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Krise des Marxismus

Zur „neuen“ Marx-Rezeption der „alten akademischen Linken“

[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe]

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Udo Winkel

I.

Die sogenannte „Krise des Marxismus“ und seine Verwandlung in eine positive, mit der bürgerlichen konkurrierende, sich mit ihr austauschende und ihre Prämissen und Theoreme übernehmende Wissenschaft, die heute allenthalben im vormaligen akademischen Marxismus sichtbar wird, ist kein auf die „Postmoderne“ beschränktes Phänomen. Der „gesunde Menschenverstand“ des bürgerlichen Bewußtseins, als eben das „richtige Bewußtsein“ einer „falschen Realität“, affiziert immer wieder – unter bestimmten Bedingungen – auch marxistisches oder vorgeblich marxistisches Denken.

So zeigt schon Karl Korsch 1923 in seinem Versuch die Etappen der Entwicklung der marxistischen Theorie zu bestimmen, die qualitative Veränderung des „Marxismus der 2. Internationale“ gegenüber Marx und Engels auf:

„Aus der materialistischen Geschichtsauffassung, die bei Marx und Engels wesentlich materialistische Dialektik gewesen war, wird bei ihren Epigonen schließlich etwas wesentlich undialektisches: Bei der einen Richtung verwandelt sie sich in eine Art heuristisches Prinzip für die wissenschaftliche Einzelforschung; bei der anderen gerinnt das flüssige methodische Prinzip der materialistischen Dialektik Marxens zu einer Anzahl theoretischer Sätze über den kausalen Zusammenhang der geschichtlichen Erscheinungen auf den verschiedenen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens, d.h. also zu etwas, was man am richtigsten als eine allgemeine systematische Soziologie bezeichnen würde. Die einen behandeln also das materialistische Prinzip Marxens als einen ’subjektiven Grundsatz bloß für die reflektierende Urteilskraft‘ im Sinne Kants, während die anderen die Lehren der marxistischen ‚Soziologie‘ als ein je nachdem mehr ökonomistisches oder mehr geographisch-biologisches System dogmatisch hinnehmen. Alle diese und noch eine Reihe anderer, weniger eingreifender Deformationen, die der Marxismus in der zweiten Periode seiner Entwicklung in den Händen der Epigonen erlitten hat, können wir charakterisieren mit dem einen, alles zusammenfassenden Satz: ‚Die einheitliche Gesamttheorie der sozialen Revolution ist umgewandelt in eine wissenschaftliche Kritik der bürgerlichen Wirtschaftsordnung und des bürgerlichen Staates, des bürgerlichen Erziehungswesens, der bürgerlichen Religion, Kunst, Wissenschaft und sonstigen Kultur, die nicht mehr nach ihrem ganzen Wesen notwendig verläuft in einer revolutionären Praxis, sondern ebensogut verlaufen kann und tatsächlich

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in ihrer wirklichen Praxis meist verläuft in allerhand Reformbestrebungen, die grundsätzlich den Boden der bürgerlichen Gesellschaft und ihres Staates nicht überschreiten.'“ (Korsch, Karl, Marxismus und Philosophie, Ffm. 1966, S.102-104).

Geistesgeschichtlich erscheint der Bernsteinsche Revisionismus als Antwort auf das Scheitern des verdinglichten Vulgärmarxismus der alten Kautskyschen „Marxorthodoxie“. Der neue kapitalistische Aufschwung nach der langen Phase der „Großen Depression“ (1873-95) ließ den Glauben an eine „naturnotwendige Entwicklung“ zum Sozialismus obsolet werden. In dieser Situation einer „Krise des orthodoxen Marxismus“ erfolgte eine Ergänzung und Revision der Marxschen Theorie durch Übernahme des bürgerlichen Verständnisses von Wissenschaft, während ihrerseits bürgerliche Wissenschaftler den „Marxismus“ durch die Bernsteinsche revisionistische Brille rezipierten. Gegen „die Fallstricke der hegelianisch-dialektischen Methode“ fordert Bernstein,

„daß der Sozialdemokratie ein Kant nottut, der einmal mit der überkommenen Lehrmeinung mit voller Schärfe kritisch-sichtend ins Gericht geht, der aufzeigt, wo ihr scheinbarer Materialismus die höchste und darum am leichtesten irreführende Ideologie ist, daß die Verachtung des Ideals, die Erhebung der materiellen Faktoren zu den omnipotenten Mächten der Entwicklung Selbsttäuschung ist, die von denen, die sie verkünden, durch die Tat bei jeder Gelegenheit selbst als solche aufgedeckt ward und wird.“ (Bernstein, Eduard, die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie, Reinbek 1969, S.217).

So wird die Dialektik Hegels durch den kantigen Dualismus von theoretischer und praktischer Vernunft ersetzt. Die Realität der Arbeiterbewegung spaltet sich auf in die ethisch begründeten und eben wissenschaftlich nicht begründbaren sittlichen Ideale des Sozialismus und den durch das positivistische Trial and Error (Versuch und Irrtum) – Verfahren bestimmten praktischen Reformismus. Von Marx soll das übrigbleiben, was für eine positive Tatsachenforschung fruchtbar sei.

Hier knüpft nun die zeitgenössische bürgerliche Soziologie an. Man kann hier von einem „bürgerlichen Pendent des Revisionismus“ (Lenk) sprechen: Bernsteins Forderung, die Einzelaussagen des historischen Materialismus als bloße Arbeitshypothesen zu bewerten, wurde in der Soziologie – v.a. bei Max Weber, Troeltsch und Werner Sombart – zur methodischen Selbstverständlichkeit, verbunden mit einer Relativierung, da das ökonomische Erklärungsprinzip als eines von vielen möglichen – wie dem psychologischen, ethnologischen, religionswissenschaftlichen u.a. – in die soziologische Methodik eingeführt wird (Methodenpluralismus). Bernstein und der Soziologie erscheint die Theorie inadäquat in Bezug auf die Buntheit und Mannigfaltigkeit des „wirklichen Lebens“.

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Konsequenterweise begründet er seinen Eklektizismus mit dem Hinweis, daß „das Leben umfassender als alle Theorie“ sei. Hatte Marx den Anspruch erhoben, die inneren Zusammenhänge der gesellschaftlichen Totalität zu bestimmen, so erfolgt aus der Leugnung der Dialektik durch den positivistischen Wissenschaftsbegriff der nominalistische Charakter der positivistisch-revisionistischen Konzeption: Die begrifflichen Bestimmungen werden zu allenfalls zweckmäßigen Setzungen, die bestimmte Merkmalskombinationen zusammenfassen.

Kurt Lenk hat in seiner Kritik bürgerlicher Marxrezeption als einer der Wenigen begriffen, welche Bedeutung der Warenfetisch und seine Eliminierung für die „Verbürgerlichung“ des Marxismus hatte (und hat), er sei deshalb hier ausführlich zitiert:

„Die Eliminierung der Entfremdungskategorie aus der ursprünglichen Marxschen Konzeption ist das gemeinsame Merkmal der orthodoxen Richtungen des Marxismus, des Vulgärmarxismus und des Revisionismus. In ihnen wird die Marxsche Ideologiekritik auf das simple Theorem reduziert, Ideologien seien lediglich zum Zwecke der Beherrschung der ausgebeuteten Klassen ersonnene gedankliche Instrumente. Die genetisch-kritische Herleitung der ideologischen Bewußtseinsformen, die mit einem historischen Verständnis ihrer Funktion und ihrer Wahrheitsmomente einherging, verschwindet im gleichen Maße, als die Analyse des Warenfetisches vom Ideologieproblem getrennt wird. Tritt die Subjekt-Objekt-Dialektik, wie sie nicht nur in den Frühschriften Marxens entwickelt worden ist, hinter einem neutralen Abbildtheorem zurück, so können Wahrheit und Unwahrheit einer Theorie nur mehr am Grad der Abbildhaftigkeit der in ihr enthaltenen Aussagen gemessen werden. Sowohl die gesellschaftliche Wirklichkeit als auch die ihr entsprechenden Bewußtseinselemente werden dann als vorgegebene Größen eingeführt, nach deren Wahrheit und Unwahrheit nicht mehr gefragt werden müsse, da sich diese nur dadurch bestimmten, in welchem Maße ein Urteil adäquate Widerspiegelung des Objekts leistet. Allein die Praxis bestimme darüber, inwieweit dies der Fall sei.

Wahrheit, Entfremdung und Ideologie sind bei Marx voneinander unablösbare Kategorien, denn ohne Entfremdungstheorie kann es für ihn auch keine wissenschaftliche Entscheidung über das Wahrheitsproblem geben. Ebensowenig ist eine Erörterung des Ideologieproblems ohne den Begriff der Entfremdung – der ökonomischen wie der geistigen – möglich und sinnvoll. Der objektive, klassische Ideologiebegriff Marxens, der aus der gesellschaftlichen Herrschaftsstruktur selbst abgeleitet wird, ist nur im Zusammenhang mit seiner Theorie des Warenfetischismus und der daraus resultierenden ökonomischen Entfremdung zu bestimmen. Denn im Verschwinden des konkreten Lohnverhältnisses hinter abstrakten Wertrelationen der zirkulierenden Waren auf dem Markt liegt der eigentliche Grund für das Entstehen entfremdeter Bewußtseinsformen. Bei Marx wird der Überbau nicht einfach als das gegenüber der gesellschaftlichen Praxis Unwahre eingeführt. Schon deshalb nicht, weil die gesellschaftliche Realität von ihm als eine von Grund auf verkehrte und entfremdete bestimmt wird. Während Praxis stets als historisch-umwälzende, revolutionäre Praxis gefaßt ist, als eine, die durch begriffliche Transzendierung des

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bloß Wirklichen realiter das einlöst, was in der Philosophie an kritischen Momenten enthalten ist, tritt bereits beim späten Engels eine Fetischisierung der Praxis ein. Der Wertakzent, den Marx der umwälzenden Praxis gegenüber einer nur im Denken sich vollziehenden „Revolutionierung“ verliehen hatte, verschiebt sich in der Folgezeit derart, daß nun aller Praxis im Sinne der Produktion und Reproduktion des gesellschaftlichen Lebens ein Primat gegenüber der „bloßen“ Theorie zukommen soll. Die Wahrheit wird gleichgesetzt mit geschichtlicher Wirkkraft, was dazu führt, daß man dem „Unterbau“ ex definitione mehr „Wahrheit“ zugesteht als dem ideologischen Überbau. Hatte Marx noch den Akzent auf politisch-historische Praxis als einer revolutionären gelegt, so wird dieser Praxisbegriff tendenziell nun in der Weise vergröbert, daß jede gesellschaftlich-politische oder industrielle Tätigkeit bereits als ein in der Theorie überlegenes Element gilt. Die damit vollzogene Neutralisierung des Marxschen Praxisbegriffs geht mit der Eliminierung der Entfremdungstheorie einher: Marx hat die Philosophie als eine Kritik der bestehenden Wirklichkeit ernster genommen als die Philosophen selbst. Sie sollte auch in Deutschland wirklich und damit praktisch werden. Im orthodoxen Marxismus hingegen wird Theorie abgewertet, weil sie gegenüber der historischen Praxis als minder wirklich – im Sinne von „unmittelbar wirksam“ – erscheint. Der Überbau gewinnt mit dieser neuen Akzentuierung einen gewissermaßen irrealen Charakter.“ (Lenk, Kurt, Marx in der Wissenssoziologie, Neuwied und Berlin 1972, S. 212-214).

Gerade das Nichtbegreifen bzw. Nichtbegreifenkönnen, daß die gesellschaftliche Realität eine im Prozeß kapitalistischer Wertproduktion mitproduzierte Wirklichkeit darstellt, die eigenen Produkte sich den Menschen gegenüber verselbständigen und sie beherrschen (Marktgesetze) und ihre eigenen gesellschaftlichen Verhältnisse ihnen als verdinglichte, als quasi „zweite Natur“ gegenübertreten, läßt sie eben – bis hin zum „strukturalistischen Marxismus“ Althussers – dieser Verdinglichung aufsitzen. Während dem jungen Lukács klar war, daß im Kapitel über den Warenfetischismus im 1. Band des „Kapital“ die Grundlagen der materialistischen Geschichtsauffassung gelegt wurden, zerfällt den Epigonen – und darin manifestiert sich ihr bürgerliches Bewußtsein – die Totalität in die Pole Individuen hier und verdinglichte gesellschaftliche Struktur dort, die nur äußerlich zusammengebracht werden können. D.h. wie die erste Natur kann auch die zweite nur mit einem äußerlichen Instrumentarium und ihr äußerlich bleibenden Methoden, als Objekt, untersucht werden. Damit ist und bleibt der Positivismus die Grundlage bürgerlicher Wissenschaft. Will man auf dieser Grundlage weiterhin an einem, wie auch immer gearteten, Sozialismus festhalten, so kann dieser eben selbst nur äußerlich als ethischer begründet werden. Daher auch die Bedeutung des Neukantianismus für den im „kategorischen Imperativ“ wurzelnden „Sozialismus“.

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II.

Der quantifizierende qualitätslose Kreislauf des kapitalistischen Akkumulationsprozesses verführt das bürgerliche Denken zur Reproduktion des immergleichen. So unterscheidet sich auch die heutige Marxkritik und -revision – bei erhöhtem wissenschaftstheoretischem Aufwand – kaum vom alten Revisionismus und der Rezeption von Marx durch die Soziologie der Jahrhundertwende.

So kommt das Editorial „Mehrwert“ 25, das die Referate eines Kolloquiums unter dem Titel „Was bleibt von Marx?“ wiedergibt, zu dem Ergebnis:

„Wie schon der kurze Blick auf die vergangenen Debatten auf dem Gebiet der Politischen Ökonomie lehrt, bestand ihr allgemeines Resultat darin, mehr alte Gewißheiten aufgelöst zu haben als daß sie zu einem einheitlichen corpus von methodischen und inhaltlichen Überzeugungen geführt hätte. Die Diskussion um Marx hat sich enorm verfachlicht und damit vervielfältigt. Mochte es früher vielleicht ausreichen, Marx gründlich gelesen zu haben, oder für wahr zu halten, was für Marx Resultat seiner Forschungen war, so ist heute die Beschäftigung mit Marx ohne Einbeziehung der Forschung anderer „Schulen“ völlig undenkbar geworden. Man kann nicht mehr Marxist sein, ohne die Bereitschaft, Marxsche Lehren zu revidieren. Marx ist in den Kontext der modernen Wissenschaften gestellt und aus dem Kontext der Arbeiterbewegung herausgelöst worden. Das hat einerseits zu einer gewissen akademischen Anerkennung geführt, andererseits aber die Antwort auf die Frage erschwert, wodurch ein wissenschaftlicher Ansatz sich als marxistisch auszeichnen kann. Ein bestimmtes Glaubensbekenntnis kann dies ebenso wenig sein wie ein schon abgeklärter Satz von theoretischen Grundannahmen, auf den alle in der Tradition der Politischen Ökonomie stehenden Forscher sich verpflichtet fühlten. Was die von der Kritik der Politischen Ökonomie angetriebenen Forschungen eint, scheint uns das gesellschaftstheoretische Interesse an einer Produktionsweise zu sein, der „universelle Kulturbedeutung“ (Weber) zukommt, die heute mehr denn je schicksalhaft die gesellschaftliche Entwicklung im Weltmaßstab prägt. Dieses Forschungsinteresse ist in emanzipatorischer Absicht zusammengehalten; es ist angeleitet von der Idee einer besseren, Ausbeutung und Entfremdung diskriminierenden Gesellschaft. Die Funktion eines Weltbildes, das als Interpretationsrahmen für die Fülle der Ereignisse die kollektive Identität einer Gruppe stiftet, kann dieses Interesse heute nicht mehr übernehmen. Insofern reflektiert sich in dem Zerfall der einheitsstiftenden Funktion dieses Weltbildes auch, daß das historisch Mögliche komplexer geworden ist. Ist dies nicht auch ein Vorteil?“ (Mehrwert 25, Berlin November 1984, S. 5-6).

Karl-Ernst Lohmann hat in einer positiv-übereinstimmenden systematischen Rezension dieses Bandes im „Argument“ das Selbstverständnis der „neuen“ Marxrezeption der „alten“ akademischen Linken gut herausgearbeitet, daher erscheint es nützlich, diesen Text in die Kritik miteinzubeziehen. Lohmann konstatiert richtig die „Verwissenschaftlichung“ der Kritik der politischen Ökonomie zur positiven Ökonomie:

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„Generell kann man denn auch den Weg vieler linker Ökonomen seit 1968 so bezeichnen: Von der rebellischen Attitüde, mit der die „bürgerliche Nationalökonomie“ aufgrund ihres „Klassencharakters“ angegriffen wurde, zur nachdenklichen Frage, wie man kritischer Ökonom bleiben und die in der kapitalistischen Ökonomie existierenden Herrschaftsbeziehungen weiter thematisieren kann, ohne hinter das Niveau eben jener „bürgerlichen“ Wirtschaftswissenschaft zurückzufallen. Von der politökonomischen zur fachökonomischen Analyse, von der „dialektischen“ zur analytischen Methode. (Anführungszeichen sind bekanntlich immer ein Zeichen von Hilflosigkeit – und so könnte man auch formulieren: Den kritischen Ökonomen ist seit 1968 fraglich geworden, was das Bürgerliche, den Klassencharakter der herrschenden Orthodoxie ausmacht und umgekehrt, wie legitim das methodisch Andere, das Dialektische, und die politischen Implikationen der marxistischen Heterodoxie sind.)

Es könnte sein, daß sich ein „Neomarxismus“ herausbildet, der diesen Namen verdient, der also in einem ähnlichen Verhältnis zum Marxismus steht wie die Neoklassik zur Klassik: Gewisse (sozialistische, kritische) Intentionen beibehaltend, dabei aber methodisch und inhaltlich eine gänzlich andere Theorie aufbauend.“ (Das Argument, Rezensionsbeiheft, 27.Jg., Dezember 1985, S. 191-194).

Die „neue“ positive Ökonomie beruht auf folgenden Postulaten:

1. Methodisch werden die Forderungen der analytischen Wissenschaftstheorie akzeptiert. So fordert Glombowski die stärkere „Verwendung mathematischer Modelle“, die durch empirische Analysen ergänzt werden sollen (Der abstrakt-unhistorische Charakter der Modelle in der bürgerlichen Ökonomie wird selbst vom kritischen Rationalisten Albert als „Modellplatonismus“ bespöttelt.). Das Aufgeben der Totalitätssicht führt hier zum unmittelbaren Gegeneinander bzw. zur äußeren Ergänzung von abstrakt-verdinglichtem System (wie auch in den soziologischen Systemtheorien) und konkret empirischem Material.

2. Inhaltlich geht es um eine „Revision bzw. Reformulierung der Marxschen Werttheorie. Danach ist eine substanzialistische Interpretation des Werts („Als Kristalle dieser ihnen (den Waren) gemeinschaftlichen gesellschaftlichen Substanz (der abstrakt menschlichen Arbeit) sind sie Werte – Warenwerte.“ (MEW 23, S. 52)) unzulässig, sie wird durch die Definition einer Wertrelation ersetzt. …’Jede Wertschöpfungslehre hat (…) den Webfehler, im Kern Rechtfertigungslehre zu sein – entweder für die jeweils gegebene Einkommensverteilung oder für die Alternative zu ihr.‘ (so Küntzel). Eine arbeitswerttheoretisch begründete Ausbeutungstheorie hat normative Prämissen – und die kann man eben akzeptieren oder auch nicht.“ (S.192). Schon Bernstein sah ja in der Favorisierung der objektiven oder subjektiven Wertlehre eine rein normative Entscheidung. Marx hat

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schon in einem Brief an Kugelmann vom 11. Juli 1868 auf die Unsinnigkeit des „Beweisens“ des Werts verwiesen:

„Was das ‚Centralblatt‘ angeht, so macht der Mann die größtmögliche Konzession, indem er zugibt, daß wenn man unter Wert sich überhaupt etwas denkt, man meine Schlußfolgerungen zugeben muß. Der Unglückliche sieht nicht, daß, wenn in meinem Buch gar kein Kapitel über den ‚Wert‘ stünde, die Analyse der realen Verhältnisse, die ich gebe, den Beweis und den Nachweis des wirklichen Wertverhältnisses enthalten würde. Das Geschwätz über die Notwendigkeit, den Wertbegriff zu beweisen, beruht nur auf vollständigster Unwissenheit, sowohl über die Sache, um die es sich handelt, als die Methode der Wissenschaft. Daß jede Nation verrecken würde, die, ich will nicht sagen für ein Jahr, sondern für ein paar Wochen die Arbeit einstellte, weiß jedes Kind. Ebenso weiß es, daß die den verschiedenen Bedürfnissen entsprechenden Massen von Produkten verschiedene und quantitativ bestimmte Massen der gesellschaftlichen Gesamtarbeit erheischen. Daß diese Notwendigkeit der Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit in bestimmten Proportionen durchaus nicht durch die bestimmte Form der gesellschaftlichen Produktion aufgehoben, sondern nur ihre Erscheinungsweise ändern kann, ist self-evident. Naturgesetze können überhaupt nicht aufgehoben werden. Was sich in historisch verschiedenen Zuständen ändern kann, ist nur die Form, worin jene Gesetze sich durchsetzen. Und die Form, worin sich diese proportionelle Verteilung der Arbeit durchsetzt in einem Gesellschaftszustand, worin der Zusammenhang der gesellschaftlichen Arbeit sich als Privataustausch der individuellen Arbeitsprodukte geltend macht, ist eben der Tauschwert dieser Produkte.

Die Wissenschaft besteht eben darin, zu entwickeln, wie das Wertgesetz sich durchsetzt. Wollte man also von vornherein alle dem Gesetz scheinbar widersprechenden Phänomene ‚erklären‘, so müßte man die Wissenschaft vor der Wissenschaft liefern. Es ist gerade der Fehler Ricardos, daß er in seinem ersten Kapitel über den Wert alle möglichen Kategorien, die erst entwickelt werden sollen, als gegeben voraussetzt, um ihr Adäquatsein mit dem Wertgesetz nachzuweisen…

Der Vulgärökonom hat nicht die geringste Ahnung davon, daß die wirklichen, täglichen Austauschverhältnisse und die Wertgrößen nicht unmittelbar identisch sein können. Der Witz der bürgerlichen Gesellschaft besteht ja eben darin, daß a priori keine bewußte gesellschaftliche Regelung der Produktion stattfindet. Das Vernünftige und Naturnotwendige setzt sich nur als blindwirkender Durchschnitt durch. Und dann glaubt der Vulgäre eine große Entdeckung zu machen, wenn er der Enthüllung des inneren Zusammenhangs gegenüber drauf pocht, daß die Sachen in der Erscheinung anders aussehn. In der Tat, er pocht darauf, daß er an dem Schein festhält und ihn als letztes nimmt. Wozu dann überhaupt eine Wissenschaft?“ (Marx, Karl-Engels, Friedrich, Briefe über das ‚Kapital‘, Berlin 1954, S. 184-186).

Das objektive Obsoletwerden des Wertes (siehe Robert Kurz: Die Krise des Tauschwerts, in: MK, Nr.1) kann nicht mehr als historische Schranke des Kapitals begriffen werden, sondern tritt als „Krise“ der unbegriffenen Marxschen Werttheorie in Erscheinung.

3. Politisch formuliert Lohmann seine Kritik an dem „Beitrag Backhaus“, der indeutlichem Kontrast zu den Beiträgen der genannten Ökonomen

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steht, der also am originären Marx festhält. Auch hier zeigt sich, daß Lohmann nicht weit über Bernstein hinauskommt, der schon Hegel zum toten Hunde erklärte und meinte, was Marx und Engels theoretisch erreichten, hätten sie nicht wegen, sondern trotz Hegel erreicht.

„Ihm (Backhaus, d.V.) zufolge besteht der Gegenstand der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie in Nachweis und ‚Ableitung‘ der ‚Verrücktheit‘ der ökonomischen Formen, d.h. der ‚objektiven ‚Irrationalität“ kapitalistischer Ökonomien. Diese Irrationalität veranlasse den Theoretiker ‚allenfalls zur Anstrengung, Nichtklares klar zu denken; nicht aber kann das zum Kriterium der Sache selbst gemacht werden‘ (Adorno, zit.7), und Backhaus fügt hinzu: ’schon gar nicht zu einem ökonomischen Sinnkriterium‘. Umgekehrt wird der Wirtschaftswissenschaft vorgeworfen, daß sie ‚die in den widersprechenden Bestimmungen der Dinge selbst liegenden Schwierigkeiten gern als … Widerstreit der definitions wegschwatzen will‘ (Marx, zit. 7). Was folgt, ist ein Plädoyer für die Rekonstruktion der Marxschen Formanalysen mit Hilfe der Hegelschen Dialektik.

Wollten die kritischen Okonomen diesem Forschungsprogramm folgen, dann wäre der Preis, den sie zu zahlen hätten, sehr hoch: Denn der Weg in den Hegelschen Sprachdschungel ist ein Weg ins marxphilologische Ghetto. Es würde dann allenfalls zu jener resignativen Arroganz à la Backhaus reichen, der der Fachökonomie pauschal die Wissenschaftlichkeit abspricht und ihr ‚Niveau‘ beklagt. Der Verzicht auf Klarheit der Formulierungen und auf logische Widerspruchsfreiheit kann überhaupt nicht hingenommen werden. Jede Rede von ‚Widersprüchen‘, etwa von dem zwischen Gebrauchswert und Wert, muß sich in Aussagen übersetzen lassen, die a) verständlich und b) logisch konsistent sind. Würden kritische Ökonomen auf diese Forderung verzichten, hätten sie zu Recht keine Chance, in der wissenschaftlichen Offentlichkeit ernstgenommen zu werden.“ (S. 193-194).

Neben dem gänzlichen Unverständnis der dialektischen Methode gegenüber – man könnte von einem Positivismus par excellence sprechen – zeigt sich hier vor allem auch ein wichtiges Motiv der positiv gewendeten „kritischen Okonomie“: die Sorge um die wissenschaftliche Reputation im bürgerlichen Wissenschaftsbetrieb.

Der „herrliche Sonnenaufgang“ (Hegel) der Marxrezeption der Studentenbewegung mit der Forderung nach der „Kritik bürgerlicher Wissenschaft“ endet so in der „ewigen Polarnacht“ des universitären Akademismus, als splitterhafter Bestandteil des bürgerlichen Wissenschaftspluralismus, d.h. als Methodenpluralismus auf positivistischer Grundlage.

Der II.Teil wird sich mit der Arbeit von Dozekal = von der „Rekonstruktion“ der Marxschen Theorie zur „Krise des Marxismus“ beschäftigen.