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Die Privatisierung des Politischen

oder: Neue soziale Bewegungen und abstraktes Individuum

[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe]

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Ernst Lohoff

1. Vorbemerkungen:

Der hier vorliegende Artikel ist die unmittelbare Fortsetzung meiner in der „Marxistischen Kritik“ Nr. 3 erschienenen Arbeit: „Technik als Fetischbegriff„. Beide Beiträge waren ursprünglich als ein Artikel geplant und ihre Trennung erfolgte aus rein technischen Gründen, a posteriori, inhaltlich bilden sie ein Ganzes. Deshalb nehme ich den Faden etwas abrupt wieder an der Stelle auf, wo der erste Teil endet.

Dort habe ich darzustellen versucht, wie der Fortschrittsoptimismus der alten Arbeiterbewegung auf Grundlage der selben theoretischen Verkürzungen unter veränderten historischen Bedingungen in sein Gegenteil, in Produktivkraftkritik, umschlagen mußte. Die Identifizierung der Produktivkraft mit dem konkreten KAPITALISTISCHEN Arbeitsprozeß, die die alte Arbeiterbewegung durchgehend vollzieht, muß, sobald der Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen sich in der Realität zum Sprengen spannt, jede positive Bezugnahme auf die Produktivkräfte und ihre weitere Entwicklung verunmöglichen. Denn fühlt das Kapital sich selber schon als Schranke, wird es irrational, so wiederholt sich diese Irrationalität am Produktionsprozeß und dessen Produkt. Die Produktivkräfte können sich nicht rein als solche materiell niederschlagen. Wo sie stoffliche Gestalt annehmen, sind sie durch den Filter der Produktionsverhältnisse hindurchgegangen. Die gesellschaftliche Potenz Produktivkraft realisiert sich nur, indem sie ihre Reinheit als bloße menschliche Fähigkeit aufgibt und sich der Logik des Kapitalverhältnisses unterwirft. Sie gerinnt, wird handgreiflich, aber nicht als solche, sondern im gesellschaftlichen, d.h. eben kapitalistischen Ensemble. Dieser kapitalistische Ausdruck, ihre materielle Erscheinungsweise unter kapitalistischen Bedingungen wird von der alten Arbeiterbewegung naiv-positiv, von den Technikkritikern negativ gewendet, den Produktivkräften als solchen eingeimpft. Auf dieser Basis kann der objektive Widerspruch, sobald er wirklich wird, nicht mehr gedacht werden, und die Vorstellung vom Kapital als seiner eigenen Schranke kann dann nur noch als unsinniges Paradoxon fallengelassen werden. Die Produktivkräfte kommen als das letztliche Agens der gesellschaftlichen Emanzipation nicht mehr in Frage. Der Zusammenprall von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen löst sich in Wohlgefallen auf, und die gesellschaftliche Totalität erscheint als totalitäre, in sich widerspruchsfreie, objektive Übermacht gegenüber den ausgelieferten Subjekten.

2. Die Monade, die Übermacht des Objektiven und das Linke Alltagsbewußtsein

Im zeitgenössischen linken Bewußtsein findet sich nichts von diesem Widerspruch, im Gegenteil. Die wirklichen Verhältnisse stellen sich hier auf den Kopf. Während sie sich real zum Zerreißen spannen, scheinen ihm die inneren Widersprüche aus der objektiven Welt für immer verbannt. Die Entwicklung der Industriegesellschaft reißt keine grundsätzlichen objektiven Widersprüche auf, sondern schleift die bestehenden zur Unkenntlichkeit ab. Der überkommene verdinglichte Produktivkraftbegriff schmilzt jeden Widerspruch ein und verwandelt die gesamte Wirklichkeit in einen in sich geschlossenen Block, der den vereinzelten Individuen feindlich gegenübertritt. Der brutalen Gewalt dieser Entwicklung stemmt sich allein der „Mensch“ entgegen. Oppositionelles Bewußtsein wird zum existentiellen Akt des modernen Menschen in seiner „Geworfenheit“. Nichts ist diesem Bewußtsein befremdlicher als das Vertrauen, das die alte Arbeiterbewegung in die geschichtliche Entwicklung setzte. Wenn Kautsky schrieb:

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„Die Aufgabe der Sozialdemokratie ist es nicht, der Entwicklung ihren Weg vorzuschreiben; sie hat nur die Aufgabe, die Hindernisse der Entwicklung zu beseitigen; sie hat die Bahn frei zu machen für die Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft, sie hat nicht künstlich diese zu fabrizieren“(1), so klingt dies dem zeitgenössischen Bewußtsein wie abstruser Hohn in den Ohren. Nachdem sich der naive Fortschrittsoptimismus der alten Arbeiterbewegung gründlich desavouiert hat, und unter Hitlers und Stalins Schlägen zusammenbrach, prägt seit dem Aufblühen der Frankfurter Schule die Tendenz zu allgemeiner Hoffnungslosigkeit und nackter Verzweiflung das oppositionelle Bewußtsein, auch wenn es gelegentlich bei der einen oder anderen Fraktion in existentielle Euphorien und Delirien umkippt. In seiner entwickelten modernen Gestalt, in den „neuen sozialen Bewegungen“, nimmt es mit den Konjunkturen dieser Bewegungen den Charakter manisch-depressiver Symptombildung an, wobei die Depression letztlich obsiegt.

Während auf der einen Seite gerade dadurch, daß das Kapital an seiner absoluten Schranke – an sich selber – sich zu stoßen beginnt, die Übermacht des Objektiven gegenüber dem vereinzelten Individuum ins Unermeßliche wächst, meint die linke Opposition, gefangen in falschen Abstraktionen, tatsächlich ihre ganze Kraft allein aus den abgeschlafften Bauchnäbeln der bürgerlichen Monade saugen zu müssen. Weil sie deren Standpunkt nie überwand und Aneignung sich immer nur individuell vorstellen konnte, wird sie mit dem bürgerlichen Individuum in die Defensive gedrängt, eingekreist und in dieser hoffnungslosen Stellung festgenagelt. Die nie proletarisch überwundene Trauer um den Tod des bürgerlichen Individuums führt die Linke notwendig dorthin, wo sie heute steht. Sie erfüllt nicht ihre Aufgabe als Totengräber, sie verknüpft ihr eigenes Schicksal mit der parfürmierten Fortexistenz dieser Leiche. Die Verwesung der bürgerlichen Monade fällt mit der Zersetzung der zeitgenössischen Linken zusammen, weil diese die Leiche nicht unter die Erde bringt, sondern sich jammernd zu ihr ins Grab legt. Sie vollzieht an ihr nicht das längst ausgesprochene historische Urteil, sondern sie entpuppt sich im Gegenteil als letzte, entwickeltste und daher auch fragwürdigste Gestalt der bürgerlichen Monade. Die zeitgenössische Linke treibt die Entfaltung des bürgerlichen Individuums bis zu ihrem Kulminations- und Umschlagspunkt. Ihre Krise faßt daher wie in einem Brennglas die Krise der bürgerlichen Gesellschaft überhaupt zusammen.

Bedrängt von der Übermacht der objektiven Entwicklung, die alles und jeden in ihren Bann schlägt, zieht sie sich vollends auf das vereinzelte Individuum zurück. Dabei haucht die reine Subjektivität als einzig möglicher Widerspruch zur kapitalistischen Wirklichkeit einer uralten Dichotomie im bürgerlichen Denken neues Leben ein. Das Subjekt verdoppelt sich in einen gesellschaftlich geprägten Teil, der dem herrschenden Verblendungszusammenhang anheim fällt, und in die eigentliche Subjektivität. Soweit Subjekte Teil der Wirklichkeit sind, selber erzeugt und bedingt, soweit sie also konkrete, wirkliche Menschen in realen gesellschaftlichen Zusammenhängen sind, scheiden sie als Träger des Widerstandes aus. Allein eine naturgegebene, unveränderliche „Seele“ des Menschen, jenseits gesellschaftlicher Überformung, kommt als Rückzugs- und Ausgangspunkt in Frage. Die reine Subjektivität schleppt biologistischen Mystizismus hinter sich her. Im Hexenkult der neuen Frauenbewegung wird dieser allgemeine Zusammenhang handgreiflich. Wird der objektive Widerspruch exorziert, so verschwindet auch der reale Mensch als politisches Subjekt, und die phantastisch überhöhte Monade, die um alles andere unbekümmert aus sich selbst heraus unhinterfragt lebt, wird zum Angelpunkt des Kampfes gegen eine wildgewordene gesellschaftliche Entwicklung. Das selbstgenügsame abstrakte Individuum, das der Herrschaft der Tauschwertabstraktion, des Werts als Selbstzweck entspricht, wird zum Alpha und Omega linker Politik. Verzweifelt an der objektiven Entwicklung, schnurrt Politik zusammen, verlieren sich Taktik, Strategie und Analyse, und ostentativ präsentiert sich die 1. Person.

„Der revolutionäre Anspruch wird in die Gegenwart versetzt, sowohl in die eigene Persönlichkeit als auch in die Unmittelbarkeit der eigenen Lebenspraxis(2)“, und erstarrt zum Habitus, soweit er nicht über kurz oder lang selbstbewußt fortgeschleudert wird. Der linke Alltagsverstand und seine Theoretiker kommen an diesem Punkt persiflierend auf die Naturrechtsphilosophen des 18. Jahrhunderts zurück. Wo sie optimistisch auftreten, tun sie das im Glauben an das Gute und Natürliche im Menschen, das mit der 1. Person zusammenfällt. Die Kolportage auf die

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Aufklärung ist perfekt. Die Protagonisten des linken Alltagsverstandes sind keinen Millimeter über deren Horizont hinausgekommen, und La Fayettes emphatische Sätze drei Tage vor dem Sturm auf die Bastille erleben allzeit fröhliche Urständ. Auch heute könnte er unangefochten verkünden:

„Erinnert euch an die Gesinnung, welche die Natur dem Herzen jeden Bürgers eingegraben hat, und die eine neue Stärke gewinnen, wenn sie von allen feierlich anerkannt werden“(3).

Lediglich das Plural geht nicht mehr so leicht über die Lippen. Der Einzelne ist sich nur noch selber selbstverständlich und „natürlich“, seinen Nachbarn mißtraut er, von 200 Jahren schlechter Erfahrungen gewitzt, präventiv einmal. Trotzdem, das verborgene Gute und Natürliche im Menschen ist Träger und Adressat der Bewegung, auch wenn es uns nicht immer so unverfroren naiv anspringt wie im Friedensmanifest der Grünen von 1981:

„Der Glaube an den guten aktivierbaren Kern im Menschen ist eine wichtige Voraussetzung für die Einstellungs- und Verhaltensänderung.“ Und: „Wer im Gegner nicht auch den Menschen sieht, kann nicht erwarten, daß sein Anliegen aufgenommen und gar angenommen wird.“(4)

Das bürgerliche Denken bewegt sich im Kreis und verflacht dabei ständig. Die zeitgenössische Linke bezeichnet wesentlich die neueste Etappe dieses Verfalls. Die Monade wird gleichzeitig vom Gedankenabstraktum zur Realität und obsolet. Ihrer selbst einerseits ungewiß und andererseits allein in sich verbohrt, wiederholt sich der Ausgangspunkt bürgerlichen Denkens als Karikatur. Die Linke fährt einen 200 Jahre alten Entwurf auf das Niveau von Luthers „Freiheit eines Christenmenschen“ zurück. Emanzipative Politik verkommt zum inneren Erlebnis. Die Reise geht rückwärts und bergab.

„Um dem ‚wesentlichen Ziel‘ ihrer Aktion, der ‚Abrüstung‘ näher zu kommen, streben sie (gemeint sind die Aktivisten der Friedensbewegung, Anmerkung E.L.) zu allererst ‚die persönliche Abrüstung‘ an, die ‚in der kleinen und großen Gruppe‘ dann eine ‚Begegnung von Herz zu Herz‘ ermöglichen soll, eine ‚Begegnung von Mensch zu Mensch, und nicht von Kopf zu Kopf‘. So machen die Linken ihren Frieden mit den Gegebenheiten, indem sie die schlechte Außenwelt nach innen verlegen, um die Kriegsgefahr in der Selbsterfahrungsgruppe zu bannen.“(5)

Verschüchtert von der sich katastrophenhaft durchsetzenden Universalität menschlicher Existenz, kann sich das spätbürgerliche Bewegungssubjekt die Überwindung seiner vereinzelten Ohnmacht nur mehr borniert, in der überschaubaren Kleingruppe vorstellen und damit faktisch gar nicht. Der entfremdete und unwirkliche Mensch schreibt seine Vereinzelung, die ihm mit seiner Individualität zusammenfällt, als Tugend fest und überträgt diese Selbstbeschränkung auch in die Sphäre des Allgemeinen, der Politik. Jede Form von politischem Handeln, die über die eigene Nasenspitze hinausreicht, verbietet sich, und entkleidet aller realen Handlungsmöglichkeiten schnurrt sie auf lächerliche Scheinhandlungen zusammen, erschöpft sich in Selbstbefriedigung und Gewissensberuhigung. Jeder einzelne soll ‚etwas tun‘, und dieses ‚etwas‘ kann immer nur in der Aufklärung anderer ebensolcher Selbste bestehen und/oder in privaten Verrichtungen.

Für das spätbürgerliche Individuum bleibt, gerade wo es uns noch einigermaßen optimistisch entgegentritt und es sich noch nicht bedingungslos in die heraufziehende Apokalypse ergeben will, Gesellschaft die bloße Summe von Subjekten und deren subjektivem Handeln und Versagen. Exemplarisch sei hier nur Petra Kelly angeführt. Sie beginnt ihren Aufsatz „Abrüstung beginnt in den Köpfen“ prototypisch:

„Während meiner Wahlkämpfe für die Grünen habe ich öfter das folgende Märchen erzählt und so begonnen: ‚Was kann ich denn für den Frieden tun? Ich bin doch machtlos. Hat denn meine einzelne Stimme überhaupt Gewicht? In einer Fabel wird erzählt: ‚Sag mir, was wiegt eine Schneeflocke?‘ fragte die Tannenmeise die Wildtaube. ‚Nicht mehr als ein Nichts‘, gab die zur Antwort. ‚Dann muß ich dir eine wunderbare Geschichte erzählen‘, sagte die Meise. ‚Ich saß auf dem Ast einer Fichte, dicht am Stamm, als es zu schneien anfing; nicht etwa heftig im Sturmgebraus, nein, wie ein Traum, lautlos ohne Schwere. Da nichts besseres zu tun war, zählte ich die Schneeflocken, die auf die Zweige und Nadeln des Astes fielen und darauf hängenblieben. Genau 3 741 952 waren es. Als die 3 741 953ste Flocke niederfiel – nicht mehr als ein Nichts – brach der Ast ab.‘ Damit flog die Meise davon. Die Taube, seit Noahs Zeiten eine Spezialistin in dieser Frage, sagte nach kurzem Nachdenken zu sich: ‚Vielleicht fehlt eines einzelnen Menschen Stimme zum Frieden der Welt.'“(6)

Genau dieser Haltung entsprechend rückt die Friedensbewegung den individuellen Einsatz, insbesondere die individuelle Verweigerung ideologisch in den Mittelpunkt. Der Totalverweigerer wird zur selten erreichten Idealgestalt, zum höchsten Niveau, das persönliches Engagement überhaupt annehmen kann. ‚Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin‘, heißt der populäre Traum, ungeachtet dessen, daß

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der Atomkrieg auch stattfinden kann, wenn die Masse nicht hingeht, sondern zu Hause aufs Finale wartet. Während die Friedensbewegung einerseits immer die Unmöglichkeit großer konventioneller Kriege in Europa betont, und Knopfdruck-Bumm-Krach-Aus-Ängste kultiviert, hängt sie gleichzeitig in stiller Übereinkunft mit konservativen Militärs, die um ihre Pfründe fürchten, einer recht antiquierten Vorstellung des modernen Krieges an. Die großangelegte Propagierung der Kriegsdienstverweigerung, die Kritik an soldatischen Tugenden orientiert sich an den Szenarien der beiden Weltkriege und geht an der Realität des modernen Krieges völlig vorbei. Während die Vision von der menschenleeren selbsttätigen Fabrik, in der Version des automatischen Schlachtfeldes deutlich Konturen anzunehmen beginnt, geben die „Frauen gegen Militarismus Hannover“ in einem ihrer Flugblätter zum Besten, daß der drohende Weltkrieg aus Mangel an Schwesternhelferinnen ausfallen könnte.

Sie schreiben: „Wir wollen keinerlei Kriegsdienste tun. Nicht mit der Waffe in der Hand, nichtzur Unterstützung und Aufrechterhaltung der Armee und nicht, indem man Kriegeplanen kann, weil Schwesternhelferinnen in genügender Anzahl zur Verfügung stehe.“(7)

Im eklatanten Widerspruch zur Realität, in der zusehens die Anwendung der Naturwissenschaft zum Agens der Kriegführung wird, in der sich Kriegsgerät und Kriegsführung insgesamt von einem massenhaft aufgebotenen subjektiven Faktor nach und nach emanzipieren, verklärt die Friedensbewegung die subjektive Seite zum Springpunkt. Aber wenn die Soldaten massenhaft wegbleiben, und der Pillenknick besorgt hierzulande schon die Hauptsache ganz von alleine, wird dies nicht den Frieden garantieren, sondern nur zu einer Modernisierung des Bundeswehraufbaus führen. Vor Verdun kamen die deutschen und französischen Armeen sehr gut ohne Kavallerie aus, obwohl sie zu Beginn des Krieges noch zahlreich existierte, und auch die Bundeswehr kann auf ganze anachronistische Waffengattungen verzichten, ohne an Schlagkraft zu verlieren.

Die Emanzipation der modernen Kriegsführung vom Soldatenmaterial zeigt sich nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ. Militärische Effizienz kommt inzwischen ohne ideologische und nationale Begeisterung aus. Der moderne Soldat tut nicht mehr seine Pflicht für Führer und Vaterland, sondern seine technisch hoffentlich interessante Arbeit. Du tust Deinen Job und ich meinen. Der militärische Apparat läuft am besten bei politischer Apathie, und die verbreiteten rechtsradikalen Tendenzen im bundesdeutschen Offizierskorps bleiben Versatzstücke. Als Integrationsideologem sind sie verzichtbar. Der politisch indifferente Militärtechniker hat den rassenfanatischen SS-Mann als Inkarnation soldatischer Existenzweise für immer abgelöst, und der Selbstlauf des militärischen Apparates kann auf Propagierung ideeller Ziele weitgehend verzichten. Die BRD hat hier dank der Erfahrungen zweier verlorener Weltkriege sicher eine Vorreiterposition. In den USA etwa herrscht nach der Verdrängung des Vietnamtraumas peinlich naiver Patriotismus, aber gerade dort haben sich die populären Heldenphantasien von der Formation gelöst und individualisiert. Rambo schlägt sich alleine durch und ist nichts und niemandem verpflichtet, nur sich selbst und seiner Schwachköpfigkeit, und genau dieser Zug schmilzt in den US-Patriotismus ein. Supermann, der sich noch durch den Kampf fürs Gute als Held ausweisen mußte, ist überholt. Gut und Böse verwischen, und die USA phantasieren sich als Kollektivrambo, während alle höheren Ziele an ideologischer Konsistenz verlieren, und schon an sich selber hohl werden. Das hat auch unmittelbar praktische Folgen. In der US -Army entsteht der Landsknecht des 30jährigen Krieges neu. Die durchschnittlichen einzelnen Mitglieder der stärksten und gefährlichsten Militärmacht aller Zeiten wären aus der faschistischen Wehrmacht noch zu 60% als wehrunwürdig ausgeschieden oder bestenfalls im Strafbatallion eingesetzt worden.

Vor diesem Hintergrund liegt der Angriff auf die überlieferten soldatischen Tugenden und das von der Friedensbewegung propagierte massenhafte Sich-Verweigern im Entwicklungstrend. Die Erfolge der Friedensbewegung werden nur dazu beitragen, daß der heutige Militärapparat eine moderne, der Entwicklung der Mikroelektronik adäquate Gestalt annimmt. Selbst die allgemeine Wehrpflicht kann in den nächsten Jahrzehnten zum Anachronismus werden. Von alledem nimmt die Friedensbewegung, die sich ja nur als subjektiver Störfaktor gegen die Gewalt des objektiven Apparates kennt, nichts wahr. Sie bemerkt nicht, daß die Form des Widerstands, die Beschwörung des abstrakten Subjekts und seiner privaten Verrichtungen und Unterlassungen, nur die Übermacht der Verhältnisse bestätigt, indem sie

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mithilft, deren entwickeltere Gestalt herauszuarbeiten. Die neuen sozialen Bewegungen kämpfen zu gern gegen Reste personeller Herrschaft und personellen Zwangs, die sich bis heute erhalten haben und schälen damit, wo sie Erfolg haben, die eigentlich reine Gestalt des Kapitalverhältnisses, die verdinglichte, unpersönliche Herrschaft rein heraus. Ein Musterbeispiel gibt hier der allgemeine empörte Aufschrei anläßlich der Volkszählung ab. Ein Gesetz, das bei seiner Verabschiedung nicht den geringsten Sprengstoff zu enthalten schien, eine Lappalie im Verhältnis zu dem, was sonst in Sachen „gläserner Bürger“ geschieht, läßt plötzlich die halbe Republik, weit über den gewohnheitsmäßig oppositionellen Teil hinaus, Kopf stehen. Und alles nur, weil der Staat jeden einzelnen in seiner Privatheit aufsucht, weil der Zähler seine dreckigen Schuhe an meinem Fußabstreifer abwischt. Daten werden bei tausend Gelegenheiten erhoben, deren Reichweite über die der Volkszählung hinausgeht, aber hier werde ich genötigt mitzuwirken, Auskunft zu geben. Dazu ist die Monade, wenn auch widerwillig, nur dann bereit, wenn sie etwas von Papa Staat will, aber nicht, wenn ihr solches Tun nichts einbringt. Gleichgültig, ob die Bundesregierung das Volkszählungsgesetz gegen den Unwillen breiter Bevölkerungsschichten für dieses Mal durchdrücken kann oder nicht, sie wird sich hüten, die Bürger noch einmal unnötig zu belästigen. Sie wird Daten künftig ausschließlich auf anderen, nicht antiqierten Wegen erheben. Die Volkszählung 1987 wird sicher die letzte in der Geschichte der BRD sein.

Der Privatmensch als das politische Subjekt tritt uns nicht nur negativ im Akt der Verweigerung entgegen. Er ist gleichzeitig privilegierter Träger der positiven Bewegungsinhalte. Exemplarisch tritt uns dieser Zug des linken Alltagsbewußtsein im populären Rowohltbändchen „Tschernobyl hat unser Leben verändert“ entgegen. Folgende Passage aus diesem Buch beschreibt schon phänotypisch das Selbstverständnis breiter Bevölkerungskreise, besser als es jeder Satiriker könnte:

„Meine Kinder, mein Mann und ich leben in einer Großstadt, zu viert in einer kleinen Wohnung, und unsere Kinder erlernen im Zusammenleben mit uns die natürlichen und notwendigen Grenzen des gegenseitigen Rücksichtnehmens und Aufeinanderbezogenseins. Ich habe mich immer sehr bemüht, ihnen meine Einsichten und meine Verantwortung gegenüber der Natur und unserer Gesellschaft nachvollziehbar zu machen. Ich habe sie dazu angehalten, ihren Abfall in Papierkörbe zu werfen. Ich selbst habe meinen Müll sortiert, umweltfreundliche Putzmittel gekauft, Eier aus tiergerechter Bodenhaltung, kein Obst aus Südafrika. Ich war eine sehr bewußte Hausfrau und Mutter, bei uns gab es immer Frischmilch und frischgekochtes Gemüse. Wir brauchten nicht zu sparen, und ich habe MEIN GELD FÜR MEINE VERANTWORTUNG GEGENÜBER DER WELT AUSGEGEBEN. Ich wollte in meinem bescheidenen privaten Rahmen einen Beitrag leisten, indem ich unsere Lebensbedingungen analysierte, Informationen aus Büchern zog, bewußt wählte, Unterschriftensammlungen unterzeichnete und meine ganze Hoffnung in die Erziehung meiner Kinder setzte. Sie sollten einmal selbstbewußte und mutige Demokraten werden, frühzeitiger als ich. Die Kraft, die ich mein Leben lang in mir gespürt habe, ziehe ich aus mir selbst, aus dem Vertrauen in meinen Körper und in meine Möglichkeiten.“(8)

Der tief im bürgerlichen Denken verankerte Glauben an die Selbständigkeit des Individuums öffnet sich hier zur Stilblüte. Nimmt unsere Autorin ihre persönlichen Konsumgewohnheiten als Nonplusultra politischen Handelns, so wiederholt sie dabei verflachend ein Leitmotiv des Kantschen Systems. Vielleicht erinnert sie sich beim Abfassen dieser Zeilen auch direkt an alte Schulweisheiten. Denn an bayerischen Gymnasien durften noch vor gut 10 Jahren Schüler die Popularisierung des Kantschen kategorischen Imperativs durch den Mund Fichtes auswendig lernen:

„Und handeln sollst Du so, als hing von Dir und Deinem Tun das Schicksal ab der deutschen Dinge und die Verantwortung wär Dein.“ Wie dem auch sei. Auf jeden Fall wiederholt sich das ahistorische, bürgerliche Denken periodisch, in den modernen populären, wie philosophisch-theoretischen Diskursen findet sich selten etwas, was nicht schon im Beginn der bürgerlichen Ära besser formuliert worden wäre. Das Ende des bürgerlichen Denkens ist nur die schlechte Wiederkunft seines beschränkten Ausgangspunktes und so kann es auch nicht überraschen, daß Hegel bereits in der 1812 veröffentlichten „Wissenschaft der Logik“ das selbständig für sich seiende Individuum grundsätzlich kritisiert und somit den Gedankengang unserer Autorin schon damals im Mark getroffen hat:

„Die Selbständigkeit auf die Spitze des fürsichseienden Eins getrieben, ist die abstrakte,formelle Selbständigkeit, die sich selbst zerstört, der höchste, hartnäckigste Irrtum, dersich für die höchste Wahrheit nimmt, – und in konkreten Formen als abstrakte Freiheit, als reines Ich, und dann weiter als das Böse erscheinend. Es ist die Freiheit, die sich so vergreift, ihr Wesen in diese Abstraktion zu setzen, und in diesemBei-sich-sein sich schmeichelt, sich rein zu gewinnen. Diese Selbständigkeit ist bestimmter der Irrtum, das als negativ anzusehen und sich gegen das

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als negativ zu verhalten, was ihr eignes Wesen ist. Sie ist so das negative Verhalten gegen sich selbst, welches, indem es sein eigenes Sein gewinnen will, dasselbe zerstört, und dies sein Tun ist nur die Manifestation der Nichtigkeit dieses Tuns. Die Versöhnung ist die Anerkennung dessen, gegen welches das negative Verhalten geht, vielmehr als seines Wesens, und ist nur als Ablassen von der Negativität seines Fürsichseins, statt an ihm feszuhalten.“(9)

Marx wendet diesen Gedankengang materialistisch. Er schält die Bedeutung der praktischen Tätigkeit für die Menschwerdung des Menschen heraus und bestimmt sie als den Ort, an dem der Mensch sein Gattungswesen herausarbeitet. Er kann so gleichzeitig „das Ablassen des Individuums von der Negativität seines Fürsichseins“ positiv bestimmen, als bewußte Aneignung menschlicher Tätigkeit durch den Mensch, und die gesellschaftliche Grundlage des „höchsten, hartnäckigsten Irrtums“ bürgerlichen Denkens aufspüren.

Die Menschwerdung ist an den Arbeitsprozeß geknüpft. Aber „der Mensch verhält sich zu seiner wesentlichsten Lebensäußerung als zu einem ihm Äußerlichen, nicht sie selbst, sein eigentliches Wesen, ist ihm Befriedigung eines Bedürfnisses, sondern sie ist nur Mittel, um Bedürfnisse außer ihr zu befriedigen“.(10)

So kann sich der Mensch nur außerhalb seiner Tätigkeit, außerhalb seines eigentlichen Menschseins als Mensch fühlen.

„Der Arbeiter fühlt sich daher erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich. Zu Hause ist er, wenn er nicht arbeitet, und wenn er arbeitet, ist er nicht zu Hause … Es kommt daher zum Resultat, daß der Mensch (der Arbeiter) nur mehr in seinen tierischen Funktionen, Essen, Trinken und Zeugen, höchstens noch Wohnung, Schmuck etc. sich freitätig fühlt und in seinen menschlichen Funktionen nur mehr als Tier. Das Tierische wird das Menschliche und das Menschliche das Tierische. Essen, Trinken, Zeugen etc. sind zwar auch echt menschliche Funktionen. In der Abstraktion aber, die sie von dem übrigen Umkreis menschlicher Tätigkeit trennt und zu letzten alleinigen Endzwecken macht, sind sie tierisch.“(11)

Nur mehr in seiner Freizeit und Privatheit betätigt sich der Mensch menschlich. Der Alternative bewährt sich als Mensch, wenn er Körner zu sich nimmt, Kräutertee schlürft und auf Birkenstocksandalen schwebt. Seinen höchsten Ausdruck findet sein Menschsein im Umgang mit seinen unorganischen und organischen Fäkalien. Er trennt fein säuberlich jede Sorte von Abfall und verwendet beim Herunterspülen seiner Notdurft nur dosiert Wasser.

Weil der Monade das gesellschaftliche Universum durch und durch fremd gegenübertritt, und sie sich selbst nur innerhalb ihrer Wände sicher fühlt, muß ihr jede Form von Politik, die diesen Rahmen sprengt, als unmenschlich erscheinen. Die Sphäre eigenen politischen Handelns verschwindet mit dem Verfall der öffentlichen Sphäre überhaupt und wird ins Privatleben aufgesaugt. Im Klappentext zum Bändchen „Frieden vor Ort“ weht uns diese Reduktion als Banner entgegen:

„Frieden heißt, befriedet zu leben. Kriege entstehen vor allem aus der Expansion der Industriestaaten, die sich Rohstoffe und deren Verschwendung sichern wollen. Wer aber vor Ort anders lebt und sich dafür einsetzt, trägt zur Entspannung bei. An diesem Punkt treffen sich die Anliegen der Friedenspolitik und der Öko-Bewegung.“(12)

Die Anliegen treffen sich im Subjekt, im alltäglichen privaten Tun der Individuen. Wer Altpapier sammelt, schützt nicht nur die Umwelt, er sichert auch den Frieden zwischen der BRD und Schweden.Der Alternative beklagt die Unersättlichkeit der Industrieländer:

„Läßt sich für die Schweizer Särge wirklich kein anderes als Tropenholz finden? Müssen die Fensterläden oberbayrischer Bauernhäuser wirklich im südamerikanischen oder afrikanischen Urwald gewachsen sein? Muß sich der gehobene Bundesbürger wirklich mit Mahagonimöbel umgeben? So viel steht fest: Ausgangspunkt jeder den Frieden der Menschen mit der Natur und den Frieden der Menschen untereinander anstrebenden Politik muß die Bemühung um einen höheren Grad an Selbstgenügsamkeit sein.“(13)

Der Glaube an die völkerverbindende Funktion des Handels hat sich in sein Gegenteil verkehrt, und Autarkiephantasien machen sich beim spätbürgerlichen Individuum breit, das in Ruhe gelassen sein will. Weil der neulinke Zeitgeist die Keimzelle der bürgerlichen Gesellschaft statt in der Ware in den atomisierten Monaden sucht, kann er den Ausgangspunkt jeder emanzipativen Veränderung nur in der Selbstveränderung eben dieser Monaden verorten. Bei sich selber anfangen, heißt die Devise, die auch um den Preis der Lächerlichkeit aufrechterhalten wird.

So ist es schlicht und einfach unsinnig, wenn einige Becquerellie-Initiativen, versessen auf unmittelbar praktische Schritte, als Antwort auf die Tschernobylkatastrophe propagieren, die Stromspitzen abzubrechen, und allen Ernstes die AKW-Gegner auffordern, möglichst zu Tageszeiten zu kochen und

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zu baden und sonstwie Strom zu verbrauchen, wenn andere das nicht tun, um so ihren persönlichen Energieverbrauch antizyklisch zum allgemeinen auszurichten. Abgesehen davon, daß AKW’s im Grundlast- und gerade nicht im Spitzenlastbereich gefahren werden, liegen die über den Spitzenbedarf hinausreichenden Überkapazitäten schon seit Jahren bei 40%, und die alte AKW-Bewegung hat das Gerede um die Stromspitzenlast schon längst als plumpes Ablenkungsmanöver enttarnt. Auch wenn die Alternativen nun im Sommer statt im Winter heizen würden, würde dies energiepolitisch keinerlei Folgen zeitigen und es geschieht den Initiativen, die immer von den Einflußmöglichkeiten des Einzelnen schwärmen nur recht, daß ihnen von interessierter Seite immer entgegengehalten wird, die Krebsrate stünde in keiner signifikanten Beziehung zur radioaktiven Belastung durch Kernkraftwerke, dafür wäre aber ein deutlicher Zusammenhang mit dem Tabakkonsum nachweisbar. Wer in den Wald hineinruft, jeder vereinzelte kann und muß etwas machen, darf sich nicht wundern, wenn es zurückechot, jeder ist selber schuld.

Schon im Wort Umweltschmutz klingt verräterisch die verniedlichende Vorstellung von individuellem Versagen mit. An diesem Begriff schmeckt nichts nach Vergiftung der Natur, nach Zerstörung der natürlichen Ressourcen durch die wildgewordene Verwertungslogik. Es erinnert vielmehr an ein ungewaschenes Individuum, das seine Notdurft mitten auf dem Gehsteig verrichtet und den Rest der Menschheit dadurch in die Gefahr versetzt, in irgendwelche schmierigen Fäkalien zu treten. Das einzige Problem, das sich wirklich sauber unter der Begrifflichkeit Umweltschmutz fassen läßt, ist vielleicht der verzweifelte Abwehrkampf diverser Großstädte gegen den Hundekot auf ihren Straßen. Wenn die Umweltbewegung konsequent und unkritisch von Umweltverschmutzung spricht, so verweist dieser semantische blinde Fleck auf einen entsprechenden Inhalt, den naiven Glauben an das einzelne Subjekt und seine Möglichkeiten im Guten wie im Bösen.

Nun ist trotzdem natürlich nichts gegen diese privaten Handlungen bzw. Unterlassungen zu sagen. Die Sache wird erst grotesk, weil sie und ihre Propagierung an die Stelle von Politik rücken, wodurch sie zu Alibihandlungen verkommen. Genau das zeichnet sich ab.

Ein Schlaglicht individuellen Tuns wirft die Entwicklung beim Recycling von Altpapier. Nachdem sich das Sammeln von Altpapier zum Volkssport gemausert hat, also genau das eintrat, was als Wunschbild herumgeistert, und viele diesen kleinen und von jedem zu leistenden Schritt vollzogen haben, sank der Altpapierpreis in den Keller. Im „Spiegel“ vom 9.2.87 lesen wir unter der Überschrift „Papier ohne Wert“:

„Die Bundesbürger sammeln immer emsiger Altpapier – allein 11 Millionen Tonnen im vergangenen Jahr. Doch obwohl der Anteil des Recycling-Papiers an der gesamten Papierproduktion erst weniger als 2 Prozent ausmacht, sieht die Branche kaum noch Verwendungsmöglichkeiten für die Massen von Sammelgut; immer mehr wandert in die Müllverbrennung. Die Folge: Der Preis für eine Tonne Altpapier sank inzwischen auf 35 Mark, vor einem Jahr wurden noch bis zu 200 Mark gezahlt. Der Preissturz hat dazu geführt, daß sich einige Altpapiersammler ihre Arbeit schon von den Kommunen bezahlen lassen. In Dortmund beispielsweise kassiert eine Entsorgungsfirma bereits monatlich 14 000 Mark von der Stadtverwaltung.“(14)

Irgendwann in näherer Zukunft steht an jeder Ecke ein Müllcontainer, fein säuberlich untergliedert in Abteilungen für Papier, Glas und diverse Sorten von Sondermüll, und spätestens in der Müllverbrennungsanlage werden alle vorher getrennten Stoffe wieder gründlich durchmischt. Alle sind zufrieden, etwas getan zu haben, und die drängenden realen Probleme bleiben ungelöst.

Wer die äußerst bescheidenen Möglichkeiten jedes Einzelnen für sich zum Alpha und Omega macht, beläßt die wirkliche Praxis vorbehaltlos in ihrer Subsumtion unter den Wert und kratzt nicht einmal oberflächlich die anstehenden Fragestellungen. Sobald der alternative Ansatz übereinstimmend mit Kohls Neujahrsansprache sich in der feierlichen Proklamation: „Der Umweltschutz beginnt bei jedem von uns“(15), verliert, hat das Engagement gegen Umweltzerstörung seine propagierten ökologischen Ziele praktisch schon aufgegeben und beschränkt sich auf den Versuch, mit einigen 1000 Fingerhüten einer Sturmflut das Wasser abgraben zu wollen, während die politischen Frontlinien verwischen. Denn wenn der „deutsche Wald“ stirbt, so wird die Schuld weniger in Bonn, bei der Industrie, geschweige denn in der Verwertungslogik des Kapitals gesucht, sondern wir alle sind daran mehr oder minder glei-

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chermaßen schuld, und alle sind Opfer. Der deutsche Wald stirbt, weil du mit dem Auto Zigaretten holen gehst, und die Regierung ist daran beteiligt, weil sie es dir nicht verbietet. Weil im Kapitalverhältnis Herrschaft versachlichte Gestalt annimmt und in ihrer entwickelten Gestalt nur noch mit obskuren Verschwörertheorien in die personelle Gewalt einiger Machthaber oder herrschender Klassen umgebogen werden kann, gleichzeitig aber das selbstherrliche Individuum die personalistische Sichtweise festschreiben muß, werden alle Charaktermasken des Kapitals Brüder und Schwestern, untereinander und mit ihren Opfern.

„Die ökologische Apokalypse und die atomare Katastrophe machen alle, jenseits von Klassenschranken, zu potentiellen Opfern. Vor der Bombe sind alle gleich, da verblassen Interessengegensätze.“(16)

Die Atombombe schafft Brüderlichkeit. Die Bedrohung durch sie und die Umweltkatastrophen erzeugen die alles umfassende Volksgemeinschaft in derselben Weise wie 1914 die Kriegsbegeisterung. Konrad Flex‘ Ode an die verbindende Wirkung des Krieges könnte heute, wenn wir einige Worte austauschen, auch in der Friedensbewegung unbeanstandet durchgehen:

„Der Krieg, der alle zu Kameraden in Leiden und Gefahren machte und den höchsten ‚Sozialismus‘, die Hingabe des Lebens für die Zeitgenossen, forderte, verstärkte und verinnerlichte das soziale Gefühl. Alle Deutschen werden nun wirklich als Brüder empfinden.“(17)

Was einst der Krieg leistete, soll heute der Kampf für den Frieden schaffen.

Die Versachlichung von Herrschaft stellt sich der Monade als Fusionierung von Opfer und Täter dar. Weil die Charaktermaske zum Menschlichen wird, verwandelt sich der objektive Widerspruch zum inneren, psychischen Konflikt. Daher muß die Friedensbewegung ihre Theorie der Kriegsursachen um die menschliche Psyche zentrieren. Statt die Frage zu stellen, durch welche Mechanismen hindurch die verdinglichte Herrschaft des Werts ihrem jeweiligen Entwicklungsstand adäquate Strukturen produziert, und wie diese jeweils aussehen, werden psychische Fehlentwicklungen zum Ausgangspunkt, um aus ihnen die Greulichkeit der gesellschaftlichen Struktur abzuleiten. So findet die überaus populäre Alice Miller – zu den 25 Büchern, die der Durchschnittsalternative sein eigen nennt, gehört neben Erich Fromms „Kunst des Liebens“ garantiert auch ein Bändchen von ihr – die Keimzelle des Faschismus in den unglücklichen Kindheiten Hitlers und seiner Anhänger und sieht auch die heutige bedrohliche Lage vor diesem Horizont:

„Wenn wir nicht alles tun, um das Entstehen dieses Hasses zu verstehen, werden uns auch die kompliziertesten strategischen Abkommen nicht retten können. Die Ansammlung von Nuklearwaffen ist nur ein Symbol für die aufgestauten Haßgefühle und die damit zusammenhängende Unfähigkeit, die echten Bedürfnisse wahrzunehmen und zu artikulieren.“(18)

Der böse Gedanke allein tötet, die Atombombe folgt ihm unweigerlich nach. Gerade wo sich die Friedensbewegung von „Gewalttätern“ distanziert und ihre Gewaltfreiheit begründet, wird ihre Affinität zum Woodoo-Glauben handgreiflich. Der böse Gedanke ist die Gefahr, er muß mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Die politische Aktion gerät zur Geisterbeschwörung. Unfähig, die Dynamik seiner eigenen verdinglichten Wirklichkeit zu begreifen, mischen sich dem spätbürgerlichen Individuum in seiner entwickelten Gestalt Aberglauben und private Surrogatreligiosität gerade auch in seine politischen Deutungsmuster. Die Welt zieht sich auf das vereinzelte Individuum zusammen und die Wirklichkeit rückt als Gespenst ins menschliche Innere nach. So überrascht es eigentlich, daß sich neben den Ärzte- und Richterinitiativen gegen den Atomkrieg noch keine Astrologen- und Sektenführervereinigung mit dem selben Ziel gebildet hat, denn wie soll der Krieg der Sterne verhindert werden, wenn uns die Sterne nicht zur Seite springen? Aber es ist sicher nur die verbissene Härte, mit der die Konkurrenz unter den verschiedenen Anbietern auf dem Markt der Potpourrireligionen geführt wird, die uns die ideologische Vorherrschaft eines möglichen gemeinsamen Kartells bisher erspart hat.

Weil der objektive prozessierende Widerspruch nur durch die Subjekte und ihr Handeln hindurch sich äußern kann, wird dem Oberflächenbewußtsein das Subjekt zum Prius. Abstrakt und seiner Wirklichkeit entkleidet, hüllt sich dieses Subjekt zu guter letzt in mythische Umhänge, um seine Blöße zu bedecken. Aber auch dort, wo diese groteske Beleidigung des menschlichen Verstandes unterbleibt, transformiert sich politische Kritik ins Psychologisieren.

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Der Gotteskomplex ersetzt die Kritik der politischen Ökonomie. Im Zustand der Resignation geht dieses Psychologisieren schließlich schnell in Biologismus über. In dunklen Stunden verzweifelt der engagierte Ökopax an der menschlichen Natur und ihm schmeckt der Gedanke

„der allmählichen Selbstbefreiung der Biosphäre von dem zum hypertrophen Schädling gewordenen Menschen,“(19) gar nicht mehr so bitter. Der einzige Fehler, sein eigener Bauch, wird in Umweltkatastrophen und im atomaren Inferno mitversengt werden.

Während sich die Emanzipation ihrer Tätigkeit und ihres Produkts von ihrem Wollen und Begehren auf die Spitze treibt, und die Monade sich zu ihrer vollen Nichtigkeit entwickelt, wird sie sich selber, abgeschnitten von jedem tätigen Bezug zur Wirklichkeit, gleichzeitig zum ein und alles. Säuberlich aus allen lebendigen Zusammenhängen herausdestilliert, kennt sie nur mehr sich selbst, und außerhalb ihrer vier Wände existiert nichts für sie. Die vollendete Herrschaft des Werts als automatisches Subjekt, das alle Bereiche restlos durchdringt, die Versachlichung aller Verhältnisse macht auf der anderen Seite das unabhängige Individuum zur scheinbar entscheidenden Instanz. Dieses unabhängige, abstrakte Individuum fällt mit dem Citoyen zusammen. Der Citoyen und die in der Privatsphäre hausende Monade gehen eine eigenwillige Synthese ein, die in der Unwirklichkeit beider ruht.

„Bürgerliche Gesellschaft und Staat sind getrennt. Also ist auch der Staatsbürger und der Bürger getrennt. (…) Um also als wirklicher Staatsbürger sich zu verhalten, muß er also aus seiner bürgerlichen Wirksamkeit heraustreten, von ihr abstrahieren, denn die einzige Existenz, die er für seinen Staatsbürger findet, ist seine pure, blanke Subjektivität.“(20)

„Die auf diese Weise etablierte Figur des Staatsbürgers deckt sich ganz offensichtlich am ehesten mit dem … persönlichen Individuum. Ihr Hauptbetätigungsfeld liegt in der Nichtarbeitssphäre, die sich gewissermaßen in reine Privatsphäre und in politische Sphäre teilt.“(21)

Der Ausschluß des wirklichen Menschen und der wirklichen menschlichen Praxis schmiedet Citoyen und Privatmann zu einer phantastischen Einheit zusammen, die dem Bourgeois und sonstigen Charaktermasken des Werts (also auch dem Lohnarbeiter als inkarniertem variablen Kapital) entgegentritt. Der Citoyen soll den Bourgeois in die Schranken weisen. Mit dieser Herangehensweise schreibt das bürgerliche Bewußtsein die Verdoppelung von Staat und Gesellschaft, von Staatsbürgerlicher Verantwortung und Privatinteresse fest, und kehrt in der linken Hoffnung, der Citoyen könnte schließlich den egoistischen Bourgeois schließlich aufsaugen, die Marxsche Revolutionsvorstellung um. Während Marx schreibt:

„Erst wenn der wirkliche individuelle Mensch den abstrakten Staatsbürger in sich zurücknimmt und als individueller Mensch in seinem empirischen Leben, in seiner individuellen Arbeit, in seinem individuellen Verhältnis Gattungswesen geworden ist, … erst dann ist die menschliche Emanzipation vollbracht“(22), setzt die Emanzipationsillusion im neulinken Bewußtsein auf das Aufgehen des wirklichen Menschen im abstrakten Staatsbürger. An die Stelle der wirklichen menschlichen Emanzipation tritt die Emanzipation des Menschen von seiner Wirklichkeit, seine Entwirklichung, der Sieg der Abstraktion über die Realität. Was Marx schon in den „Pariser Manuskripten“ darstellte, wird heute zur alles einebnenden Realität und gewinnt in den Formierungen der „Neuen Linken“ eine extreme Gestalt. Seine wirkliche Praxis, seine gesellschaftlich relevante Tätigkeit steht dem vereinzelten Individuum als „unabhängige Macht gegenüber. Das Produkt der Arbeit ist die Arbeit, die sich in einem Gegenstand fixiert, sachlich gemacht hat, es ist die Vergegenständlichung der Arbeit. Die Verwirklichung der Arbeit erscheint in dem nationalökonomischen Zustand als Entwirklichung des Arbeiters, die Vergegenständlichung als Verlust und Knechtschaft des Gegenstandes, die Aneignung als Entfremdung, als Entäußerung.“(23)

Dieselbe Bewegung, die den Vereinzelten in völlige Hilflosigkeit versetzt und ihm seine eigene Gesellschaftlichkeit, seine eigene Tätigkeit und damit sein Wesen als Fremdes gegenüberstellt, dieselbe Bewegung muß innerhalb des bürgerlichen Horizontes den Privatmann und Staatbürger, den abstrakten Menschen als eigentlichen Menschen der übermächtig gewordenen fremden Objektivität entgegenstellen. Gerade weil das bürgerliche Individuum als Privatmann und Staatsbürger von seiner eigenen konkreten Wirklichkeit absieht, kann er von diesem Standpunkt aus seiner eigenen Wirklichkeit entgegentreten.

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3. Die „neuen sozialen Bewegungen“ als entwickelte Form bürgerlicher Politik

Sobald das vollausgebildete abstrakte Individuum sich zurückbezieht auf die konkrete Wirklichkeit und selber praktisch werden will, bekommt seine Fleischwerdung überaus groteske Züge. In seiner völlig herausgearbeiteten Armseligkeit tritt der Einzelne, allein oder in Gruppen, der Fülle der objektiven Welt entgegen. Don Quichotte tritt gegen Windmühlen an und fordert sie zum Kampf. In den „neuen sozialen Bewegungen“ treibt diese Art von Heldenmut ihre schönsten Blüten. Hier kommt das abstrakte Individuum rein zu sich und krönt die Entwicklung bürgerlichen Politikverständnisses.

Zwar steckt die Tendenz zur Herausbildung des vereinzelten Individuums und seiner Weltsicht schon in der allgemeinen Logik des Kapitals, ihre entfaltete Gestalt erreicht sie historisch jedoch relativ spät. Als zentrales Gedankenabstraktum existiert es, sich selbst genügend, seit dem Beginn des bürgerlichen Denkens. Als reales gesellschaftliches Phänomen hat es sich massenhaft und endgültig hierzulande erst mit der 68er Revolte durchgesetzt. Die von der Studentenbewegung ausgehende Kulturrevolution riß die Autorität von Familie und traditionellen Konventionen hinweg und befreite das Individuum aus deren Umklammerung. Die 68er Bewegung vollzog das Urteil, das die historische Entwicklung gegenüber allen Resten organischer Einbindung ausgesprochen hatte. Sie brachte ans Licht, daß die Verallgemeinerung der Wertabstraktion den Boden tradierter Lebensgewohnheiten und eingebürgerter Konventionen längst unterhöhlt hatte. Welche Illusionen sich die studentischen Träger der Bewegung auch immer machten, objektiv arbeiteten sie an der Freisetzung des Individuums aus seinen verbliebenen, einer unentwickelten Stufe kapitalistischer Vergesellschaftung entsprechenden Verwachsungen, und halfen mit, einen modernisierten, dem erreichten Stand des Kapitals adäquaten Überbau zu schaffen. Als Ferment dieser Umwälzung auf bürgerlicher Grundlage verkörpert die „Neue Linke“ an sich selber das ureigenste Produkt kapitalistischer Logik: die selbstzufriedene Monade als Realkategorie. Gerade in den „Neuen sozialen Bewegungen“ und in der Alternativkultur, die beide ihren Impuls aus der 68er Revolte schöpfen, stoßen wir auf deren ausgeprägteste politische Existenzweise. Aus konventionellen Zwängen entlassen, glorifizieren deren Träger die Wahlmöglichkeiten, die die Warenwelt dem Einzelnen immer offen läßt, zum Nabel der Welt. So wird die Beobachtung der Alternativbewegung in ihren vielen Facetten zum voyeuristischen Erlebnis. Wir beobachten die Monade hier bei ihrer angemessensten Tätigkeit, bei der Onanie in Reinkultur, und wir erfahren sehr viel über unsere Gesellschaft im allgemeinen. Denn ein Volk hat nicht nur die Regierung, die es verdient, sondern auch eine Opposition, wie sie ihm zukommt. So sehr sich die Linke hierzulande an den Irrglauben gewöhnt hat, daß sie permanent gegen den Strom der Zeit anschwimmen würde, so ist sie selber doch extremer, wenn auch einseitiger Ausdruck jener gesamtgesellsschaftlichen Entwicklung, die sie zu bekämpfen meint.

Während die Ideologen der neuen sozialen Bewegungen die mangelhafte demokratische Kultur beklagen, wetteifern sie mit den Herrschenden, ihre Reste zu zersetzen und jede Erinnerung an sie auszulöschen. In den neuen Politikformen kippt ein wesentlicher Impuls der studentischen Revolte in sein Gegenteil um, und die Trauer um den Tod des bürgerlichen Individuums tröstet sich, indem sie das Gerippe spazieren führt. Die Frage nach der Politisierung des Privaten und Alltäglichen, der größte Fortschritt den sich die 68er Bewegung zugute halten kann, schlägt um in die Privatisierung des Politischen. Völlig unreflektiert erscheint die privateste Haltung und Handlung schon als politische Großtat. Kinderläden und WG‘ s als Versuche praktischer Kritik bürgerlicher Familie verwandeln sich in deren Surrogat- und Ergänzungsformen, und jeder politisch-kritische Anspruch wird eskamotiert. Der Angriff auf die bestehende Ordnung verendet in der Apologetik des Idylls und anderen Formen von Katzenjammer.

Ihr privates Anderssein wird den Alternativen zum Schleier, der sich ihnen über den realen Verhältnissen legt:

„Wenn im principium individuationis … das Gesetz des Weltlaufs sich versteckt, so wird die Anschauung von der letzten und absoluten Substanzialität des Ichs Opfer eines Scheins, der die bestehende Ordnung schützt, während ihr Wesen bereits zerfällt.“ (24)

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Aber um gleich vorweg Mißverständnissen vorzubeugen, die aus meinem positiven Bezug auf Adornos dunkle Töne entstehen könnten:

Wenn ich hier die neuen sozialen Bewegungen als entwickelste Form bürgerlichen Bewußtseins zu bestimmen versuche, so nicht, um sie von einem fiktiven proletarischen Standpunkt aus zu denunzieren und ihnen jede emanzipative Bedeutung für die jüngste Vergangenheit abzusprechen. Ihre aktive Rolle bei der Herausbildung des abstrakten Individuums war durchaus ein Verdienst der Linken. Sie wird erst reaktionär, indem sie sich auf diesen Standpunkt versteift.

Dem Kommunisten muß die entwickeltere Form kapitalistischer Verhältnisse lieber sein als die überholte, und seine Aufgabe ist es nicht, der beschaulichen Geruhsamkeit untergegangener Formationen nachzutrauern, sondern die in der neuesten Entwicklung liegende Sprengkraft aufzuspüren. Die revolutionäre Front kann nur antizipierend, am Schnittpunkt zwischen Gegenwart und Zukunft errichtet werden und nicht in Nachhutgefechten. Die Herausbildung des abstrakten Individuums in seiner reinen Gestalt enthält in nuce schon den proletarischen Umschlag. Die Verwirklichung der Monade fällt mit ihrem baldigen Untergang zusammen, und nur die mangelnde Konkretion dieses Zusammenhangs könnte Anlaß dazu geben, den hier vertretenen Ansatz in die Nähe von Kulturkritik zu rücken. Die neuen sozialen Bewegungen haben wichtige soziale Fragen ans Licht gebracht. Sie haben falsche Antworten gegeben, aber das Obsoletwerden dieser Antworten macht erst das Aufwerfen geeigneter Fragestellungen möglich. Der galoppierende Verfall der westdeutschen Linken, so schmerzhaft er für uns sein mag, ist die Voraussetzung für einen radikalen neuen Ansatz auch praktischer Kritik, der die Aporien der Warenproduktion nicht in die Zukunft weiterschleppt. Umkehr findet bekanntlich in Sackgassen statt, und Bornierungen werden als solche nur bewußt und überwunden, wenn sie auf die Spitze getrieben und zur Absurdität gesteigert uns entgegentreten.

Schon der junge Engels hat die Umschlagsdynamik hin zum Kommunismus, die in der Herausbildung des abstrakten Individuums liegt, erfühlt. Sich auf Stirner beziehend, bei dem das abstrakte Individuum als verherrlichter Egoismus eine erste frühe Stilblüte treibt, schrieb er in einem seiner allerersten Briefe an Marx:

„Dieser Egoismus ist nur das zum Bewußtsein gebrachte Wesen der jetzigen Gesellschaft und des jetzigen Menschen, das letzte, was die jetzige Gesellschaft gegen uns sagen kann, die Spitze aller Theorie innerhalb der bestehenden Dummheit. Darum ist das Ding (gemeint ist Stirners „Der einzige u. sein Eigentum“, E.L.) aber wichtig, wichtiger als Heß z.B. es dafür ansieht. Wir müssen es nicht beiseit werfen, sondern eben als vollkommenen Ausdruck der bestehenden Tollheit ausbeuten und, INDEM WIR ES UMKEHREN, darauf fortbauen. Dieser Egoismus auf die Spitze getrieben, so toll u. zugleich so selbstbewußt, daß er in seiner Einseitigkeit sich nicht einen Augenblick halten kann, sondern gleich in Kommunismus umschlagen muß.“(25) In diesem Sinne hat uns der Verfall der Linken seit 1968 nur weitergebracht. Halbwahrheiten und Teilansichten wurden in den letzten Jahren erbarmungslos zerflededert, aber wir haben keinen Grund, ihnen eine Träne nachzuweinen. Was uns sehr leicht als Trauerspiel ankommt, die Erosion kritischen Denkens, zeigt actu nur die Tiefe der Krise der bürgerlichen Gesellschaft und verweist auf die Radikalität der heute allein möglichen Lösungen. Wo die Linke die kapitalistische Form nicht abstreifen kann, ist sie selber Moment und Motor der kapitalistischen Entwicklung, und ihre Krise ist nur Teil der allgemeinen Misere. Die Defensive, in der die reformistische Linke aller Schattierungen steckt, macht nur deutlich, wie schwierig die Aufrechterhaltung der Tauschwertabstraktion geworden ist.

Allerdings eröffnet die Krise von Kapital und Reformismus für sich allein genommen noch keine revolutionäre Lösung. Dazu muß die zu leistende Kritik der bürgerlichen Gesellschaft immer Selbstkritik, Aufarbeitung der eigenen Geschichte einschließen. Die bürgerliche Gesellschaft hat auch die traditionelle Marxrezeption geprägt, und was uns als Alternativideologie, im Ökopax und als Unmittelbarkeitsfetischismus übel aufstößt, hat schon 1968 eine wirklich proletarische Wende verhindert. Nur wenn wir die gemeinsamen Wurzeln aufspüren, wenn wir die neuen sozialen Bewegungen als letzte Etappe einer Entwicklungslinie begreifen, können wir zu den radikalen Kritikern der bürgerlichen Gesellschaft werden, die viele von uns vor 20 Jahren sein wollten. Bekanntlich sieht Marx in der Anatomie des Menschen den Schlüssel zur Anatomie des Affen, und so kann uns die Analyse der

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heruntergekommensten Bewegungen der Gegenwart einen Zugang zu unserer eigenen mitgeschleiften Vergangenheit liefern. Diesen Zusammenhang mag der geneigte Leser im Hinterkopf behalten, wenn er über diverse Bewegungsdummheiten die Nase rümpft. Wenn heute

„die existenzielle Betroffenheit und Entscheidung, die aller weiteren Begründung und Vermittlung sich sperrt, gefragt ist,“(26)

dann dürfen wir keine Phase der oppositionellen Bewegung seit 1968 dagegen glorifizieren, denn auch die nachfolgenden Verkehrungen sind in ihrem Keim schon im Ausgangspunkt angelegt. Die Devise lautet unüberhörbar: De te fabula narratur!

Die korporatistische Beschränktheit der alten Arbeiterbewegung löst sich in der neuen Linken in abstrakte Individualität auf. Hierin bleibt sie der kritischen Theorie treu und kann sich nur als ML-Karikatur, in den Kostümen der 20er Jahre „überwinden“. Gesellschaftlichkeit jenseits des abstrakten Individuums bleibt leerer Anspruch und sobald er als unerfüllbarer fallen gelassen wird, verschluckt das Privatleben die Politik und beinhaltet sie als solches. Der Bürger als citoyen fällt gerade in seiner oppositionellen Gestalt diesem Prozeß zum Opfer. Damit ist der Tod des Staatsbürgers vollendet.

Die öffentlichen Angelegenheiten, die res publica, sind schon lange allesamt bezahlten Klopffechtern übertragen, denen die Fremdheit ihres Tuns als Sachzwang einerseits und als Wählerwillen andererseits entgegenspringt. Die Honoratioren, die neben und außerhalb ihrer unmittelbaren bürgerlichen Existenz noch Staatsfunktionen übernahmen, verschwinden zugunsten von Berufspolitikern, die nie etwas anderes gelernt haben. Der Bürger draußen im Land verfolgt nur mehr das politische Geschehen, er wird nicht mehr praktisch tätig in seiner Sphäre, und wo er, etwa in den sozialen Bewegungen, wieder auf der Bühne erscheint, übt er sich lediglich in sinn- und zweckfreiem Freizeitverhalten. Der Staatsbürger wählt alle paar Jahre und beteiligt sich an seiner oppositionellen Ausprägung ab und an an happenings. Die 68er Bewegung und ihre Folgeprodukte haben diese notwendige Ergänzung der repräsentativen Demokratie auf außerparlamentarischen Aktivspielplätzen als integralen Bestandteil des politischen Systems hoffähig gemacht. Im Demonstrationsrecht und den mehr oder minder sanktionierten dazu gehörigen Gewohnheiten, Blockaden, Menschenketten etc. findet die Monade in ihrer entwickelten Gestalt ihren politisch adäquaten Ausdruck. Sie darf demonstrieren für oder gegen was auch immer, und sie tut es als vereinzeltes Individuum. Auf der Latschdemo zählt jeder Kopf gleichermaßen, er marschiert losgelöst von den Strukturen seiner täglichen Reproduktion, von allen wirklichen Tätigkeiten. Organisatorische Strukturen zwischen den Demonstrationsteilnehmern sind überflüssig und eine unnötige Ausnahme. Auch die autonomen Schwarzkittel treten gerade noch in Kleingruppen, sprich Stammtischformationen, zum letzten Gefecht an. Das ganze Treiben erinnert schwer an einen Rummelplatz, und je größer die Demonstration, desto reiner tritt dieser Charakter ans Licht. Die typische Großdemo spiegelt bestens Beliebigkeit und Austauschbarkeit der Warenwelt. Hintereinander reihen sich die großen Heere der Ungebundenen, dazwischen Sekten und Grüppchen, die ihre Ladenhüter auf dem Marktplatz der Möglichkeiten anbieten, ohne ihren Konkurrenten in den Hintern zu treten. Jedem das seine, und allen wie es gefällt.

Kein Wunder, daß die Gesinnung des Bundesbürgers, am extremsten bei den Linken, vorzugsweise über den Rostflecken am eigenen Wagen klebt. Die Umwandlung des PKW zur Litfaßsäule reflektiert die Ausdehnung der Marktlogik in die politische Sphäre hinein. Jeder kann denken und kleben was er will, ohne mit einer eingeschlagenen Heckscheibe büßen zu müssen, von Ausnahmen abgesehen.

Die Anhänger der neuen sozialen Bewegung sind mit diesen alles andere als verwachsen. Sie streifen diese spezielle politische Haut ebenso schnell über wie sie ihre Aufkleber abschaben können. Eine Mode jagt die nächste. Die Bindung des einzelnen Teilnehmers bleibt lose und wächst sich nur selten zu organisatorischen Zusammenhängen aus. Selbst die ihrem Selbstverständnis nach weltanschaulich ungebundenen und offenen BI’s erfordern schon zuviel Verbindlichkeit, und ihre Aktivisten stellen nur eine verschwindende Minderheit innerhalb der sozialen Bewegung dar. Während die alte Arbeiterbewegung immer sehr von ihren Organisationen geprägt war, und organisierte Mitglieder und Funktionäre

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immer das Übergewicht gegenüber den Unorganisierten hatten, orientieren sich die organisatorischen Fragmente der neuen sozialen Bewegungen einzig und allein am Typus des Durchschnittsbewegten, der alle halbe Jahre mal zu einer Demonstration geht, und all ihr Tun ist auf Mobilisierung auf dessen Niveau ausgerichtet. Die so verstandene Massenwirksamkeit wird zum Selbstzweck und der Minimalkonsens, die inhaltliche Wässerigkeit, wird zum propagandistischen Ziel erhoben. Die Friedensbewegung zelebriert in ihren Bonner Massenaufläufen nur mehr sich selber. Die konkrete Auseinandersetzung mit der herrschenden Rüstungslogik versumpft im kleinsten gemeinsamen Nenner. Die Monade will jeden anderen in seiner Facon glücklich werden sehen, in der Hoffnung, dann selber unbelästigt zu bleiben, und so zeigt sich die Friedensbewegung duldsam auch gegen die dümmste Privatmarotte, solange sie sich nur nicht kritisch gegen ihre eigenen Bestandteile richtet. Werbung für die eigene Schrebergartenvereinigung ist allzeit erlaubt, bloß keine vergleichende.

Aus diesem Zusammenhang erklärt sich auch leicht die relativ starke Stellung der DKP, des Flaggschiffs des Sektenwesens gegenüber dem Gros der Friedenskonsumenten. Ihr Erfolg entspringt aus ihrem anachronistischen Charakter. Als Überbleibsel einer Epoche, in der das Parteibuch – egal welches – noch etwas galt, einigermaßen straff organisiert, fällt es leicht, gegenüber der amorphen Masse organisatorische Schlüsselpositionen zu besetzen. Allerdings sind die Folgen dieser Seilschaftspolitik letztlich minimal. Denn die DKP instrumentalisiert nicht die Friedensbewegung, sondern die Friedensbewegung die DKP. Der träge Strom wälzt sich nach seinen eigenen Gesetzen, und die DKP kann ihre organisatorische Stellung nur halten, indem sie sich von den spontan vorhandenen Inhalten mitschwemmen läßt, und sich jeder eigenständigen Position von vornherein entkleidet. Wirksam wird ihre organisatorische Potenz inhaltlich allein gegen kleinere linke Gruppierungen, etwa den KB, die versuchen, in die Friedensbewegung politisch weiterreichende Inhalte hineinzutragen. Hier wirkt sie als bürokratischer Schutz vor jeder Form von Kritik und verhindert, daß in den Demoaufrufen auch nur ein Satz steht, der nicht verwaschen und abgeschliffen bleibt.

Mit dem Aufkommen der Bürgerinitiativbewegung in den 70er Jahren wurde bei den Sozialwissenschaftlern breit deren Verhältnis zur repräsentativen Demokratie diskutiert, und selbst in den Abituraufgaben Ende der 70er Jahre hallte dieses Thema nach. Die Entwicklung der letzten 15 Jahre hat diese Frage mittlerweile eindeutig beantwortet. Die Ein-Punkt-Bewegungen haben sich als Korrektiv erwiesen, das die Unzulänglichkeiten der traditionellen „Volkspartei“ ans Licht brachte, sie gleichzeitig aber schon systemimmanent reguliert. Die etablierten Volksparteien standen den immer drängenderen gesamtgesellschaftlichen Folgelasten von Industrialisierung und Verstädterung vollkommen blind gegenüber. Als Lobbykompromisss und Vereinigung bestimmter sozialer pressure groups, die besonderen Interessen einen sich verallgemeinernden Ausdruck geben, waren sie nicht in der Lage, dazu querstehende, von vornherein allgemeine Fragestellungen zu berücksichtigen. An diesem Punkt wurden ad-hoc-Initiativen, die sich schließlich zu den „neuen sozialen Bewegungen“ auswuchsen, wirksam. Sie machten sich zur Lobby allgemeiner, gesamtgesellschaftlicher Problemstellungen und meldeten neben den Interessen von Arbeitnehmern, Vertriebenen, Rentnern, Arbeitgebern und anderen Charaktermasken auch noch die des „Menschen“ an. Sie führen dabei Fragestellungen, die ihrem konkreten Inhalt nach die auf Besonderungen von Interessen beruhenden korporatistische Konsensbildung sprengen, in diese Form zurück. Sie kehren, indem sie einzelne Problemfelder bewußt machen und herausdestillieren, die Funktionsweise der Volksparteien um. Die Ein-Punkt-Bewegungen verallgemeinern nicht wie jene das Besondere, sie zwängen das Allgemeine in die Form der Besonderung und rückübersetzen systemtranszendierende Momente durch ihre Isolierung in die Logik der Wertvergesellschaftung. Die Grünen überwinden diesen Zug nicht, sie krönen ihn. Sie konstituieren sich als Partei der gebündelten Menschheitsinteressen neben den lobbyistischen Volksparteien und beantworten in dieser Gestalt die Krise der bürgerlichen Gesellschaft mit deren ideologischer Überhöhung. Trotz aller Querelchen nimmt hier die Ehe zwischen parlamentarischem System und dem, was euphemistisch als Basisdemokratie bezeichnet wird, eine feste, Vertrauen erweckende Gestalt an. Die neueste Figuration der BRD-Parteienlandschaft weist nicht über den Horizont bürgerlicher Politik hin aus, sie modernisiert sie und ist selber letzte Etappe bürgerlichen Politikverständnisses.

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Das wird auch auf anderer Ebene, anhand einiger grüner Binnenprobleme, greifbar. Die Besonderung des Allgemeinen kann nur bedingt auf vorhandene soziale Strukturen zurückgreifen und von den konkreten Interessen einer klar umrissenen Schicht ausgehen. Wenn auch die Träger der „neuen sozialen Bewegungen“ zu einem Großteil Angehörige der „neuen Mittelschichten“ sind, so werden sie aber gerade unter Abstraktion von ihrer eigenen speziellen materiellen Lebenspraxis angesprochen, als Privatleute, wie alle anderen Staatsbürger auch. Die Beliebigkeit des Privatlebens, Unverbindlichkeit und Willkür, schwappen so unvermeidlich in die sozialen Bewegungen und prägen auch die Grüne Partei. Die Mobilität der spätbürgerlichen Gesellschaft kehrt hier als hohe Fluktuation wieder. Ganz im Gegensatz zur DKP, die mehr Mitglieder ihr eigen nennt als sie Wähler auf die Beine bekommt, besteht bei den Grünen ein scharfes Mißverhältnis zwischen der Zahl der Mitglieder und der Zahl der Wähler. Im Vergleich dazu ist die SPD heute noch eine Mitgliederpartei, und selbst die Union schneidet wesentlich besser ab. Die grüne Klientel identifiziert sich positiv mit ihrer Partei weit weniger als die Anhänger einer anderen Partei. Nirgends sammeln sich so viele Wechselwähler, nirgends ist der Durchlauf an Mitgliedern so hoch, und nirgends der feste Stamm so klein. Folgerichtig ist es für ein grünes Mitglied, das in der Lage ist, seinen Namen einigermaßen richtig zu schreiben, schwierig, um ein Mandat oder wenigstens eine Funktion herumzukommen. Hat dieses Mitglied auch noch das Pech, von Natur aus mit zwei X-Chromosomen ausgestattet zu sein, so wird es schier unmöglich. Die schnöde Personalnot eröffnet noch den blassesten wie den obskursten Gestalten Karrieremöglichkeiten und verwandelt sie in MdB’s. Trotz Rotationsprinzip drückt sich in den Grünen die Polarisierung der res publica als besonderer Gegenstand für Berufspolitiker einerseits und allgemeines, sinn- und zweckfreies Freizeitvergnügen andererseits am schärfsten aus. Mangels personeller Decke können die Grünen froh sein, wenn sie in der Lage sind, die ihnen zufallenden Mandate abzudecken. Qualifizierte Grüne, die in den Bi’s vor Ort mitarbeiten, sind ganz im Gegensatz zum grünen Selbstverständnis eine Rarität. Was für jede einzelne soziale Bewegung typisch ist, kennzeichnet auch das Verhältnis der Grünen zu ihren „Basisbewegungen“. Wenn die Konjunkturen gerade abschwellen, bleibt von den stolzen sozialen Bewegungen nur ein Klüngel übrig, der sie bis zum nächsten Schub weiterverwaltet, und die grünen Parlamentarier. Von den Bewegungen im Stich gelassen und auf sich selbst gestellt, können die grünen Mandatsträger sich nur propagandistisch auf sie beziehen und den Schmetterling mimen, der der Bewegungsstarre entschlüpfte. Der parlamentarische Bodensatz einer gesellschaftlichen Strömung organisiert sich selbständig und hat an sich selber genug zu schleppen.

In nuce liegt dieser Zustand schon in der Entstehung der Grünen begründet. Die ersten Anläufe zur parlamentarischen Verankerung der bis dahin außerparlamentarischen Bewegung waren weniger Folge von deren relativer Stärke, sondern vielmehr Antwort auf die mangelnde Durchschlagskraft außerparlamentarischer Aktion. Die Anti-AKW-Bewegung war als Machtfaktor zu schwach gewesen, um das Atomprogramm zu kippen, ihre Beschränkheit wurde offenkundig. Die Herausbildung eines parlamentarischen Arms sollte diese Schwäche mit beheben helfen, aber unklar, wie das Verhältnis von Bewegung und deren parlamentarischer Vertretung blieb, mußte sich die Ergänzung als Ausflucht erweisen. Seiner eigenen Spontaneität überlassen, konnte jeder parlamentarische Achtungserfolg nur die Bedeutung der außerparlamentarischen Aktion untergraben. Die Wendung hin zum Parlament nährte die Renaissance demokratischer Illusionen und zog den außerparlamentarischen Aktionen ihre verbliebenen Zähne. Die Rechnung für die menschenfeindliche Politik sollte den Regierenden fortan in erster Linie am Wahltag präsentiert werden, und die Auseinandersetzungen auf der Straße und an den Bauplätzen verflachten zur bloßen Begleitmusik. Was einst an sich selber politischer Faktor sein wollte, subsumierte sich unwillkürlich unter die Hoffnung auf Veränderung im Parlament. Die Bewegungen entwickelten sich zu einer Art alternativen Öffentlichkeitsarbeit, deren Früchte, außer in ihrer Selbstverbreiterung, sich in erster Linie an der Urne realisieren. Die Ohnmacht in der direkten Konfrontation mit der Staatsgewalt, der Kalkarschock, übersetzte sich dank der Grünen systemimmanent in die Wiederkehr des Stimmviehs und erklärte sich zur Tugend.

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Der Bauplatz zu Wyhl war wirklich besetzt worden. Nach Grohnde wurde nur mehr symbolisch besetzt und die unvermeidliche Räumung als letzter Akt und Höhepunkt in die Inszenierung eingebaut. Im selben Maße wie die von den „neuen sozialen Bewegungen“ angesprochenen Problematiken immer tiefer ins Alltagsbewußtsein eindrangen und sich vermassten, entwirklichte sich die außerparlamentarische Aktion galoppierend zum entleerten Ritual. Seit der Besetzung von 1004 und der Ausrufung der „Freien Republik Wendland“ hat eine Inflation symbolischer Aktionen das Land überschwemmt. Die Grünen Realos trugen die wirklichen Anliegen ins Parlament, und auf der Straße blieb dunkles, sich mit Aufklärung verwechselndes Raunen zurück. Die neuen „neuen sozialen Bewegungen“ sehen ihre vornehmste Aufgabe weniger darin, Roß und Reiter zu benennen, als in der Selbststilisierung des Protestes. Die Friedensbewegung attackiert nur vorderhand frontal die Nachrüstung, in ihrem Kern zelebriert sie mehr eine allgemeine Friedenssehnsucht, den Wunsch nach Harmonie, und mit dem Vollzug des Nachrüstungsbeschlusses arbeitet sich dieser Grundzug nur deutlicher heraus. Der Weg von Krefeld aus führt nicht zufällig über Loccum, denn die universale Sehnsucht nach Friede Freude Eierkuchen verschont selbstverständlich auch den „Konfliktpartner“ und seine verbeamteten Schlägertrupps nicht. Auch sie entgehen ihrem schweren Schicksal nicht und werden als „Menschen“ entlarvt, und so erreichen die Aktionen der Friedensbewegung ihren absoluten Höhepunkt, wenn alte Feindbilder aufgebrochen werden und Friedensdemonstranten und Polizeibeamte buntgemischt Ringelreihen tanzen. Konfliktstrategien sind verpönt. Stattdessen ist die Regression in das Glück unschuldiger Kindheit als Ziel aller Wünsche angesagt, oder um mit Claudia Werlhof zu sprechen:

„Daß heute aber nur noch die Kinder einen anderen Weg in die Zukunft weisen, weil sie noch nicht so sind wie diejenigen, die schon vorwiegend zu hassen gelernt haben, einschließlich der Frauen, ist heute ernster zu nehmen denn je. Nur die Kinder leben und lieben noch frei und ausgiebig und sind daher im besten Sinne ‚gesellschaftsfähig‘. Sie haben noch keine Probleme mit der Natur und dem sonstigen Leben, dessen Respektierung ihnen nicht schwerfällt.“(27)

Wenn Mama, und notfalls auch Papa, in den heutigen modernen sozialen Bewegungen mit besonderem Wohlwollen betrachtet werden, und die säugende Mutter sich trotz fortgesetzten Geburtenrückgangs zum klassischen Archetyp gemausert hat, so deshalb, weil sie im Kinde exklusiven Zugang zur ersehnten regressiven Unschuld hat.

Diese ideologische Überhöhung erlangt in den Aktionen der Friedensbewegung auch eine praktische Bedeutung. Wer aus seiner eigenen Anschauung im Kinderladen schöpfen kann, tut sich natürlich wirklich leichter, wenn die selben Spielchen überdimensional zwischen Flensburg und Oberstdorf aufgeführt werden, an denen sich schon die lieben Kleinen delektierten. Kinder haben sich schon lange ganz spontan am Boden gewälzt, bevor die gleiche Übung unter dem Etikett „Die-in“ als politische Handlung über sich hinauswuchs. Wer schon die „Reise nach Afrika“ trainiert hat, kann auch bei der Menschenkette von Mutlangen nach Tschernobyl kaum versagen. Wenn die Bezugsgruppenarbeit nicht gefruchtet hat und der potentielle Blockierer noch immer keinerlei gesteigerte Lust verspürt, sich auf eiskalter Straße Hämorrhoiden und eine Nierenbeckenentzündung zuzuziehen, dann springt ihm die Erinnerung an die Trotzphase seines Kindes sicher hilfreich zur Seite.

Vor den wilden Früchten seiner eigenen Vergesellschaftung flieht das spätbürgerliche Individuum in Mimikry und macht auf kindlich-naiv. Aber wie immer ist auch hier die Imitation eine Beleidigung des Originals und entsprechend langweilig. Die „phantasievollen“ Aktionen der Friedensbewegung provozieren nichts und niemanden, außer Gähnen. Nicht mehr aggressiv nach außen gewandt wie in den 60er Jahren, sondern regressiv nach innen, taugen sie nicht zum Stein des Anstoßes. In einer liberalen Gesellschaft steht es jedem frei, sich mit seinem Blut zu übergießen oder Wollfäden zu spannen, so lange er sich nur selber darin verheddert. Zum Ärgernis wird dies nur, wenn eine Generalsuniform Spritzer abkriegt und in die chemische Reinigung muß, aber davon geht der Trend weg, denn statt die Verhältnisse zu demaskieren, macht man sich lieber selber lächerlich und maskiert sich. Heute scheißt man sich höchstens noch demonstrativ in die Hosen, aber nicht mehr in den Gerichtssaal. Die Tendenzwende schlägt auch auf die Aktionsformen durch. In die Dauerdefensive geraten, verzichten die neuen sozialen Bewegungen auf aufreizende Attacken und appellieren lieber an die Brüderlichkeit aller Menschen. Die

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entschiedene Abgrenzung und Provokation des Gegners macht präventiven Entgrenzungsgefühlen Platz, und so halten wildfremde Menschen vereint durch den Wunsch nach Frieden Händchen. Wer könnte schon schlecht darüber denken und gegen den Frieden sein. Die Aktionsform Menschenkette übersetzt recht genau diese politische Haltung, die ein wesentliches Problemfeld zwar benennen kann, aber nur, indem sie dessen Gehalt völlig vernebelt.

In den USA finden wir schon die deutsche Bewegungsrealität ins Unwirkliche und damit bis zur Kenntlichkeit übersteigert. In der BRD beteiligt sich immerhin Helmut Kohl noch nicht an Menschenketten für den Frieden, obwohl auch er zweifellos keinen Krieg auf deutschem Boden will. In den USA ist dieser Schritt bereits vollzogen. Im Mai 1986 reihte sich auch der Präsident mit seinem Stab vor dem Weißen Haus in die transkontinentale Menschenkette gegen die Armut in den USA ein, nachdem er 2 Tage vorher noch die Existenz von Hunger in seinem Land geleugnet hatte. Besser konnte sich der Gehalt von dergleichen Treiben kaum mehr enthüllen. Die Mittelständler pflegen ihre jungfräuliche Unschuld, die jeden Menschen doch erweichen muß, und siehe, der böse Wolf hakt sich unversehens rechts beim letzten Geißlein und links bei Rotkäppchen unter. Er legt seine mehlgepuderte Pfote dem verbliebenen Geißlein zärtlich auf die Schulter, wendet den Kopf zur anderen Seite und haucht Rotkäppchen mit kreidiger Stimme ins Ohr: Gute Nacht, schöne Welt.

Sicher, ganz so weit sind wir hierzulande noch nicht, ein bißchen oppositionell will unsere Opposition schon sein, doch in ständige Defensive geraten, brechen auch unsere sozialen Bewegungen ihren Aktionsformen allzu gerne jede konfliktträchtige Spitze ab und setzen vorsichtshalber auf eine Mischung aus common sense und Demutsgestik. Selbst wo sie angreifen, halten sie permanent noch die Kehle zum Biß hin. Greenpeace etwa, dieses gewaltfreie Kommandounternehmen, verhindert Verklappungen, Atomwaffenversuche und andere Schweinereien immer nur dadurch, daß sie den Vollzug dieser Missetaten an die massive Gefahrdung von Leib und Leben seiner Leute koppelt. Sie machen damit populär, was die RAF schon in den 70er Jahren als ultima ratio ihrer Politik kultiviert hat: Erpressung durch Selbstgefährdung bis hin zum Selbstmord. In die Enge getrieben, richten sich die aggressiven Potentiale mehr gegen das eigene Innere als gegen den äußerlichen Gegener, und die Hungerstreiks der Gefangenen aus der RAF nahm nur vorweg, was als Schlußpunkt bürgerlicher Politik bleibt und heute schon unterschwellig mitschwingt, der ritualisierte Massenselbstmord a la Jonestown. Baudrillards Idee einer Todesrevolte lebt aus diesem allgemeineren Grund.

Zum ritualisierten Masospielchen verflacht, beherrscht diese Tendenz genauso die gewaltfreien Aktionen wie die Militanz an diversen Bauzäunen und anderswo. Die autonome Schwarzkittelfraktion gibt hier nur scheinbar einen Kontrapunkt gegenüber dem vorherrschenden Gewaltfreiheitslamento ab. Auch hier ist die autoaggressive Grundhaltung kaum zu übersehen. Sie wollen Widerstand leisten gegen eine Entwicklung, die über sie hinweggeht, wollen Sand im Getriebe sein, und wissen sich schon als Verlierer. Ihr regressives Selbstverständnis endet beim „nur Stämme werden überleben“ und sie handeln entsprechend, wie die Bewohner eines Wespennestes, das gerade von einer Dampfwalze überrollt wird. Sie stechen zu, weil sie nicht in Ruhe gelassen werden, und haben längst darin eingewilligt, für diese Stichelein zerquetscht zu werden. Die autonomen Lemminge wollen nur nicht grundlos geprügelt werden, und so liefern sie bereitwillig einen Vorwand, um sich prügeln zu lassen, oder kratzen wenigstens dabei. Sein gewaltfreier Artgenosse dagegen will das brave Kind schlechter Eltern sein und weigert sich, vor den Schlägen reißauszunehmen. Das aus der deutschen Volksseele verdrängte Auschwitztrauma kehrt als die Lust der deutschen Linken an ihrem eigenen Untergang wieder, in beiden Versionen. Entsprechend befremdliche Züge nimmt das beliebte oppositionelle Gesellschaftsspiel Gewaltdiskussion an. Zum geprügelten braven Kind wird der Gewaltfreie, indem er sein ungewaschenes autonomes Brüderchen als Bösewicht denunziert, und so werden die aufgepeppten Räuber- und Gendarmespielchen in deutschen Wäldern und Städten in stiller Übereinkunft mit den Militanten, den bürgerlichen Medien und Polizei schleunigst zu „bürgerkriegsähnlichen“ Zuständen aufgebauscht. Zwar lebt ein Bereitschaftspolizist im Vergleich zu den Risiken, die eine Hausfrau bei ihrer täglichen Arbeit auf sich nimmt, äußerst ungefährlich, aber die gewaltfreien Schiedsrichter müssen sich an der Aufrechterhaltung von

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Schlachtfiktionen schon allein deswegen beteiligen, weil sie ihre eigenen Instantrituale nur ernst nehmen können, wenn sie auch auf der anderen Seite, bei den Gewalttätern, den Unterschied zwischen Tun und so tun als ob verwischen. So kommt es, daß die Kommentatoren aus der gewaltfreien Ecke im Gegensatz zu den Kampfrichtern bei allen anderen Sportarten ex definitione gar keine Ahnung von den wirklichen Spielregeln haben dürfen. Die Grenzen zwischen rituellem Spiel und Wirklichkeit, zwischen Praxis und Ersatzhandlung verschwimmen, und Pflasterstein und Atombombe verschmelzen zu im Grunde ein und derselben. Die Abrüstung beginnt im Kinderzimmer beim Plastikpanzer, und sie soll auf der Demo fortgesetzt werden, und natürlich beginnt man zu allererst bei sich selber. Weil sie kollektive Praxis durch kollektive Haltung ersetzen, weil ihnen der Frieden genauso erst einmal ein inneres Erlebnis ist wie vor 70Jahren die Stahlgewitter des Weltkrieges für ihre Großeltern, und für sie der äußere Frieden im inneren aufgeht, erscheint ihnen jedes fliegende Stöckchen genauso schrecklich wie die Pershing II persönlich. Weil sie aggressive Charakterstrukturen als Grund aller Übel annehmen, müssen sie nicht nur mit den uniformierten aller Länder auch die „militärisch-industriellen Komplexe“ in Ost und West im selben Maße aggressiv einschätzen – ungeachtet des wirklichen politischen Kontextes – sondern auch im eigenen Land Räuber und Gendarme gleichermaßen für die Eskalation der Gewalt verantwortlich machen.

4. Tschernobyl

Die neuen sozialen Bewegungen kommen und gehen, und vor allem ihr Kommen ist nur selten voraussehbar, am wenigsten für ihre eigenen Träger. Politik, die sich allein in existentieller Betroffenheit begründet sehen will, hat ihre eigenen Gesetze, und die sind bis heute weitgehend unbegründet. Am wenigsten Interesse, sie zu erforschen, haben die neuen sozialen Bewegungen selber. Für sie gehört ihr eruptiver, unhinterfragbarer Charakter zum Kult, und so überrascht es kaum, daß die Selbstreflexion in den neuen sozialen Bewegungen nur selten über Chronologien hinausgekommen ist. Statt ihre eigene Genesis aufzuspüren, kennt sich die Bewegung nur als Deus ex machina aus den Urgründen menschlichen Seins. In der zahlreichen Literatur, die im Zusammenhang von Anti-AKW- und Friedensbewegung entstanden ist, wird die Bewegung selber als zu untersuchender Gegenstand nie ernsthaft aufgegriffen, und die Ideologen der neuen sozialen Bewegung weigern sich kategorisch, die Konstituierung und innere Logik dieser Bewegungen zum Thema zu machen. Sie verweisen auf bestialische Dinge, und die sind dann mehr als Grund genug, sich gegen sie zu wehren. Die Mittelstreckenraketen und ihre Stationierung bringen als Reflex die Friedensbewegung hervor, und jedes AKW, jede WAA haucht, bevor es ans Netz geht, der Anti-AKW-Bewegung immer neues Leben ein. Wird nach den Entstehungsbedingungen der neuen sozialen Bewegung als ganzer ideologischer Strömung gefragt, so kommen lediglich der obligatorische Verweis auf den „Wertewandel“ a la Ingelhardt, der Überdruß des Menschen am wachsenden Konsum und die Aufsummierung der negativen Folgen des ‚technischen Fortschritts‘. Konkret ist damit natürlich gar nichts erklärt, weder warum sich Bewegung gerade an diesem und nicht an jenem Punkt hochzieht, noch wird Zeitpunkt und Anlaß verständlich, und so bleiben die neuen sozialen Bewegungen für sich und ihre Gegner allemal immer wieder für Überraschungen gut, zumindest in ihren jeweiligen Anfangsstadien. Am härtesten werden von diesem Umstand die notorischen Bewegungsmanager getroffen. Die Bedingungen des eigenen politischen Handelns bleiben ihnen ein Buch mit sieben Siegeln, und begrifflich hilflos stehen sie den Konjunkturen ihrer Bewegungen gegenüber. Gleichgültig gegen die Illusionen ihrer bürgerlichen Träger, bindet die Geschichte Ebbe und Flut dieser Bewegungen an die reale Entwicklung der gesellschaftlichen Widersprüche, und die Protagonisten können nur den eigentümlichen Ausschlägen an der Oberfläche des gesellschaftlichen Prozesses hinterherhecheln. Angewiesen auf ad-hoc handgeschneiderte Erklärungsmuster und empiristisches „trial and error“, kommen sie im Normalfall immer zu spät, wenn nicht gerade der Wind dem blinden Huhn ein Korn ins Auge weht. Das trifft gleichermaßen Fußvolk wie Ideologen. Die periodische BI-Aktivistin beklagt bei periodischem oder chronischem Mitgliederschwund lediglich die Laschheit der „Leute“ und wundert sich im Stillen, warum gerade alle auf Frieden machen oder Tierquälerei „in“ ist.

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Wenn die Entstehung neuer sozialer Bewegungen etwas sprunghaftes hat und die konstituierenden Anlässe oft nur schwer voraussehbar sind, so ist dafür ihr innerer Ablauf um so monotoner. Die ideologische Grundkonstellation vereinheitlicht die Mobilisierungsmechanismen, und der Zirkel schließt sich in recht ähnlichen Erschöpfungszuständen. Die Geschichte konkreter Menschen, von Menschen unter konkreten historischen Bedingungen, wird sofort umgebogen in den existentiellen Zusammenprall des „Menschen“ mit der konkretistisch verstandenen Technologie und ihren Gefahren. Entsprechend stereotyp wiederholen sich die Kampagnen dieser Bewegungen und ihre Mobilisierungsstrategeme. Ihre Flugblätter, Aufrufe und Artikel beschränken sich darauf, alle Schrecken, die die obsolet gewordene Verwertung des Werts stofflich wie gesellschaftlich hervortreibt, möglichst plastisch an die Wand zu malen und gegen die sich anbahnende Apokalypse ein unbestimmtes Subjekt anzurufen. Seit Jahren stehen daher die alternativen Uhren konsequent auf 5 vor 12. Wolfgang Pohrt verspottet diesen Zustand treffend als Zeitdehnung. Das Szenario erinnert tatsächlich schwer an eine äußerst publikumsfeindliche Neuverfilmung von High-noon, bei der in der klassischen Schlußszene der Bahnhofslautsprecher zum fünften bis sechsten Mal den inzwischen eingeschlafenen Zuschauern eine weitere zehnminütige Verspätung ankündigt. Die fortgesetzte Mobilisierung allein über die drohende Katastrophe führt sich selber auf Dauer ad absurdum, gerade auch, wenn sie in merkwürdigem Kontrast zum geregelten und einigermaßen bequemen Alltagsleben steht. Selbst Horst Eberhard Richtermuß dies, wenn auch bedauernd einräumen:

„Die physiologischen Alarmreaktionen der Erregung, welche die Menschen für eine Weile sensibel und hellsichtig macht, erlischt unaufhaltsam, wenn die erschreckenden Informationen spärlicher werden oder sich nur gleichförmig wiederholen. Da spielt es keine Rolle, ob die Gefahr anhält oder sich sogar schleichend erhöht.“(28)

Auch das geschickteste Bewegungsmarketing kann diese Gefahr nur hinausschieben, aber nicht bannen, und es hilft nur, die Reize zu erhöhen, dicker aufzutragen, und die reale Entwicklung gibt auch genug Anlaß dazu. Allerdings sind auch dem Grenzen gesetzt, und mit Tschernobyl dürfte hier in gewissem Sinne ein Wendepunkt erreicht sein. Eine ähnlich günstige Konstellation hätte sich keine Bewegungs-PR-Abteilung ersinnen können, und das lässige Achselzucken, mit dem die Bewegten die Sandoz-Katastrophe zur Kenntnis genommen haben, deutet in diese Richtung. Die mittelfristigen ökologischen Folgen der Rheinvergiftung dürften gravierender sein als die Auswirkungen der ukrainischen Atomkatastrophe für die BRD. Trotzdem zeigt sich an diesem Punkt kein nennenswertes Echo mehr, und alles was nach Tschernobyl an Unglücksfällen so auf uns zurollt, bekommt einen recht faden Beigeschmack. Tschernobyl war aus mehreren Gründen ein optimaler Mobilisierungsreiz. Erstens war eine schon lange diskutierte und von den Herrschenden immer verleugnete Bedrohung Wirklichkeit geworden. Diejenigen, die schon vor Jahren gewarnt hatten, hatten recht behalten, und alles was sie sagten, mußte an Glaubwürdigkeit gewinnen. Zweitens waren ausgerechnet Kleinkinder und Schwangere Hauptbetroffene, und der Zusammenprall des christdemokratisch-alternativen Familienidylls mit der schnöden Realität gab der Situation eine besondere Note. Drittens muß im verseuchten Rhein keiner baden, und vergiftetes Trinkwasser wird auch nicht sofort aus der Leitung sprudeln. Dagegen traf Tschernobyl hautnah. Dank der vorherrschenden Ostwinde konnte der radioaktiven Wolke in diesem Land keiner körperlich ausweichen. Tschernobyl bedeutete erhöhte Strahlenbelastung am eigenen Leib, und genau dieser Sachverhalt, diese unmittelbarste, nackteste Betroffenheit, versetzte die Millionen Becquerellies in Bewegung, die den Charakter der Anti-AKW-Bewegung ersteinmal entscheidend veränderten. Wer nicht völlig phantasielos war, zumal wenn er Kinder hatte, mußte sich in seinen privatesten Verrichtungen kurzfristig und langfristig (Nahrung) beschränkt sehen. Wer an die sich monoton wiederholenden ökologischen Hiobsbotschaften schon gewöhnt war, die Fernsehen und Presse so aus aller Welt zusammentragen, war plötzlich damit konfrontiert, daß sich einige tausend Becquerel auch in sein Wohnzimmer, in seine Privatsphäre geschlichen hatten. Daß die Welt zugrunde geht, kann die Monade bedauernd, im Schaukelstuhl zurückgelehnt, hinnehmen. Daß aber sie und ihre Familie, Kurt, Lieschen und Frieda Meier dabei vielleicht nicht ausgespart werden, muß sie als Skandal empfinden. Bei allen bisherigen Katastrophen war Familie Meier ganz gut noch über die Runden gekommen. Im Krieg war Kurts Vater als unabkömmlicher Rüstungsarbeiter freigestellt worden und Kurt hatte seine

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Kriegskindheit bei den Großeltern auf dem Land, fern aller Bombenangriffe neben einem vollen Schweinestall verbracht – und jetzt Tschernobyl. Die radioaktive Wolke macht keinen Bogen um das Häuschen in Oberbayern und Lieschen Meier verfüttert von nacktem Entsetzen getrieben die vorrätigen Jod-S-11 Körner an ihre Lieben. Der Wellensittich muß dieses Wochenende mit Hirse vorliebnehmen.

Der besondere Reiz der Nach-Tschernobyl-Situation lag in der eigenwilligen Mischung aus unmittelbarer Betroffenheit und der Ungreifbarkeit dieser Bedrohung. Der Unglücksort war weit genug entfernt, und die Folgen für das BRD-Territorium blieben indirekt. Schöne Frühlingstage und blauer Himmel waren angesagt, und die Anschauung fand nichts, an dem sie sich festhalten konnte. Der Mensch hat keinen Sinn für Radioaktivität, und so kann er, solange es um Niedrigstrahlung geht, nur in der Zeitung lesen, wie schlimm es um ihn steht. Gerade der ökologisch gesinnte Teil der Menschheit lechzte entgegen aller gewohnten Wissenschaftsskepsis nach quantitativen, naturwissenschaftlich exakten Messungen, schlug den Regierenden Curie und Becquerel um die Ohren, und suchte in der verpönten Naturwissenschaft nach Orientierungspunkten. Schmerzhaft machte sich der erreichte Stand an Gesellschaftlichkeit doppelt bemerkbar. Es konnte uns nicht länger gleichgültig sein, was in einer Fabrik, einige tausend Kilometer weg von hier, passiert, und wir konnten, was uns selber unmittelbar angeht, nur mit Hilfe eines umfänglichen gesellschaftlichen Aggregats, das unserem Zugriff vollkommen entzogen ist, überhaupt erfahren. Keine Toten und Schwerverletzten lagen nach dem Unglück auf dem Territorium der BRD herum, lediglich ein statistisches Risiko erhöhte sich. Wer in einigen Jahren an Krebs erkrankt, wird nie eindeutig sein persönliches Schicksal mit Tschernobyl verknüpfen können. Der Umfang der Katastrophe, die Frage, ob überhaupt eine nennenswerte Bedrohung der BRD-Bevölkerung vorlag, wurde zum Spielball statistischer Manipulationen, und genau das erst machte Tschernobyl zum Politikum. Diese Uneindeutigkeit, Katastrophe oder Nichtkatastrophe, gab erst die Bühne für die politische Auseinandersetzung ab. Wäre das AKW Stade hochgegangen, so hätte in Hamburg keiner mehr demonstriert, und Krisenmanagement und Katastrophenpolitik, die Form in der uns die bloße Verwaltung von Sachen im Kapitalismus allein entgegentreten kann, hatte zunächst vollkommen das Szenario beherrscht. Genauso wie jede bürgerliche Antikriegsbewegung – als Musterbeispiel kann hier die Sozialdemokratie vor dem 1. Weltkrieg dienen – zunächst einmal verstummen muß, wenn der befürchtete Ernstfall wirklich eingetreten ist, so hätte eine AKW-Katastrophe auf deutschem Boden das Ende der Anti-AKW-Bewegung bedeutet. Kassandra behält recht und fällt Klytaimnestra zum Opfer. Die Anti-AKW-Bewegung kann nur existieren, solange die Gefahren der Kernenergienutzung virtuell bleiben. Werden diese Gefahrenpotentiale zur Katastrophenwirklichkeit, löst sie sich einerseits auf und schlägt zur anderen Seite in Zivilschutz um. Ist der GAU erst einmal eingetreten, dann schiebt der Versuch, die Katastrophe praktisch zu regulieren und zu begrenzen, sich vor alles andere. Die Frage nach den Verursachern, der politische Meinungsstreit um die Kernenergie, wird wie Schnee von gestern von der Kernschmelze verdampft. Überschreitet eine Katastrophe einen bestimmten Umfang, so erscheint die Frage nach den Gründen schnell luxuriös. Der KZ-Insasse erstellt keine Faschismustheorien, der deutsche Landser flucht zwar leise über jene, die ihn in die Weiten Rußlands gejagt haben, stemmt sich aber trotzdem verzweifelt noch an der Oder der Roten Armee entgegen. Er weiß, wie die Wehrmacht in Rußland gehaust hat und fürchtet die Rechnung. So verwandelt sich jener junge Mann, der ein Jahrzehnt lang so manchen Samstagvormittag im selber geschneiderten Strahlenschutzanzug durch die Fußgängerzone einer deutschen Großstadt marschiert ist, um vor den Gefahren der Kernenergie zu warnen, über Nacht in eine tragische Figur. Zunächst wundert er sich noch, warum die wenigen, denen er begegnet, einen echten Strahlenschutzanzug tragen und nur er selber Pseudo, dann weiß er Bescheid und legt sich überflüssig geworden zum Sterben aufs Pflaster. Vor der Katastrophe ging es noch darum, die Gefahren zu benennen und die Verantwortlichen. Nach der Katastrophe geht es nur noch darum, praktisch, d.h. zusammen mit den fachkompetenten Verursachern und dem Staatsapparat, zu versuchen, die Katastrophe in den Griff zu bekommen. Tschernobyl und seine Folgelasten trieben die Entwicklung in Richtung auf diesen Umschlagspunkt voran. Zwar fanden die Demos trotz erhöhter radioaktiver Belastung der Außenluft noch im Freien statt, gefordert wurde aber eine angemessene Katastrophenpolitik: Niedrigere Grenzwerte für verseuchte Lebensmittel, unbelasteter Sand für Spielplätze, Auf-

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klärung statt Verharmlosung.

Die Tschernobylbewegung setzte damit nur einen Trend fort, der sich in der Aufeinanderfolge der verschiedenen neuen sozialen Bewegungen schon länger klar abzeichnet. Die alte Anti-AKW-Bewegung griff ein zentrales Projekt der Regierungspolitik an und wollte es außerparlamentarisch verunmöglichen. Die Friedensbewegung verlangte vom Bundestag die Verhinderung des Nachrüstungsbeschlusses und bezog sich als außerparlamentarische Pressure-group schon positiv aufs Parlament. Im Kampf gegen das Waldsterben forderten die Umweltschützer in erster Linie gesetzgeberische Maßnahmen und erklärten die Bundesregierung von sich aus dabei zum maßgebenden politischen Subjekt. Je zugespitzter die Probleme, je mehr sie auf den Nägeln brennen, um so gemäßigter die Bewegung. Ist das Kind erst mal im Brunnen verschwunden, drängt die Zeit, so schlägt dies nicht zugunsten radikaler Kritik aus, sondern ein neuer Pragmatismus macht sich breit. Es wird nicht mehr nach dem Weg aus der allgemeinen Misere gefragt, gesucht und gefordert wird der erste Schritt, und sei er noch so klein, und geht er auch in eine fragwürdige Richtung. Vom Tschernobyleffekt profitierten bei den kurz darauf stattfindenden Niedersachsenwahlen nicht etwa die Grünen, sondern wenn überhaupt eine Partei, dann die SPD. Und innerhalb der Grünen dasselbe Bild. Tschernobyl und andere Katastrophen stärken nicht etwa den Fundiflügel, sondern leiten Wasser auf die Realomühlen. Der linke Alltagsverstand hält es noch immer für besser, einem Ertrinkenden ein abgebranntes Streichholz zuzuwerfen, als ihm ein Anmeldeformularfür einen autogenen Schwimmkurs mit auf den Weg zu geben. Der berechtigteWunsch nach unmittelbaren, schnellen Erfolgen führt zur Anerkennung der bestehenden Entscheidungsmechanismen, und die Bewegungen fallen zusehends hinter ihr ehemals erreichtes oppositionelles Niveau zurück. Die übriggebliebenen Altlinken in diesen Bewegungen, die an Restbeständen kritischen Bewußtseins und der Systemgegnerschaft festhalten wollen, stehen dem hilflos gegenüber, und die Nachtschernobylbewegung setzt nur den i-Punkt auf diese Entwicklung. Sie fordert von der Regierung nur mehr, daß sie die Dinge nicht treiben läßt, sondern regiert statt ignoriert.

Die Nachtschernobylbewegung entfaltet sich genau in dem politischen Raum zwischen regierungsamtlicher Leugnung, realem ukrainischem Gau und dessen indirekten Folgen für das Territorium der BRD! Der Aufschrei der Becquerellies nimmt noch einmal den Charakter einer neuen sozialen Bewegung an, zielt aber in seiner Substanz auf die Forderung nach kompetentem Krisenmanagement. Die Becquerelliebewegung entzündet sich an der Inkompetenz der Kohl-Regierung. Sie war die Gegenreaktion auf die Vogelstraußpolitik und das Verwirrspiel, das der Bonner Hühnerhaufen auch in Sachen Tschernobyl den Bewohnern dieses unseres Ländes zumutete. Unter der geradlinigen Regie des bewährten Helden von Mogadischu, der auch schon in den 60er Jahren der Springflut ihre Schrecken nahm, wäre einer solchen Art von Bewegung sehr schnell die Spitze abgebrochen worden. Erst der Übergang vom kühlen Macher aus dem Norden zum biederen Pfälzer Daueroptimisten lenkte die Ängste, die Tschernobyl hervortreiben mußte, gegen die Versager in Bonn. Natürlich rückte die Forderung nach einem allgemeinen Ausstieg aus der Kernenergie in den Vordergrund und erhielt auch der Kampf gegen die noch im Bau befindlichen Atomprojekte in der BRD einen neuen Impuls. Die Auseinandersetzung um die Wackersdorfer WAA wäre ohne das Unglück weit armseliger ausgefallen, trotzdem fällt die Neubelebung der Anti-AKW-Bewegung mit einer gründlichen Verschiebung zusammen, die analytisch festzuhalten ist. Während sich die traditionelle Anti-AKW-Bewegung im Kampf gegen konkrete Projekte abarbeitete, und damit notwendig in direkte Konfrontation mit der Staatsmacht geriet, tritt dieser Kristallisationspunkt heute in seiner Bedeutung zusehends zurück. Der zügige Ausbau der Kernenergie gehört der Vergangenheit an. Die Zeit der AKW-Neubauten ist vorüber, die Inbetriebnahme von Brokdorf symbolisiert das Ende einer Epoche und die Wackersdorfer WAA wird als Bauruine und Zeugenberg dieses Anschnittes in der BRD-Geschichte stehen bleiben. Auch wenn es bayerische Staatsregierung und Anti-AKW -Bewegung noch nicht klar ist, zumindest KWU und DWK dürfte es langsam dämmern, daß dieses gigantomanische Projekt jeden finanziellen Rahmen sprengt, zumal unter sich verschlechternden gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Dasselbe gilt für den schnellen Brüter zu Kalkar. Trotz der militärischen Bedeutung der WAA spricht heute vieles dafür, daß von der geplanten WAA nur mehr ein atomares Zwischenlager übrig bleiben wird. Die massiven Auseinan-

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dersetzungen um die WAA werden daher zum Auslaufmodell, ein atavistisches Überbleibsel in einer gründlich veränderten gesellschaftlichen Umgebung. Der bisherige Anti-AKW-Widerstand schöpfte seine Kraft aus dem forcierten Ausbau der Kernenergie. Jeder neue Bauplatz brachte eine neue Konjunktur der Gegenbewegung mit sich. Er kündigte handgreiflich und unübersehbar neues Gefährdungspotential an und wirkte als Aufruf zur Massenaktion. An ihm bündelten sich alle nebulösen Ängste, und die Handgreiflichkeit des zu verhindernden Objekts ersetzte die mangelnde weitere Bestimmtheit der Bewegung selber. Die Offensive der Kernkraftbetreiber machte genaue eigene strategische Überlegungen überflüssig, sie präsentierte das nächste zentrale Kettenglied des Atomprogramms ganz von selbst. Die unmittelbare Betroffenheit am Bauzaun konnte so strategisch-taktische Überlegungen weitgehend ersetzen, ohne sich von vornherein hoffnungslos zu desavouieren. Unter diesen Voraussetzungen verstand sich vieles quasi von selbst. Zwar blieb die Reichweite der Anti-AKW-Bewegung beschränkt, die einfache Meßlatte Bau oder Nichtbau wirkte aber gleichzeitig als politisches Realitätsprinzip. Das konsequente Festkrallen am Kampf um das jeweilige besondere Atomprojekt verhinderte, daß die Anti-AKW-Bewegung sich in den nebulösen und höchst unterschiedlichen Vorstellungen, die ihre Protagonisten vom Allgemeinen der Gesellschaft hatten, verlor, und schrieb ein für heutige Verhältnisse recht hohes Konfliktniveau fest. Zwar erlosch die Bewegung vor Ort jeweils, sobald die Entscheidung endgültig gefallen war, jedes neue Projekt brachte aber auch einen neuen Aufschwung, und die Beschränkung im Ausgangspunkt, dieser übermächtige Hang zum Konkretismus, machten ein Maß an Radikalität und Realismus möglich, das neue soziale Bewegungen, die von vornherein allgemeinere Themen in den Mittelpunkt stellten, nie erreichen konnten. Das gilt sowohl für den engeren Trägerkreis als auch erst recht für die Massenaktionen. Die politischen Lern- und Radikalisierungsprozesse, die Whyl, Kalkar, Brokdorf und Grohnde mit sich brachten, ging verloren, als die Bedrohung, gegen die sich der Widerstand richtete, allgegenwärtigen Charakter annahm und die Bewegungen von vornherein an ihrem speziellen Punkt den Springpunkt der menschlichen Existenz überhaupt zu fassen vemeinten. Bei aller Brisanz blieb jedes AKW immer nur ein Fallbeispiel, und das „Atom“ konnte den Rest der Wirklichkeit noch nicht in sich verschlingen. Die Anti-AKW-Bewegung konnte ihrem Selbstverständis nach andere Bewegungen neben sich gelten lassen. Anders in der Friedensbewegung. Gegenüber der Frage von Krieg und Frieden verblasst ihr jeder andere gesellschaftliche Widerspruch und wird nebensächlich, oder er wird von dem zum Universalthema aufgeblasenen Frieden als Unterpunkt vereinnahmt. Die Ontologisierung des Friedens macht sich breit und versperrt den Zugang zur Frage nach der gesellschaftlichen Totalität hermetisch. Der Übergang von der Vorherrschaft der Anti-AKW-Bewegung zur Friedensbewegung im oppositionellen Spektrum zeigt dies eindrücklich. Die Demonstranten in Whyl und Grohnde nahmen das was sie taten wichtig, reduzierten aber nicht den Rest der Wirklichkeit auf diese Frage. Nur so konnten die Bewegten aus den Erfahrungen in ihrem besonderen Kampf über die allgemeinen Verhältnisse in diesem Land ansatzweise etwas lernen. Die K-Gruppen der 70er Jahre konnten in der Anti-AKW-Bewegung massiv mitmischen, auch neu rekrutieren, und gleichzeitig versprechen, die besonderen Erfahrungen in Zusammenhang mit allgemeinen Einschätzungen zu bringen. So wenig sie diesen Anspruch einlösen konnten, so pervers sie ihn ausdrückten, sie konnten ihn immerhin noch stellen, ohne allein deswegen schon im Abseits zu landen. Erst mit der Veröffentlichung von Robert Jungks Atomstaat zeichnete sich 1977 der Hang zur Ontologisierung des eigenen Ansatzes deutlicher ab. Binnen weniger Jahre bildete sich ein wasserdichtes ökopazifistisches Weltbild heraus, das die reale Segmentierung aller Lebensbereiche noch einmal verdoppelt, indem sie ihr eine Ideologie der Ganzheitlichkeit entgegensetzt.

5. Zerfall der gesellschaftlichen Totalität und Ontologisierung

So geschlossen feindlich auch die verdinglichte Objektivität dem Bewegungssubjekt gegenübertritt, so wenig kann dieses abstrakte Subjekt die Einheit der objektiven Wirklichkeit festhalten. Sobald das vereinigende Band, das alle unter kapitalistischen Bedingungen sich entwickelnden disparaten Momente von Vergesellschaftung zusammenzwingt, die Tauschwertabstraktion, analytisch gekappt und durch ei-

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ne gegenüber der Produktionsweise unspezifische Kritik der Technologie ersetzt wird, zerfällt die gesellschaftliche Totalität in tausenderlei Bruchstücke. Übrig bleibt allein ein verwirrendes Gewimmel sich durchkreuzender Phänomene, und es entsteht die oft beschworene „neue Unübersichtlichkeit“. Während real alle gesellschaftlichen Bereiche durch die direkte Subsumtion unter die Tauschwertabstraktion zur Einheit gebracht werden und sich die Reste der Eigenlogik bestimmter Sphären zusehends abschleifen, stellt sich dieser Prozeß im Bewußtsein der Individuen auf den Kopf. Die

Abstraktion von der Tauschwertabstraktion zerschneidet analytisch das Band, das diese Gesellschaftsformation im innersten zusammenhält, und mit dem Widerspruch von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen löst sich auch die Wirklichkeit in eine Unzahl gegeneinander verselbständigter und nur äußerlich aufeinander bezogener Subsysteme auf. Begrifflich faßbar kann die Totalität der bürgerlichen Gesellschaft nur werden, wenn wir von ihrer abstrakten Keimzelle, der Warenform aus, sie als konkrete Zusammenfassung „von vielen Bestimmungen und Beziehungen“ entfalten. Dies tritt um so schlagender zu Tage, je reiner, je entwickelter das Kapital geworden ist. Die reale restlose Subsumtion aller menschlichen Beziehungen unter die Logik des Tauschwertes zerstört die Einheit jedweden Denkens, das sich nicht um die Kritik des Tauschwertes zentriert, ebenfalls restlos. Der Abschied vom System, die vollkommene Zersplitterung modernen bürgerlichen Denkens ist hierin festgeschrieben, und es wiederholt sich notwendig im oppositionellen Bewußtsein. Die aktuellen, überall sich verdichtenden Krisenphänomene bekommen nur dann einen zusammenhängenden Sinn, werden nur dann dechiffrierbar, wenn die Analyse auf konkreter Stufenleiter den allgemeinen Widerspruch zwischen indirekter Vergesellschaftung des Arbeitsprozesses wiederholend aufgreift und entfaltet. Denn derselbe Schnitt, der den objektiven prozessierenden Widerspruch aus der Theorie eskamotiert, läßt nur mehr „eine vollkommene chaotische Vorstellung vom Ganzen“ zu. Die Frage nach dem Ganzen der bürgerlichen Gesellschaft läßt sich nur noch vom objektiven Widerspruch aus und damit revolutionär stellen. Wenn die Produktivkraftkritiker in klammheimlicher Anlehnung an die Systemtheorie gegen monistische Klärungsversuche der gesellschaftlichen Wirklichkeit polemisieren, so bewährt sich darin ihr sicherer konterrevolutionärer Instinkt. (Otto Ullrich etwa läßt sich umfänglich in seinem Buch „Technik und Herrschaft“ darüber aus.) Die Angst vor der Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft muß sich schon die Frage nach der Totalität verbieten. Trotz aller zur Schau gestellten Feindschaft herrscht daher am entscheidenden Punkt stilles Einvernehmen zwischen produktivkraftkritischen Ansätzen und modernem Positivismus. Den Verfall der großen Methode, das hilflose Herumfahren mit Zahnstochern im dichten Nebel, zelebrieren sie gemeinsam als philosophische Weisheit und sie tun damit nicht Unrecht. Für den verwesenden Kadaver der Monade ist dies auch die einzige adäquate Lebensweisheit. Sie allein kann den Zeitpunkt hinauszögern, an dem dieses stinkende Etwas endlich theoretisch und praktisch unter die Erde gebracht wird. Der gnädige Nebel schützt die Herrschaft des Minotaurus, wenn sein Körper sich schon im Todeskampf windet. Die von Ullrich schon exemplarisch verkörperte theoretische Selbstbescheidung verschließt hermetisch jeden Zugang zu theoretischer Durchdringung. Sie beläßt dem Theoretiker als Aufgabe nur die bloße Widerspiegelung gesellschaftlicher Oberflächenphänome einerseits und schäbige Traumtänzerei andrerseits. Auf diese Weise beschränkt, kann er das Lebensgefühl des spätbürgerlichen Subjekts nur ideologisch überhöht und verdreht bestätigen und den „neuen sozialen Bewegungen “ nur die Sackgasse anempfehlen, in die sie spontan laufen. Weit davon entfernt, auf strategische Bestimmungen zu zielen, verdoppeln die produktivkraftkritischen Ideologen nicht nur das schlecht Faktische durch seine empirische Beschreibung, sie dichten dabei gleichzeitig das spontane Handeln der „Sozialen Bewegung“ gegen jeden Anflug von Selbstkritik, gegen den konkreten Menschen ab. Appendix und rosarote Brille in einem, reden sie dem gemeingefährlichen gesunden Menschenverstand nach dem Munde und kommen allemal zu spät, wenn es darum geht, die Brüche und Entwicklungslinien der „sozialen Bewegungen“ zu erfassen, geschweige denn die Entwicklung der objektiven Widersprüche, die sich in ihnen reflektieren. Wenn das bürgerliche Subjekt sich in all seinen modernen Spielarten von seinen eigenen Geschöpfen umstellt und von allen Seiten in die Enge getrieben sieht, ohne daß diese verschiedenen Ausdrücke ein und derselben krisenhaften Entwicklung von sich aus ihren inneren Zusammenhang offenbaren, so verweisen die produktivkraftkritischen Ideologen gerade nicht auf das

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den objektiven Zusammenhang herstellende Band, sondern erklären die bloße Frage danach zur Obszönität. Wie die schlechte Wirklichkeit ihnen aus der Eigenlogik verschiedener Subsysteme zusammenwuchert, so sollen auch die vorhandenen oppositionellen Bewegungen sich zu einem Gegenentwurf aufsummieren. Die viel beschworene Vielfalt der Bewegungen wird zum stereotypen Fetisch, zum Euphemismus für Beliebigkeit. In frommer Einfalt nehmen die Produktivkraftkritiker die Aufsplitterung der sozialen Bewegungen hin und geben dem Bewegungssubjekt den guten praktischen Rat, auch weiterhin so zu handeln wie bisher und bald an diesem, bald an jenem Punkt der immer näher rückenden Wand zu trommeln, bis daß es erlöst sei. Jedem Teilabschnitt gönnen sie seine eigene bürgerliche Gegenbewegung, die sich unmittelbar auf diesen fein säuberlich heraussezierten Bereich gesellschaftlicher Realität bezieht. Der Zerfall der gesellschaftlichen Totalität übersetzt sich oppositionell in die hiesigen one-purpose-movements, die sich zur Politikform sui generis aufschwingen, und die nachtrabenden Produktivkraftkritiker nageln ihre Bewegungen ideologisch noch auf diesen Standpunkt fest. Sie verklären ein Manko zur Weisheit, ohne zu bemerken, daß sie einen Boden betonieren, der von Tag zu Tag unhaltbarer wird. Denn natürlich ist man/frau gegen Tierversuche und AKW’s, gegen chemische Verseuchung und für die 35 Stundenwoche, für baubiologische Nahrungsmittel und den Frieden, und natürlich hängt all dies irgendwie zusammen. Aber genau in diesem Irgendwie liegt der Hund begraben. Die Einheit ist nicht analytisch, sie ist assoziativ. Sie besteht nicht so sehr im erfaßten Zusammenhang der umkämpften Gebiete als vielmehr in der metaphorischen Gegenüberstellung von künstlicher und natürlicher Welt und im phantastischen gemeinsamen Träger dieser Bewegungen, dem abstakten Menschen, der allgemein menschlichen Moral. Das Verbindende liegt weniger in der Sache selber als in der Haltung, mit der all die Bewegten all diesen Problemfeldern gegenübertreten. Die Welt, die analytisch auseinanderfällt, findet ihre fatale vorläufige Einheit in der alternativen Ganzheitlichkeit wieder. Der dumme Zufall, daß beim Menschen Beine, Arme, Kopf und Bauch im Normalfall „irgendwie“ aneinanderhängen, ersetzt die verlorene Einheit der äußeren Wirklichkeit. Der Alpdruck kapitalistischer Vergesellschaftung zerstört das unabhängige abstrakte Individuum, und zusammengepresst fühlt es sich selbst ganz, im gleichen Augenblick, in dem es wie eine Fliege am Fensterglas zerquetscht wird. Diese einheitliche Grundkonstellation, in der das abstrakte Humanum gegen die Wirklichkeit in den Ring klettert, läßt den Bewegten die Konjunktion UND als Verknüpfung zwischen den verschiedenen Widerstandsbewegungen als ausreichend erscheinen, auch wenn sich inhaltlich ein Entweder – Oder genauso gut anbietet. Die Addition „35-Stundenwoche + Umweltschutz“ hat der Alternative „Arbeitslosigkeit oder Umweltbelastung“ zwar nichts voraus, sie entspricht aber eindeutig der Sichtweise aller wohlmeinenden Menschen. Auf diesem Sand gebaut, bleibt die Stellung der one-purpose-movements zueinander und zur gesellschaftlichen Wirklichkeit insgesamt immer prekär. Sie müssen innerhalb des Horizonts der Tauschwertproduktion auf Dauer in ihr Gegenteil umschlagen oder zur wirklichen Einheit, zur Kritik des Tauschwerts fortschreiten. Sie laufen immer Gefahr, daß die gesellschaftlichen Teilwidersprüche sich nicht oppositionell ergänzen, sondern paralysieren. Die ganze Wendepolitik lebt von dieser Art von Nullsummenspiel. Die verschiedenen Facetten derselben Misere stellen sich gegeneinander und stützen so den politischen Status Quo einstweilen. Die tiefgreifenden Erschütterungen bleiben im überkommenen politischen Rahmen, den die Grünen nur ergänzen, nicht in Frage stellen. Bundeskanzler Kohl kann als Symbolfigur dieser Zeit des Weiterwurstelns gelten. Die Wendepolitik sitzt alle Probleme auf brüchiger Grundlage aus und verläßt sich auf die Stärkung der Hornhaut am Allerwertesten. Stehen die Dinge erst einmal auf des Messers Schneide, so nützt auch die dickste Hornhaut nichts mehr.

Die Selbstparalysierung gesellschaftlicher Widersprüche tritt noch nicht schlagend ans Licht, wenn wir die Kernbereiche der neuen sozialen Bewegungen betrachten. Friedens- und Anti-AKW-Bewegung konkurrieren schlimmstenfalls um Aktivisten, aber inhaltlich wäre es selbstverständlich ungereimt, gegen AKW’s, aber für Atomwaffen zu sein, und in der vielbeschriebenen zivitärischen Nutzung ist der Zusammenhang auch viel zu handgreiflich und platt empirisch, um übersehen zu werden. Die Abneigung gegen Rassismus steht zwar in keinem unmittelbaren Zusammenhang etwa zum Umweltschutz, aber auch nicht in Widerspruch dazu. Eine schwarze Mehrheitsregierung in Azania wird an den Umweltpro-

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blemen nichts ändern, aber vielleicht wenigstens die südafrikanischen Atomwaffen verschrotten. Anders liegt die Sache, wenn die neuen sozialen Bewegungen mit unmittelbar ökonomischen Themata, mit dem, was der traditionelle Marxismus den „ökonomischen Unterbau“ der bürgerlichen Gesellschaft genannt hat, zusammenstößt. Die 35-Stunden-Kampagne etwa kommt nur dort ohne Schwierigkeiten mit ökopazifistischen Bestrebungen zur Deckung, wo sie sich in Askese-Ideologeme einfügt und sich als Mittel menschlicher Selbstbeschränkung darstellt. In seiner fundamentalistischen Ausprägung muß der Ökopazifist die Forderung nach der 35-Stunden-Woche als Schritt hin zum Ausstieg aus Lohnarbeit und Industriesystem mißverstehen, um sie begrüßen zu können. Ohne diese irreale Interpretation, die davon absieht, daß das Kapital nicht existieren kann, ohne den Stoffwechsel mit der Natur ständig exponentiell zu erweitern, kann er kein nennenswertes Interesse für dieses Verlangen aufbringen. Denn was ist schon das Problem von Arbeitslosigkeit und Arbeitszeitverkürzung für sich genommen gegenüber den Gattungsfragen? Was interessieren 2-3 Millionen Arbeitslose, wenn der ökonomische und atomare Holocaust droht? Dagegen sind doch rein wirtschaftliche Probleme rein nebensächlich. Für die Realpolitiker aus SPD und Grünen stellt sich die Situation etwas anders da. Sie können nicht wie die außerparlamentarische Bewegung sich wesentlich auf die Gattungsfragen beschränken, sie müssen sich unter dem Vorzeichen Mehrheitsfähigkeit auf die Niederungen der tauschwertimmanenten Reproduktion einlassen. Sie picken sich nicht nur die alles entscheidenden Fragen heraus, auf die Fülle gesellschaftlicher Probleme eine reformistische Antwort zu geben. Diese Art von Reformismus findet sich natürlich auch in den einzelnen sozialen Bewegungen, nimmt dort aber nur eine untergeordnete Stellung ein. Erst die Orientierung auf die parlamentarische Arbeit zwingt zur gesamtgesellschaftlichen Synthese, und so finden sich gerade in dem hier beheimateten Spektrum ausgeprägt neo-keynsianische Theoreme, die diesen Schritt leisten sollen. Eine keynsianisch orientierte Quadratur des Kreises soll die negativen Folgen der Akkumulation und das Problem mangelnder Akkumulation gleichzeitig durch die Auslösung neuer gezielter Akkumulationsschübe überwinden. Die Beseitigung der Akkumulationsfolgelasten soll die Akkumulation selber auf neue Touren bringen. Zukunftsinvestitionen in den Umweltschutz, Umwelttechnologien als staatlich induziertes Arbeitsbeschaffungsprogramm und Exportschlager sollen die Konkurrenzfähigkeit der BRD auf dem Weltmarkt verbessern.

Diese Position ist zwar schon heute nicht sonderlich glaubwürdig, die keynsianische Schindmähre macht einen allzu abgetriebenen Eindruck, sie wird aber vollkommen unhaltbar, wenn sich die Akkumulationskrise zuspitzt. Reißt die Kluft weiter auf, so muß der hoffnungsvolle Reformistenspagat im Absturz enden, der heute noch die Umweltprobleme durch ein umweltpolitisches Arbeitsbeschaffungsprogramm regulieren und innerhalb der Systemlogik zwei Elefanten mit einer Fliegenklatsche totschlagen will. Es muß dann offensichtlich werden, daß innerhalb der Tauschwertlogik, die nur in der Gleichförmigkeit der Geldware Sinn und Zweck hat, die Rücksichtnahme auf qualitativ stoffliche Gesichtspunkte und gesellschaftliche Folgelasten nur a posteriori als äußerliches Korrektiv und Luxus greifen kann. Umweltschutz zahlt sich vom Standpunkt des Kapitals im allgemeinen nicht aus und kann nur als Abzug von der ansonsten funktionierenden Akkumulation durchgesetzt werden. Natürlich kann ein Einzelkapital seinen Profit auch in Umwelttechnologien produzieren. Es schafft ihn aber nur als Abzug von der Profitmasse anderer Kapitalien. Der Gegenwert seines Produkts erscheint im Endprodukt, bei dessen Herstellung es eingesetzt wurde, nicht wieder. Wenn auch innerhalb des einzelnen Landes Umwelttechnik zum Wachstumssektor avancieren könnte, weltweit kann es heute genauso wenig einen neuen Akkumulationszyklus tragen wie massive Rüstungsprojekte. Vom Tauschwertstandpunkt aus sind beide Sektoren gesamtgesellschaftlich gleichermaßen unproduktiv, und keynsianische Projekte haben kurze Beine, egal auf welches von beiden Pferden sie sich setzen. Die Ausdehnung wertmäßig unproduktiver Sektoren kann, bezogen auf den Weltmarkt, die vorhandene Wertmasse nur verringern, sie kann kein Ersatz für die zunehmende Freisetzung produktiver lebendiger Arbeit sein, die bekanntlich allein Wert erzeugt. Und auch für die BRD isoliert betrachtet bietet sich hier keine Lösung. Der Weltmarkt schlägt zurück, und seine Kontraktion im großen trifft gerade auch ein so exportabhängiges Land wie die BRD in seiner Substanz. Auf Dauer kann kein einzelnes Land auf Kosten anderer Länder bei implodierendem Weltmarkt seinen Schnitt machen. Es kann andere Staaten tottrampeln, aber nicht

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ohne eigene Blessuren die Panik überleben. Schon heute zeigt sich die Unhaltbarkeit keynsianischer Projekte unter dem Schlagwort Finanzierbarkeit in der herrschenden Geldsprache. Die Wechsel, die heute auf die Zukunft des Kapitals gezogen werden, bleiben ungedeckt, und nur der feste Glaube an die mögliche Herrschaft der Politik über die kapitalistische Ökonomie kann die Linkskeynsianer darüber hinwegtäuschen. Nur, solange sie annehmen, Staat und Wirtschaft könnten finanziell aus dem vollen schöpfen, wenn sie nur wollten, und das industrielle Kapital könnte durch finanzpolitische Maßnahmen vom Druck des spekulativen befreit werden, scheint der Weg zu einer reformistischen Lösung der Verwertungskrise offen. Der Glaube an das selbständige Subjekt wiederholt sich hier auf höherer Stufenleiter als Vertrauen in die eigenständige Rolle der Politik, die die ökonomische Misere von außen intervenierend regulieren könnte. Wo die Linkskeynsianer analytisch nicht weiter kommen und das ökonomische Elend nur beschreiben können, springt bei ihnen das politische Handeln wie ein Kaninchen aus dem Hut und vollbringt die Wende zum Besseren. Der reale Zusammenbruch des Weltmarkts muß dieses wackelige Konstrukt zertrümmern und die letzten Versuche reformistischer Synthese zerstören. Spätestens wenn diese Illusionen zerfetzt sind, kann der gesellschaftliche Zusammenhang von links nur mehr unter dem Vorzeichen fundamentaler Wertkritik als Angriff auf die obsolet gewordene Warenform versucht werden. Die absehbare vernichtende Niederlage des linkskeynsianischen Reformismus läßt nur mehr den Weg zur revolutionären Auflösung offen.

Zitatnachweis

(1) Karl Kautsky, Bruno Schoenlank, Grundsätze und Forderungen der Sozialdemokratie: Erläuterungen zum Erfurter Program, Berlin 1862, in Peter Friedmann (Hrsg.), Materialien zum politischen Richtungsstreit in der deutschen Sozialdemokratie 1890-1917, Bd I, Frankfurt-Wien-Berlin 1978, S. 118

(2) Eberhard Kniedler-Bunte (Hrsg.), „Was ist heute noch links?“, Berlin 1981, S. 91

(3) Thomas Paine, „Die Rechte des Menschen“, herausgegeben von Theo Stemmler, Frankfurt 1973, S. 54

(4) Maron Griebach, „Die Philosophie der Grünen“, S. 61, München 1982

(5) Christian Schulze Gerstein, „Vatertagstour durch den Raketenwald“, Spiegel 1983

(6) Petra Kelly, „Die Abrüstung beginnt in den Köpfen“, in Klaus Gerosa (Hrsg.), „Große Schritte wagen“, München 1984, S. 50

(7) „Frauen gegen Militär“ (Hannover), in Werner Filmer und Heribert Schwan (Hrsg.), „Was heißt für mich Frieden“, Oldenburg-Hamburg-München 1982, S. 90

(8) Elke Mähren, „Ich bin zu lange eine leise Mutter gewesen“, in Marina Gambaroff, Maria Mies, Annegret Stopczyk, Claudia von Werlhof u.a., „Tschernobyl hat unser Leben verändert“, Hamburg 1986, S. 31

(9) G.W.F. Hegel, „Wissenschaft der Logik“ I, zitiert nach Georg Lasson (Hrsg.), Hamburg 1975, S. 163

(10) zitiert nach Helmut Reichelt, „Zur logischen Struktur des Kapitalbegriffs“, Frankfurt 1973, S. 29

(11) Marx-Engels Studienausgabe, Band II, S. 79

(12) M. und R. Gronemeyer (Hrsg.), „Frieden vor Ort“, Frankfurt 1982, (Klappentext)

(13) P.C. Mayer-Tasch, „Aus dem Wörterbuch der politischen Ökologie“, München 1985, S. 62

(14) „Der Spiegel“, 9.2.1987, S. 107

(15) Helmut Kohl, Neujahrsansprache 31.12.1986, ZDF

(16) Cora Stephan, „Grundsätzlich fundamental dagegen“, Basis oder Demokratie, in Mathias Horx, Albrecht Sellner, Cora Stephan (Hrsg.), Infrarot, Berlin 1983, S. 37

(17) zitiert nach Götz Eisenberg, „Über die Lust am Krieg und die Sehnsucht nach Frieden. Zur unterirdischen Geschichte der Feindseligkeit“, in „Frieden vor Ort“, S. 105

(18) Alice Miller, „Am Anfang war Erziehung“, Frankfurt 1983, S. 171

(19) „Aus dem Wörterbuch der politischen Ökologie“, S. 9

(20) Günther Jacob, Hamburg 1987, (aus einem unveröffentlichten Manuskript), S. 68

(21) ebenda, S. 69

(22) MEW 1, S. 370

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(23) zitiert nach Reichelt, „Zur logischen Struktur“, S. 26

(24) Adorno, „Minima Moralia“, S. 172

(25) Engels an Marx am 19.11.1844, zitiert nach Karl Marx, Friedrich Engels, „Der Briefwechsel“, Band I, München 1983

(26) „Was ist noch links?“, S. 96

(27) Claudia von Werlhof, in „Tschernobyl hat unser Leben verändert“, S. 23

(28) „Frankfurter Rundschau“, 9.1.87