09.03.2016  Beitrag drucken

Der Grabbeltisch der Erkenntnis. Untersuchung zur Methode des Gegenstandpunkt (Krisis 2/2016)

henne_titelJulian Bierwirth

Der Grabbeltisch der Erkenntnis

Untersuchung zur Methode des Gegenstandpunkt

Krisis-Beitrag 2/2016

Download von Krisis 2/2016 als PDF

Zusammenfassung

Die Zeitschrift Gegenstandpunkt(GSP), ehemals Marxistische Gruppe, genießt den Nimbus, besonders radikale Kapitalismuskritik zu betreiben. Sie nimmt für sich in Anspruch, schonungslos über die herrschenden Zustände aufzuklären und theoretisch so konsequent zu sein, dass sie sich allein auf die Kraft „vernünftiger Argumente“ stützen könne. Dieses Beharren auf dem Primat des Wissens geht einher mit einer bestimmten Form der Theorieproduktion und -vermittlung , die in hohem Maße autoritär strukturiert ist und ihre Gegner systematisch diffamiert, statt die kritische Auseinandersetzung zu suchen.

Demgegenüber will die vorliegende Untersuchung zeigen, dass der GSP keinesfalls so radikal ist, wie er sich geriert, sondern inhaltlich und methodisch in vieler Hinsicht sogar noch hinter das Reflexionsniveau des „bürgerlichen Wissenschaftsbetriebs“ zurückfällt, den er doch vermeintlich vernichtend kritisiert. Im Kern reduziert sich die GSP-Position auf die mechanistische Vorstellung, jedes gesellschaftliche Verhältnis, jede soziale Beziehung und jede menschliche Regung gehe in Interessen und Zwecken auf und Kapitalismuskritik bestehe darin, nachzuweisen, dass bestimmte Interessen – im wesentlichen die des „Proletariats“ – systematisch geschädigt würden. Dem entspricht methodisch ein platter Positivismus, der die Oberfläche der gesellschaftlichen Erscheinungen für das Ganze nimmt und daher unterstellt, das wissenschaftliche Denken könne unmittelbaren Zugang zu den Dingen finden, wenn es nur „richtig“ und konsequent die Werkzeuge der Vernunft und der Logik anwende. Es kann daher nicht verwundern, dass der GSP eine Auseinandersetzung mit erkenntnistheoretischen Fragen als vollkommen überflüssig ablehnt, um sich so gegen Kritik zu immunisieren.

Seine radikal-positivistische Methode versperrt dem GSP darüber hinaus auch jeden Zugang zur Reflexion auf die grundlegenden Formbestimmungen kapitalistischer Vergesellschaftung. Diese erscheinen ihm als überhistorische und damit unproblematische Selbstverständlichkeiten, die nur „vernünftig“ organisiert werden müssen. Das gilt für das mit der Warenform gesetzte Subjekt-Objekt-Verhältnis ebenso wie für die Arbeit und den Staat. Zudem resultiert daraus eine systematische Blindheit gegenüber rassistischen und sexistischen Projektionen und Konstruktionen, die sich nicht platt-unmittelbar auf „Interessen“ und „Zwecke“ zurückführen lassen. Diskriminierende Äußerungen auf Veranstaltungen und in Texten sowie die zynische Rationalisierung von sexistischen und rassistischen Vorfällen sind die logische Konsequenz hieraus. Und schließlich reflektieren sich diese theoretischen Kurzschlüsse auch in den Vorstellungen von einer befreiten Gesellschaft. Der „Kommunismus“ à la GSP ist die Fiktion einer auf dem Partikularstandpunkt basierenden Gesellschaft, die durch „kluge Planung“ und das allseitig durchgesetzte Primat des Wissens so organisiert sein soll, dass es zu keinerlei Interessenkollisionen komme, also um die perfekte Nachbildung der kapitalistischen Gesellschaft ohne ihre bedauerlichen Nachteile. Mit radikaler Gesellschaftskritik hat dies erkennbar wenig zu tun.