31.12.1989  Beitrag drucken

Marxistische Kritik 7 — Editorial

Als Philipp dem Guten, Herzog von Burgund, von seinen Ärzten verordnet wurde, sich den Kopf kahl scheren zu lassen, erliess er postwendend die Anweisung, allen seinen Höflingen und Bediensteten gleichfalls Glatzen zu verpassen; eine ungewöhnliche Tat, die ihn dem oberflächlichen Betrachter vielleicht als einen frühen Verfechter der Gleichheit oder gar als einen Urvater der Demokratie erscheinen lässt.

Tieferblickende Demokraten, und ihrer gibt es neuerdings immer mehr, würden hingegen sofort etliche Einwände geltend machen. Da drängt sich zunächst das quantitative Argument auf, dass mit dem Scheren von Höflingen doch nur ein geringer Anteil der Gesamtbevölkerung erfasst sei, ein kluger Gedanke, der seine wahre Tiefe erst zeigt, wenn man ihn weiterdenkt. Sind es nicht gerade die Arbeiter und Bauern, die ungeschoren davonkommen, ausserhalb des demokratischen Schurprozesses stehen? Eine Karikatur aus der Zeit der französischen Revolution geht da schon einen Schritt weiter – auf dem Bild werden alle Klassen und Schichten unter einem riesigen Messapparat gleichgeklopft. Doch noch ein weiterer Einwand soll nicht ungenannt bleiben. Wie steht es denn bitte mit dem freien Willen der Betroffenen? Nicht, dass man etwas gegen Glatzköpfe und Gleichgeklopftheit hätte, aber doch bitte auf freiwilliger Basis, durch demokratische Entscheidung. Auf diese Weise liesse sich auch die freie Entfaltung der Individuen gewährleisten; etwa durch verschiedenste Einfärbungen der kahlen Schädel. Der moralisch integre Demokrat geht aber noch einen Schritt weiter, indem er die Argumente verknüpft: der freie Wille muss sich über alle Bereiche der Gesellschaft erstrecken und nicht nur die Gleichstellung der Arbeiter und Bauern, sondern auch ihre Verfügungsgewalt über Rasierschaum und Messer beinhalten – erst dann sei die Gleichheit vollendet. Und seien wir einmal ehrlich: was der gute Philipp da gemacht hat, war nichts weiter als eine Revolution von oben, ohne kollektive Willensbekundung der Volksmassen. Wahre Demokraten vom Schlage eines Ernest Mandel oder Henry Kissinger hätten ihn darob schnell als blossen Privilegienverteidiger entlarvt, dem es nur um die Erhaltung der Macht geht. So einig die Front der modernen Demokraten ob der Grundfrage, dass kein Schäfchen ungeschoren davonkommen solle, ist, so uneinig zeigt sie sich in den „entscheidenden“ Fragen.

So würde etwa die Fraktion der demokratischen Sowjetreformer sofort einwerfen, dass die Zeiten der Gleichmacherei ein für alle mal vorbei seien, Demokratie eben in erster Linie individuelle Motiviertheit und Verantwortlichkeit bedeute; ein strahlender Geniestreich, der den guten Kissinger sofort die Fronten wechseln lassen würde. Sein Genosse von vorhin nämlich, ruhmreicher Führer des internationalen Trotzkismus, würde im Chor mit den übrigen Linken des Westens, mittlerweile einschliesslich der Eispickelfraktion, jenes alte Lied anstimmen, welches besagt, dass wahre Demokratie nur Arbeiterdemokratie sein könne und ihr entscheidendes Kriterium die Selbstverwaltung der Betriebe sei. Was nun aber die beiden Fraktionen unterscheidet, liegt im Bewusstsein über’s eigene Ziel. So erkennen die Sowjetreformer, deren Anzahl sich mit jeder Woche mehrt, durchaus, in welche Richtung ihr Zug fährt, sodass etwa Radikalreformer Schmeljow, bei aller scharfen Kritik an der Regierung, sich streng dagegen verwahrt, ihren Mitgliedern unterstellen zu wollen, sie seien gegen eine Ausweitung der Ware-Geld-Beziehungen. Die andere Fraktion hingegen, deren Reformen glücklicherweise nur noch in schlecht sortierten Köpfen stattfinden, merkt durchaus nicht, dass ihre geliebte Selbstverwaltung der Betriebe im Grunde nichts weiter ist, als eine Affirmation der betriebswirtschaftlichen Logik, dass auch ein demokratisierter Betrieb Konkurrenzsubjekt der Warenproduktion ist.

Die fundamentale Einheit der modernen Demokraten besteht also darin, die Logik von Wert und Geld als Selbstverständlichkeit vorauszusetzen und den Arbeiter als das was er ist, Werteschöpfer und Staatsbürger, anzuerkennen. Debattiert wird nur noch über seine dementsprechenden Rechte und Pflichten.

Springen wir vom alten Burgund ins moderne China, dessen Einheitsglatzenmentalität nicht weniger berühmt ist, so gilt die naive Formulierung der Zeitschrift „Links“, dass man vom Sozialismus nur noch wisse, dass er demokratisch zu sein habe, für alle Fraktionen rezipierender Ideologen. So sehr sie allerdings alle aufrechte Demokraten sind, so sehr scheinen sie verschiedene Sprachen zu sprechen. So halten sich etwa Ping und Peng, die Hüter des himmlischen Friedens, durchaus für demokratische Verfechter des freien Marktes und Kämpfer gegen die Korruption, sich in strengen Gegensatz zur diktatorischen Kulturrevolution stellend. Während nun letzteres von der restlichen Welt begrüsst wird, stösst ersteres auf weltweiten Widerspruch. Man zeigt sich vom undemokratischen Handeln der Chefchinesen echt betroffen und drückt ein Stück weit seinen Widerstand aus, wohlbeachtend, dass man sich keinen Markt verschliesst. Die maoistische Sekte KB sieht die ganze Sache nun wieder ganz anders: die chinesische Opposition ist die legitime Nachfolgerin der demokratischen Kulturrevolution. Während der Physiker Fang Lizhi vor begeisterten Studenten vom völligen Versagen des Sozialismus spricht, wird er so von westdeutschen Projektionsspezialisten zum Kommunisten ernannt.

Jener durchaus unschuldig geschmähte Physikus liefert uns dafür ein neues Kriterium der Demokratie oder des demokratischen Staates, das an Goldigkeit kaum zu überbieten ist. Da die Bürger dem demokratischen Staat per Steuern ihr Geld zur Verfügung stellen, ist dieser ihnen gegenüber verpflichtet und sorgt nun für sie. Was der gute Fang als moralischen Vorwurf an den chinesischen Staat formuliert, ist in Wirklichkeit nur eine Einforderung wirklicher Staatsräson, wenn er auch ein kindlich harmonisierendes Bild davon zeichnet. Denn abgesehen davon, dass sich ein moderner Staat, im Gegensatz zu dem des guten Philipp, nicht über die Abgaben seiner Bürger finanzieren kann, wird uns hier ein pfiffiger Plan zur Versöhnung von Allgemeininteresse und Einzelinteresse aufgetischt, der ganz im Sinne der alten sozialistischen Propagandamethode, die Einzelinteressen der Individuen als gegebene voraussetzt, um sie dann zu bitten, ihre Verbundenheit mit dem Gesamtinteresse anzuerkennen, bzw. diese Verbundenheit „materialistisch“ (was meist per Geld meint) zu beweisen. In der einfachen Gedankenwelt des Fang Lihzi spiegelt sich eine reale Problematik der Reformen des „Realsozialismus“, einerseits die unmittelbaren Geldinteressen freisetzen zu müssen und andererseits den Staat als anerkanntes und vor allem funktionstüchtiges Gemeinwohl zu etablieren. Nach der Logik des Physikus, Geldinteresse gegen Geldinteresse aufzurechnen, hätte der chinesische Staat allerdings wenig Veranlassung, ein guter zu sein, solange seine Steuereinnehmer in Schweineställe gesperrt werden und Provinzmogule Riesensummen unterschlagen.

Ein ähnliches Problem, auf der einen Seite unmittelbar Interessenvertretung der Arbeiter zu sein und gleichzeitig das abstrakte Allgemeinwohl vertreten zu wollen, stellt sich der polnischen Gewerkschaft Solidarität, die darum langsam aber sicher den gewerkschaftlichen Löffel an die alt-offiziöse Arbeitervertretung abzugeben scheint oder vor der politischen Verantwortung kneifen muss.

Die Demokratie als Vermittlungssystem der abstrakten Teilinteressen und ihrer Parteiungen ist in den realsozialistischen Ländern noch nicht durch ein verlässliches Rechtssystem abgestützt; vor allem aber findet der Versuch einer Modernisierung der „Volksdemokratien“ mitten in einer scharfen Wirtschaftskirse statt, ein Problem, um das sich sämtliche Ideologen mit der Behauptung herummogeln, dass Demokratie aus sich selbst heraus eine funktionierende Ökonomie hervorbringe. Mit der philippischen Formel, dass keiner ungeschoren bleiben dürfe, werden alle Probleme in den Wind geschlagen. Der beliebte Wirtschaftsspassmacher Wilhelm Hankel, allseits bekannt als der letzte Keynesianer, hat denn auch gleich ein Gesamtkonzept für China und die Sowjetunion parat, dessen Zauberformel einfach Freiheit heisst: Freiheit des Individuums, Freiheit der Wahl, Preisfreiheit, Vertragsfreiheit, Freiheit des Geldhandels,, abgemischt mit ein bisschen keynesianischer Geldpolitik – und alles ist perfekt.

Freiheit des Individuums und Freiheit des Geldes – ist das nicht die grosse Gesamtideologie bürgerlichen Denkens, die endlich noch ein klein wenig Salz in den schalen Eintopf der Demokraten bringt? Doch weit gefehlt – am Geld scheiden sich die Geister.

Als Philipp der Gute sich des Erzbistums Utrecht bemächtigen will, hegen die Holländer und Friesen Zweifel an seiner Liquidität. Flugs lässt er aus Lille zwei Geldkisten mit zweimalhunderttausend goldenen Löwen kommen, an denen jedermann seine Kraft erproben darf, indem er versucht sie hochzustemmen; eine Mühe, die sich als vergebens erweist. Der gute Philipp wusste, welche Sprache sein Volk verstand, und dies hatte, wie er, ein ungezwungenes Verhältnis zum Geld. Dem modernen Individuum würde solche Protzerei wohl eher peinlich erscheinen, zumal ihm der Hochleistungssport mit physischem Golde mehr und mehr durch blosse Überweisungen abgenommen wird. Moderne Finanzpolitiker und Bankiers gar haben solche ausgefeilten Möglichkeiten der Geldschöpfung, dass sie dem gemeinen Bewusstsein sich wie ein wahrer Dmiurg darzustellen pflegen. Lediglich in den Ländern des „Realsozialimus“ scheint es nötig zu sein, dass der Staat die direkte Gewalt über die Goldvorräte und die Druckerein aufrecht erhält, sodass man etwa in der DDR Altgold abliefern muss, um sein geheiligtes Eheringlein zu erhalten, und die sowjetischen Sparkassen zur Kreditvergabe auf materielles Gelddrucken angewiesen sind, da sie keine Giralsysteme besitzen. So erscheint es DDR-Autoren auch bereits als sozialistische Errungenschaft, wenn Betriebe ihren Austausch durch Überweisung abwickeln. Das moderne Bewusstsein kann über soviel „Materialismus“ nur noch lächeln, kennt es das Geld doch mehr und mehr als immaterielles Gut, das beliebig vermehrt werden kann. Das Ausmass der selbstverständlichen Verschuldung aller modernen Staaten lässt das Geld endgültig als eine reine Fiktion, als pure Abstraktion erscheinen; und dennoch ist es mehr denn je die zwanghafte Grundlage des Alltagslebens. Die unreflektierten Geister lässt dies Jubeln, wie etwa unseren letzten Keynesianer, den beliebten Wirtschaftsspassmacher Hankel, der in seinem Überschwang ausruft: „Wer genug Geld hat, ist frei, sich seinen Gott und seine Gesellschaft selbst zu wählen.“ Nur richtig umgehen muss man mit dem Geld, ist sein allgültiges Rezept, sowohl für die Sparer als auch für die Staaten. Woher dies Geld denn kommen soll, juckt ihn kaum, was er mit jenen moralisch Integren von vorhin gemein hat, die aber immerhin wissen wollen, wie denn der Mammon verteilt sei. Würde Hankel dem guten Philipp vorgeschlagen haben, doch eine Zentralbank mit ihrem geldpolitischen, Instrumentarium zu gründen, so würde sie wohl von ihm gefordert haben, das Geld gefälligst gleichmässig zu verteilen, die Glatzenpolitik zu verallgemeinern, damit auch hierbei keiner ungeschoren davonkomme.

Tiefer empfindende Menschen dagegen hat längst eine begreifliche Angst vor der scheinbar ins Unendliche wachsenden Macht der Abstraktion Geld ergriffen, wie sie schon Shakespeares Timon von Athen treffend formulierte. In verschiedenen Gegenüberstellungen geistert sie seitdem durch das bürgerliche Denken: konkretes Leben versus Abstraktion, raffendes gegen schaffendes Kapital, Arbeiterfaust gegen Bankenmacht, Motive, die die Ideologie des 20. Jahrhunderts geradezu beherrschen. Wer meint, das moderne kreditkartenbewaffnete Subjekt sei gegen derlei „reaktionäre Utopien“ gefeit, muss nicht erst tiefschürfende Traktate lesen, um sich eines Besseren belehren zu lassen. Dem dümmlichsten Talkmaster steht es heute gut an, seinen Gästen zunächst einmal in vorwurfsvollem Tone vorzuhalten, dass sie mit dem was sie da täten doch wohl Geld verdienten, eine Entlarvung, die meist kräftigen Applaus hervorruft. Die Eröffnung einer Spielbank darf bestenfalls in Polen als Fortschritt gefeiert werden, während sie in westlichen Gefielden so sehr Banalität ist, dass der Berufsspieler in der Talkshow meint, er könne sich die Abschaffung des Geldes durchaus vorstellen, wobei natürlich klar ist, dass keiner dies als ernsthafte Möglichkeit in Betracht zieht.

Allerdings finden auch ausserhalb solch oberflächlichen Geplänkels Debatten über den Charakter des Geldes statt, und da wir Frauen bekanntlich tiefer empfinden als Männer, hat Veronika Bennholdt-Thommsen, beliebte Bio-Feministin aus Bielefeld, im Rahmen einer Rehabilitierung der Frau als Naturwesen, wohl weitgehend unbewusst, die alte Lebensphilosophie wieder ausgegraben.

Das Geld, als Inkarnation des Abstrakten, wurde von jenen alten Herren (etwa Simmel) als der Feind des unmittelbaren, ganzheitlichen Lebensstroms angesehen, welcher gewaltsam in jene abstrakte Form der Gesellschaftlichkeit, die sich in Geld, Recht und Politik ausdrückt, gepresst wird. Das Individuum als Schaffendes (zentral hier die Figur des Künstlers) erscheint als die Konkretion, der äusserlich Zwang angetan wird, die unmittelbaren Interessen sind wahres Leben im Gegensatz zu den Zwängen gesellschaftlicher Institutionen und rationalistischer Ideologie. Hat die Arbeiterbewegung dieses Motiv übernommen, indem sie den Werte schöpfenden Proleten zum Konkreten machte, die Abstraktion in den Austausch verlegte, so geht Bennholdt-Thommsen noch einen Schritt weiter: auch die Fabrikarbeit erscheint ihr bereits als zu öffentlich, nicht mehr als reine Unmittelbarkeit, da sie, obwohl Privatarbeit, bereits zu weit in den gesellschaftlichen Prozess einbezogen ist. Demgegenüber gelte es, die wahrhaft individuelle Arbeit zu betonen – Gebären und Subsistenzproduktion.

In all diesen Formen der Geldkritik erscheint das Geld nicht als das, was es ist, als Ausdruck und Vermittlungsinstanz voneinander isolierter Privatproduzenten und ihrer bornierten Interessen, sondern, da es die Gesellschaftlichkeit der abstrakten Individuen, als negative, erst herstellt, als Gegensatz zu ihrer reinen Innerlichkeit. Die Kritik der Abstraktion (abstrakte Allgemeinheit) wird so zur Affirmation der Abstraktion (abstrakte Einzelheit), indem sie gerade jenes von seiner Gesellschaftlichkeit getrennte, und eben darum abstrakte Individuum auf den Thron hebt. Die Konsequenz bei Bennholdt-Thommsen und anderen Feministinnen läuft letztlich auf eine Degradation des Menschen bzw. der Frau zum Tier, zur „konkreten“ Eingebundenheit in den Naturprozess hinaus. So kommt sie, und mit ihr ein ganzer Schwung sogenannter Feministinnen, zu einer Kritik des abstrakten, männlichen Subjekts, dem die Frau als Naturwesen entgegenstehen soll. Die Frau als der beste Freund des Menschen? Soweit geht es nun gerade nicht, denn schliesslich wird man sich wohl immer noch in die altbackene Vorstellung (Proudhon) eines unmittelbaren Produktenaustausches zwischen erdverbundenen Bäuerinnen retten können. Wie dem auch sei, letztlich ist in all diesen kritischen Vorstellungen das Geld nicht aufgehoben, da es, ob es nun als Kaurimuschel oder als Sonderziehungsrecht erscheint, den Verkehr zwischen den isolierten Produzenten gewährleisten muss. Der Wert ist immer die blinde, nicht überwundene Voraussetzung.

Auf Basis dieser Voraussetzung aber scheint Geld, obwohl es sämtliche Bereiche des Lebens durchzieht, weiterhin ein moralisch zweifelhaftes Medium geblieben zu sein, zwar hingenommene Grundlage, aber doch nicht ideologisches Banner, sodass man etwa sagen könnte: „Ich bin für Geld!“ Im Gegenteil wird der schnöde Mammon mehr und mehr als notwendiges Übel betrachtet, während die Herzen lautstark für die Demokratie schlagen, die Verbindung zwischen Beiden ist mehr selbstverständliche als gewusste, und jene Selbstverständlichkeit teilen Marxisten und Bürgerliche mit Freude, während ihre scheinbare Differenz, jene magische Klassenfrage, mehr und mehr verschwimmt. Sicherlich bezeichnen aufrechte Sozialisten Geld immer noch erst dann als gutes Geld, wenn es zum Nutzen des Proletariats wirkt, sicherlich ist ihnen wahre Demokratie nur die der arbeitenden Massen. Doch sind diese einstmals so revolutionären Forderungen nicht bereits von der realen Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft anerkannt, sind sich ihre Ideologen von Blüm bis Mandel und von Gorbatschow bis Kissinger nicht längst darüber einig, dass die Arbeiter ein Menschrecht auf Geld und Demokratie besitzen?

Der verzweifelte Versuch der Marxisten, sich in diesem Zusammenhang als die Besseren und Konsequenteren darzustellen, lebt von einer Überhöhung des proletarischen Klassenstandpunkts zur transzendierenden Kraft. Das Arbeiterinteresse erscheint nicht als blosses banales Geldinteresse, das mit anderen Geldinteressen innerhalb dieser Form konkurriert, sondern als ontologischer Gegensatz zur abstrakten Verwertungslogik des Kapitals. Diesen Zusammenhang greifen Robert Kurz und Ernst Lohoff in dieser Ausgabe der „Marxistischen Kritik“ auf. In ihrem Artikel „Der Klassenkampffetisch“ verweisen sie das zentrale Ideologem des Marxismus auf seinen Platz unter den Denkformen der Wertvergesellschaftung. Der das Kapital vermeintlich sprengende Arbeitersozialismus wird dargestellt als das, was er ist – eine der Schrittmacherideologien des modernen Kapitalismus. Ein diesen überwindendes Subjekt kann nicht aus der Affirmation der Arbeiterkategorie, sondern nur aus der Krise, der Krise des Werts entstehen. Dem tradierten Klassenbegriff wird der noch näher auszuführende Begriff der „Antiklasse“ gegenübergestellt.

Ernst Lohoff führt in seinem Artikel „Die Wechseljahre der Republik“ die vielgeschmähten „Republikaner“ als natürliche Kinder der westdeutschen Demokratie ein. Er zeigt auf, wie wenig die neuen rechtspopulistischen Strömungen mit dem historischen Faschismus gemein haben und versucht, die einschneidenden Veränderungen, die sich in der bundesdeutschen Parteienlandschaft in den letzten eineinhalb Jahrzehnten vollzogen haben (insbesondere die Herausbildung der „Grünen“), aus dem objektiven Ausbrennen der demokratischen Form selber abzuleiten.

Peter Klein untersucht im Anschluss an seine Artikelserie in den „MKs“ 3-6 noch einmal grundsätzlich den notwendigen Zusammenhang von Demokratie und Wertvergesellschaftung (Demokratie und Sozialismus). Ausgangspunkt sind die Illusionen der Linken in Bezug auf die Kategorien des freien Willens und der Verfügungsmacht, die einen falschen Begriff des Privateigentums, das nicht als gesellschaftliches Verhältnis verstanden wird, voraussetzen. Das demokratische Bewusstsein, als Moment der Wertvergesellschaftung, erweist sich als untauglich zu deren Überwindung.

Johanna W.Stahlmann für die Redaktion