31.12.1986  Beitrag drucken

Marxistische Kritik 2 — Editorial

[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe]

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Später als erhofft und geplant legen wir die Nr. 2 der „Marxistischen Kritik“ vor. Wie zu erwarten war, hat sich seither weder an unserer Situation noch an derjenigen der Linken insgesamt etwas geändert.

Die Auflage der Nr. 1 ist zwar größtenteils unter die Leute gebracht (was bei 500 Exemplaren ja wahrhaftig nicht viel heißen will), aber das feedback ist mehr als spärlich geblieben, vom Interesse einzelner Personen abgesehen. Keine einzige der mehr oder weniger linken Zeitschriften hat es für nötig befunden, auch nur eine kritische Rezension abzudrucken. Solche Situationen wird es immer wieder geben; dieser Zustand ist kein Beweis, weder für die Richtigkeit noch für die Unrichtigkeit unserer Anschauungen. Ein wenig geht es uns wie dem chinesischen Schriftsteller Lu Hsün, der 1922 über den Versuch der Herausgabe einer linken Zeitschrift geschrieben hat:

„Der Termin, zu dem das ‚Neue Leben‘ erscheinen sollte, nahte. Da sprangen einige verantwortliche Mitarbeiter ab; andere zogen ihre Kapitaleinlagen zurück. Schließlich waren wir nur noch drei Mann und besaßen keinen einzigen Yüan. Wir hatten eine ungünstige Zeit für die Herausgabe der Zeitschrift gewählt und konnten uns über nichts und niemand wegen unseres Mißgeschicks beklagen … Und später habe ich überlegt: Wenn die Ansichten eines Menschen Zustimmung und Unterstützung finden, soll ihm das ein Ansporn sein. Stößt er auf Widerspruch, soll er den Kampf aufnehmen. Wenn er aber inmitten der Menschen seine Stimme erhebt und keinen Widerhall findet, auch den schwächsten nicht, sei es der Zustimmung, sei es der Ablehnung – dann fühlter sich in eine unabsehbare Einöde versetzt. Überall greift er ins Leere, und das ist der furchtbarste Zustand für ihn.“ (Lu Hsün, Der Einsturz der Lei-feng-Pagode, Essays, Reinbek 1973, S.19).

Nun, wir wollen nicht allzuviel Tränen vergießen über unsere Einsamkeit und uns nicht weiter beklagen. „Gegen den Strom“ zu schwimmen wird noch auf längere Sicht ein schwieriges Geschäft bleiben. Der wesentlich subjektivistische Impuls der 68-er Bewegung und ihrer Nachwehen und Folgebewegungen bis heute hat zu der Situation geführt, die wirbeklagen, beschimpfen und „trotz alledem“ verändern möchten. Die politische Kultur theoretischer marxistischer Auseinandersetzung ist vorerst zerstört, dies muß als Tatsache anerkannt werden. Die „praktische“ Linke ist tief und scheinbar hoffnungslos in staatsbürgerlichen Protest und neo-kleinbürgerliche Projekte oder andererseits in fast inhaltslos gewordene „Militanz“ verstrickt, von der Öko-Bank bis zum Steinewerfen. Diskutiert wird, wenn überhaupt, nur auf den engen Bezugsrahmen der jeweiligen „Praxis“ und deren tagespolitische Konjunktur hin. Wer mag da noch

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einen Seitenblick auf das Angebot theoretischer Auseinandersetzung werfen? Die theoretische Linke dagegen ist fast ganz auf abgeschottete, sich selbst reproduzierende und gegenseitig bestätigende akademische Klüngel zusammengeschmolzen, die als solche nur noch bedingt links sind (und schon gar nicht „marxistisch“); ihr Bezugsrahmen ist der bürgerliche Wissenschaftsbetrieb geworden, vor dessen Instanzen sie sich, ängstlich um ihre Reputation besorgt, zu rechtfertigen suchen und dem sie längst jeden revolutionären Impuls der Theoriebildung geopfert haben. Wer sollte da noch eine Veranlassung sehen, sich mit neuen theoretischen Positionen außerhalb des Dunstkreises der breitärschig alteingesessenen linksakademischen Zeitschriften auseinanderzusetzen? So müssen wir also ausharren in der „unabsehbaren Einöde“ einer immer seichter und abgeschmackter werdenden Rest-Linken, weiter die Klingen schärfen und auf gute Feinde hoffen, die wir gegenwärtig fast noch nötiger haben als gute Freunde.

Trotzdem wäre es ein Mißverständnis und ein Verstoß gegen unsere eigene theoretische Position, wollten wir uns der gegenwärtig mißlichen Lage wegen als das letzte Fähnlein der sieben Aufrechten betrachten. Niemand ist mehr als wir bestrebt, den „alten“, selber wertfetischistischen Marxismus der 2. und 3. Internationale zu kritisieren und zu überwinden. So verstehen wir uns nicht als die unwirschen letzten Exemplare einer aussterbenden Gattung, sondern ganz im Gegenteil als die noch etwas unsicheren ersten Vertreter einer neuen Spezies des gesellschaftlichen Denkens, als Vorkämpfer eines Neo-Marxismus des 21. Jahrhunderts, der die alte Arbeiterbewegung insgesamt nur noch als seine abgeschlossene Vorgeschichte innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft begreifen wird. Zu „historischem Pessimismus“ besteht den aktuellen Erscheinungen der gesellschaftlichen Oberfläche zum Trotz überhaupt kein Anlaß; denn „so, wie es ist, kann es nicht bleiben“, weder was die objektive gesellschaftliche Entwicklung und deren Krise, noch was die ideologische Ent-Radikalisierung der Linken angeht.

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Wenn es noch eines Beweises bedurfte für die theoretische Verlotterung und Verkommenheit der akademischen Linkssozialisten, so lieferte sie der „Prima Klima“-Kongreß des als grün-sozialdemokratischer Zombie

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wiederauferstandenen SDS vom November 1986 in Frankfurt. Wir waren dort und wandten uns mit Grausen. Was großkotzig als Veranstaltung „wider den Zeitgeist“, als „öffentliche Konspiration subversiven Denkens“, als Wiederbelebung „kritisch-theoretischen Denkens“ und als „Neueröffnung der Diskussion“ deklariert war, entpuppte sich als völlig zeitgeist-konformer „Abschied von der Revolution“ einer theologisch gewordenen (Ex-)Linken, deren einziges Sehnen darin zu bestehen scheint, sich unter Führung der grünen „Realos“ und der heimlichen Schirmherrschaft von Peter Glotz der bürgerlichen Demokratie in die Arme zu werfen. Von offener Debatte keine Spur; hinter den Kulissen hatte ein grün-sozialdemokratischer Proporz offensichtlich die Fäden gezogen, wobei die in den Schoß der SPD zurückgekrochenen Ex-Helden von 1968 sich nicht einmal zu dieser Unanständigkeit bekennen mochten.

Über theoretische Inhalte gibt es nichts zu berichten, weil sie nicht vorhanden waren. Die Theologin Antje Vollmer konnte unter dem Vorwand eines radikalen Feminismus einen alles andere als radikalen Reformismus offerieren und unwidersprochen jedes als „Machismo“ denunzierte revolutionäre Denken der fast schon johlenden Reformisten-Meute zum Abschuß freigeben. Professor Ulrich Preuß wurde für das von ihm selbst mehrfach als „banal“ bezeichnete „Projekt einer ökologischen Demokratie“, „theologisch formuliert als Erlösung der Gesellschaft von sich selbst“, mit Beifall überschüttet, und so blieb dem behäbig gewordenen, pfeifeschmauchenden Familienvater Oskar Negt nur noch die brillante Formulierung, daß die Werttheorie „vielleicht das Unwesentlichste“ sei, was Marx geschrieben habe, während ihm folgerichtig und fast schon im O-Ton der US-Außenpolitik zum Thema „Sozialismus“ nichts anderes mehr einfiel als – „die Menschenrechte“. Fast muß es als müßigerscheinen, sich über diesen theoretischen Zustand der akademischen Linkssozialisten auch nur lustig zu machen. Und offensichtlich ist es gegenwärtig nicht möglich, mit einer Linken im Jahre 1986 über radikale Kritik von Ware, Geld und Demokratie zu streiten, die nichts Besseres mehr weiß, als die musealen Ideale von 1789 wieder einmal einzuklagen. Wie oft muß sich das Trauerspiel des bürgerlichen, abstrakten Ware-, Geld- und Staatsbürger-Subjekts denn noch als Farce wiederholen? Sinnvoll streiten könnten wir einzig noch mit Leuten wie z.B. E. Altvater, die trotz bürgerlich-akademischer Einbettung und eines reformistischen politischen Horizonts schon durch ihr Metier bedingt die Kritik der Politischen Ökonomie noch nicht völlig beiseitegelegt haben und daher auch mit Recht vor der kommenden Weltwirtschaftskrise warnen, an die eine fromm

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gewordene und im Alter zu staatsbürgerlichen Illusionen geflüchtete Linke in ihrem vermeintlichen demokratischen Frühling einfach nicht mehr glauben will. Diese bereits vor der Tür stehende Krise mit ihren noch unabsehbaren politischen und sozialen Folgen wird die illusionären staatsbürgerlich-warenfetischistischen Konzepte freilich wegfegen wie dürres Herbstlaub, aber das ist wohl ein mehr als schwacher Trost.

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Eine theoretische Position, von der aus wirklich „wider den Zeitgeist“ gearbeitet wird, muß gerade – und dies wird unser „ceterum censeo“ sein – den Warenfetisch kritisch thematisieren, der nichts weiter ist, als die ökonomische Grundlage (oder das ökonomische Moment) des staatsbürgerlichen Demokratie-Fetischs, dem die Linke heute erlegen ist. Niemand wird bestreiten, daß der Marxismus der alten Arbeiterbewegung einer kritischen Aufarbeitung bedarf. Aber diese Aufgabe impliziert eine neue theoretische Zuspitzung aller kritischen Gehalte der Marx’schen Theorie, nicht ihre noch größere Abstumpfung und nicht die Rückkehr zu den bürgerlichen Idealen des 18. und 19. Jahrhunderts. Die jammervolle Regression der Linken heute besteht gerade darin, daß sie, statt einen neuen Anlauf zur radikalen Kritik von Ware und Geld zu unternehmen, angesichts der Krisenerscheinungen sich zurückflüchten möchte in eine „angemessene“, „menschliche“, „ökologische“ usw. Form der Warenproduktion, deren Möglichkeit doch unwiederbringlich verloren ist (und das ist auch gut so). Die Auseinandersetzung mit wesentlichen Positionen und Stichworten dieser ideologischen Regression bildet den Schwerpunkt dieses Heftes.

Der Beitrag von Udo WINKEL dokumentiert den Rückzug der akademischen Linken in den bürgerlichen Wissenschaftspluralismus auf positivistischer Grundlage und stellt die „Krise des Marxismus“ in den historischen Rahmen der periodisch wiederkehrenden Krise des bürgerlichen Subjekts.

Robert KURZ versucht, eine ausführliche Kritik (Herrschadt der toten Dinge Teil 1) der „PRODUKTIVKRAFTKRITISCHEN“ Theorie zu leisten, wie sie in der BRD vor allem in den Positionen von Otto ULLRICH und Winfried THAA zum Ausdruck kommt, die seit Ende der 70er Jahre in ihren Publikationen eine wissenschaftliche Legitimationsgrundlage für den grün-alternativen „Abschied vom Marxismus“ zu liefern suchen.

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Robert SCHLOSSER setzt sich in seinem Beitrag vor allem anhand der heutigen Positionen von J. SCHMIERER (der als ehemaliger K-Gruppen-Häuptling wie Ch. Semler und andere in Frankfurt reuig am Katzentisch Platz nehmen durfte) mit den wiederaufgewärmten Illusionen „genossenschaftlicher“ Warenproduktion als Hebel gesellschaftlicher Veränderungen auseinander.

Die Thematik Nr. 1 der „Marxistischen Kritik“ wird fortgeführt mit einer Arbeit von Wolfgang BOGNER über die technologische und soziale Entwicklung in der DRUCKINDUSTRIE.

Wir werden den Schwerpunkt dieses Heftes in der nächsten Ausgabe weiterführen: Einige Beiträge mußten aus Platzgründen geteilt werden und werden in der nächsten Nummer fortgesetzt. Hinzukommen sollen für die Nr. 3 ein Grundsatzartikel über die „neuen sozialen Bewegungen“, eine Kritik an André GORZ und eine weitere Arbeit zur Kritik der Produktivkraftkritiker, die sich auf das bekannte Buch von H. BRAVERMAN über den modernen Produktionsprozeß bezieht.

Wir bitten die Leser für die lange Pause bis zum Erscheinen dieses Heftes um Entschuldigung und versprechen, die Nr. 3 der „Marxistischen Kritik“ in kürzerer Folge herauszubringen (ca. März/April 1987), auch wenn wir noch lange nicht an ein festes, regelmäßiges Erscheinen denken können.

Dezember 1986 DIE REDAKTION