31.12.1992  Beitrag drucken

Sexus und Arbeit

Zur Kritik der Arbeitsontologie in der feministischen Debatte

Ernst Lohoff

Die Entstehung einer autonomen Frauenbewegung war im Kern ebenso wesentlich eine Reaktion auf die praktischen Defizite der 68er Bewegung und ihrer Folgeprodukte, wie die Herausbildung einer spezifischen feministischen Gesellschaftskritik Konsequenz ihrer gravierenden theoretischen Mängel war.

Die vielen Versuche der „neuen Linken“, im Rekurs auf historische Emanzipationsideen, namentlich im Rückgriff auf den Marxismus, eine fundamentale und umgreifende Kritik der entwickelten bürgerlichen Gesellschaft zu formulieren, sparten das moderne Geschlechterverhältnis de facto aus. Wo sich die gesellschaftskritisch gestimmte Herrenwelt überhaupt dazu herabließ, die „Frauenfrage“ zu thematisieren, schrieb sie nur in neuer Gestalt die altbekannten männlichen Verdrängungsmechanismen fort. Im gleißenden Licht männlicher „Gegenöffentlichkeit“ und ihrer großen Ideen erschienen die Fragen, die den Frauen auf den Nägeln brannten, als kleinkariertes „Privatgenörgel“ und wurden dementsprechend als „Randproblem“ oder bloßer „Nebenwiderspruch“ abgehandelt. Wenn Frauen neben Vietnam und den Notstandsgesetzen auch männliches Diskussionsverhalten, die Abwaschordnung in der WG oder ihre Schwierigkeiten mit ihrer eigenen weiblichen Sozialisation aufs Tapet zu bringen suchten, mußten sie im Rahmen der Oppositionsbewegung erleiden, was sie tagtäglich auch in der bürgerlichen Normalgesellschaft erfuhren: 1. Die Herrschaft des Abstrakt-Universellen, die in der Gestalt von Geld, Recht und Moral der bürgerlichen Welt ihren Stempel aufzwingt, kann auch dann das Besondere, das „bloß“ Subjektive nur subordinieren, wenn die bürgerlichen Prinzipien durch „sozialistische“ ersetzt werden. 2. Zum ausgeblendeten Besonderen wird allemal „die Frau“ gerechnet.

Die institutionalisierte Ignoranz ließ sich jedoch nicht mehr bruchlos durchhalten. Auch der Fortgang der Bewegung konnte das subjektivistische, „kulturrevolutionäre“, gegen das gesellschaftliche Zwangskorsett gerichtete Moment, das bei ihrer Entstehung eine wesentliche Rolle gespielt hatte, nicht mehr zum Schweigen bringen. Während sich ein gut Teil der Oppositionsbewegung mehr oder minder euphorisch in das Abenteuer von Parteiengründung und Parteipolitik stürzte, etablierte sich daneben als eigener Strang, was dieser Politisierungsprozeß (Die Unfähigkeit, die „Frauenfrage“ in die Gesellschaftskritik zu integrieren, folgt in letzter Instanz aus dem positiven Verständnis von Politik, das die APO charakterisierte. Ihr Ziel war Politisierung, nicht Kritik der Politik. „Politisch“ zu sein galt als erstrebenswert. Das Adjektiv „unpolitisch“ hatte dagegen einen denunziatorischen Beiklang. Die Forderung, auch das Private politisch zu machen, stieß nicht bis zur Kritik der politisch-öffentlichen Form durch, sondern kippte sehr schnell in die Verherrlichung eines universalisierten citoyen um. Was in den Hochzeiten der Republikanischen Clubs und des SDS latente Haltungen blieben, manifestierte sich überdeutlich beim Übergang von der antiautoritären Phase der Protestbewegung hin zur Imitation klassischer Parteipolitik. Von der Grundstruktur spielte es dabei natürlich keine Rolle, ob die „Protestanten“ eigene „proletarische Parteien“ in die Welt setzten und begeistert die 20er Jahre noch einmal karikierten, oder ob sie sich anschickten, die ehemalige Arbeiterpartei SPD für systemverändernde Zwecke zu instrumentalisieren. Wer nicht bereit war, individuelle Ansprüche zumindest habituell zurückzustellen, machte sich damit als Bourgeois kenntlich. Subjektive Schwierigkeiten wurden ausgeblendet und unterlagen einem Sublimationszwang. Denn als der wahre Mensch galt allemal das zoon politicon, und neben dem hehren Abstraktum „Revolution“ galt noch jede persönliche Schwierigkeit als belanglos.) zusehends wegretuschiert hatte. Allen anderen Spaltprodukten der allgemeinen Emanzipationsbewegung voran begann die autonome Frauenbewegung (Die Frauenbewegung steht natürlich nicht für sich, sondern ordnet sich in einen breiteren Zusammenhang ein. Unter andere, hat auch die Psychobewegung das „bloß“ Subjektive in den Vordergrund geschoben und kommunizierbar gemacht. Die zuweilen pathologischen Formen dürfen über das reale Verdienst nicht hinwegtäuschen: was in jedem „zivilisierten“ Diskurs unaussprechbar war, das Persönlich-Emotionale, ist nicht mehr unaussprechbar. Die Frauenbewegung war hier aber insofern bahnbrechend, als sie diesen durch und durch, quasi ex definitione politikfremden Impuls in das politische Terrain hineingetragen hat. Sie hat damit wie keine andere Bewegung die fein säuberliche Abgrenzung zwischen privaten und öffentlichen Angelegenheiten durcheinandergewirbelt.), auf breiter Front Fragen aus dem privaten Dunkel von Küche, Schlafzimmer und Psychostruktur hervorzuzerren und zu thematisieren, die bislang systematisch durchs tradierte politische Raster hindurchgefallen waren. Der praktische Stellenwert dieser Entwicklung kann kaum überschätzt werden, sie war durchschlagend und hat unseren alltäglichen Umgang gründlich verändert.

Die Herausbildung der autonomen Frauenbewegung hatte aber nicht nur lebenspraktische und „kulturrevolutionäre“ Implikationen, sondern setzte auch theoretische Impulse frei; mit der autonomen Frauenbewegung entstand auch eine eigenständige feministische Theorie. Weil sie es nicht länger hinnehmen wollten, daß die Geschlechterdichotomie von einer abstrakt-universalistischen Gesellschaftskritik schlicht und einfach übersehen wurde, machten sich Frauen unabhängig von den Männern auch auf diesem Terrain ans Werk. Sie richteten ihr Augenmerk auf den spezifischen Zusammenhang von Kapitalismus und Frauenunterdrückung und wollten nachholen, was der aufblühende Neomarxismus konsequent versäumte; sie bemühten sich darum, die eigene Erfahrung sexistischer Verhältnisse mit einer allgemeinen Kritik der bürgerlichen Gesellschaft zu vermitteln.

Diesem Bestreben war bekanntlich kein durchschlagender Erfolg beschieden. Die feministische Theorie kam nicht wesentlich über eine äußerlich-additive Verknüpfung von „kapitalistischer“ und „patriarchaler Herrschaft“ hinaus. Neben und hinter dem spezifisch bürgerlichen, vom Gegensatz „Kapital – Arbeit“ geprägten Herrschaftsverhältnis, machte sie eine tiefere Schicht von Herrschaft, die des Mannes über die Frau aus, ohne den Zusammenhang zwischen beiden „Unterdrückungsformen“ befriedigend klären zu können. Im Gegenteil: im selben Maße wie den feministischen Theoretikerinnen umrißhaft die in den bisherigen Emanzipationsbewegungen fortwaltende abendländisch-männlich-universalistische Logik und deren Tiefendimension dämmerte, entfernten sie sich von dem Anspruch, überhaupt eine umgreifende Gesellschaftskritik entwerfen zu wollen. Die allgemeine Abkehr vom „großtheoretischen“ Anspruch setzte sich im Laufe der 80er Jahre auch auf feministischem Boden durch, und so verdrängte die apologetische Verherrlichung des „Weiblichen“ und weiblicher „Mikrogegenwelten“ (Hexenkult und Neue Mütterlichkeit, um nur zwei Schlagworte zu nennen) auf breiter Front den ursprünglichen Impuls, der auf eine Fundamentalkritik der bürgerlichen Gesellschaft unter Einschluß ihrer geschlechtsspezifischen Seite abgezielt hatte.

So offen die regressiven Momente dieser Wendung zutageliegen, sie ist nicht einfach als bloßer Rückschritt hinter ein einmal bereits erreichtes Reflexionsniveau zu verstehen. Sie verweist gleichzeitig auch auf entscheidende blinde Flecken im herkömmlichen Theorieverständnis. In diesem Sinne ist sie auch ernstzunehmen und nicht nur einfach abzuqualifizieren. Das ursprüngliche abstrakt-universalistische Begriffsinstrumentarium, das die Feministinnen aus anderen Theoriezusammenhängen, insbesondere aus dem Marxismus, entliehen und für ihre Zwecke variiert haben, konterkariert sowohl die Erklärungskraft als auch die kritische Intention feministischer Theoriebildung. Bedeutung und Funktion der Frau für die bürgerliche Gesellschaft läßt sich nicht positiv in den Begriffen des männlichen universellen Denkens erschließen, sondern allein gegen diese.

Es gilt, das kategoriale Bezugssystem der älteren feministischen Debatte zu durchleuchten. Dieser Schritt zurück drängt sich jedoch nicht deshalb auf, weil sich die damalige Debatte so angenehm vom mythologisch angehauchten Biofeminismus abheben würde (Mit dem innerhalb des feministischen Lagers aufgebrochenen Gegensatz reproduziert sich die für das bürgerliche Denken insgesamt klassische Dichotomie von Irrationalismus und Rationalismus.), wie er sich im Laufe der 80er Jahre breitgemacht hat. Er ist vielmehr deshalb notwendig, weil der Begriffsschutt, den dieser mittlerweile weitgehend versandete Seitenarm der feministischen Strömung auf seinem Grund mit sich fortgeführt hat, bis heute den Zugang zum Verständnis des modernen Geschlechterverhältnisses behindert.

2.

Die feministische Debatte hat bei der Klassifizierung des Geschlechterverhältnisses beständig mit einer aus dem Marxismus übernommenen soziologistischen Vorstellung von Herrschaft operiert (Ich erspare es mir hier, eine Kritik am soziologistischen Herrschaftsdenken zu formulieren, denn das habe ich bereits an anderer Stelle (im Beitrag „Brüderchen und Schwesterchen“ in der Krisis 11) ausführlich getan.). Soweit sie sich aber nicht schon mit der einfachen Definition von Patriarchat als einer vieltausendjährigen Geschichte der Unterdrückung von Frauen durch Männer zufrieden gab und sich auf die Suche nach suprapersonalen Strukturmerkmalen machte, blieb sie regelmäßig an der vermeintlich nicht hintergehbaren Grundkategorie „Arbeit“ hängen. Was für den Marxismus die allgemeinste Bestimmung von Menschsein ausmachte, Arbeit als positives Faktum, übernahm auch sie als theoretischen Ausgangspunkt. Der argumentativen Grundlogik dieser Sorte von Feminismus zufolge manifestiert sich „die Herrschaft der Männer“ als „geschlechtsspezifische Arbeitsteilung“ und fällt mit der Subordination der „weiblichen“ Arbeit unter die „männliche“ zusammen. Wie in der marxistischen Diskussion gerade kritischere Geister den ursprünglichen Sündenfall, der vom Urkommunismus in die „Klassengesellschaft“ führte, mit Vorliebe in der Trennung von „Hand- und Kopfarbeit“ ausmachten, so hat ein erster feministischer Debattenstrang den Begriff „geschlechtsspezifische Arbeitsteilung“ zum Alpha und Omega bei der Analyse der „patriarchalen Geschlechterhierarchie“ auserkoren.

Eine überzeugende Forschungsperspektive hat diese kategoriale Zuordnung aber weder den feministischen Historikerinnen noch für die Analyse des modernen Geschlechterverhältnisses eröffnen können. Das ist kein Zufall, die Wahl des Ausgangspunktes ist schon äußerst problematisch. Sie schafft mehr Verwirrung als Klärung. Denn mit dem affirmativen Bezug auf die „Arbeit“ schleicht sich das abstrakt-universalistische Denken, das das „Weibliche“ als das Besondere abspalten muß, in die feministische Begriffsbildung selber ein und richtet sich gegen die Intention und die realen gesellschaftlichen Fragen, die die Frauenbewegung transportiert hat. Wo die Realabstraktion „Arbeit“ stillschweigend vorausgesetzt und für die Frauen eingeklagt statt kritisiert wird, verschwinden sowohl die Genesis als auch die Struktur des modernen Geschlechterverhältnisses hinter Begriffsnebelwänden.

3.

Wenn wir mit dem Obertitel „geschlechtsspezifische Arbeitsteilung“ einen Blick zurück auf vorkapitalistische Formationen wagen, besteht das Hauptmanko dieses Bezugspunktes darin, daß er dazu angetan ist, zur Rückprojektion moderner Verhältnisse in die Vergangenheit zu verführen. Denn wenn die Art der Arbeitsteilung die Vorherrschaft des Mannes über die Frau konstituieren soll, muß die Kategorie Arbeit selbstverständlich mindestens so alt sein wie die Subordination der Frau unter den Mann, und sie muß darüber hinaus unter allen historischen Bedingungen als das entscheidende Vermittlungsmedium den Zusammenhang zwischen den Menschen hergestellt haben. Beide Voraussetzungen sind aber keineswegs so selbstverständlich, wie es auf den ersten Blick vielleicht anmuten mag. Die privilegierte Rolle, die die Arbeit in der Moderne innehat, läßt sich nicht ohne weiteres zur ontologischen Grundtatsache verallgemeinern und auf alle bisherigen Gesellschaften übertragen. Das protestantisch-marxistische Vorverständnis tut der Realität vorkapitalistischer Formationen Gewalt an. In archaischen Verhältnissen existiert die Arbeit als solche, d.h. als eine von anderen Lebensäußerungen abgetrennte Sphäre, überhaupt nicht; in den antiken und feudalen Formationen kann davon nur sehr bedingt die Rede sein. Je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, desto mehr ist der unmittelbare Stoffwechsel mit der Natur eingebunden in magische Vorstellungen und durchsetzt von Rücksichtnahme auf die verwandtschaftliche Ordnung, und desto weniger läßt sich aus diesem Gesamtzusammenhang ein besonderes Phänomen namens Arbeit herausdestillieren (Gerade (ehemalige) Marxisten neigen dazu, Arbeit zu ontologisieren und in ihr ein Synonym für den ewigen, unaufhebbaren Stoffwechsel des Menschen mit der Natur zu sehen. So verstanden macht dann eine Kritik der Arbeit, wie sie in der Konsequenz der Wertkritik liegt, ungefähr genauso viel Sinn wie die Kritik der Schwerkraft. Sie klingt reichlich absurd. Diese Identifizierung der Naturbeziehung mit der spezifischen Form Arbeit ist aber ausgesprochen fragwürdig. Denn entweder wird der Arbeitsbegriff dann so allgemein gefaßt, daß er keine Bedeutung mehr hat, weil er alles und daher nichts bedeutet, oder es schleichen sich mit diesem Terminus klammheimlich Vorstellungen ein, die spezifisch für die bürgerliche Konstellation sind und die Charakerististika der modernen abstrakten Arbeit werden zu ontologischen Bestimmungen verallgemeinert. Das zugrundeliegende Dilemma läßt sich einfach pointieren. Der Arbeitsbegriff macht, wie jeder Begriff, überhaupt nur Sinn, soweit er über Trennschärfe verfügt. Der Begriff formt sich an dem, was er ausgrenzt; das Gemeinte lebt vom Nicht-Gemeinten. (Um die Etymologie zu bemühen: Terminus, die lateinischen Entsprechung zum Begriff, bezeichnet einen römischen Grenzgott.) In der Hegelschen Philosophie macht selbst der allerallgemeinste und umgreifendste Begriff, „das Sein“, nur Sinn, soweit ihm als Kontrapunkt ein Nichtsein entgegensteht. Das gilt natürlich auch beim Begriff Arbeit. Wo es kein Jenseits der Arbeit gibt, hat auch „Arbeit“ keinen Bedeutungsgehalt. In der bürgerlichen Gesellschaft stößt sich die Welt der Arbeit von Phänomenen wie Freizeit, Kultur, Politik usw. ab. Auf archaische Gesellschaften können diese Gegensatzpaare nur gewaltsam zurückprojiziert werden, und so hängt der Titel Arbeit für sie völlig in der Luft.). Die moderne, zweckrationale Form der Naturbearbeitung schält sich erst allmählich aus umgreifenderen Zusammenhängen heraus und verselbständigt sich zu einer eigenen gesellschaftlichen Sphäre. Ob dagegen die eiszeitlichen Jäger nun gerade Pfeile schnitzten, dem Mammut nachstellten oder die Jagdbeute in spe an Höhlenwände bannten und Jagdzauber betrieben, für sie war das alles ein und derselbe Kontext. Nur der moderne, von der Welt der abstrakten Arbeit präformierte Geist kann auf die dubiose Idee verfallen, in diese Verrichtungen einen Unterschied zwischen Arbeit, Kultur und Religion hineinlegen zu wollen.

Die Heraushebung der Arbeit aus einem umfassenden Lebensbrei steht gerade nicht am Anfang der geschichtlichen Entwicklung, sie ist im Gegenteil ein ausgesprochen spätes Resultat des historischen Differenzierungsprozesses. Sie gehört bereits der Durchsetzungsgeschichte des Werts an. Das „ganze Haus“ (Unser Begriff Ökonomie leitet sich bekanntlich vom griechischen oikos, dem ganzen Haus ab. Er steht ursprünglich im Wortsinn für die „Hauswirtschaft“, und hat mit dem, was in der Moderne als „Wirtschaft“ figuriert, nichts gemein. Unter anderen haben M. Austin und P. Vidal-Naquet diesen Sachverhalt an den antiken Quellen herausgearbeitet: „…die Vorstellung von ,der Wirtschaft` im modernen Sinn läßt sich im Griechischen nicht ausdrücken…, weil es diese Vorstellung nicht gab. Das griechische Wort oikonomia bedeutet nicht dasselbe wie das von ihm abgeleitete Wort ,Ökonomie` oder unser Wort ,Wirtschaft`. Es bedeutet ,Führung eines Haushalts` (des oikos) im weitesten Sinn (also die Hauswirtschaft, wenn man so will), und das nicht allein in wirtschaftlicher Hinsicht. Es kann ebensogut ,Führung, Verwaltung, Organisation` im allgemeinen Sinne heißen und auf verschiedene Bereiche angewendet werden; so kann man bei den wirtschaftlichen Angelegenheiten der polis von oikonomia sprechen, und das ist der Ursprung unseres Begriffs der Nationalökonomie. Es gibt zwei Schriften des 4. Jahrhunderts, die den Titel ,Oikonomikos` bzw. ,Oikonomika` tragen, und zwar eine von Xenophon sowie eine weitere in drei Büchern, die wir möglicherweise drei verschiedenen Autoren aus der Schule des Aristoteles verdanken. Die Schrift des Xenophon hat die Führung eines Familienbesitzes zum Gegenstand und beschäftigt sich mit der Rolle des Hausvaters. Der im engeren Sinn wirtschaftliche Teil betrifft den landwirtschaftlichen Betrieb; die Landwirtschaft wird gepriesen und hervorgehoben gegenüber den anderen Arten wirtschaftlicher Betätigung wie dem Handwerk, Tätigkeiten, die eines ehrenwerten Mannes unwürdig sind. Man wird da eine Erörterung zur Landwirtschaft finden und technische Ratschläge, aber auch Ausführungen über die Art, wie der Herr eines oikos seine Frau und seine Sklaven behandeln sollte. Die Schrift Xenophons enthält also nicht eine Studie über mannigfaltige Arten wirtschaftlicher Betätigung ganz allgemein, sondern einzig und allein der Landwirtschaft, und unter der Überschrift oikonomia finden allerlei Funktionen nichtwirtschaftlicher Art ihren Platz, weil sie sich aus der Rolle des Herrn im oikos ergeben: Wirtschaftliche und nicht-wirtschaftliche Funktionen sind in einer Hand vereinigt, und es ist nicht möglich, das eine vom anderen zu trennen. So wird es auch im 1. Buch der aristotelischen ,Oikonomika` dargestellt, in dem im übrigen des öfteren das Werk des Xenophon anklingt. Das 3. Buch nimmt detailliert ein Thema wieder auf, das schon im 1. Buch umrissen worden war, nämlich das Verhältnis von Mann und Frau in der Ehe.“), das nach der neolithischen Revolution unter seinem Dach alle wesentlichen Sozialfunktionen vereinigte, büßte erst einmal einige Jahrtausende lang stattdessen lediglich Funktionen ein (Michael Mitterauer weist in diesem Zusammenhang unter anderem auf die kultisch-religiösen Momente hin, die sich schon recht früh aus dem Zusammenhang des „ganzen Hauses“ herauslösten. Die Verehrung der im eigenen Haus lokalisierten Ahnen wird sukzessive durch die Anbetung überhäuslicher Gottheiten ergänzt und schließlich verdrängt: „In der europäischen Frühzeit scheint der häusliche Ahnenkult allgemein sehr weit verbreitet gewesen zu sein. Vielfältige Zeugnisse deuten auf eine religiöse Vorstellungswelt, nach der die Seelen der Verstorbenen ihre irdischen Wohnplätze nicht verlassen, Unheil bringen, oder segnen können.“), die der Marxismus gewohnheitsmäßig als „Überbauphänomene“ bezeichnet. Der Kern des „Oikos“ hingegen, die Einheit von unmittelbarer materieller Produktion und Reproduktion, blieb von dieser Funktionsverlagerung zunächst unberührt.

Auch die Entstehung einer hierarchischen Geschlechterordnung fügt sich in diesen Bezugsrahmen ein. Die Subordination der Frau unter den Mann hat ihre Grundlage keineswegs in der geschlechtsspezifischen Zuordnung (Innerhalb des ganzen Hauses existierte zwar eine strikt nach dem Geschlecht ausgerichtete Verteilung produktiver und reproduktiver Aufgaben, männliche und weibliche Sektoren verhielten sich dabei aber komplementär zueinander. Um die gemeinsame Gesamtreproduktion zu bewältigen, waren Männer und Frauen gleichermaßen aufeinander angewiesen, die Teilung an sich war daher per se nicht dazu angetan, zwangsläufig ein hierarchisches Verhältnis herzustellen. Gerade feministische Historikerinnen sind bei ihren Untersuchungen auf diesen Sachverhalt, der sich mit der arbeitszentrierten Ausgangshypothese gar nicht verträgt, gestoßen (vgl. dazu unter anderem Shulamith Shahar, Die Frau im Mittelalter, Frankfurt 1981). Sie haben diesen Fakt aber gemeinhin nur als Indiz dafür genommen, daß sich die Stellung der Frau mit der Heraufkunft der bürgerlichen Gesellschaft zunächst einmal sukzessive verschlechtert hat. Das ist zwar richtig, für eine theoretische Erklärung wäre es allerdings wohl wichtiger gewesen, dieses Forschungsergebnis zum Anlaß zu nehmen, die arbeitsontologische Grundlage zu problematisieren) im unmittelbaren reproduktiven Stoffwechsel mit der Natur, wie er sich innerhalb des weitgehend autarken Oikosrahmens vollzog; die Vorherrschaft des Mannes über die Frau entstand vielmehr oikos-exogen zusammen mit der neuen dünnen Firnisschicht von Gesellschaftlichkeit. Die für die abendländische Geschichte charakteristische häusliche Macht des Mannes leitet sich weniger hausintern, sondern wesentlich als Rückwirkung aus seiner gegenüber der Frau bevorrechteten Stellung in den Formen früher Öffentlichkeit ab (Hannah Arendt hat dieses Problem schon in ihrem 1958 erschienen Buch „vita activa“ aufgeworfen. Sie lehnt dort expressis verbis den Terminus Arbeitsteilung für die Antike überhaupt ab und kritisiert insbesondere die „seltsame Vorstellung von einer Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern.“ Sie schreibt gegen die Verwendung des Begriffs „geschlechtsspezifische Arbeitsteilung“ gewandt: „Da man sich für diesen Gebrauch des Wortes oft auf die Antike beruft, so sei angemerkt, daß die griechische Teilung der Funktionen in männliche und weibliche aus einem ganz anderen Horizont stammt. Die Unterscheidung gilt einem draußen in der Welt und einem im Inneren des Hauses verbrachten Leben. Nur das Leben in der Welt ist ein menschenwürdiges Leben; um eine Arbeitsteilung könnte es sich nur handeln, wenn Männer und Frauen gleichermaßen Menschen wären, und eine solche Gleichheit zwischen Mann und Frau war undenkbar.“). Das Allgemeine, die Selbstgenügsamkeit des häuslichen Rahmens übergreifende, war von seinen ersten Keimen an männlich attribuiert; vor allem am griechisch-römischen Muster, das die westliche Entwicklungslinie einleitete und prägend wirkte, läßt sich dieser Konnex von „männlich“ und „öffentlich“ verfolgen. (Die erste über den verwandtschaftlichen Zusammenhang hinausgreifende Verknüpfung dürfte sich in der Form des Krieges hergestellt haben. Das Urbild männlicher Öffentlichkeit ist wohl in der Kriegerhorde zu suchen. Im antiken Griechenland schwingt dieser enge Bezug etymologisch nach. Die Polis ist, zumindest ursprünglich, die Vereinigung der Hopliten, der waffentragenden Bürger.) Der „pater familias“ stellt die Verbindung zur Außenwelt her, er allein ist vollwertiger Polisbürger und darauf beruht seine „auctoritas“.

Die mit dem frühen Vergesellschaftungsschub einhergehende Herabstufung der Frau ordnet sich in die rigorose Abwertung des unmittelbaren Stoffwechsels mit der Natur und der bloßen bornierten Oikosexistenz überhaupt ein. Das Reich des Gesellschaftlichen und der ersten Abstraktionen kann die eigentliche Naturbearbeitung noch nicht unter seine Herrschaft subsumieren und straft sie daher mit Verachtung. Die Frau ist minderwertig, weil sie mit Haut und Haaren an das Haus, diesen Hort einer amorphen, Produktion und Reproduktion umgreifenden Einheit, gebunden ist. Männer, die in der gleichen Lage sind, etwa Sklaven, haben einen ganz ähnlichen Status; sie sind vom eigentlichen Menschsein ebenso ausgeschlossen wie der weibliche Teil der Bevölkerung. Wer sich damit abmüht, der Natur das Lebensnotwendige abzuringen, bewegt sich im antiken Verständnis in der Welt des Kreatürlichen. Wer genötigt ist, für seinen Unterhalt (abhängig) zu arbeiten (Die Bewertung und Hierarchisierung von Arbeiten hängt in der Antike zum einen von ihrem Inhalt, zum anderen von ihrem Status ab. Handarbeit und abhängige Arbeit sind verpönt, die klassische, der Würde eines freien Mannes angemessene Betätigung ist dagegen die Landwirtschaft auf eigenen Besitztümern.), stellt selber nichts als Natur dar und hat sich damit als Mensch disqualifiziert. Arbeit bedeutet immer nur Knechtsarbeit, und sie ist dementsprechend eindeutig pejorativ besetzt. Wo uns von den antiken Autoren diese Auffassung überliefert wurde, lassen die Aussagen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.

Seneca verrät nicht nur seine eigene Einstellung zur „Arbeit“, er ventiliert den antiken common sense, wenn er den griechischen Philosophen Poseidonios folgendermaßen zusammenfasst:

„Die gewöhnlichen Fertigkeiten, die schmutzigen Fertigkeiten, … sind … diejenigen der Handarbeiter, die ihre ganze Zeit darauf verwenden, ihren Lebensunterhalt zu verdienen; diese Berufe haben nichts Schönes und kaum Ähnlichkeit mit dem Guten.“ (zitiert nach Paul Veyne in: Geschichte des Privaten Lebens I, hrsg. von Phillip Ariès und George Duby, Frankfurt 1989, S. 124.)

Ähnliche Töne schlägt auch Cicero an:

„Jede Lohnarbeit ist schmutzig und eines freien Mannes unwürdig: denn der Lohn ist der Preis einer Arbeit und nicht einer Kunst. Jedes Handwerk ist schmutzig, ebenso der Zwischenhandel.“ (A.a.O., S. 124)

Aber nicht erst aus den Philosophen spricht die Geringschätzung der Handarbeit, ihre Abwertung findet sich unmißverständlich bereits in der Ilias Homers (Die schlimmste Demütigung, die Odysseus widerfährt, nachdem er als Bettler verkleidet nach Ithaka zurückkehrt, besteht darin, daß sich einer der Freier, die seine Frau Penelope belagern, erdreistet, ihm eine Arbeit anzubieten. Selbst für einen Bettler ist das eine Herabsetzung. Diese Infamie kann denn verständlicherweise auch nur mit dem Tod gesühnt werden, eine Sitte, die die Moderne bedauerlicherweise außer Kurs gesetzt hat. Oswyn Murray bemerkt dazu: „Das Leben eines Lohnarbeiters ist kaum von dem eines Bettlers zu unterscheiden, denn in beiden Fällen haben freie Männer ihre Stellung in der Gesellschaft so vollständig wie nur irgend denkbar verloren und sind nun auf die Almosen anderer angewiesen – nur steht der Bettler sogar noch unter dem Schutz des Zeus und ist so vor dem Verhungern geschützt. Es ist daher eine Beleidigung, als einer von Penelopes Freiern dem als Bettler verkleidet unerkannt auftretenden Odysseus eine Lohnarbeit ,im äußersten Gebiet des Feldes` bei freiem Brot und freier Kleidung anbietet (Odyssee 18, 357-64).“ (Oswyn Murray, Das frühe Griechenland, dtv Geschichte der Antike, München 1982, S. 53.)) und in der antiken Mythologie.

„Hephaistos, der Gott des Handwerks, dessen Fähigkeiten besonders auch bei Homer gefeiert wurden, war im Gegensatz zu den anderen Göttern ein hinkendes und häßliches Geschöpf.“ (M. Austin/P. Vidal-Naquet, Gesellschaft und Wirtschaft im alten Griechenland, München 1984, S.12.)

In der Antike bezeichnet Arbeit nicht wie in der Moderne die abstrakte gesellschaftliche Kategorie schlechthin, sondern sie gehört im Gegenteil einem außergesellschaftlichen, vormenschlichen Zustand an. Auch wenn Marktelemente und Geld in der Antike keine unbedeutende Rolle spielten, sie waren nicht in der Lage, die Abstraktion „Arbeit“ gesellschaftlich zu etablieren (Entscheidend dafür ist natürlich, daß die Arbeitskraft in der Antike nicht zur veräußerlichbaren Ware ihres Trägers avanciert, und die Lohnarbeit die Sklavenwirtschaft nicht ersetzen kann. Wo Arbeitskraft erworben wird, wird der personale Träger in toto als eine Naturressource mitgekauft.). Während sich im Kapitalismus Gesellschaftlichkeit um die Arbeit zentriert, kann sie die antike Weltsicht gerade nur als etwas vom gesellschaftlichen Kontext Ausgespartes begreifen. Sie erscheint nicht als eine anerkannte gesellschaftliche Sphäre, sie gehört zum minderwertigen Rest, der bei der Herausbildung der öffentlichen, allgemeinen Bereiche übrig bleibt; und der Mensch ist nur insoweit Mensch, als er Nicht-Arbeiter ist. Platon und Aristoteles zogen daraus radikal die Konsequenz. In den utopischen Idealstaaten, die sie sich ausmalten, sollten Handwerker vom Bürgerrecht ausgeschlossen bleiben (Vergleiche dazu: M.Austin/P.Vidal-Naquet, Gesellschaft und Wirtschaft im alten Griechenland, München 1984, S.16.). Wo der Protestantismus otium zum odium erklärt, sehen die antiken Autoren ausnahmslos den Mangel an otium als das odium schlechthin. Menschsein bedeutete, über Muße zu verfügen, und es hieß insbesondere in der klassischen Zeit, allen anderen Daseinsweisen voran zoon politicon zu sein. Als Mensch betätigt sich der freie Mann jenseits der unmittelbaren materiellen Notdurft, dann wenn er die Schwelle des Hauses überschreitet, sich zur Agora (bzw. zum Forum) bequemt und sich mit den öffentlichen Angelegenheiten (res publica) beschäftigt (Im klassischen antiken Verständnis ist Politik identisch mit dem Öffentlichen überhaupt. „Die Polis war für sie (die Griechen) der einzige wichtige Zusammenhang oberhalb des Hauses. Alle anderen waren weitgehend auf sie zugeordnet (wie die Kultgemeinschaften) oder sie hatten über den privaten Bereich hinaus nicht viel zu besagen. So sahen die Griechen den Gegensatz zu politisch in privat, selbstbezogen, eigennützig. Politisch war ihnen gleichbedeutend mit allgemein (koinós, xynós), es zielte auf die Sache aller.“ (Christian Meier, Die Entstehung des Politischen bei den Griechen, Frankfurt 1980, S. 27.) Wirtschaftliche Tätigkeit erscheint dagegen als ungesellschaftlich, die Marktöffentlichkeit hat nur untergeordnete Bedeutung. Während in den mittelalterlichen Städten die zünftigen Handwerksmeister und großen Kaufleute den Ton angeben, sind in der Antike Händler und Handarbeiter oft Fremde und von der Vollbürgerschaft ausgeschlossen. (Zumindest für Athen läßt sich das recht genau dokumentieren, für die anderen Poleis ist die Materiallage wesentlich ungünstiger, es spricht aber wenig dafür, daß sich die Grundkonstellation wesentlich unterscheidet.) Christian Meier kommt denn auch zu folgendem Schluß: „Wirtschaftliche Interessen waren nicht unbedingt dominierend in dieser bäuerlichen Welt, von Einzelnen abgesehen, und wenn das wichtigste einmal gesichert war. Sie wurden künftig eher zurückgehalten. Handwerker und Kaufleute hatten gegenüber den Gundbesitzern respektive Bauern nicht viel zu bedeuten. Ein Mangel an Differenzierung wurde quasi umgepolt zur Geschlossenheit politischer Identität.“ (a.a.O., S. 87.)).

„Innerhalb des Haushaltsbereiches konnte es Freiheit … überhaupt nicht geben, auch nicht für den Herrn des Hauses, der als frei nur darum galt, weil es ihm freistand sein Haus zu verlassen und sich in den politischen Raum zu begeben.“ (Hanna Arendt, vita activa, S. 34.)

Von dieser einzig denkbaren Form der Freiheit war die Frau systematisch ausgesperrt, und die Vorherrschaft des Mannes stabilisierte sich denn auch logischerweise in demselben Maße wie die Polis gegenüber dem oikos und den verwandtschaftlichen Banden an Gewicht gewann.

Diesen Zusammenhang hat Wolfgang Schuller exemplarisch für das antike Griechenland herausgearbeitet. Von der in den Epen Homers festgehaltenen mykenischen Zeit bis zur klassischen Polis-Demokratie verschlechtert sich kontinuierlich die Stellung der Frau. Schullers Quintessenz lautet dementsprechend: „Die intensive Politisierung breiter männlicher Bevölkerungskreise, von der die Frauen … von Anfang an ausgeschlossen waren, führte zu deren immer geringeren sozialen Geltung.“ (Wolfgang Schuller, Frauen in der griechischen Geschichte, Konstanz 1985, S. 31.) Insbesondere im Kontrast zwischen dem in vielen Belangen archaisch strukturierten und entsprechend besonders frauenfreundlichen Sparta und der „Musterpolis“ Athen zeichnet sich dies ab.

„War nämlich die athenische Demokratie eine Staatsform, in der, ohne jede Verherrlichung gesagt, ein in der gesamten Geschichte niemals wieder erreichtes Ausmaß an freier politischer Mitwirkung des Volkes erreicht worden war, so scheint umgekehrt die Lage der athenischen Frau besonders gedrückt gewesen zu sein.“ (A.a.O. S. 44.)

In Sparta dagegen waren die Frauen hochgeachtet, was sich unter anderem darin ausdrückte, daß der Tod der Spartanerin im Kindsbett dem ehrenvollen Tod des Spartaners auf dem Schlachtfeld gleichgestellt war.

Die alles überragende Rolle der Politik, die den gesamten gesellschaftlichen Raum dominierte, ist historisch ein ganz spezifisches Phänomen (Die Herausbildung der Vormacht des Politischen ist dabei – wie später auch ihre Zersetzung – eng mit der Entwicklung von Geldwirtschaft und der Warenproduktion verknüpft. Während aber in der Moderne das „Politische“ sich als die andere Seite des gleichen Abstraktionsprozesses etabliert, der auch das private geldförmige Interesse hervortreibt, verhält sich das Polisleben, solange es existiert, aristokratisch-polemisch zum privaten Geldstandpunkt. Weit davon entfernt, als das abstrakt Allgemeine das abstrakt Private zu affimieren, hat die res publica für das selbstgenügsame Geldinteresse und den Privatstandpunkt nur Verachtung übrig. Im modernen Verständnis hat die Politik Raum für das privat definierte pursuit of happiness zu schaffen, in der antiken Sicht begibt sich dagegen derjenige, der konsequent sein privates Glück verfolgt, freiwillig seiner menschlichen Würde und stellt sich außerhalb jeder Gemeinschaft. Der citoyen erkämpft dem homo oeconomicus seine Freiheit, das antike zoon politicon weist dieses verächtliche Wesen in seine Schranken. Wir mißverstehen die Selbstapotheose des zoon politicon gründlich, wenn wir sie als Vorschein moderner Staatsbürgerlichkeit interpretieren. Wenn die Bestimmung, Polisbürger zu sein, alle anderen Daseinsmodi überstrahlt, so klingen hier vielmehr archaische Verhältnisse nach. Wie die Einzelnen in Stammesgesellschaften allein vermittels ihrer Stammeszugehörigkeit eine Identität entwickeln konnten, und unabhängig von der Gemeinschaft gar nicht existent waren, genauso kann das antike zoon politicon den homo privatus und oeconomicus nur als den seiner wesentlichen Bestimmungen entkleideten Menschen bedauern. Die Übermacht des zoon politicon beruht nicht auf der einsichtsvollen Selbstbescheidung des Individuums, sondern auf nur mangelnder Individualisierung. Die Gemeinschaft bleibt allgegenwärtiger unmittelbarer Bezugspunkt. In die ansonsten recht treffliche Untersuchung von Christian Meier schleicht sich ein falscher Zugenenschlag ein, wenn er sich zu der pointierten Aussage hinreißen läßt „weil die Griechen keine bourgeois waren, konnten sie citoyen werden.“ (A.a.O. S.87) Die Identifizierung des antiken zoon politicon mit dem modernen citoyen wird von den Ergebnissen seiner eigenen Untersuchung dementiert. Sie führt ihn ebenso in die Irre wie andere Autoren (u.a. Dolf Sternberger und Hannah Arendt), die die klassischen Athener als die besseren Staatsbürger verherrlicht haben. Wo der citoyen sich nicht komplementär zum bourgeois verhält, sondern seine Vormacht auf dessen mangelnder Entwicklung beruhen soll, da ist der citoyen noch gar keiner, und die Bezeichnungen sind bestenfall cum grano salis zu nehmen.).

Es beschränkt sich geographisch im wesentlichen auf den griechischen Stadtstaatenkosmos einschließlich der griechischen Kolonien im Mittelmeerraum und das republikanische Rom, während zeitlich die Reformen Solons (594/593 v. Chr.) (Siehe Anmerkung A am Ende des Textes.) und die Seeschlacht von Actium (31 v. Chr.) (Siehe Anmerkung B am Ende des Textes.) als provisorische Grenzmarken dieser Ära dienen können. Schon mit dem römischen Kaiserreich zerfällt diese besondere Konstellation. Im Feudalismus nimmt die Politik die Form von Familienpolitik an. Sie steht nurmehr für den Streit der großen Häuser, die das Geschehen auf dieser Ebene bestimmen (Noch der erste gesamteuropäische, ja transkontinentale Krieg, der spanische Erbfolgekrieg (!), findet in dieser Form statt. Die familienhafte, häusliche Form, die Politik im Feudalismus angenommen hat, machte es möglich, daß auch Frauen trotz ihres Geschlechts, so sie als Erbinnen zum Oberhaupt von Adelsgeschlechtern aufrückten, eine herrschaftliche Stellung einnehmen konnten. Shulamith Shahar hat auf diese Tatsache aufmerksam gemacht: „Waren sie [gemeint sind Frauen, E.L.] hingegen Lehenserbinnen, so konnten sie über ein Landgebiet herrschen, den Vorsitz bei Zusammenkünften ihrer eigenen Vasallen innehaben, Zusammenkünfte, die der Rechtsprechung, Rechtsetzung oder der Erörterung politischer und wirtschaftlicher Probleme dienten. Daneben wurde ihnen erlaubt, an Lehensversammlungen des in ihrem Gebiet zuständigen Seniors teilzunehmen… Die Lehensverfassung gab also einem Teil von Frauen so weitreichende Herrschaftsrechte, wie sie weder in der römischen noch germanischen Gesellschaft üblich waren: ja, bis ins 20. Jahrhundert hinein war es Frauen verwehrt, jene Rechtspositionen zu erlangen, die ihnen aus Erbgründen durch die mittelalterliche Lehensverfassung zufallen konnten.“ (Shulamith Shahar, Die Frau im Mittelalter, Frankfurt, 1988, S. 25).), während transfamiliale „Öffentlichheit“ wesentlich in der Gestalt der Kirche die Zeit des „dunklen Mittelalters“ überlebt („Das Christentum ist eine ausgeprägte Gemeindereligion. Wo es auf Reste des Ahnenkults stieß, wie etwa in den skandinavischen Ländern, bekämpfte es sie aufs schärfste. Sie wurden in Aberglauben und Brauchtum abgedrängt.“ (Mitterauer). Das Zölibat steht für den antifamilialen Impuls der Kirche. Einige Jahrhunderte lang war sie auf dieser Basis die einzige jenseits der Familienverbände angesiedelte Institution. Sie bildete damit zweifellos die Speerspitze männlicher Öffentlichkeit. In diesem strukturellen Sinne kann die katholische Kriche tatsächlich als Erbin der antiken Zivilisation gelten. Der Orientierung auf einen öffentlichen, von Männern und ihren Prinzipien dominierten Raum, der die selbstgenügsame „Oikoswelt“ und die dort hausenden Frauen in die Schranken weist, blieb das Christentum auch in der Hexenverfolgung und im Protestantismus treu. Es nahm die Kompromisse zurück, die es mit den traditionellen Formen der Hausgemeinschaft als Kultverband während der ersten Christianisierungswelle hatte eingehen müssen. Zur geistesgeschichtlichen Seite der Verbindung von männlichem Prinzip und Christentum vgl. die in dieser Hinsicht sehr aufschlußreiche Studie von Christoph Türke, Sexus und Geist, Frankfurt/M., 1991.). Was aber über dieses exemplarische Muster hinaus auf etwas allen vorbürgerlichen Formationen gemeinsames verweist, das ist der Ausschluß der unmittelbaren Naturbeziehung aus dem gesellschaftlichen Raum, das Fehlen einer abgegrenzten gesellschaftlichen Sphäre der Arbeit.

Vorbürgerliche Gesellschaften waren allesamt Mangelgesellschaften. Der geringe Spielraum gegenüber der ersten Natur erzeugt aber keineswegs so etwas wie die Herrschaft der „Arbeit“, die alles und jedes in ihren Bann ziehen würde, der allgemeine Mangel ist vielmehr im Gegenteil der fehlenden Entwicklung des gesellschaftlichen Systems der Arbeit geschuldet. Die Naturschranke ist in den frühen Gesellschaften allgegenwärtig. Das bedeutet allerdings keineswegs nie enden wollende Plackerei (Im Mittelalter etwa unterbrachen mehr als 100 Feier- und Festtage im Jahr Mühsal und Fron, und der von Naturbedingungen diktierte Arbeitsanfall setzte der täglichen Durchschnittsarbeitszeit ebenfalls relativ enge Grenzen. Im Winter, wenn die Felder brachlagen, war auf dem Lande beim besten Willen wenig zu tun, Knechte und Mägde waren aber in diesen von flexibler Arbeitsvernutzung weit entfernten Zeiten trotzdem traditionell bis Maria Lichtmeß durchzufüttern. Erst der Vormarsch der protestantischen Ethik beseitigte die Unzahl kirchlicher Feiertage. Gleichzeitig schuf die Emanzipation vom unmittelbaren Druck der ersten Natur die technische Grundlage für die rigorose Ausdehnung der Zeit, die für produktive Tätigkeit zur Verfügung stand. Die glorreiche Erfindung billiger künstlicher Beleuchtung etwa machte eine zivilisatorische Errungenschaft wie Nachtarbeit überhaupt erst möglich. Die tägliche Arbeitszeit erlebte denn auch, wie Marx im Kapital recht eindrucksvoll geschildert hat, im Frühkapitalismus ihren absoluten Höhepunkt. Herman Freudenberger behauptet in seinem Buch „Arbeitsjahre“, daß sich mit dem allmählichen Übergang zum Frühkapitalismus im Laufe der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert der tatsächliche Arbeitseinsatz verdoppelt habe. Diese nachträgliche Quantifizierung nicht durchrationalisierter, daher auch nicht abgrenzbarer und insofern gar nicht quantifizierbarer „Protoarbeitszeit“ mag methodisch und terminologisch fragwürdig sein, zumindest aber wirft sie wohl ein Schlaglicht auf die tatsächliche historische Entwicklungstendenz.), sondern Bedürfnis- und Ressourcenarmut und die beständige Bedrohung durch die Unbilden der Natur (Ernteausfälle, Hungersnöte, Seuchen) (Nur ein von der protestantischen Ethik infizierter Geist kann sich die frühen Menschen als ausgesprochen aktive, Tag und Nacht mit der Tierhatz, Verfertigung von Waffen, adretter Fellkleidung und phantastischen Wandmalereien beschäftigte Wesen vorstellen. Realiter dürfte er/sie weit eher den Großteil ihres Daseins müßig verbracht haben, und nur gelegentlich trieben Hunger und der Kampf mit namenloser existentieller Furcht zu kurzen Aktivitätsausbrüchen. Das animal laborans gehört jedenfalls der modernen Mythologie an.).

Es ist für die soziale Gliederung in den vorkapitalistischen Gesellschaften charakteristisch, daß nur einer verschwindenden Minderheit der Bevölkerung ein differenzierterer Lebenszuschnitt offen steht, während die breite Masse in einen ganz engen Daseinshorizont eingesperrt bleibt. Diese Art von Bornierung darf aber nicht als Subsumtion unter „die Arbeit“ mißverstanden werden. Die mittelalterlichen Leibeigenen, vom Christentum als dem „Kultus des abstrakten Menschen“ (Marx) mit menschlichen Attributen ausgestattet, bilden genausowenig eine von hochherrschaftlichen Ausbeutern funktionalisierte Schicht von Arbeitsmaschinen wie die Kolonen der späten Kaiserzeit und die antiken Sklaven (Dieser Aspekt findet sich in der Antike am ehesten noch in einigen wenigen „protokapitalistischen“ Bereichen, etwa beim (Gold)bergbau.). Die „feudale Arbeit“ existiert eingebunden in einen eigenen in sich geschlossenen „Lebenskreis“ (Borst), der sich nicht umstandslos um „die Arbeit“ (Die Arbeit als solche kann schon deshalb nicht im Mittelpunkt des bäuerlichen Lebensmilieus stehen, weil sie noch gar nicht losgelöst von ihrer wesentlichen Voraussetzung, dem Grund und Boden, existiert. Die wesentlichen, die Hierarchie bestimmenden Fragen der bäuerlichen Lebenswelt sind bekanntlich Besitz und Erbschaftsfragen. Auch das Verhältnis von bäuerlichen und unterbäuerlichen Schichten ist kein purifiziertes bloßes Arbeitsverhältnis, sondern eingebunden in personale Beziehungen. Knechte und Söhne, Mägde und Töchter haben einen ganz ähnlichen familialen Status inne. Statt der rationalen Vernutzung von Arbeitskraft funktioniert bis tief ins 18. Jahrhundert, ja teilweise bis ins 19. hinein die moral economie nach dem Prinzip der Nahrung. Das weitgehend auf Selbstversorgung ausgerichtete ganze Haus soll allen Mitgliedern ein angemessenes Auskommen sichern.) zentriert. In vorkapitalistischen Gesellschaften firmiert die Arbeit keineswegs als das non plus ultra der sozialen Existenz, sondern ist dem antiken Vorbild getreu der übel beleumundeten Natur zugerechnet.

Ursprünglich beschwört der Schweiß in Jahwes Fluch nicht das, was wir heute unter Arbeit verstehen, die Arbeit sans phrase, sondern die beständige Prekarität des menschlichen Daseins überhaupt. Dem bibelkundigen vormodernen Menschen gilt der Schweiß, von dem übrigens in Gottes Wort unklar bleibt, ob ihn Fieber, körperliche Anstrengung, Angst, oder eine Kombination aus all diesen Faktoren hervorgetrieben haben, als Synonym für sein im Diesseits unaufhebbares Elend (Auch die lateinische Sprache reflektiert noch die von der protestantischen Arbeitsvergottung ausgelöschte Einordnung der Arbeit in die Sphäre menschlicher Leiden. Wollten die Römer nicht von der konkreten Tätigkeit sprechen, sondern vom Arbeiten überhaupt, konnten sie nur auf das Wort laborare = leiden zurückgreifen, und sie meinten damit ein sklavenhaftes Dasein. Auf ein ähnliches Bild treffen wir auch im klassischen Griechenland. Frans van der Ven irritiert bei seiner durch und durch naiv arbeitsontologisch orientierten Untersuchung zur „Sozialgeschichte der Arbeit“ folgendes Eingangsproblem: „Eine unmittelbare Schwierigkeit liegt bereits in der Tatsache, daß die Griechen kein Wort besaßen, das sich mit unserem gegenwärtigen – die soziale Funktion wiedergebenden – Arbeitsbegriff deckt. Es gibt zwar ein Wort für mühsame Tätigkeit (ponos), aber es ist klar, daß es den Begriff bereits von vornherein mit einer psychologischen Deutung und Wertbestimmung belasten würde, wenn man davon ausginge.“ (Frans van der Ven, Sozialgeschichte der Arbeit, München 1972, S. 21) Die für die Arbeitsontologen wenig erfreuliche etymologische Lage verweist auf eine für sie ebenso unpassende soziale Wirklichkeit.). In diesem Sinne ist auch die für die feudale Weltsicht klassische Einteilung der Gesellschaft in die drei Stände oratores, bellatores und laboratores (Beter, Kämpfer, Arbeiter) zu verstehen. Die Arbeit hat per se keine Würde, den laboratores (Als Adalbero, der Bischof von Laon, Mitte des 11. Jahrhunderts das Bild einer irdischen Trinität in einem politischen Gedicht erstmals in die Welt setzte, ging in diese Formulierungen die aus dem klassischen Latein überkommene Doppelbedeutung von laborare (leiden und arbeiten) offensichtlich ein. George Duby hat in seiner grundlegenden Arbeit über das Weltbild des Feudalismus darauf hingewiesen und führt dafür unter anderem folgenden Beleg an: „Den besten Beweis für die Tatsache, daß labor und die davon abgeleiteten Worte weniger an das fruchtbare Werk der Hände erinnerten als an die Mühsal, die erniedrigende Mühsal, liefert Adalbero, indem er im Manuskript seines Gedichts herumstreicht und dolor (das lateinische Wort für Schmerz und Leid) durch labor ersetzt.“ (Georges Duby, Die drei Ordnungen, Frankfurt 1986, S. 237) Die laboratores sind also nicht einfach „Arbeitende“, ihr Dasein ist vielmehr dadurch gekennzeichnet, daß es weit mehr als das der „oratores“ von den Schwächen des Fleisches und der Hinfälligkeit aller weltlichen Dinge bestimmt ist.)

Der Fleischlichkeit zollen sie ebenso durch ihre biblische Pflicht zur Fortpflanzung, ihr sonstiges unerlöstes diesseitiges Elend, wie durch die Mühe ihrer Hände Tribut. Ihr gesellschaftlicher Rang kommt ihnen nicht als Arbeitskraftmonaden zu, sie leben stattdessen ein gottgefälliges Dasein, indem sie sich ohne Murren dem Ratschluß des Herrn beugen, und das Kreuz der allgemeinen menschlichen Notdurft und Mühsal willig auf ihre Schultern nehmen. Die Arbeit gehört zur Natur, zum Preis, den die Menschen für ihre Fleischlichkeit zu entrichten haben. Um Anteil am Göttlichen in ihrer Seele zu gewinnen, müssen sie sich von der inneren und äußeren Natur abwenden. Da die Menschen sich von ihrer naturhaften (alias sündigen) Seite aber nicht emanzipieren können, bleibt es einer Minderheit, den oratores, vorbehalten, sich diesem Ideal praktisch anzunähern, und auch die bleiben dabei auf die unermeßliche Gnade Gottes angewiesen. Die antike, gegenüber der unmittelbaren produktiven Anstrengung reservierte Haltung lebt christlich gewendet fort. Das irdische Dasein ist gleichbedeutend mit Leid, und der zweite Teil der postparadiesischen Verwünschung, „unter Schmerzen soll sie ihre Kinder gebären“ macht den Sinnzusammenhang, in den sich die Proto-Arbeit einordnet, auch unmißverständlich (Diese Verknüpfung hallt heute noch in der Englischen Sprache nach. Neben Arbeit, Mühe und Anstrengung hat das Wort labour bezeichnender Weise auch die Bedeutung (Geburts)Wehen!). Die Frau büßt als Gebärende und in den Wechselfällen und der Mühsal täglicher Reproduktion doppelt für den Griff zum Apfel; der Mann, wohl ob seiner geringeren Schuld, teilt mit ihr nur den zweiten Teil des göttlichen Urteilsspruchs.

Erst die protestantische Ethik hat das alttestamentarische „im Schweiße Deines Angesichtes sollst Du Dein Brot essen“ zur bedingungslosen Affirmation der Arbeit umgebogen und der bürgerlichen Bestimmung des Menschen zum animal laborans eine Bresche freigesprengt (Recht deutlich läßt sich der Umschlag vom Gottesglauben zur säkularen Religion der Arbeits-Apotheose an der calvinistischen Prädestinationslehre studieren. Weil der Ratschluß Gottes, ob er die Seele zu verwerfen oder sie anzunehmen gedenkt, zwar feststeht, den Menschen aber verborgen bleibt und nur an ihrem Erfolg im Diesseits sich abzeichnet, bleibt dem gläubigen Calvinisten nur ein Weg. Er muß die Sorge um das Heil seiner Seele in emsige Arbeit und Verzicht auf Müßiggang und Verschwendung übersetzen. Der verkniffene calvinistische Gott ist weit weniger von dieser Welt als der mit Zeichen seiner unermeßlichen Gnade weit großzügigere Gott der katholischen Christenheit. Er ist abstrakter und peitscht gerade dadurch die Gläubigen auf den Weg zur Diesseitsaneignung via Arbeit. Wo der ausgedünnte und ins eigene Innere verlagerte Glaube an Gott schließlich wegfällt, bleibt die säkulare Religion der Arbeit übrig.). Stalinismus, Faschismus und Fordismus schreiten auf diesem Weg konsequent weiter. In den Proklamationen dieser säkularisierten Religionen arbeitet sich „der Mensch“ im Schweiße seines Angesichts überhaupt zum Menschsein empor. Wo es zur Arbeit erhöht wird, adelt das Ringen mit der Natur, bis dato die Negation des Menschseins, fürderhin ihren Träger. Arbeit macht frei, dem Arbeitsmann gehört die Zukunft. Mit dieser Umfärbung wird die unmittelbare Reichtumserzeugung gesellschaftlich hof- und satisfaktionsfähig, und das, was den Niederungen des Menschen als bloßes Naturwesen zugeordnet war, schwingt sich zur Kategorie von Gesellschaftlichkeit par excellence auf.

4.

Die Apotheose der Arbeit, wie sie die bürgerliche Gesellschaft einführt, macht Schluß mit der Herabsetzung der menschlichen Beziehung zur Natur, soweit sie Reichtum erzeugt. Diese Umwertung darf allerdings keineswegs mit der Emanzipation des Menschen als Sinneswesen verwechselt werden. Wo „Arbeit sans phrase“ sich zum gesellschaftlichen Wert aufschwingt, behandelt sie die Natur und den jeweiligen konkreten Stoffwechselprozeß mit der Natur nur mehr als ihr gleichgültiges Material. Die Deifizierung der Arbeit verschafft nicht dem sinnlichen Umgang des Menschen mit innerer und äußerer Natur sein Recht, die Abstraktion Arbeit kommt stattdessen als die „Substanz“ von abstraktem, unsinnlichem Reichtum zu ihren höheren Weihen. Weit davon entfernt, zum Vehikel der Versöhnung des Menschen mit der ihn umgebenden und in ihm selbst gegenwärtigen Natur zu taugen, ist die Herausbildung einer klar abgegrenzten Arbeitssphäre im Gegenteil identisch mit der radikalen Entsinnlichung der Reichtumserzeugung (Natürlich kann Reichtum immer nur in Gestalt sinnlicher Gegenstände, die irgendwelche menschlichen Bedürfnisse befriedigen, produziert werden. Die Ausdehnung der Welt der Arbeitsgegenstände impliziert in diesem Sinne also immer auch ein Mehr an sinnlichem Weltbezug. Dieser Bereicherung von Sinnlichkeit ist aber die Spitze abgebrochen, ja sie ist in ihr Gegenteil verkehrt, weil in der bürgerlichen Gesellschaft der konkrete Reichtum nicht als er selber, sondern als austauschbarer und gleichgültiger Träger abstrakten Reichtums in Erscheinung tritt. Die Überfülle sinnlichen Reichtums gilt gesellschaftlich lediglich als die unzulängliche empirische Gestalt abstrakten Reichtums. Dementsprechend kann zwar Arbeit immer nur als konkrete, auf bestimmte Produkte bezogene verrichtet werden. Ihr Inhalt, die Arbeit in ihrem sinnlichen Vollzug, ist aber von vornherein subsumiert unter die Abstraktion Arbeit überhaupt. Der Stoff sowie die Leiblichkeit des Arbeitetenden erscheinen nur als Hindernis, denen notgedrungen Rechnung getragen werden muß, aber nicht als der eigentliche Gegenstand des produktiven Prozesses. Das „Eigentliche“ ist das gesellschaftliche Phantasma, die Realabstraktion, Arbeit sans phrase, die es aufzuhäufen gilt.), und in deren Gefolge des Naturbezugs insgesamt. Die Arbeit ist nicht das aufgelöste Rätsel menschlicher Existenz, sie ist im Gegenteil Dreh- und Angelpunkt des modernen Elends, was nicht zuletzt in der Zerstörung der ökologischen Lebensgrundlagen durch die unsinnliche Arbeit mit Händen zu greifen ist.

Die Herausbildung der Arbeit entpuppt sich bei näherem Zusehen als Akt der Landnahme, in dem das Abstrakt-Universelle seinen Gültigkeitsbereich auf wesentliche Teile des unmittelbaren Stoffwechsels von Mensch und Natur ausdehnt und die Frontlinie zwischen dem Abstrakt-Gesellschaftlichen und dem „bloß Natürlichen“ nachhaltig zu seinen Gunsten verschiebt. Während das „naturhafte“ Alltagsleben der breiten Massen in ständisch-feudal strukturierten Verhältnissen als „moral economy“ (Was in der englischen Sprache „moral economy“ meint, hat im Deutschen im Terminus „Nahrung“ seine Entsprechung. Das Ziel jeder Hausökonomie war es, allen ihren Mitgliedern auf der Basis von weitgehender Selbstversorgung ein adäquates Auskommen zu sichern. Nicht die Reichtumsakkumulation gab den Maßstab ab, Sinn und Zweck allen Wirtschaftens war vielmehr die Bedürfnisbefriedigung, wenn diese auch für gewöhnlich nicht viel mehr als ausreichend Essen, Trinken und einen regengeschützten Schlafplatz umfaßte.) den Menschen als Sinnen- und Bedürfniswesen anerkannte – wenn auch auf niedrigem und borniertem Niveau -, ist für derlei Gesichtspunkte in der neuentsehenden Welt von Arbeit kein Platz mehr. Im selben Maße wie sich Reichtumserzeugung in Produktion für einen anonymen Markt verwandelt, und die Arbeitskraft selber zur austauschbaren, mit einem gesellschaftlichen Preis versehenen Ware wird, knüpfen sich an „die Arbeit“ all die Attribute, die der abendländischen ratio seit jeher zukamen. Diese Expansion des abstrakt Universellen vollzog sich aber nicht ohne Reibungsverluste und nicht ohne kompensatorische Entwicklung. Zum einen setzten die vorbürgerlichen Produzenten der Triebrestriktion, die die Metamorphose zu rational kalkulierenden Arbeitskraftmonaden nach sich zieht, massiven Widerstand entgegen, und es dauerte Jahrhunderte, bis die vermeintlich den Menschen wesenhafte Bestimmung, animal laborans zu sein, den Trägern der Ware Arbeitskraft tatsächlich in Fleisch und Blut übergegangen war (Dieses Internalisierungsproblem stellt sich nicht nur am Beginn kapitalistischer Entwicklung, es wiederholt sich noch jedesmal, wo sich Menschen einem höheren Abstraktifikationsniveau der Arbeit anpassen müssen. Die Verlaufsformen haben sich natürlich verändert und „zivilisiert“; das Gewaltsame an diesem Prozeß läßt sich aber auch heute noch mit Händen greifen. Die Indianer Südamerikas starben im 16. Jahrhundert massenweise an der Zumutung, als Arbeitstiere verwandt zu werden. Untauglich zu diesem Beruf, mußten sie durch resistentere Negersklaven ersetzt werden. Die Bewohner des Mezzogiorno, die in den 50er und 60er Jahren in die norditalienischen Industriezentren strömten, um sich als Bandarbeiter zu verdingen, beendeten zwar meist nicht mehr ihre Flucht vor der Arbeit im Suizid, aber erst nach wilden Kämpfen fügten sie sich dem ungewohnten neuen Takt. Weniger aggressiv denn depressiv reagieren heute viele mit westlichen Arbeitsrythmen konfrontierte „Ossis“, die Wirkung ist aber etwa die gleiche. Nach den auf „Weltniveau“ hochgeschraubten Maßstäben westlicher Vorgesetzter und Kollegen betreiben die Abkömmlinge des „Arbeiter- und Bauernstaates“ de facto „Arbeitsverweigerung“.); zum anderen kann die Welt der Arbeit nur funktionieren, wenn die ausgeschiedene Sinnlichkeit jenseits des produktiven Zusammenhangs eine Ersatzheimat findet. Wo das abstrakt Universelle als die Realabstraktion Arbeit über den Bereich der Kultur, des Denkens, usw. hinausgreift, polarisiert sich daher die traditionelle häusliche Einheit von Produktion und Reproduktion, und die Reproduktionssphäre verwandelt sich in Heimstätte und Treibhaus abgespaltener Sinnlichkeit. Das Naturhafte (Der Begriff Natur macht nur Sinn als Kontrapunkt zu Gesellschaft und ist daher nicht statisch zu fassen. Natur ist daher eine wesentlich historische Größe. Was als Natur erscheint, hängt jeweils davon ab, wie sich Gesellschaftlichkeit bestimmt.) und der Mensch als Sinnenwesen, also anders gesagt all das, was sich nicht in die abstrakte Arbeitsform fügen mag, verschwinden nicht ersatzlos, sie erleben in der nach und nach aus dem produktiven Zusammenhang herausgehobenen Reproduktionssphäre eine merkwürdige Metamorphose und Blüte.

Die angedeutete Veränderung, das Vordringen des abstrakt Universellen in den Stoffwechsel mit der Natur, und damit dessen Umformung zur Arbeit, revolutioniert auch nachhaltig die Grundlage des Geschlechterverhältnisses. Die neuentstehende und für die bürgerliche Gesellschaft konstitutive Dichotomie von Reproduktion und Produktion, von Gütererzeugung und Konsumtion, ist von vornherein geschlechtsspezifisch besetzt und bleibt es. Wenn der alte Lebensbrei den tradierten Naturbezug hinter sich läßt, die „Arbeit“ entbindet, und die Reichtumsproduktion in die Welt des Zweckhaften, Vernünftigen und Rechenhaften eintaucht, dann mutet die neue Sphäre nur auf den ersten Blick „geschlechtsneutral“ an (Der abstrakte Universalismus hält sich selber natürlich für „geschlechtsneutrale“ Sachlichkeit. Hinter dem Neutrum verbirgt sich aber noch allemal das „Männliche“.). Die abstrakt-universalistische ratio ist im abendländischen Denken seit jeher identisch mit dem Männlichen, und die Arbeit als Fortsetzung der ratio fügt sich nahtlos in die Welt männlicher Prinzipien. Mehr noch, indem die Arbeit zum Nonplusultra von Gesellschaftlichkeit aufsteigt, wird sie gleichzeitig zum neuen Dreh- und Angelpunkt männlicher Dominanz. Die Entstehung der Arbeit als Prozeß der rigorosen Entsinnlichung der Reichtumsproduktion, entpuppt sich als deren konsequente Vermännlichung, und die sich ausdehnende Arbeitssphäre avanciert, nachdem sie via Geld und Markt der Welt der Öffentlichkeit anheimfällt, zum wichtigsten Stützpfeiler der Herrschaft des männlichen Prinzips (D.h. natürlich nicht, daß Frauen in der bürgerlichen Gesellschaften nicht als Arbeitskraftverausgaber auftreten würden. Soweit sie aber als Träger von Arbeitskraft figurieren und sie sich in der rational durchkalkulierten Arbeitswelt bewegen, ist die zugerechnete Weiblichkeit an ihnen ausgeblendet. Als funktionierende Arbeitsmonaden sind sie quasi Un-Frau. Wo diese Abtrennung nicht funktioniert und auch die arbeitende Frau den Geruch von Sinnlichkeit nicht so recht los wird, erscheint das als Unzulänglichkeit und partielle Dysfunktionalität, die auf die Frauen zurückschlägt.). Während in vorkapitalistischen Formationen Mann und Frau, soweit sie sich im Rahmen der „Hauswirtschaft“ bewegten, gleichermaßen als subalterne, quasi vormenschliche Wesen als Naturpotenz galten, wird der Arbeiter zum Herrn über die Natur und ist als solcher per se „Mann“ (Wenn hier von „Mann“ die Rede ist, so handelt es sich dabei natürlich um keine biologische Bestimmung, sondern der Terminus beschreibt einen spezifischen Verhaltenskodex, der sich durchaus auch vom empirischen Geschlecht seiner Träger emanzipieren kann.). Die Frau dagegen verkörpert das aus der Abstraktion Arbeit Herausgegrenzte, in ihr Unterdrückte. Das Weibliche, seit jeher der Kontra- und Abstoßungspunkt der männlichen ratio, verhält sich zum Arbeitskosmos als kompensatorische Daseinbestimmung (Es steht keineswegs im Widerspruch zu dieser Grundstruktur, daß es im Kapitalismus seit jeher auch Lohnarbeit von Frauen gegeben hat. Die proletarische Frauen- und Kinderarbeit des 19. Jahrhunderts entsprach keineswegs der modernen bürgerlichen Form, sie war wesentlich ein Überbleibsel aus ständischen Verhältnissen. Sie fällt daher aus unserer Betrachtung heraus. Das Gleichungssystem weiblich=Reproduktionssphäre und männlich=Arbeitssphäre, die Herausbildung einer besonderen Reproduktionssphäre überhaupt, hat seine Durchsetzungsgeschichte, und die beginnt nicht bei den unterständischen Schichten, sondern eben im Bürgertum. Die bürgerlichen Frauen, die seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts allmählich zur Erwerbsarbeit drängten, konzentrierten sich wiederum im Wesentlichen auf Bereiche, die sich als berufsmäßige Fortsetzung ihrer Aufgaben im Rahmen der häuslichen Reproduktion beschreiben lassen. Frauen strömten in den Lehrerinnenberuf, wurden Krankenschwestern, bestenfalls Ärztinnen, und brachten damit genau die Qualitäten in ihre Berufstätigkeit ein, die sich bestens ins herrschende Bild von Weiblichkeit einfügten. Frauen sind bekanntlich bis heute in den Berufssparten deutlich überrepräsentiert, die Emphatie, Mitmenschlichkeit usw. erfordern, sich von ihrem Inhalt also dem bloßen Arbeiten sperren. Selbst noch die Verkäuferin qualifiziert sich zu ihrem nervtötenden Gelderwerb weniger dadurch, daß sie souverän die vier Grundrechenarten beherrscht, sie muß allemal freundlich sein, und dem werten Kunden die schöne Illusion vermitteln können, er als Person wäre von Relevanz und nicht nur seine zahlungsfähige Nachfrage. Wo Frau sich verdingt, muß sie regelmäßig nicht nur Fachwissen abrufen können, sie hat „Menschlichkeit“ gleich mitzuliefern. Kann sie in ihrer Berufstätigkeit derlei nicht an den Mann bzw. die Frau bringen, so vergeht sie sich damit nur dann nicht an ihrer „natürlichen“ Bestimmung, wenn der Gelderwerb lediglich vorübergehenden oder subsidiären Charakter hat, und ihr wahres Leben im Schoße der Familie stattfindet. Erst heute verliert diese geschlechtsspezifische Zuordnung ihre Eindeutigkeit und weicht auf. Das bedeutet aber keineswegs, daß sie nun gegenstandslos würde, sie beginnt lediglich sich vom empirischen Geschlecht ihrer Träger abzulösen. Der Gegensatz von zugerechneter Weiblichkeit und dressierter Mannbarkeit ist damit nicht aus der Welt, er verlagert sich stattdessen zusehends ins Innere des Individuums. Die eigenartigen androgynen Hybridwesen, die diese Entwicklung in die Welt setzen mag, verkörpern nicht die Versöhnung männlicher und weiblicher Anteile, an ihnen tritt ihr Gegensatz nur internalisiert und damit zugespitzt zu Tage. Aber dazu später mehr.). Er kann ohne diese seine Rückseite nicht funktionieren, aber er kann nur funktionieren, indem er sie subordiniert.

5.

Diese Grundstruktur bürgerlicher Vergesellschaftung ist das geheime Gravitationszentrum, um das feministische Theorie nolens volens kreist. Die feministische Forschung hat denn auch viel erhellendes Material zu Tage gefördert und zusammengetragen, das sich, in einen größeren Kontext hineingestellt, unschwer zur Fundamentalkritik der männlich-abstrakt-universalistischen Realkategorie „Arbeit“ zusammenfügen läßt. Vor dieser radikalen und weitreichenden Konsequenz schreckt feministische Theoriebildung jedoch zurück, und so ergibt sich aus den vielen verstreuten Einzelergebnissen und feministischen Sonderdiskursen bestenfalls ein kaleidoskophafter Eindruck, aber kein Gesamtbild.

War der positive Bezug auf den Arbeitsbegriff bei der Analyse der vorkapitalistischen Geschlechterbeziehungen überflüssig wie ein Kropf und dazu geeignet, von den wirklichen historischen Konfigurationen abzulenken, so wirkt er bei der Untersuchung der bürgerlich-„patriarchalen“ Gesellschaft noch fataler. Die feministische Kritik legte den Finger auf die wunden Punkte der Arbeitsgesellschaft, aber sie weiß nicht, in welches Wespennest sie damit hineingestochert hat, und die meisten Protagonistinnen wollen es lieber auch gar nicht so genau wissen. Der mainstream des Feminismus jedenfalls bricht (Vielleicht wäre es an dieser Stelle zutreffender, das Präsens durch das Präteritum zu ersetzen. Der feministische Diskurs ist heute hoffnungslos zersplittert, von einem einigermaßen kohärenten Diskussionszusammenhang kann kaum mehr die Rede sein. Die Binnendifferenzierungen sind unübersichtlich geworden, und für den Außenstehenden bestenfalls grob klassifizierend nachvollziehbar) seiner eigenen gesellschaftskritischen Leistung die Spitze ab, indem er versucht, seine Kriegserklärung an die Dominanz des Mannes in den Termini der Arbeitsgesellschaft zu formulieren statt gegen sie: das abgespaltene Weibliche soll ausgerechnet die vergessene „weibliche Arbeit“ sein.

Was in dieser Auffassung zu Tage tritt, sind mehr als bloße begriffliche Unschärfen; die verwaschene Terminologie, die begrifflichen Unschärfen entpuppen sich bei näherem Zusehen als Vehikel einer grundlegenden Verkehrung. Wo die „Emanzipation der weiblichen Arbeit“ die Marschrichtung angibt, schlägt die intendierte Kritik „patriarchaler“ Strukturen in die Affirmation zugerechneter Weiblichkeit und damit in letzter Instanz in Einverständnis mit dem bürgerlichen Muster von Geschlechtertrennung um. Oder anders gesagt: Der Widerstand gegen das abstrakt Uuniversalistische sucht Versöhnung innerhalb einer nach abstrakt-universalistischen Prinzipen geformten Wirklichkeit.

Nehmen wir die „Kritik der Arbeit“ zum Ausgangspunkt, dann läßt sich die Grundlogik, nach der sich diese Wendung von halbherziger Kritik zu blanker Apologetik vollzieht, unschwer nachvollziehen.

Die wertförmig konstituierte Gesellschaft billigt menschlichen Tätigkeiten nur dann gesellschaftliche Relevanz zu, wenn sie die Form von „Arbeit“ annehmen, sich also in den kapitalistischen Verwertungsprozeß einordnen. Eine Vielzahl vornehmlich oder ausschließlich von Frauen ausgeübter Tätigkeiten (Hausarbeit, unmittelbar menschliche Beziehungen, Kindererziehung etc.) sperren sich dieser realabsurden Bestimmung gesellschaftlicher Nützlichkeit. Sie sind zwar lebensnotwendig, ohne sie wäre ein Funktionieren dieser Gesellschaft undenkbar, sie sind aber per se eben keine dem betriebswirtschaftlichen Vernutzungsstandpunkt kompatible „Arbeit“. Der Lohnarbeiter muß sich physisch und psychisch reproduzieren, um beständig als solcher funktionieren zu können; diese Reproduktion kann aber nur als ein Jenseits der Arbeit existieren. Das Kind bedarf eines hohen Maßes an Einfühlungsvermögen und intensiver Zuwendung, um sich zu entwickeln – wer aber versucht, Kinder als Arbeitsgegenstand zu bearbeiten, wird dieses notwendige Treibhausklima nicht erzeugen, sondern nur ein Bündel von Perversionen. Liebe, emotionale Zuwendung, Empathie können sich nicht in meßbare abstrakte Arbeitsquanten verwandeln, und wo die Tyrannei des Werts dennoch diese Metamorphose erzwingt, dementiert die Arbeitsform von vornherein den Inhalt dieser menschlichen Anstrengungen. Die totalisierte Arbeitsgesellschaft führt sich selber ad absurdum und ist nicht lebensfähig, unter anderem deshalb, weil sie auf Anstrengungen und Tätigkeiten beruht, die sie gar nicht in ihren Rahmen integrieren und flächendeckend selber wiederum in Arbeit verwandeln kann.

Für ein Denken, das selber am Arbeitsfetischismus klebt, ist dieser innere Widerspruch und eigentliche Skandal natürlich unsichtbar, und dementsprechend reagiert der im Horizont der Arbeitsontologie befangene Feminismus. Das Strukturproblem der Arbeitsgesellschaft, an dem sich feministische Kritik abarbeitet, verniedlicht sich ihr zu einem Problem der adäquaten Definition gesellschaftlicher Arbeit. Wenn die Welt der Arbeit, so wie sie nun einmal existiert, die weibliche Hälfte der Wirklichkeit nicht umgreifen kann, dann kann arbeitsontologisch fixierter Feminismus den Fehler nicht an der Realkategorie „Arbeit“ ausmachen, sondern muß diesen Umstand einer „falschen“, aber leider gesellschaftlich gültigen Bestimmung von Arbeit zur Last legen. Die Realabsurdität Arbeit wird als nicht hintergehbare Selbstverständlichkeit vorausgesetzt, die Kritik spart also das Substantielle aus, um sich dafür umso erbitterter ins Attributive zu verbeißen. Die immer vergessene „weibliche Arbeit“ soll neben (Die radikalere Variante dieses Denkens sieht durchaus die destruktiven Folgen (etwa ökologisch) männlicher „Arbeit“ und versteht die „weibliche Arbeit“ als Gegenmodell und nicht nur als Ergänzung. Was hier als Heilmittel verkauft wird, ist aber eine contradictio in adjecto. Die Verweiblichung der Arbeit taugt ungefähr genauso viel wie sozialistische Warenproduktion oder eine sozialistische Staatsmacht. Der Hund liegt in derlei Fällen nicht beim Adjektiv, sondern beim Substantiv begraben.) der männlichen endlich zu ihrem Recht kommen. Statt die „Arbeit“ als Vergewaltigung von Mensch und Natur zu begreifen, beanspruchen sie die verweigerte Bezeichnung Arbeit für all die vielen Formen von Verausgabung von Muskel Nerv und Hirn, bei denen Frauen außerhalb des Vernutzungsprozesses abstrakter Arbeit tätig sind. Ihr ganzes Bemühen ist auf den Nachweis gerichtet, daß Frauen bei ihren reproduktiven Anstrengungen in Küche, Kinderzimmer, Bettstatt und in der Warteschlange im Supermarkt genauso Arbeitsmeriten akkumulieren wie Männlein und Weiblein am Band und im Büro (Seit Mariarosa Dalla Costas „Die Frauen und der gesellschaftliche Umsturz“ taucht in der feministischen Debatte periodisch immer wieder die ebenso phantastische wie beschränkte Losung „Lohn für Hausarbeit“ auf. Sie zeigt recht treffend, in welchem Horizont sich weite Teile der feministischen Debatte bewegen. Die Kritik einer von der männlichen Arbeit dominierten Welt bleibt selber in deren Formen stecken. Die Kritik männlicher Vernunft ist nicht viel mehr als ein nichtssagendes Ornament, solange deren geldförmige Emanation als ultima ratio jeder gesellschaftlichen Praxis vorausgesetzt bleibt.). Weil die häuslichen Mühen, die in die Welt der Arbeit nicht hineinpassen wollen und von ihr ausgeschieden werden, dennoch offensichtlich existieren, werden sie ihr auf Biegen und Brechen zugerechnet. Exemplarisch läßt sich diese Stoßrichtung bei Werlhof und Co. studieren. Diese Autorinnen sind wild entschlossen, noch jede weiblich besetzte Tätigkeit unter unsäglichen begrifflichen Verrenkungen ins „Arbeitsarkadien“ hineinzukomplimentieren. In der Diktion der Bielefelder Schule wird dementsprechend aus der Verausgabung von Muskel, Hirn und hauptsächlich Nerv in der Zweierbeziehung im Handumdrehen „Beziehungsarbeit“. Selbst noch das „Gebären“ wird als wertproduktive Arbeit deklariert, so als ob es sich bei der Kategorie „Arbeit“ um ein besonderes Adelsprädikat (Natürlich stieß diese Klassifizierung auch im feministischen Lager auf Kritik. Sie richtete sich aber vornehmlich gegen ein falsches Verständnis des Wertbegriffs und argumentierte von einer orginär marxistischen Interpretation des Werts gegen eine schlampige und assoziative Lesart, während das dahinter stehende zentrale Problem der Arbeit kaum ins Blickfeld rückte. Ursula Beer hat diese Art von Einwand wohl mit am pointiertesten formuliert (soweit es im verwaschenen akademischen Jargon überhaupt möglich ist, irgendetwas auf den Punkt zu bringen) und damit gleichzeitig das Unzureichende und Beschränkte an dieser Gegenposition dokumentiert. Sie schreibt: „Daß Hausarbeit ,Wert` besitzt, wird von keiner Forschungsrichtung bestritten. Unklarheit besteht allerdings über den Wertbegriff, auf den jeweils Bezug genommen wird. In der marxistischen Forschung hebt dieser Wertbegriff eindeutig auf ,Mehrwertproduktion` ab; ihrer Logik zufolge besitzt die außerhalb marktvermittelter Produktionsprozesse geleistete Hausarbeit keinen solchen ,Wert`, weil sie nicht monetarisierbar ist: Der Wertbegriff steht in einem inneren Zusammenhang mit ,Warentausch`. Die von der marxistischen Forschung diagnostizierte und letztlich monetäre ,Wertlosigkeit` der Hausarbeit wird von der Frauenforschung häufig mit dem Argument angegriffen, hier schlage sich ein männliches Vorurteil gegen Frauenarbeit nieder; diese Arbeit habe sehr wohl einen hohen – gesellschaftlichen – ,Wert`… Der in Anspruch genommene Wertbegriff enthält wiederum zwei Elemente, erstens eine normative Wertbestimmung, zweitens einen fiktiven Wertbegriff (Schattenpreis), der dem marktüblichen Lohn für vergleichbare Arbeiten entspricht, wenn sie in einem Lohnarbeitsverhältnis erbracht werden. Das Argument lautet dann, daß dieser ,Wert`, in Form von ,Geld`, der Hausfrau vorenthalten werde. Hier wird unter anderem die Neoklassik gegen den Marxismus mobilisiert, ohne daß das Verfahren als solches durchsichtig wird. Diese Vorgehensweise ist nur dann nachvollziehbar und verständlich, wenn der kritisierte Wertbegriff (oder Begriff der Wertlosigkeit) erstens als quantitative (und nicht als qualitative) Größe verstanden wird und wenn zweitens die im Begriff angelegte Gesellschaftskritik als Affirmation gelesen wird.“ (Ursula Beer, Geschlecht, Struktur, Geschichte, Frankfurt 1989, S. 50f.) An dem Punkt, an dem Ursula Beer die Sache schließt und für erledigt hält, beginnt aber erst die wirkliche theoretische Aufgabe. Wenn im Wertbegriff nicht Affirmation, sondern Gesellschaftskritik angelegt sein soll, und der Wert nicht als bloßes Arbeitsquantum verstanden werden darf, und stattdessen auf die besondere Qualität wertproduktiver Arbeit bezogen werden muß, dann läßt sich diese Wendung nicht im bloßen Rekurs auf den Marxismus vollziehen. Was Ursula Beer zu Recht an der feministischen Wertinterpretation moniert, trifft die marxistische Auslegung der Werttheorie nicht minder. Der gesellschaftskritische Gehalt der Marxschen Werttheorie läßt sich nur gegen die marxistische Deutung vollziehen. Das Argument von Ursula Beer greift zu kurz, weil sie diese Doppelattacke nicht wagt.) handeln würde, dessen endlich auch die solange expropriierten Frauen teilhaftig werden müßten.

Es ist unschwer zu erkennen, daß diese Art von feministischer Kritik an einem männlich besetzten Arbeitsbegriff nur die vom Protestantismus und Marxismus ererbte Arbeits-Apotheose fortsetzt, ja sie sogar auf die Spitze treibt, indem sie unter das Schema der abstrakten Arbeit auch noch zwangsweise die Nichtarbeitsbereiche subsumiert. Diese Verlängerung des tradierten arbeitsontologischen Denkens markiert aber gleichzeitig auch bereits dessen Obsoletwerden. Der tradierte Arbeitsbegriff soll einen realen Problemhorizont mitbezeichnen, der über ihn hinausdrängt – ja, ihn gerade sprengt, und ein auswuchernder Gebrauch der tradierten Begrifflichkeit überspielt provisorisch den schreienden Widerspruch. Aber wie immer in solchen Fällen (Ein Terminus, dem heute ein ganz ähnliches Schicksal widerfährt, ist die Demokratie. Auch hier entspricht der exzessive Rückgriff der Entleerung dieses Begriffs, der längst zur kraft- und saftlosen Phrase heruntergekommen ist. In einer Welt, in der sich allenthalben nur mehr Demokraten tummeln, ist die Demokratie historisch am Ende.) zeigt die inflationäre Verwendung des Begriffs nur an, daß das Substantielle an ihm längst entwertet ist. Wenn „Arbeit“ noch zur Benennung jeder menschlichen Regung herhalten muß, dann bezeichnet sie gar nichts mehr; die Verwendung dieses Ausdrucks wird bedeutungslos, und er läßt sich wie gemeinsame Faktoren in mathematischen Gleichungen jederzeit herauskürzen, ohne daß ein Milligramm Erkenntniswert durch diesen „Verzicht“ verlorenginge. Der Drang, den Arbeitsbegriff bis zur Lächerlichkeit zu überdehnen, dokumentiert in diesem Sinne also sowohl die Zählebigkeit der arbeitsfetischistischen Sichtweise als auch die Insuffizienz der Realkategorie Arbeitm, und er verweist auf die Krise der Arbeitsgesellschaft.

Die Reproduktion des arbeitsontologischen Mißverständnisses im Feminimus lebt wesentlich von den Unschärfen der Umgangssprache. Die Umgangssprache benutzt „Arbeit“ ziemlich verwaschen als ein Synonym für quasi jede nicht zweckfreie ernsthafte Anstrengung. Arbeit bedeutet in diesem immanenten Sinn nicht viel mehr als das Gegenteil von Müßiggang und Vergnügen. In diesem rein negativen eng umschriebenen Sinne, als Abzug von der individuellen disponiblen Zeit, sind die Verausgabung von Muskel, Nerv und Hirn im privaten Haushalt und die marktgängige Arbeit natürlich tatsächlich gleichsetzbar.

Wollen wir aber „Arbeit“ als analytische Kategorie verwenden, die uns die Spezifika der bürgerlichen Form erschließt, so hilft uns die vage hausbackene Gemeinsamkeit, für die Arbeit im alltäglichen Sprachgebrauch steht, allerdings überhaupt nicht weiter.

Menschliches Tun ist in einem strengeren Sinne nicht allein dann schon „Arbeit“, wenn es anstrengend, unerfreulich und gleichzeitig notwendig ist, es muß auch in einem besonderen Konnex zur gesellschaftlichen Vermittlungsform stehen. Arbeit ist mehr und etwas Spezifischeres als ein Synonym für menschliche Tätigkeit. Solange das Menschengeschlecht existiert, sind Menschen immer in irgendeiner Weise tätig, um ihre Reproduktion und ihren Lebenszusammenhang herzustellen. Indem die Liebhaber der Arbeit diese Banalität groß herausstellen, verwischen sie aber unter der Hand den Unterschied zwischen Tätigkeit und ihrer spezifischen Form als Arbeit, die der menschliche Stoffwechsel mit der Natur in der bürgerlichen Gesellschaft angenommen hat. Auf der stolz präsentierten Selbstverständlichkeit kommt die krude Apologetik dahergeritten, und nicht die menschliche Naturbeziehung erscheint als ontologisch, sondern die Existenz einer von allen anderen Lebensäußerungen abgesonderten Sphäre namens Arbeit. Es wäre alberne Beckmesserei, im Alltagssprachgebrauch, der nun einmal die herrschende gesellschaftliche Form reflektiert, allenthalben die Differenz zwischen „Arbeit“ und Tätigsein aufmachen zu wollen. Selbst der fundamentale Arbeitskritiker spricht, wenn er einen Beitrag verfaßt und davon berichtet, gelegentlich salopp davon, daß er derzeit an einem Papier zur Kritik des Arbeitsbegriffs „arbeitet“, und meint damit, daß er zu diesem Themenkomplex Beiträge gelesen, sich selber Gedanken gemacht hat und sie zu formulieren versucht. Wenn er all diese Anstrengungen provisorisch unter der Bezeichnung „Arbeit an diesem Thema“ subsumiert, so darf das aber eben nicht mit der gesellschaftlichen Abstraktion Arbeit verwechselt werden. Analytisch ist es unverzichtbar, die Realabstraktion „Arbeit“ auch gesondert zu bezeichnen. So führt es denn auch auf Abwege, wenn wir die Mühen, die sich an den Genuß von Gebrauchswerten angliedern (Wer Essen will, muß vorher kochen und hinterher abspülen, oder zumindest die Geschirrspülmaschine bestücken und bedienen. Wer die Badewanne benutzt, wird nicht umhin können, sie zu säubern, etc.), auf eine Stufe stellen mit den eigentümlichen Verrichtungen, für die die Arbeitsautomaten entlohnt werden (Natürlich färbt das Vorbild des Arbeitssektors auf die häusliche Naturbewältigung ab. Auch die moderne Hausfrau verhält sich bei ihren Anstrengungen rational kalkulierend. Sie handhabt den Schnellkochtopf keineswegs als mystische Naturgottheit (zumindest wohl die meisten, Ausnahmen sind dem Autor allerdings persönlich bekannt) und unterscheidet sehr wohl zwischen ihrer persönlichen Regeneration und der reproduktiven häuslichen Tätigkeit. Diese Ausstrahlungskraft des ökonomischen Prinzips macht die „Hausarbeit“ aber noch lange nicht der Arbeit gleich. Wenn wir die arbeitsontologische Augenbinde abnehmen, ist das auch jederzeit empirisch zu greifen – nämlich daran, was von den Betroffenen am Hausfrauendasein als belastend erlebt wird. Wenn heute Frauen mit dieser Daseinsform unzufrieden sind und Männer sich für gewöhnlich präventiv auf sie gar nicht erst einlassen, dann nicht deshalb, weil Hausfrausein beständige Auspressung von Arbeitskraft bedeuten würde, sondern weil ein Leben aus zweiter Hand unerträglich ist. Woran Hausfrauen realiter leiden, ist die Enge ihres Daseins, die Abkapselung in der Privatsphäre, zumal wenn Kleinkinder zu versorgen sind. Kinder sind nicht deshalb eine enorme Belastung, weil sie am Tag 30 Minuten „Wickel-Arbeit“, 139 Minuten „Mitspiel-Arbeit“, 34 zusätzliche Minuten „Aufräum-Arbeit“ erheischen würden und später 43 Minuten „Hausaufgaben-Betreu-Arbeit“, sondern deshalb, weil bei jeder eigenen Lebensregung ihre Bedürfnisse im Extremfall 168 Wochenstunden mitberücksichtigt sein wollen, weil es keine oder zuwenig Ausweichmöglichkeiten vor ihnen gibt. Die Familie ist keine Zwangsarbeitshölle, sondern die Hölle von Zwangsintimität, der Ort, wo Emotionalität und Menschlichkeit festgenagelt sind und daher diese unverzichtbaren Momente menschlichen Lebens jederzeit in blanken Horror und Terror umschlagen können.). Was an Lebensenergie in den privaten Höllen verausgabt wird, ist nicht Bestandteil der gesellschaftlichen Arbeitsmasse. Die um den Konsum gruppierten Tätigkeiten, die psychische Regeneration der Kombattanten unserer glorreichen Arbeitsgesellschaft, das Zubereiten von Schnitzeln und Männerpsychen, das Putzen von Kindernasen und Toiletten, fallen aus der tautologischen Bewegung der zum gesellschaftlichen System verselbständigten Arbeit heraus, weil sie auch substantiell etwas anderes sind.<MSO)

Die gemeinsame Subsumtion von Haus- und Erwerbsarbeit unter den Oberbegriff Arbeit trübt den Blick fürs analytisch Wesentliche. Haus- und Lohnarbeit addieren sich nicht als zwei Abteilungen des Arbeitskosmos zur gesellschaftlichen Gesamtarbeit. Die Anstrengungen der Frau im Haus richten sich vielmehr auf all das, was in der Welt der gesellschaftlichen Arbeit gar keinen Platz hat. Die Hausarbeit ist keine Unterabteilung des Systems der gesellschaftlichen Arbeit, sie verhält sich vielmehr komplementär zu ihr.

6.

Die feministische Theorie kann sich des Arbeitscharakters der häuslichen, vornehmlich weiblichen Tätigkeiten nur versichern, indem sie neben der traditionell männlichen „Erwerbsarbeit“ eine davon unterschiedene Sondersorte von Arbeit ausmacht: die von der Männerwelt gerne unterschlagene vornehmlich weibliche „Reproduktionsarbeit“. So ennuyierend die arbeitsontologisch argumentierenden Feministinnen auf der Identität beider Phänomene als „Arbeit“ beharren, ihre Begriffswahl hält gleichzeitig eine grundlegende Differenz zwischen diesen Tätigkeitsfeldern fest. „Außerhäusliche Erwerbsarbeit“ und „Hausarbeit“ bezeichnen in der gesellschaftlichen Wirklichkeit strikt voneinander getrennte Phänomene. Wo der Feminismus auf das Gemeinsame hinaus will und den Arbeitscharakter der häuslichen Tätigkeit beschwört, kann er vielleicht Propaganda betreiben (Die Propaganda, die die Frauen als die wirklichen Arbeitstiere dieser Welt, und damit das weibliche Prinzip als das wirklich schöpferische deklariert, erinnert allerdings fatal und peinlich an die schwielige Proletenfaust marxistischer Provenienz.), indem er aber auch die Differenz von Produktion und Reproduktion terminologisch offenhalten muß, liefert er, vielleicht nolens, auch den Anknüpfungspunkt für eine erfolgversprechende Untersuchung des modernen Geschlechterverhältnisses.

Es liegt daher nahe, an diesem Punkt nachzuhaken, den Sammeltitel Reproduktionsarbeit auf seinen realen Gehalt hin abzuklopfen und auszudifferenzieren, um uns anschließend aus der Perspektive der „Kritik der Arbeit“ an die in diesem Ausdruck anklingende Polarisierung von gesellschaftlichem Produktionszusammenhang und Privatheit heranzutasten (Dieser zweite Schritt muß allerdings der Fortsetzungarbeit vorbehalten bleiben.). Der in der feministischen Debatte eingeführte Terminus „Reproduktionsarbeit“ bleibt überaus schillernd. Er dient mehr als Feldzeichen, unter dem die Anerkennung der weiblichen Leistungen abgetrotzt werden soll, denn als eine analytische Kategorie. Die Bezeichnung vereint menschliche Tätigkeiten, die sowohl genetisch als auch in ihrer Stellung zum kapitalistischen Gesamtreproduktionsprozeß auf völlig unterschiedlichen Ebenen angesiedelt sind. Sie bilden nur negativ und assoziativ, als Nicht-Erwerbsarbeit, eine Einheit. Um Ordnung in dieses libidinös aufgeladene Sammelsurium zu bringen, will ich Grundtypen von „Hausarbeit“ unterscheiden und ihre historischen Entwicklungstrends skizzieren. Im Wesentlichen sind drei Sorten von „Reproduktionsarbeiten“ auseinanderzuhalten (Die Bielefelder Schule bemüht sich bekanntlich redlich, sie zu einem einzigen Brei zu durchmischen und Regionen und Epochen wild durcheinander zu werfen. Ich selber beziehe mich hier nur auf die entwickelten westlichen Gesellschaften der Gegenwart. Die Müllhaldenökonomie in Ost und Süd und die Stellung der Frauen im Überlebenskampf erfordert eine eigene eingehende Betrachtung. Klar ist nur, daß auch in diesem Zusammenhang der populäre Begriff Subsistenzproduktion analytisch kaum den Kern trifft. Wenn sich die Herausgefallenen in den Slums des Trikonts irgendwie durchs Leben zu schlagen suchen, kann wohl auch beim weiblichen Teil von Produktion nur sehr bedingt die Rede sein. Die crux der Dritten Welt liegt realiter darin, daß die Grundlagen von Selbstversorgung und Eigenproduktion schon zerschlagen sind, sie also negativ bereits in den Weltmarkt und das globale System Arbeitskraftvernutzung einbezogen sind, aber die positive Integration, die Verwandlung traditioneller produktiver Tätigkeit in weltmarktfähige Arbeit unterbleibt. Die spezifische Stellung der Frau, die sich unter diesen prekären Bedingungen ergibt, wird jedenfalls gründlich verfehlt, wenn sie begriffseklektisch mit der in funktionierenden vorkapitalistischen Formationen kurzgeschlossen wird.):

1. die schon lange im Absterben begriffenen Momente von Selbstversorgung, die die „Hausarbeit“ auf ihrem Weg in die Moderne geraume Zeit fortgeschleppt hat; 2. die klassischen, um den unmittelbaren Konsum herumgruppierten Tätigkeiten, die mit der bürgerlichen Gesellschaft aufblühen, aber sukzzessive von Kaufdingen und Dienstleistungen ersetzt werden; 3. die psychosozialen Funktionen der familialen Reproduktionseinheiten, das also, was in der feministischen Debatte allzu oft als „Beziehungsarbeit“ deklariert wird. Dieser Bereich expandiert nachhaltig mit der Durchsetzung entwickelter bürgerlicher Verhältnisse, er sperrt sich aber per se der Integration in die Anhäufungsbewegung abstrakter Arbeit, und gleichzeitig erweist sich die Welt abstrakter Privatheit auf Schritt und Tritt als zu eng, ihn zu beherbergen.

6.1.

Die kapitalistische Warenproduktion und mit ihr die Arbeit als eine getrennte, für sich seiende Sphäre hat eine lange Durchsetzungsgeschichte. Die ursprüngliche Einheit von häuslicher Produktion und Reproduktion, die selbstgenügsame, weitgehend autarke „Oikoswirtschaft“, verschwand nicht über Nacht; Momente von Selbstversorgung reproduzierten sich noch lange auch auf dem Boden der Warengesellschaft (Im Ruhrgebiet etwa, Deutschlands hochentwickeltem industriellen Zentrum, waren die Stahlarbeiter und Kumpel noch bis in die Nachkriegszeit darauf erpicht, neben ihrer Lohnarbeit Reste von marktunabhängiger Selbstversorgung zu sichern. Ihre Schrebergärtnerkultur war kein Freizeitvergnügen, kein psychischer Ausgleich zur Lohnarbeit, sondern Bestandteil der unmittelbaren familialen Reproduktion. Heinrich August Winkler beschreibt das in seinem Mammutwerk über die Arbeiterbewegung recht plastisch: „Sofern die Werkswohnungen sich wie im Fall Krupp in Häuserblocks befanden, waren sie, dem Bericht des Arbeitsleistungsausschusses zufolge, ,bei den Arbeitern nicht sehr beliebt, weil nur zu einem Teil dieser Werkswohnungen – und zwar nicht nur zu den von älteren Arbeitern bewohnten – Garten und Stall gehörte. Die Arbeiter legten darauf großen Wert, um nicht den Marktpreisen der Gemüsehändler ausgeliefert zu sein, und wollten am liebsten in einem nicht zu großen Haus mit seperatem Eingang und einem Stückchen Garten wohnen. Da schon vor dem Krieg viele Arbeiter wegen des Fehlens von Garten und Stall weggingen, so wurden in den Kriegsjahren, um die Leute zu halten, Schrebergärten vergeben.`“ (Heinrich August Winkler, Der Schein der Normalität. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1924 bis 1930, Berlin Bonn 1985, S. 77).). Während immer mehr Güter in den wertproduktiven Zirkel der Warenerzeugung hineingezogen wurden und die Männer sukzessive in die aufblühende Sphäre außerhäuslicher Lohnarbeit integriert wurden, blieben auf jeder Entwicklungsstufe herstellende Bereiche übrig, die sich noch nicht in das System von Kauf und Verkauf und abstrakter Arbeitskraftvernutzung einfügten. Diese Eigenproduktion wurde vornehmlich bis ausschließlich von Frauen getragen. Die selbstfabrizierten Erzeugnisse wurden allerdings mit wachsendem Vergesellschaftungsniveau sukzessive durch Kaufdinge ersetzt (Wenn Feministinnen imaginieren, daß ökonomische Krisen zu einem breiten roll-back und zur Wiederkunft von Momenten von Subsistenzproduktion führen könnten, dann bleibt das Phantasie. Der point of no return ist, was das Selbermachen angeht, längst überschritten. Nicht nur die subjektiven Voraussetzungen hierfür sind längst verlorengegangen, auch die objektiven. In einer durchvergesellschafteten Welt findet sich kein Platz mehr fürs bornierte Selbermachen. Moderne Elektrogeräte bieten dem Bastler kein geeignetes Betätigungsfeld, moderne Billiggewebe sind extrem flickunfreundlich, zum erfolgreichen Tomaten- und Gemüsebau fehlt auf dem Balkon in Neuperlach einfach der Platz und in den großstädtischen Hinterhöfen liegt die Schadstoffkonzentration in der Luft zu hoch, um dort noch eßbare Gurken zu ziehen. Die Krise der Großarbeitsgesellschaft wird sich jedenfalls nicht durch die Rückkehr zur Eigenversorgung unterlaufen lassen.). Als Momente der materiellen Reproduktion haben sie auf dem heutigen Vergesellschaftungsniveau faktisch keine Bedeutung mehr. Großmutter leistete noch einen realen, nicht zu unterschätzenden Beitrag zur familialen Gesamtreproduktion, wenn sie alljährlich kiloweise Marmelade einkochte, die ganze Familie mit selbstgestrickten Wollsachen versorgte und frisches Gemüse zog. Wenn die gutsituierte Enkelin den gleichen Tätigkeiten nachgeht (etwa für teures Geld Naturwolle erwirbt und selber strickt, oder die Ökomöhren für ihren Zwerghasen selber zieht), dann betreibt sie damit nur mehr ein Hobby.

6.2.

Im selben Maße, wie sich mit der Warenproduktion der Bedürfnisreichtum entfaltete und von der „Arbeitsgesellschaft“ auch ihre Rückseite, die Konsumgesellschaft, sichtbar und greifbar wurde, schwollen natürlich auch die um den Konsum gruppierten Tätigkeiten enorm in ihrem Umfang an. Mit einem neuen Bedürfnis nach Behaglichkeit, Sauberkeit und differenzierteren Genüssen entsteht überhaupt erst das, was wir unter Hausarbeit zu verstehen gewohnt sind (Reinhard Sieder weist in seiner Untersuchung über die Entwicklung der bäuerlichen Familienformen auf folgenden Sachverhalt hin: „Die tägliche Arbeit des Kochens und Wäschewaschens (die zentralen Arbeiten des von produktiven Arbeiten entlasteten Haushalts) machte im 18. und 19. Jahrhundert nur einen kleinen Teil der hauswirtschaftlichen Aufgaben aus. Erst im 20. Jahrhundert nahm der Anteil der auf Küchenarbeit entfallenden Arbeit der Bäuerin in Mitteleuropa deutlich zu.“). Während etwa die Ernährung im traditionellen agrarischen Europa ausgesprochen einseitig und einfallslos ausfiel, und im 15. und 16. Jahrhundert der Brei-Mus-Standard für ein ausgesprochen unaufwendiges Kochen steht, dehnt sich mit der Differenzierung der Ernährungsgewohnheiten natürlich auch der für die Kochkunst erforderliche Zeitfonds wesentlich aus (Was heute auf der Speisekarte eines „urigen Landgasthofes“ als deftige und schmackhafte „Hausmannskost“ nach „alten fränkischen“ Rezepten angeboten wird, bietet garantiert keinen Maßstab für die Ernährungsgewohneiten auch der reicheren bäuerlichen Schichten. Wer heute genötigt würde, einige Wochen den Fraß zu sich zu nehmen, mit dem unsere Altvorderen recht und schlecht ihren Hunger stillten, würde garantiert nicht Gefahr laufen, sich Gewichtsprobleme einzuhandeln. Denn der Bauer des 18.Jahrhunderts „ernährt sich von Hirse oder Mais und verkauft seinen Weizen; er ißt einmal wöchentlich gepökeltes Schweinefleisch und bringt sein Geflügel, seine Eier, sein Zicklein, Kälber, Lämmer zum Markt.“ (Braudel, Der Alltag S.194). Dabei fiel seine Kost noch um einiges variantenreicher aus als die seiner Vorfahren 300 Jahre früher. Im 18. Jahrhundert waren nicht nur die Kartoffel und der Mais, beides eine wichtige Bereicherung des Speisezettels, auf dem Vormarsch, auch der Genuß von Brot war üblich geworden. Im 16. und 17. Jahrhundert war das tägliche Brot dagegen noch keineswegs ein selbstverständlicher Bestandteil bäuerlicher Ernährung (vgl. Roman Sandgruber, die Anfänge der Konsumgesellschaft, München, 1982, S. 142). Die Ernährungsgewohnheiten der Adligen unterschieden sich von denen der bäuerlichen Massen weniger qualitativ durch raffinierte Zubereitung, denn quantitativ. Der Hauptunterschied war, neben der bloßen Menge, der hohe Fleischkonsum der Reichen, und ihr großzügiger bis exzessiver Umgang mit Gewürzen. (Die meisten einst hochherrschaftlichen Menüs dürften für den heutigen – empfindlicheren weil differenzierteren – Gaumen wohl ungenießbar sein.) Fleisch und Gewürze waren eben prestigeträchtig. So etwas wie Kochkunst keimte in Europa bezeichnenderweise im 15. Jahrhundert in den italienischen Handelsstädten der Renaissance auf (vgl. Braudel, Der Alltag).). Solange die Menschen auf gestampftem Lehmboden hausen, wäre Bodenpflege nur merkwürdig. Solange sie nur die Kleidung besitzen, die sie am Leibe tragen, ist es unüblich, sie zu waschen. Erst die gleichzeitige Vermehrung von Konsummöglichkeiten und die Anhebung der Ekelschwelle (Zum Einstellungswandel gegenüber Schmutz, Exkrementen etc. liefert Norbert Elias mit seinem „Prozeß der Zivilisation“ nicht nur recht anschauliches Material, er arbeitet auch recht klar die Logik dieses Prozesses heraus.) ändert das. Von nun an bietet sich der von den produktiven Bezügen weitgehend abgeschnittenen emsigen Hausfrau ein reichhaltiges und eben auch neuartiges Betätigungsfeld.

Der Abscheu, mit dem bürgerliche Autoren das proletarische Elend, die menschenunwürdigen Wohnverhältnisse und die soziale Verwahrlosung beschreiben, lebt wesentlich vom Kontrast zwischen den im Bürgertum aufkommenden neuen zivilisatorischen Standards und dem bei den unterständischen Massen noch fortbestehenden vorkapitalistischen Niveau (Die proletarische Frauenarbeit im 19. Jahrhundert ist im Vergleich zur bürgerlichen Hausfrau keineswegs moderner, hier verbindet sich vielmehr der entstehende Kapitalismus mit einer vorbürgerlichen Mentalität. Die Entstehung der Hausfrau gehört mit zur zivilisatorischen Mission des Kapitals. Wenn die Gewerkschaften und die verbündete Sozialdemokratie die Forderung aufstellten, ein Männerlohn müsse hoch genug für die Reproduktion einer Familie sein, und damit argumentierten, daß die Frauen zum Kind und in die Küche gehören, dann war das nicht einfach reaktionär. Was da eingeklagt wurde (und meist nicht gegen, sondern mit den Frauen), war die Verallgemeinerung der entwickelteren, moderneren bürgerlichen Familie gegen unterständische, präfamiliale Reproduktionsformen.). Dabei ist es nicht nur die blanke Armut, an der sich die Reformer stoßen, sondern auch die rückständigen proletarisch-unterständischen Sitten und Gebräuche.

Die nachhaltige Expansion der von der Zurichtung zum Konsum bestimmten hausfraulichen Tätigkeitsfelder wird im Fortgang der Entwicklung durch einen gegenläufigen Trend konterkariert. Auf wachsender Stufenleiter werden auch diese Bereiche durch Waren (zum Teil auch Dienstleistungen) substituiert, und auf diese Weise in die Sphäre von produktiver Arbeit und Marktöffentlichkeit hineingesogen. Die moderne Hausfrau wäscht für gewöhnlich nicht mehr mit dem Waschbrett, sondern betätigt eine Waschmaschine, oder überläßt diese Tätigkeit gar einer Reinigung. Kantine, Restaurant und Tiefkühlkost verringern maßgeblich den Zeitfonds, der fürs Kochen verausgabt werden muß, und auch die Koch-Qualifikation verliert an Gewicht. Die moderne Frau findet heute für gewöhnlich auch dann einen „Partner“, wenn sie dieser Fähigkeit nur beschränktermaßen teilhaftig ist. Darüber hinaus verliert die Haushaltsführung mit dem Rückzug ins Private und der rigorosen Aussperrung der Fremden von ihrer repräsentativen Funktion und damit an Ballast. Sie fällt heute auch im gesellschaftlichen Durchschnitt um einiges unaufwendiger aus als in der Zeit unserer noch um ihren hausfraulichen Ruf besorgten Mütter. Die Führung eines großbürgerlichen Haushalts hielt im 19. Jahrhundert einen ganzen Troß von Dienstboten auf Trapp, und auch die kleinbürgerliche Gattin hatte noch reichlich zu tun; in den Kleinfamilien unserer Tage gereichen diese Formen von Verausgabung menschlicher Energie aber nur mehr bei der vom Putzzwang gebeutelten Neurotikerin zum lebenausfüllenden full-time-job (Nur weil das so ist, können Individuen beiderlei Geschlechts heute überhaupt extrafamiliär leben. Solange eine angemessene häusliche Reproduktion einen umfänglichen logistischen Aufwand innerhalb des Hauses voraussetzt, war jede Geld erwerbende Person genötigt, Familienanschluß zu suchen, und eine Single-existenz undenkbar. Wer sich vom familialen Treiben fernhielt, mußte das mit Bedürfnisarmut erkaufen. Es wäre interessant, unter diesem ausgesprochen profanen Aspekt einmal das mittelalterliche Mönchstum zu untersuchen. Die Mönche waren ja offensichtlich genötigt, in ihren Gemeinschaften den familien Rahmen zu imitieren und damit die ganze Last alltäglicher Reproduktion auf ihre Schultern zu nehmen, oder die Bedürfnisse des Leibes auf Sparflamme herunterzufahren, um Raum und Zeit für ihre geistlichen Verrichtungen zu gewinnen.).

6.3.

Was im privaten Reproduktionsbereich als „Proto-Arbeit“ gelten kann und daher in der Tat von gesellschaftlicher Arbeit tendenziell zurückgedrängt wird, ist damit erschöpft. „Reproduktionsarbeit“ meint im feministischen Sprachgebrauch allerdings darüber hinaus noch etwas anderes, das sich aber nur sehr unzulänglich und gewaltsam als „Arbeit“ bestimmen läßt.

Das vom Kapitalismus in spezifischer Form hervorgetriebene bedürfnisreiche Individuum bedarf nicht nur einer reichhaltig gewordenen Pallette von Gütern, sondern auch des anderen Menschen. Bedürfnisreichtum schließt den Drang zu Beziehungsreichtum und Beziehungsintensität mit ein. Die bürgerliche Gesellschaft eröffnet, indem sie differenziertere Psychostrukturen hervortreibt, auch auf dieser Ebene einen neuen Horizont von Bedürftigkeit.

Die bürgerliche Gesellschaft kann Emotionalität, Zwischenmenschlichkeit aber nur in Form abstrakter Privatheit, jenseits des der Rationalität und Versachlichung anheimfallenden gesellschaftlich-stofflichen Zusammenhangs realisieren. Ehe und Familie verwandeln sich auf der Basis der bürgerlichen Gesellschaft zur hauptsächlichen Spielwiese dieser Daseinsaspekte und werden entsprechend mit neuem Bedeutungsgehalt versehen.

An den zur Zwingburg von Zwischenmenschlichkeit und Emotionalität umgestalteten Reproduktionsbereich gliedern sich soziale Aufgaben an, und die Tätigkeiten, die in diesem Zusammenhang stehen, gewinnen im Laufe kapitalistischer Entwicklung zusehends an Gewicht. Wo nicht die mehr oder minder selige Zweisamkeit der Ehepartner im Mittelpunkt von Tagträumen, Psychogesprächen, Lebensplänen und privater Praxis steht, da avanciert die Beschäftigung mit dem eigenen Kind zum Dreh- und Angelpunkt des Familienlebens. Das schlägt sich auch unweigerlich im Zeitfonds nieder. Die Betreuung des Nachwuchses (In vorkapitalistischen agrarischen Gesellschaften war es bis ins 19. Jahrhundert beispielsweise gang und gäbe, Kleinkinder durch das Anlegen von eng anliegenden Wickelbändern im wahrsten Sinne des Wortes stillzustellen. Die Mutter war im Haus rührig oder verließ es zur Feldarbeit, während das liebe Kleine in der Wiege lag, oder an einem Haken an der Wand hing, kein Glied rühren konnte und vor sich hinschrie. Die aufgeklärten bürgerlichen Mediziner führten im 19. Jahrhundert einen langen zähen Kampf gegen diesen, der kindlichen Entwicklung nicht gerade förderlichen Brauch, und es dauerte mehr als ein Jahrhundert, bis der Aberglauben ausgerottet war, daß nur gewickelte Kinder mit geraden Gliedmaßen heranwüchsen. Reste der dahinterstehenden Mentalität haben sich noch lange erhalten. Man denke nur daran, daß noch unsere Mütter und Großmütter allen Ernstes Säuglinge mit der Begründung schreiend in der Wiege liegen ließen, das Geplärre würde die Lunge stärken. Der Anspruch, das kleine Kind rund um die Uhr zu versorgen, hat sich auf breiter Front, d.h. quer zu allen Sozialmilieus erst seit den 60er Jahren durchgesetzt. Er gewann im selben Maße die Oberhand, wie die zunehmende „Unwirtlichkeit unserer Städte“ (wachsender Autoverkehr etc.) das Kinderleben endgültig in Schutzräume getrieben hat. Ein Vorschulkind unbeaufsichtigt auf die Straße zu lassen, läuft heute ja faktisch auf vorsätzliche Tötung hinaus; vor 30 Jahren war das im Rahmen der mittlerweile selten gewordenen Nachbarskinderhorden noch selbstverständlich.), die Beschäftigung mit dem „Partner“ nimmt im Rahmen der „Hausarbeit“ neben den schließlich in den Hintergrund tretenden repetitiven Tätigkeiten wie Putzen etc. immer mehr Zeit und Kraft in Anspruch. Ähnliches galt einige Jahrzehnte lang für die Pflege der Alten und Gebrechlichen (In vorkapitalistischen Gesellschaften erübrigte sich dank der niedrigen medizinischen Standards und der geringen Lebenserwartung so etwas wie Altenpflege weitgehend. Heute ist das familiale Gefüge bereits soweit zersetzt bzw. auf seinen Mann-Frau Kern reduziert, daß es diese Aufgabe zumindest in den fortgeschrittensten sozialen Segmenten gar nicht mehr übernehmen kann und notgedrungen von professionals ersetzt werden muß.); diese qualitativ neuartige Belastung kompensiert den Funktionsverlust für die materielle Reproduktion der Individuen (Es ist natürlich ausgesprochen schwierig, genaue Quantifizierungen anzugeben. Wichtig ist in unserem Zusammenhang aber auch nur der Trend.), zumindest binden sie enorme psychische Energien und, insbesondere bei den Frauen, Lebenskraft.

Die Mutation der Familie von der zentralen Produktions- und Reproduktionseinheit zur „Emotionsgemeinschaft“, wie sie sich im Laufe der letzten beiden Jahrhunderte auf breiter Front vollzogen hat, endet aber natürlich nicht mit einer sozial selbstgenügsamen Familie (etwa von der „materiell autarken“ Familie zur „sozial autarken“). Im Gegenteil, die Bedeutungsaufladung und Purifizierung zur familialen Primärgemeinschaft (Vater-Mutter-Kind) ist ja gerade identisch mit ihrer Abschottung vom vergesellschafteten realen stofflichen Zusammenhang, und so sind der Familie bei der praktischen Betätigung ihrer sozialen Funktion enge Grenzen gesetzt. Je mehr um und an ihr das Reich abstrakter Privatheit Wirklichkeit wird, umso mehr ist sie bei jeder Umsetzung, die über die blanke Emotion hinausgeht, auf das gesellschaftliche Aggregat angewiesen. Gerade weil Leben und Gesundheit der Liebsten ein so hohes Gut geworden sind, wird die Hausfrau sich im Krankheitsfalle nicht mit ererbten Hausmittelchen zufrieden geben, sondern potentiell alle medizinisch sinnvollen Möglichkeiten für sich und ihre Familie in Anspruch nehmen wollen. So wichtig den Eltern ihr Nachwuchs geworden ist, das elterliche Heim ist längst nicht mehr der Ort, an dem sich die heißgeliebten Kleinen aller landläufigen Kulturtechniken bemächtigen könnten (Je mehr sich die Mutter um ihr Kind bekümmert, desto eher wird sie auf den Ratschlag von Experten zurückgreifen. Dementsprechend haben sich Mütterlichkeit, Hausfraulichkeit und Expertokratie im 19. und 20. Jahrhundert im Bündnis miteinander entwickelt.). Das Sprechen, die Fortbewegung auf zwei Beinen und die souveräne Beherrschung von Gabel und rektaler Schließmuskulatur lernen die Kinder zwar noch im tagtäglichen Umgang mit Vater und Mutter (Es sei denn, es treten Entwicklungsschwierigkeiten auf und die bereitstehenden Spezialistenheerscharen von Logopäden, Ärzten, Kinderpsychologen werden zur Behebung des Defekts mobilisiert.), mit dem dritten Lebensjahr geht es aber für gewöhnlich mit dieser puren Heimeligkeit bereits ein für allemal zu Ende, gerade auch weil die Eltern ihre Kinder lieben und ihnen das Beste angedeihen lassen wollen. Sozialverhalten, der Umgang mit Gleichaltrigen – in den isolierten Ein-Kind-Familien längst Rarität – kann der Dreikäsehoch nur außerhalb der Familie unter der Aufsicht und Anleitung von Fachleuten im Schutz- und Sonderraum üben, und so markiert der Kindergarteneintritt bereits den ersten Schritt des jungen Erdenbürgers in die Welt bürgerlicher Dichotomien. Er, sie, es verdoppelt sich und figuriert zu Hause als Sprößling seiner Eltern und von Montag bis Freitag zwischen 8.00 Uhr und 12.00 Uhr als Kindergartenzögling (Es fällt Kindern zunächst oft recht schwer, sich auf diese dualistische Struktur einzulassen. Zum einen sehen sie nicht auf Anhieb ein, warum Papa/Mama sie im Kindergarten allein lassen und weggehen, zum anderen verstehen sie ebensowenig, warum sie plötzlich nach Hause geschickt werden, obwohl sie doch gerade mitten im Spiel vertieft sind, nur weil die Erwachsenen bestimmte Kindergartenöffnungszeiten festgelegt haben. Aber wie schon bei der Entwicklung des Embryos folgt auch hier die Ontogenese getreulich der Phylogenese. Die Bälger verinnerlichen alsbald brav ihr Geschick, und haben sich damit eine wichtige „Kulturtechnik“ angeeignet.).

Im weiteren Fortgang seines Lebenslaufes bleibt das nachwachsende Humankapital beständig Arbeitsgegenstand der außerhäuslichen Fürsorge von Experten, und die elterlichen Bemühungen richten sich wesentlich an deren Vorgaben aus. Die intelektuelle Grundausbildung ist Aufgabe der Schule, die Eltern spielen auf diesem Gebiet zunehmend nur mehr eine periphere Unterstützerrolle, und je älter die Kinder werden, desto weniger sind sie willens und fähig, bei der Sozialisation schlechterdings überhaupt eigene Akzente zu setzen (Das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern wirkt heute, ein Vierteljahrhundert nach der Jungendprotestbewegung, im Durchschnitt merkwürdig spannungsarm. Die klassischen pubertären Ablösekonflikte, besonders die existentiellen Kämpfe zwischen Vater und Sohn, sind rar geworden. Das ist leicht zu erklären. Die Eltern sind im Allgemeinen blaß und konturlos, sie vermitteln nichts „eigenes“, an dem sich die Kinder abarbeiten könnten, sondern nur den Zugang zur bunten Welt warenförmiger Wahlbeliebigkeiten. Insofern stehen Eltern und Kinder auf der gleiche Stufe. Die normative Kraft des pater familias, in den 60ern von den Folgen des Fordismus längst unterhöhlt, aber als Fiktion zäh aufrechterhalten, hat heute keine Verteidiger mehr, die Kinder nichts, an dem oder gegen das sie sich definieren könnten. Wo die Eltern alten Typs bemüht waren, ihr „Sinnverständnis“ ihren Söhnen und Töchtern einzuimpfen, suchen die neuen Eltern ihren Sinn eher an den Kindern. Kein Platz daher für Autoritätskonflikte, sondern nur für die universelle, Eltern und Kinder vereinigende, Identitätskrise.).

6.4.

Was die unmittelbare materielle Reproduktion betrifft, so degeneriert die Familie zusehends zur passiven Konsumtionseinheit. Sie ist mehr und mehr darauf verwiesen, sich aus der kunterbunten Angebotsfülle der Warenwelt zu bedienen und kann ohne die allgegenwärtige Sphäre abstrakt gesellschaftlicher Arbeit im Hintergrund gar nicht bestehen. Der gleiche Trend hin zur Abhängigkeit zeichnet sich auch in bezug auf die soziale Rolle der Familie ab. Auf diesem Terrain hängt die Familie mittlerweile ebenfalls bei allen Regungen am Tropf einer übermächtig erscheinenden Gesellschaft.

Hinter dieser Gemeinsamkeit verbergen sich allerdings gravierende, für den kapitalistischen Gesamtreproduktionsprozeß und seine Entwicklungsperspektiven entscheidende Unterschiede. Während die sukzessive Verdrängung überkommener Momente familialer Selbstversorgung durch Waren den Siegeszug der abstrakten Arbeit markiert, erweist sich an der sich parallel dazu vollziehenden unaufhaltsamen Zwangsverwandlung der neuentstehenden sozialen Funktionen in Arbeit gerade die Insuffizienz dieser Realabstraktion. Hier werden die immanenten Schranken der Arbeitsgesellschaft sichtbar und ihre Krise greifbar.

Diese beiden gegenläufigen Entwicklungslinien lassen sich in groben Zügen folgendermaßen umreißen:

Wo der familiale Zuständigkeitsbereich zugunsten von Waren und warenförmigen Dienstleistungen zurücktritt, bildet dieser Substituierungprozeß ein zentrales Moment der Erfolgsgeschichte der Arbeitsgesellschaft. Im selben Maße wie die abstrakte Arbeit Reste von Selbstversorgung und um den Konsum gruppierte Eigentätigkeit ersetzt, verbreitert die Welt der abstrakten Arbeit ihre eigene Grundlage. Bereiche, die vormals außerhalb des Verwertungszyklus lagen, werden von ihm aufgesogen, verwandeln sich in Fleisch von seinem Fleische, und er reproduziert sich auf erweiterter Stufenleiter. Wenn Putztrupps die große Hausordnung übernehmen und sich die Massenfabrikation von Kühlschränken und Staubsaugern durchsetzt, erschließen sich damit der tautologischen Selbstbewegung toter Arbeit neue Verwertungssegmente. Gleichzeitig setzt der gleiche Prozeß vernutztbare lebendige Arbeit, das Lebenselexier des Kapitals, frei. Ersetzen oder erleichtern Kaufdinge die weiblichen Reproduktionsmühen, dann wird weibliche Arbeitskraft in steigendem Umfang zum extrafamiliären Verbrauch disponibel; d.h. sie steht künftig für die arbeitsförmige Vernutzung zur Verfügung.

Ein gänzlich anderes Bild ergibt sich dagegen da, wo soziale Funktionen über den familialen und nachbarschaftlichen Rahmen hinauswuchern oder durch dessen Zersetzung neu entstehen. Die in diesen neuartigen gesellschaftlichen Sektoren verausgabten menschlichen Potenzen und Energien nehmen zwar ebenfalls zwangsläufig die Arbeitsform an, weil die Arbeitsgesellschaft Gesellschaftlichkeit nun einmal allein in diesem Medium ausdrücken kann; diese Expansion des Arbeitskosmos führt die abstrakte Arbeit aber auf ein Terrain, auf dem sie sich selber nur ad absurdum führen kann. Die Widerborstigkeit wird dabei im wesentlichen auf zwei Ebenen spürbar: zum einen lassen sich die auf diesen „Arbeitsfeldern“ zu bewältigenden Aufgaben mit den Effizienzkriterien, die ihnen von der Arbeitsform aufgeherrscht werden, gar nicht zur Deckung bringen. Die Zwangsdefinition als abstrakte Arbeit kollidiert also von vornherein mit dem Gehalt dieser Tätigkeiten; zum anderen gehen diese Sektoren, vom Standpunkt der kapitalistischen Gesamtreproduktion aus betrachtet, nicht in die tautologische Selbstvermehrung des Werts ein, sie bilden vielmehr notwendige gesellschaftliche Rahmenbedingungen der Warenproduktion, und lasten als faux frais schwer auf dem Akkumulationsprozeß.

Der erste Punkt, die Insuffizienz der Arbeitsform für alle sozialen Tätigkeiten, ist mit Händen zu greifen, und einige Symptome sind längst unter anderen Bezeichnungen im Kreis selbstkritischer Sozialberufler thematisiert („burning-out Syndrom“, „Apparatemedizin“, etc.). Um den Problemhorizont abzustecken, reichen an dieser Stelle daher vielleicht einige Stichworte. Beginnen wir mit der intrasubjektiven Seite.

Wo es um mehr geht als pflegerische und administrative Grundversorgung, läßt sich die dazu nötige menschliche Haltung nicht im Takt der Behandlungseinheiten an- und abschalten. Die psychische Regeneration der Beschäftigten fügt sich weder dem Dienstplan noch irgendwelchen Bemessungsgrundlagen. Die Arbeitenden können sich diesem Widerspruch zwar einigermaßen entziehen, indem sie eine abgeklärt „professionelle“ Haltung entwickeln. Diese Art von Bewältigungsstrategie hat aber nichts mit einer Problemlösung zu tun, sondern zeigt vielmehr gerade Resignation gegenüber den Ansprüchen dieser Tätigkeiten an und geht fließend in die weitverbreitete „innere Emigration“ über (Die hohe Aussteigerquote in den Sozialberufen hat nicht zuletzt ihren Grund darin, daß viele Beschäftigte angesichts der unüberbrückbaren Diskrepanz zwischen eigenem Engagement und berufsmäßiger Form lieber das Feld räumen. Neben den Wechsel in Berufsfelder, die mit weit weniger persönlicher Beteiligung verknüpft sind, gehört der Rückzug in Küche und Kinderzimmer nach wie vor zu den verbreitetsten Formen, in denen sich diese Fluchtbewegung massenhaft praktisch vollzieht. Erzieherinnen im Primärbereich etwa arbeiten im Schnitt im Anschluß an ihre Ausbildung lediglich vier bis fünf Jahre. Für viele ist der erste Ausstieg gleichbedeutend mit dem endgültigen. In wenigen Bereichen stehen die Zahlen derer, die über die entsprechende Berufsausbildung verfügen, und derjenigen, die ihn auch ausüben, in einem vergleichbaren Mißverhältnis.). Die notorische Überforderung und Unzufriedenheit mit der Berufssituation verweist auf ein tieferes Dilemma. Die Grundkonstellation, in der sich die Sozialberufler bewegen, hat unterschwellig etwas von einer Double-bind-Situation an sich. Von den Sozialberuflern wird einerseits selbstverständlich erwartet, daß sie sich menschlich einbringen, gleichzeitig müssen sie aber allzeit als Arbeitskraftverausgabungseinheiten abrufbereit funktionieren. Sie sind dazu angehalten, ihrer Klientel den Eindruck zu vermitteln, als Menschen wahrgenommen und ernstgenommen zu werden, und doch herrscht die Arbeitsform das genaue Gegenteil davon auf. Die zweckhaft rationale Verausgabung normierter Arbeitsquanten hat Arbeitsgegenstände zum Pendant, die sich passiv und willenlos dem gestaltenden Zugriff der Arbeitenden fügen. Während die Sozialapparaturen in ihren offiziellen Verlautbarungen durchgängig den Anspruch erheben, die Betreuten soweit irgend möglich aus dem Abhängigkeitsstatus herauszuführen und zum Selbermachen anzuleiten, erscheinen die eigenständigen Regungen der Klientel vom Arbeitsprozeß her vornehmlich als Reibungsverluste, die es zu minimieren gilt. Wenn es um die Pflege alter Menschen geht, ist noch in jedem Werbeprospekt eines Altenheims die Rede davon, daß Sinn und Zweck der Institution darin bestünde, den Senioren ein maximales Maß an Selbständigkeit zu ermöglichen. In der Praxis werden den Alten aber mit offenem oder sanftem Druck um so gründlicher sämtliche Absonderlichkeiten ausgetrieben, die dem streng reglementierten und durchrationalisierten Pflegeablauf im Wege stehen. Ein stillgestellter Pflegefall fügt sich besser in die Pflegemaschinerie ein und bringt der Anstalt überdies einen höheren Pflegesatz ein als ein störrischer Ruheständler, der sich bei der Nahrungsaufnahme partout nicht an die festgeschriebenen Essenszeiten halten mag, und dessen Neigung zum Umgestalten seiner Wohnlandschaft dem Putzpersonal zusätzliche Probleme aufgibt. Das behandelte Menschenmaterial versteht diese merkwürdige Grundstruktur vielleicht nicht in allen Fällen, es erlebt und erfühlt sie dafür aber alltäglich.

Wenn die Sozialapparatschiks regelmäßig der Tendenz unterliegen, ihre Klientel in einem betreuungswürdigen Zustand festzuhalten, so ist das aber nicht nur der Eigendynamik des Arbeitsprozesses als solchem geschuldet. Die reproduzierte Abhängigkeit des Betreuungsmaterials lieferte überhaupt erst der sozialen Arbeit ihre Daseinsberechtigung, und sie ist daher unmittelbar die Lebensgrundlage der Sozialberufler als Sozialberufler. Dieser gesellschaftliche Sektor kann seine Notwendigkeit nur untermauern, indem er seinen Arbeitsgegenstand erhält, und er kann nur expandieren, wenn er glaubhaft machen kann, daß der Problemdruck steigt, oder anders gesagt, daß er mit den ihm bislang zur Verfügung stehenden Mitteln jämmerlich gescheitert ist. Während ein realistisches Erfolgskriterium für psychologische, medizinische und pädagogische Anstrengungen allein darin bestehen könnte zu fragen, inwieweit es den Betreuenden gelingt, sich zurückzunehmen und überflüssig zu machen, ist eine solche Orientierung vom Berufsstandpunkt aus schlicht und einfach selbstmörderisch. Als Arbeitende haben etwa Ärzte das wohlverstandene Eigeninteresse, die Nachfrage nach ihren Therapie- und Unterrichtsquanten erweitert zu reproduzieren. Vor diesem Hintergrund kann es nicht besonders überraschen, wenn die Medizinerzunft ihren Beitrag dazu leistet, daß unser Gesundheitswesen das Gut Gesundheit allein in der Form beständiger Reparatur- und Wartungsbedürftigkeit erzeugt. Vom Standpunkt der gesamtgesellschaftlichen Reproduktion sind derlei Entwicklungen alles andere als rational, sie liegen aber im System abstrakter Arbeitsvernutzung und sind innerhalb des Horizontes der Arbeitsgesellschaft gar nicht auszumerzen. Die explodierenden Kosten im Gesundheitswesen, der groteske Ressourceneinsatz, der in keinem Verhältnis zum Resultat steht, zeigt nur besonders deutlich eine allgemeine Tendenz an.

Die Sozialmaschinerie funktioniert, aber dieses Funktionieren hat kaum übersehbar etwas Selbstgenügsames an sich. Die Gleichgültigkeit gegenüber dem bearbeiteten Material, die in der Abstraktion Arbeit steckt, setzt sich auch dort unweigerlich durch, wo Arbeit sozial werden und auf den „ganzen Menschen“ zielen soll.

Die Tendenz zum Arbeitverausgabungs-Autismus, die Emanzipation des Arbeitsprozesses vom deklarierten gesellschaftlichen Sinn und Zweck, wie sie sich an den umfänglichen Sozialapparaturen in den entwickelten westlichen Staaten studieren läßt, hat gewisse eigentümliche Ähnlichkeiten mit den Dysfunktionalitäten des verblichenen Realsozialismus. Auf den ersten Blick mag das als eine bloß oberflächliche Parallele anmuten, bei näherem Zusehen werden allerdings tiefergehende strukturelle Gemeinsamkeiten sichtbar.

Was im Gültigkeitsbereich der gesellschaftlichen Abstraktion Arbeit Bestand haben soll, muß permanent seine gesellschaftliche Nützlichkeit unter Beweis stellen. Diese Prüfung erfolgt aber in einer ganz spezifischen Weise. Wo die Abstraktion Arbeit die gesellschaftliche Beziehung herstellt, nimmt die Bestimmung von Nützlichkeit keineswegs die Form eines gesamtgesellschaftlichen Kosten-Nutzen Kalküls an; stattdessen trennen verobjektivierte asubjektive Kriterien Tätigkeiten, denen als „Arbeit“ gesellschaftliche Würde zusteht, von solchen, denen diese Anerkennung nicht zuteil werden kann. Der Platz einer gesamtgesellschaftlichen, sinnlichen Rationalität, über die sich die Subjekte verständigen müßten, bleibt in jedem Fall vakant.

Erlischt der Arbeitsprozeß in der Erzeugung einer bestimmten Ware, so fällt dem blinden Marktprozeß diese Entscheidungsfunktion zu. Er attestiert oder verweigert den vernutzten menschlichen Potenzen den Gütestempel „gesellschaftlich nützliche Arbeit“, je nachdem wie die Summe der Marktmonaden über den Gebrauchswert des Arbeitsproduktes befindet. Erfüllt es die Kriterien bornierter Gebrauchswertrationalität, ist es verkäuflich, dann erfährt auch die in ihm „verkörperte“ Arbeit ihre gesellschaftliche Anerkennung. Im Kaufakt wird gleichzeitig nachträglich der Wert des Arbeitsprodukts pauschal quantifiziert (Weil die Abstraktion Arbeit sich nicht auf bestimmte Nützlichkeiten bezieht, sondern auf Nützlichkeit schlechthin, also auf die contradictio in adjecto qualitätsloser Nützlichkeit, kann sie selber überhaupt nur als ansonsten bestimmungslose, blank quantitative Größe existieren. Ihr Maßstab ist leere Zeit. Was sich dieser Übersetzung ins äußerlich Meßbare nicht fügt, taugt nicht zur Arbeit, und wird aus ihrem Zuständigkeitsbereich daher auch systematisch ausgeschieden.). Fällt die Ware hingegen bei dieser Prüfung durch, so büßt auch die in ihrer Fabrikation verausgabte menschliche Energie a posteriori den Charakter nützlicher Arbeit ein und wird für die Zukunft außer Kurs gesetzt.

Der realsozialistische Planungsmechanismus hat die vermittels der freien Konkurrenz sich durchsetzende Gebrauchswertrationalität sistiert. Nicht auf unmittelbarer Planung des Stoffwechselprozesses mit der Natur, sondern auf abstrakter Arbeit gegründet, konnten diese Gesellschaften aber nicht auf Kriterien verzichten, die gesellschaftlich gültige Arbeit von Nichtarbeit scheiden, und sie dabei quantifizieren. Was in den westlichen warenproduzierenden Gesellschaften das Oszillieren der Marktbewegungen quasi im Selbstlauf besorgt, mußten die östlichen Administratoren daher durch eine Vielzahl administrativer Preisvorgaben simulieren (Vgl. dazu Johanna W. Stahlmann, Die Quadratur des Kreises, Krisis 8/9, und Robert Kurz, Der Kollaps der Modernisierung, Frankfurt/M. 1991.).

Dieser Simulationszwang und die in letzter Instanz unlösbaren Schwierigkeiten, die mit ihm einhergehen, ergeben sich ganz analog auch dort, wo der westliche Staat und sein Zwangsversicherungswesen die Bewertung „öffentlicher Güter“ übernehmen müssen. Bei Gesundheit, Bildung, usw. handelt es sich nun einmal nicht um Waren, die zwischen Privatpersonen ausgetauscht würden; diese Bereiche bilden vielmehr Rahmenbedingungen und Voraussetzungen der modernen Warenproduktion, die sich selber nicht in Warenform erzeugen lassen. Wo keine Ware ist, findet sich aber auch kein Gebrauchswert, und ohne Gebrauchswert fehlt wiederum die automatistische Gebrauchswertrationalität, die verobjektiviert über die Nützlichkeit der verrichteten Arbeit befinden könnte. Das Diktat der Arbeit, dem diese Sektoren dennoch unterworfen sind, erzwingt auch hier einen Ersatz; und wie schon im Waren-Sozialismus bleibt nur der administrative Notbehelf. Wenn die Gebrauchwertrationalität nicht a posteriori über die Nützlichkeit der Arbeit ihr Urteil fällt, müssen a priori die Verwalter operationalisierbare Zwangsraster konstruieren. Wo der Gebrauchswert als Maßstab ausfällt, können nur – unfreiwillig nach realsozialistischem Vorbild – minuziöse administrative Regelwerke als Meßlatte herhalten. Auf ihrer Basis und im Streit um ihre Ausgestaltung finden daher auch die Verteilungskämpfe und die Konkurrenz der Anbieter und Arbeitenden in diesen Sektoren statt.

Das administrative Surrogat ist mehr als ein äußerliches Korsett, es prägt auch die Ausgestaltung des Arbeitsprozesses selber. Die gesellschaftliche Abstraktion Arbeit kann nur als quantifizierbare Größe existieren. Als Arbeit meßbar ist jenseits des Gebrauchswerts aber nur, was sich in eine Summe einzeln benennbarer Partikelchen auseinanderlegen läßt. Tätigkeiten, die per se auf den „ganzen Menschen“ ausgerichtet sind, sperren sich dieser fein säuberlichen Zergliederung. Für sie wird die Metamorphose zur Arbeit daher zum Prokrustesbett.

An die Arbeitenden im sozialen Bereich tritt diese Zumutung vornehmlich als administrative Vorgabe heran. Ihr Widerstand tritt, sofern vorhanden, daher vornehmlich als antibürokratischer Impuls in Erscheinung. Der Junglehrer mit Ansprüchen kritisiert den Lehr- und Unterrichtsplan, der die schulische Erziehung und Ausbildung in separierte Unterrichtseinheiten zerreißt; der auf eine „ganzheitliche Medizin“ hin orientierte Arzt kann sich mit der kassenärztlichen Gebührenordnung nicht anfreunden. Er sieht nicht ein, warum die ärztliche Tätigkeit und das von ihr produzierte Gut Gesundheit sich am Vorbild des Automechanikers ausrichten muß. Für ihn ist es grotesk, daß sich sein Bemühen in eine Vielzahl säuberlich katalogisierter medizinischer Verrichtungen auflösen soll, denen jeweils einzeln ein Preis zukommt (Selbst noch die tröstenden Worte an die Angehörigen Verstorbener tauchen als gesonderte, monetär zu veranschlagende Leistung im ärztlichen Abrechnungswesen auf und werden von den Krankenkassen entsprechend honoriert.), während das Gesamtergebnis unerheblich scheint. Das Problem, das sich hier stellt, ist aber nicht einfach das einer uneinsichtigen Bürokratie, die realen Absurditäten sind der Arbeitsform selber geschuldet.

In den 70er Jahren, als der „Sozialstaat“ zu Beginn der sozialliberalen Reformära einen gigantischen Expansionsschub erlebte, konnte die Verwandlung aller sozialen Beziehungen in „Arbeit“ als die heraufziehende negativ-technokratische Utopie erscheinen. Davon ist heute so nicht mehr die Rede. Die „Grenzen des Sozialstaates“ sind längst zu einer stehenden Wendung geworden. In der öffentlichen Diskussion werden diese Grenzen dabei vornehmlich unter dem Aspekt der Finanzierbarkeit wahrgenommen, und der Sozialstat befindet sich auch tatsächlich mittlerweile akut, und erst recht perspektivisch (Man denke nur an das Rentenversicherungssystem, das schon allein aufgrund der demographischen Entwicklung in seiner heutigen Form mittelfristig unhaltbar wird.), in einer verheerenden finanziellen Lage.

Wenn die moderne bürgerliche Gesellschaft der lebendige Widerspruch ist, so zeigt sich dies auch nachhaltig an der Errungenschaft Wohlfahrtsstaat. Die entwickelte Arbeitsgesellschaft kann auf den Sozialstaat weder verzichten noch kann sie sich ihn fürderhin leisten. Ohne umfängliche flächendeckende Bildungsinstitutionen läßt sich auf dem heutigen Vergesellschaftungsniveau der Bedarf an massenhafter qualifizierter Arbeitskraft nicht decken. Bildung darf kein knappes, nur gegen Bares zu erwerbendes Gut sein (Das gilt zumindest für allgemeine, unspezifisache Qualifikationen. Besondere Zusatzfertigkeiten, die sich in der Verwertung des Humankapitals für die Arbeitskraftmonade oder ihren Anwender unmittelbar rechnen, können dagegen durchaus als Ware feilgeboten werden.), soll nicht die notwendige Produktion von potentiellem Humankapital abgewürgt werden (Als abschreckendes Beispiel können hier bekanntlich die USA gelten. Daß die einstige unumstrittene industrielle Vormacht heute in der Weltmarktkonkurrenz gegenüber Westeuropa und Japan hoffnungslos ins Hintertreffen geraten ist, liegt nicht zuletzt an der skandalösen Vernachlässigung der Infrastruktur und insbesondere des Bildungswesens. Ähnliches gilt auch für das (nach)thatcheristische Großbritannien. Das Programm radikaler Entstaatlichung hat die britische Wirtschaft nicht auf Vordermann gebracht, sondern deren Rahmenbedingungen verschlechtert.). Ohne flankierende soziale Sicherung ist die von keiner familial-selbstversorglerischen Genügsamkeit behinderte Arbeitskraftmonade nicht denkbar; die soziale Sicherung selber aber fügt sich nicht den Prinzipien des Äquivalententausches. Weil der Modernisierungsprozeß die Familie als autarke Versorgungsinstanz auflöst, muß der Staat in die Bresche springen, Aufgaben wie die Versorgung der Alten und die Ausbildung der Kinder übernehmen und finanzieren. Was einmal, Ende des 19. Jahrhunderts, auf kleiner Stufenleiter begann (Bismarcksche Sozialgesetzgebung, staatliche Armenfürsorge), lastet heute als ein gigantischer, Geld fressender Moloch auf der Realakkumulation. In den 60er und 70er Jahren hat sich nicht nur das gesellschaftliche Segment, in dem unproduktive soziale Arbeit geleistet wird, beschleunigt aufgebläht; gleichzeitig hat der moderne Kapitalismus auch eine ungeheuere monetäre Redistributionsmaschinerie in Gang gesetzt und ein differenziertes System abgeleiteter Einkommenskategorien hervorgetrieben.

Die kapitalistische Verwertungsmaschinerie droht am passiven Gewicht ihrer notwendigen Rahmenbedingungen zu ersticken, die in einer auf wertförmiger Vermittlung beruhenden Gesellschaft eben nur als unproduktive Arbeit und finanzielle Belastung in Erscheinung treten können. Unter dem Stichwort Finanzierbarkeit, man denke nur an den akuten Streit um die Pflegeversicherung und die Debatte um die langfristige Sicherung der Altersrenten, kündigt sich ein innerhalb der Wertlogik nicht lösbares Problem an. Ein wesentliches Moment der strukturellen Krise des Kapitals wird sichtbar.

In diesem Zusammenhang ist die konservative Familienideologie zu verstehen. Die konservativen Ideologen, die im Kampf für ein sozialpolitisches roll-back das Subsidiaritätsprinzip auf ihre Fahnen geschrieben haben, wollen damit auf das Primat privater, insbesondere familialer Anstrengungen hinaus. Der Staat soll zurückstecken und nur eingreifen, wo die Möglichkeiten der Familie und privater Initiative ausgeschöpft sind. Hinter der mit antietatistischen Beiklängen vorgetragenen staatlichen Selbstbescheidung versteckt sich allerdings realiter die umgekehrte Logik. Die Familie, insbesondere die Frauen natürlich, soll substituierend einspringen, wo der Staat sozialpolitisch scheitert bzw. wo dessen finanzielle Möglichkeiten überfordert sind.

Das Programm darf allerdings nicht mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit und deren Entwicklungsrichtung verwechselt werden. Die konservativistische Wende ist an diesem Punkt allemal bloß ideologische Reaktion auf die Grenzen des Sozialstaates. Der Modernisierungsprozeß hat die Funktionsrückverlagerung in den familialen Rahmen praktisch längst verunmöglicht. Die Fähigkeit der Familie zur Selbsthilfe war nie so gering wie heute, und sie erodiert unweigerlich weiter. Solange sie fungible Arbeitskraft- und Konsummonaden erzeugen soll und muß, ist eine Trendwende ausgeschlossen. Der gegenüber der Gesellschaft transzendente, auf hoheitliche Funktionen beschränkte Nachtwächterstaat läßt sich ebensowenig restituieren, wie es möglich ist, die aufgeweichte Grenze zwischen staatlichem und gesellschaftlich-privatem Bereich neu zu ziehen. Die Familienideologie des konservativ gewendeten Staates läuft daher praktisch auf nichts weiter als auf Alibiproduktion hinaus. Weit davon entfernt, bezahlte Arbeit tatsächlich durch unbezahlte ersetzen zu können, wird der unaufgelöste gesellschaftliche Widerspruch, die verheerende Wirkung der längst dysfunktional gewordenen Abstraktion Arbeit nur ersatzweise in einen völlig ins Leere laufenden Anspruch an die Individuen übersetzt, und damit vornehmlich gegen die Frauen gekehrt. Aus Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft und wahrscheinlich auch um ihres Seelenheils willen sollen Frauen sich gefälligst dafür entscheiden, den Weg zur abstrakten Geldmonade nicht zu Ende zu gehen; sie sollen im Sinne von Menschlichkeit und Familie Verzicht üben, als ob es sich dabei um eine Frage des bloßen Willens handeln würde. Wollte der Bundestag mit Mehrheitsentscheidung das Gravitationsgesetz für das Gebiet der Bundesrepublik wegdeklarieren, der Effekt wäre der gleiche wie bei diesen konservativen Anklagen und „Lösungen“. Die Probleme, die der Staat nicht in den Griff bekommen kann und daher der Familie anheimstellen möchte, sie bleiben schlicht und einfach ungelöst. Der Staat, der für kostenintensive Sozialaufgaben nicht zuständig sein will und sich aus der ihm zugefallenen Verantwortung herausziehen möchte, läutet die Zersetzung des bestehenden sozialen Mechanismus ein. Die Alternative, die sich heute stellt, ist nicht: Familie und Privatinitiative oder Staat. Die Alternative, die sich mittlerweile klammheimlich auf die Tagesordnung drängt, lautet: entweder Dysfunktionalität und katastrophische Verlaufsform oder Reproduktion jenseits von Staat und Familie, jenseits des Gegensatzes von „öffentlich“ und „privat“, was so viel heißt wie jenseits des „Werts“ und seiner Substanz, der „Arbeit“, und ihres häuslichen Komplementärbereichs._

Anmerkung A:

Klar tritt der, um einen bekannten Terminus von Tönnies aufzunehmen, „vergemeinschaftende“, gegen die selbstgenügsame Warensubjektivität gerichtete Zug der antiken Politik bereits bei ihrem Geburtsakt zu Tage. Die Konstituierung der antiken Politik, für die die Solonschen Reformen stehen, war Reaktion auf eine tiefgreifende Krise der archaischen Clanstrukturen. Die Einführung der Polisdemokratie schaffte nicht einfach einen der warenproduzierenden Basis adäquaten Überbau, sie rettete vielmehr das von den Wirkungen der Geldwirtschaft tödlich bedrohte Gemeinwesen vor der Auflösung, indem sie es auf eine neue, nicht mehr verwandtschaftliche Grundlage stellte. Die zentrifugalen Kräfte, die aus dem aufkeimenden Gegensatz der Geldinteressen resultierten, wurden gegenüber der neuen Polismacht zu sekundären, freien Männern unwürdigen Gesichtspunkten herabgestuft, und in der Folge im Klientenverhältnis gebändigt. Die Ausgangslage läßt sich dabei ungefähr so skizzieren: Die Ausdehnung von Handelsbeziehungen im Jahrhundert vor Solon untergrub nachhaltig die alte Sozialstruktur und den Zusammenhalt des archaischen Gemeinwesens. Die Substituierung des Eigenanbaus von Getreide durch billige Importe und die gleichzeitige Verwandlung des alten Ackerlandes in Weinberge und vor allem Olivenhaine hatte eine Tendenz zur starken Polarisierung der Bevölkerung in arm und reich zur Folge. Die Exportbereiche Oliven- und Weinanbau verlangten große materielle Vorschüsse, weil es etliche Jahre dauerte, bis die gepflanzten Olivenbäume und Reben erstmals Früchte trugen, und so führte die Ausbreitung dieser Kulturen die kleineren Produzenten massenhaft in die Abhängigkeit von Geldgebern und Händlern. Der Kompromiß, für den Solons Reformen stehen, befreite die breite Masse der Kleinbesitzer aus der Verschuldungsklemme und schützte sie vor der drohenden Versklavung, ohne daß es deswegen zu einer grundlegenden Neuverteilung des Bodens und zur Vernichtung der auf Handel ausgerichteten Produktionszweige kam. Während bestehende Schulden erlassen („seisachtheia“) und bereits in die Schuldknechtschaft verkaufte Bürger ausgelöst wurden, verboten die Solonschen Reformen gleichzeitig expressis verbis das Fällen von Olivenbäumen! (Die verarmenden unteren Schichten hatten sich mit derlei Aktionen wohl spontan Luft zu schaffen versucht, ansonsten hätten sie ja nicht gesondert erwähnt werden müssen.)

Die Depravation der Mehrheit der Athener war durch diesen Kompromiß verhindert und das Gemeinwesen damit gerettetworden. Die Reetablierung der Gemeinschaft ließ sich allerdings nur durch die nachhaltige Veränderung ihrer Grundlagen bewerkstelligen. Für die Institutionalisierung dieser Metamorphose steht die Errichtung der Polisdemokratie. Das blutsverwandtschaftliche Moment verlor seine organisierende Bedeutung. An die Stelle der Clans traten vom System der Blutsverwandtschaft abgelöste Phratrien. Sie bildeten fürderhin die Basis, auf der Athen reorganisiert wurde. An dem überragenden Stellenwert dieser Einrichtung zeichnet sich Bruch und Kontinutität zwischen Polis und archaischem Stammeswesen deutlich ab. Einerseits verlief die Bildung der Phratrien nach lokalen Gesichtspunkten, also quer zur gentilizistischen tradierten Ordnung, andererseits imitierten sie deren Funktion. Wie das Stammesmitglied sich nur über seine verwandtschaftlichen Beziehungen auf den Stamm als Ganzes beziehen konnte, so hatte auch der Athener nur vermittels seiner Mitgliedschaft in der Phratrie Zugang zu seinen „Bürgerrechten“. Wer keiner Phratrie angehörte, die zunächst einmal eine Kultgemeinschaft darstellte, konnte auch nicht den Status eines Vollbürgers erwerben. Dieser antiindividualistische Strukturzug charakterisiert nicht nur den Ursprung der Polis, sondern ihre Geschichte überhaupt: Die Polis setzt nicht das punktförmige Individuum als seine positive Grundlage voraus, sondern sie kann im Gegenteil nur in der Verteidigung gegen die zersetzende Wirkung der aufkeimenden Warensubjektivität leben. Die Polis rettet das archaische Gemeinwesen durch grundlegende Metamorphose. Sie beruht nicht auf Produzentendemokratie und auf der Freiheit und Gleichheit der Warenbesitzer, sondern schreibt die alten adligen Ideale fort, indem sie sie von den engen Gefolgschafts- und Blutsbanden auf die Polis überträgt. Die Polis ist „modern“, weil sie gegenüber der „Stimme des Blutes“ schwerhörig ist, sie bleibt archaisch, insofern sie die Einzelnen nur als Gemeinschaftsglieder affirmieren kann.

Anmerkung B:

Das Gleichgewicht zwischen hehrer Poliswelt und dem schnöden Pekuniären, das darunter fortätzt, ließ sich aber nur solange wahren, solange die Polis ein überschaubares, auf unmittelbaren Beziehungen beruhendes Sozialgeflecht blieb. Wo ein bestimmtes Vergesellschaftungsniveau überschritten wird, macht sie der politischen Sphäre und ihrer Vorherrschaft ein Ende. Die Griechen, und nicht nur ihre Philosophen ahnten das.

Die Begrenztheit des Polissystems läßt sich unter anderem an seiner geographischen Dimensionierung festmachen. Die griechische Welt expandierte zwar durch eine rege Kolonisierungstätigkeit, diese Kolonisierung bedeutete aber keineswegs die Herausbildung größerer politischer Einheiten, stattdessen entstanden massenhaft unabhängige Tochterstädte. Selbst der vom übermächtigen Athen geführte attische Seebund blieb mehr als nur formell ein Bündnis unabhängiger Poleis.

Wo die Polis dagegen in der nachklassischen Zeit größeren Flächenstaaten Platz machen mußte, ging die das private Interesse zähmende Kraft der Polis-Politik unter und die klassische griechische Lebensart verlor ihre Grundlage. Das gilt für die griechischen Städte, die nach den mazedonischen Eroberungen von hellenistischen Diadochenreichen geschluckt wurden. In anderer Weise gilt Ähnliches aber auch für Rom, das selber zum Flächenstaat und schließlich zum Weltreich auswucherte. Die antike Politik läßt sich aus dem Stadtstaatrahmen nicht herausnehmen. Ihre Fortexistenz wird kontraproduktiv und führt zu chaotischen Verwerfungen, sobald sich das politische Bezugsfeld weitet, und monarchische Formen von Zentralgewalt treten schließlich an ihre Stelle. Exemplarisch ist hier natürlich die römische Entwicklung im Zeitalter der Bürgerkriege, die erst mit der Errichtung des Kaiserreiches unter Augustus ihren Abschluß fanden. Im mit Siegen und Eroberungen verwöhnten Rom führte das tradierte republikanische Gerüst einige Jahrhunderte lang ein Schattendasein. Der alte Geist der „res publica“ aber büßte mit den Erwerbungen aus den punischen Kriegen und der mit dem Tod der Gracchen gescheiterten Reetablierung des kleinen römischen Grundbesitzes seine Basis ein für allemal ein. Die römische Geschichtsschreibung, man denke nur an Livius und Tacitus, wurde denn auch nie müde, in der Folgezeit den Verfall der alten virtus zu beklagen. Das Jahrhundert der Bürgerkriege brachte gewiefte Machtpolitiker hervor, aber keine Gestalten mehr vom Typus des Gaius Mucius Scaevola. Der tradierte Bezugsrahmen der res publica ist schon zerbrochen. In dieser Zeit beginnt denn auch die Privatisierung des Lebens, die Hinwendung zu einer neuen polisfernen Innerlichkeit, die mit dem Siegeszug des Christentums ihren einstweiligen Abschluß findet.