20.12.2021  Beitrag drucken

Beziehungsstörung Kapitalismus (Krisis 1/2021)

Grundlinien einer kategorialen Kritik von Arbeit, kapitalistischer Naturbeziehung und männlicher Herrschaft

1. Teil: Entbettung und die Substanz der Arbeit

von Karl-Heinz Lewed

 

Krisis-Beitrag 1/2021

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Zusammenfassung

Ein zentraler Aspekt radikaler Kapitalismuskritik besteht in der Historisierung kapitalistischer Verhältnisse. Der traditionelle Marxismus mit seiner Ontologie der Arbeit muss diese Perspektive systematisch verfehlen. Indem er annimmt, dass menschliche Gemeinwesen grundsätzlich auf Arbeit basieren, ideologisiert er nicht nur die materielle Produktion zum Motor der Geschichte, er verfälscht damit zugleich den Charakter vorbürgerlicher Gesellschaften. Denn die zentrale Stellung der Arbeit ist keineswegs eine überhistorische Tatsache. Vielmehr war die Güterherstellung in vorbürgerlichen Gemeinwesen stets in ein vorausgesetztes sozio-kulturelles Gefüge eingebettet. Ein spezifischer kulturell-symbolischer Kontext verlieh den jeweiligen Tätigkeiten Sinn und Bedeutung. Dieser bestanden beispielsweise aus Sitten und Bräuchen, aus persönlicher Abhängigkeit oder aus religiösen Formen. Mit der Durchsetzung des Kapitalismus entstand dagegen eine völlig neue Gesellschaftsstruktur, in der die Arbeit und mit ihr die Ware das Zentrum gesellschaftlicher Beziehungen bilden und diese vermitteln.

Der vorliegende Beitrag untersucht die zentralen Formprinzipien dieser Vermittlung: zum einen die Form der Privatheit und des Privatstandpunkts, zum anderen die abstrakte Zeit als quantitative Dimension kapitalistischer Verhältnisse. Durch diese unbewusst hergestellten objektiven Formen erhält im Kapitalismus die stofflich-materielle Produktion erst ihren gesellschaftlichen Charakter. Mit Marx lassen sich diese objektiven Formen zugleich als die „Substanz“ kapitalistischer Beziehungen begreifen.

Der Begriff der Substanz ist damit rein gesellschaftlich und historisch-spezifisch zu verorten. Diese Bestimmung ist im Marx‘schen Werk indes alles andere als eindeutig. Im Kapital bestimmt Marx die Substanz irreführend als physiologische Allgemeinheit der konkreten Arbeiten. Dieser Begriff der Arbeit bezieht sich auf die empirische Gleichheit der verschiedenen Arbeiten in einem „energetischen‟ Sinne, drückt aber eben nicht die Gleichheit in der Beziehungsform aus. Damit widerspricht Marx aber selbst seiner Perspektive, die er an anderer Stelle formuliert hat, dass nämlich abstrakte Arbeit und Wert rein gesellschaftlichen Charakter haben.

Der vorliegende Artikel stellt den ersten Teil einer zweiteiligen Untersuchung dar. Während zunächst die abstrakte Arbeit als Substanz im Zentrum der Analyse steht, wird der zweite Teil die kapitalistische Naturbeziehung und die spezifische Form patriarchaler Herrschaft in den Fokus rücken.