31.12.1990  Beitrag drucken

Krisis 8/9 — Editorial

Es ist keine Neuigkeit für uns gewesen, dass das realsozialistische Gebälk mehr als morsch war. Die radikale Kritik der realsozialistischen Reproduktionsform war von Beginn an ein zentrales Moment unserer „fundamentalen Wertkritik“. Was diese Form allerdings eingebüsst hat, ist ihre Realität.

Die Geschwindigkeit, mit der dieses grösste Potemkinsche Dorf aller Zeiten in sich zusammengefallen ist, hat zugegebenermassen auch uns überrascht und in eine etwas unangenehme Situation gebracht. Die atemberaubende Rasanz der realen Entwicklung in Osteuropa hat unverschämterweise keinerlei Rücksicht auf unsere Publikationsplanung genommen. Während wir noch damit beschäftigt waren, die logische Widersinnigkeit eines „geplanten Marktes“ grundsätzlich herauszuarbeiten und diesen zentralen Aspekt in unseren theoretischen Fahrplan zu integrieren, zog die sozialistische Realabsurdität vorab schon die Konsequenz aus unserer analytischen Anstrengung und löste sich präventiv in Wohlgefallen auf. Von dem kontinental angelegten Experiment, ausgerechnet den Markt, den exponierten Ausdruck eines blinden, bewusstlos gesellschaftlichen Zusammenhangs, bewusst organisieren zu wollen, existieren heute, nach sechs Jahrzehnten stets strebenden Bemühens, nur mehr rauchende Trümmer. Die contradictio in adjecto einer bewussten Handhabung der Ware-Geld-Beziehung hat historisch abgedankt. Die lange schon heillos zerrüttete Ehe von Plan und Markt ist endgültig geschieden.

Dieser praktische Bankrott des Realsozialismus, das überraschend schnelle Ableben des Kritikgegenstandes, hat unsere kritische Analyse deshalb aber keinesfalls überflüssig gemacht. Im Gegenteil, sie war noch nie so notwendig wie heute. Die Unhaltbarkeit der realsozialistischen Reproduktionsform liegt zwar in ihrer kruden Faktizität offen zutage, die Gründe dieser Niederlage verschwinden dagegen hinter einer dichten ideologischen Nebelwand. Während der versinkende Realsozialismus eine Flutwelle von bedrucktem Papier ausgelöst hat, fehlen bislang in der öffentliche Debatte auch nur Ansätze einer befriedigenden Analyse der Funktionsweise und des Zerfalls der osteuropäischen Nachkriegsgesellschaften vollkommen. Stattdessen münzen die vereinigten Ideologen die Demontage im Osten kurzerhand in die blanke Affirmation der marktwirtschafltichen Ordnung um. Die ökumenische Trauergemeinde aus West und Ost versammelt sich vor den sozialistischen Ruinen teils ratlos, teils triumphierend, und alle zusammen singen sie, noch vom Donner betäubt, den Marktwirtschaftschoral. Die Quintessenz lautet einhellig: das westliche Modell hat gesiegt, ohne Markt geht es halt doch nicht.

Wie kurzschlüssig diese Reaktionsweise ist, wird klar, wenn wir die modellplatonische Ebene, auf der sich die landläufige Debatte mit Begeisterung herumtreibt, hinter uns lassen und uns der Analyse der realen Weltmarktbeziehung und ihrer Entwicklungstendenzen zuwenden. Die Krise des Realsozialismus steht nicht für sich allein, sie ist selber nur ein Moment der Krise des warenproduzierenden Weltsystems überhaupt. Wenn Anfang der 80er Jahre die Weltmarktkrise für die 3. Welt akute Formen annahm, wenn zum Ende des Jahrzehnts die osteuropäische Scheinalternative in sich zusammenklappt, so verweist diese Stufenfolge keineswegs auf die künftige Stabilität der Metropolen. Der von der Geldbeziehung gesetzte globale Zusammenhang reisst zwar zunächst an seinen schwächsten Gliedern und fegt zuvorderst die abweichenden Spielformen von der historischen Bühne, aber nur, um zu guter Letzt auch auf das Zentrum durchzuschlagen. Wenn der Brontosaurus auch den aussterbenden Ichthyosaurus momentan überlebt, so kündet dieser „Erfolg“ in der Evolutionsgeschichte nicht von dessen eigener Unsterblichkeit, sondern nur vom Aussterben der ganzen Art.

Dieser ketzerische Gedanke findet im oppositionellen Lager wenig Gegenliebe und fällt bei allen Fraktionen durch die vorhandenen ideologischen Raster. Der eine Flügel der Linken zieht seine Identität daraus, das schlechte Gewissen der Nation zu spielen, beschäftigt sich damit, ein fiktives „Viertes Reich“ an die Wand zu malen und die Machenschaften „des Kapitals“ ein ums anderemal zu entlarven. Zu dieser Übung steht natürlich jeder Ansatz, der von einer objektiven Krise des Kapitals ausgeht, quer. Die andere Hälfte der Linken hat längst ihren Frieden mit den bestehenden Verhältnissen gemacht und nimmt die Entwicklung in Osteuropa nur zum Anlass, sich der eigenen Kapitulation nochmals zu versichern. Entsprechend fallen die Misstöne aus, die dieses apologetische Unternehmen begleiten. Niemand intoniert das hohe Lied der sich frei entfaltenden Ware-Geld-Beziehung so verbiestert wie die enttäuschten Liebhaber der „sozialistischen Warenproduktion“. Nachdem sich das libidinös besetzte Konstrukt „geplanter sozialistischer Markt“ gründlich erledigt hat, werfen sie sich wild entschlossen in die starken Arme der Marktwirtschaft westlicher Prägung und verbieten von vornherein jeden Gedanken, der über den Scheingegensatz von Plan und Markt hinausführt, als unanständig 1.

Phänotypisch sind in diesem Zusammenhang die Reaktionen auf den Beitrag „Sozialismus als Auslaufmodell“ von Robert Kurz, der in der Märznummer von „Konkret“ als Replik auf einen Artikel von Kurt Hübner (Konkret 1/90) erschien. Konfrontiert mit dem Gedanken, das Scheitern des Realsozialismus wäre das Scheitern der Fortschreibung von Ware-Geld-Beziehungen unter „proletarisch“ gewendetem Vorzeichen, verfällt der Prokla- und taz-Redakteur Kurt Hübner bei seiner Antwort (Konkret 4/90) sofort in blinde Hysterie. Er deutet das Insistieren auf eine Kritik geldförmiger gesellschaftlicher Vermittlung als „Einladung zur Barbarei“ (so der Titel seiner Antikritik) und entblödet sich nicht, die Abschaffung der Ware-Geld-Beziehung als „stalinistische Regression“ zu identifizieren, als ob nicht gerade Stalin schon prophylaktisch die „bewusste Handhabung“ der Geldbeziehung gegen alle „Phantasten“, die von der Abschaffung des Geldes hätten fabulieren können, zum Nonplusultra sozialistischer Reproduktion erklärt hätte. In die gleiche Kerbe schlägt Joachim Bischoff, der es – u.a. gegen denselben Artikel von Robert Kurz argumentierend – in der Aprilausgabe der Zeitschrift „Sozialismus“ sogar fertigbringt, die Marxschen „Grundrisse“ als Bekenntnis zur Notwendigkeit von Marktbeziehungen und geldförmiger Vermittlung zu lesen. Diese von einem theoretischen Standpunkt aus nur noch lächerlichen Abgesänge haben offen gesagt sogar unsere kühnsten Erwartungen übertroffen. Statt eine ernsthafte theoretische Auseinandersetzung aufzunehmen, reagieren die akademischen Restmarxisten, sobald sie in ihrer Froschteichruhe aufgestört werden, nur mehr spinal und versuchen sich als Exorzisten. Die letzten Erbverwalter des Marxismus betreiben nur mehr Schindluder mit der einst stolzen marxistischen Theorie.

In diesem Zusammenhang überrascht es sicher, dass diese Ausgabe unserer Zeitschrift nicht mehr unter dem alten Titel „Marxistische Kritik“ erscheint. Wenn alle Welt sich von Marx verabschiedet und in Marxens Namen vornehmlich unfreiwillige Büttenreden fabriziert werden, läge es scheinbar nahe, unseren Bezug auf den revolutionären Gehalt der Marxschen Theorie auch dadurch herauszustellen, dass wir am Begriff „marxistisch“ im Namen festhalten. Und in der Tat, die Koinzidenz zwischen der durch den realsozialistischen Kollaps ausgelösten Massendesertion vom alten marxistischen Banner und unserer Umbenennung ist wenig glücklich. Dies ändert aber nichts daran, dass die Logik unserer eigenen theoretischen Entwicklung uns längst zu einem Punkt geführt hat, an dem die Beibehaltung des Wörtchens „marxistisch“ als Selbstcharakterisierung vollkommen irreführend geworden ist; mit dem Gedanken einer Namensänderung schlagen wir uns mittlerweile schon gut 2 Jahre herum. Wir haben ja schon früher mehrfach darauf hingewiesen, dass unser Versuch, die revolutionäre Sprengkraft der Marxschen Theorie herauszuarbeiten, gerade die radikale Kritik des „Marxismus“ einschliesst. Unsere Abgrenzung begnügt sich nicht damit, die eine oder andere Spielform des Marxismus als unzureichend zu verwerfen. Mit unserem Versuch, eine Kritik der modernen bürgerlichen Gesellschaft auf der Höhe der Zeit zu formulieren, haben wir uns vielmehr inzwischen aus dem überlieferten marxistischen Denkuniversum in toto hinauskatapultiert. Gerade weil wir den von Marx mit der Analyse des Warenfetischs geknüpften roten Faden weiterspinnen wollen, müssen wir die Färbung beseitigen, die die Kritik der politischen Ökonomie in der Rezeptionsgeschichte erhalten hat. Da wir uns längst nicht mehr unter dem „Banner des Marxismus“ vorankämpfen, sondern diesen einstigen Prachtbau ziemlich gründlich in die Luft gejagt haben (der vorerst letzte Höhepunkt war wohl der Artikel „Der Klassenkampffetisch“ in der „MK“7), wäre es ein reines Verwirrspiel, uns weiterhin an einem historisch gewordenen Namen festzuklammern. Wenn unsere neue Titelgebung vor dem Hintergrund der akuten ideologischen Verwerfungen Missverständnisse erzeugen kann, so ziehen wir es noch vor, wegen der Änderung in einen absurden Wendehalsverdacht zu geraten, als die Rolle der letzten Mohikaner einzunehmen, die nach wie vor in Treu und Redlichkeit zum alten Marxismus stehen. Dass mit der Namensänderung kein inhaltlicher Bruch verbunden ist, sondern die „KRISIS“ den wertkritischen Ansatz weiterverfolgt, wollen wir durch das Fortschreiben der Numerierung deutlich machen.

Warum nun aber ausgerechnet der Name „KRISIS“? Eine Anbiederung an den Zeitgeist, der überall Krisen erspäht, auch wenn er diese Erkenntnis vergeblich im Sektglas zu ertränken sucht? Eine Beschwörung apokalyptischer Endzeitvorstellungen? Ein Umkippen in kulturpessimistische Resignation und Defätismus? Oder umgekehrt, eine Neuauflage revolutionären Attentismus angesichts der allmächtig erscheinenden Objektivität geschichtlicher Entwicklung, die ein subjektives Eingreifen überflüssig macht?

Kein Zweifel, der Begriff „Krise“ hat Konjunktur, und dies nicht erst seit gestern. Dass dies nicht nur eine modische Erscheinung ist, liegt auf der Hand. Überflüssig, hier die Allgegenwart von Krisenerscheinungen zu belegen: Krise der Familie, Krise der Umwelt, Krise der Identität, Krise der Staatsfinanzen etc., die Phänomene sind geläufig. Das moderne Individuum hat scheinbar gelernt, damit zu leben. Je weiter sich die Krisenerscheinungen verallgemeinern, je mehr das Wort „Krise“ zum Bestandteil des Alltagsvokabulars geworden ist, desto weniger Schrecken scheint von ihm auszugehen. Was einem auf Schritt und Tritt begegnet, daran stösst man sich nicht mehr, das gehört zum Leben wie der morgendliche Werbefunk vor den 8-Uhr-Nachrichten.

Selbst noch auf der Mikroebene der unmittelbaren zwischenmenschlichen Beziehungen scheint sich das moderne Subjekt mit geradezu mittelalterlichem Fatalismus seinem Schicksal ergeben zu haben. Krisen sind keine zentralen biographischen Einschnitte mehr, Zuspitzungen in der Persönlichkeitsentwicklung, die einen grundsätzlichen Reflexions- und Wandlungsprozess auslösen; sie markieren nicht den Übergang von einer Lebensphase in die nächste, sondern haben sich zum Dauerzustand verfestigt. Wo eine Beziehungskrise die nächste ablöst und eine „Sinnkrise“ nach kurzer Unterbrechung in die nächste mündet, da erübrigt sich jede substantielle Entscheidung. Die Reaktionsweisen werden stereotyp, reflexartig und verharren bewusstlos an der Oberfläche. Der Partnerwechsel, die Aufnahme eines Zweitstudiums, der Kauf einer neuen Wohnungseinrichtung, dies alles ist unschwer als Ersatz für wirkliches Handeln zu erkennen. Wozu wirkliche Anstrengungen auf sich nehmen, wenn ein Ausweg ohnehin nicht erkennbar ist?

Was für die Ebene des Subjekts gilt, trifft in noch viel höherem Masse für die Makroebene des gesellschaftlichen Prozesses zu. Keines der grundlegenden Probleme, an denen sich die Protestbewegungen der letzten zwei Jahrzehnte entzündeten, ist einer ernsthaften Lösung auch nur näher gekommen. Ganz im Gegenteil. Über die Zuspitzung der Klimakatastrophe und die beschleunigte Verelendung der Dritten Welt, um nur zwei zentrale Themen zu nennen, berichtet mittlerweile jede Fernsehillustrierte. Aufklärung ist nicht mehr angesagt. Der Zeitgeist weiss Bescheid. Achselzuckend nimmt er hin, was sich nicht ändern lässt, so wie man sich einer Naturkatastrophe ergibt. Nur scheinbar ist die no future- Mentalität einem allgemeinem Zukunftsoptimismus gewichen. Die Tünche dieses in Meinungsumfragen konstatierten Gesinnungswandels ist dünn und schon beim genaueren Hinsehen erkennt man darunter das wahre Gesicht des modernen Individuums: die Fratze der nackten Angst.

Und diese Angst ist nicht unbegründet. Was uns bevorsteht, wovon wir hier im Epizentrum der weltweiten Erschütterung, die in anderen Weltgegenden bereits katastrophale Verheerungen angerichtet hat, bisher nur eine leichte Ahnung verspüren, ist tatsächlich eine knallharte Krisenepoche. Eine ganze Epoche wohlgemerkt, die sich durchaus über ein paar Jahrzehnte hinziehen kann und deren Ausgang keineswegs sicher ist. Nur eines lässt sich prognostizieren: Am Ende wird mit Sicherheit kein neuerstarkter Kapitalismus aus ihr hervorgehen, wie überhaupt keine Gesellschaft auf der Grundlage des Werts, denn diese Grundlage ist es, die zerbricht. Die allumfassende Krise ist nicht irgendeine, sondern die Krise der warenproduzierenden Gesellschaft schlechthin. Die merkwürdige Erstarrung angesichts ihrer Erscheinungen, die gespenstische Schicksalsergebenheit, die sich in den letzten Jahren nach der vorangegangenen Phase hektischen Bewegungsaktivismus breitgemacht hat, sie erklärt sich daraus, dass alle vorgetragenen „Lösungsmodelle“ nie explizit (wenn auch zum Teil durchaus implizit) die Warenform selbst in Frage gestellt haben und daher letztlich scheitern mussten. Dem in der Wertform befangenen Bewusstsein muss sich dies als das Scheitern jeglicher Lösungsmöglichkeit überhaupt darstellen. Krise gerät zum Synonym für Apokalypse und darf daher nicht gedacht werden.

Der ursprüngliche Gehalt des Wortes „Krise“ verweist jedoch auf einen ganz anderen Zusammenhang. „KRISIS“, das heisst im Griechischen soviel wie „Entscheidung, auch Unterscheidung“ und stammt von dem Verb „krinein = sich entscheiden, prüfen, von daher auch >Kritik2. Im klassischen Drama ist „KRISIS“ die Zuspitzung des dramatischen Konfliktes, die eine Entscheidung des Helden herausfordert, welche den Umschwung der Handlung einleitet. Und in Medizin schliesslich bezeichnet „KRISIS“ den Höhepunkt des Krankheitsverlaufes, an dem eine entscheidende Wendung (zur Besserung oder auch zum Exitus hin) erfolgt. Die gemeinsame etymologische Wurzel der Begriffe Krise und Kritik verweist auf deren logischen Zusammenhang. Die radikale Neuformulierung revolutionärer Theorie setzt weder voll Gottvertrauen auf den automatischen Zusammenbruch, noch tritt sie im Namen hehrer Prinzipien gegen das in sich wasserdichte schlecht Faktische an 3. Zuspitzung eines unhaltbar gewordenen Zustandes und seine Auflösung fallen zusammen. Die Krise macht subjektive Entscheidungen nicht überflüssig, sondern fordert sie geradezu heraus, sie schafft aus sich selbst heraus keine Fakten, sondern setzt Potentiale frei, die genutzt werden können – oder auch nicht.

Indem die gegenwärtige Krise die Grundfesten der Wertproduktion erschüttert, eröffnet sie damit erstmals auch die Perspektive auf eine bewusste Vergesellschaftung. Aber eben nur der Möglichkeit nach. Wenn der Kommunismus die bewusste Regelung aller menschlichen Angelegenheiten auf der Basis des Zugriffs aller Individuen auf den gesellschaftlichen Zusammenhang ist, muss die Revolutionierung des Wertverhältnisses bereits die Züge dieser Bewusstheit tragen. Die Krise des Werts bringt, indem sie alle bisherigen Formen auflöst, aus sich heraus alle potentiellen Elemente einer revolutionären Subjektivität hervor. Die reale Konstituierung des betreffenden Bewusstseins erfolgt jedoch keinesfalls automatisch. Die Mühen des Begreifens, die je individuelle Entscheidung für die Arbeit am revolutionären Prozess, können niemandem abgenommen werden. Diesen Zusammenhang scheint uns der neugewählte Titel „KRISIS“ angemessen auszudrücken.

Den neuen Namen weihen wir mit einer Doppelnummer ein. Dies hat seinen Grund darin, dass wir uns aus gegebenem Anlass ausführlich dem Realsozialismus und seinem Ableben widmen wollten, andererseits aber die aufgrund einer relativ langen Pause seit der letzten Nummer aufgelaufenen Beiträge zu anderen Themen nicht unter den Tisch fallen sollten. Damit ist diese Ausgabe umfangreicher als alle vorangegangenen ausgefallen (wir haben jetzt eine um etwa 15% engere Schrift, die aber unserer Ansicht nach lesefreundlicher ist); wir hoffen, auch dies rechtfertigt den für eine Doppelnummer eher moderaten Preis von 14,- DM. Im übrigen ist dies die erste Ausgabe, die wirklichen Zeitschriftencharakter besitzt. Die Beiträge sind knapper gehalten und haben einen meist „aktuelleren“ Bezug. Dies wird nicht immer durchgängig der Fall sein können, weist aber die Richtung, die unser Projekt „KRISIS“ einschlagen soll.

Im Mittelpunkt dieser Doppelnummer steht, wie nicht anders zu erwarten, die Auseinandersetzung mit dem Dahinscheiden des Realsozialismus und den ideologischen Reflexen darauf. Den Reigen eröffnet Robert Kurz mit seinem Artikel „Deutschland, einig Irrtum“. Angesichts des Konkurses von VEB Ostdeutschland demontiert er den Popanz künftiger grossdeutscher Übermacht. Der Anschluss des „Mezzogiorno im Osten“ stärkt keineswegs die Stellung des Exportvizeweltmeisters BRD, sondern trägt die Weltmarktkrise mitten ins Herz der Metropolen.

Johanna W. Stahlmann führt uns in ihrem Artikel „Die Quadratur des Kreises“ in die verquere Logik der „Planung des Marktes“ ein. Sie analysiert die Mechanismen der „bewussten Anwendung des Wertgesetzes“ und weist nach, dass diese den Gegensatz von einzelbetrieblichen Sonderinteressen und abstraktem Gemeininteresse keinesfalls ausschalten, sondern in der kontraproduktiven Form „negativer Konkurrenz“ reproduzieren.

Ernst Lohoff viviseziert in seinem Beitrag „Das Gorbi-Syndrom“ die Aspekte des Phänomens Gorbatschow. Er untersucht die Funktion des Generalsekretärs als ideellen Gesamtdemokraten des erschlafften demokratischen Bewusstseins im Westen. In Gorbatschows Exekutierung historischer Zwangsläufigkeiten, der Beseitigung der letzten Rückständigkeiten in Sachen Demokratie, kann dieses Bewusstsein sich ein letztes historisches Mal offensiv vorkommen. Gorbatschows Tragik ist, dass er ein paar Jahrzehnte zu spät kommt. Er markiert gleichzeitig den Abschluss des ideologischen Zeitalters im alten Sinne und den Übergang zur Epoche allgemeiner Notstandsverwaltung.

Mit den ideologischen Reflexen der Linken, vor allem des linksakademischen Kartells, auf den Zusammenbruch des ehemaligen Ostblocks beschäftigt sich Robert Kurz in seinem Artikel „Aschermittwoch des Marxismus“. Ganz in den Kategorien bürgerlichen Denkens befangen, erscheint diesem Kartell des akademischen Restmarxismus der gescheiterte Versuch, das Wertgesetz administrativ zu regulieren, als Beweis dafür, dass es ohne den „Markt“ nun mal nicht gehe. Wer es dennoch wagt, die Ware-Geld-Beziehung selbst in Frage zu stellen, gerät in den Geruch des Obszönen und wird systematisch ausgegrenzt. Robert Kurz nimmt die zentralen Standardvorwürfe gegen eine solche Position, wie den des „rohen Unmittelbarkeitskommunismus“, auseinander und weist gleichzeitig nach, dass die neuerdings von Linken vielbeschworene „Rationalität des Marktes“ von einem konkret-stofflichen Standpunkt aus keinesfalls rational ist, sondern im Gegenteil zunehmend zerstörerisch wirkt.

Den Abschluss dieses thematischen Blocks bildet der Beitrag von Robert Schlosser „Das Scheitern des >Sozialismus< und die Chancen eines >neuen Anfangs<„. Er kommentiert die Auseinandersetzung zwischen Robert Kurz und seinen linksakademischen Kontrahenten Kurt Hübner und Joachim Bischoff von einer unserer Position kritisch gegenüberstehenden Warte aus und fordert eine grundsätzliche Diskussion über den Begriff des Sozialismus ein. Dabei hält er daran fest, dass Sozialismus die Sprengung des Wertverhältnisses voraussetzt, prophezeit diesem aber noch eine längere Blütezeit in Form neuer kapitalistischer Akkumulationsschübe. Diese werden zwar nicht reibungslos über die Bühne gehen, sprich unterbrochen sein durch zyklische Krisen, eine Endkrise des Kapitals zeichnet sich aber erst in ferner Zukunft ab. Für die Zwischenzeit setzt Schlosser auf die Entfaltung „gebrauchswertorientierter“ Bewegungen und Forderungen (Arbeitszeitverkürzung, Geschlechterverhältnis etc.).

Dagegen spricht allerdings, wie Ernst Lohoff in seinem Artikel „Die Inflationierung der Krise“ darlegt, schon die auffällige Gleichzeitigkeit von Krisenphänomenen auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Gefüges. So richtig der Gedanke einer Vermittlung radikaler Wertkritik mit realen „gebrauchswertorientierten“ Ansätzen in der Gesellschaft auch ist, diese Ansätze und Bewegungen stehen immer schon im Kontext der eben nicht erst in ferner Zukunft aufscheinenden akuten Krise der Wertform. Die Krise der Wertvergesellschaftung ist keine bloss ökonomische Überakkumulations- oder Unterkonsumtionskrise im landläufigen Sinne, sondern rüttelt an den Grundfesten aller vom Wert konstituierten Verhältnisse, tritt also überall in Erscheinung. Gerade durch diese Allgegenwart hat aber eben der Begriff „Krise“ im Alltagssprachgebrauch jegliche Kontur verloren. Ernst Lohoff arbeitet das qualitativ Neue an der gegenwärtigen Krisenepoche heraus und zeigt den Unterschied zwischen den historischen Durchsetzungskrisen der kapitalistischen Verkehrsform und der strukturellen Endkrise warenförmiger Produktion selbst auf.

Nuno Tomatzky beschäftigt sich in seinem Aufsatz „Die Wissenschaftsfabrik entlässt ihre Kinder“ mit den Hintergründen der fast schon wieder vergessenen studentischen Bewegung des Wintersemesters 88/89. Die Vollendung der technokratischen Wissenschafts- und Bildungsmaschinerie hat einerseits jeglichen Spielraum für „Demokratisierung“ und „Studienreform“ beseitigt, andererseits hat sie mit der Besonderheit studentischer Existenzweise aufgeräumt. Die Universität bietet ebensowenig wie die Jobs, auf die sie vorbereitet, noch Raum für wirkliche Identifikation. Sie produziert zum einen massenhaft gleichgültige Karrieristen, zum anderen einen breiten Bodensatz entkoppelter Intelligenz, der ideale Wachstumsbedingungen für wirklich fundamentaloppositionelles Bewusstsein bietet.

In seinem Beitrag „Unkritische Theorie“ rezensiert Udo Winkel das im zu Klampen-Verlag erschienene Buch gleichen Namens. Er würdigt die dort entfaltete Kritik an Habermas, weist aber nach, dass die Kritiker selbst in ideologischen Kategorien befangen bleiben und nicht über die alte „Kritische Theorie“ hinauskommen. Die Realität zerfällt ihnen quasi-existentialistisch in Sein und Sollen. Der verdinglichten Wirklichkeit wird mit Hilfe des kategorischen Imperativs die, im schlechten Sinne, abstrakte Möglichkeit einer menschenwürdigen Gesellschaft entgegengehalten, ohne die krisenhafte innere Bewegungsmotorik des kapitalistischen Widerspruchsprozesses als ihr Verwirklichungspotential benennen zu können.

Ebenfalls mit einer Veröffentlichung des zu Klampen-Verlages beschäftigt sich Peter Klein in seinem Artikel „Moralische Kritik oder Kritik der Moral?„, der den Abschluss dieser Ausgabe der „KRISIS“ bildet. Er setzt sich dort mit Christoph Türckes Buch „Die neue Geschäftigkeit – Zum Ethik- und Geistesbetrieb“ auseinander und kommt zu einem ähnlichen Ergebnis wie schon Udo Winkel. Türcke entpuppt sich als scharfsichtiger Kritiker der modischen Wiederbeatmung der Ethik im professionalisierten Sektor der sogenannten „Philosophie“, dennoch bleibt er selbst in moralischen Kategorien befangen. Türckes Texte sind gerade deswegen reizvoll, weil sie die Grenze markieren zwischen bewusstloser Affirmation der bürgerliche Form und dem Versuch, den Schritt über die Philosophie hinaus zu tun. Dieser entscheidende Schritt, der nichts anderes sein kann als die Entfaltung der Kritik der politischen Ökonomie auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Prozesses, wird von Türcke zwar abstrakt eingefordert, aber selbst nicht vollzogen.

Bliebe noch anzumerken, dass die theoretische Zeitschrift „KRISIS“ seit Februar eine kleine Schwester besitzt: die Flugschrift „KRISIS“ im Zeitungsformat. Wir hoffen, dass diese Namensgleichheit keine allzu grossen Verwirrungen – etwa bei Bestellungen – hervorruft (sie können vielleicht durch die jeweiligen Zusätze „Zeitschrift“ bzw. „Flugschrift“ vermieden werden). Die Namensidentität ist deshalb bewusst gewählt, weil wir deutlich machen wollten, dass es sich bei den beiden Publikationen nicht um zwei grundsätzlich verschiedene Projekte handelt, sondern dass beide gewissermassen aus einem Guss sind. Es handelt sich bei der Flugschrift also nicht um eine Art blosser „Popularisierung“ der in der Zeitschrift entfalteten Positionen, sondern wir wollen mit ihr eine Ebene der Publikation erschliessen, die bisher weitgehend ausgespart blieb. Die Aufsätze in der bisherigen „MK“ zeichneten sich überwiegend durch einen sehr grundsätzlichen Charakter aus, der nicht zuletzt der eigenen Selbstverständigung diente. Zwar wollen wir auch hier die Akzente verschieben und die Position weiter entfalten, konkretisieren, Vermittlungen schaffen – zum Teil haben wir ja auch schon damit begonnen; doch soll damit der Charakter als Theoriezeitschrift im engeren Sinne nicht in Frage gestellt werden. Durch ein Nebeneinander von kurzen Zeitungsartikeln mit unmittelbar aktuellem Bezug und grundsätzlicheren Aufsätzen würde aber einerseits dieser Charakter der Theoriezeitschrift in ziemlich disparate Elemente auseinanderfallen, und andererseits ist die „KRISIS“-Theoriezeitschrift auch schon allein wegen des Herstellungs- und Vertriebsaufwandes viel zu schwerfällig, um kurzfristig in laufende Diskussionen eingreifen zu können. Die „KRISIS“-Flugschrift soll also eine Lücke füllen, soll andere und weitergehende Vermittlungen schaffen, ohne dass der theoretische Anspruch aufgegeben würde. Wir sind der Auffassung, dass es eine Aufgabe und Ebene der Theoriebildung für sich ist, die entwickelten Grundsatzpositionen auf akute Fragestellungen der „Erscheinungsebene“ zuzuspitzen, sie daran abzuarbeiten, zu entfalten und zu konkretisieren. Ein Rückbezug auf die grundsätzliche Ebene der Theoriebildung, wie auch umgekehrt, ist damit von allem Anfang an impliziert.

Ernst Lohoff und Nuno Tomazky für die Redaktion

1Im politischen Universum hat das Wörtchen „unanständig“ zwei Synoyme. Das altbewährte und von der Linken exzessiv strapazierte lautet „faschistisch“. Neuerdings ist aber auch die Bezeichnung „stalinistisch“ wieder in Mode kommen, der ebenfalls keinerlei theoretischer Gehalt unterstellt werden darf, sondern die auch nur die Funktion hat, all das zu bezeichnen, was Moral und Sitte verbieten.

2 vgl. Rudolf Vierhaus: Zum Problem historischer Krisen, in: Faber/Meier (Hg.): Historische Prozesse, München 1978, S. 314

3 Auf diese von der Kritischen Theorie inspirierte Konsequenz scheint der von der Zeitschrift „Kritik und Krise“ (ISF Freiburg) vertretene Ansatz hinauszulaufen.