06.05.2020  Beitrag drucken

Krisis Jahrbuch 2013 – 2015

Krisis-Redaktion

Editorial

Seit acht Jahren geben wir nun schon die Krisis als Online-Zeitschrift heraus, um auf diese Weise alle unsere Texte allgemein zugänglich und frei verfügbar zu machen. Zusätzlich sind wir vor vier Jahren dazu übergegangen, alle Krisis-Aufsätze auch als Book-on-Demand anzubieten, weil wir wissen das viele unserer Leserinnen und Leser immer noch die Buchform bevorzugen – wie wir selbst übrigens auch. Hinzu kommt noch die bessere Zitierbarkeit, ein durchaus wichtiges Kriterium gerade bei Theorie-Texten. Mit dem Jahrbuch 2013 – 2015 wollen wir nun eine Lücke schließen, die uns schon seit längerem stört. Die Beiträge aus diesen Jahren stehen zwar allesamt online als PDF-Dateien zur Verfügung, doch gab es bisher keine Möglichkeit, sie auch in Buchform zu erhalten. Deshalb haben wir sie nun in diesem Sammelband zusammengefasst, der als Book-on-Demand erhältlich ist.

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Zum Inhalt

Der Schwerpunkt der Krisis-Beiträge aus den Jahren 2013 – 2015 liegt zum einen auf der Krisentheorie und der Ökonomiekritik, zum anderen werden aber auch subjekttheoretische Fragen verhandelt. In seinem Aufsatz Michael Heinrichs Fehlkalkulationen der Profitrate (Krisis 1/2103) weist Peter Samol nach, dass Heinrichs angebliche Widerlegung des Marx‘schen Theorems vom „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate“ auf falschen theoretischen Annahmen und Berechnungen beruht. Darüber hinaus wird herausgearbeitet, welche immense Bedeutung die Abnahme der Wertmasse für die Bestimmung der Krisendynamik hat; diese Größe bleibt nicht nur bei Heinrich, sondern auch bei fast allen anderen Anhängern der Marx‘schen Theorie notorisch unterbelichtet. Betrachtet man nun den tendenziellen Fall der Profitrate und die Tendenz zur Abnahme der Wertmasse in ihrer gemeinsamen Wirkung, so stellt sich heraus, dass von beiden Entwicklungen ein Zangenangriff ausgeht, der in seiner Gesamtwirkung eine selbsttragende Kapitalakkumulation unmöglich werden lässt. Auch Ernst Lohoff setzt sich in seinem Text Auf Selbstzerstörung programmiert (Krisis 2/ 2013 mit der Marx‘schen Krisentheorie auseinander und hebt deren Erklärungskraft für die aktuellen ökonomischen Entwicklungen hervor. Dabei richtet Lohoff den Blick vor allem auf die innere Selbstzerstörungstendenz der kapitalistischen Reichtumsform und der abstrakten Arbeit als wertsetzender Tätigkeitsform. Er zeigt, dass der Marx‘sche Gedanke einer dem Kapital gesetzten „immanenten Schranke“ keineswegs allein schon im „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate“ aufgeht. Wie schon von Marx selber angedeutet, untergräbt die vom Kapital ins Werk gesetzte Produktivkraftentwicklung letztlich die Grundlage der Wertproduktion, indem sie auf die „Aufhebung der Privatarbeit“ zusteuert. Der Aufsatz setzt sich außerdem mit der Frage auseinander, wieso die Wertformkritik der frühen 1970er Jahre diesen Umstand nicht wahrgenommen hat und warum die daran anknüpfenden Theorieansätze (vor allem die „Neue Marx-Lektüre“) ihn vollends negieren. Bei Marx selbst wird die Frage, welche Bedeutung dem Kreditwesen und der Bewegung des fiktiven Kapitals im Krisenprozess zukommt, wird nur am Rande berührt. Gerade in dieser Hinsicht ist jedoch seit dem 19. Jahrhundert eine ganz neue Krisendimension entstanden, die den aktuellen Krisenprozess entscheidend prägt und die mit einer Ablösung vom Gold als Geldware verbunden ist. Damit hat sich das Geld aber keinesfalls in ein bloßes Zeichen verwandelt, wie die weit verbreitete „Nominelle Geldtheorie“ behauptet. Vielmehr bilden jetzt die bei den Zentralbanken akkumulierten Schuldtitel („Waren 2ter Ordnung“) die Grundlage. Damit verschiebt sich der Krisenprozess zugleich auf die Ebene des Geldmediums selbst. Der vorliegende Text zeigt, dass die Kritik der Politischen Ökonomie an diesem Punkt über den von Marx erreichten Stand hinauszutreiben ist, wenn sie für die Erklärung der aktuellen Krise fruchtbar gemacht werden soll. Ausgehend von der Bestimmung des Kapitalismus als gesellschaftlichem Verhältnis, in dem den Menschen die Ergebnisse ihres gesellschaftlichen Handelns als naturhafte, in den Dingen selbst angelegte Phänomene erscheinen, untersucht der Essay Gegenständlicher Schein (Krisis 3/ 2013) von Julian Bierwirth einige grundlegende Aspekte dieser Gesellschaftsformation. Am Beispiel vormoderner Zeitvorstellungen diskutiert er zunächst die Differenz von vorkapitalistischem und kapitalistischem Welt- und Gegenstandsbezug. Anschließend wird der für die kapitalistische Gesellschaft grundlegende Doppelcharakter von konkreter und abstrakter Arbeit mit den dualistischen Konzeptionen vormodernen Tätigkeitsbezugs verglichen. Außerdem wird argumentiert, dass die historisch-spezifische Form gesellschaftlicher Vermittlung im Kapitalismus nicht nur die immanente Dialektik von Wert und sinnlich-stofflichem Gebrauchswert bzw. abstrakter und konkreter Arbeit in die Welt setzt, sondern eine weitere grundlegende Spaltung des gesellschaftlichen Zusammenhangs impliziert. In Auseinandersetzung mit den Begriffen Gesellschaft und Gemeinschaft wird erläutert, wie selbst die von der kapitalistischen Form „abgespaltenen“ Momente der modernen Lebenswelt noch systematisch-logisch auf die kapitalistischen Formimperative bezogen sind. Eine theoretische Betrachtung dieser Phänomene muss folglich immer diesen Bezug mit reflektieren, wenn sie nicht ihren Gegenstand verfehlen will. Entsprechendes gilt auch für die abstrakte Individualität, die mit der kapitalistischen Subjektform untrennbar verbunden ist und die sich wesentlich von vormodernen Vorstellungen des Bewusstseins unterscheidet. In seiner Kritik Ein theoretischer Holzweg (Krisis 4/2013) zeigt Peter Samol, wie sich der wertkritische Theoretiker Robert Kurz bei der Bearbeitung einer grundlegenden kategorialen Unterscheidung – der Differenz zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit – in eine theoretische Sackgasse manövriert hat. Während es für Marx zur Bestimmung der produktiven Arbeit entscheidend ist, ob und wie eine Arbeit jeweils Anteil an der Warenproduktion durch das Kapital hat, gelangte Kurz zu der Auffassung, dass allein eine Betrachtung der Warenzirkulation eine saubere Grenzziehung zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit erlaube. Allerdings kann mit Marx gezeigt werden, dass der Wert der Arbeitsprodukte nach ihrer Realisation beim Kapital verbleibt und die Zirkulation daher gar nicht die ihr von Kurz zugedachte Rolle bei der Begriffsbestimmung spielen kann. Darüber hinaus krankt die Kurz‘sche Position an einer tautologischen Begriffsbestimmung, in welcher produktive Arbeit durch sich selbst erklärt wird. Und schließlich baut Kurz die fragwürdige Tautologie zu einem Generalargument gegen jeden anderen Erklärungsansatz aus, das aber letzten Endes selbst nichts mehr erklären kann. In Kapitalakkumulation ohne Wertakkumulation (Krisis 1/2014) setzt sich Ernst Lohoff mit der finanzmarktdominierten Kapitalakkumulation der letzten dreißig Jahre auseinander. Er argumentiert, dass sowohl die VWL als auch der traditionelle Marxismus die Entwicklung an den Finanzmärkten zwar zum Teil sehr ausführlich empirisch beschrieben, jedoch nicht in der Lage seien, sie theoretisch schlüssig zu analysieren. Im Rahmen des verkürzten Geld- und Reichtumskonzepts der VWL bleibe  dieser Widerspruch von Empirie und Theorie unüberbrückbar; die Kritik der Politischen Ökonomie sei dagegen sehr wohl in der Lage, ihn zu überwinden. Dazu muss sie allerdings, so Lohoff, die Analyse der spezifischen Bewegungsgesetze der Ware Geldkapital einen Schritt weiter treiben, als Marx dies in seiner Fragment gebliebenen Untersuchung des zinstragenden Kapitals im dritten Band des Kapitals getan hat. Die Marx‘sche Argumentation bricht auf einer Stufe der Darstellung ab, auf der von der Existenz handelbarer Schuldtitel, wie Staatspapieren, Aktien und Derivaten, noch durchgehend abstrahiert wird. Nimmt fiktives Kapital jedoch die Gestalt solcher Waren 2ter Ordnung an, dann verwandelt sich künftiger Wert nicht nur vom individuellen Standpunkt des Gläubigers in Kapital, sondern es entsteht auch in der gesellschaftlichen Gesamtbilanz für die Lebenszeit dieser Waren Zusatzkapital. Daraus folgt, dass es durchaus so etwas wie Kapitalakkumulation ohne Wertakkumulation geben kann, wenn auch nur innerhalb eines strukturell begrenzten, zeitlichen Horizonts. Der abschließende Beitrag Henne und Ei (Krisis 1/2015) von Julian Bierwirth behandelt den Gegensatz von Handlung und Struktur, der die sozialwissenschaftliche Theoriebildung seit der Entstehung dieses Wissenschaftszweiges im 19. Jahrhundert prägt. Die Wertkritik wird dabei zumeist der strukturtheoretischen Seite zugeschlagen. Tatsächlich jedoch ist ihr Untersuchungsgegenstand, der kapitalistische Formzusammenhang, keinesfalls bloß eine „soziale Struktur“, die das Handeln determiniert, sondern eine bestimmte Form der Vergesellschaftung, die sich über ein historisch-spezifisches Verhältnis von Privatheit und Gesellschaftlichkeit konstituiert, in dem wiederum der Widerspruch zwischen Struktur und Handlung angelegt ist. Der Beitrag von Bierwirth stellt einen Versuch dar, das widersprüchliche Verhältnis zwischen diesen beiden Momenten zu entschlüsseln. Ausgehend von der Marx‘schen Kritik der Politischen Ökonomie zeichnet er zunächst nach, dass die allgemeine Warenproduktion auf der logischen Voraussetzung einer Zersplitterung des gesellschaftlichen Zusammenhangs in isolierte Privatproduzenten beruht. Weil sich Gesellschaft aber in der widersprüchlichen Form der allgemeinen Verfolgung privater Interessen konstituiert, nehmen die gesellschaftlichen Beziehungen die Form eines Verhältnissen von Dingen an, die sich den Einzelnen gegenüber verselbstständigen. Wir wünschen eine anregende Lektüre. Die Krisis-Redaktion, Januar 2020