31.12.1989  Beitrag drucken

Moderne Demokratie und alte Arbeiterbewegung III.2

III. Teil: Der politische Inhalt der Sowjets

Peter Klein

2. Die beiden Komponenten des Volkswillens

a) Der Volkswille I: Die Legitimationsideologie des (bürgerlichen) Staates

Nach den soeben angestellten Überlegungen ist es nicht weiter erstaunlich, von Lenin am laufenden Band Äußerungen zu vernehmen, bei denen sich einmal der „Sowjetapparat“, ein anderes Mal die Kommunistische Partei den „Massen“ gegenüber in einer Konstellation befindet, wie sie für jeden bürgerlichen Feld-, Wald- und Wiesenstaat typisch ist. Besonders reichlich finden sich solche Äußerungen natürlich nach dem Oktoberumsturz, nachdem es mit der Sowjetmacht ernst geworden ist.

Vor allem in der auf den Bürgerkrieg folgenden Krise von 1920/21, als die unmittelbare Erfahrung, nämlich Streiks, Demonstrationen und Protestversammlungen der Arbeiter (1), bewaffnete Aufstände der Bauern und nicht zuletzt die Erhebung von Kronstadt die Bolschewiki zu der Einsicht führte, daß sie sich mit der auf Arbeitszwang und Ablieferungspflicht beruhenden Politik des Kriegskommunismus ein wenig von ihrer sozialen Basis entfernt hatten, daß es ihnen nicht gelungen war, die Tadellosigkeit ihrer guten Absichten in Massenloyalität umzusetzen, trat das Problem hervor, „wie man an die Massen herangehen, sie gewinnen, sich mit ihnen verbinden soll…“ (LW 32, S. 5ff.). „Die Massen überzeugen“, die Massen „erziehen“, das „Vertrauen“ der Massen gewinnen bzw. bewahren, die „Glaubwürdigkeit“ der bolschewistischen Partei aufrechterhalten etc., das sind die Stichworte, die in der bekannten Diskussion über die Rolle der Gewerkschaften, in der sich diese Krisenzeit widerspiegelt, am häufigsten fallen.

Ähnlich klang es bereits im Frühjahr 1918, als es sich darum handelte, im Anschluß an die Phase der Machtergreifung und der spontanen „Expropriationen“ den Übergang zur Konsolidierung der Staatsmacht und des Produktionsapparates zu bewerkstelligen. Am Arbeiterdasein änderte sich dabei natürlich nichts, konnte sich nichts ändern unter den gegebenen Umständen, die sogar noch auf eine weitere Verschlechterung der Lebensumstände zusteuerten. An der Fabrikdisziplin änderte sich nichts, an der Organisation der Produktion durch „bürgerliche Spezialisten“ änderte sich nichts. Aber der Staat war ein anderer geworden, einer, der sich legitimieren konnte, der zu argumentieren verstand, der im Namen der Arbeiter selber sprach.

Die Disziplin, die wiederhergestellt und strengstens eingehalten werden muß, heißt nunmehr „Selbstdisziplin der Werktätigen“. Die „bürgerlichen Spezialisten“, die nach wie vor für die Organisierung der Produktion und Verteilung unerläßlich sind, dienen nunmehr dem Proletariat, das vermittels „seines Staates“ die Macht ausübt. Lenin zu den Gewerkschaften: „Gestern war die Losung des Tages das Mißtrauen gegen den Staat‘ (LW 27, S. 205). Diese Losung ist heute überholt. „Die Gewerkschaften werden und müssen Staatsorganisationen werden“ (ebd.) (2). Lenin zu den Gerichten: „In der kapitalistischen Gesellschaft war das Gericht vorwiegend ein Apparat der Unterdrückung, ein Apparat der kapitalistischen Ausbeutung“ (LW 27, S. 207). Im Arbeiterstaat ist natürlich genau das Gegenteil der Fall. Die Aufgabe der neu zusammengesetzten Gerichte lautet, „die strengste Einhaltung der Disziplin und der Selbstdisziplin der Werktätigen zu sichern“ (ebd.). Von Ausbeutung ist ersichtlich nicht mehr die Rede. Genau die gleiche Argumentationsfigur begleitet auch die mit einer Beschneidung der Rechte der Soldatenkomitees einhergehende Schaffung der Roten Armee: „Als die Macht den Großgrundbesitzern und der Bourgeoisie gehörte, war der Offizier ein Feind der Soldaten. Es ist daher vollkommen natürlich, daß die Soldaten gleich nach der Abschüttelung des Zarismus die Einführung des Wahlprinzips in der Armee verlangten. Etwas anderes ist es nun in einem sozialistischen Staate. Hier besteht die Regierung durch den Willen des Proletariats … Es versteht sich daher von selbst, daß die Werktätigen durch ihr der Regierung entgegengebrachtes Vertrauen (!) dieser auch das Recht erteilen, Beamte und verschiedene Behörden einzusetzen. Ebenso selbstverständlich war es, daß die Regierung auch die Befehlshaber in der Armee ernannte“(3).

Ganz unzweifelhaft offenbart sich in diesen Verlautbarungen die klassische bürgerliche Staatsauffassung, freilich ohne etwas selbst davon zu bemerken. Die Institutionen des Staates, Regierung, Armee, Gerichte, bekennen sich als die Diener des Volkes und leiten aus diesem Bekenntnis ihre Ansprüche an das Volk ab, Ansprüche, die, da sie durch die gute Absicht legitimiert sind und an die Einsicht appellieren, wesentlich größeres Gewicht besitzen als die Anmaßungen des Zarismus. Zur höchsten Vollendung bringt Trotzki, bekannt für seinen Hang zur rhetorischen Überspitzung und Übertreibung, die Logik dieser Legitimation.

Anfang 1920, als mit dem sich abzeichnenden Ende des Bürgerkriegs und der ausländischen Intervention der wirtschaftliche Wiederaufbau zur vordringlichsten Aufgabe zu werden begann, erhob sich die Frage, ob man nicht das Befehlsregime des Kriegskommunismus, das sich bei der Bewältigung der militärischen Aufgaben so glänzend bewährt hatte, auch an dieser „ökonomischen Front“ einsetzen sollte. Dies war in der Tat die Auffassung Lenins, der dabei neben den Illusionen, die er hinsichtlich der kommunistischen Qualität des Kriegskommunismus mit den meisten Bolschewiki teilte, auch ein realpolitisches Kalkül, nämlich die Gefahr einer weiteren, diesmal von Polen drohenden Intervention, in Anschlag brachte. Zu Recht, wie die folgenden Monate zeigten. Auf dem IX. Parteitag (29. März – 5. April 1920), auf dem der Streit mit den „linken“ Gegnern dieser Politik entbrennt, unterstützt Trotzki Lenin mit Vehemenz. Nach einer kurzen Phase der Unstimmigkeit (4) um so mehr darum bemüht, es an radikalem und konsequentem „Bolschewismus“ nicht fehlen zu lassen, bringt er es sogar dahin, den vom Politbüro insbesondere bei der Wiederingangsetzung des zerstörten Transportsystems befürworteten Arbeitszwang nicht nur mit der desolaten Lage des Landes, sondern grundsätzlich theoretisch zu rechtfertigen. Der Arbeitszwang würde „während des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus den höchsten Grad an Intensität erreichen“ (5). Auf dem unmittelbar darauffolgenden III. Gesamtrussischen Gewerkschaftskongreß hält er seinen Opponenten, die -wie der Gewerkschaftsführer Tomski- auf dem prosaischen Thema der „Verbraucheransprüche“ der Arbeiter beharren und -wie der Menschewik Abramowitsch- sein Konzept zur „Militarisierung der Arbeit“ mit dem Pyramidenbau der Pharaonen vergleichen, das unschlagbare Argument entgegen, daß die Arbeiter schließlich „für den Arbeiterstaat und nicht für die alten besitzenden Klassen produzierten“ (6). Im Unterschied zu den „Zwingherren und Fronvögten“ früherer Epochen könnten und müßten die Kommunisten an das Problem des Arbeitszwanges „ohne Heuchelei herangehen“, „weil sie die ersten seien, die die Arbeit zum Nutzen der gesamten Gesellschaft organisierten“ (7). „Zwang, Reglementierung und Militarisierung der Arbeit“ seien „nicht nur Notstandsmaßnahmen“; vielmehr besitze „der Arbeiterstaat normalerweise das Recht“, „jeden Bürger zu jeder beliebigen Arbeitsleistung an jedem beliebigen Ort zu nötigen“ (8). Die abstrakte Allgemeinheit, die der moderne Staat ist und die die „Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik“ 1920 allerdings erst noch zu werden versprach, hat sich selten deutlicher als Abstraktion zu erkennen gegeben, und selten ist der Irrtum, sie um ihrer bloßen Allgemeinheit willen für den Kommunismus zu halten, mit größerer Naivität vorgetragen worden (9).

In den gleichen Zusammenhang gehört auch der Streit, der sich um die Frage entspann, ob in den verstaatlichten Fabriken das „Kollegialitätsprinzip“ oder das „Prinzip der Einzelleitung“ anzuwenden sei. Lenin verwirft das von den „Linken“ und den Gewerkschaftsführern geforderte „Kollegialitätsprinzip“ unter den gegebenen Umständen als „utopisch“, „unpraktisch“ und „schädlich“ (10), Trotzki bleibt es vorbehalten, in fast schon schamlos zu nennender Weise die moralische Keule zu schwingen: „Wer sich davor fürchtet (vor dem System der Einzelleistung, das vornehmlich den „bürgerlichen Spezialisten“ zugute kam und ihre Anordnungen mit unbedingter staatlicher Autorität ausstattete), offenbart damit unbewußt ein tiefes inneres Mißtrauen gegen die Sowjetmacht“ (11).

Vielleicht noch bemerkenswerter als die theoretische Verwirrung, die aus diesen Worten spricht, ist der Umstand, daß Trotzki offensichtlich darauf rechnen konnte, mit diesem moralischen Pathos nicht nur seine unmittelbaren Opponenten auf dem Partei- bzw. Gewerkschaftskongreß zu beeindrucken, sondern die „Massen“ überhaupt. Es wird daraus ersichtlich, welche ungeheure Autorität sich die Bolschewiki mit jener Legitimationsideologie verschafft hatten, die ich die „Affirmation der Massen“ nenne. Es wird daraus ersichtlich, wie sehr diese im wesentlichen eben nur als Ideologie und als Recht vorhandene Affirmation damals den unmittelbaren Bedürfnissen dieser Massen entsprochen haben muß. Was die Ausübung der in der Verfassung von 1918 niedergelegten Rechte anlangt, insbesondere das Recht auf Wahl und jederzeitige Abwahl des leitenden Personals, so lag sie in der Praxis des Kriegskommunismus natürlich vollkommen brach. Da es in dem rückständigen Land an allen Ecken und Enden an der erforderlichen Qualifikation fehlte, mußte buchstäblich jeder einigermaßen taugliche Mensch in den staatlichen Verwaltungsapparat hineingezogen werden. Infolgedessen gewann dieser Apparat, von dem Lenin 1922 sagte, daß er nur oberflächlich mit „Sowjetöl“ gesalbt sei, eine solche personelle Beständigkeit, daß sich in kürzester Frist sämtliche Wahlprozeduren in ein unbedeutendes Ritual verwandelten, das man sich, wäre nicht die Legitimationsproblematik gewesen, bei dem durchwegs geübten Verfahren der „Ernennung von oben“ ebensogut auch hätte sparen können. Auch nach dem Ende des Kriegskommunismus, das auch das Ende jeder legalen politischen Opposition mit sich brachte, blieb der „Demokratismus“ weit unterhalb des Standarts, den man heute für ein technologisch entwickeltes Land als unerläßlich ansehen muß. Die Rückständigkeit Rußlands, die der Bürgerkrieg ins Katastrophale gesteigert hatte, war von der Art, daß, wie gezeigt, eine gespenstisch anmutende Diskussion darüber anheben konnte, ob nicht die staatlich durchgepeitschte Zwangsarbeit der „eigentliche“ Sozialismus sei.

Die „Rechte des werktätigen Volkes“ waren deshalb nicht ohne Funktion. Sie blieben die legitimatorische Grundlage der Macht derer, die sie feierlich verkündet hatten. Freilich, auch die unbefleckte moralische Autorität bedarf einer materiellen Grundlage. Der Enthusiasmus, den die Bolschewiki bei den Massen allein dadurch entfacht hatten, daß sie sie für Menschen erklärten, stand ihnen nicht grenzenlos zur Verfügung. Die Bereitschaft „zur Selbstaufopferung“ (LW 30, S. 446) erlahmt, wenn ihr im Diesseits nichts anderes entspricht als der nackte Hunger. Mit einem Wort, die schrillen Töne, die sich in der von dem polnischen Feldzug nur vorübergehend unterbrochenen Debatte des Jahres 1920 vernehmen ließen, sie waren die Vorboten jenes vollkommenen wirtschaftlichen und moralischen Zusammenbruchs, der die Bolschewiki im darauffolgenden Frühjahr mehr als es zuvor irgendein militärischer Schlag vermocht hatte, an den Rand der endgültigen Niederlage brachte.

Daß die „Verwirklichung“ der revolutionären Ideale von 1917 nur äußerst unvollkommen gelungen war, war den Bolschewiki selbst natürlich nur allzu bewußt. Lenin, auf die durchaus bürgerliche Zweiteilung von Volk und Staat angesprochen, würde, wenn er sich diese Frage gefallen lassen hätte, zweifellos auf die harten Tatsachen verwiesen haben: „Wir leiden schwer unter dem Mangel an Kräften, nach der geringsten Hilfe eines einigermaßen tüchtigen Menschen -und erst recht aus den Reihen der Arbeiter- greifen wir mit beiden Händen. Aber wir haben solche Kräfte nicht“ (LW 32, S. 206). Er würde darauf hinweisen, daß „die Millionen Proletarier … unaufgeklärt, meistenteils unwissend, unentwickelt, ungebildet sind…“ (LW 32, S. 43). Selbstverständlich sind wir ein Staat, würde er sagen, selbstver-ständlich müssen wir Zwang anwenden, nicht nur gegen die „verschwindend kleine Minderheit der Kapitalisten“, sondern auch gegen diejenigen Arbeiter, die „durch den Kapitalismus tief demoralisiert worden sind“ (LW 25, S. 489). „Wir haben nicht einmal das Analphabetentum liquidiert. Wir wissen, wie sich die noch mit den Bauern verbundenen Arbeiter von unproletarischen Losungen beeinflussen lassen“ (LW 32, S. 48). Aber wir sind trotz alledem ein Staat neuen Typs, ein Staat, in dem „die Massenorganisationen eben der Klassen, die vom Kapitalismus unterdrückt wurden … die ständige und einzige Grundlage der gesamten Staatsmacht, des gesamten Staatsapparates“ sind. Die „Sowjetmacht in Rußland“ bedeutet „für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung“ eine „solche praktische Möglichkeit(‚.), sich der demokratischen Rechte und und Freiheiten zu bedienen, wie es sie noch niemals auch nur annähernd in den besten und demokratischsten bürgerlichen Republiken gegeben hat“ (LW 28, S. 479). Daß die Massen jetzt diese Möglichkeit nicht wahrnehmen können, daß sie unwissend, kulturlos, erschöpft sind, das ist nicht unsere Schuld. Das ist ein Erbe des Kapitalismus und des Krieges. „Unser Ziel ist, daß jeder Werktätige nach Erfüllung des achtstündigen ‚Pensums‘ produktiver Arbeit unentgeltlich an der Ausübung der Staatspflichten teilnimmt“ (LW, S. 264, Hervorh. Lenin). Wir, „die Avantgarde des Proletariats, die kom-munistische Partei“, werden dieses Ziel erreichen, indem wir „die parteilose Masse der Arbeitenden“ aufklären, schulen, bilden und erziehen, damit sie schließlich nach und nach, vielleicht noch nicht in der nächsten Generation, aber doch nach einigen Jahrzehnten, dahin gelangt, „die Leitung der gesamten Volkswirtschaft tatsächlich in ihren Händen zu konzentrieren“ (LW 32, S. 34, Hervorh. Lenin). „Von dem Zeitpunkt an, da alle Mitglieder der Gesellschaft oder wenigstens ihre übergroße Mehrheit selbst gelernt haben, den Staat zu regieren… -von diesem Zeitpunkt an beginnt die Notwendigkeit jeglichen Regierens überhaupt zu schwinden“ (LW 25, S. 488f.).

Niemand wird es wagen, Lenin bei seiner Rechtfertigungsrede ins Wort zu fallen. Niemand wird die besonderen Umstände, die er uns zu erwägen gibt, beiseite wischen. Und niemand wird in Zweifel ziehen, daß die Bolschewiki fest entschlossen waren, aus diesen Umständen das beste zu machen, das beste, um über die „bürgerlich-demokratische Etappe“ der russischen Revolution möglichst weit hinauszugelangen in Richtung Sozialismus. Aber so wenig es angeht, eine Epoche danach zu beurteilen, „was sie von sich selbst sagt und sich einbildet“ (MEW 3, S. 49), so wenig können wir uns damit zufrieden geben, die Produktionsverhältnisse in Rußland mit dem sozialistischen Willen und Selbstverständnis der Bolschewiki zu identifizieren. Nicht allein der Wille oder der Kampf, wie Lenin schreibt (12), entscheidet darüber, in welchem Umfang die Umgestaltung gegebener Produktionsverhältnisse gelingt, sondern auch die zugehörigen materiellen Voraussetzungen, das erreichte Niveau der Produktivkraftentwicklung. Dieses Niveau bestimmt sogar seinerseits den Willen zum Kampf und die Vorstellungen davon, wie er zu führen sei. Wie niedrig dieses Niveau in Rußland zur Zeit der Oktoberrevolution gewesen ist, darüber gibt eben Lenin mit seinen eigenen Vorstellungen am besten Auskunft -und nicht nur freiwillig mit den diversen Hinweisen auf das Analphabetentum und den Hunger, Erscheinungen, die ohnehin allenthalben bekannt sind, sondern auch unfreiwillig: indem er uns eine „proletarische Staatsmacht“ vor Augen führt, die, ausgestattet mit allen Schikanen der bürgerlichen Legitimationsproblematik, eben diese für ihren welthistorischen Fortschritt über den Kapitalismus hinaus ansieht. Was Lenin für einen höchst unvollkommenen Sozialismus halten mag, das ist in Wirklichkeit ein höchst unvollkommener und entwicklungsbedürftiger Kapitalismus.

Die Anlage zu einem solchen als politische Legitimationsideologie fungierenden Sozialismus befindet sich von Anfang an in den Schriften Lenins. Sie befindet sich bereits in jener Formel, die dem „politischen Überbau“ eine „relative“ Unabhängigkeit von der „ökonomischen Basis“ zubilligt (13); und sie waltet selbstverständlich in der darauf aufbauenden Vorstellung von einer Konkurrenz zwischen den verschiedenen Sorten des „politischen Überbaus“, der beschränkten, inkonsequenten „bürgerlichen Demokratie“ einerseits und der konsequenten „proletarischen Demokratie“ andererseits; wohinter sich wiederum entgegen ausdrücklicher Versicherung (14) der Glaube verbirgt, man könne durch die Steigerung des „Demokratismus“, auf rein politischem Wege also, über die Politik überhaupt hinausgelangen und somit innerhalb und vermittels der politischen Form dem niedrigen Niveau der Vergesellschaftung der menschlichen Arbeit, das eben in diesem Glauben an die Form der Politik erscheint, ein Schnippchen schlagen und an die Stelle realer Vergesellschaftung die Proklamation derselben setzen. Dieses Konzept mündet schließlich in dem Eingeständnis Lenins, daß es „uns“ an „Zivilisation“ mangelt, „um unmittelbar zum Sozialismus überzugehen, obwohl wir die politischen Voraussetzungen dafür haben“ (LW 33, S. 488, Hervorh. P.K.).

Trotz größter Nüchternheit und Zurückhaltung, was die Beurteilung der unmittelbaren Resultate der russischen Revolution anlangt, hält Lenin also an der Illusion von den „politischen Voraussetzungen“ des Sozialismus (die diesen gerade dementieren) bis zuletzt fest. Der trotzigen Unbelehrbarkeit, die aus diesen Worten spricht, kann man angesichts des realen Vergesellschaftungsschubs, der damit weltweit verknüpft war, die Sympathie nicht versagen. Offensichtlich war kein anderer als ein „politischer Sozialismus“ möglich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Offensichtlich konnte die „Affirmation der Massen“, die mit dem Voranschreiten der wertvermittelten Vergesellschaftung unabweislich wurde, nur unter der ideologischen Form des „Sozialismus“ vollzogen werden (15). Die Akteure führten also ihre gespenstisch-großartige Tragödie in Gewändern auf, die einer erst noch als Abstraktion vorhandenen Zukunft entstammten – immerhin ein Unterschied zu 1793.

Um dieser Abstraktion willen wird man sich auch heute noch und sogar heute erst recht dem schon 1920 von Otto Bauer gefällten Urteil über den bolschewistischen Staat anschließen müssen. Er nannte ihn die „Diktatur der Idee des Proletariats“ (16). Abgesehen von der Proletariatskategorie, trifft diese Bezeichnung auch vollkommen für das Selbstverständnis des modernen Repräsentativstaates zu, den man die „Diktatur der Idee des Volkes“ nennen könnte, eine Diktatur, die natürlich um so vollkommener herrscht, je selbstverständlicher ihre ideologischen Prämissen, Freiheit und Gleichheit, im Alltagsdenken herrschen. Alles, was dieser Staat tut, tut er in: Namen und für „seine“ Bevölkerung, auf deren von den Meinungsforschungsinstituten sorgfältig beobachtete Loyalität er deswegen Anspruch erhebt. Ganz genau die gleiche repräsentativstaatliche Logik bringt Lenin in der Weise zur Anwendung, wie er unmittelbar vor dem Oktober für die bolschewistische Machtergreifung agitiert. Weil es gar so anschaulich ist, kann ich mich leider nicht enthalten, auch noch dieses letzte Beispiel für die klassische Staatskonfiguration von Lenins Denken dem geneigten Leser und der geneigten Leserin zuzumuten.

Lenin rechnet den Wankelmütigen innerhalb und außerhalb der bolschewistischen Partei, die sich um eine hinlängliche Unterstützung durch die „Massen“ sorgen, vor, daß riesige „noch unerschlossene Kräfte …im Volke schlummern.“ Diese werden sich erst nach der Machtübernahme entfalten und sichtbar werden, „wenn Dutzende Millionen Menschen“, die „bis dahin politisch geschlafen, in qualvollem Elend und in Verzweiflung dahinvegetiert haben, die den Glauben daran verloren hatten, daß auch sie Menschen sind, daß auch sie ein Recht zum Leben haben“, aus „eigener Erfahrung sehen und spüren, daß die Macht im Staate den unterdrückten Klassen gehört“, „daß die ganze Macht des modernen zentralisierten Staates auch ihnen dienen kann (Hervorh. P.K.), daß die proletarischen Miliztruppen auch sie vertrauensvoll(!) zur unmittelbaren, engsten, tagtäglichen Beteiligung an der Staatsverwanltung auffordern“ (LW 26, S. 111, ähnlich auch LW 24, S. 356f.).

Wem fiele nicht angesichts dieses Preisliedes auf den Staat als den Diener der Armen unser bewährtes „soziales Netz“ ein! Wem klängen nicht angesichts dieses mustergültigen Vortrages zum Thema Staatsbürgerkunde die sorgenvollen Reden „unserer“ Politiker im Ohr, die, grundsätzlich mit dem gleichen Vertrauen ausgestattet wie Lenin, aber am Ende des Weges angelangt, den der Repräsentativstaat seit 1917 zurückgelegt hat, Klage über die in der Bevölkerung verbreitete „Versorgungsmentalität“ führen, von der sie zu Recht annehmen, daß sie mit einem entsprechenden Mangel an dem einst geschätzten Enthusiasmus und der eigentlich immer geforderten Opferbereitschaft einhergeht (17).

Lenins Kalkül ist seinerzeit natürlich aufgegangen. Das beweist nicht nur die erfolgreiche Machtergreifung, sondern auch der siegreich bestandene Bürgerkrieg. Sein Fehler liegt nicht in der „Praxis“, sondern in der „Theorie“. Sein Fehler besteht darin, „das Ganze“ bzw. die Mehrheit dieses „Ganzen“ (vgl. LW 26, S. 113), das die neue Staatsmacht nun in der modernen bürgerlichen Manier repräsentiert, unmittelbar mit dieser Staatsmacht gleichzusetzen. Wie schon oben ausgeführt, identifiziert er das abstrakt-unmittelbare Interesse der „Armen“, der „Proletarier und der armen Bauern“, unmittelbar mit dem Allgemeininteresse, das in dem Interesse das die Arbeiter und Bauern als Arbeiter und Bauern haben, gerade nicht als solches erscheint und eben deshalb selber nur als Abstraktion, als Staat existieren kann. In dieser Hinsicht erweist sich Lenin als vollkommen naiv und treuherzig, unerschütterlich in seinem Glauben an die Unmittelbarkeit. Obwohl ihm die weitere Entwicklung ein solches „Klaffen“ zwischen den beiden Interessenkategorien, dem transzendentalen Interesse der Revolution der Arbeiter einerseits und dem unmittelbaren Arbeiterinteresse andererseits, vor Augen führte, wie es sich vor allem in der Situation des Februar/März 1921 offenbart, als sich die „proletarische Staatsmacht“ gegen den drohenden und teilweise (Kronstadt) bereits ausgebrochenen proletarischen Aufstand zu behaupten hatte, vermochte diese Erfahrung an seinem grundsätzlichen theoretischen Konzept nichts zu ändern. In der Folgezeit, angelangt in den ruhigeren Gewässern der NÖP (der Neuen Ökonomischen Politik), macht sich lediglich ein verstärkter Hang zur Nachdenklichkeit bemerkbar. Vorsicht, Besonnenheit und das Bedürfnis nach Konsolidierung bestimmen den Grundtenor der Schriften, die Lenin in seinem letzten Lebensabschnitt veröffentlicht. Wem es aber wie dem oben zitierten Otto Bauer einfällt, die Oktoberrevolution eine bürgerliche Revolution zu nennen, dem wird in aller Freundschaft der Tod durch Erschießen in Aussicht gestellt (Vgl. LW 33, S. 269).

Die theoretische Front war noch allzu eng mit der Bürgerkriegsfront verknüpft, und hinter dem Zweifel am sozialistischen Charakter des Oktober, insbesondere wenn er von Sozialdemokraten vorgetragen wurde, witterte Lenin sicher nicht zu Unrecht das Plechanowsche Lamento: „Man hätte nicht zu den Waffen greifen dürfen!“ Vor dessen Ansteckung mußten sich die Bolschewiki in der damaligen schweren Krise, die auch eine Krise ihres Selbstvertrauens war, allerdings in acht nehmen, wollten sie an der Macht bleiben (18).

Abgesehen von diesem realpolitischen Bezug, ist natürlich für die Beharrlichkeit, mit welcher Lenin die Macht der Bolschewiki mit der „Macht des Proletariats“ gleichsetzte, jener grundlegende theoretische Mangel verantwortlich, der die gesamte alte Arbeiterbewegung, zweite wie dritte Internationale, auszeichnet. Es fehlte eine wertkritische Basis für den revolutionären Willen, eine Basis, die es erlaubt hätte, die sich ja eben erst zur vollen -Transzendentalität ausbildende Form der Politik selbst noch als das notwendige Moment der kapitalistischen Vergesellschaftung zu begreifen, und die somit den revolutionären Willen daran zu hindern vermocht hätte, eine staatliche Institution zu werden.

Es versteht sich von selbst, daß dieser Mangel nicht als ein Anzeichen subjektiver Geistesschwäche aufzufassen ist. Vielmehr ist er in dem historisch gegebenen, niedrigen Niveau der Produktivkraftentwicklung zu suchen, das seinerseits für die heute erst in ihrem ganzen Umfang erkennbar werdenden „Entstellungen“ des alten Arbeiterbewegungs-Marxismus verantwortlich zu machen ist (19). Man muß es im Gegenteil eine beeindruckende Leistung nennen, mit welcher Geschicklichkeit und Elastizität Lenin es verstand, hinter einer ganz und gar vom Gegenteil zeugenden Erscheinungswelt immer wieder das „Wesen“ des Sozialismus zu erblicken. Es ist bewundernswert, wie es ihm gelang, bei größter Wendigkeit in allen realpolitischen, taktischen Fragen einschließlich derjenigen der Zwangsarbeit, unerschütterlich an dem Ziel oder besser: an dem Glauben daran festzuhalten. Dieser Leistung -falls dieses Wort aus meinem Munde ein wenig ironisch klingen sollte, so geschähe das gegen meine Absicht- kam freilich zweierlei entgegen: Das war einmal die juristische Bescheidenheit bei der Definition des Sozialismus, eine Bescheidenheit, die sich schon damit zufrieden gab, daß „die“ Kapitalisten formal enteignet worden waren (20), zum anderen handelt es sich um die hautnahe Erfahrung des Volkswillens, wie er nach seiner „anderen Seite“ hin beschaffen ist, um die Erfahrung der Massenstimmung. Diese Massenstimmung, der bis zur Todesverachtung gesteigerte Enthusiasmus, der den bolschewistischen Parolen entgegenbrandete, war wohl bis in die Krisenzeit von 1920/21 hinein die entscheidende Kraftquelle, die die Bolschewiki in ihrem sozialistischen Selbstverständnis bestärkte und sie zu ihrer historischen Leistung befähigte. Ihr müssen wir uns nun zuwenden.

b) Der Volkswille II: Die Stimmung der Massen

Lenins Glaube an die Unmittelbarkeit leuchtet am hellsten im Jahre 1917. Wir erinnern uns an das oben (S.4) angeführte Zitat: „…das bewaffnete Volk selbst aber kann nicht über sich herrschen.“ Darin eben manifestiert sich der Glaube, daß eine politische, das „Volk“ in lauter gleichberechtigte Staatsbürger verwandelnde Maßnahme (21), nämlich die allgemeine Volksbewaffnung, unmittelbar das andere ihrer selbst sei, das Ende der Politik. Weil das Volk die Waffen selbst in der Hand hat, so lautet die in diesem Glauben waltende Logik, deshalb hat es auch seinen eigenen gesellschaftlichen Zusammenhang unter Kontrolle, deshalb besitzt es die Kompetenz, sich unmittelbar selbst, ohne die Dazwischenkunft eines besonderen Staatsapparates zu „beherrschen“, deshalb erübrigt sich die Frage nach dem historischen, vom Niveau der Produktivkraftentwicklung bestimmten Inhalt der Abstraktion „Volk“. Man sieht leicht, daß diese Beweisführung sich die Ambivalenz der Worte „Kontrolle“ und „Kompetenz“ (oder Macht, Herrschafft etc. ) zunutze machen kann. Sie verzichtet darauf, die formelle und die inhaltliche Seite in der Bedeutung dieser Ausdrücke voneinander zu unterscheiden. Es sieht dann so aus, als sei mit einer Maßnahme, die die formelle Möglichkeit einer Sache betrifft zugleich auch diese Sache selbst erworben worden. Ganz in diesem Sinn könnte man also schlußfolgern: Gib dem Arbeiter ein Gewehr in die Hand, und er hört auf, ein Arbeiter zu sein. Proklamiere die Macht der Arbeiterklasse, und sie besitzt die Macht über die historischen Voraussetzungen, die sie zur Arbeiterklasse konstituiert haben.

Besonders anschaulich zeigt sich diese kurzschlüssige Gleichsetzung von politischer Form und gegenteiligem Inhalt, das, was ich Lenins Glauben an die Unmittelbarkeit genannt habe, in den noch im Schweizer Exil verfaßten „Briefen aus der Ferne“ (März 1917). In dem der „proletarischen Miliz“ gewidmeten Brief illustriert Lenin mit einem Rechenbeispiel, wie er sich etwa für Petersburg die Organisierung einer „wirklichen“ Volksmiliz, an der reihum die gesamte erwachsene und körperlich dazu befähigte Bevölkerung teilzunehmen hätte, vorstellt. Im Anschluß an dieses rein technisch konzipierte Milizmodell kommt er zu dem Resultat: „Eine solche Miliz würde zu 95 Prozent aus Arbeitern und Bauern bestehen und wirklich die Vernunft(!) und den Willen(!), die Kraft und die Macht der überwältigenden Mehrheit des Volkes zum Ausdruck bringen“ (LW 23, S. 343) (22).

Hier werden also die einen bestimmten Inhalt meinenden Kategorien „Vernunft“ und „Willen“, Kategorien, die auf den gesellschaftlichen Zusammenhang verweisen, auf den Entwicklungsstand der Produktivkraft der menschlichen Arbeit, auf die dementsprechenden Produktionsverhältnisse, nicht vom Begriff dieser Produktionsverhältnisse her bestimmt, sondern zu unmittelbaren Eigenschaften „der überwältigenden Mehrheit des Volkes“ erklärt. Es wird mit anderen Worten aus-ser acht gelassen, daß die sozialen Kategorien „Arbeiter“ und „Bauer“ an ihnen selbst ein bestimmtes Produktionsverhältnis, nämlich die Produktion als Produktion von Waren, die Produktion innerhalb der Verkehrsform des Privateigentums, ausdrücken; daß sie also als Arbeiter und als Bauern eine „Vernunft“ und einen „Willen“ besitzen, wie er von diesem Produktionsverhältnis konstituiert worden und für dieses Produktionsverhältnis kennzeichnend ist – und keineswegs über dieses Produktionsverhältnis hinausweist.

Die Nutzanwendung, die aus dieser Einsicht zu ziehen ist, besteht natürlich nicht darin, daß man die betreffende „Vernunft“ und den betreffenden „Willen“ geringschätzen oder vernachlässigen dürfte. Ganz gewiß nicht. Sie bedeutet nur, daß man sich ihnen auf andere, theoretisch weniger naive Weise nähren wird, daß man gewissermaßen durch sie als das Konstituierte hindurch auf ihr Konstituierendes schauen wird. Man wird also zur Erlangung eines strategischen Ausgangspunk-tes nicht dabei stehenbleiben, die sozialen Kategorien der kapitalistischen Gesellschaft nach ihrem Willen zu fragen, sondern man wird umgekehrt den gesellschaftlichen Zusammenhang daraufhin untersuchen, inwieweit er mit dem Dasein dieser Kategorien überhaupt noch verträglich ist, inwieweit er im Begriffe steht, sie und die zugehörigen Bewußtseinsformen zunichte zu machen, inwieweit anders gesagt die auf dem Weg der Vergesellschaftung befindliche Produktion sich noch innerhalb der (ungesellschaftlichen, atomistischen) Form des Privateigentums bewegen kann, ohne materiell in ihr komplettes Gegenteil, die Destruktion umzuschlagen. Die kommunistische Strategie kann niemals der Ausdruck des Arbeiterwillens sein, sie ist vielmehr immer dessen Kritik, eine Kritik freilich, die sich mit dieser „empirischen Oberfläche“ taktisch zu vermitteln hat. Der Standpunkt kann nur das Ganze des gesellschaftlichen Zusammenhangs sein, wie es sich historisch vermittels der kapitalistischen Warenproduktion herstellt und nur mit dem kategorialen Apparat des Kapitalbegriffs zu erfassen ist. Damit verhält sich dieser Standpunkt, wiewohl auf vermittelte Weise mit der empirischen Oberfläche identisch, notwendigerweise apriorisch zu jedem einzelnen empirischen Moment innerhalb dieses Zusammenhangs. Er kann also niemals in der Bequemlichkeit jener Demagogie münden, die sich umstandslos in das Bett einer jeglichen Massenstimmung begibt. Wir werden im letzten Abschnitt sehen, daß Lenin dies, seinen „identitären Illusionen“ zum Trotz, tatsächlich auch nicht getan hat; eine Inkonsequenz in der „Praxis“, die gerade seine historische Größe ausmacht.

Da zu Lenins Zeiten die kapitalistische Produktionsweise noch zu gering entfaltet war, um empirisches Material für eine immanente, an der Wertform ansetzende, „realpolitische“ Kritik liefern zu können, muß seine Kapitalismuskritik äußerlich und soziologisch werden und mit dem erwähnten tautologischen Verfahren die Arbeiterklasse bzw. das „Volk“ affirmieren. Auf unsere Frage, welche Vernunft und welchen Willen das „Volk“ zum Ausdruck bringe, antwortet er: seinen eigenen. Er übergeht also die auf die historische Qualität abzielende theoretische Frage und verweist uns theoretisch steril bleibend stattdessen an die empirische Oberfläche, von der diese Frage doch gerade ihren Ausgang nahm. Natürlich haben wir es bei dieser Antwort, mit der wir uns nicht zufrieden geben können, mit einem eindimensionalen, empiristischen Denken zu tun, das philosophisch gesprochen die Erscheinung unmittelbar für das Wesen nimmt.

Lenins Hingabebereitschaft an die Empirie wird natürlich von dieser genährt. Der Glaube an das „Volk“, an seine Fähigkeit zur Selbstverwaltung, findet sich scheinbar bestätigt von der akut revolutionären Situation im Rußland von 1917. Die Räte entsprangen ja tatsächlich der selbständigen Initiative der Massen und sie waren Ausdruck von dieser Initiative. „Die Bewegung war spontan in dem Sinne, als unabhängig voneinander und ohne jede theoretische Vorbereitung, aus den praktischen Bedürfnissen des revolutionären Augenblicks heraus, überall Sowjets emporschossen“, schreibt Anweiler (23). Der Zusammenbruch des alten Regimes führte auch zur Auflösung der lokalen Verwaltungsorgane und brachte es wie selbstverständlich mit sich, daß die frischgebackenen Räte an vielen Orten deren Aufgaben übernahmen beziehungsweise sich wenigstens in sie hineinmischten. Von daher lag es nahe, in den Räten den künftigen Staatsapparat zu sehen. überhaupt erzeugte die mit einem Schlag errungene Freiheit, die nach langen Jahren der „bleiernen Zeit“ gleichsam explosionsartig entstandene vollkommene politische Öffentlichkeit eine Atmosphäre des allgemeinen Aufbruchs, eine Atmosphäre, in welcher Millionen Menschen erstmals aus der gewohnten Lethargie und Passivität herausgerissen wurden und zu politischer Aktivität erwachten. Diese aufwühlenden ersten Wochen nach dem 27. Februar 1917, Wochen, in denen laut Anweiler die Plenarsitzungen des Petersburger Arbeiter- und Soldatenrats „Kundgebungen und Volksversammlungen“ glichen -ein zeitgenössischer Beobachter, den Anweiler zitiert, sprach von den Räten als von dem „Auflauf in Permanenz“- bilden den Hintergrund, vor dem man Lenins optimistisches Konzept der direkten Rätedemokratie sehen muß.

Die Zeit der Masseninitiative war allerdings von kurzer Dauer. „Im Verlauf von zwei Monaten“, schreibt Anweiler, hatte sich der Petersburger Sowjet zu einem „wohlorganisierten Verwaltungsapparat“ mit mehreren hundert Angestellten entwickelt. Nachdem schon von Anfang an das Schwergewicht der praktischen Arbeit bei dem Exekutivkomitee des Sowjets gelegen hatte (Ende März umfaßte es 42 Mitglieder), verlor dieser im gleichen Maß, „in dem die Arbeit des Sowjets gut zu funktionieren begann“, zu einem beträchtlichen Teil den unmittelbaren Kontakt mit den Massen. Die Plenarsitzungen (in der zweiten Märzhälfte fast dreitausend Deputierte), die in den ersten Wochen fast täglich stattgefunden hatten, wurden seltener und von den Deputierten oft nur schwach besucht. „Die Sowjetexekutive verselbständigte sich zusehends…“ (24)

Diese Entwicklung, die sich nach dem Oktober unter dem Vorzeichen einer bolschewistischen Rätemehrheit wiederholen und im Bürgerkrieg sogar noch zuspitzen sollte (25), kann niemanden in Erstaunen versetzen, der sich darüber Rechenschaft abgelegt hat, daß die beiden mit der Ware-Geld-Vergesellschaftung aufkommenden Interessenkategorien -privat und öffentlich- grundsätzlich nicht miteinander zu vermitteln sind. Man kann von einer Bevölkerung, die nahezu ihre gesamte Energie den Angelegenheiten der unmittelbaren Reproduktion widmen muß, die, um zu leben, gezwungen ist, täglich für Geld zu arbeiten, man kann von einer solchen innerhalb der Zwänge der Armut bzw. des kapitalistischen Privateigentums (das die Logik des Mangels mit verschwenderischen Folgen zum zentralen Gesichtspunkt der Reichtumserzeugung macht) eingepferchten Bevölkerung nicht erwarten, daß sie sich mit der gleichen Intensität und dauerhaft für die dazugehörigen Rahmenbedingungen zu interessieren vermöchte; von einer selbstständigen Organisation oder Kontrolle der allgemeinen Angelegenheiten einmal ganz abgesehen. Sie kann wohl öffentliche Ansprüche anmelden, wie sie sich aus ihrer unmittelbaren Lebenssituation ergeben (26); und sie kann diejenigen Maßnahmen des Staates, die für die unmittelbare Lebenssituation von Belang sind, an Hand der eigenen Erfahrungen gut- oder schlechtheißen, begrüßen oder ablehnen, es fehlt ihr aber die Zeit und das Wissen, das erforderlich wäre, um den jeweiligen Begründungszusammenhang, warum eine Maßnahme nicht möglich oder doch möglich oder sogar zwingend notwendig ist, einsehen und auf seine Stichhaltigkeit hin überprüfen zu können. (27)

Eben diese Konstellation bringt es natürlich mit sich, daß ein solcher gleichzeitig von jedem gesellschaftlichen Ort aus einsichtiger Begründungszusammenhang in der politischen Form gar nicht existieren kann, daß somit die Beziehung zwischen der privaten und der öffentlichen Sphäre immer nur eine Angelegenheit des Gefühls sein kann, des Vertrauens, Glaubens etc., wie ich schon oben gesagt habe (28). Das Gefühl aber ist ein schwankender Boden. Es kann schnell erlahmen oder in sein Gegenteil umschlagen. Ja, es muß im Fall der revolutionären Begeisterung sogar erlahmen, solange die Revolution in der Sphäre des „politischen Überbaus“ (der „politischen Voraussetzungen“, vgl. oben S.121) verbleibt und zum Arbeiter- und Bauerndasein nur das Staatsbürgerrecht hinzufügt. Die politische Freiheit ist eine großartige Sache, beseitigt aber für sich nicht den Hunger, noch enthebt sie der Mühen der Fabrikarbeit (29).

Von daher ist der Vorwurf, den Lenin gegen diejenigen Parteien erhebt, die bis Sommer 1917 die Mehrheit innerhalb der Räte stellten, sie seien für das Abflauen der Massenstimmung, für den Rückgang der Revolution“ (LW 25, S. 299) verantwortlich, sie hätten die Räte parlamentarisch „versaut“ (LW 25, S. 436) nur teilweise berechtigt. Es handelt sich bei der Frage der Massenstimmung durchaus um einen Mechanismus, der für alle Formen politischer Repräsentation Gültigkeit beanspruchen kann. Auch die Bolschewiki waren diesem Mechanismus ausgesetzt und mußten sich ihm unterwerfen. Lenin hat gegenüber den Menschiwiki und Sozialrevolutionären nur insofern recht, als er eine Politik verficht, von der er überzeugt ist, daß sie „den revolutionären Enthusiasmus der Massen entfachen, steigern, verzehnfachen“ wird (LW 24, S. 356). Sein Rechthaben findet also innerhalb der gleichen Konstellation statt, in der sich auch seine politischen Konkurrenten den Massen gegenüber befinden. Lenin bleibt innerhalb jener Sphäre der politischen Legitimation, die mit dem modernen Repräsentativ- oder Allgemeinwohlstaat entsteht und sich in ihm gleichsam niederschlägt und institutionalisiert. Innerhalb dieser Sphäre weiß sich Lenin als der bessere, ehrlichere, konsequentere Volksfreund, der den Massen voll und ganz vertraut, der die unmittelbaren Bedürfnisse der Massen rückhaltlos ausspricht und der, getragen von dem Enthusiasmus der Massen, entschlossen und fähig ist, sie zu befriedigen: Die proletarische Regierung, wenn sie an die Macht käme, sie würde wirklich und sofort den ersten, unmittelbar möglichen Schritt zum Frieden tun und den Waffenstillstand verkünden. Sie würde wirklich und sofort die Banken verstaatlichen, das Geschäftsgeheimnis aufheben und die Händler und Unternehmer einer strengen Kontrolle unterwerfen, um sie daran zu hindern, sich durch Lebensmittelschiebereien an der Not des Volkes zu bereichern. Sie würde wirklich und sofort das „Dekret über Grund und Boden“ erlassen und damit augenblicklich die bereits im Gang befindliche Inbesitznahme der Gutsländereien durch die Bauern legalisieren.

Die fortschreitende wirtschaftliche Zerrüttung; die vor allem in der Friedensfrage unaufrichtige Politik der Provisorischen Regierung, an der seit Mai auch sozialistische (menschewistische) Minister beteiligt waren, ihre Untätigkeit teils mit radikalen Phrasen bemäntelnd, teils mit den Erfordernissen korrekter demokratischer Verfahrenweisen rechtfertigend; und schließlich auch die Erfahrung des Juli und August, die zeigte, daß die im Gefolge des Kerenski-Putsches einsetzende und zum Teil blutige Unterdrückung der Volksbewegung sich politisch ausschließlich gegen die Bolschewiki richtete, die verlegen murmelnden übrigen Linksparteien aber unbehelligt ließ, all dies brachte schließlich den Umschwung. Die Stimmung der Massen neigte sich schließlich den Bolschewiki zu. „Zum erstenmal wurde seit August/Anfang September 1917 der Bolschewismus zu einer Massenbewegung. Die zahlenmäßig immer noch relativ kleine Partei (30) erhielt die Unterstützung von Millionen erbitterter und hoffender Menschen. Auf jeden Parteibolschewik kamen 20, 30 oder auch 50 ‚Bolschewiki‘, die nicht Mitglieder, aber Sympathisierende waren“ (31). Der Durchbruch machte sich natürlich sogleich auch in den Räten bemerkbar, deren Deputierte zu jener Zeit noch rasch wechselten. Anfang September 1917 errangen die Bolschewiki die Mehrheit in Petersburg und in Moskau, um nur diese beiden entscheidenden Zentren zu nennen.

Indem sie hiermit als „Stimmungsbarometer“ (Anweiler) kenntlich werden, ist das Geheimnis der Räte von 1917 eigentlich schon ausgesprochen. Es äußert sich in ihnen die massenhafte Zustimmung zu einem bestimmten politischen Programm in einer bestimmten politischen Situation, in welcher dieses Programm die dringendsten unmittelbaren Bedürfnisse der Bevölkerungsmehrheit formuliert. Dieser Synergismus, diese gegenseitige Resonanz von Politik und Massenstimmung kommt in den Räten zum Ausdruck, sie bildet die Grundlage des Oktober, eine Grundlage, die sich bis etwa 1920/21 als tragfähig erweisen sollte.

Ganz allgemein läßt sich sagen, daß sich Lenins Genie vor allem im Umgang mit dieser Massenstimmung bewährt. Lenin nimmt diese Stimmung ernst, studiert sie im Zusammenhang mit den aktuellen Erfahrungen der Massen und versteht es, mit ihr zu rechnen, ohne dabei jemals sein politisches Ziel, die innerhalb des zeitgemäßen Modells der politischen Repräsentation verbleibende „Macht des Proletariats“, preiszugeben oder aus den Augen zu verlieren. „Die revolutionären Sozialdemokraten verfolgen aufmerksam die Stimmung der Massen“; sie verstehen es, die Massen, „gestützt auf ihre eigene Erfahrung und auf ihre Stimmung … aufzuklären“ (LW 21, S. 184), das sind stehende Redensarten bei Lenin. Trotzki bezeichnet es als einen der „großen Vorzüge“ des Bolschewismus, daß ihm „die aristokratische Verachtung für die selbständige Erfahrung der Massen absolut fremd“ sei (32). Allem Anschein nach sahen die Bolschewiki in ihrem „Vertrauen zu den Massen“, ihrem „Sichstützen auf die Massen“ den Kern ihrer revolutionären Identität. Dies ist sowohl in „theoretischer“ als auch in „praktischer“ Hinsicht verständlich. Aus der theoretischen „Affirmation der Massen“ bezog der gesamte alte Arbeiterbewegungs-Sozialismus sein Selbstbewußtsein und seine Siegeszuversicht als eine neue, unüberwindliche historische Kraft, also auch die Bolschewiki. Die konsequente „Verwirklichung“ dieses Konzeptes, ihre „Verwurzelung in den Massen“, ihre „Nähe zu den Massen“, ermöglichte es den Bolschewiki darüber hinaus, jene Flexibilität und Manövrierfähigkeit, jene „technischen Fertigkeiten“ zu erwerben, die für die praktische Durchführung der Revolution unerläßlich waren. Selbstverständlich setzt dies voraus, daß man in der „proletarischen Revolution“ nicht nur eine historische Kategorie, sondern eine unmittelbar anstehende, dringende Notwendigkeit sah. In dieser praktischen Hinsicht zeigten sich die Bolschewiki als einzige sozialistische Gruppierung den Anforderungen des historischen Augenblicks gewachsen.

Vor allem zeigt sich an diesem Punkt der entscheidende Unterschied zu den Menschewiki, auf den ich hier kurz eingehen möchte. Die Menschewiki leiteten ihre Politik bekanntlich von dem „historischer Materialismus“ genannten geschichtsphilosophischen Schema ab, wonach Rußlands Revolution bürgerlich zu sein hatte. Wenn man will, dann kann man sie als die „Theoretiker“, die Bolschewiki als die „Praktiker“ dieser Revolution bezeichnen. Die Menschewiki verwiesen durchaus zu Recht auf das historisch niedrige Niveau der Produktivkraftentwicklung und zogen daraus den falschen („praktischen“) Schluß, daß das Proletariat sich zu zügeln habe. Mit nicht geringerem Recht verwiesen die Bolschewiki auf die im Zusammenhang mit der akuten Notsituation stehende aufrührerische Stimmung nicht nur der städtischen, sondern auch der ländlichen Massen und zogen daraus den falschen („theoretischen“) Schluß, daß die Revolution sich bereits auf dem Weg zum Sozialismus befinde (33). Wie es die Regel ist innerhalb der bürgerlichen Epoche, erkannte die „Theorie“ ihre „Praxis“ nicht, und die „Praxis“ vermochte es nicht, sich in ihrer „Theorie“ wiederzufinden. Von heute aus kann man es eine köstliche „Ironie der Geschichte“ nennen, daß ausgerechnet die gleiche theoretische Befangenheit und Unzulänglichkeit, nämlich ein soziologisch verkürzter Marxismus, die beiden feindlichen Brüder daran hinderte, ihrer nahen Verwandtschaft innezuwerden.

Die soziologische Verkürzung, die immer auch eine empiristische Verkürzung beinhaltet, kommt darin zum Ausdruck, daß die einen, nämlich die Bolschewiki, von einer bestimmten empirischen Erscheinung wie derjenigen der politischen Bewegung des Proletariats unvermittelt auf den historischen Begriff der gesamten Epoche schließen, während andererseits die Menschewiki mit dem Begriff der historischen Epoche eine dogmatische Vorstellung von der zugehörigen Empirie verknüpfen und danach die Bewegung zu modeln trachten. Eine bürgerliche Revolution, so schließen die Menschewiki messerscharf, gehört in die Hände von Menschen, die sich soziologisch einwandfrei als Bürger auszuweisen vermögen. Mit der gleichen Logik ausgestattet sagen die Bolschewiki, daß eine Revolution , in welcher soziologisch zweifelsfrei als Proletarier auszumachende Menschen den Kerntrupp der Bewegung bilden und die größte Leidenschaft und den größten Opfermut an den Tag legen, daß eine solche Revolution natürlich keine bürgerliche mehr ist, sondern nur eine proletarische genannt werden darf. Wie ersichtlich, sind beide Argumentationsfiguren weit davon entfernt, die „Bourgeoisie“ als ein im Wert und im Recht waltendes, den soziologischen Kategorien gegenüber sich als „Sachzwang“ verselbständigendes Produktionsverhältnis zu begreifen.

Von daher, von dieser theoretischen Gemeinsamkeit her ist natürlich gewährleistet, daß die beiden Kontrahenten einander gar nicht theoretisch, sondern nur auf der Ebene der „Praxis“ zu kritisieren vermögen. Das heißt: Die Menschiwiki besitzen die gleiche Vorstellung von der proletarischen Revolution wie die Bolschewiki, sie würden der eben erwähnten soziologischen Definition also nicht widersprechen, aber sie sind gegen die praktische Durchführung dieser Revolution, weil sie aufgrund der genannten Voraussetzungen (Rückständigkeit Rußlands) zum „Scheitern“ verurteilt sei. Umgekehrt verachten die Bolschewiki diesen „lebensfernen Schematismus“, der hinsichtlich seiner praktischen Konsequenzen ein Verbrechen sei gegen die unmittelbaren, buchstäblich lebenswichtigen Interessen des Proletariats. Ihre Widerlegung der menschewistischen Argumente, hinter denen sie Feigheit und Verrat wittern, ist die Tat, nämlich die Praxis der Revolution: „Der Kampf und nur der Kampf entscheidet, wie weit es der (proletarisch-sozialistischen Revolution) gelingt, über die (bürgerlich-demokratische) hinauszuwachsen (LW 33, S. 34).

Die Konfliktlinie „Praxis versus Theorie“ beinhaltet natürlich eine Gefahr. Allzu leicht könnte die „Praxis“ in die Versuchung geraten, das, was sie ihr Gelingen nennt, nach eigenem Gutdünken, ohne die lästige Einmischung theoretischer Klügelei, zu bestimmen (34). Das dann noch übrigbleibende Bedürfnis nach einem vermeintlich über der Empirie stehenden Gesichtspunkt, der den Eindruck von „Linie“ zu erwecken vermöchte, müßte sich in diesem Fall mit jener ideologischen Billigstproduktion begnügen, die etwa den Markennamen ‚Wir stehen in der Tradition des Oktober“ zu tragen hätte. Die auf dem X. Parteitag an die Bolschewiki gerichteten Warnungen Lenins, sich nichts vorzumachen, sich die Möglichkeit rascher Erfolge z.B. im Kampf gegen die Bürokratisierung nicht in die Tasche zu lügen, die Arbeiter nicht mit demagogischen Patentrezepten zu betrügen, muß man wohl als Anzeichen dafür nehmen, daß dieser Weg zur -wie soll man sagen- zur theoretischen Willkür, zur schöpferischen Freiheit bei der Bestimmung dessen, was man sei und dementsprechend vollbringen könne, sich bereits 1921, nach der administrativen Ausschaltung aller politischer Gegner, in Umrissen abzuzeichnen begann. Der später unter Stalin verordnete Pflichtoptimismus, der es allemal fertigbrachte, in jedem Schwenk der Regierungspolitik eine mustergültige Anwendung der „Lehren des Oktober“ ausfindig zu machen, hat hier offensichtlich seine Wurzeln. Die penetrante Staatsfrömmigkeit und neurotische Zwanghaftigkeit dieses Optimismus („aufwärts und vorwärts“), eines Grundkurses in „positivem Denken“ von wahrhaft internationalem Niveau, geht weit über das hinaus, was dem heute üblichen Legitimationsbedürfnis eines kapitalistischen Staatswesens entsprechen würde. Abgesehen davon, daß es sich dabei um eine Eigenart dieses gesamten „Zeitalters der Massen“ (Moscovici) handelt, die auch in anderen plebeszitären Bewegungen und Systemen anzutreffen war, dürfte im vorliegenden Fall der Grund dafür unter anderem eben darin zu suchen sein, daß die „Praxis des Bolschewismus“ immer auch mit jener alten theoretischen Rechnung befrachtet war, die die Menschiwiki ihm einst aufgemacht hatten, daß also die „Praxis“ unmittelbar als sie selbst die Rolle eines theoretischen Arguments zu übernehmen hatte, von dessen Kohärenz auch nachträglich noch die „Berechtigung“ des Oktober und des gesamten darauf aufbauenden ideologischen Konstrukts des „Marxismus-Leninismus“ abhing (35). Man durfte nicht „gescheitert“ sein, und jede Kritik mußte sich davor hüten, die Grenze zu jener „Destruktivität“ zu überschreiten, jenseits welcher die menschewistische „Verhöhnung“ und „Sabotage“ des „Kampfes der Arbeiterklasse“ begann; des Kampfes, von dem man meinte, daß „nur“ er über den „Aufbau des Sozialismus“ entscheiden werde, und von dem man heute sagen muß, daß er die ideologische Form des staatlichen Aufbauwillens war, der, seinerseits induziert von der internationalen Konkurrenz der kapitalistischen Staaten, während der Epoche der nachholenden ursprünglichen Akkumulation in Rußland die „Kräfte des Binnenmarktes“ zu ersetzen hatte.

Ich habe es vorhin eine „köstliche Ironie“ genannt, daß Menschiwiki und Bolschewiki ihre unter der gegensätzlichen politischen Oberfläche verborgene Gemeinsamkeit nicht zu erkennen vermochten. Den Zeitgenossen wird kaum nach einer solchen amüsierten Betrachtungsweise zumute gewesen sein. Nach der Auflösung der Konstituante (Januar 1918) und im Verlauf des Bürgerkriegs nahm die Beziehung zwischen Menschiwiki und Bolschewiki teilweise sehr repressive Formen an, an denen nichts köstliches war. Schon im täglichen Leben kann man ja beobachten, daß gerade solche Menschen, die sich in einer bestimmten Charakterschwäche gleichen, um so mehr dazu neigen, einander eben um dessentwillen zu hassen. Wie sollte dieser Mechanismus nicht auch im politischen Leben Gültigkeit beanspruchen können, das ja in den Augen derjenigen, die darin das Wort führen, ebenfalls eine Sache des Charakters, der Überzeugungstreue, der Vertrauenswürdigkeit etc. ist.

Die bolschewistische Unduldsamkeit gegenüber den Menschiwiki wurde vielleicht gerade durch den Umstand genährt, daß sich die letzteren im Bürgerkrieg gegen die weiße Konterrevolution (36) loyal verhielten und ihre Forderung nach dem Zusammentritt der konstituierenden Versammlung mit der ausdrücklichen Begründung zurücknahmen, sie könnte „als Banner und Maske der Konterrevolution“ mißbraucht werden (37). Die Menschiwiki, die sich auf den Kurs einer legalen Opposition im Rahmen des vorhandenen Rätesystems festlegten (dieser Kurs wurde im Juli 1919 durch das Manifest „Was tun?“ bestätigt), entsprachen während des Bürgerkriegs nicht mehr dem Verräterbild, mit dem man 1917 ihren Masseneinfluß hatte untergraben können. Um so „gefährlicher“ waren sie. Um so lästiger war ihre Opposition, der man einfacher hätte beikommen können, wenn sie sich umstandslos in die Kategorie der weißen Konterrevolution hätte einordnen lassen. Ihr Schicksal war endgültig besiegelt, als sich 1920/21 die Stimmung der Massen nicht nur von den Bolschewiki abkehrte, sondern sogar gegen sie empörte. Anweiler zweifelt nicht daran, „daß bei freien Wahlen in die Arbeiterdeputiertenräte die Menschiwiki gegen Ende des Bürgerkriegs mehr Sitze gewonnen hätten als die Bolschewiki (38). Isaac Deutscher vertritt die gleiche Ansicht (39).

Diese akute Krisensituation war für die Bolschewiki, die ihrem ganzen Selbstverständnis nach die einzigen und einzig wahren Anwälte der Massen waren, zweifellos unerträglich. Nichts mußte sie mehr erschüttern und verbittern, als auf einem Felde ins Hintertreffen zu geraten, als dessen Urheber sie sich ansahen, auf dem sie gleichsam das Recht des Erstgeborenen besaßen. Zutiefst davon überzeugt, daß sie die eigentlichen, die historischen Interessen des Proletariats repräsentierten, konnten sie sich bei diesem, das seine Hoffnungen von 1917 am gegenwärtigen Elend maß, kein Gehör mehr verschaffen. Die politische Krise, die die Aufstände und Streiks des Februar und März 1921 ohnehin bedeuteten, wurde dramatisch verschärft durch die damit einhergehende tiefe ideologische Krise, die das Zentrum des bolschewistischen Selbstverständnisses berührte. Auf dem X. Parteitag (März 1921) schätzte Lenin die „innere Gefahr“ größer ein als diejenige, die seinerzeit (1919) „von Denikin und Judenitsch“ gedroht hatte (LW 32, S. 257). Es ist ganz gewiß gerechtfertigt, dieses Wort von der „inneren Gefahr“ um die ideologische und psychologische Dimension zu erweitern.

Der Ausweg, den Lenin in dieser Lage fand, ist bekannt. Die Forderung nach freiem Handel, die alle politischen Gegner der Bolschewiki im Einklang mit der Stimmung unter den Arbeitern und Bauern erhoben, wurde erfüllt, die Ablieferungspflicht der Bauern durch eine Naturalsteuer ersetzt. Zugleich mit dieser „Neuen Ökonomischen Politik“ wurde die politische Repression verschärft: „Die Menschiwiki und Sozialrevolutionäre, sowohl die offenen wie auch die als Parteilose getarnten, gehören ins Gefängnis…“ (LW 32, S. 376). Das „Interesse des Proletariats“ oder auch der „Volkswille“ erhielt, wie ich schon früher ausgeführt habe, eine extrem „transzendentale“ Färbung, wie sie zwar für jeden modernen Repräsentativstaat konstitutiv ist, aber nur selten, eben nur in Krisenzeiten, so klar hervorsticht. Das „Interesse des Proletariats“ wurde gleichsam von dessen Augenblickszustand abgelöst und einstweilen in die ausschließliche Obhut der Bolschewiki genommen (40). Der Massenstimmung, nachdem sie sich „kleinbürgerlicher Schwankungen“, d.h. Sympathien für die Menschiwiki und Sozialrevolutionäre schuldig gemacht hatte (vgl. LW 32, S. 257), wurde jede andere als die bolschewistische Artikulation abgeschnitten. Damit hatten natürlich die Räte, die den Bürgerkrieg ohnehin nur zu einem Zehntel überstanden hatten (41), ihre Funktion als Stimmungsbarometer eingebüßt (42) und wurden -erst recht nach ihrer staatlich verordneten Neugründung im Jahre 1922- zu reinen Verwaltungsorganen.

Es ist hier nicht meine Aufgabe, nach den „Fehlern“ der Bolschewiki zu suchen und etwa, wie R. Medwedjew es tut, die Frage zu stellen, ob nicht im Interesse einer breiteren Ausgangsbasis für den Bürgerkrieg, die vielleicht die Aussicht auf ein rascheres Durchlaufen dieser ruinösen Etappe der bolschewistischen Revolution eröffnet haben würde, das Kernstück der NÖP, die die Bauern weniger belastende Naturalsteuer, schon 1918 hätte eingeführt werden sollen. Faktisch, so sagt Medwedjew, habe sich in dem kleinbäuerlichen Land, das durch die im Sommer 1918 von den Bolschewiki initiierten „Komitees der Dorfarmut“ noch weiter „verkleinbürgerlicht worden“ sei als schon durch die Oktoberrevolution geschehen (43), der freie Handel angesichts eines kaum noch so zu nennenden „Schwarzmarkt“-Anteils von 50 bis 60 Prozent an der Lebensmittelversorgung der Bevölkerung ohnehin nicht verbieten lassen (44). Er sei aber durch den illusorischen Versuch, seit Mai 1918 ein „staatliches Getreidehandelsmonopol“ durchzusetzen, das sich im weiteren Verlauf zu einer obligatorischen Ablieferungspflicht für fast alle Agrarerzeugnisse entwickelte (45), unnötig behindert und unrationell gestaltet worden (46).

Ebenso unerheblich für unseren Zusammenhang ist die Diskussion der Frage, ob nun mit dem 1921 beschrittenen Weg zur Staatspartei bzw. zum Einparteienstaat der „Weg des Oktober“ verraten worden sei oder ob er damit nur seine von Anfang an vorhandene innere Logik offenbart habe. Meine Darstellung der politischen Kategorie des „Volkswillens“ zielt auf das grundsätzliche Auseinander von „Politik“ und „Ökonomie“, von „Staat“ und „Gesellschaft“, wie es konstitutiv ist für die mittels der Wertform sich vollziehende Vergesellschaftung des Menschen. Dieses „Wesen der Sache“ im Auge, ist es zunächst unerheblich, wie sich die „Beziehung“ zwischen den beiden Komponenten des „Volkswillens“ im einzelnen gestaltet, ob die „Massenstimmung“ durch eine einzige politische Partei hindurchgehen muß oder ob sie mehrere miteinander konkurrierende Parteien zu ihrer Verfügung hat, die einander ablösen in der Verwaltung des (abstrakten) Allgemeininteresses. Die landläufige Alternative von „Diktatur“ (als Einparteienherrschaft) und „Demokratie“ (als politischer Pluralismus) findet innerhalb der dualistischen Konstellation des „Volkswillens“ statt; sie gehört insgesamt der demokratischen, selber vom Wert konstituierten Denkform an, die dieses Auseinander immer schon stillschweigend voraussetzt. Freilich darf die Tatsache, daß sich im Verlaufe dieses Jahrhunderts die pluralistische Variante der Demokratie durchgesetzt hat, deshalb nicht unbeachtet bleiben. Offensichtlich ist der Pluralismus (im Denken wie in den politischen Institutionen) die reifere, dem heute erreichten Vergesellschaftungsniveau besser entsprechende Form der Demokratie, neben welcher die plebiszitären Diktaturen der ersten Jahrhunderthälfte mit ihrer „Staatsallmacht“ nur als ihr noch höchst unvollkommenes Entwicklungsstadium anmuten können. Der Pluralismus verleiht dem in der politischen Sphäre sich manifestierenden „Volkswillen“ jene Flexibilität und Anpassungsfähigkeit, deren er in einer Gesellschaft, die in der ständigen Revolution der Produktivkraft der menschlichen Arbeit begriffen ist, dringend bedarf. In einer solchen „dynamischen Gesellschaft“ werden ja jene Normen des menschlichen Zusammenlebens, die sich nach althergebrachter Sitte und Gewohnheit gleichsam von selbst verstehen, laufend zurückgedrängt, wohingegen diejenigen Fragen, die einer ausdrücklichen und bewußten (vorläufig nur rechtlichen) Regelung zugeführt werden müssen, ständig an Umfang zunehmen.

Eine nennenswert entwickelte Produktivkraft der Arbeit war allerdings in dem vollkommen ruinierten Rußland von 1921 erst noch zu schaffen. Es stand keine grundlegend andere Alternative zur Debatte als „Produktion überhaupt“ oder drastischer formuliert: „Überleben überhaupt“. „Was wir vor allem und um jeden Preis brauchen, ist die Steigerung der Produktion“ (LW 33, S.39), schreibt Lenin zum vierten Jahrestag der Oktoberrevolution. Jede denkbare Garnitur „politischer“

oder „wirtschaftlicher“ Kader hätte diese und keine andere Aufgabe zu lösen gehabt. Wenn man dies bedenkt und obendrein berücksichtigt, daß ohnehin jeder einigermaßen brauchbare, d.h. mit einem Minimum an Kulturtechniken ausgerüstete Mensch (47) zu Verwaltungsaufgaben herangezogen werden mußte, dann kann man ohne weiteres mit Lenin zu dem Schluß gelangen, daß es wahrscheinlich wirklich ein überflüssiger Luxus gewesen wäre, sich dem Zeitvertreib demokratischer Debatten, sei es in den Räten, sei es in einer anderen etwa von der konstituierenden Versammlung abgesegneten Vertretungskörperschaft, hinzugeben.

Dies aber wie gesagt nur nebenbei. Für unseren Zusammenhang kommt es nur auf die grundlegende Lehre an, auf das „allgemeine Gesetz“, das sich aus den Ereignissen von 1921 extrapolieren läßt. Für unseren Zusammenhang ist es ausreichend, sich zu vergegenwärtigen, daß die ‚Massenstimmung‘ als die andere Seite des „Volkswillens“ grundsätzlich mit „Haken und Ösen“ behaftet ist, daß sie ein schwankendes, unzuverlässiges Element darstellt, mit dem die moderne Politik zwar rechnen muß (48), auf das sie aber nicht verläßlich bauen kann. Und schon gar nicht darf sie dem Wahn verfallen, sie könnte sich von den Massen und ihrer jeweiligen Stimmung ersetzen lassen.

Im Oktober 1917 kamen die Bolschewiki auf einer Woge des Massenenthusiasmus zur Macht, im Frühjahr 1921 sprach die Menge, „kreuzige ihn“. Wenn es bei den Bolschewiki Illusionen gegeben hatte hinsichtlich der Stabilität der 1917 erreichten „Verbindung mit den Massen“ – und es mußte bei der mangelhaften theoretischen Durchdringung der Kategorie des „Volkswillens“ unbedingt solche Illusionen geben – , dann wurden sie sehr abrupt zerstört im Frühjahr 1921. Daß diese plötzliche Ernüchterung mit Gefühlen der Hilflosigkeit einherging, daß sie Verwirrung und Panik in die Reihen der Bolschewiki trug, kann niemanden verwundern, der sich in die damalige Situation hineindenkt. Jedenfalls zeugt die Ausschaltung jeglicher politischer Opposition nicht von der Stärke, sondern von der Schwäche der Bolschewiki. Eine Partei, die nur noch „mit der politisch unberührten Masse der Werktätigen“ Verbindung anknüpfen will, die den „einfachen Werktätigen“ zu ihrem Ideal kürt (LW 32, S, 377), die sich nur noch denjenigen stellt, die reinen Herzens sind, die nur noch die arglosesten und unbescholtesten Lämmer führen zu können glaubt, der Auseinandersetzung mit menschewistischen und sozialrevolutionären Argumenten aber ausweicht („Wir haben andere Sorgen, als uns auf ‚Konferenzen‘ mit ‚Oppositionen‘ abzugeben“, (LW 32, S. 377), ist sich weder in theoretischer noch in irgendeiner anderen Hinsicht der souveräne Herr der Lage. Die einzige Stärke, die ihr geblieben ist, ist ihr Vorhandensein, ihre organisatorische Intaktheit, ihre „Einheit‘ und „Geschlossenheit“ sowie der Wille, an der Macht zu bleiben, mag auch ideologisch alles drunter und drüber gehen (49)

Die Dramatik und Geschwindigkeit mit der sich der Abfall der Massen einerseits, das ängstliche Zusammenrücken der Bolschewiki, ihre Verwandlung von der Bewegungs- zur Staatspartei andererseits vollzog, ist natürlich vor dem Hintergrund des unvorstellbaren Elends in Rußland zu sehen. Das Jahr 1921 brachte noch einmal millionenfachen Tod durch Hunger und Seuchen, nachdem bereits der Bürgerkrieg massenhaft Opfer gefordert und die Bevölkerung bis hin zur Arbeitsunfähigkeit erschöpft hatte. Diese Situation zusammen mit der organisatorischen Festigkeit der Partei scheint übrigens auch den Ausschlag gegeben zu haben dafür, daß sich die Bolschewiki an der Macht halten konnten. Der Zustand jeder möglichen Opposition war einfach noch desolater als derjenige der Bolschewiki, und die Mehrzahl der Bevölkerung versank ohnehin in Apathie (50).

Diese außerordentliche Situation sollte man aber nur für die Klarheit verantwortlich machen, in der sich die beiden Komponenten des „Volkswillens“, die auf die unmittelbare Erfahrung gegründete der „Massenstimmung“ einerseits und die ein transzendentales politisches Prinzip darstellende staatliche Legitimation andererseits, sozusagen in ihrem „Eigengewicht“ präsentierten, nicht für die Sache selbst. Gemäß unserer theoretischen Voraussetzung, die besagt, daß die Gesellschaft des Privateigentums mit sich nicht durchsichtig und bewußt vermittelt werden kann, daß das Einzelinteresse und das Gesamtinteresse der Warenbesitzer, wiewohl vom gleichen „Prinzip“ erzeugt, zwei verschiedene, sich gegensätzlich zueinander verhaltende Sphären konstituieren, sind die genannten Komponenten, wenn auch als solche selten so deutlich sichtbar, immer vorhanden in dem, was man „Volkswillen“ nennt. Mit dem Abflauen der Massenstimmung und der Herausbildung staat-licher Strukturen -rigiderer selbstverständlich, als sie der Zarismus kennen konnte, der sich die Aufgabe der Verwaltung des gesamten Volkes, der „Massen“, ja gar nicht gestellt hatte- war also auf jeden Fall zu rechnen, wenn auch nicht in dieser Form und unter diesen extremen Umständen.

Anders kann es gar nicht sein, solange die „Massen“ nur erst als solche in das Rampenlicht der Geschichte treten und zur Verwaltung der gemeinsamen Angelegenheiten vorläufig nichts anderes beizutragen haben als ihre Stimmung, welche sie den sich auf sie berufenden politischen Prinzipien und Konzepten entgegenbringen. Wenn wir uns die erwähnten „Haken und Ösen“ der Massenstimmung näher ansehen, dann zeigt sich, daß diese Massenstimmung nicht nur keinerlei organisierende Kompetenz besitzt, sondern direkt das Fehlen einer solchen Kompetenz anzeigt. Die Stimmung, mit der etwas getan wird oder geschieht, kann immer nur als äußeres Attribut zu diesem Tun oder Geschehen hinzutreten. Ich kann meine Arbeit mit mehr oder weniger Begeisterung, Eifer, Gewissenhaftigkeit, Pflichtbewußtsein etc. verrichten – der Inhalt dieser Pflicht, dieser Arbeit, wird davon nicht berührt. Der Enthusiasmus kann also die Fähigkeiten, die ich schon habe, in quantitativer Hinsicht modeln, er kann mich dazu veranlassen, diese Fähigkeiten restlos auszuschöpfen, diese Fähigkeiten bis zur Erschöpfung in den „Dienst des Allgemeinwohls“ (oder weil wir in Rußland sind: in den „Dienst des Proletariats“, bzw. der „proletarischen Revolution“) zu stellen, aber er kann diese Fähigkeiten nicht qualitativ ersetzen oder erzeugen. Als Analphabet kann ich mit großer Begeisterung Aufgaben übernehmen, die der Kompetenz eines Analphabeten entsprechen, und ich kann als der gleiche Analphabet verzweifelt oder resigniert oder gleichgültig mich abseits halten; aber weder die Begeisterung noch die Verzweiflung sind als solche dazu in der Lage, mir das Lesen und Schreiben beizubringen.

Ich habe das Beispiel des Analphabeten natürlich mit Bedacht gewählt. Denn der Analphabetismus, der nach den von Lenin zitierten Angaben der Volkszählung von 1920 im europäischen Rußland, also in dem am weitesten fortgeschrittenen Teil Rußlands, immer noch ein Ausmaß erreichte, das zwei Drittel der Gesamtbevölkerung umfaßte, dieser Analphabetismus ist wohl das herausragendste Merkmal, an dem sich die Zurückgebliebenheit des Landes, der geringe Grad der Entfaltung der Produktivkräfte, der geringe Grad der Vergesellschaftung der Produktion ablesen läßt. Der Entwicklungsstand der Produktivkräfte entscheidet aber letztenendes darüber, inwieweit die „Macht der Arbeiterklasse“ tatsächlich eine spürbare Verbesserung der Lebensumstände mit sich bringt, inwieweit überhaupt von einer solchen Macht in dem Sinn die Rede sein kann, daß die Arbeiter „den Staat leiten“ und „die Produktion organisieren“. Die Fähigkeit, Passierscheine zu lesen (51), ist jedenfalls nicht ausreichend, um eine hochentwickelte, empfindliche Technik zu bedienen oder zu warten, geschweige daß sie dafür ausreichen würde, diese Technik im wissenschaftlichen Sinn zu beherrschen und zum Wohle der gesamten Gesellschaft einzusetzen (52). Wir wissen ja bereits, daß die russischen Arbeiter nicht einmal dazu in der Lage waren (und sein konnten), die „Kontrolle und Rechnungsführung“ der kapitalistischen Warenproduktion durchzuführen (vgl. dazu „MK5„).

Wenn wir neben diese „stoffliche Beschaffenheit“ der Massen die Stimmung, die Begeisterung, die hochfliegenden Erwartungen dieser gleichen Massen halten, welche Wunder die „Macht der Arbeiter und Bauern“ für sie bereithalte, dann läßt sich leicht vermuten, daß eine große Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit vorhanden war. Der oft gehuldigten Wahrheit, daß die eigentlichen Schöpfer der Geschichte die namenlosen Massen selber sind, tut es keinerlei Abbruch, wenn ich darauf hinweise, daß dieses Schöpfertum unter den russischen Voraussetzungen noch für einige Generationen vor allem aus knochenbarter unmittelbarer, „fremdbestimmter“ Produktionsarbeit bestehen mußte.

Jedenfalls waren die Voraussetzungen für eine rasche, dramatische, den Bolschewiki gefährlich werdende Abkühlung der Massenstimmung „ideal“, wenn ich mich so ausdrücken darf. Und ich bin fast versucht, ein Art Gesetz aufzustellen, das Gesetz vom reziproken Verhältnis zwischen der politischen Rolle der Massenstimmung einerseits und der Qualifikation der Massen, dieser Stimmung gerecht werden zu können, andererseits. Alles, nämlich die gesamte alte Arbeiterbewegung, spricht dafür, daß die Neigung, „in Stimmung zu machen“, um so größer ist, je geringer entwickelt der Überblick ist über das Unternehmen, das mit dieser Stimmung in Szene gesetzt wird, je weniger jene Kompetenz und Fähigkeit vorhanden ist, die eine realistische Aussicht eröffnen würde avf die Möglichkeit, „Abschied vom Proletarierdasein“ zu nehmen. Je enger und kleiner der Bereich, in dem sich der Arbeiter zurechtfindet, je größer der Abstand zwischen seinen gewöhnlichen Lebensumständen und dem unbegriffenen Ganzen der Gesellschaft, desto größer muß gleichsam das Gefühl sein, das diesen Abstand auf phan-tastische Weise zu überbrücken trachtet. Die riesige Kluft zwischen dem einzelnen, unwissenden, soeben erst sein „Menschenrecht“ entdeckenden, nur in der „Masse“ etwas zählenden Arbeiter einerseits und dem politischen Anspruch, die „Arbeitermacht“ zu erobern andererseits ist gleichsam das große Einfallstor, durch das hindurch der in den letzten Jahren von der akademischen Forschung reichlich zutage geförderte Chiliasmus in die alte Arbeiterbewegung Eingang fand (53). Der Entstehungsmechanismus dieses politischen Chiliasmus wäre somit ganz analog demjenigen, der auch den religiösen hervorgebracht hat (54). Hier scheint mir auch der Punkt zu liegen, an dem die Erklärung dafür zu suchen ist, daß sich die Führer der Bewegung so rasch und mühelos in Heilige (Lenin) und Teufel (Trotzki) verwandeln ließen.

Es ist klar, daß eine Politik, die sich weitgehend mit den „Massen“ identifiziert und sich ständig auf die „Massen“ beruft, die sich von der Stimmung der Massen abhängig weiß und diese daher laufend zu beeinflußen trachtet (55), daß eine solche Politik von der Labilität dieses „Faktors“ nicht unberührt bleiben kann und durch scharfe Kursänderungen, rasante Wendungen und Zickzackbewegungen ausgezeichnet sein muß. Solange der Vergesellschaftungszusammenhang stofflich noch auf schwachen Beinen steht, muß der Staat, noch unbeholfen im Umgang mit seiner frischgebackenen Allgemeinheit, auf seine (plebeszitäre, populistische) Weise Zuständigkeiten übernehmen oder sich anmaßen, die bei der „persönlichen Interessiertheit“ (Lenin), die sich als das „normale“ Verhaltensmuster aber auch erst herausbildet, wahrscheinlich besser aufgehoben wären. Aus der „totalitären“ Sorge um die „Einheit des Volkes“, die bei jedem beliebigen Anlaß mit Kundgebungen und Straßenumzügen augenfällig gemacht werden muß, resultiert jene Sprunghaftigkeit und Fahrigkeit, die mir für die populistischen Regimes der älteren Bauart (des vor 1945 entwickelten Typs) charakteristisch zu sein scheint. Diese Eigenart wird natürlich mit der zunehmenden Vergesellschaftung der Produktion, die das Bedürfnis nach Kontinuität und Berechenbarkeit der politischen Rahmenbedingungen erzeugt, als ein Hemmschuh der Entwicklung empfunden und zunehmend auch tatsächlich ein solcher werden.

Zum einem bedeutet die Vergesellschaftung der Produktion, daß die „Massen“ aufhören, als solche im stofflichen Sinn produktiv zu sein. Sie verlieren die Bedeutung, die sie teils als rohe, teils als handwerklich qualifizierte, auf jeden Fall aber unmittelbare Produktivkraft zweifellos gehabt haben in den älteren Phasen des Industrialismus. Zum anderen verliert die Masse offenbar selbst den Gefallen daran, also solche gerufen zu werden. Der sich ausdehnende Bereich der Privatsphäre und des privaten Konsums, in dem sich auch der Arbeiter als ein Individuum vorzukommen beginnt, hält andere und anscheinend wirksamere Formen der Affirmation bereit als jene altertümlichen der Orden und des Heldenruhms, mit denen sich der Populismus alten Stils behelfen mußte.

Die Masse, nachdem sie, endlich gleichgeschaltet von der Verkehrsform des Privateigentums, wirklich dazu geworden ist und damit ihrem Gleichheitsideal entspricht, bedarf, um als Masse zu funktionieren, immer weniger der großen Ideale, der großen Gefühle, des Taumels und des Höherschlagens der Millionen Herzen. Der Appell an die Leidenschaft der Massen, an ihren Opfermut und ihre Ideale verschwindet damit aus dem Arsenal der Politik (die sich im gleichen Zug das Problem der „Sinnkrise“ einhandelt). Und Nachzügler muß man jene nennen, die über den ideologischen Gestalten des alten Populismus, deren Auferstehung sie teils fürchten, teils herbeiwünschen, den gegenwärtigen aus den Augen verlieren. Dieser gegenwärtige Populismus, der als die moderne, einschließlich der zugehörigen Protestrituale reibungslos funktionierende Massendemokratie tagtägliche Triumphe feiert, hat es nicht mehr nötig, die Massen mittels einer besonderen, auf sie gemünzten Ideologie (rassistisch oder sozialistisch) eigens noch zu mobilisieren, weil sie offensichtlich in jenem tieferen Sinn von Freiheit und Gleichheit, der in der Verwertung von allem und jedem gleichsam zu sich selbst gekommen ist, laufend schon mobilisiert sind (56).

c. Lenin und die linke Opposition

Nachdem wir uns die Eigentümlichkeiten der „anderen Seite“ des „Volkswillens“ näher zu Gemüte geführt haben, scheint es mir angebracht zu sein, noch einmal einen Blick auf Lenin und seinen Umgang mit der „Massenstimmung“ zu werfen. Dabei zeigt sich, daß dieser Umgang nahezu durchgehend adäquat zu nennen ist. Lenin wurde den Anforderungen, die die „Massenstimmung“ seinerzeit an den modernen, das „Volk“ repräsentierenden Politiker stellte, auch dort gerecht, wo dieser „Faktor der Politik“ seine soeben besprochenen, im Sinn des „Glaubens an die Massen“ eher desillusionierenden Seiten zur Schau stellte. Obwohl hinsichtlich des doppelten Inhalts der Kategorie des „Volkswillens“ keineswegs reflektiert und insofern bewußtloser Repräsentant der vom Privateigentum hervorgebrachten Konstellation, vermochte er es, in allen entscheidenden Phasen der Revolution von den Massen so weit Distanz zu halten, daß er der laufenden Versuchung zur demagogischen „Hingabe an die Massen“ widerstehen, den Kopf oben behalten und das „Moment des Bewußtseins“ zur Geltung bringen konnte.

Zum einen erweist sich hierin die Tragfähigkeit und Bedeutung jenes alten, schon in „Was tun?“ (1901) formulierten Konzeptes, das davon ausgeht, daß die Arbeiter von sich aus nur ein tradeunionistisches bzw. „ökonomistisches“ Bewußtsein von ihrer Lage zu entwickeln vermögen, daß aber das „sozialistische“ Bewußtsein nur aus der wissenschaftlichen Analyse des Gesamtsystems der kapitalistischen Produktionsverhältnisse hervorgehen kann. In dieser Hinsicht blieb sich Lenin, wie sich jetzt auch bei der Untersuchung der Oktoberrevolution zeigt, immer selbst treu. In dieser Hinsicht ist man sogar berechtigt, von einer Art „einheitlicher Theorie“, von „Leninismus“ zu reden. Wenn man auch heute bemängeln muß, daß diese Kritik des Arbeiterbewußtseins zu kurz griff, daß sie den Stier, das Arbeiterdasein selbst, nicht radikal genug bei den Hörnern packte (57); wenn man auch zugeben muß, daß sie innerhalb der vom Wert konstituierten Zweiteilung

von „Politik“ und „Ökonomie“ verblieb und insofern nur in einem theoretischen Unding namens „Arbeiterstaat“ münden konnte, so muß man es doch groß nennen, daß hier überhaupt einmal von einem politischen Führer der alten Arbeiterbewegung die Weiche ausdrücklich in die richtige Richtung gestellt wurde. Mit „richtig“ meine ich, daß hier die Einsicht sich andeutet, daß der Kommunismus sich niemals damit begnügen kann, die „Massen“ in ihrer dürftigen Unmittelbarkeit zu belassen oder gar zu affirmieren. Wenn man bei Lenin überhaupt nach einem „Vorschein“ des Kommunismus suchen will, dann sollte man hier suchen. Dieser „Kommunismus“, aus dem unter den russischen Verhältnissen freilich nur eine neue Staatsverfassung werden konnte, war es offensichtlich, der Lenin davor bewahrte, in den Phasen des Aufschwungs der Bewegung vom Überschwang der Stimmung mitgerissen zu werden; entsprechend gelang es ihm, auch in den Phasen des Abschwungs einen für die Umstände ausreichend klaren Kopf zu bewahren.

Zum anderen sollte man aber neben diesem nur mit einer gewissen Bedenklichkeit „theoretisch“ oder „marxistisch“ zu nennenden Grundzug des „Leninismus“ noch eine andere „Kraftquelle“ in Erwägung ziehen, die ebenfalls dazu beigetragen haben mag, Lenins Beziehung zu den „Massen“ auf ein solides, von schwärmerischer Sentimentalität freies Fundament zu stellen. Ich denke dabei an die Psychologie, an das Gespür und Gefühl, das der politische Führer für die Massen haben muß und das nach meiner Voraussetzung, wonach die beiden Sphären des Allgemein- und des Privatinteresses nicht durchsichtig miteinander vermittelt sein können, letztendlich das entscheidende Band ist, das diese, so wie sie füreinander erscheinen, miteinander verknüpft. Könnte es nicht tatsächlich sein, daß Lenins Zuneigung zu den Massen, sein Mitfühlen mit dem unwissenden, verachteten, geduckten und geschundenen „Volk“, sein Haß gegen die selbstzufriedenen und selbstgerechten Spießer der „anständigen Welt“, aufrichtig und tief genug waren, um von jeder schmeichlerischen und demagogischen Beimischung frei gewesen zu sein? Könnte es nicht sein, daß gerade diese „Gefühlstiefe“ ihn dazu befähigte, die „Massen“ nicht als Phrase zu mißbrauchen, sondern sie unbarmherzig so zu sehen, wie sie wirklich waren, in all ihrer Häßlichkeit, Fehlerhaftigkeit und Verdorbenheit, behaftet mit allen Schwächen und Kainsmalen, die die Lebensumstände der „alten Gesellschaft“ ihnen aufgeprägt hatten? Könnte es nicht sein, daß gerade dieser unverstellte Blick auf die Massen ihn davor bewahrte, allzuviel Revolution und „Schöpfertum“ von ihnen zu erwarten, daß es ihm im Lichte dieses Blicks unverantwortlich erschien, die Massen unter welcher schmeichlerischen Parole auch immer sich selbst zu überlassen?

Meiner Meinung nach ist es keineswegs abwegig, solche Betrachtungen über Lenins Charaktereigenschaften anzustellen. Die charakterliche Befähigung zum Volkstribun, die gerade nichts mit Demagogie zu tun hat, ist nicht die schlechteste Eigenschaft, die man den großen Figuren der bürgerlichen Revolutionen attestieren kann. Zumindest von Lenin läßt sich sagen, daß sie es ihm ermöglichte, den eigenen ideologischen Prämissen zum Trotz realistisch, d.h. den unmittelbaren Bedürfnissen der Bewegung entsprechend zu handeln – einschließlich der rechtzeitigen Korrektur von Fehlern, wie das Beispiel von 1921 zeigt. Und der Kampf mit den eigenen ideologischen Prämissen, mochten sie einer virtuellen Vergangenheit oder einer virtuellen Zukunft entstammen, war wohl essentiell für alle Revolutionen dieser Art (58).

Wie dem auch sei, jedenfalls läßt sich auch für das Jahr 1917, für jenes Jahr, in dem die Massenstimmung am höchsten brandete und Lenin die „Vernunft und den Willen“ der Massen am höchsten schätzte, nachweisen, daß er -wohlgemerkt praktisch, nicht theoretisch- ein vollkommen angemessenes Verhalten dazu an den Tag legte. Dieses Verhalten ist so eindeutig und erhellend, daß wir von ihm her sogar, wenn wir ihn nicht schon entwickelt hätten, den Begriff der „Massenstimmung“ allererst erschließen könnten. Die Rolle, die Lenin dem Enthusiasmus und der Begeisterung innerhalb der klassischen politischen Konstellation zuweist, ergibt sich ganz einfach daraus, daß er von den Massen keinen anderen Beitrag als eben diesen erwartet. Er sieht (im März 1917), daß die „Masse der russischen Arbeiter …. im unmittelbaren revolutionären Kampf Wunder an Kühnheit, Initiative und Selbstaufopferung vollbracht hat“ (LW 23, S. 345), und er setzt für den weiteren Verlauf der Revolution (im September 1917) „auf ihre Fähigkeit zu Heroismus, Selbstaufopferung und kameradschaftlicher Disziplin“ (LW 25, S. 353). Ähnlich stimmungsvolle, zum Gefühl sprechende Vokabeln aus dem Bereich der Massenpsychologie -etwa „Wunder an Heldenmut“ (LW 33, S. 355), „eiserne Energie, Festigkeit, Entschlossenheit und Hingabe im Kampf“ (LW 32, S. 376)- tauchen laufend auch in den folgenden Jahren auf. Lenin behandelt die Massenstimmung also genau als jenes äußere Attribut, das zu den vorhandenen sozialen Kategorien hinzutreten muß, damit daraus im Zusammenklang mit der bolschewistischen Politik eine Revolution werde.

Daß dies nur eine politische, aber keine die Form der Politik selbst aufhebende sozialistische Revolution sein kann, deutet Lenin nach der Wende von 1921 in seinem „Zum vierten Jahrestag der Oktoberrevolution“ erschienen Artikel selber an – freilich ohne die Bedeutung seiner eigenen Worte voll zu erfassen. Er nennt es dort, sich auf die zwei Jahre „Kriegskommunismus“ beziehend, einen Fehler der Bolschewiki, darauf gerechnet zu haben, daß sich mit dem „Volksenthusiasmus“ außer „den allgemeinen politischen“ und „militärischen“ auch „die ebenso großen ökonomischen Aufgaben“ würden unmittelbar lösen lassen (59).

Die Probe auf meine Interpretation der Massenstimmung als ein äußerliches, zur vorhandenen Sozialstruktur nur hinzutretendes Attribut liefert Lenin dort, wo er diese Sozialstruktur ausdrücklich beim Namen nennt und als solche affirmiert. Ein schönes Beispiel ist die auf dem „Ersten Gesamtrussischen Kongreß der Bauerndeputierten“ gehaltene Rede (Mai 1917). Gleichsam komplementär zu den laufenden Anfeuerungsrufen, die der Massenstimmung, diesem unverzichtbaren Requisit des älteren Populismus gelten, versichert er den Bauern, daß sie diesen Beitrag zum Volkswohl, nämlich ihren Eifer, nur als Bauern zu leisten haben werden. Nachdem er das bolschewistische Agrarprogramm mit seiner zentralen Forderung nach „gemeinsamer Bodenbestellung in großen Musterwirtschaften“ erläutert hat, weist er auf die Schwierigkeiten hin, die diesem Unternehmen im Wege stehen, und er warnt davor zu glauben, „daß eine so gewaltige Umgestaltung im Leben eines Volkes mit einem Schlag vollbracht werden kann. Nein“, fährt er fort, „das bedarf einer riesigen Arbeit, bedarf der Anstrengung, der Entschlossenheit und der Tatkraft jedes einzelnen Bauern, jedes Arbeiters an dem Ort, wo er wohnt, in der Sache, die er kennt, in der Arbeit, die er seit Jahrzehnten ausübt“ (LW 24, S. 508, Hervorh. P.K.).

Ich vermag in diesen Äußerungen keinen „revolutionären Utopismus“ oder „utopischen Anarchismus“, der 1917 angeblich unter den Bolschewiki grassiert haben soll, zu entdecken. Daniels, der diese These aufstellt (60), beruft sich dabei vorzugsweise auf die im September 1917 abgefaßte Broschüre „Staat und Revolution“. Aber auch in „Staat und Revolution“, zweifellos der „linkesten“ Schrift von Lenin, fehlt nicht der Hinweis darauf, daß auch der Staat, „der aus bewaffneten Arbeitern besteht und „schon kein Staat im eigentlichen Sinne mehr‘ ist“, sich genügend Transzendentalität bewahrt haben wird, um auch die Kontrolle „über die Arbeiter, die durch den Kapitalismus tief demoralisiert worden sind“ (LW 25, S. 489), ausüben zu können.

Genau auf diese Stelle berief sich Lenin im Jahre 1918, als ihm die „linken Kommunisten“ vorwarfen, mit dem neuen, im März 1918 eingeschlagenen Kurs, der auf die Durchsetzung einer strengen Arbeitsdisziplin abzielte, die „Prinzipien des Oktober“ zu verraten. Lenin rechtfertigte diesen Kurs, der das Verbot von Versammlungen der Arbeiter während der Arbeitszeit, die Einführung des Stücklohns, die Ausstattung der Betriebsleiter mit diktatorischen Vollmachten sowie hohe Gehälter für die „bürgerlichen Spezialisten“ vorsah (vgl. „MK5„), freilich nicht mit der Schrift aus dem Jahre 1917. Er leitete ihn aus der aktuellen Situation ab. Die „rotgardistische Attacke auf das Kapital“, die Phase der spontanen und planlosen Konfiskationen, die Phase der „Versammlungsdemokratie“, hatte zu einer drastischen Senkung der Arbeitsproduktivität geführt und drohte, im allgemeinen Chaos zu enden. Maßnahmen zur Hebung der Arbeitsdisziplin waren dringend geboten. Seinen Kritikern, die bei dieser Lage der Dinge auf den „Prinzipien“ beharrten, hielt er den Satz aus „Staat und Revolution“ deshalb entgegen, um ihnen zu zeigen, daß seine theoretischen Grundsätze aus dem Jahre 1917 auch dieser Situation gewachsen waren. Er demonstrierte ihnen damit, daß die „Prinzipien“ der „Diktatur des Proletariats“ weit genug und elastisch genug waren, um auch solche Zwangsmaßnahmen gegen das Proletariat unter sich fassen zu können, die sich zur „Hebung der Disziplin der Werktätigen, ihres produktiven Könnens, ihrer Geschicklichkeit“, zur „Steigerung der Arbeitsproduktivität“ als notwendig erwiesen (LW 27, S. 259).

So verfährt Lenin überhaupt immer. Im Zweifelsfall paßt er das „Prinzip“ den praktischen Gegebenheiten an, ordnet er es den unmittelbaren Bedürfnissen der revolutionären Macht unter. Die Revolution ist nicht für die Prinzipien da, sondern die Prinzipien dienen umgekehrt der Revolution, der Herausbildung des neuen, auf das transzendentale Allgemeinwohl verpflichteten Staatsapparates – womit Lenin natürlich automatisch bei dem „Volkswillen“ der Kategorie I landet. Die Bereit-schaft, für diesen „Volkswillen“ die Verantwortung zu übernehmen, seine Interpretation in die eigene Regie zu nehmen, macht Lenins Wendigkeit und taktische Beweglichkeit aus. Seine Haltung zu den „Prinzipien des Oktober“ ist eine aktive Haltung, eine Haltung, die darauf gerichtet ist, Ergebnisse im Hier und Jetzt, im Diesseits zu erzielen, wie sie unter den gegebenen Umständen eben möglich sind. Wenn sich das Proletariat „infolge des Krieges und der Rückständigkeit Rußlands“ als unfähig erweist, „die Aufgabe der Rechnungsführung, der Kontrolle, der Organisation im Maßstab des ganzen Volkes“ rasch zu lösen (LW 27, S. 238), dann muß man eben, selbstverständlich im Namen des Proletariats, einen anderen Weg beschreiten und gegen „sehr hohe Bezahlung“ die Dienste „der bedeutendsten bürgerlichen Spezialisten“ in Anspruch nehmen (ebd. S. 239). Wenn „der russische Mensch“ aufgrund der „Überreste der Leibeigenschaft“ sich als „ein schlechter Arbeiter“ erweist, dann muß er eben das „Arbeiten lernen“, sei es auch mit den Methoden des Taylorsystems (ebd. S. 249).

Es ist dieser nüchterne Blick für die Tatsachen (dem man später mit der Metapher von der amerikanischen Sachlichkeit“ gleubte, die Ehre erweisen zu müssen), der Lenins Modernität ausmacht, der die Transzendentalität, in deren Namen er spricht, als jene diesseite Transzendentalität ausweist, die eine wichtige Errungenschaft der bürgerlichen Epoche darstellt. Im Gegensatz dazu lassen seine „linken“ Kritiker ständig die Neigung erkennen, das „Prinzip“ höher zu stellen als die schnöde Wirklichkeit. Damit wird ihre Haltung passiv. Um der Unbeflecktheit und des Glanzes der revolutionären Idee willen, scheuen sie vor notwendigen „Kompromissen“ und „Rückzugsmanövern“ zurück. Sie sind immer auf dem Sprung, sich für das „Prinzip“ zu opfern, damit hinterher das „Prinzip“, geheiligt durch das Opfer, um so heller strahle. Mit diesem Hang zur religiösen Transzendentalität berauben sie sich der Fähigkeit zur Initiative, übernehmen sie unbewußt den Part, der in der bürgerlichen Revolution den frischgebackenen Staatsbürgern zukommt, und stellen sie ihre Unfähigkeit zur politischen Führung unter Beweis.

Daniels ist zwar bereit, diesen Unterschied zwischen Lenin und der „linken Opposition“ für die Jahre 1918 und 1921 anzuerkennen, behauptet aber, daß Lenin im Jahre 1917 selbst ein solcher „Linker“, ein „utopischer Anarchist“ gewesen sei. Es kommt dann so heraus, als hielten die „Linken“ am „eigentlichen Leninismus“ des Jahres 1917 fest, als verteidigten sie den Lenin des Jahres 1917 gegen den des Jahres 1918. Diese falsche Optik speist sich natürlich aus der realpolitischen Situa-tion des Jahres 1917, aus dem, was ich den Synergismus von Massenstimmung und bolschewistischer Politik genannt habe. Es mochte in den aufwühlenden Wochen vor, während und nach dem Oktober, als jeder aus dem Heer der städtischen Armut gerne ein Bolschewik sein wollte, so erscheinen, als sei das Aufgehen in den Massen, das „Verschmelzen“ mit den Massen spezifisch „leninistisch“, die staatliche Disziplinierung der Massen aber „unleninistisch“. Wie aber die oben angeführten Zitate und viele andere Äußerungen Lenins aus dem Jahre 1917 beweisen (61), besteht keinerlei Anlaß, mit Daniels diesem Schein aufzusitzen. Lenin blieb immer der politische Führer, der mit der Massenstimmung zwar rechnete, der alles unternahm, um diese Massenstimmung anzufachen, der große Hoffnungen setzte in den Schwung, in die reinigende Kraft des Massenenthusiasmus, dem es aber nicht im Traum einfiel, den „Löffel“ an die Massen abzugeben. Eben darin zeigt sich seine Fähigkeit, zum Kristallisationspunkt eines neuen Staatsgebildes zu werden.

In dieser Hinsicht ist Anweilers Untersuchung des Bolschewismus von 1917 viel präziser als diejenige von Daniels. Bei der Darstellung der Taktik, die Lenin nach dem Kerenski-Putsch im Juli 1917 einschlug, arbeitet Anweiler klar heraus, daß Lenin keineswegs bereit war, etwa aus der Parole „Alle Macht den Räten“ einen Fetisch zu machen. Die Parole galt, solange die Räte geeignet schienen, der bolschewistischen Politik zum Durchbruch zu verhelfen, solange sie der freien bolschewistischen Agitation zumindest nicht im Wege standen; sie wurde zurückgenommen, als sich ein neues Machtzentrum außerhalb der Räte gebildet hatte, nämlich die Militärdiktatur Kerenskis, das sich ihrer zu legitimatorischen Zwecken bediente. Die Räte waren für Lenin kein Wert an und für sich. Anweiler schreibt: „Lenin steuerte auf die Machteroberung seiner Partei zu, ohne Hilfe der Sowjets und sogar gegen sie. In dem Augenblick, in dem er glaubte, auf dem Weg über die Räte nicht zur Herrschaft gelangen zu können, ließ er sie fallen. Er offenbarte damit eindeutig, daß für ihn die Räte lediglich die Bedeutung taktischer Figuren im Spiel um die Macht und nicht grundsätzlichen Wert als eine höhere demokratische Staatsform besaßen, wie er nach außen stets betonte“ (62).

Die genauere Beobachtung bedeutet freilich nicht, daß Anweiler im theoretischen Verständnis der Entwicklung weiter gelangt wäre als Daniels. Wie sich seinem säuerlichen Tonfall entnehmen läßt, ist er mit Lenins taktischem Geschick, das immerhin der Durchsetzung einer bestimmten, für notwendig erkannten Politik, nicht aber der persönlicher Herrschsucht diente, ganz und gar nicht einverstanden. Gleichsam das mechanische Gegenstück zu Daniels, beleuchtet er das Jahr 1917 von 1918 und 1921 her. Er möchte schon im Jahr 1917 jene Heimtücke ausfindig machen, mit der allein er sich die spätere Entwicklung zum rigiden staatlichen Zentralismus erklären zu können scheint. Sein demokratisches Bewußtsein ist nicht dazu in der Lage, die beiden Komponenten, aus denen der „Volkswille“ besteht, voneinander zu unterscheiden, geschweige daß er sie in ihrer inneren Bezogenheit aufeinander, in ihrer wechselseitigen Abhängigkeit voneinander zu fassen ver-möchte. Er würde sonst begreifen, daß der „Volkswille“ eine um so „transzendentalere“, eine um so „diktatorischere“ Färbung annehmen muß, je weniger das „Volk“, das er repräsentiert, einen wirklichen stofflichen Zusammenhang darstellt. Naiv im Umgang mit der bürgerlichen Kategorie des freien Willens und darauf abgerichtet, zwischen verschiedenen „Angeboten“ zu wählen, meint der Demokrat, daß man sich nur für die „richtige“ Auffassung von den Räten hätte entscheiden müssen, damit diese ihre ganze Pracht als „ein freies Spiel des spontanen Willens des Volkes“ hätten entfalten können (63). Als hätte es Lenin freigestanden, die „Räteidee“ so zu „verwirklichen“, wie es den Sprößlingen der „westlichen Demokratie“ gefallen haben würde, machen diese, die ihren Vergesellschaftungsstandard ohne theoretische Skrupel nach rückwärts projizieren, ihn für Entscheidungen verantwortlich, die letztlich von der nackten Not diktiert waren: „Aber durch den Sieg des Bolschewismus wurde zugleich die Räteidee grundlegend verwandelt: aus Organen der proletarischen Selbstverwaltung und Trägern einer radikalen Demokratie wurden die Räte in Rußland zu Organen der Massenführung durch die Elite der Partei. Die Partei als die ‚richtunggebende Kraft‘ und die Sowjets als die ‚Transmissionsriemen‘ sind etwas ganz anderes als der Gedanke der Selbstherrschaft der Massen mit seiner Beseitigung des Gegensatzes zwischen ‚oben‘ und ‚un-ten‘, wie er von Lenin 1917 in der Theorie beschrieben, agitatorisch verkündet, aber in der Praxis des Sowjetstaates niemals angewandt wurde“ (64).

Im Gegensatz zu diesem Tadel, der ganz danach klingt, als habe der böse Wille oder die „Machtbesessenheit“ Lenins den „Massen“ diesen Streich gespielt, kann man nur immer wieder betonen, daß sich Lenin angesichts der realen Gegebenheiten in dem rückständigen, vom Krieg erschöpften Land, angesichts des raschen Wechsels in den politischen Stimmungen der Massen, in den „Gezeiten ihres Vertrauens und Mißtrauens“ (65), vollkommen richtig verhielt, wenn er das Moment der staatlichen Zentralisierung, das Moment von Disziplin und Organisation betonte. Wenn die Bolschewiki sich angesichts des Zusammenbruchs des Transportwesens, angesichts des Niedergangs der Industrieproduktion und der um sich greifenden Hungersnot damit begnügt hätten, an die „proletarische Selbstverwaltung“ zu appellieren, wäre die Oktoberrevolution eine flüchtige Episode geblieben ähnlich derjenigen der Pariser Kommune.

Man darf allerdings nicht vergessen, daß Lenin während der ganzen Zeit, während er einen angemessenen Abstand zur Massenstimmung einzuhalten wußte, die politischen Vertretungsorgane der Massen mit deren unmittelbarer Herrschaft gleichsetzte. Diese seine Neigung zur Identifikation, auf die ich schon in der Einleitung hingewiesen habe, findet sich zumindest in allen theoretisch gemeinten Äußerungen Lenins. Auch auf dem erwähnten Bauernkongreß fällt einer jener Sätze über die Räte, in denen diese „Barometer der Massenstimmung“ dargestellt werden. als seien sie schon keine Staatsorgane „im eigentlichen Sinn“ mehr, „weil sie das Volk selber, die Volksmassen selber sind“ (LW 24, S.508). Von daher halte ich mich für berechtigt, sein realistisches, den anstehenden Aufgaben angemessenes, vollkommen innerhalb des bürgerlichen Rahmens der politischen Repräsentation verbleibendes Verhalten zu einer Sache seines richtigen Gespürs, seines „politischen Instinktes“ zu erklären. Der richtige Instinkt des politischen Praktikers kam der ideologischen Begrifflichkeit sozusagen dauernd in die Quere, lief mit ihr durcheinander, vermischte sich mit ihr, so daß genügend Anlässe für Mißverständnisse geschaffen wurden. Zumal jene Bolschewiki mußten sich schwertun, die weniger reichlich als Lenin mit der Gabe des Volkstribunen gesegnet waren. Dauernd liefen sie Gefahr, über dem „Buchstaben“ den „Geist des Leninismus“ zu verfehlen. Und meinten sie einmal, des „Geistes“ habhaft geworden zu sein, trat ihnen hohnlachend der „Buchstabe“ entgegen. Solche Wechselgüsse mußten sich gerade die eifrigsten seiner Schüler schon zu Lenins Lebzeiten über sich ergehen lassen, als der Kanon des „Leninismus“ noch gar nicht ausgebrütet war. Wie mußte ihnen erst zumute sein, nachdem das „Küken des Adlers“ geschlüpft war, der „immer wahre und immer siegreiche Marxismus-Leninismus“, nachdem die Politik sich endgültig verwandelt hatte in die „Anwendung“ der ewig „korrekten Linie“, hinter der sie den barbarischen Pragmatismus der nachholenden ursprünglichen Kapitalakkumulation nicht zu entdecken vermochten.

Freilich konnte auch Lenin selbst nicht restlos gefeit sein gegen die Tücken seiner eigenen „Verschmelzungsphantasien“, wenn ich die falsche Identifikation der politischen Sphäre mit den „Massen“ einmal so nennen darf. Das beste Beispiel dafür sind die beiden Jahre des Kriegskommunismus, in denen Lenin nach eigenem Zeugnis (LW 33, S. 38) und im Gegensatz zu früheren Einsichten (z.B. LW 25, S.354) allen Ernstes daran glaubte, daß ausgerechnet auf Staatsbefehl hin die bäuerliche Kleinproduktion sich würde kommunistisch organisieren lassen. Natürlich war dies eine absurde Vorstellung; denn der Staat als die allemal nur abstrakte Allgemeinheit, ist ja an ihm selbst der Ausdruck für die Privatheit oder Zusammenhanglosigkeit der Produktion. Er am allerwenigsten kann sie aufheben. Besonders galt das für das wegelose Rußland mit seinen „weltverlorenen Dörfer(n)“ (LW 25, S. 355), dessen 24 Millionen(!) primitivst ausgerüstete bäuerliche Einzel-wirtschaften (66) sinnfällig machten, daß die Zusammenhanglosigkeit der Produktion hier nicht etwa nur (oder schon) eine Sache der entfalteten Form des Privateigentums war, sondern harte, stoffliche Gegebenheit, wirklicher Mangel an Vergesellschaftung, nicht die negative Form davon.

Genau dieser Umstand taucht allerdings den „Kriegskommunismus“ in ein milderes Licht. So ungeheuerlich die vom Bürgerkrieg angestiftete Idee der Bolschewiki auch gewesen sein mag, im staatlichen Takt 24 Millionen bäuerliche Klein- und Kleinstunternehmer aus „Einsicht in das Uneinsehbare“, für nichts als die „historische Mission“ und das „Menschheitsideal“ schuften lassen und dies auch noch Kommunismus nennen zu können (67), so darf man doch nicht übersehen, daß sich hinter diesem Glauben an die Wunderkraft des Staates ein Moment der historischen Berechtigung verbirgt. Denn woher, wenn nicht von dem neugeschaffenen Repräsentativstaat her, der einzigen zentralisierenden Kraft in Rußland, sollte jener historisch überfällige Zivilisierungs- und Vergesellschaftungssschub kommen, für den seinerzeit auch die westeuropäischen Länder den (absolutistischen) Staat benötigt, ja allererst herausgebildet hatten (68)? Angesichts der unübersehbaren „zivilisatorischen Mission“, die den Bolschewiki als den neuen Herren des Landes zugefallen war, ist der Fehlgriff in das Vokabular des Kommunismus bis zu einem gewissen Grade verständlich. Man kann diesen Fehlgriff etwa dahingehend interpretieren, daß sie mit dieser anspruchsvollen Metapher das notwendigerweise verschwommene Bewußtsein von der gigantischen Größe der vor ihnen liegenden Aufgaben zum Ausdruck brachten. Vom Standpunkt dieser Aufgaben her muß man es sogar bedauern, daß die Bolschewiki, gleichsam kopfscheu geworden durch das katastrophale Ende des Kriegskommunismus, in den darauffolgenden Jahren allzu sehr die Finger vom „Kommunismus“ ließen und, um nur ja die Bauern und die „NÖP-Leute“ nicht zu verschrecken, auch innerhalb des staatlichen Sektors der Volkswirtschaft jede zielstrebige Initiative zur Erstellung und Durchführung eines Industrialisierungsplans vermissen ließen (69).

Was nun Lenin betrifft, so scheint mir die Phase des Kriegskommunismus deutlich zu zeigen, daß er selbst dort, wo er die politischen Proportionen aus den Augen verliert, wo er von jenem Tugendpfad abweicht, den die politische Konstellation des „Volkswillens“ nun einmal vorschreibt, sozusagen nach der „richtigen Seite“ hin abweicht. Die Identifikation mit den „Massen“, die das Befehlsregime des Kriegskommunismus zweifellos bedeutet hat, war bei Lenin von vollkommen anderer Art als diejenige, die jeweils die „linke Opposition“ zum Ausdruck brachte. Lenin überschätzt und überfordert die Massen, das stimmt. Aber sein Überschätzen bedeutet nicht, daß er sich damit ein Alibi für die eigene Tatenlosigkeit verschaffen würde, ein Alibi, um die Verantwortung für den Verlauf der Revolution von sich abzuwäl-zen und den Massen aufzubürden. Lenin vertraut den Massen, aber er vertraut sich ihnen nicht an, wirft sich ihnen nicht an den Hals, sondern geht im Zweifelsfalle immer davon aus, daß sie umgekehrt ihm anvertraut sind, daß sie bereit sind oder bereit sein müssen ihm zu folgen, um ans Ziel gelangen zu können. Der Kriegskommunismus war eine extreme Abweichung in diese Richtung, eine Abweichung hin zu dem Glauben, daß die Staatsraison unmittelbar auch die Raison der Massen sei, daß die Stimme des revolutionären Staates ein so großes Gewicht bei den Massen habe, ihnen soviel Vertrauen einflöße, daß sie ihr überallhin folgen würden. Von diesem moralischen Gewicht der revolutionären Staatsmacht war schon oben im Zusammenhang mit Trotzki die Rede.

Nachdem sich dieser Glaube als Irrglaube erwiesen hatte, mußte Lenin, da er seine Verantwortlichkeit nie an die Massen abgegeben hatte, keinen ideologischen Salto mortale vollbringen, um einen Wechsel der Perspektive vornehmen zu können. Die Massen waren eben doch noch nicht so weit entwickelt, sie brachten doch noch nicht so viel revolutionäres Bewußtsein auf, um in großem Umfang und unentgeltlich „im Interesse der Gesellschaft“ zu arbeiten, wie Lenin es, wenn auch mit Vorbehalt, in den „Subbotnik“-Artikeln noch gehofft hatte (z.B. LW 29, S. 421). Die bekannte Rückständigkeit Rußlands, die kleinbäuerliche Zersplitterung des Landes forderte ihren Tribut. Ohne daß man an dem mißglückten Versuch selbst Zweifel zu hegen brauchte, mußte man jetzt eben den taktischen Rückzug antreten und einen Umweg in Kauf nehmen.

Die Gewißheit, daß man unterwegs den Kompaß nicht verlieren würde, daß die Kontinuität der „revolutionären Linie“ gewahrt werden könnte, bezog Lenin aus der Machtstellung der Kommunistischen Partei, die die „Kommandohöhen“ des Staates und der Volkswirtschaft innehatte. Letztlich bezog er sie also aus der organisatorischen Identität von 100 000 bis 200 000 Menschen (70), die sich in einem Land mit 100 Millionen Bauern zum Ziel des Kommunismus bekannten und die bei der „Verwirklichung“ dieses Ziels zunächst einmal, für die kleine Etappe von einigen Generationen, die Sitte, die Gewohnheit und die Disziplin der Lohnarbeit durchzusetzen hatten. Der daraus resultierende „Sozialismus“ konnte freilich keine Angelegenheit der Produktionsverhältnisse sein, sondern nur eine der Legitimationsideologie des neuen Staatsapparates, der unter den gegebenen Umständen natürlich der Versuchung nicht widerstehen konnte, die Effektivität seiner Entwicklungsdiktatur für die „Effektivität des Sozialismus“ zu halten. Immerhin war so ein neuer Staat gemacht.

Die „linke Opposition“ (71), der unsere heutigen Demokraten als einer angeblich verpaßten Chance nachzutrauern pflegen, hatte diesem Konzept nichts entgegenzusetzen. Erstens stand sie keinen Deut über jener dualistischen Konstellation, die die politische Kategorie des „Volkswillens“ ebenso beinhaltet wie verbirgt, und zweitens hatte sie selbstverständlich auch keine anderen Produktionsverhältnisse anzubieten als die vorhandenen. Was sie auszeichnet, habe ich schon an mehr-eren Stellen anklingen lassen. Es ist der Glaube an die „Schöpferkraft der Massen“, ein Glaube, der unter den gegebenen Umständen die „Massen“ notwendigerweise in einen Mythos, in eine Phrase verwandeln mußte, mit der sich zwar renommieren und kokettieren, aber keine Politik machen ließ. Die „Massen“, an deren durchwegs nur gute und edle Beweggründe und Eigenschaften die „Linken“ appellierten, waren die Illusionen in ihrem eigenen Kopf. Bei Lenin, der den Glauben an die „Massen“ bis zu einem gewissen Grad teilt, entspricht ihm allemal ein reales, diesseitiges Substrat, nämlich die Kommunistische Partei, die „Avantgarde des Proletariats“, letztenendes seine eigene Führungsqualität. Die „Linken“ demgegenüber halten an der Ideologie von der „Masseninitiative“, vom „Vertrauen in die Massen“ gerade in jenen Augenblicken fest und treten in ihnen überhaupt erst als „Linke“ hervor, in denen es mit dem Massenenthusiasmus bergab geht, in denen er seine organisatorische Untauglichkeit unter Beweis stellt, in denen die beiden synergistischen Komponenten des „Volkswillen“ sichtbar auseinandertreten und in denen daher die Initiative des Staates um so mehr in den Vordergrund rücken muß.

Als Beispiel sei Osinskij genannt. Ausgerechnet in jener kritischen Phase des Frühjahrs 1918, in der die Betriebskomitees zugleich mit ihrer Fähigkeit zur Konfiskation der Fabriken ihre Unfähigkeit zur Organisation der Arbeit hatten überdeutlich erkennen lassen, in der der allenthaben gegeißelte „Lokalismus und Betriebsegoismus“ sich verheerend bemerkbar zu machen begann, ausgerechnet in dieser Phase hält es Osinskij für notwendig, warnend seine Stimme gegen die von Lenin vorgeschlagenen Disziplinierungsmaßnahmen zu erheben. An deren Stelle, so lautet sein fabelhafter Rat, müsse das „Vertrauen zum Klasseninstinkt, zur klassemnäßigen Eigeninitiative des Proletariats“ treten. Die Erbringung einer „angemessene(n) Produktionsleistung“ sei für den Arbeiter eine „Frage der Berufsehre und der staatsbürgerlichen Pflicht“ (72), keineswegs aber jener Antreibermethoden wie z.B. des Akkordlohns, die in der „alten Gesellschaft“ angewandt wurden und die, möchte man als Marxist hinzufügen, nun einmal logisch zum Begriff der Lohnarbeit gehören.

Noch weniger als bei Lenin findet sich hier die Spur einer Kritik des Arbeiterdaseins selbst. Sie lag außerhalb des „realpolitischen“ Horizonts der damaligen Zeit. Aber gerade das Arbeiterdasein mit dem unmittelbar darauf bezogenen Interesse ist es eben, das dem bloß affirmativ verstandenen „Klasseninteresse“ jenen transzendentalen, die realen Arbeiter nur in ihrer abstrakten Gemeinsamkeit erfassenden Charakter verleiht, der enthüllt, daß diese Kategorie (des affirmativen „Klasseninteresses“) nur dafür geeignet sein kann, das Grundgesetz und die Legitimationsideologie für den neuen Staatsapparat abzugeben.

Diese Legitimationsideologie wird von den „Linken“ nun gleichsam zweckentfremdet und aus der Sphäre der abstrakten, politischen Allgemeinheit, die sich als solche eben der abstrakten Unmittelbarkeit des Lohninteresses verdankt, schnurstracks in diese Ummittelbarkeit zurückprojiziert. Sie wird quasi zu einer Charaktereigenschaft, wenn nicht gar zu einer biologischen Eigenschaft (‚“Instinkt“) des einzelnen Arbeiters erklärt. Die kommunistische Aufhebung des Staates, eine Idee, an der die „Linken“ mit Emphase festhalten, verliert damit ihren materiellen Charakter, sie hört auf, jene praktische Umwälzung der Produktionsverhältnisse zu sein, in welcher vornehmlich die Beseitigung des Arbeiterdaseins eingeschlossen wäre, und verwandelt sich in einen bewußtseinsmäßigen Kraftakt der Arbeiter. Die Arbeiter sollen nicht aufhören, Arbeiter zu sein, sondern aufhören, sich als Arbeiter zu betragen. An die Stelle des unmittelbaren Lohninteresses, das mit dem Arbeiterdasein gesetzt ist, soll unmittelbar das „Klasseninteresse“, sprich Staastsinteresse treten. Nicht um der unmittelbaren Affirmation willen, die der Lohn darstellt, sondern um der transzendentalen Affirmation willen, die die Erhebung zum Staatsbürger darstellt, um der Idee ihrer Herrschaft willen sollen sie arbeiten. Der Staat soll verschwinden, nicht weil seine Grundlage, die Ware Arbeitskraft verschwindet, sondern weil er von jedem Arbeiter verinnerlicht werden soll, weil er in jeden Arbeiter hineinfahren soll, wie einstmals der Heilige Geist in die Jünger Jesu hineingefahren ist. Es wird erwartet, daß die Arbeiter um des veränderten oder sich verändernden Rechtssystems willen, das sie erst wirklich zu Arbeitern im modernen Sinn machen wird, nun gerne, freiwillig und mit Inbrunst geben, was sie bisher gleichgültig, störrisch, widerwillig und nur aus Interesse am Lohn gegeben haben: ihre Arbeitskraft. Das Ethos der „Linken“ verlangt, daß man Arbeiter sei aus Überzeugung und Verantwortungsbewußtsein (73).

Diese Zumutung, die übrigens ihre Berechtigung hat, soweit sie und solange sie dazu geeignet ist, die bekannte, für die Revolution erforderliche Massenstimmung anzufachen, solange sie es versteht, sich mit dieser Massenstimmung im Einklang zu befinden, diese Zumutung erreicht ihren Gipfel und ihren klarsten Ausdruck dort, wo zum Appell an die Staatsbürgerehre und die Klassenpflicht auch noch das Lob der in der Fabrik erworbenen Disziplin, das Lob des Opfermutes, der Selbstverleugnung und Leidensfähigkeit tritt. Die Entbehrungen und Beschränkungen, die mit der Unsicherheit der Arbeiterexistenz verbunden sind, Merkmale des Arbeiterdaseins, die in der Tat ein gemeinsames Klasseninteresse konstituieren, nämlich das Interesse, es sich vom Hals zu schaffen, werden dabei wie zum Hohn auf den Kopf gestellt und den Arbeitern zugesprochen, als handele es sich dabei um die Leistungen und Fähigkeiten einer neuen Adelskaste.

Selbstverständlich bedient sich auch Lenin dieses ‚revolutionären Pathos‘. Aber er macht daraus, wie oben gezeigt, keinen Fetisch, keinen Mythos, den er eigensinnig gegen die Wirklichkeit festhalten würde, sondern ist jederzeit dazu bereit, das nach seiner Einschätzung notwendige, etwa die „angemessene Produktionsleistung“, mit allen wirksamen Mitteln durchzusetzen, auch mit Zwang, auch mit Sonderprämien.

Vielleicht noch penetranter als Osinskij stimmt Alexandra Kollontai im Jahre 1921, als wirklich gar nichts mehr funktionierte, als jedes Leben in den Fabriken erloschen war und das ganze Land in der Apathie des Hungers versank, das Lied von der „Eigeninitiative der Massen“ an. „Statt des Bürokratismus als System“ fordert sie „das System der Eigeninitiative der werktätigen Massen (74). Insbesondere der „Klassenspürsinn“ (S. 184) und der „gesunde Klasseninstinkt“ (S. 194) des Proletariats haben es ihr angetan. Sie klagt die Parteiführung unter Lenin und Trotzki „einer Anwandlung mangelnden Vertrauens in die schöpferischen Fähigkeiten der Arbeitskollektive“ an (S. 195) und bringt damit richtig die Krise des Kriegskommunismus auf den Punkt einer Glaubenskrise der Bolschewiki: „…aber wenn die Masse spürt, daß man ihr und ihrer schöpferischen Fähigkeit als Klasse mißtrauisch begegnet, dann sagt sie natürlich: Nein, halt! Wir folgen euch nicht weiter blindlings“ (S. 199). Das Universalmittel der „Arbeiteropposition“, für die Kollontai spricht, heißt demnach, inbrünstig zu glauben „an die schöpferische Kraft des Klassenkollektivs“ (S. 223). Den Rest wird dieses Kollektiv, unwissend, erschöpft und hungrig wie es ist (vgl. dazu Lenins Beiträge in der Gewerkschaftsdebatte und auf dem X. Parteitag ), schon selbst erledigen. Isaac Deutscher hat in diesem Zusammenhang sehr treffend von dem „donquichotischen Geist der Arbeiteropposition“ gesprochen (75).

Freilich sollte man angesichts des spöttischen Tons, den ich hier anschlage, „die hochgestimmten, utopischen Träumer“ (ebd.) nicht für Dummköpfe halten. Praktisch sind ihre Ratschläge in der gegebenen Situation wertlos, aber die Diagnose die sie stellen, daß ohne das Selbertun der Massen von Kommunismus nicht die Rede sein könne, trifft natürlich zu. So spricht Kollontai immerhin diejenige Wahrheit über die bolschewistische Herrschaft aus, die allerdings von jedem Staat gilt: „Indem sie sich mit dem Sowjet- und Staatsapparat identifiziert, verwandelt sich die klare Klassenpolitik unserer Partei immer mehr in jene über den Klassen stehende Politik, die nichts anderes ist als die ‚Anpassung‘ der führenden Organe an die verschiedenartigen und widersprüchlichen Interessen der sozial verschiedenartigen, ge-mischten Bevölkerung“ (S. 197).

„‚Allgemeinstaatliche` Erwägungen beginnen gegenüber den Interessen der Arbeiterklasse in den Vordergrund zu treten“ (S. 232). Diese Wahrheit, die den Bolschewiki durchaus zur Ehre gereicht (denn ohne solche „Erwägungen“ wäre das Proletariat verhungert) und die es nicht verdient, in Anführungszeichen gesetzt zu werden, da es nun einmal der Begriff des Staates ist, abstrakte Allgemeinheit zu sein (76), verbargen die Bolschewiki in den folgenden Jahren leider vor sich selbst und brachten damit -indem sie die Opfer des Proletariats ständig für seine Siege ausgeben zu müssen meinten- jenen bekannten Klang der Heuchelei, der Demagogie und des Betrugs in das öffentliche Leben, den sie bei der Aufbauarbeit, die sie leisteten, keineswegs nötig gehabt hätten.

Wenn wir abschließend noch die Frage beantworten wollen, welche Stellung die „linke Opposition“ innerhalb des dualistischen Gefüges unseres „Volkswillens“ einnimmt, so werden wir wohl sagen können, daß sie eine Art politisches Echo, einen Nachhall darstellt auf die „heroische Phase“ der Oktoberrevolution, in der die Wogen des Massenenthusiasmus ihre größte Mächtigkeit erreicht hatten. Sie ist gleichsam der (dogmatisch erstarrte) ideologische Abdruck, den die Massenstim-mung innerhalb der politischen Sphäre hinterlassen hat. Auf diese Weise hat sich die Doppelnatur des Volkswillens, wenn sie schon nicht als solche begriffen werden konnte, wenigstens insofern Anerkennung verschafft, als sie sich hinter dem Rücken der seinerzeitigen Protagonisten in deren mehr oder weniger deutlich ausgeprägten politischen Spaltung bemerkbar machte. Die politische Sphäre reproduzierte gleichsam in sich selbst, was das Wesen der Politik überhaupt ausmacht. Und fast will es so scheinen, als würde diese dichotomische Struktur des politischen Himmelszeltes sich bis heute erhalten haben, als würden die beiden feindlichen Brüder (in welcher verfremdeten Gestalt auch immer) auch heute noch bei jeder sich bietenden Gelegenheit den alten Streit wieder aufnehmen, wer denn der bessere Volksfreund sei, wer den Massen näher stehe, wer ihre wahren Interessen besser kenne und wer sich ihrer erfolgreicher annehme.

Aber die matten Gesten und die zahmen Rituale, in denen inzwischen dieser Streit ausgefochten wird, zeugen eigentlich schon davon, daß dies ein unfruchtbarer Streit geworden ist. Für unsere kommunistischen Zwecke kommt es bei dem heute erreichten Vergesellschaftungsniveau nicht mehr darauf an, wer im politischen Himmel herrscht, sondern darauf, ihn zum Einsturz zu bringen. Die „linke Opposition“ von 1921 verrät ihre historische Unwahrheit eben darin, daß sie selber nur in politischer Form repräsentieren konnte, was, wäre es an der Zeit gewesen, die Form der Politik selbst überflüssig und obsolet gemacht haben würde.

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Anmerkungen

(1.) „Der menschewistische Augenzeuge Th. Dan, der Anfang Februar 1921 nach Petrograd kam, berichtet: ‚In den Fabriken und Werken brodelte es, Arbeiter versammelten sich, um die Lage zu diskutieren. Ihre Forderungen konzentrierten sich weitgehend auf die Abschaffung der Sperrkommandos und die Aufhebung aller Beschränkungen des freien Lebensmittelmarktes. Die Arbeiter ließen bolschewistische Redner in den Fabriken nicht zu Wort kommen; auf der Straße wurden bolschewistische Funktionäre aus ihrem Auto geworfen und mit Prügeln bedroht. Bis zum 20. Februar war die Bewegung zu einem Generalstreik herangewachsen`“ (Lorenz 1981, S.119).

(2.) Diese Äußerung Lenins aus dem Frühjahr 1918 steht in einem gewissen Gegensatz zu den Ausführungen, die er in der Gewerkschaftsdebatte des Winters 1920/21 macht, wo er den Gewerkschaften auch die Funktion zuweist, die Arbeiter vor „ihrem“ Staat und seinen „bürokratischen Auswüchsen“ zu schützen (LW 32, S. 7). Der Gegensatz ist aber nicht so absolut, wie es scheinen könnte. Die Gewerkschaften hören für Lenin 1921 nicht auf, „Staatsorganisationen“ zu „werden“, er bemüht sich nur, die Vielfältigkeit der mit diesem „Werden“ verbundenen Funktionen, wie sie die gegebene Situation mit sich bringt, hervorzuheben. Dabei verwendet er das berühmt gewordene Bild vom Wasserglas, das als Trinkgefäß, Wurfgeschoß, Briefbeschwerer etc. verwendet werden könne. Vgl. LW 32, S. 84. (3.) Der Armeekommissar Smilga, zit. nach Anweiler 1958, S. 287.

(4.) Angesichts der absehbaren katastrophalen Folgen der Lebensmittelrequisitionen, die bei den Bauern „stumpfe Unempfindlichkeit“ und das Versiegen jedes „wirtschaftlichen“ Interesses am Ackerbau hervorgerufen hatten, machte Trotzki bereits im Februar 1920 Vorschläge, die in die Richtung der NÖP gingen. Er drang damit aber bei Lenin und dem Zentralkomitee nicht durch. Deutscher schreibt, daß er sich bei dieser Gelegenheit „auf die Seite der herrschenden Meinung schlug und sich zu ihr nun mit einem Eifer bekannte, den selbst die Toren für primitiv hielten“ (Deutscher I, S. 467).

(5.) Deutscher I, S. 468

(6.) ebd.

(7.) ebd. S. 469

(8.) ebd.

(9.) Wie die folgende Passage aus Lenins Abschlußrede auf dem IX. Parteitag zeigt, teilte er diese Naivität: „Wir vollziehen den Übergang zum Sozialismus, und die wesentlichste Frage -die Frage Brot, Arbeit- ist keine private Frage, nicht Privatsache eines Unternehmers, sondern eine Frage der gesamten Gesellschaft, wo jeder halbwegs denkende Bauer erkennen und begreifen muß: Wenn der Staat in seiner gesamten Presse, in jedem Artikel, in jeder Zeitung die Frage des Verkehrswesens aufwirft, so ist das eine Frage der Allgemeinheit“ (LW 30, S. 481)!

(10.) Daniels, S. 136

(11.) Daniels, S. 137. Ganz gewiß ist dies nicht der Punkt, der den Unterschied zwischen Trotzki und Stalin markiert hätte. Der Unterschied besteht vielmehr darin, daß Stalin diese Position konsequent bezog und das moralische Gewicht der Sowjetmacht für jede seiner Entscheidungen, sie mochten so pragmatisch und sprunghaft sein, wie sie wollten, in Anspruch zu nehmen verstand. Trotzki besaß zu viele intelektuelle Skrupel, um diese moralisierende Sprache mit der gleichen Beharrlichkeit und Meisterschaft machtpolitisch instrumentalisieren und zu einem in sich geschlossenen System der ideologischen Legitimation ausbauen zu können.

(12.) LW 33, S. 34. Vgl. weiter unten, S. „‚.

(13.) Vgl. meine in MK 4, S. 15 und S. 27 (Anmerkung 15), zu diesem Thema gemachten Ausführungen.

(14.) LW 25, S. 466: „Für sich genommen wird kein Demokratismus den Sozialismus bringen.“ Diese scheinbar im Widerspruch zu meiner Ansicht stehende Stelle muß man im Zusammenhang mit Lenins innerhalb der Rechtsform verbleibenden Auffassung von „Ökonomie“ sehen. Danach ist der Rechtsakt der „Enteignung“ eines Kapitalisten durch den „sozialistischen Staat“ eine „ökonomische“ Maßnahme. Einen umfassenden Begriff von Ökonomie im Sinne von kapitalistischen Produktionsverhältnissen, die den Gegensatz von (Wert- und Rechts-)Form und Inhalt (stoffliche Vergesellschaftung) in sich schlössen, besaß Lenin nicht.

(15.) Da der Faschismus ja ebenfalls eine Form der „Affirmation der Massen“ war, und zwar die konsequentere, innerhalb der Verkehrsform des Privateigentums wirkungsvollere, weil unter der Losung der „Volkseinheit“ und der „Volksgemeinschaft“ auf die „spalterische“ Ideologie des „Klassenkampfs“ Verzicht leistende und sie bekämpfende Form, mußte er natürlich bei diesem ideologischen „Sozialismus“ Anleihen machen. Teilweise (nicht in Deutschland) bediente er sich sogar aus dem personellen Arsenal des Sozialismus. Mussolini in Italien und Doriot in Frankreich sind dafür prominente Beispiele. Vgl. Nolte, S. 117

(16.) Anweiler 1967, S. 18. Aus dieser treffenden Kennzeichnung sollte man aber nicht den Schluß ziehen, daß Bauer etwa ein früher Vertreter der von mir hier vorgetragenen Auffassung war. Die Qualifizierung der Oktoberrevolution als „bürgerlich“ leitet er ab aus der von ihr bewirkten Verwandlung der Bauern in selbständige Warenproduzenten. Die NÖP von 1921, die diesen Tatbestand ausdrücklich anerkennt, dient ihm denn auch ebenso als Probe auf seine Ansicht wie er sich, veranlaßt durch den ersten Fünfjahresplan und die Stalinsche Kollektivierung der Landwirtschaft. seit 1931 dazu herbeiläßt. diese zu ändern und der SU zu attestieren, daß sie „zum ersten Mal in der Weltgeschichte den Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus konkret in Angriff nahm“ (Saage. S. 105).

(17.) Dieser mehr oder weniger ausdrückliche Appell an das staatsbürgerliche Engagement. die Aufforderung „mitzumachen“ und aus Dankbarkeit für die Segnungen der Demokratie einen entsprechenden Staatsidealismus an den Tag zu legen, findet man heute am ehesten noch in jenen Staaten, in deren jüngster Geschichte die „identitäre Illusion“ eine nennenswerte Rolle gespielt hat. Die neuere angloamerikanische Demokratietheorie verzichtet demgegenüber ganz darauf, die Staatsform der modernen Massendemokratie als einen emotional besetzten „Wert“ oder als ein „Ideal“ darzustellen. Vgl. unten, Anmerkung (56).

(18.) Daß Stalin diese in der Situation liegende Logik späterhin umkehrte und den Umstand, daß es gelungen war, die Macht zu erhalten, als Beweis für den Sozialismus der SU benützte, steht auf einem anderen Blatt.

(19.) Diese Parallele zwischen der „Beschränktheit der Produktivkräfte“ und der „Borniertheit“ der alten Arbeiterbewegung wird ausdrücklich thematisiert in dem Artikel „Technik als Fetischbegriff“ von E. Lohoff (MK 3, S. 30 ff.).

(20.) Ausdrücklich in diesem Sinn Lenin auf dem IX. Parteitag: „Die Herrschaft des Proletariats äußert sich darin, daß man das Eigentum der Gutsbesitzer und Kapitalisten konfisziert hat… Unsere Verfassung hat das Recht, in die Geschichte einzugehen, sie hat sich dieses Recht erworben, weil die Aufhebung des Privateigentums nicht nur auf dem Papier geblieben ist. Das siegreiche Proletariat hat das Privateigentum abgeschafft und endgültig beseitigt. Darin eben kommt die Herrschaft der Klasse zum Ausdruck“ (LW 30, S. 448).

(21.) „Die Fragen der Teilnahme der Soldaten an der Miliz ist die Grundfrage der Umerziehung der ‚Soldaten‘ zu Staatsbürgern und Milizionären, der Umerziehung der Bevölkerung aus Spießern zu bewaffneten Bürgern. Die Demokratie bleibt eine leere und verlogene Phrase oder eine halbe Maßregel, wenn nicht das ganze Volk sofort und unbedingt die Möglichkeit erhält, den Waffengebrauch zu erlernen“ (LW 24, S. 383). Diese Sätze stehen in einem Artikel mit der bezeichnenden Überschrift „Ein trauriges Abweichen vom Demokratismus“.

(22.) Diese unübertroffen naive und offenherzige Manifestation des bürgerlichen Glaubens an die Zahl, die unmittelbar als solche wie ein Argument behandelt wird, liegt vollkommen auf der Linie der Demokraten seit den Zeiten Rousseaus und der Jakobiner. Sie atmet den Geist Robespierres, von dem der berühmte Satz stammt: „Jede Institution, die nicht davon ausgeht, das das Volk gut und die Behörden verderbt sind, ist schädlich“ (zit. nach Fraenkel 1973, S. 384).

Es zeigt sich daran, daß die in der „bürgerlichen“ Theorie gängige Gewohnheit, den Marxismus als konsequenten „Rousseauismus“ zu behandeln, zwar, wie ich meine, Marx unrecht tut, aber doch von einem gewissen, sehr weit verbreiteten „Marxismus“ ihre Berechtigung erhält. Die sogenannte Linke, die auch heute noch von dieser Denkweise nicht lassen kann, muß den empörenden Zustand, daß sie sich in der unzweideutigen Minderheit befindet, dadurch sich erträglich machen, daß sie ihn für das Werk finsterer Mächte des Betrugs und der Manipulation erklärt. Offensichtlich muß sie den Stab über die kapitalistische Gesellschaft deswegen brechen, weil in ihr der gute Wille, die lautere Absicht, die unbestechliche Liebe zur Wahrheit und zur Gerechtigkeit, mit einem Wort: die Moral vermeintlich keine Chance hat. Der moralisch weniger penetrante Teil dieser Linken, der, seine entsprechenden Bedenken zurückstellend, via SPD in das „harte politische Geschäft“ eingestiegen ist, tat dies mit der Maßgabe, daß man „dem Kapital“ wenn schon keine Niederlage, so doch moralische Skrupel beibringen müsse. Wieder andere, die die Moral selbst als den „Betrug“ entdeckt haben (MG), verhelfen ihr dadurch zu ihrem Recht, daß sie in der Rolle streng logisch argumentierender Moralverächter mit dafür umso größerem Missionarseifer an das allerunmittelbarste Lohninteresse der Proleten appellieren. Jeder Hinweis auf die Vermitteltheit dieses unmittelbaren Interesses versetzt sie in Panik, weil er zu gesamtgesellschaftlichen Fragestellungen hinführt, deren anscheinend nur im Namen der Moral mögliche Beantwortung das heilige Lohninteresse „relativieren“ könnte.

(23.) Anweiler 1958, S. 137.

(24.) ebd. S. 133.

(25.) „Abgesehen von der Ausschaltung der nichtbolschewistischen Parteien aus den Sowjets… verloren die Räte in den Jahren des Bürgerkrieges auch sonst ihren Charakter als breite Massenorganisation. Schon vor der bolschewistischen Machteroberung im Oktober 1917 hatte sich die eigentliche politische Entscheidungsgewalt weitgehend in das Exekutivkomitee verlagert, während dem Plenum des Sowjets nur die Zustimmung oder Ablehnung vorbereiteter Resolutionen und die Entscheidung in den grundsätzlichen Fragen überlassen blieb. In der Folgezeit setzte sich diese Konzentration weiter fort…“ (Anweiler 1958, S. 297).

(26.) Als Beispiel kann das schon früher erwähnte (MK 4, S. 26) Titulieren der Offiziere mit „Exzellenz, Wohlgeboren usw.“ dienen, das den russischen Soldaten offenbar so sehr auf den Nägeln brannte und für sie von so großer Bedeutung war, daß seine Abschaffung als gesonderter Punkt in den unmittelbar nach dem Februarumsturz erlassenen „Befehl Nr.1 des Petersburger Sowjets“ aufgenommen wurde -neben dem anderen Punkt, der vorsah, den zaristischen Offizieren die Kontrolle über „alle Arten von Waffen“ zu entziehen. Vgl Hellmann 1984, S. 134.

Tatsächlich ist aber das gesamte politische Leben der modernen Gesellschaft dieses Beispiel. Beim Blick in die tägliche Zeitung stößt man laufend auf Meldungen wie etwa die folgende: „Aus Protest gegen die von der Bundesregierung geplante Streichung der Zuschüsse für ambulante Patientenfahrten wollen die bundesdeutschen Taxiunternehmen morgen eine Stunde lang ’streiken`“ (Nürnberger Nachrichten vom 9.2.88, S. 1). Eine Reform wie die des Gesundheitswesens, die im Interesse des Gesamtsysstems der kapitalistischen Warenproduktion (= abstraktes Allgemeininteresse) unerläßlich ist, wird also von dem entsprechenden „Volk“ jeweils unter dem Gesichtspunkt seines unmittelbaren „wertkonstituierten“ Daseins (=abstrakt unmittelbares Interesse) wahrgenommen. „Der demokratische Staat ist stets ein Kompromißgebilde“ (Hermann Broch).

(27.) Bei Lenin scheint dieser gleiche Gedanke auf, wenn er in „Staat und Revolution“ schreibt: „Die modernen Lohnsklaven bleiben infolge der Bedingungen der kapitalistischen Ausbeutung so von Not und Elend bedrückt, daß ihnen ’nicht nach Demokratie‘, ’nicht nach Politik‘ der Sinn steht, so daß bei dem gewöhnlichen, friedlichen Gang der Ereignisse die Mehrheit der Bevölkerung von der Teilnahme am öffentlichen und politischen Leben ausgeschlossen ist“ ( LW 25, S. 474).

Dieser vollkommen richtige Gedanke wird von Lenin aber um die entscheidende Dimension des Wertverhältnisses gestutzt. Lediglich „Not und Elend“ macht er dafür verantwortlich,

daß den Massen „nicht nach Politik“ zumute ist. Die mit der Wertform der Produktion gesetzte Konstellation, die in der Kategorie des Arbeiters als solchen erscheint ebenso wie in der des „politischen Lebens“, muß ihm auf dem damaligen Niveau der kapitalistischen Entwicklung entgehen.

(28.) Hier befindet sich übrigens der Ort, an dem der moderne, angeblich der bürgerlichen Rationalität fremde Irrationalismus, wie er im Faschismus „geschichtsmächtig“ geworden ist, wo er also seine Vernunft und Notwendigkeit innerhalb des Wertverhältnisses besitzt.

(29.) Dies ist nebenbei gesagt die frappierend einfache Erklärung für die von den Ideologen der „westlichen“ Demokratie beklagte Tatsache, daß die „Werte“ der Demokratie (wie der Wert überhaupt) es partout nicht vermögen, den Arbeitern „in Fleisch und Blut überzugehen“. Mit dieser Bemerkung beziehe ich mich auf Max Horkheimer, der 1933 angesichts des in Europa übermächtig gewordenen Faschismus den folgenden Seufzer ausstieß: „Die Zahl der Länder, in denen noch nicht alle Werte, die auf Steigerung des Glücks der Individuen gehen, verpönt sind, verringert sich immer mehr; es zeigt sich, daß der Zeitraum, in dem die bürgerliche Welt Moral erzeugte, zu kurz gewesen ist, um der Allgemeinheit in Fleisch und Blut überzugehen“ (Max Horkheimer, Materialismus und Moral, in: Zeitschrift für Sozial-forschung, Jahrgang 2 1933, München 1980 (dtv reprint), S. 190).

(30.) Nach Trotkis Angabe repräsentierte der Ende Juli 1917 zusammengetretene Vl. Parteitag der Bolschewiki 176 750 Parteimitglieder (Trotzki 1982, S. 658). Lenin geht in dem mit dem Datum vom 1.Okt. 1917 versehenen Artikel „Werden die Bolschewiki die Staatsmacht behaupten?“ von 240 000 Mitgliedern aus (LW 26, S. 95).

(31.) Anweiler 1958, S. 222.

(32.) Trotzki 1982, S. 656.

(33.) Ähnlich bereits Otto Bauer in einem an Kautsky gerichteten Brief vom 4.1.18 (zit. bei Saage 1987, S. 88).

(34.) Wie virulent diese Gefahr während der ersten Jahrhunderthälfte nicht nur in Rußland war, sondern in allen Ländern, in denen die Affirmation der Massen unter dem Signum der „Praxis“, der „Aktion“, der „Tat“ betrieben wurde, davon legt die notorische Intellektuellenfeindlichkeit jener Zeit Zeugnis ab. Unter Stalin wurden Intelektuelle, sobald sie sich in der Abweichung vom staatlichen Jubelkurs als solche zu erkennen gaben, als“bürgerlich“ oder „kleinbürgerlich“ denunziert; in Deutschland verfielen sie dem Verdikt, „Juden“ zu sein oder von dem „zersetzenden jüdischen Denken angekränkelt“ zu sein. Reichlich Belege finden sich bei: Dietz Bering, Die Intellektuellen, Berlin, Wien 1982 (Ullstein 39031). Das Buch hat als eine wenn auch fleißige, aber nur unter linguistischem Aspekt erfolgte Sammlung von Zitaten übrigens keinen theoretischen Wert.

(35.) „Marxismus-Leninismus – eine einheitliche internationale Lehre“ ist der Titel eines 1968 in Moskau erschienenen Sammelbandes (zit. bei Medwedjew 1979, S. 216). Solche und ähnlich verkrampfte Formulierungen bezeugen, welche Bedeutung der Besitz einer „einheitlichen Weltanschauung“ bis in die jüngste Vergangenheit für das Selbstverständnis des sowjetischen Staates besaß.

Dem bekannten Einwand, daß Rußland aufgrund seiner Rückständigkeit „für den Sozialismus noch nicht reif“ sei, begegnet Stalin in einem am 9. Mai 1925 in Moskau gehaltenen Referat zunächst mit dem obligatorischen Lenin-Zitat, um danach folgendermaßen fortzufahren: „Andernfalls hätte es ja keinen Sinn gehabt, im Oktober die Macht zu ergreifen und die Oktoberrevolution durchzuführen. Denn wenn die Möglichkeit und die Notwendigkeit der Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft aus diesen oder jenen Erwägungen ausgeschlossen wird, so verliert damit auch die Oktoberrevolution ihren Sinn. Wer die Möglichkeit der Errichtung des Sozialismus in einem Land leugnet, der muß auch zwangsläufig die Rechtmäßigkeit der Oktoberrevolution leugnen. Und umgekehrt: Wer nicht an den Oktober glaubt, der kann auch die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus unter den Verhältnissen der kapitalistischen Umkreisung nicht anerkennen. Es besteht ein enger und unmittelbarer Zusammenhang zwischen dem Unglauben an den Oktober und der Nichtanerkennung der sozialistischen Möglichkeiten in unserem Lande…“ (zit. in Altrichter 1986, S. 87).

(36.) Diese seit dem Sommer 1918 ihr Haupt erhebende Konterrevolution wurde nicht nur von zaristischen Generälen geführt, sie war auch ihrer ganzen politischen und sozialen Substanz nach zaristisch. Keinesfalls darf man sich die Vorstellung machen, es habe sich darum gehandelt, die russische Revolution von ihrer „sozialistischen Etappe“ auf die „bürgerlich-demokratische Etappe“ zurückzuzerren. Die Lage der Bolschewiki wäre wahrscheinlich aussichtslos gewesen, wenn die „Weißen“ (wie die Konterrevolutionäre genannt wurden) auch nur einen Funken bürgerlich-demokratischen Verstandes besessen hätten, wenn sie nur wenigstens die Sprache der Massenaffirmation beherrscht hätten, mit welcher die westeuropäische Konterrevolution, beginnend 1919 in Italien, so eindrucksvolle Erfolge zu erzielen vermochte. Ich zitiere Victor Serge, der die entscheidenden Niederlagen, die die Generäle Judenitsch, Denikin und Koltschak im Oktober und November 1919 an drei verschiedenen Abschnitten der Bürgerkriegsfront erlitten, folgendermaßen kommentiert: „Die Weißen bezahlten mit ihrer Niederlage zwei kapitale Irrtümer: daß sie nicht den Verstand und den Mut gehabt hatten, in den der Revolution abgewonnenen Gebieten eine Agrarreform durchzuführen, und daß sie überall die alte Dreieinigkeit der Generäle, der hohen Geistlichkeit und der Großgrundbesitzer wieder zur Macht gebracht hatten“ (Serge, 1977, S. 112).

(37.) Vgl. die Resolution des „Zentralkomittees der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (Menschewiki)“ vom Oktober 1918, zit. bei Anweiler 1958, S. 294. Sie bewirkte, daß die Menschewiki nach ihrem im Juni 1918 erfolgten Ausschluß am 30. November 1918 wieder offiziell zu den Räten zugelassen wurden (vgl. Altrichter 1986, S. 70). Freilich „blieb die Partei auch weiterhin nur halb geduldet und ständigen willkürlichen Eingriffen durch die Bolschewiki ausgesetzt. Sie hielt aber an ihrem Kurs einer legalen Opposition fest und versuchte die Einheitsfront mit den Bolschewiki nach außen mit einer Kritik im Innern zu verbinden“ (Anweiler 1958, S. 294).

(38.) Anweiler 1958, S. 295.

(39.) Deutscher 1, S. 472: „Hätten die Bolschewiki jetzt freie Wahlen zugelassen, so würden sie fast mit Sicherheit aus ihrer Machtstellung hinweggefegt worden sein.“

(40.) Lenin kennzeichnet die Situation nach dem Bürgerkrieg gelegentlich mit den Worten, daß mit dem Stillstand der „Fabriken und Werke“ „das Proletariat verschwunden“ sei (LW 33, S. 46) und außerhalb der Kommunistischen Partei nur noch Elemente existierten, „die

durch Deklassierung am meisten geschwächt sind und den menschewistischen und anarchistischen Schwankungen am stärksten unterliegen“ (LW 33, S. 7).

(41.) Altrichter 1981, S. 60.

(42.) Die beiden Menschiwiki Martov und Dan, die am 7. (Dezember 1919) und B. Allrussischen Sowjetkongreß (Dezember 1920) mit beratender Stimme teilnahmen, berichten von der „leblosen Atmosphäre“ und dem „Paradecharakter“ dieser Kongresse, den letzten übrigens, zu denen oppositionelle Deputierte (neben den erwähnten Menschiwiki handelte es sich um einige Sozialrevolutionäre, Anarchisten und Maximalisten) zugelassen waren (zit. in Anweiler 1958, S. 295). Insofern kann man von den Räten also immer noch als von einem „Stimmungsbarometer“ sprechen, das Barometer steht allerdings auf Null.

Vgl. auch das Zeugnis eines bolschewistischen Führers: „Die Sowjet-Plenarversammlungen als politische Organisationen siechen oft dahin, die Leute beschäftigen sich mit rein technischen Arbeiten … Die allgemeinen Sowjetversammlungen finden selten statt, und wenn sich die Deputierten zusammenfinden, dann nur, um einen Bericht entgegenzunehmen, eine Rede anzuhören usw.“ (Kamenew auf dem 7. Allrussischen Sowjetkongreß, zit. in: Anweiler 1958, S. 297).

(43.) „In allen Arbeiten über diese Komitees wird für gewöhnlich der Gedanke ventiliert, daß gerade mit ihrer Schaffung ‚die Übertragung der sozialistischen Revolution von der Stadt aufs Land‘ verbunden sei; daß auf dem Land ‚die sozialistische Revolution mit dem Sommer 1918 begonnen habe‘, usw. Diese These ist äußerst strittig. Es entspricht den Tatsachen, daß die Komitees der Dorfarmut die Sowjetmacht in den Städten unterstützt und den ‚Geist eines heftigen Klassenkampfes‘ ins Dorf hineingetragen haben. Aber die ärmsten Bauern waren ja im Gegensatz zum Proletariat gar nicht Träger der sozialistischen Ideen und konnten es nicht sein … Wurde die Oktoberrevolution von der Vernichtung der Gutsherrschaft begleitet, so die Gründung der Komitees der Dorfarmut im russischen Dorf mit Blick auf die Vernichtung der Kulaken-, das heißt der Großbauernwirtschaft. Nur diese erste ‚Entkulakisierung‘ in unserer Geschichte wurde nicht von der Errichtung großer Kollektivwirtschaften begleitet, sondern hat zur Schaffung einer Menge neuer kleiner und mittlerer Landwirtschaftsbetriebe geführt. Die neue Landaufteilung nahm enorme Maßstäbe an – den reichen Bauern wurden von 80 Millionen Hektar etwa 50 Millionen abgenommen“ (Medwedjew, S. 206f.).

Nach Lorenz „entwickelte sich fast die Hälfte der ärmeren Bauern zu Mittelbauern, die nun mit 60 Prozent die Mehrheit im Dorfe bildeten“ (Lorenz 1981, S. 108). „Die Komitees der Dorfarmut neigten allerdings immer mehr dazu, beschlagnahmte Vorräte im Dorf zu behalten, statt sie an die hungernden Städte abzugeben. Auf die Dauer war mit ihrer Hilfe das Versorgungsproblem nicht zu lösen … Daher löste man die Komitees der Dorfarmut Ende 1918 auf…“ (ebd.).

Bleibt noch zu erwähnen, daß die von Medwedjew oben referierte Position, mit den Komitees der Dorfarmut sei die „sozialistische Revolution von der Stadt aufs Land“ übertragen worden, fast wörtlich so von Lenin in seiner gegen Kautsky gerichteten Schrift vertreten wird (vgl. LW 28, S.300, S. 304 etc.).

(44.) „Die Politik der Requisition und Konfiszierung rief von allen Seiten einen organischen Protest, und das Verbieten des Handels einen allgemeinen Ungehorsam hervor. Ein Mensch, der beschlossen hätte, sich den kommunistischen Dekreten zu fügen, wäre ein paar Wochen nach seinem Entschluß Hungers gestorben: denn ‚legal‘ war außer dem bekannten Achtel zweifelhaften Brotes und einem Teller Brühe aus fauligen Kartoffeln nichts aufzutreiben. Das ganze Land, einschließlich der Kommunisten selbst, lebte gegen die kommunistischen Dekrete, ganz Rußland ’spekulierte‘, und es ist natürlich, daß man offizielle Gründe, ‚jeden Bürger zu bestrafen, soviel man wollte‘, finden konnte“ (der nicht-bolschewistische Autor Ustrjalow, den aber laut Medwedjew „Lenin als einen ziemlich objektiven Menschen kannte und schätzte“, in seinem 1925 erschienen Buch „Unter dem Zeichen der Revolution“, zit. bei Medwedjew, S. 191).

(45.) Lorenz 1981, S. 108

(46.) Auf das seinerzeit (während des Kriegskommunismus) von Lenin vorgetragene Argument, daß das staatliche Getreidehandelsmonopol die Versorgung der Bevölkerung immerhin zur Hälfte gewährleiste und also notwendig sei, antwortet Medwedjew:

„Allzu überzeugend ist diese Folgerung freilich nicht. Dieselbe Ration hätte man doch durch eine einfache Naturalsteuer, wie 1921/22 geschehen, gewährleisten können. Aber dann wäre es nicht nötig gewesen, Kontroll-, Wege- oder Lebensmitteleintreibungs-Abteilungen oder eine Menge anderer Abteilungen und Organisationen zu gründen. Zudem hätten Arbeiter und Angestellte auch die zweite Hälfte des für sie nötigen Lebensmittelminimums nicht zu zehnmal, sondern bloß fünfmal höheren Preisen erhalten können und ohne das Risiko, plötzlich im Konzentrationslager, das ohnehin mit ‚Hamsterern‘ und ‚Spekulanten‘ überfüllt war, zu landen“ (Medwedjew, S. 179).

Für seine These, daß Millionen kleiner Hamsterer unrationeller handelten, als es legale Großhändler getan hätten, kann Medwedjew sogar einen (unfreiwilligen) bolschewistischen Zeitzeugen anführen: „Es ist nicht verwunderlich, daß sogar in einem Büchlein des aktiven Narkomprod-Mitglieds N.A. Orlow (Narkomprod = Volkskomitee für Versorgung), das seit 1919 mit dem Ziel herausgegeben wurde, die Politik des Narkomprod und das Getreidemonopol zu rechtfertigen; in einem Buch, in dem der Autor die Hamsterer als ‚Gauner‘, ‚Spekulanten‘, ‚menschlichen Staub‘ bezeichnet, der unerwartete Ausruf zu lesen steht, daß sich mit dem verbotenen privaten Handel besser ‚hundert große Haie befaßt hätten…, die bis zu einem gewissen Grad vor einer Handelsethik, hauptsächlich aber von einer wirklichen wirtschaftlichen Effektivität geleitet worden wären'“ (ebd. S. 180).

(47.) Über die Dorfsowjets am Ende des Bürgerkriegs schreibt Altrichter: „Wo die Dorfräte noch existierten, war der Anteil der Kommunisten verschwindend gering und der Anteil ’sowjetfremder Elemente‘ groß. Doch das Dorf brauchte sie, weil sie lesen und schreiben konnten oder weil sie über Besitz verfügten und den unbezahlten Vorsitz im Dorfrat neben ihrer Arbeit noch übernehmen konnten“ (Altrichter, 1981, S. 60).

(48.) Seit dem Ende des 19.Jahrhunderts fingen auch die konservativen, der Demokratie (worunter oft Liberalismus und Sozialismus gleichermaßen verstanden wurde) feindlich gesonnenen Kräfte damit an, mit den Massen zu rechnen. Als Beispiel kann der Berliner Hofprediger Stoecker dienen, der in den achtziger Jahren eine konservative, städtische Massenpartei gründen wollte, mit seinem Vorhaben aber von Bismarck bzw. Wilhelm II. gestoppt wurde. Das Buhlen um die Gunst sei es auch monarchistischer Massen empfanden die Herren aus altem adligen Geblüt offenbar als eine bei ihrer Machtfülle überflüssige, bei ihrem Stand unziemliche Anstrengung (vgl. Rosenberg, S. 118).

(49.) In diesem Zusammenhang ist das von Lenin auf dem X. Parteitag durchgesetzte Fraktionsverbot zu sehen.

(50.) „Die von Lenins Partei regierte Nation war ihrer Auflösung nahe. Die materiellen Grundlagen ihrer Existenz waren zerstört. Es genügt, sich daran zu erinnern, daß das Volkseinkommen Rußlands am Ende des Bürgerkriegs nur ein Drittel seines Einkommens im Jahre 1913 betrug, daß die Industrie weniger als ein Fünftel der vor dem Krieg hergestellten Güter erzeugte, daß die Kohlenförderung weniger als ein Zehntel und die Eisengewinnung nur ein Vierzigstel der Normalproduktion erreichten, daß die Eisenbahnen zerstört waren, daß alle Vorräte und Reserven, ohne die keine Wirtschaft bestehen kann, völlig erschöpft waren, daß der Güteraustausch zwischen Stadt und Land zum Erliegen gekommen war, daß sich Rußlands Städte, große und kleine, so entvölkerten, daß im Jahre 1921 Moskau nur die Hälfte und Petrograd nur ein Drittel ihrer früheren Einwohnerschaft zählten und daß die Bevölkerung der beiden Hauptstädte seit vielen Monaten von Hundert Gramm Brot und ein paar gefrorenen Kartoffeln am Tag lebte und ihre Möbel zum Heizen benutzte, – und wir werden uns eine Vorstellung von der Situation bilden können, in der sich die Nation im vierten Jahr der Revolution befand“ (Deutscher II, S. 18).

(51.) Daß es auch mit dieser Fähigkeit bei den russischen Revolutionären nicht zum besten stand, zeigt das folgende lebensgefährliche Erlebnis, von dem John Reed, amerikanischer Journalist und Sympathisant der Oktoberrevolution, in seinem Buch „Zehn Tage, die die Welt erschütterten“ berichtet. Am 13. November 1917 mit einer Gruppe von Rotarmisten unterwegs an die Kerenski-Front, wird sein Wagen von einer Patrouille des örtlichen revolutionären Komitees angehalten. Da sein Ausweis, der vom revolutionären Stab im Smolny ausgestellt wurde, anders aussieht als die Papiere der Rotgardisten, muß er aussteigen: „Um den Streit zu beenden, kletterte ich schließlich von dem Wagen herunter. Er fuhr weiter, und die Genossen winkten mir zu, bis ich sie nicht mehr sehen konnte. Die Soldaten berie-ten eine Weile miteinander und führten mich dann zu einer Mauer, an die sie mich stellten – und plötzlich begriff ich: Sie wollten mich erschießen!

In allen drei Richtungen war kein Mensch zu sehen. Nur ein dünner Rauchfaden, der von dem Schornstein eines alleinstehenden Holzhauses aufstieg, zeugte von Lebewesen. Es mochte ein halber Kilometer bis dahin sein, den Weg hinunter. Die beiden Soldaten gingen ein Stück in den Weg hinein. Ich lief verzweifelt hinter ihnen her.

„Aber Genossen! Seht doch! Hier ist der Stempel des Revolutionären Militärkomitees!“ Sie starrten dumm auf meinen Ausweis und blickten dann einander an.

„Er ist nicht wie die anderen, Bruder“, sagte der eine eigensinnig. „Wir können nicht lesen.“ Zit. nach Kohn (Hg.), S. 369ff.

Erst im Regimentskomitee, zu dem er schließlich gebracht wird, ist die Gefahr endgültig gebannt. Der Vorsitzende des Komitees ist dazu in der Lage festzustellen, daß es sich bei Reed um einen „amerikanischen Genossen“ handelt.

(52.) Was das Potential an Fachkräften betrifft, macht Lorenz für das Jahr 1928 für Rußland folgende Angaben: „Während in den westeuropäischen Staaten der Anteil des technischen Personals an der Zahl aller in der Industrie beschäftigten Personen im Durchschnitt bei 10-15 Prozent lag, betrug er in der Sowjetunion nur 1-2 Prozent, bei Ingenieuren sogar nur 0,62 Prozent. In der ganzen Sowjetunion arbeiteten im Jahre 1928 nur 24 200 Techniker und Ingenieure mit Spezialausbildung, darunter 250-260 ausländische Kräfte“ (Lorenz 1981, S. 169).

(53.) Reichlich Material findet sich beispielsweise bei Einig 1980, S. 94 ff.

(54.) wie zur Bestätigung meiner These hat gerade rechtzeitig für die Reinschrift dieses Manuskripts ein Veteran der alten Arbeiterbewegung seine Stimme in ihrem Sinn erhoben. In allen Zeitungen waren die Sätze abgedruckt, die der Präsident des PEN-Zentrums der DDR, der siebzigjährige Heinz Kamnitzer, aus Anlaß der im Januar 1988 erfolgten Störung der alljährlichen Liebknecht/Luxemburg-Prozession der SED fand: „Was da geschah, ist verwerflich wie eine Gotteslästerung. Keine Kirche könnte hinnehmen, wenn man eine Prozession zur Erinnerung an einen katholischen Kardinal oder protestantischen Bischof entwürdigt. Ebensowenig kann man uns zumuten, sich damit abzufinden, wenn jemand das Gedenken an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht absichtlich stört und schändet“ (zit. nach „Arbeiterkampf“ Nr.291 vom 8.2.88, S. 42).

Wenn die unwissenden, rechtlosen und niedergedrückten, noch mit dem ländlichen Leben verbundenen Arbeiter des letzten Jahrhunderts ihre Führer (wie etwa Lassalle) wie Heilige verehrten, so mag das beim heutigen Betrachter Rührung hervorrufen, im Jahr 1988 kann man ein so hohles und abgestandenes Pathos nur noch mit Kopfschütteln und innerem Grauen zur Kenntnis nehmen.

(55.) Das Wort von der „Manipulation“ scheint mir auf jene Epoche der ersten Jahrhunderthälfte weitaus besser zu passen als auf die heutige Zeit, wo es zum längst leerlaufenden Jargon der sogenannten Linken geworden ist.

(56.) Sehr deutlich spiegelt sich diese Entwicklung in der neueren, von Schumpeter ihren Ausgang nehmenden Demokratietheorie wider, die dahin gelangt ist, Traktate „Zur Verteidigung der Apathie“ hervorzubringen. Man kann die von Morris Jones vertretene Ansicht, daß die politische Abstinenz eine „vorteilhafte Wirkung auf die Atmosphäre des politischen Lebens“ habe, als treffenden Ausdruck dafür nehmen, daß „die Bourgeoisie“ inzwischen reich und reif und ein wenig blasiert geworden ist (zit. bei Finley 1980, S. 8).

Unwillkürlich fällt einem zu dieser Entwicklung die in unserer Vätergeneration verbreitete Phrase ein, daß in seiner Jugend jeder mal ein „Revolutionär“ oder ein „Idealist“ gewesen sein sollte, von einem gewissen Alter an aber zum „Realismus“ oder zur „Vernunft“ gekommen sein müsse. Wenn man sich die Enkel anschaut so haben sie in einer bequem-„sinnlosen“ Welt selbst diesen flüchtigen Gefühlsaufwand nicht mehr nötig. Hinsichtlich ihrer Begeisterungsfähigkeit scheint diese „coole Generation“ mit dem Reifegrad des Greisenalters an den Start gehen zu wollen. Freilich, mit der naiven Begeisterung von ehedem wird der Krise des Werts auch ganz gewiß nicht beizukommen sein.

(57.) Vgl. Anmerkung (27).

(58.) Nebenbei gesagt hat diese psychologische Sichtweise auch noch den Vorzug, daß dadurch auf eine für sie allerdings unerwartete Weise auch noch jene „Leninisten“ recht bekommen, die sich seinerzeit darauf kapriziert hatten, in Lenin den guten, das „proletarische Denken und Fühlen“ tief erfassenden Vater zu sehen, der besser als seine Kinder weiß, was für sie von Nutzen ist.

(59.) LW 33, S. 38. Die Stelle lautet im Zusammenhang: „Wir, die wir von der Welle des Enthusiasmus getragen waren, die wir den Volksenthusiasmus -zunächst den allgemeinen politischen, sodann den militärischen- geweckt hatten, wir rechneten darauf, daß wir auf Grund dieses Enthusiasmus auch die ebenso großen ( wie die allgemeinen politischen und militärischen) ökonomischen Aufgaben unmittelbar lösen würden. Wir rechneten darauf – vielleicht wäre es richtiger zu sagen: Wir nahmen an, ohne genügend zu rechnen-, daß wir durch unmittelbare Befehle des proletarischen Staates die staatliche Produktion und die staatliche Verteilung der Güter in einem kleinbäuerlichen Land kommunistisch regeln könnten. Das Leben hat unseren Fehler gezeigt.“

Das Pathos der Aufopferung und der Hingabe an die abstrakte Allgemeinheit, die der frischgebackene Repräsentativstaat sich anschickt zu werden, findet sich übrigens in allen bürgerlichen Revolutionen. Es ist für sie ebenso charakteristisch wie es bei den heutigen Nachfahren dieser Revolutionen, die um ihre vermeintlich „reiche Subjektivität“ fürchten, in Mißkredit geraten ist. So reich ist diese „Subjektivität“ nicht, daß sie sich einschließlich ihrer Entstehungsgeschichte selbst zu begreifen vermöchte.

(60.) Daniels, S. 72/73.

(61.) Ich verweise auf die schon ausgiebig zitierte Schrift „Die drohende Katastrophe und wie man sie bekämpfen kann“ sowie auf den im Oktober 1917 erschienen Artikel „Werden die Bolschewiki die Staatsmacht behaupten?“. Ich zitiere:

„Rußland wurde nach der Revolution des Jahres 1905 von 130 000 Gutsbesitzern regiert, und zwar mittels endloser Vergewaltigung und Drangsalierung von 150 Millionen Menschen, deren ungeheure Mehrzahl zu Zuchthausarbeit und einem Hungerdasein gezwungen wurde. Und da sollen 240 000 Mitglieder der Partei der Bolschewiki nicht imstande sein. Rußland zu regieren, es im Interesse der Armen und gegen die Reichen zu regieren“ (LW 26, S. 95)!

(62.) Anweiler 1958, S. 213 f.

(63.) ebd. S.292. Ich halte mich für berechtigt, diese Formulierung, die von der Sozialrevolutionärin Spiridonova stammt (Sommer 1918), Anweiler in den Mund zu legen. Wenn er sie auch mit einer gewissen Distanz zitiert, ist seine Sympathie dafür doch unverkennbar.

(64.) ebd. S. 303.

(65.) Medwedjew, S. 184.

(66.) Diese Zersplitterung war das Resultat des halbjährigen Wirkens der famosen „Komitees der Dorfarmut“, die die Bolschewiki unter der Vorstellung, damit „den Sozialismus aufs Land“ zu tragen, im Sommer 1918 ins Leben gerufen hatten. Saage gibt an, daß die Zahl der „primitiv wirtschaftenden bäuerlichen Zwergbetriebe“ in dem Zeitraum „von 1917 bis 1927 von 16. Millionen auf 26. Millionen“ angestiegen sei (Saage. S. 104).

(67.) Faktisch handelte es sich wegen der Okkupation weiter Landstriche durch die Konterrevolution um eine weit geringere Anzahl. Medwedjew, der die Versorgungslage der kleineren Städte mit ihrer engen Beziehung zum Umland günstig beurteilt, schätzt auch die Zahl der staatlich zu versorgenden Stadtbevölkerung relativ niedrig ein. Bei einer Stadtbevölkerung von insgesamt 28,5 Millionen Menschen (18 Prozent der Bevölkerung) geht er davon aus, daß „der Stadtbevölkerung der Nicht-Schwarzerdezone -das waren kaum mehr als 10 Millionen Menschen- die Hauptsorge der Regierung“ galt (Medwedjew, S.160).

(68.) „Aber zugleich konnte nur ein Staatswesen einen solchen Modernisierungsschub zustande bringen, das willens und fähig war, sich in den Dienst eines Selbstbehauptungswillens zu stellen, der alle Kräfte des Landes zu mobilisieren entschlossen war“ Kunisch, S. 109). Diesen auf das absolutistische Preußen Friedrichs II.gemünzten Satz könnte man ebensogut zur Charakterisierung des bolschewistischen Staates verwenden.

(69.) Vgl. die „Industrialisierungsdebatte“ der zwanziger Jahre, in der sich Trotzki zunächst nicht durchsetzen konnte, um dann von 1929 an vom Exil aus mitansehen zu müssen, wie seine Vorschläge, nachdem die WIrklichkeit ihre Unabweisbarkeit bewiesen hatte, hektisch und überstürzt verwirklicht wurden.

(70.) Lenin bemerkt gelegentlich, daß nach einer ernsthaften Parteireinigung etwa diese Anzahl von „echten Kommunisten“ übrigbleiben werde. Vgl. LW 29, S. 421.

(71.) Ich subsumiere unter diese Kategorie lediglich die „linken Kommunisten“ des Jahres 1918, die „Arbeiteropposition“ des Jahres 1920/21 und ähnliche Gruppen wie etwa die „Demokratischen Zentralisten“. Trotzki, der in den zwanziger Jahren das Etikett eines „Linken“ trug, klammere ich aus dieser Kategorie aus.

(72.) Osinskji, S. 110.

(73.) In dieser Hinsicht werden die „linken Kommunisten“ von Stalin vollkommen beerbt. Von Stalin ist das Wort überliefert, daß sich in Rußland die Arbeit aus Zwang und Fron „in eine Sache der Ehre und Würde, des Ruhmes und Heldentums“ verwandelt habe (zit. nach Heinisch, S. 252).

(74.) Kollontai, S. 239. Die nachfolgenden Seitenangaben beziehen sich auf diesen Text.

(75.) Deutscher I, S. 476.

(76.) Vgl. Otto Bauer: „Der Arbeiter konnte den Bauern, der Bauer den Arbeiter nicht niederzwingen: auf der Basis dieses Gleichgewichts der Klassenkräfte wurde die Diktatur zu einer über den Klassen stehenden Macht, die den Bauern die Ablieferung ihrer Überschüsse an die Stadt und den Arbeiter disziplinierte, intensivierte Produktion für die Bedürfnisse des Dorfes aufzwingen mußte“ (zit. bei Saage, S. 104).

Die von Bauer bemühte „über den Klassen stehende Macht“, die seit dem 19. Jahrhundert unter dem Namen „Bonapartismus“ ein zwielichtiges, nicht mit dem Kapitalbegriff vermitteltes Leben innerhalb der marxistischen Diskussion führt, scheint mir übrigens den Begriff des modernen Staates überhaupt auszumachen. Wenn man sich von dem in der Linken eingefahrenen Soziologismus freimacht und die „Klassen“ als wertkonstituierte Funktionen innerhalb des einen Kapitalverhältnisses begeift, die sich als solche nicht antagonistisch, sondern konkurrierend zueinander verhalten, dann ergibt es sich von selbst, daß sie zum Austragen ihres Konkurrenzkampfes eines gemeinsamen Mediums bedürfen. das mit keiner dieser partikularen Funktionen unmittelbar zusammenfallen kann. Man wird dann finden, daß der „Bonapartismus“ nicht etwa einen „Sonderfall“, sondern die „Regel“ bei der Verwaltung des kapitalistischen Gemeinwesens darstellt, eine „Regel“ freilich, die nicht von Anfang an fertig war, sondern sich im Konkurrenzkampf zwischen „Kapital“ und „Arbeit“ und seiner äußeren Form, dem Konkurrenzkampf der Nationalstaaten, nach und nach vervollkommnete. Zur Zeit seiner beiden Namensgeber (Napoleon I. und III.), als die „Klassen“ noch unterschiedlich berechtigte Stände waren, war der Bonapartismus nur erst die „Andeutung“ auf das „Höhre“, das ihm folgen sollte. Von wirklicher Allgemeinheit konnte erst die Rede sein, nachdem die Entfaltung der Rechtsform alle Bürger gleichermaßen staatsunmittelbar gemacht hatte, nachdem also die Abstraktion des Wertes sich der ganzen (Welt-)Gesellschaft bemächtigt hatte, und Freiheit und Gleichheit zu den „natürlichen“ Voraussetzungen des Alltagsdenkens geworden waren.

Der Linken war der immanente, „bürgerliche“ Charakter des „reinen“ und „ökonomistischen“ Arbeiterinteresses übrigens von jeher bewußt. Lenin selbst ist der beste Beleg dafür. Nur wurde diese Immanenz nicht historisch, sondern mit den Denkformen der Zeit betrachtet. Sie erschien dann nicht mehr als der (zu analysierende) historische Spielraum.der der Arbeiterkategorie selbst noch innerhalb der kapitalistischen Vergesellschaftung zur Verfügung stand, sondern gleichsam nur wie eine bewußtseinsmäßige Schranke, über die hinaus revolutionärer Wille und Anstrengung, nämlich Agitation und Propaganda, die Arbeiterklasse zu treiben hatte. Dieses Hinaus war bekanntlich die Politik und die als ein „politisches System“ oder eine „politische Verfassung“ mißverstandene „Diktatur des Proletariats“. Das andere und gründlichere Hinaus, das das Kapitalverhältnis an ihm selbst darstellt, geriet über dieser Anstrengung aus dem Blick. Der Katzenjammer, der diese politikasternde Linke überkam, nachdem es die Politik endlich dahin gebracht hatte, ihrem Begriff als einer allgemeinen Staatsbürgerschaft zu entsprechen, die das Anprangern der täglichen „Ungleichheit“ und „Ungerechtigkeit“ selbständig zu betreiben verstand, war somit vorprogrammiert.

Diese Gedankenfolge ist hier natürlich nur kurz und daher schwer verständlich angedeutet, ihre Ausarbeitung bleibt einer anderen Gelegenheit vorbehalten.