31.12.1989  Beitrag drucken

Marxistische Kritik 6 — Editorial

Wenn diese „MK“-Ausgabe für unsere bisherigen Begriffe recht schnell auf ihre Vorgängerin folgt, so hat das nicht allein mit dem erfreulichen Umstand zu tun, dass sich der Kreis unserer Autoren allmählich erweitert und unser Projekt „Marxistische Kritik“ mittlerweile insgesamt stabilisiert hat. Neben unserer eigenen Entwicklung spielt hier ein anderer „externer Faktor“ eine wesentliche Rolle und treibt uns zur Eile: die brisante Lage der Weltwirtschaft.

Durchblättern wir die Tagespresse, zumal die Wirtschaftszeitschriften, so macht sich in unseren Reihen klammheimlich die Panik breit, dass vielleicht schon sehr bald ein weiterer monetärer crash den Weltmarkt aus seinem momentanen instabilen Gleichgewicht kippen und eine tiefe Depression einläuten könnte, noch bevor wir eine Zeile zur Logik der modernen Weltmarktentwicklung veröffentlicht haben. Diese stille Befürchtung wird durch den neuen Wachstumsoptimismus von amtlichen Konjunkturforschern und grossen Teilen der bürgerlichen Publizistik eher noch geschürt als gedämpft. Unmittelbar vor den grossen wirtschaftlichen Einbrüchen haben die zuständigen Wirtschaftsfachleute immer in höchsten Tönen über die berauschenden Perspektiven jubiliert, und es besteht nicht der geringste Anlass anzunehmen, dass diese Sorte von Experten diesmal mehr Glück hat als ihre verblichenen Vorgänger. Denn keines der grundlegenden Probleme, die im Oktober 1987 zum mittlerweile schon wieder glücklich verdrängten Börsenkrach führten, ist in der Folgezeit entschärft, geschweige denn gelöst worden. Im Gegenteil. Das berüchtigte US-Doppeldefizit wächst und gedeiht wie eh und je, die private und öffentliche Verschuldung erreicht weltweit neue Rekordhöhen und auch die Zahlungsunfähigkeit wichtiger Schuldnerländer der 3.Welt ist nur durch krude Bilanzierungstricks einstweilen vom Tisch heruntermanipuliert worden. Selbst der sowjetische weltwirtschaftliche Juniorpartner musste neuerdings die „Entdeckung“ eines eigenen gigantischen Haushaltsdefizits bekanntgeben. Die Überwindung der akuten Kalamitäten am Aktienmarkt im Herbst 1987 durch die verzweifelte Schaffung zusätzlicher Liquidität hat nur zu einer wirtschaftlichen Scheinblüte, einem Boom auf Pump geführt und wirkt mittelfristig selber als krisenverschärfendes Moment. 1 Die aufgetürmte Rechnung muss irgendwann bezahlt werden, die Frage ist nur, wie lange sich der Zahltag noch hinauszögern lässt. Die Weltwirtschaft hat sich in entscheidenden Sektoren in ein gigantisches Schwindelgeschäft verwandelt, dessen schiere Grösse und Komplexität bisher allein den Zusammenbruch hinausgeschoben haben. Sicher, die Zersetzung des kapitalistischen Reproduktionsmechanismus benötigt mehr Zeit und nimmt verwickeltere Formen an als der Einsturz einer Hundehütte. Entsprechend schwierig bis unmöglich ist es, heute schon Prognosen über die genaue Verlaufsform zu treffen; die angestaute monetäre Lawine wird aber so oder so mit verheerenden Folgen abgehen. Der herrschende Ist-Zustand beruht allein auf der Streckung und Vertagung der drängenden grundsätzlichen Probleme und kann daher nicht von Dauer sein, auch wenn der weise gewordene linke und bürgerliche Alltagsverstand es gerne so hätte.

Die Einsicht in die Gefahren, die aus dem längst überspannten Kreditüberbau entspringen, ist für sich genommen allerdings nicht sonderlich originell. Von der drohenden Zuspitzung im monetären Sektor und einer bevorstehenden „harten Landung“ trällert schon seit etlichen Jahren eine erkleckliche Anzahl Spatzen verschiedenster Couleur ihr munteres Liedchen von allen Dächern. Diesmal geht dem akuten Ausbruch der realen „Überakkumulationskrise“ parallell zur üblichen amtlichen Schönfärberei auch die Überakkumulation von Kassandren voraus. Neben dem Exbundeskanzler Helmut Schmidt hebt auch ein füllig gewordener kubanischer Revolutionsführer warnend den Finger, und auch Alexander Schubert, Elmar Altvater und US-Ex-Notenbankpräsident Volcker wissen seit geraumer Zeit, wie wackelig es um den aufgeblähten Kreditüberbau steht. Hätten wir nicht mehr zu sagen als diese honorigen Herren, so könnten wir genausogut schweigen. Wollten wir nur die akuten Weltmarktspannungen skizzieren, so wäre es ein reichlich überflüssiges Unterfangen, mit unserem Piepsstimmchen in deren Chor einzufallen.

Unsere Position erschöpft sich aber keinesfalls in der braven Wiederholung all der bereits mehr oder minder überzeugend vorgetragenen Argumente, die für eine baldige gründliche Erschütterung der Weltmarktverhältnisse sprechen. Die Perspektive, unter der wir die aktuellen Weltmarktprobleme betrachten, ist in ihrer ganzen Ausrichtung dem Lamento der wirtschafts- und finanzpolitischen Mahner entgegengesetzt und viel weitreichender. Wir setzen die drohende akute Zuspitzung auf den Weltfinanzmärkten in Beziehung zur Entwicklung der bürgerlichen Verkehrsform überhaupt. Für uns verweist die zum Zerreissen angespannte Situation hier über sich hinaus und auf die reale Aushöhlung der Basiskategorien der bürgerlichen Gesellschaft. Die Welt der Börse und der Finanzen insgesamt, mit ihren heftigen und verwirrenden Ausschlägen, zeigt nur als Seismograph die zugrundeliegende Zersetzung der Wert- und Geldbeziehung überhaupt.

Dieser innere Bezug wird von keinem der zahlreichen Weltmarktkritiker wahrgenommen und von der linken Variante dieser Spezies sogar ausdrücklich eskamotiert. Die Ablehnung jeder „Zusammenbruchstheorie“ ist das Paradigma, das der empirischen Aneignung der Krisenwirklichkeit immer schon vorausgesetzt ist. Damit wird der Zugriff auf die Totalität der Krisenerscheinungen aber ebenso apriori abgebogen und die Untersuchungen verlieren sich im krisenphänomenologischen Gestrüpp. Wie krass verschiedene Autoren, etwa Alexander Schubert, auf dieser Grundlage auch die unmittelbaren Folgen der monetären Verwicklungen schildern können, der theoretische Rahmen innerhalb dessen sie das empirische Material sichten, verharmlost die in dieser Krise enthaltenen historischen Potenzen und fährt sie auf das Niveau einer der zahllosen Friktionen herunter, die den unaufhaltsamen Aufstieg der kapitalistischen Produktionsweise seit jeher begleitet haben. Der schillernd halbherzige Charakter dieser Auseinandersetzungen mit der Wirklichkeit wird besonders krass und schreiend, wenn es um praktische politische Schlussfolgerungen geht. Die geistreiche Aufforderung an den „IWF“, er möge doch zu den „Idealen seiner Gründung zurückkehren“, ist kein einmaliger Ausrutscher, sie ist nur folgerichtig von dem Standpunkt aus, in den sich die linken Kritiker hoffnungslos verrannt haben. Die politischen Vorgaben, mit denen diese Autoren antreten, werden zum Strick, an dem sich jede theoretische Anstrengung erhängt, weil sie diese Sorte von Kapitalismuskritik unlösbar an die Existenz und Lebenskraft der bürgerlichen Vergesellschaftungsform fesseln. Die Perspektive, die Unhaltbarkeit einer weiterhin warenförmigen Reproduktion herauszuarbeiten, verbietet sich, da sie auch dem politischen Wollen und Begehren des gewohnten Ansprechpartners, jenes imaginären Reformblocks aus Gewerkschaften, linker Sozialdemokratie und Grünen, jegliche Grundlage entziehen würde. Der Gedanke eines schliesslichen Zusammenbruchs der kapitalistischen Produktionsweise muss als durch und durch „irrationale Vorstellung“ (Hilferding) erscheinen, weil er selbstverständlich die Zersetzung aller von der Wertform konstituierten Interessen, auch des „Arbeiterinteresses“, in sich schliesst. Die Perspektive der Vernichtung des gewohnten Emanzipationssubjekts, auf das sich zu beziehen die linkssozialistischen Theoretiker von alters her gewohnt sind, kann aber bei ihnen nur kaltes Schaudern auslösen. Die Krise des Werts wird zur wegzuexorzierenden Bedrohung, weil sie die „Krise der Arbeit“ als wesentliches Moment enthält, und so sind die theoretischen Vertreter des „Arbeiterinteresses“ darauf verwiesen, sich an die Fortdauer der herrschenden Verkehrsform zu klammern. Von linkssozialistischer Seite wird diese Logik auch offen und ohne Anflug von Scham ausgesprochen. Elmar Altvater etwa fragt nach einem alternativen „revolutionären Subjekt“, kann es innerhalb der Wertlogik natürlich nicht ausmachen und springt dann zur Behandlung der Krise unter dem Motto: es kann nicht sein, was nicht sein darf. Auf diese Weise färben die politischen Wahrnehmungsmuster den theoretischen Zugriff und modellieren ihn nach ihrem Bilde. Die Unhaltbarkeit der traditionellen Arbeiterbewegung unter den Bedingungen der neuen Krise wiederholt sich im schlechten Utopismus linkssozialistischer Konzepte, die zu guter letzt die Realanalyse ersetzen. Weil die Reformer jeder Provenienz eine Gesellschaft jenseits von Wert und Ware nicht denken können und daher von vornherein die Frage nach der systemsprengende Potenz der Krise unter Bann stellen, müssen sie in brutaler Interessiertheit am Stoff und ohne Rücksicht auf Verluste ihre theoretischen Anläufe alsbald in das Fahrwasser „praktikabler“ -sprich Wert und Ware blind voraussetzender- politischer Lösungsvorschläge umbiegen. Die theoretische Erklärungskraft fällt dem politisch motivierten Präjudiz zum Opfer, die apologetische Grundhaltung verschluckt den Willen zur analytischen Durchdringung und mündet in ein Denkverbot. Die Krisenphänomene, die die gegenwärtige Situation bestimmen, werden nicht in ihrem logischen Zusammenhang untersucht, sie erscheinen als vereinzelte, zufällige und daher auch beliebig revidierbare Umstände. Die Einheit liegt nicht in der Sache selbst, sondern in der Magie politischer Strategien und Zugriffsmöglichkeiten. Das reformistische Denkverbot hat dabei natürlich verschiedene Durchsetzungsformen. Die erbärmlichste Variante liefert der unsäglich Memorandum-Häuptling Rudolph Hickel. Er verlässt das Gebiet ökonomischer Betrachtungen bereits bei der Behandlung des Zusammenhangs zwischen monetärer Krise und Entwicklung der Realakkumulation. Auf die Untersuchung dieser Beziehung lässt er sich vorsichtshalber erst gar nicht ein, und handelt stattdessen die Entkopplung des Kreditüberbaus mit Vorliebe unter der Rubrik „falsche politische Entscheidung“ und als Produkt der „Kräfteverhältnisse der Klassen“ ab. Durch diese ideologischen Prämissen von der Realität der Weltmarktkrise perfekt abgeschottet, lässt es sich natürlich leicht und umstandslos über alternative Wirtschaftspolitik phantasieren. Wenn die „Krise des Geldes“ falschen politischen Entscheidungen geschuldet ist, kann sie auch leicht und locker durch andersgeartete wirtschaftspolitische Massnahmen ausser Kraft gesetzt werden. Es kommt dann allein darauf an, entsprechende Mehrheiten zusammenzukratzen, um einen neuen Kurs durchzusetzen. So abgrundtief dumm wie dieser Vulgärmarxist 2sind mehr empirisch orientierte Autoren wie Elmar Altvater und Alexander Schubert natürlich nicht. Intellektuell ein wenig skrupulöser erfolgt ihr Absprung aus dem Universum der realen Untersuchung des Weltmarktzusammenhangs ins Reich politischen Wunschdenkens und Fabulierens erst einige Schritte später. Sie wissen, dass hinter den Kalamitäten, die sich zunächst in der Welt der Finanzen entladen, die Schwäche der Realakkumulation auf ihrer eigenen Grundlage steht. Die Erklärung bleibt dabei aber merkwürdig blass und unkonkret. Sie kommt nicht darüber hinaus, die traditionelle Überakkumulationstheorie wieder aufzugreifen und verwässert, dafür aber unergründet, fortzuschreiben. Getaucht in wohliges Dunkel, wird der Verweis auf die Realakkumulation zur black box, in der sich jedes ernstzunehmende theoretische Bemühen in Wohlgefallen auflöst. Die gegenwärtige Krise verliert jede besondere Qualität, die sie von ihren Vorgängern unterscheiden könnte. Unter dem populären Stichwort „Auslaufen des fordistischen Akkumulationsmodells“ wird die entscheidende Ebene der Realakkumulation zwar angesprochen, aber gleichzeitig entwirklicht und abgehakt. Die scharfe Abgrenzung gegen jede Form „teleologischen“ Denkens etabliert unter der Hand den Glauben an die Wiederkunft des Gleichen zur ideologischen Grundfigur, und die Entwicklung der kapitalistischen Vergesellschaftungsform verliert sich im konjunkturellen Wellenschlag. Altvater, Hirsch und Konsorten exorzieren jede säkulare Trendlinie weg und lösen die Geschichte des Kapitalverhältnisses in die Abfolge verschiedener „Akkumulationsmodelle“ auf, zwischen denen kein innerer Zusammenhang, geschweige denn so etwas wie eine Entwicklungslogik auszumachen ist. In Anlehnung an die Tradition der „lange Wellen-Debatte“ gehen sie davon aus, dass Abschwung- wie Aufschwungsphasen in der Geschichte der Weltwirtschaft gleichermassen unvermeidlich sind und konstruieren sich nach dem Ausbrennen des fordistischen Akkumulationsmodells einen neuen Wachstumszyklus zurecht, der in den 90er Jahren einsetzen soll und wieder ein reformfreundliches Klima herstellen könnte. Mit einem Bein schon fest im Wolkenkuckucksheim von künftiger Prosperität verankert, erscheint die gegenwärtige Krisenphase nur als ärgerliche Unterbrechung, deren soziale Folgen es so gut wie möglich abzufedern gilt. Der eigentliche Blickwinkel gilt nicht ihr, stattdessen schauen Hirsch/Roth und Co. bereits dem phönixhaft-wiedergeborenen Kapitalismus ins neu gestylte Angesicht. Mit traumtänzerischer Sicherheit bewegen sie sich bereits jenseits der schnöden Krisenwirklichkeit und freuen sich der selbstgemalten Sonne eines „postfordistischen“ Neo-Neokapitalismus.

Trotzdem bleiben natürlich einige Sorgen für die nähere Zukunft. Um auch in der Zwischenzeit konzeptionell vertreten zu sein und um zu verhindern, dass zwischen dem Ende des „fordistischen Akkumulationsmodells“ und seinem hoffnungsfrohen phantastischen Nachfolger allzu viel Porzellan zerbricht, halten die linkssozialistischen Ökonomen aber noch das Zaubermittelchen „politischer Faktor“ bereit. Früher oder später hüpft dieses Springteufelchen unvermeidlich aus der Kiste, und der Kampf für „Demokratisierung“ darf die Wartezeit auf die weihnachtliche Wachstumsbescherung, die das kommende Jahrzehnt verspricht, ein wenig verkürzen. Sobald die linkssozialistischen Ökonomen versuchen, zu praktischen Konzepten durchzustossen, fällt die Erklärungs- und Überzeugungskraft ihrer Gedankengänge unter den Gefrierpunkt und kippt ins Tragikomische. Die reformistischen Voraussetzungen ziehen die praktischen Schlussfolgerungen auf das gleiche erbärmliche Nullniveau hinunter, das wir schon von den Memorandumleuten zur Genüge kennen. In seinem Buch „Sachzwang Weltmarkt“ etwa steht Elmar Altvater gegen Ende des Buches vollkommen nackt und entblättert vor uns. Er entblödet sich nicht, billigstes Demokratisierungsgefasel als Lösung für die drängenden Probleme des hochverschuldeten Brasilien verkaufen zu wollen und erhebt sich schliesslich, leere Phrasen dreschend, vollkommen über die schreienden Probleme des bankrotten Landes:

„Eine alternative Strategie regionaler Entwicklung kann sich infolgedessen nur zwischen den Klippen der Skylla der Offenheit und der Charybdis der Abgeschlossenheit gegenüber dem Weltmarkt bewegen. Sie kann also die Tendenzen der Kapitalverwertung weder negieren oder ausschliessen noch darf sie sich ihnen unterwerfen, sich auf sie einlassen; sie muss reformistisch sein….“ (Elmar Altvater, „Sachzwang Weltmarkt“, Hamburg 1987, S.312).

Besser als mit solchen vielsagend-nichtssagenden Triaden lässt sich die Haltlosigkeit der linkssozialistisch-neoreformistischen Positionen kaum mehr dokumentieren. Die hilflose Krankenschwester am Bett des todkranken Kapitalismus brabbelt geschäftig und unsinnig, weil es unüblich geworden ist, zur gegebenen Zeit nach dem Pfarrer zu läuten.

Wenn wir von den schreiend unsinnigen praktischen Schlussfolgerungen einmal absehen, mit denen die linkssozialistische Konkurrenz hausieren geht, und auf die ursächliche, theoretische Ebene rekurrieren, so lassen sich alle Mängel dieser Position in letzter Instanz auf ein Hauptmanko zurückführen. Der grundsätzliche theoretische Fehler besteht darin, wie Empirie und Kapitallogik aufeinander bezogen werden, nämlich nur äusserlich bis gar nicht! Beide Ebenen erscheinen beziehungslos nebeneinander, die ontisch-kapitallogischen Bestimmungen stehen unveränderlich einer stets bunt wechselnden empirischen Oberfläche gegenüber. Die Kluft, die im traditionellen Marxismus allgemeinste Kapitallogik und empirische wirtschaftswissenschaftliche Untersuchungen als Spezialdisziplinen scharf voneinander trennt, wird perpetuiert und auf die Spitze getrieben. Während aber die Dichotomie von allgemeiner Logik und empirischen Phänomenen für ein unentwickeltes Kapitalverhältnis, solange das Kapital noch nicht zu seinem Begriff gekommen ist und die empirische Wirklichkeit von ausserkapitalistischen Momenten mitbestimmt wird, einer gewissen Rechtfertigung nicht entbehrt, wird sie gerade unter den heutigen Bedingungen hinfällig. Die künstlich gewordene Trennung dient nur mehr apologetischen Zwecken und schiebt sich als dicker Nebel vor die Durchdringung der modernen Wirklichkeit. Erst der zeitgenössische Kapitalismus ist Kapitalismus sans phrase, Kapitalismus auf seiner ureigenen, selbst geschaffenen Grundlage. Die Grundeinsichten in die allgemeinste Logik des Kapitals, wie sie Marx in seiner Kritik der politischen Ökonomie formuliert hat, gelten nicht im wesentlichen heute auch noch, wie der konservativ gewordene Marxismus es sich zugute hält, sie haben sich erst in den letzten Jahrzehnten zur vollen Wirklichkeit aufgeschwungen! Mit der historischen Entfaltung des Kapitalverhältnisses nähert sich die empirische Wirklichkeit zusehends ihrem von Marx in wesentlichen Zügen schon antizipierten eigenen Begriff, und die Analyse der realen Durchsetzungsform kapitalistischer Vergesellschaftung fällt heute mehr und mehr mit der Dechiffrierung der begrifflichen Logik des sich verwertenden Werts in eins.

Die beiden zentralen Artikel dieser Ausgabe reflektieren diesen Sachverhalt, wenn auch erst im Ansatz und als polemische Prolegomena noch zu leistender Untersuchungen, in denen die hier angesprochene Wiedergewinnung der Einheit von „Theorie“ und „Empirie“ einzulösen wäre.

Robert Kurz versucht in seinem Beitrag „Alles im Griff auf dem sinkenden Schiff“ die hier im Editorial bereits angerissene Grundsatzkritik am krisentheoretischen Raster der zum bürgerlichen „Realismus“ degenerierten akademischen Linkssozialisten (z.B. Hickel, Schubert, Altvater, Hirsch/Roth usw.) detaillierter auszuführen. Im Mittelpunkt steht dabei das Verhältnis von immanenten „Wachstums“-Potenzen der arbeits-fetischistischen Warenproduktion, konkurrenzvermittelter „postfordistischer“ Produktivkraftentwicklung und „Politik“, wobei die theoretische Begriffs- und Haltlosigkeit des gegenwärtig publizistisch und politisch sich spreizenden Neo-Reformismus aufgezeigt wird.

Der Artikel „Staatskonsum und Staatsbankrott“ von Ernst Lohoff setzt diese Argumentation auf einer etwas anderen Ebene fort. Akkumulationstheoretisch wird dabei zunächst das Verhältnis von „tendenziellem Fall der Profitrate“ und „Profitmasse“ (auch theoriegeschichtlich) erörtert, um von da aus die Hilflosigkeit der gängigen marxistischen Krisen- und Akkumulationstheorien gegenüber dem Keynesianismus herauszuarbeiten. Eine besondere Rolle spielt dabei die Kritik des neomarxistischen wie linkskeynesianischen Staatsfetischismus und des naiven Glaubens an die „politische“ Verewigungsfähigkeit des „deficit spending“ ohne Rekurs auf die jedem bewussten Zugriff entzogene Sphäre der Realakkumulation.

Nuno Tomazky schliesst die krisentheoretische Auseinandersetzung dieser Ausgabe der „MK“ mit einer Polemik gegen das andere Ende des linken politischen Spektrums ab: in seinem Beitrag „Militanter Empirismus und IWF-Kampagne“ wendet er unsere grundsätzliche Kritik am bürgerlichen Subjekt-Fetisch der Linken gegen den Scheinradikalismus der Autonomen. Anhand der letzten Ausgabe der Zeitschrift „Autonomie (Neue Folge)“ beschäftigt er sich militant mit den Illusionen der subjektivistischen Militanz, die keine objektive Reproduktionskrise der Warenform, sondern nur Ausbeutungs- und Genozid-Projekte einer kapitalistischen Weltverschwörung kennt, denen sie nichts entgegenzusetzen hat als den reaktionären Mythos präkapitalistischer Subsistenzwirtschaft. Tomazky weist gleichzeitig nach, dass es sich bei dem Eklektizismus dieses Theorems um eine Verfallsform des klassischen Operaismus der 60er und 70er Jahre handelt.

Noch einmal einen grossen Raum nimmt schliesslich die letzte Folge der Artikelserie von Peter Klein über „Moderne Demokratie und alte Arbeiterbewegung“ ein. Der abschliessende Teil befasst sich mit dem „politischen Inhalt der Sowjets“, wobei anhand der Entwicklung der Oktoberrevolution die bürgerliche Fetisch-Kategorie des „Volkswillens“ auf ihren verschiedenen Erscheinungsebenen untersucht wird. Das Resultat ist ernüchternd für alle marxistischen Altgläubigen, denn der Autor weist nach, dass die unter dem „sozialistischen“ Mantel verborgene Affirmation des „Volkswillens“ als Legitimationsideologie des bürgerlichen Staates auch zu nichts anderem als der Herausbildung bzw. Vorbereitung der modernen kapitalistischen Massendemokratie dienen konnte; ein Prozess im übrigen, der erst heute unter unseren Augen krisenhaft zum Abschluss zu gelangen scheint.

Mit dem Ende dieser Artikelserie soll für die „MK“ die Periode der Bandwurm-Grundsatzartikel zu Ende gehen. In Zukunft werden wir solche Texte nicht mehr derart auseinanderreissen und die Zeitschrift damit belasten, sondern sie gleich in Buch- bzw. Broschürenform veröffentlichen, ein Vorgehen, das ihnen vielleicht auch eher das verdiente Leserinteresse sichert. Das bereits im Editorial der „MK“ 5 gegebene Versprechen wird also erst mit der Nr. 7 endgültig eingelöst, die in einem für unsere Verhältnisse kurzen Abstand folgen soll.

Die Redaktion

1In der Wirtschaftspresse und den einschlägigen neueren Publikationen wurde der Vergleich zwischen der Krise von 1929 und der von 1987 mit dem Argument beiseite geschoben, dass die Krise 1929 einer restriktiven Geldpolitik geschuldet gewesen sei, während 1987 eine klügere Wirtschaftspolitik sich der Gefahr bewusst daran gemacht hätte, auf Teufel komm raus die nötige Liquidität bereitzustellen. Diese Gegenüberstellung, an die sich damals viele Wirtschaftsbeobachter wie an einen Strohhalm klammerten, beruht auf einer völligen Ignoranz gegenüber der realen Geschichte der „Weltwirtschaftskrise“. Auch 1929 reagierten die Notenbanken auf den Börsenkrach keineswegs mit Kreditrestriktionen, wie es die Fama gerne hätte (Diese Interpretation hat übrigens Milton Friedmann zum Urheber und ist ist nur aus dessen realitätsblindem monetaristischen Credo verständlich). „Bis Oktober oder Dezember 1930 ist die Geldmenge in den Vereinigten Staaten ..nicht zurückgegangen“ (Charles P.Kindleberger, „Die Weltwirtschaftskrise“, München 1984, S.123). „Die Bank von England senkte ihren Diskontsatz dreimal zwischen dem 29.Oktober und dem Jahresende, die Niederlande und Norwegen zweimal; Österreich Belgien, Dänemark, Deutschland, Ungarn und Schweden einmal“ (A.a.O. S.124). Der Übergang zur deflationistischen Geldpolitik erfolgte erst um einiges später.

2Man verzeihe den harschen Ton. Aber wer beobachtet, mit welcher intellektuellen Unverfrorenheit gerade auf ökonomischem Gebiet von namhaften Autoren die Produktion von Seifenblasen betrieben wird, kann die Form dieser Polemik sicher verstehen.