31.12.1986  Beitrag drucken

Schwarze Kunst und neue Technik

Veränderung der Klassenstruktur durch die Anwendung der Mikroelektronik am Beispiel der Druckindustrie

[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe]

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Wolfgang Bogner

„In den 90er Jahren dürfte der 1 Gbit-Chip praxisreif sein, der über ein Speichervolumen verfügt, das 75.000 Schreibmaschinenseiten entspricht oder 130 Millionen Zeichen; dies ist das Volumen von 700 Taschenbüchern. 700 Taschenbücher gespeichert in einem Chip, der 1 Quadratzentimeter groß ist!“ (PERSPEKTIVEN 2 der wirtschaftlichen und technischen Entwicklung in Druckindustrie, Papierverarbeitung und Medien, Heft 43, Schriftenreihe der IG Druck und Papier, Stuttgart 1986).

„Wir haben eine Schlacht, aber nicht den Krieg verloren“, kommentierte Peter Heathfield (Generalsekretär der britischen Bergarbeitergesellschaft, NUM) noch zweckoptimistisch am 09. März 1985 die Niederlage der Miners nach etwa einjährigem Streik.

Gut ein Jahr danach stehen arbeitslose Kumpels aus der ehemals so kämpferischen Region Kent, wo seit Streikende etliche Pütts dichtgemacht wurden, wieder Arm in Arm mit einer anderen, ebenfalls kämpferischen und traditionellen Bastion der britischen Gewerkschaftsbewegung in der „picket line“. Diesmal mit Druckern, Setzern und anderen Verlagsbeschäftigten aus der Londoner Fleet Street. Rupert Murdoch („die Mörderbiene“), ein mit allen Wassern gewaschener Verleger, hat die Bastion sozusagen im Handstreich genommen.

Etwa 5.000-6.000 Beschäftigte von NEWS INTERNATIONAL, Herausgeber von THE SUN, NEWS OF THE WORLD, TIMES und SUNDAY TIMES, sind seit dem 24. Januar 1986 im Streik. Aber diese 5.000-6.000 sind nicht nur im Streik, sie sind durch Thatchers Antigewerkschaftsgesetze auch inzwischen alle arbeitslos. Währenddessen werden im Londoner Vorort Wapping, wo Murdoch ein neues Druckzentrum bauen ließ, alle vier Zeitungen mit ca. 600 Beschäftigten produziert.

Neben etlichen Journalisten (die dem Aufruf ihrer Gewerkschaft zum Solidaritätsstreik weitgehend nicht gefolgt waren, sowie durch kräftige Lohnerhöhungen regelrecht bestochen wurden)

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sorgte was ganz anderes für Überraschung: Mitglieder der auf ausdrückliche Klassenzusammenarbeit eingeschworenen Elektriker(!)gewerkschaft EETPU und andere Angeheuerte, produzieren Nacht für Nacht die o.g. Blätter. Was soll damit einleitend ausgesagt werden?

1. Der besonders im Druckgewerbe, und hier speziell im Bereich der Satzherstellung, ausgeprägte Berufsstolz und die unerschütterliche Überzeugung der Fleet Street-Drucker und -Setzer praktisch unersetzlich und mittels ihrer Gewerkschaften ein nicht zu übergehender Faktor zu sein, wurde nachhaltig erschüttert.

2. Die Streikbruchproduktion wurde und wird von einem Personal getätigt, welches (mit Ausnahme der Redakteure) berufsfremd und durch einige Monate (geheimgehaltener) Schulung an den neu installierten Produktionsmitteln jedenfalls Nacht für Nacht in der Lage ist, die Produktion zu fahren. Technisches Kernstück in Wapping ist ein elektronisches Textsystem der US-amerikanischen Firma ATEX (einer Kodak-Tochter), mit dem die Redakteure den Text druckreif eingeben. Möglicherweise gestalten sie über Bildschirm bereits die komplette Seite (Darüber sind bis jetzt keine Details bekannt geworden). Der Rest der Produktion wird nach Aussagen der NGA (= National Graphical Association) mit herkömmlichen Mitteln, also ohne Spitzentechnologie, bewältigt. Hieran zeigt sich, daß praktisch eine ganze Berufsgruppe, besonders die Setzer, dafür gar nicht mehr notwendig wären. Jedenfalls nicht in der Masse, wie sie in der Fleet-Street beschäftigt waren.

3. Murdochs Handstreich wird trotzdem kein Vorbild für andere Verleger sein. Die rauhbeinige Gangart Murdochs, mit der er dachte „kurzen Prozeß“ machen zu können, ist doch nicht so ganz aufgegangen. Jedenfalls gelang es den grafischen Gewerkschaften aus der Defensive zu kommen und in der sog. öffentlichen Meinung Sympathie für ihr Vorgehen zu finden. Da die Wirkungslosigkeit des Streiks offensichtlich ist, sind Auslieferungsboykotte, Demonstrationen und vor allem der Aufruf zum Kaufboykott der vier Blätter die hauptsächlichen Kampfformen. Der Verkauf des Massenblattes SUN soll bereits von 4 auf 2 1/2 Millionen gesunken sein (druck und papier Nr. 21/86).

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Aber immerhin planen alle anderen Verleger der Fleet Street in den nächsten Jahren den Umzug in neue Druckzentren und verhandeln gegenwärtig mit den Gewerkschaften über die Einführung neuer, besonders rechnergesteuerter Satzeingabesysteme. In diesen Verhandlungen sind die Gewerkschaften zu weitgehenden Zugeständnissen bereit. Personalabbau von 30-40 %, Umschulungen, Lohnkürzungen etc. sind kein Thema mehr.

4. Am Beispiel von NEWS INTERNATIONAL präsentiert sich ein Paradebeispiel für den Niedergang einer traditionsreichen Arbeiterbewegung, die jetzt nur noch retten kann, was zu retten ist. Das über Jahrzehnte lang konservierte Wissen um den besonderen Produktionsablauf auf Seiten der Arbeiter und das ebenfalls zurückhaltende Interesse der Verleger, sich in den konkreten Ablauf der Produktion einzumischen, hatte zu einer Vormachtstellung von Gewerkschaft und Arbeitskraft geführt, welche sich schon sehen lassen konnte: Entlassungen und Einstellungen in den Zeitungsdruckereien der Fleet Street entschied letztendlich nicht das Management, sondern die Gewerkschaft. Ebenso die Installation neuer Technologie, die weitgehend auf Ablehnung stieß. In der Fleet Street wird immer noch im Bleisatz gesetzt und darauf aufbauend gedruckt. Während in sonstigen Druckereien längst Satzcomputer stehen. „…die Löhne sind wahrscheinlich die höchsten in Europa, ein Setzer verdient bei einer 4-Tage-Woche, 7,5 Std.-Schicht und 6 Wochen Urlaub durchschnittlich 500 Pfund (= 1.600.– DM) pro Woche und selbst die Angelernten gehen mit 300 Pfund nach Hause; …“ (express, 4/86).

5. Der Coup R. Murdochs geht natürlich weiter, als nur um einen Streit über die Einführung neuer Produktionstechnologie. Die Technik wird hier nur konsequent als „Kampfmittel des Kapitals“ (K. Marx) eingesetzt, um die errungenen Positionen zu zerbrechen.

Aber kehren wir zurück zur eigentlichen Thematik, den Veränderungen in der Klassenstruktur am Beispiel der Druckindustrie. Der kurze Ausflug in die Produktionswelt der Fleet Street sollte nur veranschaulichen, wie schnell es die alte Arbeiterbewegung treffen kann, wenn man sich in seinem Facharbeiterstolz gut eingeigelt glaubte und sozusagen über Nacht zur Reservearmee abqualifiziert wird. Und die alten Kampfmittel, so wird zähneknirschend erfahren, erweisen sich ebenfalls als stumpf!

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Kurzporträt der bundesdeutschen Druckindustrie

Die Druckindustrie gehört zur Gruppe der Verbrauchsgüterindustrie. Gemessen am Anteil der Beschäftigten im Vergleich zur Gesamtindustrie arbeiteten dort Ende der 70er Jahre lediglich 2,5%. Vom Gesamtumsatz der Industrie entfielen auf die Druckindustrie 1980 ca. 20,7 Mill. DM, das entspricht 1,8%.

Die Druckindustrie ist immer noch ein Produktionszweig mit relativ hoher Arbeitsintensität. Der überproportionale hohe Anteil der Löhne und Gehälter bestätigt dies. Die Lohnquote liegt mit 28,7% über dem gesamtindustriellen Durchschnitt von 21,5%. Dies ist jedoch nicht nur der hohen Arbeitsintensität geschuldet, sondern auch der spezifischen Beschäftigtenstruktur, dem hohen Anteil insbesondere an Facharbeitern.

Die ökonomische Bedeutung der Druckindustrie ist durch o.g. Zahlenwerte als gering im Rahmen der bundesdeutschen Industrie zu veranschlagen. Die besondere Bedeutung ist eher durch ihre Rolle als Hersteller von gedruckten Informationsträgern zu bestimmen. Stockungen des laufenden Produktionsprozesses (etwa durch einen Arbeitskampf) schlagen sich unmittelbar (wenigstens bis vor kurzem noch) nieder: Es gibt halt keine Zeitung oder Zeitschriften. 1978 und 1984, als in der Druckindustrie Arbeitskämpfe stattfanden, dürfte dem „interessierten Publikum“ soviel klar geworden sein, daß sich „Drucker und Setzer gegen die Folgen der neuen Techniken wehren“.

Tatsächlich ist die „Arbeitsplatzvernichtung“ ein hervorstechendes Erscheinungsbild der Branche. Von 1970 (Höchststand der Beschäftigten) bis 1984 betrug der Verlust rund 62.000 oder satte 27%.

Abbildung 1: Beschäftigte in der Druckindustrie

(Quelle: Daten, Fakten, Entwicklungen Nr.2, IG Druck u.Papier, Stgt 1986)

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SPD-Rau konnte deshalb den Delegierten des kürzlich stattgefundenen 14. ordentlichen Gewerkschaftstages in Essen auch bescheinigen: „Das Bild hat sich verändert wie sonst höchstens im Bergbau.“ (druck und papier, Nr. 22/86).

Vorreiter dieser Entwicklung waren und sind insbesondere die Mittelund in abgeschwächter Tendenz die Großbetriebe der Druckindustrie. Was in der Druckindustrie Groß-, Mittel- und Kleinbetriebe sind, einschließlich ihrer Entwicklung nach Zu- und Abnahme, zeigt nachstehende Tabelle.

Abbildung 2: Betriebsstrukturen in der Druckindustrie

(Quelle: Daten, Fakten, ….)

Strukturen und Arbeitsbedingungen in der Druckindustrie

1. Hoher Facharbeiteranteil. Er lag 1984 bei 53% an den Beschäftigten der Druckindustrie (8% höher als in der Gesamtindustrie). Allerdings mit abnehmender Tendenz.

2. Wachsender Anteil von Angestellten. Es wird geschätzt, daß sich deren Anteil in den nächsten 10-20 Jahren auf 50% erhöhen wird. Während der Arbeiteranteil von gegenwärtig knapp 70% auf 50% abnehmen wird.

3. Der Anteil der weiblichen Beschäftigten in der Druckindustrie schwankt zwischen 33-35% seit den 60er Jahren. Langfristig rechnet man mit einer Abnahme, weil insbesondere in von Frauen stark dominier-

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ten Bereichen erhebliche Rationalisierungen abzusehen sind (Weiterverarbeitung und Repro).

4. Teilzeitarbeit. 1984 waren 9% der Beschäftigten in Teilzeitarbeitarbeitsverhältnissen beschäftigt. Das sind doppelt soviele wie in der Gesamtindustrie. Überwiegend werden diese Jobs von Frauen erledigt.

5. „Junge Olympiateams“ könnte man die Fachkräfte der Druckindustrie nennen. Die Altersklassen zwischen 25 und 39 Jahren sind überdurchschnittlich vertreten. Die über 45jährigen sind im Vergleich mit anderen Berufen erheblich niedriger vertreten. Die besonderen Arbeitsbedingungen verlangen ihren besonderen Tribut: Ein Drittel aller Beschäftigten stirbt bereits während der Zeit der Erwerbstätigkeit.

6. Schichtarbeit. Was Schicht und insbesondere, dauernde Nachtschicht für Nachteile bringt, ist hinlänglich bekannt. Die Ausweitung der Schichtarbeit ist für die westdeutsche Ökonomie bekannt. Sie nimmt aber auch über das hohe Maß, welches in der Druckindustrie herrscht und produktionsspezifisch „begründet“ (Zeitung) wird, weiter zu. In Druckbetrieben arbeiten 72% in Schichtarbeit, 52% davon regelmäßig. In Nachtschicht arbeiten 3l% der Betriebe.

(Quelle: Alle Angaben der Ziffern 1-6 sind entnommen der Broschüre PERSPEKTIVEN 2, Herausgg. vom HV der IG Druck und Papier, Stgt.1986).)

7. Struktur der gewerblichen Beschäftigten

Abbildung 3: Struktur der gewerblichen Beschäftigten

(Quelle:Ökonomisch-Technische Entwicklung und Auswirkungen auf die Beschäftigten in der Druckindustrie und bei Presseverlagen o.O.o.J.)

Die abgebildete Tabelle veranschaulicht das Verhältnis Fach- und Hilfsarbeiter in den verschiedenen Produktionsbereichen der Druckindustrie.

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Der Anteil von Hilfsarbeitertätigkeit ist dort groß, wo weitgehend maschinelle Produktion vorherrscht. Wir werden auf diese Tabelle zurückkommen, bei der Besprechung von EDV-gestützter Produktion für den Bereich Satz und Druckformherstellung. Das oben dargestellte Kurzportrait der Druckindustrie soll hier vorerst abgebrochen werden.

Es soll nunmehr um die genauere Darstellung der Veränderung im Produktionsprozeß nebst Auswirkungen auf die Unterordnung der Arbeitskraft unter das Kapital gehen.

Der von Ernst Lohoff in der Nr. 1 der MARXISTISCHEN KRITIK entwickelte Ansatz scheint mir dazu brauchbar zu sein, wenn er u.a. schreibt:

„Die Geschichte der Arbeiterbewegung ist erst einmal und wesentlich die Geschichte der Klasse und ihrer Segmente im kapitalistischen Produktionsprozeß und zu ihm.“ (S.57).

Für die Unterordnung der Arbeitskraft unter das Kapital im Druckbereich ist dies auch tatsächlich gesondert darzustellen. Ich beschränke mich dabei hauptsächlich auf die Entwicklung in der Zeitungsherstellung. Sie ist relativ typisch für den Produktionsablauf der Druckindustrie (a: Vorbereitung und Erstellung der Druckvorlage; b: Umsetzung der Druckvorlage in die Druckform; c: Druckvorgang; d: Weiterverarbeitung/Versand/Verteilung) und bietet unter der Besonderheit der raschen Verarbeitung und Herstellung am anschaulichsten Material für die zu verhandelnde Thematik.

Der lange Weg zur reellen Subsumtion

Betrachtet man die Kategorien der formellen und reellen Subsumtion (Unterordnung) der Arbeit unter das Kapital am Beispiel des Buchdrucks (ich verwende den Begriff Buchdruck synonym für das ganze Gewerbe, also Schriftguß/Schriftsatz/Druck, wie er historisch bis zum Ende der Weimarer Republik üblich war. Der gewerkschaftliche Zusammenschluß lautete ebenfalls ‚Verband der Buchdrucker‘ und umfaßte obige Kategorien, jedenfalls die absolute Mehrheit), so fallen seine Besonderheiten ins Auge.

Der Buchdruck ist kein Zweig der Produktion, den das Kapital sozusagen vorfindet. Er entwickelt sich selbst erst spät als „hochentwickel-

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te und hochspezialisierte Zunft“. Er wird überhaupt erst spät zur Zunft und zeichnet sich auch dann noch lange durch Exklusivität aus. Seine Urzelle ist der Ein-Mann-Betrieb, der universelle Kenntnisse vom Büttenschöpfen (Papierherstellung) bis zum Preßdruck vereinigt.

Erst Gutenbergs neues System (die fälschlicherweise genannte Erfindung des Buchdrucks um 1440), welches die Mechanisierung der Bücherherstellung und -vervielfältigung zu erschwinglichen Preisen ermöglichte, hebelte den Universalarbeiter langsam aus. Gutenbergs System hat als Folge eine erste Arbeitsteilung und die Grundlage für die Manufaktur geschaffen.

Abbildung 4: Arbeitsteilung beim Buchdruck

(Quelle: Hans-Jürgen Wolf, SCHWARZE KUNST, Ffm, 1981)

Die bis dahin geschaffenen Berufe oder Handwerke werden aber im Fortlauf nicht mehr wesentlich tangiert. Gut 300 Jahre wird in der Art Gutenbergs weitergesetzt und -gedruckt. Dann erst schert sozusagen der Druck aus. Aber die Satzherstellung bleibt davon unberührt. Dabei ist hervorzuheben, daß die „Gleichgültigkeit“ gegenüber dem Inhalt und den Ergebnissen der Arbeit bei den Beschäftigten der schwarzen Kunst nicht vorherrschend ist. Orthographische und typographische Kenntnisse sind die Voraussetzung für ihren Beruf. Die Besonderheit des Produkts verleiht der dort beschäftigten Arbeitskraft Anerkennung. Er muß Lesen und Schreiben können. Lange Zeitein besonderes Privileg.

Die zweite Welle der industriellen Revolution, die sich auf Kohle, Eisen und Stahl stützt, zieht den Druck in seine Entwicklung. Die aufsteigende Maschinenbauindustrie verändert das Arbeitsmittel Druckmaschine selbst und hat eine Veränderung der Produktionsweise zur Folge. Hier können manuelle Fertigkeiten am besten an die Maschine übertragen werden. (Beispielsweise die per Hand geleistete Zu- und Abführung der Druckbogen, die Ersetzung des Preßvorgangs durch körperliche Kraftanstrengung an die Maschine und dann weiter auf rotierende Zylin-

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der). 1812 gelingt der Bau der ersten Schnellpresse. 1814 wird erstmals die TIMES auf solchen Schnellpressen mittels Dampfantrieb gedruckt. 1865 wird in den USA die erste Rotationsmaschine mit Papierrolle, statt Druckbogen, gebaut.

Hier gelingt dem Druckkapital ansatzweise der Übergang von der formellen zur reellen Subsumtion. All die besonderen Fertigkeiten des Druckens aus der handwerklichen Fertigung, die enge Verbundenheit mit der Handpresse, werden nun Stück für Stück auf die Maschine übertragen. Die Unvollkommenheit der Maschinerie freilich beläßt den ausgebildeten Drucker an seinem Posten. Er führt die letztendliche Oberaufsicht über die Maschine, nebst Begutachtung der Druckqualität. Aber technische Störungen kann er in größerem Umfang nicht mehr beheben. Dazu ist ein anderer Spezialist, beispielsweise ein Schlosser, notwendig. Aber dem Drucker zur Seite gestellt sind schon eine ganze Reihe von Hilfskräften, die keine Fachausbildung mehr benötigen, geschweige denn Lesen und Schreiben können.

Nicht so im Satz! Um die Jahrhundertwende kommen auf einen Drucker immer noch sechs Setzer. Was im Satz „draufgezahlt“ werden muß, kann nun im Druck „herausgeholt“ werden. Die Konstruktion einer leistungsfähigen Setzmaschine gelingt erstmals 1886 in den USA. Allerdings oder immerhin, war damit vorerst nur der sogenannte „glatte“ oder Mengensatz in den Griff zu bekommen. Die sogenannte „Akzidenzen“ (also alles, was nicht Zeile für Zeile ein fortlaufend Gleiches ist), lag weiter wie bisher in der Entscheidung des Handsetzers und seiner Fachqualifikation. Für das sich enorm ausbreitende Zeitungswesen um diese Zeit aber ein wichtiger Fortschritt. (1.500 Buchstaben pro Stunde brachte ein guter Handsetzer im Winkelhaken unter. Durch die neu entwickelte Setzmaschine konnte diese Leistung auf 5.000 Zeichen und später, nach Konstruktionsverbesserungen, auf 6.000-7.000 Zeichen gesteigert werden).

Befürchtungen des alten Setzerhandwerks um die Zukunft des Berufsstandes erwiesen sich als unbegründet, nachdem der „eiserne Kollege“ gezähmt war. Die Steigerung der Arbeitsproduktivität wurde durch einen erheblichen Produktionszuwachs ausgeglichen. Ferner konnte um die Jahrhundertwende ein Tarifvertrag ausgehandelt werden, wonach nur Angehörige dieser Berufsgruppe an den neuen Maschinen beschäftigt werden durften. Eine Forderung, die die Drucker nie durchsetzen konnten. Danach wechselten etliche Handsetzer zum Maschinensatz über und wurden noch durch neue technische Qualifikationsmomente (Wartung und Beherrschung der Maschine) aufgewertet.

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Klassenmäßig hatte dieser technische Vorwärtsschritt trotz der Mechanisierung auf die Struktur der Arbeit sogar zu einer Besserstellung geführt. Die Maschinensetzer wurden im Laufe der gewerkschaftlichen Entwicklung zu den Schrittmachern der Branche, überrepräsentiert in allen gewerkschaftlichen Gremien. Politisch-ideologisch immer am rechten Flügel der Sozialdemokratie angesiedelt und auf Klassenzusammenarbeit eingeschworen. Radikal nur dann, wenn ihre Privilegien tangiert wurden. Denn sie waren sich bewußt, stellten sie die Maschinen ab, lag die Branche weitgehend darnieder.

War der produktionstechnische Vorteil der Setzmaschine aber erst einmal errungen, war klar, daß die Entwicklung nicht stehen bleiben würde. Gerade die Zeitungsproduktion, die an einen höchstmöglichen Aktualitätsgrad gebunden ist, konnte mit dem Maschinensatz nicht zufrieden sein und auch gar nicht mit der stillen (und gelegentlich auch offenen) „Erpressung“, die von den Maschinensetzern selbst ausging.

„Einer weiteren Erhöhung der Setzmaschinenleistung schien durch die manuelle Bedienung der Tastatur eine natürliche Grenze gesetzt. Eine Lösung eröffnete die schon in den 20er Jahren entwickelte Idee, die Arbeitsgänge Tasten und Gießen an der Setzmaschine zu trennen. Der Schreibvorgang sollte nicht mehr an der Maschine selbst erfolgen. Bei dem auf dieser Grundüberlegung basierenden Teletypesetter-System (TTS), wird der Text auf Perforatoren in Lochstreifen gestanzt (später auch auf Magnetband) geschrieben, die dann die vollautomatische Steuerung der Setzmaschine übernahm. So konnte die volle Leistungsfähigkeit der Setzmaschine ausgenutzt und eine Setzleistung von 20.000 bis zu 25.000 Zeichen pro Stunde erzielt werden.“ (S. Weischenberg, Die elektronische Redaktion, München 1978).

Diese Höchstleistung erreichte das TTS-System in Kombination mit Satzrechnern. Unter vorgegebenen, logischen Regeln der Datenspeicherung und der Programmierfähigkeit erwies sich der elektronische Digitalrechner als ein Mittel, mit dem sich routinisierte geistige Funktionen im Arbeitsprozeß technisieren ließen. In dieser letzten Stufe, in der immer noch auf Bleibasis gearbeitet wurde, konnten nun die restlichen verbliebenen geistigen Tätigkeitsmerkmale wie Silbentrennung und Zeilenausschluß vom Satzrechner übernommen werden. Was blieb, war das fortlaufende Betippen eines Lochstreifens. Damit war de facto keine sonderliche Qualifikation im überkommenen Sinn mehr nötig. Außer die einfache Bedienung der Tastatur. Ab diesem Zeitpunkt begann die schrittweise Liquidierung der Maschinensetzer. Ein Problem bestand aber darin, genügend Arbeitskräfte für die sich schnell ausbreitende Technik zu bekommen. Was lag näher, als einfache Stenotypistinnen anzulernen?

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Im April 1959 wurde eine Tarifierung erreicht, worin vereinbart wurde, daß eine Fachkraft der Druckindustrie 225 Anschläge und ein(e) Berufsfremde(r) 280 Anschläge in der Minute zu erbringen hatte. Gleichzeitig wurde durchgesetzt, daß auch den fachfremden Schreibkräften am Perforator der Maschinensetzerlohn zu zahlen sei. Die Verteuerung der Arbeitskraft sollte den Einsatz von fachfremdem Personal bremsen und die betriebliche Stellung des Maschinensetzers absichern.

„Dennoch gab es erhebliche Probleme, Handsetzer für diese Tätigkeit zu gewinnen. Offensichtlich bevorzugten viele Schriftsetzer weiterhin die Tätigkeit im Handsatz gegenüber der stupiden Arbeit an den Perforatoren, obwohl ein Überwechseln mit einem Lohnzuschlag von 20% verbunden gewesen wäre. Von den Perforatorsetzern waren im Jahre 1962 ca. 50% ausgebildete Schriftsetzer, der Rest Stenotypistinnen.“ (Reister, Profite gegen Bleisatz, Berlin 1980).

Technikgeschichtlich ist dies der Stand Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre. Ökonomisch stand die Druckindustrie zu diesem Zeitpunkt aber auf wackeligen Füßen, oder genauer, die Akkumulation geriet ins Stocken. Trotz vorübergehender Einsparungen durch die Einführung von TTS u.a. Verfahren, war die Arbeitsproduktivität geringer als im gesamtindustriellen Durchschnitt. Die Lohn- und Gehaltssumme überproportional hoch.

Mit einem offensiven und umfassenden Rationalisierungsprozeß versuchte das Druckkapital zu Beginn der 70er Jahre wieder in die Offensive zu kommen. Eine erste Welle brachte Entlassungen, Verringerung von Löhnen und Sozialleistungen, Ökonomisierung und Intensivierung der Arbeit. 1978 wurde ein Tiefststand der Beschäftigten in der Druckindustrie seit 1970 erreicht.

Eine zweite Welle brachte die Umstrukturierung der Branche durch Konzentration und Arbeitsteilung auf der Grundlage neuer Technologie. Haupteinsatzgebiet für die neue Technologie war die Satzherstellung. Der entscheidende Schritt war der Fotosatz.

„Diese Maschinen stellen nicht nur ein neues technisches Gerät dar, sondern hierbei handelt es sich um eine völlig neue Technologie, die als Wandel von der heißen zur kalten Satzherstellung charakterisiert wird. Die mechanische Funktionsweise ist durch die Lichtsatztechnik (elektronische Impulse) überwunden.“ (Reister).

Technische Glanzleistung auf diesem Gebiet, die vor allem für Zeitungs- und Zeitschriftenbetriebe von Bedeutung war, ist das rechnergesteuerte Textsystem.

„Unter rechnergesteuertem Textsystem versteht man die Zusammenfassung aller Arbeitsgänge im Fotosatz in einem Geräteverbund, bestehend aus dem Satzrechner mit Massenspeicherung, der Fotosetzmaschine

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sowie weiteren Periphergeräten (Bildschirm, etc.).“ (Reister).

Durch solche Textverarbeitungsmaschinen werden die routinisierten handwerklichen und geistigen Funktionen technisiert.

„Die wesentliche Steigerung der Arbeitsproduktivität ergibt sich aus der Möglichkeit der direkten und einmaligen Erfassung und Bearbeitung der Daten und Texte an ihrem Ursprungsort über Bildschirm – oder andere One-line-Erfassungsgeräte. D.h. alle Daten und Texte brauchen nicht mehr wie bisher nochmals in einer gesonderten Produktionsstufe geschrieben bzw. gesetzt oder bearbeitet werden. um die Druckvorlage zu ermöglichen. Sie sind, einmal in das Textverarbeitungssystem eingegeben, für weitere Bearbeitungs- und Verarbeitungsvorgänge verfügbar: (…) Im traditionellen Fertigungsablauf waren die einzelnen Arbeitsstufen aufeinander aufgebaut und durch materielle Zwischenprodukte (Manuskripte, Lochstreifen, Bleisatz, Korrekturfahnen, Klischees) verbunden. Diese bisher relativ abgeschlossenen Arbeitsstufen, die ihren organisatorischen Ausdruck in der Abteilungsstruktur fanden, werden jetzt aufgelöst. Die Arbeitsstufen und -tätigkeiten werden fließender. Auch der Charakter der Arbeit verändert sich. Die formgebende Tätigkeit, die direkte Arbeit am Produkt bzw. Zwischen- und Teilprodukten wird nun in der technischen Anlage zusammengefaßt und durch elektronische Prozesse ersetzt. Das Textverarbeitungssystem hat die materielle Produktion bis zum Endpunkt der Druckvorlage übernommen. Der Zusammenhang der Arbeitsgänge und die Beziehung der vor- und nebengelagerten menschlichen Tätigkeiten untereinander sind über das technische System vermittelt. Koordination und Kontrolle der auf die im System ablaufenden Prozesse bezogenen Tätigkeiten an den Einzelarbeitsplätzen obliegen einer zentralen Dispositionsabteilung. Waren bisher den vielen einzelnen Aufgaben und Verantwortungsbereichen der Satzherstellung im Rahmen des Produktionsplans breitere Entscheidungs- und Improvisationsspielräume gegeben, so erfolgt mit der Umstellung eine Zusammenlegung von Teilbereichen, eine straffere Organisation der Produktion und eine Zentralisierung der Produktionsplanung, -steuerung und -sicherung.“ (Fietzek/Weber-Deutschmann. Zur Entwicklung der qualitativen Tarifpolitik der IG DruPa. Berlin 1984).

Abbildung 5: Konventionelle Technik – Neue Technik

(Quelle: Siegfried Weischenberg, Die elektronische Redaktion. Publizistische Folgen der Neuen Technik, München 1978.

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Der oben etwas ausführlich geschilderte Einbruch der EDV-gestützten Produktion am Beispiel der Satzherstellung ist natürlich nicht der einzige Bereich in der Druckindustrie, wo dies vollzogen wurde. Kein Bereich ist davon inzwischen ausgenommen. Nur Tempo und Umfang variieren. Das Beispiel der Setzer wurde gewählt, weil sie über lange Zeit hinweg die Kadertruppe der Druckindustrie stellten. Diese Rolle haben heute unzweifelhaft die Drucker übernommen. Allerdings unter ganz anderen Bedingungen, wie sie die Setzer historisch errungen und lange verteidigen konnten. Der 1984er Streik hat ihre Streikteilnahme als nicht mehr wesentlich ins Gewicht fallend gezeigt. Mit den oben beschriebenen Satzsystemen war durch Redakteure, Büroschreibkräfte einschließlich Meistern/Vorarbeitern zwar keine komplette Satz- und Anzeigenverarbeitung zu schaffen, aber doch oftmals 12-16seitige „Notausgaben“ (die diesen Namen schon gar nicht mehr verdienen), während man sich früher bei einem Streik damit begnügen mußte, maschinenschriftliche Aushänge in den Zeitungsvitrinen anzubieten.

Entscheidend ist heute der Druck geworden. Eine Zeitungsrotation mit Unterbesetzung anlaufen zu lassen, bekam das Kapital noch in den Griff. Einen STERN oder SPIEGEL im Tiefdruck in Gang zu setzen, jedoch noch nicht. Aber bekanntlich ist 1984 kein SPIEGEL, kein STERN oder sonst eine dieser Zeitschriften jemals ausgefallen. Dank der sogenannten „flexiblen Kampftaktik“.

Freilich ist es nicht so, daß die Gruppe der Setzer praktisch über Nacht aus der Druckindustrie verschwunden wäre. Womöglich die letzte Schlacht dürfte 1978 mit der Tarifierung der rechnergesteuerten Systeme gelaufen sein. (Erzwungen durch Arbeitskampf). Ergebnis war wiederum die Vereinbarung, daß die neuen Arbeitsplätze den ehemaligen Maschinensetzern vorrangig zustehen. Allerdings wurde ihr Status in Angestellte umgewandelt und die Arbeitsplatzgarantie nicht ins Blaue hinein gesichert. Der Tarifvertrag sieht vor, daß die Schriftsetzer für acht Jahre ein Vorrecht auf die Besetzung der neuen Arbeitsplätze in der Textverarbeitung haben. Die Besetzungsregelung gilt für einen Zeitraum von acht Jahren nach der Umstellung, mindestens bis 1986 und längstenfalls – wenn die Umstellung 1988 erfolgt – bis zum Jahre 1996 (§ 20 RTS-Tarif).

Noch ein weiteres Folgeproblem der rechnergesteuerten Satzsysteme wurde mit dem neuen Tarifvertrag äußerst vage umschrieben: Die Arbeit der Redakteure an den Bildschirmen. Mit den rechnergesteuerten Satzsystemen war natürlich klar, daß diese nicht nur die Arbeitsplätze und -bedingungen der Setzer betraf. Hier konnte ein weitverzweigtes Netz

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von Eingabestationen errichtet werden. Außenredaktionen, Nachrichtenagenturen, Anzeigenschalter, die Redaktionen in den Verlagsgebäuden – alle geben ihre Texte und Daten ein.

Die Textverarbeitung durch die Redakteure regelt der § 15 des RTS-Tarifs. Dort wird dem einzelnen Redakteur die Entscheidung zugeschoben, ob er an dem rechnergesteuerten Textsystem arbeiten will oder nicht. Weigert er sich jedoch, oder ist er gesundheitlich zu einer solchen Arbeit nicht in der Lage und kann der Verlag nachweisen, „daß ihm ein entsprechender Arbeitsplatz nicht zur Verfügung gestellt werden kann“ (§ 16), so ist eine Entlassung zulässig. Die Angst vor dem drohenden Arbeitsplatzverlust wird die Bereitschaft der Redakteure zur Bildschirmarbeit zwangsläufig entstehen lassen.

Die Auswirkungen der elektronischen Satzherstellung sind aber nicht nur für die unmittelbaren Produzenten (z.B. der Setzer) spürbar. Die Redakteure selbst sind mehr und mehr einer Arbeitsteilung unterworfen. So schreibt die IG Druck und Papier in einer Untersuchung mit dem Titel: „Ökonomisch-technische Entwicklung und Auswirkungen auf die Beschäftigten in der Druckindustrie und bei Presseverlagen“:

„Die neue Technik hat für die Redakteure zu einer Aufgabenerweiterung geführt. Sie müssen zusätzlich zu ihrer journalistischen Arbeit technische Aufgaben übernehmen, wie die Eingabe von Satzanweisungen und die Korrektur am Bildschirm. In einigen Verlagen wurde die Abteilung Textkorrektur abgeschafft, ihre Aufgaben müssen die Redakteure mit übernehmen. Ihnen wird damit zusätzlich Verantwortung aufgebürdet.

Die Erweiterung des Aufgabenfeldes bringt die Redakteure unter Zeitdruck. Das hat zur Folge: Es wird weniger vor Ort recherchiert, die Neigung zur Übernahme vorgefertigter Agentur-Meldungen wächst.

Bisher kann keine Rede davon sein, daß die neue Technik den Redakteuren mehr Zeit für journalistische „Kreativität“ – ein in diesem Zusammenhang gern gebrauchter Begriff – läßt. Im Gegenteil, die neue Technik hat mehr Zwänge gebracht als alte abgebaut. Die Zunahme der technischen Aufgaben bedeutet eine Beschneidung der inhaltlichen Arbeit und damit die Gefahr der Dequalifizierung, die durch einige neu erworbene und meist bruchstückhafte Kenntnisse des technischen Systems nicht aufgefangen wird.

Daneben ist der Trend zur Aufsplitterung journalistischer Tätigkeiten zu beobachten. Die einen recherchieren und schreiben wie bisher, die anderen üben weitgehend technische Arbeiten aus.“ (ebenda. Band 1, S.74/75).

Kurzfristig ist der Arbeitsplatzabbau im Bereich der Satzherstellung, im Vergleich zum Aderlaß der 70er Jahre etwas verlangsamt. Fluktuation und Abgänge werden dabei aber in der Regel kaum mehr ersetzt. Mittelfristig dürfte die Entwicklung auf die weitere Reduzierung dieser Gruppe hinauslaufen. Alle Paradebeispiele von Zeitungsdruckereien, die auf diversen Fachmessen und -tagungen referiert werden, berichten vom

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gänzlichen oder erheblichen Ausschalten des Satzbereichs in diesen Betrieben. Die sogenannten Textseiten werden dort dann vollständig von der Redaktion erstellt. Die Anzeigenseiten gleich am Schalter von Stenotypistinnen mittels sogenannter standardisierter Masken erledigt. Diese „Superbetriebe“ können natürlich nicht als Branchendurchschnitt verallgemeinert werden. In der Regel ist solchen Vorgängen ein rigoroses Vorgehen von Verlegerseite gegenüber der Arbeitskraft vorausgegangen, oder es sind Blätter, die neu auf den Markt gebracht werden und gleich mit den modernsten Systemen die Produktion beginnen, ohne erst groß Satzabteilungen u.ä. aufzubauen.

Die Hauptwelle der Rationalisierungen auf Basis der Mikroelektronik wird in den kommenden Jahren hauptsächlich die Bereiche Bildreproduktion und vor allem die Weiterverarbeitung treffen. Im ersteren Bereich ist noch ein großer Anteil von Facharbeitern konzentriert (1980 ca. 80%). Das Verhältnis Fachkräfte:Hilfskräfte ist in den Reproabteilungen und -betrieben 4:1. Die IG Druck und Papier rechnet mit einer Reduzierung bis in die neunziger Jahre auf 2:1.

Ähnlich wie in der Satzherstellung, war und ist die Bildreproduktion (also die Aufbereitung von Bildern jeglicher Art für den Druck durch Zerlegung der verschiedenen Ton- und Farbabstufungen mittels Raster) ein Feld ausgedehnter Facharbeitertradition (Chemigrafen, Retuscheure, Lithografen, Reprofotografen etc.).

Zwar konnte seit den 60er Jahren mit Hilfe standardisierender Hilfsgeräte eine gewisse Abkehr von der lange Zeit vorherrschenden, ausschließlich auf Berufserfahrung basierenden Produktionsweise eingeleitet werden. Aber im Kern blieb die Bildreproduktion personal-, zeit- und materialaufwendig.

Auf Basis der Computertechnologie bot sich jetzt erstmals die Chance, die gesamtindustrielle Technisierung, Standardisierung und Verwissenschaftlichung in breitem Umfang auch für die Bildreproduktion nützlich zu machen. Kernstück dieser Entwicklung waren Scanner, die zuerst die aufwendigste Reproarbeit (Erstellung von Farbreproduktionen, sowie die vor- und nachgelagerte Retusche und chemische Korrektur) standardisieren halfen. Im Scanner werden die manuellen Tätigkeiten und Arbeitsschritte eines Reprofotografen und Lithografen vereinigt und ausgeführt. Die früher durch lange Berufserfahrung gewonnene Sicherheit in der Auswahl und Beurteilung mannigfaltiger Arbeitsschritte und Hilfsmittel werden jetzt durch exakte Meß- und Kontrolldaten ersetzt, die der Scanner mittels Rechner in Belichtungs- und Korrekturbefehle umsetzt und ausführt.

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Auch für die Schwarz/Weiß-Reproduktion sind inzwischen solche Scanner entwickelt und im Einsatz.

Die Erfolge lagen einmal in der raschen Zunahme der Produktionsgeschwindigkeit. Zum zweiten in der exakten Qualität der Ergebnisse, die jederzeit wiederholbar ist und zuletzt in der Materialersparnis.

Weiterentwicklungen haben die sogenannte Elektronischen Bildverarbeitungssysteme (EBV) gebracht, wo gleich mehrere Bilder oder Dias zu einer kompletten Seite (nebst gestalterischen Sonderwünschen) an einem Bildschirm montiert werden können. Diese Arbeit muß bei den herkömmlichen Scannern noch durch manuellen Arbeitseinsatz vorgenommen werden. Weiter geht es jetzt darum, die Verbindung von Satz und Bildverarbeitung in einem integrierten elektronischen System anzubieten: Die integrierte elektronische Vorstufe!

Abbildung 6: Integrierte elektronische Vorstufe

(Quelle: Abb. aus PERSPEKTIVEN 2 …)

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Legende: Integrierte elektronische Vorstufe

Links oben: Mittels Datenfernübertragung (DFÜ) können von einem beliebigen Ort Reporter Artikel auf einem tragbaren Textcomputer eingeben und durch ein Telefon über akustische Koppelung Texte in das Redaktionssystem eingespeist werden. Ebenso können diverse Lokalredaktionen über installierte Bildschirme Artikel übertragen.

Ferner bieten Presseagenturen aufbereitete Meldungen an, die direkt übernommen werden können.

Rechts oben: Das gleiche kann mit Bildmaterial gemacht werden. Der Satlight ist ein tragbarer Scanner mit dem Dias am Ort des Geschehens mittels Datenleitung an weit entfernte Redaktionen überspielt werden können.

Elektronisches Fotografieren (Mavica) ist ein Fotoapparat, der seine Bilder nicht mehr auf Film, sondern auf einen Chip speichert. Die Weiterverarbeitung dieser Bildinformation auf EDV-Basis ist der nächste Schritt.

Darunter liegende Systeme: Die oben erstellten Texte und Bilder fließen alle im Redaktionssystem zusammen und werden abgespeichert. Einmal für den Nachrichtenteil, z.B. einer Zeitung. Hinzu tritt das Anzeigensystem, in dem alle Anzeigenaufträge gesammelt sind und das Reprosystem für alle Bildinformationen. (Als Ergänzung ist noch ein Grafiksystem angeschlossen).

Alle Teilsysteme werden nun für den Ganzseitenumbruch (= Zeitungsherstellung) abgerufen und mittels Bildschirm zu druckreifen Seiten (Text, Bilder, Grafiken und Anzeigen) aufbereitet (Elektronische Bogenmontage = Zeitschriften). Die so aufbereiteten Seiten oder „Bogen“ können nun für das jeweilige Druckverfahren auf einen Druckträger übertragen (belichtet) werden. Dann kann der Rotationsdruck einsetzen.

Für die konkrete Arbeit im Bereich der Bildreproduktion hat die Anwendung der Mikroelektronik zuerst einmal die Folge der Eliminierung zahlreicher Einzelberufe gehabt sowie die Einebnung verbliebener, deren

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konkrete Tätigkeit jedoch von der Maschinerie (meist dem Scanner) übernommen wurde. Wer die Chance hatte, an solchen Geräten ausgebildet zu werden, konnte eine besondere Art von Qualifikation erreichen, er ist jetzt ganz banal erst einmal Bediener einer Maschine, für die ihm aber seine früheren Berufserfahrungen nützlich waren. Scannerpersonal gehört mit zu den bestbezahltesten Gruppen der Druckindustrie. Wenn möglich, wurde der Rest umgeschult und für nachfolgende Montage- und Korrekturarbeiten eingesetzt. Wer da nicht mehr unterkam, hatte Pech. Die IG Druck und Papier schätzt einen Verlust von ca. 6.000 Arbeitsplätzen im Bereich Repro zwischen 1980-1985.

Dieser Abbau wird mit der weiteren Installation der o.g. EBV-Anlagen eher zunehmen. Bildreproduktion ist vor allem eine Domäne von Kleinst- und Kleinbetrieben, die vielfach für grafische Großbetriebe Aufträge erledigen. Hier dürfte das Aus etlicher Klitschen vorprogrammiert sein.

Abbildung 7: Zentrale Repro

(Quelle: druck und papier, 5/6)

Abbildung 8: 70 arbeitsplätze weniger

(Quelle: Aus einem Bericht des Betriebsrates der Tiefdruckerei Broscheck in Hamburg, druck und papier, Nr. 18/86)

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Prognosen

Relativ spät hat die Druckbranche der gesamtindustrielle Umwälzungsprozeß erreicht, dann aber umso nachhaltiger! Die Möglichkeiten der Umwälzung sind dabei noch längst nicht ausgeschöpft. Das Druckkapital will mit einer Altlast aus tarifpolitischen Erfolgen der Vergangenheit aufräumen. Dazu gehörte überhaupt erst einmal, die traditionell ausgeprägte Sozialpartnerschaft zwischen Kapital und Arbeit aufzukündigen. Dies geschah spätestens in den 70er Jahren, einseitig von Seiten des Kapitals. Was auf der anderen Seite zu einer gewissen Radikalisierung der IG Druck und Papier führte. Die für westdeutsche Verhältnisse relativ schnelle Abfolge von längeren Arbeitskämpfen ist die Widerspiegelung der in den Betrieben vorsichgehenden technologischen Veränderungen die jedesmal zur Beschneidung errungener Vorteile hinauslaufen sollte. (1976 Streik für Lohn- und Gehaltserhöhung, 1978 erstmals für Arbeitszeitverkürzung und zur Tarifierung der rechnergesteuerten Satzsysteme, 1984 nochmals AZV und neue Lohnstruktur).

Seit 1978 sind die Auseinandersetzungen aber hauptsächlich Defensivkämpfe. Der dauernde Kleinkrieg spielt sich sowieso immer zwischen Friedenspflichtphasen ab. Bis auf Veränderungen in der Produktion reagiert werden kann, um wenigstens eine tarifvertragliche Festschreibung der veränderten Wirklichkeit zu erreichen, sind meistens die Veränderungen in den Betrieben schon passiert. Dazuhin ist das Druckkapital ein Meister der Verzögerungstaktik geworden.

Vieles, was früher in der Druckbranche verpönt und „nicht standesgemäß“ erschien, hat sich langsam etabliert. In den größeren Betrieben zuerst. Typische Managements; statt der alten Stechuhr die wesentlich effektivere Methode von Personalinformationssystemen (PIS); die effektive Verfolgung der Auftragsabläufe über die Bildschirme; Rationalisierungsforschung und die Anwendung dieser Ergebnisse auf die endlich gewonnene wissenschaftlich-technische Standardisierung in der Produktion.

Die im Mai 1986 stattgefundene DRUPA-Messe in Düsseldorf, übrigens der Welt größte Fachmesse für die Druckindustrie, vermeldete eine Rekordbeteiligung an Ausstellern, Besuchern und Auftragsbestellungen(!).

Zwar wurde keine revolutionäre Neuerung an sich vorgestellt, aber endlich die serienmäßige Vollendung verschiedener Produktionsanlagen und -systeme, die bisher als noch nicht praxisnah genug und ausgereift galten.

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Der IG Druck und Papier-Hauptvorstand prognostizierte auf einer Pressekonferenz in Düsseldorf den Verlust von ca. 100.000 Arbeitsplätzen in den nächsten 15 Jahren für die Druckindustrie und die Papierverarbeitung. Beltz-Rübelmann vom Bundesverband Druck dagegen meinte: „Die Prognosen sind abenteuerlich, die Zahlen schlichtweg erfunden.“ Und: „Ich bin überzeugt, daß der Beschäftigungsstand erhalten bleibt. Dafür stehe ich!“

Jedenfalls kann nach den eingegangenen Bestellungen auf der DRUPA von einer erneuten starken Investitionsneigung ausgegangen werden, die zum Ziel hat, noch schnellere und rationellere Auftragserledigung anzubieten sowie die lebendige Arbeit weiter zu reduzieren.

Abbildung 9: Investitionstätigkeit und Lohnentwicklung Druckindustrie

(Quelle: Daten, Fakten, Entwicklungen 2 …)

Die Folge wird letztendlich eine enorme Überkapazität von Produktionsanlagen sein, die den mörderischen Konkurrenzkampf weiter zuspitzt. Die sogenannten „Marktreserven“ sind abei noch nicht ganz ausgeschöpft, siehe z.B. den Springer-Konzern. Mit der „Trägerrakete“ (so Vorstandsvorsitzender Peter Tamm) BILD konnte sich BILD DER FRAU zur Nummer 1 der Frauenpresse hinaufkatapultieren (2,4 Mill. verkaufte Auflage), ferner AUTO-BILD (1 Mill.) sowie BILDWOCHE, ein Auflagengewinner im Markt der Programmzeitschriften. Die Trägerrakete selber, also die BILD-ZEITUNG wird weiter regionalisiert und erscheint inzwischen in 24 redaktionell eigenständigen Ausgaben. Ihre Auflage liegt m.W. bei

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über 4 Mill. verkauften Exemplaren! Solche Bestrebungen sind bei den anderen Konzernen (Bauer, Burda, Gruner+Jahr) ähnlich. Im Rahmen dieser Strategie, die besonders hart im Tiefdrucksektor ausgetragen wird (Der Tiefdruck umfaßt alle die Produkte, die in Millionenauflage erscheinen und ein Mindestmaß an gedruckter Qualität aufweisen.), haben bisher zwei Konkurrenten ins Gras gebissen: In Westberlin die Tempelhofdruckerei und in München die Firma Thiemig. Der Tiefdruck-Elefant, Bauer-Druck, hatte bisher als einziger fünf Druckwerke mit der Überbreite 3 m laufen. Bis 1988 sollen 35 solcher Druckwerke installiert sein. Solche Milliardeninvestitionen müssen rund um die Uhr laufen. Nicht umsonst die Absicht des Druckkapitals, jede Chance zur Flexibilisierung der Arbeitskraft zu nutzen. Der neue Manteltarif in der Druckindustrie, dessen Kern die 38,5-Std.-Woche bildet, hat tatsächlich Neuland erbracht. Schneller als die IG DruPa hier schalten konnte, wurde den Betriebsräten die Pistole auf die Brust gesetzt; entweder Ausdehnung der Schicht – und Einführung der Samstagsarbeit (6-Tage-Woche), oder wir müssen den Laden dicht machen. Gruner+Jahr hat den ersten Einbruch erzielt! Bauer-Druck hat ähnliches verlauten lassen … Die Crux des Manteltarifvertrags besteht gerade darin, statt einheitliche Regelungen für die ganze Branche verbindlich zu machen, jedem Betrieb Sonderregelungen der AZV zuzugestehen!

Während der Bundesverband Druck den Tarifabschluß als ein „Ende der starren Arbeitszeitregelung“ feiert und die großen Betriebe vorerst (aber nicht nur!) danach verfahren, jubelte die IG DruPa den Abschluß in den Himmel, was ihr selbst in den Leserbriefspalten von „druck und papier“ herbe Kritik („Scheißdreck als Bonbon verkauft“) eintrug.

Der ersten Euphorie ist inzwischen auch in der Stuttgarter IG DruPa-Zentrale eine gewisse Ernüchterung gefolgt. Kampf der weiteren Flexibilisierung wurde als Parole ausgegeben, angesichts der alles andere als rosigen Erfahrungen bei der Umsetzung der 38,5-Std.-Woche. Hauptinhalte der 87er Tarifrunde soll deshalb der 7-Std.-Tag an 5 Arbeitstagen (Ausnahme: 3-Schichtbetriebe und Nachtarbeit) sein, weil eben die Forderung nach der 35-Std.-Woche, dies zeigte jedenfalls die 38,5-Std.-Woche, noch lange nicht den Betroffenen zugute kommen mußte. Ferner eine Sonderverkürzung der Arbeitszeit für die in 3-Schichtbetrieben Beschäftigten um 2 1/2 Stunden, weil sie bei der 38,5-Std.-Woche vielfach um ihre bis dahin bezahlten Pausen oder Überlappzeiten geprellt wurden. Und last, not least ein Tarifvertrag zur Fort- und Weiterbildung, ein bescheidener Wurmfortsatz der 1984er Forderung nach Mitbestimmung der Betriebs-

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räte bei der Einführung neuer Technologie (Vetorecht!), der aber damals sang- und klanglos auf der Strecke blieb. Also ein „hochaktueller Beitrag“ zur Umschulung der gebeutelten Straubinger, nachdem der eiserne Besen der Rationalisierung schon seit Mitte der 70er Jahre durch die Betriebe der Branche fegt. Mindestens ein ordentlicher Rationalisierungsschutz täte da eher Not!