens gemeint wird. Die Willensbildung derer, denen der Wille ausgetrieben ward, stünde im Dienst des fesselnden und unterdrückenden Prinzips.“45 So ist der „Wille selber willenlos.“46 Der Wille der Willigen hat also die Willenlosigkeit zur Bedingung.

Guy Debord schreibt im § 9 von „Die Gesellschaft des Spektakels“: „In der wirklich verkehrten Welt ist das Wahre ein Moment des Falschen.“47 Das Wahre kann nur aus dem Falschen herausdestilliert werden. Als das Dementi wider sich selbst. Aufgabe der theoretischen wie der praktischen Kritik ist es nun nicht nur dieses Dementi zu benennen, sondern aus seinem Gehäuse zu befreien. Denn in diesem gefangen, stirbt es früher oder später ab. Das Dementi ist nämlich ein flüchtiges Moment im Falschen, keine Instanz oder gar eine Sache, sondern das Widerläufige und Widerspenstige am Ablauf selbst, das eingeholt, aufgehoben und beseitigt wird, sich jedoch immer wieder in neuen Formen und Aspekten reproduziert. Vom System her betrachtet kann es nur als Systemfehler identifiziert werden, aber dafür hat es (wenn auch ein schwächer werdendes, aber umso aggressiveres) Immunsystem.

Und doch kann das Individuum, dieses besiegte und doch nie versiegende Ich, nicht gänzlich ausgeschaltet werden, das Subjekt selbst ist kein irreversibles Ergebnis, kein endgültiger Bankrott, sondern bedarf selbst der andauernden Fütterung zum Unwesen. „Mitten unter den standardisierten und verwalteten Menscheneinheiten west das Individuum fort“48, schreibt Adorno. Und dieses Wesen kommt in die Welt, weil die ernsthafte Reflexion der Widersprüche es stets hervorbringt, wenngleich es von den Verhältnissen immer wieder desavouiert wird. Dieses Wesen ist – wenn auch sein Scheitern vorgezeichnet zu sein scheint – die unaufhörliche Negation und das Überlegen von Alternativen. Dieses Wesen ist das versuchte Herausdenken des Bewusstseins aus dem Sein, wo Ersteres Nein zu Letzterem sagt. Diese Repulsion kann nicht absterben, sooft sie auch abgetötet wird. Daher ist emanzipatorisches Denken, wird es transvolutionär gefasst, auch kein materialistisches Denken mehr.

8. Gerät und Anschluss

Das bürgerliche Subjekt wird hergestellt und reproduziert in Fabriken und Büros, auf Märkten und in Schulen, durch Medien und Freizeit. Wobei die Kulturindustrie die allermeisten Räume (Orte wie Zeiten) des Lebens bereits erobert hat, wo nicht direkt, so indirekt. Der Einzug etwa des Fernsehers nicht nur in die Wohn- und Kinderzimmer, sondern insbesondere auch in die Schlafzimmer erwachsener Personen ist von geradezu „epochaler“ Bedeutung. Aktivität und Erfüllung der Intimität (was auch sexuelle „Eigenproduktion“ meint) ist auch hier weitgehend der Passivität des Konsums gewichen. Anstatt uns zu betätigen, schauen wir lieber zu, und damit sind keineswegs primär Erotiksendungen gemeint, sondern die Befilmung überhaupt. Wer zuschaut, redet nicht, streichelt nicht, bumst nicht. Die scheinbare Anstrengungslosigkeit beim Konsum der bewegten Tonbilder okkupiert einen. Daraus folgt, dass selbst in den intimsten Zonen der Kontrapunkt gegen den Alltag seltener gesetzt werden kann, weil die Konsummaschinen jene erobert haben.

Schon von Kindesbeinen werden wir trainiert: Fernsehen, Videospiel, DVD, Internet, Handy, Gameboy. Und es ist schwierig, die achtjährige Tochter von diesen Leichtigkeiten wegzubringen und zur tatsächlichen Schwierigkeit (in unserem Fall das Cellospielen) zu ermuntern. In der oft üblen Szene des Szenenwechsels (weg vom Kastl, hin zum Musikinstrument), also von Passivität und Getriebe in Aktivität und Kreativität, demonstriert sich des Öfteren die Ohnmacht gegenüber den Dingen und ihrer bereits kindlichen Beschlagnahme, die mehr die Beschlagnahme des Kindes als eine durch das Kind meint. Kreative Potenz erscheint hilflos gegen die restriktiven und regressiven Mächte. Die Bequemlichkeit des Sich-Unterwerfens obsiegt über die Momente möglicher Befreiung. Die Kinderstuben sind ein beinhartes Ausbildungslager, das die Disposition verrät.

Es ist zweifellos die Gerätschaft, die den Eltern jene Zeit für die Kinder abnimmt, die sie sowieso nicht zur Verfügung haben. Sie brauchen dann nicht mehr beschäftigt zu werden, denn sie sind es. Rund um die Uhr laufen die Programme. Außerdem geben die Kleinen dann Ruhe, ja gerade die Beunruhigung durch die Filme sorgt im unmittelbaren Resultat für Ruhe. Unruhe, die die Kinder wahrscheinlich sonst nach außen getragen hätten, ist nun in ihrem Inneren noch verstärkt worden. Anstatt dass sie sich ausgetobt haben, hat sich in ihnen etwas eingetobt. Es gibt nicht wenige Heranwachsende, die mehr in den Fernseher als ihre Eltern gesehen haben. Die mehr sich besprechen lassen als selbst zu sprechen. Die mehr bespielt werden als selbst zu spielen.

Ein Eingriff in die sich automatisch durchsetzende Dauerbeflimmerung erscheint dann ausnahmslos als sein Gegenteil: als Bestrafung und nicht als BefreBeiträgeiung. Fernsehen ist ein Attentat, das als Wohltat auftritt. Es wird einem etwas angetan, aber gespürt wird etwas völlig anderes. Fernsehverbot ist daher eine der härtesten Strafen, die ausgesprochen werden können, obwohl es nur bedingt eine ist. Jeder Totalentzug ist allerdings kontraproduktiv. Da würden dann die Kinder nicht einmal mehr wissen, wovon ihresgleichen eigentlich reden. Der unmittelbare Anspruch besteht also in einer Dosierung des Irren. Dem Wahnsinn ist nur halbwegs zu entgehen, wenn man es entsprechend kontingentiert.

Wir leben in einer Maschinenwelt, die uns umstellt und eingenommen hat. Es sind unsere Geräte und Geschicke, die uns beherrschen. Nicht Instrumente der Befreiung, die sie unter anderen Bedingungen in veränderter Weise durchaus sein oder werden könnten, sind sie, sondern solche, die der Verwertung dienen und diese in Gang halten. Ihr Gebrauchswert ist Nebensache und allzu oft ist dieser extrem fragwürdig. Fernsehen, Internet und Mobiltelefone sind weniger die Fenster zur Welt als die Empfänger der Weltzerstückelung. Sie entsprechen der monadischen Existenzweise. Das Subjekt sitzt in seiner Isolationskammer – solo oder formiert – und wird von den Geräten verfügt, wenngleich es umgekehrt meint, über sie zu verfügen. Wer wen hat, ist ganz offensichtlich.

Immer mehr Dinge werden läufig. Selbst der Fernseher könnte über die neuere technische Entwicklung ähnlich dem Handy oder dem Laptop mobil werden. Laufen jetzt schon alle tippend und telefonierend durch die Gegend, so könnte sich das bald televisionierend fortsetzen. Demonstriert wird damit übrigens nichts als willige Angeschlossenheit, eine, die sich als Aufgeschlossenheit halluziniert. In der Sprache der Werbung heißt das: „Ich habe den Anschluss nicht verpasst!“ Den Anschluss nicht zu verpassen, ist Gebot der Stunde. Nicht die Distanz von der rasenden Läufigkeit der Welt wird eingefordert, sondern das Halten des Tempos.

Von klein auf werden wir unserer Gefühle enteignet. Entsinnlichung durch kulturindustrielle Beeindruckungen führt zu falschen Reizen. Wir wissen etwa nicht mehr, was wir unserem Körper zumuten können, sei es bei der Arbeit, sei es beim Essen, sei es beim Hungern. Es geht also auch um etwas wie individuelle Gefühlsaneignung. Nicht nur die Produktionsmittel müssen wir uns aneignen, auch unseres Spürens gilt es habhaft zu werden. Damit wir das Ich nicht durchstreichen, sondern unterstreichen.

9. Virtuelle Masse

Der aktuelle Populismus ist seiner äußeren Form nach kaum noch ein Versammlungspopulismus, sondern ein Medienpopulismus. Selbst das Event ist mehr eine Ansammlung denn eine Versammlung. Nicht Reden wird dort gelauscht, sondern ein geschwätziger „Small-talk“ veranstaltet. Small talk meint stete Verwechslung und Austauschbarkeit. Egal, was da gesprochen wird, Hauptsache es wird. Eins flaniert durch die Gegend, obwohl eins da, ist eins flüchtig. Wie es den anderen geht, wollen jene wissen, die weder von sich noch von diesen eben jenes wissen wollen. Es rührt sich dabei nichts und es berührt niemanden, es ist, wie Horkheimer/Adorno schreiben, wahrlich eine „gesellschaftliche Berührung innerlich Unberührter“49.

Events sind Spektakel der Ablenkung. Im Event gestaltet sich das Leben als ein Erleben. Es ist was los und man ist dabei. Das ist wichtig für den Gefühlshaushalt der Einzelnen. Man lebt auf Ereignisse hin, sie sind Labsal gegen die Ohmacht im Alltag. Denn wichtig ist hier nicht, was die Menschen sind und was sie haben, sondern wie sie sich bei alledem fühlen. Das anscheinend Außer-Alltägliche des Events richtet sich an das Alltägliche als Botschaft, dass es nicht so ist, wie es ist, sondern wie es das Spektakel verspricht. Es suggeriert, dass, solange wir feiern können, alles noch in Ordnung sei. Die Feier ist das Glücksversprechen des Events. Es ist das Außergewöhnliche, das das Gewöhnliche erträglich macht, auch oder insbesondere, wenn es rauschartig abgeht. So gesehen ist das Event eine Droge, die die Sehnsucht als Sucht befriedigt. Der Rausch ist die einfachste andere Welt. Berauschungsmitttel sind bei Events auch von zentraler Bedeutung.

Meist jedoch sitzt die Masse disloziert vor ihren Apparaten. „Da der Massenproduzent und -lieferant seine Massenprodukte jederzeit ins Haus, und zwar eben in alle Häuser, schleusen kann, kann er auf die Herstellung von Masse (im Sinne von ‚crowd‘) verzichten. Da er sich an die Millionen (von völlig gleich Gemachten) einzeln wendet, unterbindet er das Entstehen der substanziellen Masse. (…) ‚Masse‘ ist nunmehr, eben als ‚Massenhaftigkeit‘, eine Qualität von Millionen Einzelnen geworden; nicht mehr deren Zusammenballung.“50

Die Frage, die sich somit stellt, ist die: Kann es im Wohn- oder Arbeitszimmer eine aktive Masse geben oder nur eine passive? Kann man dort zur Meute oder gar zur Horde werden? Für die Einzelnen sind das konkrete Räume, für die Masse allerdings nicht. Virtuell freilich ist diese Zusammenballung nach wie vor gegeben. Zweifellos gibt es virtuelle Herden, und es gibt auch bereits virtuelle Horden. Denn wie sonst soll man jene Spam-, Viren- und Wurmlieferanten im Internet nennen? Oder die notorischen Internetchatter und die fanatischen Leserbriefschreiber? Hier haben wir es tatsächlich mit einer Negativauswahl zu tun. Nirgendwo blüht so viel Obskuranz wie in den neuen, nun gänzlich demokratisierten Medien. Dort, wo jeder sich einbringen kann, ist es am grauslichsten. Da fallen die letzten Schranken. Vollendete Demokratisierung meint Durchsetzung des Unerträglichsten.

Fernseher und PC sind die zentralen ideologischen Apparate des Kapitals. Sie einzuschalten heißt zur Selbstfütterung zu schreiten. Und je mehr wir auswählen können, desto mehr präsentiert sich das ewig Gleiche. Vom obligaten Spielfilm bis hin zu den Nachrichten, von den Debatten bis hin zur Werbung, vom Email bis zum Surfen im Netz. Wir verfangen uns in den Botschaften. So gleichen die Konsumenten kleinen Reproduktionsmaschinen des Kapitals, die bestimmte Fresszeiten kennen und ganz demokratisch aus dem Einheitsfutter wählen dürfen.

Das Leben gleicht einer Formatierung der Widerspenstigen. Und doch sollte das Ganze nicht als einfacher Ablauf verstanden werden. Die Formatierung ist ein Prozess, keine Tatsache, ja nicht einmal unhintergehbares Resultat. Nicht Reibungslosigkeit ist sein Zeichen, sondern ständige Reibung. Formatierung versucht sich an den Leuten als ein ständig unabgeschlossener wie unabschließbarer Prozess der Defragmentierung durch die Setzung diverser Identifikationsangebote. Die verunsichernden Fragmente sollen zumindest auf ein Ergebnis hin affirmiert werden. In der Defragmentierung werden die Fragmente ja nicht beseitigt, sondern es wird versucht, ihnen in einer veränderten Konstellation eine gemeinsame Ausrichtung zu geben.

Das Publikum ist zwar indoktriniert, aber es wird auch zusehends indifferenter und inaktiver auf allen Ebenen. Die Mobilisierung wird nicht leichter, sondern im Gegenteil schwieriger. Möglicherweise könnte eins sogar von einem demobilisierten Mob reden, aber diese Formel hilft nicht viel weiter. Ein Mob muss irgendwo hungrig sein, doch die Leute sind übersättigt. So sind sie z.B. immer weniger bereit, bei Wahlen ihre Zustimmung zum System zu demonstrieren. Sie sind deswegen nicht oppositionell, aber sie sind verdrossen.51 Mehr abgestumpft als aufgestachelt. Geistige Indifferenz und Fantum bedingen sich, aber sie behindern sich auch.

Die Haltbarkeit der Identifikation unterliegt dem tendenziellen Fall. Die augenblickliche Identifikation mag intensiv und bedingungslos sein, aber zumeist ist sie ein kurzfristiges Verlieren, keine allzu lange Narkose. Auch die Populisten sind nicht das, was sie darstellen möchten, ihre Verweildauer ist im Sinken begriffen. Man muss da nicht bloß an Figuren wie Schill in Hamburg denken, auch der begnadetste aller europäischen Demagogen, Jörg Haider, dürfte seinen Zenit bereits überschritten haben. Dass der Populismus selbst am Sachzwang scheitert, über das Pöbeln nicht hinauskommt, lässt aber nicht prinzipiell an ihm zweifeln, sondern eher nach einer neuen Variante Ausschau halten. Von Haider enttäuscht zu sein, heißt also von dem Typen, nicht aber von dem Typus enttäuscht zu sein. So stärkt auch noch die Abwendung den Unsinn.

Es ist so jedenfalls nicht verwunderlich, dass Einzelne nicht nur in zeitlichen Abständen auf Diverses abfahren können, nein auch parallel laufen in ein und derselben Person die unterschiedlichsten, ja sich selbst widersprechendsten Identifikationsprogramme ab. Das Subjekt ist eben fragmentiert, ein oft multiples und brüchiges Wesen, wo eins das andere in sich nicht nur nicht erkennt, sondern nicht einmal kennt. Formatierung ist gegeben und allgegenwärtig, aber sie ist nicht konsistent, sondern widersprüchlich. Die selbst angestrebte Defragmentierung muss letztlich unerfüllt bleiben. Mehr als fragile Teilhaftigkeiten in sporadischen Aufläufen scheinen gar nicht möglich zu sein. Die Suche nach irgendetwas Haltbarem ist zwar notorisch, aber das Haltbare hält kaum noch ein Versprechen, daher wird die Suche zusehends haltlos. Ohne Perspektive kann das freilich nur in die Verzweiflung führen.

Der traditionelle Fanatismus war aktiv und fixiert, er meinte Ziele haben zu müssen und propagierte diese. Der postmoderne, durch und durch demokratisierte Fanatismus ist hingegen passiv und flexibel. Ein ständiges Hin- und Herflippen kennzeichnet den demokratischen Fan, aber kaum den traditionellen Fanatiker. Jener probiert mal dies und das, verwirft dieses und jenes, oder besser: es passiert ihm einfach. Dass seine Proben falsch sind, auf diesen nahe liegenden wie schrägen Gedanken kommt er allerdings nicht. Er bleibt in seiner Grundhaltung fixiert, ist aber nicht mehr auf ein bestimmtes Objekt festgelegt. Dieses hat er verloren, nicht jedoch den Drang nach einem solchen.

Eine Frage ist daher auch, ob heute totale Identifikationen, wie sie etwa der Faschismus und insbesondere der deutsche Nazismus bewerkstelligten, möglich sind. Vor allem Letzterer war ja alles andere als eine oberflächliche oder beliebige Identifikation gewesen. Die wenigsten Anhänger waren Mitläufer, die meisten waren Läufer und in vielen Fällen sogar Stürmer dieser bis dato noch nie gekannten Verschmelzung. Es ist davon auch in der postfaschistischen Ära einiges übrig geblieben, in den Gefühlen und Stimmungen, in den Ansichten und Vorurteilen und nicht zuletzt auch in der Sprache. Der Mitläufer-Begriff, mit dem viele Nazis sich entlasten wollten, führte in die Irre, er passt – so die Ironie der Geschichte – heute viel besser als in seinen rückwärtsbezogenen Anwandlungen.

Der Nazismus war die „gelungenste“ Gleichschaltung in der Entwicklung der Moderne, da er gerade durch ein absolut gesetztes Ich („der Führer“) eine totale Ich-Verwerfung52 durchsetzte. Erst diese Ich-Verwerfung (das Nicht-mehr-Spüren, was ein Mensch sein kann, wo die letzten Grenzen der Humanität verlaufen) ermöglichte das System der Vernichtung und bedingte auch den Mangel an Reue. Das Ich wurde nicht bloß durchgestrichen, es wurde ausradiert, nur so konnte die Vernichtungsmaschinerie zur „selbstbestimmten“ und „bewussten“ Tat schreiten. Als aus den Führern der Führer wurde („Ein Volk, ein Reich, ein Führer“), wurde damit das Führungsprinzip zur reinrassigen Kenntlichkeit getrieben, im Führer des deutschen Reiches entpuppte es sich vollends als biopolitische Macht und Einheit.53 Was als Identität sui generis erscheint, ist das letzte Resultat einer bedingungslosen Identifikation gewesen.

10. Herde und Horde

„Die Masse braucht eine Richtung“54 , sie müsse sich auf etwas hinbewegen, meinte noch Elias Canetti. Masse unterscheidet sich laut Freud von der Menge durch ihre Gerichtetheit und somit Bewegung. 55 Unsere These hingegen lautet: Die postmoderne Masse braucht nur noch Bewegung, Hauptsache es tut sich was. Die Bewegung ist vom Mittel zum Zweck geworden. Betriebsamkeit ist ihr Kern. Sie will auf Trab gehalten werden. Immer muss was los sein. Sie ist süchtig auf das Event. Jene muss kein Ziel haben, aber ruhelos kann sie nicht sein.

Canetti schreibt weiters: „Der wichtigste Vorgang, der sich innerhalb einer Masse abspielt, ist die Entladung. Vorher besteht die Masse eigentlich nicht, die Entladung macht sie erst wirklich aus.“56 Um aber explodieren zu können, muss sie bereits existieren. Auch eine Bombe ist bereits eine Bombe im Moment ihrer Funktionstüchtigkeit, nicht erst im Moment ihrer Detonation. Schon bevor sie geworfen wird, erfüllt sie als Drohung abschreckende Wirkung. Ähnliches gilt auch für die Masse. Ihr Dasein ist nicht erst deren Realisierung, diese Realisierung (= Entladung) ist vielmehr eine (von Umständen abhängige) Möglichkeit ihres Daseins. Hier werden die Zirkulation der Masse und die Produktion derselben nicht als Einheit gesehen und nur jene als essenziell betrachtet.

Masse gibt es der Form nach in zwei Aggregatzuständen: als Herde und als Horde. Geht es bei der Herde ums Brav-Sein, so geht es bei der Horde um das Mobilisierbar-Sein. Was aber auch bedeutet, dass diese Formen nicht beliebig schaltbar sind, das eine nicht automatisch aus dem anderen folgt, sondern ein tatsächlicher Widerspruch greifbar ist. Die Masse muss nämlich ihr Verhalten ändern, ihre Abrichtung ist so einerseits Voraussetzung, aber andererseits auch Hindernis. Die, die sich nicht rühren sollen, sollen auf einmal sich in rasante Bewegung versetzen. Dazu bedarf es äußerer Fermente, nur so kann die Aufstachelung gelingen. Die vorhandene Bereitschaft ist kein ausreichender Grund sich in die Horde zu verwandeln.

Und doch ist es von der Herde zur Horde oft bloß ein kleiner Schritt, eine Frage der Initialzündung. Was die Horde charakterisiert, ist das Rasende. Panik zeichnet sie aus, unabhängig davon, ob sie diese verbreitet oder ob sie selbst in diese geschlittert ist. In Momenten der Aufstachelung und Erregung werden die Verhetzten zu Rasenden, die sodann alles niedertrampeln, ohne oftmals mitzubekommen, was unter sie gerät. Nachher wollen sie davon natürlich nichts gewusst haben. Und irgendwie stimmt es sogar, was sie aber keineswegs entlastet.

Solche Ausbrüche erinnern stets an archaische, ja tierische Formen. Die aufgestellten animalischen Bezüge sind nicht Zufall oder gar Lapsus, sondern Absicht. Sie unterstreichen die Objekthaftigkeit des bürgerlichen Subjekts. Dessen Realbild ist zweifellos das Rindvieh, das da trottet und trottet und trottet. Eingespannt tut es, was es tun muss. Aber auch ausgespannt, beim Freizeit genannten Ausspannen, trottet es durch die Gegend und futtert die kulturindustriellen Gräser in sich rein. Nicht fragend, was es da abgrasen darf, verschlingt es gierig, was es kriegt.

Die Masse ist der Feind des Individuums, sie ist eine Zwangsgruppe von Zwänglern. Nicht Masse gegen Masse steht daher an, sondern Destruktion der Masse. In ihr ist der Mensch „Dividuum“57 (Anders), Herdentier, Hordenvieh, Untertan, Subjekt, Objekt, auf jeden Fall ein Nicht-Sich-Selbst-Seiender, sondern ein von Fetischen gesteuertes Unwesen. Masse macht dumm. Es ist nicht einzusehen, warum Menschen sich massieren, d.h. fest gruppieren sollen. Freilich sollten sie sich jederzeit lose gruppieren können. Eine fundierte Typologie des Gruppenwesens, von Masse-Menge-Meute-Kollektiv-Bande-Herde-Horde-Volkssturm, kann hier jedoch nicht geleistet werden. Eine solche müsste die Begriffe nicht nur auseinander halten, sondern auch die Spezifität der Übergänge und Überschneidungen analysieren.

Kommunismus meint den Bruch mit der Prädestination des Daseins. Einen radikaleren Bruch kann es gar nicht geben. Der Kommunismus – und das sagt schon der Begriff – ist die konkrete Vergemeinschaftung aller Menschen, eben kein sich abgrenzendes Kollektiv (wie Staat oder Nation), sondern das sich entgrenzende. Insofern sind Kollektiv und Individuum auch nicht als sich ausschließende Gegensätze aufzufassen (wie das der Liberalismus und sein antideutscher Wurmfortsatz tun), sondern als aufeinander bezogene Ergänzungen. Das Kollektiv (als Vorab-Assoziation freier Individuen) hegt und pflegt das Individuelle an seinen Leuten. Dass das Individuelle und das Kollektive sich nicht ausschließen, war auch Adornos Ansicht: „Die kollektiven Mächte liquidieren auch in der Musik die unmittelbare Individualität, aber bloß Individuen sind fähig, ihnen gegenüber, erkennend, das Anliegen von Kollektivität noch zu vertreten.“58 Dem Kollektiv ist nicht einfach das Individuum gegenüberzustellen. Die Aufgabe besteht vielmehr in der Dekonstruktion bürgerlicher Subjekte hin zu einem fetischfreien Wir. Interesselos, weil gegen sämtliche Interessen; wertlos, weil gegen den Wert; unsachlich, weil gegen den Sachzwang. Aber doch ein Zusammenhang, der Plural („Wir“) und Singular („Ich“ und „Du“) kennt.

Nur das Wir garantiert das Ich, das Ich ist weit mehr als das auf sich selbst Gestellte. Wäre es das, käme es über das Sich nicht hinaus. Hier liegt auch der fundamentale Gegensatz zwischen Kommunismus und Liberalismus. Nicht „Jeder ist seines Glückes Schmied“, sondern „Wir sind Glücksschmiede“, lautet die Botschaft, falls sie dann noch eine ist. Es kann nicht so sein, dass es nur noch ein Ich geben soll und kein Wir. Kein Ich ist möglich ohne das Wir, das es sichert. Das Wir ist auch mehr als ein bloß summiertes Ich, es ist potenzierte Dichte. Die Wir-Feindlichkeit des Liberalismus (etwa der notorische Antikommunismus) ist eigentlich kein Bekenntnis zum Ich, sondern bloß eine Fetischisierung des „eigenen“ Sich für den als Natur propagierten Konkurrenzkampf: „Ich bin, weil ich gegen andere bin.“ Wirklicher Individualismus hingegen ist ohne Kommunismus nicht zu haben. Das Ich kann nur zu sich finden, wenn das Wir für es da ist. Kommunismus meint ja auch die Assoziation der Individuen. Es wird nicht so sein, dass es einmal nur noch indifferente Mengen geben wird, die keine Akzentuierungen zulassen werden. Diese werden lose sein, aber nicht unverbindlich. Was wegfällt, sind „bloß“ die Verhärtungen der Zwangsform. Was aber doch einen wesentlichen Unterschied ausmacht.

Im Kapitalismus droht jedem „freien“ Kollektiv, jeder transvolutionären Gruppe die Bandenbildung (mit ihren bekannten wie berüchtigten Mustern von Informalisierung, Erpressung, Intrige, Lüge, Informationsentzug, Mobbing, Bezichtigung, Häuptlingsstruktur, Männerbündelei, Rache, üble Nachrede), da sie sich zu den vorgesetzten Mechanismen nicht kontrafaktisch verhalten kann. Sie kann nur reflektieren und ihre eigenen Deformationen zu durchbrechen versuchen, aufheben kann sie diese hier und jetzt nicht. Das mag nicht ihr Alpha, der Antrieb sein, auf jeden Fall aber ist es ihr Omega, der Hintrieb jeder Tätigkeit unter dem falschen Vorzeichen des Kapitals und seiner Gesetze. Die organisatorische Reife einer solchen Vereinigung kann ungefähr daran gemessen werden, inwiefern es ihr gelingt, Akzente gegen ihre obligaten Abläufe zu setzen. Das ist nicht unmöglich, aber es ist außerordentlich schwierig. Jeder emanzipatorische Versuch in der bürgerlichen Gesellschaft ist letztlich auf eine regressive Abwicklung hin angelegt.

Exkurs B: Pop als populistische Hörigkeit

Die völlig korrekt so bezeichnete Popmusik ist heute ein vorrangiger Transporteur populistischer Hörigkeit, indem sie den Ritus der Initiation setzt und den Takt vorgibt. Der Schlag ist kein Modus unter anderen, er ist der allmächtige Rhythmus der abstrakten Zeit59 , der einen über die Produktionsstätten und Büroräume in die Verkaufshallen und Vergnügungszentren verfolgt. Wir sind ihm ausgeliefert, ob wir wollen oder nicht.

Popmusik ist allzu oft die gedankenlose Nutzung des herkömmlichen Inventars, so als dürfte Musik gar nicht sagen, was sie nicht schon gesagt hat. Das kritische Instrumentarium dieser tonalen Äußerung ist jedenfalls äußerst begrenzt, da ihre musikalischen Bewegungsgesetze durch und durch bescheiden und konventionell sind. Ihre Träger wollen sich in ihr bestätigt fühlen, da soll etwas abgehen. Der in Mode gekommene Begriff des „Abtanzens“ drückt sehr genau aus, was gemeint ist. Der Dreck des Lebens soll ausgeschwitzt werden, damit man sich hernach wieder eifriger zu jenem Dreck wie Leben bekennen kann. Die Bewusstlosigkeit des Alltags soll durch die Bewusstlosigkeit der Freizeit komplettiert werden.

„Das Leben ist ein Hit“ (d.h. Schlag, Stoß, Hieb), so benennt der österreichische Rundfunksender Ö3 dieses Treiben. Die drei großen Pos Pop, Populismus und Politik, scheinen eins geworden zu sein. Ob (und wie weit) Popmusik überhaupt Kritik präsentieren kann und ihre Ausdrücke nicht stets bloß affirmative Varianten der Unterhaltung gewesen sind, ist eine nicht von der Hand zu weisende Frage. Das subversive Element wurde überhöht wie ihr regressiver Grundcharakter unterschlagen. Am unreflektiertesten in der Popmusik war immer ihr konservatives musikalisches Gebäude, dieses völlige Unbeleckt-Sein von jeder musiktheoretischen Anwandlung oder gar Reflexion. Von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, herrscht, was die eigene Form betrifft, blanke Ignoranz.

Entgegen den einstigen Annahmen und Selbststilisierungen (und trotz einiger interessanter Querschläger) ist Rockmusik ein Frontsektor der Kulturindustrie. Pop meint nirgendwo die Bedrohung des Abendlandes, sondern bloß die Demokratisierung des kulturellen Komplexes. Das Rebellische ist Pose. Es ist davon auszugehen, „dass Pop und im Übrigen auch seine naive Verteidigung, die bestehende Ordnung lediglich affirmativ und ästhetisch verdoppeln. Pop ist Teil des Problems, als dessen Lösung er sich anbietet; er ist die kitschige Oberfläche des Spätkapitalismus und geriert sich zugleich als das ebenfalls kitschige Unternehmen, diese Oberfläche beständig zu durchbrechen, als Ideologie des schönen Lebens.“60

Am groteskesten wie am deutlichsten demonstriert sich das etwa durch den neuen Prototypen der Zillertaler „Schürzenjäger“. Dort sind wirklich Disko und Bierzelt eins geworden. Und das ist ganz prinzipiell so gemeint: Popmusik steht zur Volksmusik wie das Internationale zum Nationalen. Popmusik ist ihrer Intention nach internationale Volksmusik, der globalisierte Akkord der Verwertung. Das Zuhören gleicht den Blicken in Fernsehprogramme und Werbeflächen. Dieses Muster ermöglicht Aufnahme ohne Rezeption. Nicht selten summt man mit. Es muss nichts hinzugedacht werden (wie etwa beim Lesen), es muss nicht einmal aufgepasst werden. Es fließt in einen förmlich rein. Gehört wird! Gehorcht wird!

Umgekehrt kann es sich eins nicht aussuchen, ob es betört, also bebildert und beschallt werden soll. Es wird, und das Weghören ist noch unmöglicher als das Wegschauen, das Ohr kann weder richtig gesteuert noch geschlossen werden. Es hört, ob eins will oder nicht. Adorno beschrieb ähnliche Phänomene unter dem Begriff der „Dekonzentration. Wenn die genormten, mit Ausnahme schlagzeilenhaft auffälliger Partikeln einander hoffnungslos ähnlichen Produkte konzentriertes Hören nicht gestatten, ohne den Zuhörern unerträglich zu werden, dann sind diese ihrerseits zu konzentriertem Hören überhaupt nicht mehr fähig. Sie können die Anspannung geschärfter Aufmerksamkeit nicht leisten und überlassen gleichsam resigniert sich dem, was über sie ergeht und womit sie sich anfreunden nur, wenn sie nicht gar zu genau hinhören.“61
Populistische Politik ist ohne Pop unvorstellbar. Selbst in Deutschland und Österreich ist Popmusik inzwischen um vieles wichtiger geworden als etwa die traditionelle Marschmusik. Vor allem Nachwuchspolitiker gehen mit (und auch wie) Popstars auf Wählerjagd. Und keineswegs nur sie. Jörg Haider ist hier jedenfalls der Trendsetter gewesen, der die Potenzen der Rockmusik zuerst erkannte und sie systematisch nutzte. Auf Parteitagen, bei Auftritten, in Werbespots, aber auch durch regelmäßige Diskobesuche. Nicht eine Spur von Antiamerikanismus ließ sich diesbezüglich vernehmen. Marsch und Rock sind ihm keine Konfrontation wert. Zu Recht.

Haider ist lange Zeit der austriakische Polit-Popstar gewesen, einer, der die anderen mühelos übertrumpfte. Im politischen Spiegelkabinett war er der Komparativ. Da war einer schneller, besser, zäher, wagemutiger, lauter, aufregender, schöner, stärker. Im populären Ranking ist der Führer immer der Führende, ja er muss es sein, will er es bleiben: Einschaltziffern, Werbequoten, Verkaufszahlen, Haider war immer vorne. In Führung. Der Markt war mit ihm. Haider-Cover verkauften sich am besten, Sendungen mit Haider hatten die höchsten Zuseherraten etc. Er hielt die Poleposition. Seine Wahlkampftouren waren Wahlkampftourneen. Jahrelang war er der Showmaster der Nation.

Auch wenn seine große Zeit wohl vorbei ist, versucht Haider sich hierzulande noch immer als Adapter des aktuellen Zeitgeists. Jener läuft so wie dieser. Seine Besonderheit besteht in der Reibungslosigkeit, mit der er der Allgemeinheit entspricht. Kein Vorurteil, das in ihm nicht Sprachrohr und Verstärker findet, kein Kurzschluss, der durch ihn nicht Propaganda werden kann. Und umgekehrt funktioniert die Kulturindustrie wie eine freiheitliche Werbesendung, sie arbeitet dem Haider-Typus zu, ob sie das im Einzelfall will oder nicht. Dieser braucht sich ihrer nicht einmal zu bedienen, sie dient ihm sowieso. Parallelveranstaltungen liefern pausenlos synergetische Effekte. Was sich in der Öffentlichkeit als Konfrontation inszeniert, als eine entschiedene Kollision zwischen den Demokraten in Politik, Medien und Kultur einerseits und den bösen rechtspopulistischen oder gar rechtsextremen Buben andererseits, ist in Wirklichkeit Synchronität, eine, von der nicht einmal ihre Träger Bescheid wissen. Der konkrete Typ hat sich wohl auch deswegen totgelaufen, weil sich sein Typus immer mehr durchgesetzt hat.

11. Leiden als Leidenschaft

In einer falschen Gesellschaft wird auch falsch gelitten. Leid ist alles andere als eindeutig. Letztlich erscheint diese subjektive Empfindung als eine Empfindung von Subjekten. Doch deren Gefühle sind keineswegs ein gegen das Kapital abrufbares Register, sondern besetztes Terrain. Das Leiden mag ein konkreter Ansatzpunkt sein, müssen tut es das keineswegs. Aus dem Leid alleine folgt nichts. Leiden selbst ist einmal Folge einer Zumutung oder Zufügung. Diese Kriterien sind jedoch nicht ausreichend, das Leiden als solches bewusst zu erleben und zu benennen. Es muss einem trotz Wirkung gar nicht zur sinnlichen Gewissheit werden. Wir sind nicht auf die Sensibilität gegenüber dem Leiden eingestellt, im Gegenteil, das Leiden ist geradezu die verdrängte Größe des bürgerlichen Alltags.

Das trifft einen selbst wie die Mitmenschen. Das zuschauende Nichteingreifen etwa bei einem rassistischen oder sexistischen Übergriff auch durch deren Verächter ist nur partiell durch Angst bedingt, primär ist es wohl Folge von Apathie und Indifferenz (Mich betrifft’s ja nicht! Warum soll ich mich einmischen? Ist nicht meine Baustelle, nicht mein Geschäft). So läuft vieles wie ein Film ab, in den eins sich ja auch nicht einbringen kann. Den Menschen, die vormittags mit der U-Bahn zur Arbeit fahren, ist solches Fehlverhalten direkt ins Gesicht geschrieben. Und da gibt es dann die noch Übleren, jene, die solchen Übergriffen laut oder klammheimlich applaudieren oder sogar im Ernstfall beitreten würden.

Zunehmend fallen beim Leiden Wirkung und Erkennung auseinander, sie müssen oft, so paradox das klingt, erst durch Erklärung zusammengeführt werden. Die schlichte Erfahrung ist alles andere als ein untrügliches Kriterium. Der bürgerliche Mensch blendet eigenes wie fremdes Leiden weitgehend aus, und das ist einerseits verständlich, denn sonst wäre das Leben wohl nicht auszuhalten. Andererseits verstellt dieser seelische Missstand aber die Möglichkeit, adäquat Leid zu erkennen und effektiv dagegen vorzugehen. Nicht nur „Was gehen mich die anderen an“, meint jener, auch: „Was gehe ich mich an?“ „Wenn’s mir schlecht geht, muss ich es ja nicht unbedingt wissen“, so eine unbewusste Maxime der durch das positive Denken verseuchten Subjekte. Kritik kann den Menschen diese Erkenntnis nicht ersparen, doch wenn nicht mehr geboten wird als diese, werden die Überbringer schlechter Nachrichten schnell mit dem Unwillen der in Kenntnis Gesetzten konfrontiert. Aversion wendet sich dann gegen den Botschafter und nicht gegen die Botschaft.

Negatives Denken ist inkompetent betreffend die Reproduktion der unmittelbaren Existenz. Es ist kaum aushaltbar und noch weniger durchhaltbar. Es ist dem bürgerlichen Leben und all seinen Interessen feindlich, in dem seine Mitglieder doch stecken und sich dementsprechend verhalten. Dieses Verhalten ist gleichunwohl nur mit einer entsprechenden Haltung möglich. Die praktizierte Affirmation kann nicht spurlos an den Menschen vorbeigehen, umgekehrt: sie betreibt die Subjekte, ist Motor und Motivation ihres Tuns, aber auch ihrer Unterlassungen. „Angst und Leiden sind ins Extrem angewachsen und lassen von der Psyche des einzelnen kaum mehr sich bewältigen. Das nötigt zur Verdrängung, und diese, nicht die Positivität eines vorgeblich höheren Zustands von Scham und Selbstbeherrschung, steht hinter der Idiosynkrasie gegen den Ausdruck, der mit dem Leiden eins ist.“62 Eins kommt um das positive Denken gar nicht herum, niemand ist davor gefeit. Nichtsdestotrotz ist es ständig zu bekämpfen und zu unterminieren. Die Frage nach dem „Wie“ ist nicht in erster Linie eine theoretische.

Es geschieht so auch recht häufig, dass wahrgenommenes Leid im Nachhinein verklärt wird. Was einst weh getan hat, wird auf einmal gerechtfertigt, ja glorifiziert. „Da musst du durch!“ oder „Zeit heilt Wunden“, so die dazugehörigen Gemeinsprüche. Bezogen auf die Arbeit lautet einer: „Auch wir haben uns plagen müssen!“. In dieser Sicht wird die Plage zwar als solche bezeichnet, aber doch befürwortet. Freilich ist auch hier nicht alles so eindeutig. Ebenso kennt der Alltag Sätze wie „Meinen Kindern soll es besser gehen“. Etc. – Aber so ist das nun einmal mit den fragmentierten Personen.

Ähnlich eminenten Widersprüchen sind auch reflektierte Theoretiker ausgeliefert. Der seltsame Umstand, dass diverse Arbeitskritiker als Arbeitsbienen ihr Leben entäußern, wird des Öfteren festgestellt, hat aber noch zu keinerlei Konsequenzen geführt. Im Gegenteil, fast alle Besprechungen und Beschlüsse laufen auf eine Intensivierung der Tätigkeit hinaus, geradeso, als seien die Personen rund um die Uhr verfügbar. Die Unfähigkeit, das eigene Pensum erträglich zu bestimmen, ist in diversen Zusammenhängen auffällig. Aber auch da herrscht die Verdrängung. Dass die Künder des „guten Lebens“ unglaubwürdig wirken, wenn sie selbst ihre aktuellen Möglichkeiten permanent durchstreichen, ist offensichtlich. Woher das wohl kommt?

Nun, Lust nicht an der Lust, sondern Lust am Leiden propagierte der Aufklärer Immanuel Kant, als er davon sprach, dem Vergnügen zu entsagen und die Arbeit zu lieben.63 Und es macht noch einmal einen Unterschied, ob man die Arbeit bloß als aufgeherrschte Notwendigkeit anerkennt oder in Liebe zu ihr aufgehen soll. Diese Disziplin ist den Menschen aber nicht eigen oder gar angeboren, sie musste ihnen erst mühsam eingetrichtert werden. Die ideelle Disziplinarordnung der Aufklärung war und ist jene des reellen Kapitals. Sie sind das Parallelprogramm der Moderne, eins ist ohne das andere gar nicht denkbar. Die Bestimmung der Pflicht als Lust ist eine der irrsten Verunglückungen menschlichen Denkens. Indes, Leid muss als Leid benannt, darf nicht umdefiniert werden. Leiden – auch dort, wo es nicht zu verhindern ist64 – ist stets zu beklagen, nie zu befürworten. Denn Lust am Leiden ist identifizierbar mit der Pflicht zum Leiden und zum Leiden-Lassen. Aus der Lust am Leiden füttert sich auch in letzter Instanz die Mordlust in Pogrom und Krieg. Die Schlachtbank ist ein Opfergang par excellence, und die quasi-natürliche Befürwortung ist innerstes Wesen der pflichtbesessenen und leidbewussten Subjekte. Sie sind zum Opfern gezüchtet.

Kann das Leiden nicht verdrängt werden, tritt Folgendes ein: Leidende personalisieren ihr Leid, indem sie es entweder individualisieren – ich bin schuld; oder projizieren – andere sind schuld. Es ist entweder identisch mit einem oder es hat mit einem nichts zu tun. Dass es mit einem sehr wohl zu tun hat, aber eben kein individuelles Manko darstellt, sondern eine verarbeitete Folge von gesellschaftlichen Konstellationen und Situationen, in denen man sich befindet, ist, will nicht so recht einleuchten. Die Leute reagieren (wobei diese Gegenüberstellungen nicht als Ausschließlichkeiten zu verstehen sind) entweder mit einem sozialdarwinistischen Komplex: Ich muss mich mehr anstrengen. Ich muss mehr leisten. Ich darf nicht krank werden. Mein Auftreten muss besser werden; oder mit einem (meist rassistisch codierten) Sündenbock-Reflex: Die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg. Die Schmarotzer machen unser Sozialsystem kaputt. Die Neger verleiten unsere Kinder zum Drogenkonsum. Die Spekulanten ruinieren unsere Wirtschaft.

Dass jede gesellschaftliche Beanstandung sogleich zu den Subjekten führt und sie als Schuldige benennt, ist nahe liegend in einer Gesellschaft, die davon ausgeht, dass Subjekte die entscheidende gesellschaftliche Kraft sind. Dort, wo die Illusion von freiem Willen und Selbstbestimmung Voraussetzung für das Selbstwertgefühl der Menschen ist, ist diese personelle Zuschreibung fast zwingend. Über die Schuldigen wird sodann demokratisch gestritten und abgestimmt. Dass jemand schuld ist, daran besteht allerdings kein Zweifel, das bleibt unhinterfragte Voraussetzung. Wir mögen ganz pluralistisch über die Schuldigen befinden, der Schuldbegriff bleibt unangetastet. Bestimmbare Akteure haben schuld zu sein. Oder wie Martin Heidegger es in ontologischer Unschuld ausdrückt: „Alle Gewissenserfahrungen und -auslegungen sind darin einig, dass die ‚Stimme‘ des Gewissens irgendwie von ‚Schuld‘ spricht.“65
In der Ökonomie meinen Schulden das Noch-nicht-Bezahlte. Unschuldig kann man demnach nur werden, wenn man permanent zahlt, also zahlungsfähig und zahlungswillig ist. Mit Geld betreibt man einen weltlichen Ablasshandel von möglicher Schuld. Auch das verräterische Gerede von „unschuldigen Opfern“ lässt sich dechiffrieren als der Wunsch nach Bestrafung schuldiger Opfer. Wie Kriminelle gilt es sie schuldig zu sprechen. Niemand bedient nun diese Vorurteile so ausgezeichnet wie die Populisten. Die sprechen Klartext und benennen in aller Offenheit die Schuldigen. Insbesondere ihre Fans wissen das und dürsten danach. Die Frage ist nie: „Was ist?“ oder „Was ist warum?“, sondern „Wer ist schuldig?“, was meint: „Wer opfert uns?“ und „Wen sollen wir opfern?“ Jede Diskussion über Löhne und Renten, über Zuwendungen und Streichungen im Sozialbereich führt uns das plastisch vor Augen. Die Inspiration und Positivsetzung von Schuld und Sühne, und natürlich auch des Opfers, rührt zweifellos aus dem abendländischen Christentum.66 Dort wird das Kreuz, das wir zu tragen haben, ja geradezu opfersüchtig angebetet. Im Wert hat es sich nur säkularisiert.

Dass vielleicht Strukturen existieren, die Menschen in quasi absolute Abhängigkeiten zwingen und Befangenheiten herstellen (Geld haben müssen; sich am Markt zu verkaufen; positiv zu denken; der Nation als Staatsbürger zu gehören und zu gehorchen, also z.B. in den Krieg geschickt zu werden), das wird gar nicht richtig wahrgenommen. Nicht Beziehungen werden betrachtet, nicht Zusammenhänge aufgezeigt, sondern kausale Ursache-Wirkung-Prinzipien unterstellt. Der gesunde Menschenverstand feiert Hochkonjunktur. Seine Überträger versichern sich gegenseitig diverser Ungeheuerlichkeiten. In dieser Betrachtungsweise haben Missstände mit Zuständen nichts zu tun. Dafür deckt man Verursacher auf, skandalisiert das Ereignis und kriminalisiert die Beteiligten. Eigenes Leiden soll dadurch gelindert werden, indem man versucht, die, die man nicht leiden kann, leiden zu lassen.

Die Brutalisierung der Kommunikation in der Kulturindustrie läuft synchron zur Brutalisierung in der Konkurrenz, einer Konkurrenz, die jede sozialdemokratische Betulichkeit und sozialstaatliche Absicherung abwerfen will. Politik ist diesbezüglich immer mehr zu einer Sparte der Unterhaltungsindustrie abgesunken. Gegner, die als Feinde vorgeführt werden, werden verhöhnt und verbal erledigt: Dort ist der Populist in seinem Element. Und dieses Element ist das Leid, das durch systematische Beleidigung den inkriminierten Gruppen und ihren Exponenten zugefügt wird. Seine Leidenschaft besteht darin, dass er andere leiden lässt. Daran erbauen sich seine Fans. Meute will Beute. Das Publikum beginnt zu johlen und zu stampfen, demonstriert damit, wie es beisammen ist. Die akklamierte Inszenierung der Populisten verweist auf die Pathologie der Gesellschaft.

Diese Leidenschaft will im wahrsten Sinne des Wortes Leiden schaffen, nicht abschaffen. Es handelt sich dabei sowohl um masochistische als auch sadistische Bedürfnisse. Letztlich um einen Kannibalismus der Leidenschaften. Populisten wie Jörg Haider sind diesbezüglich hervorragende Transformatoren. Während konventionelle Politiker von Komplexität reden, Ausflüchte gebrauchen, zu Vorsicht mahnen, Kommissionen bilden, machen jene die Exorzisten. Und diese Figur ist – man sehe fern – ein positives Identifikationsobjekt, sei es ein kalifornischer Cop oder ein deutscher Autobahnpolizist. Alle gieren nach den Ordnungsmachern. Die Rambos haben Saison, werfen wir nur einen Blick ins Fernsehprogramm, das heute zweifellos mehr aussagt als jedes Parteiprogramm. Was die Masse ganz entschieden ausmacht, ist der unentwegte Schrei nach dem Opfer.

Daher ist auch Setzung des Schreis, wie John Holloway sie vornimmt, äußerst problematisch.67 Für Holloway ist „der Schrei ein Schrei-gegen“.68 „Er ist Verweigerung, eine Negation der Unterordnung. Er ist Schrei der Auflehnung, das Gemurmel der Nicht-Unterordnung.“69 Das grenzt an Wunschdenken, vor allem in der pathetischen Absolutierung, in der es hier vorgetragen wird. Der Schrei, den wir hören, kommt vielfach schon als Heimzahlen, als Revanche, als Rache, als Recht in die Welt. Er mag verständlich sein, aber auch er kann nicht unberührt oder authentisch sein, erst die Reflexion könnte ihn zu einem emanzipatorischen Fixpunkt machen, aber dann ist es wohl kein Schrei mehr. Nicht dass der Schrei nachträglich manipuliert werden könnte, ist von vorrangiger Bedeutung, sondern dass er als unmittelbare Reaktion durch und durch gesellschaftlich geprägt ist. Der Schrei gegen das Leid ist so oft ein Schrei nach dem Leid.

Der uns bekannteste Widerschrei ist übrigens der nach Gerechtigkeit. In der Anrufung der Gerechtigkeit ist das Andere schon ausgelöscht, eben weil jene ein Prinzip diesseitiger Proportionalisierung ist. Dieser Schrei nach Gerechtigkeit ist kein natürliches Empfinden, das den Menschen innewohnt, sondern spiegelt die Zurichtung der bürgerlichen Subjekte auf einen bestimmten idealisierten Verhaltenskodex wider. Diese meinen geradezu fanatisch, Gleiches müsse mit Gleichem abgegolten werden. Beklagt wird letztlich ein Verstoß gegen die Marktgesetze, gefordert wird deren Erfüllung. Gerechtigkeit meint die jeweilige Einlösung eines realisierten oder idealisierten Werts.

Der Schrei wird in der Gesellschaft auch nicht als „unzulässig ausgegeben“70, im Gegenteil, er wird vielfach protegiert. Ja, der Schrei ist in gewisser Weise sogar zu einem Schlager der Kulturindustrie geworden, sie hat ihn regelrecht kommerzialisiert. Nirgendwann wurde so viel geschrien. Kein Schrei, der nicht übertönt werden kann. Keine Gesellschaft war bisher so laut wie die bürgerliche. Ihr Dröhnen wäre unüberhörbar, hörten wir es nicht täglich. Der Kapitalismus ist die systematisierte Industrie des Schreis, denken wir an den letzten Schrei in der Mode oder überhaupt das ganze marktschreierische Verhalten in Reklame und Medien. Schon die Kleinkinder sind auf das Schreien programmiert. Wenn sie etwas haben wollen, dann plärren, platzen, weinen sie, bis sie es kriegen. Meistens – wie könnte es anders sein – orientieren sich ihre Wünsche an den neuesten Markenprodukten und Unterhaltungsfilmen, also am aktuellen Unsinn, an dem sie teilhaben möchten. Und die Eltern geben dem affirmativen Geschrei meistens nach, anstatt sich in praktischer Negation zu üben. Aber das sind hier nur Rudimente einer Kritik des Schreis.

Leid und Schrei können Nährstoff, ja Treibmittel theoretischer Kritik und emanzipatorischer Praxis sein. Die Akzentverschiebung weg von einer objektivistischen Sicht der Dinge, die einen auf Seiten von Fortschritt und Geschichte wähnt, ist durchaus zu begrüßen. Ebenso, dass nicht gleich die Härte der Kader gegen die Verhärtung der Gesellschaft propagiert, sondern das Individuum als sensibles Zentrum gesetzt wird. Freilich ist damit die Frage nach den Möglichkeiten nicht entsorgt oder einfach im Wollen aufgehoben. Aber um etwas anderes zu erreichen, muss es gewollt werden, sonst wird es nichts. Leid und Schrei drücken aber mitnichten die enorme Qualität aus, auf die es sich nun unablässig zu orientieren gilt. Im Gegenteil, von solcher Fixierung ist abzuraten. Strategisch offensiv kann eine transvolutionäre Kraft nur werden, wenn sie neben leidenschaftlicher Kritik eine Perspektive setzen kann, die anstrebbar und verwirklichbar erscheint und somit Akzeptanz findet. Wird diese Ebene nicht erreicht, wird es keine Emanzipation geben. Weder mit Ideologiekritik, aber auch nicht mit Leid und Schrei ist diese ausreichend bestimmt. Wenn das Individuum etwas entscheidend motivieren sollte, dann nicht das Wissen, was es zu erleiden hat, und dass es schreien soll, sondern wie ein gutes Leben jenseits des Kapitals ausschauen könnte und welche Schritte gesetzt werden müssen. Die Entschlossenheit der Abschaffung ist nur durch die Entschlossenheit einer Schaffung evozierbar.

12. Opfer und Täter

Das Konkurrenzprinzip könnte bei näherer Betrachtung zerlegt werden in das Sich-Opfern, um andere opfern zu können. Konkurrenz ist säkularisiertes Opfern.71 Das was man anderen antun möchte, muss man gleichzeitig sich antun, um jenes bewerkstelligen zu können. Um übrig zu bleiben, zu überleben im Konkurrenzkampf, ist es notwendig, ausreichend Energie für das Opfern zu verwenden. Die Konkurrenz ist der Zuchtmeister der Opferbereitschaft und der Markt ist ihr Trainingslager. In diesem Realszenario geht es darum, sich und andere dem Leid zu überantworten. Andere leiden zu sehen, erzeugt nicht Mitleid, sondern erregt Leidenschaft. Der Fan ist nun der Affirmatiker par excellence, dessen Idealtypus. In ihm wird der zaghafte, ja verzagte Verteidiger (seiner selbst) zum Stürmer (gegen die anderen). Der Erniedrigte erhöht sich, indem er andere zu erniedrigen versucht oder, denken wir an unseren Fall: niedermachen lässt. Das Opfer schreit nach Opfern. Dativ Plural wie Dativ Singular. Substantiv wie Verb.

Man setze sich nur vor die Flimmerkiste. Vor allem in den Reality-Serien oder diversen Talkshows ereifern sich die Leute, wenn ihresgleichen gedemütigt und drangsaliert, verarscht und zugerichtet werden. Die Quoten sind umso höher, je irrer und übler dieses Spiel getrieben wird. Freude ist nur noch als Schadenfreude erlebbar. Um auf die Kosten zu kommen, muss jemandem weh getan werden. Dort, wo das Leben ein permanenter Opfergang sein soll, wird dieses Leiden nicht als solches begriffen. Positiv denken meint unter anderem auch, das eigene Leid und das der anderen nicht mehr beklagen zu dürfen, ja beklagen zu können. Der Mangel an Klage beseitigt freilich nicht die Angst, er verdrängt und bestärkt sie bloß, eben weil sie nicht einmal mehr zu ihrem adäquaten Ausdruck finden kann. Insgesamt versucht das positive Denken betreffend das Leid folgende Strategien: a) das Leiden soll gar nicht erst als solches empfunden werden; b) das Leiden ist einfach zu wollen; c) das Leiden ist zu projizieren; d) andere sollen (ebenfalls) leiden.

Leute, die wissen, dass sie geopfert werden könnten, empfinden natürlich Angst. Die Furcht etwa vor der Entwertung, sei es der Verlust des Auftrags oder des Arbeitsplatzes, gehört zu den meistverbreiteten Ängsten. Die Geängstigten versuchen dem Opfer dadurch zu entgehen, dass sie selbst Angst verbreiten und andere das Fürchten lehren, z.B. durch Mobbing, das ja nichts anderes darstellt als die praktische Umkehrung von Solidarität. Entsicherung wird jedenfalls allseitig. Das bürgerliche Subjekt tut genau das, wovor es sich fürchtet. Der kategorische Imperativ Kants funktioniert, aber invers. Tu es ihnen an, denn sonst tun sie es dir an! Tun funktioniert hier als ein Antun. Es geht um die Schädigung der Anderen zur Würdigung und In-Wert-Setzung des Eigenen. Nackt betrachtet ist das bürgerliche Konkurrenzsubjekt der verängstigte Angstmacher, der verletzte Verletzer, der verhetzte Verhetzer.

Es ist schon makaber: Die Furcht vor der Opferung treibt einen geradewegs in diese hinein. Täter werden zu Tätern, weil sie auch Opfer sind und immer wieder sein könnten, weil ihnen diese Opferung als eherne Konstante des Lebens gegenübertritt. Ihrer Opferung wollen sie entgehen, indem sie andere opfern wollen. Es ist dieses „Fressen oder gefressen werden“, das da seine kapitalistische Fratze zeigt. Das 20. Jahrhundert kann trotz aller Zivilisationslegenden durchaus als eine große Zeit der Verherrlichung des Opfers gesehen werden. Auch das Schlachten und Abschlachten ist nur möglich gewesen, wenn das dazugehörige Personal einen Sinn darin sieht, eben kein „sinnloses Opfer“ (übrigens auch so eine demaskierende Phrase). Ja, es diente geradezu zur moralischen und emotionalen Erbauung. Von der Philosophie bis zur Musik wurde dieses Ritual geistig wie ästhetisch vorbereitet. Man lese etwa folgende Stelle bei Martin Heidegger, wo einmal mehr der Vorrang des Seins vor dem Seienden seine ganze Böswilligkeit zeigt, wird es nur richtig verstanden: „Das Opfer ist die allem Zwang enthobene, weil aus dem Abgrund der Freiheit erstehende Verschwendung des Menschenwesens in die Wahrung der Wahrheit des Seins für das Seiende. Im Opfer ereignet sich der verborgene Dank, der einzig die Huld würdigt, als welche das Sein sich dem Wesen des Menschen im Denken übereignet hat, damit dieser in dem Bezug zum Sein die Wächterschaft des Seins übernähme.“72 Auch in Igor Strawinskys „Le sacre du printemps“ (1913)73, einem der Schlüsselwerke des letzten Jahrhunderts, finden wir eine Glorifizierung des Opfers und der Opferung: „Subjektivität nimmt bei Strawinsky den Charakter des Opfers an, aber – und darin mokiert er sich über die Tradition humanistischer Kunst – Musik identifiziert sich nicht mit diesem sondern mit der vernichtenden Instanz.“74 Adorno spricht von „der Liquidation des Individuums, die Strawinskys Musik zelebriert“75.

Die vorgegebene Struktur wird als Natur hingenommen, nein besser noch: hergerichtet – und in der Natur, wir kennen sie doch alle, ist es so. Nur den Ort könne eins – vorausgesetzt es verfügt über die nötigen Geschicke – selbst bestimmen. Da geht es dann um Durchsetzung. Die Konkurrenz gleicht einem organischen Trieb: Entweder gehörst du zu den Siegern oder zu den Verlierern. Ein Drittes ist ausgeschlossen. Wer die anderen nicht niedermacht, wird niedergemacht. Adorno, nicht nur gegen Heidegger gewandt: „Identifikation mit dem Unausweichlichen ist, als Opfer, der ganze Trost der tröstlichen Philosophie: die letzte Identität. Aufgewertet wird das zerschlissene Prinzip der Selbstsetzung des Ichs, das stolz sich durchhält, indem es sein Leben bewahrt auf Kosten der anderen, durch den Tod, der es auslöscht.“76

Das Tätern ist ein Opfern und das Opfern ist ein Tätern. Man könnte die Täter-Opfer-Dialektik in verschiedenen Aussagesätzen mit dem doch jeweils gleichen Ziel auffächern:
1) Täter erfassen Opfer als Opfer und möchten sie opfern.
2) Täter erfassen Opfer als Täter und möchten sie opfern.
3) Opfer erfassen Täter als Täter und möchten sie opfern.
4) Opfer erfassen Täter als Opfer und möchten sie opfern.
5) Täter erfassen Täter als Täter und möchten sie opfern.
6) Opfer erfassen Opfer als Opfer und möchten sie opfern.
7) Täter erfassen Täter als Opfer und möchten sie opfern.
8) Opfer erfassen Opfer als Täter und möchten sie opfern.77

Hier wird nur die obligate Phantasie der gesellschaftlichen Träger auf die Grundconclusio der Opferung gebracht, denn auf diese ist es auch zu bringen. Fazit: Täter und Opfer spüren sich als ihresgleichen. Sie erschaudern ob der potenziellen Identität und möchten daher maximale Differenz herstellen. Das Opfer hingegen bleibt unhinterfragt, aber um die jeweilige Position beim Ritual entbrennt ein heißer Kampf.

Die Sprache der politischen Ökonomie ist sowieso eine des Krieges. Konkurrent A sagt zu Konkurrent B: „Auch du hättest den Zuschlag erhalten können, aber ich habe zugeschlagen.“ Wer am Markt nicht zuschlägt, den erschlägt derselbe. Jenes intuitive Muster will sich aller Handlungen bemächtigen. Diese Rationalität ist jene der Subjekte. Sie wissen es nicht, aber sie handeln dementsprechend. Was als Triebstruktur erscheint, ist aber eigentlich ein soziales Betriebssystem, das sich ihnen durch menschliche Setzungen als automatisch und sakrosankt aufherrscht.

Täter als Opfer anzuerkennen, hat übrigens nichts mit einer prophylaktischen Entschuldigung oder nachträglichen Rechtfertigung ihres Handelns zu tun. Da wird auch nicht Unvergleichbares verglichen und schon gar nicht gleichgesetzt, wohl aber das substanzielle und allgemeine Wesen dieses ehernen Konkurrenzzwangs zur Exklusion deutlich gemacht. Was wäre auch die Alternative? Alle möglichen Täter abzustrafen oder gar vorsorglich zu erledigen. Abgesehen, dass das sowieso nicht ginge, wäre damit das Problem nicht nur nicht aus der Welt, sondern das üble Spiel wäre weitergespielt, könnte doch nur eine Phalanx von Tätern diese möglichen Täter zur Strecke bringen. Das Opfern wäre somit nicht unterbrochen, geschweige denn überwunden, sondern es hätte sich einmal mehr prolongiert.

Freilich hat es eine Situation gegeben, die selbst die irre Dialektik des Kampfes negativ sprengte. Die Vernichtungslager der Nationalsozialisten versuchten das „reine Opfer“ und den „reinen Täter“ zu kreieren.78 Hier fand auch keine Schlacht statt, sondern eine Abschlachtung. Im Kampf hingegen muss jeder potenzielle Täter damit rechnen auch zum Opfer zu werden. Die Dialektik ist intakt, auch bei größtmöglichem Ungleichgewicht. Anders auf der Rampe in Auschwitz, wo sich entmenschte „Tätergötter“ und „Opfertiere“ gegenüberstanden, wo die Dialektik von Opfer und Täter zur puren Metaphysik wird, eben weil totale Trennung gegeben war, das eine sich nicht mehr im anderen fand, absolute Differenz hergestellt wurde. Die Tragik offenbarte sich in einer doppelten Entmenschung: Die Opfer durften keine Menschen mehr sein und die Täter waren keine Menschen mehr. Nie wurde der Menschheit bis dahin solches angetan.

Nicht erst in extremen Lagen gilt es „Nein!“ zu sagen, sondern schon vorher, wo es auch leichter ist. Es gilt ganz kategorisch das „ Nein!“ einzubringen, explizit wie implizit, in der Fabrik, im Büro, am Markt, in der Kommunikation. Auch wenn dieser Anspruch unmittelbar schwer einlösbar ist, muss in diese Richtung einiges unternommen werden. Das Unsagbare soll zum Tragfähigen werden, daher ist es so oft wie möglich auszusprechen. Von den Menschen ist zu fordern, dass sie in ihr Leben eintreten und die Abläufe ihrer Subjekte durchkreuzen. Nicht nur der Befehl, auch der Gehorsam muss denunziert werden. Weder sind Schuldige zu suchen, noch Entschuldigungen zu akzeptieren. Subversive „Nein-Programme“ sind zu entdecken und zu entwerfen. Das System ist nicht nur anzugreifen, es ist auch zu unterlaufen. Kritische Praxis meint Auseinandersetzung und Zersetzung als unteilbaren Prozess.

Das banale „Lasst uns aufhören mit dem Opfern!“ kann jedoch nicht kommen in einer Gesellschaft, die den Zwang zum Opfern internalisiert und ritualisiert hat. Das Opfer erscheint den heutigen Gesellschaftsgliedern als Bedingung ihres Daseins, und das ist es auch, aber nicht als natürliche Grundlage, sondern nur betreffend einer spezifischen Struktur, in der wir uns bewegen. Es ist also demokratisch betrachtet keine Untugend, die sich hier breit macht, sondern eine Verpflichtung gegenüber der Form. Emanzipatorisches Ziel ist es, nicht nur nicht Opfer sein zu wollen, sondern das Opfern überhaupt zu überwinden. Schauen wir, was da ist, schauen wir, was machbar ist, schauen wir, dass alle etwas haben; und wenn es wo eng wird, lasst uns eine Teilung beschließen. Was anstünde, wäre die Verallgemeinerung der Gunst (die absolut nichts gemein hat mit dem besonders Günstigen). Jemand anderem etwas zu vergönnen, wird heute gemeinhin als Drohung aufgefasst, ist also negativ zu verstehen, bedeutet Missgunst, nicht Gunst. Gönner sein, das sollen wir nicht dürfen.

Fußnoten:

1 Arnold Schönberg, Harmonielehre (1911/1922), Wien 2001, S. V.
2
Vgl. dazu ausführlicher: Franz Schandl, Populismus gleich Demokratismus. Über die Zuspitzungen der Demokratie in Zeiten ihres Zerfalls, Streifzüge 4/1999, S. 9-13.
3 Vgl. ausführlicher: Franz Schandl, Her mit der Vera, her mit dem Hansi!, Die Presse, 18./19. Jänner 1997, Spectrum, S. I-II, bzw. ders., Promis statt Profis, www.streifzuege.org.
4 Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen. Band II: Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution, München 1979, S. 137.
5 Manchmal ist es ja aufgeblitzt, etwa im „Einheitsfrontlied“ von Bertolt Brecht: „Und weil der Mensch ein Mensch ist/Hat er Stiefel im Gesicht nicht gern./Er will unter sich keinen Sklaven sehn/Und über sich keinen Herrn.“ (Bertolt Brecht, Einheitsfrontlied; Gedichte 1933-1938, Gesammelte Werke 9, Frankfurt am Main 1967, S. 653.) Freilich münden die oben angeführten Zeilen gleich in einen realsozialistischen Marsch: „Drum links, zwei, drei!/Drum links, zwei, drei!/Wo dein Platz, Genosse, ist!/Reih dich ein in die Arbeitereinheitsfront/Weil du auch ein Arbeiter bist.“ Eine Textanalyse des Gedichts würde ergeben, dass Mensch und Arbeiter hier nicht austauschbar sind. Denn der Arbeiter darf kein Mensch sein (zumindest solange er arbeitet) und der Mensch kein Arbeiter.
6 Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (1936), Frankfurt am Main 1963, S. 27-28, Anm. 20. Adorno etwa schreibt: „Nicht umsonst gemahnt die Herrschaft der arrivierten Dirigenten an die des totalitären Führers. Gleich diesem bringt er Nimbus und Organisation auf den gemeinsamen Nenner. Er ist der eigentlich moderne Typ des Virtuosen: als band leader so gut wie in der Philharmonie.“ (Theodor W. Adorno, Philosophie der neuen Musik [1948], 7. Aufl., Frankfurt am Main 1995, S. 32).
7 Robert Michels, Soziologie des Parteiwesens. Untersuchungen über die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens (1910), 4. Aufl., Stuttgart 1989, S. 58.
8 Henrik Ibsen, Die Wildente (1884), IV. Akt, Sämtliche Werke. Vierter Band, Berlin o. J., S. 402.
9 Guy Debord, Gesellschaft des Spektakels (1967), § 60, Berlin 1996, S. 48.
10 Ebenda, § 61, S. 49.
11 Roger Behrens, Die Diktatur der Angepassten. Texte zur kritischen Theorie der Popkultur, Bielefeld 2003, S. 109.
12 Guy Debord, Die Gesellschaft des Spektakels, § 29, S. 25-26.
13 John Holloway, Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen, 2. Aufl., Münster 2004, S. 243.
14 Guy Debord präsentiert Potlatch. Informationsbulletin der Lettristischen Internationale. Mit einem Dokumentenanhang, Berlin 2002, S. 257 und S. 22.
15 5 Bertolt Brecht, Leben des Galilei (1938/39), Gesammelte Werke 3, Frankfurt am Main 1967, S. 1329.
16 Sigmund Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse (1921), Studienausgabe. Band IX. Fragen der Gesellschaft. Ursprünge der Religion, Frankfurt am Main 2000, S. 123.
17 Sigmund Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse, S. 72. Freud referiert in diesen Passagen Le Bon.
18 8 Ebenda, S. 73.
19 Ebenda, S. 106.
20 Ebenda, S. 69.
21 Robert Michels, Soziologie des Parteiwesens, S. 222.
22Le Bon; Psychologie der Massen (1895); zit. nach Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse, S. 70.
23 Sigmund Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse, S. 110.
24 Theodor W. Adorno, Negative Dialektik (1966), Gesammelte Schriften 6, Frankfurt am Main 1997, S. 306.
25 The Kinks, Soap Opera (1975), Cut 11.
26 Oscar Wilde, Der Sozialismus und die Seele des Menschen (1891), Zürich 1982, S. 29.
27 Ebenda, S. 47.
28 Ebenda, S. 55.
29 Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen. Band II, S. 202.
30 Robert Michels, Soziologie des Parteiwesens, S. 369.
31 Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte (1923), München 1991, S. 1111. Ähnliche Aussagen finden sich freilich auch in der Linken. Einer der klügsten Köpfe des Arbeiterbewegungsmarximus, Leo Trotzki, schreibt gleich im ersten Satz des „Übergangsprogramms“: „Die weltpolitische Situation insgesamt ist in erster Linie durch die historische Krise in der Führung des Proletariats gekennzeichnet.“ (Leo Trotzki, Das Übergangsprogramm der IV. Internationale [1938], ISP-Rote Hefte 5, Frankfurt am Main 1974, S. 11.)
32 Vgl. Franz Schandl, Ramponiert ob des Blitzsieges, Junge Welt, 18. September 2002, S. 10-11; bzw. http://www.jungewelt.de/2002/09-18/010.php Eine neue Anekdote verdeutlicht das: Im Vorfeld der Knittelfelder Ereignisse hatte Haider mit der Parteiführung ein Kompromisspapier ausgehandelt, das er zu seinen Gunsten nachbessern wollte. Er rief die ihm Getreuen dazu auf, das „Papier zu zerreißen“, womit nichts anderes gemeint war als unzählige Einwände dagegen vorzubringen. Ein übereifrige Funktionär hatte den Befehl aber wortwörtlich verstanden und den Vertragstext tatsächlich vor versammelter Menge in kleine Stücke zerrissen. So war der Eklat nicht mehr aufzuhalten gewesen.
33 Armin Seiler, Leadership ist mehr denn je gefragt, Neue Zürcher Zeitung, 21. November 2000, Sonderbeilage Führen, B 1.
34 Friedrich Engels, Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie (1844), MEW, Bd. 1, S. 505.
35 Der Standard, 3. Juli 2004, S. 6.
36 Brigadier Karner ist übrigens jener Meldeoffizier, der im ORF den Zuschauern die militärischen Aspekte, strategischen Manöver und taktischen Schachzüge der jeweiligen Kriegshandlungen nahe bringt, ob im Kosovo oder im Irak.
37 Die Presse, 20. September 2003, S. 24. Das gleiche Seminar wurde auch für das Frühjahr angeboten; vgl. Die Presse, 28. Februar 2004, S. 22.
38 Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen. Band II, S. 201-202.
39 Günther Anders, Philosophische Stenogramme (1965), München, 3. Aufl. 2002, S. 79.
40 Roger Behrens, Die Diktatur der Angepassten, S. 50-51.
41 Guy Debord, Die Gesellschaft des Spektakels, § 30, S. 26.
42 Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung (1944/47), Frankfurt am Main 1971, S. 123.
43 Theodor W. Adorno, Kann das Publikum wollen? (1963), Gesammelte Schriften 20.1, Frankfurt am Main 1997, S. 342-347.
44 Ebenda, S. 343.
45 Ebenda, S. 344.
46 Ebenda, S. 345.
47 Guy Debord, Die Gesellschaft des Spektakels (1967), § 9, Berlin 1996, S. 16.
48 Theodor W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben (1951), Gesammelte Schriften 4, Frankfurt am Main 1998, S. 153.
49 Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, S. 140.
50 Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen. Band II, S. 81.
51 Vgl. ausführlicher: Franz Schandl, Lob der Politikverdrossenheit, Streifzüge 3/2003, S. 14-17.
52 Etwas, das auch jeden Totalitarismusvergleich ad absurdum führt. Selbst in den rigidesten linken Zwangsjacken wurde das „Ich“ nur suspendiert, nicht jedoch für programmatisch erledigt gehalten. Im Gegenteil, die Panzerung im kollektiven „Wir“ wurde als historische Notwendigkeit, aber nicht als Ideal vorgegeben. Das nur am Rande.
53 Vgl. dazu die Ausführungen von Giorgio Agamben, Homo sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben, Frankfurt am Main 2002, S. 193.
54 Elias Canetti, Masse und Macht (1960), Frankfurt am Main 1980, S. 26.
55 Vgl. Sigmund Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse, S. 94 f.
56 Elias Canetti, Masse und Macht, S. 12.
57 Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, Band II, S. 177.
58 Theodor W. Adorno, Über den Fetischcharakter in der Musik (1938); in: ders., Dissonanzen. Musik in der verwalteten Welt (1963), Gesammelte Schriften 14, Frankfurt am Main 1997, S. 50.
59 Von besonderem Interesse wäre hier auch die Aufarbeitung der fulminanten Studie von Eske Bockelmann, Im Takt des Geldes. Zur Genese des modernen Denkens, Springe 2004. Der Autor behauptet darin nicht weniger, als dass das Hören des Taktrhythmus einem sozialen Reflex folgt, also mitnichten eine natürliche Bestimmung darstellt. Und dass gerade dieser Rhythmus funktional mit der Herausbildung von Geld und Wert in der Neuzeit zusammenhängt: „Was man ganz aus dem Bauch heraus macht, das Einschwingen auf den Taktrhythmus, es entspringt dem Kopf in seinem abstraktesten Wesen, dem des Geldes. Der Bauch ist nicht der Ort, wo der Kalkül aufhört und das Leben beginnt, sondern wo der Kalkül seinen zuverlässigsten Statthalter hat, das reine, binäre Verhältnis als unwillkürlichen Ordnungsreflex.“ (S. 240)
60 Roger Behrens, Die Diktatur der Angepassten, S. 10.
61 Theodor W. Adorno, Über den Fetischcharakter in der Musik, S. 37.
62 Theodor W. Adorno, Das Altern der neuen Musik (1954); in: ders., Dissonanzen, S. 156.
63 Immanuel Kant, Anthropologie in pragmatischer Absicht (1798), Werkausgabe Band XII, Frankfurt 1977, S. 559. Zur Kritik dieser Passage siehe: Franz Schandl, Vom Verwesen der Arbeit; in: Robert Kurz/Ernst Lohoff/Norbert Trenkle (Hg.), Feierabend! Elf Attacken gegen die Arbeit, Hamburg 1999, S. 62-63.
64 Bestimmten Leiden kann eins auch gar nicht entkommen: dem Leiden an Krankheiten, dem Leiden an Trennungen und Abschieden, dem Leiden am Tod uns lieber Menschen. Hier hat das Leid auch seinen unverrückbaren Platz.
65Martin Heidegger, Sein und Zeit (1927), § 57, Tübingen, 16. Aufl. 1986, S. 280.
66 Zum Zusammenhang von Christentum und Opfer siehe: Gerhard Scheit, Kritik des Opfers. Jüdischer Messianismus und materialistisches Denken, Context XXI, Nummer 2-3/2004, S. 28-33.
67 John Holloway, Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen, 2. Aufl., Münster 2004, vor allem S. 10-20.
68 Ebenda, S. 172.
69 Ebenda, S. 173.
70 Ebenda, S. 12.
71 Als interessantes Detail am Rande sei hier noch vermerkt, dass der Opferbegriff aus dem kirchenlateinischen „operari“ = werktätig sein, arbeiten, sich ableitet. Womit der Zirkel sich in wundersamer Weise geschlossen hätte. Arbeit ist das Opfer für die abstrakte Allgemeinheit.
72 Martin Heidegger, Was ist Metaphysik?, Frankfurt am Main, 8. Aufl. 1960; S. 49; hier zit nach: Theodor W. Adorno, Jargon der Eigentlichkeit (1964); Gesammelte Schriften 6, Frankfurt am Main 1997, S. 501.
73 Strawinskys Frühlingsopfer erklang daher bei der Abfassung dieses Textes des Öfteren aus dem CD-Player. Selten wurde die faszinierende Bedrohlichkeit des Opfers so markant in Töne gesetzt wie in dieser, am Vorabend des 1. Weltkriegs geschriebenen Ballettsuite. Bitte hören!
74 Theodor W. Adorno, Philosophie der neuen Musik (1948), 7. Aufl., Frankfurt am Main 1995, S. 133.
75 Ebenda, S. 174.
76 Theodor W. Adorno, Jargon der Eigentlichkeit, S. 521.
77 Als Notiz sei hier noch angefügt, dass absichtlich von „erfassen“ und „möchten“, nicht aber von „erkennen“ und „wollen“ die Rede ist.
78Zur Perfidie der Vernichtung gehört es aber auch, aus den Opfern immer wieder Mittäter zu machen. Diese Mittäterschaft reichte vom bloßen Gehorsam bis zur Übernahme von Funktionen in der Vernichtungsmaschinerie. Eine weitere Ausdifferenzierung muss hier jedoch unterbleiben.