31.12.1991
Wir sind wieder einmal einen Schritt zuweit gegangen! War der Schritt zur fundamentalen Wertkritik wenigstens prinzipiell-theoretisch noch nachzuvollziehen, wenn man seine krisentheoretischen Implikationen wegliess, so war die Abwendung vom Heiligtum Arbeiterklasse bereits eine richtiggehende persönliche Gemeinheit, die einem den jahrelang gekämmten Flauschteppich unter den Füssen wegzog. Nun aber auch noch die Kritik der Arbeit als solche?
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31.12.1991
Über den logischen Zusammenhang von Krisen- und Revolutionstheorie
Italiano: LA FINE DEL PROLETARIATO COME INIZIO DELLA RIVOLUZIONE
Ernst Lohoff
1. Krise der Revolutionstheorie
Die moderne bürgerliche Gesellschaft treibt zielsicher in Richtung Reproduktionsunfähigkeit. Seit dem Bericht des Club of Rome ist die Einsicht in die suizidalen Tendenzen der herrschenden Form von Weltgesellschaft auch tief ins Alltagsbewusstsein eingesickert. Druckfrische Tatarenmeldungen aus Ökologie, Ökonomie und Politik versorgen ein mittlerweile tief verwurzeltes diffuses und längst nicht mehr auf die ökologische Frage eindeutig zentriertes Krisengefühl beständig mit neuer Nahrung. Trotz der Häufung objektiver Krisensymptome scheint die bürgerliche Verkehrsform auf der “subjektiven” Seite hingegen ungefährdeter denn je. Die ehemals “systemoppositionellen” Strömungen erweisen sich angesichts der realen Probleme unserer Zeit als ebenso begriffs- wie hilflos und danken sang- und klanglos ab. In ihrem desolaten geistigen und organisatorischen Zustand stellen sie keine Herausforderung mehr dar, sondern liefern im Gegenteil noch die Legitimation für die Fortschreibung des Status quo. Angesichts des Desasters oppositionellen Denkens kann sich die herrschende bürgerliche Vergesellschaftungsform ein bestechendes Argument zugute halten. Sie gilt anerkanntermassen als alternativlos. Die Fundamentalopposition muss alle Pfauenfedern lassen und schrumpft auf den anklagend erhobenen Zeigefinger zusammen. Sie verkommt zur besinnlich-griesgrämlichen Untermalung, während die Modernisierer und Reformer besinnungslos ihr armseliges Geschäftchen weiterverrichten.
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31.12.1991
Peter Klein
Beim ca ira-Verlag haben die Schriften Agnolis eine letzte Ruhestätte gefunden: Johannes Agnoli, Die Transformation der Demokratie – und andere Schriften zur Kritik der Politik, Freiburg 1990 (ca ira), 221 S., DM 25.- .
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31.12.1991
Reflexionen über einen Kinobesuch oder warum dem Überdruß des Raffens keine Renaissance des Schaffens folgt
Johanna W. Stahlmann
Für Theoretiker und Theoretikerinnen hält das Leben, neben der ihnen seit der Romantik zugerechneten Einsamkeit, die von der Psychoszene um eine selbstverständliche Sexualneurose ergänzt wurde, auch einige Genüsse bereit, die für den Alltagsverstand unerreichbar sind. Zentrales Glücksmoment ist hierbei möglicherweise die Aufhebung der Trennung von Arbeit und Vergnügen, dahingehend, daß für die Theoretikerin und ihren Kollegen auch der Besuch eines Fußballspiels, das Durchblättern der “Neuen Revue” oder der Besuch eines Landgasthofs, durchaus nicht nur Unterhaltung und Bauchbepinselung beinhalten, sondern im Sinne einer der Totalität und des Durchgehens durch alle “Ebenen” verpflichteten Gesellschaftstheorie auch Anregungen, empirisches Material für weitergehende theoretische Reflexionen zu liefern imstande sind. Für Otto oder Ottilie Normalverbraucher dagegen ist seine/ihre Arbeitzeit bis zur Absurdität getrennt von seiner/ihrer Freizeit, erscheint ihm/ihr seine/ihre Arbeit als Beruf und Geldquelle, alles außerhalb ihrer als Vergnügen (oder auch nicht) in Reinheit – steht komplementär zur Arbeit abstrakt die Freiheit abstrakt.
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31.12.1991
Editorial
Robert Kurz: Die verlorene Ehre der Arbeit – Produzentensozialismus als logische Unmöglichkeit
Johanna W. Stahlmann: Pretty Woman – Reflexionen über einen Kinobesuch oder: Warum dem Überdruß des Raffens keine Renaissance des Schaffens folgt
Ernst Lohoff: Das Ende des Proletariats als Anfang der Revolution – über den logischen Zusammenhang von Krisen- und Revolutionstheorie
Norbert Trenkle: Die vergebliche Suche nach dem unverdinglichten Rest oder: Warum das subjektapriorische Denken in der Sackgasse des Kulturpessimismus enden muß
Peter Klein: Hier ruht Agnoli – Buchbesprechung