31.12.1992  Beitrag drucken

Krisis 12 — Editorial

Ein Bändchen von Rossana Rossanda aus den siebziger Jahren trägt (zumindest in der deutschen Übersetzung) den schönen Titel „Dialektik von Kontinuität und Bruch“. Damit ließe sich auch die Entwicklung der KRISIS ganz gut überschreiben. Mit der Ausarbeitung, dem Weitertreiben und Präzisieren des theoretischen Ansatzes hat sich dieser auch gründlich verändert. Da die KRISIS von 1992 an vom Horlemann-Verlag betreut wird und neue Leser zu erwarten sind, nehmen wir dies zum Anlaß, ein wenig auf die Irrungen und Wirrungen der letzten sieben Jahre in unserer theoretischen Sub-Existenz zurückzublicken. Natürlich nicht mit der Illusion, eine auf Anhieb verständliche Darstellung geben zu können. Aber doch in der stillen Hoffnung, daß alte und junge Neuankömmlinge neugierig gemacht werden auf jene seltsamen Vögel von „Marxisten, die schon keine mehr sind“.

Als in der vormaligen „Marxistischen Kritik“ Nr.1 anno 1986 der Aufsatz „Die Krise des Tauschwerts“ erschien, war uns durchaus klar, daß dieser Beitrag eine grundsätzliche Wendung gegen den Hauptstrom aller bisherigen marxistischen Theoriebildung implizierte. Allerdings ahnten wir nicht einmal annähernd, was das in der Folge alles zu bedeuten hatte. Die manchen Ohren vielleicht etwas anmaßend klingende „fundamentale Wertkritik“ war geboren, die werte Elternschaft lernte aber erst nach der Geburt, was für ein Gör sie da in die Welt gesetzt hatte.

Der in vielerlei Hinsicht für unsere Entwicklung bahnbrechende Aufsatz „Die Krise des Tauschwerts“ etwa operierte – vollkommen naiv von unserem heutigen Standpunkt aus gesehen – mit einem positiven Bezug auf den guten alten Klassenkampf und unterstellte noch ganz brav-traditionell die Arbeiterklasse als revolutionäres Subjekt. Kritik der Warengesellschaft („Wertkritik“) und Klassenkampfdenken koexistierten hier noch friedlich. Wo aber die Keimzelle der bürgerlichen Gesellschaft, die Ware, zum zentralen Kritikgegenstand wird, kann der stolze Besitzer der Ware Arbeitskraft auf Dauer seinen Heiligenschein nicht behalten. Drei Jahre später wurde in dem für unseren damaligen Stand zentralen Beitrag „Der Klassenkampffetisch“ (MK 7) die Konsequenz gezogen und jener sogenannte „Klassenstandpunkt“, der zuvor noch als stille Voraussetzung gegolten hatte, zum expliziten Kritikgegenstand gemacht. Damit sahen wir uns plötzlich genauso weit vom nur noch folkloristisch strammen Arbeiterbewegungs-Marxismus entfernt wie die neuen „Realisten“ – bloß in der genau entgegengesetzten Richtung.

Die Hinwendung zur Fetischismuskritik erzwang aber nicht nur den Bruch mit der Affirmation der „Arbeiterklasse“, sie warf weitergehend das soziologistische Denken überhaupt über den Haufen. Wenn der gesellschaftliche Zusammenhang der Menschen sich paradoxerweise zu etwas Dinglichem verkehrt und objektiviert, das den Individuen und ihrem Tun immer schon vorausgesetzt ist, dann läßt sich Wirklichkeit nicht länger in letzter Instanz aus dem bloßen Wechselspiel sozialer (Groß)subjekte erklären (vgl. „Brüderchen und Schwesterchen„, KRISIS 11). Der Blick richtet sich vielmehr auf die Konstitutionsbedingungen von Subjektivität, während die vertraute Dichotomie von blind hingenommener gesellschaftlicher Objektivität (Warenform) und handelnden Subjekten obsolet wird (vgl. „Das Ende des Proletariats als Anfang der Revolution“ und „Die vergebliche Suche nach dem Unverdinglichten Rest“, KRISIS 10).

Freilich konnte eine ernstgenommene Kritik der Warengesellschaft, die nicht bei der vagen Überschrift stehenbleibt, sich keineswegs auf die Kritik des kruden „Soziologismus“ beschränken. Das Lieblings-Tummelfeld der linken Aktivisten, „die Politik“, und ihr Lieblingsziel, „die (wahre) Demokratie“, mußten ebenso in ihrer fetischistischen Konstitution beleuchtet werden. Schon die Aufsätze von Peter Klein über „Demokratie und alte Arbeiterbewegung“ (MK 3-6) beginnen, in der Auseinandersetzung mit Lenin, mit einer energischen Absetzbewegung vom linken Politizismus (Soeben sind diese Aufsätze von Peter Klein gründlich überarbeitet als Buchpublikation der „Edition KRISIS“ unter dem Titel „Die Illusion von 1917“ im Horlemann-Verlag erschienen. Gerade nach dem Ende des „Realsozialismus“ dürfte diese Untersuchung nicht allein aus dokumentarischen Gründen interessant sein. Eine Überlegung, die uns zur Neuauflage veranlaßt hat.). Einige Jahre später haben sich die dort erstmals publizierten Gedanken zu einer Kritik der politischen Form überhaupt und ihrer Grundkategorien („Freier Wille“ und „Gleichheit“) ausgewachsen („Demokratendämmerung„, KRISIS 11). Wo die Ebene des Abstrakt-Allgemeinen (Staat, Politik) ins Blickfeld gerät, zieht die „Wertkritik“ die Kritik der Demokratie nach sich.

Gleichzeitig mußte die Auseinandersetzung mit den scheinbar geläufigen und glatten, in Wahrheit aber positivistisch-definitorisch affirmierten und versteinerten Grundkategorien der „Politischen Ökonomie“ wieder aufgenommen werden. Die Kritik der „abstrakten Arbeit“ (vgl. „Abstrakte Arbeit und Sozialismus“, MK 4), der „Substanz des Werts“, setzte die Kritik des Tauschwerts fort, bildete aber keineswegs den Schlußpunkt. Wurde in jenem Text von Ende 1987 noch die „Arbeit“ als überhistorische, ontologische Gegebenheit behandelt und nur deren warenförmige Abstraktifizierung kritisiert, so verfiel zwei Jahre später auch schon die „Ontologie der Arbeit“ als solche der kritischen Verdammnis: Nicht das Attribut „abstrakt“ allein ist das Problem, sondern die „Substanz“ namens „Arbeit“ selbst. Es geht nicht darum, die „Arbeit“ von der Gewalt der Abstraktion zu befreien, sie ist vielmehr an ihr selber schon diese Gewalt der Abstraktion (vgl. „Die verlorene Ehre der Arbeit“, KRISIS 10).

Die „Wertkritik“ zerrt also die verschüttete Analyse der bürgerlichen Keimform ans Licht und macht dort weiter, wo der von der Arbeiterbewegung liegengelassene „esoterische“ Marx aufgehört hat (was nebenbei auch bedeutet, daß nicht mehr von einer geschlossenen, „orthodox“ bloß noch zu interpretierenden Marxschen Theorie ausgegangen werden kann). Sie macht die basale Fetisch-Konstitution des zur totalen, weltumspannenden Banalität gewordenen „Geldverdienens“ als die unhaltbare Realabsurdität kenntlich, auf der das System negativer Vergesellschaftung in toto gründet. Weil sie unbescheiden auf den inneren Zusammenhang und aufs Ganze zielt, kann die negatorische Denkbewegung die säuberliche Trennung für sich seiender Sonderbereiche (Politik, Ökonomie, Psychologie, Privatheit, Erkenntnistheorie usw.) nicht selbstbescheiden akzeptieren. Es ist die Herrschaft der bürgerlichen Form, die all diese Grenzen zieht, und so wird die Kritik der Warenform als solcher auf Grund ihrer eigenen Dynamik zum grenzüberschreitenden Unternehmen.

Ein solches Programm läßt sich aber natürlich weder in einem Aufwasch besorgen, noch lassen sich seine nächsten Schritte ohne weiteres präjudizieren. Die Emanzipation vom etablierten bürgerlichen (und dem, wie sich herausgestellt hat, dazugehörigen marxistischen) Denkkosmos läuft stück- oder stoßweise. Was zunächst ausgeblendet blieb, rückt ins Licht, und die bisherigen Ergebnisse unserer Arbeit erscheinen in neuer Beleuchtung. Die Theoriebildung der KRISIS entwickelt sich als eine Art Domino-Effekt fort, der bis heute noch nicht beim letzten Stein angelangt ist. Eine gekippte Selbstverständlichkeit wirft die nächste um, und auf jeder Stufe finden sich dem jeweiligen alten Reflexionsstand verhaftete Anti-Kritiker, die die Autorenschaft der KRISIS der Blasphemie bezichtigen, oder sich ernstlich Sorgen um unsere geistige Gesundheit machen. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen.

In den vergangenen sieben Jahren hat sich aber nicht nur unser theoretischer Ansatz präzisiert und radikalisiert, parallell dazu hat sich die gesellschaftliche Großwetterlage gründlich verändert, und damit auch die Rahmenbedingungen, in denen sich der Theoriebildungsprozeß vollzieht.

1986 schrieben wir mit der Hinwendung zu einer neuen Kritik der bürgerlichen Basiskategorien gegen den Zeitgeist an und lagen völlig quer zu den Fragestellungen, die in der allgemeinen gesellschaftlichen Debatte und im linken Diskurs en vogue waren. Im Editorial der ersten Ausgabe war realistischerweise von den „aktuell miserablen Aussichten unseres Projekts“ die Rede, und unsere theoretische Arbeit fand denn auch tatsächlich geraume Zeit tief unten in den Katakomben statt, unsichtbar und unentdeckt von einem größeren Publikum, gleich weit entfernt vom akademischen wie vom politischen Betrieb.

Drei Jahre nach dem Epochenjahr 1989 bietet sich für unser Projekt eine weit erfreulichere Perspektive, wenn es erlaubt ist, diesen Ausdruck angesichts eines global wachsenden Elends zu gebrauchen. Während wir in der theoretischen Mönchszelle damit beschäftigt waren, das warenproduzierende Weltsystem und die von ihm hervorgetriebenen Denkraster zu kritisieren, war der prozessierende Widerspruch so freundlich, diesem Unterfangen praktisch in die Hände zu arbeiten. Er hat nicht nur die vertrauten politischen und theoretischen Konstellationen gründlich durcheinandergewirbelt, er hat darüber hinaus auch damit begonnen, das Vertrauen in Funktionsfähigkeit und politische Steuerbarkeit moderner Vergesellschaftung zu untergraben.

Das erste prominente Opfer dieses Prozesses, der die Schranken der Warengesellschaft sichtbar macht, war die Linke. Was natürlich einer gewissen Ironie nicht entbehrt. Die scheinradikale Opposition, die letztlich nichts anderes als die Avantgarde der warenförmigen „Modernisierung“ selbst war, verlor jeglichen Boden unter den Füßen. Diese Linke, aus der wir selber hervorgegangen sind, von der wir uns kritisch abstießen, und deren letzte Fähnlein uns nach Kräften ignorierten, überlebte den Untergang des glorreichen „Realsozialismus“ nicht; trotz aller früheren Kritik dieser Gesellschaftsformation, die aber nie auf den Kern gezielt, sondern bloß die westliche Variante der demokratisch-politizistischen Illusionen transportiert hatte. Wo der Staat gewordene Glaube an die Macht der Politik die Segel streichen muß, müssen in der Folge auch die westlichen linken Politikaster ihre Paralyse eingestehen. Der Part der System-Opposition wird vakant, und so bietet sich gesellschaftskritischen newcomern eine „Marktlücke“.

Sie bietet sich umso mehr, als die im Grundsätzlichen bedingungslose Kapitulation des überlieferten oppositionellen Denkens (oder, wo es von Unentwegten weiterbetrieben wird, sein trauriges Versagen vor einer veränderten Wirklichkeit) keineswegs vom Ende des Bedürfnisses nach einer radikalen Kritik des Bestehenden kündet. Menschen, die sich nicht im Einverständnis mit dem herrschenden status quo fühlen, sind keineswegs Mangelware. Dazu ist der Preis offensichtlich zu hoch, den wir für die Fortexistenz der aberwitzigen Verwertungsrationalität zu entrichten haben. Das nach dem Kladderadatsch des „Realsozialismus“ eilfertig verkündete „Ende der Geschichte“, der „Endsieg“ von westlicher Marktwirtschaft und Demokratie entpuppt sich von Tag zu Tag mehr als der größte Flop aller Zeiten. Der Westen ist offensichtlich weder dazu in der Lage, den Osten und Süden in seine „One World“ zu integrieren, noch seine eigenen internen Probleme einer Lösung zuzuführen.

Während sich in den Metropolen nach dem defizitfinanzierten und spekulativen Yuppie-Boom der 80er Jahre nicht nur an den internationalen Börsen Ernüchterung breitmacht, versinkt jenseits und diesseits der Landesgrenzen die abgekoppelte Peripherie der Warengesellschaft in Desorganisation und Selbstzerfleischung. Die Weltarbeitsgesellschaft hält ihre Tore geschlossen, und nur die Sumpfblüten des entkoppelten Kredits sichern ihr einstweilen eine ebenso prekäre wie neurasthenische Fortexistenz. In den Regionen, die von diesem geldförmigen „Kommunismus“ der Noch-Reichen ausgeschlossen werden, grassieren die Bürgerkriege in einem nie dagewesenen Ausmaß. Das ehemalige Jugoslawien und die ehemalige Sowjetunion sind naheliegende Extrembeispiele; aber selbst das Leben zwischen Prenzlauer Berg, Hoyerswerda und dem schwäbischen Musterländle ist mittlerweile nicht unbedingt von Toleranz und liberalem Bürgersinn geprägt. Die entfesselte Warensubjektivität kommt in der allgemeinen Verteilungsschlacht zu sich, und statt allgemeinem Frieden, konzertierter Aktion und blühendem Wohlstand entpuppen sich Pogrom und Mafia als die adäquaten Formen, in denen die Marktrationalität ihre weltumspannende Herrschaft vollendet. Kein „politisches“ Handlungskalkül gewohnten Zuschnitts kommt gegen diesen Trend an. Gegenüber der unaufhaltsamen Selbstvernichtung der siegreichen westlichen Rationalität fühlt sich der „citoyen“ trotz allen Zivilitätsgesäusels zu Recht auf verlorenem Posten. Mit den sich häufenden und zuspitzenden Krisenphänomen wächst aber auch das Bedürfnis nach einer Theorie und Analyse, die in der Lage ist, einen Schlüssel zum Verständnis und zur Kritik der realen Entwicklung zu liefern.

Vor diesem Hintergrund erscheint der Erfolg des Buches „Der Kollaps der Moderinsierung“ (Robert Kurz, Der Kollaps der Modernisierung – Vom Zusammenbruch des Kasernensozialismus zur Krise der Weltökonomie. Das Buch erschien im Herbst 1991 in der von Hans Magnus Enzensberger herausgegebenen Anderen Bibliothek (Eichborn Verlag, Frankfurt/Main). Herausgeberschaft und Verlag mögen manchen Zeitgenossen Überraschung und Ärgernis sein, die in den alten Schützengräben sitzengeblieben sind wie einige japanische Soldaten des 2. Weltkriegs und gar nicht mitbekommen haben, daß dieser Krieg schon vorbei ist. Daß Offenheit für neue Ansätze von Gesellschaftskritik und vorurteilsfreies Urteil nicht unbedingt bei den Resten des alten Linksradikalismus zu finden sein werden, sondern zuerst bei notorischen Querdenkern aus den unterschiedlichsten Positionen, war zu vermuten. Und es hat sich bestätigt. Vielleicht wird es in Zukunft noch mehr solche Überraschungen geben, die den moralisch gedopten Antikapitalisten Trampermannschen oder Ditfurtschen Zuschnitts den frommen Wunsch entlocken wird, uns möge die Hand verdorren, die „falsche“ Hände schüttelt.) von Robert Kurz vielleicht nicht mehr gar so sensationell. Als notwendiges Pendant zum gewendeten Linksdemokratismus liegt eine neue, nicht mehr arbeiterbewegte Kritik der bürgerlichen Form schlicht und einfach in der Luft. Noch jedes linksakademische Traktätchen mußte in den letzten Jahren präventiv lauthals gegen imaginäre „Zusammenbruchsszenarien“ polemisieren. Als Popanz und Kinderschreck war also so etwas wie die KRISIS-Position bereits chimärisch präsent, ehe wir überhaupt wahrgenommen wurden. Was, bevor es überhaupt ausformuliert ist, bereits auf dem Index steht, muß sich aber nun einmal über kurz oder lang einfach durchsetzen. In der wahrlich hochanständigen „Zeit“ orakelte ein Leitartikler vor einigen Monaten, der Marxismus wäre mittlerweile so mega-out, daß seine Renaissance in irgendeiner Form so sicher sei wie das Amen in der Kirche. Zweifellos hat er recht. Sobald das demokratische Über-ich von Ereignissen verwirrt wird, die in seinem Drehbuch nicht vorgesehen sind, und sobald es Schwäche zeigt, steht Mephisto urplötzlich auf der Bühne. Dem Verbotenen und Verdrängten gehört allemal die Zukunft.

Wir wollen uns deswegen aber nichts in die Tasche lügen. Das Echo, das etwa das „Kollaps“-Buch und mittlerweile teilweise auch die KRISIS gefunden haben, darf nicht über die Verständigungsschwierigkeiten mit den gängigen Diskursen hinwegtäuschen. Ein derart sperriger und ungewohnter Ansatz wie unserer, der gerade scheinbar so Selbstverständliches wie „Arbeit“, Geld und das tief gestaffelte System ihrer Emanationen nicht mehr bloß „philosophisch“ aufs Korn nimmt, wird nicht an einem Tag verdaut und diskursiv angeeignet. Das Bedürfnis nach einer grundsätzlichen Gesellschaftskritik auf der Höhe der Zeit ist zwar vehement, hat aber immense Schwierigkeiten mit Orientierung und Begriffssprache. Das haben wir nicht zuletzt und in unserem eigenen Denken erleben müssen. Auch ein Bewußtsein, das kritisch sein will, hält nur schwer mit der Geschwindigkeit Schritt, mit der sich heute der Epochenbruch vollzieht, und es tut sich erst recht hart damit, dessen Tiefendimension zu erfassen.

Schon „Der Kollaps der Modernisierung“ gehört wahrscheinlich zu den Schriften, die weit öfter gelesen als in ihrer Intention verstanden werden. Zwar wurde des öfteren (allerdings gerade nicht von den altlinken Wortführern) die analytische „Brillanz“ des Buches gefeiert; die gegen Warenform und „Arbeit“ gerichteten theoretischen Grundlagen aber, die sich natürlich gar nicht davon abtrennen lassen, sind dagegen selten so recht geheuer und durchsichtig. Die Wirkung ist untergründig, der Bezug auf uns bleibt allemal partikular und in sich gebrochen. Das ist so und kann wohl auch gar nicht anders sein.

Was sich bei der Rezeption des „Kollaps“-Buches bemerkbar macht, gilt erst recht für die Schriftenreihe der KRISIS selber. Die Darstellung im Buch hat allemal die empirische Evidenz aktueller Ereignisse auf ihrer Seite, für die Beiträge in den Sammelbänden der KRISIS gilt das bisher nur ausnahmsweise. Sie bewegen sich vornehmlich auf der grundsätzlichen Ebene. Die theoretische Analyse und Kritik der bürgerlichen, warengesellschaftlichen Formstruktur ist aber selten unmittelbar empirisch zugänglich, und so kann sich beim Drüberlesen nur schwer ein oberflächliches Einverständnis herstellen. Glücklicherweise vielleicht.

Diese im theoretischen Gegenstand selber liegenden Schwierigkeiten werden sicherlich noch durch den Charakter vieler unserer Texte verstärkt. Die neue Kritik der Warengesellschaft alias „fundamentale Wertkritik“ hat auch nach sieben Jahren (mit fast noch einmal soviel an „Vorlauf“ bis zu den Grenzen des alten marxistischen Universums) nichts Abgeschlossenes an sich. Sie befindet sich nach wie vor im statu nascendi; vieles wirkt tastend, provisorisch, unabgerundet und ist es schlechterdings auch. Und wird es vielleicht auch bleiben, weil dies womöglich überhaupt den Charakter eines nicht mehr warenförmig determinierten, nicht mehr abstrakt-universalistischen Denkens ausmacht. Nicht nur die ersten Ausgaben unserer Schriftenreihe standen unter dem Vorzeichen „Selbstverständigung“. Die KRISIS repräsentiert bis heute im besten Sinne das, wofür die englische Sprache den Ausdruck „work in progress“ bereithält. Der weiter oben schon beschriebene „Domino-Effekt“ unseres Theoriebildungsprozesses, wie ihn die KRISIS-Veröffentlichungen dokumentieren, setzt sich weiterhin fort. Während einige Aufsätze mittlerweile auf relativ gesichertem Terrain fortschreiten und/oder zu aktuellen Ereignissen Bezüge herstellen, bewegen sich die zentralen Beiträge nach wie vor in der Fallinie und beschäftigen sich wesentlich mit dem Knacken von selbstverständlich geglaubten Deutungsrastern.

Die demokratische Frage ist für uns einigermaßen gelöst, und zwar negativ-aufhebend. Dafür erhebt sich nun u.a. das Problem, ob die grundsätzliche Kritik am soziologistischen Denken in seiner Konsequenz nicht impliziert, daß der Fetischbegriff auch auf vorbürgerliche Gesellschaften angewendet werden muß. In vorkapitalistischen Gesellschaften kann ja wohl kaum die Rede davon sein, daß dort selbstbewußte Subjekte ihren gesellschaftlichen Zusammenhang beherrschen, vielmehr stehen den Menschen Produkte ihres eigenen Handelns (Verwandtschaftssysteme, Religion) als nicht überschreitbare Fetisch-Gewalten gegenüber. Folgt daraus nicht, daß die berühmte Sentenz aus dem Kommunistischen Manifest, daß „alle bisherige Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen“ sei, ihrer soziologistischen Hülle entkleidet in der neuen Fassung formuliert werden muß, daß „alle bisherige Geschichte eine Geschichte von Fetischverhältnissen“ ist?

Die Problemstellungen haben sich verschoben, der treibende Impuls aber ist noch lange nicht verbraucht. 1986, vielleicht auch noch drei Jahre später, war der gute alte „Materialismus“ noch kein Thema. Die Scheinplausibilität des marxistischen Materialismus-Postulats mochte implizit schon angeknackst sein, eine explizite Auseinandersetzung dazu fehlt bis heute. Nach einer intensiven Auseinandersetzung mit „Realabstraktion“ und phantasmagorischer Fetisch-Gegenständlichkeit ändert sich die Perspektive, und vom erbitterten alten Gegensatz zwischen „Materialismus“ und „Idealismus“ bleibt mit der absehbaren Kritik des „-Ismus“-Denkens überhaupt nicht mehr sonderlich viel übrig. Das „Bewußtsein“ erscheint nicht mehr als Widerpart zum „Sein“, sondern immer mehr als dessen notwendiges Moment; die alte Frontstellung zerfällt. Hier stünde die kritische Auseinandersetzung mit unaufgearbeiteten Reflexionsstufen des alten Marxismus (Lukács, Korsch u.a.) an, die dennoch zeitbedingt nicht über den „Materialismus“ hinaus bis zur adäquaten Kritik der Fetisch-Konstitution gelangt waren. Ein kurzer Seitenblick auf die Entwicklung der nach-newtonschen Physik führt einem sensibilisierten Bewußtsein die Tiefendimension dieses Problems vor Augen. Genötigt, ein Bekenntnis zum „Materialismus“ abzulegen oder sich als „Idealist“ zu entlarven, wird die KRISIS sich inzwischen wohl mit einer alten Philosophenweisheit behelfen: Es gibt Fragen, die lassen sich nur dadurch beantworten, daß man die Fragestellung verwirft.

Ähnlich wie mit dem „Materialismus“ geht es uns inzwischen mit dem Rationalitäts-Begriff. Im Spannungsfeld von moderner Rationalität und „Irrationalismus“ seit Aufklärung und Romantik können wir unsere Position nicht mehr verorten, sondern nur in der Kritik auch dieser bürgerlichen Dichotomie. Auch in dieser Hinsicht ist die Auseinandersetzung mit früheren Reflexionsstufen, vor allem der Kritischen Theorie, noch weitgehend zu leisten und explizit zu machen. Die Gewalt der warenförmigen Realabstraktion, die jeden Inhalt als gleichgültiges Material handhabt, findet ihren Widerhall im abstrakt-universalistischen Denken, das die Besonderheit und Eigenheit des Inhalts vornehmlich als empirische Verunreinigung kennt.

Damit sind wir bei jenem Thema angelangt, das die vorliegende Ausgabe der KRISIS hauptsächlich füllt: dem Geschlechterverhältnis der Warengesellschaft. Denn vor allem die modernen bürgerlichen Zuschreibungen auf das „Weibliche“ sind es, in denen das Verhältnis von Rationalität und Irrationalität der Warengesellschaft verräterisch wird. Nicht umsonst hat gerade der feministische Diskurs der letzten Jahre, weitgehend unbeachtet vom männlich dominierten Wissenschaftsbetrieb, auf seine Weise die Ansätze einer „Vernunftkritik“ in der Kritischen Theorie und in der „postmodernen“ Debatte aufgegriffen, wenn auch nicht unbeeinflußt vom neuen affirmativen „Realismus“. Dabei blieb aber das Verhältnis von Patriarchats- und Kapitalismuskritik bis heute ungeklärt, und die Problemstellung droht zusammen mit der alten Kapitalismuskritik affirmativ verbunkert zu werden.

Wenn wir uns dieses auch in der feministischen Debatte unaufgearbeiteten Problems annehmen, so keineswegs aus einer besserwisserischen Position heraus und erst recht nicht in glatter Verlängerung unseres bisherigen Theoriebildungsprozesses. Es war uns durchaus nicht klar, daß dieses Thema eben keineswegs bloß ein „Thema“ wie alle anderen ist und nur dem bereits entworfenen Raster der allgemeinen „Wertkritik“ unterlegt werden müsse. Dies hängt nicht nur mit den auch in der feministischen Debatte wirksamen Defiziten akademischer und marxistischer Theoriebildung zusammen, sondern sicherlich auch damit, daß es sich bei der KRISIS-Redaktion, wen wunderts, bis jetzt um eine geschlossene Männer-Anstalt handelt (ein transvestitisches Pseudonym beweist leider nicht das Gegenteil). So mußte nach längerem untergründigen Knuffen und Knurren der Entwurf einer theoretischen Vermittlung in Gestalt des „Abspaltungstheorems“ (siehe unten) von weiblicher Seite kritisch an die KRISIS herangetragen werden. Und wie sich herausstellt, wird dadurch der ganze Ansatz grundsätzlich verändert und in ein neues Licht getaucht. Das kann nicht ohne Spannungen abgehen, und dem Gegenstand entsprechend können sich diese Spannungen auch nicht mehr bloß auf die „abgespaltene“ theoretische Sphäre beziehen, während die persönlichen Verhältnisse außen vor bleiben. Wieder einmal Neuland also, und von der heikelsten Art. Dabei kann es weder darum gehen, mit „männlichen“ Abwehrhaltungen und Ignoranzstrategien zu reagieren. Noch soll umgekehrt der berüchtigte heuchlerische Kotau vor einem „weiblichen“ Entwurf bloß deswegen gemacht werden, weil er weiblich ist – der sicherste Weg in die erneute Verdrängung und Ignoranz. Nötig wäre also eine kritische Auseinandersetzung, die sich der Logik des theoretischen Ansatzes selbst stellt und versucht, die Abwehr-Potentiale der eigenen („männlichen“) Identität mitzureflektieren.

Wenn der an uns herangetragene Entwurf des „Abspaltungstheorems“ erst einmal (wenn auch nicht ohne ein gewisses Widerstreben) grundsätzliche Zustimmung gefunden hat, obwohl die Terminologie nach wie vor strittig ist, so nicht zuletzt deswegen, weil damit eine entscheidende Lücke in der „Wertkritik“ geschlossen werden könnte. Schon seit langem mußten wir uns mit der immer wieder geäußerten Kritik herumschlagen, wir wollten „alles“ aus dem „Wert“ (der Warenform) einseitig „ableiten“ und ließen ganze Dimensionen von Gesellschaftlichkeit ausgeblendet. Obwohl diese Vorwürfe eigentlich die kritische, negative Analyse der Warenform zu einem positiven „Ableitungstheorem“ verkehrten und mißverstanden, legten sie doch unbewußt den Finger auf eine theoretische Wunde. Die Abbügelung fiel deswegen leicht, weil die Intention dieser Anwürfe fast immer der leicht durchschaubare (meistens marxistisch inspirierte) Versuch war, die Zumutungen der „fundamentalen Wertkritik“ abzuwehren und auf den alten Gleisen weiterzufahren. Mit dem „Abspaltungstheorem“ liegt nun erstmals ein Versuch vor, das Nicht-Warenförmige in der Warengesellschaft historisch, theoretisch und analytisch zu erfassen, ohne die Kritik der Warenform wieder halbwegs zurückzunehmen und bloß zu verwässern. Diese Kritik wird dadurch vielmehr sogar zugespitzt.

Das „Abspaltungstheorem“ setzt einen aus der Psychoanalyse stammenden Begriff quasi „politökonomisch“ ein, um die geschlechtliche Besetzung warenförmiger Gesellschaftsverhältnisse zu erklären. Die Welt des scheinbar selbstgenügsamen abstrakten Universalismus der Ware entpuppt sich bei näherem Zusehen als Produkt einer gigantischen Abspaltungsmaschinerie. Hinter der abstrakten Warensubjektivität mit ihrer absurden Tauschrationalität stehen „abgespaltene“ Momente von Sinnlichkeit, die in diesem Kosmos keinen Platz haben, ohne die er aber überhaupt nicht existieren kann. Das abstrakte Individuum führt nicht nur eine Doppelexistenz als „citoyen“ und als abstrakter Privatmann. Auch diese letztere Existenz fällt noch einmal auseinander in privates Geldinteresse einerseits und in die davon abgetrennte Sphäre der Privatheit im Sinne von „Intimität“ („Liebe“, Haushalt, Familie etc.) andererseits. Damit sind wir aber schon beim „Abspaltungsmechanismus“ angelangt, bei den Zuschreibungen auf das „Weibliche“.

Konnte der Begriff der „abstrakten Individualität“, wie er in den bisherigen KRISIS-Beiträgen verwendet wurde, als geschlechtsneutrale Kategorie verstanden werden, so erweist sich das jetzt als unhaltbar. Sobald die geschlechtliche Polarität innerhalb der abstrakten Privatheit ins Blickfeld gerät, wird auch die geschlechtsspezifische Besetzung des warenförmigen Individuums unübersehbar. Wo das abgespaltene Sinnliche aber zum „Weiblichen“ zwangsdefiniert wird, da enthüllt sich auch die abstrakte ratio, ihrem universalistischen Anspruch zum Trotz, als spezifisch „männlich“.

In diesen für die KRISIS neuen Problemhorizont stößt also erstmals das „Abspaltungstheorem“ von Roswitha Scholz vor, in diesem Heft mit dem Aufsatz „Der Wert ist der Mann“; ein gewiß einigermaßen provokatorischer Titel. Die Autorin stellt dabei zunächst noch sehr knapp den Grundgedanken vor, der hier sozusagen in seiner ersten, noch nicht weiter ausgearbeiteten Rohfassung erscheint. Im folgenden wird versucht, diesen Grundgedanken im historischen Durchgang von antiken Anfängen der Warengesellschaft bis zur Gegenwart darzustellen und dabei die Entwicklung „zugerechneter Weiblichkeit“ parallel zu den Durchsetzungsschüben der Warengesellschaft zu skizzieren.

Nicht unbedingt identisch mit dieser Position, aber auch nicht unbeeinflußt von der darüber bereits geführten Debatte, bemühen sich Ernst Lohoff und Norbert Trenkle in den beiden folgenden Beiträgen darum, die im Rahmen der KRISIS bereits formulierte Kritik an den Grundkategorien bürgerlicher Vergesellschaftung für die Analyse des Geschlechterverhältnisses fruchtbar zu machen. Norbert Trenkle schlägt in seinem Beitrag „Differenz und Gleichheit“ eine Brücke von der grundsätzlichen Kritik an der Kategorie „Gleichheit“ zu den Aporien, in denen sich diese Kategorie in der feministischen Binnendebatte verhakt hat. Ernst Lohhoff kritisiert in seinem Beitrag „Sexus und Arbeit“ die weitverbreitete Vorstellung, das bürgerliche Geschlechterverhältnis ließe sich vom Begriff der „geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung“ her aufrollen, und versucht stattdessen umgekehrt über die „Kritik der Arbeit“ einen Zugang für das Verständnis zu eröffnen. In seinem Rückgriff auf die „Kritik der Arbeit“ unterfüttert er gleichzeitig mit historischem Material diese heftig umstrittene These der KRISIS.

Diese drei Beiträge dienten in ihren ursprünglichen Fassungen als Grundlage zu einem Seminar, das im Januar 1992 von der KRISIS-Redaktion zum Thema „Geschlechterverhältnis“ veranstaltet wurde und bereits etliche Folgedebatten ausgelöst hat. Die Texte liegen hier in überarbeiteter Form vor; ein „abgekoppelter“ Teil des Seminarbeitrags von Ernst Lohhoff, der sich mit der Dichotomie von „Produktion“ und „Reproduktion“ beschäftigt, soll in einer der nächsten KRISIS-Ausgaben ebenfalls überarbeitet erscheinen.

Im vierten umfangreichen Aufsatz dieses Heftes setzt sich Robert Kurz unter dem Titel „Geschlechtsfetischismus“ mit der bisherigen Diskussion kritisch und streckenweise polemisch auseinander. Soweit dabei auf das „Abspaltungstheorem“ von Roswitha Scholz Bezug genommen wird, ist die Argumentation mit der Autorin abgesprochen (damit nicht diese positiv den Ansatz aufgreifende „männliche“ Interpretation womöglich als Verballhornung verstanden wird). Darüberhinaus geht der Beitrag von Robert Kurz ausführlich auf wesentlich „politökonomische“ Implikationen des Abspaltungstheorems ein, vor allem im Hinblick auf den Begriff des Gebrauchswerts und das Problem einer „Gebrauchswertorientierung“. Die phänomenologischen Exkurse über geschlechtlichen Narzißmus und bürgerliche Paarbeziehungen im letzten Teil des Aufsatzes werden in ihrem polemischen Gehalt sicher keine ungeteilte Zustimmung finden.

Etwas abseits dieses Themenschwerpunkts, aber keineswegs jenseits des Problemfelds von Sinnlichkeit, Abspaltung und Sphärentrennung (und vielleicht auch nicht in Übereinstimmung mit allen vorherigen Thesen zum Geschlechterverhältnis), widmet sich Johanna W. Stahlmann dem „Ende des Schönen„. In diesem Beitrag wird an der Entwicklung der Kunst seit der klassischen Moderne thesenhaft herausgearbeitet, wie die Kunst als eine abgespaltene, über den Niederungen des Alltags schwebende Sondersphäre ihre eigene Krise reflektiert.

All diese Texte sind zweifellos wieder einmal nicht ganz leicht verdaulich und sicher dazu angetan, Widerstand hervorzurufen. Einmal abgesehen von unseren eigenen Binnen-Widersprüchen, die von außen oft nicht auf den ersten Blick erkennbar sein mögen, speist sich dieser Widerstand dem ganzen „wertkritischen“ Ansatz gegenüber aus verschiedenen Quellen. Eine der ärgerlicheren ist das Beharrungsvermögen des alten Marxismus in seinen diversen Endmoränen oder Auslaufmodellen, deren Repräsentanten nach jahrelanger Ignoranz nun bestenfalls schäumen über die „Indiskutablen“ aus dem Fränkischen (Es gereicht uns zu einer gewissen Ehre, daß sämtliche Koryphäen des Auslaufmarxismus in der BRD, von Georg Fülberth über Trampert/Ebermann, Kurt Hübner (Prokla), Joachim Bischoff (VSA/SOST) und Rudolf Hickel (Memorandum) bis hin zum scheintheoretischen Zombie-Produkt der untergegangenen „Marxistischen Gruppe“ namens „Gegenstandpunkt“ geradezu verbissen einhellig die beiden Bücher von Robert Kurz (Honeckers Rache, Der Kollaps der Modernisierung) verrissen haben, ohne sich auf die grundsätzlichen Inhalte überhaupt einzulassen. Inzwischen scheint auch die KRISIS selber bis hin zu Berliner Autonomenkreisen vom Geheimtip zum Lieblings-Haßobjekt zu avancieren. Die Toten werden trotzdem nicht wiederauferstehen. Vielleicht bringen wir in einer der nächsten KRISIS-Ausgaben eine kleine Blütenlese. Den Schuh der „Arroganz“ wollen wir uns freilich nicht anziehen, denn zu einer Diskussion, die sich auf das Problem der Warenform- und Fetischkritik ernsthaft einläßt, ohne in die geifernde Abwehr gelernter bzw. theoretisch abgehalfterter Arbeiterbewegler zu verfallen, glauben wir allerdings bereit zu sein.). Andere, leider auch nicht unbedingt fruchtbare Widerstände scheinen aus dem akademischen Erbe zu stammen und wirken sich für ihre Vertreter faktisch als Denkverbot aus. Statt daß unsere Aussagen der Unstimmigkeit überführt und ernsthafte theoretische bzw. analytische Gegenanstrengungen unternommen würden, führen manche Kritiker regelmäßig ins Feld, unsere Argumentation wäre unvollständig, weil sie diesen oder jenen Autor nicht berücksichtigt. Die „Autoren“ und ihre mehr oder weniger klassischen Kontroversen eröffnen in dieser Haltung nicht einen Zugang zur Analyse der Wirklichkeit bzw. werden selber als ein Moment der gesellschaftlichen Realität begriffen, sie ersetzten stattdessen die Wirklichkeit und deren Analyse. Wer sich in diese Art von Diskurs nicht einfügen mag, fällt durch den Raster der unselbständigen Zitierkunst.

Dieser notorische Bezug auf eine geistesgeschichtlich beschränkte oder innertheoretische Scheinrealität hat durchaus Methode und Tradition. Das herkömmliche theoretische Denken, das noch im Rahmen der traditionellen Ontologie bzw. der Philosophie angesiedelt ist, neigt zu einer Argumentationsstruktur, die entlang einer „dekontextualisierten“ (Stephen Toulmin) Fragestellung von „richtig“ oder „falsch“ ausgerichtet ist. Das heißt, man streitet darüber, ob der Hegelsche Einfluß auf Marx wichtig oder zu vernachlässigen ist, ob ein bestimmtes gesellschaftliches Phänomen eher für Nietzsche oder für Marx spricht, ob Kant oder ob Hegel bedeutsamer ist, inwiefern Adorno Marx „weiterentwickelt“ hat oder nicht, inwiefern er berechtigte oder unberechtigte Anleihen bei der „Lebensphilosophie“ gemacht hat, wie Lukács einzustufen ist usw. usf.

Mit einem Wort, dieses Denken verfährt genau so, wie es sich für das „Zeitalter der Partei“ (wie man die vergangenen zweihundert Jahre „politischer“ bürgerlicher Entwicklung zu nennen versucht sein könnte) gehört: nach dem Kriterium der Anhängerschaft. Es sucht immer nach einer „Wahrheit“, die es verdient, daß man ihr anhängt, daß man sie verbreitet, durchsetzt und „verwirklicht“. Unausgesprochen werden all die theoretischen Gurus wie Parteiführer in spe betrachtet. Tatsächlich aber geht es darum, etwas ganz anderes zu betrachten: wie sich eine bestimmte gesellschaftliche Form im Verlauf der vergangenen zweitausend Jahre durchgesetzt hat, und wie die verschiedenen Etappen dieser „Wertvergesellschaftung“ sich in den diversen ideologischen Reflexen niedergeschlagen haben. Dementsprechend wenden wir uns – zumindest der Absicht nach – dem real abgelaufenen Geschichtsprozeß zu und betrachten die in seinem Verlauf aufgetretenen Theoretiker immer schon als Bestandteile dieses Prozesses. Und siehe da, plötzlich haben sie alle „recht“: weil ein jeder von ihnen irgendein Moment, irgendeine Seite des Gesamtprozesses am Wickel hat bzw. repräsentiert. Und sie haben gleichzeitig alle nicht recht, weil aus der Natur der Sache heraus keiner von ihnen den Prozeß der Wertvergesellschaftung als ganzen überblicken konnte, somit von heute aus gesehen immer dem Verdikt der „Einseitigkeit“ verfällt.

Natürlich relativieren wir damit auch unsere eigene Position, weil sie, bezogen „bloß“ auf die real ablaufende Geschichte, nicht mehr den Anspruch erheben kann, die endlich erreichte ewige Wahrheit zu sein. Gleichwohl gelangen wir damit nicht etwa zu einem Beliebigkeits-Relativismus des bekannten und berüchtigten „postmodernen“ Zuschnitts, sondern können innerhalb des real ablaufenden Prozesses, als dessen Moment wir uns wissen, sogar ziemlich sichere Aussagen machen. Einschließlich des Versuchs übrigens, aus dem Begreifen dessen, was „unter unseren Augen abläuft“, Perspektiven für die weitere, über die Warenform hinausführende Entwicklung zu gewinnen. Einer „Falsifizierung“ durch die dann tatsächlich eintretenden Ereignisse sehen wir mit Fassung entgegen. Denn einen Baustein zu dem, was sich späterhin einmal als der Begriff des Gesamtprozesses ergibt, werden wir doch immerhin beigetragen haben.

Ernst Lohoff, Peter Klein und Robert Kurz für die Redaktion

PS: Wie oben bereits erwähnt, erscheint die KRISIS seit diesem Jahr im Horlemann Verlag. Dies stellt unser Projekt endlich auf eine professionelle verlegerische Grundlage. Eine konzeptionelle Änderung ist damit allerdings nicht verbunden, mal abgesehen davon, daß die KRISIS nun als Buchreihe figuriert und dementsprechend auch jede Ausgabe unter eigener ISBN-Nummer in den einschlägigen Bibliographien zu finden sein wird. Die redaktionelle Verantwortung für die KRISIS wie auch für die anderen in der edition krisis erscheinenden Publikationen bleibt bei der Nürnberger Redaktion, die verlegerische Betreuung, einschließlich der Abwicklung von Bestellungen und Abonnements, erfolgt dagegen über den Horlemann Verlag.

Wir sind sehr froh über diese Entwicklung, denn der wachsenden Aufmerksamkeit für unsere Zeitschrift entspricht natürlich auch ein wachsender Arbeitsaufwand auf der technischen (insbesondere der vertriebstechnischen) Seite. Es war also an der Zeit, unseren eigenen, KRISIS-Verlag genannten, Bauchladen aufzugeben und endlich unter die Fittiche eines „richtigen“ Verlages zu kommen. Damit verbunden ist natürlich auch, daß wir in Zukunft den Preis anders (nämlich „kostengerecht“) kalkulieren müssen. Was bisher von uns sozusagen subsidiär im Hinterzimmer an „Leistungen“ erbracht wurde (Satz, Versand, Zahlungsabwicklung etc.) wird nun aus der Grauzone der „Schattenwirtschaft“ herausgezerrt und findet sich daher auch in der Kalkulation wieder. Leider können wir also unser in der letzten Nummer leichtfertig abgegebenes Versprechen, vorerst den Preis stabil zu halten, nicht einlösen. Zum damaligen Zeitpunkt war die gegenwärtige Verlagslösung noch nicht abzusehen. Dennoch glauben wir, daß – gemessen am Umfang der vorliegenden Nummer und den auf dem Büchermarkt inzwischen gängigen Preisen – ein Preis von 18,- DM keinesfalls überhöht ist. Wir kehren übrigens auch wieder zu der Regelung zurück, daß bei Abonnements keine Vorauszahlung für mehrere Nummern erfolgt, sondern nur die jeweils aktuell zugeschickte Ausgabe in Rechnung gestellt wird (eventuelle Guthaben werden selbstverständlich verrechnet). Immerhin können wir das Versprechen einhalten, bei Abonnements keine Versandkosten zu berechnen.