31.12.1993  Beitrag drucken

Volk im Stimmbruch

Einleitung
Der demokratische Mauerbau – Norbert Trenkle
Die Demokratie frißt ihre Kinder– Robert Kurz
Dämokratisches ErwachenErnst Lohoff
Volk im Stimmbruch – Gaston Valdivia

Ostdeutsche Kontinuitäten

Gaston Valdivia

Wer sich mit Ausländerfeindlichkeit und Rechtsradikalismus in der vergrößerten Bundesrepublik auseinandersetzt, kommt nicht umhin, einen genaueren Blick auf die spezifische Entwicklung im Ostteil Deuschlands zu werfen. Scheinen in der alten BRD-West die Morde von Mölln und Sollingen bruchlos an die nationalistische und rassistische Tradition Deutschlands anzuknüpfen, so haben sich doch die Bürger der „fünf neuen Bundesländer“ weltweit nicht minder den Ruf erworben, zumindest rechtslastig, wenn nicht gar rechtsradikal, antisemitisch und faschistisch zu sein. Auch Ortsnamen wie Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda symbolisieren den deutschen Neonazismus, über Ostdeutschland fanden Ausländerfeindlichkeit und Rassismus seit der deutschen Vereinigung sogar zuerst den Weg in die Schlagzeilen. Auf den ersten Blick stehen solche Erscheinungen im Widerspruch zu 40 Jahren staatlich verordnetem „Antifaschismus“. Was ist los mit den Ossis? Haben sie es verdient, in dieses Licht gerückt zu werden?

Können wir den einschlägigen empirischen Erhebungen über rechtsradikale, ausländerfeindliche und antisemitische Einstellungen Glauben schenken, dann sind die Bewohner der EX-DDR zumindest nicht stärker vom Bazillus der Xenophobie befallen als ihre westlichen Landsleute. Sind sie also womöglich nur das Opfer westdeutscher Medien, die von den reaktionären Tendenzen und sozialpolitischen Problemen im Westen ablenken wollen, und die als Gipfel der Perfidie einige Dienstag Abende lang um einundzwanziguhrfünf einen gewissen Herrn Motzki gnadenlos auf ihre ungeliebten und wehrlosen Ostgeschwister losließen?

Ganz so ist es sicher nicht. Die Gewaltwelle gegen Asylbewerber, ausländische Arbeitnehmer und Besucher ging tatsächlich auch wesentlich vom Territorium des verflossenen „ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden“ aus. Doch woraus resultiert diese beängstigende Entwicklung im bundesdeutschen Osten? Natürlich sind die xenophoben Exzesse der spezifischen Umbruchsituation, der krisenhaften Öffnung zum Westen geschuldet; doch greift es zu kurz, sie allein aus der wendebedingten Orientierungslosigkeit erklären zu wollen. Sie wären in dieser Art undenkbar, wenn der realsozialistische Staat nicht schon den Sprengstoff für die gegenwärtigen Explosionen zusammengetragen hätte, wenn also Rechtspopulismus und Neonazismus zwischen Elbe und Oder nicht eigene, DDR-spezifische Wurzeln hätten. Die Vereinigungskatastrophe hat das Alltagsbewußtsein von Mecklenburgern und Sachsen gründlich umgewälzt, und doch läßt sich im großen Bruch durchaus so etwas wie Kontinutität nachweisen.

Die west- und ostdeutsche Restlinke tut sich insgesamt ausgesprochen schwer mit der Aufarbeitung der sozialistischen Vergangenheit. Das findet auch in der Auseinandersetzung mit dem ostdeutschen Rechtspopulismus und Neonazismus seinen Niederschlag. Soweit auf Ursachenforschung nicht wohlweislich von vornherein verzichtet wird, müssen vorzugsweise alte Stamokap- und ML-Klischees über den bösen Einfluß des aggressiven bis faschistoiden Imperialismus als „Erklärung“ herhalten. Die „Nie-wieder-Deutschland“-Fraktion, angeführt von solch illustren westdeutschen Linken wie Karl-Heinz Roth, Hermann Gremliza, Jutta Ditfurth, Wolfgang Porth u.a., sieht im Zusammenbruch der DDR lediglich das Resultat einer siegreichen imperialistischen Strategie und im „faschistoiden“ Mob im wesentlichen den „unverbesserlichen deutschen Nationalcharakter“ am Werk, der den unermüdlichen antifaschistischen Bemühungen der wenn nicht gerade glorreichen, so doch irgendwie „sozialistischen“ SED hartnäckig getrotzt habe und nun unverhüllt und der lästigen Zähmung und Fesselung ledig wieder hervortrete. Selbst wenn der SED inzwischen der wahre sozialistische Charakter abgesprochen wird, so werden durch halbe Entschuldigungen hindurch doch letztlich Wesen und Politik der SED als eine dem aufbrechenden Nationalismus und Rassismus fremde und im Prinzip feindliche Größe dargestellt(1).

Parallell dazu wächst bei einem bedeutenden Teil der durch die Wende deklassierten und ihrer Privilegien beraubten linken Ostintellektuellen die DDR-Nostalgie. Konfrontiert mit dem krisenhaften Einbruch moderner kapitalistischer Verhältnisse, sehen nicht wenige dieser Neubundesrepublikaner den Realsozialismus und seine „Errungenschaften“ „trotz aller Mängel“ wieder in einem milderen Licht. Wer beharrlich Kritik am untergegangenen Realsozialismus übt, gerät mittlerweile leicht in den Geruch, mit den ignoranten und arroganten Siegern im Westen gemeinsame Sache zu machen. Besonders in der Stasidebatte wird diese Stimmung greifbar. Christa Wolf fiel in einem Interview in den USA auf die unvermeidliche Frage nach ihren alten Stasi-Kontakten bezeichnenderweise nur ein: Man solle sich angesichts der aufkommenden nationalsozialistischen Gefahr nicht so viel mit der Vergangenheit beschäftigen, sondern lieber mit den drängenden Problemen der Gegenwart, inbsbesondere mit der nazistischen Bedrohung. Mit dieser Haltung, die fatal an die Art und Weise erinnert, in der die Westdeutschen einst die nationalsozialistische Vergangenheit „bewältigt“ haben, steht Christa Wolf nicht allein. Auch andere reflektierte ostdeutsche Linke halten sich mit ihrer Kritik am untergegangenen Realsozialismus schwer zurück, in der Angst, sich sonst im Chor der eigenen Gegner wiederzufinden.

Nichts wäre aber verhängsnisvoller, als diesem Impuls zu folgen. Gerade diejenigen, die es mit der Neubestimmung einer kommunistischen Perspektive ernst meinen, können sich eine eingehende Auseinandersetzung mit der realsozialistischen Vergangenheit nicht ersparen. Wer sich vor dieser „Aufarbeitung“ drückt, ebnet nur jener großen Koalition des Schweigens den Weg, die sich in den Reihen der etablierten Parteien und der Kirchen längst gebildet hat, und die – aus anderen Gründen als Christa Wolf – die Beendigung der „leidigen“ Aufarbeitungsdebatte fordert. In der laufenden Stasidebatte sind Heuchelei und Selbstgerechtigkeit gang und gäbe, aber gerade deshalb dürfen kritische Geister auf die Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit nicht verzichten. Es muß vielmehr darum gehen, tiefer zu graben, und jenseits bloß moralischer Schuldzuweisungen die gesellschaftlichen Strukturen der „abgewickelten“ DDR zu thematisieren.

Mein Versuch, einige spezifische, für die Ex-DDR charakteristische Bewußtseinshaltungen zu skizzieren, und deren Wurzeln in der Vorwendezeit auszumachen, lebt wesentlich von persönlichen Erfahrungen. Im Rahmen meiner mittlerweile zweijährigen Lehrtätigkeit in Sachsen, Thüringen und Mecklenburg war ich mit rund 1000 Menschen konfrontiert, die im großen und ganzen repräsentativ für die Bevölkerung des Anschlußgebiets sein dürften. In erster Linie unterrichtete ich Erwachsene, die auf eine abgeschlossene Berufsausbildung zurückblicken können, in geringerem Umfang ungelernte Industriearbeiter sowie Akademiker. Höher qualifizierte EX-DDR-Bürger traten mir in erster Linie als Berufskollegen oder Verwaltungspersonal entgegen.

Von der Literatur, die ich hinzuzog, dürften die Veröffentlichungen von Hans-Joachim Maaz („Der Gefühlsstau – Ein Psychogramm der DDR“ und „Die Einheit beginnt zu zweit – Ein deutsch-deutsches Zwiegespräch“) sowie von Joachim Gauck („Die Stasi-Akten – Das unheimliche Erbe der DDR“) nicht nur die bekanntesten, sondern auch die wichtigsten sein. Beide Autoren liefern eine Fülle von empirischen Fakten und phänomenologischen Details, deren Wert nicht durch die (besonders bei Maaz) kritisierbaren Interpretationsschemata geschmälert wird(2).

Die protestantischen Ursprünge

Sozialistische Moral war im Kern immer Arbeitsmoral. Die Arbeit galt nicht nur in der staatlichen Propaganda als oberste Richtschnur im Leben, die DDR-Bürger haben den überragenden Wert der Arbeit auch verinnerlicht. Staatsideologie und Alltagsbewußtsein trafen sich an diesem Punkt – die Wirkungen sind bis heute zu spüren. Nichts kann die Ostdeutschen so sehr beleidigen wie die Behauptung, sie wären faul, könnten nicht arbeiten, und wären deshalb selbst schuld an ihrer Misere. Das tief in ihrer Seele verankerte Arbeitsethos hat seine historische Quelle aber nicht in der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie, sie ist älteren Ursprungs. Im Grunde nämlich war die DDR-Bevölkerung in höchstem Maße der „protestantischen Ethik“ verpflichtet.

Für ein Land, in dem es nur wenige Kirchensteuerzahler und noch weniger praktizierende Christen gab und gibt, mag diese These zunächst etwas gewagt klingen. Selbst in Thüringen, wo Luthers Hauptwirkungsstätte lag, ist die evangelische Religion so gut wie vergessen(3). Kaum jemand verfügt dort über einigermaßen profunde Kenntnisse der Lutherschen Lehre. Sobald wir allerdings die Ebene religiöser Bekenntnisse verlassen und uns den tief verankerten ethischen und moralischen Grundwerten zuwenden, wird das protestantische Erbe in der DDR-Mentalität sehr schnell sichtbar.

Auf die zentrale Rolle der Arbeit im protestantischen Weltbild haben schon Karl Marx und Max Weber hingewiesen. Für beide spielt der Protestantismus und seine Einstellung zur Arbeit eine entscheidende Rolle bei der Herausbildung der modernen kapitalistischen Gesellschaft. Während der eine im Protestantismus die dem Kapitalismus adäquate Religion sah und diese in Verbindung brachte mit der Durchsetzung frühbürgerlicher Warenverhältnisse, machte der andere den protestantischen Geist ursächlich für die Entstehung kapitalistischer Verhältnisse verantwortlich. Für Marx wie für Weber bricht sich im Protestantismus die durch den Warentausch bedingte moderne Individuation der Menschen Bahn, und diese Individuation ist von vornherein an die Deifizierung der „Arbeit“ gekoppelt. Die „Freiheit eines Christenmenschen“, der unmittelbar als Einzelner allein seinem Gewissen und Gott verantwortlich sein soll, richtet sich nicht nur gegen den römischen Universalismus, sie setzt gleichzeitig dem schmarotzenden Klerus und Adel ein gottgefälliges arbeitsreiches Leben entgegen.

Am deutlichsten tritt diese Koppelung in der calvinistischen Prädestinationsvorstellung hervor. Die radikale Variante protestantischen Denkens verwirft konsequent jede kirchlich-sakramental vermittelte Heilshoffnung: „Gott hat zur Offenbarung seiner Herrlichkeit durch seinen Beschluß einige Menschen… bestimmt (predestinated) zu ewigem Leben und andere verordnet (foreordained) zu ewigem Tode.“(Westminster Confession von 1647)(4). Die Menschen haben aber keinerlei Zugang zu den Ratschlüssen des Herrn, und keine Kirche kann ihn verschaffen. Die Nichterkennbarkeit des Gnadenaktes wirft die einzelnen Gläubigen aber nicht nur vollkommen auf sich selbst zurück, die totale Ungewißheit über die eigene Bestimmung stürzt den Calvinisten darüber hinaus in eine schier unerträgliche psychische Situation. Er konnte diesen Druck nur ertragen, wenn er sich an irdische Zeichen seiner Auserwähltheit hielt. „Das Problem ließ sich praktisch dadurch wenden, daß jeder übertriebene Zweifel (an ihr) schon als Anfechtung des Teufels denunziert wurde. Es wurde „zur Pflicht, im täglichen Kampf sich die subjektive Gewißheit der eigenen Erwähltheit und Rechtfertigung zu erringen.“ „Und andererseits wurde, um jene Selbstgewißheit zu erlangen, als hervorragendstes Mittel rastlose Berufsarbeit eingeschärft. Sie und sie allein verscheuche den religiösen Zweifel und gebe die Sicherheit des Gnadenstandes.“(5)

Parallel zu dieser Aufwertung der Arbeit zum transzendenten Heilsmittel fordert und fördert der Protestantismus allgemeine Knausrigkeit. Jede direkte menschliche Zuwendung wird ebenso wie jeder Genuß als „Kreaturvergöttlichung“ verdammt, da das Dasein ausschließlich der in der Arbeit materialisierten Verehrung des Herrn zu dienen hat. Das von Gott geforderte soziale Engagement,“sofern es seinen Ruhm mehrt und nicht etwa dem Nächsten gilt“(6), wird bereits mit der „Erfüllung der durch die lex naturae gegebenen Berufsaufgaben“ befolgt und „nimmt damit einen eigentümlich sachlich-unpersönlichen Charakter an. Es wird zum Dienst an der rationalen Gestaltung des uns umgebenden gesellschaftlichen Kosmos durch die Arbeit.“(7)

Diesem affektmodellierten Wesen (Elias) „erkalten“ einerseits die unmittelbaren zwischenmenschlichen Beziehungen, andererseits eignet es sich zur Revolutionierung verkrusteter Ständestrukturen und birgt die ideologische Konditionierung für einen Übergang zum Kapitalismus in sich. „Die Berufung des Puritaners – sein „calling“- ist der Befehl Gottes, zu wirken. Sofern dieses Wirken ein Werken ist, legitimiert es sich am Erfolg, das heißt am Gewinn.“(8) Mit der wachsenden Bedeutung des Geldes im späten Mittelalter und im Verlauf des Überganges zu einer kapitalistischen Verwertung der Arbeit setzt sich das Resultat des Werkens nicht nur des Kapitalisten, sondern auch des Handwerkers, Bauern oder Arbeiters in klingende Münze um. Das Geld wird zum allgemeinen Gradmesser der im Sinne Gottes erbrachten Leistung, was auch den Umkehrschluß zuläßt, daß der Besitz von viel Geld auf besondere Gottesnähe oder göttliche Bevorzugung hindeutet. Diese Auffassung prägt bekanntlich bis heute maßgeblich die US-amerikanische Gesellschaft. Wie die Arbeit, so ist auch ihr Resultat, das Geld, als Frucht individueller Leistung aufzufassen, auf die niemand als der Einzelne selbst Anspruch hat. Wer vom Zugang zum Arbeits-Reichtum ausgeschlossen bleibt, befindet sich eben nicht im Gnadenstande, und es besteht auch kein Anlaß, ihm zu helfen. Jeder ist seines Glückes Schmied, so lautet die moderne, inzwischen allgemein anerkannte, allen religiösen Brimboriums entkleidete bürgerlich-protestantische Logik.

Die gegen Verschwendung und unbeschwerten Genuß gerichtete Rationalisierung der Gefühlswelt erzeugt einerseits eine Geiz- und Sparermentalität, die der Anhäufung von Gütern und Akkumulation von Geld zu Kapital entgegenkommt, der göttliche Werkauftrag wiederum bereitet dem internalisierten Zwang zur unablässigen, rastlosen Arbeit den Weg. Beides zusammengenommen macht den Protestanten zum idealen Protagonisten des Siegeszuges einer Wirtschaftsweise, die ihren Inhalt in der Arbeit als „tautologischem Bezug auf sich selbst“ (R.Kurz) findet.

Protestantismus und Kapitalismus gingen solange eine Symbiose ein, bis es nicht mehr der (immer dünner werdenden) religiösen Hülle bedurfte, um die Arbeit um der Arbeit Willen in die Köpfe der Individuen zu hämmern. Angesichts dieser Wahlverwandtschaft kann es nicht verwundern, daß in der Frühphase kapitalistischer Entwicklung inbesondere den Hochburgen der radikalen Protestantismusvarianten eine Vorreiterrolle zukam. Man denke nur an England, die Niederlande und die Vereinigten Staaten. Der Protestantismus spielte aber nicht nur bei der Durchsetzung der „zivilisatorischen Mission des Kapitals“ als Trägerideologie eine wesentliche Rolle, auch die Schrecken der einsetzenden Moderne wurden im wesentlichen von protestantisch geprägten Männern in Szene gesetzt. Schon die Hexenverfolgung wütete dort am schlimmsten, wo der Protestantismus begann, Wurzeln zu schlagen.(9) Und es waren wiederum protestantische Farmer, Proletarier, Manufakturbesitzer und Landarbeiter, die im Interesse von Arbeit und Geld an den nordamerikanischen Indianern den ersten systematischen Genozid der Geschichte inszenierten.(10) Diese Linie läßt sich selbst bis zum Holocaust verlängern. Die katholischen Milieus erwiesen sich gegenüber der Identifikation mit dem nationalsozialistischen Programm als vergleichsweise resistent. Die Vernichtung des europäischen Judentums im Namen von Arbeit, Rasse und kleinkariertem Pfennigfuchsertum liegt durchaus noch in der vom Protestantismus geprägten Traditionslinie.

Die protestantische Haltung bestimmt also den gesamten Prozeß der Modernisierung mit, und insofern ist es nur konsquent, wenn sie – säkularisiert – auch in die Arbeiterbewegung Einzug hielt. So, wie das aufstrebende protestantische Bürgertum dem schmarotzenden Klerus und Adel die Würde der Arbeit entgegengehalten hatten, wandte Jahrhunderte später die Arbeiterbewegung das berüchtigte „wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ gegen die ungeliebte Bourgeosie. Unter dieser Parole schickte sie sich an, die Schmarotzer zu stürzen, um voll und ganz in den Genuß der Früchte ihrer Arbeit zu gelangen, die die einzige Quelle aller Werte ist. Was da losbrach, war kein Feldzug gegen entfremdete Arbeit, auch wenn häufig die ehrenwerte Handwerkelei der industriellen Arbeit vorgezogen wurde. Stattdessen ging es um die Verewigung und Adelung derselben, und um die Anerkennung der Arbeiterschaft als einzig produktiver und daher auch einzig existenzberechtigter Klasse.

In der sozialdemokratischen Strömung der westlichen Arbeiterbewegung war die Apotheose der Arbeit immer schon selbstverständliche ideologische Grundlage. Im Gefolge der Oktoberrevolution griff diese Haltung auf den rückständigen Osten des Kontinents über, und etablierte sich schließlich, radikalisiert, als neue Staatsreligion. Der Stand kapitalistischer Vergesellschaftung und industrieller Entwicklung, den Protestantismus und Geldlogik im Westen im Verlauf mehrerer Jahrhunderte durchgesetzt hatten, sollte hier in wenigen Jahrzehnten erreicht und übertroffen werden. Der „Marxismus“ mußte unter diesen Umständen von allen humanistischen und auf Müßiggang, Genuß und Individualität hinweisenden Resten befreit werden, um bedingungslos als Einpeitscherideologie im Sinne der Arbeit fungieren zu können. „Der russische Mensch ist ein schlechter Arbeiter im Vergleich mit den fortgeschrittenen Nationen (…). Arbeiten lernen – diese Aufgabe muß die Sowjetmacht dem Volk in ihrem ganzen Umfang stellen“, propagiert unablässig der aus protestantischem Hause stammende Führer der sowjetischen Revolution, W.I.Lenin.(11) Vor die Aufgabe gestellt, subsistenz- und fronarbeitenden Bauern zu disziplinierten Lohnarbeitern zu erziehen, entwickelte sich der Marxismus/Leninismus zu einer Ideologie nachholender ursprünglicher Akkumulation. Diese Funktion prädestinierte den verprotestantisierten Marxismus dazu, auch außerhalb der sowjetischen Grenzen in den Ländern der 3. Welt eine Avantgarderolle bei der nationalen Aufholjagd einzunehmen. An den Grad westlicher Effizienz und Rationalität reichten die marxistisch-leninistischen Entwicklungsdiktaturen trotz aller Anstrengungen aber dennoch nie heran. Überall dort, wo die „freie Marktwirtschaft“ schon selbst die Industrialisierung in größerem Maßstab vorangetrieben hatte, mußte diese grobe Form von Spätprotestantismus daher versagen.(12)

Mit der siegreichen Roten Armee kehrte der durch einige Metamorphosen hindurchgegangene Arbeiterbewegungs-Protestantismus in seine deutsche Heimat zurück. Allerdings traf er dort auf eine Gesellschaft, für die er schon anachronistisch war. Auf dem in Deutschland bereits erreichten Vergesellschaftungsniveau schuf die proletkulthafte Verherrlichung der Handarbeit nicht etwa einen größeren Entwicklungsspielraum im Rahmen der Weltwarengesellschaft, sondern sie beengte im Gegenteil schon vorhandene Potentiale in ihrer weiteren Entfaltung.

Bei den Wessis grassiert das Vorurteil, die Bevölkerung der ehemaligen DDR könne mit dem Begriff Arbeit nicht allzuviel anfangen. Das Gegenteil aber ist richtig. Die landläufige DDR-Mentalität war durch und durch vom Arbeitsethos protestantischer und marxistisch-leninistischer Provenienz geprägt. Die Unterlegenheit der östlichen Variante der Arbeitsgesellschaft, die sich auch im Arbeitsverhalten niederschlug, beruhte im Kern auf einer Phasendifferenz. Das Arbeitsethos, wie es östlich der Elbe vorherrschte und noch vorherrscht, ist deutlich vom tayloristisch-fordistischen Rhythmus und seinen Anforderungen bestimmt. Wenn die „Wessis“ an der Arbeitsbereitschaft der „Ossis“ zweifeln, dann nur deshalb, weil sie ihre eigenen Arbeitsmaßstäbe selbstverständlich voraussetzen und an die wenig geliebten „Brüder und Schwestern“ anlegen.

Im gesamten ehemaligen Ostblock herrscht ein Arbeitssystem vor, das noch in starkem Maße auf körperlicher Arbeit beruht. Dieses System laugt zwar die Arbeitenden physisch stärker aus, produziert aber dennoch weniger Output pro Kopf als das auf Basis der mikroelektronischen Revolution weitgehend automatisierte Produktionsaggregat des Westens. Darüber hinaus erfordert es einen anderen Arbeitertypus. Für weitgehende Selbstverantwortung und entsprechende Arbeits-Sozialisation war in den taylorisierten DDR-Betrieben schlicht und einfach kein Platz. Arbeit bedeutet daher im Osten auch noch immer ungefähr das, was im Westen in den letzten 30 Jahren in den Hintergrund gedrängt wurde: die Ausführung repetitiver und hochgradig zerlegter Teiltätigkeiten, die dem Einzelnen keinerlei Entscheidungsspielräume gewährt.

Dieses grundlegende Problem wurde durch die Dysfunktionalitäten realsozialistischer Planungs- und Arbeitspraxis ergänzt und überlagert, die den Fabrik-Alltag 40 Jahre lang wesentlich mitbestimmten. Auch wenn prinzipielle Arbeitsbereitschaft vorhanden war, ergaben sich im von der staatlichen Planung stark bestimmten Produktionsalltag allerlei unüberwindliche Hürden. Der Mangel an Ersatzteilen und an Zuliefermaterial – trotz ständiger „hundertfünfzigprozentiger Planübererfüllung“ – und die ineffektive innerbetriebliche Organisation führten häufig zu langen Zwangspausen. Die ungenügende Versorgung mit Konsumgütern kam dem Arbeitsablauf ebenfalls leicht und regelmäßig in die Quere. Sprach sich plötzlich herum, daß wieder Bananen oder Regenschirme zu haben seien, so verbrachte ein Teil der Belegschaft seine Arbeitszeit mit Schlangestehen. Nur in wenigen Betrieben wurde diese Gewohnheit rigoros unterbunden.

Das Wissen darum, daß das hergestellte Produkt entweder nichts taugte oder die gute Ware directement ins kapitalistische Feindesland auf Nimmerwiedersehen verschwinden würde, war ebenfalls nicht gerade dazu angetan, den Einsatz am Arbeitsplatz auf olympisches Niveau zu heben. Hinzu kam noch, daß das DDR-Geld („Aluchips“) weitgehend als wertlos empfunden wurde, weil es dafür nicht immer etwas „Vernünftiges“ zu kaufen gab. Schließlich hemmte auch die Angst, durch eigenmächtige Entscheidungen oder selbständige Aktivitäten Fehler zu begehen, die der leichtfertige Aktivist dann oft bitter bereuen mußte, den verbal eingeklagten Elan im Arbeitsalltag zusätzlich(13). Und natürlich schwächte auch die fehlende Arbeitsplatzkonkurrenz durch weitgehende Beschäftigungsgarantie den Zwang zur dauernden Leistungsbewährung ein.

So sehr all diese Faktoren allerdings die tatsächliche Arbeitsmoral empfindlich störten, so wenig beeinträchtigten sie die grundsätzliche identitätsstiftende Bedeutung der Arbeit für die große Mehrzahl der DDRler. Doch um die hausgemachten faktischen Arbeitshemmnisse zu konterkarieren, mußte die Partei unablässig versuchen, die Menschen zu größeren Anstrengungen zu „motivieren“. Tag und Nacht traktierte sie die Menschen mit Leistungsbilanzen und „Erfolgen“ und zerstach die Brust der Arbeiter mit einer Fülle von finanziell vergoldeten Abzeichen. Je mehr die Resultate ausblieben, desto überschwenglicher wurde das Vokabular: „erfolgreich, siegreich, ewig, unverbrüchlich, großartig, übererfüllt, zuversichtlich, in voller Übereinstimmung, unschätzbar, bewegend, unbeirrbar, planmäßig, einig, beharrlich, leidenschaftlich, überwältigend, unablässig, eindeutig“, lauteten die kompensatorischen Adjektive(14) Die höchste Auszeichnung, die ein normalsterblicher DDR-Arbeitnehmer erringen konnte, war – nach dem „Marx-Orden“ – die Kür zum „Held der Arbeit“(15). Ein Volk von lauter Arbeiterhelden, davon dürften die SED-Bonzen unablässig geträumt haben. „Wir können noch mehr aus den Betrieben holen“, verriet Honecker einst dem Volk einen seiner Träume. Dieses nahm ihn beim Wort und holte heraus, was man als Bastler und Heimwerker so alles zuhause brauchen konnte. Wie weit diese rastlose Tätigkeit den formellen Sektor zurückgeworfen hat, läßt sich nicht beziffern. (Es wäre allerdings nicht verwunderlich, wenn sich auch darüber in den Hinterlassenschaften der schreib- und sammelwütigen Stasi noch Material finden würde.)

Landolf Scherzer, eine Art moderater DDR-Wallraff, beschreibt sehr plastisch die „moralische“ Aufbauphase an Bord eines Fischfang- und Verarbeitungsschiffes, das gerade Kurs auf Labrador genommen hat. Es beginnt mit der FDJ-Sitzung: „Liebe Jugendfreunde. Bald werden wir den ersten Fisch dieser Reise fangen. Unser Kampfziel zum 30. Jahrestag heißt: Jeden gefangenen Fisch der menschlichen Ernährung zuführen!“ Es folgt die Reservistensitzung der wehrfähigen Männer: „Liebe Genossen Reservisten! Ich begrüße euch zur ersten Zusammenkunft dieser Reise. Wir Reservisten der NVA haben hier große Aufgaben vor uns, um den Wettbewerb zum 30. Jahrestag siegreich zu beenden und alle gefangenen Fische….“ An den nächsten Tagen versammeln sich außerdem: „Hygienekommission, Schule der sozialistischen Arbeit, junge und alte Neuerer, Kommission zur Durchführung von Sport an Bord, der Schiffsrat, die Küchenkommission, die Kommission zur Sammlung von Altstoffen, der Fotozirkel, die Kommission zur Kulturarbeit an Bord, die Teilnehmer an der Offiziersschulung, am Erste-Hilfe-Kurs und am Parteilehrjahr, die verschiedensten Brigaden der einzelnen Abteilungen, die Wandzeitungskommission, die Kommission zur Anleitung derjenigen Besatzugsmitglieder, die berechtigt sind, den Filmvorführapparat zu bedienen, der Zirkel junger Sozialisten. Die beiden Frauen allerdings haben keine DFD-Gruppe gebildet…und der CDU fehlt der dritte Mann, sonst hätte sich auch die Blockpartei versammelt.“(16). Alle bekommen dieselbe aufmunternde und phantasievolle Arbeitsaufforderung zu hören. Unzählige Zirkel und Organisationen, die Gewerkschaften voran, sollten unablässig Arbeitstätigkeit und Arbeitsmoral befördern.

Die Partei herrschte im Sinne der zum Selbstzweck mutierten Arbeit, und das erübrigte eine Beteiligung der Arbeiter an der Machtausübung. Die Parole „Arbeite mit, regiere mit“, die meist nur spöttisches Gelächter oder ironisches Grienen hervorrief, bezeichnet einen unaufhebbaren Widerspruch, denn Regieren und Arbeiten schließen sich aus. Solange die Gesellschaft in die getrennten Sphären von Arbeit, Politik, Kultur etc. auseinanderfällt, ist auch die Funktionsvereinseitigung der Individuen nicht aufhebbar. Dies belegen nicht nur die gescheiterten Anstrengungen etwa der chinesischen Kulturrevolution, sondern auch die schnell wieder aufgegebenen Versuche mit der Arbeiter-Literatur in der DDR. Aus handfesten Proletariern, die weiterhin Proletarier sein sollen, lassen sich keine Literaturproduzenten machen, es sei denn, man operiert mit einem sehr großzügigen Literaturbegriff.(17)

Wenn in einem Land, in dem die „Avantgarde des Proletariats“ regiert, die Arbeit zur Ehre gereicht, dann kann sie eigentlich nicht gleichzeitig als allzeit probates Züchtigungsmittel dienen. Dennoch war es in der DDR die üblichste Disziplinierungsmethode, mißliebige Funktionäre und Angehörige der technischen und sozialen Intelligenz in die herrschende Klasse strafzuversetzen. Wem es an Gefügigkeit und Linientreue gebrach, oder wer als mißliebiger Konkurrent störte, der konnte sehr schnell auf einem der miesesten Arbeitsplätze landen. Hierin scheint das allgemeine Verhältnis von Ideologie und gesellschaftlicher Praxis auf. Die empirische industrielle Arbeitsrealität mit ihren vorwiegend repetitiven, monotonen und stupiden Prozessen taugte nicht zu einer Form von Identifikation mit der Tätigkeit selber, wie sie wohl vorindustrielle Bauern und Handwerker noch kannten, und daher mußte die proletarische Idealisierung der taylorisierten Arbeit von den konkreten Arbeitstätigkeiten immer abstrahieren. Es ging um das Arbeiten überhaupt und um die Chimäre „des Arbeiters“, aber nie um die bestimmte einzelne Arbeit und die leibhaftige Arbeiterrealität.(18) Notdürftig wurde der ärmliche Charakter der Arbeitswirklichkeit hinter aufwertenden Berufsbezeichnungen versteckt, doch der Schweinehirt bleibt ein Schweinehirt, auch wenn er sich „Zootechniker“ nennen darf.

Dieses Zwiedenken war aber nicht nur eine Angelegenheit der Funktionärsschicht. Der eigenen Alltagsrealität zum Trotz problematisierten die Menschen in der DDR in ihrer großen Mehrheit die Arbeitsbedingungen ebenfalls kaum oder gar nicht – das reale Leiden an den vielfach zerstörerischen Arbeitsbedingungen ging mit dem Lob der Arbeit einher. So tief saß auch bei ihnen der Arbeitsfetischismus, daß sie selbst Krankheiten, die ganz offensichtlich von der übermäßigen Plackerei und der schadstoffhaltigen Luft herrührten, nicht damit in Zusammenhang brachten. Weitverbreitete Phänomene wie Alkoholmißbrauch, Medikamentensucht, Frust und Aggressionen wurden eher aus individuellen moralischen Schwächen, privaten Problemen oder auch aus der staatlichen Repression erklärt, nur nicht aus den Verhältnissen am Arbeitsplatz. Kraß, aber bezeichnend ist die Aussage eines ca. dreißigjährigen Arbeiters, den ich unterrichtete. Jahrelang hatte er ohne Absauganlage und Mundschutz in den Eisenacher Wartburg-Werken Autos lackiert und von dieser Tätigkeit unübersehbar Hirnschäden sowie starke Sprachstörungen davongetragen. Dennoch meinte er, darauf angesprochen, die Arbeit habe ihm großen Spaß gemacht und geschadet hätte sie ihm ja auch nicht. Nirgendwo in Ostdeutschland tummeln sich so viele verbrauchte junge Männer wie in den Kombinaten des produzierenden Gewerbes, und nirgendwo herrscht ein geringeres Problembewußtsein als bei jenen Arbeitern, die in den Herzstücken der DDR-Industrie beschäftigt waren.

Die schizophrene Besetzung der Arbeit, gleichzeitig Heil und Unheil zu verkörpern, prägte auch den Umgang mit Straffälligen und Behinderten. Arbeit war Strafe und Therapie in einem. Die „Betreuung“ von schwererziehbaren Jugendlichen und sonstigen „asozialen, arbeitsscheuen Elementen“ in den sogenannten „Werkhöfen“ sowie von – im Prinzip in die gleiche Kategorie eingereihten – Behinderten, folgte der Zielsetzung „Genesung durch Arbeit“. Selbst international wurde, was in Wahrheit eine „Verblödung durch Arbeit“ war, als erfolgreiche Reintegration der Behinderten in das Arbeitsleben bestaunt. Daß dabei in den meisten Fällen völlig stupide, Krankheit und Apathie nur befördernde Arbeit Zuwendung, Kreativitätsförderung und intensive Betreuung ersetzte, hat besonders in den sozialistischen Ländern und in der apologetischen westlichen Linken kaum jemanden interessiert. Es spricht Bände, daß der SED-Staat nichts mit denjenigen Behinderten anzufangen wußte, die sich nicht mehr im Produktionsprozeß verwerten ließen. Diese Menschen landeten fast ausnahmslos in der Obhut der Kirchen.

Dem Umgang der staatlichen Instanzen mit sozialen Sorgenkindern entsprach und entspricht die Grundhaltung des Alltagsbewußtsein. Kommt man in den „fünf neuen Bundesländern“ auf die Behandlung von Behinderten zu sprechen, wird als erstes in der einen oder anderen Weise die Frage nach deren „Brauchbarkeit“, „Nützlichkeit“ oder „Leistungsfähigkeit“ aufgeworfen. An diesem Punkt kommt die protestantische und zugleich versachlichte, klein-bürgerlich zweckrationale Denkweise zum Vorschein. Allen, die nicht arbeiten können oder wollen, wird sehr schnell prinzipiell die Existenzberechtigung abgesprochen. Ausrottungs- und Euthanasiephantasien sind gang und gäbe. Das schiere physische Dasein berechtigt noch lange nicht zur bürgerlichen Existenz.(19) Zwar wurden Behinderte in der DDR nicht umgebracht, dagegen sprachen humanistische Prinzipien und Imagegründe, aber von einer Akzeptanz und einer würdigen Lebensweise (im Rahmen bürgerlicher Möglichkeiten) konnte nicht die Rede sein.

Schlecht erging es auch – ob jung oder alt – den „asozialen und kriminellen Elementen“. Ihnen wurde eine „Arbeitsbehandlung“ zugedacht, die sie, flankiert von unglaublich entwürdigenden Schikanen, oft bis an den Rand der totalen physischen und psychischen Erschöpfung oder sogar bis zum Zusammenbruch führte.(20) Wenn man die „Asozialen“ schon durchfütterte, dann sollten sie bis zu ihrem Exitus wenigstens noch zu etwas nutze gewesen sein. In der Stalinära gab es hierfür den Begriff der „Wiedergutmachung durch Arbeit“, die entsprechende Praxis der gnadenlosen Ausbeutung von Sträflingen ist im Ostblock nie ausgestorben. Bis zu einem Drittel des Bruttosozialprodukts der Sowjetunion soll durch sklavenähnliche Zwangsarbeit erzeugt worden sein, und auch für die DDR war Sträflingsarbeit eine erhebliche Devisenquelle. Westliche Firmen, beispielsweise IKEA, haben stark davon profitiert.(21)

Vor diesem Hintergrund läßt sich die tiefe psychische Krise verstehen, in die die ehemaligen DDR-Bürger mit dem unerwarteten Verlauf der Wiedervereinigung geraten sind. Besonders die Männer schöpften ihr gesamtes patriarchalisches Selbstvertrauen aus der Fabrik- und Landarbeit und aus dem hohen moralischen Wert manueller Tätigkeit. Trotz der extrem hohen Frauenerwerbsquote verstanden sie sich in der Mehrzahl nach wie vor als die eigentlichen Ernährer der Familie, so daß sie der Verlust des Arbeitsplatzes, ihrem Verständnis nach, zu absolut nutzlosen und überflüssigen Subjekten degradiert und auf eine Stufe mit den so verhaßten „Assis“ stellt. Dem Proletkult und patriarchalischen Berufsvorstellungen verhaftet, fällt es ihnen enorm schwer, sich auf andere Tätigkeitsfelder einzustellen und auf „weiblichere“ oder „intellektuellere“ Berufszweige umzuschulen. So verwundert es nicht, wenn sie vor dieser Zumutung einerseits häufig in den Alkohol flüchten, und wenn sich andererseits enorme Aggressionen anstauen und die allgemeine Gewaltbereitschaft wächst.

Das heilige Geld

Auch in der Einstellung zum Geld erweist sich die DDR-Gesellschaft als protestantisch geprägt. Überzeugt davon, daß Geld das Resultat individueller Leistung sei, hat sich der Protestant seit jeher als ausgesprochener Pfennigfuchser bewährt. Während der Katholizismus das Teilen mit den Armen zum Menschlichkeitsgebot erhob(22), überantwortet der Protestantismus dies der individuellen Entscheidung oder hält es ganz für unnötig. Dem Protestanten sind Weisheiten wie „wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert“, „beim Geld hört die Freundschaft auf“, oder „Zeit ist Geld“ selbstverständliche Lebensdoktrin. Es bedarf entweder des Zwangs oder ständiger moralischer Appelle, um klein-bürgerlich-protestantisch geprägte Menschen zu einem solidarischen gesellschaftlichen Verhalten zu bewegen. Dieses Erbe haben die DDR und ihre Bürger übernommen und fortgesetzt. Auch dieser Aspekt des protestantischen Geistes hat allerdings bereits in der Arbeiterbewegung seine Wurzeln. Das von den Sozialisten zur ersten Verhaltensmaxime erhobene Prinzip der Solidarität klingt nicht nur immer schon verdächtig nach einer einklagbaren Äquivalenzbeziehung, im Solidaritätspathos schwingt gleichzeitig auch mit, daß es alles andere als selbstverständlich ist, wenn durch die Lohn- und Warenform getrennte Menschen ihre Mittel miteinander teilen. Solidarität ist proletarische Moral und muß daher immer wieder aufs neue in die Köpfe gehämmert werden.

Gerade in Krisenzeiten erkennen aber protestantisch geformte Menschen in der kleinkrämerischen Grundhaltung nicht sich selbst, sondern sie projizieren diese auf andere, die sie im Extremfall dann als „egoistische“, „raffende“, „volksfeindliche“ Elemente vom Antlitz dieser Erde tilgen wollen. Diese „Projektion“ wiederholt sich heute in milderer Form zwischen „Ossis“ und „Wessis“. Was die Ex-DDR-Bürger zur Zeit so vehement an ihren westlichen Geschwistern kritisieren, ist nichts als ihr eigener „asozialer“ Charakter. Sie, die jeden, der sich nicht anpaßt, nicht arbeitsfähig oder -willig ist oder ganz einfach anders lebt, mit ihrem Lieblingsausdruck „Assi“ belegen, erweisen sich selbst als völlig unfähig, in der jetzigen Situation auch nur ansatzweise solidarisch miteinander umzugehen.

Beklagt wird, daß mit dem (immer herbeigesehnten) Einbruch des Kapitalismus in ihre kleine Welt plötzlich die zwischenmenschlichen Beziehungen zerbrochen seien, und jeder nur noch an sich selbst denke. Das war vor der westlichen Übernahme jedoch kein bißchen anders. Der Staat mußte beständig gegen den Widerwillen der Mehrzahl der Bürger ankämpfen, wenn es um die Erfüllung der „solidarischen Pflichten“ gegenüber der Sowjetunion und der Dritten Welt ging. Ebenso ließen sich parteipolitische und kulturelle Aktivitäten nur auf der Grundlage „erzwungener Freiwilligkeit“ und unermüdlicher Appelle durchsetzen, eine Aufgabe, die vor allem den staatlich gesteuerten Jugendorganisationen und Gewerkschaften zufiel. Spricht man dieses Thema an, verstummen die Klagen über diese Art von „Auspressung“ überhaupt nicht mehr. Soziale Aufgaben waren staatlich durchinstitutionalisiert und blieben den Bürgern ausgesprochen fremd. Die meisten ehemaligen Parteifunktionäre ebenso wie die Mehrzahl der Arbeiter und Arbeiterinnen, denen ich begegnete, brachten kein Verständnis für die finanzielle und materielle Versorgung von Alkoholkranken, Arbeitsunfähigen oder -unwilligen auf.

Diese Haltung schlägt selbst noch bei unbedeutenden Alltäglichkeiten wie der Kaffeekasse und der Organisation kleiner Feiern durch. Als ich einmal im Rahmen meiner Unterrichtstätigkeit vorschlug, die Besserverdienenden könnten durch einen höheren Beitrag den Kursteilnehmern mit geringerem Einkommen die Teilnahme an einer Klassenfahrt ermöglichen, rief ich damit nur ungläubiges Staunen hervor. Die vom Standpunkt westlicher Gepflogenheiten nicht besonders originelle Idee muß wohl für die große Mehrheit einfach nicht nachvollziehbar gewesen sein.

Wenn also die Ostdeutschen heute einen Verlust an Gesellschaftlichkeit und Solidarität wahrnehmen, so liegt das nicht in erster Linie an der Konfrontation mit westlicher Gefühlskälte und westdeutschen Konkurrenz-Praktiken. Vor allem anderen sind es der Wegfall staatlich organisierter Geselligkeit und das Verschwinden von Quasi-Naturaltauschbeziehungen und Gefälligkeitsstrukturen, die diesen Eindruck erwecken. Da es heute alles im Laden zu kaufen gibt, scheint es so, als ginge es seit der Wende nur noch ums liebe Geld. Dabei wird allerdings geflissentlich übersehen, daß auch dem aus der Not geborenen Naturaltausch schon das bürgerliche Äquivalenzprinzip zugrundelag.

Dennoch herrschte damals eine etwas andere Gefühlslage vor. Sie war (zwangsweise) geprägt durch stäkere Bescheidenheit, was die materiellen Wünsche anging, und dementsprechend groß war auch die Freude über Schnäppchen, die gelegentlich ergattert werden konnten. Unbestreitbar ist ferner, daß bei dem relativ geringen Einkommensgefälle in der DDR gesellschafliche Anerkennung kaum durch Geldbesitz zu erlangen war. Dementsprechend fehlte der arrogante Protzer-Typus, der heute die Szene bestimmt. Bedenkt man noch die beruhigende Wirkung staatlich garantierter Existenzsicherheit, die – neben den geschilderten Arbeitsbedingungen – dazu beitrug, daß eine wenig gehetzte Atmosphäre vorherrschte, wird das jetzige Lamento verständlich. Dennoch: die EX-DDR-Bürger beklagen heute nur den Verlust all dessen, was sie zu DDR-Zeiten immer verflucht haben. Die Sehnsucht nach dem „richtigen“ Geld der BRD hat dem SED-Regime das Genick gebrochen. Die D-Mark-Seligkeit hat aber eben auch ihre für die im Geiste des Sozialismus erzogenen Ostdeutschen überraschenden Schattenseiten.

Diese Entwicklung entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Immerhin ereilt dieses ernüchternde Schicksal die Bewohner eines Staatswesens, das mit Marx ausgerechnet jenen Mann zum geistigen Urvater erhob, der zu Lebzeiten die abstrakte Arbeit und das Geld radikal kritisiert hatte. Diese protestantisch geformten Gemütern ungeheuerlich und aberwitzig anmutende Vorstellung hat die SED allerdings wohlweislich nie auf ihre Fahnen geschrieben. Sie eiferte stattdessen lieber dem Beispiel jenes Papstes nach, der im Mittelalter die Vereinbarkeit von christlicher Lehre und Geldbesitz beweisen wollte. Der oberste Hirte ließ damals jedem Jesus am Kruzifix ein Geldsäckchen an den Lendenschurz binden. Die Einheitssozialisten überbrückten Jahrhunderte später den Widerspruch zwischen der Marxschen Auffassung und dem „sozialistischen Gebrauch des Geldes“ dadurch, daß sie die DDR-Noten ausgerechnet mit dem Konterfei des Geldkritikers versahen. Während aber im Mittelalter noch ein Sturm der Empörung gegen den Blasphemiker losbrach, sahen die sozialistischen Bürger in diesem Vorgang wohl tatsächlich eine Ehrung des großen deutschen Revolutionärs.

Die innerweltliche Askese mit ihrer Versachlichung und Rationalisierung der Gefühle hatte noch andere weitreichende Folgen für die zwischenmenschlichen Beziehungen. Gespart wurde in der DDR nicht nur am Geld, sondern auch an Gefühlen und an Körperkontakt. Der Austausch von Zärtlichkeiten ist noch heute in der Öffentlichkeit selten zu beobachten. Sexualität war und ist weitestgehend tabu; einmal angesprochen, löst das Thema meist nur Unbehagen aus. In Gesprächen taucht Sexualität hauptsächlich in Gestalt schlüpfriger Witze oder in Anspielungen auf. Nur „gesunder“ Sex darf sein, so die Aussage vieler Angesprochenen, was immer dies auch ein- oder auschließen mag. Es „dominierte ungehindert eine prüde, verlogene und tabuisierende Sexualeinstellung.“ „Eine Förderung der sexuellen Lust, der erotischen Raffinesse und des spielerisch-sinnlichen Umgangs mit dem Körper kam kaum vor, dagegen waren Schuld, Scham und Angst im Umgang mit der sexuellen Entwicklung der Kinder die vorherrschende Regel.“ „Eine Fülle von Falschdarstellungen der menschlichen Sexualität“, geisterte durch die Familien. „Onanieren wurde meistens verleugnet und unter Strafe gestellt. Die Menstruation wurde als beschwerlich, belastend und bedrohlich dargestellt und erlebt. Vor der Aufnahme sexueller Beziehungen wurde regelmäßig gewarnt, alle möglichen Gefahren wurden heraufbeschworen.“ Kinder wurden kaum ermutigt, Fragen zu stellen und „Aufklärung war, wenn es sie überhaupt gab, vorrangig sachlich-kühl, biologisch, technisch funktional und entsprach damit völlig dem vorherrschenden naturwissenschaftlich-materialistischen Weltbildes“(23). Insgesamt waren die Begleitumstände für die Entfaltung einer befriedigenden Sexualität also bedrückend.

Die Ursachen für die enorm hohe Abtreibungsrate sieht der Psychoanalytiker Maaz dementsprechend auch in den massiven sexuellen und emotionalen Problemen bei der Zeugung und während der Schwangerschaft. Letzten Endes standen die Frauen mit ihren Sorgen und Fragen meistens allein da und waren ihrer Angst und einem ungeheuren moralischen Druck ausgesetzt. Von der sexuellen „Freizügigkeit“, „Lasterhaftigkeit“ und „Triebhaftigkeit“, die den proletarischen Schichten zu Beginn dieses Jahrhunderts noch zugeschrieben wurden, sind kaum Spuren übriggeblieben. Der „führenden Partei des Proletariats“ ist in vierzig Jahren nicht allzuviel gelungen, in einem war sie aber auf alle Fälle sehr erfolgreich: sie hat es geschafft, die gesamte Gesellschaft auf klein-bürgerliche Moralvorstellungen zu trimmen.

Die sozialistische Erziehung hat die auf strenge Affektmodellierung, Disziplin und Untertanengeist ausgerichtete protestantisch-preußische Tradition reproduziert: „Selbstbeherrschung, Kontrolle, Tapferkeit, Härte und Fügsamkeit gegenüber der Autorität und niemals Aufbegehren waren die geforderten Tugenden“(24). Frontalunterricht, aufrechtes Sitzen, zackiges Melden, endlos Strafarbeiten, frühzeitige Auslese oder Ausgrenzung und Demütigung der für unfähig Befundenen waren nur einige der beliebtesten pädagogischen Mittel. Schon in der Kinderkrippe war die Sauberkeitserziehung das A und O. Junge Pioniere und FDJ ergänzten die Schule der Anpassung und Vorbereitung auf die Arbeits- und Wehrfähigkeit.

Die Parteiführer wären nie auf die Idee gekommen, daß diese durch und durch autoritär geprägte Art von Menschführung den wirtschaftlichen Zielen der Partei irgendwann einmal in die Quere kommen könnte. Genau das ist aber geschehen. Volksaufzucht im Sinne preußisch-protestantischer Tugenden war historisch während der Durchsetzungsphase der manufakturellen und tayloristischen Industriearbeit sicherlich funktional. Sie hat in den Prozessen nachholender Akkumulation, etwa in der UDSSR oder in China, ebenso ihren Dienst geleistet wie bei der Durchkapitalisierung Deutschlands in den hundert Jahren nach 1850. Für den notwendigen Übergang in das Zeitalter verwissenschaftlichter, mikroelektronischer und automatisierter Produktion und Distribution sind solchermaßen konditionierte Bürger aber völlig ungeeignet. Die Festschreibung dieser überlebten Psychostruktur wurde daher zum Entwicklungshemmnis.

Autoritäres Bewußtsein

Wurden die autoritären Strukturen im Westen nach der Niederlage des Faschismus weitgehend aufgeweicht und spätestens seit dem Aufbruch von 1968 durch modernere, individualisiertere Formen kapitalistischen Zwangs ersetzt, so tat das SED-Regime alles, um sie zu konservieren. Im Sinne des „demokratischen Zentralismus“ beanspruchte die Partei die unangefochtene Führung; für „linke Abweichungen“ war kein Platz. Die autoritäre Hierarchie mit ihren strikt von oben nach unten verlaufenden Befehlslinien mußte schon deshalb zwangsläufig Lüge und Selbstbetrug in der Partei fördern, weil jeder Überbringer unangenehmer Nachrichten mit Sanktionen zu rechnen hatte. Es durfte in der Gesellschaft nichts ohne die Partei geschehen, jede eigenständige Regung wurde unterdrückt, und die SED versuchte unablässig, bis in die kleinsten Poren der Gesellschaft hinein, allgegenwärtig zu sein. Damit entwickelte sie sich zum Brutkasten von Opportunismus und Duckmäusertum. Wer Karriere machen oder einfach bloß eine attraktivere Arbeit bekommen wollte, der brauchte sich nur vertrauensvoll unter die Fittiche der allmächtigen Partei zu begeben. Dennoch muß die „Sozialistische Einheitspartei“ unter einem erheblichen Mangel an Zulauf gelitten haben, denn bekanntlich schreckte sie nicht vor zahllosen Erpressungsmethoden zurück, um Mitglieder zu „gewinnen“. Wenn junge Leute den Wunsch hatten, zu studieren, so machten lokale Parteigremien die Erfüllung dieses Ansinnens regelmäßig davon abhängig, daß unbelehrbare Verwandte endlich in die Partei eintraten. Diese und ähnliche Anwerbemethoden waren gang und gäbe. Schon die Kleinsten wurden im Schulunterricht den Rekrutierungsbemühungen von Stasi, NVA und Partei ausgesetzt. Die Aussicht auf einen Studienplatz, einen Trabbi oder eine Videoanlage sollte den Nachwuchs anlocken.

Ihrem Selbstverständnis nach wollte die Partei die Rolle des fürsorglichen Übervaters einnehmen, der für das Wohl ihrer Kinder sorgt, sie streng und gerecht zur Mündigkeit erzieht und weise führt. Daß in der Praxis Mündigkeit nur synonym für Untertänigkeit und Erziehung für Belehrung und Bevormundung stehen konnte, liegt auf der Hand. Erich Honecker brachte es selber schon auf den Punkt: „Weder wir noch die Kirche konnten…die Menschen sich selbst überlassen“(25). Diesen selbstgestellten Auftrag versuchte die Partei dadurch umzusetzen, daß sie die Bürger vom Säuglingsalter bis zur Bahre unablässig mit moralisierenden Parolen, ethischen Verhaltenskodexen und doktrinären Lehrsätzen bombardierte. Die Quittung folgte auf dem Fuße. In der Bevölkerung machte sich eine abgrundtiefe Aversion gegen Politik, gegen ML-Ideologie, und gegen die unglaubwürdige Partei breit. Je mehr sich aber die Menschen ins Private zurückzogen, desto stärker mußten sich die Oberen dazu veranlaßt sehen, ihre erzieherischen Anstrengungen noch zu verschärfen.

Bemerkenswert ist eigentlich weniger, daß die große Masse der DDR-Bürger trotz oder wegen der ideologischen Dauerberieselung nur einige ML-Parolen und stalinistische Lehrsätze kennt, ansonsten aber die marxistische Diskussion kaum wahrgenommen hat. Interessanter noch ist die merkwürdige Bewußtseinsspaltung, die sich als probate Überlebensstrategie im DDR-Alltag allgemein durchsetzte. Zum einen übernahmen die Einzelnen in der offiziellen Sphäre die verordnete Weltsicht und fügten sich den stereotypen Erklärungsmustern der SED, die keinerlei Widerspruch duldeten. Fast alle sangen mit: „die Partei hat immer recht“. Diese Denk- und Verhaltensebene blieb den DDR-Bürgern aber keineswegs bloß äußerlich; auch wenn sie die Partei im Stillen verfluchten, bestimmte Inhalte der politischen Ideologie eigneten sie sich mehr unbewußt als bewußt durchaus an.

Daneben, und getrennt von dieser hochoffiziellen Welt, existierte eine nichtoffizielle Öffentlichkeit, die sich auf Kollegenkreise, Freundschaften, Verwandtschaft, Clubs etc. erstreckte. Hier herrschte in der Regel eine von der Parteidoktrin weitestgehend bereinigte Sprache vor. Abgesehen von gelegentlichen Meckereien wurden hier aber politische Themen kaum angeschnitten.

Die dritte (Sprach-)Wirklichkeitsebene bildete die private Sphäre. Mit dem allmählichen Niedergang des Regimes erlangte sie absolute Priorität. Nur in dieser „kleinen heilen Welt“ nahmen die Menschen kein Blatt vor den Mund und setzten sich über die öffentlichen Sprachkonventionen hinweg. Seiner Sache absolut sicher konnte sich indes auch hier niemand sein, denn bekanntlich versuchte der Partei- und Staatsapparat die Eltern auch noch über die Kinder zu bespitzeln. Schon beim kleinsten Verdacht, der auf eine abweichende Meinung der Eltern hindeutete – wie eine westliche Plastiktüte, ein westliches Abzeichen, fremdländisches Liedgut etc. – kam es vor, daß ihre Sprößlinge ausgehorcht wurden. Persönliche und familiäre Probleme durften nicht nach außen dringen, die Fassade anständiger, gutfunktionierender Bürgerlichkeit mußte unbedingt gewahrt bleiben. Dabei tat die protestantische, klein-bürgerlich verklemmte Erziehung mit ihrer Ächtung aller Schwächen ein übriges. Selbst unter den nächsten Angehörigen war es üblich, die eigenen Probleme, Wünsche und Sehnsüchte geheimzuhalten. Wer auf die Idee verfallen wäre, sich mit seinem Kummer einem Psychologen anzuvertrauen – allein wegen deren geringer Zahl ein schwieriges Unterfangen – hätte sich damit selber als „Geisteskranker“ entlarvt. Stattdessen suchten Männer wie Frauen in erschreckend hohen Maße im Alkohol ihren „Seelentröster“.

Es versteht sich von selbst, daß ein solcher Zustand dauernder Bewußtseinsspaltung auf die Dauer nur schwer zu ertragen ist. Der erträglichste Weg, damit fertigzuwerden, bestand in der DDR darin, einfach auf tiefergehende Gedanken zu verzichten. Wer es sich abgewöhnte, nach Ursachen zu fragen und sein eigenes Verhalten zu reflektieren, wer sich nach außen staatskonform ausrichtete, das „Denken“ zur Parteisache erklärte und sich, wo nicht zu vermeiden, von den Staatsinstitutionen am Händchen führen ließ, konnte im „Arbeiter- und Bauernstaat“ eine graue, aber immerhin einigermaßen friedliche Existenz fristen. Kann es da verwundern, daß die Menschen es lernten, mit allerlei Absonderlichkeiten zu leben und sie zu erdulden? Ist es so gesehen nicht nachvollziehbar, weshalb sie widerstandslos im Winter ausgetrocknete Rasenflächen mit grüner Farbe besprühten, bei strömendem Regen Pfützen auschaufelten, Baumrinde im Wald abschabten, um sie in Wohngebieten oder Kasernen auf die verletzten Bäume zu nageln, wenn hoher Funktionärsbesuch angesagt war? Kann es noch verblüffen, daß Hausfassaden ganzer Straßenzüge, durch die sich Honecker kutschieren ließ, nur bis zum ersten Stockwerk gestrichen wurden, weil sein Blick aus dem Limousinenfenster nicht weiter hinaufreichte? Hat es nicht seine eigene Logik, daß die völlig verrostete und verrottete Fangflotte aus dem Rostocker Hafen auslief und nur ein Schiff zur Ansicht für Funktionäre zurückblieb, dessen zum Hafen gewandte Seite vorher eilends gestrichen wurde? All das gehörte jedenfalls zur alltäglichen DDR-Schizophrenie genauso wie die Tatsache, daß beim Besuch der Nomenklatura die Schaufensterauslagen und Läden in den betreffenden Städtchen und Dörfern plötzlich gefüllt wurden und mit deren Abreise die begehrten Kostbarkeiten postwendend wieder verschwanden.

Partei und (Un)geist

Die DDR sah sich als sozialistischer Staat, in dem mit dem Kapitalismus auch alle gesellschaftlichen Widersprüche verschwunden wären. Die Bourgeoisie war gestürzt, die Junker verjagt und die Verfügungsgewalt der in Volkseigentum verwandelten Produktionsmittel in staatlicher Hand. Alles stand also zum Besten. Es lag vollkommen außerhalb des Begriffshorizonts der SED-Nomenklatura, daß die „sozialistische Warenproduktion“ selbst substantielle Widersprüche oder Probleme produzieren könnte. Unter diesen Umständen mußte daher jeder Anflug von Kritik bei der Partei Unverständnis und Mißtrauen auslösen. Für ein Nichteinverständnis mit den herrschenden Verhältnissen konnte es nur zwei Gründe geben: Entweder die aufmüpfige Person war ein Agent des Westens bzw. war zumindest durch einen solchen angestiftet worden, oder sie hatte bislang den Zugang zum richtigen proletarischen Denken noch nicht gefunden, weil sie bürgerlicher Herkunft war oder im „noch nicht sozialistischen Eigentumssektor“ arbeitete.

Diese simple Grundüberzeugung bestimmte wesentlich den Umgang mit der kritischen Intelligenz. In der SED selbst herrschte geistige Finsternis; die internen Auseinandersetzungen reduzierten sich in der Regel auf unmittelbar zu ergreifende Maßnahmen, planerische Vorhaben, das Entwerfen von Parolen und Fragen der „richtigen“ Interpretation der Parteilinie. Weitergehende theoretische Analysen und Debatten über den Kommunismus erübrigten sich in einer widerspruchsfreien Gesellschaft natürlich. Chefideologe Sindermann stellte einmal in einem Fernsehinterview klar, daß die zwei wichtigsten Ziele der KPD durchgesetzt worden seien: „Alle haben Arbeit, alle haben Brot“. Was gab es da noch zu diskutieren?

Damit folgte die Partei an der Macht einer Traditionslinie des Antiintellektualismus, die bereits charakteristisch für breite Teile der alten Arbeiterbewegung, nicht zuletzt aber auch für den Nationalsozialismus war. Dieser Antiintellektualismus setzte die Widersprüche der kapitalistischen Vergesellschaftung mit der Figur des Intellektuellen gleich. Der Intellektuelle galt ihm als die Verkörperung des Abstrakten, er sei blutleer und stehe für das gesellschaftliche Chaos, den Müßßiggang, den Kosmopolitismus etc. Das protestantisch- proletarische Bewußtsein teilt diese Sicht im wesentlichen. Schon zur Zeit der Weimarer Republik ähnelte die kommunistische Intellektuellen-Verachtung fatal der nationalsozialistischen Sichtweise.

Die Apologie von Arbeiterklasse und Arbeit ging einher mit einem tiefen Mißtrauen gegenüber jeglicher Form selbständiger Reflexion, der Intellektuelle erschien per se als Knecht der Bourgeosie oder zumindest als unsicherer Kantonist. Bereits Karl Kautsky hat diese Interpretation festgeschrieben: „In der heutigen Gesellschaft sind es nicht, wie in früheren Gesellschaftsformen, die Ausbeuter selbst, oder mindestens eine Klasse derselben, welche die Künste und Wissenschaften pflegen. Sie überlassen diese Tätigkeit einer besondern Klasse, die sie dafür bezahlen. Die Bildung wird Ware“(26). Gerade die linksradikale Intelligenz, die selbstverleugnerisch um die Gunst der Klasse buhlte, verstärkte das schon vorhandene Mißtrauen im Proletariat. Mit Vorliebe diffamierte sie ihre arbeiterbewegungs- oder parteiinternen Gegner als Intelligenzler und stellte sich selbst als willfähriges Werkzeug in den Dienst des dumpfen Klasseninstinkts. Ganz in diesem Sinne tönte Karl Schröder, Sohn eines Lehrers und promovierter Dr. phil., auf dem zweiten Parteitag der KAPD: „Das eine Wichtige hat sich in der Debatte herauskristallisiert: Ein sicherer Instinkt der Proletarier: Wir müssen uns restlos von den Intellektuellen befreien“(27). Wie dies zu geschehen hatte, konnte man 1920 einmal in der radikalen Zeitschrift „Die Aktion“ nachlesen:

„1.Wer sind die größten Feinde des Proletariats?

Wer sind die besten Hüter des bürgerlichen Staats?

Wer schützt das hohe Kapital

Und predigt Frieden überall?

… Das sind die Bourgeoisieknechte, die Intellektuelln!

Der Intellektuellen gewaltig großer

Zahl erwehrt euch täglich, stündlich: An den Laternenpfahl!

Laßt baumeln sie und hängen lang,

Laßt tönen laut und froh den Sang:

… Hinweg, ihr Bourgeoisieknechte, ihr Intellektuelln!!“(28)

Während Lenin noch die vergleichsweise harmlose Auffassung vertrat, „die Intellektuellen müssen immer mit eiserner Faust angepackt werden“, sollte sich Stalin später als würdiger Vollstrecker des Klasseninstinkts bewähren.

Als der SED im östlichen Teil Deutschlands die Macht zufiel, stand es außer Zweifel, daß sie, um das Land wirtschaftlich und politisch voranzubringen, sich der Intelligenz bedienen mußte. Das Mißtrauen aber saß tief, und die Partei verfuhr von vornherein zweigleisig: Sie förderte eine „technisch-funktionale Intelligenz“ (deren Ausbildungsstand sehr hoch war und ist), die „soziale“ oder „literarische Intelligenz“ hingegen stellte sie unter schärfste Kontrolle und versuchte sie an die ideologischen Intentionen der Partei zu binden. Aus dem 2.Weltkrieg und den stalinistischen Säuberungen ging die KPD praktisch intelligenzlos hervor. Die überwiegende Mehrzahl der kritischen und undogmatisch sozialistischen Autoren und Künstler war tot oder hatte sich in alle Winde zerstreut. Schon aus Gründen der Systemkonkurrenz und der Legitimation bemühte sich die SED-Führung anfänglich, die zwar mit der SBZ sympathisierenden, aber sich noch distanziert verhaltenden Intellektuellen in die zukünftige DDR „heimzuholen“. Begünstigt durch den einsetzenden Kalten Krieg und die McCarthy-Verfolgungen und -Pressionen in den USA gelang das auch zunächst teilweise. Die SBZ schien als das vermeintlich bessere, antifaschistische Deutschland Schutz, Perspektiven und materielle Sicherheit zu bieten. Aber sehr schnell stellte sich heraus, daß sich die Intellektuellen so verhielten, wie es die SED insgeheim schon immer befürchtet hatte. Sie agierten keinesfalls konform, waren schwer unter Kontrolle zu bringen und ließen sich nicht einfach als Apologeten der Partei instrumentalisieren.

Ulbricht startete den Versuch, die Literaten an der Parteilinie auszurichten. Seine Kritik läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: „Die Hauptschwäche in der Literatur, im Film, im neuen Schauspiel besteht gerade darin, daß die kleinbürgerlichen, reaktionären Gestalten treffend charakterisiert werden, aber die Helden des Volkes, die Kämpfer gegen den Faschismus, die Helden der Arbeit sind in vielen Fällen mit wenig Liebe und wenig Verständnis dargestellt“(29). Ulbricht konstatierte: „die ersten Anfänge einer Literatur der neuen Zeit sind bei uns vorhanden. Dazu gehören in erster Linie die Bücher von Willi Bredel über Ernst Thälmann, >50 Tage< von Johannes R. Becher, >Sterne und unendliches Glühen< von Eduard Claudius, >Menschen an unserer Seite<.. usw.“(30). Die führenden geistigen Köpfe und Literaten wie Anna Seghers fallen bei dieser Bestandsaufnahme vielversprechender Ansätze bezeichnenderweise unter den Tisch. Sie genügen nämlich den Kriterien nicht, die Ulbricht den Kunstschaffenden auf den Weg gibt: „die Kunstschaffenden sollen sich enger mit dem Volke verbinden, das Leben des Volkes gründlich studieren, damit sie das Neue, das Fortschrittliche erkennen und künstlerisch gestalten.“(31)

Mit dieser Direktive war der „sozialistische Realismus“ geboren, und alles, was nicht mit dem Proletkult und der „konkreten Kunst“ in Einklang zu bringen war, wurde unter der Bezeichnung „Formalismus“ bekämpft. Die Literaten und Künstler hatten gefälligst über das Proletariat zu schreiben, die Erfolge des Aufbaus und der Partei ins rechte Licht zu rücken und sich „abgehobener“, „abstrakter“ Kapriolen zu enthalten. Auch die Kunst sollte nun planmäßig produziert werden: „Auf kulturellem Gebiet ist im ersten Jahr des Fünfjahresplans die Kunst in all ihren Zweigen an die Probleme der Gegenwart heranzuführen.“(32). Der Stalinapologet und SED-Lakai, J.R. Becher („Stalin, du Welt im Licht!“), durfte als Kulturminister helfen, diese überwältigende Aufgabe für die Partei in Angriff zu nehmen. Mit dem proletarisch-revolutionären Theater konnte man jetzt natürlich noch weniger anfangen als vorher. Die SED war dabei, einen ordentlichen sozialistischen Staat aufzubauen, und bei diesem Unterfangen bedurfte es weder Kritik noch kultureller Experimente. Ein Versuch, die nach wie vor eher widerspenstigen Kunstschaffenden überflüssig zu machen und die Arbeiterklasse zu eigenen literarischen Ergüssen zu bewegen, scheiterte recht bald an der Unvereinbarkeit von hartem Arbeitsalltag und geistig-schöpferischer Tätigkeit. Stattdessen reklamierte die DDR-Führung nun das klassische deutsche Kulturgut für sich: Goethe, Schiller, Lessing, Mozart, Bach, Wagner etc. traten in den Vordergrund der nun propagierten „Nationalkultur“.

Trotz des Abschieds vom sozialistischen Realismus im Jahr 1956 besserte sich das Klima für Künstler und Intellektuelle nicht. Im Gegenteil, mit Alfred Kurella hatte die SED einen Hardliner in die Kommission für Fragen der Kultur ins Politbüro gehievt. Wer zu ihm vorgeladen wurde, sich „zwecks Klärung eines Sachverhaltes“ im Haus des Zentralkomitees einzufinden hatte, wußte, daß er zu sehr von der Parteilinie abgewichen war und durfte sich nun auf „Selbstkritik“ einstellen. Wenn es an Selbstverleugnung mangelte, konnte der Weg sehr schnell ins Zuchthaus führen, wie beispielsweise E. Loest, W. Janka und W.Harich erfahren mußten(33), die bis zu 10 Jahre hinter Gitter wanderten. In der Folge begann eine Absetzbewegung gen Westen, die sich von Kantorowicz und Zwerenz bis zum Abschied Ernst Blochs zu einer Welle der Republikflucht ausweitete. Mit Biermann platzte dem Spießer Honecker dann endgültig der Kragen: „Unsere DDR ist ein sauberer Staat. In ihr gibt es unverrückbare Maßstäbe der Ethik und Moral, für Anstand und Sitte“(34). War schon die Beatwelle nicht aufzuhalten gewesen, so mußte nun um so schärfer durchgegriffen werden.

Biermanns Ausweisung erschütterte noch einmal das Intellektuellenlager und spaltete es in Biermann-Sympathisanten, die alsbald zum Verstummen gebracht oder ebenfalls ausgewiesen wurden, und in mehr oder weniger Staatstreue, die auf ihre weniger auffällige Weise ebenfalls in Schweigen versanken. Die „Dagebliebenen“ richteten sich ein, vertrösteten sich mit ihren Privilegien und nutzten die ihnen eingräumten Möglichkeiten, im Westen zu publizieren. „Mit der „“großzügigen“ Verteilung von Dreijahresvisa wurde die DDR die meisten der unbequemen Denker los. Viele von ihnen mußten sich ohnehin eher zur Bundesrepublik zugehörig fühlen, denn ihre Werke erschienen schon seit Jahren nur im Westen, was die Funktionäre gar nicht so ungern sahen. Schließlich flossen durch die Westverlage begehrte Devisen in den ersten sozialistischen Staat Deutschlands, der für sich in Anspruch genommen hatte, die Kunst vom Kapitalismus befreit zu haben“, bilanziert H.-J. Vormann.

Diese Kulturpolitik wirkt noch heute nach. Die besser ausgebildeten Ostdeutschen, mit denen ich zusammentraf – ehemalige Funktionäre, Kombinatsleiter, Lehrer und Ingenieure – hoben vor allem ihre klassische deutsche Bildung (oder das, was sie dafür halten) hervor. Hier sehen sie sich den Westlern ebenbürtig, wenn nicht überlegen. Als Beleg werden bevorzugt Morgensterngedichte rezitiert oder Nietzsches dubioser Ausspruch, „gehst du zum Weibe, vergiß die Peitsche nicht“ vorgetragen. Mit der internationalen Literatur der Gegenwart ist kaum jemand in Berührung gekommen, und die gesamte westliche linke Literatur und Debatte ist schlechterdings unbekannt. Auf diesem Gebiet hat die Partei wirklich effizient gewirkt. Sogar die Erinnerungen an die kritische kommunistische Vorkriegsliteratur wurden fast restlos ausgetilgt. Namen wie Trotzkij, Preobrazenskij oder Brandler haben selbst Akademiker bestenfalls nennen gehört, welche Auffassungen diese Herren einstmals vertreten haben, weiß jedoch niemand genau zu sagen.

Die abgrundtiefe Abneigung gegenüber allem, was mit sozialistischer oder kommunistischer Theorie zu tun hat, ist nicht das Resultat raffinierter imperialistischer Strategien oder eingeschleuster Viren, sondern geht ausschließlich auf das Konto der SED. Sie hat ganze Arbeit geleistet. Die antiintellektualistische Grundhaltung der Partei verband sich mit der überlieferten protestantisch-proletarischen Abneigung gegen Intellektuelle und hat die DDR-Bevölkerung gegen kritisches Denken erstmal gründlich immunisiert. In kaum einem Land hängt die kritische Intelligenz derart in der Luft und hat sich so weit von der Stimmung der breiten Bevölkerungsschichten abgelöst wie in der EX-DDR. Die Wendezeit hat das drastisch verdeutlicht. Geradezu niedlich mutet im nachhinein die naive Volksillusion an, die in der kirchlich abgeschirmten Jung-Opposition gedieh. Das DDR-Volk wußte nicht viel mit ihr anzufangen. Wenn die Bewohner der DDR mit der Parole „Wir sind das Volk“ gegen die SED-Führung auf die Straße gingen, dann hätte diese Beschwörungsformel jedenfalls genauso gut gegen die kleine DDR-Opposition gerichtet sein können. Viel fremder noch als die verhaßte marode Führung waren und sind diesem Volk die linken Volksfreunde, die einst im Januar bei den Demonstrationen zum 70. Jahrestag des Todes von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg den letzten Akt des Gesamtschauspiels DDR eröffnet hatten.

Rassismus, Neonazismus und Ausländerfeindlichkeit

Ohne die Wiedervereinigung und ihre Folgeprobleme wäre die Welle rassistischer Gewalt, die heute die ehemalige DDR überschwemmt, sicherlich in dieser Weise nicht denkbar. Dennoch hat diese erschreckende Entwicklung eine Vorgeschichte, die weit hinter das Jahr 1989 zurückreicht. Denn weshalb setzt der Untergang des „ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden“ ausgerechnet neonazistische Potentiale frei?

Die Antwort kann nach dem bereits Gesagten nicht mehr völlig verblüffen: Der DDR-Staat ist zwar damit gescheitert, seine spezifisch realsozialistische Doktrin der Bevölkerung dauerhaft aufzuoktroyieren, eine Schicht tiefer aber, jenseits der offiziellen Sonntagsreden, gingen SED-Politik und Alltagsverstand eine durchaus tragfähige und bis heute nachwirkende Verbindung ein. Die „Erziehung zum Sozialismus“ hat unter der Hand andere Werte vermittelt, als es ihrer offiziellen Intention entsprach, und diese werden nun in der Rechtswendung sichtbar. Der neue ostdeutsche Neonazismus setzt sich zwar entschieden von der linken Rote-Socken-Vergangenheit ab, aber nur, um die unausgesprochenen Grundlagen der DDR-Gesellschaft ideologisch zu verlängern. Polemisch gesprochen: im Umschlag von der stramm realsozialistischen DDR zur ostdeutschen Pogromstimmung kommt der wahre Kern der guten alten Totalitarismustheorie zum Vorschein.

Wie schon erwähnt, war die DDR ein fast hermetisch nach außen abgeriegelter Brutkasten, in dem zuallererst deutsches Gedankengut gedieh und fremde Ideen nur ab und zu in homöopathischen Dosen zugelassen wurden. Die DDR verstand sich in erster Linie als das bessere Deutschland. Sie sah sich in der Tradition des deutschen Kulturgeistes, und auch die Intelligenzia befaßte sich dementsprechend fast ausschließlich mit diesem Erbe. Heute noch rekurrieren oppositionelle Kräfte wie Grüne und Bündnis 90 ebenso wie viele frischgebackene Christ- und Sozialdemokraten in starkem Maße auf den historisch längst überholten deutschen Humanismus und treten den neonazistischen Gewalttätern in seinem Namen entgegen.

Die selbstgerechte DDR-Deutschtümelei kennzeichnete insbesondere den Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. In der BRD kann von einer Aufarbeitung der Hitler-Diktatur nur bedingt die Rede sein, in der DDR hat sie der Staat, in stillem Einverständnis mit einer Bevölkerung, die diese Vergangenheit vergessen wollte, von vornherein unterbunden und de facto für überflüssig erklärt. Der Faschismus war dabei für die DDR nicht trotz, sondern ironischerweise gerade wegen ihres antifaschistischen Selbstverständnisses kein Problem. Alle Schattenseiten der deutschen Geschichte wurden der BRD zugewiesen, während die DDR sich als Sachwalterin eines „fortschrittlichen“, von dererlei Häßlichkeiten freien Deutschland gerierte. Sieht man von einigen kritischen Intelektuellen ab, so war das Thema Nationalsozialismus für DDR-Staat und -Volk mit der berühmt-berüchtigten Definition von Dimitroff schon erledigt. Der Faschismus galt als eine Veranstaltung, die mit der deutschen Arbeiterklasse und den Volksmassen nie etwas zu tun hatte.

Die offizielle Faschismusanalyse der Komintern, die nach dem 2. Weltkrieg nie revidiert wurde, ermöglichte der DDR einen Start mit weißer Weste und den sofortigen Übergang zur realsozialistischen Normalität: „Der Faschismus an der Macht, Genossen, ist wie das 13. Plenum des EKKI richtig charakterisiert hat, die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals.“ „Dies ist mittelalterliche Barbarei und Grausamkeit, zügellose Aggressivität gegenüber anderen Völkern und Ländern.“ Demnach war der Faschismus „..der Feind von neun Zehnteln des deutschen Volkes..“ und mußte daher unweigerlich „..den tiefen Haß und die Empörung der Massen hervorrufen..“(35). Auch wenn später immerhin zugestanden wurde, daß sich nicht nur zehn Finanzkapitalisten sondern eine ganze Masse Deutscher an dem System beteiligten, wurde doch implizit das Volk von jeder Verantwortung freigesprochen. Denn für das bürgerliche Bewußtsein im allgemeinen wie für das realsozialistische im besonderen ist der Volksgenosse oder Bürger an sich gut und steht auf der richtigen Seite der Barrikade, auch wenn es einigen gemeinen Verschwörern des internationalen Kapitals(36) gelingen mag, Teile der guten Arbeiterklasse und des sauberen Volkes mit Demagogie, Propaganda und roher Gewalt für ihre Zwecke einzuspannen. Die faschistische Ideologie wird von den finsteren Mächten ausbaldowert und von außen an die Massen herangetragen, denen sie im wesentlichen äußerlich bleibt. Dies entspricht dem Grundschema der primitiven Zweiklassentheorie, die die gesellschaftlichen Widersprüche einzig zwischen der guten Arbeiterklasse und den bösen Kapitalisten verortet.(37)

Keinerlei konstitutiven Zusammenhang konnte die sozialistische Staatsdoktrin allerdings zwischen dem Faschismus und jenen seiner Momente erkennen, die schon früh von der Kritischen Theorie thematisiert worden waren: Führerprinzip, Obrigkeitsdenken, Biologismus, Familie, Zucht und Ordnung, Sauberkeit, Affirmation des Nationalen und Distanz zum Fremden. Diese Blindheit hatte ihren guten Grund, denn genau auf dieser Grundlage wurde auch die realsozialistische Gesellschaft errichtet.

Die SED beschwor den wackeren antifaschistischen Widerstand der Arbeiterklasse und gedachte ausgiebig der Unterdrückung von Kommunisten und Sozialisten. Über das völkische und antisemitische Gedankengut verloren die Partei und die übrigen Vergangenheitsbewältiger hingegen kaum ein Wort. Zu Recht kreideten westliche Faschismus-Forscher ihren ostdeutschen Kollegen regelmäßig das völlige Desinteresse am Holocaust an. In einem Aufsatz, der in der Zeitschrift „Konkret“ erschien, versuchte Kurt Pätzold im vergangenen Jahr diesen Vorwurf zu entkräften. Er wies auf eine Reihe von DDR-Historikern hin, die sich der Thematik der Judenverfolgung angenommen hätten. Der Aufsatz bestätigt peinlicherweise aber nur die Kritik, die er entkräften soll. Die wenigen Autoren, die Pätzold anführen kann, verlängern nur die klassische ML-Manipulationstheorie auf Antisemitismus und Rassismus. Die Judenverfolgung wird lediglich als Resultat der faschistischen Propagandamaschinerie dargestellt, wobei die vorgestellten DDR-Forscher als einzige „Erklärung“ eine primitive Sündenbocktheorie präsentieren.(38)

Erbärmlicher noch als die Ergebnisse der Faschismus-Spezialisten ist natürlich das, was in der DDR massenhaft unters Volk gebracht wurde. An Schulen und Hochschulen bestimmten bis zuletzt Dimitroffs Verlautbarungen über den Faschismus die offizielle Linie. Wer dies nicht glauben mag, kann beispielsweise im DDR-Standard-Lexikon „Marxistisch-Leninistisches Wörterbuch der Philosophie“ unter dem Stichwort Faschismus nachschlagen. Die Erläuterung beginnt mit dem einschlägigen Satz: „Offene terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meinsten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals. (DIMITROFF)“(39). Als theoretisch-ideologisches Rüstzeug schien der Schulausflug zum KZ mit anschließendem antifaschistischen Schwur völlig ausreichend. Selbst im Standardwerk zur Jugendweihe, „Vom Sinn unseres Lebens“, findet sich kein dem Nationalsozialismus gewidmetes Kapitelchen.

So verbreitet fremdenfeindliche und rassistische Ansichten in der ostdeutschen Bevölkerung schon immer gewesen sind, die große Mehrheit kommt gar nicht auf die Idee, diese Haltung mit nationalsozialistischem Gedankengut in Verbindung zu bringen. Wer brav auswendig gelernt hat, daß der Faschismus eine Veranstaltung des Finanzkapitals sei, selber aber nur ein paar tausend Mark auf der Bank hat, kann sich ehrlich empört zeigen, wenn böswillige Verleumder ihn in die Nähe des neofaschistischen Lagers rücken.

In dem von der SED erzeugten Aufarbeitungsvakuum konnten schon sehr bald nach dem Krieg, die Mitläufer und Altnazis ihre private und inoffizielle Bewältigung der nationalsozialistischen Niederlage in Angriff nehmen. Im Windschatten der Partei und ihrer antifaschistischen Sonntagsbekenntnisse blieb genügend Raum für allerhand Legenden. So lebte beispielsweise die Vorstellung von der eigentlichen militärischen Größe und Überlegenheit Deutschlands munter fort. Ehemalige NVA-Offiziere geben daher auch heute noch die gleichen Sprüche zum besten, wie sie auch in Bundeswehrkasernen zum Alltag gehören: „Hätte Hitler rechtzeitig vor Moskau Halt gemacht, wäre der Krieg nicht verloren gegangen“, oder: „Die Wehrmacht war eine Armee tapferer, aufrechter deutscher Soldaten, sie hat sich nie an Greueltaten und Verbrechen beteiligt“, etc.

Hitlerbücher, Landserhefte und Nazi-Bildbände, die nun offen verbreitet werden, gehören zunehmend auch zur Bettlektüre der technischen Intelligenz und dienen den verwirrten Bürgern bei ihrer Identitätsfindung. Spätestens in der sozialen Krise erweist sich das unaufgearbeitete nationalsozialistische Gedankengut mit der durch das SED-Regime produzierten reaktionär-autoritären und rassistischen Bewußtseinshaltung als durchaus kompatibel, und beides vermengt sich zu einem gefährlichen Gebräu.(40)

Fremde „Genossen“

Neben der spezifischen „Bewältigung“ des „dunkelsten Kapitels der deutschen Geschichte“ hat sicherlich auch die alltägliche Praxis des Umgangs mit Ausländern im Arbeiter- und Bauernstaat rassistische und xenophobe Ressentiments produziert und verfestigt. Das Besondere an den Beziehungen zu den „sozialistischen Bruderländern“ bestand darin, daß jeder Ansatz von wirklichem Zusammenleben und Kennenlernen systematisch und bewußt verhindert wurde. Das Mißtrauen gegen das vielleicht nicht so leicht kontrollierbare Fremde war dabei gleichbedeutend mit praktiziertem Nationalismus und führte de facto zur „ethnischen Reinhaltung“ der DDR. Alle Widersprüche im Lande wurden bevorzugt dem Wirken eingeschleuster „Agenten des Imperialismus“ angelastet oder „fremden Elementen“ zugeschrieben; die Behandlung der „Anderen“ fiel dementsprechend aus: sie wurden präventiv unter Quarantäne gestellt.

Die wenigen in der DDR lebenden Ausländer stammten überwiegend aus Afrika, Cuba und einigen wenigen Ländern des Ostblocks und absolvierten entweder eine Berufsausbildung oder wurden als „Gastarbeiter“ ins Land geholt, um den Arbeitskräftemangel in bestimmten Produktionssektoren zu überbrücken. Diese Menschen – deren Verweildauer in der Regel auf maximal zwei bis drei Jahre festgeschrieben war – lebten strikt von der DDR-Bevölkerung getrennt in Ausländerwohnheimen oder kleinen Ghettos. Abgesehen vom Zusammentreffen am Arbeitsplatz und bei gelegentlich organisierten Parteifröhlichkeiten, war jeder private, selbständig hergestellte Kontakt gelinde gesagt ungern gesehen, teilweise sogar schlicht verboten. Liebesaffären zwischen Deutschen und Ausländern endeten nicht selten mit einer Ausweisung oder Abberufung, insbesondere dann, wenn sich Kindersegen ankündigte. Solche Zwangsmaßnahmen gingen dabei sowohl vom Gastgeber- wie vom Ursprungsland aus. Beide Seiten waren sich in ihrer Abneigung gegen allzu intensive binationale Beziehungen einig.

Soweit die DDR-Deutschen Ausländer überhaupt zur Kenntnis nahmen oder am Arbeitsplatz mit ihnen konfrontiert wurden, war ihr Verhältnis aus vielerlei Gründen eher spannungsgeladen denn „kameradschaftlich“. Zum einen neidete man den Nicht-Deutschen jeden Gegenstand, den sie ohne lange Wartezeit erwerben durften und eventuell noch in ihr Heimatland verschickten. Das umso mehr, als die „Gastarbeiter“ über Westvaluta verfügten, und deshalb im Intershop einkaufen und Waren erwerben konnten, die für viele Einheimische ohne Westverwandtschaft unerreichbar waren. Angesichts dieser angeblichen „Bevorzugung“ nahmen die DDRler kaum wahr, daß die Ausländer kaum eine Möglichkeit hatten, sich ein heimisches Ambiente zu schaffen (z.B. konnten sie sich keine heimischen Gerichte zubereiten, weil die Zutaten fehlten). Ausländische Kultur war nicht vorgesehen, und ihr wurde keinerlei Spielraum eingeräumt. Unter diesen Umständen erschien dem Gastgebervolk denn auch die nichtdeutsche Lebensart als im wesentlichen chaotisch, laut und „dreckig“. Die Zuwanderer – so die weitverbreitete Meinung – sollten froh sein, wenn sie überhaupt gelitten und mit dem (verfetteten) Kantinenfraß durchgefüttert wurden.

Wenn Menschen aus Mozambique oder Angola, die in ihrer Heimat noch in vorindustriellen Verhältnissen gelebt hatten, ostdeutschen Arbeitskollektiven zugeteilt wurden, waren Konflikte im Betrieb vorprogrammiert. Unvorbereitet in die Akkordgruppe abkommandiert oder als Aushilfskräfte ans Band gestellt, mußten die Neuankömmlinge fast zwangsläufig versagen. Das Resultat liegt auf der Hand. Das Kollektiv, das sich von den Gästen tatkräftige Unterstützung bei der Normerfüllung erhofft hatte, wurde in dieser Erwartung enttäuscht und blieb auf sich gestellt. Der Frust schürte Haß und Wut und verstärkte rassistische Vorurteile, was umso weniger überraschen kann, als ja in der DDR die industrielle Lohnarbeit als Inbegriff des richtigen und einzig möglichen Daseins galt.

Im Kreis marginalisierter Parteiintellektueller hätte man vielleicht darüber diskutieren können, daß die mangelhafte Befähigung der Gäste, sich ohne weiteres dem stupiden Fabrikrhythmus zu unterwerfen, etwas mit der weniger durchrationalisierten sozialen und ökonomischen Wirklichkeit in ihren Heimatländern zu tun hatte. Für die offizielle Parteilinie verschwand diese Tatsache jedoch hinter der ideologischen Gemeinsamkeit: schließlich kamen die Menschen aus „sozialistischen Bruderländern“. Die „Werktätigen“ wurden ohnehin nicht mit solch schwierigen Reflexionen behelligt. Für diese war klar, daß die Schwierigkeiten mit den Ausländern am Arbeitsplatz nur der angeborenen Faulheit der nichtdeutschen „Rasse“ geschuldet sein konnten.

Umgekehrt gab es auch niemanden, der bereit gewesen wäre, den Fremden die ostdeutsche Lebensart und -einstellung nahezubringen. Da von vornherein klar war, daß sie das Land bald wieder zu verlassen hatten, sollten sie bloß keine Wurzeln schlagen. In dieser Beziehung ging es übrigens den DDRlern bei ihren Arbeitseinsätzen in anderen Ostblockstaaten nicht anders. Häufig durften Frauen nur an diesen Brigadeeinsätzen teilnehmen, wenn sie sich zuvor schriftlich verpflichteten, in dem anvisierten Zeitraum nicht schwanger zu werden. Die deutschen „Gastarbeiter“ wohnten in eigenen Baracken oder Unterkünften, private Kontakte zur einheimischen Bevölkerung waren untersagt. Außerhalb der Arbeit lernten sie die Gastgeber ebenfalls nur bei „geselligen Zusammenkünften“ kennen, die der Betrieb oder das Parteikomitee organisierte.

Einer gesonderten Betrachtung bedarf das Verhältnis der Ostdeutschen zu den Menschen aus der Sowjetunion. Die Truppen der Roten Armee und deren Familienanhang galten in der DDR schlichtweg als zivilisatorische (und oftmals hygienische) Zumutung. Die Wirklichkeit lieferte reichlich Anschauungsmaterial, um diese Einschätzung zu stützen, denn die Soldaten der SU waren häufig verschmutzt und rochen nicht immer gerade angenehm. Dieser Zustand darf allerdings nicht besonders verwundern. Wasser war in den Kasernen rationiert, einfache Soldaten durften sich oftmals nur einmal im halben Jahr den Luxus gönnen, unter eine Dusche zu steigen. Hinzu kam die bittere Armut der Siegertruppe. Aus nacktem Hunger und um ihren Speisezettel um fleischliche Nahrung erweitern, betrieben die einfachen Armeeangehörigen systematisch Haustier- und Taubenjagd. Um Tauben zu fangen, durchlöcherten sie für gewöhnlich die Kasernendächer und lockten die Vögel ins Innere – die entsprechenden Dachöffnungen können heute noch mancherorts besichtigt werden. Diese Verhältnisse waren übrigens nicht unbekannt. Unter großem Risiko steckten mitleidige Bürger denn auch vorbeimarschierenden Rekruten hin und wieder Zigaretten und Nahrungsmittel zu.

Die Sowjetsoldaten waren aber nicht nur nackter Armut, sondern ebenso einer ungeheuren Brutalität ausgesetzt. In der „glorreichen Roten Armee“ wurde regelmäßig geschlagen, gefoltert und gemordet. Jede nur denkbare Schikane gehörte zum Alltag. So mancher Rekrut wurde zum Leibeigenen seines Vorgesetzen, und als Ausweg blieb für die Sensibleren unter ihnen oft nur der Selbstmord. Nicht all diese Mißstände drangen an die DDR-Öffentlichkeit, aber es gab genug Gelegenheiten, bei denen die Ostdeutschen zumindest eine Ahnung davon gewinnen konnten. In Eisenach wurde mir berichtet, daß sehr häufig neue sowjetische Rekruten, die nach wochenlanger Zugfahrt völlig erschlagen und ausgehungert am Bahnhof eintrafen, sofort ziellos die Flucht ergriffen. Unverzüglich wurde in solchen Fällen dann der ganze Stadtteil von bereitstehender Militärpolizei für alle Bürger abgesperrt und eine wilde Treibjagd auf die oder den Fahnenflüchtigen begann, bei der rücksichtsloser Gebrauch der Schußwaffe üblich war. Frisch erlegt wurden die Flüchtlinge, nicht selten an den entsetzten Zuschauern vorbei, zur Kompanie zurückgebracht.

Nicht minder schockierend fielen oft die Arbeitseinsätze im „Arbeiter- und Bauernparadies“ aus. Dem durchschnittlichen DDR-Bürger war, seit er denken konnte, eingetrichtert worden, welch leuchtendes Vorbild die Sowjetunion für die Welt sei. Als Brigadist konnte er aber nur feststellen, daß nichts von diesem heroisierenden Bild der Wirklichkeit entsprach. Was er stattdessen in der UdSSR entdeckte, ist schnell aufgezählt: bitterste Armut, bettelnde Kriegsversehrte und Behinderte, Obdachlose, unvorstellbare hygienische Verhältnisse, Schlendrian, Willkür und schlechtgelaunte Menschen. Für ostdeutsche Frauen, die von ihren eigenen Betrieben auch nicht gerade durch komfortable hygienische Einrichtungen verwöhnt waren, konnte die simple Verrichtung ihrer Notdurft in der Sowjetunion zum traumatischen Spießrutenlauf ausarten. Einige ehemalige Brigadistinnen, die die zweifelhafte Ehre hatten, in einem Sowjetbetrieb zu arbeiten, berichteten von Frauentoiletten, die aus offenen Bretterverhauen bestanden. Sie waren dort daher ständig den Blicken ihrer männlichen Kollegen ausgesetzt. Wer noch nicht ganz abgestumpft war, zog es unter diesen Umständen vor, die Hintermauern des Gebäudes oder andere geschütztere Fleckchen aufzusuchen.

Der Kontrast zwischen den realen Verhältnissen und den parteioffiziell geschilderten paradiesischen Zuständen im Vaterland der Werktätigen hätte krasser nicht sein können. Außer in den wenigen Vorzeigebetrieben war es um die betrieblich-technische Organisation, den Arbeitsablauf, die Zuverlässigkeit und die Einhaltung von Zusagen genauso bestellt wie um die beschriebenen hygienischen Verhältnisse. In den Augen tausender Brigadisten sank die ganze UdSSR auf die Stufe eines „unterentwickelten, unzivilisierten Sauhaufens“ herab.

Natürlich hätten sich für den erbärmlichen Zustand des Sowjet-Imperiums viele durchaus plausible Gründe anführen lassen. Die Crux bestand allerdings darin, daß die ganze Misere mit keinem Wort angesprochen werden durfte, geschweige denn zum Gegenstand öffentlicher Erörterung gemacht wurde. Anstatt zu versuchen, die real vorhandenen Probleme zu diskutieren und damit vielleicht, zumindest partiell, einsichtig zu machen, mußte sich jede Brigadistin und jeder Brigadist durch eine Unterschrift zum absoluten Stillschweigen verpflichten. Öffentliche Berichterstattung oder eine an die Stasi gelangte private „negative“ Schilderung hätte eine Anklage wegen Verunglimpfung, Sabotage, Untergrabung der sozialistischen Moral oder dergleichen nach sich ziehen können. Die Folgen blieben nicht aus: anstelle von Verständnis und Verständigung bestätigte und verstärkte sich das latent bereits vorhandene deutschnationale Überlegenheitsgefühl.

Diese Art von Gesamtpraxis in der DDR schuf, den offiziellen ideologischen Verlautbarungen zum Trotz, einen fruchtbaren Nährboden für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Es gehörte zur allgegenwärtigen Schizophrenie des DDR-Systems, daß der alltägliche, staatlich verwaltete Umgang mit Ausländern die Völkerverständigungs-Sprechblasen faktisch dementierte. Das realsozialistische Zwiedenken predigte einerseits Antirassismus und Internationalismus, parallel dazu aber propagierte und förderte es völlig konträre Ideologiemomente wie Patriotismus und Nationalismus. Dabei schreckte die SED in der Phase ihres Niedergangs auch nicht davor zurück, rassistische Hetze bewußt zu tolerieren, wo es ihr opportun erschien. Für viele DDR-Bürger haben die Polen (der Volksmund spricht von Pollacken) den Platz der Juden eingenommen. Sie stehen für Schmarotzer- und Wuchertum, Schacherei und Arbeitscheu – gelten schlicht als „minderrassig“.(41) Es ist kein Zufall, daß zahlreiche einschlägige Judenwitze in der DDR zu Polenwitzen umgereimt wurden. Diese Form deutschen Humors soll die SED Anfang der 80er Jahre sogar gezielt eingesetzt haben, um die aufkommende Solidarnoczbewegung in Polen zu diskreditieren. In halboffiziellen Medien häuften sich die Polenwitze, in denen die polnischen Arbeiter als asoziales Gesindel dargestellt wurden, die nur aus Faulheit streikten.

Die Austauschbarkeit von Polen- und Judenwitzen signalisiert allerdings auch, daß das nie thematisierte antijüdische Ressentiment keineswegs tatsächlich verschwunden ist. Seit Beginn des kapitalistischen Modernisierungsprozesses verkörpert „der Jude“ in Deutschland das Angst erregende Fremde. Während dieses Bild in der alten Bundesrepublik gebrochen fortexistierte, überdauerte in der DDR der antisemitische Bodensatz unbeschädigt die letzten 40 Jahre. In der Enge der kleindeutschen DDR ist der „Jude“ immer „der Andere“ geblieben. Bezeichnend ist, daß ich vor allem bei jüngeren Kursteilnehmern erhebliche Schwierigkeiten hatte, glaubwürdig zu vermitteln, daß nur der kleinere Teil der Juden in Europa vor dem zweiten Weltkrieg zur reichen Oberschicht gehörte. Für viele junge, im „Arbeiter- und Bauernstaat“ sozialisierte Erwachsene war es einfach kaum nachzuvollziehen, daß Juden sich genauso als Lohnarbeiter verdingen mußten wie die Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften und einmal einen integralen Teil der Arbeiterklasse in Deutschland und anderen europäischen Ländern bildeten.

Wie selbstverständlich das mosaische Bekenntnis in der DDR mit der israelischen Staatsbürgerschaft gleichgesetzt wird, konnte Ignaz Bubis bei einem Rostockbesuch sogar von einem hohen Regierungsvertreter erfahren. Dieser Fauxpas kostete dem Mann zwar den Sessel, dennoch spricht er Bände. In der West-CDU tummeln sich sicher genug Mandatsträger, die nicht anders denken; keiner von ihnen wäre allerdings so leichtfertig gewesen, seine Position derart unverblümt naiv auszuplaudern. Bei den westdeutschen Rechtspopulisten stehen viele Antisemiten bereit, die gleiche „Wahrheit“ einem kleinmütigen Deutschtum entgegenzuhalten: „Deutschsein“ und „Judesein“ sei zweierlei. Aber immerhin wüßten diese Herren allemal eins: Was sie sagen, ist eine Provokation. Im Osten dagegen treiben sich Menschen in Regierungsämtern herum, die solche Statements für schlichte Selbstverständlichkeiten halten, und die sich über den losbrechenden Entrüstungssturm ehrlich überrascht zeigen. Ihren Wählern dürfte es in der Mehrzahl kaum anders gehen.

Brüche

Die DDR war von Anbeginn an eine anachronistische Verstaltung. Die Installation des realsozialistischen Regimes fesselte den östlichen Teil eines hochentwickelten kapitalistischen Landes an eine dort eigentlich schon abgeschlossene Durchsetzungsphase des Systems der abstrakten Arbeit. Die Bewohner der SBZ waren zum historischen Nachsitzen verurteilt. Sie mußten nach der faschistischen Modernisierungsdiktatur auch noch die angesichts des erreichten Vergesellschaftungsniveaus vollkommen dysfunktionale realsozialistische Variante nachholender Entwicklung über sich ergehen lassen.(42) Dementsprechend rückten sie in der östlichen Abteilung der Arbeitsgesellschaft sehr schnell zum Musterknaben auf, im Vergleich zum Westen blieb die DDR jedoch hoffnungslos zurück.

Diese Konstellation hat ihre Spuren hinterlassen. Der DDR-Gesellschaft haftet quer durch alle Bevölkerungsschichten ein konservativer bis reaktionärer Grundzug an. Hier haben sich Strukturen und Mentalitäten erhalten, die im Westen seit dem Zweiten Weltkrieg, insbesondere aber seit 1968, aufgebrochen wurden. Wo in der alten BRD der blanke smarte Sachzwang regiert, hat die DDR bis zu ihrem Ende Autoritarismus und eine kleinbürgerlich-spießige Lebenseinstellung reproduziert.

Erleben und erleiden die Bewohner im Westen Deutschlands heute die Krise moderner Individualität und der entwickelten Arbeitsgesellschaft, so bricht mit der Vereinigungskatastrophe über die östlichen Landsleute gleich ein doppeltes Desaster herein. Der Zerfall der versteinerten östlichen Modernisierungsdiktatur fällt hier zusammen mit der krisenhaften Auflösung der westlichen Wohlstandsgesellschaft, die nicht mehr fähig ist, den Osten in die lahmende Akkumulationsmaschinerie zu integrieren. Vom Regen in die Traufe geraten, reagieren die Ostdeutschen hilflos und desorientiert. Der Westen gilt ihnen mittlerweile als Inbegriff von Egoismus, nacktem Geldinteresse, Kälte, Kriminalität und Unordnung; die lange gehegten westlich ausstaffierten Träume haben sich als Alpträume entpuppt. Als einziger Fluchtpunkt in diesem Klima allgemeiner Verunsicherung scheint sich die Neubesetzung des Deutschtums anzubieten. Wo die gemeinsame Grundlage der Welt-Arbeitsgesellschaft nicht erkannt wird, kann allein die Beschwörung des „Deutschen“ die Ablehnung des westlichen Kosmopolitismus und die Kritik an der realsozialistischen Vergangenheit miteinander verbinden. Als die „besseren Patrioten“ können die Ex-DDRler gleichzeitig ihren Anteil am westlichen Reichtum einklagen und sich der vaterlandslosen westlichen Raffgier überlegen dünken.

Die ausbleibende wirtschaftliche Konsolidierung könnte diese Tendenz verschärfen und zu einer fortschreitenden inneren Abkapslung vieler Ostdeutscher gegenüber dem Westen führen. Um die liebgewordenen Gewohnheiten und tiefverankerten Einstellungen herum könnte sich so etwas wie eine Neo-DDR-Identität konstituieren. Allerdings ist kaum anzunehmen, daß in näherer Zukunft hieraus eine eigenständige und starke anti-westliche Organisation oder Bewegung erwächst(43), schon allein deshalb, weil mit Ausnahme einiger Jugendgruppen und oppositioneller Kreise die Bevölkerung keine Erfahrungen mit Selbstorganisation gemacht hat. Die Politik-Abstinenz und die aus der Zeit der SED-Herrschaft überkommene Gewohnheit, im Staat das einzige politische Agens zu sehen, wirken nach und werden durch die akute Krise der westlichen Demokratie noch verstärkt. Unabhängig davon, welche Partei bei den nächsten Wahlen von dieser Stimmung kurzfristig profitieren mag, die zunehmende Wut und Enttäuschung und das wachsende Ohnmachtsgefühl im Osten Deutschlands könnten den Wunsch nach einem „starken Staat“ wieder Auftrieb verschaffen.

Doch selbst wenn sich immer mehr Ostdeutsche nach der alten Sicherheit zurücksehnen, die SED oder alles was danach riecht wollen sie nicht wiederhaben – auch dann nicht, wenn sich ihre Nachfolgeorganisation zu einer seichten, sozialstaatlich orientierten zweiten SPD mausert. Der einzige Beitrag, den die PDS für die Bestimmung einer neuen oppositionellen Strömung leisten könnte, wäre ihre Selbstauflösung. Ihre Adepten könnten eine Denk- und Verschnaufpause gut gebrauchen.

Der SED ist es gelungen, in 40 Jahren Sozialismus und Kommunismus im Osten Deutschlands vollkommen zu diskreditieren; Kohl und Waigel holen dies für die demokratische Marktwirtschaft im Eilverfahren nach. Eine neue systemoppositionelle Kraft wird nur dann dem aus dieser doppelten Demontage erwachsenden Neo-Nazismus erfolgreich entgegentreten können, wenn sie auf jede Form von Apologetik sowohl dem untergegangenen Realsozialismus wie der westlichen Demokratie gegenüber verzichtet.

Fußnoten

1) Wolfgang Pohrt, schon im Kampf gegen Saddam Hussein als Teufelsaustreiber bewährt, tut sich auch bei dieser Gegelegenheit besonders unangenehm hervor. Er bringt es fertig, über die Bürger der DDR herzuziehen und im gleichen Atemzug den SED-Staat als den, im Vergleich zur BRD, historisch besseren deutschen Teilstaat hochleben zu lassen. Offenbar begingen die Einheitssozialisten nur einen entscheidenden Fehler: sie haben sich das falsche Volk ausgesucht. Die antifaschistischen Sonntagsreden der Nomenklatura versöhnen Pohrt a posteriori mit der DDR-Wirklichkeit.

2) Maaz‘ Darstellung des empirischen Alltags in der DDR kann ich mich vorbehaltlos anschließen – jedenfalls soweit ich dies beurteilen kann. Drei Hauptkritikpunkte habe ich hingegen an dem psychoanalytischen Interpretationsansatz anzumelden: Zum einen fixiert sich Maaz sehr stark auf das gestörte Mutter-Kind-Verhältnis und auf das vom System zusätzlich verstärkte Gefühl des allgemeinen Mangels als Ursachen für die vorherrschenden Verhaltensweisen und Gefühlsstrukturen. Dabei bleibt er voll und ganz dem Ideal der bürgerlichen Kleinfamilie verhaftet, nach dem die Frau für Sinnlichkeit und Emotionalität im allgemeinen und für die Sorge um die Kinder im besonderen zuständig ist. Zum anderen schreibt er dem DDR-System Wirkungsweisen zu, die er für spezifisch sozialistische hält, die tatsächlich aber allgemein bürgerlicher Natur und daher auch im Westen anzutreffen sind. Drittens schließlich vertritt er – trotz aller vernichtenden Kritik an den DDR-Bürgern – nach wie vor einen affirmativen Volksbegriff.

3) Bemerkenswerterweise sieht man mehr Luther- als Müntzerdemkmäler, was damit zusammenhängen mag, daß sich die SED zunehmend bemühte, historisch mehr an die klassische bürgerliche Tradition anzuknüpfen und weniger an die revolutionäre. Dies hat unter anderem ja auch zu einer Renaissance der Friedrichforschung geführt, die mit dessen „Rehabilitierung“ endete.

4) Weber, Max, Protestantische Ethik I (S. 119), zit in Pflüger, Jörg: „Von Sinnen“ „Berufung im Neuen Zeitalter“, Managerdämmerung, Frankfurt a.M., 1990, S.47

5) vgl. ebenda (PE, S.128ff)

6) ebenda, S.48

7) ebenda, (PE, S.126) Damit leitet der Protestantismus auf breiter Front die Rationalisierung der Gefühlswelt ein und verlegt, wie Marx es einmal bemerkte, den Priester in das Individuum. Jeder ist sich selbst sein Priester, und entscheidende moralische Instanz. Ständige Beherrschung, Selbstkontrolle und Zuverlässigkeit werden zum obersten Gebot. Ein Menschentypus entsteht, der sich nicht nur von tradierten Herrschaftsformen und Bräuchen abzulösen beginnt, sondern zugleich seiner Umwelt im Rahmen „innerweltlicher Askese“ sachlich und mit einer unerbittlichen Neigung zur Effizienz entgegentritt.

8) ebenda

9) Spanien, das Land das als Synonym für die Heilige katholische Inquisition gelten kann, blieb von den Hexenverbrennungen bezeichnenderweise weitgehend vorschont. Nördlich der Alpen und jenseits des Ärmelkanals wurden dagegen die Scheiterhaufen nicht kalt.

10) Die spanischen und portugiesischen Eroberer begingen zwar auch unvorstellbare Greuel. Weil sie aber nicht zum Arbeiten, sondern zum „Arbeitenlassen“ gekommen waren, sorgten sie nie so restlos für tabula rasa wie ihre angelsächsischen Kontrahenten. Der erobernde Herr braucht seinen Diener, sobald er sich nicht auf Raub und Raubbau beschränkt. Vor den Augen der fanatischen Anhänger der protestantischen Arbeitsreligion hatten die überflüssigen, weil zum rationalen Arbeiten untauglichen Ureinwohner hingegen keinerlei Existenzberechtigung. Sie verschwanden denn auch fast restlos.

11) Lenin, zit. in Klein Peter, Moderne Demokratie und alte Arbeiterbewegung; Marxistische Kritik Nr. 5, Erlangen 1988, S.147

12) Auch schon vor dem Zusammenbruch der realsozialistischen Gesellschaften stagnierte der Vormarsch des Marxismus/Leninismus in den stärker industrialisierten Ländern, etwa Lateinamerikas. Dafür breiteten sich seuchenartig (von der westlichen Linken weitestgehend ignoriert) unzählige protestantische Sekten aus, die vor allem aus dem US-amerikanischen Raum stammten.

13) Ich habe persönlich einige degradierte und in den Alkoholismus getriebene Ingenieure kennengelernt, deren einziges „Verbrechen“ darin bestanden hatte, leichtfertigerweise den beständigen Aufrufen zu technischer Innovation und Einreichung von Verbesserungsvorschlägen Folge geleistet zu haben. Weil sie damit verschlafene Parteifunktionäre in die Bredouille brachten, wurden sie kaltgestellt. In anderen Fällen gaben Funktionäre Erfindungen von „Werktätigen“ als eigenes Verdienst aus. Urheber, die gegen diese Praxis aufmuckten, mußten erfahren, was eine solche Störung des Betriebsfriedens an Folgen nach sich zieht. Ein Verstoß gegen die Parteilinie ließ sich noch jedesmal konstruieren und nachweisen.

14) Maaz, Der Gefühlsstau, Berlin 1990, S.106

15) Wie gründlich die Realsozialisten in frühbürgerlichen und radikal-kleinbürgerlichen Bewußtseinsformen befangen blieben, läßt sich u.a. am inflationären Gebrauch des Substantivs „Held“ ablesen.

16) Landolf Scherzer: Fänger & Gefangene, Rudolstadt 1983, S.73

17) Die westlichen Gewerkschaften können ein Lied von den Schwierigkeiten singen, arbeitende Menschen für die Vertretung auch nur minimaler Eigeninteressen in Bewegung zu setzen.

18) Die ständige Aufforderung zur Arbeit und zur Normerfüllung von seiten der Funktionäre mußte zum Bumerang werden. Die vom Arbeitsethos beseelten Arbeiter führten die Ideologie gegen deren Propheten ins Feld und beklagten deren Arbeitsunwilligkeit. Die Funktionäre, so der DDR-Alltagsverstand, behinderten nur den reibungslosen, ungestörten Betriebsablauf. Nicht daß sie zuviel arbeiten mußten, sondern daß sie zuwenig arbeiten konnten, machte viele Arbeiter und Ingenieure mißmutig.

19) Die Affinität zur nationalsozialistischen „Problemlösung“ läßt sich nicht übersehen.

20) Vgl. Jürgen Fuchs, Rostock und die Schnürsenkel von Torgau, in, Frankfurter Rundschau, 18.9.92, S.16 und Hans-Joachim Maaz, Der Gefühlsstau, ein Psychogramm der DDR, München 1990. S.23 ff.

21) Der im Westen vielgefeierte Erfolg der chinesischen Sonderwirtschaftszonen beruht übrigens ebenfalls zu einem Gutteil auf der erbarmungslosen Auspressung von Sträflingen.

22) Dem historischen Postulat, die Hälfte des Besitzes abzugeben, sind natürlich auch die Katholiken nie nachgekommen. Aber trotz der alle Lebensäußerungen prägenden kapitalistischen Ordnung läßt sich noch heute in den katholisch dominierten Ländern eine größere Gastfreundschaft und mehr Freizügigkeit im Umgang mit dem Geld feststellen.

23) H.J.Maaz, a.a.O. S 37

24) H.J.Maaz, a.a.O. S. 34

25) Kirche im Sozialismus, in „Frankfurter Rundschau“ vom 21.1.93.

26) Kautsky, zit. in: Dietz Bering, Die Intellektuellen, S.164. Nach meinem Dafürhalten Pflichtlektüre, was die Intellektuellenproblematik angeht.

27) ebenda, S.156

28) ebenda, S.190

29) Ulbricht, zit. in: Hans-Joachim Vormann, Literatur der DDR, NDR-Bildungsprogramm/Manuskript.

30) ebenda, S. 48

31) ebenda, S. 45

32) ebenda, S. 16

33) ebenda, S. 69

34) ebenda, S. 93

35) G. Dimitroff: Die Offensive des Faschismus und die Aufgaben der Kommunistischen Internationale im Kampf für die Einheit der Arbeiterklasse gegen den Faschismus, in: Ausgewählte Schriften 1933 – 1945, S.97 ff.

36) Die Kommunisten machten offiziell das international operierende Kapital für den Faschismus verantwortlich (was ein stilles Einverständnis mit dem national orientierten Kapital impliziert). Schon damals spukte allerdings die Idee einer jüdischen Weltverschwörung auch durch Kommunistenköpfe. Heute ist diese Vorstellung bei den Antiimperialisten und ML-Parteien der „3.Welt“ fast schon konsensfähig.

37) Im Zuge der für den antifaschistischen Kampf von Stalin verordneten Volksfrontpolitik wurde das nicht zur Arbeiterklasse gehörende Restvolk zu deren „natürlichem“ Verbündeten umdefiniert und damit politideologisch ins demokratische, antifaschistische, im Grunde schon anti-kapitalistische Lager verfrachtet.

38) Vgl. Pätzold, Kurt: „Antifaschismus und NS-Geschichte“, Konkret 11/92, S.52

39) Marxistisch-Leninistisches Wörterbuch der Philosophie, Reinbeck bei Hamburg 1983, S. 403

40) Das soll übrigens nicht heißen, daß jede Person, die Momente rassistischen Bewußtseins transportiert, als Neo-Nazi bezeichnet werden muß. Auch gute Demokraten hantieren ohne weiteres mit rassistischem Gedankengut – meist ohne dies zu bemerken. Moderne Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Biologismus wurzeln in der Abstraktifizierung der zwischenmenschlichen Beziehungen und der Individuation, die ihrerseits Resultat der fortschreitenden Unterwerfung der Menschen unter die Logik von Wert, Ware und Nationalstaatlichkeit sind. Gleichheit, Nation und Arbeit – Ausdruck des bürgerlichen Vergesellschaftungsprozesses – setzen logisch die Ausgrenzung all jener, die in diesen Kategorien nicht aufgehen können oder sollen. Insofern produziert jede bürgerlich verfaßte Gesellschaft strukturell rassistische und biologistische Bewußtseinshaltungen. Im Verlauf tiefergehender gesellschaftlicher Umbrüche und Erschütterungen können sich diese zu einer radikalen politischen Ideologie synthetisieren. Die ehemalige DDR bildet da keine Ausnahme. In diesem Aufsatz geht es aber im wesentlichen darum, die über diese der bürgerlichen Form als solcher immanenten Aspekte hinausgehenden Besonderheiten der SED-Diktatur zu beleuchten.

41) Ich machte recht häufig die Erfahrung, daß DDRler von sich behaupteten, in keinster Weise etwas gegen Juden zu haben, im gleichen Gespräch aber über die Polen in genau der Weise herzogen, wie Antisemiten dies über Juden zu tun pflegen. Daher wundert es mich gar nicht, wenn bei Umfragen unsere ostdeutschen Mitbürger weniger anti-semitisch eingestellt zu sein scheinen als die Westdeutschen. Würde man die gleichen statistischen Fragen auf Polen bezogen stellen, käme ein gehöriger „Polen-Antisemitismus“ heraus.

42) Ähnliches gilt übrigens für die Tschechoslowakei. Auch dort war die realsozialistische Herrschaft von vornherein ein Anachronismus.

43) Das steht am ehesten dann zu erwarten, wenn sich im Westen eine starke Anti-Ossi-Stimmung breit machen sollte.