31.12.1986  Beitrag drucken

Die Chance der Möglichkeit eines menschenfreundlichen Kapitalismus

oder wie man das westdeutsche Kapital wissenschaftlich auffordert, feste weiter zu rationalisieren — Kritik zu Kern/Schumann, das Ende der Arbeitsteilung? Rationalisierung in der industriellen Produktion

[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe]

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Rainer Büschel / Rainer Jahn

Seit Max Weber hat sich in der bürgerlichen Soziologie die Auffassung durchgesetzt, Arbeiten und Leben im Kapitalismus als eine einzige Chance zu begreifen, die der Einzelne besitzt oder nicht. Durchaus contrafaktisch zur kapitalistischen Realität stellen bürgerliche Soziologen dann auch auf der sogenannten „Makroebene“ immer dann eine Chance der Möglichkeit zur Veränderung des Kapitalismus in Richtung „mehr Menschlichkeit“ fest, wenn das Kapital aufgrund veränderter Geschäftsgrundlagen die Produktion und/oder die Verteilung neu organisiert (entsprechend den vorgefundenen Bedingungen bzw. dem Kräfteverhältnis zwischen Arbeit und Kapital). Flott wird da dann schon mal der Klassenkampf zur – „an sich geklärten“ – SOZIALEN FRAGE uminterpretiert, die nur bei der Verteilung einiger geringer Korrekturen bedarf. Oder der neueste Dreh der bürgerlichen Soziologie: die Einführung neuer Technologien durch das westdeutsche Kapital wird als einzige Chance (z.B. der Selbstverwirklichung, freien Arbeitsplatzgestaltung) für die Lohnabhängigen dargestellt.

KERN/SCHUMANN, zwei wichtige bundesdeutsche Industriesoziologen, haben nun dieser Diskussion – unter dem bezeichnenden Titel „ZUKUNFT DER ARBEIT(?)“ – eine neue Variante hinzugefügt. Diese wird mittlerweile auch schon von den westdeutschen Gewerkschaften (DGB) aufgegriffen. So geht F. Steinkühler (IGM) in statements mit dem Wissenschaftsjargon von KERN/SCHUMANN u.a. hausieren (Zufall?): „Ich meine, daß ein Teil der Arbeitnehmer höherwertige Arbeitsplätze kriegt, andere abqualifiziert und weitere völlig ausgestoßen werden, weil man auf ihre Arbeit verzichten kann … Unter den Arbeitnehmern gibt es Rationalisierungsgewinner, deren Arbeit wird angenehmer und vielleicht auch besser bezahlt. Und es gibt Rationalisierungsverlierer, das sind vor allem die Arbeitslosen“ (F. Steinkühler, DER SPIEGEL 12/85). Zentraler Gedanke, in dem sich westdeutsche Gewerkschafter und Wissenschaftler (neben den erwähnten sind hier C. OFFE und W. MÜLLER-JENTSCH zu nennen) einig sind bei der Beurteilung der „ZUKUNFT DER ARBEIT“, ist der Gedanke, daß die Arbeiter-/innen im Lauf des kapitalistischen Rationalisierungsprozesses nicht mehr NUR einer Entwertung ihrer Qualifikation unterworfen werden. Vielmehr stellen diese eine TENDENZ zur Requalifizierung fest, die vor allem in der letzten Rationalisierungswelle zu Beginn der 80er Jahre

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wirksam werden soll. Sie gehen dabei sogar soweit, von der Ablösung des tayloristisch-fordistischen Produktionskonzeptes zu reden.

LEBENDIGE ARBEIT (K)EINE SCHRANKE FÜR DAS KAPITAL?

Die empirische Studie „DAS ENDE DER ARBEITSTEILUNG“ von KERN/SCHUMANN, die eine follow-up-Studie zu einer von denselben Autoren in den 70er Jahren erstellten Studie („Industriearbeit und Arbeiterbewußtsein“) darstellt (und deren Ergebnisse z.T. revidiert werden) beruht im Wesentlichen auf schwerpunktmäßig geführten Gesprächen mit Managern, Betriebsräten und Arbeitern in 5 wichtigen Bereichen der westdeutschen Industrie: Auto-, Chemie-, Maschinenbau-, Lebensmittel-, Werftindustrie. Dabei stellen die ersten 3 Industriezweige die für den westdeutschen Export führenden Branchen dar, sind also somit Kernsektoren des sog. „EXPORTMODELL DEUTSCHLAND“. Die letzten beiden Industriezweige sind eher den „Schrumpfungsindustrien“ zuzurechnen. Vor allem in der westdeutschen Werftindustrie sind dabei in den 60er/7oer Jahren über die Hälfte der Arbeitsplätze verloren gegangen und dieser Industriezweig hat vor allem im Bereich des Handelsschiffbaus/Tankerbaus massiv Marktanteile an die Schwellenländer Südostasiens verloren. Die beiden Autoren glauben herausgefunden zu haben, daß mit dem von der westdeutschen Industrie anvisierten Fortschritt der Produktionstechniken nicht notwendigerweise eine Dequalifizierung menschlicher Arbeitskraft einhergehen müsse. Vielmehr sind es vor allem die einfachen, routinierten Teilarbeiten, die im Zuge der Automatisierung tendenziell vollständig durch Maschinen übernommen werden und damit wegfallen. Wenn aber überdurchschnittlich viele Arbeitsplätze mit geringen qualifikatorischen Anforderungen wegrationalisiert werden, hebt sich damit das Gesamtniveau der verbleibenden Arbeitsplätze. Darüber hinaus aber entstehen auch neue qualifikatorisch anspruchsvolle Tätigkeitsbereiche in der Entwicklung neuer Technologien und in der Bedienung und Kontrolle hochkomplexer technischer Anlagen. Hoch- bzw. höherqualifizierte Arbeit entsteht deshalb, nach KERN/SCHUMANN, vor allem durch die Verbindung bisher getrennter Aufgabenbereiche wie z.B. der Maschinenbedienung und der Maschinenwartung bzw. -Reparatur. Angestrebt wird von der Industrie also die Integration der Steuerungs-, Wartungs- und Kontrollfunktionen eines Fertigungsabschnitts bei einem Facharbeiter. In diesem Zusammenhang ist deshalb eine neue Tendenz im Management von Großbetrieben zu beobachten, die über bisher dominierende Produktionskonzepte – menschliche Arbeitskraft als Schranke im Produktionsprozeß zu betrachten – hinausgehen will: „Bisher beruhten alle Formen kapitalistischer Rationalisierung auf einem Grundkonzept, das lebendige Arbeit als Schranke der Produktion faßte, die es durch möglichst weitgehende technische Autonomisierung des Produktionsprozesses zu überwinden galt. In diesem Residuum lebendiger Arbeit sah es vor allem den potentiellen Störfaktor, der durch restriktive Arbeitsgestaltung möglichst weitgehend zu kanalisieren und zu kontrollieren war … Das Credo der neuen Produktionskonzepte

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lautet: Autonomisierung gegenüber lebendiger Arbeit durch Technisierung ist kein Wert an sich. Die weitestgehende Komprimierung lebendiger Arbeit bringt nicht per se das wirtschaftliche Optimum … Der restringierende Zugriff auf Arbeitskraft verschenkt wichtige Produktivitätspotentiale. Im ganzheitlichen Aufgabenzuschnitt liegt keine Gefahr, sondern Chancen(!); Qualifikationen und fachliche Souveränität auch der Arbeit sind Produktivkräfte, die es verstärkt zu nutzen gilt“ (KERN/SCHUMANN 1985, 19). Der wichtigste Grund des westdeutschen Kapitals, Funktionen und Bereiche menschlicher Tätigkeit, die es bisher brachliegen ließ, zu berücksichtigen, liegt nicht in einer philantropischen Anwandlung der westdeutschen Kapitaleigner, sondern in der Tatsache, daß schon kleine Stillstände der Produktionsstraßen Verluste von zig-tausenden von DM mit sich bringen. Diese Verluste entstehen vor allem durch die immer größer werdende Vernetzung der einzelnen Produktionsschritte, auch dann, wenn man von großen, einzügigen Bandstraßen à la FORD immer mehr abkommt. Stillstände in der Produktion müssen aber auch wegen der immer rascheren Abfolgen neuer Produktionszyklen vermieden werden, da die Konkurrenz ansonsten Marktanteile erobern könnte: „Für ein breitgefächertes Produktionsprogramm und zahllose Spezialitäten zahlen die deutschen Maschinenbauer indes einen hohen Preis. Nur 25% der abzüglich Feiertage und Urlaub übers Jahr möglichen Arbeitszeit kommt im Branchenschnitt der Fertigung zugute; der große Rest versickert in Stillstand, weil kleine Losgrößen zum häufigen Umrüsten der Anlagen zwingen. Maschinelle Defekte und Wartungsarbeiten schränken die Nutzungsmöglichkeiten ebenfalls ein. ‚Wenn diese Branche ihre Effizienz steigern will‘, hat Brödner ganz klar erkannt, ‚dann muß sie in erster Linie die langen Standzeiten der Anlagen senken‘ …“ (zit. nach „WIRTSCHAFTSWOCHE“ Nr. 35 vom 23.8. 1985). Die menschenfreundlich anmutende Möglichkeit, Arbeitskraft nicht mehr so einseitig zu (ver)nutzen, entpuppt sich so schnell als Notwendigkeit für das Kapital, seine Stellung auf enger werdenden Märkten zu behaupten bzw. auszubauen: „Der Ersatz unqualifizierten Produktionspersonals durch qualifizierte Arbeitskräfte würde eine zusätzliche und letzten Endes ökonomischere Maßnahme sein als die sehr teure Linieninstandhaltung. Die Vorteile sind offenkundig: a) Alle Reparaturarbeiten unter 15 Minuten können durch das Produktionspersonal ohne lange Wege- und Wartezeiten erledigt werden. b) Mängel an den Maschinen und an den Ausrüstungen, die von nicht professionellen Arbeitskräften nicht identifiziert werden können, werden nun in einem sehr frühen Zustand durch das Linienpersonal wahrgenommen. Reparaturarbeiten können sofort ausgeführt werden. Größeren Schäden kann vorgebeugt werden, indem den Spezialabteilungen sehr frühzeitig Bericht erstattet wird. c) Wenn es zu Störungen kommt, die den Einsatz der Instandhaltung erforderlich machen, kann die Störursache exakt identifiziert und der herangezogenen Fachgruppe gleich mitgeteilt werden. d) Bei Ankunft des Instandhaltungspersonals kann das Produktionspersonal exaktere Informationen über die Details geben und bei den Reparaturarbeiten helfen … Langes und intensives Training erscheint absolut notwendig. Dieses Training sollte jedoch nicht nur technischer Art sein.

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Es sollte nach meiner Auffassung auch ein psychologisches Training wie auch ein Lerntraining umschließen, so daß wir zu einer neuen Arbeitshaltung kommen.“ Auszug aus einem Diskussionspapier von Managern aus der Autoindustrie, (Memorandum II in: KERN/SCHUMANN 1985, 92.) Der von den Unternehmern ins Auge gefaßte „ganzheitliche“ Zugriff auf die menschliche Arbeitskraft, unterscheidet sich von den bei VOLVO Anfang der 7oer Jahre praktizierten Mätzchen. Der bei VOLVO in Szene gesetzte Rückgriff auf handwerkliche Fähigkeiten – unter dem Stichwort „Humanisierung der Arbeitswelt“ – erhält dabei z. T. einen ganz neuen Klang. Durch den kombinierten Einsatz der neuen technischen Mittel sowie den neu zu erbringenden Qualifikationen, die nur noch bedingt handwerkliche Fähigkeiten erfordern,erfährt dieser Rückgriff auf handwerkliche Fähigkeiten eine ganz neue Qualität. Gefordert wird heute nämlich eher die Fähigkeit, mit Computern bzw. der Programmerstellung für diese umgehen zu können. „Wiederentdeckung des Berufsarbeiters für die industrielle Produktion: Das darf man sich nicht als schlichte Rückkehr zu den Berufsprofilen der Vergangenheit vorstellen, zu jenen „Professionisten“, die den Arbeitskörper vor allem der Metallindustrie vor 70 Jahren bestimmten und die in den klassischen handwerklichen Metallberufen noch rudimentär fortbestehen.“

Rationalisierung und Arbeitsverhalten – Erfahrungen, erste Befunde. (KERN/SCHUMANN; 1983 – Vortrag im Rahmen der DFG – Kolloquienreihe „Industriesoziologischer Technikbegriff“, 25.11.1983 S. 25) Erforderlich, und hier kommt man an den Knackpunkt, ist dieser Zugriff auf den ganzen Menschen aber auch, weil die eingesetzten Maschinen noch sehr unzulänglich menschliche Fähigkeiten, vor allem die Fähigkeit mehrere Tätigkeiten kombiniert zu verrichten, ersetzen können. Gefordert sind also bei diesem „neuen“ Arbeitskonzept Arbeiter/-innen mit VERANTWORTUNGS- und LEISTUNGSBEREITSCHAFT, deren Grenzen nicht am eigenen Tätigkeitsbereich enden, sondern übergreifend in andere Produktionsbereiche hineinwirkt. Voraussetzung für diese neuen Tätigkeitsbereiche mit übergreifenden Arbeitsfeldern war und ist aber die Beseitigung der Schranke der menschlichen Arbeitskraft in den Tätigkeitsbereichen mit einfa chen, routinierten Tätigkeiten. „Die in unserem Rahmen wichtigste Entwicklung liegt im verringerten Stellenwert der repetitiven Teilarbeit (insbessondere vom Typ der Maschinenbedienung und Bandarbeit) – jener Tätigkeit, die heute vielleicht noch ein Zehntel der Produktionsarbeiten in mechanisierten Betrieben ausmacht und die mit steigendem Automationsgrad immer weiter aus der Mechanischen Fertigung herausgedrängt wird.“ (KERN/SCHUMANN 1985, 89)

DAS POLITISCHE KONZEPT VON KERN/SCHUMANN : DER KORPORATIVE VERBUND VON STAAT, KAPITAL UND GEWERKSCHAFTEN

Offensichtlich sind KERN/SCHUMANN zu einer Zeit in die managerinterne Diskussion über den Nutzen der neuen Techniken für das Kapital hineingeplatzt, bevor man sich in vielen Bereichen vom frenetischen Jubel über die Aussicht, menschliche Arbeits-

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kraft massenhaft zu ersetzen, hin zu einer realistischeren Sicht der Dinge bewegte. Für eine längere Übergangszeit wird das Kapital nämlich nicht auf den, in seiner Qualifikation mehr auf die neuen Maschinen ausgerichteten Facharbeiter, auskommen können. Als Beispiel hierfür sei der CNC-Dreher genannt: Für die Betriebe hat sich schnell herausgestellt, daß die Programmierung der CNC-Maschinen in einem von der Produktion abgesonderten Büro durch Programmierungsfachleute nicht reibungslos verlaufen ist, vor allem dann nicht, wenn man den Dreher an der Maschine durch angelernte Hilfsarbeiter ersetzte. Lief das Programm nicht optimal, war weder der Programmierer noch der Hilfsarbeiter in der Lage, einen optimalen Betrieb der Maschine zu veranlassen. Über den Lernberuf des Drehers an der CNC-Maschine wurde deshalb ein Kompromiß geschlossen: Der Facharbeiter läßt das bereits erstellte Programm durch die Maschine laufen und optimiert es am Arbeitsplatz, je nach den „individuellen“ Gegebenheiten des Werkstückes. Aufgrund dieser Tatsachen, die sich aus anderen Bereichen der Produktion noch fortsetzen ließen, hat sich sowohl bei den Managern, die verstärkter an den „alten Konzepten“ des einfachen Ersetzens menschlicher Arbeitskraft durch Maschinen/Kapital festhalten, als auch bei den „progressiven“ Managern, die eher die „ganzheitlichen Konzepte“ bevorzugten, die Einsicht durchgesetzt, daß zumindest in naher Zukunft kaum ohne qualifizierte Minimalmannschaften in vielen Kernbereichen der Produktion (profitabel) gearbeitet werden kann. Die Produktion ohne Menschen oder positiv nur mit Maschinen (Robotern) vertagt werden muß – zumindest auf dem heutigen Stand der Technik, da ansonsten die Produktion baden geht. Daß KERN/SCHUMANN die Konzeption der „progressiven Manager“ (ob und in wie weit eine solche Differenzierung zwischen den unterschiedlichen Managerlinien sinnvoll ist und der Realität der Auseinandersetzungen dort entspricht, erörtern wir nicht, da beide Linien letzten Endes für die Betroffenen ähnliche Konsequenzen zeitigen) bevorzugen, hat allerdings seinen Grund in der zugrunde gelegten politischen Konzeption – und weniger in den objektiven Möglichkeiten des westdeutschen Kapitals. Die politische Konzeption, die hinter der empirischen Studie steht, ist die des politischen KORPORATISMUS – wie sie durch die gesamte Politische Wissenschaft geistert; stellvertretend für Viele: Lehmbruch, Allemann und Heinze oder Esser. KERN/SCHUMANN grenzen sich zwar von diesen Autoren ab (vgl. 1985, 24), positiv gewendet kommt aber dabei, gleichgültig ob das Konzept des „LIBERALEN KORPORATISMUS“ von Lehmbruch oder das des „SELEKTIVEN KORPORATISMUS“ (Esser und Fach) anlegt, genau dieses Konzept heraus. Der Kerngedanke der Korporatismuskonzeption, die Zusammenarbeit von Staat, Kapital und Gewerkschaften zum Erhalt und Ausbau der Position des BRD-Kapitals am Weltmarkt, ist einerseits die Grundlage der Befürwortung des Konzeptes der sog. „progressiven Manager“. Andererseits schreiben KERN/SCHUMANN den westdeutschen Gewerkschaften parallel zum Korporatismuskonzept eine herausragende Rolle bei der

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Vertretung des Kernarbeiter-Klientels zu. Konkret treten die beiden Autoren dafür ein, daß der DGB das Ausscheiden von weniger qualifizierten Arbeiter/innen mit Sozialplänen abfedert, Aufstiegsmöglichkeiten und Weiterqualifizierung der Restbelegschaft absichert, indem die Mitglieder die Unternehmensziele unterstützen und letztlich die Kernbelegschaft nach außen abgeschottet wird gegenüber den möglichen Ansprüchen der potentiellen und/oder realen Arbeitslosen. Interessanterweise machen Kern/Schumann diese Unterscheidung bei der Interessenvertretung aber nicht, sondern beschränken sich auf eher allgemeine Hinweise bei der Interessenvertretung im Betrieb: „So wenig z.B. die Progressisten sich ganz der Einsicht entziehen können, daß unter den Prämissen kapitalistischer Produktion Modernisierung eine Frage des ökonomischen Überlebens ist, so wenig kommen die Pluralisten um die Tatsache der strukturellen Bevorzugung unternehmerischer Interessen im Modernisierungsprozeß herum. Und so sehr etwa die Aktivisten den Konfliktkurs so abstecken müssen, daß sie sich einen Rest an Kompromißfähigkeit bewahren, so sehr sind auch die Pragmatiker darauf angewiesen, ab und an die Faust zu zeigen“. (Kern/Schumann 1985, 127) Eine derartige Beschreibung des Klassenkonflikts auf der Basis zweier Linien erwähnt zwar den kapitalistischen Modernisierungsprozeß als Ursache, verschweigt aber schamvoll die Folgekosten dieses Prozesses bzw. die neue Qualität dieses Prozesses für die Arbeiterklasse. Die neue Qualität dieses Modernisierungsprozesses der westdeutschen Ökonomie seit Beginn der 7oer Jahre besteht also in der Segmentierung der Arbeiterschaft in mindestens drei Gruppen, die gegeneinander mehr oder weniger abgeschottet sind, wobei die Zugangsmöglichkeiten von einzelnen Segmenten zu anderen Segmenten (relativ) eingleisig sind. Kern/Schumann unterscheiden deshalb im Sozialgefüge der BRD zwischen folgenden Gruppen/Segmenten (dieselben, 1985, 22f.): 1. Die Rationalisierungsgewinner Das sind die modernen Produktionsfacharbeiter, Instandhaltungsspezialisten und das große Umfeld, das aus denen besteht, die solche Positionen erreichen können (z.B. ausgebildete Maschinenarbeiter). 2. Die Rationalisierungsdulder bzw. -Verlierer Das sind diejenigen, die langfristig aus dem Produktionsprozeß ausscheiden oder mit ziemlicher Sicherheit abqualifiziert werden: Ältere und/oder minderqualifizierte Arbeiter/innen, Ausländer, Frauen und Jugendliche. 3. Die Arbeiter der Krisenbranchen (Werft, Stahl, Eisen, Bau) Diese Krisenbranchen können sich in der Regel nur „gesundschrumpfen“, eine Weiterbzw. Höherqualifizierung der Beschäftigten ist kaum möglich. Hinzu kommen die Arbeitslosen, „die immer weniger Chancen haben, überhaupt noch in den Produktionssektor hineinzukommen“ (Kern/Schumann 1985, 22), als quasi viertes Segment. Den westdeutschen Gewerkschaften teilen die beiden Autoren dabei die Aufgabe zu,

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die Interessen der in Lohn und Brot Stehenden zu vertreten, ohne dabei das wachsende Heer der Arbeitslosen bzw. deren Interessen zu vergessen – unabhängig davon, ob sie wie oben erwähnt eher dem Typ der allgemein-politisch orientierten oder der progressiv orientierten Interessenvertretung zuzuordnen sind. Grundlage des politischen Konzepts von Kern/Schumann ist also eine erhebliche Spaltung der Arbeiterklasse insgesamt, hervorgerufen durch die Veränderung der ORGANISCHEN ZUSAMMENSETZUNG DES KAPITALS in der BRD seit Beginn der 70er Jahre. Konsequenz dieser Veränderung – und notwendige VORAUSSETZUNG des vertretenen Ansatzes – ist der Ausschluß beträchtlicher Teile der Lohnarbeiter aus dem Produktionsprozeß und damit einhergehend ein starkes Anschwellen der industriellen Reservearmee, was letztlich die dominante Stellung des BRD-Kapitals gegenüber den organisierten Arbeitern weiter verstärkt (mal ganz davon abgesehen, was deren Verein, der DGB, für eine Politik betreibt). Darüber hinaus läuft dieser Ansatz für die westdeutschen Gewerkschaften auf die Hinnahme des Prozesses einer „AMERIKANISIERUNG“ der westdeutschen Gewerkschaften hinaus. Die Schwächung des „Arbeitsmarktpartners“ Gewerkschaft und deren Reduzierung auf Standes- bzw. Betriebsorganisationen zugunsten der noch in Brot und Lohn stehenden Arbeiter/innen – d.h. die Entfernung jedes klassenpolitischen Standpunktes in Theorie und Praxis der Gewerkschaften, sei er auch noch so rhetorisch gemeint – akzeptiert per se mit einem solchen Konzept die strukturell schwache Position dieser Gebilde. Dort, wo früher, auch von Kern/Schumann, die Ordnungsfunktion des DGB gegenüber oppositionellen Strömungen in der Arbeiterschaft beklagt wurde (vgl. Kern/Schumann 1977, Industriearbeit und Arbeiterbewußtsein), wird nun eine derartige Funktion des DGB freudig begrüßt, ja sogar gefordert: Hauptsache Organisation, keine Frage mehr danach, wem das nützt und wem es schadet (der Facharbeiter, früher wie heute Stütze der gewerkschaftlichen Organisation, bleibt den Prognosen der beiden Autoren zufolge Rückgrat der Organisation – es bleibt also alles beim alten?!). Die Opfer der Rationalisierung, heute EG-weit immerhin ca. 30 Millionen Arbeitslose (darin sind noch nicht einmal die nicht registrierten Arbeitslosen enthalten, die sog. „Stille Reserve“ – vgl. Heintze/Bossel, 1985), werden von den beiden Autoren dagegen an den Staat verwiesen.

DER SOZIALSTAAT, DEIN FREUND UND HELFER?

Die Arbeitslosen insgesamt sollen dieser Weiterentwicklung der Produktivität, und damit dem Ausbau der Weltmarktposition des westdeutschen Kapitals, nämlich nicht im Wege stehen. Erkenntnisinteresse des politischen Konzepts von Kern/Schumann ist nämlich der Weg und die Mittel des Erhalts bzw. Ausbaus der Position des BRD-Kapitals/Staates am Weltmarkt (anders ausgedrückt die Interessen des „EXPORTMODELLS DEUTSCHLAND“), dem sich alles und alle unterzuordnen haben. Die Notwendigkeiten des Weltmarkts sind in dieser Studie MASSTAB, ob und inwieweit die materiellen Lebensbedingungen in der BRD

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mit einem geringeren Aufwand an menschlicher Arbeit zu sichern sind. Dies ist ein „GESELLSCHAFTLICHER FORTSCHRITT“, der es für die Opfer in sich hat und den es (für die beiden Autoren) zu unterstützen gilt. Den westdeutschen Gewerkschaften wird deshalb von den beiden Wissenschaftlern ein Platz in der politischen Landschaft der BRD zugewiesen, der von diesen eine positive Haltung zur Rationalisierung erfordert, und der ein Konzept der Interessenswahrnehmung erfordert, das per se hohe Kosten bei den Opfern/Verlierern der Modernisierungsstrategie voraussetzt: „Diese Sichtweise impliziert eine positive Grundhaltung gegenüber den neuen Produktionskonzepten, denn (diese werden) … auf diesem Hintergrund zu einer politischen Gestaltungsaufgabe, die man sich anziehen muß… Erscheint uns das Industriesystem also als conditio sine qua non weiteren gesellschaftlichen Fortschritts und eröffnet die Neoindustrialisierung unseres Erachtens beträchtliche Optionen, so ist zugleich festzuhalten: Solange die neuen Produktionskonzepte in ihrer privatistischen Verengung gefangen bleiben, stellen sie allenfalls gehemmte Modernisierung dar, die dem im Begriff angelegten Anspruch auf gesamtgesellschaftliche Rationalität nicht gerecht wird.“ (KERN/SCHUMANN, 1985, 320, 321.) Diese „gesamtgesellschaftliche Rationalität“ hat für die Opfer der Modernisierung aber immer die mehr oder weniger stille Hinnahme, sprich Nichtbehinderung dieses Modernisierungsprozeßes, ihrer VERELENDUNG bedeutet. Die Pazifizierung dieses möglichen Störpotentials soll dabei vom „Sozialstaat“ geleistet werden. KERN/SCHUMANN phantasieren sich deshalb einen bürgerlichen Staat zusammen, der eine Politik betreiben soll, deren Ziel die „Soziale Steuerung“ der Innovationspolitik des BRD-Kapitals durchsetzt. Danach soll der Staat eine „Sozialisierung“ der Anpassungslasten durchführen, soziale Härten sollen auf viele Schultern verteilt werden, es darf keine Pariaexistenzen geben etc. Flankiert soll diese „Sozialpolitik“ mit einer offensiven Arbeitsplatzgestaltung und Qualifizierung der Produktionsintelligenz werden, die die Produtionsintelligenz verallgemeinert und Industriearbeit als souveränes Arbeitshandeln ausformt. Auf die Modernisierung des bundesdeutschen Kapitals zu setzen, heißt für diese Soziologen auf die Durchsetzungskapazitäten auf dem Weltmarkt zu bestehen und darauf, daß der Staat das Ganze auch martialisch, wie nach Innen mit Gewalt absichert. Eine trübe Perspektive, sowohl für die „Arbeitsplatzbesitzer“ als erst recht für die „Sozialpensionäre“: Während die einen in der Weltolympiade der Arbeitshetze Nerven und Gesundheit ruinieren, werden die anderen am Existenzminimum herumkrebsen (nicht zuletzt deswegen, weil die Modernisierungsstrategien fast ohne Ausnahme dem keynesianistischen Nachfragemodell Lebewohl gesagt haben und monetaristisch orientierte Modelle zur Grundlage haben. Dies bedeutet gerade für die letzteren die Kürzung der Sozialausgaben, zum Zwecke der Finanzierung dieser Programme).

WISSENSCHAFTLICHE SCHWÄCHEN DES OEUVRES

Auch jenseits dieser Konsequenzen hat die Studie von Kern/Schumann ihre wissenschaftlichen Schwächen. Kursorisch seien hier genannt:

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Die Aussparung wichtiger Bereiche in der Studie, wie etwa den Angestelltenbereich und den Bereich der Elektroindustrie. Gerade in diesen Bereichen aber ist die Rationalisierung quasi an der Tagesordnung und der Umbruch für die Betroffenen besonders hart. Die bei Kern/Schumann nicht thematisierte Voraussetzung, nämlich der Durchsetzung dieser Strategie auf dem Weltmarkt. Der vorausgesetzte Erfolg dieser Strategie auf dem Weltmarkt ist nämlich gar nicht so sicher, wie ihn die beiden Autoren suggerieren. Die Dürftigkeit des ausgebreiteten Materials, das zudem auf subjektive Äußerungen gestützt wird (von Managern, Betriebsräten etc.), die kaum quantifizierbar sind. Hier drängt sich u.E. der Eindruck auf, daß aus den Konstellationen einer Übergangsperiode des Kapitalismus auf ein erhofftes „ENDE DER ARBEITSTEILUNG“ analog geschlossen werden soll. Verwiesen sei hier noch auf die widersprüchlichen Schlußfolgerungen für die Politik der westdeutschen Gewerkschaften im Sinne eines Auseinanderfallens von betrieblicher Orientierung auf Durchsetzung der neuen Produktionskonzepte und einem eher appellativ begründeten klassenpolitischen Ziel, wie den Kampf um Arbeitszeitverkürzung als „Solidarbeitrag“ für die Arbeitslosen.

DEUTSCHE SOZIOLOGEN IM DIENST VON KAPITAL UND STAAT

Die Chance der Möglichkeit, daß die Lohnabhängigen insgesamt bei der von Kern/Schumann geforderten Rationalisierung/Modernisierung auch nur halbwegs ungeschoren davonkommen,sind gleich NULL: a) weil in dem verfolgten Konzept die Triebkraft der Entwicklung nicht im Produktionsprozeß als Einheit von Arbeits- und Verwertungsprozeß, sondern nur im Arbeitsprozeß verortet wird. Dabei wird die kapitalistische Formbestimmtheit nicht erfaßt, es wird nur die stoffliche Seite als technologischer Determinismus betrachtet (insofern ist dieses Buch eine Fortsetzung der Studie „Industriearbeit und Arbeiterbewußtsein“, 1977). b) weil ein historisch begrenzter Zeitraum, in dem das Kapital die Restarbeitskräfte in den Betrieben mit einer höheren Qualifikation benötigt, EXTRAPOLIERT wird. Die konkurrierende Dimension der Ersetzung menschlicher Arbeitskraft durch Kapital nur aufgehalten, aber keineswegs – wie dies Kern/Schumann annehmen – umgekehrt worden ist. c) weil die Voraussetzung für die Durchsetzung dieses Konzepts in der Segmentierung der Arbeiterklasse in verschiedene, miteinander konkurrierende Segmente ist. d) weil die verbleibenden Arbeitsplätze selten von „sinnvollerer Arbeit“ gekennzeichnet sein dürften. Anzunehmen ist wohl eher, daß eine Erhöhung der Leistung stattfindet. Diese Vermutung liegt nahe, da die Zusammenlegung von mehreren bisher getrennten Funktionen im Betriebsablauf einerseits vorgesehen ist. Andererseits die weitere Zergliederung und Vereinfachung dieser Funktionen gerade die Voraussetzung für ihre Zusammmensetzung darstellt.

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e) weil dem bürgerlichen „Sozial“-Staat Zwecke unterstellt werden – die optimale Versorgung von Teilen der Bevölkerung, die nicht in Lohnarbeitsverhältnissen stehen (auch zu Lasten der Konkurrenzfähigkeit des BRD-Kapitals???) – die niemals eingelöst werden. Einhergehend mit dieser Modernisierungsstrategie ist ja bekanntlich die Sanierung der Staatsfinanzen, was in der Regel eine Kürzung der Sozialausgaben bedeutet. Konsequenzen dieser Maßnahmen sind in der Verarmung weiter Bevölkerungsschichten sichtbar. Die CHANCE DER MÖGLICHKEIT, die in den anstehenden und/oder bereits durchgeführten Rationalisierungsprozessen in der BRD liegt, besteht für bundesdeutsche Soziologen heutzutage in einer einzigen Parteinahme für die Interessen von Staat und Kapital. Und es wäre sicherlich eine Frechheit, zu behaupten, daß Kern/Schumann zu dieser Position gefunden hätten, weil sie vielleicht irgendwann einmal selbst zu denjenigen gehören könnten, die überflüssig werden …