Aylin Bademsoy
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Zusammenfassung
Die Entstehung des modernen Antisemitismus während des Niedergangs des Osmanischen Reiches und der Phase der Nationenbildung in der Türkei ist untrennbar mit den groß angelegten historischen Modernisierungsprozessen verbunden. In diesem Kontext entstand auch ein moderner Antisemitismus, der sich bis heute hält und gerade in jüngster Zeit einen Aufschwung erlebt. Dieser Antisemitismus in der kapitalistischen Peripherie wird häufig als bloßes Produkt ideologischer Einflüsse interpretiert, als ein Import aus dem „Westen“, der mit den gesellschaftlichen Verhältnissen vor Ort nur wenig zu tun hat. Diese Deutung macht sich sich bequemerweise die grundlegenden Prämissen des Eurozentrismus zu eigen, der ansonsten heftiger Kritik ausgesetzt ist.
Der Import-Hypothese mangelt es an historischer Tiefe, da sie weder die spezifische Ausprägung berücksichtigt, die der Antisemitismus in der Moderne annimmt, noch – im Falle des Osmanischen Reiches und der Türkei – die lange Geschichte der jüdisch-osmanischen Beziehungen ernst nimmt. Genauso falsch ist jedoch die Gegenposition, die sich auf Koranverse und Hadithe zu beruft, um die theologischen Wurzeln des „islamischen Antisemitismus“ zu belegen und muslimische Kulturen insgesamt zu verunglimpfen. Der vorliegende Beitrag vertritt demgegenüber eine dritte Position. Er greift Moishe Postones Theorie des Antisemitismus auf und bezieht sie auf die Prozesse nachholender Modernisierung in der kapitalistischen Peripherie. Die Entstehung des Antisemitismus wird so historisch im Zusammenhang mit den sozioökonomischen Umwälzungen, verortet die für die Anfänge der kapitalistischen Moderne charakteristisch sind.

