31.12.1988  Beitrag drucken

Marxistische Kritik 4 — Editorial

[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe]

3 —-

1.

Die vierte Ausgabe der „Marxistischen Kritik“ weist in sich nicht ganz dieselbe inhaltliche Geschlossenheit auf wie die vorhergehenden Nummern.

Die Nummer 1 behandelte die Wirkungen des Schubs der Verwissenschaftlichung der Produktion durch die Mikroelektronik für das Abstraktwerden der Arbeit und die Zuspitzung der Widersprüche der relativen Mehrwertproduktion. Die Hauptartikel der Nummern 2 und 3 kritisierten die Befangenheit der Produktivkraftkritiker und des technizistischen Produktivkraftbegriffs überhaupt in den Aporien der Kapitalverwertung, die nur voranschreiten kann, indem das Kapital beständig seine eigene Negation, die Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte, hervorbringt und in die Schranken der Verwertung des Werts zwingt, so daß diese produktiven Potenzen nur als Naturkräfte des Kapitals zu existieren scheinen, ohne je Kapital an sich zu werden. Wenn auch thematisch untereinander verselbständigter, ordnen die vorliegenden Artikel sich doch in den bisher abgesteckten Rahmen einer Neuerarbeitung der marxistischen Fundamentalkategorien ein, die die „Anstrengungen des Begriffs“ und die Kritik der alten Arbeiterbewegung wie der heutigen produktivkraftkritischen Strömungen aufnimmt, um theoretisch den Boden einerneuen Radikalität zu bereiten, die sich selbst den Prinzipien der Wertvergesellschaftung nicht mehr verhaftet weiß.

Robert KURZ unterwirft in seinem Beitrag den Begriff der abstrakten Arbeit, den Übergang der abstrakten Arbeit in Wert und dessen Erscheinen im Tauschwert einer eingehenden Analyse und kommt zu einer Bestimmung des Ursprungs des Warenfetischlsmus aus der spezifischen Gesellschaftlichkeit der wertsetzenden Arbeit selbst, die kritisch gegen die zirkulativ beschränkte Sicht des Warenfetischismus bei Sohn-Rethel und anderen gerichtet wird. Die für einen Artikel monumentale Länge ergibt sich daraus, daß ein wirkliches Verständnis gerade der grundlegendsten Kategorien der Kritik der politischen Ökonomie ohne eine Kritik ihrer Entschärfungen im Verständnis des traditionellen „Parteimarxismus“ und in dem seines Antipoden, des „westlichen Marxismus“ und seiner Nachfolger, schlechterdings nicht mehr zu haben ist und gezeigt werden muß, wie diese Verkürzungen sich auf für absolut genommene einzelne Seiten des Marxschen Werkes selbst stützten und die historisch beschränkte Entwicklungsstufe der Wertvergesellschaftung ihrerseits diesen vereinseitigten Lesarten theoretische Plausibilitätund praktische Wirksamkeit verschaffte. Das theoretisch noch immer virulente Problem, inwiefern die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft zur Totalität als Entfaltung der Wertkategorie dargestellt werden kann, wird dabei auf seinen Ausgangspunkt zurückgeführt: die Auflösung der Bestimmtheit der sozialen Beziehungen, die sich im Wert resümieren. Um den Umfang des Artikels nicht vollends ins Gigantische zu steigern, konnten manche Implikationen, die sich im Titel „Abstrakte Arbeit und Sozialismus“ ankündigen, bloß skizziert werden. Kontroversen über die Grundlage des Werts, die Konstitution der Wertform und die Demystifikation des Warenfetischismus legen ja Schlüsse für die theoretische Begründung und den schließlichen praktischen Vollzug des Interesses nach Aufhebung des Kapitalverhältnisses nahe. Die Argumentation in diese Richtung auszubauen, wird Gegenstand künftiger Arbeiten sein.

Peter KLEIN versucht in seinem Artikel „Die Demokratie bei Lenin“ zu zeigen, daß Lenins Demokratietheorie einander so widersprechende Momente wie die Bedeutung des revolutionären Demokratismus als verbindende Klammer für die demokratischen und sozialistischen Aufgaben der russischen Revolution, seine Berechtigung als Mittel der Erziehung der rückständigen Massen zur Bewerkstelligung der sozialistischen Umwälzung und die Demokratie als ideale Herrschaftsform der Bourgeoisie, schon deshalb nicht bruchlos in sich aufnehmen kann, weil sie nicht zu einem Verständnis

4 —-

der Demokratie als politischer Form der Tauschwertvergesellschaftung gelangt. Der Beitrag ist der zweite Teil der Artikelserie „Moderne Demokratie und alte Arbeiterbewegung“, die in der nächsten Ausgabe mit einer der russischen Rätedemokratie gewidmeten Arbeit fortgesetzt wird.

In seinem Artikel „Die Privatisierung des Politischen. Neue soziale Bewegungen und abstraktes Individuum„, gibt Ernst LOHOFF eine Phänomenologie der Verirrungen des grün-alternativen Geistes in den Labyrinthen bürgerlicher Subjektivität. Wer in der in den beiden letzten Nummern geübten Kritik der Produktivkraftkritiker eine „Würdigung“ der Aktivitäten der sich auf sie berufenden praktischen

Bewegungen vermißte, der wird hier fündig.

Udo WINKELS Beitrag „Zur Ideologie der KPD – Material zur alten Arbeiterbewegung“ präsentiert einen kommentierten Versuch Hartmut Nowackis, die in der Weimarer KPD wechselnd wirksamen ideologischen Einflüsse durch ein theoretisches Portrait der für sie stehenden Repräsentanten zu charakterisieren. Die dabei vertretenen Auffassungen über den Charakter des historischen Materialismus, die Naturdialektik und die Widerspiegelungstheorie sind in der Redaktion nicht unumstritten, waren aber bisher nicht ausdrücklich thematisierter Teil unseres Selbstverständigungsprozesses, weshalb sich noch nicht genügend Stoff für eine kontroverse publizistische Erörterung angesammelt hat. Der Nowacki-Rezension wird Udo WINKEL eine eigene Abhandlung über die ideologische Entwicklung der KPD folgen lassen.

2.

Zwei Korrekturen sind zum Artikel von Ernst LOHOFF „Technik als Fetischbegriff“ in der „Marxistischen Kritik“ Nr. 3 nachzutragen. Auf Seite 31 wird dort Reinhold Zech mit derAussage zitiert, daß „der Arbeitsprozeß an sich die menschlichen Kräfte entwickeln und alle Verhältnisse kritisieren“ soll, „in welchen die Menschen von den Dingen kontrolliert werden.“ Im Original steht dort kein Punkt, sondern ein Komma, und der Satz geht wie folgt weiter: „anstatt sie zu kontrollieren, wird er zugleich als kapitalistischer Produktionsprozeß zur Ursache weiterer Mystifikationen, da sich im kapitalistischen Verwertungsprozeß alle gesellschaftlichen Kräfte der Arbeit zu Kräften des Kapitals verkehren.“ (Helmut Reichelt/Reinhold Zech, Karl Marx: Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse, Ffm.-Berlin-Wien 1983, S. 95.) Der Verfasser sieht in dem vollständigen Zitat keine Relativierung seiner Polemik gegen Zech.

In dem Zitat von Breuer auf derselben Seite 31 , wo dieser „von den vorwärtstreibenden Elementen der geistigen und körperlichen Arbeit einerseits, den einengenden und fesselnden Produktivkräften andererseits“ spricht, muß es statt „Produktivkräften“ natürlich „Produktionsverhältnissen“ heißen (Stefan Breuer, Aspekte totaler Vergesellschaftung, Freiburg 1985, S. 26)

3.

Die bisherigen Erfahrungen mit der sich als nicht kostendeckend erweisenden Preiskalkulation zwingen uns leider dazu, ab dieser Nummer den Einzelpreis für die „Marxistische Kritik“ auf DM 8,- zu erhöhen. Der Preis gilt auch für den Bezug im Abonnement, das sich, vier Nummern umfassend, im Inland also auf 32,- DM und für das Ausland auf 35,- DM verteuert, schließt aber die Versandkosten mit ein. Für die Abonnenten wird die Preiserhöhung selbstverständlich erst mit der jeweiligen Erneuerung des Bezugs wirksam.

Dezember 1987 DIE REDAKTION