31.12.1987  Beitrag drucken

Marxistische Kritik 3 — Editorial

[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe]

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Mit der Nr. 3 der „Marxistischen Kritik“ legen wir den zweiten Teil unserer Auseinandersetzung zum Thema „Produktivkraftkritik und theoretischer Verfall der Linken“ vor.

Die Schwierigkeiten, unseren Ansatz einer prinzipiellen Kritik der Wert-Ökonomie sowohl des westlichen wie des östlichen Typs in der linken Opposition zu vermitteln, sind nicht geringergeworden, auch wenn inzwischen immerhin einige theoretisch arbeitende Gruppen und Einzelpersonen Interesse bekundet haben. Im Ganzen aber ist die Fundamentalkritik des Geldes natürlich nach wie vor nicht gern gesehen in der Linken, obwohl wir am Vorabend einer akuten Weltkrise des Geldes stehen dürften. Auch in der vorliegenden Nummer unserer Zeitschrift dreht sich die Kritik der produktivkraftkritischen Ideologien um diesen zentralen Angelpunkt.

Während der dominierende Neo-Reformismus blauäugig und krisen-ungläubig mit der „Finanzierbarkeit“ seiner diversen Projektchen hausieren geht, hat sich andererseits ein falscher Fundamentalismus selber eng an die produktivkraftkritischen Gedanken angelehnt, statt die theoretische und praktische Kritik der Logik des Geldes zu betreiben. Dieser moralisierende Scheinradikalismus aber muß unfähig bleiben, die offen kapital-immanente reformistische Hauptströmung zu überwinden. Selbst noch die abstrakt bleibenden Parolen der „Autonomen“ gegen die Lohnarbeit entpuppen sich bei näherem Hinsehen als produktivkraftkritisch vermittelt und als blind gegenüber der Wert-Geld-Kategorie, obwohl diese real das gesellschaftliche Leben bis in die feinsten Poren hinein beherrscht. Auch für die in den neo-reformistischen Diskurs eingebundenen wenigen Vertreter des akademischen Linkssozialismus wie Altvater/Prokla, SOST etc., die wenigstens formal noch an Grundzügen einer Kritik der Politischen Ökonomie festhalten, ist offenbar mit der bloßen Kritik des „Marktes“ eine absolute begriffliche Schranke erreicht, über die hinauszudenken ihnen nicht mehr möglich ist (immerhin spielt hier auch, wir haben in der Nr. 2 der MK darauf hingewiesen, die „wissenschaftliche Reputation“ im Rahmen des positivistischen Universitätsbetriebs eine nicht zu unterschätzende Rolle). Soweit dieser akademische Noch- und Rest-Marxismus nicht schon auf ohnehin staatstreue Positionen eingeschwenkt ist, mußte er daher dem produktivkraft-kritischen Gedankengut gegenüber eher hilflos und mit matten Zugeständnissen reagieren, ebenso wie der zwischen „Fundis“ und „Realos“ eingeklemmte „Öko-Sozialismus“ innerhalb der Grünen.

Fast hat es den Anschein, als habe sich eine Art „heilige Scheu“ über die Gesamtlinke gelegt, die es ihr verbietet, sich an die konkrete Kritik der gesellschaftlichen Realkategoien von abstrakter Arbeit, Wert und Geld heranzuwagen, ohne die eine Kritik des „Marktes“verkürzt und wertfetischistisch verblendet bleiben muß. Ohne einen solchen tiefergehenden Ansatz aber ist die heutige Entwicklungsstufe der westlichen wie der östlichen Wert-Ökonomien in ihren Widersprüchen begrifflich nicht mehr erklärbar. Das Kategorien-System des

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überlieferten „Marxismus“ in allen seinen Spielarten verblaßt und hat inzwischen seine kritische Potenz endgültig verloren. Die Linke will diese Tatsachen einfach nicht wahrhaben. An einem Bein schleppt sie den verfaulten Klotz des traditionellen Arbeiterbewegungs-Marxismus mit sich herum, am anderen trägt sie gottergeben die rostigen Ketten des produktivkraftkritischen, grün-alternativen Bewegungsreformismus. Die daraus sich ergebende Gangart ist eine wenig elegante: klägliches Resultat des offenen oder auch klammheimlichen Credos, daß die Bewegung oder „Akzeptanz“ eben alles sei. Solange auf diese Weise die Linke in ihren begrifflichen Verkürzungen befangen bleibt, ängstlich den Kundgebungen des Alltagsverstandes oder gar des „Wählerwillens“ lauschend, und nicht bereit ist, zum theoretischen Befreiungsschlag gegen die Wert-Geld-Vergesellschaftung prinzipiell auszuholen, wird sie auch die Wurzel all ihrer vielbeklagten Schwierigkeiten nicht begreifen, sich in der veränderten gesellschaftlichen Landschaft zurechtzufinden und einen „transzendierenden“ politischen Ansatz zu entwickeln.

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Angesichts der vorgefundenen Bewußtseinsformen selbst in der radikalen Linken kann es kaum verwundern, daß der erste Teil unserer Auseinandersetzung mit der Produktivkraftkritik von einigen Lesern vor allem der Schwerverständlichkeit angeklagt worden ist und die darin enthaltene Grundsatzposition den meisten wohl eher als „esoterisch“ erscheint, weil sie sich an den konkretistisch verkürzten Diskurs der Linken gewöhnt haben. Es muß ja eigentlich auch buchstäblich eine neue Sprache und Begrifflichkeit der Kritik entwickelt und der „Marxismus“ in diese übersetzt werden, weil seine an die Verkürzungen der alten Arbeiterbewegung gebundene Gestalt die neuen gesellschaftlichen Probleme nicht mehr auflösen kann. Die ganzen altvertrauten Begriffe, in einem historischen Interpretations- und Verständniszusammenhang abgeschliffen und allzu glatt geworden, sehen auf einmal sehr fremdartig und scharfkantig aus.

Es ist uns klar, daß die gestellte Aufgabe auf lange Sicht nicht von wenigen Autoren einer kleinen Gruppe und deren beschränkter Diskussionsmöglichkeit bewältigt werden kann. Solange nicht wenigstens Teile der gesellschaftlichen Linken durch die Entwicklung der Verhältnisse selbst zu einer Veränderung und Erweiterung ihres Diskurses über die bisherigen engen begrifflichen Grenzen hinaus gezwungen werden, besteht leider wenig Hoffnung, daß die von uns entwickelten Gedanken rasch konkretisiert, anschaulich gemacht und „popularisiert“ werden können, ganz zu schweigen von einer Transformation in praktische gesellschaftliche Handlungsanleitung, die sich kritisch mit den fortgeschrittensten Teilen der Oppositionsbewegung vermitteln könnte. Zwischen der in bescheidenen Ansätzen begonnenen Kritik der Wert-Ökonomie und des Geldes auf der einen und den eben erst frisch „politisierten“ Menschen in den großen oppositionellen Teilbewegungen auf der anderen Seite fließt noch unüberbrückbar der breite Strom des wert- und geldfetischistischen, damit aber auch rechts- und staatsfetischistischen Denkens, in dem sich die linken akademischen Theoretiker

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als ihrem angestammten Element tummeln und die „theoretischen“ Stichworte liefern. Der Ausbruch aus diesen Denkformen kann von der theoretischen Kritik allein nicht geleistet werden. Und so müssen wir wohl noch geraume Zeit diejenigen enttäuschen, die vielleicht zu unserer Publikation greifen, weil sie sich unmittelbar einen Anstoß für die festgefahrene Bewegungspraxis erhoffen.

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Selbstkritisch wäre noch anzumerken, daß sich unsere ganze Auseinandersetzung mit den Produktivkraftkritikern, auch in der vorliegenden Nr. 3, noch nicht auf eine publizierte „positive“ Ausarbeitung der grundsätzlichen wertkritischen Position stützen und berufen kann, sodaß der „Zweifrontenkrieg“ einerseits gegen die heutige grün-alternative Produktivkraftkritik, andererseits aber auch gegen den „alten“, traditionellen Marxismus vielleicht in mancher Hinsicht als verwirrend erscheinen muß, zumindest für diejenigen, die uns wohl gern in die Schublade „überholter Revolutions-Dogmatismus“ stecken möchten. Diese Schwierigkeit läßt sich zwar beim gegenwärtigen Stand der Ausarbeitung schwer vermeiden; wir hoffen aber, daß die Grundlagen unserer Position in den nun vorliegenden Texten etwas deutlicher werden, insoweit auch die Abgrenzung von der alten Arbeiterbewegung und deren Verständnis von Produktivkräften, Produktionsverhältnissen und „Demokratie“ klarer herausgearbeitet wird.

Der zweite Teil des Artikels „Die Herrschaft der toten Dinge“ von Robert KURZ setzt zunächst die Kritik der begrifflichen Fetischisierung der Technik unter dem Aspekt der „Degradation des Arbeiters“ fort und leitet dann zu den Konsequenzen der Produktivkraftkritik über. Es geht dabei nicht nur darum, den illusionären Charakter produktivkraftkritischer Gesellschaftsreformen aufzuzeigen; vielmehr sollen auch die immanenten Bezüge zur alten Arbeiterbewegung und (besonders im letzten Abschnitt) die objektive sozialökonomische Grundlage des produktivkraftkritischen Denkens herausgearbeitet werden. Implizit ist dies auch als grundsätzliche Kritik der heute grassierenden industriesoziologischen Theoreme zu verstehen.

Ernst LOHOFF bemüht sich in seinem Artikel „Technik als Fetisch-Begriff. Über den Zusammenhang von alter Arbeiterbewegung und neuer Produktivkraftkritik“ darum, einen Bogen von den verdinglichten Bewußtseinsformen der alten Arbeiterbewegung zu den heutigen regressiven und bloß noch moralistisch begründeten Reaktionsformen in den „neuen sozialen Bewegungen“ zu schlagen. Es zeigt sich dabei, daß in beiden Fällen der zugrundeliegende Produktivkraftbegriff identisch ist und bis heute nicht überwunden wurde, den sogenannten „westlichen Marxismus“ von Lukács und Korsch eingeschlossen. „Ökosozialisten“ wie Trampert/Ebermann können so ihren unreflektierten Bewegungsmarxismus, bloß mit umgekehrten produktivkraftkritischen Vorzeichen versehen, unaufgearbeitet weiterschleppen. Das Verhältnis von arbeiterbewegtem Wachstums-Fordismus und aktueller Bedürfnis-Kritik erscheint durch diese Arbeit in einem neuen und erhellenden Licht.

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Der Beitrag „Moderne Demokratie und alte Arbeiterbewegung“ von Peter KLEIN versucht eine grundsätzliche Neubewertung der Theorien der Oktoberrevolution und des überstrapazierten Räte-Gedankens, wobei die Geschichte kapitalistischer Vergesellschaftung als Herausarbeiten des Tauschwerts zur totalen Verkehrsform den Hintergrund bildet. Vor diesem erscheinen Bolschewiki, Menschewiki und westliche Sozialdemokratie gleichermaßenund notwendig befangen in einem Prozeß, der bis tief ins 20. Jahrhundert hinein erst die ständischen Formationen samt den dazugehörigen Ideologien überwinden mußte, um die moderne Demokratie als adäquate Form kapitalistischer Versachlichung und den Arbeiter als Staatsbürger hervorzubringen. Das Spannende dabei ist, wie diese Entwicklung zeitweilig als antikapitalistisch, als proletarische Revolution und Emanzipation erscheinen konnte und gegen das soziologisch-empirische, selber in ständischem Denken befangene Bürgertum der unreifen Formationen des Kapitals durchgesetzt werden mußte. Daß und warum dabei der eigentliche (und fragmentarische) kritische Kern der Marx’schen Theorie auf der Strecke bleiben mußte, kann in diesem Zusammenhang erst klar werden. Der Beitrag liefert zunächst ein Umreißen der Fragestellung; weitere Artikel des Autors zu diesem Thema sollen in den kommenden Ausgaben der MK folgen.

Udo WINKEL setzt seine in der Nr. 2 begonnene kritische Positionsbestimmung der akademischen Linken fort mit der Vorstellung des Buches von E. Dozekal: „Von der ‚Rekonstruktion‘ der Marx’schen Theorie zur ‚Krise des Marxismus‘. Darstellung und Kritik eines Diskussionsprozesses in der BRD 1967-1984“. Dabei werden die Schwächen, aber auch die nicht eingelösten Chancen des theoretischen Werdegangs der Neuen Linken und die Gründe für die heutige staatsbürgerliche Regression ihrer akademischen Vertreter erörtert.

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Im übrigen gilt weiterhin: Kritische Auseinandersetzung ist erwünscht!

Mai 1987 DIE REDAKTION