31.12.1988  Beitrag drucken

Das Recht auf Faulheit

Widerlegung des »Rechts auf Arbeit« von 1848

(neu übersetzt und herausgegeben als Sondernummer der »Schriften gegen die Arbeit«, Ludwigshafen 1988)

Paul Lafargue, 1883

Vorwort

Im Jahre 1849 sagte Herr Thiers als Mitglied der Kommission für den Grundschulunterricht: »Ich will den Einfluß der Kirche umfassend wieder herstellen, weil ich auf sie zähle in der Verbreitung jener guten Philosophie, die den Menschen lehrt, daß er hier ist, um zu leiden, und nicht jener anderen Philosophie, die im Gegenteil zum Menschen sagt: »Genieße!«.« Herr Thiers drückte damit die Moral der Bourgeoisie aus, deren brutaler Egoismus und deren engherzige Denkart sich in ihm verkörperte. (*4))

Als die Bourgeoisie noch gegen den von der Kirche unterstützten Adel kämpfte, befürwortete sie freie Forschung und Atheismus, kaum aber hatte sie ihr Ziel erreicht, so änderte sie Ton und Haltung. Und heute sehen wir sie bemüht, ihre ökonomische und politische Herrschaft auf die Religion zu stützen. Im 15. und 16. Jahrhundert hatte sie fröhlich die Überlieferungen des Heidentums aufgegriffen und das Fleisch und dessen Leidenschaften, diese Greueln in den Augen des Christentums, verherrlicht; heute dagegen, gestopft mit Gütern und Genüssen, will sie von den Lehren ihrer Denker, der Rabelais und Diderot, nichts mehr wissen und predigt den Lohnarbeitern Enthaltsamkeit. Die kapitalistische Moral, eine jämmerliche Kopie der christlichen Moral, belegt das Fleisch des Arbeiters mit einem Fluch; ihr Ideal besteht darin, die Bedürfnisse des Produzenten auf das geringste Minimum zu drücken, seine Freude und seine Leidenschaften zu ersticken und ihn zur Rolle einer Maschine zu verurteilen, aus der man pausenlos und gnadenlos Arbeit herausschindet.

Die revolutionären Sozialisten müssen also den Kampf, den einst die Philosophen und Flugblattschreiber der Bourgeoisie gekämpft haben, wieder aufnehmen; sie müssen gegen die Moral und die Soziallehren Sturm laufen und in den Köpfen der zur Aktion gerufenen Klasse die Vorurteile ausrotten, welche die herrschende Klasse gesät hat; sie müssen allen Heuchlern gegenüber verkünden, daß die Erde aufhören wird, das Tal der Tränen für die Arbeiter zu sein, daß in der kommunistischen Gesellschaft, die wir errichten werden »wenn es geht, friedlich, wenn nicht, mit Gewalt«, die menschlichen Leidenschaften sich selbst überlassen werden, da alle »von Natur aus gut sind, wir nur ihren falschen und übermäßigen Gebrauch zu vermeiden haben« [1]. Und das wird nur durch das freie Gegenspiel der Leidenschaften und die harmonische Entwicklung des menschlichen Körpers erreicht, denn, sagt Dr. Beddoe, »erst wenn eine Rasse das Höchste ihrer körperlichen Entwicklung erreicht, erreicht sie auch den höchsten Grad moralischer Kraft und Energie«. Das war auch die Meinung des großen Naturforschers Charles Darwin [2].

Die Widerlegung des Rechts auf Arbeit, die ich mit einigen zusätzlichen Anmerkungen neu herausgebe, erschien in der Wochenzeitschrift L’Egalité von 1880.

P.L. (Gefängnis Sainte-Pélagie, 1883.)

Ein verderbliches Dogma

Laßt uns faul in allen Sachen, Nur nicht faul zu Lieb‘ und Wein, Nur nicht faul zur Faulheit sein. — Lessing

Eine seltsame Sucht beherrscht die Arbeiterklasse aller Länder, in denen die kapitalistische Zivilisation herrscht. Diese Sucht, die Einzel- und Massenelend zur Folge hat, quält die traurige Menschheit seit zwei Jahrhunderten. Diese Sucht ist die Liebe zur Arbeit, die rasende Arbeitssucht, getrieben bis zur Erschöpfung der Lebensenergie des Einzelnen und seiner Nachkommen. Statt gegen diese geistige Verirrung anzukämpfen, haben die Priester, die Ökonomen und die Moralisten die Arbeit heiliggesprochen. Blinde und beschränkte Menschen, haben sie weiser sein wollen als ihr Gott; schwache und unwürdige Geschöpfe, haben sie das, was ihr Gott verworfen hat, wiederum zu Ehren zu bringen gesucht. Ich, der ich weder Christ, noch Ökonom, noch Moralist bin, ich appelliere von ihrem Spruch an den ihres Gottes, von den Vorschriften ihrer religiösen, ökonomischen oder freidenkerischen Moral an die schauerlichen Folgen der Arbeit in der kapitalistischen Gesellschaft.

In der kapitalistischen Gesellschaft ist die Arbeit die Ursache des geistigen Verkommens und körperlicher Verunstaltung. Man vergleiche die von einem menschlichen Dienerpack bedienten Vollblutpferde in den Ställen eines Rothschild mit den schwerfälligen normannischen Gäulen, welche das Land beackern, den Mistwagen ziehen und die Ernte einfahren. Man betrachte den edlen Wilden, wenn ihn die Missionare des Handels und die Vertreter in Glaubensartikeln noch nicht durch Christentum, Syphilis und das Dogma der Arbeit verdorben haben, und dann vergleiche man mit ihm unsere elenden Maschinensklaven. [3]

Will man in unserem zivilisierten Europa noch eine Spur der ursprünglichen Schönheit des Menschen finden, so muß man zu den Nationen gehen, bei denen das wirtschaftliche Vorurteil den Haß gegen die Arbeit noch nicht ausgerottet hat. Spanien, das -ach!- verkommt, darf sich rühmen, weniger Fabriken zu besitzen als wir Gefängnisse und Kasernen; aber der Künstler genießt, den kühnen, kastanienbraunen, gleich Stahl elastischen Andalusier zu bewundern; und unser Herz schlägt höher, wenn wir den in seinem durchlöcherten Umhang majestätisch bekleideten Bettler einen Herzog von Orsana mit »Amigo« anreden hören. Für den Spanier, in dem das ursprüngliche Tier noch nicht ertötet ist, ist die Arbeit die schlimmste Sklaverei. [4] Auch die Griechen hatten in der Zeit ihrer höchsten Blüte nur Verachtung für die Arbeit; den Sklaven allein war es gestattet zu arbeiten, der freie Mann kannte nur körperliche Übungen und Spiele des Geistes. Das war die Zeit eines Aristoteles, eines Phidias, eines Aristophanes, die Zeit, da eine Handvoll Tapferer bei Marathon die Horden Asiens vernichtete, welches Alexander bald darauf eroberte. Die Philosophen des Altertums lehrten die Verachtung der Arbeit, diese Herabwürdigung des freien Menschen; die Dichter besangen die Faulheit, diese Gabe der Götter: »O Meliboea, Deus nobis haec otia fecit.« [5]

Christus lehrt in der Bergpredigt die Faulheit: »Sehet die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen; sie arbeiten nicht, sie spinnen nicht, und doch sage ich Euch, daß Salomo in all seiner Pracht nicht herrlicher gekleidet war.« [6]

Jehova, der bärtige und sauertöpfische Gott, gibt seinen Verehrern das erhabenste Beispiel idealer Faulheit: nach sechs Tagen Arbeit ruht er auf alle Ewigkeit aus.

Welches sind dagegen die Rassen, denen die Arbeit ein organisches Bedürfnis ist? Die Auvergnaten (*5); die Schotten, diese Auvergnaten der Britischen Inseln; die Galizier, diese Auvergnaten Spaniens; die Pommern, diese Auvergnaten Deutschlands; die Chinesen, diese Auvergnaten Asiens. Welches sind in unserer Gesellschaft die Klassen, welche die Arbeit um der Arbeit willen lieben? Die Kleinbauern und Kleinbürger, welche, die einen auf ihren Acker gebückt, die anderen ihren Geschäften hingegeben, dem Maulwurf gleichen, der in seiner Höhle herumwühlt, und sich nie aufrichtet, um mit Muße die Natur zu betrachten.

Und auch das Proletariat, die große Klasse, die alle Produzenten der zivilisierten Nationen umfaßt, die Klasse, die, indem sie sich befreit, die Menschheit von der knechtischen Arbeit befreien und aus dem menschlichen Tier ein freies Wesen machen wird, das Proletariat hat sich, seine Instinkte verleugnend und seine geschichtliche Aufgabe verkennend, von dem Dogma der Arbeit verführen lassen. Hart und schrecklich war seine Züchtigung. Alles individuelle und soziale Elend entstammt seiner Leidenschaft für die Arbeit.

Der Segen der Arbeit

Im Jahre 1770 erschien in London eine anonyme Schrift: »An essay on trade and commerce« (Abhandlung über Gewerbe und Handel). Sie erregte zu ihrer Zeit ein gewisses Aufsehen. Ihr Verfasser, ein großer Menschenfreund, erboste sich darüber, daß »der englische Manufakturpöbel es sich in den Kopf gesetzt hat, daß ihm als Engländer durch das Recht der Geburt das Vorrecht zukomme, freier und unabhängiger zu sein als das Arbeitervolk in irgendeinem Land in Europa. Diese Idee kann ihren Nutzen haben, wenn sie die Tapferkeit unserer Soldaten anspornt; aber je weniger die Manufakturarbeiter davon haben, desto besser für sie selbst und für den Staat. Arbeiter sollten sich nie für unabhängig von ihren Vorgesetzten halten. Es ist außerordentlich gefährlich, Mobs in einem kommerziellen Staat wie dem unseren, zu ermutigen, wo vielleicht sieben Achtel der Gesamtbevölkerung Leute mit wenig oder keinem Einkommen sind. Die Kur wird nicht vollständig sein, bis unsre industriellen Armen sich bescheiden, sechs Tage für dieselbe Summe zu arbeiten, die sie heute in vier Tagen verdienen.«

So predigte man bereits hundert Jahre vor Guizot die Arbeit als einen Zügel für die edlen menschlichen Leidenschaften.

»Je mehr meine Völker arbeiten, um so weniger Laster wird es geben«, schrieb Napoleon am 5. Mai 1807 aus Osterode. »Ich bin die Autorität, … und ich wäre geneigt zu verfügen, daß sonntags nach vollzogenem Gottesdienst die Werkstätten wieder geöffnet werden und die Arbeiter wieder ihrer Beschäftigung nachgehen sollen.«

Um die Faulheit auszurotten und um den Stolz und Unabhängigkeitssinn zu beugen, schlug der Verfasser des Essay on trade vor, die Armen in ideale Arbeitshäuser (ideal workhouses) einzusperren, die »Häuser des Schreckens sein müßten, in denen man 14 Stunden pro Tag in der Weise arbeiten sollte, daß nach Abzug der Mahlzeiten volle 12 Arbeitsstunden übrigbleiben«.

12 Arbeitsstunden pro Tag, das Ideal der Menschenfreunde und Moralisten des 18. Jahrhunderts. Wie weit sind wir über dieses Ideal hinaus! Die modernen Werkstätten sind ideale Zuchthäuser geworden, in welche man die Arbeitermassen einsperrt, und in denen man nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen und Kinder zu zwölf- und vierzehnstündiger Zwangsarbeit verdammt! [7] Und die Kinder der Helden der Französischen Revolution haben sich durch die Religion der Arbeit so weit herabwürdigen lassen, daß sie 1848 das Gesetz, welches die Arbeit in den Fabriken auf 12 Stunden täglich beschränkte, als eine revolutionäre Errungenschaft entgegennahmen; sie proklamierten das Recht auf Arbeit als ein revolutionäres Prinzip. Schande über das französische Proletariat! (*6) Nur Sklaven sind einer solchen Erniedrigung fähig. 20 Jahre kapitalistischer Zivilisation müßte man aufwenden, um einem Griechen der antiken Heldenzeit eine solche Entwürdigung begreiflich zu machen!

Und wenn die Leiden der Zwangsarbeit, die Foltern des Hungers, über das Proletariat hereingebrochen sind, zahlreicher als die Heuschrecken der Bibel: eben das haben sie selbst heraufbeschworen.

Dieselbe Arbeit, welche die Proletarier im Juni 1848 mit den Waffen in der Hand forderten, haben sie ihrer Familie auferlegt; sie haben ihre Frauen, ihre Kinder den Fabrikbaronen ausgeliefert. Mit eigener Hand haben sie ihre häuslichen Herde zerstört, mit eigener Hand die Brüste ihrer Frauen trocken gelegt; diese Unglücklichen haben schwangere und stillende Frauen in die Bergwerke und Fabriken geschickt, wo sie sich schinden und die Nerven zerrütten; sie haben mit eigener Hand das Leben und die Kraft ihrer Kinder untergraben.

Schande über die Proletarier! Wo sind jene Gevatterinnen hin mit frechem Mundwerk, frischer Offenherzigkeit, dem Saufen zugeneigt, von denen unsere alten Märchen und Erzählungen berichten? Wo sind die Übermütigen hin, die stets herumtrippelnd, stets anbändelnd, stets singend, Leben säend, wenn sie sich dem Genuss hingaben, ohne Schmerzen gesunde und kräftige Kinder gebaren? Heute haben wir Frauen und Mädchen aus der Fabrik, verkümmerte Blumen mit blassem Teint, mit Blut ohne Röte, mit krankem Magen und erschöpften Gliedmaßen! Ein gesundes Vergnügen haben sie nie kennengelernt und sie werden nicht lustig erzählen können, wie man sie eroberte. Und die Kinder? 12 Stunden Arbeit für die Kinder. O Elend! Alle Jules Simon von der Akademie der moralischen Wissenschaften, alle jesuitischen Germinys (*7) hätten kein den Geist der Kinder mehr verdummendes, ihr Gemüt mehr verderbendes, ihren Körper mehr zerrüttendes Laster ersinnen können als die Arbeit in der verpesteten Atmosphäre der kapitalistischen Werkstätten.

Unser Jahrhundert wird das Jahrhundert der Arbeit genannt; tatsächlich ist es das Jahrhundert der Schmerzen, des Elends und der Verderbnis.

Und doch haben die bürgerlichen Ökonomen und Philosophen, von dem peinlich konfusen Auguste Comte bis zum lächerlich klaren Leroy-Beaulieu, die bürgerlichen Schriftsteller, von dem scharlatanhaften romantischen Viktor Hugo bis zum naiv albernen Paul de Kock, samt und sonders ekelerregende Loblieder auf den Gott Fortschritt, den ältesten Sohn der Arbeit, angestimmt. (*8) Hört man auf sie, so meint man, das Glück müsse auf Erden herrschen, so sehr fühlt man schon seine Nähe. Sie durchwanderten vergangene Jahrhunderte, durchwühlten den Staub und das Elend des Feudalismus, um dessen Dunkelheit als Gegensatz neben die Freuden der Gegenwart zu stellen. Wie sie uns gelangweilt haben, diese Gesättigten, diese Zufriedenen, jüngst noch Teil der Dienerschaft der großen Herren, heute fett besoldete Schriftlakaien der Bourgeoisie; haben sie uns nicht gelangweilt mit dem Landmann des Schönredners La Bruyère? Nun, wir wollen ihnen das Bild der proletarischen Genüsse im kapitalistischen Fortschrittsjahr 1840 zeigen, wie es von Einem von ihnen geschildert wird, dem Dr. Villermé, Mitglied des Instituts, der 1848 zu jenem Kreis von Gelehrten gehörte (Thiers, Cousin, Passy, der Akademiker Blanqui waren darunter), die den Massen die Plattheiten der Ökonomie und der bürgerlichen Moral beizubringen suchten.

Es ist das gewerblich entwickelte Elsaß, von dem der Dr. Villermé spricht, das Elsaß der Kestner und Dollfus, dieser Blüten der Menschenliebe und des industriellen Republikanismus. Aber bevor der Doktor das Bild des proletarischen Elends vor uns ausbreitet, wollen wir erst hören, wie ein elsässischer Manufakturist, Herr Th. Mieg vom Hause Dollfuß, Mieg und Cie, die Lage des Handwerkers unter dem alten Gewerbesystem beschreibt:

»Vor 50 Jahren (1813, als die moderne Maschinenindustrie gerade entstand), waren in Mülhausen alle Arbeiter Kinder des Landes, sie bewohnten die Stadt und die umliegenden Dörfer und hatten fast jeder ein Häuschen und oft ein Stück Land.« [8]

Das war das goldene Zeitalter des Arbeiters. Indes, damals hatte die Industrie noch nicht die Welt mit ihren Baumwollstoffen überschwemmt und ihre Dollfus und Koechlin noch nicht zu Millionären gemacht. Aber 25 Jahre später, als Villermé das Elsaß besuchte, hatte der moderne Minotaurus, die kapitalistische Fabrik, bereits das Land erobert; in seiner Gier nach menschlicher Arbeit hatte er die Arbeiter aus ihrem Heim gerissen, um sie besser schinden, die Arbeit besser aus ihnen herauspressen zu können. Zu tausenden liefen die Arbeiter dem Pfeifen der Maschine nach.

»Eine große Zahl«, sagt Villermé, »fünftausend von siebzehntausend, waren infolge der teueren Mieten gezwungen, sich in den Nachbardörfern einzumieten. Einige wohnten 2¼ Wegstunden von der Fabrik entfernt, in der sie arbeiteten.«

»In Mülhausen, in Dornach, begann die Arbeit um fünf Uhr morgens und endete um fünf Uhr abends, Sommer wie Winter … Man muß sie jeden Morgen in die Stadt kommen und jeden Abend abmarschieren sehen. Es gibt unter ihnen eine Menge bleicher, magerer Frauen, die barfüßig durch den Schmutz laufen und wenn es regnet oder schneit, mangels eines Regenschirms ihre Schürzen oder Unterröcke über den Kopf ziehen, um Hals und Gesicht zu schützen; und eine noch erheblichere Zahl nicht minder schmutziger und abgezehrter junger Kinder, in Lumpen gehüllt, die ganz fettig sind von dem Öl, das aus den Maschinen auf sie herabtropft, wenn sie arbeiten. Diese Kinder, welche die Undurchlässigkeit ihrer Bekleidung besser vor dem Regen schützt, haben nicht einmal wie die Frauen einen Korb mit Lebensmitteln für den Tag im Arm, sondern sie tragen in der Hand oder versteckt unter ihrem Kittel oder wo sie sonst können, das Stück Brot, das sie ernähren muß, bis sie wieder nach Hause zurückkehren.«

»So gesellt sich für diese Unglücklichen zu der Übermüdung durch einen übermäßig langen Arbeitstag – denn er beträgt mindestens 15 Stunden – noch die durch die langen, oft beschwerlichen Wege. Infolgedessen kommen sie übermüdet nach Hause und gehen morgens, noch ehe sie ordentlich ausgeschlafen haben, fort, um pünktlich zu sein, wenn die Fabrik geöffnet wird.«

Und über die Quartiere, in denen diejenigen sich einpferchen mußten, die in der Stadt wohnten: »Ich habe in Mülhausen, in Dornach und in den umliegenden Häusern jene elenden Zimmer gesehen, in denen zwei Familien schliefen, jede in einem Winkel auf Stroh, welches auf dem Fußboden ausgebreitet lag und nur durch zwei Bretter zusammengehalten wurde … Das Elend, in welchem die Arbeiter der Baumwollindustrie im Bezirk Oberrhein leben, ist so groß, daß während in den Familien der Fabrikanten, Kaufleute, Werkdirektoren ungefähr 50 Prozent der Kinder das 21. Jahr erreichen, derselbe Prozentsatz in den Familien der Weberei- und Spinnereiarbeiter bereits vor vollendetem zweiten Jahr stirbt …«

Über die Arbeit in den Werkstätten fügt Villermé hinzu: »Es ist keine Arbeit, keine Aufgabe, es ist eine Tortur, und man halst dieselbe Kindern von 6 bis 8 Jahren auf … Diese lange tägliche Qual ist es hauptsächlich, welche die Arbeiter in den Baumwollspinnereien entkräftet.«

Und mit Bezug auf die Arbeitsdauer bemerkt Villermé, daß die Sträflinge in den Zuchthäusern nur zehn Stunden, die Sklaven auf den Antillen nur neun Stunden durchschnittlich arbeiteten, während in Frankreich, das die Revolution von 1789 gemacht, das die hochtrabenden Menschenrechte proklamiert hat, es Manufakturen gibt, wo der Arbeitstag 16 Stunden dauert, von denen den Arbeitern 1½ Stunden Eßpausen bewilligt werden. [9]

O jämmerliche Fehlgeburt der revolutionären Prinzipien der Bourgeoisie! O grausige Geschenke ihres Götzen Fortschritt! Die Menschenfreunde nennen diejenigen, die, um sich auf die leichte Art zu bereichern, den Armen Arbeit geben, Wohltäter der Menschheit – es wäre besser, die Pest zu säen, die Brunnen zu vergiften, als inmitten einer ländlichen Bevölkerung eine Fabrik zu errichten. Führe die Fabrikarbeit ein, und adieu Freude, Gesundheit, Freiheit – adieu alles, was das Leben schön, was es wert macht, gelebt zu werden. [10]

Die Ökomomen werden nicht müde, den Arbeitern zuzurufen: Arbeitet, damit der Nationalreichtum wächst! Und doch war es einer von ihnen, Destutt de Tracy (*9), der sagte: »Die armen Nationen sind es, wo das Volk sich wohlbefindet; bei den reichen Nationen ist es gewöhnlich arm.«

Und sein Schüler Cherbuliez setzt hinzu: »Indem die Arbeiter zur Anhäufung produktiver Kapitalien mitwirken, fördern sie selbst den Faktor, der sie früher oder später eines Teils ihres Lohnes berauben wird.«

Aber von ihrem eigenen Gekrächz betäubt und verwirrt, erwidern die Ökonomen: Arbeitet, arbeitet, um eures Wohlstandes willen! Und im Namen der christlichen Milde predigt der Pfaffe der anglikanischen Kirche, Reverend Townsend: Arbeitet, arbeitet Tag und Nacht; indem ihr arbeitet, vermehrt ihr eure Leiden, und euer Elend enthebt uns der Aufgabe, euch gesetzlich zur Arbeit zu zwingen. Der gesetzliche Arbeitszwang macht »zuviel Mühe, fordert zu viel Gewalt und erregt zuviel Aufregung; der Hunger ist dagegen nicht nur ein friedlicher, geräuschloser, unermüdlicher Antreiber, er bewirkt auch, als die natürlichste Veranlassung zu Arbeit und Fleiß, die gewaltigste Anstrengung.« (*10)

Arbeitet, arbeitet, Proletarier, vermehrt den gesellschaftlichen Reichtum und damit euer persönliches Elend. Arbeitet, arbeitet, um, immer ärmer geworden, noch mehr Ursache zu haben, zu arbeiten und elend zu sein. Das ist das unerbittliche Gesetz der kapitalistischen Produktion.

Dadurch, daß die Arbeiter den trügerischen Reden der Ökonomen Glauben schenken und Leib und Seele dem Laster Arbeit ausliefern, stürzen sie die ganze Gesellschaft in jene industriellen Krisen der Überproduktion, die den gesellschaflichen Organismus in Zuckungen versetzen. Dann werden wegen Überfluß an Waren und Mangel an Abnehmern die Werke geschlossen, und mit seiner tausendsträhnigen Geißel peitscht der Hunger die arbeitende Bevölkerung. Betört von dem Dogma der Arbeit sehen die Proletarier nicht ein, daß die Mehrarbeit, der sie sich in der Zeit des angeblichen Wohlstandes unterzogen haben, die Ursache ihres jetzigen Elends ist, und anstatt vor die Getreidespeicher zu ziehen und zu schreien: »Wir haben Hunger, wir wollen essen! … Allerdings haben wir keinen roten Heller, aber wenn wir auch Habenichtse sind, wir sind es gewesen, die das Korn eingebracht und die Trauben gelesen haben« – anstatt die Lagerhäuser des Herrn Bonnet aus Jujurieux, Erfinder der industriellen Klöster, zu belagern und zu rufen: »Hier, Herr Bonnet, sind eure Zwirnerinnen, Hasplerinnen, Spinnerinnen und Weberinnen, sie zittern vor Kälte in ihren geflickten Baumwollappen, daß es einen Stein erweichen könnte, und doch sind sie es, welche die seidenen Roben der Mätressen der gesamten Christenheit gesponnen und gewebt haben. Die Ärmsten konnten bei dreizehnstündiger Arbeit nicht an ihr Äußeres denken, jetzt sind sie ohne Arbeit und können selber Staat machen in der Seide, die sie hergestellt haben. Seit sie ihre Milchzähne verloren, haben sie für euch Reichtümer geschaffen und selbst dabei verzichtet; jetzt haben sie Pause und wollen daher auch ein wenig von den Früchten ihrer Arbeit genießen. Auf, Herr Bonnet, bringt die Seide, Herr Harmel wird seine Musseline liefern, Herr Pouyer-Quertier seine Stoffe, Herr Pinet seine Stiefeletten für ihre lieben, kalten und feuchten Füßchen.- Von Kopf bis Fuß eingekleidet und ausgelassen vor Freude, wird es euch Freude machen, sie anzuschauen. Nur keine Ausflucht – ihr seid doch Menschenfreunde, nicht wahr, und Christen außerdem? Stellt euren Arbeiterinnen die Vermögen zur Verfügung, die sie für euch an ihrem eigenen Leib abgedarbt haben. Ihr seid Freunde des Handels? Fördert den Umsatz, hier habt ihr Verbraucher wie gerufen; gebt ihnen unbegrenzten Kredit. Ihr müßt dies ja auch gegenüber Geschäftsleuten tun, die ihr nie gesehen habt, die euch absolut nichts geschenkt haben, nicht mal ein Glas Wasser. Eure Arbeiterinnen werden bezahlen, wie sie es können: Wenn sie am Fälligkeitstag gambettisieren (*11) und ihre Unterschrift platzen lassen, werdet ihr sie für bankrott halten, und wenn sie nichts zu pfänden haben, werdet ihr verlangen, daß sie euch mit Gebeten bezahlen: Sie werden euch ins Paradies schicken, besser noch als eure wohlhabenden Pfaffen.«

Statt in den Zeiten der Krise eine Verteilung der Produkte und allgemeine Belustigung zu verlangen, rennen sich die Arbeiter vor Hunger die Köpfe an den Toren der Fabriken ein. Mit eingefallenen Wangen, abgemagerten Körper überlaufen sie die Fabrikanten mit kläglichen Ansprachen: »Lieber Herr Chagot, bester Herr Schneider, geben Sie uns doch Arbeit, es ist nicht der Hunger, der uns plagt, sondern die Liebe zur Arbeit!«- Und, kaum imstande sich aufrechtzuerhalten, verkaufen die Elenden 12 bis 14 Stunden Arbeit um die Hälfte billiger als zur Zeit, wo sie noch Brot im Korbe hatten. Und die Herren industriellen Menschenfreunde benutzen die Arbeitslosigkeit, um noch billiger zu produzieren.

Wenn die industriellen Krisen auf die Perioden der Überarbeit so notwendig folgen wie die Nacht dem Tag und erzwungene Arbeitslosigkeit bei grenzenlosem Elend nach sich ziehen, so bringen sie auch den unerbittlichen Bankrott mit sich. Solange der Fabrikant Kredit hat, läßt er der Arbeitswut die Zügel schießen, er pumpt und pumpt, um den Arbeitern den Rohstoff zu liefern. Er läßt drauflosproduzieren, ohne zu bedenken, daß der Markt überfüllt wird und daß, wenn er seine Waren nicht verkauft, er auch seine Wechsel nicht einlösen kann. In die Enge getrieben, fleht er den Rothschild an, wirft sich ihm zu Füßen, bietet ihm sein Blut an, seine Ehre. »Ein klein wenig Gold würde meinem Geschäft gut tun«, antwortet der Rothschild, »Sie haben 20 000 Paar Strümpfe auf Lager, die 20 Sous wert sind; ich nehme sie für 4 Sous.« Ist der Handel gemacht, so verkauft Rothschild zu 6 und 8 Sous und steckt lebendige 100-Sousstücke ein, für die er keinem etwas schuldet; der Fabrikant aber hat seinen Aufschub nur erlangt, um desto gründlicher pleite zu gehen. Endlich tritt der allgemeine Zusammenbruch ein und die Warenlager laufen über; da werden dann so viel Waren aus dem Fenster herausgeworfen, daß man gar nicht begreifen kann, wie sie zur Tür hereingekommen sind. Nach Hunderten von Millionen beziffert sich der Wert der zerstörten Waren; im vorigen Jahrhundert verbrannte man sie oder warf sie ins Wasser. [11]

Bevor sie sich aber zu dieser Maßregel entschließen, durchlaufen die Fabrikanten die Welt auf der Suche nach Absatzmärken für die angehäuften Waren; sie verlangen von ihrer Regierung, den Kongo anzugliedern, Tonking zu erobern, die Mauern Chinas zusammenzuschießen, nur damit sie ihre Baumwollartikel absetzen können. In den letzten Jahrhunderten kämpften England und Frankreich ein Duell auf Leben und Tod, wer von ihnen das ausschließliche Vorrecht haben werde, in Amerika und Indien zu verkaufen. Tausende junger, kräftiger Männer haben in den Kolonialkriegen des 16., 17. und 18. Jahrhunderts mit ihrem Blut das Meer gefärbt.

Wie an Waren, so herrscht auch Überfluß an Kapitalien. Die Finanziers wissen nicht mehr, wo dieselben unterbringen; so machen sie sich dann auf, bei jenen glücklichen Völkern, die sich noch Zigaretten rauchend in der Sonne räkeln, Eisenbahnen zu bauen, Fabriken zu errichten und den Fluch der Arbeit zu importieren. Und dieser französische Kapitalexport endet eines schönen Tages mit diplomatischen Verwicklungen: in Ägypten wären sich Frankreich, England und Deutschland beinahe in die Haare geraten, um sich zu vergewissern, wessen Wucherer zuerst bezahlt werden, und mit Kriegen wie in Mexiko, wo man französische Soldaten hinschickte, die Rolle von Gerichtsvollziehern zur Eintreibung fauler Schulden zu spielen. [12]

Diese persönlichen und gesellschaftlichen Leiden, so groß und unzählbar sie auch sind, so ewig sie auch erscheinen mögen, werden verschwinden wie die Hyänen und die Schakale beim Herannahen des Löwen, sobald das Proletariat sagen wird: »Ich will es«. Aber damit ihm seine Kraft bewußt wird, muß das Proletariat die Vorurteile der christlichen, ökonomischen und liberalistischen Moral mit Füßen treten; es muß zu seinen natürlichen Instinkten zurückkehren, muß die Faulheitsrechte ausrufen, die tausendfach edler und heiliger sind als die schwindsüchtigen Menschenrechte, die von den übersinnlichen Anwälten der bürgerlichen Revolution wiedergekäut werden; es muß sich zwingen, nicht mehr als drei Stunden täglich zu arbeiten, um den Rest des Tages und der Nacht müßig zu gehen und flott zu leben.

Bis hierher war meine Aufgabe leicht; ich hatte nur wirkliche, uns allen leider nur zu bekannte Übel zu schildern. Aber das Proletariat zu überzeugen, daß die zügellose Arbeit, der es sich seit Beginn des Jahrhunderts ergeben hat, die schrecklichste Geißel ist, welche je die Menschheit getroffen, daß die Arbeit erst dann eine Würze der Vergnügungen der Faulheit, eine dem menschlichen Körper nützliche Leidenschaft sein wird, wenn sie weise geregelt und auf ein Maximum von drei Stunden täglich beschränkt wird – das ist eine Aufgabe, die meine Kräfte übersteigt. Nur Ärzte, Fachleute für Gesundheitsvorsorge und kommunistische Ökonomen können sie unternehmen. In den nachfolgenden Seiten werde ich mich auf den Nachweis beschränken, daß angesichts der modernen Produktionsmittel und ihrer unbegrenzten Vervielfältigungsmöglichkeiten die übertriebene Leidenschaft der Arbeiter für die Arbeit gebändigt und es ihnen zur Pflicht gemacht werden muß, die Waren, die sie produzieren, auch zu verbrauchen.

Was der Überproduktion folgt

Ein griechischer Dichter aus der Zeit Ciceros, Antipatros, besang die Erfindung der Wassermühle (zum Mahlen des Getreides) als Befreierin der Sklavinnen und Errichterin des goldenen Zeitalters:

»Schonet der mahlenden Hand, o Müllerinnen, und schlafet sanft! Es verkündet der Hahn euch den Morgen umsonst! Däo hat die Arbeit der Mädchen den Nymphen befohlen, und jetzt hüpfen sie leicht über die Räder dahin, daß die erschütterten Achsen mit ihren Speichen sich wälzen, und im Kreise die Last drehen des wälzenden Steins. Laßt uns leben das Leben der Väter, und laßt uns der Gaben arbeitslos uns freun, welche die Göttin uns schenkt.« (*12)

Ach! Die Zeit der Muße, die der heidnische Dichter verkündete, ist nicht gekommen; die blinde, perverse und mörderische Arbeitssucht hat die Maschine aus einem Befreiungsinstrument in ein Instrument zur Knechtung freier Menschen umgewandelt: die Produktionskraft der Maschine verarmt die Menschen.

Eine gute Arbeiterin verfertigt auf dem Handklöppel gerade fünf Maschen in der Minute; gewisse Klöppelmaschinen fertigen in derselben Zeit dreißigtausend. Jede Minute der Maschine ist somit gleich hundert Arbeitsstunden der Arbeiterin, oder vielmehr, jede Minute Maschinenarbeit ermöglicht der Arbeiterin zehn Tage Ruhe. Was für die Spitzenindustrie gilt, gilt mehr oder weniger für alle durch die moderne Mechanik umgestalteten Industrien. Was sehen wir aber? Je mehr sich die Maschine vervollkommnet und mit beständig wachsender Schnelligkeit und Präzision die menschliche Arbeit verdrängt, verdoppelt der Arbeiter noch seine Anstrengungen, anstatt seine Ruhe entsprechend zu vermehren, als wollte er mit den Maschinen wetteifern. O törichte und mörderische Konkurrenz!

Um der Konkurrenz zwischen Mensch und Maschine freie Bahn zu verschaffen, haben die Proletarier die weisen Gesetze, welche die Arbeit der Handwerker der alten Zünfte beschränkten, abgeschafft, die Feiertage unterdrückt. [13] Denkt ihr, daß die Arbeiter, als sie damals von sieben Tagen nur fünf arbeiteten, nur von Luft und frischem Wasser gelebt hätten, wie die verlogenen Ökonomen uns vorerzählen? So ein Quatsch! Sie hatten Mußezeit, um die irdischen Freuden zu kosten, um zu lieben und zu scherzen, um vergnügt zu Ehren des lustigen Gottes des Müßiggangs Tafel zu halten. Das grämliche, im Protestantismus verheuchelte England hieß damals das »fröhliche England« (Merry England). Rabelais, Quevado, Cervantès, die unbekannten Verfasser der Schelmenromane lassen uns das Wasser im Mund zusammenlaufen mit ihren Schilderungen jener monumentalen Schlemmereien [14], die man sich damals zwischen zwei Schlachten und zwei Verheerungen schmecken ließ und bei denen »an nichts gespart wurde«. Jordaens und die niederländische Schule haben sie uns auf ihren lebenslustigen Gemälden dargestellt. Erhabene Riesenmägen, was ist aus euch geworden? Erhabene Geister, die ihr das ganze menschliche Denken umfaßtet, wo seid ihr hin? Wir sind durch und durch verzwergt und entartet. Die Entbehrungen, die Kartoffel, gefärbter Wein und der preußische Schnaps haben in raffinierter Verbindung mit Zwangsarbeit unsere Körper erschlafft und unseren Geist verkleinert. Und während der Mensch seinen Magen zusammenschnürt und die Produktivität der Maschine wächst, wollen uns die Ökonomen die Malthussche Theorie (*13), die Religion der Enthaltsamkeit und das Dogma der Arbeit predigen? Man sollte ihnen lieber die Zunge ausreißen und den Hunden zum Fraß vorwerfen.

Da jedoch die Arbeiterklasse in ihrer Einfalt sich den Kopf hat verdrehen lassen und sich mit ihrem kindlichen Ungestüm blindlings in Arbeit und Enthaltsamkeit gestürzt hat, so sieht sich die Kapitalistenklasse zu erzwungener Faulheit und Üppigkeit, zur Unproduktivität und Überkonsum verurteilt. Und wenn die Überarbeit des Proletariers seinen Körper abrackert und seine Nerven zerrüttet, so bringt sie dem Bourgeois nicht weniger Leiden.

Die Enthaltsamkeit, zu welcher sich die produktive Klasse hat verurteilen lassen, macht es der Bourgeoisie zur Pflicht, sich der Überkonsumtion der zuviel verfertigten Produkte zu widmen. Zu Anfang der kapitalistischen Produktion, vor ein oder zwei Jahrhunderten, war der Bourgeois noch ein ordentlicher Mann mit vernünftigen und friedlichen Sitten: er begnügte sich mit einer Frau, wenigstens beinahe, er trank nur, wenn er Durst, und aß nur, wenn er Hunger hatte. Er überließ den Höflingen und Hofdamen die adligen Tugenden der Ausschweifung. Heute gibt es keinen Sohn eines Emporkömmlings, der nicht glaubt, er müsse die Prostitution fördern und seinen Körper verquecksilbern, um der Schufterei, der sich die Arbeiter in den Quecksilberminen aussetzen, einen Sinn zu geben. (*14) Es gibt keinen Bourgeois, der sich nicht mit Trüffelkapaunen und mit herangeschafftem edlen Wein vollstopft, um die Geflügelzüchter von La Flèche und die Winzer des Bordelais zu fördern. Bei diesem Geschäft geht der Körper schnell zugrunde, die Haare fallen aus, das Zahnfleisch geht zurück, der Rumpf deformiert, der Bauch schwillt an, die Brust wird asthmatisch, die Bewegungen werden schwerfälliger, die Gelenke steif, die Glieder gichtig. Andere, die zu schwach sind, um die Anstrengung der Ausschweifung zu ertragen, aber mit der Neigung zu Klugscheißerei ausgestattet, dörren ihr Gehirn aus, wie die Garnier von der politischen Ökonomie oder die Acollas von der juristischen Philosophie, und hecken dickbändige, schlafsuchterregende Bücher aus, um die Mußestunden von Schriftsetzern und Buchdruckern auszufüllen.

Die Frauen von Welt führen ein Märtyrerleben. Um die feenhaften Garderoben, bei deren Herstellung sich die Schneiderinnen zugrunde richten, zu probieren und zur Geltung zu bringen, schlüpfen sie von morgens bis abends von einer Robe in die andere; stundenlang liefern sie ihren hohlen Kopf Haarkünstlern aus, die um jeden Preis ihre Leidenschaft für die Aufschichtung falscher Haare befriedigen wollen. Eingeschnürt in Korsetts, die Füße in engen Stiefeletten, den Busen entblößt, daß ein Pionier darüber rot werden könnte, drehen sie sich die ganze Nacht hindurch auf ihren Wohltätigkeitsbällen, um einige Sous für die Armen zusammenzubringen. O ihr Heiligen!

Um ihrer doppelten gesellschaftlichen Funktion als Nichtproduzent und Überkonsument nachzukommen, mußte die Bourgeoisie nicht nur ihren bescheidenen Bedürfnissen Zwang antun, sich die ihr seit zwei Jahrhunderten zur Gewohnheit gewordene Arbeitsamkeit abgewöhnen und sich einem zügellosen Luxus, dem Sich-vollstopfen mit Trüffeln, sowie syphilitischen Ausschweifungen ergeben, sie mußte auch eine enorme Masse Menschen der produktiven Arbeit entziehen, um sich Mitesser zu verschaffen.

Einige Zahlen mögen beweisen, wie kollosal dieses Brachlegen von produktiven Kräften ist. Nach der Volkszählung von 1861 zählte die Gesamtbevölkerung von England und Wales 20 066 244 Personen, 9 776 259 männlich und 10 289 965 weiblich. Zieht man hiervon ab, was zu alt oder zu jung zur Arbeit, die Frauen, unproduktive Jugendliche und Kinder, dann die ideologischen Berufe, wie Regierung, Polizei, Kirche, Stadtverwaltung, Armee, Prostituierte, Künstler, Wissenschaftler etc., ferner alle, deren ausschließliches Geschäft der Verzehr fremder Arbeit in der Form von Grundrente, Zinsen, Dividenden etc., so bleiben in runder Zahl acht Millionen beiderlei Geschlechts und der verschiedenen Altersstufen, mit Einschluß sämtlicher in der Produktion, dem Handel, der Finanz etc. tätigen Kapitalisten. Von diesen acht Millionen kommen auf:

Ackerbauarbeiter (mit Einschluß der Hirten und bei Pächtern wohnenden Ackersknechte und Mägde) 1 098 261
Arbeiter in Baumwoll-, Woll-, Flachs-, Hanf-, Seidefabriken und in Strickereien 642 607
Arbeiter in Kohlen- und Metallbergwerken 565 835
Arbeiter in Metallwerken (Hochöfen, Walzwerke etc.) 396 998
Dienende Klasse 1 208 648

»Rechnen wir die Beschäftigten in allen Textilfabriken zusammen mit denen der Kohlen- und Metallbergwerke, so erhalten wir 1 208 442; rechnen wir sie zusammen mit dem Personal aller Metallwerke und Manufakturen, so ist die Gesamtzahl 1 039 605, beidemal kleiner als die Zahl der modernen Haussklaven. Welch erhebendes Resultat der kapitalistisch angewandten Maschinerie!« [15]

Zu dieser ganzen dienenden Klasse, deren Zahl den Entwicklungsgrad der kapitalistischen Zivilisation widergibt, müssen wir die zahlreiche Klasse der Unglücklichen hinzurechnen, die sich ausschließlich der Befriedigung der kostspieligen und belanglosen Bedürfnisse der reichen Klassen widmen: Diamantschleifer, Spitzenarbeiterinnen, Luxusstickerinnen, Galanteriearbeiter, Modeschneider, Ausstatter der Lusthäuser etc. [16]

Einmal in der absoluten Faulheit versunken und von dem erzwungenen Genuß demoralisiert, gewöhnte sich die Bourgeoisie trotz der Übel, welche ihr daraus erwachsen, bald an das neues Leben. Mit Schrecken sah sie jeder Änderung der Dinge entgegen. Angesichts der jammervollen Lebensweise, der sich die Arbeiterklasse resigniert unterwarf, und der organischen Verkümmerung, welche die unnatürliche Arbeitssucht zur Folge hat, steigert sich noch ihr Widerwille gegen jede Auferlegung von Arbeitsleistungen und gegen jede Einschränkung ihrer Genüsse.

Und just zu dieser Zeit setzten es sich die Proletarier, ohne der Demoralisierung, welche sich die Bourgeoisie als eine gesellschaftliche Pflicht auferlegt hatte, im geringsten zu achten, in den Kopf, die Kapitalisten zwangsweise zur Arbeit anzuhalten. In ihrer Einfalt nahmen sie die Theorien der Ökonomen und Moralisten über die Arbeit ernst und schickten sich an, die Praxis derselben den Kapitalisten zur Pflicht zu machen. Das Proletariat proklamierte die Parole: »Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.« Im Jahre 1831 erhob sich Lyon für »Blei oder Arbeit«; die Juni-Insurgenten von 1848 forderten das Recht auf Arbeit; und die Förderierten vom März bezeichneten ihren Aufstand als die Revolution der Arbeit.

Auf diese Ausbrüche barbarischer Wut auf bürgerliches Wohlleben und bürgerliche Faulheit konnten die Kapitalisten nur mit gewaltsamer Unterdrückung antworten; aber wenn sie auch diese revolutionären Ausbrüche zu unterdrücken vermochten, so wissen sie doch, daß selbst in dem Meere des vergossenen Blutes die absurde Idee des Proletariats, den Müßiggängern und Satten Arbeit aufzuerlegen, nicht ertränkt worden ist; und nur um dieses Unheil abzuwenden, umgeben sie sich mit Polizisten, Behörden und Kerkermeistern, die in einer mühseligen Unproduktivität erhalten werden. Heute kann niemand mehr über den Charakter der modernen Heere im unklaren sein; sie werden nur deshalb auf Dauer aufrechterhalten, um den »inneren Feind« niederzuhalten. So sind die Festungen von Paris und Lyon nicht gebaut worden, um die Stadt nach außen zu verteidigen, sondern um Revolten zu unterdrücken. Ein Beispiel, gegen das es keinen Widerspruch gibt, ist Belgien, dieses Schlaraffenland des Kapitalismus. Seine Neutralität ist von den europäischen Mächten verbürgt, und trotzdem ist seine Armee, im Verhältnis zur Bevölkerungszahl, eine der stärksten. Die glorreichen Schlachtfelder der tapferen belgischen Armee aber sind die Ebenen des Borinage und von Charleroi; in dem Blute von unbewaffneten Bergleuten und Arbeitern pflegt der belgische Offizier seinen Degen zu taufen und Abzeichen zu sammeln. Die europäischen Nationen haben keine Volks-, sondern Söldnerarmeen zum Schutze der Kapitalisten gegen die Wut des Volkes, das diese zu zehnstündiger Gruben- und Fabrikarbeit verdammen will.

Die Arbeiterklasse hat, indem sie sich den Bauch zusammenschnürt, den Bauch der Bourgeoisie über alles Maß entwickelt, sie zu Überkonsum verdammt.

Um sich diese mühselige Arbeit zu erleichtern, hat die Bourgeoisie eine Masse Leute von der Arbeiterklasse abgezogen und sie, die bedeutend höherstehend sind als jene, die in der nützlichen Produktion verblieben, ihrerseits zu Unproduktivität und Überkonsum verdammt. Aber so groß dieses Heer von unnützen Mäulern, so unersättlich seine Gefräßigkeit auch ist, es reicht immer noch nicht, um alle Waren zu konsumieren, welche die durch das Dogma von der Arbeit verdummten Arbeiter wie Besessene erzeugen, ohne sie konsumieren zu wollen, ohne sich darum zu kümmern, ob sich überhaupt Leute finden, die sie konsumieren.

Und so besteht, angesichts der doppelten Verrücktheit der Arbeiter, sich durch Überarbeit umzubringen und in Entbehrungen dahinzuvegetieren, das große Problem der kapitalistischen Produktion nicht darin, Produzenten zu finden und ihre Kräfte zu verzehnfachen, sondern Konsumenten zu entdecken, ihren Appetit zu reizen und bei ihnen künstliche Bedürfnisse zu wecken.

Und da die europäischen Arbeiter, vor Hunger und Kälte zitternd, sich weigern, die Stoffe, die sie weben, zu tragen, den Wein, den sie ernten, zu trinken, so sehen sich die armen Fabrikanten genötigt, wie Wiesel in ferne Länder zu laufen und dort Leute zu suchen, die sie tragen und trinken. Hunderte von Millionen und Milliarden sind es, welche Europa jährlich nach allen vier Enden der Welt zu Völkern exportiert, die nicht wissen, was sie damit anfangen sollen. [17] Die erforschten Erdteile sind ihnen nicht groß genug, daher brauchen sie jungfräuliches Land. Die Fabrikanten Europas träumen Tag und Nacht von Afrika, von der Sahara, von der Sudanbahn; mit angestrengter Aufmerksamkeit folgen sie dem Vordringen der Livingstone, der Stanley, der Du Chaillu, der de Brazza; offenen Mundes lauschen sie den wunderverheißenden Erzählungen dieser mutigen Reisenden. Welch unbekannte Wunder verbirgt nicht dieser »schwarze Kontinent«! Ganze Felder sind mit Elefantenzähnen besät, Flüsse von Kokosöl tragen Goldsand dahin, Millionen von schwarzen Hintern, nackt wie der Schädel von Dufaure oder Girardin, warten auf europäische Baumwolle, um Anstand zu erlernen, auf Schnapsflaschen und Bibeln, um die Tugenden der Zivilisation kennenzulernen.

Aber alles das reicht nicht: die Bourgeois, die sich fettfressen, die Dienstbotenklasse, die zahlreicher ist als die produktive Klasse, fremde und barbarische Völker, die man mit europäischen Waren vollstopft – nichts, nichts vermag die Berge der Produktion zu erschöpfen, die sich höher und gewaltiger als die Pyramiden Ägyptens auftürmen: die Produktivität der europäischen Arbeiter trotzt allem Konsum, aller Verschleuderung. Die Fabrikanten wissen in ihrer Verwirrung nicht mehr, wo den Kopf lassen, sie können nicht Rohstoffe genug auftreiben, um die unmäßige, kaputte Leidenschaft ihrer Arbeiter für die Arbeit zu befriedigen. In unseren Wollfabriken wird aus schmutzigen und halbverfaulten Lumpen ein Tuch hergestellt, das Renaissance genannt wird und so lange hält wie Wahlversprechen. Anstatt der Seidenfaser ihre Einfachheit und natürliche Geschmeidigkeit zu lassen, überläd man sie in Lyon mit Mineralsalzen, die ihr Gewicht geben, sie aber brüchig und wenig brauchbar macht. Alle unsere Produkte sind verfälscht, um ihren Absatz zu erleichtern und ihre Haltbarkeit zu verkürzen. Unsere Epoche sollte das Zeitalter der Fälschung genannt werden, wie die ersten Epochen der Menschheit die Namen Steinzeit, Bronzezeit nach dem Charakter ihrer Produktion erhielten. Dummköpfe beschuldigen unsere frommen Fabrikanten des Betrugs, während sie in Wahrheit nur der Gedanke beseelt, den Arbeitern, die sich nicht in ein Leben mit verschränkten Armen fügen können, Arbeit zu geben. Diese Fälschungen, die einzig und allein menschlichen Rücksichten entspringen, jedoch den Fabrikanten, die sie praktizieren, famose Profite eintragen, sind zwar für die Qualität der Waren von verderblichster Wirkung, sind zwar eine unerschöpfliche Quelle von Vergeudung menschlicher Arbeit, aber sie kennzeichnen doch die geniale Menschenliebe der Bourgeois und die schreckliche Perversität der Arbeiter, die, um ihre lasterhafte Arbeitssucht zu befriedigen, die Herren Industriellen veranlassen, die Stimme ihres Gewissens zu ersticken und sogar die Regeln der kaufmännischen Ehrbarkeit zu verletzen.

Und doch, trotz aller Überproduktion, trotz Warenfälschung überfüllen die Arbeiter in unzählbarer Menge den Markt und rufen flehendlich: Arbeit! Arbeit! Ihre Überzahl müßte sie veranlassen, ihre Leidenschaft zu zügeln – statt dessen treibt sie sie zur Raserei. Wo sich nur Aussicht auf Arbeit bietet, darauf stürzen sie sich; sie verlangen 12, 14 Stunden, um sich richtig ausleben zu können; und tags darauf liegen sie wieder auf dem Pflaster und wissen nicht, wie ihr Laster befriedigen. Jahr für Jahr treten in allen Industrien mit der Regelmäßigkeit der Jahreszeiten Stockungen ein; auf die für den Körper mörderische Überarbeit folgt für ein bis zwei Monate absolute Ruhe, und – keine Arbeit, kein Bissen. Wenn nun das Arbeitslaster im Herzen der Arbeiter teuflisch eingewurzelt ist, wenn es alle anderen natürlichen Instinkte erstickt, und wenn andererseits die von der Gesellschaft erforderte Arbeitsmenge notwendigerweise durch den Konsum und die Menge des Rohmaterials begrenzt ist, warum in sechs Monaten die Arbeit des ganzen Jahres verschlingen? Warum sie nicht lieber gleichmäßig auf die zwölf Monate verteilen, und jeden Arbeiter zwingen, sich das Jahr über täglich mit sechs oder fünf Stunden zu begnügen, anstatt sich während sechs Monaten mit täglich 12 Stunden den Magen zu verderben? Wenn ihnen ihr täglicher Arbeitsanteil gesichert ist, werden die Arbeiter nicht mehr miteinander eifersüchteln, sich nicht mehr die Arbeit aus der Hand und das Brot vom Mund wegreißen; dann werden sie, nicht mehr an Leib und Seele erschöpft, anfangen, die Tugenden der Faulheit zu üben.

Was die Arbeiter, verdummt durch ihr Laster, nicht einsehen wollen: man muß, um Arbeit für alle zu haben, sie rationieren wie Wasser auf einem Schiff in Not. Das haben sogar Industrielle im Interesse der kapitalistischen Ausbeutung selbst verlangt: eine gesetzliche Einschränkung der Arbeitszeit. Im Jahre 1860 erklärte einer der größten Fabrikanten des Elsaß Herr Bourcart aus Gebweiler vor der gewerblichen Unterrichtskommision, daß »die Arbeit von 12 Stunden übermäßig ist und auf elf Stunden reduziert werden, daß sonnabends die Arbeit um zwei Uhr aufhören sollte. Ich empfehle diese Maßregel, obwohl sie auf den ersten Blick zu teuer scheint, wir haben sie in unseren Fabriken seit vier Jahren versucht und stehen uns gut dabei; die Durchschnittsproduktion ist gestiegen, anstatt zu fallen.«

In seiner Studie Die Maschinen zitiert Herr F. Passy folgenden Brief eines belgischen Großindustriellen, eines Herrn Ottevaere: »Obwohl unsere Maschinen dieselben sind wie die der englischen Spinnereien, produzieren sie doch nicht so viel wie sie sollten, und wie dieselben Maschinen in England produzieren, trotzdem dort täglich zwei Stunden weniger gearbeitet wird … Wir arbeiten zwei volle Stunden zuviel; ich bin überzeugt, daß wenn wir statt 13 Stunden nur elf arbeiteten, wir ebenso viel und infolgedessen wirtschaftlicher produzieren würden.«

Aus anderer Quelle bestätigt Herr Leroy-Beaulieu, daß ein großer belgischer Manufakturist die Beobachtung gemacht hat, daß die Wochen, in welche ein Feiertag fällt, keine geringere Produktion aufweisen als die gewöhnlichen Wochen.« [18]

Was das durch die Moralisten versimpelte Volk nicht gewagt hat, hat eine aristokratische Regierung gewagt. Unbekümmert um die hochmoralischen und wirtschaftlichen Einwände der Ökonomen, die wie Unglücksraben krächzten, daß die Fabrikarbeit um eine Stunde herabsetzen den Ruin der englischen Industrie herbeiführen hieße, hat die englische Regierung die zehnstündige Arbeitszeit gesetzlich eingeführt und streng überwacht; und nach wie vor ist England das erste Industrieland der Welt.

Die große Erfahrung Englands liegt vor, die Erfahrung einiger intelligenter Kapitalisten liegt vor: sie beweisen unwiderlegbar, daß, um die menschliche Produktion zu steigern, man die Arbeitszeit herabsetzen und die Zahl der bezahlten Feiertage vermehren muß, und das französische Volk sieht es immer noch nicht ein. Aber wenn eine jämmerliche Verkürzung um zwei Stunden die englische Produktion um ein Drittel in zehn Jahren erhöht hat [19], welchen schwindelerregenden Vormarsch würde eine gesetzliche Verringerung des Arbeitstages auf drei Stunden für die französische Produktion bedeuten? Können die Arbeiter denn nicht begreifen, daß dadurch, daß sie sich mit Arbeit überbürden, sie ihre und ihrer Nachkommenschaft Kräfte erschöpfen, daß sie, abgenutzt, vorzeitig arbeitsunfähig werden, daß sie, aufgesogen und abgestumpft von einem einzigen Laster, nicht mehr Mensch sind, sondern menschliche Wracks, daß sie alle schönen Anlagen in sich abtöten, nur der rasenden Arbeitssucht zuliebe?

Ach, wie Papageien plappern sie die Lektionen der Ökonomen nach: »Arbeiten wir, arbeiten wir, um den Nationalreichtum zu vermehren!« O ihr Idioten! Eben weil ihr zuviel arbeitet, entwickelt sich die industrielle Technik zu langsam. Laßt euer Geschrei und hört einen Ökonomen – es ist kein großes Licht, es ist nur Herr L. Reybaud, den wir glücklicherweise vor einigen Monaten verloren haben:

»Im Allgemeinen richtet sich die Revolution in den Arbeitsmethoden nach den Bedingungen der Arbeitskräfte. Solange die Arbeitskräfte ihre Dienste billig anbieten, wendet man sie im Übermaße an; werden sie teurer, so sucht man sie zu sparen.« [20]

Um die Kapitalisten zu zwingen, ihre Maschinen aus Holz und Eisen zu vervollkommnen, muß man die Löhne der Maschinen aus Fleisch und Blut erhöhen und die Arbeitszeit derselben verringern. Beweise dafür? Man kann sie zu hunderten erbringen. In der Spinnerei wurde die automatische Spinnmaschine (selfacting mule) in Manchester erfunden und angewendet, weil die Spinner sich weigerten, solange zu arbeiten wie früher.

In Amerika bemächtigt sich die Maschine aller Zweige der Agrarproduktion, von der Butterfabrikation bis zum Getreidejäten. Warum? Weil die Amerikaner, frei und faul, lieber tausend Tode sterben möchten, als das Viehleben eines französischen Bauern zu führen. Die im glorreichen Frankreich so mühsame, mit so vielem Bücken verbundene Landarbeit ist im Westen Amerikas ein angenehmer Zeitvertreib in freier Luft, den man sitzend genießt und dabei gemächlich seine Pfeife raucht.

Ein neues Lied, ein besseres Lied

Wenn die Verkürzung der Arbeitszeit der gesellschaftlichen Produktion neue mechanische Kräfte zuführt, so wird die Verpflichtung der Arbeiter, ihre Produkte auch zu verzehren, eine enorme Vermehrung der Arbeitskräfte zur Folge haben. Die von ihrer Aufgabe, Allerweltsverbraucher zu sein, erlöste Bourgeoisie wird nämlich schleunigst die Menge von Soldaten, Beamten, Dienern, Kupplern usw., die sie der nützlichen Arbeit entzogen hatte, freigeben. Infolgedessen wird der Arbeitsmarkt so überfüllt sein, daß man ein eisernes Gesetz haben muß, das die Arbeit verbietet; es wird unmöglich sein, für diesen Schwarm bisher unproduktiver Menschen Verwendung zu finden, denn sie sind zahlreicher als die Heuschrecken. Dann wird man an die denken, die für den kostspieligen und nichtsnutzigen Bedarf dieser Leute aufzukommen hatten. Wenn keine Lakaien und Generäle mehr geschmückt, keine verheirateten oder unverheirateten Prostituierten mehr in Spitzen gehüllt, keine Kanonen mehr gegossen und keine Paläste mehr eingerichtet werden müssen, dann wird man mittels drakonischer Gesetze die Schnick-Schnack-, Spitzen-, Eisen-, Bau- Arbeiter und -Arbeiterinnen zu gesundem Wassersport und Tanzübungen anhalten, um ihr Wohlbefinden wieder herzustellen und die menschliche Art zu verbessern. Von dem Augenblick an, wo die europäischen Produkte am Ort verbraucht und nicht mehr zum Teufel geschickt werden, werden auch die Seeleute, die Verladearbeiter und die Fahrer anfangen, Däumchen drehen zu lernen. Dann werden die glücklichen Südseeinsulaner sich der freien Liebe hingeben können, ohne die Fußtritte der zivilisierten Ankömmlinge und die Predigten der europäischen Moral zu fürchten.

Noch mehr. Um für alle Nichtsnutze der heutigen Gesellschaft Arbeit zu finden, und die immer weitere Vervollkommnung der Arbeitsmittel zu fördern, wird die Arbeiterklasse ihrem Hang zur Enthaltsamkeit, gleich der Bourgeoisie, Gewalt antun und ihre Konsumfähigkeit unbegrenzt steigern müssen. Anstatt täglich ein oder zwei Unzen zähes Fleisch zu essen, wenn sie überhaupt welches ißt, wird sie saftige Beefsteaks von ein oder zwei Pfund essen; statt katholischer als der Papst bescheiden einen schlechten Wein zu trinken, wird sie aus großen, randvollen Gläsern Bordeaux und Burgunder trinken, der keiner industriellen Taufe unterzogen ist, und das Wasser dem Vieh überlassen.

Die Proletarier haben sich in den Kopf gesetzt, den Kapitalisten zehn Stunden Schmiede oder Raffinerie aufzuerlegen – das ist der große Fehler, die Ursache der sozialen Gegensätze und der Bürgerkriege. Nicht auferlegen, verbieten muß man die Arbeit. Den Rothschilds, den Says wird erlaubt werden, den Beweis zu liefern, daß sie ihr ganzes Leben lang vollkommene Nichtstuer gewesen sind; und wenn sie versprechen, trotz des allgemeinen Zuges zur Arbeit, als vollkommene Nichtstuer weiterzumachen, werden sie auf die Rechnung gesetzt und erhalten jeden Morgen auf dem zuständigen Rathaus ein 20-Francstück als Taschengeld. Die gesellschaftliche Zwietracht verschwindet. Die von Zinsen Lebenden und die Kapitalisten werden die allerersten sein, die sich zur Partei des Volkes schlagen, wenn sie einmal überzeugt sind, daß man ihnen nichts Böses will, sondern im Gegenteil sie von der Arbeit befreien will, Überkonsument und Vergeuder zu sein, mit der sie seit ihrer Geburt belastet sind. Diejenigen Bourgeois, die nicht in der Lage sind, ihren Titel als Nichtsnutz nachzuweisen, wird man ihren Instinkten nachgehen lassen: es gibt genügend abstoßende Berufe, um sie unterzubringen. Dufaure würde die öffentlichen Latrinen reinigen und Gallifet die räudigen Schweine und aufgeblähten Pferde abstechen, die Mitglieder des Gnadenausschußes werden, ins Gefängnis Poissy geschickt, das Vieh anzumerken, das zum Schlachten reif ist, die Senatoren, die am Beerdigungspomp hängen, werden Leichenträger spielen. Für andere wird man Berufe finden, die ihrer Intelligenz entsprechen. Lorgeril, Borglie würden Champagnerflaschen verkorken, doch wird man ihnen einen Maulkorb vorbinden, damit sie sich nicht vollsaufen. Ferry, Freycinet, Tirard würden Wanzen und Ungeziefer in Ministerien und anderen öffentlichen Häusern jagen. Allerdings müßten diese Leute außer Reichweite der Bürger gehalten werden, aus Angst vor ihren schlechten Gewohnheiten.

Aber bittere und lange Rache wird man an den Moralisten nehmen, welche die menschliche Natur verdreht haben, an den Betbrüdern, Heuchlern, Scheinheiligen »und dem anderen derartigen Gesindel, das sich verstellt, um die Leute zu betrügen. Denn während sie dem einfachen Volk weismachen, sie wären mit geistlicher Betrachtung und Andacht, mit Fasten und Verzicht beschäftigt und hielten ihr bißchen Sterblichkeit nur eben so am Leben, lassen sie es sich Gott weiß wie wohl sein, et Curios simulant, sed bacchanalia vivunt (Sie tun als seien sie wie Curius, aber leben wie auf Bacchanalien) (*15). Das könnt ihr in großer Leuchtschrift von ihren roten Backen und ihren Wänsten ablesen, vorausgesetzt, sie pudern sich nicht mit Schwefel.« [21]

An den großen Volksfesten, bei denen, anstatt Staub zu schlucken, wie beim bürgerlichen 15. August oder 14. Juli, die Kommunisten und Kollektivisten die Fläschchen kreisen, die Schincken herumreichen und die Becher hochleben lassen, werden die Mitglieder der Akademie der moralischen und politischen Wissenschaften, die Frack und Talar tragenden Pfaffen der ökonomischen, katholischen, protestantischen, jüdischen, positivistischen und freidenkerischen Kirche, die Vertreter des Malthusianismus, der christlichen, menschenfreundlichen, unabhängigen oder unterwürfigen Moral in gelbem Kostüm die Kerzen halten, bis sie sich die Finger verbrennen; und unter ausgelassenen Frauen, bei mit Fleisch, Früchten und Blumen beladenen Tafeln werden sie hungern, bei gefüllten Fässern dürsten. Viermal im Jahr, immer beim Wechsel der Jahreszeiten, wird man sie wie die Hunde von Scherenschleifern in Tretmühlen zehn Stunden lang Wind mahlen lassen. Die gleiche Strafe wird über Advokaten und Rechtsgelehrte verhängt.

Um die Zeit totzuschlagen, die uns Sekunde für Sekunde tötet, wird man im Reich der Faulheit ständig Schauspiele und Theateraufführungen veranstalten – gefundene Arbeit für unsere bürgerlichen Gesetzgeber. Man wird sie zu Truppen zusammenstellen, die auf die Dörfer und Flecken ziehen und Gesetzgebungsvorstellungen aufführen. Generäle in Reitstiefeln, die Brust mit Tressen verschnürt, mit Orden und dem Kreuz der Ehrenlegion behängt, werden durch die Straßen und Plätze laufen und die lieben Leute einladen. Gambetta und Cassagnac, sein Kumpan, werden vorm Eingang ihre Späßchen aufführen. Cassagnac wird, als Stierkämpfer kostümiert, die Augen rollen, den Schnurrbart drehen, Feuer spucken und jeden mit der Pistole seines Vaters bedrohen, aber sich in ein Loch stürzen, sobald man ihm das Bild von Lullier zeigt. (*16) Gambetta wird über Außenpolitik palavern, über das kleine Griechenland, das ihm was vormacht und Europa in Brand steckt um die Türkei übers Ohr zu hauen; über das große Rußland, das ihn um den Verstand bringt mit dem Kompott, das es aus Preussen zu machen verspricht und das Westeuropa sämtliche Plagen an den Hals wünscht um im Osten sein Spiel zu treiben und die Staatsverdrossenheit im Innern zu erdrosseln; über Herrn von Bismarck, der ihm in seiner großen Güte erlaubte, sich zur Frage des Straferlasses zu äußern … Dann wird er seinen riesigen dreifarbig bemalten Wanst entblößen, wird die Trommel rühren und die köstlichen Tierchen, die Fettammern, die Trüffeln, die Gläser voll Margaux und Yquem aufzählen, die er hinuntergestopft hat, um die Landwirtschaft zu fördern und die Wähler von Belleville bei Laune zu halten.

In der Bude aber wird man zuerst die Wahlposse aufführen.

Vor Wählern mit Holzschädeln und Eselsohren werden Bourgeois- Kandidaten, mit Stroh bekleidet, den politischen Freiheitstanz aufführen, indem sie sich vorne und hinten mit ihren Wahlprogrammen voller Versprechungen beschmieren, mit Tränen in den Augen von den Leiden des Volkes und mit klangvoller Stimme vom Ruhm Frankreichs reden. Worauf die Köpfe der Wähler im Chor ein kräftiges Iah! Iah! brüllen.

Dann beginnt das große Stück: Der Diebstahl der Güter der Nation

Das kapitalistische Frankreich, ein ungeheuerliches Weib mit rauhem Gesicht und kahlem Schädel, schlaff, mit welker, bleicher und aufgedunsener Haut, liegt schläfrig und gähnend mit glanzlosen Augen auf einem Sofa hingestreckt. Zu ihren Füßen verschlingt der industrielle Kapitalismus, ein Riesenapparat aus Eisen mit einer Affenmaske, mechanisch Männer, Frauen und Kinder, deren grauenhafte und herzzerreißende Schreie die Luft durchdringen. Die Bank, mit Marderschnauze, Hyänenkörper und Habichtskrallen, stiehlt ihm geschickt Hundert-Sous-Stücke aus der Tasche. Ganze Armeen elender, abgemagerter und in Lumpen gehüllter Proletarier, von Gendarmen mit blanker Klinge bewacht, getrieben von Furien, die sie mit der Hungerpeitsche geißeln, bringen Haufen von Waren, Fässer Wein und ganze Säcke von Gold und Korn und legen sie dem kapitalistischen Frankreich zu Füßen. Langlois, seine Hose in der einen Hand, in der anderen das Testament Proudhons (*17), das Haushaltsbuch zwischen den Zähnen, stellt sich an die Spitze der Verteidiger der Güter der Nation und zieht auf Posten. [22] Sobald die Lasten niedergelegt sind, verjagen sie die Arbeiter mit Bajonett- und Kolbenstößen, und öffnen den Händlern, den Industriellen und Bankiers die Pforten. Im wüsten Durcheinander stürzen die sich auf die Wertobjekte, heimsen die Fabrikwaren, die Goldbarren, die Säcke Getreide ein und leeren die Fässer. Endlich können sie nicht mehr und sinken in ihren Schmutz und ihre Kotze. Da bricht das Unwetter herein, die Erde wankt in ihren Fugen — die geschichtliche Notwendigkeit tritt auf. Mit ehernem Fuß zertritt sie die Köpfe von denen mit Schluckauf, von denen die umhertorkeln, übereinanderfallen und nicht mehr fliehen können; mit gewaltiger Hand wirft sie das zitternde und angstschweißüberdeckte kapitalistische Frankreich über den Haufen.

Wenn die Arbeiterklasse sich das Laster, welches sie beherrscht und ihre Natur herabwürdigt, gründlich aus dem Kopf schlagen und sich in ihrer furchtbaren Kraft erheben wird, nicht um die »Menschenrechte« zu verlangen, die nur die Rechte der kapitalistischen Ausbeutung sind, nicht um das »Recht auf Arbeit« zu fordern, das nur das Recht auf Elend ist, sondern um ein ehernes Gesetz zu schmieden, das jedermann verbietet, mehr als drei Stunden pro Tag zu arbeiten, dann wird die alte Erde, zitternd vor Wonne, in ihrem Inneren eine neue Welt sich regen fühlen — aber wie soll man von einem durch die kapitalistische Moral verdorbenen Proletariat einen männlichen Entschluß verlangen!

Wie Christus, die leidende Verkörperung der Sklaverei des Altertums, erklimmt unser Proletariat, Männer, Frauen und Kinder, seit einem Jahrhundert den harten Kalvarienberg der Leiden; seit einem Jahrhundert bricht Zwangsarbeit ihre Knochen, martert ihr Fleisch, zerrüttet die Nerven; seit einem Jahrhundert quält Hunger ihren Magen und verdummt ihr Gehirn …

O Faulheit, erbarme Du Dich des unendlichen Elends!

O Faulheit, Mutter der Kunst und der edlen Tugenden, sei Du der Balsam für die Schmerzen der Menschheit!

Anhang

Unsere Moralisten sind sehr bescheidene Leute. Wenn sie auch das Dogma der Arbeit erfunden haben, so waren sie sich doch über den Einfluß desselben auf die Beruhigung der Seele, die Erheiterung des Geistes und die gesunde Funktion des Kreuzes und der übrigen Organe nicht ganz im Klaren: sie wollen die Sache erst einmal bei der Volksmasse probieren, das Experiment erst in anima vili (bei einem niederen Tier) machen, ehe sie es gegen die Kapitalisten kehren, deren Laster sie zu entschuldigen und gutzuheißen haben.

Aber Philosophen zu vier Sous das Dutzend, warum denn euer Hirn so quälen, eine Moral auszutüfteln, deren Befolgung ihr euern Brotgebern nicht zu raten wagt? Wollt ihr euer Dogma von der Arbeit, auf das ihr so stolz seid, verhöhnt, verdammt sehen? So schlagt die Geschichte der alten Völker, die Schriften ihrer Philosophen und ihrer Gesetzgeber nach:

»Ich vermag nicht zu sagen«, schreibt der Vater der Geschichtsschreibung, Herodot, »ob die Griechen die Verachtung, mit der sie auf die Arbeit blicken, von den Ägyptern haben, weil ich dieselbe Verachtung bei den Thrakern, bei den Skythen, bei den Persern und den Lydern verbreitet finde; mit einem Wort, weil bei den meisten Barbaren diejenigen, welche die Handwerke erlernen, und selbst deren Nachfahren in geringerer Achtung stehen als die übrigen Bürger …; alle Griechen werden in diesen Grundsätzen erzogen, besonders die Lakedämonier.« [23]

»In Athen waren nur die Bürger wirkliche Edle, die sich mit der Verteidigung und Verwaltung der Gemeinschaft beschäftigten, gleich den wilden Kriegern, von denen sie ihre Abstammung herleiteten. Um mit ihrer geistigen und körperlichen Kraft die Belange der Republik wahrzunehmen, mußten sie über ihre ganze Zeit frei verfügen und beluden die Sklaven mit der ganzen Arbeit. Ebenso durften in Lakedämonien selbst die Frauen weder spinnen noch weben, um ihrem Adel keinen Abbruch zu tun.« [24]

Die Römer kannten nur zwei edle und freie Berufe: Landbau und Waffendienst. Alle Bürger lebten von Rechts wegen auf Kosten des Staates, ohne daß sie gezwungen werden konnten, für ihren Unterhalt durch eine der sordidae artes (schmutzige Künste, so nannten sie die Handwerke) aufzukommen, die von Rechts wegen den Sklaven zukamen. Als Brutus der Ältere das Volk aufwiegeln wollte, warf er Tarquinius dem Tyrannen vor allem vor, daß er freie Bürger zu Handwerkern und Maurern gemacht habe. [25]

Die alten Philosophen stritten sich über den Ursprung der Ideen, aber sie waren sich einig, wenn es galt, die Arbeit zu verabscheuen.

»Die Natur«, schreibt Plato in seiner Gesellschaftsutopie, in seiner Musterrepublik, »die Natur hat weder Schuhmacher noch Schmiede geschaffen; solche Berufe entwürdigen die Leute, die sie ausüben: billige Söldner, Elende ohne Namen, die durch ihren Stand bereits von den politischen Rechten ausgeschlossen sind. Was die Händler betrifft, die an Lug und Betrug gewöhnt sind, so wird man sie in der Gemeinde nur als ein notwendiges Übel betrachten. Der Bürger, der sich durch Handelsgeschäfte erniedrigt, soll für dieses Verbrechen bestraft werden. Wird er überführt, so soll er zu einem Jahr Gefängnis verurteilt werden. Bei jedem Rückfall ist die Strafe zu verdoppeln.« [26]

In seiner Ökonomie schreibt Xenophon: »Die Leute, die sich mit Handarbeit abgeben, werden nie zu höheren Posten erhoben, und man hat ganz recht. Gezwungen, den ganzen Tag zu sitzen, einige sogar, ein beständiges Feuer auszuhalten, werden die meisten von ihnen es nicht verhindern können, daß ihr Körper sich verunstaltet und es ist kaum möglich, daß sich das nicht auch auf den Geist zurückwirkt.«

»Was kann aus einem Laden Ehrenhaftes kommen?« erklärt Cicero, »und was kann der Handel Ehrenvolles hervorbringen? Alles, was Laden heißt, ist eines ehrenhaften Mannes unwürdig …, da die Kaufleute, ohne zu lügen, nichts verdienen können; und was ist schändlicher als die Lüge? Deshalb muß das Gewerbe derer, die ihre Mühe und Geschicklichkeit verkaufen, als niedrig und gemein betrachtet werden, denn wer seine Arbeit für Geld hergibt, verkauft sich selbst und stellt sich auf eine Stufe mit den Sklaven.« [27]

Proletarier, die man durch das Dogma der Arbeit verdummt hat, hört ihr die Sprache dieser Philosophen, die man euch mit eifersüchtiger Sorge verbirgt? Ein Bürger, der seine Arbeit für Geld hergibt, erniedrigt sich zum Rang eines Sklaven; er begeht ein Verbrechen, das jahrelanges Gefängnis verdient.

Die christliche Heuchelei und die kapitalistische Frage nach der Nützlichkeit hatten diese Philosophen der alten Republiken noch nicht verdorben; da sie für freie Menschen lehrten, so sprachen sie unbefangen ihre Gedanken aus. Plato und Aristoteles, diese Riesendenker, denen unsere Cousin, Caro (*18) und Simon, und wenn sie sich auf die Fußspitzen stellen sollten, nicht bis an die Knöchel reichen, wollten, daß die Bürger ihrer Idealrepubliken die größte Muße genießen sollten, denn, setzt Xenophon hinzu, »die Arbeit nimmt die ganze Zeit in Anspruch und bei ihr hat man keine Zeit für die Republik und seine Freunde.« Nach Plutarch hatte Lykurg, »der weiseste aller Menschen«, deshalb den großen Anspruch auf die Bewunderung der Nachwelt, weil er den Bürgern der Republik Muße zusprach, indem er ihnen die Ausübung irgendeines Handwerks untersagte. [28]

Aber, werden die Bastiat, Dupanloup (*19), Beaulieu und Konsorten der christlichen und kapitalistischen Moral antworten, diese Denker, diese Philosophen, predigten die Sklaverei. Ganz richtig, aber konnte es unter den wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen ihres Zeitalters anders sein? Der Krieg war der normale Zustand der antiken Gesellschaften; der freie Mensch mußte seine Zeit der Beratung der Staatsangelegenheiten und der Sorge für die Verteidigung widmen; das Handwerk war damals zu unentwickelt und zu hart, als daß man neben seiner Ausübung seinem Beruf als Bürger und Soldat hätte nachgehen können; um Krieger und freie Bürger zu haben, mußten die Philosophen und Gesetzgeber in den Helden-Republiken Sklaven dulden. Aber lobpreisen nicht die Moralisten und Wirtschaftsexperten des Kapitalismus die moderne Sklaverei, das Lohnsystem? Und was sind es für Leute, denen der kapitalistische Sklave Muße verschafft? Den Rothschild, den Schneider, den Madame Boucicault — unnütze und schädliche Schmarotzer, Sklaven ihrer Laster und ihrer Dienstboten.

»Das Vorurteil der Sklaverei beherrschte den Geist von Aristoteles und Pythagoras«, hat man verächtlich geschrieben, und doch sah Aristoteles voraus: »Wenn jedes Werkzeug auf Befehl oder auch vorausahnend das ihm zukommende Werk verrichten könnte, wie des Dädalus‘ Meisterwerke sich von selbst bewegten, oder die Dreifüße des Hephaistos (*20) aus eigenem Antrieb an die heilige Arbeit gingen, wenn so die Webschiffchen von selbst webten, dann bräuchte der Werkmeister keinen Gehilfen, die Herren keine Sklaven.«

Der Traum des Aristoteles ist heute Wirklichkeit geworden. Unsere Maschinen verrichten feurigen Atems, mit stählernen, unermüdlichen Gliedern, mit wunderbarer, unerschöpflicher Zeugungskraft, gelehrig von selbst ihre heilige Arbeit; und doch bleibt der Geist der großen Philosophen des Kapitalismus beherrscht vom Vorurteil des Lohnsystems, der schlimmsten Sklaverei. Sie begreifen noch nicht, daß die Maschine der Erlöser der Menschheit ist, der Gott, der den Menschen von den sordidae artes, den schmutzigen Künsten und der Lohnarbeit loskaufen, der Gott, der ihnen Muße und Freiheit bringen wird.


Fußnoten:

[1] Descartes, Les Passions de l’âme (Die Leidenschaften der Seele).

[2] Dr. Beddoe, Memoirs of the Anthropological Society (Berichte der anthropologischen Gesellschaft); Charles Darwin, Descent of Man (Die Herkunft des Menschen).

[3] Oft sind die europäischen Forscher ganz betroffen von der körperlichen Schönheit und der stolzen Haltung der Angehörigen primitiver Völker, die noch nicht von dem befleckt sind, was Päppig den »vergifteten Hauch der Zivilisation« nennt. Von den Ureinwohnern Ozeaniens schreibt Lord George Campbell: »Kein Volk der Welt frappiert mehr im ersten Augenblick. Ihre ebene, leicht kupferfarbene Haut, ihr goldenes gelocktes Haar, ihre schöne und anmutige Figur, mit einem Wort ihre ganze Persönlichkeit stellte ein neues und glänzendes Muster der Gattung Mensch dar; ihre physische Erscheinung machte den Eindruck einer der unsrigen überlegenen Rasse.« Mit derselben Bewunderung betrachteten die Zivilisierten des alten Roms, ein Caesar und Tacitus, die Germanen der kommunistischen Stämme, die in das römische Reich eindrangen. Gleich Tacitus stellte Salvian, der der »Lehrer der Bischöfe« genannt wurde, im 5. Jahrhundert den Zivilisierten und Christen die Barbaren als Muster hin: »Wir sind unzüchtig inmitten von Barbaren, die keuscher sind als wir. Mehr noch; die Barbaren nehmen an unserer Unzucht Anstoß. Die Goten dulden keinen Wüstling ihres Stammes unter sich; nur die Römer in ihrer Mitte haben dank dem traurigen Vorrecht ihres Namens und ihrer Nationalität das Recht, unrein zu sein. (Das sexuelle Verhältnis zu Kindern war damals bei Heiden und Christen stark in Mode.) Die Unterdrückten gehen zu den Barbaren, Menschlichkeit und Schutz zu suchen.« (De gubernatione Dei – Von der Leitung Gottes). Die alte Zivilisation und das aufstrebende Christentum verdarben die Barbaren der alten Welt geradeso, wie das altersschwache Christentum und die moderne kapitalistische Zivilisation die Wilden der neuen Welt verderben. Herr F. LePlay, dessen Beobachtungsgabe man anerkennen muß, selbst wenn man seine mit menschenfreundlicher und christlicher Spießbürgerei versetzten gesellschaftswissenschaftlichen Schlüsse verwirft, sagt in seinem Buch Les Ouvriers européens (Die europäischen Arbeiter) (1855): Der Hang der Baschkiren zur Faulheit (Baschkiren sind halbnomadische Hirten im Ural), die mit dem Nomadenleben verbundene Muße, die Gewohnheit der Meditation, die sie bei den besser Begabten hervorruft, haben bei diesen Leuten oft eine Feinheit der Manieren, eine Schärfung von Intelligenz und Urteilsfähigkeit zur Folge, wie man sie auf der gleichen sozialen Ebene in einer höheren Zivilisation selten findet … Was ihnen am meisten zuwider ist, sind die Ackerarbeiten; sie tun eher alles andere, als daß sie sich zum Beruf des Ackerbauern entschließen.« In der Tat ist der Ackerbau die erste Erscheinungsform knechtischer Arbeit in der Menschheit. Nach der biblischen Überlieferung ist der erste Kriminelle, Kain, ein Ackerbauer.

[4] Das spanische Sprichwort sagt: Descansar es salud, Ausruhen ist gesund.

[5] O Meliboea (*21), ein Gott schenkte uns diesen Müßiggang. Vergil, Bucolica. (Siehe Anhang).

[6] Matthäusevangelium, Kapitel VI.

[7] Auf dem ersten Wohltätigkeitskongreß (Brüssel 1857) erzählte ein Herr Scrive, einer der reichsten Unternehmer von Marquette bei Lille, unter dem Beifall der Kongreßteilnehmer und mit der Genugtuung erfüllter Pflicht: »Wir haben einige Zerstreuungsmittel für Kinder eingeführt. Wir lehren sie während der Arbeit singen, während der Arbeit zählen. Das unterhält sie und läßt sie mutig die zwölf Stunden Arbeit antreten, welche nötig sind, um ihnen ihren Lebensunterhalt zu verschaffen.« 12 Stunden Arbeit, und was für eine Arbeit! Kindern aufgebürdet, die noch nicht 12 Jahre alt sind! Die Materialisten werden ewig bedauern, daß es keine Hölle gibt, in die man diese Christen, diese Menschenfreunde, diese Henker der Kindheit schicken kann!

[8] Rede, gehalten im Mai 1863 in der Pariser Internationalen Gesellschaft für praktische sozialökonomische Studien, veröffentlicht im Economiste Français desselben Jahres.

[9] L.-R. Villermé: »Tableau de l’état physique et moral des ouvriers dans les fabriques de coton, de laine et de soie« (Ein Bild vom körperlichen und moralischen Zustand der Arbeiter in den Baumwoll-, Wolle- und Seidenfabriken), 1840. Nicht etwa, weil die Dollfus, die Köchlin und andere elsässische Fabrikanten Republikaner, Patrioten und protestantische Menschenfreunde waren, behandelten sie ihre Arbeiter so; denn Blanqui, der Akademiker, Reybaud, der Prototyp des Jérôme Paturot (*22), und Jules Simon, der politische Besserwisser, haben ein gleiches Wohlleben bei den Arbeitern der sehr katholischen und sehr monarchischen Fabrikanten in Lille und Lyon festgestellt. Das sind kapitalistische Tugenden, die in entzückender Weise mit jeder politischen Richtung, mit jeder Religion zusammengehen.

[10] Die Indianer der kriegerischen Stämme Brasiliens töten ihre Schwachen und Alten; sie bezeugen ihre Freundschaft, indem sie einem Leben ein Ende machen, das nicht mehr von den Kämpfen, den Festen und Tänzen erfreut wird. Alle primitiven Völker haben den Ihren diesen Beweis der Zuneigung gegeben: Die Massageten des Kaspischen Meeres (Herodot) genauso wie die Wenden Deutschlands und die Kelten Galliens. In den Kirchen Schwedens bewahrte man noch vor kurzem die Familienkeulen genannten Keulen auf, die dazu dienten, die Eltern von der Trübsal des Alters zu erlösen. Wie sehr verkommen sind die modernen Proletarier, daß sie das schreckliche Elend der Fabrikarbeit geduldig ertragen!

[11] Auf dem am 21. Februar 1879 in Berlin stattgefundenen Kongreß deutscher Industrieller schätzte man den Verlust, den allein die Eisenindustrie Deutschlands während der letzten Krise erlitten hat, auf 568 Millionen Francs.

[12] Die »Justice« des Herrn Clemenceau sagte im Wirtschaftsteil ihrer Nummer vom 6.4.1880: »Wir haben die Meinung gehört, daß die Milliarden des Krieges von 1870 auch ohne die Preussen für Frankreich verloren gegangen wären; und zwar in der Form der von Zeit zu Zeit aufgelegten Anleihen zum Ausgleich fremder Staatshaushalte; das ist auch unsere Ansicht.« Man schätzt den Verlust, den englisches Kapital bei der Kreditvergabe an die südamerikanischen Republiken erlitten hat, auf fünf Milliarden. Die französischen Arbeiter haben nicht nur die an Herrn Bismarck gezahlten fünf Milliarden erarbeitet, sie müssen auch die fetten Zinsen aufbringen, welche die Verschulder des Kriegs und der Niederlage, die Ollivier, die Girardin, die Bazaine und andere Besitzer von Rententiteln einstreichen. Allerdings bleibt ihnen ein Trost: diese Milliarden werden keinen Wiedereintreibungskrieg zur Folge haben.

[13] Unter dem Ancien Régime (französische Monarchie bis zur Revolution) garantierten die Gesetze der Kirche den Arbeitern 90 Ruhetage (52 Sonntage und 38 Feiertage), während deren es streng verboten war, zu arbeiten. Das war das große Verbrechen des Katholizismus, die Hauptursache für die Nicht-Religiosität des industriellen und handeltreibenden Bürgertums. Sobald es in der Franz|sischen Revolution ans Ruder kam, schaffte es die Feiertage ab und ersetzte die Woche von sieben Tagen durch die zehntägige Woche. Es befreite die Arbeiter vom Kirchenjoch, um sie umso strenger unter das Joch der Arbeit zu spannen. Der Haß gegen die Feiertage macht sich erst in dem Moment bemerkbar, wo die moderne industrielle und kommerzielle Bourgeoisie auf die Bühne tritt, d.h. im 15. und 16. Jahrhundert. Heinrich IV. (1589-1610) verlangte die Verminderung ihrer Zahl vom Papst; dieser schlug ihm das ab, weil »eine der Ketzereien, die heute um sich greifen, darin besteht, die Feiertage anzugreifen«. (Brief des Kardinals d’Ossat) Aber 1666 verbot Péréfixe, Erzbischof von Paris, siebzehn. Der Protestantismus, diese den neuen Handels- und Industriebedürfnissen der Bourgeoisie angepaßte christliche Religion, kümmert sich wenig um die Erholung des Volkes; er entthronte die Heiligen im Himmel, um ihre Feste auf Erden abschaffen zu können. Die Religionsreform und das philosophische Freidenkertum waren nichts als Vorwände, um der heuchlerischen und gierigen Bourgeoisie zu erlauben, die beim Volk beliebten Feiertage verschwinden zu lassen.

[14] Diese pantagruelischen Feste dauerten Wochen. Don Rodrigo de Lara erwarb seine Braut durch Vertreibung der Mauren aus Calatrava la Vieja, und der Romancero erzählt:       Las bodas fueron en Burgos,       Las tornabodas en Salas:       En bodas y tornabodas       Pasaron siete semanas.       Tantas vienen de las gentes,       Que no caben por las plazas… (Die Hochzeit ward in Burgos,/ die Heimkehr von der Hochzeit in Salas gefeiert:/ mit Hochzeits- und Heimkehrfeier/ vergingen sieben Wochen./ So viel Leute kamen herbei,/ daß die Plätze sie nicht faßten…) Die Männer dieser Hochzeitsfeste von sieben Wochen waren die heldenhaften Soldaten der Unabhängigkeitskriege.

[15] Karl Marx, »Das Kapital«, Band I (MEW 23, S. 470).

[16] „Der Anteil, in dem die Bevölkerung eines Landes als Dienstboten der wohlhabenden Klassen beschäftigt ist, gibt seinen Fortschritt im nationalen Reichtum und in der Zivilisation wider.« R.M.Martin, Ireland before and after the Union (Irland vor und nach dem Zusammenschluß), 1818. Gambetta, der die soziale Frage leugnete, seitdem er nichts weiter als der notleidende Advokat des Café Procope war, wollte ohne Zweifel von dieser wachsenden Dienstbotenklasse sprechen, als er das Entstehen neuer gesellschaftlicher Schichten forderte.

[17] Zwei Beispiele: Die englische Regierung mußte, um den indischen Gebieten zu gefallen, die versessen Mohn statt Reis oder Getreide anbauten, obwohl sie regelmäßig von Hungersnöten heimgesucht wurden, blutige Kriege unternehmen, um die chinesische Regierung zur freien Einfuhr des indischen Opiums zu zwingen. Die Wilden Polynesiens mußten sich, obwohl es die Ursache ihres Aussterbens ist, englisch kleiden und auf englisch besaufen, um die Produkte der schottischen Brennereien und der Textilfabriken von Manchester zu konsumieren.

[18] Paul Leroy-Beaulieu, La Question ouvrière au XIXeme siècle (Die Arbeiterfrage im 19. Jahrhundert), Paris 1872.

[19] Hier ist, nach dem berühmten Statistiker R. Giffen vom Büro für Statistik in London, die stetige Steigerung des nationalen Reichtums von England und Irland: 1814 betrug er 55 Milliarden Francs 1865 betrug er 162,5 Milliarden Francs 1875 betrug er 212,5 Milliarden Francs.

[20] Louis Reybaud, Le Coton, son régime, ses problèmes (Die Baumwolle, ihr Reich und ihre Probleme), Paris 1863.

[21] Pantagruel, Buch II, Kapitel XXXIV.

[22] Der etwas hitzige Leutnant Langlois, ein wirklich großer Freund Proudhons, wurde in die Nationalversammlung gewählt, wo er nicht immer die Lächerlichkeit zu vermeiden wußte.

[23] Herodot, Historien II 167. Trad. Larcher, 1786.

[24] Biot, De l’abolition de l’esclavage ancien en Occident (Über die Abschaffung der alten Sklaverei im Okzident), 1840.

[25] Titus Livius, 1. Buch.

[26] Platon, Republik, Buch V.

[27] Cicero, Von den Pflichten II, XLII.

[28] Platon, Der Staat V, Die Gesetze III; Aristoteles, Politik II und VII; Xenophon,Ökonomie IV und VI; Plutarch, Leben des Lykurg (*23).


Anmerkungen der Herausgeber

(*1) Marx-Engels-Werke, Bd. 3, S. 69.

(*2) Marx-Engels-Werke, Bd. 3, S. 77.

(*3) Paul Lafargue, Persönliche Erinnerungen an Karl Marx; wiedergegeben nach: Über Paul Lafargue und die Satire; in: Paul Lafargue, Das Recht auf Faulheit und andere Satiren, Stattbuch Verlag Berlin.

(*4) Adolphe Thiers (1797-1877), französischer Politiker, Ministerpräsident 1836 und 1840, führend an der Niederschlagung der Pariser Commune beteiligt, Präsident der Republik 1871.

(*5) Auvergnaten, Bewohner der Auvergne, Landschaft um Clermont-Ferrand.

(*6) Die aufständischen Pariser Arbeiter forderten 1848 vor allem das »Recht auf Arbeit« und die »Organisation der Arbeit«.

(*7) Jules Simon (1814-1896), republikanischer Politiker und Philosophieprofessor; Graf de Germiny, kirchenfreundlicher Politiker.

(*8) Auguste Comte (1798-1857), Mathematiker, Philosoph, Soziologe, Begründer des Positivismus, nach dem man sich nur mit nachprüfbaren Tatsachen und ihrem Verhältnis untereinander befassen soll; Paul Leroy-Beaulieu (1843-1916), Ökonom; Victor Hugo (1802-1885), Dichter und Romanschriftsteller; Paul de Kock, Schriftsteller.

(*9) Comte de Destutt de Tracy (1754-1836), Ökonom, Philosoph, Anhänger der konstitutionellen (also mit Parlament garnierten) Monarchie.

(*10) Joseph Townsend (1739-1816), englischer Geistlicher, Geologe, Soziologe, entwickelte eine Bevölkerungstheorie, die von Malthus weiterentwickelt wurde (siehe Anm. 13).

(*11) Leon Gambetta (1838-1882), Politiker; was Lafargue meint, wissen wir auch nicht.

(*12) Antipatros von Thessalonike (etwa 1. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung); Marcus Tullius Cicero (106-43 v.u.Z.), römischer Staatsmann und Schriftsteller; Däo (römisch Ceres), Göttin des Ackerbaus.

(*13) Thomas Robert Malthus (1766-1834), englischer Geistlicher und Ökonom; stellte die Theorie von der Überbevölkerung auf, nach der das Elend der Menschen normal sei, weil sie sich stärker vermehrten als die Produktion von Lebensmittel.

(*14) Quecksilber war früher das gängige Medikament zur Behandlung von Syphilis; im Französischen heißt es »Mercure« wie der römische Gott der Liebe.

(*15) Curius Dentatus (um 280 v.u.Z), römischer Feldherr, Muster altrömischer Tugend; Bacchanalien, Feste zu Ehren Bacchus, Gott des Weines.

(*16) Paul Granier de Cassagnac (1843-1904), Politiker, bekannt für seine vielen Duelle; Lullier, kampflustiger Marineoffizier, gewähltes Mitglied der Pariser Commune.

(*17) Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865), Publizist, Ökonom, Soziologe, einer der theoretischen Begründer des Anarchismus.

(*18) Victor Cousin (1792-1867), Philosophieprofessor; Elme-Marie Caro (1826-1887), Philosophieprofessor.

(*19) Frederic Bastiat (1801-1850), Ökonom; Dupanloup (1802-1878), Bischof von Orleans.

(*20) Hephaistos (römisch Vulcanus), Gott des Feuers und der Schmiede.

(*21) Meliboea, antike Stadt in Thessalien, Griechenland.

(*22) Adolphe Blanqui (1798-1854), Ökonom, Bruder des Revolutionärs Louis Auguste Blanqui; Jérôme Paturot, Romanfigur (von Louis Reybaud): meint, er kann alles und taugt dann doch nichts.

(*23) Lykurg (nach der Überlieferung 9. bis 8. Jahrhundert v.u.Z.), sagenhafter Gesetzgeber Spartas.