01.06.2013  Beitrag drucken

Auf Selbstzerstörung programmiert (Krisis 2/ 2013)

Bierwirth-gegenständlicher-scheinErnst Lohoff

Über den inneren Zusammenhang von Wertformkritik und Krisentheorie in der Marx‘schen Kritik der Politischen Ökonomie

Beitrag 2/2013

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Zusammenfassung

Es verwundert nicht, dass angesichts der immer neuen Krisenschübe, die seit Herbst 2008 das kapitalistische Weltsystem erschüttern, das Interesse an der jahrzehntelang vergessenen Marx’schen Kritik der Politischen Ökonomie allmählich neu erwacht. Wie kein anderer theoretischer Ansatz ist sie dazu in der Lage, diese aus Sicht der herrschenden Ökonomietheorie unverständliche historische Situation zu erklären. Allerdings wird vor allem in der linken Marx-Diskussion genau diese Möglichkeit verspielt. Ausgerechnet das Marx’sche Verständnis des Kapitalismus als einer von inneren Widersprüchen gekennzeichneten Produktionsweise, die dazu verurteilt ist, an sich selbst zu scheitern, wird entweder ganz entsorgt oder bis zur Unkenntlichkeit entschärft.

Der vorliegende Text insistiert demgegenüber auf dieser krisentheoretischen Dimension und deren innerem Zusammenhang mit dem Dreh- und Angelpunkt der Kritik der Politischen Ökonomie, der Kritik an der kapitalistischen Reichtumsform des Werts. Wird der spezifisch historische Charakter dieser Reichtumsform konsequent herausarbeitet und die abstrakte Arbeit als wertsetzende Tätigkeitsform mit historisiert, tritt damit auch deren innere Selbstzerstörungstendenz zutage. Der Marx’sche Gedanke einer dem Kapital gesetzten „immanenten Schranke“ geht keineswegs, wie häufig angenommen, im „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate“ auf. Schon bei Marx fügt sich dieser Argumentationsstrang in weitergehende Überlegungen ein. Die vom Kapital selber ins Werk gesetzte Produktivkraftentwicklung untergräbt die Grundlage der Wertproduktion, indem sie auf die „Aufhebung der Privatarbeit“ zusteuert. Der Aufsatz zeichnet diesen grundlegenden Zusammenhang nach und setzt sich zugleich mit der Frage auseinander, wieso die Wertformkritik der frühen 1970er Jahre ihn nicht wahrgenommen hat und warum die daran anknüpfenden Theorieansätze („Neue Marx-Lektüre“) ihn vollends negieren.

Die Marx’sche Krisentheorie zieht sich als roter Faden durch das gesamte System der Kritik der Politischen Ökonomie und ist ebenso wie diese unabgeschlossen geblieben. Vor allem die Frage, welche Bedeutung dem Kreditwesen und der Bewegung des fiktiven Kapitals im Krisenprozess zukommt, wird nur am Rande berührt. Doch gerade in dieser Hinsicht ist seit dem 19. Jahrhundert eine ganz neue, Marx noch völlig unbekannte Krisendimension entstanden, die den aktuellen Krisenprozess entscheidend prägt und die mit einem Wechsel der Geldware verbunden ist. Mit der Ablösung vom Gold hat sich das Geld keinesfalls in ein bloßes Zeichen verwandelt, sondern hat nun die bei den Zentralbanken akkumulierten Schuldtitel zur Grundlage. Damit verschiebt sich aber der Krisenprozess auf die Ebene des Geldmediums selbst. Der vorliegende Text zeigt, dass gerade an diesem Punkt die Kritik der Politischen Ökonomie über den bei Marx erreichten Stand hinauszutreiben ist, wenn sie für die Erklärung der aktuellen Krise wirklich fruchtbar gemacht werden soll.