31.12.1989  Beitrag drucken

Militanter Empirismus und IWF-Kampagne

Zur Kritik der Zeitschrift „Autonomie“ und ihrer Apologeten

Norbert Trenkle

Die Bewegung flirtet mit der Theorie

Die Erwartungen der Oppositionsbewegung an die letztjährige Kampagne gegen die Tagung von Weltbank und IWF in West-Berlin waren hoch. Sie sollte die müde gewordenen Aktivisten wieder aufrütteln, der Zersplitterung in verschiedene „Teilbereichsbewegungen“ entgegenwirken, gar eine neue Qualität darstellen. Auch die autonome Szene versuchte, wieder auf die Beine zu kommen; von „neuem Antiimperialismus“ und „internationalem Klassenkampf“ war da die Rede, und der Ruf nach Theorie wurde laut.

Zumindest im Vorfeld der Kampagne schossen Arbeitskreise wie Pilze aus dem Boden, die sich durch Berge empirischen Materials zur Soziologie der beiden Geldmonster, zur internationalen Verschuldung und zu Kämpfen und Auseinandersetzungen in den Ländern der kapitalistischen Peripherie durchquälten. Doch das euphorische Techtelmechtel mit „der Theorie“ war von kurzer Dauer. Je näher die „Herbstkampftage“ heranrückten, desto stärker trat die inhaltliche Debatte in den Hintergrund und machte hektischen organisatorischen Überlegungen Platz. Natürlich konnte auch auf dieser Ebene keineswegs von „Angriff“ die Rede sein, wie dies die diversen Flugblätter in gewohnt großkotziger Weise angekündigt hatten. Angesichts des massiven Polizeiaufgebotes ließ man seine schwarze Lederjacke lieber zuhause und versteckte sich unter den demonstrierenden Christen und den anderen im Vorfeld so verschmähten „Reformisten“. Übrig blieb die verschämt- hilflose Parole „Einheit in der Vielfalt“ und die gewohnte Leere, als die imperialistische Invasion vorüber war. Mit dem Aktionsziel fehlte nun auch jeglicher Antrieb für „theoretische Arbeit“.

Der Konjunkturverlauf der Kampagne ist an sich nicht weiter verwunderlich, es wiederholt sich lediglich die Fieberkurve aller Kampagnen der letzten Jahre. Zwar erschallte der Ruf nach „mehr Theorie“ etwas lauter als üblich – offenbar, weil immer mehr Aktivisten ihre eigene Hilflosigkeit deutlich verspüren – doch diese Hinwendung vom Stein zum Inhalt blieb selbst wieder hilflos, da sie unmittelbar an die überkommene Bewegungsform gekoppelt war und damit eine wirklich grundsätzliche theoretische Aufarbeitung ausschloß. Wenn die theoretische Arbeit von vorneherein lediglich der Legitimation einer ohnehin schon beschlossenen Praxis dient, also instrumentalisiert wird, muß sie zwangsläufig in einer Kurzatmigkeit münden, die es nicht erlaubt, über den Tellerrand des Aktionismus hinauszuschauen und dessen Stoßrichtung grundsätzlich in Frage zu stellen. Tatsächlich reduziert sich eine solche „Theorie“ in der Regel auf die Betriebsamkeit des empiristischen Sammelns kruder facts für die „Agitation“ oder „Aufklärung“, die dann nachträglich noch mit einer ideologischen Fertigsoße übergossen werden, deren Farbtönung je nach Temperament und politischer Szene variert (1). Da hilft kein Ruf nach „mehr Theorie“, denn mehr Theorie von dieser Sorte wird die Verwirrung eher noch vergrößern, und es ist kein Wunder, wenn sich die Aktivisten nach dem Abschluß der jeweiligen Kampagne erschöpft zurückfallen lassen und die üblichen Ankündigungen, die inhaltliche Arbeit werde fortgesetzt, nichts als magische Beschwörungsformeln bleiben, bis man sich dem nächsten Kampagnenthema zuwendet.

Die ideologische Fertigsoße, der sich das autonome Spektrum diesmal bediente, war keineswegs neu, auch wenn dies einem großen Teil der Aktivisten so erschienen sein mag. Sie kam von der Zeitschrift „Autonomie (NF)“. Der plötzliche Andrang auf ihre Druckerzeugnisse dürfte die ehemaligen Redaktionsmitglieder selbst überrascht haben, denn mit der jetzt nachgedruckten Nr. 14 hatten sie ihr Zeitschriftenprojekt etwas resigniert beendet; viel erstaunlicher ist jedoch im Grunde, daß die „Autonomie“ nicht bereits viel früher die wohlverdienten Ehrungen empfangen durfte. Schließlich wiederholt sie nur das, was der durchschnittliche Bewegungsaktivist ohnehin schon immer gedacht hat, mit dem Unterschied, daß sie es geschliffener formuliert und dem Ganzen dadurch einen theoretischen Anstrich verleiht. Hinter der glatten Fassade ihres scheinbar originellen Ansatzes verbirgt sich allerdings nicht viel mehr als ein bunt zusammengewürfeltes Konglomerat aus Bruchstücken verschiedenster linker Ideologeme, die nur deshalb scheinbar problemlos zusammengefügt werden können, weil auf die zugrunde liegenden Theorieansätze so gut wie nie explizit Bezug genommen wird, geschweige denn die mit ihnen verbundenen Grundsatzprobleme aufgearbeitet werden. Die „Autonomie“ führt in geradezu grotesker Weise den eklektischen und instrumentellen Umgang mit Theorie vor, wie er in der „Neuen Linken“ seit 1968 fast durchgängig praktiziert wurde. Nicht kritisches Durchgehen durch die traditionelle Debatte und Entwicklung einer theoretischen Position auf der Höhe der Zeit, sondern „Ausprobieren“ nach dem trial and error Prinzip bestimmte deren durch und durch positivistisches Verhältnis zur Theorie. In der Folge wurde eine Position nach der anderen enttäuscht fallen gelassen, weil sich bald herausstellte, daß sie auf die aktuelle Situation nicht unmittelbar „anwendbar“ war und konsequenterweise stand am Ende die „Erkenntnis“, daß „die ganze Theoriewichserei eh nichts bringt“. Bestand das Verdienst dieses Sprints durch die Geschichte in den 70er Jahren jedoch immerhin darin, daß die gesamte Palette linker Theorieproduktion überhaupt erst einmal wieder zugänglich gemacht und ausgegraben wurde, so präsentiert uns die „Autonomie“ eine groteske Karikatur dieser Umgangsweise, tut obendrein noch einen Schritt zurück und deckt die Quellen nicht etwa auf, sondern verschüttet sie geradezu systematisch. Da läßt sich Marcuse neben Lenin ahnen, ein vergewaltigter Marx neben Fanon, die Operaisten neben Kautsky und den Frühsozialisten etc. etc., das ganze überkleistert mit Versatzstücken des Feminismus der „Bielefelder Schule“ und mühsam zusammengehalten durch eine resigniert existentialistische Haltung. Wo immer man auch am matten Lack kratzt, bröckelt der Rost und es ist schwerlich vorzustellen, daß dieses Theorieversatzstück überhaupt ernsthaft zur Kenntnis genommen worden wäre, würde es nicht das ausdrücken, was die Aktivisten des subjektiven Radikalismus ohnehin schon „gewußt“ haben.

Nun stieße allerding selbst der dreisteste Eklektizismus auf gewisse Schwierigkeiten, verbände die von ihm oberflächlich zusammengeflickten Bruchstücke nicht eine, wenn auch von ihm nicht begriffene, Grundstruktur in den Denkansätzen; die „Autonomie“ macht ihre Theorie selbst, aber sie weiß nicht was sie tut. Diese Grundstruktur, die alle Ansätze der traditionellen Linken durchzieht wie ein roter Faden, ist die unmittelbare Fixierung auf die Oberflächenerscheinungen der kapitalistischen Gesellschaft, auf die Klassen bzw. den Klassenkampf. Die grundlegende und jedes Handeln im Kapitalismus konstituierende Kategorie, der Wert, gerät gar nicht erst ins Blickfeld, stattdessen hat die Analyse ihren Ausgangspunkt direkt auf der Ebene der Interessenskonflikte. Die soziologisch bestimmbaren Interessensgruppen, die Klassen, werden als voraussetzungslose Grundlage der Gesellschaft genommen und ihr Kampf wird mystifiziert. Traditionell war in dieser Interpretation die soziale Schicht der Industriearbeiter das „revolutionäre Subjekt“, dessen dem Kapitalismus feindlich gesonnenes Bewußtsein im Interessenskampf mit der, ebenfalls als bestimmte soziale Schicht gedachten, Bourgeosie bzw. dem Kapital zum Ausdruck kommt. Mit dem empirischen Verschwinden der Arbeiterklasse im alten Sinne (als soziale Schicht mit ständischen Merkmalen, wie gemeinsames soziales Schicksal qua Geburt, Arbeiterwohnvierteln, Arbeiterkultur etc.) bricht auch das Denkgebäude der ganz auf diese bestimmte historische Erscheinung fixierten traditionellen Linken zusammen. Auch die „Autonomie“ reflektiert diese Entwicklung, indem sie nämlich das Subjekt Arbeiterklasse enttäuscht beiseite legt, ohne allerdings daraus die Konsequenz zu ziehen, die zunehmend mörderischen Widersprüche der Wertgesellschaft nach vorne aufzulösen. Sie rückt nicht das Wertverhältnis als solches in das Visier ihrer Kritik, bemüht sich auch nicht um einen logisch neuen Begriff von Klassenkampf, sondern regrediert lieber in die heimelige Vergangenheit, um „empirisch“ ein neues „revolutionäres Subjekt“ in der angeblichen „Subsistenzwirtschaft“ des Frühkapitalismus bzw. der heutigen kapitalistischen Peripherie herbeizuphantasieren.

Ironischerweise treffen sie, nebenbei bemerkt, bei diesem Trip in die Vergangenheit auf die von ihnen so verabscheute reformistische Linke, die ihrerseits inzwischen die Ideale von 1917 gegen die von 1848 eingetauscht hat und der schnöden Realität die „wahre Demokratie“ entgegenhält. Die alten Kämpfe der Vergangenheit können also auch an dieser Front wieder aufgegriffen und als Farce neu aufgeführt werden, eine Tatsache übrigens, die mehr als zufällig ist, vielmehr auf die innere Verwandschaft beider Positionen verweist, denen mit dem Verlust ihres empirischen Subjekts auch die theoretische Grundlage entzogen wurde (2).

Nun kann es nicht Aufgabe eines Zeitschriftenartikels sein, all jene theoretischen Stränge aufzuarbeiten, deren unreflektierter Erbe die „Autonomie“ ist; ich will mich deshalb damit begnügen, bei einer relativ jungen Position anzusetzen, in deren Traditon sie in direkter Linie steht: die des italienischen Operaismus der 60er und 70er Jahre. Zwar kann auch die Auseinandersetzung mit dieser Strömung hier nicht mit der angemessenen Ausführlichkeit erfolgen, doch ist es notwendig, sie in ihren Grundzügen darzustellen und zu kritisieren (3). Nur so werden einige wesentliche Argumentationszusammenhänge der „Autonomie“ deutlich, da sie wichtige Grundmuster des Operaismus übernimmt, aber fast durchgängig darauf verzichtet, diese zu begründen.

Die Erbschaft des Operaismus

Hatte schon der traditionelle Marxismus den real verdinglichten gesellschaftlichen Zusammenhang versubjektiviert und den Zusammenprall der Klassen zum bewegenden Moment erhoben, so denkt der Operaismus diese Interpretation konsequent zu Ende und führt sie damit letztlich ad absurdum. Insofern ist diese Strömung so etwas wie der logische Schlußpunkt der traditionellen Theoriebildung. Hören wir Mario Tronti, einen der theoretischen Köpfe der Operaisten:

“ … ein Klassenverhältnis wird zum ersten Mal von der Arbeiterklasse gesetzt …. So wie keine Klassen existieren können, bevor nicht die Arbeiter als Klasse zu existieren beginnen, so gibt es keine Revolution, bevor nicht jener zerstörerische Wille Gestalt angenommen hat, den die Arbeiterklasse mit ihrer bloßen Existenz mit sich bringt.“ (Tronti 1974 [1966], 5.212; erste Hervorheb. im Original) (4).

Deutlicher geht es nicht mehr! Die Arbeiterklasse, verstanden natürlich immer als die klassische Industriearbeiterschaft, bzw. bei Tronti vor allem die unqualifizierten Massenarbeiter, hat von allem Anbeginn an, durch ihre bloße Existenz, den Willen, die kapitalistische Gesellschaft revolutionär zu beseitigen. Dieser Wille bzw. dieses Bewußtsein muß durch die Kämpfe hindurch nur noch Gestalt annehmen, sozusagen sich selbst bewußt werden, so daß die revolutionäre Aufgabe lediglich darin besteht, diesen Willen adäquat zu organisieren und in taktisch angemessener Weise auf den Klassenfeind zu reagieren. Erfolg oder Mißerfolg der Revolution hängen also letzlich von den praktischen Kriterien „Organisation und Taktik“ ab.

„Das was im allgemeinen ‚Klassenbewußtsein‘ genannt wird, ist für uns nichts anderes als Moment der Organisation, die Funktion der Partei, das Problem der Taktik.“ (Tronti a.a.O., S. 223) (5)

Der Arbeiterklasse tritt das als gesamtgesellschaftliches Subjekt konstituierte Kapital (bzw. die Kapitalistenklasse) gegenüber, das seinerseits mit dem Willen ausgestattet ist, die Arbeiter zu unterwerfen und auszubeuten. Soweit bewegt sich Tronti ganz im Rahmen der marxistischen Tradition. Das Spezifische an seiner Position besteht nun darin, daß er dem Bewußtsein der Arbeiter eine geradezu mystische Selbständigkeit andichtet. Er postuliert nämlich, daß die Arbeiterklasse zwar gezwungen ist, sich dem Ausbeutungsprozeß innerhalb der Produktion zu unterwerfen, also ökonomisch als variables Kapital fungiert, sich aber dennoch die subjektive Feindschaft gegen das Kapitalverhältnis bewahrt. Die Arbeiterklasse bewegt sich „innerhalb des Kapitals“, jedoch als wesensfremde, feindliche Macht. Darin besteht die „Autonomie“ der Arbeiterklasse (autonomia operaia) (vgl. Tronti a.a.O., S. 107, S. 139 u.a.), die tagtäglich zum Ausdruck kommt, sowohl in Form von Arbeitskämpfen, als auch als Störung des Produktionsprozesses durch Arbeitsverzögerung, Absentismus etc.

Das Kapital bzw. die Kapitalistenklasse ist auch bewußt handelndes Subjekt, wenn auch nur ein abgeleitetes, es reagiert auf die ständigen Angriffe der Arbeiterklasse, etwa indem es bewußt Krisen produziert oder den Produktionsprozeß technologisch umstrukturiert etc. In dem Maße, in dem die Arbeiterklasse durch ihre historischen Kämpfe hindurch beginnt, sich gesamtgesellschaftlich zu organisieren (Gewerkschaften, Arbeiterparteien), reagieren die Kapitalisten ebenfalls mit ihrer Organisierung als Klasse. Entscheidender historischer Wendepunkt ist, so Tronti, das Jahr 1917, wo der Sog der russischen Revolution die Kapitalisten in den westeuropäischen Ländern dazu zwingt, sich auf nationaler Ebene als „Gesellschaftskapital“ zu konstituieren, um den revolutionären Bestrebungen der selbst bereits gesamtgesellschaftlich organisierten Arbeiterklasse effektiv gegenübertreten zu können. Seit diesem Zeitpunkt gibt es keine Einzelkapitalien mit widerstreitenden Partialinteressen mehr, sondern nur noch „das Kapital“, das die Gesellschaft organisiert und, im antagonistischen Interessengegensatz dazu, die Arbeiterklasse (vgl. Tronti a.a.O., S. 221).

Die Parallelle zu Hilferding, Lenin und der daran anknüpfenden Tradition sticht ins Auge – Tronti beruft sich auch ausdrücklich auf Lenin – wobei jene allerdings den angeblichen Übergang zum „Monopolkapitalismus“ mit der dem Kapitalismus immanenten ökonomischen Tendenz zur fortschreitenden Konzentration und Zentralisation von Kapital begründen und den Zeitpunkt für den Höhepunkt dieser Entwicklung auf die Jahrhundertwende datieren. Da Tronti jedoch konsequent in den soziologischen Kategorien des Klassenkampfes denkt und ihm jegliche ökonomische Reflexion fremd ist, orientiert er seine Geschichtsschreibung an den Höhepunkten dieses Kampfes (in diesem Fall also die Oktoberrevolution). Das logische Resultat beider Positionen ist jedoch das gleiche. Das Kapital, in Form der Monopole bzw. des „Gesellschaftskapitals“, wird zu einem Subjekt, das die gesamte Gesellschaft kontrolliert und seiner Willkürherrschaft unterwirft, das Wertgesetz ist ausgeschaltet und die ökonomischen Vorgänge werden nun bewußt vom Kapital gesteuert (6). Damit wird der Klassenkampf zu einer reinen politischen Machtfrage, denn im Prinzip gibt es ja schon eine gesellschaftliche Planung, nur daß sie von den „falschen Leuten“ durchgeführt wird, den blutsaugenden Kapitalisten oder Monopolisten nämlich, im Sinne ihres „Profitinteresses“.

Die crux dieser subjektivistischen Sichtweise ist, daß sie zwar abstrakt von Interessen spricht (z.B. dem Verwertungsinteresse), nicht aber erklären kann, wo diese ihren Ursprung haben, diese also letztlich den Subjekten selbst als ontologische Eigenschaft anheften muß („Profitgier“). Die Interessenskategorie läßt sich aber nur verstehen, wenn sie aus der durch den Wert gesetzten Konkurrenz erklärt wird. Da das Kapital nichts weiter ist, als nach Verwertung drängender Wert, schließt der Begriff des Kapitals Konkurrenz ein, sowohl logisch wie auch empirisch (!), und zwar Konkurrenz sowohl zwischen Einzelkapitalien (ein Gesamtmonopol kann es folglich gar nicht geben) als auch zwischen den atomisierten Einzelnen (Individuen, Gruppen, Nationalstaaten etc.) auf allen Ebenen der gesellschaftlichen Reproduktion.

Auch die Arbeiter agieren also zunächst einmal als konstituierte Interessensubjekte innerhalb des Prozesses der Kapitalverwertung (7), was nicht heißt, daß es hier keine Konfliktlinien gibt, entlang derer sich ein wirklich antikapitalistisches Bewußtsein, d.h. ein gegen den Gesamtzusammenhang der Wertvergesellschaftung gerichtetes, entfalten kann. Dieses Bewußtsein ist jedoch nicht apriori vorhanden. Im Gegenteil, der Interessenskonflikt zwischen Lohnarbeit und Kapital ist historisch als ein vollkommen wertimmanenter ausgetragen worden, für höhere Löhne und nicht für die Abschaffung der Lohnarbeit, für politische Rechte und nicht für die Abschaffung von Staat und formalem Recht überhaupt etc. (8). Erst indem sich diese Form der Konfliktaustragung historisch erschöpft, die Arbeiterklasse ihre Anerkennung als gleichberechtigtes Interessensubjekt erkämpft hat und damit als soziologisch bestimmte Schicht verschwindet, die Lohnarbeit aber gleichzeitg zur verallgemeinerten Existenzform geworden ist, sind die Voraussetzungen für ein massenhaftes antikapitalistisches Bewußtsein geschaffen. Ein solches Bewußtsein wird sich aber gerade nicht auf den hilflosen Standpunkt stellen, „die Arbeiter“ sollten doch endlich ihre „objektiven Interessen“ konsequent wahrnehmen, sondern muß im Ge-genteil die Interessenskategorie selbst durchbrechen. Es muß die Abschaffung des Arbeiterdaseins überhaupt (wie auch die des Technikerdaseins, des Sozialarbeiterdaseins etc.), d.h. der auf dem Wert beruhenden Arbeitsteilung, auf seine Fahnen schreiben, was nichts anderes heißen kann, als die Beseitigung des Wertverhältnisses und die Herstellung einer direkten, also bewußten Vergesellschaftung.

Dieser Sprung über die Interessenskategorie hinaus klingt zwar auch bei den Operaisten an, etwa in der Parole „Kampf gegen die Arbeit“. Allerdings bleibt diese Parole vollkommen abstrakt und unvermittelt (9) und läßt sich letztlich nur als reine Negation des Bestehenden formulieren.

„… vom Arbeiterstandpunkt aus existiert die Zukunft nicht: vielmehr nur als Blockade des Bestehenden, Unmöglichkeit, daß es so weiter funktioniert, wie es aktuell organisiert ist …“ (Tronti a.a.O., S.224)

Schon in Trontis mehr als vagen Umschreibungen des revolutionären Ziels, dem „Arbeiterstaat“, rächt sich diese begriffliche Schwammigkeit. Das Wortmonstrum enthält gleich die beiden wesentlichen Bestimmungen der Wertgesellschaft, denn die Kategorie des Arbeiters kann ja wohl schwerlich ohne die dazugehörige Lohnarbeit existieren und die dann unvermeidliche Staatsgewalt wird auch gleich mitgeliefert. Entsprechend hilfos bleiben dann auch die Abgrenzungsversuche gegenüber der Sowjetunion und ihren Anhängseln. Tronti konstruiert die „Erklärung“, die „politische Macht des Kapitals“ habe dort die „Form des Arbeiterstaates angenommen“ (Tronti a.a.O., S.195; Hervorheb. N.T.) (10). Über den Inhalt „seines“ Arbeiterstaates kann er uns bedauerlicherweise keine Auskunft geben.

Auch der bekannte operaistische Theoretiker Toni Negri führt uns überdeutlich die Beschränktheit eines Ansatzes vor, dessen Ausgangspunkt die unmittelbar empirische Interessenkategorie ist. In seinem Bemühen um eine Krisentheorie, beispielsweise, interpretiert er, in expliziter Anlehnung an Keynes, die Krise von 1929/30 als ursächlich durch eine Störung von Angebot und Nachfrage bedingt. Die Ursache dieser Störung ist bei ihm allerdings nicht das Wirken blinder ökonomischer Gesetzmäßigkeiten sondern der antagonistische Wille der feindlichen Klassensubjekte.

„Die herrschende politische Schicht … hatte nicht gewollt (!), daß auf die massenhaften Bewegungen des Angebots eine ebensolche Vermassung der Nachfrage Einfluß nehmen könnte…“ (Negri, 1972 [1968], S. 26) (11)

Die Bourgeosie = Angebot, die Arbeiterklasse = Nachfrage und letztere bringt ihre „Autonomie“ dadurch zum Ausdruck, daß sie auf einer bestimmte Mindestlohnhöhe beharrt.

„Denn sagt man ‚Nachfrage‘, so sagt man Arbeiterklasse, Massenbewegung, die eine politische Identifikation gefunden hat, Möglichkeit des Aufstandes und der Umwälzung des Systems.“ (Negri, a.a.O., S. 26f.)

Negri übernimmt hier also blind die vulgärsten, auf die Oberflächenerscheinungen der Zirkulation fixierten Krisenerklärungen der bürgerlichen Ökonomie und versucht sie in seinem Sinne „positiv“ zu wenden, indem er das bloße Stellen von Lohnforderungen zur bewußten gegen den Kapitalismus gerichteten Aktion umlügt. Schon die Formulierung „Identifikation mit der Rolle der Nachfrage“ macht jedoch unübersehbar deutlich, daß hier auch ideologisch ein rein immanenter Interessenstandpunkt bezogen wird.

Dagegen wirkt es hilflos, wenn Tronti seinerseits nur dem instituionalisierten gewerkschaftlichen Kampf vorwirft, er sei nicht mehr als „der Reflex der Notwendigkeiten des Kapitals“ (Tronti, 1974 [1966], S.222). Im Grunde tut er nicht mehr, als der institutionalisierten Interessensvertretung durch Gewerkschaften und Parteien wütend den unmittelbaren Interessenstandpunkt des (Massen-)Arbeiters entgegenzuschleudern – er nennt dies den „Arbeiterstandpunkt“ – und als solchen zu hypostasieren (12). In dieser Hypostasierung des unmittelbaren empirischen Interesses ist im übrigen schon ein völlig instrumentelles Verhältnis zur Theorie bzw. eigentlich die Negation jeglicher Theorie angelegt. Wenn die kämpfenden Subjekte den gesellschaftlichen Zusammenhang bewußt konstituieren, so sind die Verhältnisse klar und durchsichtig. Was es an Rätseln zu lösen gibt, sind bestenfalls die Mystifikationen (Ideologie, „falsches Bewußtsein“), die der Gegner in die Welt setzt und sie zu durchschauen ist der gesunde „revolutionäre“ Menschenverstand selbstverständlich zureichend.

„Theorie“ wird dann zu einer Frage der Taktik, zu dem Versuch, die „Schachzüge des Gegners“ zu antizipieren und beschränkt sich dementsprechend in der Regel auf ein maßloses Ansammeln empirischen Materials. Den revolutionären Anstrich erhält dieses durch und durch bürgerliche Theorieverständnis per Adjektiv („militante Untersuchung“ u.ä.) (13). Tronti etwa empfiehlt, jeden Moment der ökonomischen Entwicklung genau zu studieren, um dann immer genau das zu fordern, was „über den Spielraum der Kapitalisten hinausgeht“ (Tronti, a.a.O., S. 219). Dadurch werde das Kapital von einer Krise in die nächste gestürzt, bis nur noch eine Forderung bleibt, nämlich die nach politischer Macht (Tronti, a.a.O., S.220 f.) (14). Diese letztlich völlig abstrakten taktischen Überlegungen, die in keinster Weise das reale Bewußtsein der anvisierten Akteure mitreflektieren, wiederholen sich nicht zufällig in der beliebten Agitationsfigur der ML-Sekten der 70er Jahre, die Arbeiter sollten doch endlich ihre Interessen „konsequent“ wahrnehmen (die „Marxistische Gruppe“ ist bis heute nicht über diesen Standpunkt hinausgekommen) und haben sich dort restlos blamiert. Da die Interessenskategorie selbst und damit der Inhalt dieser Kämpfe nicht in Frage gestellt wird, bleibt von dem, was bei Tronti „Strategie der Verweigerung“ heißt, die Weigerung „die Bedürfnisse des Kapitals durch die Arbeiterforderungen zu tragen“ (Tronti, a.a.O., S.222), in der Praxis bestenfalls eine Radikalität in der Form übrig („wilde“ Streiks, Fabrikbesetzung, Sabotage etc.).

Die „Subsistenzklasse“, das „neue“ revolutionäre Subjekt

Ein theoretischer Ansatz, der unmittelbar an die Interessen eines bestimmten empirischen Subjekts anknüpft, mußte mit dem tendenziellen Verschwinden dieses Subjekts selbst obsolet werden. Angesichts der sozialen Auseinandersetzungen im Italien der 70er Jahre wurde zwar zunächst versucht, den Operaismus dadurch zu retten, daß die Beschränkung auf die Produktionssphäre aufgegeben und die gesamte Gesellschaft als eine „Fabrik des Kapitals“ begriffen wurde (Negri), doch mit dem Abebben der Kämpfe versank der Ansatz in der Bedeutungslosigkeit.

Nur einige unermüdliche Aktivisten setzten die Traditionslinie fort, in der Bundesrepublik, neben einigen Vertretern des klassischen Operaismus („Wildcat„), vor allem die Zeitschrift „Autonomie“. Sie treibt den Subjektivismus auf die Spitze, indem sie die alte Arbeiterklasse endgültig ad acta legt, um – nach einer Irrfahrt durch die „neuen sozialen Bewegungen“ – beim „revoltierenden Subjekt schlechthin“ zu landen, dessen Wurzeln sie in der „Subsistenz“ verortet. Dabei reproduziert sie bewußtlos weit mehr von der logischen Herangehensweise des Operaismus und des traditionellen Marxismus, als ihr angesichts der wortgewaltigen Scheingefechte, die sie vor allem gegen letzteren führt, lieb sein dürfte. Nicht nur das instrumentelle Theorieverständnis, sondern vor allem auch die Hypostasierung des unmittelbaren Interesses übernimmt sie unhinterfragt. Selbst bei ihrer Wendung weg von der Arbeiterklasse stand das operaistische Geschichtsverständnis unübersehbar Pate. Auch die „Autonomie“ begreift die Geschichte des Kapitalismus als permanenten Kampf zweier antagonistischer Subjekte, der Klasse und dem Kapital, und kann daher das Verschwinden der alten Arbeiterklasse nur als deren vollständige Unterwerfung unter die Herrschaft des Kapitals interpretieren. Das Kapital hat, in dieser Interpretation, in den Metropolen auf (fast) ganzer Linie gesiegt, es bleiben noch Minderheiten übrig, auf die sich die Hoffnung stützen kann. Demnach, so folgert die „Autonomie“ messerscharf, kann etwas nicht stimmen mit der theoretischen Konstruktion des Operaismus, nach der sich die Arbeiterklasse zwar innerhalb des Kapitals (der Produktion, der Fabrik) bewege, dabei aber die subjektive Feindschaft dagegen bewahre – die Empirie spricht offenbar gegen diese Behauptung. Besteht also Tronti noch auf einem immanenten Widerspruch des Kapitalverhältnisses, der darin bestehe, daß sich die Arbeiterklasse als (feindliches) „Außen“ im „Innen“ des Kapitals (der Produktion) bewege, kommt die „Autonomie“ zu dem Schluß, das feindliche Subjekt könne tatasächlich nur von außen hinzutreten und verortet es in dem Bereich, der bei ihnen die „Subsistenz“ bzw. „Reproduktion der Unterschichten“ heißt (15).

Die „antagonistische Konstitution der Klasse“ um die Jahrhundertwende wird dementsprechend folgendermaßen erklärt:

„Diese Konstitution ist nicht Resultat des Produktionsprozesses allein, mißt sich nicht am Grad der Vereinahmung, sondern genau am Gegenteil: an der archaischen Reproduktion der Unterschichten, die in erster und zweiter Generation dem Leben als Industriearbeiter fremd gegenüberstehen, und an der Bereitschaft, aus dieser Fremdheit heraus das gesamte soziale Verhältnis infrage zu stellen“ (Autonomie 14, S.206).

Die Strategie des Kapitals im permanenten Klassenkrieg ist demzufolge voll darauf ausgerichtet, der Klasse ihre „autonome Reproduktionsbasis“ zu entziehen. Elemente dieser Strategie sind z.B. die Einrichtung von Werkssiedlungen, die Einführung der Sozialversicherung, Familienplanung, ideologische Manipulation, soziale und polizeiliche Überwachung etc. (vgl. Autonomie 14, S. 207 – 214). Jegliche Erscheinung der fortschreitenden Wertvergesellschaftung wird als Teil des allgegenwärtigen Kampfes gegen „die Klasse“ interpretiert, aus dem, zumindest in den westlichen kapitalistischen Ländern, „das Kapital“ als Sieger auf ganzer Linie hervorgegangen ist.

„Die Singularisierung der Individuen, der Zusammenbruch familiärer Gewaltstrukturen unter den verschärften Zumutungen der Krisenpolitik leiten nur den letzten Schritt ein in der Auflösung sozialer Strukturen, in denen noch Reste und pervertierte Formen proletarischer Selbstbestimmung gelegen haben mögen. Einerseits in der kybernetischen Planung gesellschaftlicher Prozesse (Neue Technologien, Überwachung etc., N.T.) …, andererseits in der Subsumtion der sozialen Bedürfnisse noch auf dem kleinsten Niveau und in der Subsumtion auch der generativen Reproduktion selbst (Gen- und Reproduktionstechnologien, N.T.) liegt das Projekt der Dekonstitution und Abschaffung der Klasse, die mit der reellen Subsumtion ihre aus sich selbst bestimmte Existenz verloren hatte, die aber als gesellschaftlicher Widerspruch innerhalb des Kapitalverhältnisses noch im Zentrum des gesellschaftlichen Prozesses gestanden hatte“ (Autonomie 14, S. 213, Hervorheb. N.T.).

Die Widersprüche des Kapitalverhältnisses sind also beseitigt, weil das revolutionäre Subjekt die „aus sich selbst bestimmte Existenz“ verloren hat. Wenn aber jegliche Grundlage für ein revolutionäres Bewußtsein fehlt, sobald die Gesellschaft kapitalistisch durchstrukturiert ist, kann das revolutionäre Subjekt nur ausserhalb des Kapitalismus zu finden sein und dieses „ausserhalb“ ist bei der „Autonomie“ die „Subsistenzökonomie“. Sie behauptet, daß eine kommunistische Revolution nur an der „Bruchstelle zwischen Subsistenzwirtschaft und Kapitalismus“ möglich war bzw. ist. Dort, wo das Eindringen des Kapitalverhältnisses subsistenzwirtschaftliche Strukturen zerstört, werde ein Widerstand produziert, in dessen Gefolge die traditionellen „Lebens- und Subsistenzzusammenhänge … revolutionär aktualisiert und umgedeutet“ würden (16).

Die „Autonomie“ baut hier eine künstliche Frontstellung zweier Produktionsweisen auf, was nur deshalb möglich ist, weil sie einen völlig aufgeblähten Begriff von „Subsistenzwirtschaft“ zugrunde legt. Subsistenzproduktion oder Subsistenzwirtschaft, im strengen Sinne, wäre eine den Naturvölkern angehörende Produktionsweise, in der nicht nur alle Produkte für den unmittelbaren Verbrauch hergestellt werden, sondern die Produktion, auch bedingt durch den geringen Grad an Produktivkraft der Arbeit, den unmittelbar lebensnotwendigen Bedarf nicht übersteigt. Es wird also kein Mehrprodukt erwirtschaftet, das für andere Zwecke als das pure physische Überleben verwendet werden könnte. Wenn man den Begriff der Subsistenzproduktion über diese strenge Definition hinaus ausdehnen kann, dann allenfalls auf solche Produktionsweisen, in denen zwar ein gewisses Mehrprodukt hergestellt wird, dieses Mehrprodukt aber, in welchem gesellschaftlichen Zusammenhang auch immer, i.d.R. in Naturalform angeeignet wird (Naturaltausch, Aneignung durch eine Kriegerkaste/ einen Feudalherren etc.), d.h. Geldwirtschaft und Warenproduktion noch nicht entwickelt sind oder eine sekundäre Rolle spielen.

Welchen Inhalt hat nun der Begriff der Subsistenzproduktion für die „Autonomie“? Zwar suchen wir vergeblich nach einer expliziten Begriffsbestimmung, eine Spezialität der überwiegend assoziativ arbeitenden Autoren, doch geht aus dem Zusammenhang des Textes eindeutig hervor, daß hier unter „Subsistenzökonomie“ nicht eine bestimmte historische Produktionsweise sondern die Bewußtseinshaltung vor- und frühkapitalistischer Familienverbände gemeint ist, deren erstes Ziel darin bestand, das Überleben (in der Diktion der „Autonomie“: die Subsistenz) aller Angehörigen des Verbandes zu gewährleisten. So wird etwa eine sich überwiegend durch Heimarbeit reproduzierende Familie des 19. Jahrhunderts, als „subsistenzwirtschaftlich orientierte Produktionsfamilie“ bezeichnet, über die es weiterhin heißt:

„Der Arbeitsaufwand der ganzen Familie richtete sich nicht auf einen zu erzielenden Überschuß, auf Sparen oder auf in der Zukunft liegende Befriedigung von Bedürfnissen, sondern nach der `Ökonomie der begrenzten Ziele‘ nach dem Interesse an Konsum, Muße, Vergnügungen usw. Und so konnte es sehr wohl vorkommen, daß die subsistenzarbeitende Familie, wenn sie genug Einkommen zusammen hatte, anläßlich eines Festes … `alles auf den Kopf haute‘ … Das Interesse an Arbeit – und zwar der ganzen Familie – war nur insoweit vorhanden, wie es zur Sicherstellung des Konsums der Familie diente.“ (Autonomie 14, S. 154, Hervorheb. N.T.)

Indem der Begriff so völlig aufgelöst und auf die Frage der Einstellung zur eigenen Reproduktion reduziert wird, läßt er sich nun beliebig mit Inhalt füllen. Neben tatsächlicher bäuerlicher Subsistenzproduktion wird ausdrücklich auch bäuerliche Warenproduktion (17) und die zitierte frühkapitalistische Heimarbeit hineingepackt, beides also Reproduktionsformen, wo ganz eindeutig nicht für den eigenen Bedarf produziert wird, sondern die eigenen Produkte bzw. die eigene Arbeitsleistung verkauft werden, der subsistenzwirtschaftliche Zusammenhang also bereits durch das Eindringen des Wertes zersetzt wurde. Daß in diesen Übergangsformen zur kapitalistischen Produktion (die Heimarbeit wird häufig als. „protoindustrielle“ Produktionsform bezeichnet) Bewußtseinsformen überlebten, die „eigentlich“ im Kontrast zum – der Produktionsweise inhärenten – Rentabilitätsdenken standen (vgl. dazu auch Sieder 1987, S. 73ff.), ist eine andere, sehr interessante Frage, auf die noch zurückzukommen sein wird. Die „Autonomie“ aber, weil sie das Bewußtsein von der historischen Verlaufsform isoliert, setzt stoffliche Produktion für den eigenen Bedarf (also Gebrauchswertproduktion) unmittelbar in eins mit einer Reproduktionsform, in der zwar das Sichern der Existenz des Familienverbandes Priorität genießt, dies aber nur vermittelt über wertmäßige Produktion gewährleistet werden kann.

Die schwammige Verwendung des Begriffes drückt sich übrigens auch darin aus, daß ausdrücklich von „städtischer Subsistenzökonomie“ die Rede ist (Autonomie 14, S.121), worunter die „Autonomie“ die Reproduktion städtischer Handwerker, Kleinhändler und sogar früher Lohnarbeiter faßt. Allerdings scheint ihr die inflationäre Verwendung des Begriffes der „Subsistenzproduktion“ selbst nicht ganz geheuer zu sein, denn weitaus häufiger verwendet sie in diesem Zusammenhang die Begriffe der „Reproduktion der Unterklassen“ bzw. der „selbständigen Reproduktion“, die dann neben Handwerk und Kleinhandel auch Diebstahl, häusliche Reproduktionsarbeit und den Rekurs städtischer Lohnarbeiter auf die Unterstützung durch den auf dem Lande lebenden Familienverband beinhaltet (18). Diese Begriffsdifferenzierung ist jedoch eine rein formelle, denn tatsächlich werden alle drei Begriffe vom Bedeutungsinhalt her synonym verwendet, was allein daran deut-lich wird, daß deren Verhältnis zueinander an keiner Stelle explizit geklärt wird. Alle drei Begriffe umfaßen jegliche Reproduktion, die nicht unmittelbar auf Lohnarbeit beruht oder durch staatliche bzw. quasi-staatliche Institutionen (Sozialversicherung, Sozialverwaltung etc.) geregelt wird. Solange die Subjekte sich noch Einkommensquellen bzw. ergänzende Reproduktionsbasen neben der Lohnarbeit und der staatlichen Versorgung erhalten, solange kann also noch von (Resten) „selbständiger Reproduktion“ gesprochen werden, und nur solange ist auch die Grundlage für ein „autonomes“, also antikapitalistisches Bewußtsein gegeben.

Doch das Kapital schläft nicht:

„Mit der Ausweitung der Sozialversicherungen subsumiert der Staat auch das Existenzrecht der Klasse in einem versicherungsrechtlichen Verhältnis. Aus der Rache für das erlittene Unrecht wird der `Generationenvertrag‘. Das ehedem antagonistische, unvermittelt dem Kapital gegenüberstehende Existenzrecht wird umgedreht zum Mittel kapitalistischer Reproduktion. Die autonome Klassenkonstitution wird damit ihrer moralischen und ökonomischen Grundlage beraubt“ (Autonomie 14, S.207).

Die Frontstellung, die künstlich aufgebaut wird, ist die zwischen Kapitalismus und Subsistenzwirtschaft, zwischen „kapitalistischer Reproduktion“ und „selbständiger Reproduktion“. Das Kapitalverhältnis wird nicht begriffen als das logisch-historische Resultat der Warenproduktion, sondern als eine äußerliche, fremde Macht, die vollkommen willkürlich die Bühne der Geschichte betritt und mit dem subjektiven Willen ausgestattet ist, alle anderen Formen der Produktion und Reproduktion zu unterwerfen oder zu zerstören.

„Es hat keinen selbstgesetzlichen Zwang gegeben, unter dem eine Gesellschaft auf der Grundlage von Feudalrente, Subsistenzproduktion und kleiner selbständiger Warenproduktion zu einem modernen, auf kapitalistischer Lohnarbeit beruhenden Produktionsverhältnis hätte fortschreiten müssen“ (Autonomie 14, S. 127).

Woher allerdings dieses Subjekt kam, das hier so anmaßend einfach den Gang der Geschichte bestimmt hat, woher es seinen Zerstörungswillen bezogen hat, kann uns die sonst so mit historischen Fakten um sich schmeißende „Autonomie“ leider nicht verraten. Wie jeder Empirismus muß sie zu Mystifizierungen greifen, sobald sie übergreifende Zusammenhänge erklären will, die mit den Mitteln der kruden Faktenklauberei nicht mehr faßbar sind. Das Kapital als „diabolus ex machina“.

Wenn man überhaupt eine historische Frontstellung zwischen Produktionsweisen aufbauen wollte, dann die zwischen wirklicher (dem Wesen nach bäuerlicher) Subsistenzproduktion und Warenproduktion. Erstere wurde im Verlaufe der historischen Entwicklung durch die Ausbreitung von Tausch und Geld zunehmend zersetzt – wobei die Übergänge von einer Form zur anderen fließend und regional extrem ungleichzeitig waren. Die kapitalistische Produktionsweise allerdings ist kein Gegensatz zur Warenproduktion, sondern deren entfaltete Form, die durch die Verwandlung der Arbeitskraft in Ware die Verwertung des Wertes zum Selbstzweck der Produktion macht und damit tendenziell alles in die Wert-/Geldform preßt. Soziale Zusammenhänge, die auf persönlicher Abhängigkeit und Blutsverwandschaft beruhen, werden durch die entfesselte Eigendynamik des Wertes aufgelöst, die Vergesellschaftung, die sich hinter dem Rücken der Subjekte herausbildet, ist keine bewußt organisierte, sondern tritt ihnen als äußerlich und fremd gegenüber. Die gesellschaftliche Beziehung der Menschen ist in ein „gesellschaftliches Verhalten der Sachen verwandelt“ (19).

Soweit auch unter den Bedingungen entfalteter Wertproduktion noch Reste direkt gebrauchswertmäßiger Reproduktion erhalten bleiben (z.B. der Gemüsegarten), so hat dies bestenfalls ergänzenden Charakter. Was die Hausarbeit im engeren Sinne betrifft, die etwa von den Bielefelder Feministinnen auch unter die Rubrik „Subsistenzarbeit“ gefaßt wird, so hat sie sich als solche – als getrennte Sphäre – selbst erst im Rahmen der kapitalistischen Vergesellschaftung, als unerlässliche Ergänzung zur Lohnarbeit, herausgebildet (20). Beides, sowohl die Reste gebrauchswertmäßiger Reproduktion als auch die Hausarbeit, sind also immer schon kapitalistisch subsumiert und können daher gar keinen unabhängigen „sozialen Raum“ bilden, geschweige denn isolierte Grundlage für ein „autonomes antikapitalistisches Bewußtsein“ sein. Dies gilt auch für Überlebensstrategien, wie sie in Krisen- und Kriegszeiten immer wieder aufleben und in der 3. Welt weit verbeitet sind. Sie haben entweder Übergangscharakter, soweit Perspektiven für einen Wieder-Aufbau kapitalistischer Reproduktion bestehen, oder sie sind in der ein oder anderen Weise an diese gebunden, sei es durch Kleinhandel, „Müllhaldenproduktion“, gelegentliche Lohnarbeit, Diebstahl oder schlicht durch Orientierung der (meist unerfüllbaren) Konsumwünsche an der Warenwelt.

Für die „Autonomie“ stellt sich die Verallgemeinerung des Kapitalverhältnisses jedoch vollkommen verquer dar -übrigens ganz in der Tradition der linken Debatte- nicht als Versachlichung, sondern als Herausbildung der persönlichen Herrschaft des Subjektes Kapital über das Subjekt Klasse. Die Subjektivität, das Bewußtsein der Kontrahenten wird als fertiges vorausgesetzt, ist den Subjekten genauso unveränderlich angeheftet wie ihre Hautfarbe. Wenn „die Klasse“ in den kapitalistischen Metropolen also mittlerweile in „das Kapital“ integriert ist, so heißt dies demnach, daß ihr „eigentliches Bewußtsein“ im Verlauf der Kämpfe verschüttet wurde. Voraussetzung einer Revolution ist dann logischerweise, daß

„es gelingt Räume für proletarische Rekonstitution zu eröffnen und zu sichern.“ (Autonomie 14, S. 214, Hervorheb. N.T.) (21)

Die „Autonomie“ versucht diese haarsträubende These dadurch zu stützen, daß sie blindwütig in der Geschichte wildert und einen Berg beliebiger Details herbeischaufelt, wobei ihr im Eifer des Gefechtes nicht einmal auffällt, daß schon diese Beispiele gerade das Gegenteil ihrer eigenen Behauptungen belegen. Alles was ihnen nämlich als „antikapitalistischer“ sozialer Kampf erscheint, entpuppt sich meist schon auf den zweiten flüchtigen Blick selbst schon als Teil der sich heraus-bildenden Wertlogik. Ein krasses Beispiel hierfür ist die Beschreibung der Arbeitskämpfe der deutschen Eisenbahnarbeiter um 1845/47. Ausführlich schildert die „Autonomie“, daß es sich hierbei ganz offensichtlich um Lohnkämpfe gehandelt hat, deren Härte sich wohl in erster Linie aus dem Status dieses sich gerade erst herausbildenden neuen Typus des Massenarbeiters erklären läßt. Der Eisenbahnbau pferchte zum ersten Mal große Massen unqualifizierter Arbeiter unter schärf-sten Ausbeutungsbedingungen zusammen und entkoppelte sie gleichzeitig von ihren bisherigen Lebens- und Reproduktionszusammenhängen. Die „Autonomie“ selbst:

„Obermann, D. Eichholtz u.a. sehen in dieser fortgeschrittenen kapitalistischen Ausbeutungsform, sicher nicht zu unrecht, eine Grundlage für die ständige Kampfbereitschaft und Aktivität der Eisenbahnarbeiter im Vormärz und für die Härte ihrer Kämpfe, die sich überwiegend als Lohnkämpfe darstellten…“ (Autonomie 14, S.50)

Umso erstaunlicher ist dann die Schlußfolgerung aus dieser Feststellung:

„Die spezifische Modernität der Eisenbahnarbeiterkämpfe … lag in der Revolte gegen das System der Lohnarbeit selbst.“ (ebd.)

Eine wahrhaft logische Denkleistung, die folgendermaßen „begründet“ wird:

„Selbst wo immer Lohnforderungen gestellt und Lohnkämpfe geführt wurden, ist daraus nicht zu folgern, daß die Arbeiter ihre Unterwerfung unter das Lohnsystem gewollt hätten. Im Eisenbahnbau wurden höhere Löhne gefordert als anderswo…“ (ebd., Hervorheb. N.T.)

Als ob es einen freien Willen gäbe, der außerhalb des erreichten Vergesellschaftungszusammenhanges stünde und sich zwischen verschiedenen Formen der Reproduktion entscheiden könnte, wie zwischen zwei Waschmittelmarken im Supermarkt! Das unmittelbare Wollen der Eisenbahnarbeiter mußte sich auf Lohnforderungen konzentrieren, denn nur über den Lohn konnten sie sich reproduzieren. Das heißt allerdings nicht, daß es für die ersten Lohnarbeiter selbstverständlich war, ihre Arbeitskraft zu verkaufen; dies erforderte in der Tat einen langen historischen Gewöhnungsprozeß, der keineswegs reibungslos verlief. Die Bewußtseinsformen, die im Laufe dieses Prozesses ausgeprägt werden, reflektieren jedoch allesamt die jeweils erreichte Stufe der Wertvergesellschaftung, und das gilt nicht nur für Lohnkämpfe und die sich daraus entwickelnden Gewerkschaften, sondern genauso auch für die frühsozialistischen Vorstellungen von „Gemeindesozialismus“, auf welche die „Autonomie“ sich positiv bezieht (22). Dem geringen Verallgemeinerungsgrad des Wertverhältnisses entsprach die Utopie einer genossenschaftlich organisierten kleinen Warenproduktion und nicht etwa die Überwindung der Warenproduktion überhaupt.

Auch die von der „Autonomie“ mehrfach zitierten Hungerunruhen im vorrevolutionären Frankreich der 1770er und 80er sind in diesem Zusammenhang zu sehen. Sie waren in erster Linie spontane Reaktion der Volksmassen auf die existentielle Bedrohung, die von der Freigabe (und damit Erhöhung) der Getreide- und Brotpreise und der Etablierung eines nationalen Marktes ausging. Gegenüber diesen Bedrohungen forderten sie, die bisherigen Zustände vor Auge, „gerechte“ Lebensmittelpreise und die Wiederherstellung von lokalen, „überschaubaren“ Märkten (23). Natürlich waren solche Revolten nie auschließlich auf die Verteidigung eines „rein materiellen“ Lebensstandards ausgerichtet, denn die materielle Reproduktion war ja in vorkapitalistischen Zuständen immer unmittelbar und unauflöslich mit dem sozialen Lebenszusammenhang verquickt. Das Auseinanderfallen des sozialen Zusammenhangs in getrennte Sphären, (Lohn)Arbeit und Familie, öffentlich und privat etc., ist ja überhaupt erst ein Produkt der Wertvergesellschaftung, und Voraussetzung für ein Bewußtsein, das diese Getrenntheit als selbstverständlich empfindet (erst ab diesem Punkt können auch die sozialen Auseinandersetzungen in „Einzelprobleme“ zerfallen, die bloß additiv verknüpft werden, in „Lohnfrage“, „Frauenfrage“, „Agrarfrage“ etc.). Die kleine bäuerliche und handwerkliche Warenproduktion dagegen findet noch bis ins 19. Jahrhundert hinein im Zusammenhang des „ganzen Hauses“ statt, und selbst in der protoindustriellen Heimarbeit ist die Trennung zwischen den Orten von Produktion und Reproduktion noch nicht gegeben, obwohl die Heimarbeiterfamilie bereits auf Gedeih und Verderb von der Konjunktur des nationalen und internationalen Marktes abhängig ist. Die Zersetzung dieser sozialen Strukturen provoziert selbstverständlich Gegenwehr, doch bleibt diese bewußtseinsmäßig dem erreichten Stand der Vergesellschaftung verhaftet, ist sogar häufig offen rückwärtsgewandt (24).

Interessanterweise findet in der französischen Revolution die Forderung nach lokaler Preisregulierung auf dem Lande ihr Pendant in der politischen Forderung der städtischen Massen (vor allem der Sansculotten-Bewegung) nach einem „Allgemeinen Maximum“ d.h. nach Obergrenzen für die Preise der wichtigsten Lebensmittel und einer Festsetzung der Arbeitslöhne entsprechend den Preisen dieser Waren, was der „Autonomie“ sofort zur „sozialrevolutionären Forderung“ gerinnt (vgl. Autonomie 14, S.80 f.). Zwar ist es sicher richtig, daß in den erhobenen Forderungen Elemente der „moral economy“ fortleben („das Überleben aller sichern“), doch kleiden sie sich bereits in die grundlegenden Kategorien der Wertgesellschaft. Indem an den Staat appelliert wird, er solle in das Wirken des Wertgesetzes eingreifen, werden ja gleichzeitig diese beiden Kategorien affirmiert, gewissermaßen wird ihnen sogar zum Durchbruch verholfen. Nicht zufällig findet sich die Forderung nach Preisregulierung in allen späteren populistischen Bewegungen (inkl. der alten Arbeiterbewegung, dem „Realsozialismus“ und dem Faschismus) wieder, die allesamt dem Staat die Rolle des Regulators innerhalb der Wertvergesellschaftung zuschreiben (neben Preisregulierung auch Subventionierung, Investitionslenkung etc.).

Es hieße die Geschichte nicht zu verstehen, wollte man den Sansculotten etwa „falsches Bewußtsein“ vorwerfen, doch muß ihr Bewußtsein, aus heutiger Sicht, als ein notwendig seiner Epoche verhaftetes entziffert werden. Der „Autonomie“ ist aber ein solcher Zugang zur Geschichte verschlossen, da sie sich immer ganz unmittelbar mit Revoltierenden und ihren Forderungen identifiziert, als säße sie im Kino und die Geschichte würde als riesige Hollywood-Inszenierung auf der Leinwand abgespult. Die unmittelbarsten Interessen der jeweiligen Subjekte werden absolut gesetzt und nicht mehr hinterfragt (im klassischen Operaismus kommt dies als „Arbeiterstandpunkt“ daher).

„So bleibt es letztlich belanglos, mit welcher politischen Fahne, mit der royalistischen oder der von 1793, die Revolten sich auszeichneten. Ihre eigentliche Kampfansage war die welche noch 1848 von den Frauen erhoben wurde: ‚Du pain ou la mort‘ (Brot oder Tod).“ (Autonomie 14, S. 82, Hervorheb. N.T.)

Die ewige Wiederkehr des Immergleichen

Da die „Autonomie“ im Gegensatz zum Operaismus real auf kein empirisches soziales Subjekt verweisen kann, muß sie sich auf das „allgemein Menschliche“ zurückziehen, den Kampf um das elementarste Überleben. Wenn die Menschen nichts mehr zu beißen haben, dann revoltieren sie, lautet die tiefschürfende Erkenntnis von 300 Seiten „Autonomie 14“. Die Geschichte gerinnt ihnen damit zu einem völlig unförmigen Brei des immergleichen Gegensatzes zwischen arm und reich, Herrschern und Beherrschten und einer ewigen Wiederkehr von Klassenkämpfen, verstanden als die „Permanenz der Revolution der Armen“ (Autonomie 14, S.84). Der primitivste Vulgärmaterialismus kommt hier im Gewande des Subjektivismus daher, entlarvt sich allerdings schon in der Begriffslosigkeit, mit der er in allen Revolten letztlich nur den „Kampf um das Recht auf Existenz“ (Autonomie 14, S.109 f.) entdecken kann.

Dieser Begriff ist tatsächlich nicht mehr als eine leere Abstraktion, die versucht, völlig disparate Kämpfe krampfhaft auf einen Nenner zu bringen und das reale Bewußtsein der Kämpfenden wird völlig ignoriert. Deren unmittelbare Forderungen samt der damit verknüpften Ideologie können so nicht im Kontext der jeweiligen historischen Si-tuation begriffen werden; letztlich wird jeglicher Fortschritt im gesellschaftlichen Bewußtsein Schlichtweg geleugnet, was insofern verständlich ist, als die „Autonomie“ die Perspektive, den Kapitalismus nach vorne aufzulösen, längst aufgegeben hat. Stattdessen weint sie der „guten alten Zeit“ hinterher und führt jeden revolutionären Impuls immer nur auf einen (schwindenden) Rest von „Subsistenzbewußtsein“ zurück, welches seine materielle Basis in Überbleibseln einer „selbständigen Reproduktion“ habe.

Das Bewußtsein der revoltierenden Arbeiter von 1918, beispielsweise, unterscheidet sich demnach von dem der Aufständischen von 1848 nicht qualitativ vom Inhalt her, sondern rein quantitativ: die „Unterklassen“ von 1848 besaßen halt „noch mehr“ Subsistenzbewußtsein als die von 1918. Der Karnickelstall im Hinterhof des Wohnblocks läßt die „Autonomie“ darauf schließen, daß die dort wohnenden Arbeiter sich nichts sehnlicher gewünscht hätten, als ein Zurück in den Stallmief der Subsistenzwirtschaft. Wenn die Arbeiter hingegen für allgemeines Wahlrecht auf die Straße gingen und für ihre Anerkennung als gleichberechtigte Staatsbürger kämpften, dann muß die „Autonomie“ dies wohl für Geschichtsklitterung oder einen besonders perfiden Schachzug des Kapitals halten, denn „eigentlich“ ging es den Arbeitern immer nur um ihr „Recht auf Existenz“. Der Begriff ist nichts als eine Leerformel, die gerade deshalb auch jeder beliebigen Bewegung übergestülpt werden kann, und den „Theoretiker“ der Notwendigkeit enthebt, sich konkret mit dem jeweils realen Inhalt auseinanderzusetzen und ihn zu erklären.

Mit diesem im schlechtesten Sinne abstrakten Vorgehen verballhornt die „Autonomie“ nicht nur die Geschichte, sondern sie phantasiert damit auch die angebliche „Klassenhomogenität eines Weltproletariats der Armen“ herbei. Drastisch vor Augen geführt wird uns dies in der „Autonomie 10“ (S.49 f.), wo die Autoren unter der Überschrift: „Der neue Bauernkrieg aus den Slums: Beispiele aus der jüngeren Zeit“, eine Kollage aus Zeitungsschnipseln zusammengestellt haben. Einträchtig ne-beneinander finden wir hier die Straßenblockaden von Bauern aus dem afrikanischen Benin, die den Abtransport des von ihnen produzierten Mais verhindern, weil sie mit dem vom Staat festgesetzten geringen (!) Preis nicht einverstanden sind, militante Proteste und Plünderungen in liberianischen Städten, die sich gegen Preiserhöhungen (!) beim Grundnahrungsmittel Reis richten, der Streik städtischer Angestellter und Kleinbusfahrer im peruanischen Huancayo, ein durch die Gewerkschaften organisierter Generalstreik in Kolumbien etc. Schon auf der Ebene der krudesten Empirie sticht ins Auge, daß die verschiedenen Teile dieses „Weltproletariats“ ganz offenbar vollkommen unterschiedliche und sogar entgegengesetzte unmittelbare Interessen verfolgen. Genauer gesagt, sie verfolgen zwar alle das gleiche unmittelbare Einzelinteresse, nämlich das nach Geld, doch schließt genau dies ein, daß ihre Interessen miteinander konkurrieren, eben nicht auf einen Nenner zu bringen sind. Wenn die Bauern beispielsweise ihr Interesse an hohen Preisen für ihre Produkte verfolgen, die städtische Bevölkerung ihrerseits gegen die gestiegenen Lebenshaltungskosten auf die Straße geht, dann agieren sie als zwei Pole eines Interessengegensatzes innerhalb der Wertgesellschaft, keinesfalls als Klassensubjekt gegen „das Kapital“ (obwohl natürlich fast immer irgendwelche Einzelkapitalien tangiert werden). Selbst da jedoch, wo keine unmittelbaren In-teressensgegensätze vorliegen, läßt sich beim besten Willen nicht erkennen, worin die Grundlage für ein gemeinsames Bewußtsein dieser auf dem Papier zusammengebrachten Protestewegungen bestehen soll. Es ist schwerlich vorzustellen, daß ein städtischer Angestellter aus Peru sein „Recht auf Existenz“ in Form einer Strohhütte in der afrikanischen Steppe einklagt und der Bauer aus Benin wird wohl kaum nach einem sicheren Arbeitsplatz in der kolumbianischen Autoindustrie trachten.

Auch Bewußtseinslage und Interessenskonstitution von Slumbewohnern sind keineswegs so homogen, wie die „Autonomie“ das gerne hätte (aber vorsichtshalber nicht näher belegt). Sie geht dabei sogar so weit, etwa indische, malaysische, mexikanische und chilenische Slums, als ein und dasselbe zu behandeln (vgl. Autonomie 10, S.50). Völlig beliebig werden hier Unterschiede in der geschichtlichen und politischen Entwicklung der Länder, des erreichten Vergesellschaftungsniveaus, der sozialen Schichtung, der kulturellen und religösen Traditionen etc. mit der Geste des großartigen Theoretikers, der sich auf das „Wesentliche“ konzentriert, beiseite gewischt und schon wird das „Weltproletriat“ aus dem Zylinder gezaubert. Dieses „Wesentliche“ ist aber bei Licht betrachtet nicht viel mehr als die Gemeinsamkeit, daß alle zitierten Auseinandersetzungen sich meist an unmittelbar existentiellen Bedrohungen entzünden und daß sie in der Regel sehr heftig ausgetragen werden. Die realen Unterschiede der jeweiligen Anlässe, das Bewußtsein der Akteure, ihre konkreten Forderungen und Ziele etc., werden bei dieser Betrachtungsweise völlig verschüttet und die aufgeblähte, aber völlig inhaltsleere Begrifflichkeit „Kampf um das Recht auf Existenz“ kaschiert nur mühsam, daß die „Autonomie“ selbst in keinem Moment über die phänomenologische Beschreibung einzelner Momente der unmittelbarsten Empirie hinauskommt.

Indem sie aber in der Unmittelbarkeit der Betrachtung verharrt, affirmiert die „Autonomie“ zwangsläufig die Unmittelbarkeit des Geldes und ihre „Subsistenzkämpfe“ entpuppen sich als auseinanderdriftende Interessenskonflikte innerhalb der (in die Krise geratenen) Wertgesellschaft. Eine revolutionäre theoretische Position hingegen müßte den Rahmen der Interessenkonkurrenz selbst sprengen, d.h. die Ebene der Unmittelbarkeit verlassen, deren Wertkonstituiertheit kritisieren und damit die Voraussetzungen für ihre Beseitigung schaffen. Das heißt natürlich nicht, den handelnden Subjekten etwa eine „falsche Praxis“ vorzuwerfen und sie auffordern, sich doch endlich das „richtige Bewußtsein“ zuzulegen. Natürlich ist es richtig, wenn die kolumbianischen Arbeiter für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen streiken, wenn Slumbewohner gegen Erhöhung der Lebensmittelpreise auf die Straßen gehen, sich organisieren etc.; die Theorie darf sich jedoch nicht auf diese Ebene des unmittelbar Notwendigen beschränken und in falscher Bescheidenheit vor dem begrenzten Horizont des Unmittelbarkeitsbewußtseins kapitulieren, will sie nicht den Anspruch auf Überwindung dieser Gesellschaft aufgeben und überhaupt aufhören, Theorie zu sein. Genau dies aber tut die „Autonomie“:

„Der Verzicht auf die Idee einer historischen Gesetzmäßigkeit. auf die Formulierung eines jenseits der Subjekte liegenden Ziels wird zur Voraussetzung revolutionärer Moral und für ein revolutionäres Handeln, welches nicht in die Verachtung der Massen umschlägt und diese schließlich auf ein Ziel zutreibt.“ (Autonomie 14. S.138. Hervor heb. N.T.)

Ihre dichotomische Denkweise kommt hier voll zum Ausdruck: Es gibt nur zwei Möglichkeiten, entweder die Theorie unterwirft sich „die Massen“, oder sie ordnet sich ihrerseits „den Subjekten“ unter. Woher diese Subjekte allerdings ihre „in ihnen liegenden Ziele“ beziehen, darf eine Theorie, die sich für den Denkverzicht entschieden hat (also schon gar keine Theorie mehr ist), nicht mehr fragen. Sie muß diese Ziele als gegeben hinnehmen und beraubt sich damit selbst der Mög-lichkeit, diese als in den jeweiligen Verhältnissen befangene zu erkennen. Letzten Endes muß eine solche Position die Unmittelbarkeit im wahrsten Sinne des Wortes mystifizieren, und so ist es nicht weiter verwunderlich, wenn die „Autonomie“ sich positiv auf

„den nicht institutionalisierten Teil des iranischen Chiliasmus, die indonesischen Moslemrebellen, die philippinischen Christenbewegungen gegen die Landreform…“ (Autonomie 10, S.48)

bezieht. Der Logik der Argumentation entsprechend, ist demnach religiöser Fanatismus ein Teil des „eigentlich“ im Subjekt angelegten Bewußtseins. Wir können also gespannt sein, wann Detlev Hartmann sich wieder auf die Jungfrau Maria besinnt.

Hier führt sich die ganze Position ganz offensichtlich ad absurdum. Wenn entwurzelte und verarmte Massen in ihrer Verzweiflung Zuflucht bei religiösen und quasi-religiösen Bewegungen suchen, so ist das zwar objektiv ein Reflex auf die Zerstörung der traditionellen Lebenszusammenhänge, hat aber mit politischer Bewußtheit sowenig zu tun wie der abendliche Alkoholrausch eines VW-Arbeiters. Sicher merkt etwa der arbeitslose Slumbewohner, lapidar ausgedrückt, daß es ihm dreckig geht und daß demzufolge „irgendwas“ faul sein muß an den Verhältnissen, doch fehlen ihm häufig die elementarsten Voraussetzungen dafür, dies bewußt zu artikulieren (was ja selbst Teil dieser Verhältnisse ist), weshalb er für vorrationale, meist in der jeweiligen Tradition verwurzelte, Deutungsmuster leicht zugänglich ist. Ich kann hier keine Analyse moderner religiöser Massenbewegungen vornehmen, doch läßt sich grundsätzlich feststellen: Der Rückgriff auf Religion oder quasi-religiöse Ideologie (etwa Personenkult) ist ein sicheres Indiz dafür, daß das betreffende Bewußtsein seiner selbst eben nicht bewußt ist. Mit anderen Worten, der eigene soziale Zusammenhang wird nicht als solcher begriffen (geschweige denn bewußt geregelt), sondern es bedarf einer fiktiven, aber für dieses Bewußtsein durchaus realen Instanz „außerhalb“ dieses Zusammenhanges, auf die die eigene Gesellschaftlichkeit (unbewußt) projiziert wird und vermittels derer die jeweils gültigen Normen legitimiert werden (Fetischismus). Das heißt, selbst dort, wo religiöse Bewegungen „urkommunistische“ Züge annehmen, was historisch vor allem in Umbruchsituationen immer wieder der Fall war, werden der soziale Zusammenhang bzw. die Zielvorstellungen nur mystifiziert wahrgenommen, etwa als das „Himmelreich auf Erden“ oder eine „tausendjährige Gerechtigkeit“. Bezeichnenderweise bezieht sich die „Autonomie“ allen Ernstes positiv auf diese religiösen Ideologeme (Autonomie 10, S.48)! Ihr erscheint ein solcher noch wenig artikulierter Bewußtseinszustand schon als der Inbegriff des „dem Subjekt“ von allem Anbeginn eigenen, fertig ausgeprägten kommunistischen Bewußtseins, das nur deshalb nie den Sieg davongetragen hat, weil die „Rebellion der Bauern“ immer wieder „von Eliten usurpiert und in ihren Zielen verdreht worden ist“ (ebd.). Leider beantwortet sie uns aber nicht die Frage, weshalb sich ein solches Bewußtsein einfach die Verdrehung seiner Ziele gefallen läßt.

Gefährlich harmloser Verbalradikalismus

Nun kann bei allen Einschränkungen, was das Bewußtsein betrifft, jedoch gesagt werden, daß viele der heutigen Bewegungen in der kapitalistischen Peripherie tatsächlich den Charakter eines objektiven Antiimperialismus haben. Die Gleichsetzung mit Bewegungen aus dem Europa des 18. und 19. Jahrhunderts ist also schon insofern falsch, als diese ein Reflex auf ein sich völlig neu herausbildendes gesellschaftliches Verhältnis waren, während jene auf die Bedingungen eines fertig herausgebildeten Weltmarkts und einer enorm entwickelten Produktivkraft treffen. Insofern können Unruhen, Streiks und das Agieren nationaler Befreiungsbewegungen die Bedingungen internationaler Kapitalverwertung durchaus empfindlich tangieren, vor allem soweit es sich um strategische Rohstofflieferanten (z.B. Iran), wichtige Regionen der Kapitalanlage oder Großschuldnerländer handelt. Sollten beispielsweise mehrere der großen Schuldnerländer die Zahlungen einstellen, so könnte dies der Auslöser für einen Zusammenbruch des internationalen Bankensystems, des spekulativen Überbaus und letztlich des gesamten Weltmarktes sein. Es würde sich dabei aber tatsächlich nur um einen Auslöser handeln, um das Streichholz, das an die Lunte des durch die Eigendynamik der Akkumulation angehäufte Krisenpotentials gehalten wird (25).

Insofern steckt ein Körnchen Wahrheit in der „Autonomie“-These vom antiimperialistischen Charakter der „IWF-riots“. Allerdings leugnet sie gerade die objektive Seite dieser Erscheinung, denn für sie existieren selbstverständlich keine inneren Widersprüche der Weltmarktentwicklung, außer dem ewigen Gegensatz zwischen den beiden Großsubjekten Kapital und Klasse. Krisen sind lediglich Instrumente des Kapitals zur Unterwerfung der Klasse und das System von Bretton Woods ist „eine Waffe gegen die Klasse, ein Klassenkampfprojekt“ (Autonomie 14, S.282) mit dem Ziel der „Zerstörung der Subsistenz“. Damit steigert sich die Argumentation bis zum offenen Widersinn. War der Klassenkampf im klassischen Marxismus und im Operaismus immerhin noch gekoppelt an den Interessensgegensatz von Kapital und Arbeit, also an die Verwertung des Kapitals durch Vernutzung der Ware Arbeitskraft im Produktionsprozeß, gerät der „Autonomie“ der Klassenkampf praktisch zum Selbstzweck. Sie treibt den Subjektivismus endgültig auf die Spitze und unterstellt zwei ontologisch feindliche Wil-lensmächte, die im Dauerclinch liegen. Zwar redet auch sie von „Verwertung“, doch weiß sie offenbar selbst nicht, was sie damit eigentlich meint. So erklärt sie einmal die „Vernichtung der Subsistenz“ damit, daß diese „so undurchdringlich schien, daß das Kapital die Möglichkeit der `Verwertung‘ nur in der totalen Beseitigung sah“ (26), ein andermal sieht sie gar einen direkten (monetären) „Transfer aus den Zerstörungsprozessen der Peripherie“ (Autonomie 14, S.283). Damit aber noch nicht genug, kommen Absatzschwierigkeiten des Kapitals hinzu, die es zur Expansion zwingen (Autonomie 14, S.250 f.), dann wieder soll das Einkommen der metropolitanen Klasse gedrückt werden (Autonomie 14, S.284)(und der Absatz?) und schließlich geht es um die Bereitstellung von Arbeitskräften für die Industrie (Autonomie 14, S.282).

Gleichzeitig läßt sich aber nicht verheimlichen, daß unter den Bedingungen des heutigen Weltmarktes die zig-Millionen „freigewordener“ Menschen der Peripherie ganz offenbar nicht mehr in die Kapitalverwertung integriert werden können, eine analoge Entwicklung zu der in den Metropolen also ausgeschlossen ist, was ja nichts anderes heißt, als daß die Aufnahmefähigkeit des Weltmarktes an objektive Grenzen stößt. Für die „Autonomie“ ist aber selbst dies nur eine weitere Niederträchtigkeit des Kapitals, Teil des bewußten Plans zur Vernichtung der, aus seiner Sicht, „unnützen Esser“. Soweit dies überhaupt noch möglich ist, beißt sich spätestens hier die Katze vollends in den Schwanz. Denn, wenn das Kapital die „Subsistenz“ zerstört, um Arbeiter für seine Verwertungsmaschinerie „freizusetzen“, warum sollte es sich dann Millionen von Menschen aufbürden, für die es keine Verwendung hat und diese deshalb physisch vernichten muß?

Entweder-Oder! Entweder das Kapital ist weltweit planendes Subjekt, das die Bedingungen seiner eigenen Verwertung optimiert, dann wird es sich gar nicht erst zu viele „unnütze Esser“ schaffen, oder man muß zugeben, daß die Verwertung des Wertes einer Eigendynamik unterliegt, die von niemandem kontrolliert werden kann und immanente Widersprüche erzeugt. Oder sollte das Kapital ausgeflippt sein? Die unsägliche Behauptung, das Kapital müsse die Subsistenzklasse vernichten, weil diese ihm in unversöhnlicher Feindschaft gegenüberstehe und seine Verwertungsbdingungen bedrohe, ist nicht mehr als eine platte Tautologie. Solange es sich um real subsistenzwirtschaftende Bauern handelt, können sie auch keine Verwertungskrisen auslösen, weil sie gar nicht in den Geldkreislauf eingebunden sind (27), soweit sie aber bereits ihrer Subsistenzbasis beraubt sind, wäre dies ja wiederum eine Strategie des Kapitals. Ergo schafft sich das Kapital seine Feinde selbst, nur um sie anschließend unter großem Aufwand und Gefahr des eigenen Untergangs wieder zu vernichten. Das Kapital als Dracula! (28).

Die „Autonomie“ kann den gordischen Knoten dieser Widersprüche nicht auflösen, weil sie der abgeleiteten Ebene der Oberflächenphänomene total verhaftet bleibt. Sie begreift nicht, daß der quasi-naturwüchsig verlaufende Prozeß der Weltmarktentwicklung in der Tat widersprüchliche Momente erzeugt und gerade weil er keiner Kontrolle unterliegt ein ungeheures Krisenpotential anhäuft (29). Stattdessen versucht sie überall Planmäßigkeit zu entdecken, und die Oberfläche der gesellschaftlichen Erscheinungen zerfällt ihr in lauter Bestandteile einer Globalstrategie des Klassenfeindes. Die einzelnen, oft nicht unmittelbar miteinander kompatiblen Phänomene bleiben dann zwangsläufig genauso äußerlich aneinandergereiht (besonders deutlich in der hilflosen Addition von „Verwertung und Vernichtung“), wie vorher schon die einzelnen Fraktionen des „Weltproletariats“.

Da die „Autonomie“ den realen Zusammenhang nicht begriffen hat, bleiben auch ihre Äußerungen zur revolutionären Strategie in dunklen Andeutungen und trotzigem Verbalradikalismus stecken. Tatsächlich verharmlost sie nicht nur die reale Gefahr der heraufziehenden Weltwirtschaftskrise (und verbaut damit auch den Blick für Handlungsperspektiven vor deren Hintergrund), sondern sie führt auch in der Frage des revolutionären Subjekts nur noch tiefer in die alte Sackgasse. Mit dem stumpf gewordenen Instrumentarium der traditionellen Klassenanalyse stochert sie hilflos in einer kapitalistischen Realität herum, die längst die Reste des Ständischen abgeschüttelt hat und der totalen Herrschaft des Geldes unterworfen ist (30). Die autonomen Aktivisten der IWF-Kampagne sind ihr auf diesem Holzweg blind gefolgt und haben – weit davon entfernt, sie grundsätzlich in Frage zu stellen – die „Autonomie“-Position bestenfalls empiristisch „ergänzt“. Da wurden „der Klasse“ die Rheinhausener Stahlarbeiter, die französischen Studenten, die Jobber etc. hinzuaddiert und nicht zuletzt natürlich dem Kapitalverhältnis das Patriarchat zur Seite gestellt, ohne aber deren inneren Zusammenhang klären zu können (31). Statt also begriffliche Klarheit zu schaffen, wurde die Verwirrung noch potenziert. Deutlich wurde dies in den Beiträgen auf den sogenannten Vorbereitungsveranstaltungen, wo die Zuhörer mit einer Flut unzusammenhängender Fakten – angereichert durch meist halbverdaute Ideologeme aus der „Autonomie“ – überschüttet wurden, eine qualvolle Prozedur, die das Interesse an „der Theorie“ schnell versanden ließ. Obendrein trugen auch noch die Mystifizierungen des angeblichen Subjekts „Kapital“ dazu bei, die Ratlosigkeit zu vollenden und selbst die sonst so eifrigen Vorbereitungen auf die „direkte Aktion“ zu lähmen, dies umso mehr, als „die Klasse“ sich so gar nicht rühren wollte. Im Anschluß an die Kampagne wurden deshalb erwartungsgemäß bald kritische Stimmen laut, die bemängelten, es sei „zuviel Theorie“ betrieben worden, die Vermittlung zur Basis und zur „Praxis“ habe nicht geklappt (32); der übliche Kurzschluß des instrumentellen Theorieverständnises. Die Kritik richtet sich nicht gegen den Inhalt der Theorie – im Gegenteil, die „Unterklassenstrategie“ wird blind vorausgesetzt -, sondern es wird eine konsquentere „Umsetzung“ gefordert. Das Pendel schlägt wieder zur Seite des Aktionismus aus.

Die ersehnte „neue Qualität“ hat die IWF-Kampagne also nicht gebracht, von der angestrebten „Bündelung der Teilbereichsbewegungen“ blieb nicht viel mehr als ein beliebig zusammengewürfeltes „Aktionsbündnis“ übrig, das es bei solchen Anlässen immer schon gegeben hatte, und die „längerfristige Perspektive“ erschöpft sich, soweit nicht an absurden „Organisationskonzepten“ gebastelt wird, in der Hoffnung auf die nächste Kampagne – gegen den EG-Binnemarkt. Ein voller Erfolg war die Kampagne nur für die „Autonomie“. Sie ist endlich bis zur Ununterscheidbarkeit in der praktischen Bewegung aufgegangen und braucht sich nicht länger mit einem Image herumzuquälen, von dem sie sich ganz zu Unrecht bisher nicht hatte befreien können: dem Image, Theorie zu betreiben.

LITERATUR

– Mario Tronti: Arbeiter und Kapital, Frankfurt/M 1974 [1966] – Toni Negri: Zyklus und Krise bei Marx, Berlin 1972 [1968]

– „Autonomie (NF)“ Nr.14, Berlin 19872

– „Autonomie (NF)“ Nr.10, Hamburg 1982

– „Aufsätze zur Diskussion“ Nr.39, Gelsenkirchen 1987

– Reinhard Sieder: Sozialgeschichte der Familie, Frankfurt/M 1987

– Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie (MEW 42), Berlin (DDR) 1983

– Karl Kautsky: Der Weg zur Macht, Frankfurt/M 1972 [1909]

– Nicholas Shakespeare: Auf den Spuren Guzmans, in „Lettre International“ Nr.2, Berlin 1988

– „Materialien für einen neuen Antiimperialismus“, Berlin 1988

– „Neuer Internationalismus und IWF-Kampagne“ (Treibsand-Reader Nr.70), AStA Uni Bremen 1988

– „Unzertrennlich“ Nr. 10/11, Winter 1988, Berlin

Fußnoten

1) Dieser Zusammenhang ist keineswegs zufällig. Da der Empirismus aus sich heraus keinen Begriff von gesellschaftlicher Totalität entfalten kann, muß, um ihn politisch zu machen, eine (politische) Moral oder Religion äußerlich, also letztlich willkürlich, an ihn herangetragen werden. Positivismus und Irrationalismus sind die beiden Seiten bürgerlicher Theoriebildung und seit der Aufklärung unheilvoll miteinander verschwistert.

2) Entsprechend langweilig und unfruchtbar waren deshalb auch die Auseinandersetzungen zwischen Autonomen und dem Rest der Bewegung im Verlauf der IWF-Kampagne. Man haute sich ein ums andere Mal die bekannten Prinzipien um die Ohren und kam keinen Schritt weiter.

3) Die Auseinandersetzung mit dem Operaismus steht auf unserem theoretischen Fahrplan. Da es mir hier nur um das Grundmuster der operaistischen Argumentation geht, das sich auch bei der „Autonomie“ wiederfindet, kann ich die Richtung der Kritik hier nur andeuten.

4) Deutlich auch die Grundannahme, das Klassenverhältnis sei dem Wertverhältnis vorausgesetzt, in folgendem Zitat: „Das Gesetz des Arbeitswerts kann in der Marxschen Interpretation in der Tat nicht vom kapitalisitischen Produktionsverhältnis und vom Klassenverhältnis, das dessen Grundlage ist, extrapoliert werden.“ (Tronti a.a.0., S. 194; Hervorheb. N.T.); Tronti verbindet eine frappierende Verwandtschaft mit dem sozialdemokratischen Theoretiker Kautsky: „Wenn nicht der Urgrund aller ökonomischen Notwendigkeit, der Wille zu leben, in den Arbeitern aufs kraftvollste wirkte, wenn dieser Wille in ihnen erst künstlich geweckt werden müßte, dann wäre all unser Streben vergeblich“ (Kautsky 1972 [1909], S.43; Hervorheb. N.T.).

5) vgl. auch Tronti a.a.O., S. 191

6) Lenin äußert sich in dieser Hinsicht zwar etwas widersprüchlich, stimmt aber im Wesentlichen den Aussagen Hilferdings zu; vgl. dazu „Aufsätze zur Diskussion“ Nr. 39.

7) Die Fronten der Interessenskonflikte verlaufen dabei auch keinesfalls so eindeutig. So kann der einzelne Arbeiter dem Gewerkschaftsstandpunkt entgegengesetzte Interessen haben, wenn er an seinem individuellen Fortkommen interssiert ist, die Beschäftigten in der Atomindustrie verbünden sich mit den Betreibern der Kraftwerke gegen die Anti-AKW-Bewegung und die bundesdeutschen „Arbeitnehmer“ erwarten von der Bundesregierung eine knallharte Interessenspolitik gegenüber den USA etc.

8) vgl. hierzu die Artikelserie von Peter Klein, „MK“ 3 – 6

9) Schon die Formulierung „Kampf gegen die Arbeit“ verrät die begriffliche Verwirrung. Die Arbeit als gebrauchswertsetzende, als Stoffwechsel mit der Natur, kann selbstverständlich nicht bekämpft werden. Abgeschafft werden muß die kapitalistische Form der Arbeit, die Lohnarbeit also und die durch sie konstituierte Arbeitsteilung.

10) Der Schwäche dieser Argumentation scheint sich Tronti selbst bewußt zu sein, denn er merkt an, daß es sich dabei um eine „Absurdität“ handle, die jedoch „eine reale historische Tatsache“ sei (ebd.). Es schimmert hier die Ahnung durch. daß der Kapitalismus eben nicht die persönliche Herrschaft einer Clique ist, sondern ein versachlichter Zusammenhang, der sich nicht daran stört, welcher Name ihm jeweils verliehen wird. Tronti durchschaut dies jedoch nicht, da er sich selbst an die Kategorien direkter Herrschaft klammert, die Verhältnisse also versubjektiviert.

11) Tronti argumentiert analog: „Genau mit dem Jahr 1917 wird die Vermittlung des Kapitals durch die Arbeiter den Kapitalisten subjektiv aufgezwungen. Was früher von selber funktionierte, ohne daß es irgendjemand kontrollierte, als blindes ökonomisches Gesetz, muß von diesem Moment an von oben in Bewegung gebracht werden durch den politischen Willen dessen, der die Macht besitzt…“ (Tronti, a.a.O., S.221).

12) Historisch erklärt sich dies aus der spezifischen Situation im Italien der Nachkriegszeit. Die Operaisten hatten insofern, mit den unzufriedenen Massenarbeitern, tatsächlich einen empirischen Anknüpfungspunkt für ein scheinbar revolutionäres Subjekt.

13) Diese Form der „Theoriebildung“ findet sich konsequenterweise nicht nur bei den bundesrepublikanischen Erben der Operaisten („Wildcat“, „Autonomie“ etc.), sondern trift sich auch mit dem Unmittelbarkeitsfetischismus der Oppositionsbewegung.

14) Auch hier zeigt sich wieder die Befangenheit im traditionellen Standpunkt, der gänzlich auf die „Eroberung der politischen Macht“ fixiert ist.

15) Mit dieser Argumentationslogik folgt die „Autonomie“ im Übrigen nicht nur der Entwicklung des italienischen Operaismus der 70er Jahre, sondern u.a. auch dem Feminismus der „Bielefelder Schule“, bei dem sie das „Subsistenz“-Konzept im wesentlichen abgekupfert haben.

16) vgl. Autonomie 14, S. 112; diese Auffassung entspricht im übrigen einem weit verbreiteten linken „Niederlagenbewußtsein“ und findet sich u.a. ausdrücklich bei dem in der Tradition der „Kritischen Theorie“ stehenden Stefan Breuer und bei Joscha Schmierer.

17) vgl. die Verweise auf die „Marktrevolten“ gegen die „Zerstörung der Transparenz des Marktvorganges“ (!), Autonomie 14, S.109

18) vgl. etwa Autonomie 14, S. 113 f.; ebd. S.109: „Die Basis dieser selbstbestimmten Reproduktion blieb die Subsistenzökonomie“

19) vgl. Grundrisse der Kritik der pol. Ökonomie, MEW 42, S.91; Natürlich agieren im Prozeß der Durchsetzung der Wertproduktion immer auch Subjekte. doch agieren sie innerhalb des begrenzten Interessenshorizontes ihrer Zeit. Wenn z.B. ein Feudalherr die Naturalsteuer durch eine Geldsteuer ersetzt, tut er dies selbstverständlich nicht deshalb, weil er den Plan gefaßt hat, den ersten Schritt zur „Einführung“ des Kapitalverhältnisses zu vollziehen, sondern weil er etwa seinen Konsum auf Produkte ausdehnen möchte, die selbst nur gegen Geld erhältlich sind (z.B. ausländische Textilien) oder Söldner anheuern will etc. Indem er aber seine Vasallen zur Warenproduktion zwingt, trägt er gleichzeitig selbst zur Ausweitung der arbeitsteiligen, spezialisierten Produktion für den Verkauf bei (also Zunahme des Handels, Entstehung von Handelskapital etc.). Dem ganzen Prozeß wohnt also eine Eigendynamik inne, deren Resultat von den Protagonisten weder antizipiert, noch viel weniger bewußt angestrebt wird. Vgl. dazu u.a. MEW 42, S. 146-152

20) Nichts ist insofern lächerlicher, als moraltriefende Ereiferung darüber, der „Wert“ der Hausarbeit werde von Marx bzw. dem Marxismus nicht gebührend gewürdigt (Autonomie 14, S.115 ff.). Die Begriffe der „produktiven“ und „unproduktiven“ Arbeit enthalten keinerlei moralische Wertung, sondern sind analytische Kategorien der Kritik der politischen Ökonomie, die damit gleichzeitig schon immer gegen den Kapitalismus gerichtet sind. Die Hausarbeit wird nicht unmittelbar im Produktionsprozeß verwertet (als ob dies eine besondere Ehre wäre!), ist aber das notwendige Pendant zur Lohnarbeit und muß damit zusammen mit dieser verschwinden.

21) Die perfekte Hilflosigkeit schlägt uns auch an folgender Stelle entgegen: „Und es müssen Orte proletarischer Subsistenz, d.h. unkontrollierter proletarischer Reproduktion erkämpft werden … (vermutlich Radieschen-Anbau in Kreuzberger Hinterhöfen ! N.T.)… Bis dahin bleibt der metropolitane Widerschein des Weltproletariats eine Bezugsgröße für revolutionäres Handeln, welche zunächst moralisch (!) zu antizipieren ist.“ (Autonomie 14, S.11)

22) vgl. Autonomie 14, S. 126; die „Autonomie“ zeigt hier im Übrigen einmal mehr ihre Verwandtschaft mit der Produktivkraftkritik der von ihnen äußerlich abgelehnten Grün-Alternativen. Zur Kritik der produktivkraftkraftkritischen Vorstellungen vgl. die Artikelserie von R. Kurz in MK 2-3

23) „Es war kein Vorurteil, wenn die Unterklassen sich der Zerstörung der Transparenz des Marktvorganges und der Preisbildung durch ökonomische Zentralisierung – durch das Wertgesetz, wenn man so will – widersetzten …“ (Autonomie 14. S. 109, Hervorheb. NT.)

24) schlaglichtartig kommt dies in der Forderung nach „Brot und Rückkehr des Königs“(!) zum Ausdruck, die, wie die „Autonomie“ selbst berichtet, z.T. in ländlichen Hungerunruhen des revolutionären Frankreichs um 1795 erhoben wurde (Autonomie 14, S. 82). Dies hindert sie jedoch nicht daran, selbst hier transzendierendes Bewußtsein hineinzulesen.

25) Die Reaktionen der Bankenwelt auf die jüngsten Unruhen in Venezuela zeugen von der Angst vor einem Schuldenmoratorium, daß dadurch ausgelöst werden könnte und eventuell Beispielscharakter für andere Länder hätte.

26) Autonomie 14, S. 264; das geht so weit, daß sie mit diesem mehr als vulgärmaterialisitischen Argument, die Vernichtung der „jüdischen Subsistenz“ durch den Nationalsozialismus „erklärt“ (Autonomie 14, S.264)

27) Die „Autonomie“ schreckt allerdings vor keiner Dreistigkeit zurück. In offener Geschichtsfälschung geht sie soweit zu behaupten, die Weltwirtschaftskrise sei durch den Widerstand der südosteuropäischen „Subsistenzklasse“ verursacht worden! (Autonomie 14, S.228 f.)

28) Dies erinnert an einen Mythos, der unter der Indio-Bevölkerung der peruanischen Anden weit verbreitet ist. Danach gibt es gewisse Halbmenschen weißer Hautfarbe, namens „Pistaco“, welche die Indios mit einem Messer umbringen. um ihnen das Fett aus dem Körper zu saugen. Dieses Fett wiederum sei unabdingbares Schmiermittel für das Funktionieren der westlichen Industrie. Hier wird ganz offenbar der reale Zusammenhang in die Form des Mythos gepackt (der Mythos geht auf die Zeit der Kolonisation zurück), weil sich das Bewußtsein auf einer Ebene bewegt, auf der ein tatsächliches Begreifen noch nicht möglich ist. Vgl. den aufschlußreichen Bericht von Shakespeare in „Lettre International“ Nr. 2, S.11 f. Die Mythologisierungen der „Autonomie“ sind, wie erwähnt. das notwendige Korrelat zu ihrem begriffslosen Empirismus.

29) vgl. dazu die Artikel von Robert Kurz und Ernst Lohoff in dieser Nummer

30) Die „Autonomie“ kann nicht begreifen, daß mit der Verallgemeinerung des Werteverhältnisses dieses gleichzeitig an seine objektiven Grenzen stößt, und sich daraus überhaupt erst die Perspektive seiner revolutionären Beseitigung eröffnet, oder besser gesagt aufzwingt. Diese Perspektive erfordert aber auch ein völlig neuer Begriff von Klassenkampf, der sich nicht mehr auf den Interessensstandpunkt einer bestimmten sozialen Gruppe bezieht, sondern den Horizont der Wertvergesellschaftung durchbricht. Ein grundsätzlicher Artikel zu dieser Frage erscheint in der nächsten Nummer unserer Zeitschrift.

31) vgl. etwa „Materialien für einen neuen Antiimperialismus“ Nr. 1 , S.2-10; „Treibsand-Reader“ Nr.70, z.B. S.26-29

32) Vgl. etwa die Artikel auf S.7 ff. und S.11 ff. in: „Unzertrennlich“ Nr.10/11. Berlin 1988