31.12.1991  Beitrag drucken

Brüderchen und Schwesterchen

Ernst Lohoff

1. Verkehrung und Verdinglichung

Der bürgerlichen, auf Warenproduktion und abstrakter Arbeit beruhenden Gesellschaft liegt eine ausgesprochen paradoxe Konstellation zugrunde. Unter bürgerlichen Bedingungen treten die Menschen einander nicht unmittelbar gegenüber und verständigen sich subjektiv über ihren eigenen Zusammenhang; der gesellschaftliche Zusammenhang erscheint stattdessen in Dingen inkorporiert. Die Menschen treten nicht unmittelbar mit ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten in Verkehr zueinander, es sind ihre Produkte, die miteinander kommunizieren und sich austauschen. Das Wesen der menschlichen Subjekte, die Totalität ihrer menschlichen Beziehungen, schlüpft in die toten Dinge und beseelt sie.

Geld und Ware werden zum automatischen Subjekt, schleifen die lebenden Individuen hinter sich her, präformieren ihr Denken und bestimmen ihr Handeln. In den warenproduzierenden Gesellschaften sind es nicht die Menschen, die auf Grundlage wie auch immer gearteter gemeinsamer subjektiver Entscheidungen Produktion, Konsum und überhaupt ihr Leben unmittelbar regulieren. Die von den Emanation des Werts (Geld und Recht) vermittelte gesellschaftliche Beziehung stellt sich hinter dem Rücken der menschlichen Akteure her. Nicht die Menschen bewegen sich souverän und gestaltend durch das wertförmige Universum, umgekehrt, der Wert hantiert souverän mit den Menschen, presst ihr Dasein in sozialkategoriale Schablonen und formt sie nach seinem Bilde zu Charaktermasken. Dieses Schicksal trifft nicht nur die Funktionsträger des Kapitals, es ist so universell wie die Wertform selber. Es schlägt alle Menschen bei der Verfolgung ihrer geldförmig gestanzten Interessen in seinen Bann und sie werden, ob als Manager, Rentner, Konsument oder Arbeiter zu personellen Trägern eines durch und durch versachlichten Verhältnisses.

Die Menschen bekleiden in den warenproduzierenden Gesellschaften unterschiedliche Funktionen. Dieser Unterschied treibt notwendig Gegensätze hervor. Das Lohninteresse des Arbeiters fällt nicht mit dem Interesse des Kapitalisten zusammen, sondern steht ihm, was Lohnhöhe und Arbeitsbedingungen angeht, für gewöhnlich entgegen. Die real existierende Interessenpolarität darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Pole immer schon dem gleichen wertförmig komponierten Universum angehören. Der Kampf der Interessen dementiert das Grundlegende, die Formidentität, nicht, sondern bestätigt sie geradezu. Genauso wie Kain und Abel, so üben auch die vielen Brüder und Schwestern im Gelde nur ihre Brüder- und Schwesterlichkeit aus, wenn sie einander wechselseitig bekriegen und ab und an massakrieren.

Die reale Konkurrenz der Geldinteressen und deren Verlaufsform ändert nichts am verdinglichten Grundverhältnis. Auch wo die miteinander konkurrierenden Marionetten des Werts im Kampf gegeneinander ihr jeweiliges (Geld)interesse geltend machen, hat ihr Handeln nichts unbedingtes an sich, sondern steht immer nur für die Exekution der schon vorausgesetzten Logik des Werts.

2. Historische Fetischformen

Marx hat in seiner Kritik der politischen Ökonomie die Grundlage dieses aberwitzigen Zustands unter der Überschrift „der Fetischcharakter der Ware“ auf den Punkt gebracht. Für gewöhnlich wird der in dieser Begriffswahl angesprochene Bezug auf die archaischen Fetische von Naturvölkern als bloß metaphorisch gemeinte Analogie abgetan – völlig zu Unrecht. In Wirklichkeit hat diese terminologische Anknüpfung durchaus ihre theoretische Tiefendimension. Sie verweist auf strukturelle Übereinstimmungen zwischen der modernen, vom Warenfetisch bestimmten Gesellschaftsformation und archaischen Ordnungen. Die paradoxe Verkehrung subjektiver menschlicher Potenzen zur objektiven Gewalt, die den Kern des Versachlichungs- und Fetischproblems ausmacht, liegt auch vorbürgerlichen Gesellschaftsformen zugrunde, ja sie ist sogar für die gesamte menschliche Vorgeschichte charakteristisch 1. Die berühmte Eröffnungssequenz des „Kommunistischen Manifestes“ läßt sich von der überlebten Klassenkampf-Apotheose reinigen und im Sinne der Kritik der politischen Ökonomie auf die Füsse stellen: Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Fetischverhältnissen.

Die sukzessive Entkopplung von der Instinktgrundlage, der wachsende Bewegungsspielraum der Menschen gegenüber dem Naturprozeß, hat sie keineswegs zu den souveränen Herren ihres kollektiven Geschicks gemacht. An die Stelle der allmählich zurückweichenden Naturschranke rückte seit jeher, und nicht erst mit der Warenform, die allgegenwärtige Tyrannei der „zweiten Natur“. Unabhängig davon ob es verwickelte Blutsverwandtschaftssysteme, das feudale Grundeigentum oder der moderne Warenfetisch waren, die dem menschlichen Zusammenhang jeweils ihren Stempel aufdrückten, die Grundkonstellation blieb dabei immer die gleiche. Unter all diesen Bedingungen waren es nicht Menschen, die sich subjektiv darüber verständigten, wie sie kollektiv ihren Stoffwechsel mit der Natur organisieren wollten; der gesellschaftliche Vermittlungszusammenhang existierte stattdessen als eine übermenschliche Macht, gegen die die lebenden Knechte nicht ankonnten. Das Verhältnis der Menschen zueinander „versteinerte“ zu etwas, das ihnen vorausgesetzt war und ausserhalb der Reichweite von menschlicher Reflexion und menschlichem Handeln stand.

Der lange Weg der Menschwerdung des Menschen beginnt mit dem Totemismus. In den archaischen Gesellschaften verkörpert sich der noch embryonale menschliche Zusammenhang am Totem. Ein Tier, eine Pflanze oder eine Naturerscheinung steht für das Dasein des Clans und vertritt ihn als gleichzeitig gegenständliche und übersinnliche Kraft. Die Clanmitglieder treten in Beziehung zueinander, indem sie sich einem gemeinsamen, von zahlreichen Tabus umgebenen Objekt unterwerfen und seinen Anforderungen nachkommen. Die mythologische Abstammung vom Totem stiftet die ebenso dezidierten wie komplexen blutsverwandtschaftlichen Bestimmungen, die den sozialen Zusammenhang rastern und den Einzelnen ihren Standort zuweisen.

„Die spezifischen Kooperationsformen, die bei der Jagd, dem Fallenstellen, der Rodung, Aussaat, Pflege und Ernte notwendig werden, basieren (in diesen frühen Formen allesamt) auf Verwandtschaftsbeziehungen. Jagdgruppen rekrutieren sich auf der Ebene verwandtschaftlicher Zugehörigkeit; Produktionsgemeinschaften fallen zusammen mit Verwandtschaftsgruppen.“ 2

Der blutsverwandtschaftliche Status regulierte aber nicht nur die Verteilung von Ernte und Beute und der Zugang zu Grund und Boden, er reglementierte darüber hinaus ebenso die religiösen Verrichtungen und Heirat und Ehe. Jeder Lebensaspekt war diesem Rahmen unterworfen und ein Dasein jenseits von ihm war überhaupt nicht denkbar. Auch als die alten totemistischen Vorstellung allmählich verblassten, blieb das blutsverwandtschaftliche Prinzip noch über Jahrtausende ein konstituierendes Kriterium menschlichen Daseins und übte erbarmungslos Gewalt über die Individuen aus. Sie treten nicht als solche in Erscheinung, sondern figurieren als Kettenglieder einer überpersönlichen Generationsfolge. Arno Borsts Resümee trifft nicht allein die von ihm untersuchte frühmittelalterliche Familienstruktur:

„Die frühmittelalterliche Sippenfamilie betrachtete den Einzelmenschen als Glied einer Kette; Geschlechtlichkeit diente dann, soweit sie institutionalisiert wurde, der Fortsetzung dieser Ahnenreihe. Deshalb wurde auf Ebenbürtigkeit des Ehepartners geachtet, weil sich Rang und Wert der Menschen durch das Blut fortpflanzten. An der Eheschliessung hing ausserdem Erhalt und Erwerb von Grundbesitz, also von Macht; auch deshalb stand Geschlechtlichkeit unter schärfster Kontrolle der Sippe und durfte sich nicht frei ausleben, es sei denn in flüchtigem Sinnenrausch ohne Folgen.“ 3

Die Behäbigkeit der historischen Entwicklung vor dem Siegeszug von Warenform und Kapital war wesentlich der Beharrungskraft dieser konservativen, auf die Wiederkehr des Immergleichen gerichteten Syntheseform, geschuldet. Erst nach und nach erlahmte ihr Widerstand. Von den ersten Zivilisationen bis in die Neuzeit hinein erwies sie sich als ausgesprochen elastisch und anpassungsfähig 4. So konnten sich die ersten Schritte über die blutsverwandtschaftliche Ordnung hinaus nur innerhalb des verwandtschaftlichen Musters vollziehen.

„Verlangen die sozialen Verhältnisse eine Erweiterung des Gemeinwesens, die nicht durch natürliche Art und Weise erreicht werden kann, muß das Verwandtschaftssystem die Adaption fremder Individuen ermöglichen, ohne dabei selbst ausser Kraft gesetzt zu werden.“ 56 Auch der Übergang zu den ersten Hochkulturen schmiegte sich noch sehr eng an das totemistische Raster an. Exemplarisch wird die Nähe zum archaischen Totem an der Figur des ägyptischen Pharaos deutlich. Die ägyptische Hochkultur entwickelt die vorgefundene verwandtschaftlich-totemistische Synthese weiter, indem sie sie auf die Person des Herrschers konzentriert.

„…durch Differenzierung der magischen Potenzen und der Übertragung des transpersonalen Totemtiers auf eine spezifische Person kann Herrschaft entstehen. Stier, Löwe und Horusfalke sind ursprünglich Totemtiere, die mit dem Herrscher identifiziert wurden… Das impliziert den Transfer der synthetischen Funktionen des Totemtiers, das Verwandtschaft über eine biologisch-natürliche Familieneinheit hinaus ermöglicht, auf einen einzelnen. Das Kollektiv erfährt seine Einheit personal am ‚großen Einzelnen`.“ 7

„Der Herrscher verkörpert das Ganze. Es ist der Pharao der Kriege gewinnt, die Nilflut erzeugt, die Untertanen am Leben erhält… Die gesellschaftliche Synthesis existiert losgelöst von den Individuen in einem spezifisch definierten Einzelnen.“ 8

Das soziale Beziehungsgeflecht, der reale Reproduktionszusammenhang erscheint am Pharao als eine in dieser Person inkarnierten Bestimmung. Diese merkwürdige Transformation eines gesellschaftlichen Verhältnisses in die Form der personalen Eigenschaft springt beim altäyptischen Herrscher, weil an einem Einzelnen verdichtet besonders drastisch ins Auge. Sie wiederholt sich aber als Grundstruktur ausnahmslos in allen vorbürgerlichen Syntheseformen. Die Menschen verkörpern einander leibhaftig das gesellschaftliche Verhältnis.

Auf der Stufe des archaischen Totemismus setzt sich diese Vereigenschaftung als imaginäre Ähnlichkeit durch. Die Angehörigen des Schildkröten-Clans fühlen sich als schildkrötenhafte Wesen. Die spezifischen Eigenarten des Totems wiederholen sich an den einzelnen Clanmitgliedern 9. Sie bildet in Abgrenzung zu anderen Clans die Grundlage ihrer Gemeinsamkeit und schließt dabei die belebte und unbelebte Natur mit ein.

In differenzierteren Gesellschaften splittet sich selbstverständlich auch der Eigenschaftskosmos auf. Die sozialen Gegensätze sind hier untrennbar an eine strikte Typisierung ihrer menschlichen Träger geknüpft. Jeder sozialen Stellung entsprechen genau bestimmbare, der Personnage unweigerlich zugeordnete Charakterzüge. Zum mittelalterlichen Ritter etwa gehört ein ganzer Rattenschwanz „ritterlicher“ Eigenschaften, nämlich Mut, Trinkfestigkeit, Großzügigkeit, Religiösität, usw. Ebenso gilt für den leibeigenen Bauern ein ungeschriebener aber verbindlicher Verhaltenskodex, der für alle Lebenslagen genau definiert, was ein Bauer zu sein und zu tun hat. Zwischen dem mittelalterlichen Grundherren und seinen Lehnsleuten herrscht dementsprechend keine äusserliche, formalisierbare Beziehung, sondern ein gegenseitiges personales, genauer gesagt archetypisches Verhältnis.

Während unter der Herrschaft des Geld- und Kapitalfetischs der gesellschaftliche Zwang von den empirischen Personen und ihren persönlichen Marotten abhebt und sich in einen Sachzwang verwandelt, bleibt er, solange das Geld nur von embryonaler Bedeutung ist, an den beteiligten besonderen Personen kleben. Erst mit dem Vordringen warenfetischistischer Synthese trennen sich Person und Funktion voneinander, in vorbürgerlichen Formationen sind beide dagegen kongruent.

Dieser qualitative Unterschied darf aber nicht dazu verführen, daß wir uns die archaischen personalistischen Fetischformen als Gegenbild zur bürgerlichen Ordnung und als ein Arkadien unbeeinträchtigter Subjektivität imaginieren. Das Gegenteil ist richtig. Sitte und Tradition unterwarfen die Menschen früher keineswegs weniger streng ihrem Regiment als heute die moderne Tyrannei von Geld und Recht. Die ererbten Gewohnheiten wiesen jedem seinen Platz zu, und individuellen Regungen stand unter diesen Bedingungen noch weit weniger Entfaltungsraum zur Verfügung als in bürgerlichen Verhältnissen. Das gilt auch für die Herrschenden. Wo heute jeder nur seinen Job tut und seine ihm zugeteilte Aufgabe erfüllt, da traf der Hörige noch auf den ganzen leibhaftigen Feudalherrn. Diese Differenz bringt aber noch lange kein Jota Subjektivität in die Beziehung. Es sind die ererbten Gewohnheiten und Rechte und nicht sein subjektiver Herrenwille, die der Verzehrer des Zehnten gegenüber seinem Leibeigenen geltend macht. Erst der bürgerliche Standpunkt, der seine eigene Grundlage, das frei und abstrakte Rechts- und Geldsubjekt als natürliche Grundlage unterschiebt, kann darin a posteriori so etwas wie subjektive Willkür ausmachen. Mit der Realität der vorwertförmigen Epochen hat diese Denkfigur aber auch nicht das Geringste zu tun. In Wirklichkeit waren die Herren in den vorwertförmigen Gesellschaft genausowenig frei wie ihre Knechte. Die Zugehörigkeit zu ihrem Stand herrschte ihnen ein eng umschriebenes Verhaltensrepertoire auf, sie waren nicht durch das kodifizierte Recht gebunden, die normative Kraft altehrwürdiger Rechte und Pflichten war aber keinesfalls geringer 10.

Wenn wir diesen Gedanken festhalten und unsere Ausgangsthese vom fetischistischen Charakter aller bisherigen Gesellschaftsformation ernst nehmen, dann hat das auch, wie sich hier schon abzeichnet, einschneidende Folgen für einen der Grundbegriffe allen bisherigen oppositionellen Denkens, für den Begriff der Herrschaft. Wo sich das unbedingte Willenssubjekt als Fata Morgana, als Rückprojektion der bürgerlichen Vorstellungswelt in die Vergangenheit erweist, wird der alte Universalschlüssel auch für die Analyse vorkapitalistischer Formen fragwürdig.

Die Metamorphose menschlicher Verhältnisse zur objektiven Grösse löscht zwar selbstverständlich die Beteiligung der Menschen an ihrer Geschichte nicht aus. Auch wo Fetischformen regieren, kann Gesellschaft nur als menschliches Handeln existieren; aber, und das ist das Wesentliche, die Individuen üben ihre gesellschaftliche Praxis nicht als selbstreflexive Subjekte aus, sie treten einander stattdessen als Träger und Exekutoren „geronnener Verhältnisse“ gegenüber. Der Gesamtprozeß ist von alters her subjektlos und daher nicht als ein wie auch immer geartetes personales Herrschaftsverhältnis fassbar. Die höheren und die niederen Stände nehmen zwar in den historischen Fetischsystemen unterschiedliche Positionen ein; die einen funktionieren als Exekutoren, die anderen geben das Material ab, an dem das gesellschaftliche Verhältnis vollstreckt wird. Dieser Unterschied konstituiert aber keine unmittelbare Willkürherrschaft, sondern nur die gemeinsame unbegriffene Unterwerfung unter die bornierten historischen Fetischformen 11.

Den Abschied vom Herrschaftsdenken, zu dem uns die Logik der Feitischismuskritik drängt, legt auch die historische Erfahung nahe. Das Marxsche Verdikt von der Geschichte als einer Geschichte von Klassenkämpfen entbehrt über weite historischen Strecken des empirischen Substrats. Der erbitterte Kampf zwischen „Herrschern“ und „Unterworfenen“ ist keineswegs der geschichtliche Normalfall, sondern im Gegenteil die erklärungsbedürftige Ausnahme. Figuren wie Thomas Müntzer oder Spartacus und die dazugehörigen Bewegungen sind historische Raritäten und keineswegs die Regel. Das antiherrschaftliche Aufklärungsdenken konnte sich diese Tatsache nur manipulationstheoretisch erklären, was so viel heißt wie gar nicht. Mit dem Perspektivwechsel hin zur Fetischismusanalyse löst sich das Rätsel. Das blinde Einverständnis in die jeweilige gesellschaftliche Fetischform bindet „oben“ und „unten“ aneinander als Emanationen und sich ergänzende Eigenschaftsträger desselben Verhältnisses.

3. Fetisch und „Patriarchat“

Gesellschaftlichkeit ist gleichbedeutend mit Differenzierung. Wo sich ein grösserer umgreifender Zusammenhang herausbildet, polarisiert und strukturiert sich auch das Menschenmaterial. Das Rudel mausert sich im gleichen Masse zur menschlichen Gemeinschaft, wie sich Syntheseprinzipien herausbilden, die die Stammesmitglieder kategorisieren und die unterschiedlichen Merkmalsträger mit jeweils spezifizierten sozialen Funktionen verknüpfen. Die zugewiesenen sozialen Bestimmungen verkehren sich dabei – wie wir weiter oben schon gesehen haben – unter der Herrschaft des Fetischs zu personalen Eigenschaften. Auf archaischer Entwicklungsstufe fiel das Zuordnungsraster natürlich ausgesprochen grob aus und lehnte sich noch eng an die vorgefundenen biologischen Gegebenheiten an. Im ältesten Sediment fetischistischer Verhältnisse gliedert sich die Stammespopulation zunächst, neben der Einteilung nach dem jeweiligen Totem, denn auch im wesentlichen nur nach zwei weiteren Gesichtspunkten, nach Alter und Geschlecht. Junge und Greise, Frauen und Männer wurden gegeneinander scharf abgegrenzten Daseinsbereiche zugeordnet. Diese Segregation geht zwangsläufig mit der Verfestigung von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ einerseits, und „Jugendlichkeit“ und „Alter“ andererseits, einher. Die krude biologische Differenz plustert sich zum kohärenten Eigenschaftskomplex auf. Die erste Natur wird zur Projektionsfläche der innerhalb der zweiten Natur gesetzten Differenzierungen, die Biologie saugt die soziale Beziehung in sich auf. Obwohl die archaische Geschlechtertrennung keineswegs durch die physiologische Differenz gedeckt ist, erweist sie sich als erstaunlich stabil. Sie reproduziert sich rigoros auch in den nachfolgenden Fetischformen. Noch bei der Untersuchung der ländlichen Verhältnisse im Mitteleuropa des 19. Jahrhunderts konstatieren die Familienhistoriker einen bemerkenswerten Kontrast zwischen der fast kaum entfalteten Arbeitsteilung innerhalb der bäuerlichen Hofgemeinschaft und der starren Segregation weiblicher und männlicher Arbeiten.

„Während der Bauer für alle ihm untergebenen männlichen Arbeitskräfte (Söhne, Knechte, Inwohner, Taglöhner) die oberste Instanz war, unterstanden alle weiblichen Arbeitskräfte der Bäuerin. Innerhalb des ‚männlichen` und des ‚weiblichen` Arbeitsbereichs war aber meist nur geringe Spezialisierung vorhanden. Im Grunde mussten alle als erwachsen geltenden Arbeitskräfte die ihrem Geschlecht zugewiesenen Arbeiten beherrschen.“ 12

Die konsequente geschlechtsspezifische Trennung beschränkte sich dabei nicht auf den unmittelbaren Arbeitsprozess, sie drückte allen Lebensäusserungen ihren Stempel auf 13. Bis ins vorige Jahrhundert hinein existieren auf dem Land neben der männlich dominierten dörflichen Öffentlichkeit ein davon streng geschiedenes weibliches Milieu 14 und selbst die Tischordnung 15 folgt den Geschlechtergrenzen.

Für die in vorbürgerlichen Fetischformen befangenen Zeitgenossen war die Rechtfertigung der zweiten Natur durch die erste wasserdicht und nicht zu erschüttern. Es sind die genau definierbaren weiblichen und männlichen Eigenschaften, die den Geschlechtern ihren gesellschaftlichen Ort zuweisen. Der Blick zurück dementiert – für uns nachgeborene Betrachter – allerdings den „natürlichen“ Charakter der tradierten Geschlechterrollen gründlich. Denn so rigoros auch die Tätigkeitsbereiche innerhalb der jeweiligen Gemeinschaften nach dem Geschlecht spezifiziert wurden, so wenig lassen sich allgemeine Kriterien angeben, was in den traditionellen Lebensformen als Frauen- und was als Männersache zu gelten hat. Die Zuordnung variiert von Region zu Region und erst recht in verschiedenen Epochen. Selbst die körperliche Konstitution gibt hier keinen hinreichenden Fingerzeig. Während in Westafrika die Frau als Schwerarbeiter und allgemeines Lasttier figuriert(e), waren in Europa seit dem Mittelalter gerade all jene Feldarbeiten Männerprivileg, die besonders viel Körperkraft erforderten. Während die Ausübung wesentlicher antiker Kulte ausschliesslich Priesterinnen anheimfiel, blieb Frauen diese sakrale Position in den christlichen Kirchen verwehrt, usw.

Die feministische Strömung hat sich von der Tatsache, daß alle auf Fetischformen beruhenden Formationen, selbst noch die bürgerliche Gesellschaft den Geschlechtergegensatz neu ausgebildet haben, dazu verführen lassen, die Kontinuität des Geschlechtergegensatzes nach Kräften herauszustellen. In der feministischen Interpretation steht dementsprechend das Standardschlagwort „Patriarchat“ für eine überaus populäre Sichtweise, die sich selber als Kritik eines überkommenen, jahrtausendealten Unterdrückungsverhältnisses versteht.

Die negative Beschwörung uralter „patriarchalischer Strukturen“ wirkt aber nur auf den ersten Blick selbstverständlich. Bei näherem Hinsehen erweist sich dieses Theorem als überaus tückisch und ausgesprochen problematisch. Denn, indem der Terminus „Patriarchat“ sich auf das vermeintlich Bleibende konzentriert, relativiert er den realen historische Prozeß zur sekundären Binnenentwicklung. Das Geschlechterverhältnis erscheint antipatriarchalisch beleuchtet als historische Konstante, die in ihrem Wesenskern durch alle bisherigen Umbrüche keineswegs affiziert wird. Real setzt aber das moderne Geschlechterverhältnis nicht einfach die vorkapitalistischen Fetischformen angehörende Geschlechterdifferenzierung fort, sondern es folgt seiner eigenen, von der Warenform komponierten Melodie. Die Trennung der Geschlechter existiert in allen fetischistischen Gesellschaften, sie bedeutet in ihnen aber nicht immer das gleiche. Das bürgerliche Geschlechterverhältnis läßt sich dementsprechend auch nur aus dem Gesamtzusammenhang der bürgerlichen Fetischform heraus verstehen und ist nicht einfach die kontinuierliche Fortsetzung der vergangenen Ausprägungen der Geschlechterbeziehung 16. Das antipatriachale Banner verstellt aber den Blick dafür. Mit dem im Schlagwort Patriarchat immer schon enthaltenen Verweis auf den vieltausendjährigen historischen Vorlauf ist die moderne bürgerliche Form des Geschlechterverhältnisses vor analytischen Zudringlichkeiten erst einmal abgeschirmt. Sie rückt nicht als solche ins Visier, sondern wird nur unter dem Gesichtspunkt der Fortsetzung vorgängiger Formationen wahrgenommen, die dann auch prompt in den modernen wiedererkannt werden 17. Im Stichwort Patriarchat manifestiert sich schon der Drang, die für die entwickelte bürgerliche Gesellschaft charakteristische geschlechtsspezifsche Komponente nicht aus der Gesellschaftsformation abzuleiten, der sie angehört, sondern sie als eine vom Kapitalverhältnis unabhängige, ihm nur äusserlich angepasste Grösse zu behandeln 18.

Der Terminus Patriarchat lockt aber nicht nur wegen seines überhistorischen Beigeschmacks in die Irre. Wer auf dem Boden dieser Losung Theorie betreiben will, landet auch deshalb sehr schnell auf dem Holzweg, weil Patriarchat fatal nach einem unmittelbaren personalen Gewaltverhältnis klingt, das jenseits des Versachlichungszusammenhanges als etwas ihm Zusätzliches und daher Äusserliches angesiedelt scheint 19. Der Terminus Patriarchat steht als Platzhalter für die Willkürherrschaft der Männer über die Frauen. Diese Vorstellung mag einen gewissen propagandistischen Wert haben. Wo sie aber gesellschaftstheoretisch werden will, blamiert sie sich an der Realität der Fetischgestalten. Alle Fetischverhältnisse stellen Mann und Frau einander gegenüber, sie umgreifen dabei aber beide Seiten gleichermassen. Die Männer führen kein patriarchales Willkürregiment, sie exekutieren an den Frauen nur das ihnen selbst vorausgesetzte fetischistische Gewaltverhältnis. Der Zwang, den sie an den Frauen ausüben, hat seinen Urgrund nicht im männlichen Willen, sondern in dem diesen „Herrschenden“ immer schon vorausgesetzten gesellschaftlichen Syntheseprinzip. Das Bild von der „Männerherrschaft“, die sich die Frauen mit Gewalt und List unterworfen haben, taugt zur Analyse der Geschichte des Geschlechterverhältnisses ebensowenig wie die überlieferte Herrschaftsvorstellung überhaupt.

4. Das Geld und die Differenzierung von Eigenschaft und Eigentum

Die archaischen Fetischformen, von den urgeschichtlichen Blutsverwandtschaftssystemen bis hin zur feudalen Ordnung, tragen stark personalistische Züge. Es existieren zwar „Gesellschaftsdinge“, wie etwa der feudale Grundbesitz, sie lassen sich aber nicht unabhängig von ihren Trägern denken. Im Mittelalter kann kein Lehen ohne den dazugehörigen persönlichen Vasallen existieren, und noch bis tief in die Neuzeit hinein verschwimmen Eigentum und Eigenschaft ineinander. Ihre einstige unmittelbare Identität hallt heute noch in der gemeinsamen sprachlichen Wurzel dieser Begriffe nach.

Dem modernen Individuum, das sich im Kult des abstrakten Menschen selber reflektiert, fällt es schwer, sich in der Retrospektive die verflossene Einheit vorzustellen. Für den vorbürgerlichen Menschen war sie dagegen knallharte, nicht hintergehbare gesellschaftliche Realität. Der mittelalterliche Mensch, der sich selbst nur in seiner spezifizierten ständischen Bestimmung als Bauer, Handwerker, Dienstmagd oder Ritter denken konnte, musste die zur jeweiligen sozialen Stellung dazugehörigen sachlichen Attribute als die soziale Fortsetzung seiner Leiblichkeit wahrnehmen. Er konnte sie ebensowenig als bloß äusserliches Besitztum behandeln wie wir unseren Körper. Was für das bürgerliche Individuum eine Selbstverständlichkeit ist, die freie Verfügungsgewalt über sein Eigentum, musste den Altvorderen als obszönes Unding, quasi als Aufforderung zum Handel mit den eigenen Organen aufstossen 20. Nicht nur das vorbürgerliche Grundeigentum und sein Grundeigentümer verschmelzen unweigerlich zu einer Gesamtfetischfigur. Das gleiche Phänomen charakterisiert ausnahmslos alle noch nicht durch das Geld vermittelten Gesellschaftszustände und läßt sich auch etwa am mittelalterlichen Zunftwesen studieren. Der mittelalterliche Handwerksmeister darf sich nur deshalb in den Besitz der ihm notwendigen Werkzeuge setzen, weil er sich die Fähigkeit angeeignet hat, sie auch zünftig anzuwenden. Wer nicht in die Geheimnisse der Zunft eingeweiht ist, der hat auch nicht das Recht, die entsprechenden Arbeitsmittel zu erwerben.

Die für vorkapitalistische Gesellschaften typische enge Verbindung von Eigentum und bestimmten, der Person anhaftenden Eigenschaften und Fähigkeiten hat Marx unter dem Stichwort „die Identität der Arbeit mit dem Eigentum“ thematisiert 21. Diese Verknüpfung reicht aber weit über das Verhältnis von lebendiger Arbeitspotenz und Arbeitsmittel hinaus, sie umgreift im vorbürgerlichen Rahmen den gesamten Lebenszusammenhang. Im Erwerb der zünftigen Meisterschaft z.B. sind nicht nur der Besitz bestimmter Arbeitsmittel und der dazugehörigen handwerklichen Fertigkeiten aneinander gekoppelt, die Etablierung als Meister bedeutet gleichzeitig auch Heiratsfähigkeit und eine entsprechende Position im sozialen Gemeinwesen. Noch drastischer als in der Stadt tritt diese Kopplung auf dem Lande zu Tage. Der west- und mitteleuropäische Bauer konnte erst parallel zur Hofübernahme heiraten, musste es aber auch zu diesem Zeitpunkt. Zum Status des Bauern gehören nicht nur Kenntnisse und Fertigkeiten im Landbau, sondern auch die Eigenschaft des Familienvaters und Gatten.

„Heiraten war in bäuerlichen Kreisen eine unabdingbare Voraussetzung, wollte man in den Besitz eines bäuerlichen Hofes gelangen oder einen von den Eltern übernommenen Bauernhof erhalten. Die Notwendigkeit, gemeinsam mit dem Ehepartner der bäuerlichen Hausgemeinschaft vorzustehen, bestimmte – gleichsam als zentrale sozioökonomische Determinante- den gesamten Umgang mit potentiellen Ehepartnern, mit Erotik und Sexualität.“ 22

Wie am Bauern, so vereinigte sich am vorbürgerlichen Menschen überhaupt sein spezifizierter Besitz, seine besondere zünftige Fertigkeit, sowie seine familiale und öffentliche Existenz zu einem einzigen Eigenschaftskomplex.

Der Gebrauch von konkretem Eigentum zieht auf der Besitzerseite notwendig spezifizierte Anwendereigenschaften nach sich. In der Äquivokation des Terminus „Vermögen“ schwingt die ursprünglich notwendige Entsprechung noch mit 23. Das feudale Grundeigentum läßt sich ebensowenig aus der dazugehörigen genau bestimmbaren Lebensart heraussezieren wie sein bäuerliches Pendant.

Die Entfaltung und schließliche Verallgemeinerung der Warenproduktion wirft dieses Verhältnis gründlich um. Die tautologische Bewegung des Geldes schwingt sich zum universellen gesellschaftlichen Selbstzweck auf und reduziert den konkreten Reichtum zur austauschbaren Darstellungsform abstrakten Reichtums. Wo das Geld regiert, verwandelt es jeden beliebigen Gebrauchswert in den unvollkommenen Stellvertreter seiner selbst, und die von den Besonderheiten des Stoffs aufgeherrschten Gesichtspunkte gelten ihm als im Grunde gleichgültige empirische Verunreinigungen. Das impliziert aber gleichzeitig die Emanzipation geldförmiger Vermittlung von allen spezifizierten Eigenschaften und Fähigkeiten seiner personalen Träger. Das Geld ist das erste und einzige Gesellschafts-Ding sans phrase und verbindet als solches Universalität mit radikaler Entpersonalisierung 24.

5. Warenfetisch und soziologistische Verkehrung

In vorkapitalistischen Formationen, etwa auf der Stufe des feudalen Grundeigentums, verbinden sich, wie wir weiter oben schon gesehen haben, Sache und Person zu einer Gesamtfetischfigur. Die fetischistische Verkehrung der gesellschaftlichen Beziehungen in personelle, den Menschen anhaftende Charaktereigenschaften, überlagert die Verkehrung des sozialen Zusammenhangs zur „Ding-Eigenschaft“. Der Vormarsch der abstrakten Geldbeziehung sprengt diese organische Einheit und setzt an ihre Stelle im Warenfetisch eine durch und durch versachlichte Version von Fetischbeziehung. Das gesellschaftliche Verhältnis versteinert im Geld zur aus allen personalen Eigenschaften und Fähigkeiten herausgelösten, körpergeruchsfreien Sache.

Der fetischistische Kosmos büßt damit aber keineswegs sein personalistisches Element ersatzlos ein. Neben der Verdinglichung sondert sich die Vereigenschaftung des gesellschaftlichen Verhältnisses an seinen belebten Trägern als ein eigenständiges fetischistisches Wahrnehmungsmuster ab. Die Welt bürgerlicher Ideologie, in der eine „falsche Wirklichkeit“ ihr „richtiges“ Bewußtsein findet, ist bipolar strukturiert 25. Die Verkehrung menschlicher Potenzen und gesellschaftlicher Beziehungen zur objektiven transhumanen Gewalt können die im Fetisch befangenen Köpfe nicht denken. Stattdessen zerfällt ihnen die paradoxe Totalität der bürgerlichen Gesellschaft in den dichotomischen Gegensatz von Objekt und Subjekt. Wo das bürgerliche Denken das dinghaft sachliche am Kapitalverhältnis thematisiert, vergißt es, daß es sich dabei um Reflexionsformen einer ganz bestimmten Art menschlicher Beziehungen handelt, und faßt, in Analogie zu den Naturwissenschaften, den gesellschaftlichen Zusammenhang als eine Summe außermenschlicher positiver Größen. Beharrt der bürgerliche Verstand dagegen auf der Tatsache, daß es die Menschen sind, die ihre Geschichte machen, dann kann er alles „Objektive“ nur als bloßen Schein durchstreichen. Er schwadroniert über den Konstitutionszusammenhang hinweg und behandelt die Akteure des Fetischverhältnisses als unbedingte Subjekte.

In diesem soziologistischen Interpretationsraster ergibt sich die gesellschaftliche Wirklichkeit als eine Art von Kräfteparallelogramm, das von den einander widerstrebenden Willensakten sozialer Großsubjekte aufgespannt wird, und der reale Entwicklungstrend stellt sich dementsprechend, ähnlich wie in der klassischen Mechanik, als Resultante her.

Die ausgeblendete Verdinglichung schleicht sich ins soziologistische Denken allerdings durch die Hintertür wieder ein. Weil es die Marionetten des Werts naiv als unbedingte, mit eigenem Willen ausgestattete Subjekte nimmt, muß das soziologistische Wahrnehmungsraster die Gewalt des gesellschaftlichen Prozesses an den personellen Trägern dingfest machen. Es introjiziert die den Menschen immer schon vorausgesetzte Logik in die Funktionsträger und kann den realen Versachlichungszusammenhang, wie er sich im Konkurrenzhandeln der von ihm konstituierten Charaktermasken durchsetzt, nur in spezifische Merkmale, die diesen sozialen Bestimmungen per se anhaften, übersetzen 26. Das alte Eigenschaftsdenken feiert als ideologische Figur fröhliche Urstände und reproduziert sich notwendig auf dem Boden des Ware-Geld-Fetischs. Die gesellschaftlichen Beziehungen nehmen die Form metasubjektiver Eigenschaften an. Aus dem dem Kapital inhärenten Verwertungszwang wird das egoistische Profitinteresse, wenn nicht gar die Profitgier der Kapitalisten. Die Unterwerfung des komplexen, konkret stofflichen Zusammenhangs unter das Regiment abstrakt allgemeiner Vorschriften und Gesetze, eine strukturelle, mit der bürgerlichen Form gesetzte Absurdität, verwandelt sich in die Borniertheit und den allseits entwickelten Unwillen des Amtsschimmels und seiner Paragraphenritter.

Der gesunde Menschenverstand plappert naiv in dererlei Meinungskundgebungen ein allgemeines Strickmuster bürgerlichen Denkens aus. Der unabweisliche Drang zur Vereigenschaftung ist keineswegs seine spezielle Domäne. Die gleiche Verkehrung setzt sich auch im mit theoretischem Anspruch befrachteten Soziologismus unter der Hand durch. Diese reflektierteren Varianten halten zwar an der Differenz von Einzelindividuum und sozialem Kollektivsubjekt fest und schließen die persönlichen Unzulänglichkeiten des Einzelexemplars mit mit den Merkmalen der sozialen Gruppe kurz, der es zugeordnet wird. An der Grundstruktur ändert die Abgrenzung von der summarischen personellen Sammeleigenschaft aber gar nichts.

Der Drang zur Vereigenschaftung gesellschaftlicher Verhältnisse schlägt insbesondere dort verheerend durch, wo soziologistisches Denken nicht beim Beschreiben des Faktischen stehenbleibt, sondern die Übel dieser Welt beklagt. In seiner plattesten Ausprägung, als misanthrope Menschenfreundlichkeit, schiebt es sämtliche Mißstände, die die verrückte fetischistische Form der gesellschaftlichen Beziehungen hervortreibt, den versammelten vereinzelten Einzelnen in die Schuhe. Die charakterlichen Mängel „des Menschen“, in seinem ideellen Durchschnitt, müssen als Ursache aller gesellschaftlichen Fehlentwicklungen herhalten. Mit dieser für Theologen und Bundespräsidenten idealen Weltsicht mag sich die oppositionelle Version des Soziologismus, wo sie radikal und praktisch werden will, nicht so recht begnügen. Sie wehrt sich nachdrücklich gegen die Vereigenschaftung nach dem Gießkannenprinzip, die jeden und damit niemanden trifft. Blind für die Perfidie und Abstrusität der gesellschaftlichen Form kann sie sich aber nicht anders helfen als damit, daß sie die Vereigenschaftung auf besonders herausgehobene Kollektivpersonen konzentriert. Für das Waldsterben ist die „Industrie“ oder der „Autofahrer“ zur Rechenschaft zu ziehen, für die Armut der 3. Welt sind die Multis, deren Strategie und der IWF verantwortlich und für die Frauenunterdrückung selbstverständlich „die Männer“. Diese Schuldzuweisungen müssen immer im Pauschalen und Konkretistischen bleiben. Sie vertragen kein Nachhaken, ansonsten vernebeln sie sich immer mehr. Wo die Soziologisten auf ihren Anwürfen insistieren, können sie nur „Exempel statuieren“, oder ihr redliches Bemühen schlägt gar in willkürliche Sündenbockproduktion um.

Die moderne links angehauchte Gesellschaftskritik steht mit ihrem wenig ersprießlichen Bemühen keineswegs im Gegensatz zu ihren Vorläufern. Schon der gute alte Arbeiterbewegungsmarxismus 27war weit davon entfernt, sich der Verrücktheit des bürgerlicher Zustands zu vergewissern. Die marxistische Gesellschaftsanalyse war stattdessen ihre Lebtag eifrig damit beschäftigt, dessen Paradoxien wegzuglätten. Selber durch ihre soziologistischen Voraussetzungen in den Aporien der bürgerlichen Form gefangen, ging es den Klassenkämpfern ganz bieder darum, die Kapitalistenklasse theoretisch dingfest zu machen. Sie wollten nachweisen, daß die Bourgeosie für alles Elend dieser Welt verantwortlich ist, und daß daher allein deren Sturz der Arbeiterklasse und allen Werktätigen das Heil bringen kann. Das höchste auf dieser Grundlage denkbare Maß an Radikalität besteht denn auch gemäß der klassischen Formulierung von Brecht darin, den Klassenfeind mit „Name und Addresse“ zu benennen und der Bourgeoisie endlich die Maske vom Gesicht zu reißen.

Diese gängige arbeiterbewegte Interpretationsweise ignoriert nicht nur die im Fetischbegriff formulierte Quintessenz der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie, sie stellt deren Logik auf den Kopf. Während die Kritik der politischen Ökonomie vom Wert als der Grundkategorie der bürgerlichen Gesellschaft ausgeht und die Klassen als die erscheinende Oberfläche des Grundverhältnisses bestimmt, verortet der Arbeiterbewegungsmarxismus das Wesen der von ihm kritisierten kapitalistischen Gesellschaft im Gegeneinander sozialer Großgruppen. Als letzter Grund der bürgerlichen Gesellschaft galt ihm durchgängig der Gegensatz von Kapitalisten- und Arbeiterklasse. Die alte Arbeiterbewegung und ihre marxistischen Theoretiker verwandelten die Konkurrenz der vom Wert konstituierten sozialkategorialen Funktionen Lohnarbeit und Kapital in den Zusammenprall unbedingter sozialer Großsubjekte. Die Warenform und die von ihr konstituierten gesellschaftlichen Sphären, u. a. den Staat, behandelte er demgegenüber als die gesellschaftliche Oberfläche, „hinter“ der sich als das „Eigentliche“ der Gesellschaft der Klassengegensatz „verbirgt“ 28.

Das moderne oppositionelle Soziologisieren, weit davon entfernt, sich an dieser verkehrten Sicht einer verkehrten Wirklichkeit zu stoßen, ist sich mit dem verblichenen Marxismus in den Grundrastern einig, und treibt sie als stereotype Enthüllungsmanie weiter. Statt die Existenz von „Sachzwängen“ zum Argument gegen den Aberwitz des bürgerlichen Systems zu wenden, mühen sich die radikalen Linken heute genauso wie ihre marxistischen Vorväter damit ab, den „Sachzwang“ als bloß vorgeschoben zu enthüllen, um die dahinter „versteckten“ Interessen ans Licht zu zerren.

6. Die Entfaltung der Wertvergesellschaftung und die Entwicklung des soziologistischen Denkens

Die Transformation des gesellschaftlichen Zusammenhangs zur personalen und metapersonalen Eigenschaften hat ihre Wurzeln in der bürgerlichen Formbestimmung selber. Die Verkehrung der gesellschaftlichen Beziehungen zu metasubjektiven Eigenschaften wiederholt am belebten Gesellschaftsinventar nur die für die bürgerliche Form grundlegende Verkehrung des Werts zur dinglichen Eigenschaft, wie sie Marx im 1. Kapitel des 1.Bandes des „Kapital“ analysiert hat. Das Eigenschaftsdenken ist damit bereits in der Keimzelle der bürgerlichen Gesellschaft mitangelegt, es gehört quasi zum Chromosomensatz der Warenvergesellschaftung. Als genetisches Material reproduziert sich das soziologistische Eigenschaftsdenken denn auch unweigerlich, solange sich die auf dem Wert beruhende Gesellschaftsformation überhaupt fortwälzt. Das soziologistische Raster läßt sich ideologiekritisch nicht aus der Welt schaffen. Es kann nur zusammen mit den fetischistischen Verhältnissen verschwinden, die es hervortreiben.

Dieser Umstand garantiert ihm allerdings keineswegs eine friedliche, unbeschwerte Binnenentwicklung im Rahmen kapitalistischer Vergesellschaftung. Während der Triumph der bürgerlichen Form die Vorherrschaft soziologistischen Denkens einerseits setzt, macht gleichzeitig die reale Entfaltung der bürgerlichen Gesellschaft das Eigenschaftsdenken obsolet und überführt in immer schnellerem Rhythmus dessen aufeinanderfolgende Spielarten der inneren Kraftlosigkeit. Der Fortschritt des soziologistischen Denkens entpuppt sich bei näherem Zusehen als unaufhaltsamer Erosionsprozeß, und der moderne Soziologismus erweist sich letztlich auch schon innerhalb der modernen bürgerlichen Gesellschaft als ein Fall für den Gerontologen. Der Soziologismus gewinnt heute zombiehafte Züge; er kann nicht leben und kann nicht sterben.

Das Eigenschaftsdenken bedarf, um offensiv und selbstbewußt auftreten zu können, eines entsprechenden empirischen Pendants. Von allen bisherigen Gesellschaftformationen kommt die entwickelte bürgerliche Gesellschaft dem vereigenschaftenden Welterklärungsraster aber am wenigsten entgegen. Wo der Soziologismus sich auf diesen Erkenntnisgegenstand einläßt, betritt er ein für ihn gefahrvolles Terrain voll von Fallstricken und Dementis.

Die unauflöslichen Schwierigkeiten, an denen das soziologistische Denken zerfasert und schließlich scheitert, lassen sich von zwei Seiten her nachzeichnen, einerseits von der Gesamtgesellschaft, andererseits vom Individuum her. Beginnen wir zunächst mit ersterem.

Die soziologistischen Raster wirken plausibel und bringen es zum Gestus universeller Welterklärung, wo sie auf ein relativ einfaches strukturiertes, übersichtliches Gesellschaftsgefüge treffen. Die Übersetzung gesellschaftlicher Verhältnisse in die Eigenschaftsform geht einigermaßen problemlos vonstatten, solange das soziologistische Denken dieses Unternehmen an einigen wenigen, in sich geschlossenen sozialen Großgruppen festmachen kann. Es liegt aber gerade in der Logik des Kapitals, diese Konstellation aufzulösen. Die Scheinmetasubjekte, die in der Lage wären, weitgehend das gesamte Ensemble der gesellschaftlichen Wirklichkeit als Eigenschaft in sich aufzusaugen, stehen am Anfang der bürgerlichen Entwicklung. Sie fallen der Universalisierung geldförmiger Vermittlung zum Opfer.

Die Versachlichung der gesellschaftlichen Verhältnisse setzt sich als Funktionsdifferenzierungsprozeß durch. Die Subsumtion unter die bürgerliche Form zerlegt den Lebenszusammenhang in Einzelsegmente und splittert ihn auf. Das Private trennt sich vom Öffentlichen, der Staat von der Gesellschaft, der Zuständigkeitsbereich geldförmiger Vermittlung vom Reich des abstrakten Rechtes, die Religion von der öffentlichen Gewalt, der Konsum von der Produktion usw. Diese Zerstückelung, die das organische, in sich geschlossene vorkapitalistische Gefüge zersprengt, wirkt aber gleichzeitig im Bezug auf das menschliche Gesellschaftsinventar nivellierend. Die Menschen stehen dem aufgespreizten und verzweigten gesellschaftlichen Zusammenhang zusehends als bloße Geld- und Rechtsmonaden gegenüber und gehen jeder umfassenderen sozialen Sonderbestimmung verlustig. Der Arbeiter ist außerhalb der Fabrik nicht mehr als solcher von vornherein kenntlich, er ist Konsument wie andere auch. Sobald er am Lenkrad seines Fahrzeuges sitzt, sind alle anderen Bestimmungen an ihm ausgelöscht, und er wird als Partikelchen im Massenindividualverkehr wiederum zum Gleichen unter Gleichen, im Stau genauso wie an der Wahlurne. Die Einzelexemplare der Gattung Mensch diffundieren durch eine bunte Sortimentenwelt individueller Angebote und häufen dabei partikularisierte soziale Funktionen auf. Ebensowenig wie der Versuch beliebig zusammengefundenen Puzzleteile ineinander zu zwingen am Ende zu einem schlüssiges Gesamtbild führt, ebensowenig ergibt sich aber aus dieser Aufsummierung ein kohärenter Daseinszuschnitt. In ihrem gesellschaftlichen Dasein erscheinen die Menschen nur mehr als zufällige Schnittpunkte divergierender Sozialfunktionen, und das soziologistische Eigenschaftsdenken hat es dementsprechend ausgesprochen schwer, noch zu einigermaßen intakten Weltbildern zu gelangen. Es verliert seine Konsistenz, weil es ihm nicht gelingt, soziale Gruppen auszumachen, die nicht nur als Träger eines speziellen, abgesonderten sozialen Merkmals herhalten können, sondern zur Introjektion ganzer, verschiedene Lebenssphären umgreifender Merkmalskomplexe taugen.

6.1. Die Blütezeit soziologistischen Denkens

Diese für den Soziologismus mißliche Lage ist allerdings relativ jungen Datums. Während der Triumph der Wertvergesellschaftung die für ein lebenskräftiges soziologistisches Denken notwendige Bedingung ein für allemal zerstört, bietet die kapitalistische Gesellschaft in ihren frühen Stadien dem soziologisierenden Eigenschaftsdenken überreichliche empirische Nahrung. Die Blütezeit des soziologistischen Denkens fällt daher auch folgerichtig in die Anlaufs- und Durchsetzungsphase der Wertvergesellschaftung, oder um zumindest grob zu datieren, ins 19. und beginnende 20. Jahrhundert. In dieser Zeit war die ständische Feingliederung des traditionellen Gesellschaftsgefüges bereits unwiederbringlich dahin oder zumindest im Dahinschwinden begriffen. Die uns so wohl vertrauten und selbstverständlich gewordenen bürgerlichen Dichotomien nahmen zwar bereits feste Konturen an. Dieser mit der Versachlichung der gesellschaftlichen Verhältnisse gekoppelte Differenzierungsprozeß war aber weder an seinem logischen Ende angelangt, noch hatte er aus dem Stand bereits seine eigene Grundlage, den modernen vereinzelten Einzelnen, schaffen können. Auf dem Weg zum abstrakten, atomisierten Individuum entstanden stattdessen – als ein Übergangsphänomen zunächst – große, einigermaßen einheitliche Sozialmilieus, die quer zu den allmählich auseinanderdriftenden Sphären nach wie vor so etwas wie kohärente Unterzusammenhänge bildeten. Der Staat existierte zwar bereits als eine aus der Gesellschaft herausgehobene Einheit, der Zugang zur abstrakten Allgemeinheit war aber noch zugunsten der empirischen Bourgeosie, ja zum Teil sogar noch zugunsten adeliger Kreise limitiert 29. Der Staat trug das Attribut bürgerlich. Dieses Adjektiv zielte aber nicht in unserem modernen Sinne auf die unumschränkte Herrschaft der bürgerlichen Grundform, die sich unabhängig davon durchsetzt, wer jetzt die Staatsfunktion innehat. In dem Zusatz schwang noch die Vorstellung und die Realität eines vom empirischen Bürgertum „besessenen“ Apparates mit 30. Privates und öffentliches Leben durchtränkten sich zwar nicht mehr wie in vorkapitalistischen Formationen zu einer ungeschiedenen Einheit, diese Polarisierung wurde aber erst einmal von einer scharfen schichtenspezifischen Segregationslinie überlagert. Ob der Bürger als Staatsbürger auftrat, sich gesellschaftlicher Interessen-Organisation oder den Kulturgütern zuwandte, oder ob er sich seinem Gartenlauben-Familienleben widmete, all sein Tun hatte eine von anderen Gesellschaftsmilieus strikt unterscheidbare bürgerliche Note. Das gleiche galt vice versa auch für den Arbeiter. Die Bestimmung Arbeiter verwies damals nicht einfach auf die bloße spezifische Gelderwerbsweise, sie konstituierte ein eigenes soziales Universum, das die Existenz dieser Person von der Wiege bis zur Bahre in sich einschloß. Die arbeitenden Schichten entwickelten eine eigenständige Kultur, hatten ein gesondertes proletarisches Freizeitverhalten, bildeten extra Arbeitergesangs- und Sportvereine, versicherten sich in eigenen Sterbekassen.

Der linken Sozialromantik gilt die Existenz dieser separierten Arbeiterkultur als Indiz für ein ehemals vorhandenes revolutionäres postbürgerliches Bewußtsein, und so hat sie tausendfach schon deren Untergang beweint. Genau das Gegenteil ist aber richtig. Die Ghettoisierung und Selbstghettoisierung der Arbeiterschaft verweist einzig und allein auf die in der frühen bürgerlichen Gesellschaft fortexistierenden präbürgerlichen Momente. Die bürgerliche Ordnung war zu Beginn des Jahrhunderts keineswegs schon fix und fertig, und deshalb reproduzierte die bürgerliche Klassengesellschaft im statu nascendi unweigerlich zunächst einmal auf ihrem eigenen Boden Züge einer alle Lebensbereiche umfassenden ständischen Gesellschaftsgliederung 31. Die Kapitalfunktionsträger hatten die Hülle eines „dritten Standes“ noch nicht gesprengt, und auch die Klasse der Verkäufer der Ware Arbeitskraft erblickte erst einmal als „vierter Stand“ das Licht der Welt. Die ständische Unterschiede nivellierende Tendenz setzte sich vorderhand nicht auf der Ebene der Gesamtgesellschaft, sondern vornehmlich innerhalb von gesellschaftlichen Unterabteilungen durch. Das feingliedrige Zunftsystem und das von zahllosen regionalen Varianten und Besonderheiten bestimmte Leben der Landbevölkerung erodierte in Richtung auf wenige millionenfach gelebte soziale Existenzweisen. Aber gerade durch diese strukturelle Angleichung innerhalb des Binnenrahmens traten die sich herausbildenden sozialen Schichten einander vorderhand scharf gegenüber. Nur in dieser transitorischen Phase konnten sie denn auch als ontische Metasubjekte wahrgenommen werden. Das war weder vorher möglich, solange buntscheckige vorkapitalistische Soziotope die soziale Landschaft bestimmten, noch hinterher unter entwickelten bürgerlichen Bedingungen.

Der Arbeiterbewegungsmarxismus ist einer der hervorstechendsten ideologischen Reflexe dieser ganz spezifischen historischen Situation. Seine Blüte fällt dabei gleichzeitig wesentlich mit der Hochzeit des soziologistischen Denkens in eins 32. Im Marxismus wird der Soziologismus selbstbewußt und offensiv, so wie später nie wieder. In ihm erhebt er sich weit über das bloße empiristische Konstatieren und schwingt sich zur Weltanschauung auf. Der Marxismus verabsolutiert nicht nur die als positive Entitäten gefaßten Klassen und ihren Kampf zum Schlüssel aller Welterklärung, er hypostasiert dabei auch konsequent den für die soziologistische Welterklärung idealen Gesellschaftszustand und feiert ihn als eine sich mit eherner Notwendigkeit durchsetzende Zukunftsperspektive: so gehört es zu den Lieblingslehren der marxistischen Orthodoxie, die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft zu proklamieren. Am historischen Horizont sieht sie notorisch ein Gesellschaftsszenario heraufziehen, das nur mehr von zwei Hauptklassen bestimmt wird, der Kapitalistenklasse einerseits und der Arbeiterklasse andererseits. Der Arbeiterbewegungsmarxismus ging davon aus, daß sich alle anderen sozialen Schichten über kurz oder lang dem Spannungsfeld dieses Konflikts gemäß ausrichten würden, soweit ihre Angehörigen nicht früher oder später sowieso ins Proletariat herabgeschleudert würden.

6.2. Die Krise des soziologistischen Denkens

Die reale Entwicklung blieb aber nicht auf der Stufe stehen, die dem orthodoxen Marxismus als empirischer Abstoßungsgrund für seine Vision einer bipolar strukturierten Gesellschaft gedient hatte. Die weitere Entfaltung des Kapitalverhältnisses brachte nicht die von den Marxisten erwartete Teilung der Gesellschaft in zwei einander antagonistisch gegenüberstehende Hauptlager. Stattdessen setzte die Dampfwalze der Wertvergesellschaftung die monotone Allgegenwart der abstrakten Ware- Geldmonade.

Die rigorose Vereinheitlichung des gesellschaftlichen Gefüges in seiner Tiefendimension, die Unterwerfung aller sozialkategorialen Existenzweisen unter die abstrakte Form, fällt mit fortschreitender Funktionsdifferenzierung in eins. Während sich die sozialen Kategorien allesamt zu Emanationen der abstrakten Logik von Recht und Geld purifizieren, zersplittert der soziale Kosmos in tausenderlei einander überlagernde Bestimmungen.

Fixiert auf die Oberfläche des gesellschaftlichen Prozesses und systematisch blind für das Formprinzip, kann das soziologisierende Denken nur die überall wuchernden Bäume, aber nicht den daraus entstehenden Wald wahrnehmen. Die Verallgemeinerung der bürgerlichen Form erscheint ihm dementsprechend als „neue Unübersichtlichkeit“.

Das soziologistische Denken kann auf diese verwirrende Situation innerhalb seines eigenen Rahmens nur mit ungebremster Zellteilung reagieren. Es beginnt auszuwuchern, inflationiert, nimmt mal das eine mal das andere soziale Merkmal heraus, destilliert sich damit soziale Gruppen zurecht und wirft sich auf eine Vielzahl von speziellen Untersuchungen. Es kann sich dabei der Soziologie der Unterschichtshausfrau, des Wechselwählers, des Naturschützers oder der Parteien genauso widmen, wie es sich bei anderer Gelegenheit das Bewußtsein von Menschen in Pflegeberufen, oder das der technischen Angestellten zum Gegenstand nimmt. Eine gesellschaftliche Gesamtschau ergibt sich aus diesen Anstrengungen aber längst nicht mehr. Das soziologistische Denken läßt daher auch diesen Anspruch fahren, ja stellt ihn unter Tabu. Von welchen sozialen Daseinsmerkmalen soziologistische Überlegungen auch immer ausgehen mögen, schon dem Akt der Wahl haftet unvermeidlich Zufälligkeit und Willkürlichkeit an, und der Soziologismus rettet sich aus diesem auf seiner Grundlage unauflöslichen Dilemma in Toleranz und Pluralismus. Da die Soziologie des Schachspielers der des Arbeiters prinzipiell gar nichts voraus hat, verbitten sich die Soziologisten schließlich präventiv jede auf Welterklärung abzielende Intention und ziehen sich in die Mikrologie zurück. 33

Der krebsgeschwürhafte Zerfall des Soziologismus betrifft nicht nur die Makroebene, auf der gesellschaftliche Großtheorien längst als etwas anrüchiges und unanständiges gelten. Sie zeigt sich, wie weiter oben schon angedeutet, genauso auf der Ebene des Einzelsubjekts. Die Übersetzung gesellschaftlicher Verhältnisse in die Form von Eigenschaften, die irgendwelchen Einzel- und Gruppensubjekten anhaften, kann nur dort in sich stimmig wirken, wo die Individuen mit der sozialen Bestimmung, die sie verkörpern sollen, auch eine identifikatorische Bindung eingehen. Genau dieses identifikatorische Moment weicht aber im Lauf der bürgerlichen Entwicklung zusehends auf, und noch nie war es so dünn wie heute 34. Mit der Herausbildung einer Vielzahl eng umrissener sozialkategorialer Bestimmungen wird das Auseinandertreten von Individuum und Sozialkategorie virulent, d.h. diese scharfe Trennung wird zum praktischen Alltags- und Massenphänomen. In entwickelten bürgerlichen Gesellschaften häufen die Individuen soziale Bestimmungen auf, sie sind Autofahrer, Gesangsvereinsmitglieder, Italienurlauber, haben einen Beruf, Sparkonten, Vorlieben für Volksmusik und die SPD, aber all diese Zuschreibungen bedeuten ihnen immer weniger. Das innere Band, das den einzelnen an seine soziale Rolle kettet, wird fadenscheinig und verliert seine Festigkeit. Parallel zur Rollendiversifikation verflüchtet sich auch der identitätsstiftende Gehalt sozialkategorialer Klassifizierungen. Die Menschen sind immer weniger das, was sie „sind“. Jede substanzielle Bindung an die spezifische Art des Gelderwerbs, an die familiäre Rolle oder auch an die eigene Religionszugehörigkeit zerfällt. Dem modernen Individuum ist die innere Distanz zu allem und jedem in Fleisch und Blut übergegangen. Auf die tautologische Nichtigkeit des „Ich bin ich“ zurückgeworfen, mutet dem abgeklärten bürgerlichen Menschen alles Identifikatorische, das nicht im Geldverdienen und Geldausgeben aufgeht, befremdlich, aber auch schon wieder skurril-liebenswert an. In seinem Sinn-Vakuum schwankt er denn auch zwischen allgemeiner Skepsis und dem Versuch, verflossene Sinnzusammenhänge zu imitieren, hilflos hin und her. In der postmodernen Alltagsphilosophie-Weisheit „Du mußt an etwas glauben, an was ist egal“ äußert sich dieses unaufhebbare Dilemma moderner bürgerlicher Existenz, die ihre innere Leere mit beliebig zusammengestellten Surrogatidentifikationen provisorisch zu überbrücken sucht.

Die Inkongruenz von Person und Sozialfunktion ist der bürgerlichen Form inhärent. Es fällt nicht schwer, Keime dieser Differenzierung bereits im Zeitalter der Renaissance auszumachen. Das darf aber nicht dazu verführen, den Kontrast zwischen den frühen Phasen der bürgerlichen Entwicklung und ihrem gegenwärtigen Stadium zu unterschätzen.

Der vorkapitalistische agrarische Produzent war in all seinen Regungen Bauer. Der Fabrikant oder Hauptpostmeister a.D. konnte sich im wilhelminischen Kaiserreich auch noch post mortem von seinem Beruf nicht trennen, und so wurde neben seinem Namen auch noch die Berufsbezeichnung in den Grabstein gemeiselt. Dem modernen Individuum unserer Tage sind derlei Anwandlungen längst fremd geworden. Heute läßt sich niemand mehr als Informatiker oder Studienrätin begraben.

Um ein drastisches Beispiel zu wählen: Ludwig XVI und Consorten „waren“ noch mit jeder Faser ihres Herzens König. Die Institution der Monarchie war in ihre biologische Existenz eingeschmolzen, und wer den Bürger Ludwig Capet von seiner Königsfunktion scheiden wollte, der mußte schon aufs Fallbeil zurückgreifen und das gekrönte Haupt vom Rumpf abtrennen. Wilhelm II konnte bereits abdanken ohne den Kopf zu verlieren. Aber immer war es für ihn, seine Kollegen und Ex-Untertanen noch undenkbar, daß er den Rest seines Daseins als Bürger im eigenen Land hätte fristen können. Ihm blieb nur der Weg ins holländische Exil. Von derart archaischen Zuständen sind wir mittlerweile weit entfernt. Zur „Auslöschung“ selbst eines so aussitzgewaltigen Bundeskanzlers wie Helmut Kohl reicht bekanntlich eine ganz gewöhnliche Abwahl, und es ist völlig gleichgültig, ob der Ex-Kanzler dann Bonn, Oggersheim oder St. Wolfgang als Wohnort vorzieht.

7. Das Elend des Antiherrschaftsdenkens, vom Arbeiterbewegungsmarxismus zum Sozio-Feminismus

Das soziologistische Wahrnehungsraster bringt es angesichts entwickelter bürgerlicher Verhältnisse nur mehr zu schalen und nichtssagendem Resultaten. Seine allgemeine Misere tritt besonders krass an seiner systemoppositionellen Variante zutage.

Für das soziologistische Denken löst sich die gesellschaftliche Wirklichkeit in das Ineinander und Durcheinander sozialer Großsubjekte auf. Wo es dem Status quo nicht wohlwollend oder neutral entgegentritt, sondern mit grundsätzlich kritischer Intention, bleiben die soziologistischen Erklärungsmuster natürlich ebenfalls dieser Grundstruktur treu. Was wechselt, ist nur das Vorzeichen, nicht die Wahrnehmungsstruktur. Was die einen als das „freie Wechselspiel“ der sozialen Kräfte beschreiben wollen, denunzieren die anderen knallhart als hierarchisches „Herrschaftsverhältnis“. Sie scheiden die Gesellschaft rigoros in Unterdrücker und Unterdrückte, in Täter und Opfer.

Das oppositionelle Soziologisieren strebt aber über die moralische Anklage noch hinaus und insistiert auf der prinzipiellen Veränderlichkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse. Es gehört zur Grundüberzeugung jedes antiherrschaftlichen Soziologismus, daß Unterdrückung sich aufbrechen läßt, wenn es nur gelingt, die Gewichte im sozialen Kräfteparallelogramm zugunsten der Beladenen zu verschieben. Die treibende Kraft dieser Veränderung zum Besseren können aber nur die bislang „Unterprivilegierten“ und „Ausgebeuteten“ sein. Im soziologistischen Raster rankt sich der antiherrschaftliche Impuls daher unweigerlich um die Figur des „Unterdrückten“.

Derart ins Zentrum gerückt und zum Angelpunkt der Emanzipation erhoben kann aber der „Zukurzgekommene“ nicht in reiner Negativbestimmung verharren. Das sich gesellschaftskritisch gerierende Soziologisieren fügt sich daher in der Folge nicht nur vollkommen unkritisch ins herrschende Eigenschaftsdenken, es kippt regelmäßig auch in Apologetik um. Alle positiven Eigenschaften dieser Welt werden in die kämpfenden Unterdrückten projiziert. Die im Schatten stehen, verwandeln sich in Lichtgestalten und vereinen in sich alle wahrhaft menschlichen Werte.

Zu Beginn des Jahrhunderts war die Welt des oppositionellen Soziologismus mit seiner Apotheosesucht noch unproblematisch und in Ordnung. Der Marxismus konnte den Interessengegensatz von Kapitalist und Arbeiter zum alles entscheidenden, privilegierten gesamtgesellschaftlichen Wesensmerkmal hochstilisieren. Der proletarische Alleinvertretungsanspruch auf die Position des allseits Geknechteten und daher zu allseitiger Befreiung prädestinierten Sozialsubjekts war unerschüttert. Solange die Arbeitskraftverkäufer als „vierter Stand“ eine exterritoriale Stellung in der Gemeinschaft der freien und gleichen Warenbesitzer innehatten, mußte der Arbeiter auch als das ganz Andere, als die Alternative schlechthin zur bürgerlichen Gesellschaft gelten. Der Proletkult blühte. In der Gestalt des Arbeiters fand die Vision einer neuen Gesellschaft ihre Inkarnation, und niemand stand bereit, dem Proleten diese Funktion streitig zu machen.

Der reale Versachlichungsprozeß zerstörte aber sukzessive dieses Oppositionsidyll. Die Vereigenschaftung der revolutionären Hoffnung unterliegt selbstverständlich der gleichen Erosionslogik, die das Eigenschaftsdenken insgesamt kraftlos und zusehends hinfällig macht. Mehr noch, die systemoppositionelle Variante des Soziologisierens blamiert sich dank ihrer quasireligiösen Beimischungen als erste und nimmt den Zerfall und Kapitulation der gesamten Denkrichtung vorweg.

Der Vormarsch der Wertbeziehung hat den Konkurrenzgegensatz von Kapital und Arbeit zwar nicht beseitigt, dafür entkleidet er ihn aber aller höheren Weihen. Der Zusammenprall von Kapital und Arbeit hat sich aber nicht nur profanisiert, gleichzeitig hat der Siegeszug negativer Vergesellschaftung neue, mindestens ebenso wichtige soziale Interessenkonflikte herausgearbeitet und damit den Gegensatz von Bourgeoisie und Proletariat ein für allemal um seine Monopolstellung gebracht. Wenn heute die Arbeiterinteressen mit denen der Kapitalisten kollidieren, dann hat das nichts herausgehoben und einmaliges an sich, sondern es bricht hierin nur ein banaler Interessengegensatz auf, neben dem tausend andere ebenso banale Interessengegensätze existieren. 35

Dieser Sachverhalt hinterließ in der Entwicklung des neulinken Antiherrschaftsdenkens tiefe Spuren. Mangels theoretischer Alternativen machte sich die Protestbewegung der 60er Jahre, nach fast drei Jahrzehnten Interregnum daran, den verstaubten arbeitersoziologistischen Marxismus wiederzubeleben. Mit dieser Rückwendung zum verblichenen Liebesobjekt „Arbeiterklasse“ konnten die Bewegungsprotagonisten aber die ideengeschichtliche Uhr natürlich nicht wirklich zurückdrehen. Die reale gesellschaftliche Veränderung fand auch an ihrem exponiertesten Träger, der Emanzipationsbewegung selbst, sehr schnell ihren praktischen Niederschlag. In der auf soziologistischer Basis reformulierten Gesellschaftskritik ließ sich kein Übereinkommen mehr darüber erzielen, welcher sozialen Gruppe nun denn die Ehre gebührt, die Doppelfigur des Unterdrückten und revolutionären Subjekts darstellen zu dürfen. Während die letzten Arbeiterbewegungsmohikaner die revolutionäre Mission noch immer dem „Proletariat“ aufnötigen wollten, setzen die anderen längst auf die Bewohner der 3. Welt, die Frauen, oder zur Not auch auf ein Sammelsurium von „Randgruppen“ 36. Der Arbeiterbewegungsmarxismus wurde von den Befreiungsbewegungen des Trikont bedrängt, daneben machte sich das Ungenügen des revolutionären Arbeiterbewegungsmarxismus bewegungsintern auch und vor allem im Aufkeimen einer autonomen Frauenbewegung geltend. Die Frauen insistierten zu Recht darauf, daß neben dem vom traditionellen Marxismus überstrapazierten Klassenkampf auch noch so etwas wie ein Geschlechtergegensatz existiert. Sie protestierten dagegen, daß diese Realitätsebene, vom Marxismus mit dem Etikett „Nebenwiderspruch“ abgetan, faktisch unter den Tisch fällt. Das Welterklärungsmonopol, das die Marxisten im oppositionellen Lager für den Dualismus von Arbeiter- und Kapitalistenklasse beanspruchten, war damit endgültig gebrochen, und gleichzeitig trat mit „der Frau“ ein neues konkurrierendes Emanzipationssubjekt auf die Bühne.

So wichtig und vorwärtstreibend dieser Schritt auch für die reale Emanzipationsbewegung war, theoretisch blieb diese Kritik des altehrwürdigen Arbeitersoziologismus unzureichend, weil selber im soziologistischen Raster befangen. Der feministische Angriff zielte gerade nicht auf den Ausbruch aus dem Bannkreis des Soziologismus ab, er stellte nur energisch die Besetzung der Hauptrollen neu zur Disposition. Der Gegensatz von Mann und Frau, so der Tenor der sich herausbildenden feministischen Position, muß als ein Wesensmerkmal des bekämpften Gesellschaftszustands anerkannt werden, das mindestens den gleichen Stellenwert innehat wie das Gegensatzpaar Kapitalist und Arbeiter. Damit war die Inferiorität der Geschlechterrolle im alten Klassenstandpunktsdenken attackiert, das zugrunde liegende soziologistische Wahrnehmungsraster, die Verkehrung von Wesen und Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft, pflanzte sich aber gerade im feminen Aufbegehren unbekümmert fort. Das soziologistische Grundmuster überlebte, wie im mainstream so auch im oppositionellen, „antiherrschaftlichen“ Seitenarm durch Diversifikation und Zellteilung.

8. Gleichheitssoziologismus

Das soziologistische Eigenschaftsdenken unterscheidet sich von seinen präbürgerlichen Vorgängern in einem wichtigen Aspekt, es reflektiert in sich die für die bürgerliche Gesellschaft charakteristische Trennung von Funktion und Person. Es räumt ein, daß es sich bei den bestimmten sozialen Gruppen anhaftenden Eigenschaften nicht um natürlich-biologische, sondern um gesellschaftlich erzeugte handelt. Wo die soziale Funktion verschwindet, löst sich auch die dazugehörige Eigenschaft in Wohlgefallen auf. Der klassische Marxismus unterstellte die prinzipielle Gleichheit aller Menschen und erwartete, daß sie sich in einer nachrevolutionär,en von jeder Form usurpierter Macht befreiten Gesellschaft, denn auch durchsetzen würde. Er hatte es deshalb nicht nötig, mit der physischen Liquidierung der feindlichen Klasse zu liebäugeln. Er ging davon aus, daß mit der Vergesellschaftung der Produktionsmittel auch das Bourgeoisie-Sein zwangsläufig erlöschen muß. Alle als sozial präformiert erkannten Eigenschaften können nur einen provisorischen Gültigkeitsbereich beanspruchen.

Die im Soziologismus enthaltene Relativierung des Eigenschaftsdenkens machte sich am Marxismus aber nicht nur in der Zukunftsvision einer auf der Gleichheit aller beruhenden sozialistischen Gesellschaft bemerkbar, sie brach sich auch im Bezug auf die kapitalistische Formation Bahn. Der traditionelle Marxismus wußte, zumindest im Prinzip, immer, daß die Rollen von Kapitalist und Arbeiter nicht einfach mit der schieren individuellen Existenz ihrer Träger identisch sind. Die Marxisten betonten zu recht, daß es für das Gesamtverhältnis gleichgültig ist, ob Kapitalisten individuell aufhören Kapitalisten „zu sein“, oder ob Arbeiter nach der ersten Lottomillion bereitwillig ihr Arbeiterdasein an den Nagel hängen. Konsequent zu Ende gedacht macht diese Einsicht das Eigenschaftsdenken überhaupt problematisch. Ein Sozialcharakter, der nicht erst in ferner postrevolutionärer Zukunft abgestreift werden kann, sondern den die Individuen durch die banalen Wendungen ihres persönlichen Geschicks innerhalb der bestehenden Ordnung gegen andere Bestimmungen austauschen können, kann nur sehr bedingt als der Person anhaftende Eigenschaft gedacht werden. Der Arbeitersoziologismus hat diese für ihn gefährliche Perspektive immer nachdrücklich abgewehrt, indem er mit beständig abnehmenden Erfolg versucht hat, gegen die Trennung von individuellem Dasein und Klassendasein den statistischen Durchschnitt, das Normalschicksal, ins Feld zu führen 37. Er war bemüht die real sich durchsetzenden Momente der Vereinzelung und Differenzierung als ideologische Fiktion zu denunzieren und gegen sie das Übergewicht des Kollektivschicksals zu beschwören 38. Die personale Eigenschaft wird zur metasubjektiven vernebelt, die sich nur mehr cum grano salis mit den persönlichen Eigenarten der Individuen deckt.

Der soziologisierende Gleichheitsfeminismus, in den 70er Jahren die Hauptströmung in der Frauenbewegung, bewegt sich mit ausgetauschtem Personal im gleichen Problemhorizont wie der Arbeiterbewegungsmarxismus vor ihm. Sein Ziel ist die Gleichstellung der Geschlechter und das Ende aller geschlechtsspezifischen gesellschaftlichen Benachteiligung. Er klagt die existierende kapitalistische als patriarchalisch an, weil in Sachen Geschlecht die empirische Wirklichkeit vom bürgerlichen Gleichheitsideal abweicht. Das zugrundeliegende sozio-feministische Menschenbild ist androgyn orientiert. Der Geschlechtergegensatz gilt dem Sozio-Feminismus als etwas gesellschaftlich produziertes, und er visiert seine Aufhebung an.

Als eine weitere Spielform von „Antiherrschaftsdenken“ kann der Sozio-Feminismus die Existenz von Geschlechterrollen nur als Unterdrückungsverhältnis fassen. Die geschlechtsspezifische Benachteilung „der Frau“ wird als das Werk „des Mannes“ begriffen und unter diesem ideologischen Vorzeichen angegriffen. Das soziale Wesen „Mann“ verkörpert die „ungerechte“, geschlechtsspezifische Differenzierung innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft. Die Befreiung der Frau wird als Aufstand gegen die männliche Vorherrschaft gedacht.

Im Sozio-Feminismus erlebt das oppositionelle „Antiherrschaftsdenken“ einen Neudurchlauf. Wie bereits der marxistische Arbeitersoziologismus, so wird auch sein jüngeres feministisches Schwesterchen vom Zwang überwältigt, ein „hinter“ der versachlichten Hülle „verborgenes“ persönliches Herrschaftsverhältnis ausmachen zu müssen. Es ist zwar nicht mehr die Herrschaft der Kapitalisten sondern „Männerherrschaft“, die da allenthalben aufscheinen soll, an der Struktur hat sich mit diesem attributiven Wechsel aber gar nichts geändert. Die empirischen Subjekte und ihre Gegensätze werden wie ehedem zum archimedischen Punkt hypostasiert, während das ausgeblendete Konstitutions- und Versachlichungsproblem sich als unüberwindlicher Drang zur Vereigenschaftung der gesellschaftlichen Verhältnisse klammheimlich durchsetzt 39.

9. Die biologistische Wendung, vom Sozio-Feminismus zum Bio-Feminismus

Die enge Verwandtschaft von feministischen und marxistischen Wahrnehmungsrastern ist den Protagonisten feministischer Theorie in ihren Abgrenzungsbemühungen durchgängig verborgen geblieben. Das kann nicht überraschen, wenn wir uns des Vorzeichens vergewissern, unter dem sich die feministische Strömung vom marxistischen Vorvater abgelöst hat. Der feministische Soziologismus kann die strukturelle Ähnlichkeit nicht ausmachen, weil er den vom Arbeiterstandpunktsdenken transportierten Soziologismus nicht einfach nur wiederholt, sondern ihn, gegen den Marxismus gewendet, sogar noch auf die Spitze treibt. Die feministische Theorie kritisiert am Marxismus gerade nicht den Hang zur Versubjektivierung, die marxistische Theorie ist ihr im Gegenteil zu objektivistisch, zu sehr noch auf die versachlichten vermeintlichen Oberflächenformen fixiert! Der Terrainwechsel vom Gegensatzpaar Kapitalist-Arbeiter zum Spannungsverhältnis von „Mann“ und „Frau“ purifiziert das oppositionell gesinnte Eigenschaftsdenken noch weiter.

Der gute alte Klassenbegriff, das Lieblingssteckenpferd des Arbeiterbewegungsmarxismus, entstammt der Kritik der politischen Ökonomie und diese Genesis hinterläßt an ihm ihre Spuren. Auch wenn der marxistische Klassenkampffetischismus eine bemerkenswerte Verdrängungsleistung vollbringt und sich die Funktionskategorie Klasse zum ontologischen Sozialsubjekt zurechtbiegt, so wird doch der Dreh- und Angelpunkt des Marxismus den Schatten von Sachlichkeit nie ganz los, der ihm aus diesem Erbe zufällt. Denn, indem der Marxismus die Dichotomie von Arbeit und Kapital zum zentralen Gegenstand seiner Betrachtungen erwählt, rückte er eine gesellschaftliche Sphäre in den Mittelpunkt, in der die versachlichten Formen des gesellschaftlichen Verhältnisses, Geld und Vertrag, handgreiflich spürbar sind. Auch wenn sie von den Marxisten als Oberflächenphänomen abgetan wurden, so bringen sie doch durch ihr bloßes empirisches Vorhandensein einen Geruch von Unpersönlichem und Objektivem in die marxistischen Erörterungen 40. Genau diese, dem Marxismus von seinen bevorzugten Themen aufgenötigten entpersonalisierenden Beigaben sind es aber, von denen sich die feministische Strömung energisch abgrenzt. Ihrem eigenen Selbstverständnis nach bohrt die feministische Theorie, indem sie sich dem Geschlechterverhältnis zuwendet und das scheinbar nur Private thematisiert, nach dem vergessenen persönlichen Gewaltverhältnis, das in der unpersönlichen ökonomischen Gewalt nicht aufgeht, ihr aber vorgelagert ist. Sie stürzt sich auf ein theoretisches Feld, das dem vom Marxismus schon verwässerten Versachlichungszusammenhang gänzlich enthoben zu sein scheint. Die feministische Theorie rechtfertigt ihre Existenz damit, daß sie eine Sphäre beleuchten will, in der persönliche Herrschaft jenseits von Geld, Vertrag und Gesetz das Szenario bestimmt.

Mit ihrer Hinwendung zum vermeintlichen unmittelbaren Gewaltverhältnis betreibt die feministische Theorie aber nicht nur Soziologismus sans phrase, das soziologistische Denken nähert sich hier auch fatal biologistischen Rastern an. Der beschworene „Geschlechterkampf“ nimmt allzuleicht eine ontologische Färbung an, und in der Gegenüberstellung „weiblicher“ und „männlicher“ Eigenschaften verschmilzt die zweite mit der ersten Natur.

Der Umschlag vom soziologistischen Antiherrschaftsdenken in die biologistische Verherrlichung der „weiblichen Natur“, wie er sich am mainstream der Frauenbewegung studieren läßt, fügt sich in eine für die Entwicklung des modernen soziologistischen Denkens insgesamt charakteristische Logik ein.

Die Diversifikation der sozialkategorialen Bestimmungen und das Nachlassen ihrer identifikationsstiftenden Potenz untergräbt nachhaltig das soziologistische Eigenschaftsdenken. Wo gesellschaftliche Bestimmungen den Individuen nur akzidentell anhaften, oder von ihnen nur flüchtig angenommen werden, wird es offensichtlich absurd, sie als Charakterzügen ihrer Träger wahrzunehmen. „Der Autofahrer“ mit seiner ihm eingeborenen Rücksichtslosigkeit existiert erst einmal nur für seinen Gegenspieler, der sich gerade Pedale tretend durch den anonymen großstädtischen Straßenverkehr quält. Der Kassenpatient mag seinem gereizten Arzt und dem Vertreter der Krankenkassen gelegentlich per se als abgefeimte Kreuzung aus Hypochondrie und gesundheitlicher Unvernunft gelten. Der Zwangsversicherte selber wird nur schwerlich eine enge identifikatorische Beziehung zu diesem Aspekt seiner sozialen Existenz entwickeln können, und kein Mensch wird seine Person darunter subsumieren wollen. Das Eigenschaftsdenken erodiert daher unaufhaltsamen. Es verliert die Fähigkeit überhaupt so etwas wie Bruchstücke von Welterklärung zusammenzustöpseln.

Der Zersetzungsprozeß macht sich allerdings nicht an allen Sozialklassifikationen in gleicher Weise bemerkbar. Alle sozialkategorialen Bestimmungen, die sich weitgehend mit biologischen Unterschieden decken, sind ihm zunächst einmal enthoben. Die Unveränderlichkeit der körperlichen Eigenheiten verleiht auch den damit kombinierten sozialen Bestimmungen ein Moment von Scheinstabilität. Wo sich Soziales und Biologisches für das ideologische Denken zu einem relativ zählebigen Eigenschaftskomplex verknoten, avanciert dieses Amalgam in einem hoffnungslos zerfasernden unübersichtlichen sozialen Bestimmungsgewirr zum Fixpunkt. Die Krise der soziologistischen Weltsicht schafft seinen sexistischen und rassistischen Verfallsformen einen neuen Spielraum. Ausweglos in der Bredouille überlebt das Eigenschaftsdenken einstweilen dadurch, daß es sich auf seine häßlichste und widerlichste Version zurückzieht. Wenn der Asylbewerber unter Arbeitsverbot steht und als Zwangssozialhilfeempfänger sein Wohnheimdasein fristen muß, dann vermischen sich dunkler Teint, die notorische Neigung unschuldigen Kneipenbesuchern Rosen aufdrängen zu müssen, Apathie und Gewaltausbrüche zu einem zusammenhängenden Sozialcharakter, der „dem Tamilen“ per se zugeordnet wird. Wenn fast ausschließlich Frauen sich um die Erziehung von kleinen Kindern kümmern, entsprechende Einschränkungen in anderen Lebenssphären hinnehmen, und insgesamt die private Reproduktion vornehmlich auf den Schultern von Frauen ruht, dann verfestigt sich auch „Mütterlichkeit“, Häuslichkeit und intime Nähe zu privilegiert „weiblichen“ Eigenschaften 41.

Der allgemeinen Entwicklungslogik, die das soziologistische Denken in seinen provisorischen biologistischen Auffanggraben treibt, kann sich auch das oppositionelle Soziologisieren schon deshalb nicht entziehen, weil das „Antiherrschaftsdenken“ positive Identifikationsfiguren braucht. In einer Gesellschaft, in der hinter allen sozialen Bestimmungen die immer gleiche entleerte Form aufscheint, können sie sich aber nur mehr dort abzeichnen, wo die biologistische Anleihe den sozialen Emanationen der Wertform eine „seinsmäßige“ Färbung verleiht; der Standpunktwechsel vom Arbeitersoziologismus zur Mann-Frau-Dichotomie, der Übergang zum positiven weiblichen Sexismus, markiert diese letzte prekäre Rückzugslinie von Antiherrschaftsdenken. Sobald das Merkmal Geschlecht zur entscheidenden gesellschaftlichen Demarkationslinie erklärt wird, verschwindet zunächst die Achillesferse soziologistischen Denkens, das zunehmend profanisierte äußerliche Verhältnis der Person zu ihren sozialen Bestimmungen. Die Grenzziehung, die dem Marxismus viel Mühe bereitete und mit der er schließlich scheiterte, gelingt hier hermetisch. Das biologische Geschlechtsmerkmal gruppiert einen ganzen Kometenschweif sozialer Eigenschaften um sich. Der Bezug auf biologische Differenz überträgt seine Stabilität auch auf das damit verknüpfte soziale Ensemble. Sobald das Geschlecht ins Spiel gebracht wird, ist der in der modernen bürgerlichen Gesellschaft an allen anderen Bestimmungen aufreissende Unterschied zwischen sozialkategorialer Zuordnung und individueller Existenz sistiert, und das ansonsten greifbare Ungenügen soziologistischen Eigenschaftsdenkens provisorisch überspielt. Mit allem was es einmal gewesen ist kann das moderne Individuum im Prinzip brechen, seine geschlechtsspezifische Zuordnung wird es aber Zeit seines Lebens nicht los. Diese eine Bestimmung ist auf alle Fälle schon immer mitgedacht, sobald von einer Person die Rede ist und das Individuum kann sie nicht abstreifen ohne parallel dazu seine schiere Existenz zu beenden. Der Wechsel von einer Seite zur anderen ist ex definitione, wenn wir hier einmal von operativer Nachhilfe absehen, zeitlebens ausgeschlossen. Das „oppositionelle“ Eigenschaftsdenken hat sich damit auf seine wasserdichte Spitze getrieben. Der apologetische Grundzug dieses Ideologems ist dabei aber unübersehbar. Die erste Natur saugt die zweite in sich auf und kennt sie nur mehr als abgeleitete, sekundäre Größe. Als letzte logische Konsequenz des Geschlechtersoziologismus ergibt sich eine recht einfach strukturierte, dafür wahnhafte Weltsicht. Die Übel dieser Welt resultieren allesamt aus der Vorherrschaft männlicher „Eigenschaften“ und das Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse spannt sich zwischen Ying und Yang, zwischen dem männlichen und dem weiblichen Prinzip auf.

Der Blut- und Bodenflügel feministischer Theorie ist den soziologistischen Weg bis zu diesem Ende gegangen. Der Teil der Frauenbewegung, der sich als radikal und gesellschaftskritisch versteht, hat sich energisch gegen diese Konsequenz gesperrt und beharrlich gegen die biologistische Schwerkraft der eigenen soziologistischen Weltsicht anargumentiert. Er war aber nicht in der Lage, sie außer Kraft zu setzen. Wo der Gegensatz von Mann und Frau, das Patriarchat von der gesellschaftlichen Erscheinungsebene ins Wesenhafte gerückt wird, da ist auch der Weg zur Ontologisierung des Geschlechterwiderspruchs nicht mehr weit. Der rohe Hexen- und Menstruationskult ist nur die konsequente und in Lebenshaltung übersetzte Fortsetzung feministischer Weltsicht. Ihr common sense, die Vorstellung eines unmittelbaren patriarchalen Gewaltverhältnisses präjudiziert bereits die biologistische Wendung.

Aus dieser Sackgasse kommen wir nur heraus, wenn wir die Kritik der politischen Ökonomie als eine Theorie des Fetischismus, der universellen Versachlichung gesellschaftlicher Beziehungen, ernst nehmen. Die Aufgabe revolutionärer Theorie kann allein darin bestehen, das moderne bürgerliche Geschlechterverhältnis als Moment des herrschenden Versachlichungszusammenhangs zu entwickeln. Die Kritik des Werts, des automatischen Subjekts dieser Gesellschaft, bedarf keineswegs der „Ergänzung“ durch die Kritik von Familie und Geschlechterverhältnis, ihre Konkretion muß aber diese Ebenen einschließen.

1 Ich gebrauche hier den Begriff Vorgeschichte nicht im landläufigen, von der Historikerzunft definierten Sinn, sondern so wie ihn Marx verwendet hat. Die Vorgeschichte umfaßt in seiner Diktion den Zeitraum von den Anfängen des Menschengeschlechtes bis zur kommunistischen Revolution.

2 Hartmut Apel „Verwandtschaft Gott und Geld“ (Zur Organisation archaischer, ÄGYPTISCHER UND ANTIKER Gesellschaften) Frankfurt 1982, S.39

3 Arno Borst, Lebensformen im Mittelalter, Berlin, Frankfurt 1974, S.70. Es erübrigt sich fast hinzuzufügen, daß es im Mittelalter einen apostrophierten „flüchtigen folgenlosen Sinnenrausch“ nur für Vertreter des männlichen Geschlechts geben konnte, und daß die praktische Betätigung dieses „Sinnenrausches“ recht häufig mit dem Tatbestand der Vergewaltigung zusammenfiel, zumindest wenn wir das moderne westliche Sensibilitätsniveau zugrundelegen.

4 Die unhintergehbare Macht blutverwandtschaftlicher Ordnung zeigt sich unter anderem im langlebigen System der Blutrache, gegen das die weltlichen und religiösen Obergewalten nur mühsam ankamen. Sie wird aber auch noch in den verwickelten Problemen der Erbfolge spürbar. Bis tief in die Neuzeit hinein sind Thronfolger, die in der üblichen Erbfolge einige Plätze zu weit hinten angesiedelt waren, dazu genötigt den Großteil ihrer Verwandtschaft zu entleiben, und auch im bäuerlichen Milieu dürfte dieses Problem die Ursache für zahlreiche tragische Unfälle gewesen sein. Auf der zwischenstaatlichen Ebene waren Unklarheiten im Erbrecht ein sehr beliebter Anlaß für kriegerische Verwicklungen. Noch der erste gesamteuropäische Krieg, der spanische Erbfolgekrieg 1701-1713/14 fällt in diese Kategorie.

5 A.a.O., S.39

6 Schon die Ausdehnung der blutsverwandtschaftlichen Synthese auf real nicht verwandte Personen zeigt, wie naiv es wäre, die alles überragende Rolle der Blutsverwandtschaft in den archaischen „Gesellschaften“ als biologisches Erbe und damit als eine Fortsetzung der ersten Natur zu betrachten. Das wird noch deutlicher, wenn wir uns den Facettenreichtum und die Verschiedenartigkeit der Blutsverwandtschaftssysteme vor Augen führen, wie sie die Ethnologen heute noch mühsam am lebenden Material dechiffrieren müssen. Unsere archaischen Vorfahren operierten ebenso wie die heutigen Naturvölker mit Verwandtschaftsgraden, für die unsere Sprache längst keine Benennungen mehr bereithält. Im brutpflegenden Tierreich dagegen gibt es nur eine blutsverwandtschaftliche Beziehung, nämlich die zwischen Eltern und Jungtier, darüber hinaus aber keinerlei Verwandtschaft. Verwandtschaft ist keine biologische, sondern eine kulturelle, ursprünglich unverkennbar totemistisch geprägte Größe.

7 Hartmut Apel „Verwandschaft Gott und Geld“ (Zur Organisation archaischer, ägyptischer und antiker Gesellschaften) Frankfurt 1982, S.66

8 ebenda, S.21

9 Das Totem findet sich übrigens nicht nur bei Naturvölkern und in grauer Vorzeit. Von anderen Syntheseformen ergänzt und überlagert, existieren totemistische Vorstellungen auch noch lange, bis ins frühmittelalterlichen Europa hinein. Erst die Durchsetzung des Christentums hat sie nachhaltig zurückgedrängt. Beides, die Dauerhaftigkeit und schließliche christliche Verdrängung läßt sich an der vom Benediktinermönch Paulus Diaconus um 790 in lateinischer Sprache verfaßten Geschichte der Langobarden exemplarisch zeigen.

Paulus Diaconus erzählt in diesem Werk von Einfällen der Avaren in Friaul, bei denen sie um 610 langobardische Siedlungen plünderten, die Männer erschlugen und Frauen und Kinder davonschleppten. Eines der geraubten Kinder, ein Vorfahre des Benediktinermönches, floh als Herangewachsener Jahre später aus avarischer Gefangenschaft. Ein Wolf führte den umherirrenden Flüchtling in Richtung auf das heimatliche Italien, bis der Hungernde nach einigen Tagen auf das Tier einen Pfeil abschoß, worauf es entschwand. Der fromme Christ „Paulus schildert den Wolf als Abgesandten Gottes, aber ursprünglich war er ein Totemtier, mit der Sippe befreundet oder verwandt; ein solches Tier durfte nicht getötet und verzehrt werden und verschwand, wenn das Tabu gebrochen wurde.“ (zitiert nach Arno Borst, Lebensformen im Mittelalter, Frankfurt, Berlin 1979, S.171

10 Die Beziehung zwischen Herr und Knecht war dabei durchaus doppelseitig. Der Pflicht zu Arbeit und Gehorsam entspricht auf Seiten des Herrn die Pflicht zu Schutz und Fürsorge. Das Vordringen der Geldbeziehung befreit beide.

11 In allen vorbürgerlichen Epochen lassen sich Sachverhalte anführen, die der vulgärmarxistisch-aufklärerischen Vorstellung von einer auf ihren Vorteil bedachten und auf der Basis von Willkür regierenden Klasse offen ins Gesicht schlagen. An dieser Stelle will ich nur auf ein archaisches und daher gleichermaßen eklatantes wie blutrünstiges Beispiel verweisen, das zeigt, daß auch gerade die „Herrschenden“ mit Haut und Haar im fetischistischen Zusammenhang gefangen waren, und sich diesem Zwang zur Not auch auf Kosten des blanken Lebens beugten. Als Agathokles der König von Syrakus im 4. vorchristlichen Jahrhundert Kartahgo bedrohte, setzte in dieser blühenden antiken Handelsstadt ein ungeheueres Gemetzel an adligen Kindern ein: „Unter dem Einfluß des Fanatismus scheint damals in der Stadt eine regelrechte religiöse Schreckensherrschaft bestanden zu haben. Man entdeckte (oder tat so, als ob man es gerade entdekt habe), daß die adligen Kinder, die früher hätten geopfert werden sollen, den Göttern nicht wirklich geopfert worden waren, sondern daß ihre Eltern sie gerettet und gegen Neugeborene ausgetauscht hatten, die sie armen Leuten abkauften. Die Schuldigen machtendiese ‚Schuld` eilends wieder gut; ‚zweihundert Kinder adliger Familien wurden öffentlich geopfert`, berichtet Diodor, ‚und viele andere, die verdächtigt wurden, in ihrer Jugend zu Unrecht verschont worden zu sein, warfen sich freiwillig in den Scheiterhaufen des Sühnefeuers. Ihre Zahl war nicht geringer als dreihundert`. “ Fischer Weltgeschichte, Band 6 (Der Hellenismus und der Aufstieg Roms), Frankfurt 1965, S.85

In der Entwicklung des Opfers ist mit dem Übergang zur Opferung von Sklaven, Kriegsgefangenen (Atzteken) und Tieren bereits ein sekundäres Stadium erreicht. Ursprünglich sind es gerade die Besten und Edelsten, die zum Wohle des Gemeinwesens ihr Leben lassen müssen und es für gewöhnlich auch bereitwillig hingeben. In verschiedenen westafrikanischen Königreichen waren es gerade die Regenten selber, in den die Fruchtbarkeit inkarniert war, die geopfert wurden, sobald Gesundheit, Jugendlichkeit und Spannkraft nachzulassen begannen.

12 Reinhard Sieder, Sozialgeschichte der Familie, Frankfurt 1987, S.28

13 In der marxistischen und sozio-feministischen Debatte wurde dieses Auseinanderfallen vornehmlich unter der Rubrik „geschlechtsspezifische Arbeitsteilung“ thematisiert. Diese Etikettierung greift allerdings begrifflich zu kurz, denn sie operiert mit Standards, die aus bürgerlichen Verhältnis auf die Vergangenheit zurückprojiziert werden. In Gesellschaften, in denen die „Arbeit“ sich noch nicht zur seperaten gesellschaftlichen Sphäre abgesondert hat, sondern in ein alle Lebensäußerungen umgreifendes Amalgam integriert ist, läßt sich auch die geschlechtsspezifische Polarisierung notwendig nicht um die Kategorie Arbeit zentrieren.

14 Ein Ort spezifischer weiblicher Öffentlichkeit waren etwa die Spinnstuben, in denen sich Frauen von verschiedenen Höfen zu geselliger Arbeit trafen. Vgl. dazu a.a.O, S.38

15 Vgl. a.a.O, S.51

16 Die Trennung der privaten von der öffentlichen Sphäre bildet die Matrix, die das Geschlechterverhältnis im wesentlichen bestimmt. Diese Sphärentrennung hat eine lange Vorgeschichte und damit auch der Geschlechtergegensatz. Die purifizierte zugespitzte Form dieser Dichotomie bildet aber erst die entwickelte bürgerliche Gesellschaft aus. Erst von diesem Widerspruchsniveau aus kann auch die Vorgeschichte des modernen Geschlechterverhältnisses wiederum ins Blickfeld rücken. Die berühmte Sentenz von Marx über die „Anatomie des Menschen“, die den „Schlüssel zur Anatomie des Affen“ bereithält, trifft auch die Analyse des bürgerlichen und vorbürgerlichen Geschlechterverhältnisses.

17 Die antipatriarchale Position erinnert fatal an die Sichtweise des traditionellen Marxismus und seine Klassenkampftheorie. Auch die marxistische Orthodoxie stellte den Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie mit Vorliebe in die historische Kontinuität des jahrtausendealten Kampfes von Arm und Reich. Die Marxisten sahen in der Emanzipationsbewegung der „Lohnsklaven“ gerne die Fortsetzung der Sklavenaufstände der Antike, der Jacquerien und des ewigen Ringens der Unterdrückten gegen ihre Unterdrücker überhaupt. In der Identifikation mit diesem Erbe verschwindet der Formunterschied zwischen den verschiedenen Varianten von „Ausbeutung“, oder er reduziert sich zumindest auf ein sekundäres, beim Blick auf das Wesentliche, zu vernachlässigendes Problem. Allen Klassengesellschaften liegt durchgängig die Aneignung von Mehrprodukt zugrunde. Dieser Grundbestimmung gegenüber scheint die Form, die dieses Mehrprodukt unter bürgerlichen Bedingungen annimmt, nämlich die Form des Mehrwert reichlich gleichgültig. Das Wesentliche ist das „Mehr“ nicht der „Wert“. Wenn die Arbeitskraft die Form des Werts annimmt, in den Äquivalententausch eingeht, so vernebelt diese Tatsache nur die darunter verborgene brutale Auspressung der Arbeitskraft. Sie ist wie eh und je der Kern des Verhältnisses. Die Wertform gilt dagegen nur als perfide Ablenkung vom Eigentlichen. Wer das Wesen begreifen will, der muß von der Form und vom Schein der Zirkulation absehen.

Mit dem Ausbeutungsparadigma, das sich im Herausstellen historischer Kontinuitäten gefällt, hat sich der Arbeiterbewegungsmarxismus konsequent das Verständnis der Spezifika der bürgerlichen Gesellschaftsformation verbaut. Das Charakteristische wurde als das Unwesentliche und Ablenkende beiseite geschoben. Wie so oft wird der Verweis auf die Geschichte zum Vehikel einer durch und durch ahistorischen und daher nolens volens apologetischen Weltsicht.

18 Die einzige Autorin, die meines Wissens dieses Problem anspricht und selbst explizit darauf abhebt, das moderne Geschlechterverhältnis aus dem kapitalistischen Bedingungszusammenhang abzuleiten, ist Hildegard Heise. Sie kritisiert die Verknüpfung von Patriarchat und Kapitalismus in der bisherigen feministischen Diskussion und schreibt ganz in unserem Sinne :“Indem nun bei der wissenschaftlichen Durchdringung vor allem diese historische Kontinuität, die je andersartige Gesellschaftsformationen übergreift, und die anscheinend zu erwartende historische Entwicklungslinie wahrgenommen werden, versperren die vorgestellten Interpretationsversuche den Blick dafür, überhaupt erstmal diesen überlieferten Kristall als aus dem kapitalistischen Milieu ursächlich entstehend begreifen zu wollen.“ (Hildegard Heise: „Flucht vor der Widersprüchlichkeit“ Kapitalistische Produktionsweise und Geschlechterbeziehung, Frankfurt 1986 S.19) Hildegard Heise geht sogar soweit, den Begriff Patriarchat überhaupt abzulehnen. *(Nachweis)

19 Dem entsprechend ist die feministische Theorie kaum über eine additive Verknüpfung „kapitalistischer“ und „patriarchaler“ Phänomene hinausgekommen.

20 Genau in dieser Perspektive erlebt die Landaristokratie und die Bauernschaft denn auch den Vormarsch der Geldbeziehung, die Grund und Boden zum Handelsgegenstand macht.

21 Karl Marx, Grundrisse zur Kritik der politischen Ökonomie, Berlin/Ost 1974, S. 373. Vgl. aber in diesem Zusammenhang auch das folgende Kapitel: „Progressive Epochen der ökonomischen Gesellschaftsformation“ „Grundrisse“ S.375 ff.

22 Reinhard Sieder, Sozialgeschichte.. S.59

23 Vermögen wird einerseits als ein Synonym für Besitztum verwendet und meint anderseits bestimmbare personelle Fähigkeiten. Er vermag zwei Wildschweine auf einmal zu verspeisen, sie vermag 100 Meter in weniger als 12 Sekunden zu laufen.

24 Dieser Differenzierungsprozeß läßt sich begrifflich nur im Rahmen der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie auf den Punkt bringen. Trotzdem haben aber natürlich auch andere Geistesströmungen diesen empirisch evidenten Sachverhalt konstatiert. An erster Stelle ist hier die Lebensphilosophie und die konservative Geldkritik zu nennen. Einer der Hauptvertreter dieser Position, Georg Simmel, beschreibt in seiner „Philosophie des Geldes“ recht anschaulich, wie die Ausbreitung der Geldbeziehung einen Keil zwischen die Person und ihren Besitz treibt und resümiert dann diesen Prozeß: „Die Geldwirtschaft differenziert beides, Sachlichkeit bzw. Besitz und Persönlichkeit werden gegeneinander selbständig.“ Georg Simmel, Philosophie des Geldes, S.451.

Oder, im selben Sinne an anderer Stelle: „Das Geld hat es bewirkt, daß man sich mit Anderen vereinen kann, ohne etwas von der persönlichen Freiheit und Reserve aufgeben zu brauchen.“ S.465 „Das Geld allein konnte solche Gemeinsamkeiten zustande bringen, die das einzelne Mitglied überhaupt nicht präjudizieren: es hat den Zweckverband zu seinen reinen Formen entwickelt, jene Organisationsart, die sozusagen das Unpersönliche an den Individuen zu einer Aktion vereinigt und uns die bisher einzige Möglichkeit gelehrt hat, wie sich Personen unter absoluter Reserve alles Persönlichen und Spezifischen vereinen können.“ S. 468

25 Die Geschichte bürgerlicher Welterklärung bewegt sich in der Antinomie von Subjektivismus und Objektivismus. Diese beiden Binnenströmungen im bürgerlichen Denken entsprechen den beiden ausdifferenzierten Ebenen von fetischistischer Vereigenschaftung. Hic Versachlichung im Geld, hic Vereigenschaftung am „freien Willenssubjekt“. Das Problem dieser Objekt-Subjekt-Dichotomie hat Norbert Trenkle in seinem Aufsatz Die vergebliche Suche nach dem unverdinglichten Rest, Krisis 10, bereits dargestellt.

26 Diesen Zusammenhang hat Peter Klein unter Einschluß seiner philosophiegeschichtlichen Wurzeln recht ausführlich in seinem Beitrag Demokratie und Sozialismus in der „Marxistischen Kritik 7“ entwickelt.

27 Ich unterscheide hier bewußt den Marxismus und die Marxsche Theorie voneinander. Während die Marxsche Theorie zwei diametral entgegengesetzte Stränge umfaßt, die letztlich unvermittelt nebeneinander stehen, nämlich die Fundamentalkritik des Warenfetischs und die soziologistische Lehre vom Klassenkampf, haben die Epigonen diese innere Spannung zugunsten des letzteren aufgelöst. Zum Marxismus verflacht und bis zum Exzess breitgetreten, wurde allein diese Linie historisch wirksam, die Analyse von Wertform und Ware dagegen geriet in Vergessenheit und blieb bis zum heutigen Tage folgenlos. Vergleiche in diesem Zusammenhang meinen Beitrag Das Ende des Proletariats als Anfang der Revolution in der Krisis 10, insbesondere Kapitel 2 Der janusköpfige Marx.

28 Die soziologistische Verkehrung, mit der sich der Arbeiterbewegungsmarxismus den Zugang zu Kritik und Analyse der Grundkategorien der bürgerlichen Gesellschaft vermauert, habe ich zusammen mit Robert Kurz bereits in dem Aufsatz Der Klassenkampffetisch in der „Marxistischen Kritik“ 7 ausführlich dargestellt. An dieser Stelle kann ich das dort Entwickelte nur summarisch zusammenfassen.

29 Als Beispiel dafür lassen sich unter anderen die Wahlrechtsbeschränkungen, etwa das Dreiklassenwahlrecht in Preußen und die die Sozialdemokratie systematisch diskriminierende Wahlkreiseinteilung anführen. Ein anderes ebenso wichtiges wäre der adelige Korpsgeist im kaiserlichen deutschen Heer, der es bürgerlichen Offizieren schwer machte, sich im Militärapparat zu etablieren. Dabei handelt es sich keineswegs um eine rein deutsche Spezialität.

30 Die Leninsche Revolutionsvorstellung, die nicht den Staat als Moment der bürgerlichen Form attackiert, sondern stattdessen den „bürgerlichen“ Staat zerbrechen will, um einen „proletarischen“ Staat an seine Stelle zu setzen, ist nur vor dieser spezifischen „unreifen“ historischen Konstellation verständlich.

31 Als frappierenden Negativbeleg für den Zusammenhang von sozialistischer Arbeiterbewegung und dem Vorhandensein feudaler Relikte läßt sich das amerikanische Beispiel anführen. Weil sich in den USA die bürgerliche Gesellschaft nicht erst qualvoll aus den vorgängigen feudalen Verhältnissen herausarbeiten mußte, sondern sich auf jungfräulichem Terrain entfalten konnte, blieb auch die sozialistische Idee immer etwas zutiefst „Unamerikanisches“. Obwohl die amerikanischen Arbeiter ihre gewerkschaftlichen und sonstigen unmittelbaren Interessenkämpfe oft mit bemerkenswerter Militanz nach bester Wild-West-Manier führten, waren sie gegenüber der sozialistischen politischen Agitation so gut wie immun. Sozialismus, Anarchismus und Marxismus traten in Amerika faktisch immer nur als Spezialmarotte einiger weniger, vorwiegend italienischer und deutscher, Einwanderer der ersten Generation in Erscheinung.

Parallel zum Arbeitersoziologismus entfaltete sich als die andere Spielart von Soziologismus und Eigenschaftsdenken der Sozialdarwinismus. Das Zusammentreffen ist sicher nicht zufällig, sondern korrelativ. Es wäre eine eigene noch zu leistende Arbeit, den inneren Zusammenhang von darwinistischem Denken und Marxismus zu untersuchen. Eins ist aber von vornherein klar. Weder ist die weite Verbreitung darwinistischer Schriften in der organisierten Arbeiterbewegung ein bloßer Zufall, noch handelt es sich bei den darwinistischen Anwandlungen eines Kautsky, der inkarnierten Marxorthodoxie, um eine persönliche Schrulle.

33 Es gibt keinen Mangel, der sich nicht zur Tugend verklären könnte, und so haben natürlich auch die akademischen Soziologisten ihren Bankrott als Rückzug ins Mikrologische und bewußten Verzicht auf die nach Totalitarismus riechenden Großtheorien ideologisiert und ihre Blindheit mit höheren Weihen ausgestattet. Die Aggressivität, mit der heute jeder Versuch die Gesellschaft als Ganze zu begreifen attackiert wird, ähnelt aber fatal der Männerverachtung des Eunuchen. Die Soziologisten im Irrgarten des Einzelnen und Mikrologischen müssen sich selber permanent versichern, daß jener Abschiedsschnitt sie nur bereichert hat, weil sie doch nicht so recht daran glauben können.

34 Hinter der Krise des Soziologismus steht in letzter Instanz natürlich die Krise des Werts selber. Das Eigenschaftsdenken wird schließlich obsolet, weil die Fetischform obsolet wird.

35 Die Verallgemeinerung der Wertform geht einher mit der zunehmenden Monadisierung der Gesellschaftsmitglieder und der Ausdifferenzierung einer Vielzahl gesellschaftlicher Rollen an diesen monadisierten Individuen. Der Zusammenprall dieser sozialen Rollenbestimmungen ist unvermeidlich. Er taugt allemal zur Herausbildung gesellschaftlicher Binnenkonflikte. In der modernen bürgerlichen Gesellschaft existieren nicht wenige Interessengegensätze, sondern eine unübersehbare Vielfalt. Der moderne nach der Melodie des Werts komponierte Vergesellschaftungszusammenhang stellt den Autofahrer dem Radfahrer gegenüber, er macht den Rentner zum natürlichen Feind aller Zwangsversicherten und läßt das Feierabendinteresse der Beschäftigten im Einzelhandel mit den Öffnungszeitenwünschen der Konsumenten kollidieren. Dem soziologistischen Denken erschließt sich dadurch ein unermessliches Betätigungsfeld. Das Beharren auf der alles andere überragenden Bedeutung der Konfliktlinie Lohnarbeit und Kapital bekommt vor diesem Hintergrund dagegen einen etwas weltfremden Charakter.

36 Längst ins Pluralistische resigniert zieht die Linke heute additive Verknüpfungen vor. Ein bemerkenswertes Dokument war in dieser Hinsicht das mittlerweile verblichene Projekt „Radikale Linke“. In deren Grundsatzpapier findet sich der Frauenstandpunkt, die trotzige Fortschreibung der ergrauten Arbeiterklassenherrlichkeit und der unvermeidliche Bezug auf den Trikont friedlich nebeneinander. Die größtmögliche Virtuosität im Zustandebringen fiktiver weltumspannender antikapitalistischer Kämpfe legt die Zeitschrift Autonomie an Tag. Sie schafft es auch noch den islamischen Fundamentalismus via IWF-riots in die globale proletarische Einheitsfront einzubinden.

37 Schon die Wiedergeburt des Arbeitersoziologismus unter dem Vorzeichen der studentischen Protestbewegung der 60er und 70er Jahre fand auf einer für ihn schon ausgesprochen prekären empirischen Grundlage statt. Die Neomarxisten argumentierten bereits damals ausgesprochen defensiv. Sie sahen sich ein ums andere mal genötigt nachzuweisen, daß der „Klassengegensatz“ von Arbeit und Kapital noch immer existiert und die Arbeiter nach wie vor real aus dem proklamierten Reich bürgerlicher Freiheit und Gleichheit ausgegrenzt bleiben. Auf der Flucht vor der Wirklichkeit des modernen Kapitalismus zogen sich die Liebhaber des Arbeitertums auf die nie sich völlig auflösende Diskrepanz zwischen Empirie und ihrem Begriff zurück und versuchten sie als Beleg für die tradierte unhaltbar gewordene arbeitersoziologistische Kapitalismusvorstellung geltend zu machen. Die Rückzugsgefechte fanden in dieser Zeit unter anderem in dem Hilfskonstrukt des „Unterprivilegierten“ ihren Ausdruck. Gegenüber der allgemeinen, die tradierte ständische Klassenvorstellung aushebelnde Monadisierungstendenz führten die linken Avantgarden die real weiterhin existierende schichtenspezifische Benachteiligung ins Felde. Sie wiesen unter anderem nach, daß Arbeiterkinder auch in ihrer Zeit noch in den höheren Bildungseinrichtungen unterrepräsentiert sind, usw. Den realen Entwicklungstrends stellte dieses Beharren auf dem „wie schon immer im Kapitalismus“ genau auf den Kopf. Sie blies das Verschwindende zum Wesen auf, und die Empirie, soweit sie nicht die Höhe des Begriffs erreicht, selber wiederum zum Pseudobegriff. Den Modergeruch von Apologetik konnten diese revolutionär gemeinten Bemühungen natürlich nie los werden.

38 An diesem Punkt blieb die marxistische Argumentation immer auffallend defensiv und bot der bürgerlichen Antikritik von Beginn an eine offene Flanke. J.A. Schumpeter etwa – wohl einer der ernstzunehmendsten klassischen bürgerlichen Marxismuskritiker – rieb dem Arbeiterbewegungsmarxismus völlig zu Recht unter die Nase, daß die lebenslange Fesselung an einen bestimmten sozialen Status qua Geburt für den Kapitalismus gerade nicht charakteristisch ist und machte diese Tatsache bei seiner Rechtfertigung der kapitalistischen Produktionsweise geltend: „Die wasserdichte Scheidung zwischen Menschen, die (zusammen mit ihren Nachkommen) ein für allemal als Kapitalisten gelten, und anderen, die (zusammen mit ihren Nachkommen) ein für allemal als Proletarier gelten, ist nicht nur, wie schon oft gezeigt wurde, äußerst wirklichkeitsfremd, sondern sie übersieht den springenden Punkt in bezug auf die sozialen Klassen, -den unaufhörlichen Aufstieg und Niedergang von einzelnen Familien in die obere Sphäre hinein und aus ihr heraus. Die Tatsachen, auf die ich anspiele, sind alle offensichtlich und unbestreitbar. Wenn sie auf der Marxschen Leinwand nicht erscheint, so kann der Grund nur in ihren un-Marxschen Folgen liegen.“(J.A.Schumpeter, Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, München 1975, S.39) Das kapitalistische Standardmärchen vom „Tellerwäscher zum Millionär“ hat zumindest soviel Realitätsgehalt, daß die kapitalistische Gesellschaft tatsächlich ein Maß an sozialer Mobilität zuläßt und hervortreibt, das in jeder vorhergehenden Gesellschaftsformation undenkbar gewesen wäre.

39 Auch wo Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft einander als Mann und Frau gegenübertreten, ist die gesellschaftliche Formbestimmtheit, und d.h. eben in letzter Instanz der Wert, nicht abwesend, sondern gegenwärtig. Die bürgerliche Privatsphäre ist nicht einfach der Hort unmittelbarer persönlicher Beziehungen und damit auch nicht der unmittelbarer personaler Willkür. Sie ist als integrales Moment in den allgemeinen Versachlichungszusammenhang mit aufgenommen. Die Mechanismen wollen wir im zweiten realanalytischen Teil dieses Aufsatzes umreißen.

40 Der Systemzwang einer auf der Produktion abstrakten Reichtums beruhenden Gesellschaft herrscht sich den Individuen nicht als abstrakt allgemeiner, sondern konkurrenzvermittelt auf. Der tautologische Selbstzweck der Verwertung des Werts zerlegt die Gesellschaft in Funktionskategorien. Auf dieser analytischen Ebene ist Klassenspaltung anzusiedeln. Die Klassen existieren bereits logisch, bevor sich die belebte Staffage im klassenmäßig strukturierten Universum zuordnet, und unabhängig davon wie sich die Personage nun im einzelnen auf die einander gegenüberstehenden Pole des Gesamtverhältnisses verteilt. Der real existierenden Konkurrenz tut es keinerlei Abbruch, ob X Kapitalist oder Arbeiter ist. Sie bricht sich selbst dann unverdrossen Bahn, wenn sich beide Existenzweisen an ein und demselben Menschen wiederfinden, und der Klassenwiderspruch mitten durch ihn hindurchgeht. Zur Not kann der einzelne in seiner Arbeiterfunktion auch dann energisch nach mehr Lohn gieren, wenn er gleichzeitig Aktionär der Firma ist, in der seine Arbeitskraft vernutzt wird. Aber auch umgekehrt gilt diese Beziehung, und so kann sich der einzelne in seiner Rolle als Mitinhaber des Betriebes genötigt sehen, sein alter ego, den Arbeiter an ihm, einem härteren Regiment zu unterwerfen oder gar der notwendigen Rationalisierung wegen zu entlassen. Die diversen Selbstverwaltungsexperimente bieten hier reichlich Anschauungsmaterial. Das berüchtigte jugoslawische Modell der Arbeiterselbstverwaltung hat die Paradoxie der „Selbstausbeutung“ aufgeworfen und sich aus dieser Schizophrenie nie befreien können. In ähnlicher Weise gilt das auch für die hiesige Alternativklitschenwirtschaft. Die Alternativbetriebe konnten sich aus dem Widerspruch von ideologischen Ansprüchen (Kollektivität, sanfte Produktionsmethoden) und realem Verwertungszwang nur durch Bankrott oder durch ihre Verwandlung in ganz gewöhnliche moderne Kleinunternehmen retten.

41 Eins muß hier aber einschränkend hinzugefügt werden. Die regressive Renaissance des Rassismus findet nurmehr auf der Ebene des Alltagsverstandes statt. Auf dem Niveau populärer Versatzstücke sickern rassistische Anklänge auf breiter Front ins landläufige Bewußtsein ein. Es kommt dabei aber nicht mehr wie zu Beginn des Jahrhunderts zur Ausbildung einer systematischen „Rassenlehre“, die auch nur einen pseudowissenschaftlichen Anspruch erheben könnte. Das läßt sich leicht erklären. Die sozialkategoriale Zuordnung hat heute längst das fertige abstrakte gleiche Geld- und Rechtssubjekt zur Voraussetzung. In ihrer versachlichten Gestalt hat sie sich schon soweit strukturell von der natürlichen biologischen Existenz abgelöst, daß die soziale und die biologisches Seite bestenfalls für den statistischen Durchschnitt zur Deckung kommen können. Die Zuordnung von Hausarbeit zum weiblichen Dasein mag heutzutage im großen und ganzen empirisch zutreffen. Aber selbst wenn Hausmänner real eine verschwindende Minderheit darstellen, die wasserdichte Abscheidung eines spezifisch weiblichen Eigenschaftsfeldes ist bereits durch deren minoritäre Existenz aufgebrochen. Das populäre Bewußtsein kann darüber, um Inkonsistenz unbekümmert hinweggehen; ein wissenschaftlicher Anspruch läßt sich auf dieser Grundlage dagegen nicht mehr zurechtzimmern. Auch wenn schwarze Hautfarbe, Ghettoexistenz, Kriminalität und Drogensucht in Harlem oder Chicago quasi Synonyme sind, so bedeutet das trotzdem etwas gänzlich anderes als die Identität von Neger und Sklave in den Südstaaten der USA vor dem amerikanischen Bürgerkrieg.