31.12.1993  Beitrag drucken

Rosemaries Babies — Übersicht

Die Demokratie und ihre Rechtsradikalen

Robert Kurz, Ernst Lohoff, Johanna W. Stahlmann u.a.

Die deutschen Musterdemokraten reiben sich die Augen: Hakenkreuze blühen auf ihrer weißen Weste und Progrome finden nächtens im eigenen Haus statt. Es wird nach dem Exorzisten gerufen. Aber keine Austreibungsformel kann beschönigen, daß die Drachenbrut durchaus nichts Fremdes ist, sondern dem Schoße der entsetzten demokratisch-pluralistischen Jungfräulichkeit selber entstammt.

Preis: EURO 10,00

Taschenbuch (1993) J. Horlemann Vlg., Unkel; ISBN: 3927905844

Zu den Beiträge dieses Bandes:

Robert Kurz untersucht in seinem Essay Die Demokratie frißt ihre Kinder den historisch-genetischen Zusammenhang von Demokratie und Faschismus anhand der System-Kontinuität der modernen Warengesellschaft. Der Nationalsozialismus war kein Betriebsunfall der Modernisierung, sondern ein Durchgangsstadium der Demokratisierung selbst und hat die Grundlagen für die demokratischen und sozialökonomischen Institutionen der späteren BRD gelegt. Als spezifisches historisches Phänomen kann er sich daher nicht wiederholen. Markierte er ein Stadium in der Durchsetzungsgeschichte der Marktwirtschaftsdemokratie, so gehört der neue Rechtsradikalismus bereits zu ihrer Verfalls- und Krisengeschichte, in der sich die gesellschaftliche Kohärenz barbarisch auflöst.

Ernst Lohoff arbeitet in seinem Text Dämokratisches Erwachen die Unterschiede von historischem Faschismus und neuem Rechtsradikalis-mus vor allem anhand des Politik-Begriffs und der „Krise des Politischen“ heraus, in der sich die demokratisch-marktwirtschaftliche Regulations-form selber ad absurdum führt. War der Nationalsozialismus noch eine genuin politische Bewegung, die sich im klassischen bürgerlichen Sinne auf die Eroberung der Staatsmacht ausrichtete, so sind die heutigen „rechtsradikalen“ Stimmungen eher als Zerfallsphänomene des Politischen zu begreifen. Das macht sie allerdings keineswegs harmlos. Als Träger der neuen postmodernen Barbarei können sie aber nicht mehr im alten Sinne „politisch“ bekämpft und nicht mehr vom Boden der politischen Demokratie aus überwunden werden.

In seinem Essay Hitler – der erste neue Mann versucht Johanna W. Stahlmann der Gemütslage des neuen Rechtsradikalismus durch eine Untersuchung des Gefühlshaushalts moderner Warensubjekte näherzukommen. Es wird gezeigt, wie sich das demokratische Subjekt in ein abstrakt rationales Wesen einerseits und einen abstrakten Gefühlsmenschen andererseits aufspaltet, und wie sich diese beiden Seiten zunehmend gegeneinander verselbständigen. Nur im Gefühls- und Gewaltexzeß, im „Abenteuer“ oder im Rausch können die vereinzelten Einzelnen das noch fühlen, was ihnen als individuelle Ganzheit erscheint. Diese Struktur der warenförmigen Psyche tritt heute in ihr Endstadium ein. Adolf Hitler, von Thomas Mann bereits als „Bruder Hitler“ erkannt, steht als Prototypus für eine Krisengestalt des abstrakten Individuums, die in der Geschichte seit 1968 zum Massenphänomen geworden ist.

Auch Ernst Lohoff verweist in seinem zweiten Text Die Früchtchen des Zorns auf diese Psychostruktur, indem er die Ästhetisierung der Gewalt thematisiert, die heutige Jugendliche am Faschismus fasziniert. Der Faschismus hat bereits die selbstzweckhafte Haltung zur Gewalt vorweggenommen, wie sie heute unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen erst recht virulent wird. Der Versachlichungsdruck der Spätdemokratie produziert ein Potential von Brutalität, das zunehmend an die Oberfläche tritt. Die rechten Schläger- und Mörderbanden sind nur eine besondere Darstellungsform dieser allgemeinen Tendenz, die sich zum Beispiel auch in einem neuen maskulinistischen Körperkult ausdrückt.

Gaston Valdivia fragt in seinem Artikel Volk im Stimmbruch nach den Kontinuitäten, die in der DDR trotz des offiziellen Antifaschismus gerade in der SED-Ideologie und -Politik selber „rechtes“ Gedankengut und den Neonazismus begünstigende Lebenshaltungen reproduziert haben. Protestantische Ethik, Arbeitertümelei und Anti-Intellektualismus, Propaganda einer preußisch gefärbten „Nationalkultur“ und Abschottung gegen die „fremden Genossen“ bildeten Elemente im ostdeutschen Massenbewußtsein aus, die unter den Krisenbedingungen des deutschen Vereinigungsprozesses keineswegs zufällig als Fremdenfeindlichkeit und Neonationalismus wiedererscheinen. Anhand von teilweise schockierendem Illustrationsmaterial, das durch persönliche Kontakte und Berichte in Ostdeutschland gesammelt wurde, wird diese These belegt.

Norbert Trenkle wendet sich schließlich mit seinem Text Der demokratische Mauerbau vom Phänomen des neuen Rechtsradikalismus im engeren Sinne ab. In der Auseinandersetzung mit Daniel Cohn-Bendit und Thomas Schmid macht er deutlich, daß zwischen der aufgeklärt-demokratischen „Asyl“- bzw. „Einwanderungspolitik“ und dem rassistischen Ab-grenzungswahn der Rechtsradikalen nur graduelle Unterschiede bestehen. Die heruntergekommene „Realpolitik“ reagiert auf die verleugnete Krise der Weltmarkt-Vergesellschaftung, von der die Lebensgrundlage vieler Millionen Menschen zerstört und eine riesige Elendsmigration in Gang gesetzt wird, borniert mit dem illusionären Mauerbau um die „Festung Europa“ bei gleichzeitigem Treueschwur auf die verursachende Marktwirtschaft. Eine Bewältigung des Migrations- und Flüchtlingsproblems ist aber nur noch im Kontext einer neuen radikalen Kritik des warenproduzierenden Weltsystems möglich.