31.12.1986  Beitrag drucken

Irrational, aber wenig radikal

Zum Seiteneinstieg Joscha Schmierers in die grüne Strategiedebatte

[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe]

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Robert Schlosser (Bochum)

Einleitung

Unter dem Titel „Utopie ist machbar, Frau Nachbar!“ erschien am 16.06.84 in der TAZ ein langer Artikel aus Anlaß des fünfjährigen Bestehens der UFA-Fabrik in Westberlin. Die UFA-Fabrik gilt als Deutschlands „größtes und vielleicht auch bekanntestes Alternativprojekt“. UFA, so die TAZ, „das sind Träume aus der APO-Zeit vom gemeinsamen Wohnen und Arbeiten, von der Aufhebung von Arbeit und Freizeit (gemeint ist wohl die Aufhebung der Trennung zwischen diesen beiden Bereichen, der Verf.), vom Leben ohne Besitzansprüche.“

Es gibt heute eine ganze Menge Leute, die solche Träume hier und heute verwirklichen möchten, teils aus Not, teils aus der Einschätzung heraus, daß der Klassenkampf nichts bringt. Neben und über diesen Alternativen thronen jene führenden Persönlichkeiten des linken öffentlichen Lebens, die eine neue revolutionäre Strategie entwickeln wollen, in denen solche und andere Alternativprojekte eine, wenn nicht die zentrale Rolle spielen.

Vorerst möchte ich die Praxis der Gütergemeinschaft hier und jetzt verlassen und mich den besagten Strategen zuwenden. Später werde ich dann auf die Probleme der Alternativprojekte zurückkommen.

Einer dieser Strategen, an dem ich mich etwas reiben möchte, ist Joscha Schmierer, der in der Kommune vom 04.06.84 unter dem Titel „Radikal und rational“ seinen Seiteneinstieg in die grüne Strategiedebatte probt. Mit „Seiteneinstieg“ haben wir nicht nur das Stichwort für seine Teilnahme an der grünen Strategiedebatte, sondern gleichfalls die neue „radikale und rationale“ Formel seiner Strategie. Schmierers Seiteneinstieg ist zugleich ein Ausstieg aus bisherigen marxistischen Strategieansätzen. Er betont, daß „die bisherigen Strategien, die auf Verschärfung des Klassenkampfes und seinen Umschlag in revolutionäre Umgestaltung der ganzen Gesellschaft setzten, durch die Geschichte desavouiert erscheinen.“ (S.33).

Joscha Schmierer will uns etwas neues präsentieren, was durch die Geschichte noch nicht bloßgestellt wurde. Eine löbliche Absicht!

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Wie sieht nun diese einzigartig neue und noch ganz unschuldige Strategie aus, die uns davor bewahrt, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen? Am Schluß seines Artikels faßt Schmierer seine Strategie des „Seiteneinstiegs“ wie folgt zusammen:

„Programmatisch ist auf die formelle und reelle Emanzipation zu orientieren, und das verlangt negativ das Zerbrechen des Staatsapparates und der kapitalistisch-industriellen Struktur und positiv den Aufbau einer genossenschaftlich, -kommunalen Produktionsweise unter Nutzung und Entwicklung angepaßter Technologien und unter Berücksichtigung der natürlichen und historischen Bedingungen der jeweiligen Einheit.

Strategisch ist entscheidend, Basen für einen solchen Emanzipationsprozeß zu schaffen durch Entwicklung genossenschaftlicher Produktion, rechtliche und finanzielle Stärkung der Kommunen und Förderung aller Prozesse, die sie auch materiell unabhängiger machen, indem sie sich aus großindustriellen Strukturen lösen, etwa in der Energieversorgung. Auf diesem Wege kann mit der revolutionären Umgestaltung bereits begonnen werden. Da diese revolutionäre Umgestaltung als emanzipatorische nur Aussicht auf Erfolg hat, wenn sie plebejisch- demokratischen Charakter hat und im Klassenkampf einen Nährboden findet, muß sie sich auf die Masse der Lohnabhängigen hin orientieren, indem sie zu demonstrieren versucht, wie alle anders arbeiten und besser leben können.“ (S. 44).

Schmierer unterstreicht ausrücklich die „entscheidenden Anstöße“, die er von Rudolf Bahro erhielt, der „auf die grundlegende Bedeutung positiver Beispiele“ sozialer Emanzipation hingewiesen hat, mit denen hier und heute begonnen werden muß. Was Schmierer an seinem neuen Idol bemängelt ist die „Geringschätzung des Klassenkampfes“, der seiner Meinung nach zwar nicht umschlagen kann in eine revolutionäre Umgestaltung der ganzen Gesellschaft, aber immerhin der „Nährboden“ für diese Umgestaltung bleibt.

Für jemanden, der nur die jüngste Geschichte des Kapitalismus, der Arbeiterbewegung und der kommunistischen Bewegung kennt, muß die neue Formel des „Seiteneinstiegs“ recht plausibel erscheinen. Folgen wir schließlich Schmierers Ausführungen, so scheint die ganze bisherige Geschichte der Klassengegensätze und des Klassenkampfes für ihn zu sprechen. Er präsentiert uns die Übergänge von der antiken zur feudalen und von der feudalen zur bürgerlichen Gesellschaft als Musterbeispiele seines „Seiteneinstiegs“.

„Diese Umwälzungen sind ohne (diese) Klassenkämpfe nicht zu erklären, aber auch nicht durch sie. Die Klassenkämpfe der Antike und des Feudalismus gehörten jeweils zu diesen Gesellschaften, waren Bedingungen ihrer Reproduktion, drohten sie manchmal zu sprengen, aber sie allein führten nicht zur revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft, vielmehr kam es zur neuen Formation jeweils nur durch den ‚Seiteneinstieg‘ von Kräften außerhalb der

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Konfrontation der Hauptklassen der vorhergehenden Gesellschaft, die die Keime der neuen Formation neben der alten Gesellschaft bereits ausgebildet hatten, und die durch den Verfall der alten Ordnung zur bestimmenden Macht wurden.“ (S. 34).

Es ist richtig, daß weder die Sklaven die Gesellschaft der Antike überwanden, noch die Bauern die feudale Gesellschaft, zumindest nicht als führende Klasse. Ich würde dem Autor auch zustimmen, wenn er im Tone tiefster Überzeugung hervorhebt:

„Daß die aufkommende moderne Bourgeoisie aber ein ‚Seiteneinsteiger‘ war und nicht eine der Hauptklassen, die sich im Feudalismus gegenüberstanden, kann nicht ernsthaft bezweifelt werden.“ (S.34).

Damit hat sichs aber auch schon so ziemlich. Der Rest seiner Erkenntnisse über die Geschichte der Klassenkämpfe beruht auf inhaltsleeren Abstraktionen, ja läuft zum Teil auf platte Analogie hinaus. Wenden wir uns zunächst dem Übergang von der Antike zum Feudalismus zu und schauen uns diese Revolution etwas genauer an.

Der angebliche ‚Seiteneinstieg‘ des Feudaladels und der feudalen Gesellschaft

Der Feudaladel war kein ‚Seiteneinsteiger‘ in die germanische oder römische Gesellschaft, sowenig wie sich die feudale Produktionsweise im Schoße einer dieser beiden Gesellschaftsformen entwickelt hatte. Die Keime der neuen Formation, des Feudalismus, entstanden auf andere Art und Weise. Richtig bemerkt Schmierer, daß der Feudalismus „aus dem Zusammenstoß und der Verschmelzung von Elementen der germanischen Gesellschaft mit Elementen der antiken Gesellschaft“ entstand. Damit ist aber noch wenig erklärt und jede Parallele zur Entstehung der Keime der bürgerlichen Gesellschaft im Feudalismus ist fehl am Platze. Mehr noch! Die Begriffe Zusammenstoß und Verschmelzung verdecken hier mehr die tatsächliche Geschichte als sie sie erklären. Mit der gewaltigen Ausdehnung des römischen Reiches stießen Germanen und Römer immer wieder zusammen. Diese Zusammenstöße hinterließen zwar ihre Spuren bei den germanischen Völkern – manche begannen zu kollaborieren und wurden selbst zu Sklavenhändlern, während andere stets aufs neue gegen die Römer kämpften – nirgendwo jedoch führte das zur Herausbildung der Keime der feudalen Gesellschaft, solange die Römer die Oberhand behielten. Dies änderte sich erst mit den militärischen

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Erfolgen der Germanen und mit der Überwindung der politischen Macht des römischen Staates in größeren Teilen der von Rom besetzten und kontrollierten Gebiete. Die Niederringung der politischen Macht Roms, etwa im alten Gallien, war die Voraussetzung für die Entstehung der feudalen Produktionsweise und feudalistischer Abhängigkeitsverhältnisse. Dabei verwandelten sich wesentliche Teile der alten germanischen Gentilverfassung unter den veränderten Bedingungen der riesigen Gebietseroberungen in Hebel für die Herausbildung des Feudalismus. (Nachzulesen bei Fritze Engels in den Aufsätzen „Die Umwälzung der Grundbesitzverhältnisse unter Merowingern und Karolingern“ und „Gau- und Heeresverfassung“ aus Marx/Engels, „Über Deutschland und die deutsche Arbeiterbewegung“ Bd.1, Dietz-Verlag, Berlin 1961, S. 87-108). Dies „kann nicht ernsthaft bezweifelt“ werden. Bezweifelt werden muß hingegen, daß es sich hierbei um einen Schmierer’schen ‚Seiteneinstieg‘ handelt.

In gewisser Hinsicht hat der Stratege mit seiner Berufung auf den Übergang von der Antike zum Feudalismus sogar ein Eigentor geschossen. Der Übergang von der Antike zum Feudalismus ist zwar kein Beispiel für einen erfolgreichen revolutionären Klassenkampf der wichtigsten ausgebeuteten Klasse der Antike (Sklaven), er ist aber wohl ein Beispiel dafür, daß sich selbst die Keime einer neuen gesellschaftlichen Formation unter bestimmten Voraussetzungen erst dann herausbilden können, wenn die alte Staatsmacht überwunden ist. Schmierer wendet sich ja gegen die „Grundauffassung der sozialistischen und kommunistischen Theorie“, wonach „zuerst die politische Macht erobert werden müsse“, bevor man an die „Umwälzung der bürgerlichen Gesellschaft“ denken könne. (Anm. auf S.34). Schmierer ersetzt eine untaugliche Leerformel – nämlich erst politische Macht, dann alles andere, um die sich besonders er und sein KBW recht zweifelhafte Verdienste erworben haben – durch eine neue, ebenso untaugliche Leerformel, nämlich erst die selbständigen Basen, die „positiven Ansätze der neuen Formation“, dann alles andere, eventuell auch politische Macht.

Würden wir uns, unserem Strategen folgend, auf das Gebiet der oberflächlichen historischen Parallele begeben, dann könnten wir aus dem Übergang der Antike zum Feudalismus viel eher folgenden strategischen Grundgedanken übernehmen: Die neue Formation entsteht durch den erfolgreichen Ansturm der Völker der 3. Welt gegen die imperialistischen Metropolen, der „Einkreisung der Städte durch die Dörfer“. Diese Schlußfolgerung wäre mindestens ebenso naheliegend. Sie wird so oder ähnlich ja auch von einem Teil der revolutionären Linken formuliert.

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Allerdings ohne so tiefgehende historische Betrachtungen anzustellen, wie Joscha Schmierer.

Kann der ‚Seiteneinstieg‘ der Bourgeoisie in den Feudalismus ein Vorbild für eine kommunistische Strategie heute sein?

Verlassen wir den Übergang Antike-Feudalismus und fragen uns, inwieweit der ‚Seiteneinstieg‘ der Bourgeoisie und ihrer Gesellschaft als Orientierungspunkt einer revolutionären Strategie heute gelten kann. Dabei möchte ich auf zwei wesentliche Gesichtspunkte zu sprechen kommen, nämlich die Besonderheiten der kapitalistischen Produktionsweise und die Besonderheiten der Umwälzung, die wir heute anstreben.

Die Besonderheit der Umwälzung, die wir anstreben ist der Kommunismus, die Abschaffung aller Klassenprivilegien, die Beseitigung der Ausbeutung und Unterdrückung des Menschen durch den Menschen. Dies hat dem Kommunismus seit jeher die besondere Feindschaft aller besitzenden Klassen eingebracht; zumindest dann, wenn er das Feld einzelner Experimente verließ und sich verallgemeinern wollte. Doch dazu gleich mehr.

Wenn der Kommunismus mit dem Anspruch auftritt, die ganze Gesellschaft zu verändern, dann lassen ihm die herrschenden Klassen kaum Spielraum für seine Entfaltung, in welcher Form und Strategie dieser auch immer bewerkstelligt werden soll. Was uns von der Bourgeoisie im Feudalismus unterscheidet,ist, daß wir nicht für neue Klassenprivilegien und für effektivere Ausbeutung kämpfen. Der Feudaladel und aufkommende Bourgeoisie hatten zumindest eine sehr wesentliche Gemeinsamkeit: Beide waren Ausbeuterklassen.

Die ganze Epoche der bürgerlichen Revolution ist nicht nur eine Epoche der Aufstände und der Volksrevolution in verschiedenen Ländern, sie ist auch eine Epoche voller Kompromisse und Koalitionen zwischen der alten und der neuen Ausbeuterklasse. Innerhalb diese Zusammenspiels und dieses Gegeneinander veränderte sowohl die alte Aristokratie ihr Gesicht, wie auch die aufkommende Bourgeoisie. Engels spricht sogar davon, daß die alten feudalen Grundbesitzer sich anschickten „die ersten Bourgeoisie der Nation“ zu werden. (In seinem Aufsatz „Die drei großen Entscheidungsschlachten des Bürgertums“). Marx zeigt in „Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation“ auf, wie im letzten Drittel des 15. Jhd. und in den ersten Jahrzehnten des 16. Jhd. die

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Masse des „vogelfreien Proletariats“ in England u.a. durch die Auflösung der feudalen Gefolgschaften entstand. Er weist zugleich auf folgendes hin:

„Vielmehr, …, schuf der große Feudalherr ein ungleich größeres Proletariat durch gewaltsame Verjagung der Bauernschaft von dem Grund und Boden, worauf sie denselben feudalen Rechtstitel besaß wie er selbst, und durch Usurpation ihres Gemeindelandes. Den unmittelbaren Anstoß dazu gab in England namentlich das Aufblühen der flandrischen Wollmanufaktur und das entsprechende Steigen der Wollpreise. Den alten Feudalhandel hatten die großen Feudalkriege verschlungen, der neue war ein Kind seiner Zeit, für welche Geld die Macht aller Mächte. Verwandlung von Ackerland in Schafweide ward also sein Losungswort.“ (Kapital, Bd. 1, S. 746).

Der Spielraum für die Keime der bürgerlichen Produktionsweise im Feudalismus war relativ groß. Die auf Selbstversorgung ausgerichtete Naturalwirtschaft des Feudalismus hatte ökonomisch gesehen der sich entwickelnden Warenproduktion und Geldwirtschaft nichts entgegenzusetzen. Im übrigen konnte es dem alten Feudaladel recht sein, wenn an Stelle der Naturalabgaben durch die Bauern deren Geldabgaben traten, konnte er sich doch mit dem Geld in den Besitz der auf den Markt kommenden Luxusgüter bringen. Wie das angeführte Beispiel aus England zeigt, wurden die alten Großgrundbesitzer unter bestimmten Bedingungen sogar zu einer Stütze und Reserve für die Entwicklung der bürgerlichen Produktionsweise. Aus den alten feudalen Großgrundbesitzern wurden mehr und mehr kapitalistische Großgrundbesitzer.

Wenn über die Keime der bürgerlichen Gesellschaft und deren Ausdehnung zu Basen der revolutionären Umgestaltung gesprochen wird, so sollte das nicht vergessen werden.

Doch damit nicht genug. Wenn wir ferner an die Herausbildung einer genossenschaftlichen Produktionsweise hier und heute denken, so sollte dabei nicht übersehen werden, daß der Kapitalismus durchaus keine so „tolerante und hilflose“ Ökonomie darstellt wie die feudale. Die feudale Produktionsweise legte der sich ausdehnenden Warenproduktion zwar Hindernisse in den Weg, die letztlich in den großen Revolutionen überwunden wurden, sie hat aber niemals aktiv auf die Keime der bürgerlichen Produktionsweise eingewirkt. Rosa Luxemburg kennzeichnete den Kapitalismus einmal wie folgt:

„Der Kapitalismus ist die erste Wirtschaftsform mit propagandistischem Effekt, eine Form, die die Tendenz hat, sich auf dem Erdrund auszubreiten und alle anderen Wirtschaftsformen zu verdrängen, die keine andere neben sich duldet.“ (Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke, Bd.5, Dietz-Verlag, Berlin 1981, S. 411).

Ich würde dem so zustimmen, ohne das an dieser Stelle weiter begründen

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zu wollen.

Etwaige kommunistische Experimente, mit dem Anspruch der Verallgemeinerung versehen, haben es jedenfalls nicht nur mit der im Staat konzentrierten politischen Gewalt der herrschenden Klasse zu tun, sondern gleichermaßen mit dem stummen Zwang der ungeheuer dynamischen kapitalistischen Ökonomie. Hätte Schmierer sich weniger mit dem Übergang von der Antike zum Feudalismus und vom Feudalismus zur bürgerlichen Gesellschaft beschäftigt und sich stattdessen die Frage gestellt, wie es kam, daß sich die vom Marxismus beeinflußte Arbeiterbewegung so sehr auf die Eroberung der politischen Macht fixierte, dann wäre er über die Erfahrungen gestolpert, die es ihm wohl schwer gemacht hätten, so blauäugig eine Strategie zu präsentieren, die angeblich nicht von der Geschichte desavouiert erscheint. Die marxistische Strategie, die die Eroberung der politischen Macht durch den Klassenkampf in den Mittelpunkt stellt, ist nicht vom Himmel gefallen, und niemand hat sie sich aus den Fingern gesogen. Diese Strategie fand nicht zuletzt deshalb so viele Anhänger, weil andere Strategien, die den Schwerpunkt auf die „Schaffung positiver Beispiele“, auf Schaffung genossenschaftlicher Musterproduktion legten, schon vorher durch die Geschichte bloßgestellt waren.

Zur Geschichte des Kommunismus, der Arbeiterbewegung und ihre Berücksichtigung in der marxistischen Strategie

Es zeugt schon von unglaublicher Naivität oder theoretischer Ignoranz, wenn sich heute jemand hinstellt, eine Strategie entwickelt, in deren Zentrum die Schaffung der Keime des Kommunismus hier und jetzt steht, ohne auch nur ein Wort zu verlieren über die Erfahrungen der vormarxistischen Arbeiterbewegung und des vormarxistischen Kommunismus.

Werfen wir einen Blick in die Geschichte, indem wir uns zunächst wieder England zuwenden. 1845 erschien Engels „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“. Darin berichtet er unter anderem:

„Die englischen Sozialisten verlangen allmähliche Einführung der Gütergemeinschaft in ‚Heimatskolonien‘ von 2.000-3.000 Menschen, welche Industrie und Ackerbau treiben, gleiche Rechte und gleiche Erziehung genießen – Erleichterung der Ehescheidung und Einführung einer vernünftigen Regierung mit vollständiger Meinungsfreiheit und Abschaffung der Strafen, die durch vernünftige Behandlung des Verbrechers ersetzt werden sollen.“ (Friedrich Engels, Die Lage der arbeitenden Klasse in England, Dietz-Verlag, Berlin 1964, S. 304).

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Dieser Sozialismus ging bekanntlich von Robert Owen aus, der allerdings eher Bahro ähnelte als Schmierer, weil er zumindest lange Zeit an die Arbeiterklasse appelliert, doch ja die Finger vom Klassenkampf zu lassen. Immerhin umfaßte der Owenismus als Richtung schließlich mehr als nur die Versuche kommunistischer Mustersiedlungen, die „von vornherein als ein vollkommenes Muster der neuen Gesellschaftsordnung eingerichtet werden“ sollten. Im praktischen Owenismus war Platz für:

„die Handwerker mit ihren Träumen, die Ökonomie des Marktes zu umgehen; die Facharbeiter, die auf eine allgemeine Gewerkschaft drängen; die philanthropisch gestimmten Leute aus der Gentry mit ihrer Sehnsucht nach einer rational geplanten Gesellschaft; die Armen mit ihrem Traum vom Grund und Boden oder von Zion; die Weber mit ihrer Hoffnung auf Selbständigkeit; sie alle mit ihrer Vorstellung von einer gerechten, brüderlichen Community, in der gegenseitige Hilfe die Stelle von Aggression und Konkurrenz einnehmen wird.“ (E.P. Thompson, Owenismus aus: Vormarxistischer Sozialismus, herausgegeben von Manfred Hahn, Fischer Athenäum Taschenbücher, S.255).

Die klassenkämpferische Richtung war also durchaus Bestandteil des Owenismus, wenn sich auch die Facharbeiter nur zögernd anschlossen. Die Ausstrahlung der Bewegung ist jedoch wesentlich auf die kommunistischen Experimente des Robert Owen zurückzuführen und auf die darauf sich berufende Genossenschaftsbewegung. Immerhin gab es 1832 in England etwa 500 Genossenschaften mit wenigstens 20.000 Mitgliedern (vgl. E.P. Thompson, a.a.O., S. 245).

Es gab sogar einen großen Tauschbasar für die Produkte der Genossenschaften mit einem eigenen Zirkulationsmittel (Arbeitsgeld), um den Markt zu umgehen.

„Doch ach! Bald entdeckte man, daß das schöne Arbeitsgeld … durch nichts in den allgemeinen Umlauf zu zwingen war. Der Nachschub an Lebensmitteln stockte und am Ende stand der Zusammenbruch einer der ungewöhnlichsten Bewegungen, die es je in diesem oder irgend einem anderen Land gab.“

So schilderte ein Handwerkersozialist der damaligen Zeit, Allen Davenport, den Zusammenbruch des Londoner Tauschbasars. (zit. nach E.P. Thompson, a.a.O., S. 250).

Doch nicht nur im England des beginnenden 19. Jhd. gab es die kommunistischen Experimente. In den USA entstanden ähnliche Projekte. Noch 1845 nimmt Engels die kommunistischen Ansiedlungen in den USA als positiven Beweis, daß Gütergemeinschaft ohne die kapitalistischen Klassengegensätze möglich ist und aufs beste funktioniert. In seinem Aufsatz „Beschreibung der in der neueren Zeit entstandenen und noch bestehenden kommunistischen Ansiedlungen“ (MEW, Bd.2, S. 521-535)

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unterstreicht Engels ausdrücklich deren Erfolge.

Doch nicht erst seit heute ist bekannt, daß die damaligen kommunistischen Mustergemeinschaften nicht zu „selbständigen Basen für die revolutionäre Umgestaltung der ganzen Gesellschaft“ wurden. Nehmen wir Schmierers Strategie des Seiteneinstiegs zum Maßstab, dann sind gerade aus dieser Sicht der Dinge diese Versuche kläglich gescheitert. Sie haben es im Gegensatz zum vielgeschmähten Klassenkampf nicht einmal geschafft, die bürgerliche Gesellschaft bis „in die Grundfesten zu erschüttern. Vor der Geschichte erscheinen bisher alle Versuche, kommunistische Basen im Kapitalismus zu errichten, als „desavouiert“. Damit will ich diesen Versuchen keineswegs jede positive Bedeutung absprechen. So auch der entstehende und sich ausbreitende Marxismus, auf den ich mich dabei berufen kann. Dieser erkannte aber auch die Grenzen solcher Experimente, was bei den gemachten Erfahrungen nicht einmal eine außergewöhnliche Leistung war. In seinen „Instruktionen für die Delegierten des provisorischen Zentralrates“ der I. Internationalen aus dem Jahr 1866 führt Marx zur Kooperativarbeit folgendes aus:

„Wir anerkennen die Kooperativbewegung als eine der Triebkräfte zur Umwandlung der gegenwärtigen Gesellschaft, die auf Klassengegensätzen beruht. Ihr großes Verdienst besteht darin, praktisch zu zeigen, daß das despotische und Armut hervorbringende System der Unterjochung der Arbeit unter das Kapital verdrängt werden kann durch das republikanische und segensreiche System der Assoziation von freien und gleichen Produzenten.

Aber das Kooperativsystem, beschränkt auf die zwerghaften Formen, die einzelne Lohnsklaven durch ihre privaten Anstrengungen entwickeln können, ist niemals imstande, die kapitalistische Gesellschaft umzugestalten. Um die gesellschaftliche Produktion in ein umfassendes und harmonisches System freier Kooperativarbeit zu verwandeln, bedarf es allgemeiner gesellschaftlicher Veränderungen, Veränderungen der allgemeinen Bedingungen der Gesellschaft, die nur verwirklicht werden können durch den Übergang der organisierten Gewalt der Gesellschaft, d.h. der Staatsmacht, aus den Händen der Kapitalisten und Grundbesitzer in die Hände der Produzenten selbst.

Wir empfehlen den Arbeitern, sich eher mit Produktivgenossen schaften als mit Konsumgenossenschaften zu befassen. Die letzteren berühren nur die Oberfläche des heutigen ökonomischen Systems, die ersteren greifen es in seinen Grundfesten an.“ (MEW, Bd. 16, S. 195,196).

Eine solche Einschätzung der Kooperativbewegung ging in der sozialistischen 2. Internationalen, zumal in der deutschen Sozialdemokratie, ihrer führenden Kraft, mehr und mehr verloren. Wir sehen das zunächst darin, daß den Arbeitern – warum eigentlich nie den Arbeiterinnen? – nicht die Entwicklung von Produktivgenossenschaften „empfohlen“

wurde, sondern der Genossenschaftsgedanke sich schließlich nur noch

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auf Konsumgenossenschaft als einziger möglicher proletarischer Genossenschaft bezog. (vgl. Lothar Bertels/Hans Gerd Nottenbohm „…außer: man tut es!“, Beiträge zu wirtschaftlichen und sozialen Alternativen, Germinal Verlag, Bochum 1984, S.14).

Es würde zu weit führen, wollte ich hier die Entwicklung dieser Konsumgenossenschaften bis hin zu den heutigen gemeinwirtschaftlichen Unternehmen der Gewerkschaften weiter verfolgen. (Empfehlenswert in diesem Zusammenhang sind die Ausgaben der Zeitschrift „Revier“ vom November 1983 und April 1984, in denen Uwe Höffkes und Bernd Fiegler die Probleme der proletarischen Genossenschaftsbewegung recht gut diskutieren).

Aus heutiger Sicht läßt sich zunächst feststellen, daß der Gedanke von der „grundlegenden Bedeutung positiver Beispiele“, von der Schaffung „selbständiger Basen für die revolutionäre Umgestaltung der ganzen Gesellschaft“ nicht erst mit Bahro und Schmierer entstanden ist, sondern daß dieser Gedanke selbst eine lange Geschichte hat, die sich nicht zuletzt in einer ganzen Reihe praktischer Versuche niederschlägt. Diese Versuche erscheinen durch die Geschichte als desavouiert, um mit Schmierer zu sprechen. Nicht zuletzt deshalb lenkte der Marxismus die Aufmerksamkeit auf den Klassenkampf und die Eroberung der politischen Macht. Das wiederum hatte nichts mit einer Leugnung der „grundlegenden Bedeutung positiver Beispiele“ zu tun. Wir sahen dies beim frühen revolutionären Marxismus und wir können dies auch – unter veränderten Vorzeichen – bei der Wiederbelebung des revolutionären Marxismus nach dem ersten Weltkrieg und in den späten 60er Jahren beobachten.

Die Experimente und positiven Beispiele, auf die Bezug genommen wurde, fanden nun auf gesamtstaatlicher Grundlage statt, nach der Eroberung der politischen Macht in einzelnen Ländern. Nach 1917 schaute die Welt auf die Sowjetunion. Die Sowjetunion sollte zur Basis eines weltweiten Emanzipationsprozesses werden. Die Parteien der Komintern ließen keine Gelegenheit ungenutzt, um das positive Beispiel der SU zu propagieren.

Ende der 60er Jahre richtete sich die Aufmerksamkeit auf das China der Kulturrevolution. Die entstehende junge Generation von Revolutionären erblickte darin – zumindest in großen Teilen – ein neues „Leuchtfeuer“ und „positives Beispiel“ des praktizierten Kommunismus. Heute sind alle „Leuchtfeuer“ erloschen. Es bestehen weder genossenschaftliche Musterbetriebe, kommunistische Mustergemeinden noch kommunistische Musterländle. Nur einige Unverbesserliche meinen heute noch die Relikte,

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das was aus diesen Mustergemeinschaften geworden ist, anpreisen zu können. Das vermag jedoch nicht darüber hinwegzutäuschen, daß alle bisherigen „Basen für den Emanzipationsprozeß“ durch die Geschichte gründlich bloßgestellt sind. Nicht der Klassenkampf und die Strategie der Eroberung der politischen Macht ist bloßgestellt, sondern der praktizierte Kommunismus. Daß sich dies nicht eben positiv auf die Entwicklung der Klassenkämpfe ausgewirkt hat, kann nicht verwundern. Die Bloßstellung des praktizierten Kommunismus hat es der bürgerlichen Klasse sehr erleichtert, den Antikommunismus zu einem „demokratischen Konsens“ zu machen.

Ein zentrales Problem, vor dem wir heute stehen, ist in der Tat der absolute Mangel an positiven Beispielen des praktizierten Kommunismus. Insoweit ist Leuten wie Bahro oder Schmierer zuzustimmen. Meiner Meinung nach kann es auch nicht angehen, daß wir hier in Westdeutschland darauf warten, daß in irgendeinem Land der Welt wieder ein „Leuchtfeuer“ des Kommunismus aufgeht. Wir benötigen positive Beispiele, die hier und jetzt stattfinden. Die jetzt sich breitmachende Krise der Kapitalakkumulation schafft in der Tat auch Raum dafür, indem sie die Not der Lohnabhängigen – wozu ich auch die (Lohn-) Arbeitslosen zähle – steigert und damit die Notwendigkeit anderer Formen von Produktion und Reproduktion schafft. Und zwar ganz unmittelbar. Daß in den letzten Jahren Alternativbetriebe entstanden sind, ist nicht bloß Ausdruck einer ideologischen Entwicklung eines Teils der Linken. Diese ideologische Entwicklung selbst ist nur zu verstehen vor dem Hintergrund des Klassenk(r)ampfes und der ökonomischen Entwicklung. Notwendigkeit kommt schließlich von Not wenden. Inwieweit aus dem Bedürfnis nach alternativer Produktion und Alternativbetrieben positive Beispiele des praktizierten Kommunismus werden können, oder ob die Projekte, die da sind, schon als solche Beispiele angesehen werden können, dazu komme ich später noch.

Nur sollten wir nicht irgendwelchen Luftschlössern nachjagen und Strategen wie Joscha Schmierer auf den Leim gehen, indem wir uns einbilden, aus den positiven Beispielen des praktizierten Kommunismus könnten selbständige Basen für die Umgestaltung der ganzen Gesellschaft werden. Im besten Falle können sie zeigen – im begrenzten Rahmen und für eine begrenzte Zeit – daß es anders gehen kann, als unter der Knute des Kapitals. Im schlechtesten Falle gelingt nicht einmal das, und der Altnativbetrieb verwandelt sich unter der Hand in einen kleinen kapitalistischen Musterbetrieb, der wohl einigen Menschen Lohn

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und Arbeit beschert, mehr aber auch nicht.

Statt an Joscha Schmierer, der darin geübt zu sein scheint, den Leuten ein X für ein U vorzumachen, sollten wir uns lieber am ollen Marx orientieren. Die verschiedenen Formen der kooperativen Arbeit würden dann als „eine der Triebkräfte zur Umwandlung der gegenwärtigen Gesellschaft“ betrachtet, „beschränkt auf die zwerghaften Formen, die einzelne Lohnsklaven durch ihre privaten Anstrengungen entwickeln“ können. Sie würden dann nicht zu „strategisch entscheidenden Basen“ erklärt, was sie nicht sind und nicht sein können. Entscheidend wäre der Klassenkampf, von dem letztlich auch die Perspektive genossenschaftlicher Experimente abhinge.

Die Experimente mit kommunistischen Gemeinwesen sind älter als die Arbeiterbewegung und älter als der Marxismus. Wir können diesen „Seiteneinstieg“ schon im Mittelalter parallel zu dem der Bourgeoisie beobachten. Die kommunistischen Gemeinschaften der mittelalterlichen Sekten, der Begharden, der Wiedertäufer, der Taboriten usw., sie alle blieben relativ bedeutungslos vor den großen Auseinandersetzungen der frühbürgerlichen Revolution, also vor den Bauernkriegen und der Reformation. Oft wurden sie geduldet als eminent fleißige Arbeitsgemeinschaften (beghardische Wollwebergenossenschaften in Holland). Hatten sie zu großen Zulauf, wirkte ihr positives Beispiel zu arg, so wurden diese äußerst friedliebenden Menschen blutig verfolgt und verjagt, was schließlich zu ihrer Verbreitung führte. Ihre Sternstunden hatten diese kommunistischen Sekten dort, wo der Klassenkampf hohe Wogen schlug, und die unterdrückten Klassen Erfolge hatten. Im Gegensatz zur aufkommenden Bourgeoisie hatten sie alle bisherige Ordnung in Frage gestellt und sich die Beseitigung aller Klassenunterdrückung zum Ziel gesetzt. Dies brachte ihnen die besondere Feindschaft der herrschenden Klassen überall dort ein, wo sie in Folge der allgemeinen Umstände und besonders des Klassenkampfes auf Verallgemeinerung ihrer Arbeits- und Lebensweise drängen konnten. Aus friedlichen kommunistischen Sektierern wurden so entschlossene Avantgarden im Klassenkampf. Karl Kautsky hat das in seinem Werk „Vorläufer des modernen Sozialismus“ sehr eindrucksvoll geschildert.

Auch diese Variante des „Seiteneinstiegs“ zum Kommunismus im Mittelalter ist gescheitert. Die besonderen Gründe, die schließlich den Untergang des Kommunismus im ausgehenden Mittelalter erklären, brauchen an dieser Stelle nicht diskutiert werden, weil Joscha Schmierers Strategievorschlag in seiner ganzen Oberflächlichkeit gar keine Reibungsfläche da-

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für bietet. Es dreht sich ausschließlich um die Frage des Verhältnisses vom Klassenkampf und von den bestehenden und zu verändernden allgemeinen gesellschaftlichen Bedingungen zu den Keimen einer neuen kommunistischen gesellschaftlichen Formation, die hier und jetzt geschaffen und zu selbständigen Basen ausgebaut werden sollen. In diesem Zusammenhang sind die Lehren der Geschichte eindeutig. Die gemachten Erfahrungen verheißen wenig Gutes, wenn wir auf den einigermaßen ausgelatschten Pfaden von Joscha Schmierer’s „Seiteneinstieg“ wandeln. Die Keime der kommunistischen Gesellschaftsordnung sind bisher allemal – und dies gilt besonders für das Zeitalter des Kapitalismus – an den allgemeinen gesellschaftlichen Bedingungen gescheitert. Die Rahmenbedingungen für den Aufbau kommunistischer Basen können nur durch den Klassenkampf geschaffen werden. Erst der Sturz der alten Macht schafft die Bedingungen – nicht die Garantie – dafür, daß die Keime des Kommunismus aufgehen und wachsen können.

Klassenkampf und Kapitalakkumulation

Joscha Schmierer hat nun schon so manches Semester darauf verwandt, den Klassenkampf zwischen Lohnarbeit und Kapital zu studieren. Jetzt läßt er uns wissen, nicht welchen Klassenkampf er selbst, sondern „wir“ alle gelernt haben.

„…Klassenkampf, d.h. streiken und gewerkschaftlich demonstrieren für mehr Lohn und weniger Arbeitszeit …“ (S. 41).

In Anbetracht dieses „gelernten“ Klassenkampfes kommt der Stratege Schmierer zu folgenden Feststellungen und Fragestellungen.

„Der Klassenkampf ist Motor der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft, er beschleunigt technische Revolutionen, und technische Revolutionen haben den Sinn, die Stellung der Arbeiterklasse gegenüber dem Kapital zu schwächen … Gelegentlich erschüttert der Klassenkampf die Gesellschaft bis in die Grundfesten, weil er die Sanierung des Kapitals erschwert. Nur: Wie soll aus diesem Klassengegensatz und Klassenkampf der Umschlag in eine revolutionäre Umgestaltung der ganzen Gesellschaft entspringen, da er die polare Abhängigkeit der beiden entgegengesetzten Klassen voraussetzt …? Wo sollen innerhalb dieses polaren Gegensatzes sich Inhaltspunkte finden oder entwickeln lassen für eine neue Formation?

Mit diesen Fragen hatte die revolutionäre Theorie schon immer größte Schwierigkeiten. Theoretisch sah Marx den Kampf um den Wert der Ware Arbeitskraft als Grundlage an, auf der sich der politische und revolutionäre Klassenkampf relativ spontan entwickelt. Aber wie soll sich aus dem Kampf um den Wert der

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Ware Arbeitskraft, der per definitionem und systematisch innerhalb des Kapitalismus verbleibt, die Revolution entwickeln, in deren Verlauf die ganze Gesellschaft umgestaltet werden soll?

Meiner Meinung nach hat Marx dieses Problem nicht gelöst und läßt es sich so auch nicht lösen.“ (S. 36).

Der Wahrheit die Ehre! So läßt sich das Problem in der Tat nicht lösen. Die ganze Sache hat nur einen Haken. Schmierer’s Grundannahmen über den Klassenkampf und die bürgerliche Gesellschaft sind Konstruktionen eines überhitzten Gehirns und haben mit der Wirklichkeit wenig gemein. Dabei ist er in seinen Schlußfolgerungen nicht einmal konsequent. Wenn der Klassenkampf wirklich bloß Motor der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft wäre, in dessen Resultat die Stellung der Arbeiterklasse gegenüber dem Kapital immer weiter geschwächt würde, dann sollte er ihn konsequenterweise als sinnlos ablehnen.

Schmierer kann die wirkliche, praktische Problemstellung nicht einmal genau benennen, weil er den Klassenkampf erst auf die angeblich von uns allen gelernten Formen zurechtstutzt, um dann seine Fragen zu stellen, auf die es keine Antworten gibt.

Schauen wir uns die Wirklichkeit des Kapitalismus an, so können wir feststellen, daß nicht nur der Klassenkampf Motor der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft ist, sondern daß umgekehrt die bürgerliche Gesellschaft, und in letzter Instanz die kapitalistische Ökonomik, Motor des Klassenkampfes ist. Die Qualität und die Entwicklungstendenz des Klassenkampfes zwischen Lohnarbeit und Kapital wird nicht zuletzt bestimmt durch die Qualität und den Reifegrad, den die Widersprüche der kapitalistischen Ökonomik erlangt haben. Bei beschleunigter Akkumulation des Kapitals, also unter Bedingungen, die wir in den vergangenen Jahrzehnten als normal kennengelernt haben, werden sicherlich in aller Regel keine anderen Kämpfe auf der Tagesordnung stehen, als die um mehr Lohn und kürzere Arbeitszeit. Doch die Entwicklung der kapitalistischen Ökonomie erschöpft sich nicht in dieser „Normalität“. Das gilt in gleichem Maße für den Klassenkampf. Über mehrere Zyklen hinweg führt die beschleunigte Akkumulation des Kapitals unvermeidlich zu Perioden anhaltender Überakkumulation mit ihren mittlerweile bekannten Folgen, wie Firmenstillegungen, Rationalisierungen und dem dadurch bedingten Anschwellen der industriellen Reservearmee. Der Klassenkampf entzündet sich nicht an eingebildeten, sondern an wirklichen Problemen. Er hört nicht auf, wenn diese Probleme nicht mehr mit mehr Lohn und kürzerer Arbeitszeit gelöst werden können.

In Joscha Schmierers‘ eingebildetem Klassenkampf erschwert ein bis aufs äußerste gesteigerter ökonomischer Kampf um mehr Lohn und

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weniger Arbeitszeit die Sanierung des Kapitals und erschüttert gelegentlich, sozusagen indirekt, mehr durch die Schärfe der Auseinandersetzung als durch die Ziele der Bewegung, die bürgerliche Gesellschaft bis in die Grundfesten. Im tatsächlichen Klassenkampf finden wir dagegen immer wieder die Entwicklung von „Keimen“ eines Klassenkampfes, der diese Grundfesten selbst in Frage stellt. Nach dem 78er Streik um die 35-Stundenwoche im Stahlbereich verabschiedete der Vertrauensleutekörper von Mannesmann eine Resolution, in der folgende unglaubliche Verletzung der Prinzipien des von Schmierer gelernten Klassenkampfes steht:

„Deshalb fragen wir danach, in welcher Zielperspektive unsere tägliche Auseinandersetzung eingebunden sein muß, wenn wir nicht noch ein Leben lang immer wieder aufs neue den Strategien der Kapitaleigner und ihren unmenschlichen Auswirkungen hinterherlaufen sollen … Müssen wir nicht wieder, wie schon eine Generation vor uns, die Frage stellen, wer produziert zu wessen Nutzen, und daraus den Schluß ziehen, daß wir die Diskussion über die Sozialisierung der großen Konzerne auf die Tagesordnung setzen? Müssen wir nicht über die uneingeschränkte Verfügung der Kapitaleigner, über den technischen Fortschritt, Investition, Produktion, ihr Tempo, ihre Richtung, Strategien und Forderungen entwickeln, die darauf abzielen, daß wir selbst Herr über die Produktion werden?“ (Die ZEIT, Nr. 9, 25.02.1979).

Ich selbst habe in den letzten Jahren zweimal in kapitalistischen Unternehmen gearbeitet, die Pleite gingen. Zuletzt bei der Flanschenfabrik Mönninghoff in Bochum. Als ich dort anfing, lief der Laden noch auf vollen Touren. Von einer klassenkämpferischen Belegschaft konnte weder in der einen noch in der anderen Form die Rede sein. Als die Pleite sich abzuzeichnen begann, setzte in der Belegschaft ein deutlicher Stimmungsumschwung ein, und die Diskussionen verliefen in anderen Bahnen, als bis dahin gehabt. Interessant war die Geschichte auch deshalb, weil die IGM just zu derselben Zeit zu einem jener von Joscha Schmierer gelernten Klassenk(r)ämpfe ansetzte, dem K(r)ampf um die 35-Stundenwoche bei vollem Lohnausgleich mit dem Ziel des Erhalts und der Schaffung von Lohnarbeitsplätzen. Die IGM betrieb also genau jene systemimmanente Variante des „Klassenkampfes“, die die Grundlagen der kapitalistischen Produktionsweise unangetastet ließ. Für die Belegschaft war klar, daß ihr die 35-Stundenwoche bei vollem Lohnausgleich kaum helfen konnte. Im Mittelpunkt stand daher die Frage, wie die Produktion weitergeführt werden könnte, um die daran geknüpfte lohnabhängige Existenz zu sichern. Natürlich war dies noch keine Infragestellung von Grundlagen der kapitalistischen Produktionsweise. Die daraus sich ergebenden Diskussionen allerdings warfen zumindestens eine der

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wesentlichen Fragen der kapitalistischen Produktionsweise auf, nämlich die nach der Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel. Innerhalb dieser Diskussion wurden die Bahnen des von Joscha Schmierer gelernten Klassenkampfes mehr oder weniger verlassen. Mit Hilfe des vorherrschenden sozialdemokratischen Gedankengutes wurde dem Verlauf der Diskussion Grenzen gesetzt. Die Frage nach der Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel bekam eine systemimmanente Antwort. Die spontane Logik der Entwicklung wurde bewußt gebrochen. Es wurde nicht zugespitzt, sondern versöhnt. Die Betriebsbesetzung wurde nicht zu einem Angriff auf das Privateigentum erklärt, sondern zu einer Notwehrmaßnahme zur Verteidigung von Lohnarbeitsplätzen. Das ersonnene „Belegschaftsmodell“ zur Weiterführung des Unternehmens stellte eine vollständig reformistische Variante zur „Lösung“ der Eigentumsfrage dar. So wurde aus einer möglichen Schule des Klassenkampfes für weitergehende Ziele ein Stück Erziehung zu neuen Formen der Sozialpartnerschaft.

Ich will damit keineswegs sagen, bei Mönninghoff hätte die Revolution ausgerufen werden sollen. Man kann aber in solchen Konflikten, wie bei Mönninghoff und anderen Betrieben sehen, daß die „polare Abhängigkeit“ durchaus anders verläuft, als Joscha Schmierer es gelernt hat. Wer sie aus weniger großer Distanz betrachtet als Joscha Schmierer, wird durchaus die „Anhaltspunkte für eine neue Formation“ finden, nach denen er so vergeblich sucht. Bei Schmierer dreht sich die polare Abhängigkeit von Lohnarbeit und Kapital im Kreis und reproduziert sich ständig selbst. Was er nicht in Rechnung stellt, ist die Zusammenbruchstendenz der Kapitalakkumulation, die eben nicht nur im Tief des Konjunkturzyklus zum Ausdruck kommt, sondern zu längeren Phasen stagnierender Kapitalakkumulation in Folge ungenügender Verwertung führt.

Die Zeit der „Großen Depression“ in den 30er Jahren ist dafür ein Beispiel, und es gibt mehr als einen Grund zu der Annahme, daß wir bereits drinstecken in einer solchen Phase stagnierender Kapitalakkumulation.

Sicherlich bleibt die Arbeiterklasse auch dann lohnabhängig, wenn sie auf den Posten einer Reserve gestellt wird, und sei es auch zu 40, 50 und mehr Prozent. Von der objektiven Situation her werden dann jedoch andere Fragen in den Mittelpunkt gestellt, als die des „Kampfes um den Wert der Ware Arbeitskraft“. Es ist nicht richtig, daß Marx angenommen habe, der politische und revolutionäre Klassenkampf

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entwickle sich „relativ spontan“ auf der Grundlage der Verteidigung des Werts der Ware Arbeitskraft. Die revolutionäre Perspektiven ergeben sich bei Marx im Zusammenhang mit der Entwicklungdynamik der Kapitalakkumulation und eben jenen Zusammenbruchstendenzen, die er im Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate zusammengefaßt hat. Die revolutionäre Perspektive des Klassenkampfes ergibt sich relativ spontan, wo das Kapital die Existenz der Lohnarbeiterklasse nicht einmal mehr in den Grenzen der Lohnsklaverei sicherstellen kann. Bei anhaltend beschleunigter Akkumulation kann der Klassenkampf spontan sich in der Tat nur um mehr Lohn und kürzere Arbeitszeit drehen. Dieser Teufelskreis wird aber durch den Fortgang der Kapitalakkumulation selbst durchbrochen.

Joscha Schmierers immer wiederkehrende Beschwörungsformeln über die marxistische Kritik der politischen Ökonomie als „schärfste und tiefste Enthüllung der Widersprüche und Entwicklungstendenzen der bürgerlichen Gesellschaft“ werden von mal zu mal durchsichtiger und nichtssagender. Seine Ausführungen im „Seiteneinstiegsartikel“ offenbaren gerade sein Unverständnis für die Entwicklungstendenzen, die er lediglich als permanente Reproduktion des Kapitalverhältnisses (der Widersprüche) begreift. Die marxistische Theorie ist dabei nicht stehengeblieben. Die Leugnung der Zusammenbruchstendenzen der Kapitalakkumulation war bisher das Vorrecht aller Reformisten. Auf diesen wackeligen theoretischen Boden begibt sich nun auch Joscha Schmierer und macht ihn fruchtbar für die Strategie des Seiteneinstiegs.

Mir scheint im übrigen, daß Joscha Schmierer die reale Entwicklung der Arbeiterbewegung noch immer durch die Brille der ml Bewegung oder des KBW betrachtet. Es fällt da so einiges hintenrunter, was nicht ins Konzept paßt. Zu denken wäre dabei z.B. an die Massenstreikbewegung in Norditalien von 1920, die kaum ins Konzept des gelernten Klassenkampfes à la Schmierer passen dürfte.

„Trotz eines wesentlichen Anstiegs der Reallöhne von 1918 bis 1920 befand sich die italienische Arbeiterklasse in ständiger Unruhe … Im späten Juni und Juli 1919 überschwemmten Unruhen wegen der hohen Lebenshaltungskosten das ganze Land, wobei die Massen hunderte Läden in dutzenden von Städten plünderten und die Eigentümer die Schlüssel ihrer Lagerhäuser den Gewerkschaften aushändigten, damit diese die Waren verteilen konnten …

In Turin brach im April (1920) ein Generalstreik um die Rechte der Gewerkschaften aus. Die Arbeiter hatten in verschiedenen Teilen Italiens Fabriken besetzt und in einigen Fällen auch geleitet, ohne daß dies bereits zu einer koordinierten Bewegung geworden wäre.

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Aus den Massenstreiks heraus entwickelten die Arbeiter insbesondere in der Autostadt Turin die Entschlossenheit, die Produktion selbst zu übernehmen …

Im August 1920 wurden die Lohnforderungen der Gewerkschaft der Metallarbeiter abgelehnt. Die Gewerkschaften hatten kein Geld und waren nicht bereit, einen längeren Streik zu riskieren; sie forderten daher zu einer Aktion ‚Arbeit nach Vorschrift‘ auf. Die Unternehmer antworteten mit Aussperrungen, und die Gewerkschaft forderte am 01. September zu Fabrikbesetzungen auf, um ihnen zuvorzukommen. Die Arbeiter besetzten hunderte von Betrieben in Mailand und anderen Städten Italiens, einschließlich der meisten Betriebe der italienischen Schwerindustrie. In Turin, dem Schwerpunkt der Bewegung, übernahmen die (seit 1919 gebildeten) Fabrikräte die Betriebsleitung und begannen mit der Produktion unter eigener Verwaltung, während sie den Betrieb gegen Angriffe schützten.“ Jeremy Brecher, „Streiks und Arbeiterrevolten“, Fischer Taschenbücher 1975, S. 250ff).

Nach Joscha Schmierer sind solche Formen der Massenstreikbewegung undenkbar unter den Voraussetzungen eines voll entwickelten Kapitalismus, dessen Kern er als Industrialismus beschreibt und der in der reellen Unterwerfung der Arbeit unter das Kapital gipfelt. Bei Schmierer sind die Arbeiter nur revolutionär, „wenn die ganze Situation revolutionär ist und auf eine Umwälzung hindrängt“. Das ist richtig und falsch zugleich. Falsch insoweit, als er unterstellt, die Arbeiterklasse konnte nur so lange revolutionär sein, wie es sich um die Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise gehandelt hat und der Gegensatz von Lohnarbeit und Kapital noch nicht ausgetragen wurde vor dem Hintergrund des „entwickelten Kapitalismus auf eigener Grundlage“. So spricht er auch von den revolutionären „Volksmassen“, die sich im 19. Jhd. gegen die Durchsetzung des Kapitalismus wandten. Mit Blick auf das Rußland des 20. Jhd. wird der Widerspruch zwischen „russischer Gesellschaft und Zarismus“ betont, der die Situation revolutionär werden ließ. Das entwickelte Kapitalverhältnis selbst reproduziert sich bloß ständig selbst, wozu die Klassenkämpfe beitragen. Interessant sind in diesem Zusammenhang Schmierers Hinweise auf die Ausführungen von Marx im Kapital, Bd.1, über „Maschinerie und große Industrie“. Er betont, daß es sich hier um Gebrauchswerte handelt, „in denen sich das Kapital als sich selbstverwertender Wert immer angemessener und vollkommener sachlich verkörpert.“

Was Schmierer nicht sieht, ist die „Unangemessenheit und Unvollkommenheit“, die sich aus dieser Verkörperung für die Verwertung des Wertes ergibt. Was er nicht sieht ist, daß das Kapital damit nicht nur den Arbeiter und die Natur als Quelle des Reichtums untergräbt, sondern zugleich die Bedingungen seiner eigenen Verwertung.

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„In dem Maße aber, wie die große Industrie sich entwickelt, wird die Schöpfung des wirklichen Reichtums abhängig weniger von der Arbeitszeit und dem Quantum angewandter Arbeit, als von der Macht der Agentien, die während der Arbeitszeit in Bewegung gesetzt werden… Sobald die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die große Quelle des Reichtums zu sein, hört und muß aufhören, die Arbeitszeit sein Maß zu sein und daher der Tauschwert das Maß des Gebrauchswertes… Damit bricht die auf dem Tauschwert beruhende Produktion zusammen, …(Grundrisse, S. 592,593).

Bei Schmierer entwickelt sich der Widerspruch zwischen Gebrauchswert und Tauschwert in der Gestalt des industriellen Kapitals zu immer größerer Harmonie. Bei Marx wird der Widerspruch immer schroffer, je mehr das Kapital die ihm gemäße Gestalt entwickelt. Die durch den entwickelten Kapitalismus erzeugte revolutionäre Krise steht erst noch bevor. Was wir bis jetzt erlebt haben, waren gewissermaßen Vorgeplänkel. Gerade in der Form der jetzt immer stärker zur Anwendung gelangenden Automationstechnologien entwickelt das Kapital jene Gebrauchswerte für die Mehrwertproduktion, die die Möglichkeiten einer weiteren profitablen Verwertung bei ihrer Verallgemeinerung in einem Maße beschneiden, wie das bisher nicht der Fall war. Es werden für den Fortgang der Verwertung des Wertes in dieser Gestalt von „produktiven“ Gebrauchswerten Schranken errichtet, wie sie größer noch nie waren.

Joscha Schmierer hat recht, wenn er behauptet, die Arbeiterklasse sei nur dann revolutionär, „wenn die ganze Situation revolutionär ist“. Was er nicht sieht, oder nicht sehen will, sind jene Entwicklungstendenzen des auf seinen eigenen Grundlagen sich entwickelnden Kapitalismus, die notwendigerweise die revolutionäre Situation heraufbeschwören.

Doch ganz ohne Zusammenbruchstendenz des Kapitalismus kommt auch die Strategie des Seiteneinstiegs nicht aus:

„Ganz allgemein können die Chancen nicht im Funktionieren, sondern nur in den Verfallstendenzen des kapitalistischen Industrialismus liegen.“

Woher diese Verfallstendenzen plötzlich kommen, wo alles doch so vortrefflich besorgt ist, das Kapital als sich selbstverwertender Wert eine immer angemessenere und vollkommenere Gestalt im Maschinensystem der großen Industrie erhält, und der Klassenkampf lediglich ein Motor dieser Entwicklung ist, das verrät uns Joscha Schmierer nicht. Wie sagt unser Stratege doch so richtig:

„Es hat keinen Sinn, sich was im Kopfe auszudenken, statt zu Schauen, ob was sich, wenn auch nur rudimentär, abzeichnet.“

Hätte er sich bloß daran gehalten. Doch was sich heute „rudimentär“

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in der Entwicklung des Klassengegensatzes und des Klassenkampfes abzeichnet, das wird nicht wahrgenommen oder zugekleistert, insoweit hier nicht systemreproduzierende sondern systemsprengende Kräfte am Wirken sind. Da denkt sich unser Autor schon lieber was im Kopf aus über die Vollkommenheit des Kapitalismus mitsamt seinen Widersprüchen.

Joscha Schmierers Abschied vom Proletariat ist verschämt und halbherzig. Ein Abschied ist und bleibt es aber trotzdem. Eine wirkliche Alternative zum Klassenkampf kann er uns nicht aufzeigen.

Die selbstverwalteten Betriebe und die Verwertung des Wertes

Joscha Schmierers Strategie der Schaffung selbständiger Basen eines wirklichen Emanzipationsprozesses erinnert mich ein wenig an die Strategie der befreiten Gebiete etwa in der chinesischen Revolution. Allerdings entstanden die befreiten Gebiete als Ergebnis von Klassenkämpfen, im besonderen als Ergebnis von militärischen Erfolgen und der Eroberung von politischer Macht in Teilen Chinas. Es liegt mir fern, die Strategie zur Schaffung selbständiger Basen durch den Vorschlag zur Schaffung von bewaffneten Formationen (Volksarmee) zu ergänzen, etwa in der Annahme, das ganze würde dadurch praktikabler. Daß Revolution, die beim alten KBW zunächst einmal bloß politische Machteroberung war, durch Zerbrechen der Staatsmaschinerie, bei Joscha Schmierer sich nun aber ganz auf gesellschaftliche, soziale Evolution reduziert, fällt schon auf. Selbst die Zerbrechung der Staatsmaschinerie, die nach wie vor als notwendig erachtet wird, geschieht allmählich, durch fortwährenden Umbau, bzw. „Auflösung“. Die revolutionäre Umgestaltung besteht für Joscha Schmierer „nicht aus frontalem Zusammenstoß, zentraler Machtübernahme und zentralen Maßnahmen (…), sondern nur in einem Auflösungsprozeß der Zentralstruktur und in einem Prozeß der Herstellung komplexer kleinerer Einheiten, die sich in Autonomie zusammenschließen“. Es ist und bleibt das klassische undialektische Denken von „Entweder-Oder“. Daß die wirkliche gesellschaftliche Entwicklung beides einschließt, den frontalen Zusammenstoß etc., wie auch den allmählichen Auflösungs- und Umbauprozeß, das kommt gar nicht erst in den Sinn. Die wirkliche Frage ist nicht die des „Entweder-Oder“, sondern die Frage nach der konkreten Wechselwirkung zwischen beiden Seiten der revolutionären Umgestaltung. Unabhängig von dieser Wechselwirkung kann es keine

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selbständigen Basen des Emanzipationsprozesses geben, schon gar nicht im Bereich der Okonomie. Gerade hier aber hat Schmierer etwas entdeckt:

„In winzigen Ansätzen hat sich eine Art Neben- und Gegengesellschaft gebildet, die in ihren Projekten Formen der Selbstverwaltung entwickelt. Diese Projekte haben von ihren inneren Verhältnissen her, auch dort, wo sie auf den Markt treten, nicht die Selbstverwertung des Wertes zum Zweck, sondern Versorgung anderer mit Gebrauchswerten und Diensten und Selbstversorgung. Die diversen Projekte sind Bestandteil einer, vor allem städtischen Szene, die sich in verschiedenem Umfang und Grad theoretisch und teils eben auch praktisch den herrschenden Reproduktionsverhältnissen entzogen hat oder zu entziehen sucht.“

Ich will nicht leugnen, daß diese Projekte praktisch den Versuch unternehmen, sich den herrschenden Reproduktionsverhältnissen zu entziehen. Schon gar nicht will ich leugnen, daß sie sich theoretisch diesen Verhältnissen entzogen haben. Daß der theoretische Entzug hier besonders vermerkt ist, spricht schon Bände darüber, wie weit es mit diesem Entzug her ist. Begründeten sich die selbständigen Basen auf theoretischem Entzug von den herrschenden Reproduktionsverhältnissen, so gäbe es für ihre Ausdehnung keine anderen Grenzen, als die der Überzeugungskraft. Interessant ist aber einzig und allein, wie weit der praktische Entzug schon gegangen ist und noch gehen kann, wo ganz praktisch gesehen die Grenzen liegen.

Der Bericht über das Wintertagetreffen der selbstverwalteten Betriebe in der TAZ vom 28.01.1985 gibt eine Menge Hinweise auf Ausmaß und Grenzen des Entzugs. Immer deutlicher zeigen die Anpassungs- und Auflösungsmechanismen ihre unübersehbaren Folgen in der sogenannten Alternativökonomie, die bei Lichte betrachtet nichts anderes ist, als Warenproduktion auf kleiner Stufenleiter. Die Alternativbetriebe haben exakt die Schwierigkeiten der sonstigen, von Verdrängung bedrohten kleinen Warenproduzenten. Teilweise werden diese Schwierigkeiten mit Hilfe der „Ideologie der Befreiung“ gemeistert. Manchmal aber steht gerade diese Ideologie einer pragmatischen Bewältigung der Schwierigkeiten im Wege. In der Praxis jedenfalls ist eine andere Entwicklungslogik auszumachen, als die einer zunehmenden Loslösung von herrschenden Reproduktionsverhältnissen. Gerd Nowakowski schreibt in der bereits angesprochenen TAZ-Ausgabe:

„Daß die Kollektivbewegung in die Jahre gekommen ist, merkt man auch an dem Drang bisher tabuisierte Fragen zu stellen. Besonders bei jenen, die seit langen Jahren der Utopie nachhetzen, sind seit einem Jahr neue Töne aufgetaucht. Zumindest in den größeren und seit Jahren existierenden Betrieben bestimmen die ‚Marktwirtschaftler‘ die Diskussion, sind Professionalisierung und Effektivität vom Reizwort zur Betriebsmaxime geworden. Wer

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lange dabei ist und Kollektivarbeit als Lebensperspektive sieht, ist nicht länger bereit, sich mit den Werbeparolen von fehlender Hierarchie und selbstbestimmter Arbeit zufrieden zu geben …

Er sei es Leid gewesen, immer nur die Hälfte wie im ’normalen‘ Betrieb zu verdienen, dafür doppelt so lange zu arbeiten und den Betrieb nie aus dem Kopf zu bekommen, umriß ein Aussteiger bündig seine Motive.

Die lockere Arbeitsatmosphäre mit ungezwungener Kaffeepause und oftmaligen Plenas hat abgedankt, jetzt sehnen sich viele nach einem abgegrenzten Arbeitsfeld und Arbeitstag, um endlich wieder anderen Dingen nachgehen zu können – auch politischen Aktivitäten. Effektivere Strukturen und Spezialisierung sind gefordert, Rotation ist längst auf der Strecke geblieben.“

Brigitte Fehrle überschreibt ihren Teil des Berichtes über das Wintertage-Treffen bezeichnenderweise: „Mit der Logik des Marktes gegen den Markt“. Darin wird deutlich, worin zentrale Schwächen gesehen werden und worin die Perspektive erblickt wird. Die Schwächen werden umrissen als „mangelnde betriebswirtschaftliche Planung, Unkenntnis in der Anschaffung neuer Technologien, fehlende Kostenrechnung im Betrieb, die Scheu, sich mit den Anforderungen des Marktes auseinanderzusetzen und sich darauf einzustellen.“

Die Chance sieht man im überregionalen Zusammenschluß, und zwar nicht mehr nur der selbstverwalteten Betriebe, sondern auch mit ’normalen‘ Handwerks- und Kleinbetrieben, „die ja letztlich dieselben Probleme wie die kollektiven Handwerksbetriebe haben.“ Wie wahr! Schließlich und endlich ginge es um den gemeinsamen Kampf gegen die industrielle Massenfertigung!

Nicht mehr das Privateigentum an Produktionsmitteln wird hier auf’s Korn genommen, sondern die industrielle Massenfertigung. Kleinunternehmer aller Länder vereinigt Euch! Der utopische Kommunismus bleibt in den selbstverwalteten Betrieben mehr und mehr auf der Strecke. Das ist kein Grund zum triumphieren, aber es war und bleibt voraussehbar. Die praktizierte Gütergemeinschaft des Kommunismus und die Gebrauchswertökonomie müssen im allgemeinen Milieu der Warenproduktion eine Illusion bleiben. Wenn Joscha Schmierer meint, die Verwertung des Wertes sei nicht Zweck der selbstverwalteten Betriebe, so ist das eben nur richtig, insoweit hier unter Zweck die subjektiven Ziele der Alternativen verstanden werden. Mit diesen subjektiven Zielen ist es aber nicht getan, sie mögen auch bei einzelnen Kapitalisten wohlmeinend sein. Den Kollektivbetrieben werden Zwecke diktiert, die nichts mit ihren subjektiven Zielsetzungen zu tun haben. Sie ergeben sich aus den vorgefundenen und nicht so einfach zu beseitigenden Bedingungen der verallgemeinerten Warenproduktion im Kapitalismus. Wie entwickelt

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auch die innerbetriebliche Demokratie, der Kollektivismus in einem selbstverwalteten Betrieb sein mag, der Betrieb selber ist doch nichts anderes, als ein „individueller Warenproduzent“. Die Arbeit hier erscheint als unmittelbar vergesellschaftete Arbeit, ist aber gegenüber der Gesamtgesellschaftlichen Arbeit doch bloß Privatarbeit.

Die stofflichen Gebrauchswerte (Rohstoffe, Werkzeuge, Maschinen) der selbstverwalteten Betriebe können im allgemeinen nur über den Markt bezogen werden. Es handelt sich um Waren, die in die alternative Produktion eingehen (Die Frage der menschlichen Arbeitskraft will ich hier nicht diskutieren). Um in den Besitz der materiellen Voraussetzungen für die Produktion zu gelangen, muß Geld somit vorgeschossen werden. Der Wirtschaftskreislauf der Alternativbetriebe verläuft nach dem allgemeinen Grundmuster von Geld-Ware-Geld. Von Geld am Ende, also von mehr Geld, will ich hier erstmal gar nicht sprechen. Aus diesen Grundvoraussetzungen, auch der alternativen Produktion, ergibt sich aber schon, daß unabhängig von subjektiven Zielen der Produzenten der Tauschwert am Anfang und Ende des Kreislaufs steht. In der produktiven Konsumtion der Gebrauchswerte, die dazwischenliegt, handelt es sich also um Erhaltung und vielleicht auch Vermehrung des vorgeschossenen Tauschwertes. Nur wenn am Ende der gleiche oder größere Tauschwert realisiert wird, kann die Produktion auf gleicher oder größerer Stufenleiter fortgesetzt werden. Es mag tausendmal die Versorgung anderer mit Gebrauchswerten das subjektive Ziel der Produktion sein, unter den gegebenen Bedingungen klappt das nur, wenn der vorgeschossene Tauschwert erhalten, bzw. vergrößert wird. Unter der Voraussetzung verallgemeinerter Warenproduktion, von der man sich nicht vollständig abkoppeln kann, gibt es keine Alternative zur Verwertung des Wertes. Der Tauschwert regiert über den Gebrauchswert. Der Tauschwert einerseits, bzw. die Verwertung des Wertes hängt ab von den Gebrauchswerten, die in die Produktion eingehen, letztlich vom Gebrauchswert der Arbeit. Als Warenproduzenten müssen die Alternativbetriebe danach trachten, den Gebrauchswert der Arbeit zu erhöhen (gegen Schlamperei etc., für effektive Arbeitsorganisation, Einsatz von Maschinen, neuer Technologie vor allem). Dieses Muß wird ihnen über den Markt vermittelt, wo sich die Frage stellt, in welchen Mengenverhältnissen die Produkte ihrer Arbeit mit den Produkten von anderer Leute Arbeit getauscht werden. Über den Austausch von Waren auf dem Markt, ohne den die Alternativbetriebe nicht leben können, wird ihre besondere selbstbestimmte, kollektive Arbeit, mit der Arbeit verglichen, die in anderen Waren

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steckt. Die so selbstbestimmte, freie Arbeit wird dabei fatalerweise über einen Leisten gezogen mit der fremdbestimmten, unfreien Arbeit, weil beim Tausch nur nach dem Quantum gesellschaftlicher Arbeit gefragt wird, das zur Herstellung der Waren nötig war. Der Tauschwert ist gleichgültig gegenüber dem besonderen Charakter der verschiedenen Arbeiten. Selbstbestimmung und anderes „Brimborium“ ist nicht gefragt. Über den Austausch auf dem Markt übt die produktivere Arbeit ihr unerbittliches Diktat über die unproduktivere Arbeit aus, gleichgültig, wie befriedigend diese unproduktivere Arbeit für die Produzenten gewesen sein mag. Über den Austausch auf dem Markt erhalten die Alternativbetriebe einen Wink mit dem Zaunpfahl. Sie haben, am gesellschaftlichen Durchschnitt gemessen, zuviel menschliche Arbeit in ihre Produkte gesteckt, wofür sie nun die Quittung, d.h. keinen Gegenwert erhalten. Die Welt steht auf dem Kopf! Die scheinbar vergesellschaftete Arbeit erweist sich als Privatarbeit gegenüber der gesamten gesellschaftlichen Arbeit. Der Markt zeigt den selbstverwalteten Betrieben, daß ihre unmittelbare Vergesellschaftung der Arbeit bloß ein Schein war.

In den selbstverwalteten Betrieben haben sich die Produzenten der unmittelbaren Ausbeutung durch das ihnen fremd gegenüber stehende Kapital entzogen. Trotzdem tragen auch sie ungewollt zur Kapitalakkumulation bei und schaffen Reichtum bei anderen. Ich sprach davon, daß Waren, die überdurchschnittlich viel Arbeit enthalten – wie das unbestreitbar in Alternativbetrieben der Fall ist – nicht den entsprechenden Gegenwert im Austausch erhalten. Es muß hier hinzugefügt werden, daß Waren, die mit überdurchschnittlicher Arbeitsproduktivität erzeugt werden, in denen also weniger als die durchschnittlich benötigte Arbeitsmenge steckt, im Austausch durchaus den Gegenwert beanspruchen können, der der durchschnittlich benötigten Arbeitszeit entspricht. Die produktiver arbeitenden Unternehmen erhalten also über den Tausch einen größeren Gegenwert erstattet, als ihnen eigentlich zusteht. Auf diese Art und Weise kommt es zu einer Umverteilung des produzierten Reichtums unter den verschiedenen Warenproduzenten, zugunsten der produktivsten Produzenten. Insofern die Alternativbetriebe in die allgemeine Warenproduktion eingebunden sind, sind sie also auch Teil des Akkumulationsprozesses des gesellschaftlichen Gesamtkapitals.

In der ökonomischen Realität ist es nicht gar so weit her mit der „Neben- und Gegengesellschaft“ der selbstverwalteten Betriebe. Der Versuch, sich den herrschenden Reproduktionsverhältnissen zu entziehen, muß meistens schon in Ansätzen stecken bleiben. Die Grenzen

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werden durch die allgemeinen Bedingungen der Warenproduktion gesteckt und können erst mit ihr fallen.

Ich bin bei allen diesen Bedenken und Einwänden kein prinzipieller Gegner von selbstverwalteten Betrieben, sondern richte meine Kritik gegen die damit verbundenen Illusionen. Solche Betriebe können größte Not lindern und gute Experimente auf Zeit sein. Der Versuch allerdings, sie zu selbständigen Basen für eine grundlegende Gesellschaftsveränderung auszubauen, muß scheitern. Der kontinuierliche Ausbau dieser Einrichtungen muß unvermeidlich zum Umbau zu stinknormalen kapitalistischen Unternehmen führen, weil sie sich eben dazu ökonomisch behaupten müssen in der kapitalistischen Warenproduktion. Als Experimente auf Zeit, im Zusammenhang mit einer starken politischen und sozialen Bewegung, können sie exemplarisch verdeutlichen, was Kommunismus heißt. Wenn auch in eingeschränkter Form. Dann aber muß der „Logik des Marktes“ widerstanden werden, was eben über kurz oder lang zu ihrem Ruin führt. Das Ziel, sich im Markt zu behaupten, dürfte niemals oberste Maxime sein. Sie muß oberste Maxime sein, wenn diese Betriebe zu Basen werden sollen, deren Existenz gesichert ist. Kommunismus und Marktwirtschaft lassen sich nicht versöhnen. Man muß sich über kurz oder lang für das eine oder andere entscheiden. Der Ausstieg im Rahmen der Marktwirtschaft ist unmöglich.

Mit seiner religiösen Version des Ausstiegs ist Bahro sicher der reaktionärste, aber auch realistischste Propagandist der Alternative hier und jetzt. In der Tat haben in der Vergangenheit eigentlich nur die religiösen Sektierer sich einigermaßen behaupten können. Bei ihnen war der Kommunismus ebenso Beiwerk, wie bei Bahro. Im Mittelpunkt stand dabei stets die Praktizierung der Glaubensgemeinschaft, selbst um den Preis des größten Verzichts. (Kein Wunder, daß Bahro von Baghwan so angetan ist. Geschäftstüchtigkeit kann man diesen Leuten sicher nicht absprechen. Eine wirklich reizende Alternati ve ist das!). Die religiösen Sektierer, etwa in den USA des letzten Jahrhunderts, waren nicht nur vorbildliche Asketen, sondern auch vorbildliche Arbeits“tiere“. Es handelte sich überwiegend um Bauern, die beides gelernt hatten, den Verzicht und die Arbeit. So brachten sie es zum Teil zu erheblichem Wohlstand, scheuten dann allerdings auch nicht vor der Ausbeutungfremder Lohnarbeit zurück. Gott bewahre!

Die utopischen Kommunisten (Fourieristen, Owenisten, Ikaristen) sind alle samt gescheitert, gerade weil sie Kommunismus und nicht Glaubensgemeinschaft wollten.