31.12.1988  Beitrag drucken

Zur Ideologie der KPD

Material zur alten Arbeiterbewegung

[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe]

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Udo Winkel

Hartmut Nowacki geht es in seiner Arbeit „Zwischen Lebensphilosophie und Stalinismus“, Profil Verlag München 1983, 36 DM um „Philosophische Ansätze in der Kommunistischen Partei Deutschlands (1918-1933)“: „… genauso wenig, wie die KPD in ihren Gründerjahren eine kommunistische Partei heutigen Typs war, so wenig war von 1918 bis 1923 der dialektische Materialismus weltanschaulich-philosophisches Fundament der Partei. Vielmehr lassen sich in dieser Phase lebensphilosophische, sozialhedonistische, irrationale und positivistische Ansätze und Tendenzen nachweisen; auch existierten Auffassungen von marxistischer Philosophie, die in ganz erheblichem Maße von der leninistischen Sowjetphilosophie abwichen.“ (S. 4)

Hatte Nowacki ursprünglich den Anspruch, im Anschluß an Hegel die Ideologie der KPD als ihre in Gedanken gefaßte Zeit, als identisch mit der „Totalität der Empirie“ (Lassalle) zu begreifen, so kommt es letztlich doch nur dazu, „einen bestimmten Fundus von Texten (zu) sammeln, (zu) strukturieren und (zu) analysieren“, da „sich die Totalität nicht ‚runden‘ wollte“. (S. 5) In diesem Sinne bietet Nowacki eine nützliche Sammlung von Material und auch einige interessante Fragestellungen, geht aber ansonsten über eine Konstatierung der theoretisch-ideologischen Einengung der KPD im Zuge der sich durchsetzenden „Stalinisierung“ nicht hinaus. Auch meine Darlegungen können an dieser Stelle nur auf das vorgelegte Material verweisen und es kommentieren. Ich werde in der nächsten Nr. der MK eine Darstellung der Ideologie der alten Arbeiterbewegung zwischen Positivismus und Lebensphilosophie, Rationalismus und Irrationalismus versuchen und greife dort auch einige hier nur kurz angesprochene Probleme wieder auf.

Während in der frühen KPD „eine Philosophie der Tat, ein antiphilosophischer Aktionismus“ virulent war, erscheint die Aneignung von Theorie in der späteren KPD „als funktionalisiert den sogn. praktischen Erfordernissen untergeordnet“. Nowacki macht Rosa Luxemburg den absurden Vorwurf, sie, die auch in der Parteischule der SPD aktiv geworden war, würde sich gegen eine Schulung der Arbeiter wenden. Während es Rosa Luxemburg in ihrer „Rede zum Programm“ auf dem Gründungsparteitag der KPD – wenn sie dort formuliert: „Wir sind nämlich zum Glück über die Zeit hinaus, wo es hieß, das Proletariat sozialistisch schulen“. – darum ging, die Bedeutung der praktischen Umwälzung für die Bewußtseinsentwicklung der Arbeiterklasse herauszustellen, da ihr der Charakter des „latenten Bewußtseins“ in der Arbeiterbewegung durchaus klar war. Nowacki stellt allgemein richtig fest: „So wie die ersten Jahre der Partei durch einen (antiphilosophischen) Aktionismus linksradikaler Arbeiter stark geprägt waren, so die letzten Jahre – aller Propaganda und Bildungsarbeit zum Trotz – durch die Wunschträume von Dauerarbeitslosen, die den extrem unrealistischen ‚idealistischen‘ politischen Kurs der Parteiführung mittrugen.“ (S. 26)

Nowacki sieht die ideologische Entwicklung der KPD in zwei Phasen: Bis 1923 als „individuelle Ansätze kommunistischer Intellektueller“, danach als „Herausbildung einer einheitlichen Parteiphilosophie“.

1. Individuelle Ansätze kommunistischer Intellektueller

Hier geht Nowacki speziell auf Karl Liebknecht, Ruth Fischer, Heinrich Vogeler, Karl August Wittfogel, Georg Lukács und Karl Korsch ein. Karl Liebknecht, der als großer Volkstribun und Aktivist in die Geschichte der Arbeiterbewegung eingegangen ist, der sich auf den voluntaristischen „Januaraufstand“ 1919 in Berlin einließ, was bekanntlich Rosa Luxemburgs scharfe Kritik hervorrief, gehört zu den linken Intellektuellen, die in der Auseinandersetzung mit dem positivistisch verdinglichten „Marxismus der 2. Internationale“ und dem „marxistischen“ Reformismus ein lebensphilosophisch geprägtes Weltbild entwickelten und damit wie ihre positivistischen Antipoden dem bürgerlichen

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Denken verhaftet blieben. Liebknechts Ideologie kommt insb. in seinem nachgelassenen Werk „Studien über die Bewegungsgesetze der gesellschaftlichen Entwicklung“ (1922) zum Ausdruck(1): „Nicht Eklektizismus, sondern Universalismus ist die Lebenslosung unddas psychisch geistige Lebenselement des Verfassers …“ Das Leben im ganzen“ umfaßt einen „Trieb der Vervollkommung“:

„nicht nur zur besseren Erhaltung des Lebens, sondern zur Höher- und Bessergestaltung des Lebens selbst, des ganzen Lebens in allen seinen Eigenschaften, Kräften, Funktionen; des Lebens in seinem ganzen Wesen, seiner Totalität. Jedenfalls sind hier die verschiedensten, wundersamsten, rätselhaftesten Triebe, Kräfte, Erscheinungen unlöslich verbunden, miteinander verflossen, in dauernder wechselseitiger Bedingtheit; und mindestens im Zusammenhang mit und im Hinblick auf den Lebenserhaltungstrieb ist es erlaubt – ja geboten, dem Organismus im ganzen den Höherentwicklungstrieb zuzuschreiben“(2).

Totalität wird hier nicht im Hegelschen, sondern im organizistischen, universalistischen Sinne verwendet. Liebknecht unterscheidet eine „Notsphäre“ als Ernährungs-, Schutz- und Sexualsphäre von einer dem „Lebenserweiterungstrieb“ geschuldeten „Überschuß-Sphäre“,die sich zu einer „organischen Totalität“, einem „Gesamtgefühl des Lebens“ „verschlingen“.

In dieser „organischen Totalität“ wird auch der Religion eine besondere Bedeutung zuerkannt:

Sie dient „im höchsten Maße den praktischen Lebensbedürfnissen, wenigstens in der Tendenz: der Erhaltung und Förderung des körperlichen und seelischen Wohlbefindens, der Steigerung der Sicherheit, und zwar auch der Entschlossenheit und Tatkraft, des Zielbewußtseins, der Orientierung nach einem Sehnsuchtsziel des Enthusiasmus usw.; sowohl in der Ernährungs- , wie der Schutz-, wie der Sexualsphäre (z.B. Reglementierung der Geschlechtsbeziehungen zum Zwecke der Fortpflanzung); daneben ist sie auch dem bloßen Wohlgefühl und Genuß des Lebens dienstbar. – Freilich ist sie so leicht zu mißbrauchen und ist in der Tat unendlich viel mißbraucht worden, um andere Menschen als Werkzeuge gegen ihre eigentlichen Interessen zu lenken; und zwar in solchem Maße, daß es schier unmöglich ist, aus dem Wust des Mißbrauchs das ursprünglich und notwendig und nützlich-allgemein Menschliche herauszuschälen.“(3)

Politik erscheint als „Kunst des Unmöglichen“: „Die verwirklichte Möglichkeit ist die Resultante aus erstrebten Unmöglichkeiten.“ Politik

„ist keine Wissenschaft. Ihre intellektuellen Bestandteile dienen der – vor der eigentlichen Politik liegenden – Zielsetzung, der Mittel- und Wegweisung, ja der Ausführung; aber sie dienen nur dem politischen Willen, der politischen Aktivität; … Das klar erkannte Ziel fest im Auge halten, unbeirrt und zähe verfolgen: das – so primitiv es ist – macht den Politiker: Selbst irriges, fehlsames Handeln ist ihm eher erlaubt als Willensschwäche und Untätigkeit“(4).

Es ist auch nicht verwunderlich, daß Liebknecht – entgegen dem sozialdemokratischen Selbstverständnis – Den Darwinismus vitalistisch uminterpretiert:

„Den ‚materialistischen‘ und monistischen Unfug allerdings, der seit Moleschott, Büchner, Voigt bis Häckel mit seiner Lehre getrieben wurde und wird, können wir nachgerade sich selbst überlassen. Alle Ansprüche gewisser Darwinisten auf ‚Materialismus‘, Monismus u. dgl. beruhen auf grober Selbsttäuschung infolge ungenauer begrifflicher Klarheit und Differenzierung. Der Darwinismus ist in der Tat vitalistisch bis ins Mark, und das macht nicht seine Schwäche, sondern seine Stärke aus …“(5).

Liebknecht kommt – ähnlich wie der von Bergsons „élan vital“ herkommende Sorel – zueiner Kritik an der „schmarotzenden Schicht“ der Parteibürokratie:

„Keine Verbindung, die der freien Initiative Fesseln anlegt … Diese Initiative in den Massen zu fördern, ist gerade in Deutschland, dem Land des passiven Massen-Kadavergehorsams, die dringendste Erziehungsaufgabe, die gelöst werden muß, selbst auf die Gefahr hin, daß vorübergehend alle ‚Disziplin‘ und alle ’strammen Organisationen‘ zum Teufel gehen“ (zitiert nach Nowacki, S. 42).

Der Herausgeber des Werkes von 1922 kommt zu dem Schluß: „Liebknecht wollte nichts anderes sein als ein ‚revolutionärer, internationaler Soldat im Befreiungskampfe der Arbeiterklasse‘. Das vorliegende Werk stellt gleichsam die tiefere metaphysische (sic!) Einordnung dieses Kampfes in den Zusammenhang der Welt und des Geschehens dar“ (6).

Während Karl Liebknecht aus der alten Sozialdemokratie kam, sozusagen aus der sozialdemokratischen „Aristokratie“ (Vater: Wilhelm Liebknecht), schlossen sich während der Revolution 1918/19 auch manche radikale Intellektuelle von außerhalb der Arbeiterbewegung der jungen kommunistischen Bewegung an. So etwa Ruth Fischer, die 1924/25 Exponent der „ultralinken“ Politik der KPD wurde, die sich nicht entblödete, Rosa Luxemburgs Wirken in der Arbeiterbewegung mit dem eines „Syphilisbazillus“ zu vergleichen, die in den 50er Jahren als Direktorin eines Amerika-Hauses endete, und der

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Ernst Meyer attestierte, „nicht einmal das kommunistische Manifest je gelesen zu haben, ganz zu schweigen von sonstiger theoretischer Literatur.“(7) Nowacki konstatiert richtig: „Auch als 1925 die durch den Dawesplan finanzierte Stabilisierung sich in Deutschland deutlich abzeichnete, hielt sie starr an der Formel von der ‚Organisierung der Revolution‘ fest.

Ruth Fischer – und die Parteilinke – verwechselte ihren eigenen Willen zur Revolution mit dem Willen der ‚Massen‘, ihre subjektiven Wünsche mit der gesellschaftlichen Realität. … Diese Politik ist mehr vom Gefühl als vom Verstand bestimmt, mehr vom Wollen als der Wirklichkeit, und die Logik bleibt mehr als einmal auf der Strecke. So bringt es Ruth Fischer in ein und derselben Rede – auf dem 10. Parteitag – fertig, die SPD zunächst als ‚bankrott‘ und ‚gescheitert‘ zu bezeichnen, um dann über ihre ‚Lebensfähigkeit‘ zu sprechen …“ (S. 62-63).

Der Maler und Graphiker Heinrich Vogeler, bedeutender Vertreter des Jugendstils, empfand die Niederlage im 1. Weltkrieg als moralischen Zusammenbruch, der eine neue Ethik und ethische Politik verlange. Er geht anfangs von völkischen Ideen aus – der Kommunismus ist auf „altgermanisches Recht“ zurückzuführen, will die Verbindung der Menschheit mit der kosmischen Ordnung und ein erneuertes Christentum:

„In keiner Zeit ist wohl das Christentum so klar zu erkennen gewesen, so strahlend,aber so mißverstanden, wie jetzt. Gäbe es überhaupt Christen, wahre Christen, so ist ein Krieg wie dieser unmöglich, überhaupt Krieg. Nur Liebe im Leben ist fruchtbar, der Haßist das vernichtende Prinzip.“ (zitiert nach Nowacki, S. 74)

Vogler versuchte seine Erziehungs- und Siedlungsvorstellungen in der Barkenhof-Kommune zu verwirklichen, es ging ihm – „small“ sollte auch schon damals „beautiful“ sein – um eine agrarisch-handwerkliche Bedarfswirtschaft in „kleinen Einheiten“. „Es gibt bei Vogeler kein System, sondern eher ein Konglomerat philosophischer Ideen, das irrationale und stark gefühlsmäßige Züge aufweist.“ (S. 75). Wenn nun Nowacki mit Bezug auf Hendrik de Man schreibt: „Auf diese Zwiespältigkeit ‚der mechanistisch-rationalistischen Denkweise des Marxismus‘ neben dem Vorhandensein von ‚Solidarität, Eschatologie, religiöser Symbolik‘ ist bereits früh aufmerksam gemacht worden“ (S. 77), so „vergißt“ er hier, zwischen Marx und dem, einer bestimmten Form seiner Rezeption geschuldeten, positivistisch-verdinglichtem „Marxismus“ zu unterscheiden, der – wie auch die im bürgerlichen Positivismus hypostasierte „zweite Natur“ – eine aktivistische willensmäßig-irrationalistische „Ergänzung“ bedarf(8).

Karl August Wittfogel beginnt als Dramatiker, der sich selbst als Vertreter des „revolutionären Idealismus und Expressionismus“ bezeichnet. So läßt er in seiner „politischen Tragödie“ „Rote Soldaten“ (1921) den Revolutionär Andreas verkünden:

„Neue Religionen brechen aus dem Osten hervor, diesseitigere, menschenwürdigere, heldenhaftere, glaubenswertere! Neue Propheten drängen sich vorbehaltlos umunerhörte Freudenbotschaften.“ (zitiert nach Nowacki, S. 81)

Er wendet sich den Sozialwissenschaften zu, bezeichnet den „dialektischen Materialismus“ als das kommende „geistige Dach der Welt“. In seiner Schrift „Die Wissenschaft der bürgerlichen Gesellschaft“ (1922) postuliert Wittfogel:

„Wir wissen, daß und wie der moderne Positivismus und Empiriokritizismus aus Kant dialektisch hervorgegangen ist. Wir wiederholen, daß wir uns eine Entwicklung der Philosophie nur dialektisch über den Positivismus hinaus und durch ihn hindurch vorstellenkönnen.“(9).

Nowacki vermerkt richtig: „Was Wittfogel also 1922 als dialektischen Materialismus bezeichnet, erweist sich bei näherem Hinsehen als Verbindung von (marxistischer) Soziologie mit einer kritizistischen Erkenntnistheorie.“ (S. 84)

Ein positivistisches Verständnis kommt in Wittfogels überhistorischem Naturbegriff – die formelle Seite wird gegenüber der stofflichen vernachlässigt – zum Ausdruck: „Ja, es ist wahr, der Natur gegenüber haben alle Wirtschaftsordnungen ein gleiches Interesse: Man will ihre Kräfte kennen, beherrschen und benutzen, um auf der dienstbar gemachten Naturgrundlage das starke Haus der sozialen Kultur aufführen zu können“(10). Schon Georg Lukács kritisiert in seiner Besprechung im „Grünberg Archiv“ richtig: „Für den Marxisten, als geschichtlichem Dialektiker, sind die Natur, sowie alle Formen

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ihrer theoretischen und praktischen Bewältigung, soziale Kategorien, und es geht nicht an, daß ein Marxist hier etwas übergeschichtliches, übergesellschaftliches finden zu können meine“(11).

Wittfogel wird seit Mitte der 20er Jahre „linientreu“ und versucht – durch „Anwendung der materialistischen Dialektik“ – eine „marxistische Ästhetik“ zu entwickeln, die den Primat des sozialen Inhalts vor der ästhetischen Form eines Kunstwerks proklamiert und die Kunst für politische Zwecke funktionalisieren möchte.

Wittfogel, der auch Sinologie studiert hatte, war Mitarbeiter des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Seine größte wissenschaftliche Leistung bleibt seine 1931 erschienene umfangreiche Studie über „Wirtschaft und Gesellschaft in China“ als „asiatischer Produktionsweise“(12). Später in seinem Werk „Die orientalische Despotie“ (1957) mit dem Untertitel „Eine vergleichende Untersuchung totaler Macht“ dehnt er diesen orientalen Despotismus auf die Sowjetunion und den „Sowjetkommunismus“ überhaupt aus. Überhistorisch geht es ihm nun nicht mehr um die Analyse des Kapitalismus und seine mögliche Überwindung, sondern um Grundsituationen menschlichen Seins, wobei ihm der „Westen“ als freiheitlich und der „Osten“ als despotisch erscheint. Nowacki sieht richtig: „Die dabei entstehende Nähe zum Existenzialismus ist unübersehbar.“ Man könnte hinzufügen, so neu ist die „Neue Philosophie“ der ehemals 68er Linken in Frankreich also auch nicht(13).

Georg Lukács kann, ebenso wie Karl Korsch, an dieser Stelle nur kursorisch behandelt werden. Seine Bedeutung für die und eine Auseinandersetzung mit seiner Marxrezeption muß einer eigenen Arbeit vorbehalten bleiben(14). Das Lukács-Kapitel ist das interessanteste in Nowackis Arbeit, weil er hier v.a. auch Material zur Auseinandersetzung mit Lukács von Seiten der KPD und Komintern, der Sozialdemokratie und des links- und rechtsbürgerlichen Akademismus zusammengetragen hat.

Nowacki stellt fest: „Der Titel dieser Untersuchung ‚Zwischen Lebensphilosophie und Stalinismus‘ ist in seinem vollen Umfang verkörpert in der Person von Georg Lukács. Lukács hatte unter anderem bei Simmel und Rickert studiert und war ursprünglich von Lebensphilosophie und Neukantianismus beeinflußt. Seine Abscheu gegenüber dem Weltkrieg trieb ihn praktisch zur revolutionären Arbeiterbewegung und theoretisch zu Hegel und Marx. Während der Stalinära lebte Lukács lange in der Sowjetunion, was nicht ohne Einfluß auf seine Schriften blieb.“ (S. 97)

Lukács stand auf der Höhe der bürgerlichen Wissenschaft seiner Zeit, er studierte u.a. bei Rickert, Simmel und Max Weber und rezipierte Hegel. Anfangs dominierte die Lebensphilosophie. Nach dem Kriegsausbruch befand sich Lukács, wie er selber sagt, „in einer Stimmung der permanenten Verzweiflung über den Weltzustand“. Er begriff die Gegenwart mit Fichte als „Zeitalter der vollendeten Sündhaftigkeit“. Wenn die Welt aus den Fugen ist, kommt es zum Verlust von Totalität und Lebensimmanenz:

„Unsere Welt ist unendlich groß geworden und in jedem Winkel reicher an Geschenken und Gefahren als die griechische, aber dieser Reichtum hebt den tragenden und positiven Sinn ihres Lebens auf: die Totalität. Denn Totalität als formendes Prius jeder Einzelerscheinung bedeutet, daß etwas Geschlossenes wird und nichts auf ein höheres Außen hinweist; …“ (S. 100) Diese Argumentation ähnelt der von Simmel in seiner „Philosophie des Geldes“.

Die russische Revolution von 1917 erscheint als Ausweg: Lukács beteiligt sich aktiv in der ungarischen Arbeiterbewegung und wird stellvertretender Volkskommissar für Unterrichtswesen in der ungarischen Räterepublik. Gleichzeitig rezipiert er Marx über Hegel. Noch haben seine Arbeiten einen abstrakt-ethisierenden Charakter wie „Der Bolschewismus als moralisches Problem“ (1918) und „Taktik und Ethik“ (1919).

Nowacki verweist darauf, daß Lukács schon 1922 in einigen Aufsätzen in der „Roten Fahne“ und der „Internationale“ die Verflachung der dialektischen Methode in der Arbeiterbewegung kritisiert und einen Rückfall hinter Feuerbach feststellt. In seinem „Opus Magnum“ „Geschichte und Klassenbewußtsein“ von 1923 legt er dann „Studien über marxistische Dialektik“ vor. Es geht ihm um „eine Interpretation, eine Auslegung der Lehre von Marx im Sinne von Marx. … diese Zielsetzung (ist) von der

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Anschauung bestimmt, daß in der Lehre und der Methode von Marx die richtige Methode der Erkenntnis von Gesellschaft und Geschichte endlich gefunden worden ist. Diese Methode ist in ihrem innersten Wesen historisch. Es versteht sich deshalb von selbst, daß sie ununterbrochen auf sich selbst angewendet werden muß, und dies bildet einen der wesentlichen Punkte dieser Aufsätze“(15). Wenn Lukács hier des öfteren von Methode spricht, so geht es doch immer um die Methode ihres Gegenstands, nicht um ein abgelöstes Instrumentarium.

Für Lukács ist „die konkrete Totalität die eigentliche Wirklichkeitskategorie“(16). Die konkrete Totalität ist nicht einfach eine seiende, sondern von Menschen geschaffene, durch Auseinandersetzung mit der Natur und untereinander produzierte und damit ein sich entwickelnder und verändernder gesamtgesellschaftlicher Zusammenhang. So ist für Lukács auch die „Natur … eine gesellschaftliche Kategorie. D.h. was auf einer bestimmten Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung als Natur gilt, wie die Beziehung dieser Natur zum Menschen beschaffen ist und in welcher Form seine Auseinandersetzung mit ihr stattfindet, also was die Natur der Form und dem Inhalt, dem Umfang und der Gegenständlichkeit nach zu bedeuten hat, ist stets gesellschaftlich bedingt“(17). Totalität bedeutet immer historische Totalität. „Die inhaltlichen Wahrheiten des historischen Materialismus sind … Wahrheiten innerhalb einer bestimmten sozialen und Produktionsordnung.“ „Der historische Materialismus in seiner klassischen Form (die leider bloß vulgarisiert ins allgemeine Bewußtsein übergegangen ist) bedeutet die Selbsterkenntnis der kapitalistischen Gesellschaft.“ Und Lukács erkennt: “ … daß das Kapitel über den Fetischcharakter der Ware den ganzen historischen Materialismus … in sich verbirgt.“(18)

Ausgehend vom Warenfetischkapitel im 1. Band des „Kapital“ stellt Lukács die Herrschaft der Produktionsbedingungen über die Produzenten und die Verdinglichung der gesellschaftlichen Beziehungen im wichtigsten Aufsatz der Sammlung: „Die Verdinglichung und das Bewußtsein des Proletariats“ dar. Lukács Darstellung kann hier nicht entfaltet werden, es sei nur beispielhaft auf ein auch heute durch die abstrakte „Gewalt-Diskussion“ aktuelles Problem verwiesen:

„Die scharfe und mechanische, begriffliche Trennung von Gewalt und Ökonomie ist überhaupt nur dadurch entstanden, daß einerseits der fetischistische Schein der reinen Sachlichkeit in den ökonomischen Beziehungen ihren Charakter als Beziehungen zwischen Menschen verdeckt und sie in eine die Menschen fatalistisch-gesetzmäßig umgebende zweite Natur verwandelt. Andererseits dadurch, daß die – ebenfalls fetischistische – juristische Form der organisierten Gewalt ihr latentes, ihr potentielles Vorhandensein in und hinter jeder ökonomischen Beziehung vergessen macht; daß Unterscheidungen wie Recht und Gewalt, wie Ordnung und Aufstand, wie legale und illegale Gewalt die gemeinsame Gewaltgrundlage aller Institutionen der Klassengesellschaften in den Hintergrund drängen“(19).

Lukács zieht die Schlußfolgerung aus der Wertvergesellschaftung:

„Diese Verwandlung der Arbeit in Ware entfernt einerseits alles ‚Menschliche‘ aus dem unmittelbaren Dasein des Proletariats, andererseits vertilgt dieselbe Entwicklung in steigendem Maße alles ‚Naturwüchsige‘, jede direkte Beziehung zur Natur usw. aus den gesellschaftlichen Formen, so daß sich gerade in ihrer menschenfernen, ja unmenschlichen Objektivität der vergesellschaftete Mensch als ihr Kern enthüllen kann. … Der Träger dieses Bewußtseinprozesses ist aber … das Proletariat. Indem sein Bewußtsein als immanente Folge der geschichtlichen Dialektik erscheint, erscheint es selbst dialektisch. D.h. einerseits ist dieses Bewußtsein nichts als das Aussprechen des geschichtlich Notwendigen. Das Proletariat ‚hat keine Ideale zu verwirklichen‘. … Andererseits (muß) … zu dem bloßen Widerspruch – dem automatisch gesetzmäßigen Produkt der kapitalistischen Entwicklung – … etwas Neues hinzutreten: das zur Tat werdende Bewußtsein des Proletariats. Indem aber sich dadurch der bloße Widerspruch zum bewußt-dialektischen Widerspruch erhöht, indem das Bewußtwerden zum praktischen Übergangspunkt wird, zeigt sich die Wesensart der proletarischen Dialektik abermals konkreter: da das Bewußtsein hier nicht das Bewußtsein über einen ihm gegenüberstehenden Gegenstand, sondern das Selbstbewußtsein des Gegenstandes ist, umwälzt der Akt des Bewußtwerdens die Gegenständlichkeitsform seines Objekts“(20).

So wird das Proletariat zum identischen Subjekt-Objekt der geschichtlichen Umwälzung. Siegfried Marck schreibt in seiner Rezension in „Die Gesellschaft:“ „Indem das Proletariat als die erste ihre Beziehung auf die gesellschaftliche Totalität klar erkennende Klasse betrachtet wird, erhält es die Rolle des Hegelschen Weltgeistes, dessen Selbstbewußtsein die Geschichte vorwärtstreibt.“ (zitiert nach Nowacki, S. 112). Nun ist Lukács natürlich klar, daß das Proletariat als identisches Subjekt-Objekt sich vom empirischen Proletariat unterscheidet. Das bezeichnete „enorme Bewußtsein“ (Marx) kann nur ein ,.zugerechnetes“, ein antizipiertes Bewußtsein sein. Und hier setzt für Lukács dann auch die Bedeutung

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der Partei ein, die den Teil des Proletariats umfaßt, der schon zum theoretischen Bewußtsein seiner Lage gekommen ist. Hier entsteht natürlich die Gefahr, daß die Partei selbst zum identischen Subjekt-Objekt wird. So kritisiert Marck:

„Denn wer entscheidet in praxi über die Zurechnung des Verhaltens der Arbeiterschaft zum echten Klassenbewußtsein? Wir wissen es, daß sich die kommunistische Zentrale als der Statthalter der metaphysischen Potenz Proletariat auf Erden fühlt. Papismus und Inquisition sind der notwendige organisatorische und praktische Ausdruck eines theoretischen Absolutismus und einer dogmatischen Scholastik der Unfehlbarkeit, resp. jene Theorie ist Überbau der diktatorischen Praxis.“ (zitiert nach Nowacki, S. 125-26)

Doch bei Lukács selbst verwandelt sich die Partei nicht in den Weltgeist, sie entspricht einem Zustand des proletarischen Bewußtseins, in dem es sich „darum handelt, das Unbewußte bewußt, das Latente aktuell zu machen.“ „Auch theoretisch handelt die kommunistische Partei nicht stellvertretend für das Proletariat. Ist sein Klassenbewußtsein, in bezug auf Denken und Handeln der ganzen Klasse etwas Prozeßartiges und Fließendes, so muß sich dies in der organisatorischen Gestalt dieses Klassenbewußtseins, in der kommunistischen Partei widerspiegeln. Nur mit dem Unterschied, daß sich hier eine höhere Bewußtseinsstufe organisatorisch objektiviert hat … Das Prozeßartige, das Dialektische des Klassenbewußtseins wird also in der Theorie der Partei zur bewußt gehandhabten Dialektik“(21). „Geschichte und Klassenbewußtsein“ sollte in der Absicht von Lukács „die Frage der dialektischen Methode – als lebendige und aktuelle Frage – zum Gegenstand der Diskussion machen“. Doch schon Ernst Bloch befürchtete in seiner zustimmenden Rezension: „Zwar wird es das Buch nicht leicht haben, seine guten Leser zu finden. Die Russen etwa, welche philosophisch handeln, aber denken wie die ungebildeten Hunde, werden sogar einen Abfall darin wittern.“ (zitiert nach Nowacki, S. 121). Von Seiten der Komintern erfolgte ein vollständiger Verriß; Deborin, Rudas u.a. zeihten Lukács des Idealismus, Kantianismus, Hegelianismus. Hier soll nur auf die Kritik Hermann Dunckers verwiesen werden, der aus der alten SPD-Linken um Rosa Luxemburg gekommen war und für theoretische und Schulungsfragen zuständig war. Nowacki schreibt: „Für Dr. phil. Duncker war die geistige Akrobatik eines Lukács ’schwer (zu) enträtseln‘, so daß er auf eine systematische Wiedergabe des Textes verzichtete. Er knüpfte offensichtlich an den antitheoretisch-antiphilosophischen Ressentiments in der Partei an. ‚Unverständlichkeit‘ ist ein wichtiger Vorwurf. Zu Lukács These, ‚orthodoxer‘ Kern des Marxismus sei nur seine Methode, kommentiert Duncker, er gerate damit in eine ‚verflucht enge Nachbarschaft zu Reformisten wie Renner‘. Außerdem habe er eine ‚überraschende Verengerung‘ der Dialektik auf die sozialhistorische Wirklichkeit vorgenommen. Daß für Lukács die Natur als gesellschaftliche Kategorie vorhanden ist, davon weiß Duncker ebenso wie Deborin nichts. Bezüglich Lukács‘ Überlegungen zur Gültigkeit des historischen Materialismus im Sozialismus – wo ja Geschichte bewußt gestaltet werden soll und das falsche Bewußtsein scheinbar selbständiger geistiger Sphären überwunden ist, äußert Duncker die Befürchtung:

‚Der gewaltige Bau eines soziologischen Monismus, eines ökonomischen Determinismus, wie ihn Marx und Engels aufgerichtet haben, kracht zusammen, wenn man mit Lukács den historischen Materialismus selbst nur als eine vorübergehende historische Kategorie, und zwar eine Kategorie der kapitalistischen Gesellschaft deklariert.‘

Da vermag Duncker nicht mehr zu folgen, es ist ihm ’schleierhaft‘, was das mit orthodoxem Marxismus zu tun haben soll.“ (S. 123) Der auch von der Komintern übernommene, wenn auch revolutionär aufgeputzte, „Marxismus der 2. Internationale“ kann von seinem Selbstverständnis her Lukács Arbeit nur als Angriff auf die „Prinzipien des Marxismus“ verstehen.

Karl Korschs Biographie zeigt die Entwicklung eines intellektuellen Reformsozialisten zum Revolutionär: In England Mitglied der Fabian Society, in Deutschland 1912 Mitglied der SPD, 1919 der USPD, ab 1920 schließlich der KPD. Auch Korsch sieht sich, wie Lukács, im Zusammenhang der „Aktualität der Revolution“. In seiner wichtigsten Schrift: „Marxismus und Philosophie“ (1923), erhebt er den Anspruch, die materialistische Geschichtsauffassung auf sie selbst anzuwenden und macht drei Phasen der bisherigen Entwicklung des Marxismus aus. Eine erste, wo die marxistische Theorie bei Marx und Engels selbst „eine alle Gebiete des gesellschaftlichen Lebens als Totalität erfassende Theorie der sozialen Revolution“(22) war. In der 2. Phase des „Marxismus der 2. Internationale“ löst sich „das System

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des Marxismus“ „in eine Summe von Einzelwissenschaften, samt einer äußerlich noch dazutretenden praktischen Anwendung ihrer Ergebnisse auf.“(23) In der 3. Phase beginnt für Korsch mit Rosa Luxemburg und Lenin ein Wiederherstellungsprozeß des revolutionären Marxismus. Da auch Theorie und Ideologie ein Moment der gesellschaftlichen Wirklichkeit darstellen, muß zum politischen und ökonomischen Kampf auch der ideologische hinzutreten – wobei für Korsch diese Kampfformen selbst wieder sich bedingende Momente des revolutionären Prozesses sind. Schon in seiner Schrift „Der Standpunkt der materialistischen Geschichtsauffassung“ (1922) hatte Korsch seinen radikalen Materialismus gegenüber dem kontemplativen formuliert – der ihn auch folgerichtig in Gegensatz zur „Widerspiegelungstheorie“ brachte:

„So ist also grundsätzliche Irreligiosität, ein aktiver Atheismus, die selbstverständliche Vorbedingung für eine volle Diesseitigkeit des Denkens und Handelns im Sinne des Marxschen Materialismus. Es wird aber diese volle Diesseitigkeit durch die Überwindung der religiösen Jenseitsvorstellungen allein noch nicht herbeigeführt. Es gibt ein ‚Jenseits‘ auch noch im ‚Diesseits‘, solange man an die zeitlose und somit unirdische Geltung irgendwelcher theoretischer oder praktischer ‚Ideen‘ glaubt. Und selbst wenn das menschliche Denken auch diese Stufe noch überwunden hat, so kann es vorkommen, daß es immer noch die eigentliche und letzten Endes einzig wirkliche Diesseitigkeit verfehlt, welche nach Marx (2. These über Feuerbach) nirgends anders als in der ‚Praxis‘ des menschlichen Handelns selbst gelegen ist. Als eigentliche Vollendung der ‚Diesseitigkeit‘ im System der materialistischen Geschichts- und Gesellschaftsauffassung von Marx erscheint daher erst das Hinausgehen auch über jene ‚Jenseitigkeit‘, die dem bloß ’naturalistischen‘ oder ‚anschauenden‘ Materialismus als ein unüberwundener Überrest der bürgerlich-dualistischen Epoche immer noch anhaftet. Der entscheidende Schritt, durch den der neue, marxistische Materialismus diese letzte und wichtigste Vollendung seiner Diesseitigkeit erlangt, besteht darin, daß er der bloß als ‚Natur‘ im engeren, naturwissenschaftlichen Sinne des Wortes bestimmten Wirklichkeit die Wirklichkeit des ‚geschichtlich gesellschaftlich praktischen Lebensprozesses der Menschen‘ entgegensetzt“(24).

Korsch sieht sich selbst in dieser Zeit übrigens als kämpferischen Leninisten, der den ideologischen Kampf forciert. Mit dem Sieg der „linken Opposition“ wurde er 1924 kurzfristig Chefredakteur der „Internationale“ und brachte es fertig, zu gleicher Zeit nicht nur Lukács‘ Leninbuch, sondern auch Stalins: „Lenin und der Leninismus“ zu loben: „Ein Lehrbuch für Marxisten, zur Erlernung des Lenismus!“,dem „kristallene Klarheit und bildhafte Sprache attestiert werden. Während Korsch, ähnlich wie Lukács, im Anschluß an Lenins neuer Hegellektüre während des 1. Weltkriegs um eine Vertiefung der Dialektik stritt, setzte sich in der Komintern letztlich doch der Lenin von „Materialismus und Empiriokritizismus“ durch. Korsch verfiel wie Lukács dem Verdikt des Revisionismus. Sinowjew rechnet auf dem V. Kominternkongress von 1924 mit beiden ab: „Wenn in Italien der Genosse Graziadei mit einem Buch auftritt, in dem er seine alten Artikel veröffentlicht, die er zu einer Zeit geschrieben hat, als er noch Sozialdemokrat und Revisionist war, und in denen er sich gegen den Marxismus wendet, so kann dieser theoretische Revisionismus bei uns nicht straflos vor sich gehen. Wenn der ungarische Genosse G. Lukács dasselbe auf philosophischem und soziologischem Gebiet tut, werden wir es auch nicht dulden. … Wir haben eine gleiche Strömung in der deutschen Partei. Genosse Graziadei ist Professor, Korsch ist auch Professor (Zwischenruf: Lukács ist ebenfalls Professor!). Wenn noch einige solche Professoren kommen und ihre marxistischen Theorien verzapfen, dann wird es schlimm um die Sache bestellt sein. Einen solchen theoretischen Revisionismus können wir in unserer Kommunistischen Internationale nicht ungestraft dulden“(25).

Das grundsätzliche Dilemma marxistischer Intellektueller während der beginnenden „stalinistischen“ Periode wird sichtbar: Während Lukács Selbstkritik übte, sich von „Geschichte und Klassenbewußtsein“ distanzierte und in der Komintern „überlebte“ und kleine Spielräume ausnutzt, wurde Korsch zum „heimatlosen Linken“, der nur noch im Rahmen kleiner Sekten wirken konnte.

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2. Herausbildung einer einheitlichen Ideologie

Der V. Weltkongreß der Komintern (1924) stellte die Weichen zum „Leninismus“; es begann der Prozeß der „Bolschewisierung“ der Parteien der 3. Internationale, vor dem Hintergrund der sich wieder stabilisierenden ökonomischen und politischen kapitalistischen Verhältnisse, obwohl verbal an der „Aktualität der Revolution“ festgehalten wurde. Ein wichtiges Instrument bei der Herausbildung einer einheitlichen Ideologie der kommunistischen Parteien war das ab März 1925 erscheinende theoretische Organ der Komintern „Unter dem Banner des Marxismus“. 1926 forderte Duncker in der „Internationale“ zur „Propaganda des Marxismus-Leninismus“ auf. „Ein unklarer Kopf in der Partei ist schlimmer als zehn außerhalb der Partei. Daher müssen die Kommunisten die Kommandohöhen des wissenschaftlichen Kommunismus besetzen, wenn diese auch hinter der augenblicklichen Feuerlinie des Tageskampfes liegen.“(26) Die Herausgabe von Lenins „Materialismus und Empiriokritizismus“ in deutscher Sprache 1927 wurde Grundlage für die Rezeption der „marxistischen Philosophie“.

1928 erschien auch das erste deutschsprachige Lehrbuch, August Thalheimers „Einführung in den dialektischen Materialismus“. Hatte Duncker noch 1928 dem „Thalheimerschen Buch“ „weiteste Verbreitung“ gewünscht, verfiel es dann 1929 dem Verdikt der Komintern. Inzwischen war Thalheimer als theoretischer Kopf der „Rechtsopposition“ zusammen mit dieser – die sich dann zur „Kommunistischen Partei (Opposition) (KPO)“ konstituierte – aus der KPD ausgeschlossen worden(27).

Nowacki ist zuzustimmen, wenn er schreibt: „Thalheimer war zwar in politischen und taktischen Fragen oft anderer Meinung als KPD und Komintern, seine philosophischen Auffassungen … gingen mit der Marxismusauffassung der Komintern durchaus konform: Thalheimer muß sogar als ein Vorkämpfer des ‚dialektischen Materialismus‘ in der deutschen Sozialdemokratie und im deutschen Kommunismus bezeichnet werden.“ (S. 158-59) Er spielt damit auf eine Kontroverse Thalheimers mit Mehring an, wo er schon 1910 auf die Schaffung eines dialektischen „Werkzeugs“ beharrte. 1923 griff Thalheimer in seinem Aufsatz „Über den Stoff der Dialektik“ in der „Internationale“ diese Kontroverse noch einmal auf: „Franz Mehring, der auf dem Gebiet der Geschichte die materialistische Dialektik meisterhaft handhabte, empfand immer ein gelindes Grauen, sobald darauf die Rede kam, die dialektische Methode abstrakt, d.h. abgelöst vom Stoff, zu behandeln. … Dem tiefen Zerfall der materiellen Ordnung der kapitalistischen Welt entspricht der tiefe Zerfall ihrer Ideologie. In den fortgeschrittensten Teilen des Weltproletariats entsteht das Bedürfnis, über die praktischen Anforderungen des Kampfes und des sozialistischen Aufbaues hinaus sich ein umfassendes und streng geordnetes Weltbild zu schaffen. Das ist neben der dialektischen Bearbeitung der Einzelwissenschaften und der einzelnen Zweige praktischer Tätigkeit wiederum die Forderung nach einer Dialektik. … Der Stoff der Dialektik sind die Denkkategorien, die die Einzelwissenschaften als bekannt und gegeben ‚voraussetzen‘. … Die Dialektik hat den systematischen Zusammenhang der Denkkategorien als die gedankliche Widerspiegelung des Zusammenhangs der Wirklichkeit darzustellen“(28).

Die „Einführung in den dialektischen Materialismus“ ging aus Vorlesungen hervor, die Thalheimer an der Sun-Yat-Sen-Universität in Moskau gehalten hatte. Er stimmt grundsätzlich mit dem alten Engels des „Anti-Dühring“ und der „Dialektik der Natur“ und dem Lenin von „Materialismus und Empiriokritizismus“ überein: „Marx betrachtet die Dialektik als Summe der allgemeinen Bewegungsgesetze der wirklichen materiellen Welt und der diesen Gesetzen entsprechenden Denkgesetze im Kopfe des Menschen, d.h. die wirkliche materielle Welt ist dialektisch, befolgt die Gesetze der Dialektik, und diese Dialektik findet sich auch im menschlichen Kopfe vor, weil der menschliche Kopf auch ein Bestandteil der materiellen Welt ist.“ Das Denken erscheint „als Sonderfall der allgemeinen Wechselwirkung der Dinge“. Die drei Hauptsätze der Dialektik lauten: “ 1. Hauptsatz: Satz von der Durchdringung der Gegensätze.“ „2. Hauptsatz der Dialektik: Gesetz der Negation“. „3. Hauptsatz der Dialektik: Umschlag der Qualität in die Quantität und der Quantität in die Qualität“.(29). Die Problematik dieses „dialektischen Materialismus“ zeigt sich z.B. gerade bei der Frage des falschen Bewußtseins, das hier nicht als das fetischistische „richtige Bewußtsein einer falschen Wirklichkeit“ (Marx) begriffen werden kann,

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sondern nur als Selbsttäuschung des Proletariats und als bewußte Manipulation der herrschenden Klasse erscheint: „Das falsche Klassenbewußtsein nennt man auch Klassenillusionen, d.h. Einbildungen, die eine Klasse sich über ihre Lage und Interessen macht. … Ich will hier auch erwähnen, daß es … natürlich auch bewußte Täuschungen, Ideen, die eine Klasse in Zirkulation setzt, um andere Klassen zu täuschen, irrezuführen“ gibt(30).

Als Prinzipien dieses Materialismus erscheinen bei Thalheimer wie bei den Ideologen der Komintern überhaupt: Atheismus, Materialismus kontra Idealismus und Dialektik kontra Metaphysik. Auf die Problematik ist weiter hinten im Zusammenhang mit Lenin zurückzukommen.

Welche Probleme ein im Grunde vormarxsches Materialismusverständnis mit sich bringt, zeigt Nowacki im Zusammenhang mit der Einschätzung des bürgerlichen Materialisten Ernst Haeckel durch Lenin auf: „Zwar weist er (Lenin, U.W.) darauf hin, daß Haeckel ‚persönlich‘ den Bruch mit den ‚Philistern‘ habe vermeiden wollen, doch seine ‚Welträtsel‘ seien eine ‚Waffe des Klassenkampfes‘. Sie seien zu Hunderttausenden ‚ins Volk gedrungen‘ und hätten einen ‚Krieg‘ der Philosophieprofessoren und Theologen ausgelöst. Nun war Haeckel Mitglied des Alldeutschen Verbandes, der sich den ‚Schutz des Deutschtums überall, kraftvolle Außen-, Kolonial- und Ostmarkenpolitik im Sinne Bismarcks, Ausbau der deutschen Wehrmacht‘ zum Ziel gesetzt hatte; nach Angaben Pannekoeks war Haeckel ein scharfer Gegner des Sozialismus, der den Darwinismus gerade deshalb empfahl, weil er den ‚bodenlosen Unsinn der sozialistischen Gleichmacherei‘ widerlege.“ (S. 171-72)

Nowacki geht dann in Exkursen zu der Frage „nach der Herausbildung und Auslegung der ‚Klassiker‘ der marxistisch-leninistischen Philosophie“ über. „Während die ‚Rote Fahne‘, vor allen Dingen in der Zeit bis 1923, auch für Schriften von Rosa Luxemburg, Franz Mehring, Ferdinand Lassalle und Paul Levi warb, von den sowjetischen Autoren, die der Carl-Hoym-Verlag herausgab, keineswegs nur Lenin, sonder auch Radek, Sinowjew, Bucharin und insbesondere Trotzki zur Lektüre empfahl, waren zu Beginn der dreißiger Jahre nur noch diese großen Vier für die Auslegung der wahren kommunistischen Lehre maßgeblich. Die bloße Anführung eines Zitates von Marx, Engels, Lenin oder Stalin (Wobei Marx bezeichnenderweise kaum zitiert wurde, muß man hinzufügen, U.W.) galt als ‚Argument‘, ganz unbeschadet der Lager der Tatsachen, ganz gleich, wann und unter welchen Bedingungen das betreffende Zitat entstanden war.“ (S. 178)

a.) Marx/Engels

Noch auf Anregung von Lenin war 1921 in Moskau ein Marx-Engels-Institut entstanden, das unter der Leitung von Rjazanow eine historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke von Marx und Engels (MEGA) herausgeben sollte. Er wurde 1931 abgelöst und sein Nachfolger Adoratski gab nur noch wenige, wohl von Rjazanow vorbereitet, Bände heraus. Die bedeutendsten editorischen Leistungen waren die Erstveröffentlichung der „Deutschen Ideologie“ 1926 im „Marx-Engels Archiv“ (1932 in der MEGA) und der „Pariser Manuskripte“ 1932 in der MEGA.

Wie vollzog sich nun die Aufnahme dieser Schriften in der KPD? Schrieb Fried noch in seiner Besprechung des 1. Bandes des „Marx-Engels Archivs“ in der „Internationale“ zur Bedeutung der „Deutschen Ideologie“: „Vor allem für das Problem der Beziehungen zwischen Natur und Mensch, Natur und Gesellschaft, das in den marxistischen Diskussionen der letzten Jahre eine bedeutende Rolle gespielt hatte, bietet das Manuskript ganz neues, in den anderen Schriften von Marx und Engels nicht auffindbares .Material“(31), so kann von einer wirklichen Rezeption nicht gesprochen werden. Hatte Duncker 1930 in den „Elementarbüchern des Kommunismus Bd. 13“: „Marx/Engels: Über historischen Materialismus Teil I“ wichtige Teile der „Deutschen Ideologie“ ediert, so stellte er sie doch in seinem Artikel „Einführung in das Studium des Marxismus“ in der Schulungszeitschrift der Marxistischen Arbeiterschule (Masch) „Der Marxist“ von 1931 ohne jede Problematisierung neben die oben genannten Arbeiten des alten Engels und Lenins sowie Stalins „Fragen des Leninismus“ . Während es hier um die Herausbildung und Schaffung eines Systems des „Marxismus-Leninismus“ geht, betätigte sich Marx gerade

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nicht als „Weltbildhauer“ (Brecht). Nowacki sieht richtig: „es geht (bei Marx, U.W.) um die Welt des Menschen nicht um eine Welt ‚an sich‘.“ (S. 185).

Anders als etwa Herbert Marcuse in der „Gesellschaft“, nahm das theoretische Organ der KPD – es konnte wohl mit der Entfremdungsproblematik und der Marxschen Darlegung des Geldfetischs nichts anfangen – von den „Pariser Manuskripten“ erst Notiz, und zwar polemisch, als Mayer und Landshut bei Kröner eine Auswahl der Marxschen „Frühschriften“ in 2 Bänden herausgaben. „Faschistische Ideologie unter der falschen Flagge des Marxismus“, lautet charakteristischerweise der Artikel von Paul Braun in der „Internationale“. Wenn Mayer und Landshut in ihrer Einleitung zum „Kapital“ schreiben:

„Die dramatische Bewegung, die dieses Werk zum Thema hat, stellt sich als die Aktion des Titelhelden selbst dar: des Kapitals. Das Kapital ist das Subjekt der Bewegung, wie bei Hegel der Geist, und eine geistreiche Bemerkung, die das Kapital als die Wiederholung der Hegelschen Phänomenologie des Geistes bezeichnet, d.h. die Darstellung, wie der Geist selbst in Erscheinung tritt, jetzt in der Form des Geistes der bürgerlichen Gesellschaft, trifft durchaus zu. Daß aber das Kapital das wahre Subjekt des Geschehens ist, das der Geist der bürgerlichen Gesellschaft in seiner Wahrheit im Kapital als seinem Subjekt in Erscheinung tritt, darin kommt nichts anderes zum Vorschein als jenes Verhältnis des Menschen zu seiner Welt, das Marx sonst unter dem Stichwort der Selbstentfremdung begreift“(32),

so kann Braun darin nur eine „idealistische Geschichtskonstruktion“ sehen. Mayer und Landshuts Einführung gehört zu den „theoretischen Auffassungen des ’neuen Revisionismus'(sic!), die ihrem Inhalt nach alle wesentlichen Merkmale der faschistischen Ideologie aufweisen, der Form nach aber im pseudomarxistischen Gewande auftreten“(33).

b.) Lenin

Lenins Schrift „Materialismus und Empiriokritizismus“, 1909 in der innerfraktionellen Auseinandersetzung entstanden und 1927 ins Deutsche übersetzt, wurde die Grundlage einer einheitlichen Weltanschauung in der KPD und Komintern(34).

1928 heißt es in der Besprechung Frieds in der „Internationale“ unter dem bezeichnenden Titel „Der Kampf gegen den philosophischen Revisionismus“: „Lenins ‚Materialismus und Empiriokritizismus‘ bietet uns die Grundlage zu einer ideologischen Befestigung(sic!) und Vertiefung der revolutionären Arbeiterbewegung in Westeuropa … „(35).

Kritik setzte von Marxisten außerhalb der Komintern ein. So wies, nach Nowacki, Kramer in seiner Rezension in den „Monistischen Monatsheften“, einem Organ der Freidenker, darauf hin, daß „die westeuropäischen Marxisten Lenins Standort bestimmen als ‚letzten Mohikaner‘ der bürgerlichen Aufklärung, als Nachtrotter des Feuerbachschen Materialismus, als letzter Ableger der Enzyklopädisten des 18. Jahrhunderts.“ (S. 207) Korsch schreibt in der 2. Auflage von „Marxismus und Philosophie“ von 1930 in dem ergänzenden Teil „Der gegenwärtige Stand des Problems ‚Marxismus und Philosophie'“:

„… Lenin (kehrt nun) zu jenen von Hegel dialektisch überwundenen absoluten Gegensätzen von ‚Denken‘ und ‚Sein‘, ‚Geist‘ und ‚Materie‘ zurück, über die einst im 17. und 18. Jahrhundert der philosophische und zum Teil noch religiöse Streit zwischen den beiden Richtungen der Aufklärung geführt wurde.

Natürlich ist nun ein solcher Materialismus, der von der metaphysischen Vorstellung eines absolut gegebenen Seins ausgeht, trotz aller formellen Beteuerungen in Wirklichkeit auch nicht mehr eine allseitig dialektische oder gar materialistisch-dialektische Auffassung. Indem Lenin und die Seinen die Dialektik einseitig in das Objekt, die Natur und die Geschichte verlegen, und die Erkenntnis als eine bloße passive Widerspiegelung und Abbildung dieses objektiven Seins in dem subjektiven Bewußtsein bezeichnen, zerstören sie tatsächlich jedes dialektische Verhältnis zwischen dem Sein und dem Bewußtsein, und in einer notwendigen Konsequenz hiervon dann auch das dialektische Verhältnis zwischen der Theorie und der Praxis. Nicht genug, daß sie dem von ihnen so sehr bekämpften ‚Kantianismus‘ einen unfreiwilligen Tribut damit entrichten, daß sie die schon durch die Hegelsche Dialektik und erst recht durch die materialistische Dialektik von Marx und Engeis in einem viel umfassenderen Sinne gestellte Frage nach dem Verhältnis zwischen dem gesamten geschichtlichen Sein und allen geschichtlich vorhandenen Formen des Bewußtseins nach rückwärts revidieren zu der sehr viel engeren, erkenntniskritischen oder ‚gnoseologischen‘ Frage nach dem Verhältnis zwischen dem Objekt und dem Subjekt der Erkenntnis, … (kehren sie zugleich) … zu einer ganz und gar abstrakten Gegenüberstellung einer reinen Theorie, die die Wahrheiten entdeckt und einer reinen Praxis, die diese endlich gefundenen Wahrheiten auf die Wirklichkeit anwendet“(36).

Anton Pannekoek hat 1938 in „Lenin als Philosoph“ versucht, aus den Bedingungen der von ihm als bürgerliche Umwälzung verstandenen russischen Revolution, auch Lenin zu erklären:

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„Der russische Bolschewismus konnte den Weg des Marxismus nicht verlassen; denn er ist nie marxistisch gewesen. Das beweist jede Seite des Leninschen Buches; und der Marxismus selbst, durch seinen Satz, daß theoretische Anschauungen durch die gesellschaftlichen Verhältnisse und Notwendigkeiten bestimmt werden, beweist, daß es nicht anders sein konnte. Der Marxismus zeigt aber zugleich die Notwendigkeit dieser Legende; jede bürgerliche Revolution braucht die Illusion, daß sie mehr und anderes sei. … Natürlich bleibt Lenin ein Schüler Marxens, in dem Sinne, daß seine wichtigsten Ansichten, ohne welche der Kampf in Rußland nicht zu führen war, dem Marxschen Werk entnommen sind; wie ja auch aus ähnlichen Gründen die Sozialdemokraten Schüler von Marx sind. … Es handelte sich um die Frage, ob der bürgerliche Materialismus oder der bürgerliche Idealismus – eventuell ein Mischmasch beider – die Theorie für den revolutionären Kampf gegen den Zarismus liefern sollte. Da ist es klar, daß die Ideologie einer selbstzufriedenen niedergehenden Bourgeoisie nie für eine emporkommende Bewegung – auch wenn sie von einer bürgerlichen Klasse getragen wird – taugen kann. … Nur die Rücksichtslosigkeit des Materialismus konnte die Partei so hart machen, wie es zur Revolution notwendig war. Das Streben der Machisten, das dem Revisionismus in Deutschland einigermaßen parallel lief, mußte darauf hinauslaufen, den Radikalismus im Kampf, die geschlossene Einheit der Partei in Theorie und Taktik zu brechen. Das war die Gefahr, die Lenin richtig durchschaute.“ Und Pannekoek resümiert: „Von einem Sieg des Marxismus, des dialektischen Materialismus, kann man nicht reden, wo es sich nur um eine – angebliche – Widerlegung bürgerlich-idealistischer Strömungen mittels der Anschauungen des bürgerlichen Materialismus handelt. Aber sicher ist das Leninsche Buch ein hervorragendes Beispiel zur Parteigeschichte; und es hat auch der weiteren philosophischen Entwicklung in Rußland ihre theoretische Form gegeben. Dort wurde nach der Revolution der ‚Leninismus‘ – eine Verbindung des naturwissenschaftlichen Materialismus mit der von Marx übernommenen Lehre der gesellschaftlichen Entwicklung, mit etwas dialektischer Terminologie aufgeputzt – zur offiziellen Staatsphilosophie erhoben“(37).

Es bleibt zu vermerken, daß Lenin später in seinen „Philosophischen Heften“ zu einem tieferen Verständnis Hegels kommt, auf das sich auch Lukács und Korsch beziehen. Auch Nowacki stellt fest: „Er bewertet jetzt ‚Hegls klugen Idealismus‘ höher als einen naiven Materialismus und gewinnt aus dessen ‚Logik‘ seine 16 ‚Elemente der Dialektik‘, die die Hegelsche Dialektik wesentlich differenzierter wiedergeben als das etwa Engels in der ‚Dialektik der Natur‘ versucht hatte.“(S. 213).

c.) Stalin

Paul Levi vermerkte schon 1924:

Es sei „das Entstehen einer Leninphilologie“ festzustellen, „ähnlich der Goethephilologie in Deutschland oder der Pandektenliteratur des Mittelalters. Da wird also in jeder einzelnen Situation nach Band, Kapitel, Paragraph und Absatz der Satz von Lenin zitiert, der auf die gegebene Situation paßt und manchmal auch nicht paßt. An Stelle der lebendigen Kritik tritt der Gedanke: autos epha, der Meister hat’s gesagt. Nicht nur zitiert Trotzki so die Worte Lenins: er mit einer gewissen schelmischen Berechtigung, indem er Lenins Wort den leibhaftigen Pächtern Leninschen Geistes gegenüberstellt. Nicht faul, holten seine Widersacher, Sinowjew, Kamenew und Stalin alle Werke, Worte und Winke Lenins heran zu Trotzkis Widerlegung; Kommentare und Traktate reden und werden geredet … Wird so die Person Lenins gleichzeitig versteinert und in den Himmel gehoben, so geschieht das gleiche mit seinem Werk“(38).

Der politische Sieger im Fraktionskampf, Stalin, wurde auch zum maßgeblichen Interpreten und eigentlichen Begründer der „Leninismus“. Stalins ideologische Wirksamkeit auch in der Komintern setzte ein mit der Herausgabe seiner Vorlesungen „Über die Grundlagen des Leninismus“ (1924) an der Swerdlow-Universität. Hier proklamierte Stalin:

„Der Leninismus ist der Marxismus der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution. Genauer: Der Leninismus ist die Theorie und Taktik der proletarischen Revolution im allgemeinen, die Theorie und Taktik der Diktatur des Proletariats im besonderen. Marx und Engels wirkten in der vorrevolutionären Periode …“ (zitiert nach Nowacki, S. 222).

Damit wird auch der Hegemonieanspruch der KPdSU in der Komintern begründet. Bereits 1925 taucht dieser Text als Pflichtlektüre in Schulungen der KPD auf. 1931 verordnete Stalin in einem Brief an die Redaktion der „Proletarskaja Rewoluzija“, daß über die „Axiome“ des Bolschewismus nicht diskutiert werden dürfe. Die von ihm geforderte „Wissenschaft“ – in „bolschewistische Bahnen“ gelenkt – erscheint obligatorisch in der „Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki), Kurzer Lehrgang“ (1939). Dort wird im Kapitel „Über dialektischen und historischen Materialismus“ der „Marxismus-Leninismus“ auf einigen zwanzig Seiten in ein Formelsystem gegossen: der „historische Materialismus“ gilt nun als eine Ausdehnung der Leitsätze des „dialektischen Materialismus“ auf die Gesellschaft.

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Die Arbeiten Kurt Sauerlands „markieren den vollständigen Übergang der KPD auf stalinistische Positionen“ (Nowacki). Dieser „Haustheoretiker im Münzenberg-Konzern“ – so das theoretische Organ der KPO „Gegen den Strom“ – war Chefredakteur des „Roten Aufbaus“, gehörte der Gruppe um Heinz Neumann an und verteidigte noch im Juni 1933 die Sozialfaschismus“theorie“. Er schrieb auch Artikel für die „Rote Fahne“ und die „Internationale“ und war Lehrer an der Masch in Berlin im Fach Dialektischer Materialismus.

In seinen programmatischen Aufsätzen geht es um „eine lebensbejahende und zukunftsfrohe, fortschrittliche Weltanschauung“ im Anschluß an Lenin und um die Popularisierung der „materialistischen Dialektik“. Als Grundlage seines 1932 erschienenen Lehrbuches „Der dialektische Materialismus“ formuliert Sauerland:

„Ist es heute unmöglich, den dialektischen Materialismus nicht als Lehre des Marxismus-Leninismus darzustellen, nicht die Höherentwicklung der Dialektik bei Lenin als Ausgangspunkt zu nehmen, so es es auch unmöglich, dies ohne eine kritische Auseinandersetzung mit den wichtigsten falschen Auffassungen über Lenin als Theoretiker und allen Entstellungen des Leninismus zu tun. In diesem Punkte konnte ich mich auf die Lehren des bedeutendsten Meisters der marxistischen Theorie der Gegenwart, auf Stalin, stützen, dem das Verdienst zufällt, den Leninismus gegenüber allen Entstellungen in seiner wahren Gestalt gelehrt, auf die Praxis angewandt und weiter konkretisiert zu haben“(39).

„Der dialektische Materialismus nun, sagten wir, ist die revolutionär-proletarische Klassen- und Parteiphilosophie. … Der dialektische Materialismus ist … die Philosophie der fortgeschrittensten Teile des revolutionären Proletariats, die am besten, am klarsten und folgerichtigsten die Interessen der Gesamtklasse zum Ausdruck bringen und verteidigen. Er ist die theoretische Grundlage der Vorhut der proletarischen Klasse, das heißt die Philosophie der Partei, der Führerin des revolutionären Proletariats, und insofern diese Partei die Vorhut und die höchste Form der Klassenorganisation des Proletariats ist, insofern ist die Theorie der Partei die höchste und entwickeltste Form der proletarischen Klassenideologie“(40).

Hier zeigt sich deutlich die Instrumentalisierung der „Theorie“ in der Hand der „leninistischen“ Parteileitung.

Die Art und Weise wie sich Sauerland mit den Widersachern des „Leninismus“ auseinandersetzt, zeigt etwa seine Behandlung Rosa Luxemburgs. Im Anschluß an die Aufzählung ihrer Häresien über die „Rolle der Partei und Organisation, Gewerkschaftstaktik, Imperialismus, nationale Frage, Kolonialfrage usw.“ heißt es:

„Auf dieser Plattform hat sich eine ganze Schule entwickelt, der Luxemburgianismus, der heute die theoretische Plattform konterrevolutionärer Richtungen geworden ist. Schon früher wurden die Argumente der Luxemburgschen Theorien gegen den Leninismus verwandt, wie ja Rosa Luxemburg selbst schon im Jahre 1903 Lenin und die Bolschewiki angriff; heute aber sind ihre Theorien in besonderem Maße zu Waffen des Trotzkismus und anderer konterrevolutionärer Gruppierungen geworden, wie der Brandlerianer (d.h. der KPO, U.W.) oder z.B. der ‚Sozialistischen Arbeiter-Partei‘, die die klägliche Aufgabe zu erfüllen hat, die nach vielen Enttäuschungen den revolutionären Weg suchenden sozialdemokratiscben Arbeiter aufzufangen und in einer scheinrevolutionären Politik wieder an den Sozialfaschismus zu fesseln“(41).

Nach Nowacki „(liegt) die Bedeutung von Sauerlands Buch darin, daß er mit den philosophischen Traditionen des deutschen Sozialismus – auf seine Weise – abrechnete und der Lenin-Stalinschen Philosophie eine umfangreiche Begründung gab.“ (S. 244).

Wilhelm Reich schrieb 1934 in seinem kritischen „Beitrag zur Neuformierung der Arbeiterbewegung“: „Was ist Klassenbewußtsein?“:

„Die marxistische Methode wurde für sich als Philosophie betrieben, meist in Form von endlosen Debatten über ‚Zufall und Notwendigkeit‘, die kein gewöhnlicher Sterblicher verstand. Das berühmt gewordene Buch von Kurt Sauerland über den ‚Dialektischen Materialismus‘ war ein Musterbeispiel dieser Art; es war Verflechtung von philosophischem Formalismus und Parteiopportunismus. Die wissenschaftliche Forschungsarbeit auf naturwissenschaftlichem Gebiet lag brach; auf gesellschaftlichem kaum weniger. Der Sachkenntnis der bürgerlichen Forscher war man nicht gewachsen. Selbst die Zeitschrift ‚Unter dem Banner des Marxismus‘, die die Aufgabe hatte, die marxistische Wissenschaft zu pflegen und auszubauen, erstarrte, von einigen guten Arbeiten abgesehen, in formelhafter Sprache und in abstrakter Dialektik. Keine Rede davon, daß sie Diskussionen angeregt, in bürgerlich-wissenschaftliche Streitfragen anders eingegriffen hätte, als durch Beteuerungen der revolutionären Treue“.(42).

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Anmerkungen und Zitatennachweise

(1) Insb. auf Liebknechts Kritik an der Marxschen Werttheorie („eine echte Erbsünde“), die Nowacki nicht behandelt, ist zurückzukommen.

(2) Karl Liebknecht: Studien über die Bewegungsgesetze der gesellschaftlichen Entwicklung, Hamburg 1974, S. 38

(3) ebenda, S. 48

(4) ebenda, S. 270

(5) ebenda, S. 173

(6) ebenda, S. 25

(7) Zitiert nach Rosa Meyer-Levine: Im Innern Kreis, Köln 1979, S. 109

(8) Auf diese Problematik ist im einzelnen zurückzukommen, und dabei auch Hendrik de Mans: Zur Psychologie des Sozialismus (1926) zu berücksichtigen.

(9) Karl August Wittfogel: Die Wissenschaft der bürgerlichen Gesellschaft, Berlin 1922, S. 50

(10) ebenda, S. 18

(11) Rezension in Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung, hg. v. D. Carl Grünberg, 11. Jg., Leipzig 1925, S. 226

Und Lukács fährt fort: „Freilich setzt eine solche Auffassung eine tiefergreifende Analyse der ökonomischen Struktur der Gesellschaft und ihrer ideologischen Folgen voraus, als sie W. vornimmt. Sie darf nicht bei den – relativ – einfachen Analogien zu Großbetrieb und Kleinbetrieb, Akkumulation etc. stehen bleiben, sondern muß von den methodisch grundlegenden Kapiteln der marxistischen Lehre, vom Warenfetisch ausgehend, die verschiedenen Wissenschaften auf Ihre Struktur hin zu untersuchen, um von hier aus auf die klassenmäßig bedingte Soziologie ihrer Fragestellungen, ihrer Methode usw. zu stoßen.

Erst dann könnten die typischen Probleme der modernen bürgerlichen Wissenschaft, ihr ‚Formalismus‘, die spezifische Art ihrer ‚Arbeitsteilung‘ (die Probleme der scharf abgegrenzten und höchstens eklektisch zusammengefaßten ‚Einzelwissenschaften‘) usw. als konkrete, soziologische Probleme beleuchtet werden.“, ebenda, S. 226

(12) Wir können hier nicht weiter auf diese Problematik eingehen. Eine gute Zusammenfassung gibt Wittfogel in seinem Aufsatz: Die Theorie der orientalischen Gesellschaft“, in: Zeitschrift für Sozialforschung, Jg. 7, Paris 1938, S. 90-122. Er sieht hier die „künstliche Bewässerung als spezifizierendes Moment der agrikolen Produktion“ und die „Größenordnung des Wasserbaus als zweites spezifizierendes Moment“. „Der dogmengeschichtlichen Tradition folgend, bezeichnen wir die Produktionsweise … als asiatische Produktionsweise, das daraus erwachsende Produktionsverhältnis als das der orientalischen Gesellschaft und den dieser Gesellschaft entsprechenden Staat … als orientalische Despotie.“, ebenda, S. 102

(13) „Während die Herren Sowjetrußlands ein Wesensmerkmal einer agrardespotischen Gesellschaft, die monopolistische Stellung ihrer herrschenden Bürokratie bewahrten, taten sie doch viel mehr als nur jene Gesellschaft aufrechtzuerhalten. … Die Agrardespotie der alten Gesellschaft, die höchstenfalls semimanagerial war, vereinigte totale politische Macht mit beschränkter sozialer und geistiger Kontrolle. Die industrielle Despotie der vollentwickelten und total managerialen Apparatgesellschaft vereinigt totale politische Macht mit totaler sozialer und geistiger Kontrolle.“, Karl A. Wittfogel: Die Orientalische Despotie, Ffm-Berlin-Wien 1977, S. 54-45. Nach dieser Horrovision kann für Wittfogel nur noch die Frage stehen: „Kann der Westen diese Entwicklung, die das System der bürokratischen Staatssklaverei auf zwei Drittel der Menschheit ausdehen würde, aufhalten?“, ebenda. S. 551. Von der Wittfogelschen Analogie von asiatischer Produktionsweise und heutiger SU zehren viele Kritiker bis hin zu Rudi Dutschke und Rudolf Bahro.

(14) Hier wäre vor allem eine genaue Analyse von „Geschichte und Klassenbewußtsein“ (1923) zu leisten und die Auseinandersetzung um dieses Werk und seine unterschiedliche Rezeption zu verfolgen.

(15) Georg Lukács : Geschichte und Klassenbewußtsein, Neuwied und Berlin 1970, S. 51

(16) ebenda, S. 71

(17) ebenda, S. 372. Lukács schreibt in einer Fußnote: .,Diese Beschränkung der Methode auf die historisch-soziale Wirklichkeit ist sehr wichtig. Die Mißverständnisse, die aus der Engelsschen Darstellung der Dialektik entstehen, beruhen wesentlich darauf, daß Engels – dem falschen Beispiel Hegels folgend – die dialektische Methode auch auf die Erkenntnis der Natur ausdehnt. Wo doch die entscheidenden Bestimmungen der Dialektik: Wechselwirkung von Subjekt und Objekt, Einheit von Theorie und Praxis, geschichtliche Veränderung des Substrats der Kategorien als Grundlage ihrer Veränderung im Denken etc. in der Naturerkenntnis nicht vorhanden sind.“ ebenda, S. 63

(18) ebenda, S. 364 und S . 297-98

(19) ebenda, S. 381-82

(20) ebenda, S. 307-9

(21) ebenda, S. 497

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(22) Karl Korsch: Marxismus und Philosophie, Ffm 1966, S. 110

(23) ebenda, S. 100

(24) ebenda, S. 162

(25) Grigori Sinowjew: Bericht über die Tätigkeit der Exekutive, in: Furio Cerrutti u.a.: Geschichte und Klassenbewußtsein heute, Amsterdam 1971, S. 64-65

(26) Hermann Duncker: Zur Propaganda des Marxismus-Leninismus, in: Die Internationale, Jg. 9, 1925, Heft 3, S. 85

(27) Die Rechtsopposition, die sich in ihren führenden Köpfen aus alten Kadern der Spartakusgruppe, hervorgegangen aus der Linksopposition in der Vorkriegssozialdemokratie, rekrutierte, versuchte eine Synthese von Lenin und Luxemburg. Sie wandte sich gegen den „Linkskurs“ von KPD und Komintern und kritisierte die „Sozialfaschismus“- und RGO-Politik und versuchte eine proletarische Einheitsfront – auch entgegen der späteren Volksfrontpolitik – gegen den Faschismus zu bilden. Thalheimers Analyse des Faschismus gehört wohl zum besten, was der „Marxismus der 3. Internationale“ leistete. Die theoretischen Diskussionen derKPO werden dokumentiert in dem, jetzt auch als Nachdruck vorliegenden, theoretischen Organ der KPO „Gegen den Strom“.

(28) August Thalheimer: Über den Stoff der Dialektik, in: Die Internationale, Jg. 5, 1923 Heft 8, S. 270-71

(29) August Thalheimer: Einführung in den dialektischen Materialismus, Wien und Berlin 1928 (Reprint Bremen o.J.), S. 93, 100, 112, 119, 127

(30) ebenda, S . 148-49

(31) Adalbert Fried: Der erste Band des Marx-Engels-Archivs, in: Die Internationale, Jg. 9, 1926, Heft 13, S . 414(32) Karl Marx: Der historische Materialismus, 1. Bd., hg. v. S. Landshut und J.P. Mayer, Leipzig 1932, S. XXXIII

(33) Paul Braun: Faschistische Ideologie unter der falschen Flagge des Marxismus, in: Die Internationale, Jg, 15, 1932, Heft 1, S. 201

(34) An dieser Stelle kann nicht auf Lenins Kritik an Mach eingegangenwerden. Zur Auseinandersetzung um Mach und seine Rezeption in der Arbeiterbewegung siehe Nowacki, S. 193-96

(35) A. Fried: Der Kampf gegen den philosophischen Revisionismus, in: Die Internationale, Jg. 11, 1928, Heft 1, S. 16

(36) Korsch, ebenda, S. 61-62

(37) Anton Pannekoek: Lenin als Philosoph, Ffm 1969, S. 114, 115, 116

(38) Paul Levi: Einleitung zu Trotzki: 1917 – Die Lehren der Revolution, in: derselbe: Zwischen Spartakus und Sozialdemokratie, Ffm 1969, S. 143-44

(39) Kurt Sauerland: Der dialektische Materialismus, Berlin 1932, S. 5

(40) ebenda, S. 286

(41) ebenda, S. 133

(42) Ernst Parell (d.i. Wilhelm Reich): Was ist Klassenbewußtsein?, Kopenhagen-Paris-Zürich 1934, S. 52