08.09.2021  Beitrag drucken

Von der Entstehung des Monotheismus

Und wie er dem Kapitalismus den Boden bereitete

Peter Samol

Auf diesem Text beruhte mein gleichnamiger Zoom-Vortrag vom 28. Juni 2021; dieser ist einsehbar unter https://www.youtube.com/watch?v=DRIQRrQV9bs

Im Folgenden formuliere ich einen kurzen historischen Abriss zur Entwicklung des Monotheismus. Dabei blende ich die Wechselwirkung zwischen Mythologie und den damaligen Reproduktionsbedingungen weitgehend aus. Ein entsprechender Zusammenhang soll hier nicht bestritten werden, aber über letztere ist zum einen nur wenig bekannt, zum anderen sei daran erinnert, dass Marx selbst im Fetischkapitel vom Kapital Bd. 1 darauf hinweist, dass die Religion eine Geburt des Kopfes ist, während das Kapital aus der praktischen Tätigkeit der Menschen (sprich der Arbeit) hervorgeht: In der „Nebelregion der religiösen Welt (…) scheinen die Produkte des menschlichen Kopfes mit eigenem Leben begabte, untereinander und mit den Menschen im Verhältnis stehende selbständige Gestalten“ (MEW 23, S. 86). Als solche spiegeln sie nicht einfach nur passiv die Lebens- und Produktionsverhältnisse wider, sondern wirken auch auf diese zurück. Freilich dürfen die Kopfgeburten der Jenseitswelt und die aus ihnen hervorgehenden Praktiken die materielle und biologische Reproduktion nicht so sehr behindern, dass sie das Überleben der betreffenden Menschen gefährden. Andererseits sei aber auch vor einem Reduktionismus gewarnt, der das Phänomen Religion allein ökonomisch fassen will.

Die polytheistische Götterwelt

Menschen neigen dazu, ihre Erfahrungen nicht einfach prosaisch wiederzugeben. In der fernen Vergangenheit projizierten sie ihre Erfahrungen vielmehr auf fiktive Orte, Personen und Ereignisse. Diese wurden dann zum allen zugänglichen Allgemeingut und auf diese Weise als Erfahrungsschatz für alle Angehörigen der betreffenden Kultur angelegt und aufbewahrt. Diese Projektionen waren mit Phantasie angereicherte Entsprechungen der menschlichen Welt. Sie konnten verschiedene Formen annehmen. Die alten Babylonier sahen beispielsweise ihre Städte in den Sternbildern widergespiegelt: „Das Himmelsgewölbe gilt (ihnen) als Widerschein irdischer Orte“ (Minois 1998, S. 31). Meist ging es jedoch entweder um Alltagsweisheiten oder besondere Ereignisse, die auf diese Weise im kulturellen Gedächtnis gespeichert wurden. Dadurch wurde der Mythos in vorschriftlichen Kulturen (und auch in solchen, in denen nur wenige Menschen des Lesens und Schreibens kundig waren – was bis in die Neuzeit hinein die Regel war) zum Träger des allgemeinen Erfahrungsschatzes. Er brachte Ordnung in die Welt und machte die Menschen mitsamt ihren typischen Lebensereignissen zum Teil eines sinnvollen Ganzen. Die in den Himmel, ins Jenseits oder wohin auch immer projizierte Welt war gewissermaßen die „Festplatte“ der vorindustriellen Kulturen und die Mythen ihr Inhalt.

All die Ereignisse, Orte, Geister, Götterfiguren und sonstigen Inhalte des jeweiligen Mythos waren der gesamten Kultur bekannt. Gestützt wurden die Mythen durch gemeinsame Rituale, Kultformen, Gebote, Gebete, Symbole usw. (Sand 2011, S. 63). Mythen ermöglichten damit nicht nur Bindungen an das imaginierte Jenseits, sondern auch und vor allem einen Zusammenhalt der Menschen untereinander, der weit über den engen Kreis von Dörfern und kleinen Menschengruppen hinausging. Menschen, die sich untereinander nicht persönlich kennen, verfügen dadurch trotzdem über gemeinsame Geschichten und gemeinsame Symbole. Geographische Entfernungen sowie Standesgrenzen konnten so mit Hilfe eines allen gemeinsamen Bezugssystems überbrückt werden (ebd., S. 82). Das ermöglichte ein Zusammenwirken großer Massen, das weit über den eigenen Stamm oder das eigene Dorf hinausging; zum Beispiel, um übergreifende Aufgaben wie neue Siedlungen, die Errichtung großer Bauwerke oder militärische Feldzüge zu realisieren. In diesem Sinne hatten die Mythen mitsamt ihrem religiös bzw. magisch motivierten Handeln eine sehr wichtige diesseitige Funktion.

Die angebliche Unsterblichkeit der Götter als handelnder Figuren machte es möglich, ihr Wirken und ihre Anwesenheit über viele Generationen hinweg zu imaginieren, ohne dass man sich laufend neue fiktive Personen ausdenken musste. Sie waren Repräsentanten bestimmter Charaktereigenschaften, Handlungsweisen und nicht zuletzt Vermittler allgemeiner Lebensweisheiten. Die Macht, die man ihnen zusprach, lieferte zwar unter anderem auch eine Deutung der Naturgewalten, aber dieser Aspekt, der heutzutage meist als Erklärung für die Entstehung von Mythen und Religionen bemüht wird, war bei weitem nicht der einzige und sollte nicht überschätzt werden. Wichtiger ist das Moment der Religion als Träger des Erfahrungsschatzes und der erhöhten gesellschaftlichen Organisationsmacht, die mit ihr einhergeht. Im Sinne der letzteren war Religion auch ein unverzichtbarer Machtfaktor.

Dem Polytheismus wohnte von seinem Wesen her eine hohe Toleranz inne. Die Vielfalt der Götterwelt ermöglichte es häufig, auch für ungewöhnliche Lebensweisen und Praktiken ein jenseitiges Vorbild ausfindig zu machen, das zugleich als imaginierte Schutzmacht dienen konnte. Der Glaube an viele Götter erleichterte außerdem den Kontakt mit anderen Kulturen. Deren Götter „erkannte“ man entweder schnell als Namensvarianten der eigenen an oder es fiel nicht allzu schwer, sie kurzerhand als weitere, bisher unbekannte Gottheit zu akzeptieren und diese im Bedarfsfall sogar zum eigenen Pantheon hinzuzufügen. Laut Strohm (2014, S. 20) waren diese alten Götter Repräsentanten einer Welt, die keiner Erlösung bedurfte. Polytheistische Götter waren in der Mehrzahl wohlgelaunt und guter Dinge. Ihre wichtigste Aufgabe war nicht das Versprechen einer Erlösung und eines besseren Lebens im Jenseits, sondern die Darstellung alltäglicher Probleme, wobei sie in ihren Dramen häufig exemplarische Lösungswege aufzeigten.

Die Entstehung des Monotheismus im alten Iran

Der Monotheismus begann in der Antike keineswegs mit dem Judentum. Bereits vorher lässt er sich zwei Mal nachweisen. Da wäre zunächst die Aton-Religion des ägyptischen Pharaos Echnaton im 14. Jahrhundert v.u.Z. Es war ein Kult der Sonne als einziger und alleiniger Gottheit, der jedoch nur ca. 20 Jahre wirkte. Nach dem Tod Echnatons wurden die Spuren seines Kultes von seinen Nachfolgern gründlich ausgelöscht und die alten Götter wieder installiert (Assmann 2012, S. 14). Erst im 19. Jahrhundert entdeckten Archäologen den Aton-Kult wieder; in der Folge wurde zwar immer wieder davon phantasiert, die Juden hätten ihren eigenen Monotheismus im Ägyptischen Exil vom Aton-Kult abgeleitet; für diese Annahme gibt es jedoch keinerlei Nachweise, und es ist nach Auffassung von Assmann (ebd., passim) eher unwahrscheinlich.

Bei der zweiten Erscheinung einer monotheistischen Religion in der Antike handelt es sich um Ahura-Mazda-Religion des alten Iran (Persien), die ab ca. 1000 v.u.Z. aufkam. Im Folgenden beziehe ich mich vor allem auf den Altiranisten Harald Strohm, der in seinem Buch „Die Geburt des Monotheismus im alten Iran – Ahura Mazda und sein Prophet Zarathustra“ sehr detailliert und sehr anschaulich auf dieses Phänomen eingeht. Strohms Herangehensweise besteht darin, den Götterhimmel des antiken Persien – von dem heute nur noch wenig bekannt ist – aus demjenigen der indischen Kultur zu rekonstruieren. Dazu muss man wissen, dass der alte Iran und das antike Indien aus einer gemeinsamen indo-iranischen Kultur hervorgegangen sind. Das schloss auch eine zunächst noch gemeinsame Götterwelt ein. Strohm zieht seine Schlüsse aus der parallel erhalten gebliebenen indischen Götterwelt und folgert auf diese Weise, wie diejenige der Perser ausgesehen haben dürfte. Seine Ausgangsthese lautet, dass die polytheistischen Götter typisch menschliche Erfahrungen und Lebenssituationen verkörpern: Sie sind Sexualpartner, Eltern, Kinder, Heranwachsende, Erwachsene etc. Mit anderen Worten: So ähnlich wie heutzutage in einer (sagen wir mal etwas anspruchsvolleren) Familienserie wurden typisch menschliche Entwicklungsmomente, Erfahrungen und Lebensabschnitte auf die Götterwelt projiziert, auf diese Weise allen Angehörigen der betreffenden Kultur zugänglich gemacht und somit zum Allgemeingut. Dabei werden unter anderem auch typische Entwicklungskonflikte abgehandelt und vorbildhaft gelöst. Diese „heidnische“ Götterwelt resultierte laut Strohm (2014, S. 318) aus einer langen Kult- und Mythen-Evolution. Das Selektionskriterium war die Resonanz auf die unbewussten Schichten des menschlichen Seelenlebens: Geschichten und Kulte, die am meisten bewegten und die typischen menschlichen Erfahrungen am treffendsten wiedergaben, blieben erhalten und entwickelten sich weiter, wobei sie immer mehr Tiefe erhielten. Das Resultat waren schließlich narrative und kultische Inszenierungen, die treffsicher Resonanzen bei den Menschen erzeugten. Dazu mussten sie von niemanden – auch von keinem Priester – in ihrer psychologischen oder sozialen Wirksamkeit durchschaut werden. Sie wirkten einfach in Form einer angenommenen und bewährten Praxis (ebd.).

Laut Strohm (2014, S. 318) bildete die alte Religion gerade die Dramen der ersten Lebensjahre verblüffend stimmig und therapeutisch effektiv ab. Ein zentraler Konflikt beim Heranwachsen eines Menschen wurde im indischen Pantheon durch den Gott Varuna (der indischen Entsprechung des iranischen Ahura Mazda) verkörpert. In der indischen Mythologie will der heranwachsende Varuna die anderen Mitglieder seiner Götterfamilie herumkommandieren und die Macht an sich reißen. Dabei scheitert er jedoch, was ihn tief verstört zurücklässt und in die Isolation von den anderen Göttern treibt. Er kann und will einfach nicht verstehen, warum sich nicht alles um ihn drehen soll und warum ihm die anderen nicht widerspruchslos Gefolgschaft leisten. Varuna/Ahura Mazda repräsentierte außerdem einen kränkelnden Sonderling: einsam, frauenscheu und weltverloren. Zugleich war er ein Gott des Grolls, der größten Wert auf Korrektheit und ein strenges Regelwerk von moralischen Geboten legte (ebd., S. 22). Das ist aber noch nicht das Ende der Geschichte. Im polytheistischen Gefüge, dem er zunächst angehörte, nahmen sich die anderen Götter seiner an. Von ihnen wurde er wieder in das gemeinsame Leben eingebunden und dabei zugleich einem „therapeutischen“ Prozess unterzogen (ebd., S. 23). In der antiken „Fernsehserie“ verkörpert Varuna also ein Kind, das mit seinen narzisstisch motivierten Allmachtsansprüchen scheitert, aber anschließend mithilfe der Zuwendung der anderen von der drohenden Persönlichkeitsstörung geheilt wird. Diese Geschichte dürfte ein Moment der allgemein menschlichen Lebenserfahrung bei der Entwicklung eines Kindes bei den alten Persern bzw. Indern dargestellt haben und ihnen zugleich Ratschläge mitgeliefert haben, was in einem solchen Fall zu tun ist. Es war gleichsam eine von vielen polytheistischen Inszenierungen.

Dann geschah etwas Bemerkenswertes. Der persische Prophet Zarathustra predigte irgendwann zwischen 1000 und 600 v.u.Z.1 im alten Persien, dass ausgerechnet Ahura Mazda (Varuna) der wahre und einzige Gott sei. Zarathustra verkündete, ihm allein sei Ahura Mazda im Traum erschienen und hätte dabei sein apokalyptisches Weltendrama und sich selbst als letzten und einzigen Gott offenbart (ebd., S. 194). Das Programm des Propheten und seines einen Gottes lief darauf hinaus, die nahezu unübersichtliche Vielfalt der Götter mit ihren unzähligen Geschichten, Intrigen und Affären drastisch zu reduzieren. Vielfalt fördert zwar die Toleranz, macht es aber zugleich schwierig, eindeutige sittliche und moralische Anweisungen abzuleiten. All die verschiedenen Götter widersprachen sich laufend untereinander, behinderten und hemmten sich gegenseitig, sie stritten am laufenden Band, sie zechten und gaben sich sexuellen Ausschweifungen hin etc. Ein einziger Gott, noch dazu einer, der von Haus aus für abstrakte Prinzipien steht, kann dagegen als Vertreter einer klaren Linie hergenommen werden, aus der man wiederum eindeutige Anweisungen ableiten kann. So ein Gott sollte Ahura Mazda nach der Auffassung von Zarathustra sein.

Laut Zarathustra erschuf Ahura Mazda (was übersetzt „Der weise Herr“ bedeutet) zwei Geister: Den guten Spenta Manyu (der in einer späteren Phase der Entwicklung dieser Religion mit Ahura Mazda gleichgesetzt wurde und insofern als eigenständige Entität verschwand) und den bösen Geist Ahra Manju (auch bekannt als Ahriman, aus dem im Lauf der Geschichte der Teufel werden sollte). Damit war eine eindeutige Gut-Böse-Unterscheidung etabliert. Den beiden großen Geistern waren wiederum Scharen von Engeln bzw. Dämonen unterstellt (ebd., S. 13); insbesondere die Engel haben sich über sämtliche monotheistische Religionen bis heute erhalten. Ferner findet sich bei Zarathustra bereits die Idee des „tausendjährigen Reiches“, die es bis hinein in die Moderne zu einer zweifelhaften Berühmtheit gebracht hat. Außerdem hat man es hier bereits mit einem allwissenden Gott zu tun, der alles sieht und alles weiß. Mit Hilfe dieses Wissens wird der eine Gott Ahura Mazda einst die „Guten“ belohnen und die „Bösen“ strafen (ebd.). Auf der richtigen Seite ist man als Mensch allein dadurch, dass man Ahura Mazda als den einzigen Gott anerkennt und an ihn glaubt. Entscheidet man sich stattdessen gegen ihn, so hat man diese Wahl aufgrund des eigenen freien Willens getroffen und ist folglich selbst schuld an der eigenen Verdammnis (ebd., S. 15). In diesem Zusammenhang kann Zarathustra auch als Erfinder des freien Willens gelten. Es ist laut Strohm (ebd., S. 151 ff) der erste Auftritt der Idee der Willensfreiheit in der Weltgeschichte. Mit ihr geht das Hin-und-Hergerissen-Sein zwischen Entscheidungen einher, die getroffen werden müssen und dabei ernste Konsequenzen nach sich ziehen. So wurde der Logos das Primäre und das Sinnliche, das durch die Mythologie verkörpert wurde, zum Zweitrangigen (ebd., S. 68). Hier kam zum ersten Mal in der bekannten Weltgeschichte die Forderung auf, das Geistige höher als das Sinnliche aufzufassen, ferner das Wort höher als das Bild (ebd., S. 300). Hegel deutete diese Entwicklung in seinen „Vorlesungen zur Philosophie der Geschichte“ als positives Moment: „In Persien geht zuerst das Licht auf (…) erst Zoroasters (Zarathustras, P.S.) Licht gehört der Welt des Bewußtseins an, dem Geist als Beziehung auf Anderes. (…) Das Prinzip der Entwicklung beginnt mit der Geschichte Persiens, und darum macht diese den eigentlichen Anfang der Weltgeschichte“ (Hegel 1986, S. 215 f.). Die Überhöhung des Geistigen hatte jedoch einen Preis, den Hegel übersieht. Gefordert wurde nämlich zugleich eine Lebenshaltung ohne Eros und Sinnlichkeit. Der übrig gebliebene Intellekt wurde dadurch abstrakt, kühl und kalkulierend.

Wie wir bereits wissen, repräsentierte Ahura Mazda (bzw. Varuna) eine traumatische Kindheitsgeschichte. Bei seiner Alleinstellung ging notwendig die Zuwendung durch die anderen Gottheiten verloren (Strohm 2014, S. 24). Nun wurde der ehemalige Sonderling zum einzigen Gott und damit zum Träger der höchsten und letztgültigen Wahrheit. „Ausgerechnet diesen Gott hatte Zarathustra zum Einzigen verabsolutiert“ (ebd., S. 194). Er repräsentierte nicht gerade die vorteilhaftesten der menschlichen Eigenschaften. Ganz im Gegenteil, die Welt erschien fortan als mit schweren Makeln behaftet, die unbedingt einer Erlösung bedurfte (ebd., S. 83 u. S. 142). Das wichtigste Projekt dieses Gottes war daher das einer Welterlösung durch Zerstörung der Welt mit anschließender Neu-Erschaffung (ebd., S. 104). Auch der Mensch galt in dieser Religion als der Sünde verfallen und bedurfte ebenso dringend der Erlösung. In diesem Zusammenhang stiftete Zarathustra auch den Glauben an das ewige Leben2 und an eine Seele (ebd., S. 321). Ganz abgesehen davon, dass ein solcher Glaube im Grunde ein ungeheuer narzisstisches Projekt ist, waren die Werte, die ins Himmelreich führen sollten, einem guten Leben eher abträglich: Der Glaube an diesen einen Gott war durchsetzt von Schuldgefühlen, Selbstzweifeln, Gewissensbissen und Versagensängsten (ebd., S. 151). Dieser vorgeblich allwissende Gott hatte alle Verfehlungen im Blick. Der Körper wurde zugleich zu einer Gefahrenquelle des religiösen Hochverrats und seine Verhüllung galt fortan als Markenzeichen der neuen Religion, denn Schönheit, Sexualität und Lebensfreude waren tendenziell gefährlich (ebd., S. 203 u. 309).

Warum hat Zarathustra einen so problematischen und gestörten Gott als den Einen ausgewählt? Und wie konnte es überhaupt gelingen, dass dieser Glaube im alten Persien Fuß fasste? Varuna/Ahura Mazda war aufgrund seiner Störung ein nur schwer zu verstehender und zu deutender Gott. Das ist für seinen Propheten und seine späteren Priester natürlich von Vorteil. Während sich andere Götter und ihre Beweggründe dem Alltagsverstand relativ leicht erschlossen – schließlich war die praktische Lebenshilfe ja ihre wichtigste Funktion –, brauchte es Experten, um den verstörenden einen Gott zu verstehen. Damit verfügten Ahura Mazdas Priester über exklusives, überlegenes und privilegiertes Wissen. Das verschaffte ihnen Ruhm, Gefolgschaft und – nicht zu vergessen – Pfründe. Der neue, unheimliche und neurotisch komplizierte Eine Gott Ahura Mazda war wie geschaffen für Fachmänner des Religiösen. Das wiederum nutzten die damaligen Herrscher, um sich dieser Deutungsmacht zu bedienen. Ihre Entscheidungen wurden dadurch legitimiert, dass sie letztlich Willensäußerungen von Ahura Mazda seien. Und nicht zuletzt dürfte es noch jene Unterprivilegierten gegeben haben, denen der neuartige Gott eine Perspektive auf Wohlstand im Jenseits versprach; und das auch noch denkbar einfach, denn man musste ja bloß zum neuen Glauben übertreten (ebd., S. 209 f.). Andererseits dürfte der Makel der schweren Zugänglichkeit dieses seltsamen neuen Gottes auch ein entscheidender Grund dafür gewesen sein, dass der Zarathustra-Kult zwar eine gewisse Prominenz und Verbreitung genoss, sich aber nicht endgültig in Persien durchsetzte. Vielleicht wäre der Monotheismus eine Episode bzw. eine Minderheitenveranstaltung geblieben, wenn sich historisch nicht noch etwas anderes abgespielt hätte.

Die Weiterführung des Monotheismus im Judentum

Judäa, das kleine Königreich mit der Hauptstadt Jerusalem, wurde im Jahr 597 v.u.Z. von den Babyloniern erobert. Diese nahmen einen wichtigen Teil der Bevölkerung, vor allem die Gelehrten und die Oberschicht, gefangen und deportierten ihn ins Zweistromland, in die so genannte Babylonische Gefangenschaft. Im Jahr 539 v.u.Z. eroberten dann die Perser das babylonische Reich. Ihr König Kyros entließ die Judäer aus ihrer Gefangenschaft und erlaubte es ihnen, sich wieder in Israel anzusiedeln (Minois 1998, S. 53). Offiziell war Israel von da an eine tributpflichtige Provinz des neu entstandenen Perserreiches. Der persische Herrscher war jedoch weit weg, so dass die Rücksiedelung praktisch und im Laufe der Zeit auch faktisch die erneute Unabhängigkeit der Judäer bedeutete. Aber die Zeit im zunächst babylonischen und dann persischen Exil hatte Folgen: „Die Juden Persiens lernten und übernahmen von den Persern eine neue religiöse Weltsicht, eine neue Lebensweise, Sprache und Wissenschaft“ (Sand 2011, S. 116). Bereits vor ihrer Rückreise nach Judäa begannen die jüdischen Gelehrten damit, jenes umfangreiche literarische Sammelwerk hervorzubringen, das bis heute den Kern der Hebräischen Bibel ausmacht: die aus fünf Büchern bestehende Tora, die den Anfang der Bibel bildet und bis heute die wichtigste heilige Schrift der Juden darstellt (Lang 2012, S. 161). Bei ihrer Rückreise hatten sie nicht nur die bis dahin angefertigten Manuskripte, sondern auch die Idee des Monotheismus mit im Gepäck. Dabei handelte es sich um nichts anderes als die von Zarathustra gestiftete Religion des angeblich Einen Gottes Ahura Mazda. Die sehr plausible Theorie der „Schule von Sheffield und Kopenhagen“ (siehe Sand 2011, S. 194 f.) geht davon aus, dass das Judentum als Religion erst mit der Rückkehr aus dem Babylonischen Exil entstand. Von diesem Moment an trat auch die mündliche Überlieferung der Judäer hinter der schriftlichen zurück (Minois 1998, S. 54). Die Autoren der damaligen Schriften projizierten die Entstehung der mosaischen Gesetze fast 1000 Jahre in die Vergangenheit zurück und brachten sie mit dem angeblichen Verfasser Moses und dem angeblich von ihm angeführten „Auszug aus Ägypten“ in Zusammenhang. Für beides – sowohl die Existenz Moses als auch für den „Auszug aus Ägypten“ – gibt es bis heute weder einen historischen noch einen archäologischen Nachweis (siehe Sand 2011, S. 179 ff.). Vielmehr wurde der gerade von den Persern erworbene Monotheismus des Zarathustra in eine eigene Lesart umgemünzt und weit in die Vergangenheit zurückprojiziert; und zwar sogar bis zur vermeintlichen Welterschaffung durch den Einen Gott Jahwe, die um ca. 6.000 v.u.Z. stattgefunden haben soll.

Der Gott Jahwe bzw. Jehova war ursprünglich ein Vulkangott aus einem umfassenderen Pantheon, der zwar – ähnlich wie der griechische Zeus – bereits einen Führungsanspruch unter den Göttern innehatte, aber vor der babylonischen Gefangenschaft noch nicht der einzige Gott der Judäer war. Was den damaligen jüdischen Gelehrten am Monotheismus des Zarathustra besonders gefallen haben dürfte, ist der Zyklus von Schuld, Sühne und Wiederaufrichtung, der sich darin findet. Sie verarbeiteten diesen Zyklus zu einer Erzählung der „Wiederherstellung des Landes Israel“ nach der vermeintlich selbstverschuldeten Drangsal, die sie gerade in Form der Babylonischen Gefangenschaft durchgemacht hatten. Selbstverschuldet deshalb, weil die eigene Bevölkerung angeblich nicht beflissen den Geboten Jahwes gefolgt war und deshalb von ihm verlassen und bestraft wurde.

Etwa zur gleichen Zeit kam auch der Messias-Kult auf. Dabei handelte es sich um die Hoffnung auf die Ankunft eines neuen Königs als Retter Israels, der das Land zu der alten Größe unter König David3 zurückführen sollte. Mit der Verschleppung nach Babylon war nämlich auch die judäische Monarchie erloschen. Der König, der einst wiederkommen und ein Nachfahre von König David sein sollte, wurde, wie gesagt, als der „Messias“ bezeichnet. Das bedeutet wörtlich „der Gesalbte“ und bezog sich auf die Salbung des Königs, die seinerzeit für die Israeliten dieselbe Bedeutung hatte wie in späteren historischen Epochen die Krönung.4

Der Erfolg des Christentums

Um ca. 30 n.u.Z. kam eine weitere unter vielen anderen jüdischen Sekten auf. Diese neue Sekte zeichnete sich vor allem durch die Behauptung aus, der Messias sei bereits erschienen. Auch das war nicht neu; neu an ihr war jedoch die Behauptung, er sei von den Römern hingerichtet worden, aber kurz darauf wieder von den Toten auferstanden. Wie unschwer zu erkennen ist, handelte es sich um die frühen Christen, deren Stifter eigentlich nur das Judentum reformieren wollten. Faktisch und ungewollt sollte ihr Wirken jedoch stattdessen eine neue Weltreligion begründen und mit dieser den Monotheismus zu ungeahnter Größe und Verbreitung führen.

Für den Erfolg der Christen gibt es mehrere Gründe. Zunächst einmal hatte der Polytheismus im Römischen Reich abgewirtschaftet. Die Expansion des römischen Imperiums stagnierte schon einige Zeit und machte ersten Zerfallstendenzen Platz. Das nährte auch Zweifel an der Macht seiner Götter. Ein weiterer Grund lag in der Verbreitung und Dominanz der griechischen Philosophie im Reich, insbesondere des stoisch-platonischen Logos (siehe Sand 2011, S. 245). Diese hatte mittlerweile eine Höhe und Norm der Rationalität etabliert, mit der die bunte, aber eben auch triviale Welt des göttlichen Rabaukentums mit seinen Eifersuchtsdramen, Zechgelagen, Streitereien etc. nicht mehr mithalten konnte. Insbesondere die Philosophie Platons mit ihrer jenseitigen Ideenwelt machte den göttlichen Sphären den Rang streitig. Bei Platon fand sich auch die Idee des höchsten Gutes. Sie war wie geschaffen, um von einem monotheistischen Gott besetzt zu werden. Der alternde Plato ist seinerzeit bereits von einigen seiner Schüler – nachweislich von einem gewissen Eudoxos (siehe Reizenstein 1963, S. 20) – mit dem persischen Propheten Zarathustra verglichen worden, dessen Lehre wir bereits kennengelernt haben. Diese war den Griechen durchaus bekannt (ebd.). Die platonische Ideenwelt konnte leicht als das intellektuelle Pendant zum Jenseits gedeutet werden. Auch in ihr findet sich die Abkehr weg von der Welt der Erscheinungen und des Körperlichen hin zu einer jenseitigen Wahrheit (ebd., S. 31). Darüber hinaus hatte Plato selbst mit seinen Dialogen Phaidon und Timaios Schriften verfasst, die man als „theologisch“ bezeichnen könnte. Im Dialog Phaidon geht es um die Unsterblichkeit der Seele, im Timaios um die Schöpfung der Welt durch einen „Demiurgen“. Auf jeden Fall kann man große Teile der griechischen Philosophie und insbesondere die in ihr dominante platonische Philosophie als Boden bezeichnen, in welchem das Christentum leicht Wurzeln schlagen konnte.

Der Boden war also bereitet. Als nächstes stellt sich aber die Frage, warum ausgerechnet das Christentum so erfolgreich war. Die Konkurrenz der monotheistischen Religionen war seinerzeit nämlich Legion. Unter anderem existierten damals zahlreiche so genannte Mysterienkulte: Apollo, Bacchus (von dem der Evangelist Johannes die Fähigkeit zur Verwandlung von Wasser in Wein entwendet und sie Jesus zugeschrieben hatte), der (ebenfalls) aus der persischen Religion stammende Mitras-Kult und viele andere machten damals ebenfalls ihre monotheistischen Angebote. Die größte Konkurrenz stellte jedoch das Judentum dar. Die Judäer waren schon lange vor den Christen im römischen Reich missionarisch tätig. Der Anstoß dafür geht auf die Eroberung Israels durch Alexander den Großen im Jahr 332 v.u.Z. zurück. Mit dem Judentum und dem Griechentum (das Alexander mitbrachte) trafen zwei Hochkulturen aufeinander. Beide vermischten sich miteinander „zu originellen Symbiosen, die zum Hauptmerkmal einer neuen kulturgeschichtlichen Epoche werden sollten“ (Sand 2011, S. 235). Von der griechischen Kultur nahm das Judentum die unterschiedlichsten Einflüsse auf (ebd.). Selbst zentrale religiöse Rituale der Judäer wurden hiervon beeinflusst. So wurde beispielsweise der Pessachabend (das höchste Fest der Juden) nach dem Vorbild des Symposions (des griechischen Festmahls) umgestaltet (ebd., S. 236). Als die Makkabäer (wie die Anführer des jüdischen Widerstands sich selbst nannten) die Griechen aus Judäa vertrieben, beendeten sie damit in ihrem Land nicht den Hellenismus5, sondern lediglich dessen Vielgötterei (ebd., S. 238). Die universalen und integrativen Momente der griechischen Denkweise, die sich eben nicht nur auf die eigene Kultur, sondern die Menschheit als ganze bezogen, blieben dagegen im Judentum erhalten. Das mosaische Exklusivitätsgebot, wonach nur die Juden das auserwählte Volk seien, geriet dadurch ins Hintertreffen und wurde zugunsten des griechischen Universalismus überwunden (ebd., S. 239). Ohne diese Assimilation des Hellenismus durch die Juden und die Missionstätigkeit, die daraus entstand, hätte das Judentum stagniert und wäre heute vermutlich nur eine kleine, lokal ansässige religiöse Sondergruppe wie etwa die Jesiden oder die wenigen Samariter, die es heute noch gibt. Stattdessen aber platzte das Judentum mit großem missionarischen Schwung in die damalige Welt hinein (ebd., S. 244).6 Auf dem Höhepunkt seines Erfolgs umfasste das Judentum sieben bis acht Prozent der Bewohner des römischen Imperiums (ebd., S. 250).7

Was machte den Monotheismus für die konvertierten Römer eigentlich so attraktiv? Es waren einerseits die sich ständig wiederholenden, trivialen Dramen der polytheistischen Götterwelt, die angesichts der entwickelten griechischen Philosophie immer weniger zu überzeugen vermochten. Sie boten im stagnierenden Imperium zu wenig Verbindlichkeit und vermittelten kaum die Stabilität, wie sie strengere normative Systeme zu vermitteln imstande sind. Abstrakte Normen lieferte die griechische Philosophie zwar, aber diese war zu vielstimmig.8 Was ihr damit fehlte, waren sowohl Eindeutigkeit als auch Verbindlichkeit. Sowohl Christen- als auch Judentum hatten beides zu bieten. Attraktiv waren für viele außerdem die Sabbatruhe, die Lehre von Lohn und Strafe, der Glaube an die Erlösung der Welt und an die Auferstehung der Toten (ebd., S. 257). Es war allerdings nicht einfach, sich an die vielen Gebote der jüdischen Religion zu gewöhnen, und die Vorhautbeschneidung, die beim Übertritt zum Judentum obligatorisch war, schreckte viele Männer ab (ebd., S. 259). Ähnlich erging es den Mysterienkulten. Der Mitraskult forderte beispielsweise eine Taufe mit Tierblut, die vielen allzu eklig erschien. Hier hatte das Christentum eindeutige Vorzüge. Bei ihm wurde lediglich mit Wasser getauft, und überhaupt war es ein neuer, vergleichsweise unkompliziert zu befolgender und flexibler Glaube, der sich seinen (potenziellen) Anhängern relativ rasch und einfach erschloss (ebd., S. 260). Es war gewissermaßen ein „Betriebssystem mit äußerster Benutzerfreundlichkeit“ (ebd., S. 261). Wie schon erwähnt, begann das Christentum zunächst als jüdische Sekte, die ursprünglich nur innerhalb des Judentums reformatorisch wirken wollte. Dann jedoch brachte der Apostel Paulus den Gedanken der Heidenmission auf. Im folgenden betätigte er sich besonders rührig im Ostteil des römischen Reiches. Die Abfassung des Neuen Testaments ab ca. 70 n.u.Z. beflügelte diesen Prozess und sorgte außerdem dafür, dass sich das Christentum klar vom Judentum abgrenzte.9 Ein weiteres Erfolgsmoment, das naturgemäß erst später hinzu kam, bestand in der Tatsache, dass das Netzwerk an christlichen Bischöfen den römischen Machthabern schließlich zur unverzichtbaren Stütze bei der Verwaltung ihres Reichs wurde.

Der Rest ist Geschichte. Die „Religion des Gekreuzigten“ errang im 4. Jahrhundert n.u.Z. endgültig die Macht im alten Rom und etablierte das Papsttum, das selbst den Untergang des Imperiums überstand. Im Mittelalter nahm der christliche Gott schließlich den höchsten Platz in der feudalen Herrschaftspyramide ein, wo er direkt über den König bzw. Kaiser eingeordnet wurde. Die Priester waren jetzt die exklusiven Wächter des Übernatürlichen, und man kann sagen, dass das ursprüngliche Projekt des Zarathustra hier gewissermaßen seinen Abschluss fand. Dabei beriefen sich die Priester nicht nur auf die alten Schriften, sondern verstanden sich außerdem über die so genannte Apostolische Sukzession als direkte Nachfolger der Apostel und somit des Gottessohns selbst. In diesem Selbstverständnis „sprach“ Gott nicht nur durch das priesterliche Deutungsprivileg der alten Texte (die man sicherheitshalber nicht in die jeweilige Landessprache, sondern lediglich in ein elitäres Kirchenlatein übersetzte), sondern sogar direkt durch die Priester.

Wie der Monotheismus das Aufkommen des Kapitalismus begünstigte

Mit dem Monotheismus kam ein Anspruch auf Eindeutigkeit in die Welt, wie es ihn zuvor noch nicht gegeben hat. Dieser geht wiederum mit grundlegenden dichotomen Unterscheidungen wie wahr/unwahr, richtig/falsch, gut/böse etc. einher (siehe Assmann 2003). Im Polytheismus waren dagegen mehrere nebeneinander stehende, gleichwertige Auffassungen von Moral, richtigem Handeln und dergleichen gang und gäbe – zumindest sofern eine jeweils zuständige Göttin bzw. ein entsprechender Gott ausfindig gemacht werden konnte. Ohne den einen Gott gab es auch nicht die eine Wahrheit. Im Polytheismus existierte auch kein einmal abgeschlossenes und daher auch kein in irgendeiner Weise vollständiges Pantheon. Durch den Kontakt mit anderen Kulturen waren jederzeit Erweiterungen möglich, und auch innerhalb der Mythologie sorgte die rege sexuelle Aktivität der Göttinnen und Götter laufend für Zuwachs an neuen Göttern und Halbgöttern. Der eine Gott war dagegen nicht mehr sexuell aktiv. Das dürfte übrigens auch ein wichtiges Moment zur Erklärung der Sexualfeindlichkeit sein, die mit dem Monotheismus einhergeht. Göttlicher Nachwuchs und die damit einhergehende Vielfalt waren damit ausgeschaltet. Ganz in diesem Sinne beanspruchte der Eine Gott auch Exklusivität; er duldete explizit keine anderen Götter neben sich. Das bedeutet auch, dass abweichende Auffassungen über Wahrheit, Moral, einem guten Leben etc. nicht akzeptiert werden konnten. Nicht zuletzt deswegen sind im Monotheismus Deutungsstreitigkeiten über „den wahren Willen Gottes“ an der Tagesordnung.

„Jeder monotheistischen Religion wohnt ein missionarisches Potenzial inne“ (Sand 2011, S. 230) – aber sobald er missionarisch wird, nimmt der Monotheismus einen repressiv-inklusiven Charakter an. Er nimmt zwar gern neue Menschen auf, verlangt von ihnen aber zugleich, sich dem einen Gott mit Haut und Haar zu unterwerfen. Die Folge ist Entmenschlichung und Verdinglichung; denn der Mensch wird dabei zur inferioren Sache degradiert und einem imaginierten Zusammenhang untergeordnet, dem er im Extremfall sogar geopfert wird, wenn die Umstände das verlangen (Wurmser 2012, S. 203). Eng damit zusammen hängt die Tatsache, dass im Monotheismus das Geistige höher als das Sinnliche steht. Abstrakte Prinzipien – wie etwa die oben genannte Dichotomie von wahr und falsch – werden dann wichtiger als konkrete Lebenserfahrungen. Das führt rasch in eine entsinnlichte, freudlose und eintönige Weltsicht, was wiederum den Wunsch nach Erlösung aufkommen lässt. Somit liegt die Rechtfertigung monotheistischer Religionen grundsätzlich in der Zukunft, was wiederum das Fortschrittsdenken begünstigt (siehe Minois 1998, S. 170).

Am Ende dieses Textes gestatte ich mir – quasi als kurzen Ausblick – einige Gedanken über die Wesensverwandtschaft von Monotheismus und Wertform. Sie weiter zu belegen und tiefer zu begründen wäre die Aufgabe einer weiteren Untersuchung. Die oben genannten Momente scheinen nämlich sehr dazu geeignet, der kapitalistischen Vergesellschaftungsform den Weg zu bereiten. Ähnlich wie die arme Sünderin bzw. der arme Sünder allein vor dem einen Gott des Monotheismus steht, so stehen sich die Menschen im Kapitalismus als vereinzelte Einzelne gegenüber, die ihre sozialen Beziehungen über die Produkte ihrer Arbeit herstellen. In der Vermittlung über Arbeit bzw. beim Tausch der Arbeitsprodukte geht es nur um den abstrakten Wert dieser Produkte und erst in zweiter Linie um deren sinnlich-stoffliche Gebrauchswerte. Auf diese Weise tritt neben die sinnliche Realität eine abstrakte Dimension, welche die wesentlichen Prozesse der Gesellschaft auf die monetäre Vermittlung von tauschenden Subjekten reduziert. Die Vermittlung wird außerdem von einer Rechtsform abgesichert, in der es um eindeutige Entscheidungen geht. Gefragt ist hier genau jene Eindeutigkeit, wie sie zuvor durch den Monotheismus in die Welt kam. Last not least wird das allgemeine Tauschgeschehen durch eine bürgerliche Wirtschaftstheorie legitimiert, die eher den Charakter einer Religion und weniger den einer Wissenschaft innehat. Ihr Inhalt lautet: Der Markt werde schon alles richten, und wer ihm eifrig huldigt – sprich fleißig arbeitet und etwas leistet – wird nicht nur sein Auskommen haben, sondern sogar Reichtum erwerben. Letzteres bedeutet, dass man die höchstmöglichen Weihen der kapitalistischen Gesellschaftsformation erreicht und somit zu den Auserwählten gehört.

Literatur

Assmann, Jan: Die Mosaische Unterscheidung. München 2003

Assmann, Jan: Echnaton, Tutanchamun und Moses. In: Assmann, Jan; Strohm, Harald (Hg.): Echnaton und Zarathustra. Zur Genese und Dynamik des Monotheismus. Paderborn 2012, S. 13-39

Hegel, Georg Friedrich Wilhelm: Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte. Frankfurt am Main 1986 [1832-45]

Lang, Bernhard: Die Religion der Leviten und ihre Gegner – Alternativen zu einer archaischen Lebenshaltung im Alten Testament. In: Assmann, Jan; Strohm, Harald (Hg.): Echnaton und Zarathustra. Zur Genese und Dynamik des Monotheismus. Paderborn 2012, S. 161-180

MEW 23 = Marx, Karl: Das Kapital. Erster Band. Berlin 1983 [1867]

Minois, Georges: Geschichte der Zukunft. Orakel, Prophezeiungen, Utopien, Prognosen. Düsseldorf, Zürich 1998

Reizenstein, Richard: Plato und Zarathustra. In: Derselbe: Antike und Christentum. Vier religionsgeschichtliche Aufsätze. Darmstadt 1963, S. 20-37

Sand, Schlomo: Die Erfindung des jüdischen Volkes. Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand. Berlin 2011

Strohm, Harald: Die Geburt des Monotheismus im alten Iran – Ahura Mazda und sein Prophet Zarathustra. Paderborn 2014

Wurmser, Léon: „Archaische Erbschaft“. Selbstwiderspruch des Monotheismus und der „Toleranzmidrasch“. In: Assmann, Jan; Strohm, Harald (Hg.): Echnaton und Zarathustra. Zur Genese und Dynamik des Monotheismus. Paderborn 2012, S. 195-212

1Die Quellenlage ist hier alles andere als eindeutig; anders als über die von ihm vermittelten Glaubensinhalte ist über Zarathustras Leben nur wenig bekannt.

2Der Glaube an ein Leben nach dem Tod findet sich zwar schon bei den alten Ägyptern, dort war es jedoch allein dem Pharao (und seinen Dienern) vorbehalten, da dieser er als gottgleich galt.

3Unter König David hatte Israel nach gängiger Auffassung seine größte geographische Ausdehnung und reichte der jüdischen Überlieferung zufolge vom Sinai bis zum Euphrat. Sand (2011, S. 86 ff.) stellt diese Ausdehnung allerdings in Frage und ist vielmehr der Ansicht, dass es sich faktisch immer nur um ein relativ kleines Königreich in der Umgebung von Jerusalem gehandelt habe.

4Insofern könnte man „Messias“ auch sinngemäß mit „der Gekrönte“ übersetzen.

5„Hellenismus“ ist die gängige Bezeichnung für das Griechentum.

6Im Zuge dieser Entwicklung wurde auch die Hebräische Bibel ins Griechische übersetzt; diese Übersetzung war ein wichtiges Werkzeug für die Verbreitung des jüdischen Glaubens (Sand 2011, S. 244).

7„Es ist anzunehmen, dass die Ausbreitung des (..) jüdischen Monotheismus dem Islam den Boden bereitete“ (Sand 2011, S. 289).

8Platonismus, Aristotelismus, Stoizismus, Skeptizismus und Epikureismus – um nur die Hauptströmungen zu nennen – existierten nebeneinander und hatten sehr unterschiedliche Inhalte. Ihre Existenz genügte zwar, um die alte Götterwelt trivial erscheinen zu lassen, war aber nicht in der Lage, in der breiten Masse der Bevölkerung als säkulare Weltsicht an deren Stelle zu treten.

9Die Evangelien sind voll von antijudaistischen Passagen.