31.12.1987  Beitrag drucken

Technik als Fetisch-Begriff

Über den Zusammenhang von alter Arbeiterbewegung und neuer Produktivkraftkritik

[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe]

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Ernst Lohoff

1. Die Verdinglichung des Produktivkraftbegriffs

Der zeitgenössischen Linken gilt das Marxsche Werk insgesamt als überholt. Der Verweis auf den Umstand, daß Marx seit mehr als hundert Jahren nicht mehr unter den Lebenden weilt, reicht ihr aus, um seinen Ansatz als nicht mehr zeitgemäß ad acta zu legen. Das gilt für alle Momente der Marxschen Theorie, allerdings in sehr unterschiedlicher Weise. Bruchstücke der Marxschen Kapitalkritik finden bis zur Unkenntlichkeit verflacht als allgemein bekannte Platitüden, über die man nicht mehr diskutieren muß, gnädige Aufnahme, die entscheidenden revolutionären Züge seiner Theorie dagegen fallen, als indiskutable philosophische Illusionen, als Überbleibsel von liberalem Fortschrittsoptimismus denunziert, erbarmungslos unter den Tisch. Während Marx als Theoretiker der kapitalistischen Entwicklung nach wie vor zumindest eine gewisse Anerkennung findet, auch wenn er einem breiteren Publikum nur mehr vom Hörensagen bekannt ist, wird der Revolutionstheoretiker Marx in Bausch und Bogen verworfen. Otto Ullrich etwa ehrt den Analytiker Marx, indem er ihn seitenlang in seinem Buch „Weltniveau“ schlecht paraphrasiert, und stellt diese selbst produzierte Vogelscheuche gegen den revolutionären Philosophen Marx: „Wo Marx aufgrund faktenorientierter Analyse Aussagen macht über die weitere Entwicklung des Kapitalismus als Kapitalismus, waren viele seiner Aussagen erstaunlich zutreffend, wie z.B. die Tendenz, lebendige Arbeit durch tote zu ersetzen oder die Tendenz der steigenden Konzentration des Kapitals. Wo jedoch Marx versuchte, aus der Entwicklung des Kapitalismus und der Industrie Voraussagen abzuleiten für die EMANZIPATION der Menschen, war er angewiesen auf seine philosophische Abstraktion, und das Ergebnis waren lauter Fehlprognosen: Die These von der vorwärtstreibenden Rolle der Arbeiterklasse, von der bevorstehenden Revolution, von der Sprengung des Kapitalverhältnisses durch die entfalteten Produktivkräfte oder vom Absterben des Staates, das alles waren keine EntwicklungsGESETZE, sondern philosophische Hypothesen, abstrahiert von Realzusammenhängen.“(1)

Als Fehlprognose par excellence gilt Ullrich in diesem Sinne das zentrale Theorem des historischen Materialismus, die Dialektik von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen. Wenn Marx schreibt: „Die Entwicklung der Produktivkräfte der gesellschaftlichen Arbeit ist die historische Aufgabe und Berechtigung des Kapitals. Eben damit schafft es unbewußt die materiellen Bedingungen einer höhren Produktionsform“(2), so ist das für Ullrich ein Konstrukt a priori, das der Empiriker Marx nirgends deckt. In die selbe Kerbe

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schlägt Helmut Reichelt: „Gerade diese Passagen provozieren die These, daß es sich bei diesem zentralen Konzept der materialistischen Geschichtsauffassung, dessen Formulierung in eine Zeit fällt, in der Marx so gut wie keine Einsicht in die Dynamik der Kapitalbewegung besaß, um notgedrungen methodisch unzulängliche und vorschnell verallgemeinerte Theoreme über Gesetze der ’sozialen Entwicklung des Menschen‘ handelt, deren Korrektur schon damals angezeigt war.“(3)

Die Dialektik von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen erscheint als bloße Geschichtsmetaphysik, auf die der reife Marx nur gelegentlich zurückkommt, um seine wissenschaftliche Reputation zu verspielen; ein Zeugenberg jugendlicher Revolutionseuphorik, von dem Marx wahrscheinlich aus psychischen Gründen auch im vorgerückten Alter nicht lassen konnte und der den Gesamteindruck seines Werkes doch schwer beeinträchtigt.

Diese Kritik lebt aus der marxistischen Rezeptionsgeschichte. Reichelt und sein Kompagnon Zech ebenso wie der viel plattere Ullrich schieben Marx den vollkommen verkürzten und verdinglichten Produktivkraftbegriff der Theoretiker der zweiten und dritten Internationale unter, weil sie selber einen anderen originär marxistischen nicht denken können, und überführen dann ihre eigene Borniertheit der Absurdität. Zech bringt es allen Ernstes fertig zu behaupten, daß Marx „im Kapital die freien Produzenten und die nicht entfremdete Gestalt des Arbeitsprozesses bereits vorfinden“(4) läßt und „die von ihm zuvor als bürgerlich charakterisierte Form der Arbeit … jetzt von ihm als gesellschaftliche Naturalform betrachtet“(5) wird. Im Marxschen „Kapital“ soll laut Zech „der Arbeitsprozeß an sich die menschlichen Kräfte entwickeln und alle Verhältnisse kritisieren, in welchen die Menschen von den Dingen kontrolliert werden.“(6) Diese phantastische Behauptung beruht wesentlich darauf, daß Zech kapitalistischen Arbeitsprozeß und Produktivkräfte miteinander verwechselt und damit die Verballhornung des Produktivkraftbegriffs durch die marxistischen Akkumulationsfetischisten als genuin marxistisch anerkennt. Hiermit steht Zech in einer Front mit Stefan Breuer. Breuer spricht „von den vorwärtstreibenden Elementen der geistigen und körperlichen Arbeit einerseits, den einengenden und fesselnden Produktivkräften andererseits“(7), wo Marx den Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen meint, und kann sich dann natürlich leicht über Marxens „Arbeitsmetaphysik“ auslassen. Doch was Zech und Breuer und mit ihnen viele andere zeitgenössische Kritiker Marx in den Mund legen, die Hoffnung nämlich, der kapitalistische Arbeitsprozeß und seine weitere Entwicklung würde aus sich heraus den Menschen schließlich befreien, klingt zwar nach Original Bucharin und Konsorten, bloß nicht nach Marx.

„Bucharin hat den Fehler gemacht, den Marxschen Begriff der materiellen Produktivkräfte auf die Technik zu reduzieren und damit die technische Grundlage der Gesellschaft zum bestimmten Ausgangspunkt für die Entwicklung der gesellschaftlichen Ökonomie und des sozialen und politischen Überbaus insgesamt zu machen. Mit dieser Vereinseitigung

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des Produktivkraftbegriffs wird der Antrieb der gesellschaftlichen Entwicklung aus der Gesellschaft in die Technik verlegt; die gesellschaftlichen Widersprüche sind nur Erzeugnisse der Technik.“(8)

Die konkretistische Identifizierung von Produktionsprozeß einerseits und Produktivkräften andererseits ist nicht Marxens Werk, sondern die Leistung seiner akkumulationsapologetischen Epigonen. Trotzdem besteht natürlich ein Zusammenhang zwischen dem Marxschen „Kapital“ und seiner verbogenen traditionellen Rezeption. Sie ist nicht einfach Folge der mangelnden Geistesgaben der marxistischen Jünger, sondern selber materiell begründet. Die Vermittlung zwischen der allgemeinen Dialektik von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen und der Entwicklung der Kapitalbewegung bleibt im Marxschen Hauptwerk bruchstückhaft und gerade der entscheidende Übergang, der die kommunistische Revolution auf die Tagesordnung setzt und notwendig macht, wird nur auf sehr hohem Abstraktionsniveau beschrieben. Das Marxsche Werk muß hier der Unentwickeltheit des zeitgenössischen Kapitals Tribut zollen. Es kann den Prozeß, der die kapitalistische Produktionsweise über sich hinaustreibt, nur allgemein begrifflich herausarbeiten, weil er sich noch lange nicht konkret handgreiflich vor seinen Augen vollzog. Marx antizipiert begrifflich-logisch Fragestellungen, die auch fünfzig Jahre nach seinem Tod noch nicht historisch auf der Tagesordnung standen, und seine im Tageskampf verwickelten Nachfolger mußten notwendig die über den erreichten Stand der damaligen Entwicklung hinausgehenden Momente der Marxschen Theorie abbiegen. Da der übermächtigen neukantianischen Strömung Marxens begriffliche Schärfe allemal mehr oder minder als hegelianisches Hokuspokus erschien, verkamen die Schlüsselbegriffe, die die Zersetzung des Kapitalverhältnisses, die Auflösung von Privatproduktion und Wertgesetz fassen, wie Vergesellschaftung und Verwissenschaftlichung, zu gebetsmühlenhaften Leerformeln ohne Trennschärfe. So oft auch in den sozialistischen Sonntagsschriften der Widerspruch von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen wiedergekäut wurde, es war nie mehr gemeint als die allgemein verpackte Klage über die Anarchie der kapitalistischen Produktionsweise. Die alte Arbeiterbewegung verkürzte den Grundwiderspruch auf den Gegensatz zwischen geplanter Produktion im Einzelbetrieb und planlosem Markt, und kapitalistische Produktionsverhältnisse erschöpften sich ihr in den Wirrungen und Irrungen der Zirkulationssphäre. Der Produktionsbereich erschien ihr dagegen als Sphäre vernünftiger Organisation und Sozialismus wurde so zur Verallgemeinerung der einzelbetrieblichen Produktionsrationalität auf die Gesamtgesellschaft. Die Utopie einer sozialistischen Gesellschaft verschmolz mit der Vision einer gesellschaftlichen Gesamtfabrik.

Der Unterschied zwischen Produktion und Produktivkraft mußte vor diesem Hintergrund verwischen und platte Identifizierung des Produktivkraftbegriffs mit den Produktionsmitteln, mit der Technik, so wie sie handgreiflich in den Fabriken herumsteht, durchzieht die gesamte traditionelle Arbeiterbewegung bis heute. So definiert das autoritative russische „Politische Wörterbuch“ den Begriff „Produktivkräfte“ folgendermaßen: „Pro-

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duktionsmittel, mit deren Hilfe die materiellen Güter hervorgebracht werden.“(9) Identisch äußert sich der Sozialdemokrat Cunow: „Produktionsbedingungen sind die zur Fortsetzung eines bestimmten gesellschaftlichen Arbeitsprozesses erforderlichen, natürlichen, technischen und sozialen Voraussetzungen, Produktivkräfte aber die in diesem Prozeß zur Anwendung gelangten Natur-, Arbeits- und Maschinenkräfte.“(10)

Die Hauptströmung marxistischen Denkens, der Technik in ihrer Dinglichkeit und Produktivkraft eins waren, rief selbstverständlich schon in den zwanziger Jahren eine Gegenströmung hervor. Deren Kritik beschränkte sich aber lediglich darauf, die Bedeutung der lebendigen Arbeit gegenüber der toten zu betonen. Sie überwand so die herrschende konkretistische Reduktion nicht, sondern komplementierte sie stattdessen. Karl Korsch, als ein Hauptvertreter dieses „kritischen Marxismus“, dehnt den Produktivkraftbegriff über den objektiven Niederschlag, den er in der Maschinerie findet, aus. Er will auch den „subjektiven Faktor“ bei der Bestimmung von Produktivkraft zu seinem Recht kommen lassen und identifiziert Produktivkräfte mit dem Arbeitsprozeß, so wie er ihn kapitalistisch vorfindet: „Produktivkraft ist zunächst weiter nichts als die irdische wirkliche Arbeitskraft lebender Menschen: die Kraft, durch ihre Arbeit unter Benutzung bestimmter materieller Produktionsmittel und in einer dadurch bedingten Art des Zusammenwirkens die materiellen Mittel zur Befriedigung gesellschaftlicher Lebensbedürfnisse herzustellen.“(11)

Korsch und seine modernen Adepten stellen die menschliche Aktivität als prozeßhafte in den Mittelpunkt. Sie bestimmen daher korrekt gegen Bucharin und Konsorten die Bedeutung der Technik als solcher: „Die Technik enthüllt nicht nur die ökonomischen Momente; sie enthüllt vielmehr alle Momente gesellschaftlicher Praxis, nämlich die technischen, ökonomischen, sozialen und geistigen Aktivitäten der Menschheit, konstituiert sie aber nicht, sondern ist nur ihr Niederschlag wie fossile Offensichtlichkeit, Beweis oder fließende Form, die enthüllt, was dieses Verhältnis war oder ist. Die Geschichte der Technologie ist die Aufeinanderfolge der im Material zurückgebliebenen Resultate menschlicher Aktivität.“(12)

Sie dringen aber nicht zum wesentlichen Springpunkt vor. Produktivkräfte sind nicht identisch mit der tatsächlichen Produktion und dem wirklichen Arbeitsprozeß. Sie sind ihrem ganzen Wesen nach menschliche Potenz. Korsch streift diesen Sachverhalt, aber nur um ihn auch um den Preis einer contradictio in adjecto vom Tisch zu wischen. Korsch verknüpft, wie wir oben gesehen haben, Produktivkraft mit Arbeitskraft, dementiert aber den potentiellen Charakter, der im Begriff Arbeitskraft liegt, sogleich. Er spricht von der „wirklichen Arbeitskraft lebender Menschen“ und läßt sie schon im nächsten Halbsatz real produzieren. Die Verwirklichung der Arbeitskraft, ihre reale Betätigung, ist aber schon ihre Entwirklichung. Arbeitskraft ist nur so lange Kraft, so lange sie sich nicht betätigt, soweit sie Potenz bleibt. Mit dem Akt ihrer Betätigung hört sie auf, Kraft zu sein, und gerinnt zum Produkt. Die begriffliche Ungenauigkeit, mit der Korsch hier den Arbeits-

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kraftbegriff handhabt, verdinglicht ganz im traditionellen Sinn auch seinen Produktivkraftbegriff. Auch er kann Produkt und Produktion einerseits und Produktivkraft andererseits nicht scheiden. Die Entfesselung der Produktivkräfte im Sozialismus fällt ihm unmittelbar zusammen mit der Ausdehnung der Produktion und beide Begriffe sind ihm nicht weniger synonym als den Stalinisten. „Der Sozialismus wiederholt in veränderter Form und in gigantisch gesteigertem Ausmaße noch einmal die Entfesselung der Produktion, die der Kapitalismus für seine Zeit und in seiner Form, und am Ende mehr schlecht als recht zustande gebracht hat“(13). Er meint, Marx zu paraphrasieren, und stellt ihn doch auf den Kopf. Korsch landet mit der Betonung der wirklichen menschlichen Aktivität genau dort, wo auch seine marxistisch-technischfetischistische Konkurrenz angelangt ist. „Subjektivismus“ und „Objektivismus“ vereinen sich im „Konkretismus“ und brechen gemeinsam dem Marxschen Produktivkraftbegriff die kritische Spitze ab. Bei Marx sind Produktivkräfte als solche nirgends greifbar. So wenig der Wert als solcher ans Licht tritt und trotzdem die kapitalistische Produktionsweise reguliert, so wenig ist die Produktivkraft darauf angewiesen, rein und an sich handgreiflich Gestalt anzunehmen, um historisch wirksam zu werden. Produktivkräfte erscheinen immer nur durch den Filter der herrschenden Produktionsverhältnisse hindurch. Materialisieren sie sich in der wirklichen Produktion, so sind sie nicht mehr sie selbst an sich, sondern hoffnungslos mit den Produktionsverhältnissen amalgiert. Im Produktionsprozeß und in seinem Produkt gehen Produktionsverhältnisse und Produktivkräfte eine Synthese ein, aus der niemals eine reine Erscheinungsform der Produktivkräfte herausdestilliert werden könnte. Die Verwertungslogik des Kapitals bestimmt, welche von allen möglichen Techniken und Produktionsabläufen verwirklicht werden und kein davon unabhängiger Sachzwang. Allein an der Verwertung des Werts interessiert, gleichgültig gegen die stoffliche Seite, die ihr über den Kopf wächst, muß das Kapital, sobald es beginnt, sich wirklich zur Schranke zu werden, die Produktion irrational gestalten. Die Fragwürdigkeit von Produktion und Produkt drückt dann gerade die Spannung zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen aus. Identifizieren wir aber Produktivkräfte platt und traditionell mit der wirklichen Produktion, wird der zentrale Widerspruch des historischen Materialismus zur Denkunmöglichkeit. Die Irrationalität kapitalistischer Produktion erscheint dann als Eigenschaft des erreichten Produktivkraftniveaus überhaupt und die kapitalistische Form wird zur Wesensbestimmung.

Genau dieser Verkehrung sitzt die gesamte produktivkraftkritische Diskussion auf. Sie übernimmt die traditionelle Identifizierung von materieller Produktion und Produktivkraft und überträgt damit die augenscheinliche Irrsinnigkeit weiter Teile der heutigen materiellen Produktion, die aus der völligen Subsumtion der konkreten stofflichen Produktion unter die abstrakte Logik des Tauschwertes entspringt, auf die Produktivkräfte selber. Lassen wir die strenge begriffliche Unterscheidung fallen, verwenden wir den Begriff Produktivkraft konkretistisch und handgreiflich, so erscheinen die Produktivkräfte ebenso hoffnungslos in die Produktionsverhältnisse eingeebnet wie es der konkrete Arbeits-

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prozeß tatsächlich ist. Eine mögliche Existenz von Produktivkräften jenseits der Wertabstraktion wird ausgelöscht.

Eine Veränderung der Tätigkeit der Menschen, diese wesentliche Bestimmung der kommunistischen Umwälzung, eine Aufgabe, die gerade die Entwicklung der Produktivkräfte der gesellschaftlichen Arbeit durch das Kapital auf die Tagesordnung der Geschichte setzt, erscheint bei den Produktivkraftkritikern auf hohem Niveau der Produktivkraftentwicklung ausgeschlossen. Jede Relativierung der Arbeitsteilung knüpft sich bei ihnen an den Verzicht auf wichtige gesellschaftliche Produktivkräfte. Entgesellschaftung wird zur Voraussetzung der Relativierung der stumpfsinnigen Teilung der Arbeit, während gerade erst die Aneignung der Produktivkräfte durch ihre Produzenten, das heißt die bewußte Vergesellschaftung der Produktion real die Aufhebung der Arbeitsteilung, die Aufhebung der Subsumtion des Arbeiters unter sein Werkzeug verspricht. Entwickelte Produktivkräfte und die kapitalistische Form, in der sie historisch erzeugt wurden, scheinen im selben Augenblick unauflöslich miteinander zu verschmelzen, in dem real der Widerspruch zwischen beiden sich zum Sprengen spannt.

Nehmen wir den Produktivkraftbegriff dinglich, so stellt sich die gesamte Marxsche Theorie auf den Kopf, sobald der Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen ein objektiv revolutionäres Niveau erreicht hat. Dann rückt jede weitere Entwicklung der Produktivkräfte die Befreiung des Menschen in weitere Ferne, dann steigert jede Entwicklung der Produktivkräfte nur die Macht des Kapitals, dann war die proletarische Revolution vielleicht einmal 1918/19 möglich, ist es aber nicht mehr. Genau dieses Theorem ist in weiten Teile des linken Spektrums verbreitet. Seinen Ursprung hat es in der kritischen Theorie, besonders in der „Negativen Dialektik“ von Adorno und in der „Dialektik der Aufklärung“, die Adorno zusammen mit Horkheimer verfaßte. Heute finden wir es etwa bei Pohrt und Joscha Schmierer. Beide gehen davon aus, daß das Proletariat nur so lange revolutionär sein kann, solange es noch nicht reell unter das Kapital subsumiert ist, solange es sich weitgehend außerhalb des Kapitalverhältnisses reproduziert, solange es sich einigermaßen dem Kapital entziehen kann. Auf die Spitze getrieben finden wir das Theorem in der Unterscheidung zwischen revolutionärem Proletariat und reaktionärer Arbeiterklasse, die die Autonomia 14 trifft. Für sie ist das Proletariat nur revolutionär, solange es sich in erster Linie über Subsistenzproduktion, außerhalb des Kapitalverhältnisses also, reproduziert. Wird dieses Proletariat unter das Joch der Lohnabhängigkeit gepreßt und zur Lohnarbeiterklasse, so verliert es als variabler Bestandteil des Kapitals seinen revolutionären Charakter. Unter Proletariat versteht die Autonomia-Redaktion abstruserweise, aber durchaus folgerichtig, eine Klasse von Nichtlohnarbeitern.

Stefan Breuer schreibt, ganz im Sinne der hier aufgeführten Autoren, im Anhang zu seiner „Krise der Revolutionstheorie“: „Daß Marx und Engels ihre revolutionstheoretischen Annahmen vor dem Hintergrund der Erfahrung von Klassenauseinandersetzungen formulierten, die für die entwickelte bürgerliche Gesellschaft eher atypisch sind, ist eine These,

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die einer genaueren Untersuchung wert wäre. Die Militanz, wie sie die revolutionären Bewegungen in Süd- und Osteuropa, in China, Vietnam und anderen Ländern der ‚dritten Welt‘ auszeichnete und (noch) auszeichnet, läßt vermuten, daß ein wirklich radikaler Widerstand gegen die kapitalistische Ausbeutung nur dort möglich ist, wo das Kapitalverhältnis die lebendige Arbeit noch nicht völlig unterworfen hat. So stellten z.B., wie die gründliche Untersuchung von Vester 1972 dokumentiert, für die englische Bevölkerung des ausgehenden 18. und des beginnenden 19. Jahrhunderts der Zusammenprall der alten dörflich-handwerklichen Wertmuster von ökonomischer Autonomie und gemeindlicher Solidarität mit den Normen kapitalistischer Rationalität, der Verlust der alten Sicherheit und die Zerstörung der überkommenen sozialen Beziehungen – von der Unterwerfung der Arbeitskraft unter die starre Disziplinierung und Zeiteinteilung der kapitalistischen Industrie gar nicht erst zu reden – eine Kette geradezu traumatischer sozialer Erfahrungen dar, auf die sie mit verzweifelter Abwehr reagierte. Diese Abwehr, die ihre Militanz möglicherweise gerade ihren regressiven, auf die Restaurierung der traditionellen Zusammenhänge gerichteten Ziele verdankte, transformierte sich mit der zunehmenden Erfahrung der Erfolglosigkeit des vereinzelten, unorganisiert-spontanen Widerstands in einem kollektiven Lernprozeß in eine Bewegung, die INNERHALB der bürgerlichen Produktionsweise um ihre Rechte kämpfte: anfangs noch mit erheblicher Radikalität, dann aber bald, nach der Erfahrung der brutalen Reaktion der Herrschenden, immer disziplinierter und den ‚Spielregeln‘ entsprechender. Es scheint, daß dieser Transformationsprozeß einer zersplitterten, von chiliastischen und naturrechtlichen Vorstellungen beherrschten Handwerker- und Kleinbauernbewegung zu einer gegen die privatkapitalistische Aneignung des Reichtums opponierenden Arbeiterbewegung Marx‘ und Engels‘ Revolutionsbegriff wesentlich prägte und sie zu der Erwartung veranlaßte, daß der ständige Rückkoppelungsprozeß von Erfahrung, bewußtseinsmäßiger Verarbeitung und Strategiebildung, wie er für die frühe englische Arbeiterbewegung charakteristisch war, auch den revolutionären Prozeß im entwickelten Kapitalismus bestimmen würde; eine Annahme, die sich nur zu bald als falsch erweisen sollte.“(14)

Freilich kommt Breuer zu seinem „Sieg“ über die Marxsche Revolutionstheorie auf einer sehr billigen Grundlage. Er schneidet zunächst, wie wir gesehen haben, alles am Produktivkraftbegriff ab, was über das faktisch Seiende hinausgeht. Die produktiven Möglichkeiten, die im erreichten Stand der Produktivkräfte stecken, schrumpfen auf das technisch gegebene, auf die vorhandene Maschinerie und die herrschende kapitalistische Organisation des Arbeitsprozesses zusammen. Dann wird natürlich der Prozeß der reellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital gleichbedeutend mit der fortschreitenden Eliminierung der Differenz zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, und er kann Adorno zustimmen, daß „das Marxsche Vertrauen in den geschichtlichen Primat der Produktivkräfte allzu optimistisch gewesen sei“(15). Dann steht der Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen nicht am Ende der Geschichte

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des Kapitals, sondern an ihrem Anfang.

Die Reduktion des Produktivkraftbegriffs auf den kapitalistischen Arbeitsprozeß verknüpft ALLGEMEIN MENSCHLICHE Emanzipation mit einer verbesserten Stellung des EINZELNEN ARBEITERS innerhalb des kapitalistischen Produktionsprozesses. Aber gerade der Prozeß der reellen Subsumtion schließt eine Verstärkung der Position des vereinzelten Arbeiters gegenüber dem Kapital aus. Damit erscheint dann jeder weitere menschliche Fortschritt auf die Abschußliste gesetzt und der große Pessimismus als die einzig realistische Zukunftsvision. Ganz anders bei Marx.

Weil für Marx der konkrete Arbeitsprozeß nicht das Agens der Geschichte ist, muß er auch nicht in ihrer Tätigkeit allseitig entwickelte Individuen als conditio sine qua non der kommunistischen Umwälzung voraussetzen, sondern kann und muß von der absoluten Vereinseitigung menschlicher Tätigkeit ausgehen und die Veränderung der menschlichen Tätigkeit, die Aufhebung der Vereinseitigung des Menschen im Arbeitsprozeß, als einen der wesentlichen Inhalte dieser Revolution bestimmen. Die Bedeutung dieser Veränderung menschlicher Tätigkeit, die auf eine völlige Umwälzung der kapitalistisch vorgegebenen Arbeitsorganisation und des Arbeitsprozesses zielt, ist nicht zu überschätzen. Diese radikale Kritik von Marx an der kapitalistischen Organisation der Arbeit scheidet ihn deutlich von seinen akkumulationsfetischistischen Epigonen aus der Zeit der zweiten und dritten Internationale und nimmt den positiven Inhalt, die reale Problemstellung vorweg, deren bornierter Ausdruck die produktivkraftkritische Diskussion ist. Marx betont, „daß in allen bisherigen Revolutionen die Art der Tätigkeit stets unangetastet blieb und es sich nur um eine andere Distribution dieser Tätigkeiten, um eine neue Verteilung der Arbeit an andere Personen handelte, während die kommunistische Revolution sich gegen die bisherige Art der Tätigkeit richtet, die Arbeit beseitigt“(16), wie sie vom Kapital erzeugt wurde.

Marx macht gerade die radikale Veränderung des Arbeits- und Produktionsprozesses zum Springpunkt, der die proletarische von allen vorangegangenen Revolutionen scheidet. Die traditionelle Arbeiterbewegung mußte diese Einsicht gründlich verdrängen, um ihrer bürgerlichen Aufgabe gerecht werden zu können. Die Produktivkraftkritiker betonen demgegenüber zwar die Notwendigkeit der Veränderung der Tätigkeit, aber auf der Grundlage ihres konkretistisch verdinglichten Produktivkraftbegriffs scheint für sie jede Vermenschlichung des Arbeitsprozesses, jede Beseitigung lebensbedrohender Produktion das Zurückschrauben der Produktivkräfte unter das schon erreichte Niveau zu bedingen. Der produktivkraftkritischen Fortschrittsverzweiflung liegt ein einfacher Zirkelschluß zugrunde, der in dieser Form auf die Frankfurter Schule zurückgeht und der von ihren bewußten und unbewußten Epigonen gleichermaßen zäh festgehalten wird. Die Produktivkräfte können sich nur materiell niederschlagen durch den Filter der Produktionsverhältnisse hindurch. Die gesellschaftliche Potenz realisiert sich nur, indem sie ihre Reinheit als bloße menschliche Fähigkeit aufgibt und sich der Logik der Produktionsverhältnisse unterwirft. Sie ge-

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rinnt, wird handgreiflich, aber nicht als solche, sondern nur im gesellschaftlichen, das heißt eben kapitalistischen Ensemble. Dieser kapitalistische Ausdruck, ihre materielle Erscheinungsweise unter kapitalistischen Bedingungen, wird den Produktivkräften dann als solchen eingeimpft und der lebendige Widerspruch wird so aus der objektiven Realität exorziert. Die Vorstellung vom Kapital als seiner eigenen Schranke kann dann nur noch als unsinniges Paradoxon fallengelassen werden.

Auf diese handgreiflich-empirische Ebene zurechtgestutzt, kommen die Produktivkräfte als das letztliche Agens der gesellschaftlichen Emanzipation nicht mehr in Frage. Zur Technik versteinert, löst sich ihr Zusammenprall mit den Produktionsverhältnissen in Wohlgefallen auf. Übrig bleibt nur die Maschinerie des technologischen und gesellschaftlichen Apparates als schlecht faktische, in der sich die sich erweitert reproduzierende Herrschaft des Kapitals spiegelt. Verdinglichte Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse schmelzen sich und damit den lebendigen Widerspruch zum monolithischen Block ein und treten, zu feindlichen Dingen geronnen, den Menschen entgegen.

Mit der Verdinglichung des Produktivkraftbegriffs verschwimmt auch der Bedeutungsgehalt des Begriffs Produktionsverhältnis. Er verliert jede historische Trennschärfe, und Herrschaft verknüpft sich mit dem, was übrig bleibt, mit dem Produkt als solchem, mit dem Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur überhaupt. Das spezifisch kapitalistische verwandelt sich in eine bloße Spielart von etwas allgemeinerem und verliert seinen eigenständigen Charakter. Die Herrschaft des Menschen über den Menschen reduziert sich auf einen Spezialfall der herrschaftlichen Beziehung des Menschen zur Natur. Wenn heute bei allen drängenden realen Einzelproblemen, an denen sich die neuen sozialen Bewegungen abarbeiten, ausgerechnet auch der Tierschutz, das Schicksal des tierversuchsgequälten Hansi und des käfiggehaltenen Fiffi allen Ernstes einen Kristallisationspunkt mittelständischer Bewegtheit abgeben, wenn jeder harmlose Passant, der öffentlich und mit Wollust seine Wurstsemmel verdrückt, Gefahr läuft, von militanten Vegetariern totgebissen zu werden, dann findet darin diese Verblendungslogik ihren populären Ausdruck.

Diese Zurückverlegung von Herrschaft in den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur hat ihren Ursprung, zumindest was das linke Bewußtsein angeht, wie könnte es auch anders sein, in der Frankfurter Schule, genauer bei Adorno. Als der primitive Fortschrittsoptimismus der alten Arbeiterbewegung unter den Schlägen Hitlers und Stalins zusammenbrach, mußte Adorno, weil er an ihrem verdinglichten Produktivkraftbegriff kleben blieb, eine gerade Linie „von der Steinschleuder zur Megabombe“(17) ziehen. Er mußte, wie Stefan Breuer richtig anmerkt, „die Kritik von der tauschwertsetzenden auf die gebrauchswertsetzende Arbeit verlagern, die, weil sie auf Aneignung und Formung des Natürlichen beruht, all jene Gewalt und Unterdrückung in nuce enthalten soll, die auch für die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen untereinander charakteristisch sind. Die gesamte Praxis der Selbsterhaltung und des auf sie bezogenen Denkens verfällt diesem Verdikt. Produktion und Herrschaft, Macht und Erkenntnis sind der Negativen Dialektik zufolge

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synonym, und dies nicht erst aufgrund ihrer Verflechtung mit einer bestimmten Form der gesellschaftlichen Synthese, sondern aufgrund ihres innersten Prinzips, der Identität, das ’noch vor aller gesellschaftlicher Kontrolle, vor aller Anpassung an Herrschaftsverhältnisse‘ allein durch seine bloße Form Gewalt ausübt. Mit dieser Konzeption, die die Realabstraktion der Tauschwertproduktion nur noch als Fortsetzung des schon in der Gebrauchswertproduktion wirksamen Gewaltverhältnisses zu fassen vermag, nähert Adorno die kritische Theorie der von ihm sonst so energisch befehdeten naturalistischen und irrationalistischen Kultur- und Zivilisationskritik bis zur Ununterscheidbarkeit an“(18). Adorno kippt schließlich vollends ins ahistorisch-darwinistische und schreibt, „daß der soziale Zwang tierisch biologisches Erbe sei; der ausweglose Bann der Tierwelt reproduziert sich in der brutalen Herrschaft stets noch naturgeschichtlicher Gesellschaft“(19).

Adorno verlängert die scheinbare Geschlossenheit und Unaufhebbarkeit der kapitalistischen Gesellschaftlichkeit hier noch in die Vergangenheit hinein und ontologisiert den Alptraum des bürgerlichen Individuums von der Übermacht des Gesellschaftlichen. Er endet dort, wo die kritische Theorie ihre eigentliche Wurzel hat, im kulturkritischen Ekel vor der Durchvergesellschaftung der menschlichen Existenz, die der bürgerlichen Monade keinen Ausweg läßt. Er kann nur noch die Ausweglosigkeit, die Übermacht des schlecht faktischen konstatieren. Gegen dessen totalitäre, alles erfassende Gewalt, die alles und jeden in sich verschlingt, kann sich innerhalb der objektiven Wirklichkeit keine Gegenkraft finden. In der kritischen Theorie hißt das bürgerliche Individuum auf seinem auseinanderfallenden Floß noch einmal sein Fähnchen. Es ist von weißer Farbe.

Aber selbst die Eule Adorno hält diese Konstellation nicht aus, die dem kritischen Bewußtsein nur noch den Suizid als Möglichkeit läßt. Ganz gegen die Logik seines gesamten Gedankengangs hofft er schließlich doch noch, daß der Abenddämmerung, durch die er seinen geistigen Flug unternimmt, vielleicht nicht die ewige barbarische Finsternis folgen möge. Der Widerspruch kann aber gegen die in sich stimmige und geschlossene Wirklichkeit nur äußerlich herangetragen werden. Aus dem Nichts entspringt plötzlich transzendierende Subjektivität:

„Die Starre, die der Geist widerspiegelt, ist keine natur- und schicksalhafte Macht, der man ergeben sich zu beugen hätte. Sie ist von Menschen gemacht, der Endzustand eines geschichtlichen Prozesses, in dem Menschen Menschen zu Anhängseln der undurchsichtigen Maschinerie machten. Diese Maschinerie durchschauen, wissen, daß der Schein des Unmenschlichen menschliche Verhältnisse verbirgt, und dieser Verhältnisse selbst mächtig werden, sind Stufen eines Gegenprozesses der Heilung. Wenn wirklich der gesellschaftliche Grund der Starre als Schein enthüllt ist, dann mag auch die Starre selbst vergehen. Der Geist wird lebendig sein in dem Augenblick, in dem er nicht länger sich bei sich selber verhärtet, sondern der Härte der Welt widersteht“(20).

Dieser plötzliche subjektivistische Umschlag folgt der selben Matrix, nach der sich

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sämtliche zeitgenössische Mittelstandbewegungen die Grundideologeme zusammenbasteln. Die Adornosche Fassung erinnert zwar sofort fatal an den Aufklärerhabitus, mit dem heutzutage die „Marxistische Gruppe“(MG) hausieren geht, die Grundstruktur ist aber bei weitem allgemeiner. Sie bestimmt das zeitgenössische oppositionelle Bewußtsein in seiner ganzen Breite.

Die von grundsätzlichen Widersprüchen frei gedachte Wucht der Tauschwertvergesellschaftung schlägt alles in ihren Bann. Widerstand erscheint nur von einem Bereich aus möglich, der sich dem objektiven Zugriff entzieht. Als Refugium des Widerstands bleibt nur eine unbedingte Subjektivität. Wenn es je eine andere Welt geben soll, so können deren Elemente nicht aus der bestehenden Wirklichkeit freigesetzt werden, sondern sie kann nur gegen die objektive Entwicklung ertrotzt werden. Sand im Getriebe sein, Widerstand leisten, lautet daher die Devise, und völlig befremdlich erscheint das Vertrauen, das die alte Arbeiterbewegung in die positiven Resultate der objektiven Entwicklung setzte: „Die Aufgabe der Sozialdemokratie ist es nicht, der Entwicklung ihren Weg vorzuschreiben; sie hat nur die Aufgabe, die Hindernisse der Entwicklung zu beseitigen; sie hat die Bahn frei zu machen für die Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft, sie hat nicht künstlich diese zu fabrizieren“(21).

Diese scheinbar objektivistische Interpretation Kautskys, vor siebzig Jahren noch Credo der Sozialdemokratie, könnte heute überhaupt nicht mehr gedacht werden. Mit dem mechanischen Vertrauen in die objektive Entwicklung schwand auch jedes Bewußtsein der realen Kontinuität innerhalb des Umschlags von der kapitalistischen Krise zum Kommunismus, und die Revolution konnte nur noch als das „ganz Andere“ betrachtet werden. Es scheint inzwischen abstrus, die Grundlagen einer neuen Gesellschaft schon im Schoße der alten als deren ureigenstes Produkt zu verorten und den Kommunismus als die positiv gewendete Krise des Kapitalismus zu bestimmen. Hier liegt aber keine neue Bornierung vor, es wiederholt sich nur die traditionelle mit umgekehrten Vorzeichen.

Die Vorweltkriegs-Arbeiterbewegung vergaß über der Kontinuität der historischen Entwicklung den Bruch, der im Wesen jeder Revolution liegt und der sie zu mehr als zu einer beschleunigten Evolution macht. Die leninistische Tradition führte diesen Bruch zwar ein, aber aufgrund des unentwickelten Produktivkraftniveaus nur auf der politischen Ebene. Bei den Produktivkraftkritikern, soweit sie überhaupt noch den Ausweg in eine bessere Zukunft offenstehen sehen, dreht sich dieses Verhältnis um. Sie kennen nur noch den Bruch, ohne jede Kontinuität. Beide Richtungen verhalten sich hier aber nur komplementär auf der selben Grundlage. Stehen heute in den Schriften der Produktivkraftkritiker die Beschreibung der ökologischen und sonstigen realen Krise unverbunden neben selbstgezimmerten Ökoidyllen, so ging es der alten Arbeiterbewegung im Grunde nicht besser. Auch damals blieb die Formbestimmtheit der kapitalistischen Krise und der Inhalt der proletarischen Revolution unvermittelt nebeneinander stehen. Die farcenhafte Renaissance des utopischen Denkens stellt nur die Unfähigkeit, einen

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Zusammenhang zwischen alter und neuer Gesellschaft zu bestimmen, selbstbewußt heraus, während die alte Arbeiterbewegung dieses Manko hinter einigen Allgemeinplätzen zu kaschieren suchte. Zwar insistierte Marx darauf, daß „die ganze ökonomische Scheiße letztlich in den Klassenkampf mündet“, aber die Theoretiker der alten Arbeiterbewegung konnten nie einen ernstzunehmenden Zusammenhang zwischen Krisen- und Revolutionstheorien herausarbeiten. Alle Varianten der traditionellen Verelendungstheorie meinten zwar, darin einen Grund für den proletarischen Aufstand angeben zu können, sie leisteten damit aber keinesfalls einen Beitrag zur Bestimmung des Inhalts der proletarischen Revolution.

Auch bei Marx selber fallen die Analyse der allgemeinen begrifflichen Logik des Kapitals und seine politischen Konzepte auseinander. Daß selbst er die Einheit nur proklamieren, aber nicht wirklich herstellen konnte, verweist darauf, daß hier mehr als bloß subjektives Versagen vorliegt. Der Stand der historischen Entwicklung hatte damals real die Einheit von proletarischer Revolution und kapitalistischer Krise noch nicht hergestellt, weil das Kapital seine absolute Schranke bei weitem noch nicht erreicht hatte, und eine proletarische Revolution nur als politische Revolution, nicht aber als soziale, da und dort auf der Tagesordnung der Geschichte stand. Erst heute fällt diese wirkliche Kluft, und die Einheit von Krisen- und Revolutionstheorie wird möglich. Die Krise der Tauschwertvergesellschaftung selber als absolute Schranke des Kapitalverhältnisses, die sich heute abzuzeichnen beginnt, drückt negativ aus, was auch die allgemeinste Bestimmung der proletarischen Revolution und des Kommunismus sein muß: Aufhebung der Tauschwertvergesellschaftung, Beseitigung der Warenform, und stattdessen direkte Vergesellschaftung (vgl. R. Kurz, Die Krise des Tauschwerts, Marxistische Kritik Nr. 1).

Aber gerade weil diese Vermittlung möglich geworden ist und die volle Entfaltung der Tauschwertabstraktion die einst real disparaten Elemente zur Einheit bringt, muß das Absehen der Produktivkraftkritiker von der Tauschwertabstraktion bei ihnen oder für sie die Kluft und Zusammenhanglosigkeit zwischen der real existierenden Gesellschaft und der angestrebten Veränderung ins Groteske steigern. Die Utopie kehrt wieder, aber nicht wie zu Beginn des 19. Jahrhunderts antizipierend, als nur traumtänzerisch mögliche Überwindung des Kapitalismus, dem noch kaum seine Lauflernschuhe paßten, sondern vollkommen regressiv. Die historische Entwicklung wird nicht leichtfüßig im phantasiereichen Kopf vorweggenommen, sie wird zugekleistert und die Wirklichkeit wird nur verleugnet. Die utopischen Sozialisten kommen nicht zu neuen Ehren, sondern ihr Andenken wird erbarmungslos geschändet. Statt wie sie die Umwälzung der bestehenden Gesellschaft, die Aufhebung all ihrer Verkehrungen zu intendieren, propagiert die produktivkraftkritische Linke Abkehr und Umkehr. Sie macht sich nicht auf zur Aneignung der Welt, denn Aneignung kennt sie nur als verwerflichen Gewaltakt, sondern sie predigt die kollektive Rückkehr in die Innerlichkeit. Der eigene Nabel wird zur Fluchtburg und die Bewegung zum Kollektivnabel, der sich von Zeit zu Zeit der bösen Welt entge-

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genstellt, wenn sich die ohjektive Entwicklung wieder einmal allzu schmerzhaft den Monaden auf die Zehen stellt.

2. Akkumulation und alte Arbeiterbewegung

Die alte Arbeiterbewegung konnte einen verdinglichten Produktivkraftbegriff noch positiv besetzen und tat es. Schon der Frankfurter Schule war dies unmöglich, und heute liegt die Irrationalität kapitalistischer Produktion zu deutlich auf der Hand, als daß der überlieferte verkürzte Produktivkraftbegriff noch ideologisch mit den selben Vorzeichen versehen werden könnte. Was einst positiv klang nach Zukunftsmusik, wird heute zum Alptraum, und allzu gerne projizieren die modernen Produktivkraftkritiker den Horror vor dem modernen Produktionsprozeß in die kapitalistische Vergangenheit und machen der alten Arbeiterbewegung ihr Eintreten für die Produktivkraftentwicklung zum Vorwurf. Sie tun ihr damit allerdings gründlich unrecht. Denn solange der Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen nur partiell aufscheint, etwa in den zyklischen Krisen, muß der konkrete Arbeitsprozeß und mit ihm die stoffliche Produktion überhaupt als weitgehend rationaler und adäquater Ausdruck der vorhandenen menschlichen Potenzen erscheinen. Irrational ist dann lediglich die zeitweilige Nichtproduktion im Gefolge von Überproduktionskrisen, aber nicht die materielle Produktion und das Produkt selber. Solange die Springquellen des gesellschaftlichen Reichtums nicht im Übermaß fließen und allgemeine Notdurft herrscht, ist die Ausdehnung der Stufenleiter der Produktion, auch wenn sie in antagonistischen Formen verläuft und damit über weite Strecken mit ungeheurer Brutalität und menschlichem Leid verknüpft ist, durchaus vorwärtstreibend. In seiner Würdigung Ricardos erkannte Marx diesen Sachverhalt an. Erst die Entwicklung der Produktivkräfte, mit welchen menschlichen Tragödien auch immer verbunden, und die damit einhergehende radikale Beschränkung der notwendigen Arbeitszeit machen die kommunistische Umwälzung möglich. Ohne die Entfaltung der Produktivkräfte bleibt der wahre Reichtum der Gesellschaft, die disponible Zeit, ein Luxusprodukt für wenige und die breite Mehrheit der Gesellschaft kann nur subsumiert unter die Notwendigkeiten der materiellen Produktion vor sich hin vegetieren. Menschliche Emanzipation bleibt ein frommer Wunsch, wenn die große Mehrheit gar nicht die Zeit hat, sich den allgemeinen Angelegenheiten zu widmen und ihre Individualität als universale zu entwickeln, sondern den größten Teil ihrer Energie in der bloßen materiellen Reproduktion verausgaben muß.

Sind die Produktionsverhältnisse und die Produktivkräfte miteinander noch weitgehend kongruent, ist ihr Widerspruch noch unentwickelt, so ist die streng begriffliche Unterscheidung zwischen Produktivkräften und dem konkreten Arbeitsprozeß nur von theoretischem Interesse. Nur die rein begriffliche Logik muß sie auseinanderhalten, während unmittelbar praktisch-politisch die Identifizierung noch keine weiterreichenden Folgen

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zeitigt. Die alte Arbeiterbewegung, zumal ihr revolutionärer Teil, durfte nicht den Übergang zur Massenproduktion bekämpfen, um traditionell handwerkelnden Arbeiterformationen ein Überleben zu ermöglichen, auch wenn für diese einzelnen Arbeiter der Arbeitsprozeß unter traditionellen Bedingungen angenehmer gewesen sein mag. Rosa Luxemburg hatte völlig recht, wenn sie sich gegen gewerkschaftliche Eingriffe in die Produktion zugunsten zünftlerischer Handwerkerarbeiter wandte und schrieb: „Unter Regulierung der Produktion kann man aber nur zweierlei verstehen: Die Einmischung in die technische Seite des Produktionsprozesses und zweitens die Bestimmung des Umfangs der Produktion selber. Welcher Natur kann in diesen beiden Fragen die Einwirkung der Gewerkschaft sein? … Es ist klar, daß, was die Technik der Produktion betrifft, das Interesse des einzelnen Kapitalisten mit dem Fortschritt und der Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft vollkommen zusammenfällt… Es ist die eigene Not, die ihn zu technischen Verbesserungen anspornt. Jede technische Umwälzung widerstreitet den Interessen der direkt davon berührten Arbeiter und verschlechtert ihre unmittelbare Lage, indem sie die Arbeitskraft entwertet, die Arbeit intensiver, eintöniger, qualvoller macht. Insofern sich die Gewerkschaft in die technische Seite der Produktion einmischen kann, kann sie offenbar nur im letzteren Sinn, das heißt im Sinne der direkt interessierten einzelnen Arbeitergruppen handeln, das heißt sich Neuerungen widersetzen. In diesem Falle handelt sie aber nicht im Interesse der Arbeiterklasse im ganzen und ihrer Emanzipation, das vielmehr mit dem technischen Fortschritt… übereinstimmt, sondern gerade entgegengesetzt, im Sinne der Reaktion“(22).

Die alte Arbeiterbewegung konnte und mußte die konkrete Ausgestaltung des Produktionsprozesses dem Kapital überlassen. Trampert und Ebermann demonstrieren die ganze Erbärmlichkeit ihres „Ökosozialismus“, wenn sie Rosa Luxemburg in ihrem Buch „Die Zukunft der Grünen“ wegen dieser Position scharf angreifen, sich stattdessen auf den Standpunkt des einzelnen traditionellen Arbeiters stellen und die reaktionären Abwehrkämpfe etwa des Solinger Schleifervereins vor dem ersten Weltkrieg, der verzweifelt den noch verbliebenen Privatbesitz an den Schleifsteinen und das zünftlerische Wissensmonopol erhalten wollte, als vorbildlich glorifizieren. Sie enthüllen, wohin auch bei ihnen der Zug geht. Sie empfinden die Aufgabe, entwickelte Produktivkräfte gesellschaftlich anzueignen, als Zumutung und grollen der alten Arbeiterbewegung, daß sie es hat so weit kommen lassen. Sie wünschen den wirklichen Springpunkt unserer Epoche aus der Welt und träumen von Entgesellschaftung, kleinen überschaubaren Einheiten, zurechtgeschnitten auf den Horizont der bürgerlichen Monade, und wehren sich gegen alles, was den Zugriff des vereinzelten Produzenten auf „sein“ Produkt untergräbt. In ihrer Utopie soll die Produktivkraftentwicklung so weit zurückgeschraubt werden, daß sie nicht mehr mit der kleinen Warenproduktion kollidiert. Sie kritisieren das Kapitalverhältnis nicht vom Standpunkt der inzwischen möglichen Aneignung der gesellschaftlichen Produktivkräfte durch die Gesellschaft selber, sondern von rückwärts her, allein deshalb, weil es die alte

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Gemütlichkeit in der Ausbeutung zerstört hat. Sie wiederholen damit nur, was Marx und Engels schon im „Kommunistischen Manifest“ als „reaktionären Sozialismus“ kritisiert haben, und ähnlich wie ihre Vorgänger vor 140 Jahren stellen sie ein äußerst irreal-liebliches Bild des vorkapitalistischen Alltags der schlechten kapitalistischen Gegenwart gegenüber. Die Arbeiten Thompsons müssen dabei als Beleg für die Idylle vorbürgerlicher Zustände herhalten. Suggestiv und in brutaler Interessiertheit am Stoff zitieren sie aus „Plebeische Kultur und moralische Ökonomie“: „Zinngießer aus Cornwall gingen zugleich der Pilchardfischerei nach, Bleibergleute im Norden bestellten einen kleinen Acker, Dorfhandwerker waren sowohl als Maurer als auch als Fuhrleute oder Schreiner tätig; Heimarbeiter verließen zur Ernte ihre Arbeit…“(23).

Sie meinen dabei, in der Vergangenheit universell entwickelte Menschen entdeckt zu haben und bemerken gar nicht, daß die Vereinigung von zwei oder drei bornierten Tätigkeiten in einer Person sehr wenig mit der Entwicklung der eigenen Individualität zu tun hat. Ansonsten müßte der Fabrikarbeiter, der im eigenen Schrebergarten Möhren zieht, um sie an die eigenen Karnickel zu verfüttern, ein besonders glücklicher Mensch sein, und jeder arme Schlucker, der sich mit zwei bis drei verschiedenen 390-Mark-Jobs mühsam über Wasser hält, wäre ein vollkommen entwickeltes Individuum. Aber Zweifel dieser Art fechten unsere Ökosozialisten nicht an. Sie sehen überall in der Vergangenheit erfüllte Existenzen, die erst durch die reelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital vernichtet wurden. Vom vorweihnachtlichen Konsum angeekelt, betrachten sie mit Milde das materielle Elend bei einem 12- bis 16-stündigen selbstbestimmten Arbeitstag und wünschen sich nichts sehnlicher als die Rückkehr dieser Zeiten in Gestalt von alternativen Projekten.

Geängstigt von der Größe der anstehenden historischen Aufgabe, geben Trampert und Ebermann jeder bornierten, gemütlichen Knechtschaft den Vorzug. Die, um mit Engels zu sprechen, „viehische“ vorkapitalistische Existenzweise ist diesen beiden Vertretern des herrschenden selbstbescheidenen Zeitgeistes tausendmal sympathischer als die Perspektive einer universalen Auseinandersetzung mit den Folgen der Weltvergesellschaftung, die nichts unverändert lassen wird. Die objektiven Verhältnisse rufen jenes bekannte „Hic Rhodus, hic salta!“, und unsere ökosozialistischen Vorturner gehen einen Schritt zurück. Aber nicht, um Anlauf zu nehmen, sondern um die Füße unter den Arm zu klemmen und der gestellten Frage schleunigst die Hacken zu zeigen. Die Flucht endet, wie könnte es anders sein, beim Urbild deutscher Gemütlichkeit, in der Mühle am rauschenden Bach. Trampert und Ebermann führen ausgerechnet den Mühlenbauer, einen vielseitigen Spezialisten, und als solcher eine Rarität, als den Prototyp des vorkapitalistischen Produzenten vor und zitieren auf tränenfeuchtem Papier Friedrich Klemm, der da schreibt: „Der Mühlenbauer vergangener Tage war bis zu einem gewissen Grade der alleinige Vertreter der Maschinenbaukunst; er wurde als Autorität in allen Fragen der Anwendung von Wind und Wasser betrachtet, wie auch immer diese Kräfte als Antrieb in den Werk-

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stätten gebraucht werden mochten. Er war der Ingenieur des Gebiets, in dem er wohnte; er war eine Art Hansdampf in allen Gassen. Mit der selben Fertigkeit vermochte er an der Drehbank, am Amboß oder an der Hobelbank zu arbeiten… So wurde er zu einem erfinderischen und ausgelassen umherschweifenden Gesellen, der überall Hand anlegen konnte“(24).

In ihrer Begeisterung für die „selbstbestimmte“ Arbeit des Mühlenbauers vergessen Trampert und Ebermann natürlich augenblicklich wesentliche Linien des vorkapitalistischen Klassenkampfes, wie sie von ihrem Lieblingsautor und Kronzeugen Thompson skizziert werden. Sie erwähnen mit keinem Wort, daß für die Masse der Landbevölkerung die Mühle das klassische Symbol von Teuerung, Ausbeutung und liederlichem Lebenswandel war und die Liebe und Bewunderung für Mühlen, Müller, Mühlenbauer etc. sich in Zeiten von Getreidenot ab und an in Brandstiftung entlud (vgl. Thompson, Plebeische Kultur und moralische Ökonomie, S. 93 ff.). Die neulinke Denkfaulheit schlägt hier wieder einmal in Feigheit um und flieht in die Vergangenheit. Die historische Entwicklung allerdings wird darauf genauso viel Rücksicht nehmen wie auf ähnliche Bewegungen bisher, nämlich gar keine, und jene Fragestellung, vor der sich die Produktivkraftkritiker so fürchten, erneut und reiner denn je herausarbeiten.

Nichts machen die Produktivkraftkritiker dem Kapital so verbittert zum Vorwurf wie seine transitorische Leistung. Als Apologeten der kleinen Warenproduktion bekämpfen sie das Kapitalverhältnis nur insofern, wie es die Existenz von Warenproduktion gefährdet und an die Schwelle einer neuen Gesellschaft heranführt. Genau in diesem Sinne verfällt auch die alte Arbeiterbewegung ihrem Verdikt. Sie kritisieren nicht deren Beschränktheit, sondern gerade deren wirkliche historische Leistung. Aller produktivkraftkritischen Larmoyanz zum Trotz, die alte Arbeiterbewegung hat gerade dadurch, daß sie sich zum Motor der Produktivkraftentwicklung machte, ihren einzig möglichen Beruf erfüllt und ist mit dem Abschluß dieser Aufgabe gestorben. Bei all ihrer theoretischen Borniertheit, so abgeschmackt uns heute das proletarische Arbeitsethos in den Ohren klingen mag, so fatal sich ihr verdinglichter Produktivkraftbegriff heute auswirkt, die als Propagierung der Rechte der unmittelbaren Produzenten kaschierte Apologetik der Verallgemeinerung der Verwertung des Werts hatte doch eine relative historische Berechtigung. Die alte Arbeiterbewegung wußte zwar nicht, was sie tat; das, was sie tat, war aber historisch notwendig, und wie jede revolutionäre bürgerliche Bewegung konnte auch die alte Arbeiterbewegung ihrem historischen Berufe nur nachkommen, wenn sie sich über ihre eigenen Aufgaben täuschte. Die sozialistische Phrase mußte ideologisch den bürgerlichen Inhalt schönen, damit die alte Arbeiterbewegung als treibende Kraft der Durchkapitalisierung aller gesellschaftlicher Bereiche praktisch wirksam werden konnte. Die Bourgeoisie auf sich gestellt, war entweder alleine zu schwach, um die rasante Entwicklung der Produktivkräfte zu vollbringen und mußte daher in der sowjetischen Variante durch die Arbeiterbewegung selber ersetzt werden, oder sie bedurfte zumindest der Arbeiterbewegung als

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ständiger Peitsche, die sie auf ihrem Weg vorwärtstrieb, wie in der westeuropäischen Version. Auf alle Fälle mußte sich die alte Arbeiterbewegung mit vor das Joch der Produktivkraftentwicklung spannen.

Die sozialistische Revolution als soziale Revolution, nicht nur als politische verstanden, sondern als Revolution, die auch die Tätigkeit des Menschen grundlegend umwälzt, stand noch nicht auf der Tagesordnung der Geschichte, und so konnte sich die alte Arbeiterbewegung auch gar keine andere Aufgabe stellen als diejenige, die sie auch gelöst hat. Nur weil Marx den Entwicklungsstand der Produktivkräfte seiner Zeit maßlos überschätzte, konnte er übersehen, daß er theoretisch die Möglichkeit einer proletarischen Revolution im 19. Jahrhundert dementiert hatte und daß seine revolutionäre Theorie die Existenz des Kapitals und seine weitere Entwicklung für seine Zeit rechtfertigte, denn: „Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoße der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind“(25).

Trotz aller immanenten Krisenhaftigkeit kapitalistischer Entwicklung beweist schon allein die gigantische weitere Entfaltung der Produktivkräfte nach dem zweiten Weltkrieg, die ohne größere Erschütterungen innerhalb von Tauschwertlogik und Warenproduktion erfolgen konnte, daß eine proletarische Revolution als soziale Revolution im ersten Drittel dieses Jahrhunderts noch jeder objektiven Grundlage entbehrte. Engels schrieb rückblickend über seine und Marxens revolutionäre Hoffnungen von 1848: „Die Geschichte hat uns und allen, die ähnlich dachten, unrecht gegeben. Sie hat klargemacht, daß der Stand der ökonomischen Entwicklung auf dem Kontinent damals noch bei weitem nicht reif war für die Beseitigung der kapitalistischen Produktion; sie hat dies bewiesen durch die ökonomische Revolution, die seit 1848 den ganzen Kontinent ergriffen und die große Industrie in Frankreich, Österreich, Ungarn, Polen und neuerdings Rußland erst wirklich eingebürgert, aus Deutschland aber geradezu ein Industrieland ersten Ranges gemacht hat – alles auf kapitalistischer, im Jahre 1848 also noch sehr ausdehnungsfähiger Grundlage“(26).

In der Retrospektive können und müssen wir Engels‘ Selbstkritik auf die zweite und dritte Internationale übertragen, und all denjenigen, die immer noch den verpaßten Chancen von anno dazumal nachtrauern, entgegenhalten, daß keine Fraktion der alten Arbeiterbewegung sich jemals wirklich über den Horizont von Warenproduktion und Arbeitsteilung – und genau das kann ja nur der Gehalt eines Sozialismus sein, der diesen Namen verdient – erhoben hat und erheben konnte. Denn den Widerspruch von Produktionsverhältnissen und Produktivkräften erfuhren die Träger der alten Arbeiterbewegung nur als partiellen, niemals als totalen. Als absoluten Widerspruch kannten sie ihn nur vom Hörensagen, als versteinerte Floskel marxistischer Dogmatik.

Die revolutionäre Klasse als die größte Produktivkraft fühlte sich pudelwohl in

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ihrer bornierten Arbeiterrolle und alle Sozialismuskonzeptionen liefen auf die Verallgemeinerung der Arbeiterexistenz hinaus, statt auf deren Aufhebung. Wenn für Marx der Unterschied zwischen proletarischer Revolution und allen anderen vorhergegangenen Revolutionen darin besteht, daß bisher die revolutionären Klassen sich in ihrer Selbstborniertheit gesetzt haben, während für das Proletariat seine Revolution der Akt der Selbstaufhebung ist, so finden wir davon keine Spur im Bewußtsein der alten Arbeiterbewegung. Der rätekommunistische Facharbeiter wollte Facharbeiter bleiben, nur die parasitären Kapitalisten sollten verschwinden. Sie waren meilenweit entfernt von dem universalen Charakter des Proletariats, an den Marx die Möglichkeit der universalen proletarischen Revolution gebunden hatte. Wenn er schrieb, „sie (gemeint ist die proletarische Revolution, E.L.) kann nur vollzogen werden durch die Vereinigung, die durch den Charakter des Proletariats selbst wieder nur eine universelle sein kann“ (27), so schoss er weit über das Niveau der traditionellen Arbeiterformationen hinaus. Er antizipierte begrifflich-logisch einen Zustand, der sich historisch mit über einhundert Jahren Verzögerung erst herzustellen beginnt.

Die Beschränktheit der Produktivkräfte drückt sich in der Borniertheit der größten Produktivkraft, der revolutionären Klasse, am entschiedensten aus. Der Facharbeiterstandpunkt als vorherrschendes Arbeiterbewußtsein mit all seinen korporatistischen und ständischen Elementen war eine denkbar ungeeignete Basis für die von Marx anvisierte proletarische, universelle Revolution. Erst die brutale Gewalt weiterer kapitalistischer Entwicklung konnte die Arbeiterklasse aus diesem noch immer selbstgenügsamen, trauten Verhältnis endgültig hinauskatapultieren, und die Erosion der traditionellen Arbeiterformationen und der ihr entsprechenden Bewußtseinsformen schafft endlich die Voraussetzung für eine wirkliche sozialistische Umwälzung. Solange es kein schlechter Witz ist, wenn ein Arbeiter Arbeiter sein will, kann von proletarischer Revolution im Sinne von sozialer Revolution nicht die Rede sein.

„Die Bedingungen, unter denen die Individuen, solange der Widerspruch noch nicht eingetreten ist, miteinander verkehren, sind zu ihrer Individualität gehörige Bedingungen, nichts Äußerliches für sie, Bedingungen, unter denen diese bestimmten, unter bestimmten Verhältnissen existierenden Individuen allein ihr materielles Leben und was damit zusammenhängt produzieren können, sind also die Bedingungen ihrer Selbstbetätigung und werden von dieser Selbstbetätigung produziert. Die bestimmte Bedingung, unter der sie produzieren, entspricht also, solange der Widerspruch noch nicht eingetreten ist, ihrer wirklichen Bedingtheit, ihrem einseitigen Dasein, dessen Einseitigkeit sich erst durch den Eintritt des Widerspruchs zeigt und also für die Späteren existiert. Dann erscheint diese Bedingung als eine zufällige Fessel, und dann wird das Bewußtsein, daß sie eine Fessel sei, auch der früheren Zeit untergeschoben“(28).

Erst wenn die Produktivkräfte eine das Kapitalverhältnis sprengende Höhe erreicht haben, erst wenn sie wirklich universell geworden sind, verwandelt sich die jeweilige

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Privatarbeit in eine zufällige Äußerlichkeit für den einzelnen Arbeiter. Der Widerspruch zwischen universellen Produktivkräften und kapitalistischen Produktionsverhältnissen, zwischen dem unmittelbar gesellschaftlichen Charakter der Arbeit und ihrer Form als Privatarbeit, muß sich notwendig als Entprofessionalisierung äußern. In diesem Sinne zeigt allein schon die Tatsache, daß die traditionellen Facharbeiterformationen gar nicht auf die Idee gekommen wären, die Art ihrer Tätigkeit in Frage zu stellen, an, daß in den Hoch-Zeiten der alten Arbeiterbewegung Produktivkräfte und kapitalistische Produktionsverhältnisse einander kongruent waren, trotz aller gegenteiligen Beteuerungen der Theoretiker der zweiten und dritten Internationalen. Die Lohnarbeiterexistenz, die andere Seite des Kapitalverhältnisses, war für einen breiten Teil der Lohnarbeiter nichts zufälliges, äußerliches, feindliches, sondern sie war identitätsstiftend im positiven Sinn. Hans Meier arbeitet 1922 nicht als Schlosser, er WAR Schlosser, und erst in der Retrospektive, vom heutigen Stand der Produktivkraftentwicklung aus gesehen, wird die Beschränktheit seiner Existenzweise deutlich.

Erst wenn der vereinzelte Proletarier, aus dem korporatistischen Verband herausgelöst, dem Kapital in völliger Nacktheit gegenübersteht, wenn er sich nicht mehr hinter seiner Professionalität verschanzen kann, wenn er als Individuum darauf zusammenschrumpft, abstrakt-allgemeine, daher von vornherein gesellschaftliche Arbeit zu leisten (so er seine Arbeitskraft verkaufen kann), erst dann muß das Proletariat allen bornierten Zwecken entsagen und den universellen Zugriff auf die universellen Kräfte wagen. Erst dann wird Marx doch noch recht behalten: „Nur die von aller Selbstbetätigung vollständig ausgeschlossenen Proletarier der Gegenwart sind imstande, ihre vollständige, nicht mehr bornierte Selbstbetätigung, die in der Aneignung einer Totalität von Produktivkräften und der damit gesetzten Entwicklung einer Totalität von Fähigkeiten besteht, durchzusetzen“(29).

In Marxens Gegenwart und auch noch geraume Zeit nach seinem Tod war allerdings von diesem Proletariertypus weit und breit nichts zu sehen, sondern nur proletarische Selbstzufriedenheit. Der Maulwurf braucht länger als Marx vorhergesehen hat, er wühlt dafür aber um so gründlicher.

3. Vergesellschaftung und Verwissenschaftlichung der Produktion als katastrophenhafter Prozeß

Die Selbstzufriedenheit innerhalb des stofflichen Arbeitsprozesses, die im proletarischen Produzentenstolz kulminiert, mußte sich auch im Verhältnis zu dem Produkt dieser Arbeit widerspiegeln. So selbstverständlich rational, quasi natürlich und unabhängig von seiner kapitalistischen Form der konkrete Arbeitsprozeß erschien, so selbstverständlich und unhinterfragbar mußte sich für die Protagonisten der alten Arbeiterbewegung auch das Produkt dieser Arbeit darstellen. Sie wären, sehen wir einmal von der nur marginalen

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Luxus- und Goldproduktion ab, nie auf die Idee gekommen, ein Produkt als solches zu kritisieren, bestimmte Gebrauchswerte und Bedürfnisse als dem Kapitalverhältnis spezifisch anzusehen. Rosa Luxemburg z.B. erweiterte das zweiteilige Reproduktionsschema aus dem zweiten Band des „Kapital“ um eine dritte Ableitung, die Produktion von Gold als Zirkulationsmittel, und verortete den Unterschied zwischen kapitalistischer und sozialistischer Produktion allein im ersatzlosen Wegfall dieser faux frais der gesellschaftlichen Produktion unter der Morgensonne des Sozialismus. Getreide würde man in allen Gesellschaftsformationen benötigen, genauso wie Kleidung und Beleuchtung, ebenso die Produktionsmittel, mit deren Hilfe all diese Dinge erzeugt werden.

Nur im antimilitaristischen Kampf der alten Arbeiterbewegung finden wir hier eine wichtige Ausnahme. An diesem Punkt insistieren die Theoretiker und Propagandisten darauf, daß eine ganze Palette von Produkten allein dem antagonistischen Charakter der Gesellschaft entspringt und mit dem Klassenwiderspruch verschwinden wird. Aber auch hier war die Kritik an diesen Produkten weit weniger radikal als diejenige, die heute unübersehbar auf der Straße liegt. Und das aus gutem Grund. Erstens wurde nur und konnte nur ihr bewußter Zweck kritisiert werden, also ihre mörderische Funktion im Falle ihres Einsatzes, und nicht etwa die ungewollten, aber in Kauf genommenen Nebenfolgen dieser Produktion selber, etwa Umweltzerstörung, zweitens konnte das Überflüssigwerden von Waffen und Waffenproduktion erst von der fernen kommunistischen Zukunft erwartet werden. Waffen waren auch für das Proletariat im Klassenkampf unabdingbar, und ebenso wäre für sozialistische Länder, neben denen noch kapitalistische existieren würden, Waffenproduktion ein notwendiger Teil der gesellschaftlichen Gesamtproduktion geblieben. Der Verteidigungskrieg wurde in der traditionellen Arbeiterbewegung anerkannt und gerechtfertigt, und so konnten auch Waffen an und für sich nicht kritisiert werden, selbst in einer bürgerlichen Gesellschaft nicht. Kritikwürdig war allein der Angriffskrieg, aber einem Gewehr an sich war es nicht anzusehen, ob es auf seiten der Verteidiger oder auf seiten der Angreifer eingesetzt werden würde, auf seiten der Bourgeoisie oder als proletarische Argumentationshilfe.

Erst die Verwissenschaftlichung des Mordens hat diese weitgehende Neutralität der Waffe endgültig aufgehoben und gleichzeitig die Unterscheidung zwischen Angriffs- und Verteidigungskrieg überholt. Die Atombombe ist eben nicht mehr wie die Kanonen von anno 1871 gegen die Bourgeoisie zu drehen und kann außer in kranken Hirnen kein Mittel proletarischer Politik sein. Auch mit roter Nelke verziert und mit rosa Schleifchen umwickelt, könnte sie nie ein Symbol der proletarischen Revolution sein.

Die Ablösung des Kriegshandwerks durch die Verwissenschaftlichung der Kriegsführung zeigt wie im Brennglas ein allgemeineres Phänomen an, nämlich die Veränderung des Verhältnisses des unmittelbaren Produzenten zu seinem Produkt überhaupt. Die überkommenen handwerklerischen Grundlagen, die das Fabriksystem zunächst nur ratio-

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neller verwandte und konzentrierte, ließen die produzierten Gebrauchswerte weitgehend angebunden an die traditionellen Bedürfnisse und die als natürlich erscheinenden Formen des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur. Wurde da und dort die Form einer Bedürfniserfüllung verändert, so doch kaum der Inhalt des Bedürfnisses. Die Petroleumfunzel ersetzte die Kerze, und diese wurde schließlich ihrerseits von der Glühbirne abgelöst; aber es ging nach wie vor nur um Beleuchtung. Wer hätte dieses Bedürfnis kritisieren wollen? Für die breite Masse der Bevölkerung löste sich diese Beschränkung erst nach dem zweiten Weltkrieg rasant und auf breiter Front auf, parallel zur Verwissenschaftlichung der Produktion. Sie setzt den entscheidenden Einschnitt.

Waren klar umrissene, voneinander geschiedene Privatarbeiten einzelner Arbeiter, wenn auch in der Fabrik kombiniert, das Agens der Produktion, so waren auch die Kosten dieses Produkts klar umrissen. Sie bestanden allein aus der verausgabten lebendigen Arbeit und den aufgebrauchten Rohstoffen, Produktionsmitteln und Hilfsmitteln, die sich selber wieder in die zu ihrer Herstellung vernutzte lebendige Arbeit auflösen ließen. Konflikte zwischen Arbeit und Kapital gab es hier insofern, als ein Teil der lebendigen Arbeit dem Kapital unbezahlt zukam, weshalb dieses immer versucht war, hier Raubbau zu treiben. Der Versuch der Kapitalisten, Kosten zu externalisieren, konnte sich nur gegen die eigenen Arbeiter richten oder vermittelt gegen die Arbeiter des jeweiligen Lieferanten. Die bloße Existenz des Mehrwerts ist der Ausdruck für diese Art von Externalisierung. Im Kostpreis spiegelt sich nur ein Teil der verausgabten Arbeit, der andere gesellschaftlich nicht minder reale Teil, taucht in der Kostenrechnung des Kapitalisten nicht auf. Hierin findet der Klassenkonflikt zwischen Bourgeoisie und Proletariat seine traditionelle Grundlage.

Diese Konstellation verändert sich, sobald an die Stelle abgegrenzter Privatarbeiten in entscheidenden Bereichen ein von vornherein gesellschaftliches, naturwissenschaftlichtechnisches Aggregat als das Agens der Produktion einrückt. Die beschriebene Kostenexternalisierung zu ungunsten der eigenen Arbeiter bleibt bestehen, wird aber überlagert. In den Vordergrund schiebt sich die Revolutionierung des produktiven Bezugs des Menschen auf die Natur. Indem das Kapital die Naturwissenschaften unmittelbar in seine Botmäßigkeit nimmt, gestaltet es den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur gänzlich um, bleibt aber als wertheckender Wert selbstverständlich völlig gleichgültig gegen den stofflichen Inhalt, den es selber freisetzt. Das Einzelkapital – und das Kapital kann immer nur existieren als viele einzelne Kapitalien – interessiert die gesellschaftliche und stoffliche Potenz der Produktivkraft Wissenschaft nur insoweit, wie diese die von ihm zu bezahlenden Kosten pro Stück Output minimiert oder neue profitträchtige Produktionszweige ermöglicht. Unbekümmert um alle anderen Folgen, setzt es die gesellschaftliche Potenz allein im Sinne der maximalen Verwertung in Gang. Kosten, die sich nicht unmittelbar in den Bilanzen spiegeln, gesellschaftliche Lasten, die die Anwendung einer gesellschaftlichen Potenz hervorruft, kann der Wert als sich

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selbst setzender und sich selbst genügender Zweck nicht berücksichtigen. So muß sich die Vergesellschaftung und Verwissenschaftlichung der Produktion katastrophenhaft durchsetzen.

Die Natur und die Gesellschaft tragen die Folgelasten eines qualitativ umgewälzten Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur, der eingepreßt bleibt in die rein quantitative Bestimmung des Geldes. Jeder Versuch, die hervorgerufenen Veränderungen im Naturhaushalt und im menschlichen Leben a posteriori wieder ins Quantitative, also ins geliebte Geld zurückzuübersetzen und die Verursacher entsprechend zur Kasse zu bitten, gleicht der Quadratur des Kreises und macht nur deutlich, wie wenig die Tauschwertgestalt die heutige Realität zu fassen vermag. Die Abstraktheit des Geldes, die den gesellschaftlichen Zusammenhang nur indirekt, hinter dem Rücken der Individuen herstellt, kann einer universell gewordenen Wirklichkeit, die alles und jeden unmittelbar miteinander in Verbindung bringt, und sei es unter dem Vorzeichen allgemeiner Katastrophen, nicht gerecht werden.

Solange die Produktivkräfte nicht antagonistisch den Produktionsverhältnissen gegenüberstehen, solange bleibt ihr Kreuzungspunkt, der Arbeitsprozeß und seine Produkte, mit sich in Frieden. Die Rationalität des Produktionsprozesses und seiner Ergebnisse schlägt aber in Irrationalität um, sobald die Produktivkräfte den Produktionsverhältnissen entwachsen oder zu entwachsen beginnen. Am Schnittpunkt zwischen Produktionsverhältnissen und Produktivkräften kommt deren Spannung zum Vorschein, und die stoffliche Produktion stößt nunmehr wildgewordene Resultate aus. Vom Gebrauchswertstandpunkt wird die gesellschaftliche Reproduktion widersinnig bis selbstmörderisch. Die mittlerweile universellen Produktivkräfte der gesellschaftlichen Arbeit bleiben vor das inzwischen wackelige Wägelchen der Verwertung des Werts gespannt und schleudern es in höllischer Fahrt hinter sich her durch die Prärie. Die materielle Produktion bringt die Unangemessenheit der Verhältnisse ans Licht. Das universelle Mittel, unterworfen dem erbärmlichsten Zweck, bringt die wunderlichsten Resultate hervor, und im konkreten Arbeitsprozeß materialisiert sich dieser Irrsinn. Die Herrschaft des Tauschwerts, der Mangel an unmittelbarer Gesellschaftlichkeit, stellt schließlich die bloße

Fortexistenz der Menschheit in Frage, die letztendlich gezwungen ist, den überlebten Tauschwert abzuschaffen oder sich selber auszuradieren. Genau diesen Zustand faßt die Marxsche Vorstellung von der Rebellion der Produktivkräfte gegen die überkommenen Produktionsverhältnisse.

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ANMERKUNGEN

(1) Otto Ullrich, Weltniveau, Berlin 1979, S. 66.

(2) MEW Bd. 25, S. 269.

(3) Helmut Reichelt, Reinhold Zech (Hrg.), Karl Marx: Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse, Frankfurt-Berlin-Wien 1983, S. 8.

(4) Ebenda, S. 64.

(5) Ebenda, S. 80.

(6) Ebenda, S. 95.

(7) Stefan Breuer, Aspekte totaler Vergesellschaftung, Freiburg 1985, S. 26.

(8) Hans-Peter Müller (Hrg.), Karl Marx: Die technologischen-historischen Exzerpte, Frankfurt-Berlin-Wien 1981, S. CXIV in der Fußnote.

(9) Zit. nach Boris Goldenberg (Hrg.), Karl Marx, Ausgewählte Schriften, München 1962, S. 20 Fußnote.

(10) Heinrich Cunow, Die Marxsche Geschichts-, Gesellschafts- und Staatstheorie Bd. II, Berlin 1921, S. 161.

(11) Karl Korsch, Karl Marx, Hamburg 1981, S. 167.

(12) Hans-Peter Müller (Hrg.), a.a.O. S. CXVII.

(13) Karl Korsch, a.a.O. S. 174.

(14) Stefan Breuer, Die Krise der Revolutionstheorie, Frankfurt 1977, S. 252f. (Anhang).

(15) Stefan Breuer, Aspekte…, S. 26.

(16) MEW Bd. 3, S. 69f.

(17) Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften Bd. 6, S. 314, zit. nach Breuer, Aspekte …, S. 29.

(18) Stefan Breuer, Aspekte…, S. 29.

(19) Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften Bd. 8, S. 348, zit. nach Breuer, ebd. S. 30.

(20) Theodor W. Adorno, Kritik. Kleine Schriften zur Gesellschaft, Frankfurt 1971, zit. nach Breuer, ebd. S. 41.

(21) Karl Kautsky, Bruno Schoenlank, Grundsätze und Forderungen der Sozialdemokratie: Erläuterungen zum Erfurter Programm, Berlin 1892, in: Peter Friedmann (Hrg.), Materialien zum politischen Richtungsstreit in der deutschen Sozialdemokratie 1890-1917 Bd. 1, Frankfurt-Berlin-Wien 1978, S. 118.

(22) Rosa Luxemburg, zit. nach Thomas Ebermann, Rainer Trampert, Die Zukunft der Grünen, Hamburg 1984, S. 137.

(23) Edward P. Thompson, zit. nach ebd. S. 123.

(24) Friedrich Klemm, zit. nach ebd. S. 124.

(25) MEW Bd. 13, S. 9.

(26) MEW Bd. 22, S. 515.

(27) MEW Bd. 3, S. 68.

(28) MEW Bd. 3, S. 71f.

(29) MEW Bd. 3, S. 68.