31.12.1988  Beitrag drucken

Der Zusammenbruch einer Zusammenbruchstheorie

Henryk Grossmann und die Marxschen Reproduktionsschemata

[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe]

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Ernst Lohoff

1. Wertimmanenz und Abstraktion von der Gebrauchswertseite

Ein wesentlicher Schritt von Marx hinaus über den Horizont der klassischen Arbeitswertlehre und der klassischen Nationalökonomie überhaupt bestand darin, daß er den Gebrauchswert, die stoffliche Seite der Warenvergesellschaftung, zum expliziten Gegenstand im Bereich der politischen Ökonomie machte. Nur so konnte er die wertimmanente Sichtweise der traditionellen Nationalökonomie überwinden und von einer „positiven“ Wirtschaftswissenschaft zur Kritik der politischen Ökonomie und ihrer grundlegenden Kategorien durchstoßen. Der Wert für sich gedacht, wie ihn Ricardo, der Vollender der bürgerlichen Nationalökonomie annimmt, erscheint als überzeitliche Selbstverständlichkeit. Erst die unlösbare Verwicklung mit dem Gebrauchswert macht die Wertform zum Fetisch und Widerspruch. Das gilt begrifflich-logisch wie historisch. Die Entwicklung der stofflichen Seite ist wesentlich Agens kapitalistischerEntfaltung und sie ist es auch, die schließlich mit der Wertform kollidiert und sie auflöst. Die Aufnahme der Gebrauchswertkategorie in die Zuständigkeit der politischen Ökonomie, die Herausarbeitung des Doppelcharakters der Ware, verwandelt sie erst in Kritik der politischen Ökonomie und gleichzeitig wird damit aus der klassischen Arbeitswertlehre, wie sie uns aus der Feder Ricardos vorliegt, Wertkritik, die Marx im Fetischkapitel zuspitzt.

Während aber Marx den grundlegenden Widerspruch, der das Kapitalverhältnis vorantreibt und zu guter letzt sprengen muß, im Gegensatz von Gebrauchswert und Tauschwert, von Vergesellschaftung der stofflichen Produktion und Wertform, in die die gesellschaftlichen Produktivkräfte gezwängt bleiben, verortet, findet sich bei seinen Epigonen kaum ein Spurenelement dieses Gedankens. Zwar halten alle wichtigen Vertreter der klassischen marxistischen Krisendebatte en phrase das Fähnchen der Dialektik von Gebrauchswert undTauschwert aufrecht, de facto spielt sie in den wirklichen theoretischen Auseinandersetzungen keinerlei Rolle. Praktisch nehmen sie den Schritt von Marx über Ricardo hinaus wieder zurück. Eklatant springt dies bei Henryk Grossmann ins Auge. Einerseits feiert er die Dialektik von Gebrauchswert und Tauschwert, besonders in seiner Schrift „Marx, die klassische Nationalökonomie und das Problem der Dynamik“ als eine der theoretischen Großleistungen von Marx und moniert, daß sie bisher kaum beachtet wurde:

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„Wiederholt wird im ,Kapital, der ‚in der Ware eingehüllte innere Gegensatz von Gebrauchswert und Wert‘ betont und ausgeführt, daß dieser Gegensatz mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktion sich gleichfalls entwickelt und steigert. Worin der Gegensatz von Gebrauchswert und Wert in der Ware besteht und wieso er immer größere Dimensionen annimmt, wurde bisher nicht einmal als Problem behandelt“(1).

Andererseits bleibt sein Anspruch, an diesen Gegensatz anzuknüpfen, in seiner eigenen Analyse folgenlos. Er blendet bei seiner „Reproduktion der Marxschen Akkumulations- und Zusammenbruchstheorie“ die Gebrauchswertseite konsequent aus, solange er das Zusammenbruchsgesetz in seiner „reinen“ Form abhandelt, und führt sie lediglich als empirische, unwesenhafte Störung nachträglich unter den „gegenwirkenden Ursachen“ zum tendenziellen Fall der Profitrate wieder ein. Trotz aller formellen Verbeugungen vor der zentralen Rolle, die der „Dualität von Gebrauchswert und Tauschwert“ im Kapital zukommt, räumt er der Gebrauchswertseite in der Marxschen Krisen- und Zusammenbruchstheorie nur diese jämmerliche Funktion ein. Er unterstellt Marx seine eigene verkürzte Sichtweise:

„Im Kapitalismus erfolgt die Regelung der Gesamtproduktion durch den Wert. Das Wertgesetz beherrscht den gesamten Wirtschaftsprozeß des kapitalistischen Mechanismus, und wie dessen Dynamik und Entwicklungstendenzen nur auf Grund dieses Gesetzes zuverstehen sind, so muß auch dessen Ende – der Zusammenbruch –  gleichfalls aus dem Wertgesetz zu erklären sein. Das hat Marx tatsächlich getan“(2).

Hier verschwindet die Kollision von Stoff und Wert und der Wert stößt sich lediglich an sich selber.

Die Krisendebatte zur Zeit der 2. und 3. Internationale bewegte sich insgesamt wesentlich auf der Tauschwertseite und der Gebrauchswert blieb faktisch als „außerökonomische“ Kategorie außen vor. Die theoretischen Gegner Grossmanns teilen allesamt diese wertimmanente Herangehensweise, auch wenn sie seine Schlüsse energisch bekämpfen. Die marxistischen Krisentheoretiker blieben als Werttheoretiker, an diesem entscheidenden Punkt, allesamt unbewußte Ricardianer. Marx als vielgefeierter Vollender der klassischen Werttheorie verdeckt den aufhebenden Kritiker, und so blieb vom Gebrauchswert in seiner ökonomischen Bedeutung kaum etwas. Die Theoretiker, die mit Marx von einer objektiven Schranke ausgingen, verorteten diese innerhalb des Wertes als quantitatives Mißverhältnis. Entweder verwiesen sie wie Rosa Luxemburg auf eine grundlegende, wachsende Diskrepanz zwischen Produktion und Konsumtion, oder sie suchten den Zusammenbruch als mechanisches Ergebnis der Veränderung der organischen Zusammensetzung des Kapitals zu enträtseln, so wie es auch Grossmann tat. In beiden Spielarten wurde die Krise innerhalb des Wertes, der quantitative Ausdruck der qualitativen Krise der Wertgestalt selber herausisoliert und blieb so letztlich unaufgelöst. Abgetrennt von der inhaltlichen Wertbestimmung verlief sich Zusammenbruchstheorie schnell in unbegrifflichen Rechenexempeln. Die qualitative Bestimmung, die an den Doppelcharakter der Ware und damit an die Gebrauchs-

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wertseite gekoppelt ist, wurde von der Quantität des reinen Tauschwerts analytisch erschlagen. Paul Mattick, der letzte Zeugenberg der klassischen Debatte, verengt die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie genau in diesem Sinne und weist dem Gebrauchswert seinen Platz am ökonomischen Katzentisch an. Er streicht den Gebrauchswert aus der politischen Ökonomie heraus, übersieht den grundlegenden Bruch zur klassischen Arbeitswerttheorie, und läßt die Gebrauchswertkategorie nur mehr bei der Analyse der Spezifika der Ware Arbeitskraft als entscheidenden Faktor zu:

„Die Marxsche Kritik der bürgerlichen Ökonomie war damit eine doppelte: sie bestand einerseits in der konsequenten Anwendung der Arbeitswerttheorie auf die kapitalistische Entwicklung auf dem Boden der gegebenen fetischistischen ökonomischen Kategorien und andererseits in der Aufdeckung dieser Kategorien als der der kapitalistischen Waren eigentümlichen Klassen- und Ausbeutungsverhältnisse“(3).

Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie gilt ihm als Verallgemeinerung der traditionellen Arbeitswerttheorie und diese Verallgemeinerung gipfelt in der Enttarnung der besonderen Rolle, die die Ware Arbeitskraft spielt. Nur hier kommt der Gebrauchswert zu seinem Recht, und das gilt allgemein für die Theorierezeption der alten Arbeiterbewegung. Der besondere Gebrauchswert der Ware Arbeitskraft, mehr Wert zu schaffen, als zu ihrer eigenen Reproduktion notwendig ist, wird sprichwörtlich und ein Jahrhundert lang wiedergekäut. Sobald wir aber tiefer in die Kritik der politischen Ökonomie vordringen und uns schließlich bis zur Krisentheorie vorarbeiten, verliert sich in der traditionellen Marxrezeption die innerökonomische Bedeutung des Gebrauchswerts zusehends. Am Widerspruch zwischen Gebrauchswert und Tauschwert wird zwar formell festgehalten; für die Theoriebildung selber wird er aber irrelevant. Beim Paradesteckenpferd der traditionellen Krisendebatte, dem Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate etwa, scheint die stoffliche Veränderung nur mehr im schwachen Zwielicht auf. Sie interessiert nur, insofern sie die organische Zusammensetzung, oder wenn es hoch kommt auch noch die Mehrwertrate affiziert und geht krisentheoretisch voll darin auf. Die konkrete, wirkliche stoffliche Veränderung wird nicht weiter betrachtet, sie bleibt vorgelagerte black box. Nur durch den Tauschwertfilter hindurch in Wertverhältnisse übersetzt hat sie Bedeutung, während die bloße technische Zusammensetzung des Kapitals, solange und soweit sie die organische Zusammensetzung nicht verändert, krisentheoretisch außer Sicht bleibt. Während die diversen offenen Apologeten der bürgerlichen Produktionsweise, einschließlich ‚marxistisch‘ angehauchter Industriesoziologie und operaistischer Tradition, sich einseitig auf den Produktionsprozeß, auf den unaufhebbaren Stoffwechsel von Mensch und Natur und seine jeweilige konkrete Ausgestaltung geworfen haben, und so nur die objektive Ewigkeit des Kapitalverhältnisses beweisen konnten, verfiel die marxistische Krisendebatte über weite Strecken in den gegenteiligen Fehler. Sie griff das Besondere der kapitalistischen Produktionsweise, nämlich die Wertproduktion,

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einseitig heraus, um innerhalb des Werts die Krisen zu erklären. Ein Musterbeispiel dieser verkürzten Sicht, die gänzlich von Gebrauchswert und stofflicher Seite abstrahiert, liefert uns der letzte Zeuge und wichtigste Übermittler der klassischen marxistischen Debatte, Paul Mattick. Dieser direkte Schüler Henryk Grossmanns schreibt schon phänotypisch in seinem 1935 erschienenen Aufsatz „Die Unvermeidlichkeit des Kommunismus“:

„Eine Überproduktion oder Unterkonsumtion (was  letztlich auf das Gleiche hinausläuft) ist notwendigerweise verknüpft mit der physischen Form von Produktion und Konsumtion. In der kapitalistischen Gesellschaft spielt jedoch der materielle Charakter von Produktion undKonsumtion nicht die Rolle, die Prosperität oder Krisen erklären könnte. Wie sehr dies auch die Logik beleidigen mag, das Kapital akkumuliert in der Tat zum Zwecke der Akkumulation. Die materielle Produktion, ebenso wie die Konsumtion, bleibt im Kapitalismus den Individuen überlassen: …Das Kapital produziert nicht Dinge, sondern (Tausch)werte“(4).

Mattick nimmt die Verknüpfung von stofflicher Produktion und Wertproduktion nicht ernst. Er sieht nicht, daß, wenn das Kapital nur Tauschwerte schaffen kann, indem es Gebrauchswert erzeugt, diese Bestimmung für das Kapitalverhältnis nicht gleichgültig bleiben kann. Die stoffliche Seite schlägt erbarmungslos auf das Produktionsverhältnis zurück, das sie in Gang setzt. So wenig dem Einzelkapital der Gebrauchswert Sinn und Zweck ist, sowenig kann es sich von ihm real lösen. Gerade darin liegt wesentlich der Widerspruch der kapitalistischen Produktionsweise. Das mag im Grunde banal sein, aber wenn eine anerkannte Koryphäe der marxistischen Krisentheorie wie Paul Mattick eine solche Selbstverständlichkeit vergessen kann, und dieser Anfängerfehler konstituierend in seine Theoriebildung eingeht, so läßt dies tief darauf blicken, wie fest verankert das Absehen von der stofflichen Seite in der traditionellen Krisendebatte war. Paul Mattick plaudert nur in besonders naiver Form aus, was seine gesammelten Vorläufer faktisch tun.

Die allgemeine Ignoranz gegenüber dem Gebrauchswert geht Hand in Hand mit einer durchgehenden Schwerpunktverschiebung in der Rezeption der Marxschen Werttheorie. Während für Marx das Hauptproblem die Wertform selber war, die Frage nämlich „warum jener Inhalt diese Form annimmt“, arbeiten sich seine Epigonen an quantitativen Fragestellungen, am Problem der Wertgröße ab(5). So trifft den nicht quantifizierbaren Gebrauchswert nur das Schicksal, das jede qualitative Bestimmung unter den Händen der „marxistischen“ Ökonomen erlitt. Für sie fällt die Marxsche Werttheorie mit der Bestimmung der Wertgröße zusammen. Die Wertformanalyse verkommt zu einer nebensächlichen und vorgelagerten Definitionsübung, die Analyse des Doppelcharakters der Ware verflüchtigt sich und mit ihr geht auch der Gebrauchswert über Bord. Auch hier schreitet die tatsächliche marxistische Rezeption der Werttheorie über Marx hinweg zurück und knüpft unmittelbar an Ricardo an. Wenn also Rubin der klassischen Nationalökonomie völlig richtig vorwirft:

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„Die Vorläufer von Marx interessierten sich für die Wertsubstanz vornehmlich unter quantitativem Aspekt (Arbeit und Umfang der Arbeit) und ebenso für den quantitativen Aspekt des Tauschwerts. Sie vernachlässigten den qualitativen Aspekt der Arbeit und des Werts, das entscheidende Merkmal der Warenproduktion“(6),

so trifft diese Kritik auch auf Nachfolger von Marx. Verliebt in die Auflösung von Wert in menschliche Arbeit, vermauern sich die Epigonen systematisch den Weg zur Wertformanalyse. Dieses grundlegende theoretische Manko trifft nicht nur die Aneignung des 1. Kapitels des ‚Kapital‘, es reproduziert sich auch auf der Abstraktionsebene von Band II und III. Ohne Zugang zum wertkritischen Gehalt der Marxschen Theorie kann sich das theoretische Bemühen hier nur auf dem Niveau quantitativer Überlegungen bewegen. Die mangelhafte Rezeption der Wertformanalyse schleppt sich weiter in die marxistische Krisentheorie und erscheint hier unter dem Vorzeichen „Mathematisierung“. Das Absehen von den Schönheiten der Wertformanalyse setzt sich in der Unfähigkeit fort, die stoffliche Seite in die Krisentheorie zu integrieren. Der Hang zur rein quantitativen Betrachtungsweise schneidet beides gleichzeitig ab und verwandelt den Wert aus einem gesellschaftlichen Verhältnis in eine „objektiv auf dem Markt feststellbare Größe“(7). Die klassische, marxistische Krisendebatte behandelt das Fetischproblem als folkloristisches Anhängsel und stürzt sich unmittelbar, am liebsten mit dem Rechenschieber bewaffnet, auf die Ausführungen Marxens zu Überakkumulation oder Unterkonsumtion, ohne auf Wertform und Gebrauchswert systematisch zu rekurrieren. Sie mißachtet damit, was wesentlich die Marxsche Krisentheorie mit ausmacht:

„Und dies ist bei der Betrachtung der bürgerlichen Ökonomie das Wichtige. Die Weltmarktkrisen müssen als die reale Zusammenfassung und gewaltsame Ausgleichung aller Widersprüche der bürgerlichen Ökonomie gefaßt werden. Die einzelnen Momente, die sich also in diesen Krisen zusammenfassen, müssen also in jeder Sphäre der bürgerlichen Ökonomie hervortreten und entwickelt werden, und je weiter wir in ihr vordringen, müssen einerseits neue Bestimmungen dieses Widerstreits entwickelt, andererseits die abstrakten Formen desselben als wiederkehrend und enthalten in den konkreteren nachgewiesen werden“(8).

Dieser wichtige Hinweis zur Methode bleibt bei den krisentheoretischen Epigonen ohne praktischen Widerhall. Er wird in seiner grundlegenden Bedeutung nicht erfaßt und als hegelianistische Marotte abgetan. Sobald Marxens Jünger zu den Tiefen der Krisentheorie vorstoßen, sind die Widersprüche, die in den abstrakten Bestimmungen aus dem 1. Kapitel hausen, vergessen. Sie leuchten nur mehr punktuell und zufällig auf oder werden an den Haaren herbeigezogen. Nur die Bestimmung des Tauschwerts durch die Arbeitszeit geht als Allgemeinplatz in die theoretischen Krisenkonstrukte ein. Vom systematischen Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten, wie wir es von Marx und Hegel kennen, kann jedenfalls auch nicht ansatzweise die Rede sein(9).

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Vor diesem Hintergrund kann es auch nicht überraschen, daß die Konsistenz des Marxschen Ansatzes in den Diadochenkämpfen zerbröselte und die nachfolgende Debatte sich darin erschöpfte, verschiedene Momente der Marxschen Krisentheorie fein säuberlich aus dem Gesamtzusammenhang herauszubrechen und überhöht gegeneinander zu stellen. Soweit Marxisten überhaupt ernsthaft auf dem Gebiet der Kritik der politischen Ökonomie theoretisch arbeiteten(10), prallten in ihren Auseinandersetzungen herausdestillierte Theoriesplitter verständnis- und daher auch ergebnislos aufeinander. Der Dreisprung marxistischer Krisentheorie in Überakkumulations-, Disproportionalitäts- und Unterkonsumtionstheorien reproduzierte sich über die historischen Lücken, die Faschismus und Nachkriegsboom in die Kontinuität der Debatte rissen, und steht heute noch unaufgelöst vor uns. Seine Überwindung setzt die Kritik des historischen marxistischen Disputs voraus, den die Epigonen der Epigonen in den 60er und 70er Jahren nur verflacht wiederholten. Vor die Rekonstruktion und Weiterentwicklung der Marxschen Krisentheorie schiebt sich allemal der Schwedentrunk der grundsätzlichen Kritik der traditionellen marxistischen Krisentheorie.

Diese Aufgabenstellung sprengt bei weitem den Rahmen eines solchen Aufsatzes. Hier kann nur eine Vorarbeit geleistet werden, die eine umfassende Aufarbeitung nicht ersetzt, sondern deren Stoßrichtung in etwa umreißt und vorab einige Schlaglichter wirft. Mir geht es nur darum, die allgemeine Kritik an einem besonderen Beispiel zu präzisieren und mit Material zu füllen. Ich greife daher hier einen schon klassischen Fall krisentheoretischer Vivisektion heraus und skizziere einige seiner Grundzüge. Schon phänotypisch tritt uns das Weglassen der Wertformanalyse, die Überführung Marxscher Krisentheorie in Mathematik für den Oberrealschüler und ihre willkürliche Zerstückelung im Werk von Henryk Grossmann gegenüber. Er mag uns deshalb unter der Devise „pars pro toto“ als Gegenstand dienen. Die Wahl fiel aus zwei weiteren Gründen auf ihn.

1. Als neben Rosa Luxemburg wohl profiliertester Vertreter der Vorstellung eines objektiven Zusammenbruchs des kapitalistischen Systems scheint er unserer eigenen Position auf den ersten Blick besonders nahe zu stehen.

2. Grossmanns Hauptwerk ist der letzte Höhepunkt der klassischen Debatte. Es erschien 1929 und bald darauf bereiteten nationalsozialistische Machtergreifung, 2. Weltkrieg und Nachkriegswirtschaftswunder dem gesamten Diskussionsstrang ein abruptes Ende. Grossmanns umfangreiches „Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz“ bezieht sich kritisch auf die Arbeiten seiner Vorgänger und eröffnet so gleichzeitig einen Zugang zur Gesamtdebatte.

Die besonderen Skurrilitäten, mit denen Grossmann aufwartet, verweisen auf mehr als seine persönlichen theoretischen Schwächen, und so sollen sie hier nur untersucht werden, soweit sie das Niveau und die Spannweite der gesamten damaligen Debatte beleuchten. Mit seiner allgemeinen Zusammenbruchsformel des kapitalistischen Systems ist Grossmann bei seinen marxologisierenden Zeit-

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genossen auf zum Teil heftige Kritik gestoßen.

Die Kritik richtete sich aber ausschließlich gegen die Vorstellung eines objektiven Zusammenbruchs und nicht gegen das Methodenverständnis von Grossmann. Sein Hang zur Mathematik wurde als selbstverständlich hingenommen und geteilt, oder ausschließlich vom Standpunkt des berühmten „subjektiven Faktors“ aus angegangen. Innerhalb der Logik der Kritik der politischen Ökonomie blieb er bis heute ungeschoren(11). Ähnlich verquer lief die theoretische Front bei der Grossmannrezeption der 70er Jahre. Bei der SOST etwa, in deren Position Grossmanns Theorie Eingang gefunden hat, gilt die Vorstellung einer objektiven absoluten Schranke des Kapitals als lächerlich und nicht der Versuch, den Gehalt kapitalistischer Entwicklung in mathematische Formeln zu gießen, in denen die stoffliche Seite nur mehr als black box erscheint, die außerhalb der politökonomischen Analyse liegt. Diesen Bezug müssen wir umkehren. Meine Kritik richtet sich nicht gegen den „Zusammenbruchstheoretiker“, sondern gegen den Mathematikfetischisten Grossmann. Sie zielt nicht so sehr auf die besonderen Züge seiner Theoriebildung, sondern auf die Grundposition und methodischen Prämissen, die er mit seinen Kontrahenten teilt. Denn es kann nicht darum gehen, einen Uraltstreit neu aufzugießen, die Schlachten von vorgestern neu zu schlagen und in einer vergessenen Debatte nachträglich die eine oder andere Position einzunehmen. Wir müssen stattdessen die theoretisch grundlegenden Verkürzungen der gesamten traditionellen Krisendiskussion vor dem Horizont der sich heute abzeichnenden Krise des Werts aufdecken. Bekanntlich liegt der Schlüssel zur Anatomie des Affen in der Anatomie des Menschen(12), und wenn wir den Streit um die marxistische Krisentheorie in der alten Arbeiterbewegung verstehen wollen, statt ihn bewußtlos wiederzukäuen, müssen wir ihn folgerichtig vor dem Hintergrund einer sich abzeichnenden Analyse der heutigen Krise des Kapitals untersuchen(13). Die entwickeltere Form öffnet den Weg zum Verständnis der unentwickelteren, und die traditionelle Krisendebatte reflektiert eine überholte Etappe des Kapitalverhältnisses, die sich erst vom heutigen Standpunkt aus zusammen mit ihrem theoretischen Widerschein wirklich dechiffrieren läßt. Die wertimmanente Beschränktheit der historischen Debatte kann erst erkannt und angegriffen werden, sobald die fundamentale Wertkritik als Schlüssel zum Verständnis der modernen Krise des Kapitalverhältnisses entdeckt ist. In diesem Sinne fallen Kritik des zeitgenössischen Kapitalismus und kritische Aufarbeitung traditioneller marxistischer Theorie wesenhaft zusammen.

2. Die Reproduktionsschemata und Grossmanns Krisenverständnis

Ein wesentlicher Brennpunkt der klassischen Krisendebatte war bezeichnenderweise der Streit um die Marxschen Reproduktionsschemata, und selten ging in der irrtümerreichen Geschichte des Marxismus eine theoretische Auseinanderset-

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zung am Kern der Sache so gründlich vorbei wie bei diesem erbittert geführten Streit. Wie Aasgeier stürzten sich die auf mathematische Exaktheit versessenen Epigonen auf die bei Marx nur illustrativen Formeln und zerrten sie furchtbar zerfleddert und entstellt in das Zentrum ihrer Marxrezeption. Allein Rosa Luxemburg hebt sich von den anderen Hauptkombattanten des Reproduktionsschemenstreits ab, aber ihr instinktiv ungutes Gefühl gegenüber der Mathematisierung der Kritik der politischen Ökonomie blieb theoretisch hilflos. Das Vorbild der bürgerlichen Nationalökonomie, die zusehends begriffliche Klarheit durch mathematische Exaktheit ersetzte, färbte auf die marxistische Konkurrenz ab, und mangels anderer Anknüpfungspunkte im Marxschen Werk mußten die simplen Schemakonstrukte aus dem 2. Band des „Kapitals“ als marxistisches Pendant zu bürgerlichen Wirtschaftsmodellen herhalten. Besonders die Neoharmoniker marxistischer Provenienz taten sich hervor und bliesen voller Wollust den einfachen Formelkram zur Essenz ihrer Marxinterpretation auf. Diese Überinterpretation mußte mit einer vollkommenen Mißdeutung der inhaltlichen Fragestellung, die Marx bei der Erstellung der Schemata im Auge hatte, zusammenfallen. Zu mathematischer Genauigkeit innerhalb von Wertgrößenrelationen konnten die Epigonen nur gelangen, weil sie das Problem der Verschlingung von Stoff- und Wertersatz, mit dem sich Marx im 3. Abschnitt des 2. Bandes des Kapitals herumschlägt, konsequent beiseite schieben und in die reine Zahl ausweichen. Die Folgen waren natürlich fatal. Die traditionelle Ignoranz gegenüber der Gebrauchswertseite, das faktische Ricardianertum der marxistischen Ökonomen, wird hier besonders handgreiflich, weil sich die breit ausgewalzte Diskussion um den 3. Abschnitt des 2. Bandes beständig an der von Marx explizit herausgearbeiteten und abgehandelten Frage stößt und sich vollkommen verquer zur wirklichen Problematik entfaltet. Statt theoretischer Klärung brachte so eine fast vierzigjährige Debatte nur heillose, aber bezeichnende Verwirrung, und der unstillbare Hang zur Mathematik zeugt allein schiefe Fragestellungen. Dabei ist die Problemstellung, die Marx mit seinen Schemata veranschaulichen wollte, unschwer nachzuvollziehen. Er schreibt einleitend zum 20. Kapitel, wo er die Schemata einführt:

„Betrachten wir die jährliche Funktion des gesellschaftlichen Kapitals – also des Gesamtkapitals, wovon die individuellen Kapitale nur Bruchstücke bilden, deren Bewegung sowohl ihre individuelle Bewegung ist, wie gleichzeitig integrierendes Glied der Bewegung des Gesamtkapitals – in ihrem Resultat, d.h. betrachten wir das Warenprodukt, welches die Gesellschaft während des Jahres liefert, so muß sich zeigen, wie der Reproduktionsprozeß des gesellschaftlichen Kapitals vonstatten geht, welche Charaktere diesen Reproduktionsprozeß vom Reproduktionsprozeß eines individuellen Kapitals unterscheiden und welche Charaktere beiden gemeinsam sind“(14).

Und Marx stellt dann den entscheidenden Unterschied heraus. Bei der Betrachtung des Reproduktionsprozesses eines Einzelkapitals genügt es, einfach vorauszusetzen, daß dieses Kapital die stofflichen Elemente seiner Reproduktion,

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Arbeitskraft, Rohstoffe, Maschinen usw. auf dem Markt vorfindet. Bei der Betrachtung des Reproduktionsprozesses eines Einzelkapitals genügt es, einfach vorauszusetzen, daß dieses Kapital die stofflichen Elemente seiner Reproduktion, Arbeitskraft, Rohstoffe, Maschinen usw. auf dem Markt vorfindet. Bei der Betrachtung des gesamtgesellschaftlichen Reproduktionsprozesses müssen alle Bedingungen kapitalistischer Reproduktion auch in ihrer konkreten stofflichen Gestalt und in entsprechendem Umfang dem kapitalistischen Produktionsprozeß entspringen. Das Wesen kapitalistischer Gesamtreproduktion ist erst dann erfaßt, wenn sie sich als Ineinander von Stoff- und Wertersatz darstellen läßt. Deren Deckung ist keine Selbstverständlichkeit, sondern lebendiger Widerspruch. Weil die kapitalistische Produktionsweise gleichzeitig gesellschaftlich und ungesellschaftlich ist, weil in der entwickelten Warenproduktion voneinander getrennte, einander und dem stofflichen Charakter der Produktion gleichgültig gegenüberstehende Privatproduzenten und Warenbesitzer, trotzdem in allem, was sie tun, aufeinander verwiesen bleiben, müssen Stoff und Wert, gesellschaftlicher Gesamtzusammenhang und beschränkter Selbstzweck, über Friktionen hinweg gewaltsam ihre flüchtige Einheit herstellen. Um diese Krisenpotenz geht es Marx bei der Erstellung der Reproduktionsschemata. Zwar sind Krisen auch Reinigungskrisen, aber der Widerspruch von Stoff und Wert wird nur einstweilen überwunden, um sich schleunigst auf erweiterter Stufenleiter zu reproduzieren. Wer wie Bernstein und die Neoharmoniker Hilferding und Bauer aus dem 2. Band des „Kapital“ ein Loblied auf die Funktionsfähigkeit des Kapitals herausliest, stellt diesen Zusammenhang auf den Kopf. Nur unter krisentheoretischem Gesichtspunkt reitet Marx so entschieden auf dem Problem der Verknüpfung von Stoff- und Wertersatz herum:

„Und zwar ist der Reproduktionsprozeß für unsern vorliegenden Zweck zu betrachten vom Standpunkt sowohl des Wert- wie des Stoffersatzes der einzelnenBestandteile von W‘. Wir können uns jetzt nicht mehr begnügen, wie bei der Analyse des Produktenwerts des einzelnen Kapitals, mit der Voraussetzung, daß der einzelne Kapitalist die Bestandteile seines Kapitals durch Verkauf seines Warenprodukts erst in Geld umsetzen kann und dann durch Wiederkauf der Produktionselemente auf dem Warenmarkt in produktives Kapital rückverwandeln kann. Jene Produktionselemente, soweit sie sachlicher Natur, bilden ebensowohl einen Bestandteil  des gesellschaftlichen Kapitals wie das individuelle fertige Produkt, das sich gegen sie austauscht und sich durch sie ersetzt“(15).

Das Einzelkapital kann seinen Kreislauf nur vollenden, wenn sein Produkt in seiner konkreten stofflichen Gestalt in die gesellschaftliche Konsumtion eingeht und sich darüber gegen G‘ austauscht und es kann gleichzeitig seinen Kreislauf nur neu beginnen, wenn es seine Produktionsmittel und die reproduzierte Arbeitskraft, durch die gesellschaftliche Gesamtproduktion erzeugt, vorfindet. Der Gebrauchswert kehrt also wieder, und nicht nur als konkreter Gebrauchswert überhaupt, sondern auch in entsprechender Proportion. Konsum und Realisierung

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müssen einander entsprechen. Soll die gesellschaftliche Reproduktion reibungslos vonstatten gehen, so muß jeder Realisationsakt sein konsumtives Pendant finden (Kauf zum Zwecke produktiver Konsumtion ist hier unter Konsumtion überhaupt subsumiert). Während für das Einzelkapital Kauf und Verkauf auseinanderfallen können, stellt sich gesamtgesellschaftlich deren Identität, wie wir sie bei der einfachen Wertform vor Entwicklung der Geldform kennen, im Austauschprozeß der vielen Kapitalien wieder her. Daher fällt die Konsumtion von Kapitalisten und Arbeitern nicht aus dem Zuständigkeitsbereich derKritik der politischen Ökonomie heraus, sondern muß mit Gegenstand sein, wenn wir den Gesamtprozeß betrachten:

„Andererseits bildet die Bewegung des Teils des gesellschaftlichen Warenprodukts, das vom Arbeiter in Verausgabung seines Arbeitslohns und vom Kapitalisten in Verausgabung des Mehrwerts verzehrt wird, nicht nur ein integrierendes Glied der Bewegung des Gesamtprodukts, sondern sie verschlingt sich mit der Bewegung der individuellen Kapitale, und ihr Vorgang kann daher nicht dadurch erklärt werden, daß man ihn einfach voraussetzt“(16).

Und Marx umreißt nochmals die Problemstellung, die durch die Wiederkehr des Gebrauchswerts auf dieser Ebene der Darstellung hereinkommt:

„Solange wir die Wertproduktion und den Produktenwert des Kapitals individuell betrachten, war die Naturalform des Warenprodukts für die Analyse ganz gleichgültig, ob sie z.B. aus Maschinen bestand oder aus Korn oder aus Spiegeln. Es war dies immer Beispiel, und jeder beliebige Produktionszweig konnte gleichmäßig zur Illustration dienen. Womit wir es zu tun hatten, war der unmittelbare Produktionsprozeß selbst, der auf jedem Punkt als Prozeß eines individuellen Kapitals sich darstellt. Soweit die Reproduktion des Kapitals in Betracht kam, genügte es zu unterstellen, daß innerhalbder Zirkulationssphäre der Teil des Warenprodukts, welcher Kapitalwert darstellt, die Gelegenheit findet, sich in seine Produktionselemente und daher in seine Gestalt als produktives Kapital rückzuverwandeln; ganz wie es genügte, zu unterstellen, daß Arbeiter und Kapitalist auf dem Markte die Waren vorfinden, worin sie Arbeitslohn und Mehrwert verausgaben. Diese nur formelle Manier der Darstellung genügt nicht mehr bei der Betrachtung des gesellschaftlichen Gesamtkapitals und seines Produktenwerts. Die Rückverwandlung eines Teils des Produktenwerts in Kapital, das Eingehen eines anderen Teils in die individuelle Konsumtion der Kapitalisten- wie der Arbeiterklasse bildet eine Bewegung innerhalb des Produktenwerts selbst, worin das Gesamtkapital resultiert hat; und diese Bewegung ist nicht nur Wertersatz, sondern Stoffersatz, und ist daher ebensosehr bedingt durch das gegenseitige Verhältnis der Wertbestandteile des gesellschaftlichen Produkts wie durch ihren Gebrauchswert, ihre stoffliche Gestalt“(17).

Wer glaubt, Marx hätte seine Problemstellung bei der Konstruktion der Reproduktionsschemata damit zu genau benannt, um mißverstanden zu werden, der irrt gründlich. Die neokantianisch-mathematisierende Brille schiebt sich Hauptrezipienten wie Grossmann und Otto Bauer unweigerlich vor die Augen und schafft Zerrbilder.

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Dabei war die Deutung der Reproduktionsschemata alles andere als ein Randthema in der ökonomischen Debatte. Grossmanns Marxverständnis etwa zentriert sich vollständig um seine Mißdeutung der Reproduktionsschemata. Er rückt sie in den Mittelpunkt der Marxschen Theorie und sein Zugang zu diesem Problem taucht sein gesamtes Werk in methodisches Zwielicht. Deutlich wird dies in seinem Aufsatz über „Die Änderung des ursprünglichen Aufbauplans der Marxschen ‚Kapital‘ und ihre Ursachen“ aus dem Jahr 1929. Dort weist er als erster auf die Unterschiede zwischen ursprünglicher und schließlich verwirklichter Gliederung des Marxschen Hauptwerkes hin und schlägt einen bedeutungsschwangeren Bogen zu den Reproduktionsschemata.

Grossmann entdeckt zwei Phasen im theoretischen Schaffen von Marx und die Schemakonstruktion markiert den entscheidenden Übergang. Der ursprüngliche Aufbauplan des „Kapital“ von 1859 folgt laut Grossmann den Erscheinungen der empirischen Oberfläche, und erst im endgültigen Plan von 1863 überwindet Marx den empiristischen Standpunkt und wird zum Modelltheoretiker:

„Der Unterschied beider Pläne springt in die Augen. Während in dem Planvon 1859 die Einteilung des Werkes in die sechs Teile, die es umfassen sollte, unter dem Gesichtspunkt des zu behandelnden Stoffes erfolgte: Kapital, Grundeigentum, Lohnarbeit, Außenhandel usw., gliedert sich der Aufbau des Werkes nach dem endgültigen Plan unter dem Gesichtspunkte der Erkenntnis: aus methodologischen Erkenntnisrücksichten werden aus der mannigfaltigen Wirklichkeit einzelne Funktionen des industriellen Kapitals, die es während seines Kreislaufs verrichtet: Produktionsprozeß, Zirkulationsprozeß, Gesamtprozeß, gedanklich abstrahiert und gesondert darstellt ohne Rücksicht auf den Stoff . Erst innerhalb der Darstellung jeder dieser Funktionen wird der gesamte Stoff unter jeweils maßgebenden funktionellen Gesichtspunkten behandelt“(18).

Grossmann zerreißt ganz im Sinne bürgerlichen Wissenschaftsverständnisses Erkenntnisgegenstand und Erkenntnismethode und verknüpft Marxens angeblichen Übergang von einem zum anderen Standpunkt mit den Reproduktionsschemata:

„Erst eine spätere Redaktion, angefangen in der zweiten Hälfte 1863, sondert den bunt durcheinandergemengten Stoff nach den speziellen Funktionen des Kapitalkreislaufs. Daß damit eine methodologische Wendung von entscheidender Wichtigkeit vollbracht wurde, ist nun ohne weiteres klar. Das hieraus entstehende Problem ist gleichbedeutend mit der Frage: wodurch wurde dieseWendung hervorgerufen? Alles weist daraufhin, daß sie im engsten Zusammenhang mit der Entdeckung des Marxschen Reproduktionsschemas steht“(19).

Dieser frappierende Gedankengang stößt sich schon an der platten Tatsache, daß die angeblich erst 1863 entdeckten Reproduktionsschemata schon im 1858 abgeschlossenen Rohentwurf zu finden sind(20). In der dort fünfgliedrigen Schemakonstruktion sind unschwer die vertrauten zweigliedrigen Schemata des 2. Bandes auszumachen. Dieser peinliche Fehlgriff liegt zunächst einmal in der damaligen unbefriedigenden Quellenlage begründet.

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Es war sicher schwierig, über die Genesis des Kapitals, über den Zusammenhang zwischen den politökonomischen Vorarbeiten und dem Hauptwerk, bar jeder Kenntnis der „Grundrisse“ zu räsonieren(21). Eine derart eklatante Fehlspekulation kann darin aber nicht aufgehen. Sie verweist auf eine gründliche Mißinterpretation auch der Grossmann bekannten Quellen. Die Dichotomie vom jüngeren „Empiriker“ Marx und dem späteren „Modelltheoretiker“ kehrt auch bei der Deutung des „Kapital“ selber wieder und speist sich hier wie dort aus identischer Quelle, den methodischen Vorgaben Grossmanns. Wie in seinem Aufsatz „Die evolutionistische Revolte gegen die klassische Ökonomie“ besonders deutlich wird, behandelt Grossmann Hegel als toten Hund und leugnet, soweit irgend möglich, jeden positiven Bezug von Marx auf Hegel. Er schreibt dort:

„Es bedarf keines großen Aufwandes, um die angeblich hegelianische Grundlage der ‚Historisierung‘ der Nationalökonomie zu beseitigen“(22).

Stattdessen stellt er Marx in die Kontinuität evolutionistischen Denkens:

„Sechs Theoretiker verkörpern die wichtigsten Repräsentanten dieser geistigen Bewegung: in Frankreich Condorcet, Saint-Simon und Sismondi; in England Sir James Steuart und Richard Jones, und schließlich Karl Marx, der die gesamte bisherige Entwicklung in sich vereinigte und vollendete“(23).

Dieser geistesgeschichtlichen Zuordnung entsprechend fällt Grossmanns Methodenverständnis aus, und seine obskuren Mutmaßungen über die Planänderung fügen sich in ein Gesamtbild. Aus einer pittoresken Entgleisung wird ein logisches Kettenglied. Denn wer den Enzyklopädisten und Mathematiker, den großen Förderer der Integralrechnung, den Marquis de Condorcet zum geistigen Stammvater von Marx erklärt, für den kann sich die Methode der Kritik der politischen Ökonomie nur im Spannungsfeld von Empirie und mathematischen Modellen verflüchtigen. Wenn mathematische Exaktheit begriffliche Schärfe ersetzt, dann liegt es nur nahe, das Marxsche „Kapital“ insgesamt ins mathematisch-quantitative umzugießen, um es schließlich in einer primitiven Logarithmusfunktion, der berüchtigten allgemeinen Zusammenbruchsformel des kapitalistischen Systems, gipfeln zu lassen. Mit Grossmanns Mißinterpretation der Reproduktionsschemata ist das wichtigste Kapitel dieses verdrehten Drehbuchs bereits vollendet. Alles andere ist nur folgerichtig. Die wirklich zentrale Fragestellung, die Verschlingung von Stoff- und Wertersatz durch den Warenaustausch, stellt sich bei ihm vollkommen auf den Kopf. Er unterstellt dem Marxschen Werk einen rein quantitativen Sinn, sieht die wichtigste Aufgabe, die sich Marx gestellt hat, in der exakten Mehrwertmessung und packt dieses Mißverständnis geballt ins vermeintliche Zentrum der Marxschen Theorie, in die Reproduktionsschemata: „In seiner genialen Konzeption der Reproduktionsschemas“ liefert Marx laut Grossmann ein Meßinstrument für die von einem Kapital beziehungsweise Industriezweig, aber auch dem Gesamtkapital, erzeugte Mehrwertmasse und genau in dieser Aufgabenstellung erschöpft sich für ihn der Sinn der Kritik der politischen Ökonomie:

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„Da bei der kapitalistischen Produktion der Tauschwert – die Vermehrung des Tauschwerts -, der unmittelbare Zweck ist, so ist es wichtig zu wissen, wie ihn zu messen. Das Problem besteht in der exakten Bestimmung der Variationen der Mehrwertgröße im Fortgang der Akkumulation, also in der Feststellung, wieviel Mehrwert ein gegebenes, in seinem Kreislauf sich befindendes Kapital liefern kann“(24).

„Nehmen wir ein gegebenes Kapital, z.B. von 1 Million Mk. an, welches in der Textilindustrie investiert ist. Die Frage lautet: wie groß ist der unter gegebenen, exakt umschriebenen Bedingungen von diesem Kapital zu erzielende Mehrwert?“(25)

Die Schemata sollen Grossmann diese Frage beantworten und „die Variationen der Mehrwertgröße im Verlauf der Akkumulation exakt feststellen“(26).

Wenn es Marx mit den Reproduktionsschemata darum ging, die Verschlingung der Kreisläufe der Einzelkapitalien zu thematisieren, so verdreht Grossmann diese Intention in ihr Gegenteil. Während Marx die Zirkulationssphäre in seine Schemata integriert und sie als Teil des Gesamtreproduktionsprozesses darstellt, sieht Grossmann das grundlegende Motiv für dieses Rechenexempel gerade in der Abstraktion von der Zirkulation:

„Um also die exakte Beantwortung der Marxschen Frage zu ermöglichen: wieviel Mehrwert ein bestimmtes Kapital I produzieren kann, mußte Marx, um sozusagen die Produktionssphäre im chemisch reinen Zustand zu erhalten, diese Produktionssphäre von den störenden Einflüssen der Zirkuklationssphäre isolieren.“(27)

Diese rein quantitative Deutung des Reproduktionsproblems fällt auf Grossmanns gesamte Marxinterpretation zurück. Vom angeblichen non plus ultra der marxistischen Theorie aus verbreitet sich die Reduktion auf quantifizierbare Probleme in konzentrischen Kreisen auf die ganze Kritik der politischen Ökonomie und schlägt sie in ihren Bann. Grossmann unterschiebt das Motto Galileis: „Messe alles, was meßbar ist, und das Nichtmeßbare mache meßbar“(28), auch Marx als Leitmotiv.

Er feiert die Marxschen Reproduktionsschemata als genialen Keim eines Weltmodells kapitalistischer Reproduktion und Entwicklung, das notwendig noch mit vereinfachenden Voraussetzuungen arbeiten muß, und löst die Kritik der politischen Ökonomie zwangsweise in mathematisch orientierte Modelltheorie auf.

„Erst unter … diesen vereinfachenden Voraussetzungen des angenommenen Gleichgewichtszustandes, wie er im Marxschen Reproduktionsschema zum Ausdruck kommt und als ökonomisches Koordinatensystem den Ausgangspunkt seiner Analyse bildet, ist – weil alle Faktoren des Mechanismus am Beginn der Analyse exakt umschrieben sind – auch jede Veränderung im beliebig späteren Zeitpunkt der Analyse gleichfalls exakt meßbar. Die Untersuchung hat einen mathematisch-quantitativen Charakter. Erst auf Grundlage dieser methodologischen Hilfskonstruktion kann eine exakte Analyse des Akkumulationsprozesses durchgeführt und die Frage beantwortet werden: Wie gestalten sich die Variationen der Mehrwertgröße im Fortgang der Kapitalakkumulation? Kann die Akkumulation schrankenlos fortgesetzt werden, ohne daß der Reproduktionsprozeß, d.h. vom kapitalistischen Standpunkt aus der Verwertungsprozeß zum Stocken kommt?“(29)

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In der aus Marxens Feder vorliegenden Gestalt können die Reproduktionsschemata allerdings die von Grossmann umrissene Aufgabe, die empirisch vorhandene Mehrwertmasse exakt zu bestimmen, nicht erfüllen. Grossmann führt daher schrittweise Variationen an den Marxschen Schemata ein, die er als nachträgliche Korrekturen, als Annäherung an die empirische Wirklichkeit, verstanden wissen will:

„Zu untersuchen ist die empirisch gegebene Welt der Erscheinungen, die konkrete Erscheinungswelt. Diese ist aber zu kompliziert, um unmittelbar erkannt zu werden. Wir können uns ihr nur stufenweise nähern. Zu diesem Zweck werden zahlreiche vereinfachende Voraussetzungen gemacht, die uns erlauben, das Erkenntnisobjekt in seiner Kernstruktur zu erkennen. Dies ist die erste Erkenntnisstufe im Marxschen Annäherungsverfahren. Diesem methodologischen Gedanken Marxens entspricht sein Reproduktionsschema, welches den Ausgangspunkt seiner gesamten Analyse bildet und bereits den Ausführungen des I. Bandes des ‚Kapital‘ zugrunde liegt. Unter den anderthalb Dutzend vereinfachenden Voraussetzungen, die mit dem Reproduktionsschema aufs Engste verknüpft sind, befinden sich z.B. die Annahmen: daß die kapitalistische Produktionsweise isoliert, d.h. daß der Außenhandel ausgeschlossen ist; daß die Wirtschaft nur aus Kapitalisten und Arbeitern besteht, daß daher von allen sogenannten ‚dritten Personen‘ bei der Analyse abstrahiert wird; daß die Waren zu ihren Werten verkauft werden; daß vom Kredit abgesehen wird; daß der Wert des Geldes als konstant angenommen wird usw.

Es ist nun klar, daß man dank dieser fiktiven Voraussetzungen sich von der empirischen Wirklichkeit zunächst entfernt, während doch diese Wirklichkeit zu erklären ist. Daraus ergibt sich, daß die so gewonnenen Erkenntnisse nur vorläufigen Charakter haben können, daß also der ersten Erkenntnisstufe eine zweite, definitive folgen muß. Zu jeder vereinfachenden Voraussetzung gehört eine nachträgliche Korrektur, welche die zunächst vernachlässigten Elemente der realen Wirklichkeit nachträglich berücksichtigt, wodurch die ganze Untersuchung stufenweise an die komplizierte konkrete Erscheinungswelt näher gerückt und in Übereinstimmung mit ihr gebracht wird“(30).

Diese Denkfigur wiederholt sich bei Grossmann allerorten. Sie gibt die Matrix aller Vermittlungsglieder auf dem „Rückweg zur konkreten Erscheinung, um deren Erklärung es sich doch handelt“(31), ab.

Weingarten weist ganz zu Recht aufdie Mängel dieses Methodenverständnisses hin, wenn er gegen Grossmann gerichtet schreibt, daß

„er Marx bei seiner Analyse … unterstellt, er würde ähnlich der Methode der traditionellen Nationalökonomie unter den Bedingungen modelltheoretischer Restriktionen operieren“, und dann fortfährt: „Ohne an dieser Stelle zu weit in eine methodologische Diskussion einzusteigen, muß Grossmann doch entgegengehalten werden, daß die Auslotung der Differenz von Erscheinung und Wesen, wobei sich im ersten Schritt ‚die volle Vorstellung zu abstrakter Bestimmungverflüchtigt‘, grundverschieden ist von einer abstrakten Untersuchung, die auf ‚fiktiven Voraussetzungen‘ basiert. Und wenn auch im zweiten Schritt ‚die Methode, vom abstrakten zum konkreten aufzusteigen‘, letztlich eine Annäherung an die empirisch faßbare Realität bedeutet, so dreht es sich hierbei keinesfalls

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um eine nachträgliche empirische Korrektur fundamentaler Bestimmungen des Kapitalverhältnisses“(32).

Grossmann mißversteht gründlich, was Marx in Anlehnung an Hegel mit dem Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten meint. Er intendiert nicht die nachträgliche Korrektur fiktiver Annahmen anhand der empirischen Realität, sondern auf der konkreteren Stufe der Darstellung erscheint die abstraktere wieder und drückt sich darin aus. Das Konkrete ist die notwendige Erscheinungsform der abstrakten Bestimmung und keine Abweichung von ihr, wie bei Grossmann:

„Mit … provisorischen Fehlerquellen ist … jede Theorie belastet. Sie mindern durchaus nicht den Wert und die Bedeutung der Ergebnisse unserer theoretischen Analyse, nämlich die Bestimmung der Richtung, nach welcher der Faktor der fortschreitenden Kapitalakkumulation wirkt, wenn auch diese Ergebnisse einen provisorischen Charakter haben … Aus diesem Sachverhalt ergibt sich auch für uns die Aufgabe, – nachdem wir zunächst die Wirkungstendenzen des Akkumulationsgesetzes in seiner reinen Form gezeigt haben -, nachträglich die bisher nicht berücksichtigten konkreten Umstände, unter welchen die Kapitalakkumulation faktisch erfolgt, zu prüfen und zu untersuchen, inwieweit dadurch die Verwirklichung der Tendenzen des reinen Gesetzes modifiziert wird. Es muß also gefragt werden, ob und nach welcher Richtung die Entwicklungstendenzen unseres ‚reinen Systems‘ geändert würden, wenn wir in dieses System sukzessive den Außenhandel, die Klasse der Grundrentenempfänger, der Kaufleute, die Mittelklassen einfügten, wenn wir die Höhe der Mehrwertrate, des Arbeitslohnes usw. variieren würden. Erst durch die Berücksichtigung dieser nachträglichen Korrekturen wird die abstrakte Untersuchung stufenweise an die konkrete Erscheinungswelt angenähert und die Verifikation des Zusammenbruchsgesetzes durchgeführt, d.h. geprüft, inwieweit die Ergebnisse unserer abstrakten theoretischen Analyse mit den Erscheinungen der konkreten Wirklichkeit übereinstimmen“(33).

Mit diesen Worten leitet Grossmann das 3. und letzte Kapitel seines „Akkumulationsund Zusammenbruchsgesetzes“ ein, das von den „modifizierenden Gegentendenzen“ zum Fall der Profitrate handelt und mit rund 300 Seiten etwa die Hälfte des Buches ausmacht. Er faßt die Gegentendenzen als empirische Korrektur und handelt sie anhand umfangreichen empirischen und statistischen Materials ab, während er im Kapitel über „das Zusammenbruchsgesetz“ auf jegliches empirisches Einsprengsel verzichtet. Dieser Bruch in der Darstellungsweise entspringt notwendig aus Grossmanns verkürztem Methodenverständnis. Er steigt nicht wirklich vom Abstrakten zum Konkreten auf, sondern das abstrakte Modell muß notgedrungen den ihm fremden Realitäten Rechnung tragen. Dies geschieht im 3. Kapitel. Hier fordert die Empirie mit Gewalt ihr Recht und bekommt es. Allerdings besteht dabei Grossmanns Annäherung an die empirische Wirklichkeit nur platt positivistisch darin, daß der Realität äußerliche Hypothesen und Modelle anhand der Erfahrung auf ihre Tauglichkeit abgeklopft, verifiziert und schließlich an die empirischen Verunreinigungen angepaßt werden:

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„Wie jede abstrakte, auf deduktivem Wege gewonnene Theorie nicht unmittelbar mit den Erscheinungen zusammenfällt, so stimmt auch die hier dargestellte Zusammenbruchs- und Akkumulationstheorie nicht unmittelbar mit den Erscheinungen des kapitalistischen Alltags überein, da die Bedingungen des ‚reinen‘ Kapitalismus, der bisher den Gegenstand unserer Analyse bildete, und des ‚empirischen‘ Kapitalismus, der uns jetzt beschäftigen soll, nicht identisch sind, weil bei der theoretischen Ableitung mit Vereinfachungen gearbeitet wurde, d.h. viele reale Faktoren der Erscheinungswelt aus der Analyse bewußt ausgeschieden wurden.“(34)

Diese Gegenüberstellung von ‚reinem‘ und ‚empirischem‘ Kapitalismus ist dem Marxschen Ansatz vollkommen fremd und entgegengesetzt. Sie hat ihr Vorbild in den Naturwissenschaften, insbesondere in der klassischen Physik. Grossmann betont auch ganz offenherzig die Übereinstimmung seines Marxverständnisses mit der naturwissenschaftlichen Theoriebildung, und Paul Mattick, der Epigon des Epigonen, vertritt die vermeintliche Analogie zwischen Kapitalkritik und positivistischer Naturwissenschaft nur besonders drastisch, wenn er das „Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems“ mit dem Gesetz der Schwerkraft auf eine Stufe stellt:

„Dieses Gesetz des Zusammenbruchs wird jedoch nicht in ,reiner Form‘ wirksam, sondern, wie jedes andere Gesetz, in der Realität mehr oder oder weniger modifiziert. Diese Modifizierungen werden detailliert im dritten Buch dargestellt, insbesondere in dem Abschnitt, der sich mit dem Gesetz des Falls der Profitrate beschäftigt. Genau wie das Gesetz der Schwerkraft sich in der Realität nur in modifizierter Form auswirkt, so auch das Gesetz des Zusammenbruchs des Kapitalismus“(35).

Diese Lesart verkennt vollkommen die Logik der berühmten Kapitel 14 und 15 im 3. Band des Kapitals. Bei Marx sind die entgegenwirkenden Ursachen selber in der Entfaltungslogik des Gesetzes vom tendenziellen Fall eingeschlossen. Sie müssen es sein, da die selben Ursachen, die den Fall der Profitrate bewirken, auch die gegenwirkenden Tendenzen hervorrufen. Der Produktivitätsfortschritt drückt sich einerseits im Anwachsen des konstanten gegenüber dem variablen Kapital aus und andererseits gleichzeitig sowohl in der Erhöhung der Mehrwertrate als auch in der Entwertung von Bestandteilen des konstanten Kapitals. Grossmann zerreißt diesen inneren Zusammenhang. Die entgegenwirkenden Ursachen sind äußerliche Störungen, platt-empirische Hemmnisse, die der Durchsetzung des Gesetzes in seiner Reinheit entgegenstehen. Genauso wie das Gesetz vom freien Fall sich ideal nur im Vakuum durchsetzt und in seiner Wirkung durch die Reibung der Luft beeinträchtigt wird, genauso logisch unvermittelt stehen bei Grossmann das Gesetz des Falls der Profitrate und die entgegenwirkenden Ursachen einander gegenüber.

„Grossmann interpretiert die Einführung von vereinfachenden Hypothesen als eine rein methodologische Konstruktion in einem abstrakten Modell, dessen Beziehung zur Realität der gesellschaftlichen Kategorien, auf die es sich gründet, nicht geklärt werden“(36).

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Die willkürlich und bloß einstweilen angenommenen Hypothesen müssen im Verlauf der Untersuchung beweisen, ob sie widerspruchsfrei die empirische Oberfläche beschreiben und erklären können. Daraus allein, also nur a posteriori, beziehen sie ihre Rechtfertigung. Hegel äußert sich in der „Wissenschaft der Logik“, die Marx ja bekanntlich bei seiner Abfassung des Kapitals mehr als nur inspiriert hat, zu einem solchen Vorgehen grundsätzlich methodisch:

„Weder ist jener Anfang etwas Willkürliches und nur einstweilen Angenommenes, noch ein als willkürlich Erscheinendes und bittweise Vorausgesetztes, von dem sich aber doch in der Folge zeige, daß man recht daran getan habe, es zum Anfange zu machen; nicht wie bei den Konstruktionen, die man zum Behuf des Beweises eines geometrischen Satzes angewiesen wird, es der Fall ist, daß von ihnen es sich erst hinterher an den Beweisen ergibt, daß man wohlgetan habe, gerade diese Linien zu ziehen und dann in den Beweisen selbst mit der Vergleichung dieser Linien oder Winkel anzufangen; für sich an diesem Linienziehen oder Vergleichen begreift es sich nicht.“(37)

Für diesen Zusammenhang bilderbuchhaft begründet Grossmann das Absehen vom Kredit in seiner Krisentheorie und stellt sich damit schon exemplarisch auf die von Hegel vernichtend kritisierte Position. Er schneidet den Kredit aus seiner Betrachtung aus, um zu überprüfen, ob es ihm gelingt, auch ohne ihn die Krisen zu erklären:

„Es ist zu fragen, ob die Krisen notwendig mit dem Kredit zusammenhängen? Aus methodologischen Gründen der Analyse ist daher der Kredit zunächst auszuschalten und zu prüfen, ob auch dann die Krisen eintreten könnten.“(38)

Grossmann meint, dafür den Beweis erbracht zu haben, und so tritt der Kredit in seiner Krisentheorie nicht als wesentliche Variable auf, sondern schrumpft zur empirischen Verunreinigung. Grossmann verfälscht die Marxsche Dialektik in ein Ausschlußverfahren. Nichts ist aber unsinniger, als Marx trial-and-error-Vorgehen zu unterstellen.

Marx scheidet den Kredit nicht aus, um zu prüfen, ob er ohne ihn auskomme. Für Marx ist a priori klar, daß die Hereinnahme des Kredits zur Untersuchung der allgemeinen Bedingungen der Krisen nichts beiträgt. Er muß das nicht nachträglich beweisen. Marx weist die allgemeine Möglichkeit der Krise schon in der allgemeinsten Logik des Kapitals, auf einer Abstraktionsstufe, die den Kredit noch gar nicht kennt, nach. Marx läßt den Kredit nicht wie Grossmann als Nebensache weg, sondern versteht ihn als abgeleitete Gestalt, die aus der abstrakten Stufe der Untersuchung logisch entfaltet werden muß und daher auch, bei der Krisentheorie erst bei der Betrachtung der Oberfläche mit abgehandelt werden kann. Nur deshalb schreibt Marx, was Grossmann als Beleg seiner Interpretation nimmt:

„In der Untersuchung, warum die allgemeine Möglichkeit der Krise zur Wirklichkeit wird, der Untersuchung der Bedingungen der Krise, ist es also gänzlich überflüssig, sich um diejenigen Krisen zu bekümmern, die aus der Entwicklung des Geldes als Zahlungsmittel (Kredit) (Erläuterung von Grossmann, E.L.) entspringen. Gerade deswegen

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lieben es die Ökonomen, diese selbstverständliche Form als Ursache der Krisen vorzuschützen“(39).

In seiner abgrundtiefen Abneigung gegen Hegel war Grossmann nicht klar, daß für Marx auch eine „selbstverständliche Form“ nicht einfach ihrem wesenhaften Inhalt äußerlich ankleben kann, daß also zwischen beiden eine innere Beziehung besteht und die Bewegungsform aus dem Inhalt entfaltet werden muß. Mit einer bloßen nachträglichen Korrektur, wie sie Grossmann im Auge hat, hat das Marxsche Vorgehen nicht die geringste Ähnlichkeit, und nur, wer Marx konsequent durch die Brille Kants statt Hegels liest, kann seine Theorie in diese Richtung modeln. Aber gerade dieses Mißverständnis war zur Zeit der 2. und 3. Internationale allgemein vorherrschend, und gerade die marxistischen Ökonomen konnten sich dem übermächtigen marxologisierenden Neokantianismus am allerwenigsten entziehen(40). Sie folgten brav und mit größter Selbstverständlichkeit Kant, und die Dialektik von Inhalt und Form, die die Kohärenz des Marxschen Ansatzes erst konstituiert, löst sich in Zufälligkeiten, d.h. in rein äußerliche Bezugnahme auf. Grossmann sieht bei seiner Ausscheidung des Kredits von der allgemeinen Möglichkeit der Krise, von der Marx spricht, völlig ab. Er muß es auch, denn seine Vorstellung von quasi naturwissenschaftlicher Hypothesenbildung kann die entfaltete Krisentheorie nicht wirklich als Ausdruck und in gewisser Weise Wiederholung der Widersprüche fassen, die sich schon auf der Ebene der Ware zeigen, sondern zerreißt das innere Band der Marxschen Darstellung und zerstört die Einheit der Kritik der politischen Ökonomie. Zwar schreibt er in seiner Einleitung:

„Das Annäherungsverfahren von Marx ist zweistufig, teilweise sogar dreistufig. Sämtliche Erscheinungen und Probleme werden somit zumindest zweimal behandelt …“,(41)

aber der Zusammenhang beider Behandlungen verflüchtigt sich. Es besteht zwischen ihnen kein Vermittlungszusammenhang mehr, sondern sie hängen nur äußerlich zusammen, sie behandeln dasselbe Problem. Der zweite Durchlauf beinhaltet statt Entfaltung der inhärenten Logik nun auf „konkretem“ Niveau Nachbesserungen. Diese nur noch additive Verknüpfung entspringt notwendig dem mathematisch-quantitativen Charakter der Arbeit Grossmanns, den er auch dem Marxschen Kapital unterstellt. Schon Hegel hat „das Untergeordnete der Wissenschaft, die in der Mathematik stattfinden kann“(42) in der „Wissenschaft der Logik“ genau an diesem Punkt sehr einprägsam festgemacht.

Er grenzt sich dort scharf gegen jedes Philosophieren ab, das sich an der mathematischen Logik zu orientieren sucht:

„Was solchen Inhalt betrifft, so ist schon … der Grund angegeben worden, warum er so geistlos ist. Die Bestimmungen desselben gelten in ihrer Festigkeit unverrückt und werden nur in äußerliche Beziehung miteinander gebracht. Dadurch, daß bei den Urteilen und Schlüssen die Operation vornehmlich auf das Quantitative der Bestimmung zurückgeführt und begründet werden, beruht alles auf einem äußerlichen Unterschiede, auf bloßer Vergleichung, wird ein völlig analytisches Verfahren und begriffsloses Kalku-

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lieren. Das Ableiten der sogenannten Regeln und Gesetze, des Schließens vornehmlich, ist nicht viel besser als ein Befingern von Stäbchen von ungleicher Länge, um sie nach ihrer Größe zu sortieren und zu verbinden, – als die spielende Beschäftigung der Kinder, von mannigfaltig zerschnittenen Gemälden die passenden Stücke zusammenzusuchen – … In der Arithmetik werden die Zahlen als das Begrifflose genommen, das außer seiner Gleichheit oder Ungleichheit, d.h. außer seinem ganz äußerlichen Verhältnisse keine Bedeutung hat, das weder an ihm selbst, noch dessen Beziehung ein Gedanke ist.“(43)

Diese Kritik trifft Grossmann, der sich hoffnungslos in mathematischen Übungen verliert, voll. Mit seiner rein quantitativen Herangehensweise steht von vornherein fest, daß sich seine Krisen- und Zusammenbruchstheorie in einer Sackgasse verlaufen muß. Denn wer wie Grossmann den

„allgemeinen Sinn der Kritik der politischen Ökonomie als die Suche nach quantitativen Variablen, von denen das Überleben des Systems abhängt, bestimmt“,(44)

verheddert sich sehr schnell in fruchtlosen Rechenexempeln und verliert die entscheidende qualitative Seite, den Zusammenprall der stofflichen Produktivkraftentwicklung mit der Wertform, in der sie gefangen bleibt, aus dem Auge. Der Zusammenbruch beruht dann auf einem für die Fortexistenz des Kapitals ungünstigen Zahlenverhältnis innerhalb der Wert- und Warenkategorie, und diese quantitative Seite verweist mit nichts auf die Krise dieser Kategorien selber. Begrifflos werden die Kategorien, auf denen die kapitalistische Produktionsweise beruht, faktisch festgeschrieben. Wertform und Ware verkommen zu Definitionen ein für allemal feststehender kapitalistischer Wesenheiten, die innerhalb der kapitalistischen Entwicklung unverändert fortgeschleift werden und die im besten Fall durch den proletarischen Zugriff, nach der Revolution, abgeschafft werden. Innerhalb der kapitalistischen Formation bleiben sie ahistorisch außerhalb der Dynamik kapitalistischer Entwicklung und sind daher der kapitalistischen Krisen- und Entwicklungstheorie als nicht weiter zu reflektierende Grundlagen vorgeschoben, statt in ihrer historischen Entfaltungslogik im Mittelpunkt der Analysen zu stehen.

3. Grossmanns Interpretation der Marxschen Reproduktionsschemata

Aber zurück zum Dreh- und Angelpunkt von Grossmanns Theorie, zu seiner Auseinandersetzung mit den Reproduktionsschemata. Die beschriebenen methodischen Prämissen kommen hier verheerend zur Wirkung und führen zu einer tiefgreifenden Transformation der Marxschen Schemata. Die klammheimliche Veränderung der Marxschen Fragestellungen, ihre Verschiebung ins mathematisch-quantitative, läßt auch die Lösung des Reproduktionsproblems im 2. Band des Kapitals in gänzlich anderem Licht erscheinen und macht sie schließlich fragwürdig. Die Transformation beginnt mit einem Schwerpunktwechsel. Während Marx das Problem der einfachen Reproduktion in den Mittelpunkt stellt, um die

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Verschränkung von Stoff- und Wertersatz zu analysieren, verschwindet in Grossmanns rein quantitativerUntersuchung die einfache Reproduktion als theoretisches Problem vollkommen. Aus dem zentralen Thema bei Marx wird bei Grossmann eine banale Selbstverständlichkeit, die kaum der Erwähnung wert ist. Für Marx hingegen war das 21. Kapitel, in dem er Akkumulation und erweiterte Reproduktion behandelt, nicht viel mehr als ein Anhang zur einfachen Reproduktion. Nicht zufällig geht er bei der Behandlung der Reproduktion des Gesamtkapitals im 3. Abschnitt des 2. Bandes erst im letzten Viertel auf diese Fragestellung ein und handelt sie auf rund 30 Seiten ab, wahrend er für die Darstellung der einfachen Reproduktion rund 100 Seiten benötigt; er stellt auch explizit heraus:

„Die Hauptschwierigkeiten bieten sich nicht bei der Betrachtung der Akkumulation, sondern der einfachen Reproduktion“(45).

Die Frage nach der Verknüpfung von Verwertung und stofflicher Reproduktion, die sich als Proportionalitätsproblem ausdrückt, stellt sich in ihrer ganzen Breite schon auf der Ebene der einfachen Reproduktion. Die Einführung der erweiterten Reproduktion variiert im Marxschen Schema nur die Verteilung der gesellschaftlichen Gesamtproduktion zwischen den beiden Hauptabteilungen, sie fügt aber zum Grundproblem der Proportionalität nichts entscheidend neues hinzu. Es verwandelt sich lediglich ein Teil des gesamtgesellschaftlichen Konsumtionsfonds, genauer gesagt des Konsumtionsfonds der Kapitalistenklasse, in Akkumulationsfonds. D.h. stofflich gesehen, ein Teil der gesamtgesellschaftlichen Produktmenge, die bisher im privaten Konsum der Kapitalisten ihr Ende fand, wird durch Produkte ersetzt, die entweder als Produktionsmittel nur produktiv konsumiert werden können oder als Lebensmittel für zusätzliche Arbeiterschaft sich mit zusätzlichem variablen Kapital tauschen. (Soweit Arbeiter und Kapitalisten dieselben Waren konsumieren, der zusätzliche Arbeiter also den Mercedes kauft, den sich sonst der Kapitalist angeschafft hätte, verändert sich von dieser Seite die stoffliche Produktion nicht). Wenn Marx im 2. Band für die ideale Reproduktion die Gleichgewichtsformel IIc = Iv + Im aufstellt, so ergibt sich eine analoge Gleichgewichtsbedingung, die Marx nur tabellarisch beschrieb, die Bucharin aber treffend in die Formel cII + bcII = vI + aI + bvI goß. (Wobei cII das konstante Kapital in Abteilung II, bcII das zusätzliche konstante Kapital in dieser Abteilung, vI das variable Kapital aus Abteilung I, aI der konsumierte Teil des Mehrwerts der Kapitalisten aus Abteilung I, und bvI das zusätzlich von Abteilung I benötigte variable Kapital). Für Marx ist die erweiterte Reproduktion nur ein sekundäres Problem, daher bleibt der einfachere Fall, die einfache Reproduktion, das Hauptthema in diesem Zusammenhang und eben nicht die Akkumulation. Bei Grossmann stellt sich dieses Verhältnis, ohne daß er es auch nur bemerken würde, sofort auf den Kopf. Unter Abstraktion von der Gebrauchswertseite, rein wertimmanent, wie Grossmann nun einmal denkt, kann die einfache Reproduktion ex definitione keinerlei ernste theoretische Schwierigkeiten machen. Die exakt zu

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messende Mehrwertmenge bleibt sich unter diesen Bedingungen schlicht selber gleich, und rätselhaft könnte Grossmann nur aufstoßen, warum Marx sich an diesem doch banalen Punkt so lange aufgehalten hat. Doch dessen unbekümmert und frohgemut springt Grossmann unmittelbar und unbesehen zum Akkumulationsproblem und prallt dort natürlich prompt mit den Marxschen Formeln der erweiterten Reproduktion zusammen. Sie erweisen sich in ihrer aus Marxens Feder vorliegenden Gestalt sehr schnell als unzulänglich, um Grossmanns Problem der exakten Berechnung des empirisch vorhandenen Mehrwerts zu leisten, und Grossmann macht sich sofort und ohne Blick zurück daran, sie im Sinne seiner Fragestellung nachzubessern.

Ein wesentlicher Widerspruch zwischen den Marxschen Schemata und der kapitalistischen Wirklichkeit springt sofort ins Auge, und Rosa Luxemburg hat auf diesen „Mangel“ in ihrer „Akkumulation des Kapitals“ schon ausführlich hingewiesen. Die Schemata gehen von konstanter technischer Grundlage aus, wahrend doch gerade deren permanente Revolutionierung das Kapitalverhältnis wesentlich charakterisiert. Weder die Erhöhung der Mehrwertrate noch der organischen Zusammensetzung finden in der Marxschen Schemakonstruktion ihren Niederschlag, beide bleiben im Prozeß kapitalistischer Akkumulation in der schematischen Darstellung unverändert. Grossmann, auf seiner Suche nach einem Weltmodell kapitalistischer Entwicklung, hat natürlich nichts eiligeres zu tun, als dieses eklantante Manko nachträglich zu korrigieren, und führt zunächst die Veränderung der organischen Zusammensetzung nachträglich ein, um später auch noch die Erhöhung der Mehrwertrate zu berücksichtigen.

Grossmann ist nicht der erste, der diesen Holzweg einschlägt. Marxistische Neoharmoniker hatten schon vor ihm in die gleiche Richtung gedacht und sich bemüht, die Marxschen Reproduktionsschemata als vermeintliches Modell kapitalistischer Entwicklung den empirischen Tatsachen besser anzupassen. Allerdings erwarteten sie als Ergebnis eines realitätsgerechteren Modells nicht wie Grossmann den Zusammenbruch des kapitalistischen Systems. Sie gingen davon aus, daß das ideale Gleichgewicht in den Marxschen Schemata ein reales, sich selbst immer wieder herstellendes Gleichgewicht in der kapitalistischen Wirklichkeit intendieren würde, und deuteten so die Ausführungen von Marx im 3. Abschnitt des 2. Bandes des Kapitals ganz im Sinne Bernsteins als Loblied auf die Lebensfähigkeit des kapitalistischen Systems. Als Apologeten des Kapitals schritten sie zu den gleichen Nachbesserungen an den Schemata, um die es später auch Grossmann ging.

„Der Umstand, daß die Gleichgewichtsformel der erweiterten Reproduktion, die den Marxschen Schemata zugrunde liegt, sich bloß auf die Akkumulation unter gleichbleibenden Produktionsbedingungen anwenden läßt, veranlaßt mehrere Autoren zu mathematischen Fleißaufgaben, womit sie zeigen wollten, daß das ‚Versagen‘ dieser Formel nicht im Wesen der Sache, sondern in den allzu strengen Voraussetzungen, an die Marx

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sein Schema knüpfte, liege; und daß folglich bei einer entsprechenden Modifizierung dieser Voraussetzungen ein Schema der erweiterten Reproduktion konstruiert werden könne, welches auch bei Berücksichtigung des technischen Fortschritts ein dauerndes Gleichgewicht der beiden Abteilungen der gesellschaftlichen Produktion ausweisen würde … Das bekannteste Beispiel dieser Art ist das von Otto Bauer in seiner Kritik an Rosa Luxemburg entworfene Reproduktionsschema“(46),

das Rosa Luxemburgs These, die Marxschen Reproduktionsschemata könnten nur auf Grundlage konstanter Technologie funktionieren, entkräften sollte (siehe Tabelle 1). <—-???

In Bauers Reproduktionstabellen wächst der konstante Teil des Gesamtkapitals doppelt so schnell wie der variable, und trotzdem herrscht innerhalb jeder Produktionsperiode Gleichheit zwischen den beiden Abteilungen.

„Um dies zu bewerkstelligen, muß freilich Otto Bauer (wie vor ihm Tugan-Baranowsky) eine der Grundvoraussetzungen der Marxschen Schemata fallen lassen: nämlich die Voraussetzung, daß die einzige Beziehung zwischen den Abteilungen I und II im gegenseitigen Austausch ihrer respektiven Produkte bestehe. Er läßt vielmehr die Abteilung II … in der Abteilung I investieren“(47).

Rosa Luxemburg hat den Finger in diese klaffende Wunde des Bauerschen Schemas gelegt. Sie hat in ihrer Antikritik darauf aufmerksam gemacht, daß es ohne Mehrwerttransfer von Abteilung II in Abteilung I nicht auskommen kann, und sie zeigte auch den Widerspruch zu den wesenhaften Voraussetzungen von Marxens Konstruktion auf. Betrachten wir das 1. Jahr in Bauers tabellarischer Darstellung (siehe Tabelle 1), so läßt sich dieser Fehler leicht nachvollziehen. In diesem Jahr fallen in Abteilung I 12 500 Einheiten Mehrwert zum Zwecke der Akkumulation an (av + ac). Das in Abteilung I im nächsten Jahr benötigte Zusatzkapital beträgt allerdings 18 333. Die Differenz von 5 833 transferiert Bauer klammheimlich aus Abteilung II. Zahlenmäßig geht diese Rechnung natürlich auf. Abteilung II wächst auf Grund der sich erhöhenden organischen Zusammensetzung entsprechend weniger. Es werden im ersten Jahr ebenfalls 12 500 Einheiten Mehrwert für Akkumulationszwecke erzeugt, das in Abteilung II im nächsten Jahr benötigte Zusatzkapital beträgt aber nur 6 667. Der Kapitalüberschuß hier deckt rechnerisch den Kapitalmangel dort. Trotzdem bleiben Schönheitsfehler. Bauer kann den Mehrwert nur transferieren, weil er ihn schon in Geldform denkt, und auf dieser Ebene hat er natürlich recht. Für Geldkapital, Kapital in flüssigerForm, ist natürlich der Wechsel aus einer Abteilung in die andere kein Problem. Allerdings setzt Bauer dabei die Realisierung, die die Schemata als wechselseitige Realisierung erklären und darstellen sollen, schlicht voraus! Denn Mehrwert kommt zunächst nicht als Geld, sondern in der Form bestimmter Gebrauchswerte zur Welt. Mit seiner Flucht zu Neuanlage und Kredit dreht sich Bauer nur im Kreis und am Problem vorbei. Er läßt Mehrwert aus Abteilung II in Abteilung I auswandern, ohne darauf zu achten, daß dieser Mehrwert nicht nur als Tauschwert, sondern auch in konkreter stofflicher

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Form vorliegen muß. Der in Abteilung II überschüssige Mehrwert besteht natürlich aus überflüssigen Konsumtionsmitteln, denn andere Güter produziert Abteilung II per definitionem nicht(48). Das in Abteilung I noch fehlende Zusatzkapital müßte aber zum größeren Teil aus zusätzlichen Produktionsmitteln bestehen. Neben zusätzlichem variablen Kapital, das seine Reproduktionsgrundlage in den von Abteilung II erzeugten Produkten findet, wären in erster Linie zusätzliche Produktionsmittel notwendig. Die Veränderung der organischen Zusammensetzung macht die gesellschaftliche Gesamtproduktion disproportional, und so scheitert der Wertransfer daran, daß die stoffliche Übertragung von Abteilung II in Abteilung I nicht funktioniert. Bei erhöhter organischer Zusammensetzung sind gesamtgesellschaftlich relativ weniger Konsumtionsmittel und mehr Produkte vonnöten, die in die produktive Konsumtion eingehen können. Blutwürste, Tampons, Ballettschuhe und ähnliches sind dafür nur bedingt geeignet. Erhöht sich die organische Zusammensetzung des Gesamtkapitals, so werden sie in der schematischen Darstellung teilweise überflüssig. Der in ihnen steckende Wert kann sich nicht realisieren, während es gleichzeitig an Produktionsmitteln fehlt. Jede technologische Umwälzung ist nicht nur mit Entwertung vorhandener Kapitalien verbunden und insofern schon Abweichung vom Idealverlauf kapitalistischer Wert- und Stoffreproduktion, sie zerstört auch, soweit sie die organische Zusammensetzung affiziert, die ursprüngliche Proportionalität zwischen den Abteilungen, und nur weil es immer teilweise brachliegendes Kapital gibt, das in unserem Schema nicht erscheint, aber bei Bedarf zusätzlich angewandt werden kann, und weil der Akkumulationsprozeß überhaupt im Gegensatz zum Schema höchst elastisch verläuft(49), kommt es nicht unbedingt zwingend zu umfangreichen krisenhaften Entwertungsprozessen zusätzlich zum moralischen Verschleiß. Anwachsen der organischen Zusammensetzung heißt gesamtgesellschaftlich notwendig Schrumpfen von Abteilung II relativ zu Abteilung I, und ein neues Gleichgewicht kann sich nur durch Disproportionalitäten hindurch herstellen.

Zu ähnlichen Störungen kommt es, wenn wir versuchen, innerhalb der schematischen Darstellung die Veränderung der Mehrwertrate oder eine variierende Verteilung zwischen akkumuliertem und konsumiertem Bestandteil des Mehrwerts einzubeziehen. Rosa Luxemburg hatte in ihrer Antikritik vollkommen recht, wenn sie betonte, daß

„die Berücksichtigung des technischen Fortschritts, d.h. der stufenweisen Verschiebung im Verhältnis des konstanten zum variablen Kapital sowie das Wachstum der Mehrwertrate … der Darstellung der Akkumulation unüberwindliche Schwierigkeiten bereiten“(50) würde.

Allerdings spricht das nicht, wie sie dachte, gegen die Marxschen Schemata, sondern nur gegen deren harmonistische Interpretation. Vergegenwärtigen wir uns den Gesamtzusammenhang, so verbietet sich eine solche Deutung von vornherein. Im Gegenteil: die hypothetischen, dem Wesen des Kapitalverhältnisses wider-

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sprechenden Bedingungen idealer Reproduktion schlagen augenblicklich in ebensoviele Bedingungen des anomalen Verlaufs und in die Möglichkeit von Krisen um. Unter diesem Gesichtspunkt fügt sich das Reproduktionsproblem nahtlos in den Marxschen Ansatz der Kritik der politischen Ökonomie. Die klassische Krisendebatte ging an diesem Zusammenhang vollkommen vorbei. Alle wesentlichen Beteiligten des damaligen Streits unterstellten Marx, er habe mit den Reproduktionsschemata ein Abbild der kapitalistischen Wirklichkeit erstellen wollen. Die Neoharmoniker und später Grossmann bezogen sich positiv auf dieses vermeintliche Unterfangen und schickten sich an, die von Marx nicht zu Ende gebrachte Aufgabe zu vollenden, während Rosa Luxemburg Marx wegen dieser Aufgabenstellung bald kritisierte, bald sich selbst zu eigen machte, ohne zu bemerken, daß sie einem Popanz aufsaß(51).

Anderthalb Jahrzehnte nach den theoretischen Gefechten zwischen Otto Bauer und Rosa Luxemburg nimmt Henryk Grossmann den Diskussionsfaden genau dort wieder auf, wo er nach Luxemburgs Antikritik vom 1. Weltkrieg und seinen Erschütterungen abgerissen worden war. Methodisch stellt er sich dabei ganz entschieden auf die Seite Bauers und will die harmonistische Deutung auf ihrem eigenen Boden schlagen. So räumt er Bauer ein, die Fragestellung Rosa Luxemburgs im Wesentlichen ausgeräumt zu haben:

„Es ist Bauer gelungen, ein Reproduktionsschema zu konstruieren, das … allen formellen Anforderungen, die an eine solche schematische Konstruktion überhaupt gestellt werden können, tatsächlich entspricht“(52).

Deswegen hält er sich bei der Darstellung seiner eigenen Zusammenbruchstheorie eng an das Bauersche Schema und schreibt:

„Bei der folgenden Betrachtung wollen wir uns … ganz auf den Boden der Bauerschen Voraussetzungen stellen“(53) und „auf jede eigene Konstruktion von Schemata verzichten und den wahren Sachverhalt an dem Reproduktionsschema Otto Bauers nachweisen“(54).

Die Prämissen, auf denen Bauers Schemakonstrukt beruht, wiederholen sich folgerichtig auch bei Grossmann. Denn alles, was Grossmann gegen Bauer einzuwenden hat, beschränkt sich auf den Vorwurf, daß er sein eigenes phantastisches Modell nicht lange genug weitergerechnet hat:

„Spricht man von Entwicklungstendenzen eines Systems … dann genügt es nicht, sich auf ein Jahr oder ähnlich kurze Zeitabschnitte zu beschränken, sondern man muß, wie jeder Statistiker weiß, die Entwicklung des Systems wahrend einer längeren Zeitperiode beobachten. Bauer hat dies nicht getan. Er hat seine Berechnungen bloß auf 4 Produktionszyklen erstreckt. Hieraus ergeben sich die Fehler seiner Untersuchung … Hätte Bauer die Entwicklung des Reproduktionsprozesses durch genügend lange Zeit verfolgt, so würde er den notwendigen Zusammenbruch seines Systems sofort erkannt haben“(55).

Allein durch geduldiges Weiterrechnen verwandelt Grossmann Bauers neoharmonisches stabiles Gleichgewicht in seine Zusammenbruchstheorie. Was die Reproduktionsschemata selber betrifft, so erweist sich der theoretische Zugang als

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identisch. Beide fahren methodologisch im gleichen Gleis, lediglich in umgekehrter Fahrtrichtung. Wahrend Bauer mit seinem Konstrukt die potentielle Unendlichkeit kapitalistischer Reproduktion zu illustrieren sucht, leitet Grossmann aus der gleichen schematischen Darstellung den unvermeidlichen Zusammenbruch des kapitalistischen Systems ab. Die Blutsverwandtschaft bewährt sich in Grossmanns Polemik gegen Rosa Luxemburg.

Um Bauer die „wirklichen“ Implikationen seines Schemas um die Ohren hauen zu können, muß Grossmann es zunächst gegen die Angriffe Rosa Luxemburgs verteidigen. Dieses schwierige Problem löst er dadurch, daß er eine andere, vollkommen abseitige Fragestellung in seine Betrachtung mit hineinnimmt. Um Bauers Prämissen zu retten, benutzt Grossmann einen der beliebtesten Nebelwerfer marxistischer Theoriedebatten: die Wert-Preis-Transformation. Mit dieser Mistgabel bewaffnet, wirbelt er solange Staub auf, bis der klammheimliche Mehrwerttransfer aus Abteilung II in Abteilung I in der Verwandlung von Werten in Preise aufgeht. Sehr anschaulich tritt uns dieser billige Taschenspielertrick in einem Brief Grossmanns an seinen Schüler Paul Mattick entgegen. Zunächst wälzt er das von uns oben schon beschriebene Problem bei Bauers Schema hin und her:

„Rosa Luxemburg und ihr Anhänger Sternberg behaupten, daß diese 4666 (Grossmann bezieht sich hier ebenfalls auf das erste Jahr des Bauerschen Schemas, berücksichtigt allerdings als Akkumulation nur das in c verausgabte Kapital und nicht ebenfalls das zusätzlich erheischte variable Kapital, was aber nichts weiter zur Sache tut. E.L.) in der Abteilung II keinen Absatz finden können, daß sie also einen unabsetzbaren Rest darstellen, womit bewiesen ist, daß ein Gleichgewicht, d.h. ein restloser Absatz unmöglich ist. Das war ihr stärkstes Argument. Und was hat darauf Otto Bauer geantwortet? Er schwieg. Aber seine Frau, Helene Bauer, die in Wien eine große Rolle spielt, besonders in der Redaktion des theoretischen Organs der österreichischen Sozialdemokratie „Der Kampf“, – dabei aber ein flaches Weib ist – antwortete, daß diese 4666 im Kreditwege aus der Abteilung II in die Abteilung I verschoben werden. Eine solche Antwort ist identisch mit einem theoretischen Bankrott Otto Bauers, und Sternberg hatte leichten Erfolg. Denn wenn man die Voraussetzung macht, daß die Umsätze im Schema ohne Kredit vorgehen (und Marx macht tatsächlich eine solche Voraussetzung), dann kann und darf man nachträglich, wenn man in Schwierigkeiten geraten ist, diese gemachte Voraussetzung nicht ändern …“(56).

So weit so gut. Dann erscheint aber Grossmann höchst persönlich auf dem theoretischen Schlachtfeld und gibt dem Ganzen eine pikante Wendung:

„In dem Bauerschen Schema ergibt sich in der Abteilung I … eine andere Profitrate als in der Abteilung II. Nehmen Sie ein einfaches Beispiel:

I  4000c + 1000v + 1000m = 6000

Profitrate p = 5000 : 1000 = 20%

II 2000c + 1000v + 1000m = 4000

Profitrate p = 3000 : 1000 = 33.3%

In der Abteilung I Profitrate 20%, in der Abteilung II Profitrate 33.3%. Im kapitalistischen System können auf die Dauer keine so großen Unterschiede in der Profitrate bestehen. Es

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besteht die Tendenz zur Ausgleichung der Profitraten … auf welchem Wege … auch immer diese Ausgleichung stattfindet, so ist das Ergebnis dieser Ausgleichung, daß in beiden Abteilungen sich dieselbe Profitrate herstellt, d.h. 25% … d.h., die Abteilung I muß behufs Ausgleichung der Profitrate die Waren über ihrem Wert verkaufen, die Abteilung II unter ihrem Wert …Vermittels dieser Preisabweichungen wird ein Teil des in Abteilung II übergroßen Mehrwerts in die Abteilung I, wo der Mehrwert zu klein ist, übertragen, und zwar nicht im Wege des Kredits, sondern im Wege des normalen Warenabsatzes. Und so ist die Erklärung dafür gegeben, warum ein Teil des Mehrwerts aus Abteilung II in Abteilung I wandern muß. Denn würde man diese Wanderung, diese Verschiebung nicht vollführen, dann wäre die Ungleichheit der Profitraten da; Marx sagt aber, und die kapitalistische Wirklichkeit bestätigt es, daß die Tendenz zur Ausgleichung der Profitraten, der treibende Faktor des kapitalistischen Systems ist“(57).

Was Grossmann in seinem Brief an Paul Mattick androht, wird zum Leitmotiv seiner Erwiderung auf Rosa Luxemburg. Ob ein unabsetzbarer Warenrest übrig bleibt, läßt sich an Hand des Bauerschen Schemas nicht entscheiden, dazu müßte es der Wirklichkeit weiter angenähert werden und das Problem der Wert-Preis-Transformation in der Schemabildung berücksichtigt werden, und Grossmann ist überzeugt davon, daß sich dann die überschüssigen Warenberge in Wohlgefallen auflösen. In seinem Aufsatz „Die Wert-Preis-Transformation bei Marx und das Krisenproblem“ reitet er bis zum Exzess auf diesem Gedankengang herum, um von den unlösbaren Schwierigkeiten, die sich durch die Berücksichtigung der Veränderung der organischen Zusammensetzung ergeben, abzulenken. Er meint,

„daß die Beweisführung Rosa Luxemburgs und ihrer Anhänger, aber ebenso auch Hilferdings und Otto Bauers von vornherein verfehlt sein mußte, da sie es unternahmen, die Krisengesetzmäßigkeit des Kapitalismus an einen Schema zu demonstrieren (oder zu negieren), das nur den Verkauf von Waren zu ihren Werten kennt, also nach Marx Ausdruck einer ’niedrigeren Stufe‘ der Entwicklung … ist“(58).

„Welche Beweiskraft für die Wirklichkeit haben somit die Schlußfolgerungen Rosa Luxemburgs – der Nachweis eines unabsetzbaren Konsumtionsrestes -, die aus einem Schema abgeleitet werden, dem keine Wirklichkeitsgeltung zukommt? Da infolge der Konkurrenz die Umwandlung der Werte in Produktionspreise und dadurch eine Neuverteilung des Mehrwerts unter die einzelnen Industriezweige im Schema stattfindet, wodurch notwendigerweise auch eine Änderung der bisherigen Proportionalitätsverhältnisse der einzelnen Sphären des Schemas erfolgt, so ist es durchaus möglich und wahrscheinlich, daß ein „Konsumtionsrest“ im Wertschema nachher im Produktionspreisschema verschwindet …“(59).

Was Grossmann zunächst als angeblichen Realitätsmangel der gesamten Krisendebatte vor ihm moniert, spitzt er schließlich in der wirklichen Auseinandersetzung einzig und allein gegen Rosa Luxemburg zu:

„Daß durch die Tendenz zur Nivellierung der Profitraten, durch die Tatsache der Übertragung eines Teiles des Mehrwertes aus der Abteilung II in die Abteilung I die Lehre R. Luxemburgs vom ‚unabsetzbaren Konsumtionsrest‘ in der Abteilung II in ihren Grundlagen erschüttert wird, ist … ohne weiteres klar, und ihre ‚unerschütterliche Position‘

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(Sternberg) erweist sich als reine Seifenblase, die bei der Berührung mit der Wirklichkeit sofort platzt. Wollte R. Luxemburg ihren Gedanken vom unabsetzbaren Konsumtionsrest tatsächlich beweisen, dann hätte sie diesen Nachweis nicht bloß auf der Basis des Wertschemas, sondern weiter auch innerhalb des Produktionspreisschemas führen und zeigen müssen, daß ein solcher unabsetzbarer Rest sich auch nach Herausbildung der Durchschnittsprofitrate notwendig ergeben muß. Einen solchen Nachweis hat sie aber nicht geführt und nicht einmal zu führen versucht.“(60)

Wie wackelig die ganze Argumentation bleibt, springt eigentlich unmittelbar ins Auge. Die Wert-Preis-Transormation verschiebt nur dann Mehrwert von Abteilung II in Abteilung I, wenn die organische Zusammensetzung im Bereich der Konsumgüter niedriger ist als bei der Produktion von Produktionsmitteln. Das kann natürlich so sein, muß aber nicht. Dieses Verhältnis kann sich genauso gut umkehren. Aber auch gesetzt, empirisch wäre es so, und über lange Strecken kapitalistischer Entwicklung ist die organische Zusammensetzung in Abteilung I sicher wirklich höher gewesen, als in Abteilung II, warum sollten sich Mehrwertransfer via Wert-Preis-Transformation und der notwendige Mehrwerttransfer wegen der Veränderung der organischen Zusammensetzung des Gesamtkapitals notwendig decken? Was uns spontan übel aufstoßen muß, verdichtet sich und gewinnt noch einige Facetten, wenn wir uns auf den Grossmannschen Gedanken einlassen und wirklich ein Reproduktionsschema konstruieren, das die Wert-Preis-Transformation berücksichtigt. Dabei können wir allerdings bezeichnenderweise auf Grossmann selber nicht zurückgreifen. Trotz der überragenden Bedeutung, die er der Wert-Preis-Transformation im Zusammenhang mit den Reproduktionsschemata einräumt, ist Grossmann nämlich niemals zur Lösung dieses angeblich doch ach so zentralen Themas geschritten. In keiner seiner Schriften versucht er ein Schema zu erstellen, das das Transformationsproblem einschließt. Was er Rosa Luxemburg als entscheidende Unterlassung vorwirft, nimmt er wohlweislich selber lieber nicht in Angriff!

Dabei bietet diese Aufgabenstellung mathematisch keinerlei nennenswerte Schwierigkeiten. Wir können daher hier Grossmanns Versäumnis schnell nachholen, um den Alibicharakter der ganzen Wert-Preis-Problematik zu enthüllen. Wir können zu diesem Zweck von dem Schema ausgehen, das Grossmann in seinem Brief an Paul Mattick verwendet, und es dann leicht umformen:

In seiner Urfassung sieht das vertraute Schema der einfachen Reproduktions so aus:

c        v         m

Abt. I        4000   1000    1000

Abt. II       2000   1000    1000

__________________________________

Gesamt     6000    2000    2000

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Durch die Berücksichtigung der Wert-Preis-Transformation verändert es sich folgendermaßen:

c         v        m

Abt. I      4000   1000   1250

Abt. II     2000   1000     750

_______________________________

Gesamt   6000   2000   2000

Allerdings wird jetzt die Gleichgewichtsbedingung der einfachen Reproduktion nicht mehr erfüllt. cII = mI + vI. Das variable Kapital aus Abteilung I, das sich nur im Ankauf von Konsumgütern aus Abteilung II erneuern kann, und der Mehrwert aus Abteilung I, der sich unter der Annahme einfacher Reproduktion ebenfalls vollständig mit Konsumgütern aus Abteilung II austauschen muß, sind größer geworden als cII. Abteilung I benötigt mehr Güter aus Abteilung II, als es selber an diese Abteilung liefert. Wir müssen daher unser Schema im weiteren so verändern, daß sich wieder ein Gleichgewicht herstellt. Um unnötige, rein mathematische Komplikationen zu vermeiden, beschränken wir uns darauf, cII zu variieren, während wir vII, cI und vI unverändert lassen. Dadurch wechselt zwar die organische Zusammensetzung in Abteilung II, aber solange sie nur eine andere als in Abteilung I bleibt, braucht uns dies in unserem Zahlenbeispiel keineswegs zu stören. Wir berechnen DcII, den Betrag um den wir cII erhöhen müssen, folgendermaßen:

Wenn Gleichgewicht herrschen soll, so gilt mI + vI = cII + cII

da gleichzeitig

(Bei m handelt es sich um den Gesamtmehrwert, bei c um das gesamte konstante Kapital und bei v um das gesamte variable Kapital im Ausgangsschema!) und außerdem m = v, weil in unserem Beispiel die Mehrwertrate bei 100% gilt, eingesetzt und ein wenig umgeformt:

oder:

(cI + vI) v + vI (c + v + cII) = (cII + cII) (c + v + cII)

(cI + vI) v + vI (c + v) + vI cII = cII (c + v) + cII cII + cII (c + v) + cII²

(cI + vI) v + (vI – cII) (c + v) = cII² + cII (cII + c + v) – cIIvI

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daher:

Setzen wir die Zahlen aus unserem Schemabeispiel ein, so ergibt sich für cII gerundet 217.

Unser Ausgangsschema hat sich also folgendermaßen verändert:

c         v        m

Abt. I      4000   1000   1217

Abt. II     2217   1000     783

______________________________

gesamt    6217   2000   2000

Das Gleichgewicht ist wiederhergestellt.

Gehen wir nun zur erweiterten Reproduktion über, so ergibt sich analoges. Wir müssen dann die Formel Bucharins für die erweiterte Reproduktion erfüllen:

cII + acII = vI + kI + avI

(kI steht dabei für den konsumierten Teil des Mehrwerts der Kapitalisten aus Abteilung I, avI für den zusätzlich in variablem Kapital ausgelegten Teil des Mehrwerts in Abteilung I und acII für das zusätzlich als konstantes Kapital vernutzte Bruchstück des Mehrwerts aus Abteilung II.)

Um vom Schema der einfachen Reproduktion zur erweiterten Reproduktion zu gelangen, beschränken wir uns abermals darauf, cII zu verändern. Die Abweichung des neuen cII vom cII des Ausgangsschemas nennen wir diesmal c‘.

Setzen wir der Einfachheit halber acII = 0, nehmen wir also an, daß Akkumulation zunächst nur in Abteilung I stattfindet, was nicht so absurd ist, wie es aussieht, da auch bei den Marxschen Schemata der erweiterten Reproduktion im ersten Jahr die Akkumulationsraten in beiden Abteilungen nicht in ihrem Gleichgewichtsverhältnis sind, sondern sich dieses Verhältnis erst im zweiten Jahr herstellt, dann gilt:

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Nehmen wir ferner an, daß der für acI, also in zusätzlichem konstanten Kapital, verausgabte Mehrwert in Abteilung I genau die Hälfte des Gesamtmehrwerts ausmache, so vereinfacht sich für uns die Bucharinsche Formel auf den Ausdruck

und es ergibt sich folgende Gleichung:

Setzen wir unsere Zahlen ein, so ergibt sich für cII‘ der Wert -346,69, und unser neues cII heißt daher 1653.31 Für das erste Jahr ergibt sich gerundet folgendes Schema der erweiterten Reproduktion:

c            v             m           ac          av           k       Produkt

Abt I     4000.00   1000.00    1306.62    653.33   163.33   489.99   6306.62

Abt II    1653.31   1000.00     693.38         -.-         -.-     693.38   3346.69

_______________________________________________________________

gesamt   5653.31  2000.00    2000.00    653.33   163.33  1183.37   9649.31

und bei unveränderter organischer Zusammensetzung für das zweite Jahr:

c              v          m             ac        av           k       Produkt

Abt I       4653.31   1163.33   1485.64   742.82   185.71   594.26   7302.28

Abt II      1653.31   1000.00    677.69    252.84   152.84   271.92   3331.00

_______________________________________________________________

gesamt    6306.62   2163.33   2163.33   995.66   338.64   829.04  10633.28

und für das dritte Jahr:

c              v             m          ac            av           k        Produkt

Abt I       5396.13   1349.04   1721.32   860.66    215.17    645.50    8466.49

Abt II      1906.15   1152.93    780.65    303.55    183.60    293.50    3839.73

_________________________________________________________________

gesamt    7302.28   2501.97  2501.97  1164.21    398.77    939.00   12306.22

Solange wir eine Veränderung der organischen Zusammensetzung ausschließen, solange befindet sich auch unser durch die Wert-Preis-Transformation hindurch

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gegangenes Schema in bester Ordnung. Der Austausch zwischen beiden Abteilungen findet restlos statt, und auch die Akkumulation jeder Abteilung beruht auf dem Mehrwert, der ihr gesellschaftlich anheimfällt. Abteilung I akkumuliert im Jahre 2928.53 Einheiten Mehrwert, und das eingesetzte Kapital in dieser Abteilung ist im Jahre 3 auch wirklich genau um diesen Betrag gewachsen.

Ganz anders verhält sich die Sache allerdings, wenn wir v langsamer ansteigen lassen als c, also die organische Zusammensetzung gesamtgesellschaftlich erhöhen. Dann stellt sich das Problem des Mehrwerttransfers von Abteilung II zu Abteilung I, das Grossmann durch den Verweis auf die Wert-Preis-Transformation zu lösen vorgab, augenblicklich wieder her.

Für die Jahre 2 und 3 ergibt sich folgendes Bild, wenn wir, um die Analogie zum Bauerschen Schema zu wahren, c doppelt so schnell wachsen lassen wie v und zu diesem Zweck einfach die Steigerung von v halbieren:

Jahr 2:

c              v             m           ac          av          k        Produkt

Abt I    4653.31   1163.33   1485.64    742.82    57.22    685.60    7302.28

Abt II   1653.31   1000.00    677.69     252.84  112.10    312.75    3331.00

_____________________________________________________________

6306.62    2163.33  2163.33     995.66  169.31    998.35  10633.28

Jahr 3:

c               v              m        Produkt

Abt I    5396.13    1420.12    1650.24    8466.49

Abt II   1906.15      912.53      682.41    3501.09

_______________________________________

7302.28     2332.65    2332.65  11967.58

Abteilung I akkumuliert, wenn wir wie Bauer und Grossmann eine gleiche Konsumtionsrate in beiden Abteilungen voraussetzen, im Jahre 2800.04 Einheiten (ac + av), das in dieser Abteilung eingesetzte Kapital wächst aber im Jahr 3 um 999.61 Einheiten. Das Defizit kann nur aus dem ebenso großen Überschuß an akkumuliertem Mehrwert in Abteilung II gedeckt werden.

Die einzige Möglichkeit, ohne Mehrwerttransfer bei diesem Schema auszukommen, besteht darin, die Voraussetzung gleicher Rate des konsumierten Teils des Mehrwerts in beiden Abteilungen, fallen zu lassen. Dieser Ausweg bietet sich allerdings auch schon genauso ohne den Umweg Wert-Preis-Transformation an und er scheitert mit und ohne Transformation am selben Umstand. Senken wir den Konsumteil der Kapitalisten aus Abteilung I um den notwendigen Transferbetrag, hier 199.57, so läßt sich die Gleichgewichtsbedingung cII + acII = vI + kI + avI oder es muß eine permanente und völlig willkürliche Verschiebung in den organischen

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Zusammensetzungen der beiden Abteilungen angenommen werden. Die organische Zusammensetzung in Abteilung I muß sich weit stärker ausdehnen als die des Gesamtkapitals, während Abteilung II von Produktionszyklus zu Produktionszyklus zurückfällt.

c             v             m           ac          av          k     Produktenwert

Abt I      4653.31   1163.33   1485.64    742.82     57.22   685.60    7302.28

Abt II     1653.31   1000.00     677.69    252.84   112.10   312.75    3331.00

______________________________________________________________

gesamt   6306.62   2163.33   2163.33    995.66   169.31   998.35   10633.28

Jahr 3.

c              v             m       Produktenwert

Abt I      5396.13   1420.12   1650.24      8466.49

Abt II     1906.15     912.53     682.41      3501.09

__________________________________________

gesamt    7302.28   2332.65   2332.65    11967.58

Veränderte organische Zusammensetzung führt also zwangsläufig zur Störung auch unseres Reproduktionsschemas, das durch die Wert-Preis-Transformation hindurchgegangen ist, und wir stehen in unserer schematischen Darstellung lediglich vor der Wahl: Mehrwerttransfer, also Störung der reibungsfreien Reproduktion beim Übergang zum nächsten Produktionszyklus, oder Vorverlegung der Störung in den gegenwärtigen Reproduktionszyklus.

Die Vogelscheuche, die Grossmann Rosa Luxemburg entgegenstellt, entpuppt sich als ein äußerst morsches Ding. Auch nach der Flucht in die Wert-Preis-Transformation stellt sich das Problem des klammheimlichen Mehrwerttransfers, sobald wir die organische Zusammensetzung wachsen lassen, und es grinst uns unverändert entgegen, nachdem wir um 5 Ecken gerechnet haben. Analytisch hat uns die ganze Fragestellung keinen Millimeter weitergebracht.

Wenn Grossmann lauthals proklamiert:

„Das Wertschema muß in einer mehrstufigen und schrittweisen Annäherung in ein Produktionspreisschema verwandelt werde“(61),

weil schließlich in der kapitalistischen Realität nicht Werte, sondern Preise existieren, so führt er, um sich modelltheoretisch an diese empirische Wirklichkeit anzunähern, eine Fragestellung ein, die Marx im zweiten Band es „Kapitals“ bei der Behandlung der Reproduktionsschemata wohlweislich als unwesentlich beiseite geschoben hat. Dort verliert er zwei Sätze über das allgemeine Problem einer eventuellen Abweichung der Preise von denWerten und handelt damit faktisch auch den Spezialfall der Wert-Preis-Transformation aufgrund unterschiedlicher Profitraten mit ab, auf dem Grossmann später so beharrlich herumreiten sollte:

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„Soweit die Preise von den Werten abweichen, kann dieser Umstand übrigens auf die Bewegung des gesellschaftlichen Kapitals keinen Einfluß ausüben. Es tauschen sich nach wie vor im ganzen dieselben Massen Produkte aus, obgleich die einzelnen Kapitalisten dabei in Wertverhältnissen beteiligt sind, die nicht mehr proportionell wären ihren respektiven Vorschüssen und den von jedem von ihnen einzeln produzierten Mehrwertmassen“(62).

Der Einfachheit halber und um Mißverständnissen vorzubeugen, umgeht Marx die auf dieser Ebene der Darstellung vollkommen unnötige Komplikation des Mehrwerttransfers. Bei der Erstellung seiner eigenen Schemata nimmt Marx schlicht in beiden Abteilungen gleiche organische Zusammensetzung an. Sein bekanntes Schema der einfachen Reproduktion lautet:

Abt. I  4000 c + 1000 v + 1000 m

Abt. II 2000 c +  500 v +  500 m

und auch bei der Unterscheidung innerhalb der Abteilung II zwischen der Produktion notwendiger Lebensmittel einerseits und Luxusgütern andererseits unterstellt Marx gleiche organischeZusammensetzung in beiden Unterabteilungen:

IIa) 1600c + 400v + 400m

IIb)  400c + 100v + 100m

Und auch das erste Schema der erweiterten Reproduktion basiert auf gleicher organischer Zusammensetzung:

Abt I    4000c + 1000v + 1000m = 6000

Abt II     500c +   376v +   376m = 2252       Summa 8252

Ebenso das 3. Beispiel:

Abt I    5000c + 1000v + 1000m = 7000

Abt II  1430c +    285v +   285m = 2000      Summa 9000(63)

Allein beim 2. Schema für die erweiterte Reproduktion ergibt sich verschiedene organische Zusammensetzung in beiden Abteilungen:

Abt I   4000c + 1000v + 1000m = 6000

Abt II  1500c +   750v +   750m = 3000      Summa 9000

Das ist aber nur ungewolltes Nebenprodukt und hat in der Marxschen Analyse keinerlei weitere Bedeutung. Das ist allein Folge davon, daß sich Marx bei diesem

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Zahlenbeispiel eng an sein Schema der einfachen Reproduktion anlehnt. Er übernimmt Abteilung I einfach aus dem ursprünglichen Schema und beläßt ebenso die Höhe des Produktenwerts in Abteilung II und damit natürlich auch in Größe des Gesamtproduktenwerts. Diese doppelte Konstanz kann er nur erkaufen durch Veränderung der organischen Zusammensetzung in Abteilung II. Abteilung II soll am Ende der Produktionsperiode genauso viel an Wert ausstoßen wie bei der einfachen Reproduktion, nämlich 3000. Der in seiner Gesamthöhe unveränderte Mehrwert aus Abteilung I tauscht sich aber nicht mehr vollständig mit Produkten aus Abteilung II, wenn erweiterte Reproduktion vorliegen soll. IIc muß also parallel dazu schrumpfen, und Abteilung II muß einen größeren Teil seiner Produkte selber konsumieren, damit das Gleichgewicht mI + vI = cII gewahrt bleiben kann . D.h. bei vorausgesetztem konstanten Produktenwert in Abteilung II notwendig Ansteigen von v und m, also Verminderung der organischen Zusammensetzung. Wo Marx auf diese doppelte Konstanz verzichtet, kann er dieser Schwierigkeit ausweichen, und in beiden Abteilungen herrscht identische organische Zusammensetzung. Im 1. Schema läßt er Abteilung I unverändert, der Ausstoß von Konsumgütern schrumpft aber, im 3. Schema bleibt der Gesamtproduktenwert erhalten, seine Verteilung zwischen den beiden Abteilungen variiert aber und II schrumpft ebenfalls relativ zu I. Nur wo das nicht geschieht, muß auf einem alternativen Weg, durch die Verringerung der organischen Zusammensetzung in Abteilung II, die Proportionalität wiederhergestellt werden.

4. Grossmanns Zusammenbruchstheorie in ihrer reinen Form

Stoßen wir durch den dicken Nebel hindurch, den Grossmann mit seiner Polemik gegen Rosa Luxemburg um eine weitere wichtige Komponente bereichert hat, wenden wir uns seiner eigenen positiven Theorie zu, dann zeigt sich, wie dünn die Verbindung zwischen den Marxschen Reproduktionsschemata und dem berüchtigten „Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz“ real ist. Während es Bauer wenigstens noch nötig hat, sich bei seiner Schemaerstellung mit derProportionalität beider Abteilungen abzumühen, zieht Grossmann unter die ganze Fragestellung einen energischen Schlußstrich. Er schmeißt beim Weiterrechnen des Bauer-Schemas beide Produktionsphären unterschiedslos in einen Topf (vgl. Tabelle 2). Ihm geht es nurmehr um das gesellschaftliche Gesamtkapital und seine Verteilung in konstantes Kapital, variables Kapital und Mehrwert, und die Zweigliedrigkeit des Marxschen Schemas wird zum überflüssigen Schnickschnack und verschwindet. Damit treibt er Bauers Mißverständnis auf die Spitze und beseitigt ein für alle mal alle Schwierigkeiten, sie sich aus der Verschränkung von Stoff- und Wertersatz ergeben. Er verwandelt dieses theoretische Problem in eine Voraussetzung und schwadroniert munter in diesem Sinne vor sich hin:

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„Es sollten nach Marx die Entwicklungstendenzen der Kapitalakkumulation unter den für die Existenz des Kapitals günstigsten Umständen untersucht werden, wo also zunächst die aus dem Mißverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage entstehenden Störungen bewußt ausgeschaltet werden. Die Störungen aus dem Mißverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage sind Konkurrenzerscheinungen, die uns nur die Abweichungen von der ‚Trendlinie‘ des Kapitalismus, also von der Grundlinie seiner Entwicklungstendenz erklären können, nie aber diese Trendlinie selbst“(64).

Grossmann reduziert die ganze Disproportionalitätsproblematik auf reine, mehr oder minder zufällige Marktschwankungen und liquidiert dabei endgültig den realen Gehalt seiner heißgeliebten Reproduktionsschemata. Im weiteren delektiert er sich an Rechenübungen, in denen dann wirklich die Trennung der Produktionsabteilungen künstlich wird und keinerlei Sinn mehr machen kann.

Nachdem er vorab Disproportionalitäten als für seine Zusammenbruchstheorie unwesentlich wegdeklariert hat, können die Marxschen Reproduktionsschemata, die sich krisentheoretisch gerade auf dieser Ebene bewegen, nur nach einer gründlichen Regression ihren Ehrenplatz in Grossmanns Theorie erhalten. Diese Rückbildung drückt sich zunächst formelhaft aus. Die Gleichgewichtsbedingung, mit der sich Marx an das Proportionalitätsproblem herantastet: cII = mI + vI, findet keine Erwähnung; stattdessen sucht Grossmann mit großem Brimborium die Quintessenz der Reproduktionsschemata in der „Zusammenziehung der kapitalistischen Produktionsweise auf die Formel c + v + m“(65).

Er kommt damit auf ein Problem zurück, das den Marxschen Reproduktionsschemata vorgelagert ist.

Marx hat den Ausdruck c + v + m Adam Smith entgegengestellt, der kein konstantes Kapital kannte und den Wert jeder Ware in die Summe aus variablem Kapital und den verschiedenen Bruchstücken des Mehrwerts auflöst (v + m). In seiner Erwiderung im 19. Kapitel des 2. Bandes des „Kapitals“ führt Marx die Bedeutung des konstanten Kapitals für die gesellschaftliche Reproduktion an Hand der begrifflichen Unterscheidung von Produktenwert und Wertprodukt ein:

„Das letztere ist nur Produkt der Arbeit des vergangnen Jahres; der erstere schließt außerdem alle Wertelemente ein, die zur Herstellung des Jahresprodukts verbraucht, aber im vorhergehenden und zum Teil in noch früher verfloßenen Jahren produziert wurden: Produktionsmittel, deren Wert nur wiedererscheint …“(66).

Diese Gegenüberstellung geht konstituierend in die Marxschen Reproduktionsschemata ein, sie erschöpfen sich darin aber nicht. Sie ist Voraussetzung und nicht Essenz. Grossmann hingegen bleibt auf dieser Stufe stehen. Er verbeugt sich zwar formell vor der Notwendigkeit, bei der schematischen Darstellung in einer auf Austausch beruhenden Gesellschaft von mehr als einem Kapital ausgehen zu müssen, praktisch bleibt diese Einsicht aber folgenlos. Faktisch bricht Grossmanns Rezeption der Marxschen Reproduktionsschemata mit dem 19. Kapitel des 2. Bandes des „Kapital“ ab. Er gleitet von dort unmittelbar und ohne sich das zu

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vergegenwärtigen von der Ebene des Kapitals im allgemeinen zur Betrachtung des gesellschaftlichen Gesamtkapitals, und im realen Kern seiner Zusammenbruchstheorie geht es dann einzig und allein um seine eigenwillige Interpretation des Gesetzes vom tendenziellen Fall der Profitrate.

Seine Überlegungen knüpfen dabei direkt am Bauerschen Schema an, wie wir es aus Tabelle 1 kennen.

„Wir wollen also mit Bauer einen kapitalistischen Mechanismus annehmen, dessen konstantes Kapital 200 000, dessen variables Kapital 100 000 beträgt. Die weiteren Annahmen sind, daß das konstante Kapital in der Abteilung I (der Produktionsmittel) 120000, in der Abteilung II (der Konsumtionsmittel) 80000 beträgt, daß dagegen das variable Kapital auf die beiden Produktionssphären zu gleichen Teilen aufgeteilt ist; ferner soll das konstante Kapital in jedem Jahr um 10%, das variable nur um 5% wachsen, die Mehrwertrate 100% betragen und die Akkumulationsrate in beiden Produktionssphären in jedem Jahr gleich groß sein“(67).

Bauer selbst kennt die Vorbedingung für das Funktionieren seines Modells:

„Dieser Gleichgewichtszustand … kann … nur dann erhalten werden, wenn die Akkumulationsrate so schnell steigt, daß trotz der steigenden organischen Zusammensetzung des Kapitals das variable Kapital ebenso schnell wächst wie die Bevölkerung“(68).

Genau hier setzt Grossmann an und stellt Bauers Voraussetzung in Frage:

„Kann aber die Akkumulationsrate auf die Dauerso schnell wachsen? Diese entscheidend wichtige Frage hat sich Bauer nicht einmal gestellt“!(69)

Um diese Fragestellung geht es Grossmann. Während Bauer sich damit begnügt, sein „Reproduktionsschema“ für vier aufeinander folgende Jahre zu konstruieren, und sich keine Gedanken über die folgende Entwicklung macht, führt Grossmann vor, daß die Modellannahmen auf die Dauer nicht aufrecht erhalten bleiben können.

„Es genügt eine einfach Überlegung, um dies zu begreifen. Die Bevölkerung(70) wächst nach unserer Annahme um 5% jährlich. Die Mehrwertmasse M wächst nach der Voraussetzung gleichmäßig mit der Bevölkerung, d.h. gleichfalls um 5% jährlich. Aber ich habe aus dieser so wachsenden Mehrwertmasse Ausgaben zu bestreiten, die größer sind als der jährliche Mehrwertzuwachs. Nämlich einen Lohnzuwachs av von gleichfalls 5% der Bevölkerungszahl (also 5% von v) und darüber hinaus die Ausgaben für das zusätzliche konstante Kapital ac, das rascher als die Bevölkerung zunimmt (in unserem Schemabeispiel 10% von c). Das immer mehr anschwellende Kapital muß durch eine Bevölkerung verwertet werden, welche zwar absolut gleichfalls wächst, aber weniger rasch als das Kapital, so daß die Verwertungsbasis relativ immer schmäler wird und schließlich einmal versagen muß … Die Mehrwertmasse gleicht einem Wasserreservoir, welches zwar einen Zufluß an Wasser von 5% in einer gewissen Periode erhält, aber zugleichmehr als 5% in derselbenPeriode anWasser verliert. Es ist klar, daß auf die Dauer ein solcher Zustand unmöglich ist, daß früher oder später das Reservoir, welches das akkumulierte Kapital zu verwerten hat, sich erschöpfen muß. Das mag zunächst unsichtbar sein und der Zeitpunkt der gänzlichen Erschöpfung ziemlich entfernt liegen, wenn das Reservoir beim Anfang des analysierten Vorgangs im Verhältnis zur Stärke des Wasserzuflusses sehr groß war. (Unter Umständen kann der Wasservorrat im Reservoir

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vorübergehend wachsen.) Einmal muß jedoch die Erschöpfung des Reservoirs erfolgen, und schon lange vor der gänzlichen Erschöpfung beginnt die im Reservoir befindliche Masse absolut zu sinken“(71) .

In Grossmanns System wächst der Mehrwert jährlich um 5%, das zusätzlich benötigte konstante Kapital, das nur aus dem Mehrwert finanziert werden kann, steigt aber um 10%. Es ist offensichtlich, daß dieser Bruchteil Dank seines schnelleren Wachstums irgendwann einmal größer werden müßte als die Gesamtmehrwertmasse, von der er doch nur ein Abzug sein kann!

„Die jährlich zu kapitalisierende Quote erschöpft nicht nur den Mehrwert, sondern müßte schließlich größer sein als er, obwohl sie doch nur seinTeil ist. Hier liegt der Widerspruch. Die Mehrwertmasse kann bei dem vorausgesetzten Tempo der Akkumulation die jährlich erforderliche Akkumulationsmasse nicht mehr liefern. Es folgt daher der Zusammenbruch des Systems, sein notwendiger ökonomischer Endpunkt“(72).

Stellen wir das stetige Wachstum in unserem System als Exponentialfunktion dar, so reduziert sich die Grossmannsche Zusammenbruchstheorie in ihrem Kern auf den äußerst primitiven mathematischen Zusammenhang, daß zwei Exponentialfunktionen c · ax und  m · bx, wobei cha < mb und a < b, für a, b, m, c alle [U+2265] 1, sich immer in genau einem Punkt schneiden müssen und c, ax bei entsprechend großen x schließlich und endlich größer wird als m · bx.

Die Exponentialfunktion beim Grossmannschen Beispiel für das Wachstum vom m und gleichzeitig v (da die Mehrwertrate 100%, ist beides identisch!) lautet

Die entsprechende Funktion für das Wachstum von c ist:

Hieraus läßt sich der „Zusammenbruchspunkt“ leicht „errechnen“. „Zusammenbruch tritt also ein, sobald das zusätzliche v und c den Umfang des Gesamtmehrwerts erreicht hat:

f(c + v) = f(m) bzw. da m = v, f(c + v) = f(v).

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Setzen wir die Exponentialfunktion ein, so ergibt sich folgende Gleichung:

(ax – ax-1) c + b (bx – bx-1) v = v bx

(a – 1) c ax-1 + (b – 1) v bx-1 = v b bx-1

(a – 1) c ax-1 = v bx-1 b – v bx-1 (b – 1)

ax-1 c (a – 1) = v bx-1

Setzen wir unsere Zahlen ein, so ergibt sich für x 35. Im 35. Jahr können die Ausgangsbedingungen nicht mehr durchgehalten werden. Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, wenn Grossmann den beschriebenen mathematischen Zusammenhang zur Essenz der Marxschen Krisentheorie verklärt. Aber er setzt dem Ganzen noch die Krone auf, entwickelt ausführlich (mit etwas abweichender Symbolik für alle denkbar möglichen Fälle), was wir eben für Bauers Schemabeispiel dargestellt haben, und kommt schließlich, ohne zu erröten, zu einer allgemeinen Zusammenbruchsformel des kapitalistischen Systems. Auf eine Seite drängt Grossmann den Gehalt seiner Theoriebildung. Schon ihrer pittoresken Schönheit wegen sei sie hier dokumentiert (vergl. Anhang). <—???

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Das ist eine reelle Zahl, solange m‘ av. Diese Voraussetzung liegt aber unserer ganzen Betrachtungsweise zugrunde. Von dem Zeitpunkt n angefangen, reicht die Mehrwertmasse M nicht aus, um die Verwertung von c und v unter den bisher gemachten Voraussetzungen zu sichern(73).

Vom Zeitpunkt n an können die Ausgangsbedingungen nicht mehr durchgehalten werden, das Wachstum von v und c muß sich allmählich verlangsamen. Damit hat Grossmann natürlich Recht. Aber warum diese Verlangsamung der Akkumulation in seinem System sofort derart katastrophale Folgen nach sich ziehen muß, wie er sie unterstellt, bleibt rätselhaft, wenn wir nicht wie Grossmann nur den Konsumteil des Mehrwerts für richtigen Mehrwert halten. Akzeptieren wir auch, oder gerade, den akkumulierten Teil als dessen adäquate Gestalt, so verliert das Geschehen zum Zeitpunkt n viel an Dramatik. Von einem absoluten Schrumpfen der Mehrwertmasse m kann nämlich beileibe nicht die Rede sein. Grossmann schreibt zwar:

„In der Endphase des Konjunkturzyklus schrumpft die Profitmasse m“(74),

und liest dies aus seinem Modell heraus, aber realiter wird nur der k-Teil kleiner. Solange v wächst, schwillt im Bauerschen Schema auch m weiter an. Nehmen wir die Akkumulation des gesamten Mehrwerts an, so läßt sich das Schema ohne besondere Ereignisse weiterhin fortschreiben, und auch wenn wir den Kapitalisten einen gewissen Konsum aus der Mehrwertmasse zugestehen, so ändert dies nichts Prinzipielles. Es geht dann nur die Einfachheit der mathematischen Beziehung verloren. Gehen wir von voller Akkumulation aus und davon, daß sich die organische Zusammensetzung in derselben Weise weiterverändert wie bei Bauer, nämlich:

so ergibt sich in den Jahren um Grossmanns angeblichen Zusammenbruch herum folgendes Bild:

c/v             c                 v                k                         ac/av

34    9.20      4 641 489     500 304     11141           464 148    25 015

35    9.70      5 105 637     525 319      –                   500 082    25 237

36  10.18      5 605 719     550 556      –                   526 246    24 310

37  10.66      6 131 966     574 865      –                   551 631    23 235

38  11.17      6 683 597     598 099      –                           598 099

39  11.71      7 259 677     620 121      –                           620 121

40  12.26      7 859 106     640 810      –                           640 810

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Auch im Jahre 40, also 6 Jahre nach Grossmanns Zusammenbruch, wächst die Mehrwertmasse lustig vor sich hin. Zwar bildet sich inzwischen eine allmählich anschwellende industrielle Reservearmee, wenn wir weiterhin von einem Wachstum der Arbeiterpopulation um 5% jährlich ausgehen, aber warum dies unmittelbar zum Zusammenbruch führen soll, ist nicht einsichtig. Zwar ergibt sich mathematisch in Grossmanns System wirklich ein Punkt, von dem ab die Mehrwertmasse absolut zu sinken beginnt, so weit hat Grossmann selber aber nie gerechnet. Nehmen wir mit Bauer eine Mehrwertrate um 100% an, also m = v, so hört die Mehrwertmasse auf zu wachsen, wenn gilt:

Nach einigen algebraischen Umformungen, mit denen ich hier nicht langweilen will, ergibt sich folgende Gleichung:

D.h., sobald die organische Zusammensetzung diese Höhe erreicht hat, sinkt die Masse des produzierten Mehrwerts, solange die organische Zusammensetzung weiter in gleicher Weise steigt. In unserem Beispiel ist die maximale Mehrwertmasse bei einem Verhältnis von c zu v wie 22:1 erreicht. Der Zeitpunkt n ist dann ebenfalls leicht zu bestimmen. Für unser Beispiel ergibt sich für n 52:

Also erst im Jahre 52 und nicht, wie Grossmann annimmt, schon viel früher, hat die Akkumulation innerhalb des vorgegebenen Modells eine absolute mathematische Grenze erreicht. Und für diese Grenze ist der Umfang der bis zu diesem Zeitpunkt erfolgten Akkumulation ohne jede Relevanz. Es ist gleichgültig, ob c 100 oder 10000000 erreicht hat, es geht allein um das Verhältnis zu v. Streifen wir die aus Grossmanns irrsinniger Auffassung von der Bedeutung des Konsumtionsteils des Mehrwerts erwachsenden Beschränkungen ab und arbeiten wir den rationalen mathematischen Kern heraus, die wirkliche Obergrenze für die Ausdehnung lebendiger Arbeit innerhalb seines Modells, so verliert sich jede Verknüpfung mit Überakkumulation vollständig. Der „Zusammenbruchspunkt“ hängt allein von der

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Geschwindigkeit, mit der die organische Zusammensetzung wächst, ab. Weder v, c, noch C tauchen in unserer Formel überhaupt auf!

Wir können das Problem auch von einer anderen Seite aus angehen und den Zusammenbruchspunkt vom Verhältnis von Profitrate und Kapitalmasse aus betrachten. Die gesamtgesellschaftliche Mehrwertmenge läßt sich bekanntlich als Produkt von Durchschnittsprofitrate und angewandtem Gesamtkapital darstellen. Eine absolute Schranke ist dann erreicht, wenn die Mehrwertmasse absolut zu sinken beginnt, wenn also gilt:

Cxp’x  Cx+1 p’x+1 (x gibt den Zeitpunkt, das Jahr an, Cx ist das Gesamtkapital im Jahr des Zusammenbruchs, p’x die Profitrate zu diesem Zeitpunkt, Cx+1 stellt das Gesamtkapital im darauffolgenden Jahr dar und p’x+1 die Profitrate in diesem Jahr).

Allerdings verflüchtigt sich die Bedeutung von C schon nach einigen algebraischen Umformungen, und nur noch die verschiedenen Profitraten haben Relevanz:

Cx p’x = Cx+1 p’x+1

Cx = p’x+1

Cx+1 = p’x

Und auch die Profitraten lassen sich in dem System von Grossmann in die Beziehung der organischen Zusammensetzung und ihres Wachstums auflösen. Da für die Profitrate gilt

(wobei c0 das ursprüngliche konstante Kapital und v0 das ursprüngliche variable Kapital sind), kommen wir bei der Bestimmung des Zusammenbruchspunktes wieder beim reinen Verhältnis von organischer Zusammensetzung und ihrem Wachstum an. Trotzdem macht dieser Umweg Sinn. Berechnen wir den realen Zusammenbruchspunkt von Grossmanns System ausgehend von der Formel

Cx p’x = Cx+1 p’x+1,

so wird die Kontinuität klar, aus der Grossmanns Ansatz entgegen seinem Selbstverständnis wirklich herauskommt. Grossmann meint Marx zu paraphrasieren und

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wiederholt realiter nur Ricardo. Denn verfolgen wir Grossmanns Spuren in diese Richtung zurück, so treffen wir, und wie könnte es auch anders sein, auf dessen ausgebleichtes Gerippe.

Schon Ricardo wurde von der Angst umgetrieben, daß die sinkende Profitrate, die er im historischen Trend annimmt, letztlich in eine sinkende Profitmasse umschlagen muß. In seiner „Politischen Ökonomik“ illustriert er diese Gefahr:

„Angenommen nun, daß bei wiederholten Kapitalzugängen von 100000 Pfd.St. die Profitrate von 20 auf 19, auf 18, auf 17 Prozent fiele, sich also eine ständig fallende Rate ergäbe; man sollte erwarten, daß die Profitsumme, die jene einander folgenden Kapitalbesitzer erhalten, immer stiege, daß sie größer sein würde, wenn das Kapital 200000 Pfd.St., als wenn es 100000 beträgt, und noch größer, wenn es 300000 Pfd.St. ausmacht, und so weiter, trotz verminderter Rate mit jeder Steigerung des Kapitals wachsend. Diese Progression stimmt jedoch nur für eine gewisse Zeit. So ist 19 Prozent von 200000 Pfd.St. mehr als 20 Prozent von 100000 Pfd.St., 18 Prozent von 300000 Pfd.St. ist wieder mehr als 19 Prozent von 200000 Pfd.St. Aber nachdem das Kapital zu einer großen Summe angewachsen ist und die Profite gefallen sind, vermindert die weitere Akkumulation die Gesamtsumme des Profits. Angenommen also, die Akkumulation würde 1000000 Pfd.St. und der Profit 7 Prozent betragen, so wird die Gesamtsumme des Profits 70000 Pfd.St. ausmachen. Wenn jetzt zu der Million eine Vermehrung von 100000 Pfd.St. Kapital hinzukäme und der Profit auf 6 Prozent fiele, dann würden die Kapitalbesitzer 66 000 Pfd.St. erhalten, eine Verminderung von 4000 Pfd.St., obwohl die Gesamtsumme des Kapitals von 1000000 auf 1100000 Pfd.St. angestiegen wäre“(75).

Unschwer ist die Identität der Problemlage bei Ricardo und Grossmann auszumachen, und die lakonische Erwiderung von Marx auf Ricardos Ausführungen trifft so auch den unbewußten Epigonen:

„In der Tat ist hier angenommen, daß das Kapital wächst von 1000000 auf 1100000, also um 10%, während die Profitrate fällt von 7 auf 6, also um 14 2/7%. Hinc illae lacrimae“(76).

Die Profitmasse ist das Produkt aus Profitrate und angewandtem Kapital, und es ist klar, daß, wenn Ricardo einen der beiden Faktoren kräftiger verkleinert, als er den anderen erhöht, die Profitmasse ebenfalls schrumpfen muß. Nichts anderes geschieht aber in Grossmanns System, wenn wir den realen Umschlagspunkt betrachten, und seine ganze Analyse schnurrt auf eine breitgetretene Neuauflageder Zahlenkolonnen von Ricardo zusammen. Der einzige Unterschied liegt darin, daß Ricardo in seinen Tabellen die aufeinanderfolgenden Profitraten und Kapitalmassen willkürlich bestimmt, während Grossmann – allerdings ohne sich darüber Rechenschaft abzulegen – einen mathematisch-modelltheoretischen Zusammenhang zwischen derEntwicklung derProfitrate und der Gesamtkapitalmasse erstellt. Ricardo erklärt die Abnahme derProfitrate noch aus außerökonomischen Gründen, auf Grund der Erschöpfung der Böden. Er kann daher eine logische innerökonomische Verbindung nicht herstellen. Grossmann holt dies auf seine unvergleichlich mechanistische Weise nach, und diese restriktiv-modelltheoretische Herangehensweise erklärt er zum alleinigen Springpunkt beim Übergang von der Zusam-

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menbruchsvorstellung Ricardos zur Marxschen Theorie. Nichts anderes steckt dahinter, wenn er die Kontinuität zwischen Marx und Ricardo auch in Sachen Zusammenbruch betont und den Übergang zwischen beiden Positionen folgendermaßen beschreibt:

„Die Zusammenbruchslehre Ricardos ist auf die mangelnde Verwertung des Kapitals in einer ziemlich fortgeschrittenen Stufe der Kapitalakkumulation zurückzuführen. Ricardo hat die Phänomene selbst, die Tendenz zum Fallen der Profitrate, richtig gesehen. Aber er hat sie naturgesetzlich durch die abnehmende Produktivität des Bodens erklärt. Marx brauchte die Lehre Ricardos nur weiter zu entwickeln …, indem er die naturgesetzliche Begründung durch eine gesellschaftliche, aus der spezifischen Natur der kapitalistischen Produktionsweise sich ergebende ersetzte“(77).

Gehen wir aber von der wirklichen mathematischen Grenze dieses Modells zurück zur Grenze, die Grossmann gezogen sieht, und betrachten wir seine Überakkumulation im Jahr 34/35 genauer, so zeigt sich, daß er auch für diesen Zeitpunkt Ähnlichkeiten mit der Marxschen Vorstellung von Überakkumulation nur an den Haaren heranziehen konnte. Er beschreibt das Szenario folgendermaßen:

„Im 35. Jahr ist – um diese Erscheinung nochmals an unserem Schema zu illustrieren – eine Akkumulationsrate in der Höhe von 510563 ac + 26265 av = 536818 erforderlich, während tatsächlich die vorhandene Mehrwertmasse bloß 525319 beträgt; die Akkumulationsrate müßte also 104,61% des tatsächlich vorhandenen Mehrwerts betragen …, was einen logischen Widerspruch und eine reale Unmöglichkeit bedeutet. Die Verwertung reicht von diesem Zeitpunkt nicht aus, um die Akkumulation pari passu mit dem Bevölkerungszuwachs fortzusetzen“(78).

So weit so gut, nur von Überakkumulation ist hier natürlich nichts zu entdecken. Der beschriebene Zustand wäre eher mit „Unterakkumulation“ zu bezeichnen. Zur „Überakkumulation“ kommt Grossmann von diesem Ausgangspunktaus nur durch einen schon peinlich billigen Taschenspielertrick. Er fährt fort:

„Tatsächlich zeigt uns das Reproduktionsschema …, daß im 35. Jahr die Akkumulationsrate des variablen Kapitals statt der erforderlichen Summe 26265 av bloß 14756 beträgt und daher nicht ausreicht, um die vorhandene Bevölkerung von 551584 Köpfen voll zu beschäftigen. 11509 Arbeiter bleiben arbeitslos, es bildet sich die Reservearmee. Und weil nicht die ganze Arbeiterbevölkerung in den Produktionsprozeß eintritt, so wird nicht die ganze Summe des zusätzlichen konstanten Kapitals (510563 ac) zum Ankauf der Produktionsmittel erforderlich sein. Sollte bei einer Bevölkerung von 551584 ein konstantes Kapital von 5616200 angewendet werden, so muß bei einer Bevölkerung von 540075 ein konstantes Kapital von nur 5499015 angewendet werden. Somit verbleibt ein Kapitalüberschuß von 117185 ohne Anlagemöglichkeit. So zeigt uns das Schema ein Schulbeispiel für den Tatbestand, an den Marx dachte, als er den entsprechenden Abschnitt des dritten Bandes des ‚Kapital‘ mit der Überschrift versah: ‚Überfluß an Kapital bei Überfluß an Bevölkerung‘. Überakkumulation, also ungenügende Verwertung, tritt ein, weil die Bevölkerungsbasis zu schmal ist. Und doch gleichzeitig Überbevölkerung, Reservearmee, ohne daß hier von einem logischen Widerspruch gesprochen werden kann“(79).

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Nun fällt es aber schwer, den logischen Widerspruch bei Grossmann nicht zu sehen. Die Marxsche Überakkumulationstheorie mit ihrer Gleichzeitigkeit von überflüssigem Kapital und überflüssiger Arbeiterpopulation im Ohr, zwängt er gewaltsam eine anologe Situation in seine Darstellung. Pannekoek trifft in seiner Kritik diese theoretische Bestialität:

„Grossmann hat offenbar nicht bemerkt, daß diese 11000 nur deshalb arbeitslos werden, weil er, ganz willkürlich, ohne einen Grund anzugeben, das Defizit ganz auf das variable Kapital abwälzt und das konstante Kapital ruhig 10% zunehmen läßt, als ob nichts los ist; als er dann aber gewahr wird, daß für all diese Maschinen keine Arbeiter da sind, oder richtiger, kein Geld da ist, ihnen Löhne zu zahlen, läßt er auch diese Maschinen lieber nicht bauen und muß nun Kapital unbenutzt liegen lassen. Nur durch diesen Schnitzer gerät er in das ‚Schulbeispiel‘ für eine Erscheinung, die bei den gewöhnlichen kapitalistischen Krisen auftritt. In Wirklichkeit werden die Unternehmer ihre Produktion nur soviel erweitern können, als ihr Kapital, für Maschinen und Lohn zusammen, reicht. Ist im Ganzen zu wenig Mehrwert da, so wird er (bei dem angenommenen technischen Zwang) proportional auf die Bestandteile des Kapitals verteilt werden; die Rechnung zeigt, daß von dem 525319 betragenden Mehrwert 500409 zu dem konstanten, 24910 zu dem variablen geschlagen werden müssen (die Zahlen beruhen auf Rechenfehlernvon Pannekoek, was dem grundsätzlichen Zusammenhang aber keinen Abbruch tut), um das richtige, dem technischen Fortschritt entsprechende Verhältnis zu haben; nicht 11000 sondern 1356 Arbeiter werden freigesetzt, und von überschüssigem Kapital ist keine Rede“(80).

Grossmann kann die Analogie zur Marxschen Überakkumulationstheorie in seinem Konstrukt nur herstellen, weil er klammheimlich eine Disproportionalitätskrise einführt. Ansonsten gebe es zwar eine gewisse Reservearmee, aber keinesfalls überflüssiges konstantes Kapital. Dieses entsteht nur, weil er Abteilung I relativ zu Abteilung II stärker ausdehnen läßt, als es die Veränderung der organischen Zusammensetzung gebietet.

Obwohl Grossmann Disproportionalitätskrisen als bloß sekundäres Phänomen kategorisch aus seiner Betrachtung ausschließt und in seinem gesamten Buch konsequent von ihnen absieht, fällt er gerade bei der Schilderung seines Zusammenbruchszenarios voll in sie zurück, ohne es auch nur wahrzunehmnen. Das ist kein zufälliger Ausrutscher. Diese völlig willkürlich eingeführte Disproportionalität ist Voraussetzung dafür, daß er seine in Wirklichkeit auf Unterakkumulation hinauslaufende Krisenvorstellung als Überakkumulationskrise sich suggerieren kann. Denn gehen wir von gleichgewichtigem Wachstum in beiden Abteilungen auch weiterhin aus, so herrscht in Grossmanns Modell unübersehbar Kapitalmangel und nicht Kapitalüberschuß. Das Gesamtkapital wächst nicht ausreichend, um die steigende Menge verfügbarer Arbeitskräfte auch in Lohn und Brot zu setzen. Wir finden hier das genaue Gegenteil der Marxschen Ableitung von Überakkumulation. Marx schreibt bekanntlich, um die Überakkumulation in ihrer reinen Form zu illustrieren:

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„Um zu verstehen, was diese Überakkumulation ist (ihre nähere Untersuchung folgt weiter unten), hat man sie nur absolut zu setzen. Wann wäre die Überproduktion des Kapitals absolut? Und zwar eine Überproduktion, die sich nicht auf dieses oder jenes oder auf ein paar bedeutende Gebiete der Produktion erstreckt, sondern in ihrem Umfang selbst absolut wäre, also sämtliche Produktionsgebiete einschlösse? Es wäre eine absolute Überproduktion von Kapital vorhanden, sobald das zusätzliche Kapital für den Zweck der kapitalistischen Produktion = 0. Der Zweck der kapitalistischen Produktion ist aber Verwertung des Kapitals, d.h. Aneignung von Mehrarbeit, Produktion von Mehrwert, von Profit. Sobald also das Kapital gewachsen wäre in einem Verhältnis zur Arbeiterbevölkerung, daß weder die absolute Arbeitszeit, die diese Bevölkerung liefert, ausgedehnt, noch die relative Mehrarbeitszeit erweitert werden könnte (das letztere wäre ohnehin nicht tubar in einem Fall, wo die Nachfrage nach Arbeit so stark, also Tendenz zum Steigen der Löhne); wo also das gewachsene Kapital nur ebensoviel oder selbst weniger Mehrwertsmasse produziert als vor seinem Wachstum, so fände eine absolute Überproduktion von Kapital statt; d.h., das gewachsene Kapital C +C produzierte nicht mehr Profit …, als das Kapital von C vor seiner Vermehrung durch C“(81).

Bei Grossmann finden wir davon keine Spur. Seine absolute Grenze der Kapitalakkumulation ist gerade dadurch charakterisiert, daß zwar die absolute Arbeitszeit und damit die Profitmasse wachsen könnte, dieses Potential an Mehrarbeitszeit aber mangels zusätzlichem Kapital nicht ausgeschöpft werden kann.

Grossmann lehnt zwar in Nibelungentreue zur Marxschen Terminologie die Erklärung der Krisen aus Kapitalmangel ab, kann aber den Anschein der Kontinuität zwischen seiner und der Marxschen Krisentheorie nur durch einige hilflose Wendungen aufrecht erhalten. In seiner Polemik gegen den bürgerlichen Ökonomen Cassel, der die Krisen aus Kapitalmangel abzuleiten sucht, ergeht sich Grossmann in Wortspielereien mit den Begriffen Mehrwert und Kapital anhand seines Schemas.

„Das Kapitalangebot ist zu klein? Aber von welchem Kapital spricht Cassel? Doch nicht von dem bereits akkumulierten und funktionierenden Kapital, von dem c + v unseres Schemas? Spricht er von Mangel an künftigem Kapitalangebot, von ungenügendem Angebot an Sparmitteln (Sparmittel und ac + av hier einfach identisch genommen!! E.L.), so kann er nur das zusätzliche, erst Anlage suchende Kapital meinen, das erst zu akkumulieren ist, das zum erstenmal in Funktion treten soll und in unserem Schema durch die zu akkumulierende Größe ac + av dargestellt ist … Cassel begeht somit eine einfache Begriffsverwechslung. Er spricht von Kapitalmangel, von ungenügendem Kapitalangebot … in Wirklichkeit spricht Cassel nicht von Kapital, sondern von dem Teil des Mehrwerts, der erst akkumuliert werden soll, also potentielles Kapital darstellt und erst durch seine Funktion im Verwertungsprozeß zum Kapital wird. Tatsächlich besteht also nicht ein Kapitalmangel, sondern ein Mehrwertmangel, ein Mangel an den Teilen des Mehrwerts ac + av, die erst akkumuliert werden sollen. Am Kapital dagegen, an dem bereits gegenwärtig funktionierenden Kapital c + v, besteht eine Überakkumulation.“(82)

Das ist nun völliger Unfug. Wenn in Grossmanns Modell im Jahr 36 die Produktion nicht in dem Maße ausgedehnt werden kann, daß das gesamte Wachs-

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tum der Arbeiterbevölkerung absorbiert würde, dann deswegen, weil c + v zu diesem Zeitpunkt zu klein dazu sind. Der Mehrwertmangel im Jahr 35 wirkt sich schematisch erst im Jahr 36 aus! Die Unterscheidung zwischen ursprünglichem Kapital und zusätzlichem Kapital aus der Mehrwertmasse ist zu dem Zeitpunkt, an dem die Krise zu Tage tritt, längst erloschen.

„Profit und Zins wird selbst wieder Kapital. Was als Mehrwert erschien, erscheint nun als einfache Voraussetzung etc., als in sein einfaches Bestehn selbst aufgenommen.“(82a)

Grossmann dagegen teilt das anlagesuchende Kapital in Mehrwert und nur reproduzierten Wert und meint, damit den Kapitalmangel als Mehrwertmangel enttarnt zu haben. In Wirklichkeit dagegen ist es völlig gleichgültig, ob das anlagesuchende Geldkapital neuproduzierten Mehrwert oder nur reproduzierten Wert, altes Kapital oder neuproduziertes Kapital darstellt. Daher trifft Marx damit Grossmanns Konstrukt ins Herz. Denn bei Grossmann ist die produzierte Mehrwertmasse nur von Bedeutung, soweit sie die Größe des im nächsten Produktionszyklus anwendbaren Gesamtkapitals bestimmt. Es kommt zur Krise, weil das Gesamtkapital, obwohl es den gesamten Mehrwert in sich aufnimmt, nicht in genügendem Umfang wächst. Im Gegensatz zu Marx kommt im Grossmannschen Modell dem Verhältnis von vorgeschossenem Kapital und Mehrwert, also der Profitrate, keine entscheidende Bedeutung zu, und die Entwicklung der Mehrwertmasse zeitigt erst Folgen, nachdem der Mehrwert aufgehört hat bloßer Mehrwert zu sein und als ununterschiedener Bestandteil des angewachsenen Gesamtkapitals wiedererscheint, zu Beginn des nächsten Produktionszyklus.

Während Grossmann sich abmüht, koste es was es wolle, überschüssiges Kapital in sein Schema hinein zu konstruieren, reproduziert Paul Mattick mit beneidenswert offener Naivität Grossmanns paradoxes Theorem:

„Weil zu wenig Kapital produziert wurde, kann es nicht länger als Kapital arbeiten, und wir sprechen von der Überakkumulation von Kapital“(83).

5. Grossmann und der individuelle Konsum der Kapitalistenklasse

Wir haben gesehen, daß die Verbindung, die Grossmann zwischen den Marxschen Schemata der erweiterten Reproduktion und seinem eigenen „Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz“ herstellt, nicht aus der Logik der Sache selbst entspringt und sich als rein willkürlich enthüllen muß. Sie ist allein aus den Mißverständnissen und Verquerungen der historischen Debatte, der Grossmanns Werk entwachsen ist, zu erklären. Im Grunde erkennt er diese Tatsache selbst an, denn bei seiner „Fortsetzung der Bauerschen Reproduktionsschemata“ läßt er die Unterscheidung zwischen den beiden Abteilungen fallen und listet einfach gesamtgesellschaftlich c, v, und die Konsumtion- und Akkumulationsteile des Mehrwerts auf. Er gibt auch formell jeden Zusammenhang mit dem Marxschen Problem

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des Austausches zwischen den beiden Abteilungen auf und seine schematische Darstellung bezieht sich offen einzig und allein auf die Debatte um das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate.

Während aber Marx bei der Behandlung des tendenziellen Falls keinerlei Unterscheidung zwischen dem konsumierten und dem akkumulierten Teil des Mehrwerts trifft, ihn nur in seiner Gesamtgröße betrachtet, wird bei Grossmann dieser Unterschied essentiell. Für ihn ist, so unglaublich das klingen mag, die individuelle Konsumtion der Kapitalistenklasse Sinn und Zweck des Akkumulationsprozesses, und mit deren Schwinden gerät das Kapital in die Krise – schließlich bricht die kapitalistische Produktionsweise am Mangel an Mitteln für den individuellen Konsum der Kapitalistenklasse zusammen. Grossmann erklärt das anfängliche Funktionieren des von Bauer beschriebenen Modells folgendermaßen:

„Der für die individuelle Konsumtion der Kapitalisten bestimmte Teil des Mehrwerts (k) stellt zwar einen relativ immer kleineren Prozentsatz des Mehrwerts dar – er fällt von 75% im 1. Jahr auf 72.02% im 4. Jahr -, aber er wächst absolut trotz der steigenden Akkumulation von Jahr zu Jahr, somit ist der Zweck und das Motiv der Produktionserweiterung für den Kapitalisten gegeben“.(84)

Allerdings bleibt es dabei nicht:

„Bereits im 35. Jahr könnte das angewachsene Kapital keinen genügend großen Profit liefern, um den Unternehmern einen für ihre Konsumtion erforderlichen k-Teil zusichern. Das kleinere Kapital des 34. Jahres … hat immerhin den Unternehmern einen für ihre persönliche Konsumtion bestimmten k-Teil im Betrage von 11141 geliefert. Das im 35. Jahre … angewachsene Gesamtkapital … liefert keinen solchen Teil“(85).

Aber nicht erst wenn der Konsumteil gänzlich verschwunden ist, sondern sobald der k-Teil absolut sinkt, gerät bei Grossmann das Kapital in die Krise:

„Lange bevor dieser Endpunkt der Entwicklung erreicht worden wäre, bereits vom 21. Jahr an, wo der k-Teil absolut zu sinken beginnt (r-Punkt), hätte die Akkumulation für die Kapitalisten jeden Sinn verloren. Denn von einem Kapital 1474943 im 20. Jahr hätten sie einen k-Teil im Betrage von 117832 erzielt. Dagegen hätte das im folgenden Jahr auf 1609802 angewachsene Kapital einen kleineren bloß 117612 betragenden k-Teil geliefert. Und jede weitere Kapitalakkumulation wäre von einem abnehmenden k-Teil begleitet. In diesem Punkt muß daher die weitere Akkumulation notwendig unterbrochen werden und die Wendung zur Krise eintreten“(86).

Allein schon die Penetranz, mit der Grossmann immer wieder

„die grundlegende Wichtigkeit des für den Konsum der Kapitalisten bestimmten k-Teils für die Existenz des kapitalistischen Mechanismus“(87)

betont, zeigt nicht nur, wie wichtig Grossmann dieser Punkt ist, sie legt auch nahe, hier mehr als ein Abirren in einem nicht so wesentlichen Punkt zu sehen. Auch in seiner Abgrenzung gegen Rosa Luxemburg kommt er auf den Konsum der Kapitalisten als Zweck der kapitalistischen Produktion zurück. So tut er es als „scholastische Redewendung“ ab, wenn sie schreibt:

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„Doch kann die wachsende Konsumtion der Kapitalistenklasse jedenfalls nicht als Zweck der Akkumulation betrachtet werden; umgekehrt, sofern diese Konsumtion stattfindet und wächst, findet keine Akkumulation statt; die persönliche Konsumtion der Kapitalisten fällt unter die Gesichtspunkte der einfachen Reproduktion“(88).

Er merkt nicht, daß Rosa Luxemburg nur Marx paraphrasiert; der im Kapital schreibt:

„Soweit daher sein Tun und Lassen nur Funktion des in ihm mit Willen und Bewußtsein begabten Kapitals, gilt ihm sein eigener Privatkonsum als ein Raub an der Akkumulation seines Kapitals“(89).

Oder, eine Seite vorher:

„Nur soweit der Kapitalist personifiziertes Kapital ist, hat er einen historischen Wert und jenes historische Existenzrecht, das … kein Datum hat. Nur soweit steckt seine eigene transitorische Notwendigkeit in der transitorischen Notwendigkeit der kapitalistischen Produktionsweise. Aber soweit sind auch nicht Gebrauchswert und Genuß, sondern Tauschwert und dessen Vermehrung sein treibendes Motiv. Als Fanatiker der Verwertung des Werts zwingt er rücksichtslos die Menschheit zur Produktion um der Produktion willen“(90).

„Akkumuliert, Akkumuliert! Das ist Moses und die Propheten“(91)!

Grossmann zitiert gegen die korrekte, fast schon banale Zusammenfassung der Marxschen Position, wie sie Luxemburg bringt, völlig unzusammenhängend Marxens Polemik gegen diverse „Abstinenztheorien“, die den Profit als Lohn für die Entsagung (auf neudeutsch: Konsumverzicht) des Kapitalisten rechtfertigen:

„Auf einer gewissen Entwicklungshöhe (der Akkumulation) … wächst seine (des Kapitalisten) Verschwendung mit seiner Akkumulation, ohne daß die eine die andere zu beabbruchen braucht“(92).

Mehr kann er zur Rechtfertigung der angeblich überragenden Stellung des Konsumteils der Kapitalisten nicht anführen. Hätte er eine Seite vor oder zurückgeblättert, so wäre er auf die oben angeführten Stellen gestoßen. Seine hilflose Rechtfertigung liegt hautnah eingeklemmt zwischen den von Rosa Luxemburg paraphrasierten Stellen. Wie es Grossmann gelang, diese zu überlesen, bleibt schleierhaft. Aber wichtiger als das Wie, scheint mir hier das Warum zu sein; aber dazu kommen wir noch. Zunächst wollen wir nur festhalten, daß für Marx die selbstgenügsame Bewegung G-G‘ charakteristisch für den Umschlag des Kapitals ist. Der Akt G-W, wenn er nicht die nachfolgende Phase W-G‘ vermittelt, sondern im individuellen Konsum von Gebrauchswerten erlischt, ist dagegen nur Zugeständnis an die fleischlichen Gelüste des Kapitalisten, an den Kapitalisten als Privatperson, als Nichtkapitalist.

„Man darf diese (die kapitalistische Produktionsweise, E.L.) daher nie darstellen als das, was sie nicht ist, nämlich als Produktion, die zu ihrem Zweck den Genuß hat oder die Erzeugung von Genußmitteln für den Kapitalisten. Man sieht dabei ganz ab von ihrem spezifischen Charakter, der sich in ihrer ganzen Kerngestalt darstellt“(93).

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Genau das tut aber Grossmann. Die Kritik von Marx an Ricardo läßt sich wie so oft auch diesmal gegen unseren Rekonstrukteur der Marxschen Krisentheorie wenden:

„Er flüchtet sich zu der abgeschmackten Sayschen Voraussetzung, als ob der Kapitalist nicht für den Profit, den Mehrwert, sondern für den Konsum, den Gebrauchswert – seinen eigenen Konsum – … produziere“(94).

Für ihn ist das treibende Motiv der kapitalistischen Produktionsweise der Wunsch der Kapitalisten, eine möglichst große Menge von Gebrauchswerten anzueignen. Der Profit ist nur Mittel dazu, nicht Selbstzweck. Das Besondere der kapitalistischen Produktionsweise liegt dann paradoxerweise nicht in der Verwertung des Werts selber, sondern im Abzug, den sie durch die verfressenen Kapitalisten erleidet. Grossmann will die herrschende Klasse also beseitigt sehen, weil sie nicht mit letzter Konsequenz die Verwertung des Werts voranpeitscht. Er wirft ihr vor, daß sie ihrem Berufe als Inkarnation der Maßlosigkeit des Tauschwerts nicht ausreichend nachkommt, stattdessen noch ganz flott leben will und so maximale Akkumulation verhindert.

„Soll die Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter, d.h. die Kapitalakkumulation stattfinden, so muß der Mehrwert notwendig nach dreifacher Richtung verwendet und dementsprechend in drei Teile geschieden werden:

1. in zusätzliches konstantes Kapital ac

2. in zusätzliches variables Kapital, d.h. zusätzliche Lebensmittel der Arbeiter, av, endlich

3. in Konsumtionsfonds für die Kapitalisten, k.

Jeder dieser drei Teile ist für die Produktionserweiterung auf kapitalistischer Basis gleich notwendig. Stellen wir uns für einen Augenblick vor, daß der Mehrwert nur zur Deckung der zwei ersten Elemente hinreicht, dann wäre die Akkumulation unmöglich. Denn es müßte gefragt werden, zu welchem Zweck die Kapitalisten produzieren und akkumulieren? Um mehr Arbeiter zu beschäftigen? Das hätte vom kapitalistischen Standpunkt keinen Sinn, sobald die Kapitalisten aus der Verwendung von zusätzlichen Arbeitern keinen Nutzen haben. Sie hätten die Mühe der Produktionsleitung, ohne irgendwelche Vorteile davon zu erzielen. Endlich hätte eine solche Produktionsweise, soweit es auf die Einkommensverteilung ankommt, den privatkapitalistischen Charakter verloren: Mit dem Fortfall des k-Teiles des Mehrwerts, der für den Konsum der Kapitalisten bestimmt ist, wäre jeder Mehrwert im Sinne des arbeitslosen Einkommens verschwunden. Denn die zwei ersten Teile des Mehrwerts, zusätzliches konstantes Kapital ac und zusätzliches variables Kapital av, haben eben nur den Charakter eines Mehrwerts, solange sie zur Produktion des drittenTeiles dienen, – des Konsumtionsfonds für Kapitalisten, den diese ohne Äquivalent erhalten. Entfällt dieser Teil, dann fällt den Kapitalisten überhaupt kein Atom von unbezahlter Arbeit zu. Denn das ganze variable Kapital fällt der Arbeiterklasse zu, und das konstante Kapital dient ausschließlich zur Ermöglichung des Arbeitsprozesses, dessen ganzes Jahresprodukt – soweit nicht zum Ersatz der Produktionsmittel nötig, – ausschließlich der Arbeiterklasse zukommt. Der Mehrwert im Sinne der unbezahlten Arbeit, der Mehrarbeit über die Zeit hinaus, die zur Produktion der notwendigen

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Lebensmittel erforderlich ist, wäre verschwunden. Alle Lebensmittel wären jetzt nur notwendige Lebensmittel, sie gingen ausschließlich in den Konsum der Arbeiter ein. Dieser Teil des Mehrwerts, der jetzt über die unmittelbaren Bedürfnisse hinaus zur Erweiterung des Produktionsapparates dient, müßte auch in einer sozialistischen Gesellschaft für denselben Zweck verwendet werden. Der k-Teil ist somit eine für die Kapitalakkumulation essentielle und charakteristische Bedingung“(95).

Würde Grossmann die absurde Unterscheidung zwischen eigentlichem Mehrwert (k-Teil) und uneigentlichem Mehrwert (ac und av) nicht treffen, so hätte dies eine entscheidende Folge für seine Zusammenbruchstheorie. Nur sie ermöglicht es ihm, einen spezifisch kapitalistischen Zusammenbruchspunkt anzugeben. Die Kapitalisten verlangsamen die Akkumulation schon dann, wenn der Konsumteil absolut sinkt, obwohl der Gesamtmehrwert noch weiter wächst und völlig ausreichend zur Einhaltung der alten Modellbedingungen wäre.

„Es ist nicht anzunehmen, daß die Unternehmer sich passiv verhalten und bis zu dem Moment warten werden, wo der k-Teil gänzlich verschwindet. Schon lange vorher, spätestens aber vom r-Punkt an, also in unserem Schemabeispiel vom 21. Jahre an, wo der k-Teil absolut zu sinken beginnt, werden sie alles aufbieten, um diese sinkende Tendenz aufzuhalten. Zu diesem Zweck müßte entweder der Lohn der Arbeiterklasse herabgedrückt werden, oder aber man müßte die bisher gemachtenVoraussetzungen durchbrechen, nämlich die Voraussetzung, daß bei einem 5%-Jahreszuwachs der Bevölkerung das konstante Kapital um 10% jährlich akkumulieren muß, wenn der technische Fortschritt mit dem Bevölkerungszuwachs Schritt halten soll. Es würde sich also ergeben, daß die Akkumulation von nun an nicht 10%, sondern weniger … ausmachen könnte. Das Tempo der Akkumulation müßte von nun an verlangsamt, und zwar dauernd und progressiv verlangsamt werden; die Akkumulation könnte nicht mit dem Bevölkerungszuwachs Schritt halten. Es könnten immer nur weniger Maschinen usw. als eigentlich erforderlich eingestellt werden, was nichts anderes heißt, als daß die Entwicklung der Produktivkräfte gehemmt wird. Folglich würde sich von diesem Jahr an notwendig eine immerfort wachsende Reservearmee bilden“(96).

Würde Grossmann, was er mitunter auch tut, den Zusammenbruch bzw. die Krise erst an dem Punkt ansiedeln, an dem der Mehrwert nicht mehr ausreicht, um die Wachstumsbedingungen des Bauer-Modells einzuhalten, so könnte von einer spezifisch kapitalistischen Schranke gar nicht die Rede sein. Auch für eine sozialistische Gesellschaft wäre hier eine Grenze für die Ausdehnungsgeschwindigkeit der Produktion. Es bereitet nicht die geringsten Schwierigkeiten, die „Zusammenbruchsbedingungen“ von Grossmann auf eine auf der Grundlage direkter Zeitökonomie funktionierende Gesellschaft zu übertragen. Wir schreiben das Szenario im 34. Jahr des Bauer-Schemas ein bißchen um:

In den Garküchen der Zukunft finden wir eine auf Zeitökonomie beruhende Gesellschaft von ungeheurer Fruchtbarkeit. Ihre Bevölkerung vermehrt sich jährlich um 5%, daher wird auch gewohnheitsmäßig die in der Produktion von Konsumgütern verausgabte gesamtgesellschaftliche Arbeitszeit jährlich um 5%

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erhöht. Im Jahr 33 werden im Bereich Konsumtionsmittel 500304 Arbeitsstunden verausgabt, bei der Herstellung von Produktionsmitteln 4641489. Im Jahr 34 soll die Herstellung von Konsumtionsmitteln um 5% und die von Produktionsmitteln um 10% erhöht werden. Außerdem werden 11141 Arbeitsstunden zur damit endlich abgeschlossenen Begrünung der Sahara verwendet. Die gesellschaftliche Arbeitszeit beträgt in diesem Jahr also insgesamt 5642097. Für das Jahr 35 finden sich die assoziierten Produzenten bereit, 6156275 Stunden von ihrem eigentlichen Reichtum, der disponiblen Zeit, abzuzwacken. Die gerade mit der Produktionsplanung betraute Köchin läßt daraufhin bei einer gerade hereinrotierenden Beisitzerin anfragen, ob mitHilfe der freigewordenen Arbeitskräfte vom Saharaprojekt die Fortschreibung der letztjährigen Steigerungsraten möglich sei. Das Milchmädchen tippt auf ihrem Taschenrechner herum, schüttelt nach einer Weile den Kopf und meint: „Is nich, das geht nicht. (5105637 x 1.1 + 525319 x 1.05) – 6156 275 = 11508. Dazu haben wir 11508 Arbeitsstunden zu wenig zur Verfügung.“

Am grundlegenden Problem hat sich nichts, aber auch gar nichts geändert. Ein Wachstum der gesamtgesellschaftlichen Arbeitszeit von 5% reicht nicht aus, wenn die in der Erzeugung von Produktionsmitteln verausgabte Arbeitszeit um 10% und die in Konsumgütern verausgabte um 5% gleichzeitig steigen sollen, sobald der gesamtgesellschaftliche Arbeitstag nur noch in diese beiden Teile zerfällt. Diese Banalität macht den Kern der Zusammenbruchstheorie von Grossmann aus. Weil er in seiner gesamten Analyse den Zusammenhang zwischen Einzelkapital und Gesamtkapital nicht durchdringt, und sich immer nur auf den Standpunkt eines völlig handgreiflichen, als reale empirische Kategorie genommenen Gesamtkapitals stellt, kann er die spezifisch kapitalistische Schranke der kapitalistischen Produktionsweise nicht fassen. Er landet entweder bei einer allgemeinen Schranke, einem Gemeinplatz vom Niveau: der Arbeitstag kann nicht mehr als 24 Stunden haben, die jede denkbare Produktionsweise trifft, oder er kommt zu einer spezifisch kapitalistischen Schranke, indem er ausgerechnet den spezifisch kapitalistischen Charakter des kapitalistischen Produktionsprozesses auslöscht. Wenn Grossmann von der Abstraktion vom Gebrauchswert, von der Verwertung des Werts als Selbstzweck etc., absieht und der kapitalistischen Produktionsweise Gebrauchswertorientierung unterschiebt, ontologisiert er gleichzeitig mit der Akkumulation um der Akkumulation willen den Tauschwert. Wenn er vom akkumulierten Teil des Mehrwerts, wie vorhin schon zitiert, schreibt:

„Dieser Teil des Mehrwerts, der jetzt über die unmittelbaren Bedürfnisse hinaus zur Erweiterung des Produktionsapparates dient, müßte auch in einer sozialistischen Gesellschaft für denselben Zweck verwendet werden“(97),

so steckt mehr dahinter als nur sprachliche Schlamperei. In seiner Sozialismusvorstellung ist durchaus Platz für die Fortexistenz des Mehrwerts und damit des Werts, denn in seiner Analyse der kapitalistischen Krise spielen die Kritik von Ware

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und Wert nicht die geringste Rolle. Den Widerspruch zwischen Akkumulation von Tauschwert einerseits und Gebrauchswert andererseits, von Reakkumulation und Geldakkumulation, von industriellem Kapital und Leihkapital, bügelt er systematisch glatt, und so fällt seine Fetischisierung der Akkumulation umstandslos mit der Fetischisierung des Tauschwerts zusammen. Er bleibt nicht nur im Tauschwert verhaftet, seine ganze Herangehensweise mündet in die Propagierung der Emanzipation des sich verwertenden Werts von den Konsumgelüsten der Kapitalistenklasse. Grossmanns Gegner kennen wir aus den Karikaturen der 20er Jahre. Es ist der dicke Bauch, der sich unter Zylinder und Zigarre nach vorne wölbt und sich Kaviar und Champagner schmecken läßt. Der selbstgenügsame Tauschwert muß von dieser Made in seinem Pelz befreit werden, darauf läuft diese Sozialismuskonzeption entsprechend hinaus. Die akkumulierten Teile des Mehrwerts dürfen nur solange bei ihrem richtigen Namen genannt werden, sind nur solange wirklich Mehrwert, wie der Konsumteil der Kapitalisten existiert. Mit dessen Verschwinden verschwindet der eigentliche Mehrwert, und nur der uneigentliche bleibt zurück, ohne daß deswegen auch von der Auflösung der Wertbeziehung die Rede sein könnte. Im Grossmannschen Sozialismus zerfällt das weiterhin vorhandene gesellschaftliche Wertprodukt in variables Kapital und uneigentlichen Mehrwert.

Der apologetische Zug der ganzen Darstellung ist unübersehbar. Er verweist direkt auf das lebende Vorbild, auf die nachgeholte ursprüngliche Akkumulation in der Sowjetunion.

Auch wenn Grossmanns Sozialismusvorstellung nirgends wirklich explizit wird, so zeichnet sich doch recht klar ab, daß ihm Sozialismus und beschleunigte Akkumulation in eins fallen. Wenn sich die Bourgeoisie eines zurückgebliebenen kapitalistischen Landes, wie des zaristischen Rußlands, als zu schwach erweist, um die kapitalistische Akkumulation in ausreichendem Umfang zu tragen, und an ihre Stelle daher eine andere, konsequentere Kraft tritt, um diese Aufgabe zu vollbringen, so projiziert Grossmann dieselbeProblemstellung in den Zusammenbruch des entwickelten Kapitalismus. Die Akkumulation als Selbstzweck hat sich beim Zusammenbruch des ja inzwischen hochentwickelten Kapitalismus nicht schon längst ad absurdum geführt, nein, sie bleibt als unumstößliche Notwendigkeit bestehen. Auf die Idee, in der disponiblen Zeit der Individuen den wahren Reichtum der Gesellschaft zu sehen, verfällt er keinen Augenblick.

Entsprechend fällt auch seine Vorstellung von Produktivkraftentwicklung aus. Wenn Marx von der Hemmung der Entwicklung der Produktivkräfte durch das Kapitalverhältnis spricht, so fällt dies bei Grossmann mit der Hemmung maximaler Akkumulation durch die Konsumabzüge der Kapitalisten einfach zusammen. Er kennt nur dinglichen Reichtum, und auch die Entwicklung der Produktivkräfte kann er sich nur verdinglicht vorstellen. Er begreift sie nicht als Potenz gesellschaftlicher Arbeit, sondern nur geronnen, als Anhäufung von Maschinerie, so wie sie real in den Fabriken anzutreffen ist. So schreibt er in seinem schon zitierten Krisensze-

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nario:

„Das Tempo der Akkumulation müßte von nun an verlangsamt, und zwar dauernd und progressiv verlangsamt werden; die Akkumulation könnte mit dem Bevölkerungszuwachs nicht Schritt halten. Es könnten immer nur weniger Maschinen usw. als eigentlich erforderlich eingestellt werden, was nichts anderes heißt, als daß die Entwicklung der Produktivkräfte gehemmt wird“(98).

Diese Identität von Produktivkraftentwicklung und Akkumulation ist natürlich unsinnig. Grossmanns Zeitgenossen fiel dieser verdinglichte Produktivkraftbegriff genausowenig auf wie es ihnen in den Sinn kam, seine abstruse Konsumtionstheorie mit dem Ideologem der nachholenden sozialistischen Akkumulation in Verbindung zu bringen. Um beides radikal kritisieren zu können, hätten sie ja auch Prämissen angreifen müssen, die sie selber teilten. Die Verachtung des Luxuskonsums und der Stolz des unmittelbarenProduzenten waren in der alten Arbeiterbewegung dazu viel zu sehr verallgemeinert. Beides ging als konstituierendes Merkmal auch in die westeuropäische Bewegung, sowohl in den sozialdemokratischen wie in den kommunistischen Flügel, ein. Bucharin sagt nichts spezifisch russisches, wenn er die Verbreitung von „Rentiersmentalität“ als Zeichen kapitalistischer Fäulnis nimmt und dem passiv verweichlichten Rentier den selbstbewußten, proletarischen, unmittelbaren Produzenten gegenüberstellt:

„Der Verbrauch bildet die Grundlage des ganzen Lebens der Rentner, und die Psychologie ‚des reinen Verbrauchens‘ verleiht diesem Leben ihren ‚Stil‘. Der konsumierende Rentner hat ausschließlich Reitpferde, Teppiche, duftende Zigarren, Tokaier Wein vor Augen. Wenn er einmal von Arbeit spricht, so meint er damit die ‚Arbeit‘ des Blumenpflückens oder der Besorgung einer Theaterkarte. Die Produktion, die Arbeit, die zur Erreichung materieller Güter erforderlich ist, liegt außerhalb seines Gesichtsfeldes. Von echter, aktiver Tätigkeit ist bei ihm keine Rede: seine ganze Psyche weist passive Farbtöne auf; die Philosophie, die Ästhetik dieser Rentner ist rein beschaulicher Art: es fehlen darin die für die Ideologie des Proletariats so typischen aktiven Elemente. Das Proletariat lebt nämlich in der Sphäre der Produktion, kommt in direkte Beziehung zur ‚Materie‘, die sich für es in ‚Material‘, in ein Objekt der Arbeit verwandelt. Es sieht unmittelbar das riesenhafte Wachstum der Produktionskräfte der kapitalistischen Gesellschaft, die neue, sich immer mehr entwickelnde Maschinentechnik …, je weiter und tiefer der Prozeß der technischen Vervollkommnung vorwärts schreitet. Für den Proletarier ist somit die Psychologie des Produzenten charakteristisch. Umgekehrt ist für den Rentner die Psychologie des Konsumenten charakteristisch“(99).

Arbeitsstolz und Verachtung für die unproduktiven Nutznießer des gesellschaftlichen Reichtums waren wesentliche psychologische Triebfedern der traditionellen Arbeiterbewegung. Statt die proletarische Existenzweise als unmenschliche Last und Verstümmelung anzugreifen, heroisierte die alte Arbeiterbewegung den Arbeitsmann und strebte nicht nach der Abschaffung des Proletariats, sondern nach dessen Verallgemeinerung. Nur vor dieser durchgängigen ideologischen Matrix, die beide Fraktionen der alten Arbeiterbewegung in treibende Kräfte

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kapitalistischer Entwicklung verwandelte, ist diese Ausformung der Grossmannschen Zusammenbruchstheorie wenigstens nachvollziehbar. Fassen wir Stachanow nicht so sehr als stalinistische Entartung, sondern mehr als das Zusichselbstkommen der Traditionslinie der 2. und 3. Internationalen auf, so wird klar, warum Grossmanns lächerliches Konstrukt, das das Kapital in der Fleischlichkeit der Kapitalisten eine Schranke finden läßt, ohne größeren Anstoß zu erregen, durchgehen konnte.

Anmerkungen

(1)  Henryk Grossmann: „Marx, die klassische Nationalökonomie und das Problem der Dynamik“, Frankfurt 1969, S. 24.

(2)  Henryk Grossmann: „Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems“, Frankfurt 1970, S. 13.

(3)  Paul Mattick, „Krisen und Krisentheorien“, in: „Krisen und Krisentheorien“, Claudio Pozzoli (Hrsg), Frankfurt 1974, S. 10.

(4)  Paul Mattick, „Kritik der Neomarxisten“, Frankfurt 1974, S. 44.

(5)  Hans-Georg Backhaus hat dieses zentrale Problem der Marxrezeption herausgearbeitet. Vergleiche dazu seine Aufsatzfolge in der Zeitschriftenreihe      „Gesellschaft“, insbesondere seinen Aufsatz „Materialien zur Rekonstruktion der Marxschen Werttheorie“, in: „Gesellschaft. Beiträge zur Marxschen Theorie I“,      Frankfurt 1974, und seinen Aufsatz „Zur Dialektik der Wertform“, in: Alfred Schmidt (Hrsg.), „Beiträge zur marxistischen Erkenntnistheorie“, Frankfurt 1969.

(6)  I.I. Rubin, „Studien zur Marxschen Werttheorie“, Frankfurt 1973, S. 80.

(7)  „Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz …“, S. 83.

(8)  MEW 26.2, S. 510.

(9)  Lenin war die innere Verwandtschaft zwischen dem Werk von Marx und Hegel bewußt und gleichzeitig war ihm klar, wie wenig in der zeitgenössischen Marxrezeption dieser Zusammenhang mitgedacht wurde. Er schrieb: „Man kann das ‚Kapital‘ von Marx und das erste Kapitel nicht vollkommen begreifen, wenn man nicht die ganze Logik Hegels durchstudiert und begriffen hat“, und er schließt dann weiter: „Folglich hat nach einem halben Jahrhundert keiner von den Marxisten Marx begriffen!“ Lenin: Aus dem philosophischen Nachlaß, Berlin 1954, S. 99.

(10) Die Kritik der politischen Ökonomie war seit jeher das Stiefkind marxistischer Theoriebildung nach Marx. Selbst die alte Sozialdemokratie, die ihren      „revolutionären Attentismus“ gern hinter dem „ehernen Gang der ökonomischen Notwendigkeit“ versteckte, übte sich auf diesem Gebiet in Absentismus. Zu      apologetischen Zwecken waren einige breitgetretene Phrasen voll ausreichend, für die eigene politische Strategie und Taktik war sie überflüssiges Ornament.     Hilferding räumt einleitend zum „Finanzkapital“ diesen Sachverhalt ein und bagatellisiert ihn:

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„Es ist dem Marxismus oft vorgeworfen worden, daß er die Fortbildung der ökonomischen Theorie vernachlässigt habe, und dieser Vorwurf entbehrt in einem gewissen Umfang der objektiven Berechtigung sicherlich nicht. Aber ebenso wird zugestanden werden müssen, daß dieses Versäumnis nur allzu erklärlich ist. Nationalökonomische Theorie gehört infolge der unendlichen Kompliziertheit der zu untersuchenden Erscheinungen sicher zu den schwierigsten wissenschaftlichen Unternehmungen. Der Marxist ist aber in einer eigentümlichen Lage; ausgeschlossen von den Universitäten, die die nötige Zeit für wissenschaftliche Forschung gewähren, ist er gezwungen, die wissenschaftliche Arbeit in die Mußestunden zu verlegen, die ihm die Kampfstunden der Politik lassen. Von Kämpfern aber zu verlangen, daß ihre Arbeit an dem Gebäude der Wissenschaft so rasch fortschreite wie die friedlicher Maurer, wäre unbillig, zeugte es nicht von dem Respekt vor ihrer Leistungsfähigkeit.“ („Finanzkapital“), Frankfurt 1968, S. 19.

(11) Zumindest stieß ich bei meinen Studien zur Debatte um Grossmann zwar oft auf schon phantastisch zu nennende Apologetik, die in Grossmanns Werk Leistungen hineinphantasiert, die dort beim besten Willen nicht zu finden sind, aber selten nur auf Spurenelemente immanenter politökonomischer Kritik. Ganz typisch ist die Haltung von Hans-Jürgen Krahl gegenüber Grossmann. Er verwechselt Phrase und Wirklichkeit und bezieht sich ausgesprochen positiv auf den Ökonomen Grossmann:

„Grossmann vermeidet den Fehler …, die Werttheorie Marxens von der materialistischen Geschichtsauffassung zu trennen. Im Gegenteil wird ihm zufolge die Lehre des Historischen Materialismus in dem Maße zur Wissenschaft, da die bei Sismondi als ‚Ahnung‘ vorhandene geschichtsphilosophische Einsicht in den historisch bestimmten und vergänglichen Charakter der bürgerlichen Gesellschaft bis in die Zellform der kapitalistischen Produktionsweise, die Warenform des Produkts, die Wertform der Ware und die Kapitalform des Werts, zurückverfolgt werden kann. So schließt Grossmann – Marx interpretierend – von der geschichtsphilosophischen Einsicht in den historisch bestimmten und vergänglichen Charakter der kapitalistischen Produktionsweise auf die gesellschaftliche Tendenz, diese geschichtliche Tendenz zu aktualisieren, den Widerspruch zwischen Produktionsverhältnissen und Produktivkräften, der aber auf gesellschaftlicher Ebene nur den ökonomischen Widerspruch zwischen Tauschwert und Gebrauchswert in Kapitalform darstellt und sich somit als das Problem der organischen Zusammensetzung des Kapitals, damit der kapitalistischen Akkumulation und schließlich als die ökonomische Tendenz des Falls der Profitrate sich darstellt.“ (Konstitution und Klassenkampf, S. 88).

Nur weil Krahl in Anlehnung an Grossmann im Schnellverfahren den Widerspruch von Tauschwert und Gebrauchswert auf das Problem der organischen Zusammensetzung zusammenkürzt, kann er, geschichtsphilosophisch blubbernd, die Aufgabe, die vor uns liegt, als schon geleistet ad acta legen und Grossmann stattdessen auf ganz anderer Ebene verhackstücken. Er nimmt dabei den Wert, ganz traditionell als rein ökonomische Größe und nicht als gesellschaftliches Verhältnis und kann dann, weil Grossmann „den transitorischen Charakter der bürgerlichen „Gesellschaft“ eben nicht „bis in die Zellenform der kapitalistischen Produktionsweise, die Warenform des Produkts, die Wertform der Ware … zurückverfolgt“ und flach mathematisierend bleibt, kurzer Hand diese Art von marxistischer Wirtschaftswissenschaft beiseite schieben und wie seit 50 Jahren gehabt, Grossmann wegen der Vernachlässigung „des subjektiven Faktors“ verwerfen:

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„Grossmann tendiert vielleicht dazu, die Zusammenbruchstendenz doch in dem Maße verdinglicht zu interpretieren, als der kapitalistischen Gesellschaftsformation die ökonomische Tendenz zum Sozialismus immanent sei. Das ist aufgrund des Vergesellschaftungsprozesses, der immer zentralisiertere Formen des kapitalistischen Privateigentums bildet, auch in der Tat richtig. Nur genügt eben diese Vergesellschaftung der Produktionsmittel nicht; die Arbeitsnorm bleibt verinnerlicht, und die Herrschaftsverhältnisse bestehen potenziert – als      Faschismus – fort. Die selbsttätige Subjektivität ist eben gerade nicht mechanisch vom materiellen Sein, auch nicht vom vergesellschafteten, bestimmt“      (Konstitution und Klassenkampf“, S. 89).

Die Melodie klingt vertraut. Krahl argumentiert gegen Grossmann nicht anders als 40 Jahre vorher Karl Korsch. Auch er erkennt die Leistung des Ökonomen Grossmann vorbehaltlos an, nennt „Grossmann eine Leuchte der Ökonomie“ (Jahrbuch Arbeiterbewegung, Theorie und Geschichte Band 2, Frankfurt 1974, S. 183), um ihm vomphilosophischen Standpunkt, aus der Sicht des Subjekts, das seine Geschichte selber macht, gehörig die Leviten zu lesen.

(12) Marx schreibt einleitend zu den Grundrissen:

„In der Anatomie des Menschen ist ein Schlüssel zur Anatomie des Affen. Die Andeutung auf Höhres in den untergeordneten Tierarten können dagegen nur      verstanden werden, wenn das Höhre selbst schon bekannt ist. Die bürgerliche Ökonomie liefert so den Schlüssel zur antiken etc“ (Grundrisse, S. 26).

Dieser Zusammenhang gilt selbstverständlich auch für die aufeinanderfolgenden Entwicklungsetappen der bürgerlichen Ökonomie. Die entwickelte Form der bürgerlichen Gesellschaft liefert den Schlüssel zum Verständnis ihrer eigenen selber schon bürgerlichen Vorformen. Diesen Gedanken sollten sich alle hinter die Ohren schreiben, die irgendwo aus der Geschichte eine schon halbwegs fertige Krisentheorie hervorzaubern wollen. Die Überlieferung stellt uns hier frei Haus nichts zurVerfügung, was wir nur noch anwenden müßten.

(13) In dem Artikel „Krise des Tauschwerts“ von Robert Kurz in der „Marxistischen Kritik“  Nr. 1 ist das qualitativ neue  der heutigen Entwicklungsetappe des Kapitals zumindest grob umrissen. Im Lichte des dort vertretenen Ansatzes versuche ich hier, die Krisentheorie der alten Arbeiterbewegung kritisch zu durchleuchten. Auch wenn dieser Bezug meist implizit bleibt, so ist er in      dieser Arbeit doch allgegenwärtig.

(14) MEW 24, S. 391 (15) MEW 24, S. 392

(16) MEW 24, S. 392 (17) MEW 24, S. 393

(18) Henryk Grossmann, „Aufsätze zur Krisentheorie“, Frankfurt 1971, S. 15

(19) ebenda, S. 16

(20) Karl Marx, „Grundrisse der politischen Ökonomie“, Berlin (Ost) 1974, S. 345

(21) Als Grossmann sein Hauptwerk schrieb, waren die Grundrisse noch unveröffentlicht und für ihn nicht greifbar. Zur Geschichte der Grundrisse vgl. Roman Rosdolsky „Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen Kapitals“, Frankfurt 1968.

(22) „Aufsätze zur Krisentheorie“, S. 169.

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(23) ebenda, S. 174.

(24) ebenda, S. 17.

(25) ebenda, S. 18.

(26) „Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz …“, S. 93.

(27) „Aufsätze …“, S. 20.

(28) „Das Akkumulations…“, S. 89.

(29) ebenda, S. 93.

(30) ebenda, S. VI-VII.

(31) „Aufsätze“, S . 46.

(32) Nachweis entfällt.

(33) „Das Akkumulations…“, S. 288.

(34) ebenda, S. 287.

(35) Paul Mattick „Kritik der Neomarxisten“ Frankfurt 1974, S. 39.

(36) Frederico Hermanin in „Drei Beiträge zur Methode und zur Krisentheorie bei Marx“, Gießen 1973, S. 93.

(37) G.W.F. Hegel „Wissenschaft der Logik“ I, Hamburg 1975.

(38) „Das Akkumulations…“ S. 95.

(39) ebenda, S. 96.

(40) Einer der ganz wenigen, die einer kantianischen Interpretation nicht aufsaßen und daher dieses Phänomen überhaupt sahen, war I.I. Rubin. Er schrieb bei der Behandlung des Zusammenhangs von Wertform und Wertsubstanz, ein Problem, das seine Zeitgenossen gar nicht wahrnahmen:

„Man darf nicht vergessen, daß Marx in der Frage des Verhältnisses von Inhalt und Form den Hegelschen Standpunkt vertrat und nicht den Kantischen. Kant betrachtete die Form als etwas dem Inhalt Äußerliches, als etwas dem Inhalt von außen Anhaftendes. Vom Standpunkt der Hegelschen Philosophie aus kann die Form dem Inhalt selbst nicht äußerlich anhaften … Von diesem Standpunkt aus erwächst die Wertform mit Notwendigkeit aus der Wertsubstanz.“ (I.I. Rubin, „Studien zur Marxschen Werttheorie“, Frankfurt 1973).

(41) „Das Akkumulations…“, S. VIII.

(42) „Wissenschaft der Logik“ I, S. 35.

(43) ebenda, S. 34.

(44) Frederico Hermanin, S. 93.

(45) MEW 24, S. 369.

(46) Roman Rosdolsky, „Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen Kapitals“, Frankfurt 1968, S. 586.

(47) ebenda, S. 587.

(48) Max sieht ganz bewußt von Gütern ab, die in beiden Abteilungen Verwendung finden könnten. Marx schreibt im 2. Band des Kapitals:

„Es ändert auch nichts an dem Verhältnis von I (v + m) zu IIc, wenn ein Teil des

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konstanten Kapitals von II sich selbst reproduziert, wie z. B. in der Agrikultur die Anwendung von selbst erzeugtem Samen. Dieser Teil von IIc kommt mit Bezug auf den Umsatz zwischen I und II ebensowenig in Betracht, wie Ic dabei in Betracht kommt. Es ändert auch nichts an der Sache, wenn ein Teil der Produkte von II seinerseits fähig ist, als Produktionsmittel in I einzugehen. Sie werden gedeckt durch einen Teil der von I gelieferten Produktionsmittel, und dieser Teil ist von vornherein auf beiden Seiten in Abzug zu bringen, wenn wir den Austausch zwischen den beiden großen Klassen der gesellschaftlichen Produktion, den Produzenten von Produktionsmitteln und den Produzenten von Konsumtionsmitteln, rein und ungetrübt untersuchen wollen.“ (MEW 24, S. 516)

(49) Vergleiche dazu den 7. Abschnittdes 1. Bandes des Kapitals. Dort wird die Elastizität des Akkumulationsprozesses plastisch anschaulich.

(50) Rosa Luxemburg: „Die Akkumulation des Kapitals“ oder „Was die Epigonen aus der Marxschen Theorie gemacht haben“ – „Eine Antikritik“, Frankfurt 1966, S. 431.

(51) Ihr Unmut wird deutlich, wenn sie in ihrer „Antikritik“ gegen die galoppierende Mathematisierung schreibt:

„Worum handelt es sich in dem so heftig bekämpften Buche? (Gemeint ist ihr eigenes „Die Akkumulation des Kapitals“, E.L.) Für das lesende Publikum erscheint die Materie durch ein äußeres und nebensächliches Beiwerk in hohem Maße abschreckend: durch die dabei reichlich verwendeten mathematischen Formeln. Namentlich in den Kritiken meines Buches bilden diese Formeln den Mittelpunkt, und einige der gestrengen Herren Kritiker haben sogar unternommen, um mich gründlich zu belehren, neue und noch verwickeltere mathematische Formeln aufzubauen, bei deren bloßen Anblick den gewöhnlichen Sterblichen ein gelindes Grauen überkommt. Wir werden weitersehen, daß diese Vorliebe meiner ‚Sachverständigen‘ für die Schemata kein Zufall, sondern mit ihrem Standpunkt in der Sache selbst aufs engste verknüpft ist. Doch ist das Problem der Akkumulation an sich rein ökonomischer, gesellschaftlicher Natur, hat mit mathematischen Formeln nicht zu tun, läßt sich auch ohne sie darstellen und begreifen.“ (S. 384)

Ihr Instinkt ist sicher, ihre Argumente schwach. Sie merkt, daß die mathematisch-quantitativen Übungen ins Abseits führen, kann deren Horizont aber nicht durchstoßen, nicht zur qualitativen Fragestellung durchstoßen und wird gegen ihren Willen ins selbe Fahrwasser gezogen.

(52) „Das Akkumulations…“, S. 100.

(53) ebenda, S. 104.

(54) ebenda, S. 99.

(55) ebenda, S. 117.

(56) Henryk Grossmann „Marx, die klassische Nationalökonomie und das Problem der Dynamik“, Frankfurt 1969, im Anhang S. 92-93.

(57) ebenda, S. 94.

(58) Aufsätze, S. 60.

(59) ebenda, S. 66.

(60) ebenda, S. 69.

(61) ebenda, S. 61.

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(62) MEW 24, S. 392f.

(63) Im fünfgliedrigen Schema aus den „Grundrissen“ herrscht ebenfalls in allen Abteilungen gleiche organische Zusammensetzung! Vgl. dazu Grundrisse, S. 345.

(64) „Das Akkumulations…“, S. 105f.

(65) „Aufsätze“, S. 30.

(66) MEW 24, S. 376.

(67) „Das Akkumulations…“, S. 106.

(68) ebenda, S. 107.

(69) ebenda, S. 107f.

(70) Wachstum der Bevölkerung insgesamt und Anwachsen der Arbeitsbevölkerung werden hier identisch genommen.

(71) „Das Akkumulations…“, S. 180f.

(72) ebenda, S. 181f.

(73) ebenda, S. 184/185.

(74) ebenda, S. 125.

(75) MEW 26.2, S. 466 bzw. MEW 25, S. 234

(76) ebd.

(77) „Das Akkumulations…“, S. 113.

(78) ebenda, S. 125f.

(79) ebenda, S. 126f.

(80) Korsch, Mattick, Pannekoek, „Zusammenbruchstheorie des Kapitalismus oder revolutionäres Subjekt“, Berlin 1973, S. 90.

(81) MEW 25, S. 261f.

(82) „Das Akkumulations…“, S. 148f.

(83) Paul Mattick, „Kritik der Neomarxisten“, S. 46.

(84) „Das Akkumulations…“, S . 109.

(85) ebenda, S. 122.

(86) ebenda, S. 133.

(87) ebenda, S. 134.

(88) ebenda, S. 135.

(89) MEW 23, S. 619.

(90) MEW 23, S. 618.

(91) MEW 23, S. 621.

(92) MEW 23, S. 620.

(93) entfällt

(94) MEW 26.2, S. 469.

(95) „Das Akkumulations…“, S. 134f.

(96) ebenda, S. 136f.

118 —-

(97) ebenda, S. 137.

(98) ebenda, S. 137.

(99) Nikolai Bucharin, „Das Elend der subjektiven Wertlehre“, Frankfurt 1972, S. 25.