31.12.1986  Beitrag drucken

Marxistische Kritik 1 — Editorial

[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe]

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Revolutionäre Theorie schöpft ihre Legitimität ebenso wie die ihr entsprechende historische Praxis aus sich selbst; sie rechtfertigt sich weder vor der institutionalisierten bürgerlichen Wissenschaft noch vor den Ideologien des Reformismus. Ihr Medium ist nicht die Legitimation, sondern die Kritik; ihre Absicht nicht die Verteidigung, sondern der Angriff. Die Waffe der Kritik wird nicht geführt, um den Interpretationen der herrschenden Ordnung eine besonders pikante neue hinzuzufügen, sondern um sich in die Kritik der Waffen zu verwandeln.

Aber gerade dieser Zusammenhang war in der Geschichte der Linken den schwersten Mißverständnissen ausgesetzt. Da eine selbstverständliche „Einheit von Theorie und Praxis“ seit langem nicht mehr behauptet werden kann, bedarf das Projekt einer marxistischen Theorie-Zeitschrift heute, wenn nicht einer Rechtfertigung, so doch einer selber theoretischen Begründung; und sei es nur zur Dokumentation unseres Selbstverständnisses.

Es ist kein Geheimnis, daß das vielbeschworene Theorie-Praxis-Verhältnis heute weitgehend in offene Theoriefeindlichkeit umgeschlagen ist. Theoretische Zeitschriften, gleichgültig welcher Richtung, finden in der gegenwärtigen linken Oppositionsbewegung kaum noch ein größeres Publikum; Zeitschriften wie „Argument“ und „Prokla“, die mit der gesellschaftlichen Bewegung der „Neuen Linken“ Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre aufgestiegen waren, beginnen mitsamt ihrem theoretischen Anspruch sichtlich abzubröckeln. Halten können sich noch am ehesten „Magazine“ mit leichterer Kost für den Tageskonsum theoretischer Bedürfnislosigkeit, durch die ebenso locker wie folgenlos die aktuellen Themen des linken Modebewußtseins gezogen werden, ganz nach dem relativistischen Motto: „Anything goes“. Aber eben doch nicht alles „geht“: Der revolutionäre Marxismus ist nach einer sektenhaften Scheinblüte von wenigen Jahren heute in der Linken selbst kaum weniger verpönt und tabuisiert als im restaurativen Klima der Adenauer-Kultur in den fünfziger Jahren. Die antitheoretische und antimarxistische „Wende“ der (Ex-)Linken ging der neokonservativen „Wende“ im größeren gesellschaftlichen Maßstab noch voraus, und ironischerweise ist die eine wie die andere „Wende“ offenbar als Reaktion auf die real existierende Krise des Kapitalismus zu verstehen.

Nun mag es kein besonders einschneidender Verlust für die Weltrevolution sein, daß heute nicht mehr ohne weiteres jeder halbwegs anständige Germanistik-Student mit revolutionärer Blasmusik und anderem Agitprop-Kasperltheater „heraus zum 1. Mai“ kommt. Auch wollen wir nicht behaupten, daß die Linke theoretisch verarmt wäre, denn in dieser Hinsicht befand sie sich schon vor ihrer „Wende“ im Gnadenstand einer Kirchenmaus. Trotz aktuell miserabler Aussichten unseres Projekts sind wir allerdings zuversichtlich, daß die Rolle der revolutionären Theorie auf lange Sicht keineswegs ausgespielt ist; sowenig sie Selbstzweck werden kann im Sinne einer spekulativen Loslösung von gesellschaftlicher Pra-

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xis, ebensowenig kann sie bloße Funktion und Vollzugsorgan der aktuellen Bewußtseinslage einer Linken bleiben, die sich fälschlich für „frei“ hält in der „Einschätzung“ des gesellschaftlichen Prozesses. Die gegebene historische Situation macht freilich den direkten Bezug auf diese politische Linke in dem Sinne notwendig, daß Theorie als rücksichtslose, radikale Kritik der Verhältnisse heute immer gleichzeitig eine ebensolche Kritik des herrschenden Bewußtseins in der Linken selbst sein muß. Gerade deswegen bedarf ein Projekt wie das unsrige auch einer Herleitung aus der Geschichte und Theoriegeschichte der Linken in der BRD.

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Mit der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule ist bekanntlich die Zuwendung der „Neuen Linken“ zum Marxismus Ende der 60er Jahre ebenso vermittelt wie ihre sukzessive Abkehr von der Marxschen Theorie seit Mitte der 70er Jahre. In dieser rückläufigen Gesamtbewegung hat freilich ein zentrales Motiv der Frankfurter nie eine wesentliche Rolle gespielt, nämlich die „Kritik der instrumentellen Vernunft“. Im Gegenteil, gerade in diesem Punkt standen schon die Studentenbewegung und die „Außerparlamentarische Opposition“ (APO) von 1968 der Kritischen Theorie verständnislos und ablehnend gegenüber. Der moralisierende, bürgerlich-demokratische Impetus, von dem die „Neue Linke“ nie ganz losgekommen ist (und der gerade heute wieder üppige Blüten treibt), diktierte der Bewegung durch alle ihre Metamorphosen hindurch ein platt positivistisches, unmittelbarkeits-fixiertes „Praktisch-Sein“ als kategorischen Imperativ der „Politisierung“. Was für die Frankfurter Schule ein zentraler Ansatz ihrer Kritik der bürgerlichen Gesellschaft gewesen war, die Kritik des instrumentalistisch verkürzten Denkens, erschien so den „politisierten“ Adepten gerade umgekehrt als der bürgerliche Pferdefuß der Kritischen Theorie, aus der sie sich folgerichtig selektiv die im Sinne subjektivistischen Handelns interpretierbaren Versatzstücke (hauptsächlich der Theorie von Herbert Marcuse) herausbrachen. Den subjektiven Aktivismus ist die Bewegung als Ganzes ebensowenig jemals losgeworden wie das Moralisieren. Sie mußte darum eben jener bürgerlichen Vernunft letztlich gerade „praktisch-politisch“ zum Opfer fallen, gegen deren professorale Repräsentanten sie einst angetreten war.

Die reaktionären Platitüden des gesunden Menschenverstandes der Grün-Alternativen, für die man sich vielleicht 1969 noch zu Tode geschämt hätte, werden heute ernsthaft von ehemaligen Theorie-Häuptlingen erörtert, die anfangen, sich in vitalistischen Posen zu gefallen. Daß in der fluchtartigen Absetzbewegung der akademischen Ex-Linken heute die Rezeption von Max Weber schon fast eine „linke“ Rückzugsstellung bildet, wirft mehr als bloß ein Schlaglicht auf ihre Geistesverfassung.

Evident war das verkürzte instrumentalistische Denken schon in den fraktionellen Zerfallsformen der APO zu Beginn der 70er Jahre. Die feindlichen Brüder der „Spontis“ und der „Marxisten-Leninisten“ gaben sich gegenseitig nichts nach an Subjektivismus, instrumenteller Rezeption historischer oder exotischer Strategeme und einer völlig unvermittelten

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„direkten“ Massenagitation, die kaum einen Hund vom Ofen locken konnte. Das logisch notwendige Scheitern solchen Tuns, das einige traurige Restbestände bis zum heutigen Tag weiterbetreiben, wurde schon nach wenigen Jahren zum „Scheitern des Marxismus“ erklärt („Wir haben’s probiert, es hat nicht geklappt“, frei nach Sir Popper), und keineswegs zufällig trotten große Teile der damals spinnefeinden Fraktionen heute wieder traut vereint unter dem grünen Banner eines banalen bürgerlichen Moralismus. Die heutigen „Autonomen“ und andere sogenannte „Militante“ reproduzieren offensichtlich nur die Ideologie und die Illusionen ihrer Vorgänger auf noch niedrigerem Niveau.

Diese immer plattere instrumentalistische Blockade der revolutionären Theoriebildung konnte von der linkssozialistischen akademischen Theorie, wie sie in „Argument“ oder „Prokla“ ihr Dasein fristet, keinesfalls überwunden, ja nicht einmal systematisch thematisiert werden. Der theoretisierende politische Reformismus dieser Zeitschriften, deren gesellschaftlicher Erfolg vor allem darin besteht, daß sie im Sinne individueller Karrieren akdemisch „zitierfähig“ wurden, war immer nur der Form nach verschieden von der subjektiven Legitimationstheorie anderer Fraktionen der „Neuen Linken“. Während für die „Marxisten-Leninisten“ (K-Gruppen) und die verschiedenen Generationen von „Spontis“ der instrumentalistisch verkürzte Charakter der Theorie offen als proklamierte unmittelbare Identität von Theorie und Praxis im handelnden Subjekt erschien, zeigte sich derselbe Charakter der Theorie linkssozialistischer Akademiker, wenn auch mehr gesellschaftlich vermittelt, in ihrem bewußtlosen und legitimatorischen Bezug auf die institutionalisierten gesellschaftlichen Ausdrucksformen des sozialen Reformismus (Gewerkschaften, linke Sozialdemokratie, neuerdings Grün-Alternative).

Eine Theoriebildung aber, die sich analog zur bürgerlich-positivistischen bloß als „wissenschaftliche Hilfestellung“ für im großen und ganzen hingenommene, als solche überhaupt nicht oder höchstens immanent kritisch hinterfragte gesellschaftliche Ziele begreift, muß selber in ihren blinden Voraussetzungen kritisiert werden. Sie kann ebensowenig wie die subjektivistische Unmittelbarkeits-Identität der handwerkelnden revolutionären Sekten und revoltistischen Grüppchen eine Spannung aushalten und in vermittelnde Bewegung verwandeln, die in der objektiven Distanz und Polarität revolutionärer Theorie zur gesellschaftlichen Praxis begründet ist.

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Wenn wir mit der Kritik instrumenteller Verkürzung des Denkens ein zentrales Motiv der Kritischen Theorie aufgreifen und gegen die vorgefundene Linke selbst wenden, so ist dies allerdings keineswegs bloß methodisches Credo, sondern gleichzeitig wesentlich inhaltliche Bestimmung. Das revolutionäre und theoretische Defizit der Frankfurter Schule sehen wir nicht in ihrer Negation subjektivistischen Handlungsdrangs, ebensowenig in einer mangelnden Thematisierung der „Politischen Ökonomie“ schlechthin, sondern vielmehr in einer fehlenden Zuspitzung der KRITIK der „Politischen Ökonomie“ als Fundamentalkritik der

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Warenproduktion und der Lohnarbeit. Die Kritik der instrumentellen Vernunft zu Ende führen, heißt radikal werden gegen die Warenform-Vergesellschaftung, deren Produkt sie ist. Erst dann kann die auch in der Linken als esoterisch behandelte Kritik des positivistischen Instrumentalismus zum Sprengsatz gegen die bestehende Ordnung werden, wenn sie inhaltlich entfaltet wird als Konkretisierung des Zentrums der Marxschen Theorie: als Kritik des Tauschwerts, die auf der Grundlage entwickelter stofflicher Produktivkraft notwendig in die historische Parole mündet: Nieder mit der Lohnarbeit!

Nicht nur die evidente Existenz von Lohnarbeit und „Ware-Geld-Beziehungen“ in den Gesellschaften vom Typus der Sowjetunion, deren Erklärung aus einer nachholenden ursprünglichen Akkumulation keine apologetische Rechtfertigung bedeuten kann, liegt als schwere Hypothek auf dem theoretischen Bewußtsein der Linken. Als mindestens ebenso deformierend erwies sich der historisch gewachsene Bezug der Marxisten auf die alte westliche Arbeiterbewegung, die nie über die Rolle einer Charaktermaske des variablen Kapitals hinausgekommen ist. Die Linke mußte aus diesen ererbten Zusammenhängen heraus nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch verkommen als gesellschaftlicher Faktor. Ihr Sozialismus-Begriff degenerierte zur Hilflosigkeit eines endlos und begriffslos gedehnten „Übergangs“, die Aufhebung der Waren-Vergesellschaftung verwandelte sich aus der Konsequenz wissenschaftlicher Kritik in eine kaum noch erinnerte Fata Morgana von vager Gestaltlosigkeit. Die Kategorien der Marxschen Theorie mußten so bis zur Affirmation verdinglichen; real werden ihnen heute bestenfalls linkskeynesianistische Inhalte untergeschoben. Theorie als „Anleitung zum Handeln“ zerfällt so in einen vulgären Ökonomismus einerseits und in verselbständigte Form en von „Politik“ andererseits, deren Einheit als Vollendung des fetischistischen Bewußtseins schließlich zu allem Überfluß und zunehmend der Untergang in „nationaler“ Identität bildet.

Eine derart begrifflich abgerüstete und entwaffnete Linke, die ihre wissenschaftliche Fundierung in radikaler Kritik von Ware und Geld preisgegeben hat, muß angesichts ihres eklatanten Versagens vor den Erscheinungen der neuen kapitalistischen Krise winselnd nach UTOPIEN verlangen, deren Erbärmlichkeit umso greller hervortritt, je mehr sie sich a1s ebenso reaktionäre wie illusionistische Entgesellschaftungs-Träumereien entpuppen. Die fetischistische Propaganda eines gesellschaftlichen Märchenparks zurückgedrehter Ware-Geld-Beziehungen in „kleinen Kreisläufen“ markiert einen unglaublichen Tiefpunkt im Rückfall hinter die Marxsche Kapital-Kritik.

Wenn wir gegen diesen Strom schwimmen wollen, so nicht aus jener trotzigen Resignation heraus, wie sie die Frankfurter Schule beseelte und wie sie heute bei einigen ihrer späten Nachkommen wieder auftaucht als zornige Polemik gegen die friedensschwangere und grün-nationale Linke: ein Zorn aber, dessen Festhalten an der Marxschen Theorie gleichzeitig ein Abgesang auf die historische Möglichkeit ihrer Verwirklichung ist und sich nur noch darstellt als angeekeltes Abwenden von der scheinbar unvermeidlichen Barbarei, zu deren Heraufdämmern die Linke nichts als die Begleitmusik ihrer eigenen haltlosen Zer-

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setzung liefert.

Unser Standpunkt in der Kritik der Linken ist ein gerade entgegengesetzter. Die Verwirklichung der Marx’schen Theorie ist keine versunkene Möglichkeit, sondern wird im Gegenteil erst heute praktisch wahr in der massiv erscheinenden Krise des Geldes, wie sie der kapitalistische Vergesellschaftungsprozeß auf der heutigen hohen Stufe von Verwissenschaftlichung und Produktivkraft der gesellschaftlichen Arbeit hervortreibt. Die Wirklichkeit des Kapitals drängt heute in Wahrheit stärker zum Gedanken der authentischen Marx’schen Theorie als jemals vorher in der Geschichte.

Aufgabe dieser Zeitschrift wird daher nicht allein die Ideologiekritik der Linken sein, sondern vielmehr das Auffinden und die begriffliche Bestimmung des konkreten gesellschaftlichen Widerspruchspotentials, das real und historisch aktuell in Aufhebung von Lohnarbeit, Ware und Geld transformiert werden kann.

Die Redaktion

NACHBEMERKUNG

In gewisser Hinsicht ist die „Marxistische Kritik“ ein Folgeprojekt der vor einigen Jahren eingestellten Zeitschrift „Neue Strömung“. Die gleichnamige Gruppe bildet heute aber nur noch einen Teil des neuen Trägerkreises, der sich aus Personen und Gruppen mit revolutionärmarxistischer Position, aber unterschiedlicher politischer Herkunft und ideologischer Sozialisationsgeschichte zusammensetzt; die Bandbreite reicht dabei von ehemaligen Mitgliedern oder Anhängern „marxistisch-leninistischer“ Organisationen der 70er Jahre (K-Gruppen) über Leute aus dem Umfeld der „Arbeiterstimme“ und einen Genossen der „Gruppe Arbeiterpolitik“ bis hin zum Spektrum der „Autonomen“, ehemaligen „Hausbesetzer“ etc. Die „Neue Strömung“ war noch ganz ein Produkt der Auseinandersetzung innerhalb der sich auflösenden K-Gruppen-Bewegung; die damals bezogenen Positionen (vor allem gegen die Konstruktion einer „Traditionslinie“ der revolutionären Arbeiterbewegung mit den berüchtigten „fünf Köpfen“, in die man sich zu „stellen“ habe) teilen wir auch heute noch. Aber die damalige Auseinandersetzung, die mehr propädeutischen Charakter trug, hat sich längst erschöpft; sie konnte in dem eng beschränkten Rahmen der auf ein starres Kategorien-System bezogenen K-Gruppen-Opposition nicht mehr fruchtbar weitergeführt werden. Andererseits genügte es nicht, die Eierschalen eines hilflosen Hausmacher-Marxismus der politischen Sektenbewegung abzustreifen. Es war eine längere theoretische Mauserungs-Phase notwendig, bevor sich erneut die Frage der Publizistik stellen konnte. Nach mehr als zweijähriger Seminararbeit sehen wir nun den Zeitpunkt als gekommen an, auf einer neuen Ebene in dem uns möglichen Maßstab publizistisch in die öffentliche Diskussion der Linken einzugreifen.