31.12.1990  Beitrag drucken

Die Wissenschaftsfabrik entlässt ihre Kinder

Technokratische Massenuniversität und neue Studentenbewegung

Norbert Trenkle

1.

Als es im Wintersemester 88/89 zum Unmutsaubruch an den bundesdeutschen Universitäten und Fachhochschulen kam, stießen die Studenten auf allgemeines Verständnis, sowohl in der Presse, als auch bei der großen Mehrheit der Bevölkerung. Das lag nicht nur daran, daß das enorme Anwachsen der Studentenzahlen in den letzten 20 Jahren dem verbreiteten Volksvorurteil über die süßen Privilegien des akademischen Nachwuchses die Grundlage entzogen hat, sondern vor allem an dem, gegenüber den Protesten ihrer Elterngeneration, völlig anderen Charakter der Bewegung. Keine Spur mehr vom Bürgerschreck, der die Welt umkrempeln möchte, kein Ho-Ho-Ho-Chi-Minh, keine Transparente mit den Köpfen der „Klassiker“ des Kommunismus und kein Angriff auf verklemmte Sexualvorstellungen.

Sie hätten es auch schwer gehabt, damit zu provozieren, die Aktivisten von 1988, in einer Zeit, wo die Köpfe eben jener „Klassiker“ reihenweise durchs öffentliche Bewußtsein rollen, die Symbolgestalten von damals bestenfalls noch Mitleid erregen und pornographische Zeitschriften eine höhere Auflage vorweisen, als alle evangelischen und katholischen Gemeindeblättchen gemeinsam. Aber Provokation war auch nicht ihr Anliegen. Sehr viel bescheidener als ihre Vorgängerin, konzentrierte sich die 88er Bewegung auf weit unmittelbarere Fragen. Dies verlieh ihr auch die Massenwirksamkeit, die allen Beteiligten den Atem verschlug, war aber auf der anderen Seite auch der Grund dafür, daß sie innerhalb weniger Wochen in sich zusammensackte, wie ein Luftballon, der einer heißen Stecknadel zu nahe gekommen ist.

Soweit eine Politisierung im eigentlichen Sinne stattfand, machte sie sich meist unmittelbar an der Kritik der Studieninhalte oder der Organisation des Wissenschaftsapparates fest. Alles was darüber hätte hinausgehen können, jeder Versuch einen gesellschaftskritischen Gesamtentwurf zu formulieren, stieß dagegen auf geradezu abgrundtiefes Mißtrauen und galt – ganz im positivistischen Sinne – als „Ideologie“, die man zwar als private Meinung haben dürfe, aber eben nicht diskutieren könne. Es herrschte eine fast schon hysterische Angst davor, die Bewegung könnte sich in ideologichen Grabenkämpfen auseinanderdividieren, wie seinerzeit ihre Vorläuferin seligen Angedenkens. So verständlich diese – allerdings ziemlich unreflektierte – Angst vor einer Neuinszenierung des Sektentheaters der 70er Jahre auch ist, vor lauter demonstrativem Verzicht auf jegliche grundsätzliche Reflexion die das Wortbeitragslimit von 2 Minuten gesprengt hätte, kam es den meisten Akteuren nicht einmal in den Sinn, daß sie hier je selbst nur wieder einer Ideologie aufsaßen, und zwar der herrschenden Ideologie der Ideologiefreiheit. Die Unbefangenheit, mit der dieser längst senil gewordene, bewußtlose Zirkelschluß des bürgerlichen Denkens – das Erkenntnis als das wahllose Anhäufen von „positiven“ Fakten versteht, ganz analog zur blinden Akkumulation von abstrakter, „toter“ Arbeit – stolz proklamiert wurde, als sei er gerade frisch aus der Taufe gehoben, ist schon frappierend und zeugt von der Geschichtslosigkeit des positivistischen Denkens selbst.

„Wir haben jetzt eine ganz große Freiheit, und vielleicht ist das unser Theoriegerüst“, verkündet eine Studentenaktivistin stolz in der TAZ (12.12.88), und: „Es gibt sehr viele Motive, es ist keine Linie erkennbar, und das ist auch gut so! Und davon sind wir begeistert, weil das antiautoritär ist“, ergänzt ihre Kommilitonin. Daß diese „große Freiheit“ nicht viel mehr ist, als die große Unverbindlichkeit und die absolute Ratlosigkeit, zeigte sich nicht nur an der thematischen Beliebigkeit der „autonomen Seminare“, die völlig unverbunden nebeneinander herliefen, sondern auch an deren Kurzlebigkeit. Der Positivismus ist eben kein „Theoriegerüst“, sondern die Negation jeglicher Theorie. Die Quintessenz seiner „Erkenntnistheorie“ ist, jegliches Denkens in Zusammenhängen in die Sphäre des Glaubens zu verweisen und es so es dem „freien Spiel der Meinungen“ auf dem Tummelplatz des abstrakten Pluralismus zu übereignen.

Trotzdem, indem sie nicht wieder auf die abgestandenen Ideologien der alten „Neuen Linken“ zurückgriff, stellte die „neue Studentenbewegung“ auch einen Fortschritt gegenüber jener dar. Ihr Pluralismus erlaubte ihr ganz pragmatisch einen Trennungsstrich zwischen den unmittelbaren praktisch-materiellen Forderungen nach zusätzlichen Planstellen etc. einerseits und der Auseinandersetzung mit den Studieninhalten andererseits zu ziehen. Sie mußte ihre materiellen Forderungen nicht ideologisch verkleiden, in die Parolen der alten Arbeiterbewegung verpacken, sondern konnte diese offen als solche formulieren. Ebenso stand die inhaltliche Arbeit nicht unter dem Zwang, die „Praxis“ beständig legitimieren zu müssen, sondern konnte sich auf die jeweiligen Gegenstände der Untersuchung selbst einlassen, ohne die Ergebnisse schon vorweg durch irgendwelche angeblichen Erfordernisse der Tagespolitik verzerren zu müssen. Auch die wieder aufgegriffenen Forderungen ihrer Elterngeneration, nach „Demokratisierung der Hochschulen“ und „Studienreform“ kamen dementsprechend ganz ohne zusätzlichen ideologischen Zuckerguß daher. Sie galten nicht mehr als Vehikel für die umfassende Umwälzung der Gesellschaft, die von der „befreiten Zone“ Universität ihren Ausgang nehmen sollte, sondern begnügten sich mit sich selbst. Eine längerfristige Begeisterung wurde ihnen damit aber nicht zuteil, denn ihre relative Zugkraft in den 70er Jahren verdankten jene Forderungen nicht zuletzt der ideologischen Überhöhung, die ihnen die revolutionären Weihen verlieh. Das nüchterne Eingeständnis eines Minimalanspruches wirkt nicht mobilisierend, allerdings ist es im ganz unmittelbaren Sinne realistischer und ist damit potentiell einer kritischen Reflexion an sich selbst fähig.

Wenn die Forderungen nach einer „Demokratisierung der Hochschulen“ aber so schnell versandeten, so liegt das natürlich auch daran, daß sie bereits eine ganze Geschichte hinter sich haben und keinesfalls ungehört verhallt sind. Vielmehr haben sie die Entwicklung des Hochschulwesens entscheidend geprägt, und das nicht erst seit 68. Mit dem letzten Impuls vor zwanzig Jahren, sind sie aber endgültig an ihre Grenzen gestoßen, auch wenn die akademisch gesettelten und inzwischen leicht nostalgischen Veteranen von anno damals immer noch nicht begriffen haben, daß die hehren demokratischen Ideale sich in der Wirklichkeit als ziemlich erbärmlich erweisen. Es ist mehr als peinlich naiv, wenn etwa Oskar Negt gegenüber der bitteren Realität, immer noch die Einlösung eben jener Ideale fordert:

„Was vor 20 Jahren begonnen wurde, ist Fragment, unvollendetes Projekt geblieben. Heute aktueller denn je: Die Demokratisierung der Hochschulen, ein Stück Selbstverwirklichung der in ihnen Arbeitenden, also auch der Studenten, Aktivierung der Mitbestimmungsforderungen auf allen Ebenen.“ (FR, 19.1.89)

Tatsächlich aber sind die Universitäten demokratischer denn je. Sie sind sogar gewissermaßen zu einem Lehrstück in Sachen Demokratie geworden, allerdings nicht in dem phantastischen Sinne irgendwelcher Idealdemokraten. Vielmehr entpuppt sich die Demokratie als technisch ausgefeilter Abstimmungs- und Verwaltungsformalismus, jenseits wirklich gestaltenden Zugriffs auf den grundsätzlichen Verlauf der Entwicklung. Dies mußten auch jene Aktivisten und Aktivistinnen bald schmerzhaft zu spüren bekommen, die, Oskar Negt beim Wort nehmend, ihre ganze Energie auf die Ausarbeitung hochkomplizierter Entscheidungs- und Mitbestimmungsmodelle konzentrierten – bis hin zur Einberufung einer „verfassungsgebenden Versammlung“ an der Universität Erlangen/Nürnberg – nur um dann festzustellen, daß sich nach kürzester Zeit leider niemand mehr für Ergebnisse ihrer Arbeit interessierte.

Nicht viel besser erging es jenen, die es sich zum Ziel setzten, die „uneingelösten Versprechen“ der Studienreform zu retten. Auch sie mußten sehr schnell merken, daß die Grenzen der „Reformierbarkeit“ längst erreicht sind. Wenn die Universitäten heute im wesentlichen dem Horrorbild entsprechen, gegen das sich die Proteste der 68er Studenten richteten – der technokratischen, durchfunktionalisierten Wissenschafts- und Denkfabrik, hochspezialisiert und keinesfalls gesellschaftskritisch – so liegt das nicht daran, daß die Reform „gescheitert“, „verhindert“ oder auf halbem Weg stecken geblieben wäre. Die unerbittliche Realität ist über die abstrakten Phrasen des „selbstbestimmten“ Forschens und Lernens hinweggerollt und jegliche Illusionen über die Universität als Oase der kritischen Reflexion sind von der ratternden Betriebsamkeit der heiß laufenden Verwertungsmaschinerie kläglich übertönt worden. Die Universitäten sind in den letzten 20 Jahren tatsächlich gründlich reformiert worden. Der alte Ordinarienmuff von 1000 Jahren ist einer großen Entlüftungsaktion zum Opfer gefallen, weil er den Erfordernissen der Zeit in keinster Weise mehr entsprach. Der Stand der Vergesellschaftung, die vollständige stoffliche Vernetzung, die auf die Spitze getriebene Zergliederung des gesellschaftlichen Arbeitsprozesses, weisen der Wissenschaft einen sehr viel umfassenderen Stellenwert zu, als sie ihn selbst bis in die 60er Jahre hinein hatte. Sie ist längst nicht mehr nur nützlicher Gehilfe einzelner stark technisierter Produktionszweige, sondern durchdringt alle Lebensbereiche, ist für das Funktionieren des Gesamtzusammenhanges unerläßlich und in einem ganz unmittelbaren Sinne stoffliche Produktivkraft. Wenn die Bedeutung der Wissenschaft aber so enorm gestiegen ist, kann auch der Hochschulbetrieb nicht abseits des Gesellschaftszusammenhanges ein geruhsames Leben führen und sich auf selbstgefällige Reflexion und die Ausbildung einer Führungselite beschränken, sondern wird selbst zu einem Rad im Getriebe der allgemeinen Maschinerie, deren mörderischen Rhythmus er sich nun nicht mehr entziehen kann. Er gerät zur Lebensgrundlage in der allgemeinen Rüpelei um die Weltmarktanteile, muß laufend rasch verwertbare Ergebnisse ausspucken und im Fließbandbetrieb funktiontüchtige Fachkräfte produzieren.

2.

Die wirkliche Dimension dieser Entwicklung kann ein Blick auf die Geschichte der Hochschulen verdeutlichen. Allein schon die Studentenzahlen sprechen für sich: Im Jahr 1869, beispielsweise, gab es lediglich 17.954 Studenten an allen deutschen Universitäten, Technischen Hochschulen und Akademien zusammen. Bis 1912 hatte sich diese Zahl bereits auf 56.483 erhöht, um sich schon knapp 10 Jahre später zu verdoppeln (1919/20: 120.300); ein Niveau, auf dem sie sich dann allerdings – mit teils deutlichen Schwankungen – bis Anfang der 50er Jahre bewegte. Der eigentliche Schub setzte dann in den 50ern ein, mit exponentiellen Zuwachsraten in den 70er und 80er Jahren. Er ließ die Studentenzahlen auf 1,5 Millionen im Jahr 1988 anschwellen 1.

Diese Zahlen können als Indikator für die zunehmende Bedeutung der wissenschaftlichen Forschung und Ausbildung für den gesellschaftlichen Prozeß gelten; parallel dazu wandelten sich aber auch Charakter und innere Struktur des Hochschulwesens. Im 19. Jahrhundert, zumindest bis in die 60er Jahre hinein, dienten die Universitäten in erster Linie der Ausbildung von leitenden Beamten für den Staatsapparat und anderen Funktionsträgern im Reproduktionsbereich, wie Ärzten, Juristen, Theologen und, nicht zuletzt, von Gymnasiallehrern. Die Naturwissenschaften waren innerhalb der Philosophischen Fakultät angesiedelt und produzierten – mit Ausnahme der Chemie, die den Aufschwung der chemischen Industrie seit etwa 1860 in Deutschland ermöglichte – wenig direkt verwertbares Wissen, während die technischen Hochschulen noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts um ihre Anerkennung als Universitäten zu kämpfen hatten (vgl. Prahl 1978, S. 242).

Dieser Orientierung an den Geisteswissenschaften entsprach auch der Charaker der Ausbildung. Zwar hatte das Prüfungswesen gegenüber den vergangenen Jahrhunderten (wo eine Mehrzahl der, größtenteils aus Adels- oder Patrizierfamilien stammenden, Studenten gar keine Abschlußprüfung absolvierte) an Bedeutung gewonnen, weil die Examina zur Berufsvoraussetzung wurden, doch stand das Fachwissen im engeren Sinne nicht im Mittelpunkt der Ausbildung. Das berufsrelevante Wissen wurde größtenteils in der Praxis selbst erlernt, wogegen den Universitäten eher die Aufgabe zufiel, einen allgemeinen Bildungshintergrund zu verschaffen. Dies war wichtiger Bestandteil einer Vorbereitung auf die privilegierte gesellschaftliche Position, die neben fachlichen Kenntnissen auch ein starkes Maß an Repräsentationsfähigkeit und ständischer Identifikation erforderte.

Die Universitäten waren also nicht nur Stätten der Berufsausbildung, sondern zentraler Ort quasiständischer Sozialisation einer zahlenmäßig winzigen gesellschaftlichen Elite. Der zukünftige Beruf prägte entscheidend das eigene Selbstverständnis, man definierte sich darüber, und das galt nicht nur für die Beamten des Obrigkeitsstaates, sondern ebenso für die neu entstehende Schicht technischer Intelligenz:

„Die Ingenieure, Physiker, Chemiker oder Techniker, die Juristen, Volkswirte oder Geographen, die im Industriebetrieb tätig wurden, betrachteten sich als Vertreter einer bestimmten Wissenschaft und mithin als Träger des wissenschaftlichen Fortschritts. Als Angestellte gehörten sie zu einer im gesellschaftlichen Gefüge aufstrebenden Gesellschaftsschicht, die sich deutlich vom alten Mittelstand und von der aufkommenden Arbeiterschaft absetzte.“ (Prahl 1978, S. 274; Hervorheb. N.T.).

Diese „Vorbereitung auf die gesellschaftliche Position“ hatte jedoch nicht den unmittelbar instrumentellen Charakter heutiger Fachausbildung. Sie war nur relativ lose an den gesellschaftlichen Prozeß gekoppelt und beließ relativ große Freiräume für die individuelle Gestaltung des Studiums, für Reflexion und Muße und, nicht zuletzt, die Pflege des studentischen Lebensstils. Die studentischen Verbindungen spielten hierbei eine sehr wichtige Rolle.

Gegen Ende des 19. Jhdts. und zu Beginn des 20., spätestens aber nach dem ersten Weltkrieg, wurden die ersten Sprünge in dieser „Idylle“ langsam sichtbar. Während die technisch-naturwissenschaftlichen Fächer an Bedeutung gewannen und sich stärker spezialisierten, differenzierten sich auch die Geisteswissenschaften immer weiter aus. So hatten sich beispielsweise schon im 19. Jahrhundert vom ursprünglich einheitlichen Fach Philologie die Germanistik, die Orientalistik, die Archäologie und die Kunstgeschichte – die sich ihrerseits weiter ausdifferenzierten – abgespalten (vgl. Prahl 1978, S. 241). Im 20. Jahrhundert kamen neue Fächer, wie Soziologie, Psychologie, Ethnologie u.a. hinzu (vgl. Prahl 1978, S. 301), so daß schließlich immer mehr unterschiedliche Fachwissenschaftler an die Stelle des Philologen traten.

Diese Entwicklung rief in den Anfängen der Weimarer Republik erste Bestrebungen zu einer Universitätsreform wach, die sich am humboldtschen Bildungsideal orientierten und der Spezialisierung und Funktionalisierung im Sinne einer rein fachlichen Berufsausbildung entgegenwirken wollten. Insbesondere der preußische Kultusminister C.H. Becker propagierte eine Rückbesinnung auf die Idee der universellen Bildung:

„Zur Erziehung unseres partikularistischen, um nicht zu sagen privatwirtschaftlichen Denkens und Fühlens zum Allgemeinen und Universellen brauchen wir Synthese, die Synthese auf jedem Fachgebiet, wie Synthese unserer gesamten Wissenschaft“ (Becker zit. nach Prahl 1978, S. 298).

Becker kritisierte den „Intellektualismus“ und die „Detailforschung“ an den Universitäten und wollte dieser Entwicklung durch die Förderung übergreifender Disziplinen wie einer wiederbelebten Philosophie sowie „Soziologie im weitesten Sinne des Wortes … einschließlich der wissenschaftlichen Politik und der Zeitgeschichte“ (ebd.) Einhalt gebieten. Praktisch sollte dies unter anderem durch die Einführung eines ergänzenden, obligatorischen „studium generale“ erreicht werden. Doch nicht einmal dieses ließ sich allgemeinverbindlich durchsetzen. Die Reform beschränkte sich schließlich weitgehend auf institutionelle Regelungen, wie die Vereinheitlichung und Straffung der Studienpläne und die Neuregelung der Universitätsstatuten (u.a. Einführung der student. Selbstverwaltung, Mitbestimmungsrechte für die Extraordinarien und die Privatdozenten etc.). Schon damals also entsprachen die subjektiven Idealvorstellungen der Reformer keineswegs den wirklichen Resultaten, sondern sogar deren genauem Gegenteil. Ein schönes Beispiel für die Hilflosigkeit des „guten Willens“ gegenüber dem Selbstlauf des „automatischen Subjekts, dem Wert. Nicht die humanistische Allgemeinbildung wurde an den Universitäten reinstalliert, sondern die sich durchsetzende wissenschaftliche Arbeitsteilung wurde formell festgeschrieben und reglementiert, die Zusammenarbeit zwischen den Hochschulen institutionalisiert und die Forschungsförderung organisiert.(vgl. Prahl 1978, S. 301 f.). In den 20er Jahren wurde damit die Grundlage für ein modernes Hochschulwesen gelegt, das in dieser Form im wesentlichen bis in die 60er Jahre hinein bestand.

Schon vor und während des Ersten Weltkrieges waren die Universitäten direkt in die militärische, medizinische und technologische Forschung eingespannt worden. Der Schwerpunkt des staatlichen und wirtschaftlichen Interesses hatte sich aus durchsichtigen Gründen auf die Natur- und Technikwissenschaften verlagert. In der Weimarer Republik wurden nun zwar auch wieder die Geistes- und Sozialwissenschaften gefördert, im Mittelpunkt stand jedoch weiterhin die technisch-naturwissenschaftliche Grundlagenforschung, deren Ergebnisse in den Forschungslabors der Großunternehmen zu anwendungsfähigen Innovationen weiterentwickelt wurden.

Einen Höhepunkt erfuhr die direkte Instrumentalisierung der Hochschulen bekanntermaßen unter dem Nationalsozialismus, wobei hier natürlich, neben der Kriegsvorbereitung, die ideologische Funktionalisierung eine wichtige Rolle spielte. Auch die Nazis hatten im Vorfeld der Machtergreifung gegen die „weltfremden Universitäten“, die „Praxisferne“ und die politische Enthaltsamkeit der meisten Professoren gewettert und konsequenterweise politisierten sie die Universitäten – auf ihre Weise -, als sie die Verfügungsgewalt darüber hatten.

Mit der scheinbaren Idylle des Elfenbeinturms war nun endgültig gebrochen worden, und der Versuch, ihr mit der Gründung der BRD noch einmal neues Leben einzuhauchen, war von vornherein zum Scheitern verurteilt. Zunächst wurde allerdings noch einmal an die alten Strukturen angeknüpft:

„Die innere Struktur der Universitäten restaurierte das überkommene Ordinarienmodell, auch wenn in den Allgemeinen Studentenausschüssen und Fachschaftsorganen minimale Ansätze zur Selbstorganisation der Studenten institutionalisiert wurden. […] Die Ordinarien entschieden nahezu exklusiv über die wissenschaftlichen Karrieren, über Lehrpläne und Forschungsvorhaben. […] Zur Erhaltung dieser internen Hochschulstrukturen mußte freilich ein direkter Eingriff des Staates minimiert werden.“ (Prahl 1978, S. 328 f.)

Aber schon in den späten 50er Jahren begann sich die überkommene Hochschulorganisation als dysfunktional für den fordistischen Vergesellschaftungsschub zu erweisen, in dessen Verlauf alle Nischen nicht-wertförmiger Reproduktion verdampften und parallel dazu die Bedeutung der Wissenschaft für das Funktionieren des gesellschaftlichen Zusammenhanges geradezu exponentiell zunahm. Waren schon unmittelbar nach 1945 zahlreiche Fachschulen und -akademien in Fachhochschulen umgewandelt worden, so kam um 1960, unter dem Druck der internationalen Konkurrenz und der Angst vor dem technologischen Rückstand, die Debatte um den sogenannten Bildungsnotstand auf. Sie zog eine Reihe von Universitätsneugründungen, den Ausbau bestehender Kapazitäten, eine forcierte Erhöhung der Studentenzahlen, sowie die rasche Steigerung der Ausgaben für Forschungs- und Bildungswesen nach sich. Die alte Ordinarienstruktur war damit natürlich endgültig hinfällig geworden. Denn ebensowenig, wie die Firma Siemens wie eine kleine Handwerksklitsche geführt werden kann, in der alle Entscheidungen der Meister fällt, kann ein wissenschaftlicher Großbetrieb nach dem Vorbild eines Philologielehrstuhls aus dem 19. Jahrhundert organisiert werden. Die Ablösung der veralteten und ineffektiven Organisation bedeutete aber selbstverständlich nicht die Auflösung der Hierarchie überhaupt, sondern lediglich die formelle Regelementierung der Entscheidungsstrukturen, die Einräumung von Mitsprachemöglichkeiten für den stark gewachsenen akademischen Mittelbau und die Studentenschaft und nicht zuletzt die Erweiterung der Eingriffsmöglichkeiten der Hochschulverwaltung und des Staates; m.a.W. eine Formalisierung, Verrechtlichung und Bürokratisierung der Hierarchie 2.

Die rasche Ausdehnung des Forschungs- und Lehrapparates und die totale Einbindung in den gesellschaftlichen Prozeß beschleunigte außerdem die weitere Ausdifferenzierung der wissenschaftlichen Teildisziplinen zu immer neuen Spezialgebieten, deren Zusammenhang sich gleichzeitig immer loser gestaltete. Diese, in den 60er Jahren sich deutlich abzeichnende Entwicklung, rückte bald ins Zentrum der Kritik am Wissenschaftsbetrieb. Der „Fachidiot“, der sich von der Gesellschaft bedingungslos funktionalisieren läßt, ohne die Relevanz seines Tuns zu reflektieren, geschweige denn infrage zu stellen, wurde zum Negativ-Vorbild aller von Seiten der Protestbewegung formulierten Reformprojekte. Aber auch die Vertreter der Wirtschaft äußerten Kritik am – wie sie es nannten – „praxisfernen“ Spezialisten, der nur ungenügend auf die „komplexe Berufwirklichkeit“ vorbereitet sei. So herrschte bald weitgehende Einigkeit darüber, daß das Studium „praxisnäher“ und verstärkt „interdisziplinär“ ausgerichtet werden sollte; auch wenn natürlich über die Bedeutung dieser Begriffe verbittert gestritten wurde.

Tatsächlich macht der erreichte Grad an stofflicher Vergesellschaftung (die „Komplexität der Gesellschaft“, wie es immer so schön heißt) wirklich ein hohes Maß an allgemeinen Kompetenzen bei jedem einzelnen erforderlich. Der Ruf nach dem „Generalisten“, der inzwischen allerorten zu hören ist, hat hierin seine reale Grundlage. Gleichzeitig jedoch produziert der allgegenwärtige Verwertungszwang eine immer weiter, bis ins Absurde gehende Spezialisierung, die – entgegen der weitverbreiteten Meinung – keinesfalls zwangsläufig aus einer Verbreiterung des systematischen Wissens erfolgt. Wenn alle Versuche der letzten zwei Jahrzehnte, diesen Prozeß der Hyperspezialisierung aufzuhalten, als gescheitert gelten können, liegt das nicht daran, daß es nicht „gewollt“ worden wäre, sondern zeugt im Gegenteil davon, daß sich hier die Schwerkraft der Entwicklung unabhängig vom Wollen der Beteiligten durchgesetzt hat.

Wissenschaftstheoretisch wird dies im Positivismus reflektiert, der offen jeglichen Anspruch auf ein Erfassen der Totalität aufgegeben hat. Auf der Ebene des Wissenschaftsprozesses entfaltet das Auseinanderdriften der Einzel- und Spezialdisziplinen aber eine solche Dynamik, daß es selbst vom Standpunkt des Positivismus aus beginnt problematisch zu werden, ohne daß dieser ihr allerdings etwas entgegensetzen könnte außer hilflosen Appellen.

Selbst der „gutwillige“ Forscher, will er sich in der Konkurrenz bewähren und nicht auf die Dauer mit dem Abhalten der ungeliebten Erstsemesterveranstaltungen betraut werden, wird um eine individuelle Spezialisierung nicht umhin können. Sein Ruf – und damit auch die Möglichkeit, an Forschungsgelder heranzukommen – speist sich aus der regelmäßigen Präsentation unmittelbar vorzeigbarerer, möglichst auch verwertbarerer Ergebnisse. Die Zahl der Publikationen pro Jahr, oder gar die Häufigkeit der Zitierung in fremden Publikationen (s. der US-amerkanische „citation index“), gilt als Maßstab dafür, welches Ansehen jemand in der Wissenschaftlergemeinde genießt (vgl. dazu auch Altvater in FR vom 28.1.89). Der Inhalt ist völlig sekundär, Hauptsache der eigene Name steht unter dem Aufsatz. Es ist ja inzwischen absolut gängig, jedes noch so banale „Forschungsergebnis“ – natürlich in möglichst großkotzigem Vokabular verpackt – solange in verschiedenen Aufsätzen und Vorträgen auszuschlachten, bis auch noch der letzte Tropfen Publikumseffekt herausgepreßt ist. Während die „Produktzyklen“ immer kürzer werden, kennt die Prostitution auf diesem Gebiet mittlerweile keine Grenzen mehr, und das Treiben wird umso ekelhafter, je mehr Konkurrenten sich auf dem schrumpfenden Feld der Projektmittel tummeln. Da gilt es schon als clever, wenn einer seine „Marktnische“ gefunden hat und nun über die Sozialgeschichte der Nürnberger Kloaken oder die Soziologie der Gartenzwerge veröffentlicht, Gebiete, auf denen er hoffen kann, daß ihm niemand wird hineinreden können. Aus einer solchen Perspektive findet ein allgemeiner wissenschaftlicher Diskurs nicht nur deshalb nicht statt, weil jeder mit der Anhäufung abgegrenzten Detailmaterials beschäftigt ist, sondern weil dieser auch schlicht eine Gefahr für die eigene „Originalität“ bedeuten würde, die ja gerade darin besteht, sich die Exklusivität auf einem Fußbreit des jeweiligen Fachgebietes zu sichern.

Die bis ins Absurde getriebene Spezialisierung setzt sich selbst innerhalb der sogenannten Forschungsteams fort. Zum einen sind die betreffenden Projekte meist selbst schon hochspezialisiert, nicht selten unmittelbar anwendungs- bzw. verwertungsbezogen, zum anderen wird auch innerhalb davon wiederum eine Arbeitsteilung praktiziert, die den einzelnen auf eine winzige Teilfunktion reduziert. Sicher, eine völlige Unkenntnis der Projektzusammenhänge und der laufenden Arbeit könnte dem Gesamtergebnis schaden, eine gewisse Koordination ist also notwendig. Diese wird jedoch in der Regel vom Leiter des betreffenden Projektes, bzw. dem Leitungsteam übernommen, während im Forschungsalltag, unter dem Zwang zur raschen Ergebnispräsentation, vom Einzelnen kurzfristige Höchstleistungen auf seinem Teilabschnitt erwartet werden. Für eine Beschäftigung mit den korrespondierenden allgemeineren Zusammenhängen auch nur innerhalb des jeweiligen Projektes wird nur selten Zeit und Energie übrig bleiben 3. Selbst jegliche Ansätze von Kooperation, etwa in „Teamgesprächen“, finden noch unter einem permanenten zeitlichen Druck statt, der jede Beschaulichkeit – die doch gerade zu den wesentlichen Merkmalen von Forschungstätigkeit gehörte – verdrängt hat. Glaubt man der „Wirtschaftswoche“, hinken die bundesdeutschen Forschungs- und Entwicklungsabteilungen allerdings in dieser Hinsicht dem internationalen Standard noch hinterher:

„Doch solche Leute (gemeint sind „dynamische, junge Führungskräfte“; N.T.) sind in den F+E-Abteilungen bundesdeutscher Firmen dünn gesät. Zu sehr dominiert der Typ des langsamen, detailverliebten Forschers, der seine Kreativität mit den Anforderungen von Kostenkontrolle und Zeitmanagement im Widerspruch sieht. Aber von unternehmerischem Denken völlig unbeleckte Entwickler kann sich niemand leisten, der mit den rasanten Japanern konkurriert“ (Wirtschaftswoche, 27.10.89; Hervorheb. N.T.) 4.

Eine wirklich umfassende Kooperation, auch und gerade über den Rahmen einzelner Forschungsprojekte oder Teilgebiete hinaus, würde als Minimum voraussetzen, daß jeder Einzelne einen ausreichenden Zeitfonds für die Beschäftigung mit den übergreifenden Erkenntnissen seines Faches, der anderen Disziplinen und mit den gesellschaftlichen Angelegeheiten zur Verfügung hätte. Allein dies widerspricht aber schon dem Verwertungszwang, denn dieser Zeitfonds läßt sich nun mal nur auf Kosten von kurzfristig erzielbaren Höchstleistungen auf den Spezialgebieten gewinnen.

Im übrigen – das darf man nicht vergessen – kann aber eine wirklich ernsthafte interdisziplinäre Forschung zur umfassenden Lösung von Problemen innerhalb dieser Gesellschaft schon deshalb nicht zustande kommen, weil sie in deren Organisation keinerlei Basis findet. Selbst die allgemeinen Angelegenheiten kommen in der Wertgesellschaft noch als zersplitterte Einzelprobleme daher – was eine wirkliche Lösung von vorneherein ausschließt -, als das Giftmüllproblem, das Drogenproblem oder das Autoabgasproblem etc. und müssen von eigens dafür zuständigen Spezialisten verwaltet werden, den Sozialarbeitern, Kriminalpolizisten und Umweltbeauftragten. Das Räsonieren über die Allgemeinheit wird seinerseits den „Spezialisten für das Allgemeine“, den sogenannten Philosophen, angetragen, die neuerdings wieder die „Ethik“ bemühen, um ihre Hilflosigkeit wortpompös zu kaschieren.

3.

Die Unhaltbarkeit dieses Zustandes dämmert auch einigen Verantwortlichen des Wissenschaftsbetriebes. Da sie die grundlegenden Ursachen jedoch nicht durchschauen, noch geschweige denn beseitigen könnten, bleibt ihr Gerede über die Notwendigkeit von „Kooperation“ oder gar „Interdiziplinarität“ worthülsenhaft. Wollten sie, innerhalb der gegebenen Strukturen, Ernst damit machen, es bedürfte einer Art Superwissenschaftler, der einerseits zwar Hochleistungssportler auf einem Spezialgebiet ist, andererseits aber auch über die korrespondierenden übergreifenden Zusammenhänge genau Bescheid weiß. Bis zu einem gewissen Grad werden diese Anforderungen im übrigen auch gestellt und machen einen nicht unerheblichen Teil des enormen Leistungsdrucks in der Forschungsmaschinerie aus. Eine spezifische Spannung ergibt sich dabei daraus, daß der einzelne potentiell auf einen gewissen Fundus an allgemeinen Kenntnissen Zugriff haben muß, ohne daß diese jedoch im arbeitsteiligen Forschungsalltag aktiv relevant würden. Sie müssen sozusagen im Hinterkopf parat gehalten werden.

Wie in der automatisierten Produktion, wo es nicht mehr genügt – wie noch in der Fließbandproduktion – einen einzelnen Handgriff zu beherrschen und diesen, unter Abschaltung jeglichen Denkens, zigtausendmal am Tag zu wiederholen, ist auch in der Wissenschaft heute gewissermaßen der hochkompetente Vollidiot gefragt. Er muß einerseits zwar den Zusammenhang kennen, um auf kurzfristige Störungen angemessen zu reagieren, kann aber andererseits in seiner eigentlichen Tätigkeit – die im übrigen ein hohes Maß an Konzentration erfordert – nur einen Bruchteil seines Wissens aktivieren. Letztlich hat der einzelne nur einen beschränkten Abschnitt der Produktion zu überwachen, bzw. beschränkte wissenschaftliche Teilergebnisse zu produzieren, der Zusammenhang aber befindet sich außerhalb seines Zugriffs. Es entsteht so eine merkwürdige Spannung zwischen notwendiger allgemeiner Kompetenz einerseits und praktischer Beschränktheit in der alltäglichen Tätigkeit andererseits, die nicht mehr präzise mit den Kategorien von Trennung in Kopf- und Handarbeit bzw. leitender und ausführender Arbeit beschrieben werden kann. Sie ist Produkt einer verallgemeinerten Arbeitsteilung, einer Totalisierung der abstrakten Arbeit, die nun bis in die letzten Winkel des Wissenschaftsapparats vorgedrungen ist und auch sogenannten „qualifizierten Tätigkeiten“ die identitätsstiftende Grundlage entzieht, die sie einmal besessen haben. Damit verliert die akademische Laufbahn ihre Exklusivität und gerät zu einer unter vielen Möglichkeiten Geld zu verdienen.

Die Spannung zwischen allgemeiner Kompetenz und Spezialwissen schlägt sich auch auf der Seite der Ausbildung nieder, denn die Berufssituationen, auf die die Hochschulen vorbereiten sollen, sind längst vom gleichen Wandlungsprozeß erfaßt worden. Im gleichen Masse, wie sich das Spektrum der akademischen Berufe zusehends ausdifferenziert und spezialisiert, nimmt auch die Unsicherheit zu, welche der vielen angebotenen Qualifikationen denn in der Zukunft zumindest eine berufliche Einstiegs- wenn schon nicht Aufstiegschance bieten kann. Das Studium wird zunehmend zu einem ständigen Abwägen zwischen den erwarteten Nützlichkeiten der einzelnen Wissensfragmente und einem Lavieren zwischen Aneignung von Allgemein- oder Übersichts- und Spezialwissen. Der einzelne muß sich aus dem gegebenen, riesigen Angebot an möglichen Qualifikationen bedienen, und zwar immer unter dem Gesichtspunkt die eigene Verkäuflichkeit zu optimieren, natürlich immer unter Hinnahme der entsprechenden Marktrisiken. Gerade um Aussicht auf Erfolg zu haben, muß er sich für jegliches nicht berufsrelevante Wissen sperren. Eine zu frühe und zu starke Spezialisierung, könnte die Fixierung auf ein möglicherweise ausgeschöpftes Marktsegment bedeuten, also eine „Fehlinvestition“ in das eigene „Humankapital“sein, eine zu extensive Beschäftigung mit übergreifendem Wissen dagegen könnte seinerseits dazu führen, von den Personalchefs als entscheidungsschwacher Dünnbrettbohrer eingestuft zu werden. Letztlich kommt es also darauf an, sich ein „individuelles Qualifikationsprofil“ zusammenzustellen – wie es die einschlägigen Personalberater gerne nennen – das weder zu konturiert noch zu konturlos ist. Die Persönlichkeit des Individuums definiert sich über seine Synthesefähigkeit. Ist es damit überfordert, sei’s drum, es gibt ja genügend Menschenmaterial.

Die Hochschulen jedenfalls sind weit davon entfernt, eine Synthese auch nur auf der Ebene der einzelnen Fächer zu leisten, und dies schlägt sich natürlich auch in den Studienbedingungen unmittelbar nieder. Die Studien- und Prüfungsordnungen haben – wie selbst die allermeisten Dozenten zugeben – nichts mit einer systematisch aufgebauten und sich ergänzenden Führung durch die verschiedenen Gliederungen der betreffenden Fächer zu tun, geschweige denn mit einer Reflexion des fachlichen Zusammenhanges, sondern sind ein zusammmengestückeltes Konglomerat aus den verschiedensten Spezialgebieten, die konzeptionslos nebeneinander stehen und qua Prüfung abgehakt werden müssen. Sie spiegeln die Zersplitterung des Wissenschaftsbetriebes wieder und wurden entsprechend wahllos im gleichen Masse aufgebläht, wie die Menge an positivem Wissen gewachsen ist. Nicht zu Unrecht erwecken sie meist den Eindruck, als seien sie nur formale Hürden, die mehr einer quantitativen, an statistischen Kriterien gemessenen Selektion dienen, als an einer wirklichen Ausformung von Kompetenzen orientiert sind. Tatsächlich unterliegen die Prüfungsanforderungen einer völligen Beliebigkeit, was sich auch in den Verhandlungen der betreffenden Gremien niederschlägt, die viel mit Kuhhandel aber rein gar nichts mit wissenschaftlicher Auseinandersetzung zu tun haben. Die Prüfungsordnungen sind eher Ausdruck der jeweiligen Mehrheitsverhältnisse in den Gremien, der Hartnäckigkeit, mit der die einzelnen Fachvertreter ihr Gebiet dadurch aufzuwerten trachten, daß sie es zum Prüfungsfach erheben und der Nachfragebedingungen auf dem Arbeitsmarkt, als daß sie Ergebnis eines wohldurchdachten Lehrplans wären. Die fachliche Synthese bleibt in die Verantwortung des einzelnen gestellt und wie auf seinem späteren Karrieretrip, ist er damit völlig überfordert.

Angesichts dieser Verhältnisse kann es nicht verwundern, daß unter den Studenten die innere Distanz zur Universität in den letzten Jahren enorm gewachsen ist, sei es in der Form völliger Gleichgültigkeit und Unlust, sei es in Form einer rein instrumentellen Haltung zum Studium. Dieser seit Jahren untergründig schwelende Unmut kam seit langem wieder in den Protesten vom Wintersemester 88/89 offen zum Ausdruck, mehr noch, er war sicherlich einer der wesentlichen treibenden Momente. Die auf dieser Grundlage formulierte Kritik am Hochschulbetrieb blieb aber im Ansatz stecken. Höhepunkt der Kritik war es, dem Studium „Praxisferne“ und mangelnde „Interdisziplinarität“ zu attestieren, es wurde jedoch keinesfalls klar herausgearbeitet, was eigentlich darunter zu verstehen sei. Die Begriffe blieben für jegliche konkrete Interpretation offen und waren in ihrer Vagheit und unverbindlichen Offenheit kennzeichnend für den Charakter der Bewegung. Das Spektrum der Interpretationen reichte dementsprechend von einer rein fachlich-didaktischen Kritik an der Art der Darbietung und der Zerstückelung des Lehrstoffes, was im wesentlichen darauf hinauslief, eine qualifizierte Berufsausbildung einzuklagen, über das Aufgreifen von im universitären Betrieb vernachlässigten politisch-gesellschaftlichen Problemstellungen in Form „autonomer Seminare“, bis hin zur Formulierung von Grundsätzen für einen „Ethik-Kodex“ für Techniker, analog zum hippokratischen Eid der Mediziner 5. Letzteres war kein peinlicher Ausrutscher, denn soweit überhaupt von so etwas wie einem verbreiteten Konsens gesprochen werden konnte, bestand dieser darin, mit geradezu penetrant unerschrockener Naivität an das „Gewissen“ oder die „Verantwortung“ der Wissenschaftler oder „der Wissenschaft“ zu appellieren. Damit wurden aber die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht nur in keinster Weise begriffen, sondern im Gegenteil bewußtlos affirmiert, denn mit dem abstrakten Appell an das Wollen der Individuen bzw. eines fiktiven Subjekts namens Wissenschaft unterlagen die vermeintlichen Kritiker voll und ganz der bürgerlichen Willensillusion – dem Grundzug bürgerlichen Denkens schlechthin. Von dieser Warte aus erscheint alles „machbar“, „Gutes“ wie „Schlechtes“, wenn nur der betreffende Wille vorhanden ist, und gerade deshalb steht sie dem strukturellen Selbstlauf der eigenen Vergesellschaftung völlig hilflos gegenüber.

Allerdings kamen auch die vielzitierten Vorfahren von anno 68 in dieser Hinsicht nicht sehr viel weiter, auch wenn sie – zumindest in der Anfangsphase – die Probleme auf einer theoretisch sehr viel grundsätzlicheren Ebene reflektierten. Beim Übergang von der Kritik zur „kritischen“ oder „revolutionären Praxis“, blieb ihnen auch nur der abstrakte Rekurs auf „das Subjekt“:

„Die Frage, die >Politisierung der Wissenschaften< hier impliziert, wäre, ob der Prozeß wissenschaftlicher Produktion so zu organisieren sei, daß die Teilnehmer in ihm zugleich Maximen für ihr soziales Handeln erarbeiten; […] Das Subjekt des wissenschaftlichen Produktionsprozesses, das sich im Objekt seiner Arbeit vergegenständlicht, der Teilnehmer am Prozeß der Wissenschaft bleibt jedoch gegenwärtig außer Ansatz …“ (Brückner/Leithäuser 1973 [1968], S. 8 f.).

Da nützt es wenig, wenn statt dem etwas naiv klingenden Terminus „Verantwortung“ von der „Zurückholung der Selbstreflexion in die soziale Organisation wissenschaftlicher Produktion“ (ebd.) gesprochen und die Artikulation der „emanzipativen Kraft“ der Wissenschaft „als Instrument menschlicher Befreiung“ (a.a.O., S.11) eingeklagt wird. Die Hilflosigkeit dieser Appelle offenbarte sich spätestens mit dem Fortschreiten der Hochschul-reform 6.

Ein rein negativer Bezug auf die „gesellschaftliche Praxis“ war schon allein deshalb nicht durchzuhalten, weil die Expansion des Hochschulwesens in den späten 60ern und den 70ern ja schließlich kein voluntaristischer Akt sozialliberaler Bildungspolitik war, sondern mit einer enorm gestiegenen Nachfrage nach akademisch ausgebildeten Fachkräften korrespondierte. Die Hochschulen hatten diese Nachfrage zu bedienen, und insofern lag es in der Logik der Sache selbst, daß die radikale Spitze des Reformprozesses sich bald an den Verhältnissen stumpf stieß. Die staatlich-repressiven Eingriffe dagegen spielten nur die – allerdings unvermeidliche – Begleitmusik dazu 7. Selbst bei großangelegten „Modellversuchen“, wie dem Projektstudium an einigen Universitäten, war die Euphorie schnell verflogen, und was davon überlebte war nicht sehr viel mehr als ein kläglicher Abklatsch der ehemals hochtrabenden Pläne. In den Auseinandersetzungen um die Studienreform wurde bald bestenfalls darüber gestritten, ob denn nun ein eher „pragmatischer“ oder ein „kritischer Praxisbezug“ vorzuziehen sei 8. Die radikale Kritik dagegen zog sich immer weiter aus den Universitäten zurück, oder verkroch sich in die Randgebiete der Geistes- und Sozialwissenschaften, wo sie allerdings auch – zwar mit einiger Verzögerung – eingeholt wurde.

Die Studentenproteste des Wintersemesters 88/89 stellen insofern einen Fortschritt gegenüber ihrer Vorgängerbewegung dar, als sie von vorneherein illusionsloser antraten und mit ihren Forderungen nach Praxisorientierung und Interdisziplinarität des Studiums gar nicht erst die Hoffnung auf eine allgemeine gesellschaftliche Umwälzung verbanden. Diese Illusionslosigkeit tritt allerdings nicht zufällig zu einem Zeitpunkt auf den Plan, wo eine Expansion des Hochschulwesens längst nur noch in Form hoffnungslos überfüllter Hörsääle stattfindet und eher Notstandsmaßnahmen als „Reformen“ auf der Tagesordnung stehen und ist daher weniger ein Begreifen der abgelaufenen Entwicklung als mehr ein Reflex auf ihr endgültiges Auslaufen. Der Fortschritt gegenüber 1968 ist also ein relativer, der sich zunächst noch hinter dem Rücken der Akteure hergestellt hat. Er besteht im wesentlichen in dem ideologischen Vakuum, in das sie vorgestoßen sind und in dem sie sich verlaufen haben. Das macht eine prinzipielle Neuorientierung zumindest denkbar, doch kann diese nur Resultat einer bewußten Reflexion der Gründe für die schnellen Verirrungen und die Kurzatmigkeit der Bewegung sein. Die „Nüchternheit“ jedenfalls, mit der die alten Forderungen neuformuliert und im nachhinein ihres ideologischen Gewandes entkleidet wurden, ändert nichts daran, daß der seit 1968 abgelaufene Prozeß nicht noch einmal wiederholt, geschweige denn zurückgedreht werden kann. Die 88er Studenten kamen 20 Jahre zu spät. Nicht nur, daß jeder Ansatz von „Studienreform“ schon allein an der hoffnungslosen Überfüllung der Hochschulen scheitern muß, die nicht einmal durch eine Verdoppelung der finanziellen Mittel und schon garnicht durch 2 Mrd. DM aus der Welt zu schaffen ist, ein Rückgängigmachen der Spezialisierung und Zersplitterung des Wissenschaftsapparates auf dem Boden der Wertlogik ist schlicht unmöglich. Selbst eine „Interdisziplinarität“ auf der didaktischen Ebene – vielmehr war das Projektstudium in der Praxis ja auch nie – würde eine dauerhafte Kooperation der wissenschaftlichen Lehrkräfte voraussetzen, zu der sie wahrscheinlich schon sowohl fachlich als auch persönlich überhaupt nicht mehr in der Lage wären, geschweige denn, daß sie die dafür notwendige Zeit von ihrem knappen Zeitfonds abknapsen könnten.

Die weitere Entwicklung des Jahres 1989 hat auch schnell gezeigt, daß die Studentenproteste weitgehend ins Leere gelaufen sind. Übriggeblieben sind ein paar lächerliche zusätzliche Planstellen und, hier und dort, die Umwandlung einiger „autonomer Seminare“ in – vermutlich miserabel bezahlte – „Projekttutorien“, die unverbindlich und ohne große Resonanz neben dem normalen Wissenschaftsbetrieb herlaufen. Dies den Aktivisten vorwerfen zu wollen wäre allerdings albern; das rasche Abflauen des Interesses an einer kritisch-inhaltlichen Auseinadersetzung, daß sich zunächst so vehement artikulierte sollte jedoch zu denken geben. Eine der tieferliegenden Ursachen scheint mir zu sein, daß die Struktur des positivistisch-funktionalistischen Wissenschaftsbetriebes nur rein äußerlich, unmittelbar technisch, also selbst positivistisch kritisiert und in der Folge dessen Struktur in etwas vermittelter Form selbst reproduziert wurde. Schon der Vorwurf an den Positivismus, er sei „zu theoretisch“ und „praxisfern“, verweist darauf, daß dessen Wesen nicht begriffen wurde. Richtig daran ist, daß der Positivismus keine wirkliche Anschauung der Wirklichkeit leisten kann, aber nicht weil er zu theoretisch, sondern gerade umgekehrt, weil er zu wenig theoretisch ist. Es fehlt ihm jeder Begriff des Zusammenhanges und damit kann sein Zugriff auf die Realität nur ein willkürlicher, bruchstückhafter sein, den eine immer hektischere Faktenklauberei nicht nur nicht kompensiert, sondern im Gegenteil vollends verschüttet. War historisch gesehen zunächst die Sammlung von empirischem Wissen durchaus ein Fortschritt, so bewegt sich der Positivismus zunehmend auf wissenschaftlichem Niemandsland, ist weder Fisch noch Fleisch, verliert sich in unübersehbarer Zersplitterung der Fachdisziplinen und ist letztlich zu keiner substantiellen Aussage mehr fähig.

Der Zersplitterung in lauter Spezialgebiete setzte die 88er Studentenbewegung nun ihrerseits die Zersplitterung in lauter Spezialprobleme entgegen; die einzelnen Arbeitsvorhaben standen völlig unvermittelt nebeneinander. Der an sich positive Versuch, den stofflich-gesellschaftlichen Zusammenhang konkret anzueignen, scheiterte daran, daß man diesem ohne begriffliches Rüstzeug gegenübertrat, ausgestattet nur mit dem guten Willen, „irgendwie“ müsse sich etwas ändern. Die „autonomen Seminare“ und sonstigen Projekte versackten in der Beliebigkeit der jeweilig zufälligen Interessen, weshalb auch die Kooperation untereinander sich auf den bloßen Austausch von isolierten Informationen reduzieren mußte und daher nicht von Dauer sein konnte.

Da der Marxismus zu Recht jede Glaubwürdigkeit verloren hat, bildete stattdessen ein jämmerlich verdünntes Moralgedusel – das sich über jeden Dogmatismus erhaben glaubte, selbst aber ein abstraktes Prinzip nach dem anderen vom Stapel ließ – den notdürftigen Kitt, der die Bewegung zusammenhielt. Und während im Wissenschaftsbetrieb der Positivismus munter seinen vermeintlichen Sieg über das begriffliche Denken feierte, veranstalteten die Studenten zusammen mit ihren akademisch ergrauten Mentoren Vorlesungsreihen zum Thema „Wissenschaft und Ethik“. Zu dumm für sie, daß sie auch auf diesem Gebiet längst von der Wirtschaft überholt worden sind. In einer Zeit, wo die Ethikseminare für Manager aus allen Nähten platzen, Daimler Chef Edzard Reuter in seinem Unternehmen als „die Ethik in Person“ gepriesen wird (Wirtschaftswoche, 26.1.90) und das Volkswagenwerk die allseits beliebte Gertrud Höhler zum Thema „Glück“ referieren läßt (FR, 24.10.89), zeugt es schon von einer gehörigen Portion Naivität, diesem Stuss auch noch den touch von Gesellschaftskritik geben zu wollen.

4.

Nicht weniger hilflos als die Bemühungen um eine irgendwie geartete Studienreform sind allerdings die Forderungen nach einer Demokratisierung der Hochschulen. Als ob die Mehrheitsverhältnisse in irgendwelchen Universitätsgremien die Durchfunktionalisierung des Wissenschaftsappartes, die ja gerade Ausdruck seiner endgültigen, blinden Einbindung in den gesellschaftlichen Prozeß ist, in irgendeiner grundsätzlichen Weise tangieren könnten. Als ob die Wissenschaftler ihre Forschungsschwerpunkte nach den Mehrheitsbeschlüssen – so sie denn zustande kämen – ausrichten würden. Sicher, in dem ein oder anderen Fall mag es möglich sein, beispielsweise finanzielle Mittel hochschulintern in bestimmte Projekte umzuleiten. Doch erstens ist die Menge der Forschungsgelder über die die Hochschulgremien frei verfügen können minimal (Personalmittel, Institusaustattungen etc. sind ja nicht an vorgegebene inhaltliche Zwecke gebunden), insbesondere gemessen an den entsprechenden Drittmitteln, und zweitens läßt sich eine „Forschungspolitik“ auf Hochschulebene die den gesellschaftlichen Erfordernissen wirklich entgegenläuft, ohnehin nicht lange durchhalten, wie die Geschichte der 70er Jahre zeigt. Schließlich sind die Universität und ihr Forschungspersonal ganz existentiell auf die Verkäuflichkeit ihrer Ergebnisse angewiesen, wenn sie nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwinden wollen.

Eine „Demokratisierung der Hochschulen“ kann die Entwicklung der Wissenschaftsmaschinerie für sich genausowenig aufhalten, wie die demokratisch im Stadtrat erzielte Entscheidung, die Gemeinde zur „atomwaffenfreien Zone“ zu deklarieren, eine Stationierung von Atomraketen oder gar einen Atomkrieg verhindern kann, wenn die weltpolitische Entwicklung in diese Richtung treibt. Die Entscheidungen in den Hochschulgremien – oder den Gemeinderäten – können nur rein symbolischen Charakter haben, soweit sie sich nicht auf die Regelung der unmittelbar praktischen lokalen Angelegenheiten beziehen: die Bewilligung von Tutorengeldern, die Festlegung der Prüfungstermine und hin und wieder einmal die Besetzung einer C3-Stelle. Es verbietet sich natürlich nicht von vornherein, auf dieser Ebene so etwas wie pragmatische Interessensvertretung zu betreiben, aber es sollte sich niemand Illusionen über den Stellenwert dieser Angelegenheit machen.

Nichts ist insofern lächerlicher als der Impetus, mit dem im WS 88/89 die Forderungen nach einer Demokratisierung hervorgekramt und als Allheilmittel gegen die herrschenden Zustände propagiert wurden. Es gibt kein Defizit an Demokratisierung mehr aufzuholen, wie die endgültig geläuterten Linksakademiker gebetsmühlenhaft wiederholen. Es geht auch am Kern der Sache vorbei, in der „Gruppenuninversität“ einfach nur einen kaschierten Neuaufguß des alten Ordinariats zu sehen, nur weil es weiterhin eine Hierarchie der Entscheidungen vom Institutsdirektor bis hinunter zum Studenten gibt. Wer diese Tatsache bejammert misst die Resultate der Demokratie an ihren schwärmerischen Idealen und begeht damit den – gerade in der Linken – gängigen Fehler, gegenüber der schlechten Realität die „wahre Demokratie“ einzuklagen. Genauso wie in den Betrieben durch das Verschwinden des autoritären Firmenpatriarchen, durch die Verallgemeinerung des Arbeitsrechtes und die Durchsetzung der Mitbestimmung, die Hierarchien nicht verschwunden sind, existieren diese auch an den Universitäten weiter. Nur eben – wie in den Betrieben – entpersonalisiert, versachlicht und formalisiert. Der Institutsdirektor oder Lehrstuhlinhaber kann nicht mehr so selbstherrlich regieren, wie der alte Ordinarius, er muß formale Entscheidungswege einhalten, muß auf die Rechte der akademischen Mitarbeiter und Studenten Rücksicht nehmen und mit Eingriffen der Universitätsverwaltung und sogar des Staates rechnen. Nicht umsonst klagen die meisten Professoren über die unerträgliche Belastung durch die Gremien- und Verwaltungsarbeit und die enormen Reibungsverluste bei Entscheidungsfindungen, deren Resultat dann wiederum häufig nur ein fauler Kompromiss zwischen den widerstreitenden Interessen ist 9. Der Weg der hier hinführte ist gekennzeichnet durch eine Fülle von Auseinandersetzungen sowohl auf der politischen, wie auch auf der juristischen Ebene. Dazu gehören die Durchsetzung der Drittelparität in den Hochschulgremien durch die 68er Bewegung (was selbst schon ein Kompromiss war gegenüber der ursprünglichen Forderung nach „one man, one vote“) die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes von 1973, die jene für verfassungswidrig erklärte und eine Mehrheit der Dozenten festschrieb, Erlaß und Novellierung des Hochschulrahmengesetzes und der betreffenden Landeshochschulgesetze, genauso wie unzählige gerichtliche Anfechtungen von Berufungs- oder Prüfungsentscheidungen. Nicht zuletzt spielten natürlich auch staatliche Eingriffe in Fachbereiche, aber auch in die Forschungspolitik der einzelnen Universitäten eine Rolle 10. Es wäre eine Aufgabe für sich, anhand dieser Entwicklung zu veranschaulichen, daß jede Demokratisierung zwangsläufig zum Aufbau eines riesigen bürokratischen Regelsystems führen muß und damit gerade nichts mit einer bewußten Teilhabe aller Individuen an der Verwaltung der gesellschaftlichen Angelegenheiten zu tun hat, sondern im Gegenteil, die Verwaltung der Individuen vermittels von Rechtskategorien durch einen ihnen äußerlichen, versachlichten Apparat ist. Demokratie ist nicht das Gegenteil der Wertabstraktion, sondern deren politische Sphäre und damit nur scheinbar autonom. In Wirklichkeit ist sie der blinden, außerhalb jeder bewußten Subjektivität liegenden, Selbstbewegung des Werts unterworfen und muß daher in ihren Zugriffsmöglichkeiten selbst abstrakt und formal bleiben.

Die Existenz eines durchformalisierten und durchfunktionalisierten Hochschulsystems ist also nicht etwa Ausdruck einer unvollständigen oder in den Ansätzen steckengebliebenen Demokratisierung, sondern ihr notwendiges Endprodukt. Alle Kämpfe um die „Verwirklichung der Demokratie“ sind nichts als Schattengefechte mit der Vergangenheit und laufen letztlich ins Leere. Sie werden übrigens auch nicht dadurch realer, daß die Forderung nach „Mitbestimmung“ auf die staatliche Ebene hochgehievt wird, wie es Kraus/Wildermuth (1989) in ihrem Fazit der studentischen Bewegung fordern (These 9, S. 146: „Studentische Politik muß auch Forschungspolitik sein“). Eine Illusion darüber kann sich nur machen, wer lediglich die Oberfläche der Entscheidungsfindung wahrzunehmen vermag und dem daher Forschungspolitik als bloßer Ausdruck der Kräfteverhältnisse in der „Kungelsphäre zwischen Ministerialbürokratien, Vorstandsetagen und Wissenschaftsmanagement“ (ebd.) erscheint, auf die es nun konsequenterweise „intellektuellen und politischen Einfluß“ (a.a.O., S. 147) zu nehmen gilt. Eine leider nicht sehr originelle Idee.

Wie sehr sich die Forderungen nach Demokratisierung abgenutzt haben, zeigt sich schon allein daran, daß nach dem kurzen Aufflackern der Bewegung im Wintersemester kaum noch jemand für eine kontinuierliche Arbeit an entsprechenden Mitbestimmungsentwürfen zu begeistern war. Es ist etwas zu simpel, dies mit der „Lahmarschigkeit und krankhafte Lethargie“ der Studis (Unirundschau Erlangen, 4.7.89) erklären zu wollen, sondern sollte vielleicht einmal zum Anlaß genommen werden, die aufgeworfenen Forderungen selbst infrage zu stellen. Gewissermaßen ist die „schweigende Mehrheit“ sehr viel realistischer als die unermüdlichen Aktivisten, auch wenn sich dieser „Realismus“ nur im Nichtstun ausdrückt.

5.

Eine auf „Reform“ und „Demokratisierung“ der Hochschulen ausgerichtete Politik macht sich aber nicht nur lächerlich, weil jene längst zu einem Rädchen in der gesellschaftlichen Maschinerie geworden sind, sondern schon deshalb, weil sich auch das studentische Dasein in den letzten zwei Jahrzehnten radikal verändert hat. Bis Ende der sechziger Jahre war das Studieren die Angelegenheit einer privilegierten Minderheit, der sichere und wohldotierte Arbeitsplätze winkten. Noch der Großteil der 68er Generation konnte davon ausgehen, daß er gut „unterkommen“ würde, und nur vor diesem Hintergrund konnten die Hoffnungen auf einen „Marsch durch die Institutionen“ überhaupt entstehen. Auch wenn die materiellen Bedingungen für die damaligen Studenten keinesfalls rosig waren und auch sie sich bereits häufig mit Nebenjobs und Ferienarbeit finanziell über Wasser halten mußten (vgl. Jarausch 1984, S. 217 f.), so war dies jedoch insofern erträglich, weil das Studium mit Recht als zeitlich begrenztes Übergangsstadium in eine gesicherte soziale Position angesehen werden konnte. Der zukünftige Status wurde, was das soziale Selbstbewußtsein betraf, gewissermaßen antizipiert. Hinzu kam noch die relative Gemächlichkeit des Studierens, die zumindest in den Geistes- und Sozialwissenschaften dem einzelnen noch genügend Freiraum für eine individuelle Studiengestaltung und eine gewisse Reflexion ließ. Alles zusammen prägte ein spezifisches studentisches Lebensgefühl, das sich scharf von der allgemeinen, atemlosen Arbeits- und Konsumwut der „Wirtschaftswundergesellschaft“ unterschied und eine identifikatorische Kraft entfaltete.

Spätestens seit den 70er Jahren jedoch, ist das studentische Dasein einem grundlegenden Wandel unterworfen. Vermassung, Durchrationalisierung und fachliche Zergliederung des Studiums haben ihm jegliche Beschaulichkeit genommen und den privilegierten Status des Studenten zunehmend untergraben. Die Gewissheit, allein mit dem Besitz eines Universitätsexamens bereits die Eintrittskarte für die oberen Ränge der gesellschaftlichen Berufshierarchie in der Tasche zu haben, ist dahingeschmolzen, nicht nur weil die Drängelei am Kartenschalter zugenommen hat, sondern auch weil die Berufsstruktur selbst sich gewandelt hat. Daß mit der allgemeinen Anhebung des Qualifikationsniveaus auch die akademischen Berufe zunehmend in die Form der abstrakten Arbeit gepreßt und ihres Sonderstatus beraubt worden sind, ist natürlich am Bewußtsein der heutigen Studenten nicht spurlos vorübergegangen. Die große Masse von ihnen steht ihrer eigenen Situation und zukünftigen gesellschaftlichen Stellung relativ illusionslos gegenüber. Sie wissen, daß der Erwerb eines Abschlusses allein nicht mehr ausreicht, sondern, daß es – wenn man „etwas werden will“ – darauf ankommt, im Konkurrenzkampf den lieben Kommilitonen immmer um eine Nasenlänge voraus zu sein. Das Examen ist keine hinreichende, aber doch – in vielen Bereichen – eine notwendige Bedingung, um einen der begehrten Arbeitsplätze zu ergattern; zumindest aber sind gute Noten die Voraussetzung dafür, überhaupt Auswahlmöglichkeiten zu haben und nicht den erstbesten Job annehmen zu müssen. Da mag es zwar vorübergehend beruhigend sein, wenn in bestimmten Berufssparten zu Beginn des Studiums die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt das Angebot noch übersteigt, doch soviel Voraussicht besitzt das moderne Individuum, als daß es nicht wüßte, daß sich diese Marktsituation sehr schnell ändern kann. Daran wird es jeden Morgen erinnert, wenn es sich um einen der 600 Sitzplätze im Hörsaal prügeln muß.

Kann man auch die modernen Studenten insgesamt als im großen und ganzen desillusioniert, „aufgeklärt“ und – im unmittelbaren Sinne – „realistisch“ bezeichnen, gibt es doch unterschiedliche Ausprägungen dieses Bewußtseins. Da sind erst einmal diejenigen, die ihr Studium vor allem unter dem Gesichtspunkt seiner späteren Verwertbarkeit wählen, also sich ihre Fächer anhand der verschiedenen (allerdings meist mehr als fragwürdigen) Marktprognosen aussuchen. Für sie ist das Studium nicht viel mehr als ein Job. Sie erwarten sich davon die Vermittlung des notwendigen Fachwissens und die Berechtigung für die Ausübung der angestrebten Berufsfunktion. Der Sudienbeginn ist für sie der Anpfiff zum allgegenwärtigen Kampf um die späteren Futternäpfe, und solange sie ihren eigenen Studienerfolg nicht unmittelbar gefährdet sehen, sind sie auch bereit, sich den jeweiligen Studien- und Prüfungsanforderungen weitgehend kritiklos zu unterwerfen. Kaum jemals werden sie freiwillig einen Blick über den Horizont der Pflichtveranstaltungen oder gar des eigenen Fachgebietes hinaus werfen, denn für sie ist Studium Arbeit. Die Freizeit findet jenseits der Universität statt, und ein Engagement über die notwendigste Berufsvorbereitung hinaus wäre reine Zeitverschwendung. Von einer auch nur annähernd kritischen Reflexion der Studieninhalte kann nicht die Rede sein. Hierfür fehlen sowohl Zeit als auch Interesse, und selbst das fachliche Interesse -soweit es überhaupt mit ausschlaggebend für die Studienwahl war – reduziert sich bald auf die Frage danach, welche Inhalte denn „etwas bringen“, sei es für’s Examen, sei es für die anvisierte Karriere.

Den Kontrapunkt zu diesen „Karrieristen“ bilden diejenigen, die trotz oder gerade wegen der Skepsis gegenüber den Berufsperspektiven darauf bestehen, ihr Studium unter rein fachlichen oder persönlichen Gesichtspunkten auszuwählen. Wenn schon die Arbeitsplatzaussichten überall düster sind und man sich auf Prognosen eh nicht verlassen kann, dann wollen sie wenigstens im Studium ihren Interessen nachkommen. Trotz ihres Pessimismus in puncto Arbeitsmarkt, spielen bei dieser Wahl häufig auch immer noch ziemlich abstrakte Illusionen über die Inhalte einer späteren Berufstätigkeit eine Rolle: „Selbstverwirklichung“, „kreatives Arbeiten“, „soziales Engagement“ und was da sonst noch so an anachronistischen Ideologemen durch die Köpfe geistert. Diese Vorstellungen halten sich erstaunlicherweise ziemlich hartnäckig, obwohl man doch davon ausgehen kann, daß die realen Bedingungen der späteren „Praxis“ weitgehend bekannt sein müßten. Kaum jemand, der diese nicht aus eigener Erfahrung kennen würde, sei es vermittels Jobs, Praktika, Berufsausbildung oder Zivildienst, und kaum jemand, der nicht etwa die rapide Desillusionierung jener inzwischen fast schon altmodischen Lehrer hätte beobachten können, die immer noch, vereinzelt, mit reformerischem Elan versehen an die Schulen kommen und dort gegen eine Gummiwand nach der anderen rennen. Trotz alledem sind es nur wenige, die ihr Studium bereits völlig illusionslos und ohne jegliche Berufsperspektive beginnen, und sei sie noch so schwammig. Zu stark ist offenbar der Legitimationsdruck gegenüber der allgemein verbreiteten Ideologie, zu einem „erfüllten Leben“ gehöre auch ein „befriedigende Berufstätigkeit“, und jegliche Form der Bildung habe nur dann einen Sinn, wenn sie sich anschließend auch in barer Münze auszahle. Andererseits fehlen natürlich auch sonstige Perspektiven, auf die ein Studium auszurichten einen Sinn machen könnte. Denn wenn auch so manche akademische Karriere in eine Dauerexistenz als Taxifahrer mündet, so kann dies doch schwerlich ihr bewußtes Ziel gewesen sein.

Die Ansprüche der heutigen Studenten an ihre zukünftige Tätigkeit sind allerdings sehr bescheiden geworden und bis zur Unkenntlichkeit ausgedünnt. Wurde der Beruf vor 15 bis 20 Jahren noch als Vehikel für eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft von unten her angesehen – die Stichworte waren: „revolutionäre Berufspraxis“ und „Marsch durch die Institutionen -, so geht es heute gerade noch um das persönliche Wohlbefinden und „Selbstverwirklichung“. Natürlich schließt das moderne Individuum darin eine gute Portion „Ethik“ ein, doch auch dadurch werden die Konturen keinesfalls schärfer.

Einen ihrer Ausbildung adäquaten Beruf wollen noch alle, die wir gefragt haben – nur eben nicht Atomkraftwerke bauen, 60 Stunden in der Woche arbeiten, vor einem cholerischen Boss buckeln oder monoton funktionieren.“ (Kraus/Wildermuth 1989, S. 51)

Darin wird sich allerdings die große Masse der Studenten einig sein. Zudem gehört es aber auch zum guten Ton, gerade unter den übelsten Karrieristen, ihre Studienfachwahl mit einem vorgeblich brennenden fachlichen Interesse auszuschmücken, eine Behauptung die sich allein schon durch die Sensibilität desavouiert, mit der die Studentenströme auf Nachfrageschwankungen am Arbeitsmarkt reagieren:

„Medizin hat man ja angeblich immer nur studiert, weil man den helfenden Beruf ergreifen wollte, es ging niemals um die guten Einkommenschancen. Aber jetzt, wo auf einmal deutlich geworden ist, daß die Zahl der Arbeitsplätze auch da knapp wird, haben wir jede Menge, die das Studium jetzt nicht mehr durchhalten.“ (eine Studienberaterin, zit. in Kraus/Wildermuth 1989, S. 54)

Natürlich, wenn man das Studium überhaupt durchhalten und den Elan aufbringen will, eine Prüfungshürde nach der anderen zu nehmen, geht es nicht ohne ein Minimum an Illusion über das angestrebte Ziel. Insgeheim weiß aber auch die große Masse, daß sie selbst ihre Minimalansprüche an „Sinngebung“ im Beruf kaum wird realisieren können. Vor einem cholerischen Boss werden sie wohl seltener buckeln müssen (obwohl noch genügend Exemplare dieser antiquitierten Spezies in freier Wildbahn herumlaufen), dafür aber umso knallharteren Leistungsansprüchen im ach so kollegialen Team genügen. Auch Atomkraftwerke werden wohl nur die wenigsten bauen, auch nicht gerade Giftgas produzieren, wer aber ernsthaft glaubt eine dauerhafte Identität etwa aus dem Produktmanagement für Multi-Vitamin-Säfte – natürlich „ganzheitlich“, von der Entwicklung bis zum Vertrieb – oder aus technischen Riskikoanalysen für Industrieversicherungen ziehen zu können, nur weil dies nichts unmittelbar „Unmoralisches“ ist, muß schon reichlich reduzierte Ansprüche haben. Nebenbei bemerkt ist es ja auch kein Geheimnis, daß eine 50 – 60 Stundenwoche in akademischen Berufen keinesfalls die Ausnahme ist, trotz allen Geredes um den „Wertewandel“ und angeblicher Arbeitszeitverkürzung.

Mit steigender Semesterzahl scheinen diese allseits bekannten Fakten zunehmend ins studentische Bewußtsein durchzusickern, denn die Zahl der völlig Illusionslosen – wie ich sie einmal nennen möchte – nimmt deutlich zu, je näher der Absprung ins Berufsleben heranrückt. Die Erfahrungen mit dem Studium tun ihr Übriges, und selbst wer als „Karrierist“ angefangen hat, ist nicht davor gefeit den Glauben an das Aufsteigerglück zu verlieren; sei es wegen der Unerträglichkeit des permanenten Konkurrierenmüssens, sei es wegen dauernden Klausurenpechs. Der Ausstieg vollzieht sich allerdings in aller Regel etappenweise, quasi hinter dem eigenen Rücken. Nach und nach schieben sich die diversen außeruniversitären Beschäftigungen, nicht zuletzt das Jobben, in den Vordergrund, bis sie dann den Hauptteil des persönlichen Zeitfonds einnehmen. Der Stellenwert des Studiums verändert sich zunehmend, läuft bald bestenfalls noch nebenher und dient hauptsächlich dazu, das nicht gesettelte Dasein vor sich selbst und anderen zu legitimieren. Die Universität gerät mehr und mehr zu einem Zufluchtsort vor dem Horror des geregelten 8-10 Stunden-Tages 11, das immer noch nicht absolvierte Examen – das man natürlich gerne vor sich herschiebt – hält als Entschuldigung dafür her, daß man „leider“ noch keiner festen Berufstätigkeit nachgehen kann.

Die Presse und die empirische Sozialforschung haben diesen gar nicht mehr so seltenen Typus längst entdeckt und ihm, leise kopfschüttelnd, den Namen „Parkstudent“ verliehen. Aber der Ausdruck umschreibt die Sache nur ungenügend. Wie das mit dem Parken so ist, es wird in der Regel durch Phasen der Fortbewegung unterbrochen. Nicht selten wird ein erneuter Anlauf genommen, doch noch einen Abschluß zu ergattern, sei es im bereits begonnenen Studium, sei es durch einen Wechsel zu einem anderen Fach. Nicht selten wird auch Zuflucht in einer nicht-akademischen Ausbildung gesucht und manchmal sind ja auch aller guten Dinge drei. Mit ein bißchen Glück spielt das Arbeitsamt mit.

Eine andere, mittlerweile recht weit verbreitete Verhaltensweise, besteht darin, sich zwar das Studium fortzusetzen, allerdings nicht mehr unter dem Aspekt der Berufsausbildung, sondern unter rein fachlich-persönlichen Interessengesichtspunkten. Gewissermaßen wird das „Dienstleistungsangebot“ der Universität in Anspruch genommen, ohne jedoch eine berufliche Perspektive zu verfolgen. Damit wird das System der Hochschulausbildung allerdings restlos ad absurdum geführt. War die Universität früher vorwiegend Ort der Ausbildung für eine bestimmte Berufstätigkeit, so ist sie heute für eine wachsende Zahl von Studenten Unterschlupf vor der geregelten Existenz als akademischer Lohnarbeiter geworden. Die Eierschalen der von allem Anbeginn an brüchigen Synthese von Allgemeinbildung und Berufsausbildung im humanistischen Universitätsideal zerbrechen endgültig und entlassen die Karikaturen ihrer Archetypen, den „Brotstudenten“ und den „Bildungsstudenten“, zu denen sich allerdings noch ein drittes Brüderchen gesellt, das Humboldt unmöglich antizipieren konnte, der „Parkstudent“. So wenig man im vergangenen Jahrhundert Ahnung von dieser etwas ungücklichen Drillingsgeburt haben konnte, so wenig hat allerdings auch die Existenzweise des heutigen „Bildungsstudenten“ mit der seines damaligen Namensvetters gemeinsam. Während zur Zeit der Herausbildung des bürgerlichen Universitätswesens das „Bildungsstudium“ ein Privileg des alten Adels war – der es nicht nötig hatte, sich um einen berufsrelevanten Abschluß zu bemühen – und kontinuierlich zugunsten des „Brotstudiums“ des aufstrebenden Bürgertums zurückgedrängt wurde (vgl. Prahl 1978, S. 272 f.), befinden sich die heutigen „Bildungsstudenten“ keinesfalls in einer gesellschaftlich privilegierten Position, aus der heraus sie sich den Luxus eines zweckfreien Studierens leisten können. Im Gegenteil, mit Jobs, BAFöG und Elternzuschüssen bewegen sie sich materiell knapp an der Armutsgrenze, eine bereits in der gegenwärtigen, kreditfinanzierten Scheinblüte der Wirtschaft ziemlich prekäre Situation, die in der heraufziehenden Weltmarktkrise sehr schnell brüchig werden wird 12. Allein schon der nackte ökonomische Zwang verwischt also die Grenzen zum „Parkstudium“.

6.

Die Erosion des modernen Bildungssystems verweist auf einen grundlegenden Widerspruch, der in der „zivilisatorischen Leistung des Kapitals“, Bildung zu verallgemeinern, angelegt ist und gleichzeitig dessen Schranken markiert. Einerseits muß der fortgeschrittene Kapitalismus nämlich als Voraussetzung für die Aufrechterhaltung seines Funktionierens ein vermasstes Bildungs- und Forschungswesen schaffen, mitunter den allgemeinen Wissenshorizont und die Fähigkeiten zum abstrakt-logischen Denken in zuvor undenkbarer Weise anheben, andererseits aber reproduziert er dabei zwangsläufig die ihm inhärente Struktur der Zerstückelung des Arbeits- und Lebensprozesses. So werden zwar massenhaft intellektuelle Potenzen erschlossen, die längst eine bewußte gemeinschaftliche Regelung aller gesellschaftlichen Angelegenheiten prinzipiell möglich machen würden, doch dürfen diese sich unter den gegebenen Verhältnissen nicht wirklich entfalten, sondern werden in das enge Korsett zunehmend bornierter Spezialistentätigkeiten hineingepresst. Wenn aber systematisch Fähigkeiten produziert werden, die über sich selbst hinausweisen und gleichermaßen auch subjektive Erwartungen gegenüber der eigenen gesellschaftlichen Betätigung geweckt werden, die nicht erfüllbar sind, dann muß das notwendigerweise Friktionen erzeugen.

Während sich Managementberater und Soziologieprofessoren die Köpfe über den sogenannten „Wertewandel“ zerbrechen und die Unternehmen immer ausgeklügeltere und extremere „Motivationsstrategien“ anwenden müssen, um die erforderliche Leistung aus ihrem Stamm qualifizierter Lohnarbeiter zu pressen 13, hat sich an den Universitäten ein Bodensatz entkoppelter Intelligenz herausgebildet, der sich subjektiv gegen jegliche dauerhafte Integration in eine bestimmte Berufstätigkeit sperrt. Daß das Bildungssystem mittlerweile zu einem maßgeblichen Auffangbecken für potentielle Arbeitslose geworden ist, hat sich ja inzwischen herumgesprochen. Aber nur durch die gewerkschaftliche Brille des Arbeitsplatzfetischismus betrachtet, stellt sich dies so dar, als handle es sich dabei um lauter Unglückliche, die sich nichts sehnlicher wünschen, als eine Anstellung nach BAT mit 39 Stunden-Woche, Bausparvertrag und dem gemütlichen Fernsehabend im Kreise der vierköpfigen Musterfamilie, wie sie uns aus den Kinderfibeln der Kirchen und den Gewerkschaftsblättchen entgegenstrahlt. Natürlich sind die „Herausgefallenen“ auch keine strahlenden, selbstbewußten „Gewinner“, die heldenhaft und aus moralischem Abscheu heraus jegliche feste Anstellung weit von sich weisen würden. Sie können ohnehin nicht über einen Kamm geschoren werden, sind kein einheitlicher Typus, sondern lassen sich zunächst nur rein negativ, über ihre fluktuierende, flexible, nicht in das traditionelle Berufsgefüge integrierte Existenzweise, bestimmen. Diese Existenzweise ist in mehrfacher Hinsicht prekär und bietet aus sich selbst heraus keinen Raum mehr für eine Identifikation; individuell wird sie auf höchst unterschiedliche Art und Weise verarbeitet. Während sich ein Teil der Betroffenen durchaus als „Verlierer“ empfindet und daher von die stillen Hoffnung hegt, doch noch einmal „irgendwie unterzukommen“, entwickeln andere ein durchaus positives Selbstbewußtsein. Während erstere die Suche nach der Berufstätigkeit, die doch noch eine Identifikation ermöglichen soll, fortgesetzen (und meist immer wieder enttäuscht werden),nutzen letztere aktiv die gewonnenen Freiräume um ihre „privaten“ Interessen zu verfolgen. Die Suche nach einer „Identität“ geben sie zwar nicht auf, aber sie entkoppelt sich von der Berufsperspektive. Dies stellt einen enormen Fortschritt gegenüber früheren Generationen dar, weil sich die einzelnen damit prinzipiell den Zugang zu allen gesellschaftlichen Angelegenheiten offenhalten, auch wenn zunächst noch die Form unverbindlicher und wechselnder Privatinteressen, und sich nicht mehr lebenslänglich an eine bornierte Teilfunktion und Existenzweise ketten lassen.

Es hieße drei Schritte zurückzugehen, angesichts dieser Entwicklung, der verblichenen studentischen und beruflichen Identität nachzutrauern und den vergeblichen Versuch zu unternehmen, sie wieder ausgraben zu wollen. Vielmehr stünde es an, positiv an dem weitverbreiteten nicht-identifikatorischen Bewußtsein anzuknüpfen, es aus seinen individualisierten Verarbeitungsweisen herauszuheben und die darin latent angelegte Fundamentalopposition offensiv gegen diese Gesellschaft zu wenden. Eine Kritik an der fachlichen Beschränktheit des Studiums wäre dann nicht mehr von Illusionen über eine irgendwie geartete Reform der überkommenen Berufsausbildung getragen, sondern würde sich bewußt davon entkoppeln und könnte die Überwindung der kapitalistischen Arbeitsteilung selbst ins Visier rücken. Damit verbunden wäre ein Wechsel der Perspektive. Die Fachdisziplinen würden nicht mehr auf Möglichkeiten einer „kritischen Berufspraxis“ hin abgeklopft, „interdisziplinäre“ Projekte fänden nicht mehr mit der Intention statt, die vorgefundenen Probleme der Wertlogik innerhalb ihrer selbst zu managen, vielmehr müßte die Wertlogik selbst zum Gegenstand der Kritik gemacht werden. Nicht im dogmatischen Sinne eines ermüdenden Abspulens der immergleichen Phrasen zu jedem beliebigen Thema, sondern im Gegenteil durch ein Ernstnehmen der Gegenstände, durch ein Herausarbeiten der Destruktivität eben jener Logik, die keinen gesellschaftlichen Bereich verschont hat und daher von allen Seiten her aufgerollt werden kann und muß. Dies wäre eine Entfaltung der Wertkritik, eine Konkretisierung im wirklichen Sinne des Wortes.

Der enge Rahmen der Universität wäre damit natürlich gesprengt. Eine auf dem Boden dieser Kritik stehende Bewegung wäre keine Studentenbewegung im engen Sinne mehr, weil die in ihr involvierten Individuen nicht in diesem Status aufgehen – ebensowenig wie in irgendeinem anderen. Die Grenzen zwischen dem studentischen Dasein und anderen flexibilisierten Existenzweisen sind ohnehin fliessend. Jenes bildet nur die Spitze des Eisbergs eines allgemeinen Trends zur Verflüssigung der starren lebenszeitlichen Bindung einer Person an eine bestimmte gesellschaftliche Funktion einschließlich der damit verbundenen Bewußtseinsstrukturen und Lebensformen. In gewisser Weise treibt die Wertgesellschaft aus ihrer eigenen Dynamik über die starre Arbeitsteilung hinaus, allerdings nur in negativer Form. Das Flottieren zwischen den verschiedenen Funktionen ist nicht Ausdruck einer bewußten Aneignung des gesellschaftlichen Zusammenhanges durch die frei assozierten Indidviduen, sondern steht im Gegenteil für die vollständige Durchsetzung der abstrakten Arbeit, die Angleichung der zergliederten Teiltätigkeiten durch die Entleerung von jeglichem Inhalt. Die total vergesellschafteten Individuen schlüpfen von einer Funktion in die andere als einzelne, Isolierte, als sich für einen beliebigen Zweck Verkaufende, während ihr Zusammenhang sich außerhalb ihres Zugriffs verselbständigt hat.

Der allgemeine Trend zur Verflüssigung der Funktionen hat weitreichende Konsequenzen auch für die Struktur einer zukünftigen revolutionären Bewegung, indem zunehmend die alte Dichotomie zwischen „Intelligenz“ und „Volk“, zwischen „Intellektuellem“ und „Arbeiter“ verwischt wird. Jede bisherige „revolutionäre Intelligenz“ machte nur eine Minderheit innerhalb der jeweiligen Population aus, war eine „Elite“ und mußte sich daher dem Problem stellen, wie die Kluft zwischen ihr und der „Masse“ zu schließen sei. Die historische Einmaligkeit der heutigen Situation besteht darin, daß die intellektuellen Potenzen, zumindest in den entwickelten Ländern, selbst vermasst sind – was allerdings nicht so zu verstehen ist, daß alle akademisch oder halb akademisch Gebildeten zu „Intelligenz“ im alten Sinne geworden seien. Noch die Studenten der 68er Generation interpretierten sich selbst in den Kategorien der vorangegangenen bürgerlichen Revolutionen als „Intelligenz“ und suchten verzweifelt nach einem „revolutionären Subjekt“ außerhalb ihrer selbst, das es wachzuküssen galt. Diejenigen, die die „Arbeiterklasse“ zu ebensolchem auserkoren hatten, strömten mit aufklärerischem Impetus in die Betriebe, um sich dort „proletarischer“ als die „Proletarier“ aufzuführen, während andere den exotischeren Revolutionstourismus vorzogen. Für die Masse der heutigen Studenten stellt sich dieses Problem nicht mehr. Nicht weil sie nun selbst zum Bestandteil der Arbeiterklasse im alten Sinne geworden wären, wie es einige K-Gruppen der 70er Jahre selbstlegitimatorisch von sich behaupteten, sondern weil die alten sozialen Charaktere weitgehend erodiert, die Funktionen selbst flüssig geworden sind und auch die intellektuellen Potenzen ihren exklusiven Zuschnitt verloren haben.

Während die totale stoffliche Vernetzung förmlich nach einer Aufhebung der Arbeitsteilung in Form der bewußten Planmäßigkeit schreit, verweist die „Flexibilisierung“ der Gesellschaft darauf, daß jene prinzipiell möglich und denkbar geworden ist. Die subjektiven Voraussetzungen dafür sind mit den Händen zu greifen. Wohlgemerkt aber nur die Voraussetzungen, irgendeine Zwangsläufigkeit ist damit keinesfalls verbunden. Es geht nicht darum, den Soziologismus des Arbeiterbewegungsmarxismus auf moderner Stufenleiter zu wiederholen und nun etwa ein neues revolutionäres Subjekt „an sich“ auszumachen, das quasi naturwüchsig auf eine gesellschaftliche Umwälzung zurollt. Der Typus des modernen flexibilisierten, nicht-identifikatorischen Individuums tritt zwar mittlerweile massenhaft in Erscheinung, aber, ex defintione, monadisiert. Die Gemeinsamkeit der einzelnen Individuen untereinander ist rein negativ bestimmt, wird nicht durch eine gleiche unmittelbare Interessenslage gesetzt; ihre Existenzweise konstituiert aus sich heraus keinen direkten sozialen Zusammenhang, geschweige denn eine revolutionäre Bewegung. Die Auflösung des Monadendaseins und die Entscheidung für revolutionäre Arbeit kann daher nur Ausdruck einer bewußten Entscheidung sein, eines Willensaktes auf der Grundlage der Distanz zur eigenen Unmittelbarkeit. So wie der Kommunismus die bewußte, kollektive Aneignung des gesellschaftlichen Zusammenhangs ist, kann die Umwälzung der herrschenden Verhältnisse und die Entscheidung dafür, diese vorzubereiten, auch nur ein Akt der Bewußtheit sein.

Doch ein solches Bewußtsein kann nicht schlagartig entstehen, auch nicht an einem privilegierten Ort der Gesellschaft allein. Es muß heranreifen, weil ein wirkliches Begreifen der Verhältnisse und ein radikales Umstossen des Fetischismus der Warenform mehr Zeit und Anstrengung erfordert, als das Wiederkäuen leicht verdaulicher Ideologien und Agitationsparolen. Wenn im universitären Millieu besonders günstige Wachstumsbedingungen für die Entstehung eines solchen Bewußtseins vorhanden sind, so liegt das daran, daß hier einerseits noch immer gewisse Freiräume existieren, die genutzt werden können und daß andererseits das studentische Dasein so etwas wie den Prototyp des flexibilisierten Individuums verkörpert. Die Nicht-Identifikation mit dem eigenen sozialen Dasein ist aber entscheidende Voraussetzung eines wirklich fundamentaloppositionellen Bewußtseins, das sich des gesamten gesellschaftlichen Zusammenhanges versichern will und das daher auch die Beseitigung aller durch den Wert gesetzten sozialen Kategorien denken kann.

Die Anstrengung des Begriffs ist im Prinzip von jedem gefordert, und dies muß sich auch im Charakter der zukünftigen revolutionären Bewegung niederschlagen. Es wird keine Bewegung von „Intellektuellen“ sein, aber eine Bewegung von selbständig denkenden, bewußten Individuen, ohne Kaderstrukturen und Geheimbündlerei. Sie wird daher aber auch nicht aus dem Boden gestampft werden können, sondern muß sich langsam als Schwelbrand ausbreiten. Es steht jetzt an, die Brandherde zu legen.

LITERATUR

– Peter Brückner/Thomas Leithäuser: Thesen zur „Politisierung der Wissenschaften, Gravenhage/Giessen 1973 [1968]

– Peter Glotz/Wolfgang Malanowski: Student heute, Hamburg 1982

– Konrad H. Jarausch: Deutsche Studenten 1800 – 1970, Ffm 1984

– Jürgen Kocka: Hoffnungen der Reform – Sieg der Bürokratie, in: Hochschulreform – und was nun?, Horst A. Glaser (Hg.), Ffm 1982

– Felicitas Kraus/Martin Wildermuth: UNiMUT, Berlin 1989

– Hans-Werner Prahl: Sozialgeschichte des Hochschulwesens, München 1978

– Praxisbezug im Studium – Blickpunkt Hochschuldidaktik 35, Hamburg 1975

– Bruno W. Reimann: Hochschulreform – Illusion und Pleite?, Bonn 1978

1Für die Entwicklung bis Mitte der 70er vgl. Prahl 1978, S. 380 – 383;

2„Es ist nicht zu bestreiten, daß die Hochschulen beim Übergang vom quasi handwerklichen Mittelbetrieb zum quasi industriellen Großbetrieb eine Formalisierung der inneren Entscheidungsstrukturen brauchten“, schreibt J. Kocka (1982, S. 143). Er beschreibt, wie die Aufblähung des akademischen Mittelbaus in den 60er Jahren die „Gruppenuniversität“ förmlich aufdrängte (S. 112 f.), kritisiert allerdings die „bürokratischen Auswüchse“.

3Die FR vom 9.11.89 berichtet über die Arbeitsbedingungen von Doktoranden der Biologie in Forschungslabors: „Doktoranden sind für manche Professoren nur akademische Handlanger, von denen selbstbestimmtes Handeln nicht gewünscht wird. In mancher Arbeitsgruppe wird bereits die Aussage >Ich gehe in die Bibliothek< mit Mißfallen aufgenommen. Dieser Gängelei steht andererseits ein Mangel an wissenschaftlicher Diskussion gegenüber, über den sich viele Doktoranden beklagen.“ Und über die Methoden, den Teamgeist zu fördern: „Konkurrenz bestimmt auch die Atmosphäre innerhalb vieler Arbeitsgruppen. Um Doktoranden anzuspornen, wird dieselbe Aufgabe einem weiteren Doktoranden gestellt. Und nur einer kann gewinnen!“

4Dieser Satz steht in einem Artikel mit dem bezeichnenden Titel „Elfenbeinturm ade“. Dort heißt es weiter: „>Im heutigen Wettbewerb, der von einer stetigen Beschleunigung von Produktlebenszyklen und immens gesteigerten F+E-Aufwendungen geprägt ist, gilt Forschung und Entwicklung als kritischer Erfolgsfaktor<, sagt der Stuttgarter Professor P,ter Horv th. Mehr Geld löst das Problem nicht. Management-Know-how und neue Organisationsformen müssen her. Das ist auch ein Fazit des 43. Deutschen Betriebswirtschaftler-Tages der Schmalenbach-Gesellschaft, der vor einer Woche in Berlin zu Ende ging“ (ebd.; Hervorheb. N.T.).

5Dieser Versuch fand an der Uni Erlangen statt. Die Betreffenden hätten sich die Mühe sparen können, wenn ihnen der Ethikkatalog des Vereins Deutscher Ingenieure aus dem Jahr 1950 bekannt gewesen wäre. Dort heißt es u.a.: „Der Ingenieur übe seinen Beruf aus in Ehrfurcht vor den Werten jenseits von Wissen und Erkennen und in Demut vor der Allmacht, die über seinem Erdendasein waltet […] Der Ingenieur beuge sich nicht denen, die das Recht eines Menschen gering achten und das Wesen der Technik mißbrauchen; er sei ein treuer Mitarbeiter an der menschlichen Gesittung und Kultur.“ (zit. nach Henning 1987, S. 159). Merkwürdig, wie wenig diese guten Vorsätze gefruchtet haben!

6Die 88er Studenten hatten in gewisser Weise recht, wenn sie stattdessen ihre „ethischen Postulate“ nackt als solche formulierten und mit ihnen auch nicht mehr die Hoffnung auf gesellschaftliche Umwälzungen verbanden – der 68er Kaiser ohne Kleider.

7Dies wäre im einzelnen zu untersuchen, etwa anhand des Beispiels der Universität Bremen. Während sie heute als „gute Universität“ weithin anerkannt ist, genoß sie bis in die 80er Jahre hinein den zweifelhaften Ruf der „roten Kaderschmiede“. Mit einem solchen Ruf läßt sich aber nicht überleben. Weder Forschungsmittel noch wissenschaflicher Nachwuchs lassen sich damit an Land ziehen und selbst viele Studenten zogen andere Universitäten vor, deren Abschluss nicht von vorne herein diskreditiert war.

8Vgl. etwa das Protokoll der AG WiWi II eines Hamburger Kongresses zur Studienreform im Jahr 1975, wo sich die Bandbreite der Positionen zum Praxisbezug zwischen Anschauung bestehender Praxis und Anleitung und Vorbereitung zur Veränderung der vorgefundenen Realität“ bewegt (s. Praxisbezug im Studium – Blickpunkt Hochschuldidaktik 35, Hamburg 1975, S. 430).

vgl. dazu z.B. Kocka 1982

10Die Reformen der 70er mußten häufig gegen den Widerstand der alten Ordinarien durchgesetzt werden und erforderte daher nicht selten direkte staatliche Eingriffe. Schließlich mußte der Staat den massiven Einsatz finanzieller Ressourcen steuern und koordinieren, konnte die wesentlichen Entscheidungen also nicht der „Autonomie“ der Hochschulen oder dem Gutdünken der Ordinarien überlassen. Verrechtlichung und Zentralisierung der Entscheidungen waren also von vorneherein wesntlicher Bestandteil des Modernisierungsschubes (vgl. dazu Reimann 1978, S. 134 ff.).

11Schon in ihrer Umfrage von 1981 stellten Glotz/Malanowski (1982, S 69 f.), daß eine zunehmende Studienmotivation ist „kein Bock auf reglementierten 8-Stunden-Tag“. Diese Einstellung mag Schwankungen unterliegen, wird vielleicht nicht immer so offen artikuliert, ist aber weiterhin sehr virulent. Die TAZ vom 31.3.88. zitiert den Abteilungsleiter des Immatrikulationsbüros der FU Berlin, der „schätzt, daß zwischen 20 und 25 Prozent der an der FU eingeschriebenen StudentInnen die Uni nutzen, um ihre Existenz weiter zu sichern“. Bundesweit sollen es angeblich „nur“ 10 % sein, eine Zahl, die allerdings leicht untertrieben sein dürfte.

12Der anhaltende Strom an DDR-Übersiedlern, der insbesondere in Berlin die Lage auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt ziemlich verschärft hat, ist nur der Vorbote dieser Krise.

13Die Wirtschaftswoche vom 24.11.89 berichtet von amerikanischen Unternehmen, die ihren Angestellten Wochenendkurse verschreiben, bei denen sie unter extremen Bedingungen „Mutproben“, wie beispielsweise Hochseil- und Trapezübungen, absolvieren müssen. Sie sollen dadurch „selbstbewußter, motivierter und somit produktiver“ werden.