31.12.1991  Beitrag drucken

Krisis 11 — Editorial

1.

Der Golfkrieg, eine von vielen Stationen im abrollenden Krisen- und Katastrophenprozess des warenproduzierenden Weltsystems, hat die Gemüter bewegt wie schon lange kein Ereignis von vergleichbarer Tragweite mehr. Rechte wie Linke gleichermassen wurden irre an ihren gewohnten Meinungsrastern; Fronten vertauschten sich mit atemberaubender Geschwindigkeit quer durch das gesamte politisch-ideologische Spektrum. Hatte die Krise der 3. Welt seit Beginn der 80er Jahre noch recht und schlecht einigermassen in die alten Schablonen eingepresst werden können, obwohl sie bereits über die Nachkriegs-Konstellation hinauswies, so waren der Zusammenbruch des Realsozialismus und die unglaublich rasche Selbstaufgabe der DDR schon nicht mehr in das politische Normalbewusstsein integrierbar; der Golfkrieg, obwohl vergleichsweise episodenhaft, hat offenbar das tradierte Weltbild vollends obsolet gemacht.

Es scheint so, als hätte jener berühmte alte Maulwurf durchaus in unserem Sinne gewühlt, aber vielleicht ein wenig zu heftig. Der schon lange zwiespältige Bezug auf eine Linke, aus der wir uns selbst herausgearbeitet haben und der doch auch der grössere Teil unseres Publikums entstammt oder zugehört, wird von Mal zu Mal schiefer und prekärer. Seitdem die möglichen Adressaten der Auseinandersetzung reihenweise den Geist aufgeben, erheben sich moralische Skrupel: auf Schwerversehrte prügelt man nicht ein, und Toten soll man nichts Schlechtes nachsagen. Wenn innerhalb weniger Wochen über dem guten alten KB und über der zum vertrauten Ärgernis gewordenen Marxistischen Gruppe (MG) der Sargdeckel sich geschlossen hat, ist auch für uns eher Zurückhaltung angesagt. Und welche Lust zur Polemik soll andererseits noch aufkommen, wenn z.B. der orthodoxe Seminarmarxist Joachim Bischoff (SOST) sich in aller orthodoxen Seelenruhe zum Profitprinzip bekennt, einem sozial geläuterten selbstverständlich, das er aber verbissen immer noch mit Marx und als „sozialistisch“ begründen will. Oder wenn der theoretisch sterbensmüde gewordene „Argument“-Guru W.F. Haug sich peinlich spreizt in einem ebenso sterbenslangweiligen wie dickleibigen „Versuch, Gorbatschows Gedanken zu verstehen“ (oder so ähnlich), während der solcherart Angehimmelte als Konkursverwalter des sowjetischen Marxismus unseres Wissens bis jetzt nichts von sich gegeben hat, was auch nur im entferntesten einem Gedanken ähnlich sähe.

Soll also die Devise gelten: Lasst die Toten ihre Toten begraben? Was die Einmischung in das Untergangsgezänk angeht, sicherlich. Wichtiger als die Auseinandersetzung mit den Abziehbildern ist diejenige mit den Originalen, von Marx bis Adorno. Gerade deswegen aber ist es trotzdem das „linke Weltbild“, das unweigerlich die Projektionsfläche abgibt für einen neuen Entwurf und einen neuen Diskurs revolutionärer Theorie. Dass die Überwindung des Alten auch selber durch das Alte hindurchmuss, versteht sich von selbst. Freilich kann dies nicht durch hektische Beteiligung am ideologischen Sommerschlussverkauf geschehen, sondern nur durch eine Auseinandersetzung mit den ungelösten zentralen Fragen der historischen Theoriedebatte und durch eine kritische Analyse der zu überwindenden ideologischen Strukturen und politischen Reflexe bzw. Verhaltensmuster.

Dass diese theoretische Arbeit sich einmal in grösserer, einmal in geringerer Entfernung von den „Themen“ und Auseinandersetzungen der verbliebenen alt-neuen Linken und ihrer Zerfallsprodukte bewegen wird, ist so vorgegeben. Wir hoffen, dass sich auf diese Weise im Laufe der Zeit ein eigener Diskurs entwickeln wird, mit Teilnehmern und mit einem Publikum, die sich teils aus dem abgewirtschafteten alten Diskurs entfernen, teils aus anderen Feldern neu dazustossen. Entscheidend ist allein die Bereitschaft, sich der neuen Situation zu stellen und ein Problembewusstsein dafür zu entwickeln, statt zäh an einem schal gewordenen „Wissen“ und obsolet gewordenen Identitäten zu kleben. Und es gibt durchaus einige ermutigende Anzeichen in dieser Hinsicht.

Im Falle des Golfkriegs war eine kritische Annäherung an die aktuelle Auseinandersetzung der Linken fast unvermeidlich. Denn es handelte sich dabei ja nicht um eines der vielen Schattengefechte auf dem Friedhof des marxistischen Denkens, sondern um den Bezug auf eine neue weltgesellschaftliche Konstellation und ein Ereignis von grosser Tragweite. Nicht nur dieser Krieg selber ist integraler Bestandteil einer heranreifenden Krise der globalen Warenform (also keineswegs gleichzusetzen mit den früheren Interventionskriegen der USA oder anderer Westmächte), sondern auch das daran sich entzündende ideologische Gemetzel unter den Linken verweist auf diese Krise, die zwangsläufig auch eine Krise des der alten Konstellation angehörenden Marxismus sein muss. So hat der Golfkrieg, ähnlich wie und fast noch mehr als vorher schon der Untergang der DDR, mit einem Schlag die Lebenslügen eines veralteten Denkens enthüllt, diesmal vor allem bei den Linksradikalen. Ausgerechnet der immer noch unverdaute Faschismus war es, der auf die unappetitlichste Weise als sich jeder Lösung sperrendes Problem wieder hochkam, und noch dazu in einer völlig unerwarteten und verräterischen Konstellation. Selten hat sich die antifaschistische Veteranen-Ideologie derart blamiert wie diesmal. Grund genug also, sich die phantastischen Analogieschlüsse vorzunehmen und ihren Hintergrund auszuleuchten.

Freilich wäre es vergebliche Liebesmüh, sich auf die angebotenen Alternativen in dieser Auseinandersetzung einzulassen. Am lautstärksten und triumphierendsten setzten sich natürlich diejenigen Exlinken in Szene, die sich schon im Laufe der 80er Jahre von den veralteten marxistischen Denkformen verabschiedet und ihre okzidentale Läuterung hin zu einem sympathischen Kapitalismus in den Grenzen gemässigter Barbarei vollzogen hatten. Jetzt könnten die USA sogar die Bewohner fremder Planeten im Namen einer neuen Sonnensystemordnung ausrotten, und die eifernden deutschen Vollokzidenzler wären dabei mit Geheul. Eine Cora Stephan etwa mit ihrer steilen Karriere von der linken Theoretikerin zur journalistischen Allzweck- und Seifenblasen-Eloquenzia (demnächst wird sie wohl ihre ständige Kolumne in „Heim und Welt“ bekommen – wir gemässigten Basisdemokraten sind wieder wer), die den Verlierermassen der Zusammenbruchsökonomien die „Spielregeln“ ihres Elends, westliche Geldrationalität und Demokratie nämlich, nicht bloss aufzuschwatzen, sondern mit Laserwaffen und Phantombombern aufzuzwingen für hoch in Weltordnung hält, kann kaum noch kommentarlos als das zur Kenntnis genommen werden, was sie eben geworden ist.

Es enthüllt sich hier eine „westliche“ Logik, die trotz äusserer Gegensätzlichkeit auch die aufklärerischen Linksradikalen kennzeichnet. Deren wüste Schlägerei in und um „Konkret“ anlässlich des Golfkriegs lädt kaum zum Mitmachen ein. Da kündigten massenhaft Leute ihr „Konkret“-Abo wie katholische Rentner ihr Kirchenblatt, in dem versehentlich die Jungfrau Maria beleidigt worden ist. Als könnte das Ausspielen warenförmiger „Verbrauchermacht“ die heile Welt der linken Pietistengemeinde zurückbringen, in der die historisch Guten und Bösen klar geschieden sind. Die panikartigen An- und Ausfälle der linksradikalen Publizisten selber freilich sind eher als Dokumente zu werten. Das Problem ist offenbar, dass auf die Kontrahenten dieser Dülle die Trümmer des gemeinsamen Weltbildes herabhageln.

Als Dokumente aber ernstgenommen, können diese Aussagen erhellend sein, weniger für die Lage am Golf, als vielmehr für die Struktur eines linksradikalen (dem Marxismus und der Kritischen Theorie verpflichteten) Denkens, das in seinem hoffnungslosen Versagen vor der heutigen kapitalistischen Entwicklungsstufe einen exemplarischen Blick auf die vergangene Epoche erlaubt. Nicht zuletzt das Licht, das dabei auf den Faschismus und seine nie gelungene Verarbeitung, seine ideologische Wiederkehr und Instrumentalisierung fällt, kann aufzeigen, in welche Richtung das veraltete gesellschaftskritische Denken überwunden und eine neue Perspektive gewonnen werden kann. In diesem Sinne ist auch unser theoretisches und publizistisches Interesse am Thema hauptsächlich zu verstehen.

Die gemeinsame demokratisch-aufklärerische Logik und deren Defizite, die jene grosse Koalition zum Golfkrieg von den Realos bis zu den Linksradikalen hervorgetrieben hat, soll einer grundsätzlichen Kritik unterzogen werden. Wenn dabei die alt-„antiimperialistischen“ Fundi-Linken nur am Rande vorkommen, so ihrer Bedeutungslosigkeit wegen. Sie scheinen ja selber zu ahnen, dass der stämmige Volkstümler-Radikalismus, der alle riots und Interessenkonflikte der aus den Fugen geratenden Warenwelt zum vermeintlichen Gesamtklassenkampf aufbläst, keine guten Karten mehr hat. Die Ankündigung von Thomas Ebermann, politisch entsagungsvoll und von Erfolglosigkeit zermürbt in Hamburg ein Tabak- und Lottogeschäft eröffnen zu wollen, ist so gesehen durchaus verständlich. Man kann ihm nur ehrlichen Herzens alles Gute für seinen weiteren Lebensweg wünschen. Wenn jetzt Jutta Ditfurth noch ihren Brezenstand in Frankfurt aufmacht, dann sind wenigstens ein paar altlinke Veteranen versorgt. Irgendwann muss die „wilde Freiheit“ ja mal zur Ruhe kommen. Aber weniger Polemik (und schon gar nicht ein labormässig konstruierter „Antisemitismus“-Vorwurf) ist angesagt, sondern eher Mitleid, wenn einige begnadete Agitatoren in einer veränderten Welt jede Orientierung verloren haben, zu einer kritischen Aufarbeitung ihres Weltbilds aber weder fähig noch willens zu sein scheinen. Womit unsrerseits auch gesagt ist, dass unsere Kritik der linken Bellizisten nichts mit jener der alten „Antiimperialisten“ zu tun hat. Die „Radikale Linke“ – ein Schlesiertreffen; dieser Titel unserer Broschüre vom Sommer letzten Jahres (übrigens in einer Restauflage weiterhin lieferbar) hat an Gültigkeit eher noch gewonnen.

In seinem Artikel Von Auschwitz nach Bagdad beschäftigt sich Ernst Lohoff ausführlich mit dem „antifaschistischen“ Analogieschluss von Saddam Hussein auf Hitler und den Rechtfertigungsideologien für den Schwenk zur okzidentalen Weltpolizei. Faschismus und Antisemitismus werden dabei in Auseinandersetzung mit der Kritischen Theorie aus ihrer enthistorisierten Ontologisierung, von der die linksradikalen Aufklärer leben, herausgenommen und in den jeweils realen Bezugsrahmen gestellt. Das „totalitäre Zeitalter“, als abgeschlossene Binnenepoche begriffen und nicht zur Ontologie des Kapitals aufgeblasen, kann sich in der neuen Krise nicht wiederholen, die ihre eigenen Ausgeburten der Destruktion hervorbringt. Der Antisemitismus wird zum ideologischen Segment im Bewusstsein von Verlierermassen, er hat aber seine Verallgemeinerungsfähigkeit bis zur „Staatsdoktrin“ eingebüsst. Dies ergibt sich aus dem veränderten Entwicklungsstand der abstrakten Arbeit und der zugehörigen bürgerlichen Subjektformen.

Norbert Trenkle befasst sich in seiner Glosse Rien ne va plus, einem Nachruf auf die Anti-Golfkriegs-Bewegung und ihre Kritiker, weniger mit den unbezweifelbaren Naivitäten der Friedensbewegung, als mit dem neuen sozialpsychologischen Hintergrund, der auf Bewusstseinslagen verweist, wie sie den erreichten globalen Vergesellschaftungsgrad widerspiegeln. Es wird gezeigt, dass daran nicht nur die ideologisch pazifistischen Protagonisten der alten Friedensbewegung vorbeigehen, sondern mehr noch die linksradikalen Adorno-Enkel, deren Tiraden ihren Gegenstand hoffnungslos verfehlen.

In seinem Beitrag „Geschichtsverlust“ greift Robert Kurz die Argumente von Lohoff und Trenkle noch einmal auf, um die ideologischen Grundstrukturen der linksradikalen Aufklärer auseinanderzunehmen. Entgegen eigener Selbsteinschätzung handelt es sich um ein sowohl enthistorisiertes als auch im Kern bürgerliches Denken, eine Verfallsform des Marxismus. Dem wird auf fünf Ebenen nachgegangen, jeweils thesenhaft zugespitzt: Die Ideologiekritik ist von jeder Realanalyse abgelöst; die Marxschen Kategorien des Kapitals im Allgemeinen wurden dogmatisch enthistorisiert und stillgestellt; das Verhältnis zu den Adressaten der Polemik ist ein abstrakt selbstlegitimatorisches; der bloss attributiv verdoppelnde und letztlich positive Bezug auf die „Aufklärung“ verkennt deren an sich bürgerlichen Charakter; der unkritische Gebrauch des okzidentalen Begriffs der Vernunft entwertet die in ihrem Namen vorgetragene Kritik des „Irrationalismus“ und verfehlt die Irrationalität als integrales Moment der westlichen Vernunft selbst. Dieses Denken ist unfähig, die Warenlogik zu überwinden, und eben deshalb bleibt es am Faschismus ein ums andere Mal hängen.

Nachtrag: Nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe der Krisis ist das neue Heft von Kritik und Krise erschienen, der Zeitschrift der ISF Freiburg, mit dem Generalthema Logik des Antisemitismus. Unseren Lesern sei es als Kontrastmittel und fürs eigene Überdenken empfohlen. Nach nur flüchtig möglicher Kenntnisnahme als Kommentar zwei Halbsätze. Nämlich unbekannter- und ansonsten ungelesenerweise, vorbehaltlich möglicher Missverständnisse und Darstellungskritiken usw., aber immerhin: eine Hochachtung für Ilse Bindseil (und ein Gruss auch an die „Weberbank“), sowie Gratulation an Hubert Zick, dem es gelang, einen Unterschied zwischen den Ziffernfolgen „1914“, „1939“ und „1991“ zu entdecken. Wem dies unverständlich vorkommt, der lese: Kritik und Krise Nr. 4/5, zu bestellen bei: ca ira Verlag, Postfach 273, 78 Freiburg (Tel. 0761/70 00 31). Das Heft enthält auch einen Wiederabdruck des Aufsatzes von Moishe Postone zum Antisemitismus, auf den auch wir uns positiv beziehen, und interessante Kommentare dazu.

2.

Der Golfkrieg, seine Folgen, Zusammenhänge und historischen Bezüge haben das eigentlich geplante Hauptthema dieser Ausgabe an die zweite Stelle rücken lassen. Unser Versuch, von der wertkritischen Position aus erstmals das Problem des Geschlechterverhältnisses zu thematisieren, ist aber auch aus anderen Gründen etwas unglücklich verlaufen. Ursprünglich sollten die Beiträge gleichzeitig für ein geplantes Seminar dienen, das im Sommer 1990 als gemeinsames u.a. mit Freiburger Autonomen und Mitgliedern der ISF sowie einzelnen Personen aus anderen Städten vereinbart worden war. Teils aber haben sich die Interessentinnen und Interessenten verlaufen, teils kam es leider zu einem unerwarteten „crash“. Nachdem die Freiburger autonome Frauengruppe „Zoff“ trotz laxer Vorbereitung die Einladung für das vereinbarte gemeinsame Seminar übernommen hatte, nahm sie die eingegangenen Beiträge unserer Mitarbeiter zum Anlass, nicht etwa ihre eigene Teilnahme abzusagen (was bedauerlich, aber formal korrekt gewesen wäre), sondern uns „auszuladen“. Und das noch nicht einmal wegen einer womöglich festgestellten misogynen Entgleisung, sondern schlicht wegen unklarer Differenzen über den inhaltlichen Aufbau des Seminars. „Zoff“ machte also ihrem Namen alle Ehre, und die verärgerten Reaktionen unsererseits haben das Porzellan wohl erst recht zerschlagen. Es wäre selbstkritisch anzumerken, dass die theoretischen Voraussetzungen für eine gemeinsame Diskussion doch wohl überschätzt worden sind. Es hätte mehr und genauerer Vorbereitung bedurft, um aus einer klar formulierten Problemstellung heraus überhaupt ein gemeinsames Seminar abhalten zu können. Unsere Leser können sich nun selbst ein Urteil über die beiden Beiträge bilden und sind im übrigen herzlich eingeladen, im Herbst diesen Jahres (19. – 21. Oktober; siehe beiliegendes Flugblatt) an unserem Seminar zum Thema „Geschlechterverhältnis“ teilzunehmen.

Ernst Lohoff bezieht sich in Brüderchen und Schwesterchen hauptsächlich auf das Problem des Verhältnisses von Fetisch-Konstitution und Geschlechterverhältnis. Dabei wird diese Problemstellung zum Anlass genommen, gängige Vorstellungen über „Herrschaftsverhältnisse“ grundsätzlich zu kritisieren. Die „Krise des soziologistischen Denkens“, die schon den soziologistischen „Arbeiterstandpunkt“ obsolet gemacht hat, kann nicht durch feministische Wiederholung rückgängig gemacht werden. Eine adäquate Auseinandersetzung auch mit dem Geschlechterverhältnis müsste vielmehr ebenso an der Fetischismuskritik ansetzen wie Gesellschaftskritik überhaupt. Dabei wäre auch ein allgemeinerer Fetischbegriff zu entwickeln, der über ein verkürztes „ökonomistisches“ Fetisch-Verständnis hinausgeht und archaische Formen des gesellschaftlichen Fetischismus einbezieht, die Fetisch-Konstitution als Wesen aller bisherigen Geschichte entziffert.

Norbert Trenkle setzt sich in Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit ideologiekritisch mit der „Gleichheitsforderung als Auslaufmodell“ auseinander. Sowenig die bürgerlich-aufklärerische „Gleichheits“-Ideologie in ihrer arbeiterbewegten Variante mehr für Gesellschaftskritik taugt, ebensowenig kann sie durch die Frauenbewegung wieder zum Leben erweckt werden. Diese Ideologie bleibt bürgerlich immanent und kann die darüber hinausdrängenden Momente gerade auch in der Entwicklung des Geschlechterverhältnisses nicht aufnehmen. Dies wird an historisch-empirischem und aktuellem Material des realen Gesellschaftsprozesses zu belegen versucht, u.a. zur Entwicklung der Berufs- und Familienverhältnisse und in Auseinandersetzung mit einschlägiger Literatur (so z.B. Beck/Beck-Gernsheim).

Es muss dazu gesagt werden, dass diese beiden Arbeiten erst als Prolegomena zu einer gründlichen Beschäftigung mit dem Geschlechterverhältnis verstanden werden können. Wie in allen anderen Grundsatzfragen heutiger Gesellschaftlichkeit müssen erst die Barrieren obsolet gewordener Konstellationen und Raster des theoretischen Denkens überwunden werden. So handelt es sich hier auch noch nicht oder erst ansatzweise um eine materiale Analyse des Geschlechterverhältnisses selber, die im wesentlichen erst noch zu leisten ist. Dieser Sachverhalt mag dazu beigetragen haben, bei kritischen Frauen Missverständnisse auszulösen. Das zunächst berechtigte Misstrauen, das erst durch Einlösung der eigentlichen Aufgabe gegenstandslos würde, könnte vielleicht so formuliert werden: Erstens, ihr kommt womöglich vor lauter Prolegomena gar nicht zum Kern des Problems, weil ihr die „Frauenfrage“ immer nur zum Anlass oder „Aufhänger“ für abstrakt-allgemeine Erörterungen über die systemischen Strukturen nehmt, die stets „geschlechtsneutral“ erscheinen. Und zweitens, ihr ersetzt demzufolge die leidige alte Konstellation des Marxismus, in der die „Frauenfrage“ als bloss sekundärer (und somit leicht abzubügelnder) „Nebenwiderspruch“ des „Klassengegensatzes“ festgeklopft wurde, durch eine ganz analoge neue Konstellation, in der das Geschlechterverhältnis zur abgeleiteten Sekundärfrage gegenüber der zentralen, wiederum „geschlechtsneutral“ verstandenen „Wertkritik“ wird. Aus diesem Misstrauen heraus ist uns nun aus Nürnberg ein eigener grösserer Beitrag von feministischer Seite angekündigt, der das Verhältnis von abstrakt-negativer Wertvergesellschaftung und Geschlechterverhältnis in einer eigenen historischen Analyse mit grundsätzlichen Thesen darstellen will, und zwar unter dem provokativen Titel: Der Wert ist der Mann.

Die Problemstellung hat in der Redaktion der Krisis auch noch eine zweite Diskussion ausgelöst, die noch nicht beendet ist, und zwar zur Problematik des Herrschaftsbegriffs. Muss dieser angesichts der neuen Stufe der Fetischismuskritik ganz fallengelassen oder nur neu gefasst werden? Ist ein Begriff von subjektloser Fetisch-Konstitution an die Stelle des Herrschaftsbegriffs zu setzen oder vielmehr ein neuer Begriff „subjektloser Herrschaft“ selbst zu gewinnen? Auch dazu ist ein grösserer Beitrag angekündigt, der u.a. einen theoriegeschichtlichen Streifzug bis hin zu Strukturalismus und Systemtheorie bzw. zum „Tod des Subjekts“ enthalten soll. Wir hoffen also auf eine spannende Diskussion für die kommenden Ausgaben der Krisis.

3.

Nicht totzukriegen ist der linke Demokratismus, der zum bürgerlichen Aufklärungsdenken in seinen Verfallsformen gehört wie das Bellen zum Dackel. Die alberne Proklamation vom „Ende der Geschichte“ schliesst auch die Demokratie als letzte, nicht mehr überschreitbare Form ein, die höchstens noch reaktionär und rückwärtsgewandt kritisiert werden könne. So weiss die grossmütterlich-akademische Theoriezeitschrift Prokla im 21. Jahrgang ihres Bestehens: „Sind Markt und Demokratie die ultima ratio der Organisation und Regelung wirtschaftlicher und politischer Prozesse? Für die Demokratie bestreitet das im Prinzip niemand…“ (Prokla 82, März 1991, S.2). Das wäre ein passendes Schlusswort für den Abgang gewesen, aber die Prokla hat sich entgegen anderslautenden Gerüchten doch zum Weiterleben entschlossen.

Nun mag es schon sein, dass wir für die Prokla „niemand“ sind, obwohl sie selbst für uns durchaus „jemand“ ist, wenn auch kein besonders wichtiger „jemand“ mehr. Aber wie dem auch sei, ob als „niemand“ oder als „jemand“, jedenfalls bestreiten wir in aller Bescheidenheit vehement und „im Prinzip“ nicht nur, dass die Demokratie der Geschichte enthoben und ein ontologischer Endzustand sei; wir behaupten vielmehr sogar, dass sie historisch auf dem letzten Loch pfeift samt einem Gesellschaftszustand, der so etwas wie eine „Regelung politischer Prozesse“ impliziert. Das Problem ist offenbar, nicht nur für die Prokla, dass ein anderes Denken als ein solches in den Kategorien bürgerlicher, warenförmiger Vergesellschaftung gar nicht möglich erscheint und somit jede Kritik schon vor der entscheidenden Schranke stillgestellt wird.

Dieser Denkverhaltung ist Peter Klein nicht verfallen. In seinem Artikel Demokratendämmerung entwickelt er die bisherigen Ansätze radikaler Demokratiekritik weiter, diesmal hauptsächlich in einem Interesse der Anschaulichkeit bereits früher publizierter Positionen, die präzisiert und weiterentwickelt werden. Anhand zahlreicher praktischer und alltäglicher Erscheinungen wird der Demokratenverstand auseinandergenommen, um zu seinen apriorischen, nämlich von ihm bewusstlos gehandhabten, Grundlagen durchzustossen. Dabei öffnet sich – gewissermassen als Nebeneffekt des wertkritischen Ansatzes – der Weg zu einer materialen Kant-Lektüre. Der Text ist aus einem Vortrag für die Kritische Uni Kaiserslautern entstanden und dürfte sich seiner leichten Verständlichkeit wegen, und weil er nahezu alle unsere „Themenbereiche“ wenigstens antippt, zur Einführung in die wertkritische Position überhaupt eignen. Für die wachsende Zahl unserer Erstleser und -leserinnen ist dies ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Ein Vorteil wäre die Lektüre aber selbstverständlich auch für die Prokla-Redaktion und für alle anderen Theorie-Profis, die der Zerfall des Marxismus in die ideologische Fluchtburg von Freiheit und Gleichheit getrieben hat.

4.

Schliesslich noch ein Wort zur leidigen Frage des Verkaufspreises. Wenn wir uns schon wieder dazu veranlasst sehen, den Preis der KRISIS heraufzusetzen, dann hat dies immer noch den gleichen Grund, den es auch bisher jedesmal hatte: mit dem Verkauf der KRISIS wenigstens die Herstellungskosten zu decken, d.h. den Druck, einen Teil des Büromaterials und das sehr bescheidene Anzeigenwesen zu finanzieren. An einen professionellen Vertrieb, der auch wieder Geld kosten würde, ist vorläufig nicht zu denken, geschweige dass wir Autorenhonorare zahlen könnten.

Es geht also nur ums rein technisch verstandene Kostendecken, und hier schlagen die folgenden Faktoren zu Buche. Zunächst einmal handelt es sich um den für die KRISIS 8/9 erforderlich gewordenen Nachdruck und die daraufhin generell auf 1000 Exemplare erhöhte Auflage. Dass dies ein Teuerungsgrund sein soll, klingt paradox, erklärt sich aber sofort aus der sehr langen Umschlagzeit, die unser „vorgeschossenes Kapital“ besitzt. Zumindest bisher zog sich der Verkauf einer Nummer über Jahre hin. Die MK 4, Erscheinungstermin: Dezember 1987, ist erst in diesen Tagen ausverkauft worden. Die Nachfrage nach der schon lange vergriffenen MK 1 hält bis heute an und kann nur notdürftig per Fotokopie befriedigt werden, die Kosten für eine entsprechend hohe Auflage hätten wir aber schon im März 1986 aufbringen müssen. Einen solchen Zeitraum können wir unmöglich unserer Kalkulation zugrundelegen. Ausschlaggebend ist vielmehr der Abstand zur jeweils nächsten Ausgabe, und das heisst derzeit, dass wir auf der Basis von etwa 400 verkauften Exemplaren kalkulieren müssen.

Weiterhin ist auch diese Ausgabe der KRISIS wieder sehr viel dicker ausgefallen, als geplant, und dies schlägt sich natürlich auch in den Druckkosten nieder. Darüber hinaus sind wir aber auch noch an einer erweiterten Reproduktion nicht unbedingt unseres „Kapitals“, sehr wohl aber unserer Position interessiert. Es steht an: Die Herausgabe von Peter Kleins Artikelserie zur Demokratie (in MK 3 bis MK 6 erschienen) als Broschüre (Titel des überarbeiteten Textes: „Die Illusion von 1917“), die zweite Auflage des von R. Kurz verfassten „Manifests für die Erneuerung revolutionären Theorie“, eventuell eine Sammlung von älteren Aufsätzen aus der „Marxistischen Kritik“ und ähnliche Projekte mehr. Für solche zur KRISIS hinzukommenden Vorhaben benötigen wir einen grösseren finanziellen Spielraum, als wir ihn bisher haben, und wir gehen davon aus, dass unsere Leserschaft dazu bereit ist, ihn uns zu gewähren.

In der Hoffnung, dass die von uns selbst analysierten Inflationstendenzen unsere Berechnungen nicht über den Haufen werfen bzw. mit dem wachsenden Verkaufserfolg der KRISIS sich die Waage halten werden, führen wir hiermit die folgende Regelung ein: Der Einzelverkaufspreis (Buchhandelspreis) der KRISIS beträgt von jetzt ab DM 16.-. Wird die KRISIS über den Verlag bezogen, stellen wir die Versandkosten in Rechnung. Im Abonnement kostet die KRISIS hingegen DM 15.- einschliesslich der Versandkosten. Von der Nr. 12 ab wollen wir den Abonnementpreis jeweils für zwei Ausgaben (etwa ein Jahr) im Voraus kassieren, für diese Nummer aber gilt noch: Rechnungstellung erfolgt mit der Lieferung.

Robert Kurz für die Redaktion