15.07.2020  Beitrag drucken

Warum das Wohnen unbezahlbar wird und was dagegen zu tun ist (Krisis 1/2020)

Eine kleine politische Ökonomie des Immobiliensektors

von Ernst Lohoff

 

Krisis-Beitrag 1/2020

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Zusammenfassung

Während in den letzten zehn Jahrern die offiziellen Inflationsraten in Deutschland ausgesprochen niedrig ausfielen, explodieren beim Wohnraum vor allem in den Großstädten die Preise. Das gilt für Wohneigentum ebenso wir für die Mieten. Dabei handelt es sich keineswegs um ein spezifisch deutsches Phänomen. Seit den 1980er-Jahren, also seit dem Übergang zu einem von der Finanzmarktdynamik getragenen Kapitalismus, gehen in einem Land nach dem anderen die Immobilienpreise und die Mieten durch die Decke. Was diese allgemeine Entwicklung angeht, zählt Deutschland sogar zu den Nachzüglern.

Dieser Beitrag geht nicht so sehr auf länderspezifische Fakten und Entwicklungen ein, sondern setzt grundsätzlicher an. Im ersten Teil wird zunächst einmal prinzipiell geklärt, wie der Preisbildungsmechanismus auf dem Immobilien- und Wohnungsmarkt überhaupt funktioniert, wie diese beiden Märkte sich von anderen Gütermärkten unterscheiden und welche spezifischen Bewegungsgesetze sie aufweisen. Im Lichte dieser Analyse stellt sich heraus, dass die Besonderheiten der Preisentwicklung beim Wohnraum sich auf die besondere Rolle der Naturressource Boden in diesem Sektor zurückführen lassen.

Der zweite Teil des Textes nimmt vor diesem Hintergrund die geschichtliche Entwicklung in den Blick und richtet nicht zuletzt das Augenmerk darauf, welche Rolle die Immobilienwirtschaft in den verschiedenen Stadien kapitalistischer Entwicklung für die gesamtgesellschaftliche Kapitalakkumulation spielte. Im Zentrum steht dabei unsere Epoche, das Zeitalter des »finanzmarktdominierten Kapitalismus« und dessen Binnendynamik. Auch hier fällt das Ergebnisebenso eindeutig wie erschreckend aus. In unserer Epoche ist das System des kapitalistischen Reichtums, zumindest wenn man die Weltwirtschaft als ganze betrachtet, in einem hohen Grad von den an eine permanente »Wert«-Steigerung von Grund und Boden gebundenen Immobilienkonjunkturen abhängig geworden. Ein Wirtschaftswachstum, das zu großen Teilen auf permanent steigenden Preisen bei dieser Naturressource beruht, ist aber nicht nur hochprekär und trägt von vornherein schon den Keim von Krisenschüben in sich; bereits vor dem Eintreten von Krisen zeitigt es verheerende gesellschaftliche Verwerfungen, weil in immer mehr Regionen immer mehr Menschen vom Zugang zum Grundbedürfnis Wohnen abgeschnitten werden.

Die Wohnungsfrage lässt sich als Bodenfrage dechiffrieren. Zu ihrer Lösung ist es letztlich unabdingbar Grund und Boden seines Warencharakters zu entkleiden und das ist wiederum an die Aufhebung des Privateigentums an dieser Naturresource gebunden. Im dritten Teil wird skizziert wie unter den heutigen Bedingunen Zwischenschritte zu diesem Ziel aussehen könnten und in welche Gesamtperspektive sich der Kampf ums Wohnen einfügt.