31.12.1991  Beitrag drucken

Rien ne va plus

Ein Nachruf auf die Anti-Golfkriegs-Bewegung und ihre Kritiker

Norbert Trenkle

1.

Selten hat eine Bewegung so viel dezidierte Kritik aus der Ecke der linksradikalen Zeitgeistkommentatoren auf sich gezogen, wie die für ein paar kurze Tage aufgeflackerte Opposition gegen den Golfkrieg. Es war geradezu verblüffend, zu welchen verbalen Verrenkungen sich die Kritiker dabei hinreißen ließen. Am schwersten fiel es ihnen wohl, den Generalvorwurf des Antisemitismus mit dem Impuls des spontanen Erschreckens auf einen Nenner zu bringen, der ganz offensichtlich die Triebkraft der kurzatmigen Bewegung war.

Während Wolfgang Schneider darin nur die vergangenheitsbezogene Identifikation „der Deutschen“ mit den Opfern der Flächenbombardements im Irak zu erkennen vermag (Konkret 3/91), gestehen andere , wie etwa die Freiburger „Initiative Sozialistisches Forum“ in ihrem Flugblatt zum Golfkrieg, zumindest zu, daß die Angst der demonstrierenden Schüler einen realen Hintergrund hat. Die ISF findet dies aber geradezu verächtlich, weil den friedensbewegten Demonstranten „der stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse, der anderswo Millionen ins Elend treibt, nur dann der Rede wert ist, wenn er als lautstarke Gewalt derart explodiert, daß sogar, wie es im Aufruf zur bundesweiten Demonstration (heißt), die >Zerstörung der Zukunft< droht“. In der Tat ein schwerer Vorwurf, daß jemand aus Angst vor der Vernichtung der eigenen Lebensgrundlagen auf die Straße geht, ein Vorwurf, der uns aber darüber ins Bild setzt, daß die neue Friedensbewegung ganz und gar nicht den hohen moralischen Ansprüchen jener linken Veteranen genügen kann.

Man braucht allerdings kein Adorno-Enkel zu sein, um der bürgerlichen Wirklichkeit den billigen Vorwurf der Doppelmoral zu machen. Dieses Niveau der Kritik findet sich in jeder beliebigen Leserbriefspalte, etwa jener der Baseler Zeitung, wo anläßlich der Diskussion um die Aussetzung der Fasnachtsfestivitäten zu lesen war: „Ein Fasnachtsverzicht wäre die Heuchelei des Jahrhunderts, da wir wirklich jedes Jahr einen solchen Grund hätten“.

Billig ist der Vorwurf nicht nur deshalb, weil es sich um ein Totschlagargument handelt, mit dem leichterdings jede Einzelaktion abqualifiziert werden kann, die im entferntesten etwas mit der Verfolgung eigener Interessen zu tun hat; wegen seiner nahezu unbeschränkten Recyclingfähigkeit erspart es obendrein demjenigen, der ihn im Munde führt, die Anstrengung, sich mit dem je zur Debatte stehenden Problem auseinanderzusetzen müssen und verschafft ihm so auf bequeme Weise das Gefühl, moralisch erhaben über die Niederungen des Alltags zu sein.

Nicht minder billig ist es, der Friedensbewegung Naivität vorzuwerfen. Daß Parolen wie „Frieden jetzt“ oder gar „Ich will leben“ nicht viel mehr sind als der Ausdruck ohnmächtiger Hilflosigkeit, braucht den youngsters keiner zu enthüllen. Sie wissen es selbst und haben bald die Konsequenz gezogen, indem sie innerhalb kürzester Zeit wieder in ihre Klassenzimmer zurückkehrten. Wenn sie sich dann sogar weigerten, die im Eilverfahren von ihren friedensbewegten Lehrern zusammengeschusterten „Unterrichtseinheiten“ zum Golfkrieg überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, nachdem sie zwei Wochen zuvor noch auf die Straße gegangen waren, so zeugt das nur von der realistischen Einschätzung, daß ihnen diese keinen neuen Erkenntnisgewinn gebracht hätten. Wo alle überkommenen Bezugssysteme aus den Fugen geraten sind und der sogenannte „rationale Diskurs“ im günstigsten Fall darin besteht, aufs Sorgfältigste abzuwägen, welche gerechte Strafe dem „Verstoß gegen das Völkerrecht“ zu folgen habe, offener Vernichtungskrieg oder „lediglich“ Aushungern der Bevölkerung durch konsequenten Wirtschaftsboykott, da ist es nur allzu gut nachvollziehbar, wenn sich die nachwachsende Generation dieser Ebene der „Realpolitik“ verweigert.

Die eklatante Zunahme an psychosomatischen Störungen im Bevölkerungsdurchschnitt während des Golfkriegs in allen westlichen Ländern verweist jedoch darauf, daß die Verdrängung nur mehr schlecht als recht gelingt. Dies als puren Irrationalismus abzutun, oder gar, bemüht sozialpsychologisch, als ein „trübes Gemisch von schlechtem Gewissen, Selbstmitleid und dem Verlangen nach Revanche“ (Wolfgang Schneider), zeugt selbst von einer beachtlichen Verdrängungsleistung gegenüber den realen Gefahren, die von der kollabierenden Weltmarktvergesellschaftung für alle fünf bis sechs Milliarden Beteiligten ausgehen. Die brennenden Ölquellen am Golf werden sicherlich nicht die Klimakatastrophe auslösen, doch kann der Golfkrieg als Signal für die hereinbrechende Krisenepoche gewertet werden, die auch aus den bisher noch relativ geschützten Metropolen des Westens jeden Rest an Gemütlichkeit vertreiben und alle latenten Probleme und Konflikte innerhalb des warenproduzierenden Weltsystems bis zur Explosion verschärfen wird. Das Massenbewußtsein hat dieses Signal zmindest mit den Antennen seines Unterbewußten sehr wohl empfangen und reagiert mit Panik.

Die offenen Angstausbrüche insbesondere der jüngeren Generation anläßlich der entfesselten Vernichtungslogik am Golf bieten also keinerlei Anlaß zur Häme. Sie zeugen vielmehr von Sensibilität dafür, daß ein Ausweichen vor der totalen Vergesellschaftung nicht mehr möglich ist. Was schon den auf der Flucht vor der atomaren Bedrohung nach Australien und Kanada auswandernden Jungeltern zu Recht aufs Brot geschmiert wurde, daß es nämlich kein sicheres Versteck auf diesem Globus mehr gibt, diese Erkenntnis ist spätestens seit Tschernobyl unerbittlich ins allgemeine Bewußtsein eingesickert. Die täglich wechselnden Katastrophenmeldungen in den Zeitungen unterfüttern dieses Wissen großzügig mit Empirie. Wenn sich dennoch der Protest nur sehr sporadisch rührt und kurzatmig verpufft, dann deshalb, weil die nicht mehr zu leugnende Allgegenwart der Gefahr wie ein Alpdruck auf der modernen Geldmonade lastet. Nicht nur sind die individuellen Fluchtwege verstopft, auch der gewohnte Bezugsrahmen des kollektiven Protests ist brüchig geworden. Weder läßt sich ein eindeutiger Gegner, Feind oder Verursacher der Misere ausfindig machen, noch gibt es irgendein neues „Konzept“ zur Gesellschaftsveränderung, das noch nicht ein ums andere Mal erfolglos durchgehechelt worden wäre. Das auf die Unmittelbarkeit fixierte „Verwirklichungsdenken“ braucht aber solche eindeutigen Alternativen oder Schuldigen, um zu überleben. Wo diese fehlen, schlägt der unermüdliche Aktionismus des Die-Bewegung-ist-alles-Bewußtseins in Selbstblockade um. „Anything goes“ liest sich dann mit einem Mal französisch als „rien ne va plus“.

2.

Jede erste Politisierung enthält wesentliche Momente von Spontaneität und entfacht sich in aller Regel an unmittelbar praktischen Ereignissen. So gesehen wäre also nicht viel Neues an der (im doppelten Sinne) jüngsten Friedensbewegung festzustellen. Neu an ihr ist jedoch zweierlei. Zum einen der bemerkenswert niedrige Altersdurchschnitt der Beteiligten (ein im übrigen, was die sozialen Bewegungen der letzten Jahre angeht, mindestens europaweites Phänomen, wie ein Blick etwa nach Frankreich oder Griechenland beweist), zum anderen die Qualität der Ereignisse, die sie auslösten. Auch jene mythologisierte 68er Rebellion entzündete sich nicht zuletzt an dem, was man „unmittelbare Betroffenheit“ nennen könnte, doch die war im wesentlichen moralischer Natur. Jede Bombe, die in Vietnam fiel, verstärkte das niederschmetternde Gefühl, jahrelang belogen worden zu sein, und zerschlug alle Illusionen der Nachkriegsgeneration über die westliche Demokratie als die beste aller möglichen Welten. Der Krieg in Vietnam bedrohte nicht einmal virtuell das Weltklima (jedenfalls wußte man damals noch nichts darüber), es gab auch sonst keinen unmittelbar erfahrbaren Anlaß, der den Protest dagegen hätte begründen können. Ganz im Gegenteil. Die APO wie alle Solidaritätsbewegungen in ihrem Gefolge, mußte der Bevölkerungsmehrheit erst einmal plausibel machen, wieso sie sich denn überhaupt für den nationalen Befreiungskampf eines südostasiatischen Volkes interessieren sollte. Das lag in der Natur der Sache. Die Lebensverhältnisse in Vietnam, in Chile, Mozambique oder Nicaragua mochten Produkt des kapitalistischen Weltsystems sein, dies war aber Otto Normalverbraucher herzlich egal, solange der Sonntagsbraten auf den Tisch kam und der Kleinwagen in der Garage stand.

Jeder Bezug auf den übergreifenden Zusammenhang erschien als besondere moralische Leistung, denn er implizierte den Anspruch darauf, das eigene Partikularinteresse zugunsten eines abstrakten Ideals zurückzustellen. Die Linke bemühte sich, die Kluft zwischen bornierter Partikularität und abstraktem Sollen dadurch zu schließen, daß sie eine angebliche „objektive Interessensidentität“ zwischen den Unterprivilegierten hier und den „Verdammten dieser Erde“ dort herbeikonstruierte (1). Tatsächlich reproduzierte sie dabei jedoch nur die Struktur jenes Moralismus, den sie vordergründig überwunden zu haben beanspruchte. Die angeblich gemeinsamen „objektiven Interessen“ waren ja gerade keine empirische Kategorie, und damit auch nicht unmittelbar einsichtig. Es bedurfte einer gesonderten „Aufklärung“, um sich ihrer „bewußt“ zu werden. Da aber der Alltagsverstand ein durchaus mißtrauischer Geselle ist, der sich lieber nach seiner „Erfahrung“ als nach „der Theorie“ richtet, als welche sich der Moralismus aufspielt, verliefen bald alle Anstrengungen, ihn zur „internationalen Solidarität“ zu animieren, im Sande.

In der hereinbrechenden Krisenepoche wird jedoch der bisher gültige Bezugsrahmen politischen Agierens brüchig. Der weltgesellschaftliche Zusammenhang muß nicht mehr gesondert beschworen werden, die geballte Kraft des Zusammenbruchs drängt sich als unmittelbare materielle Bedrohung in den Lebensalltag jedes Einzelnen, und mag er sich noch so sehr dagegen sträuben (2). Was bisher in den Zuständigkeitsbereich der Politik fiel und mit der abstrakten Geldmonade, wenig bis nichts zu tun hatte, wird urplötzlich zum unmittelbaren Anliegen. Die Sphäre des abstrakt Allgemeinen verliert ihren metaphysischen Glanz und wird brutal säkularisiert. Konnte Dieter Kunzelmann, enfant terrible der 68er Bewegung, noch mit der Frage provozieren, wieso er sich für Vietnam interessieren solle, wenn er Orgasmusschwierigkeiten habe, so ruft der Golfkrieg ganz unmittelbar massenhaft Potenzstörungen hervor.

Unter diesen Vorzeichen wird aber die bisherige Form politischen Engagements selbst obsolet. Wo die politische Klasse immer mehr zur bloßen Sachzwangverwalterin degradiert wird, deren Hauptaufgabe darin besteht, innerhalb der vorausgesetzten und von der Wertlogik konstituierten Interessenkonkurrenz notdürftig für einen Ausgleich zu sorgen, da wirkt auch der Appell an ihren Gestaltungswillen zunehmend lächerlich. Zwar hat schon der radikalere Teil der Linken in den Siebzigern und frühen Achtzigern darauf insistiert, man dürfe sich keine Illusionen über den Spielraum der offiziellen Politik machen, doch wurde damit die Politikillusion selbst keinesfalls beiseitegeräumt, sondern nur negativ affirmiert. Die bürgerlichen Politiker, so der Vorwurf, betrieben eine Gestaltungspolitik im Interesse des Kapitals. Sie griffen durchaus lenkend oder zumindest steuernd in das ökonomische und politische Geschehen ein, aber immer zuungunsten der Unterdrückten. Es erschien daher naiv, sich von ihnen irgendetwas zu erwarten. Wenn dennoch Forderungen gestellt wurden, dann vor allem zu propagandistischen Zwecken. Es sollte demonstriert werden, daß die „Herrschenden“ ja gar nicht dazu gewillt waren, darauf einzugehen. Die Charaktermasken des Kapitals sollten als solche entlarvt werden.

Diese Personalisierung oder Soziologisierung des blinden Fetischzusammenhangs wurde aber immer unglaubwürdiger, je weiter sich dieser zum globalen alles verschlingenden Moloch auswuchs. Daß die Flutkatastrophe in Bangla-Desh keine simple Naturkatastrophe ist, kann in jeder besseren Tageszeitung nachgelesen werden. Doch wer trägt dann die „Schuld“ daran? Sind es die Autofahrer, die die Klimakatastrophe wesentlich mitverursachen, sind es die Banken, die keine Finanzmittel zur Errichtung von Schutzdeichen zur Verfügung stellen oder ist es gar der Papst, der die „Bevölkerungspolitik“ hintertreibt? Und was ist mit der Cholera-Epidemie in Peru (daß die Cholera in Afrika schon länger tobt, ist wie so vieles aus diesem längst abgeschriebenen Kontinent in den Medien ohnehin kaum zur Kenntnis genommen worden)? Ist sie auf das Konto des IWF zu verbuchen oder auf das der fettgefressenen peruanischen Oberschicht, oder ist gar eine „ungeschickte“ nationale Wirtschaftspolitik daran „schuld“? Und wenn dann, wie es in Mode gekommen ist, die „Schuld“ auf mehrere Schultern gerecht verteilt wurde, stellt sich sofort die Frage nach einer „Lösung“. Ähnlich wie im Golfkrieg bleibt aber auch hier die Rolle des positiven Helden unbesetzt. Weder der „Leuchtende Pfad“ mit seinem blindwütig-irrationalen Terrorismus noch der zum Neoliberalismus bekehrte Schriftsteller Vargas Llosa gibt sich dafür her, und der traditionelle Befreiungsnationalismus hat ohnehin längst das Zepter abgegeben. An wen also die Forderungen richten, was überhaupt fordern, oder, zumindest, welchen „Schuldigen“ anklagen? Die Entmenschlichung des gesellschaftlichen Prozesses schlägt sich in der Ziellosigkeit der menschlichen Akteure nieder und lähmt letzten Endes jedes Handeln.

Die modernen Individuen sind weit weniger abgestumpft, als dies auf den ersten Blick den Anschein haben mag. Sie verzweifeln allerdings an der Übermacht des Elends, der sie sich hilflos ausgeliefert fühlen. Es braucht nicht zu verwundern, wenn sie sich gegen dieses niederschmetternde Gefühl abschotten. „Unser Mitgefühl ist müde geworden, wird eingeschläfert durch die ewige Wiederkehr der immer gleichen Katastrophen. Das amerikanische Magazin Newsweek hat dafür ein Wort geprägt: disaster fatigue, Überdruß an all dem Unglück“, schreibt die „Zeit“ vom 24.5.91 und zählt die Elendsnachrichten der letzten Monate auf: „Wohl noch nie haben so viele Menschen an so vielen Orten zur selben Zeit so viel Hilfe gebraucht: 1,5 Millionen von Saddams Soldateska gehetzte Kurden; 10 Millionen Bangladescher, über die ein Wirbelsturm Not und Elend gebracht hat; 29 Millionen vom Hungertod bedrohte Afrikaner; weit über 30 Millionen Menschen, die vor Krieg, Unterdrückung und Armut fliehen, bald 200 000 Peruaner hat die Cholera befallen“. Die Liste ließe sich ohne weiteres fortsetzen.

3.

Schon die Friedensbewegung der frühen achtziger Jahre hatte sich mit dem Problem herumzuschlagen, nicht eindeutig Partei ergreifen zu können. Sie brachte dieses Dilemma auf die ebenso populäre wie inhaltsleere Parole von der „Abrüstung in West und Ost“. Das Erklärungsmodell, das die Welt in bösen Imperialismus hier und friedliebenden Sozialismus dort einteilte, war überholt und griff so wenig wie das von Reagan, FAZ und Bildzeitung aus der Klamottenkiste des Kalten Kriegs bewahrte Gegenbild. Immerhin, daß der „Antikommunismus“ und die Angst vor der „sowjetischen Bedrohung“ damals immer noch in den Köpfen breiter Bevölkerungsschichten verankert war, eröffnete der Friedensbewegung ein dankbares Betätigungsfeld. Hier war noch nach Herzenslust Aufklärungsarbeit zu leisten. Immer noch gab es genügend Opfer, die nur darauf warteten, darüber belehrt zu werden, daß die Sowjets gar nicht so angriffswütig waren, wie sie immer dargestellt wurden, daß der Westen entgegen den Behauptungen der US-Militärs strategisch nicht unterlegen sei und im übrigen immer dazu bereit war, die eigenen geopolitischen und ökonomischen Interessen im Zweifelsfall mit militärischer Gewalt durchzusetzen.

Die Friedensbewegung verzichtete darauf, ein bestimmtes Partikularinteresse (etwa das „Interesse des Proletariats“) mit höheren Weihen zu versehen, sondern trat unmittelbar als Repräsentant der „Menschheit“ auf. Sie schwang sich so zur höchsten und zugleich dünnsten Abstraktion auf, zu der sich das bürgerliche Bewußtsein erheben kann. Mit dieser Abstraktion ließ sich aber nur noch schwer Politik betreiben. Wo ausdrücklich jede Einseitigkeit der Schuldzuweisung abgelehnt wird, ohne aber zur Kritik des Fetischzusammenhangs selbst vorzustoßen, wo in alter Manier der blinde gesellschaftliche Prozeß zum Resultat vorausgesetzter Subjektivität verkehrt wird, der Feind aber verlustig gegangen ist, da ist die „Politik in erster Person“ der logische Endpunkt. Als „Schuldiger“ bleibt dann nur noch „der Mensch“ in seiner „Unvernunft“, seinem „Egoismus“ und seiner „Gleichgültigkeit gegenüber den Mitmenschen“ übrig. Die Einzelnen zur „Einsicht“ zu bewegen und „an sich selbst zu arbeiten“, wurde daher folgerichtig zum obersten Ziel. Wenn nur genug Einsichtige zusammenkämen, so die weitverbreitete Vorstellung, dann mußte schließlich ein Krieg unmöglich werden. Die unvergleichliche Petra Kelly hat dies dankenswerterweise auf den Punkt gebracht: „Vielleicht fehlt nur eines einzelnen Menschen Stimme zum Frieden der Welt“.

Mit dieser Milchmädchenrechnung als ideologischem Fundament unterlag die Friedensbewegung der Logik eines Kettenbriefes. Sie funktionierte, solange sie eben wuchs. Solange jede zentrale Demo in Bonn den Teilnehmerrekord der Vorgängerin brach, schien man sich auf dem Weg des Erfolgs zu befinden. In dem Augenblick jedoch, als sich herausstellte, daß die pure Masse eine Stationierung der Raketen nicht verhindern konnte, entpuppte sich das friedensbewegte Selbstbewußtsein als reichlich labil, und die Bewegung zerplatzte wie eine Seifenblase.

Dennoch war der Pazifismus der frühen Achtziger durchaus erfolgreich auf der Ebene des Bewußtseins. Indem er die Idee der „Menschheit“ aktualisierte und verallgemeinerte, erwies er sich als adäquater Propagandist der weltweit durchgesetzten Wertvergesellschaftung. Doch tragischerweise mündet die Herstellung der „Einen Welt“ nicht im „ewigen Frieden“ (Kant) sondern viel eher im Weltbürgerkrieg. Die „Menschheit“ wird nicht glücklich mit dieser ihrer eigenen Abstraktion, sondern zerfleischt sich mehr als je zuvor. Wenn mittlerweile die Welle der kriegerischen Auseinandersetzungen bereits die Südgrenze Österreichs umbrandet, dann schwant dem deutschen Wohlstandsbürger völlig zu Recht nichts Gutes für die Zukunft. Noch ist zumindest in den Medien die Rede von „internationaler Solidarität“ – „Wir helfen, ihr reformiert“, ruft Marion Gräfin Dönhoff voll verzweifelter Inbrunst Gorbatschow zu -, doch mit dem Zusammenbruch der monetären Illusion wird auch der Ruf nach der Neutronenbombe wieder salonfähig werden. Angesichts dieses Szenarios bleibt selbst dem unerschrockensten Aufklärer der Appell an „die Vernunft“ im Halse stecken. Die Naivität, mit der er den Abstraktionen aufs Wort geglaubt hat, weicht dem Entsetzen über deren realen Inhalt, und es sind noch die sympathischeren unter den Zeitgenossen, die aus diesem Anlaß nicht dem amoklaufenden Weltpolizisten zur Hand gehen wollen, sondern zumindest offen ihre Ratlosigkeit eingestehen.

4.

Es gab einmal eine Zeit, da war das A und O der Linken die Erzeugung jener berühmt-berüchtigten „unmittelbaren Betroffenheit“. Doch auch daran besteht kein Bedarf mehr, sobald die bürgerliche Gesellschaft in ihr Katastrophenstadium eintritt. Zwar war schon 1982/83 das schlagende und unwiderlegliche Argument, daß vor der Atombombe alle gleich und das heißt auch gleich betroffen sind – insofern ist sie eine durch und durch demokratische Einrichtung -, doch blieb dies noch im Bereich des Hypothetischen. Teils weil die Aktivisten selbst nicht so recht an ihre eigenen Horrorszenarien glaubten, teils aus Gründen der Selbsttherapie (mit im übrigen recht zweifelhaftem Erfolg) mußte die Betroffenheit permanent zelebriert werden. Die Notwendigkeit hierzu fällt allerdings weg in einer Situation, in der die Bedrohung nicht mehr beschworen werden muß, sondern täglich aus den zensierten Kriegsberichten herausgeahnt werden kann. Es waren daher auch weit weniger die aus ihrem Alltag hochgeschreckten Jugendlichen und Kinder, die sich mit moralinsauren Theaterstückchen in der Fußgängerzone und mit Die-Ins vor dem Werkstor inszenierten, als vielmehr deren Eltern und Lehrer, denen in ihrer Hilflosigkeit nichts Besseres einfiel, als auf die Selbsterfahrungspraktiken ihrer friedensbewegten Zeit zurückzugreifen. Ihren Kindern und Schülern dagegen stießen alle Bemühungen, in alter Manier noch einmal Extra-Betroffenheit zu erzeugen, sauer auf. Völlig zu Recht will es ihnen nicht einleuchten, wieso angesichts des Flächenbombardements, der Giftgasdrohungen und der absehbaren globalen Zerstörung durch Umweltkatastrophen und Verallgemeinerung kriegerischer Konflikte etwa noch einmal zusätzlich auf die „besondere Lage der Frauen“ hingewiesen werden muß. Wenn gar einer Vertreterin der Lesben zum Golfkrieg nicht viel mehr einfällt als die beruhigende Aussage, Lesben bräuchten sich „mit den Männern nicht morgen ins Bett zu legen, als wäre nichts geschehen“ (FR 19.1.91), dann braucht sie sich nicht zu wundern, wenn ihr Redebeitrag im Protestgeschrei der Kundgebungsteilnehmer untergeht. Das beweist nur, daß die gerade mal eben anpolitisierten Jugendlichen zwar ganz unmittelbar „aus dem Bauch“ reagieren, aber weit davon entfernt sind, daraus eine Ideologie zu machen. Daraus, daß sie noch wenig begriffen haben, kann man ihnen keinen Vorwurf machen. Hätten die fünfzehn bis zwanzig Jahre älteren Bewegungsaktivisten mehr gelernt als Selbstinszenierung und die dazugehörigen didaktischen Methoden an der Fachhochschule für Sozialarbeit, sie hätten sicherlich aufmerksame Zuhörer gefunden. So aber durften sie verdientermaßen, nach nur drei Wochen Bewegungsfrühling, im gewohnten kleinen Kreis nachsitzen und sich das Hirn mit der Frage zermartern, weshalb es ihnen wieder nicht gelungen ist, die Menschen für die gute Sache zu gewinnen. Wenn sie nun zunehmend den „Glauben an die Menschheit“ verlieren, so heißt das nicht, daß sie zu einer Kritik dieser Abstraktion vorgestoßen wären, sondern es handelt sich nur erst um den Ausdruck einer enttäuschten Liebe zu ihr.

Innerhalb des Bezugsrahmens des warenproduzierenden Weltsystems verbleibt nurmehr die Wahl zwischen verschiedenen Alternativen mehr oder weniger brutaler Krisenpolitik. Wer sich dieser Wahl zwischen Pest und Cholera verweigern will, wird den Bezugsrahmen wechseln und sich zu einer theoretischen wie praktischen Kritik jener blinden Basislogik aufschwingen müssen, die den gesellschaftlichen Prozeß außerhalb des bewußten Zugriffs mit der Gewalt eines Naturgesetzes sich vollziehen läßt. Daß die hochgeschreckten youngsters diesen Schritt aus dem Stehgreif heraus nicht zu vollbringen vermochten, kann ihnen nicht zum Vorwurf gemacht werden. Doch daß vermeintlich mit allen theoretischen Wassern gewaschene linke Zeitgeistkommentatoren auf die Hilflosigkeit dieser Kinder einprügeln, ist nicht nur ärgerliche Arroganz, sondern zeugt auch davon, daß sie selbst den Bezugsrahmen der bürgerlichen Verkehrsform keineswegs transzendiert haben.

1) Dies ist ein durchgängiges Phänomen, unabhängig davon, welches „soziale Subjekt“ als Zielgruppe der Agitation auserkoren wurde (die Arbeiter, die „Randgruppen“, die Frauen etc.).

2) Sicher ist der bundesdeutsche Normalo von wirklichen Katastrophen bisher noch weitgehend verschont geblieben. Insofern mag man sich über die geradezu hysterischen Überreaktionen etwa anläßlich des Reaktorunglücks in Tschernobyl oder des Golfkrieges belustigen. Im Vergleich zu den direkten Opfern hatten die Bundesbürger in der Tat unmittelbar wenig zu befürchten. Die Schreckensvisionen, die bei diesen Anläßen an die Wand gemalt wurden, stehen jedoch nur stellvertretend für die berechtigte Ahnung, daß in der Zukunft der Krisenherd auch ohne weiteres direkt vor der Haustür liegen könnte. Immerhin haben die Wirren des Bürgerkriegs schon das beliebte Urlaubsland Jugoslawien erfaßt.