31.12.1994  Beitrag drucken

Die Arbeit hoch? — Kapitel 2

Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Postfordismus

Inhaltsverzeichnis

2. Die Krise des Fordismus und das endgültige „Zur Ware Werden“ der Bildung

Wenn ein Hungernder stiehlt, brauche ich keine Psychologie. Ich benötige Psychologie, schließlich auch Massenpsychologie, um zu erklären, warum ein Hungernder nicht stiehlt, warum die Menschen an der unmittelbaren Wahrnehmung ihrer Interessen von unsichtbaren inneren Barrieren gehindert werden. — Wilhelm Reich

In den sozialwissenschaftlichen Analysen herrscht heute weitgehend Einigkeit darüber, daß sich jene – in der neueren diesbezüglichen Literatur pointiert als „Fordismus“ bezeichnete1 – „ökonomisch-gesellschaftliche Formation“, die sich in den USA im Gefolge der Weltwirtschaftskrise ab den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts und in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg herausgebildet hat, in der Anfangsphase einer tiefgreifenden und grundsätzlichen Veränderung befindet. Dieser Veränderungsprozeß wirft zwar schon seit den siebziger Jahren deutliche Schatten voraus, aber erst seit Mitte der neunziger Jahre sind die Indikatoren des Wandels unübersehbar. Die gegenwärtigen Veränderungen politischer, ökonomischer und technischer Natur sind so umfassend, daß für die meisten Menschen der Sinn für Tempo, Ausmaß und vor allem Zusammenhang der verschiedenen Aspekte des Wandels kaum mehr herstellbar sind. Die fordistische Ausprägungsform der kapitalistischen Gesellschaft, die seit mehr als einem halben Jahrhundert das Leben und die Arbeitsbedingungen der Menschen in der industrialisierten Welt geprägt hat, scheint insgesamt am Ende ihrer geschichtlichen Epoche angelangt zu sein. Ihre tragenden Säulen, tayloristische Arbeitsorganisation, permanente Steigerung der Arbeitsproduktivität, Massenproduktion von Konsumgütern und immer rascherer Warenumlauf durch die Ankurbelung des Massenkonsums, beginnen heute rasant brüchig zu werden.

Der Begriff „Fordismus“, der sich in der sozialwissenschaftlichen Literatur erst in den letzten Jahren als Bezeichnung für die von etwa 1920 bis 1980 dauernde Phase der modernen Warenproduktion eingebürgert hat, knüpft an historische Wurzeln an. Er verweist auf die zentrale Symbolfigur der modernen Industrieproduktion, den Automobilbauer Henry Ford. In der kurzen Spanne zwischen 1903 und 1926 war es diesem gelungen – auf der Basis eines für damalige Verhältnisse revolutionären Fertigungs- und Vermarktungskonzepts -, seinen vormals unbedeutenden Betrieb mit acht Beschäftigten zu einem Konzern, bestehend aus 88 Fabriken mit 600 000 Beschäftigten und einem Produktionsvolumen von zwei Millionen Automobilen pro Jahr, auszubauen. Nicht nur dieser wirtschaftliche Erfolg, auch die vergleichsweise hohen Löhne und der Achtstundentag in den Fordschen Fabriken sowie die „Demokratisierung“ des Automobils durch den Verbilligungseffekt der Serienfertigung führten in der Folge sowohl bei Befürwortern als auch bei Kritikern der kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsformation zu geradezu euphorischen Auseinandersetzungen mit dem „Fordismus“2.

Die gegenwärtige Neuaufnahme des Begriffs „Fordismus“ trägt der Tatsache Rechnung, „daß das in den Fordschen Fabriken realisierte produktionsorganisatorische Konzept mit dem sozialen und ökonomischen Umfeld, das es erforderte, im Kern die Struktur der Formation enthielt, die der Kapitalismus in den Jahrzehnten um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts weltweit ausgeprägt hatte“3. Weit über den Automobilbau hinaus wurde mit dem fordistischen Konzept das Modell der laufenden Produktionserhöhung durch eine permanente Ankurbelung des Massenverbrauchs auch in Bereichen möglich, die bis dahin dem betriebswirtschaftlichen Verwertungskalkül kaum zugänglich waren. Die neuen Massenindustrien schufen damit die Grundlage für eine in der bisherigen Geschichte des Kapitalismus beispiellose Kapitalakkumulation sowie für ein neues „Gesellschaftsmodell“, das sich in tiefgreifenden Veränderungen der Lebensweise der Bevölkerungsmehrheit zum einen, im Sinne einer „Totalisierung der abstrakten Arbeit“, und zum anderen einem Massenwohlstand, in Form einer „kompensatorischen, standardisierten „Freizeitkultur““4 artikulierte. Insgesamt dient der Begriff „Fordismus“ somit als Synonym für die, auf dem Prinzip der Produktion von immer mehr Gütern durch die Vernutzung immer größerer Arbeitskraftmengen beruhende und etwa seit Beginn der achtziger Jahre zu Ende gehende Prosperitätsphase des Kapitalismus.

Derzeit stellen stagnierende Wachstumsraten sowie anhaltend hohe und vielfach noch steigende Arbeitslosenzahlen in fast allen OECD-Ländern die augenfälligsten Signale der Wirtschaftsentwicklung dar. Der fordistische Kapitalismus scheint just in der Epoche seines historischen „Sieges“ über die „realsozialistische Konkurrenz“ an seine immanenten Grenzen gestoßen zu sein. Zunehmend müssen wir heute zur Kenntnis nehmen, daß sich die ökonomisch-gesellschaftliche Formation der industrialisierten Welt in einer so tiefen und existentiellen Krise befindet, daß eine wachsende Anzahl kritischer Analytiker dieses Systems sogar überzeugt ist, daß wir uns derzeit in der Anfangsphase eines totalen Systemkollaps befinden.5 Die Krise des Fordismus hat ihre Wurzeln primär in einem weltweiten, völligem Aus-dem-Gleichgewicht-Geraten von Produktivität, Arbeitskräftebedarf und Konsum und hängt zum Teil auch damit zusammen, daß die bisherige hemmungslose Ausbeutung der Natur und ihre Zerstörung als Nebeneffekt der industriellen Produktion nun langsam beginnt, wirtschaftlich kontraproduktiv zu wirken. Die Kombination von Marktkräften und staatlicher Regulierung, die in der Nachkriegszeit – mehr oder weniger ausgeprägt – in allen Industrieländern etabliert worden war und zu einer einzigartigen Aufschwungsphase, begleitet von einer permanent steigenden Massennachfrage nach Waren und Dienstleistungen, geführt hat, stößt in dieser Situation zunehmend an ihre Grenzen. Verstärkt wurde die krisenhafte Entwicklung in den letzten Jahren – zumindest für Europa – noch durch einen gewaltigen Strukturbruch, bedingt durch das „In-den-Markt-Treten“ der ehemaligen Ostblockländer6.

Trotz des vor wenigen Jahren euphorisch proklamierten Sieges der (sozialstaatlich gezähmten) Marktwirtschaft ist derzeit nicht einmal mehr sicher, daß die Ausweitung dieses Systems auf den ehemaligen „Ostblock“ für die Betroffenen jemals die erhofften Vorteile zu bringen imstande sein wird.7 Daß für die „Nicht-Industrieländer“8 irgendwann ein „euro-amerikanischer Lebensstandard“9 möglich werden könne, glaubt heute sowieso kaum jemand mehr. Die Vorstellung von der Angleichung des Lebensstandards der „unterentwickelten“ Länder an den der industrialisierten Welt hat sich als absurd herausgestellt – der Traum vom „universellen Warenparadies“ ist ausgeträumt. Heute, wo über Satellit und fast eine Milliarde Fernsehschirme nahezu alle Menschen dieser Erde – bis ins kleinste asiatische und afrikanische Dorf – permanent mit der Vorstellung vom Glück durch materiellen Wohlstand genährt werden, ist diese Verheißung längst an ihre Grenzen gestoßen.10 Die diesbezüglichen Versprechungen des seinerzeitigen amerikanischen Präsidenen Harry Truman, der noch vor wenig mehr als vierzig Jahren von einer „wesentlichen Verbesserung des Lebensstandards“ in den „unterentwickelten Ländern“ durch die „Hebung der Industrieproduktion“11 – also durch eine Entwicklung für alle nach westlichem Vorbild – sprach, erweisen sich als völlig uneinlösbar. Heute wird der Alltag der benachteiligten drei Fünftel der Menschheit ganz sicher nicht durch Aufstieg und Wohlstand, sondern immer mehr von Elend, Hunger, ökologischer Zerstörung und kultureller Degeneration bestimmt.

Aber auch die Menschen der „fordistischen Kernländer“ in Westeuropa, Nordamerika und Japan werden derzeit recht unsanft aus dem Traum vom gesicherten Leben in ständig steigendem Wohlstand gerissen. Der rasche Verfall ganzer Regionen zu „Industriefriedhöfen“, regelmäßige Meldungen über Industriezusammenbrüche und Massenentlassungen, relativ hohe Arbeitslosenraten, ungünstige Konjunkturwerte sowie häufige Hinweise auf die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Verschärfung dieser Situation signalisieren einen Bruch in der wirtschaftlichen Entwicklung der Nachkriegszeit, der verschiedentlich Erinnerungen an die Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre aufkommen läßt. Wenn nicht alle Zeichen trügen, scheint jene Zeit, in der man sich auf den bisherigen, „kalkulierbaren“ Zyklus von Konjunktur und Rezession einstellen und nach vorübergehenden mageren wieder mit fetten Jahren des Wachstums und der Vollbeschäftigung rechnen konnte, bis auf weiteres vorbei zu sein. Manche Wirtschaftsforscher sprechen heute auch tatsächlich recht unverblümt von einer „Wiederholung der dreißiger Jahre“ und davon, daß in den Industriestaaten in den nächsten Jahren mit anhaltend hohen Dauerarbeitslosenraten gerechnet werden muß, sich die Bewohner dieser Länder mit einem „Wohlstandsabbau“ abfinden müßten und von den Arbeitnehmern „künftig mehr Leistung zu gleichen Löhnen“ gefordert werden würde.12 Die ökonomisch-gesellschaftliche Formation Kapitalismus hat offensichtlich jene Fähigkeit verloren, die ihr in der fordistischen Variante zu einer zunehmenden allgemeinen Akzeptanz und zugleich auch zur Attraktivität bei jenen Menschen verholfen hatte, die im seinerzeitigen „Konkurrenzsystem“, in den Ländern des sogenannten „realen Sozialismus“, leben mußten: Die erfolgreiche Koppelung der Unterordnung der Bevölkerungsmehrheit unter das Lohnarbeitsdiktat mit der Möglichkeit des „Konsums für alle“.

Während in den vorkapitalistischen Gesellschaftsformationen ja noch kein allgemeines Motiv existiert hatte, das imstande gewesen wäre, eine kontinuierliche Produktivkraftentwicklung zu bewirken, setzte der Kapitalismus, durch die Freisetzung der Konkurrenz als gesellschaftliches Grundprinzip, eine diesbezüglich unbändige Triebkraft frei. Die sukzessive Durchdringung der Gesellschaft durch das Konkurrenzprinzip stellte die grundlegende Voraussetzung für jenen technologischen und arbeitsorganisatorischen Entwicklungsschub dar, der – nach dem Ende der Phase der „Großen Depression“, etwa ab der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert – zu einem rasant wachsenden Arbeitskräftebedarf in der industriellen Produktion führte und schließlich die Grundlage für Massenbeschäftigung und zunehmenden Massenwohlstand in der Spätphase des Kapitalismus – dem Fordismus – lieferte. Diese historische Leistung des fordistischen Kapitalismus, verbunden mit der Steigerung der Produktivität, einen gewaltigen Bedarf an lebendiger Arbeitskraft in Gang zu setzen, kehrt sich heute allerdings in ihr Gegenteil um. Denn etwa ein halbes Jahrhundert nach der „Erfindung des Fließbands“ brachte der nächste große Technologieschub in der konkurrenzgepeitschten Produktivkraftentwicklung die Möglichkeit, lebendige Arbeitskraft in immer größeren Bereichen der Produktion durch elektronisch-mechanische Aggregate zu ersetzen. Die Massenproduktion funktioniert nun zunehmend auch ohne den Massenarbeiter – der Kapitalismus büßt immer mehr seiner „Ausbeutungsfähigkeit“ ein.

Für den radikalen Kritiker und „Untergangsvisionär“ des Kapitalismus, Karl Marx, lag genau in der gesellschaftlichen Freisetzung der Konkurrenz das positive, fortschrittliche Moment und die „zivilisatorische Mission des Kapitals“. Im Gegensatz zur damals in der Arbeiterbewegung verbreiteten moralischen Kritik an der Konkurrenz ist sie für Marx historisch unumgänglich, um den Prozeß menschlicher Emanzipation von den bloßen Naturgrundlagen und von der Arbeit als Leid „im Schweiße des Angesichts“ einleiten zu können.13 Im gesellschaftlichen Mechanismus der Konkurrenz als „stummer Zwang“ des warenproduzierenden Systems – entstanden und wirkend „hinter dem Rücken“ der Subjekte – identifizierte er jene Triebkraft, die in der Lage ist, die Entwicklung der Produktivkräfte explosionsartig voranzutreiben14. Rückblickend kann heute festgestellt werden, daß das gesellschaftliche Konkurrenzprinzip, im vergleichsweise winzigen historischen Zeitraum von knapp zweihundert Jahren, tatsächlich eine wahrscheinlich größere Steigerung der Produktivität bewirkt hat, als die gesamte vorherige Geschichte den Menschen gebracht hatte. Die Grundlage für eine umfassende Befriedigung der Bedürfnisse bei gleichzeitiger tendentieller Befreiung der Menschheit vom „Joch der Arbeit“ wurde damit gelegt. Allerdings verhindert genau das kapitalistische Konkurrenzprinzip als die wesentliche Dimension der gesellschaftlichen Regulierung zugleich auch wieder, daß der Erfolg dieser gewaltigen Produktivitätssteigerung sich automatisch und problemlos als eine Verringerung der Arbeitsbelastung für alle auswirkt.

Das konkurrenzgesteuerte warenproduzierende System bewegt sich – indem es „bloß“ seinen immanenten Gesetzmäßigkeiten folgt – unaufhaltsam auf die Zerstörung seiner wesentlichen Grundlage, der Lohnarbeit (und damit gleichzeitig des im Fordismus erreichten fragilen Gleichgewichts von Massenproduktion und Massenkonsum, bzw. des relativ funktionierenden Zusammenspiels von Lohn, Preis und Profit), hin.15 Der durch den Konkurrenzdruck erzeugte, unerbittliche Zwang zu immer neuen Produktivitäts- und Verwissenschaftlichungsschüben, macht menschliche Arbeitskraft zunehmend ersetzbar. Allerdings tritt die sukzessive „Abschaffung der Arbeit“ unter den Bedingungen des warenproduzierenden Systems in keiner Weise als glückhafte Erscheinung zutage, sondern immer nur in ihrer negativen Form, als Krise (als Ansteigen der Arbeitslosigkeit, Sinken der Kaufkraft und damit Absatzschwierigkeiten). Solange noch Wirtschaftswachstum – „Mehrwertproduktion“ in einem anderen Wirtschaftsbereich – möglich ist, kann der „Verlust“ an Lohnarbeitsplätzen durch das „Schaffen“ neuer, bezahlter Arbeit oder durch Arbeitszeitverkürzungen kompensiert werden, die Krise bleibt temporär. Da Wachstum aber naturgemäß irgendwann an Grenzen stoßen muß, bewegt sich die kapitalistische Weltgesellschaft immer schon auf ihre Existenzkrise zu, auf jenen Punkt ihrer Entwicklung, an den sie selbst sich die arbeitsgesellschaftliche Basis ihres Funktionierens entzieht.

Die „elektronische Revolution“, verbunden mit den damit möglich gewordenen tiefgreifenden Veränderungen der Arbeitsorganisation, stellt offensichtlich einen wesentlichen Schritt in der skizzierten Entwicklung dar. Das erst am Beginn seiner Umsetzung stehende Produktivitätspotential der Informations- und Kommunikationstechnologien macht die Herstellung wachsender Warenmengen sowie die Bewältigung immer größerer Anteile der verwalterischen Tätigkeiten mit zunehmend weniger menschlicher Arbeitskraft möglich16. Zugleich erlaubt der wirtschaftliche Konkurrenzkampf, der sich längst nicht mehr nur innerhalb von regionalen und nationalen Grenzen abspielt, allerdings immer weniger, die Substitutionseffekte moderner Produktions- und Verwaltungstechnologien durch – national erkämpfte – Arbeitszeitverkürzungen abzufangen. Ganz im Gegenteil, heute werden, bei der Suche nach Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Wirtschaft, sogar immer häufiger soziale Errungenschaften und ArbeitnehmerInnenrechte – einschließlich der „zu arbeitnehmerfreundlichen“ Arbeitszeitregelungen – zur Disposition gestellt. Selbst in den industriellen Kernländern wird damit genau das immer schwerer möglich, was den seinerzeitigen Durchbruch des fordistischen Kapitalismus in diesen Ländern bewirkt hat; nämlich die gleichzeitige Eingliederung nahezu aller Arbeitswilligen in die Arbeitsprozesse und die Möglichkeit, diese durch einen entsprechend hohen Lohn – wieder ermöglicht durch die fortlaufende Steigerung der Produktivität und das Wecken ständig neuer Bedürfnisse (die permanente „Ausweitung der inneren Märkte“) – auch zu Konsumenten der von ihnen produzierten Artikel zu machen.

Das dadurch ausgelöste Anwachsen der Arbeitslosigkeit in faktisch allen Industriestaaten sowie das Einfrieren und die teilweise Rücknahme sozialer Errungenschaften wirken sich allerdings durchaus nicht als eine für alle Gesellschaftsmitglieder in gleichem Maß gegebene Verschlechterung des Lebensstandards aus. Ganz im Gegenteil verteilen sich die Lasten der „Fordismuskrise“ äußerst ungleich, und es läßt sich derzeit eine daraus folgende, deutliche Verschärfung des Gegensatzes von Arm und Reich in den verschiedenen Ländern beobachten. Auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens kommt es zu einer Vertiefung der sozialen Unterschiede.17 Diese Polarisierung ergibt sich jedoch nicht nur aus der Aufspaltung in Arbeitsplatzbesitzer und Arbeitslose, auch bei den Einkommen und bei der Qualität und Sicherheit der Arbeitsplätze läßt sich ein zunehmendes Auseinanderdriften der sozialen Gruppen feststellen. Die Gruppe jener Menschen, die schlecht bezahlte Jobs annehmen müssen und permanent in Gefahr sind, in die Arbeitslosigkeit abgedrängt zu werden, wächst derzeit genauso an wie die Zahl derjenigen, die bereits unmittelbar von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Die Folge ist ein immer hektischerer Wettlauf darum, nicht zu den Verlierern im allgemeinen Konkurrenzkampf um die attraktiven gesellschaftlichen Positionen zu gehören, verbunden mit deutlich anwachsenden Entsolidarisierungseffekten. Obwohl die „Zwei-Drittel-Gesellschaft“ in den meisten Industrieländern längst statistisch nachweisbare Realität ist, wird fast nirgends über Schritte zur Veränderung dieses untragbaren Zustands diskutiert, sondern primär darüber, wieweit die Deprivierten an ihrer Situation denn nicht selber schuld und ob die sozialen Netze nicht zu eng geknüpft seine und dadurch zur mißbräuchlichen Inanspruchnahme verführten.

Aber nicht nur die Tatsache, daß der Kapitalismus, durch den ihm innewohnenden Antrieb zur fortschreitenden Produktivkraftentwicklung, sich selbst seines ursprünglich unersättlichen Vermögens zur Vernutzung immer größerer Arbeitskraftmengen beraubt hat, scheint den Fordismus in die Nähe seines „Verfallsdatums“ geführt zu haben. Ein Aufrechterhalten der fordistischen Gesellschaftsformation oder gar eine Ausweitung dieses Systems auf die bisher nicht industrialisierten Länder wird auch deshalb unmöglich, da das mit permanentem Wachstum untrennbar verbundene Prinzip der hemmungslosen Ausbeutung aller Ressourcen immer unbewältigbarere ökologische Probleme nach sich zieht. Eine der entscheidenden Grundlagen der fordistischen Prosperität war die leichte Verfügbarkeit über billige Rohstoffe und Energien sowie die nahezu uneingeschränkte Möglichkeit, die Naturgrundlagen der Produktion quasi als „Gratisproduktivkraft“ auszubeuten. Heute ist der daraus resultierende Prozeß der tendentiellen Zerstörung der Natur, den Karl Marx, am Beispiel der Industrialisierung der Vereinigten Staaten, bereits Ende des neunzehnten Jahrhunderts aufgezeigt und – neben der hemmungslosen Ausbeutung lebendiger Arbeitskraft – als ein grundsätzliches Phänomen der kapitalistischen Produktion beschrieben hat18, für jedermann bereits unmittelbar erkennbare Realität geworden. Es läßt sich kaum mehr übersehen, daß der Kapitalismus – ganz besonders in seiner auf Massenproduktion und Massenkonsum aufbauenden fordistischen Variante – die Tendenz hat, fortschreitend wachsende Rohstoff- und Energieprobleme sowie ökologische Zerstörungen auf progressiver Stufenleiter zu produzieren.

Immer offensichtlicher wird, daß die gewaltigen Produktivitätszuwächse der letzten Jahrzehnte nur auf der Basis des schrankenlosen Raubbaus und der systematischen Zerstörung der Naturgrundlagen unserer Existenz erzielbar waren. Die brutale Ausbeutung der Arbeitenden, die den Frühkapitalismus gekennzeichnet hatte, war in weiterer Folge bloß abgelöst worden von einer ebensolchen Ausbeutung und Verstümmelung der Natur. Mit jenen heute aus ökologischen Notwendigkeiten eingeforderten „Grenzen des Wachstums“ (Dennis Meadows) sind damit aber auch die Grenzen des, auf permanente Ausweitung von Warenkonsum, Warenumlauf, sowie der ununterbrochenen Steigerung der Produktivität programmierten fordistischen Kapitalismusmodells erreicht. Denn die Natur- und Umweltzerstörung hat inzwischen Dimensionen angenommen, die immer häufiger regulierende staatliche Eingriffe in Produktion und Konsum zwingend erforderlich machen. Dadurch wird aber eine – von André Gorz als „destruktives Wachstum“ bezeichnete19 systemparalysierende ökonomische Dynamik in Gang gesetzt. Ein zunehmendes Quantum des Sozialprodukts kann nicht in den Prozeß der permanenten Bedürfnisweckung und -befriedigung einfließen, sondern muß zum Zweck der Kompensation von Zerstörungen abgezweigt werden. Die Kosten des quantitativen Wachstums beginnen heute deutlich seinen Nutzen zu schmälern20. Daraus folgen die zunehmende Notwendigkeit einer Veränderung der Produktions- und Konsumstandards sowie neue gesellschaftliche Verteilungskämpfe und Konflikte.

Heute ist das Gleichgewicht des Ökosystems Erde bereits so fundamental gestört, daß die Folgen sowie die Möglichkeiten der Schadensbegrenzung längst schon nicht mehr abschätzbar sind. Treibhauseffekt und Klimaveränderung, die Gefährdung der stratosphärischen Ozonschicht, die Übersäuerung von Boden- und Wasserressourcen, das Waldsterben und die Bodenverschlechterung sowie schließlich eine allgemeine Verschmutzung und Vergiftung der Umwelt durch Chemikalien sind die Stichwörter für jene ökologischen Probleme, die in der Zwischenzeit zu Elementen der Alltagsdiskussion geworden sind. Im selben Maß, in dem offensichtlich wird, daß die derzeitige Form der Ressourcenvergeudung und der Umweltzerstörung in den industrialisierten Ländern, die ja nichts anderes als die Kehrseite dessen darstellt, was wir gemeinhin unter einem anstrebenswerten, angenehmen Leben verstehen, nur um den Preis des allgemeinen Untergangs fortzuführen wäre, beginnen sich auch die Konturen eines neuen gesellschaftlichen Verteilungskampfes abzuzeichnen. Wer und wie viele Menschen dürfen weiterhin „angenehm“ auf Kosten ihrer Mitwelt leben? Zunehmend läßt sich abschätzen, daß mit dem fast weltweiten „Sieg des Kapitalismus“ nicht ein harmonisches, konfliktfreies Leben für alle, im Sinne jenes vom nordamerikanischen Philosophen Francis Fukuyama 1989 euphorisch proklamierten „Ende der Geschichte“ angebrochen ist, sondern für die unmittelbare Zukunft eher ein brutaler Kampf um die Vorteile des energievergeudenden und umweltzerstörerischen „Wohlstands“ zu erwarten ist.

Zusammenfassend können die Ursachen für die Existenzkrise und tendenzielle Auflösung der fordistischen Gesellschaftsformation also darin gesehen werden, daß die ihr zugrunde liegende Struktur der Mehrwertproduktion – tayloristische Massenproduktion auf der Basis einer Ausdehnung des „inneren Marktes“ sowie einer schrankenlosen Ausbeutung der Naturressourcen – zunehmend nicht mehr geeignet ist, Quelle stabiler oder sogar steigender Profitraten zu sein. Die „Fordismuskrise“, als das Aus-dem-Tritt-Geraten des fast ein halbes Jahrhundert lang profitabel funktionierenden Zusammenspiels von Massenproduktion, Massenbeschäftigung und Massenkonsum, bedeutet eine dramatische Zäsur in der Geschichte des Kapitalismus und wird dementsprechend auch begleitet von tiefgreifenden gesellschaftlichen Brüchen. Oskar Negt spricht in diesem Zusammenhang von „einer die Gesamtgesellschaft erfassenden und bis in ihre Poren eindringenden Entmischung des vorher selbstverständlich Zusammengehörigen“21. Die von ihm als „Erosionskrise“ bezeichnete aktuelle Erschütterung des gesellschaftlichen Gefüges von Arbeit und Leben führt dazu, daß über lange Zeit tradierte und gesellschaftsstabilisierende Einstellungen, Wertsysteme, Erziehungsmuster, politische Regulationsmechanismen und Organisationsformen von Interessen heute massiv in Frage gestellt werden.

Die Tatsache, daß – ganz der Logik der kapitalistischen Krisenbewältigung folgend – Konkurrenz heute auf allen Ebenen des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Geschehens verstärkt in den Vordergrund tritt, läßt auch wieder ganz massiv das sozialdarwinistische Leistungsverständnis der vor-fordistischen Ära des Kapitalismus aufleben. Ganz in diesem Sinn kann zum Beispiel in allen industrialisierten Ländern heute festgestellt werden, daß die in den letzten Jahrzehnten überwiegend und zunehmend akzeptierten „egalitären politischen Entwürfe“ derzeit mehr und mehr in Verruf geraten und dagegen individuelle „Leistung“ sowie robustes „soziales Durchsetzungsvermögen“ wieder zu allgemein akzeptierten gesellschaftlichen Leitbildern werden. Auch der „politische Keynesianismus sozialdemokratischer Prägung“ hat weithin liberalen Marktideologien Platz gemacht, und allenthalben wird heute laut über die Reduzierung sozialer Errungenschaften nachgedacht. Generell haben zentrale Wertmuster und Gesellschaftsbilder der sechziger, siebziger und zum Teil auch noch der achtziger Jahre – die auf materielles Wachstum gestützte, durch politische Maßnahmen initiierte Emanzipation gesellschaftlich Benachteiligter, der Glaube an den gesellschaftlichen Fortschritt, überhaupt die Vorstellung von der politischen Machbarkeit der Lebensverhältnisse – in letzter Zeit rasch an Bedeutung verloren. Die Faszination des bürokratisch verwalteten, durch technischen Fortschritt ermöglichten und korporativ regulierten Marschs in eine Zukunft, in der es allen besser geht, ist heute weitgehend passé22 – statt dessen etabliert sich zunehmend der „Sachzwang Markt“ im allgemeinen Bewußtsein als geeignetes Regulativ auch für außerökonomische Probleme und Aufgaben.

Der allgemeine Glaube an die wirtschaftliche Prosperität als Problemlöser läßt unter den Begleitumständen von Krise und Arbeitslosigkeit die in den vorigen Jahrzehnten etablierten korporativen Konfliktlösungsmechanismen zunehmend stumpf erscheinen. Zugleich bewirkt diese Situation auch einen sukzessiven Vertrauensverlust in die traditionellen Arbeitnehmerorganisationen, Gewerkschaften und traditionellen sozialdemokratischen Parteien, die ja schon längst keine systemkritischen Vorstellungen mehr propagieren, sondern eine Besserstellung ihres Klientels im Rahmen und unter Ausnützung des gegebenen wirtschaftlich-gesellschaftlichen Systems anstreben. Die Verunsicherung großer Bevölkerungsgruppen, daß die fast ein halbes Jahrhundert gut funktionierenden Muster des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritts nun nicht mehr so recht greifen wollen, verschafft rechtspopulistischen Lösungsansätzen massiven Auftrieb. Dabei beherrschen primär die zwei Vorstellungen die Szene, das Konkurrenzprinzip am Arbeitsmarkt durch das Ausgrenzen ausländischer Arbeitnehmer abzuschwächen sowie mit mehr Härte gegen angeblich zu wenig leistungswillige Gesellschaftsmitglieder vorzugehen. Nicht zufällig wird von extremen Verfechtern solcher „Lösungen“ meist auch gleich die bürgerliche Demokratie, die ihre unbestrittene Bedeutung ja erst unter den Bedingungen des fordistischen Kapitalismus erlangt hat in Frage gestellt.

Gewinn und Wachstum galten seit Jahrzehnten als Wege zu einem Glück, von dem heute eine wachsende Zahl von Menschen ernüchtert feststellen muß, daß es in immer weitere Ferne rückt. Die unübersehbar voranschreitende Zerstörung der Umwelt und die wachsende Bedrohung, arbeitslos zu werden, läßt die Ängste in der Gesellschaft massiv wuchern. Diese Ängste stellen den idealen Nährboden für Populismus, Nationalismus, Rechtsextremismus und Gewalt dar. Verunsicherung und Angst sind heute auch zunehmend häufig das Motiv, fallweise laut über die Lösungskapazität der Demokratie nachzudenken. Relativ oft werden derzeit auch von Personen, denen eine verstärkte Berücksichtigung ökologischer Prämissen ein Anliegen ist, Zweifel daran geäußert, daß die Demokratie in ihrer gegebenen Form geeignet ist, die diesbezüglich drängenden Zeitprobleme zu lösen. So glauben beispielsweise die Autoren des Berichts des Club of Rome 1991, trotz eines an anderen Stellen herausgestrichenen grundsätzlichen Bekenntnisses zur Demokratie, in ihrer Publikation nicht ohne die Bemerkung auskommen zu können, daß die Demokratie „kein Patentrezept“ ist, und „in ihrer heute praktizierten Form für die vor uns liegenden Probleme nicht mehr besonders gut geeignet“ scheint23. Die Krise der fordistisch-kapitalisitischen Gesellschaftsformation forciert offenbar, sowohl unter ihrem ökonomischen als auch unter dem ökologischen Aspekt, radikale, demokratisch nicht legitimierbare Lösungsmuster.

Jedoch nicht nur die Politik, auch die Alltagskultur hat sich grundlegend geändert – pointiert kann derzeit von der Rückkehr eines politisch-gesellschaftlichen Biedermeier gesprochen werden. Zukunftsängste und die zunehmende Erosion politischer Visionen führen dazu, daß sicherheitsvermittelnde Klischees verstärkt idealisiert werden. Ein neuer Nationalismus und Regionalismus, der Rückzug ins Private, die Renaissance von Familien-, Gemeinschafts- und Heimatmythen können durchaus als die Kehrseite der Ängste vor Auflösung der Grenzen, Flüchtlingsflut, wachsender Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und ökologischen Bedrohungen interpretiert werden24. Besonders das Ideal der harmonischen Familie, deren Mitglieder sich gegenseitig stützen, scheint als „affektiver Strohhalm“ gegen den sich zunehmend verschärfenden und vielfach als Bedrohung erlebten, in alle gesellschaftlichen Bereiche verstärkt durchschlagenden Konkurrenzkampf zu fungieren. Nicht zufällig taucht sowohl in der Produktwerbung als auch in Wahlkämpfen in den letzten Jahren immer häufiger „die Idylle“ – in Form der harmonischen Familie25, des traditionell werkelnden Handwerkers oder der „unberührten Natur“ – auf. Dazu paßt dann auch, daß nach einer 1991 durchgeführten internationalen Wertestudie sechsundachzig Prozent der Österreicher ihr Glück in der „kleinen Lebenswelt“ zu finden glauben, nur sieben Prozent dagegen durch Politik26. Zusätzlich treten Katastrophenängste und Endzeitstimmungen, häufig gepaart mit diffusen Heilserwartungen, auf. Ganz in diesem Sinn haben heute Esoterik, Magie, Versatzstücke verschiedenster okkulter Heilslehren und diverse Naturmythen – ähnlich wie in den dreißiger Jahren27 – Hochkonjunktur und dringen in immer größere Bereiche des Alltags ein.

Selbstverständlich war auch die bisherige Geschichte des Fordismus begleitet von Brüchen, Krisen und wirtschaftlichen Rezessionen. Was sich jedoch grundsätzlich geändert hat, ist das Ausmaß der Möglichkeit, auf die krisenhafte Wirtschaftsentwicklung mittels einzelstaatlich-politischer Steuermaßnahmen zu reagieren. Heute existiert ein Weltwirtschaftssystem, in dem die nationalstaatlichen Ökonomien immer weniger als Volkswirtschaften, sondern eher als Bestandteile eines integrierten Weltmarkts mit exportorientierten Konzernen bezeichnet werden können.

Zum einen wird das wirtschaftliche Geschehen heute zu einem großen Teil von transnationalen Unternehmungen bestimmt, deren wirtschaftliches Agieren durch nationale Maßnahmen sowieso kaum beschränkt werden kann. Produziert wird dort, wo die höchste Rendite für das eingesetzte Kapital erwartet werden kann; geringere Investitionskosten, eine relativ kleine steuerliche Belastung, niedrige Löhne und Sozialleistungen28 oder eine erwartete höhere Produktivität durch entsprechend qualifizierte Arbeitskräfte können einen diesbezüglichen Anreiz bieten. Zum anderen zwingt die internationale wirtschaftliche Verflochtenheit und gegenseitige Abhängigkeit die einzelnen Staaten heute immer mehr, sich transnationalen Abkommen zu unterwerfen, durch die Möglichkeiten protektionistischer Wirtschaftspolitik und der Aufbau antiliberalistischer Wirtschaftsbarrieren gegenüber anderen (Industrie-)Ländern weitgehend verhindert werden. In diesen Gegebenheiten sind zwar die Hauptgründe dafür zu sehen, daß – im Gegensatz zur Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre – der Welthandel derzeit keinerlei Zusammenbruchstendenzen zeigt, gleichzeitig aber stellt sich damit der Effekt ein, daß bei den – weiterhin einzelstaatlich verhandelten und festgelegten – Löhnen, Sozialleistungen und Unternehmenssteuern ein unaufhörlicher Druck in die Richtung des „kleinsten gemeinsamen Nenners“ stattfindet.

Staatliche Wirtschaftspolitik gerät im Zuge dieser Entwicklung in ein eigentümliches Dilemma: Sie steht zwar einerseits unter dem immer stärkeren Zwang zur Erhaltung und Verbesserung der Konkurrenzfähigkeit des jeweiligen nationalen Standorts, aber andererseits grenzen die Imperative des Weltmarkts die politischen Handlungsmöglichkeiten immer mehr ein. „Internationale Kapitalverflechtung und die politisch nur sehr beschränkt beeinflußbare Dynamik des Weltmarkts sind nationalstaatlichen Aktivitäten immer schon vorgelagert und zwingen die Regierungen weitgehend zu einer Anpassungsstrategie. […] Der Staat wurde mit wachsender Internationalisierung des Kapitals immer unvermittelter zum bestenfalls politisch modifizierten Exekutor des sich auf Weltmarktebene um so ungehinderter durchsetzenden kapitalistischen Wertgesetzes“29.

Die Notwendigkeit, Strukturanpassungen und Modernisierungsprozesse im Sinne einer laufenden Verbesserung der Konkurrenzfähigkeit durch staatliche Maßnahmen zu fördern, bei gleichzeitig wachsender Außendeterminierung der diesbezüglichen Handlungsalternativen, führt somit zum widersprüchlichen Effekt, daß der Staat zwar immer mehr als Akteur im Zusammenhang mit ökonomischen und gesellschaftlichen Krisen erscheint, die Spielräume nationaler Politik real jedoch zunehmend abnehmen. Im Gegensatz zum populären Slogan „Mehr Privat und weniger Staat“ kann es sich der Staat – trotzdem sein Regulierungsspielraum zunehmend eingeengt und seine Regulierungsmaßnahmen immer stärker vorgegeben erscheinen – heute immer weniger leisten, in das ökonomische Geschehen nicht einzugreifen. Die Aussage, daß heute „der Kapitalismus den nationalen Staat [überholt], nachdem er ihn durch die internationale Ausdifferenzierung des warenproduzierenden Systems unregierbar gemacht hat“30, stellt eine gelungene Zusammenfassung der derzeitigen Situation dar.

Der Staat wird immer mehr auf die Funktion einer Wirtschaftsförderungsagentur reduziert. Steuerbefreiungen und Zinsenzuschüsse für Unternehmen, Stützungsaktionen für marode Betriebe, Ausfallshaftungen für Großprojekte31 im Verkehr mit anderen Ländern und Ähnliches binden damit jedoch immer stärker die zur Verfügung stehenden Ressourcen. Für Sozialmaßnahmen bleibt – trotz der objektiv immer größeren Notwendigkeit diesbezüglicher Politik – immer weniger Spielraum. Politik wird damit weitgehend reduziert zu einer „Fortsetzung der Ökonomie mit anderen Mitteln“. Die Aufgabe des Staates fokussiert sich in erster Linie darin, förderliche Rahmenbedingungen für das wirtschaftliche Geschehen und das ökonomische Wachstum zu schaffen. Ausgaben in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, die nicht mit dem Wirtschaftsförderungsetikett versehen werden können, sind immer schwerer argumentierbar. Diskussion um die (angeblich zu) hohen Kosten für die staatliche Verwaltung, die große Zahl von Beamten oder darüber, wieweit „wir“ uns die öffentliche Bezuschussung von Kranken- und Pensionsversicherungen leisten können, sind Indikatoren dieser Entwicklung. Aber auch die Tatsache, daß ökologisch sinnvolle Begrenzungen wirtschaftlichen Handelns und das Einhalten diesbezüglicher umweltschonender Standards faktisch nur über den Weg massiver staatlicher Unterstützungen erreicht werden können (da der heimischen Wirtschaft ja sonst ein Wettbewerbsnachteil im internationalen Konkurrenzkampf erwachsen würde), zeigt deutlich die Dimensionen heutiger einzelstaatlich-politischer Handlungsmöglichkeiten auf.

Durch das skizzierte Dilemma des Staates, immer stärker in die Rolle einer Wirtschaftswachstumsförderungsagentur gedrängt zu sein und damit weniger Spielraum beim Einsatz der Budgetmittel zu haben, gerät auch das Bildungs- und Ausbildungswesen heute zunehmend unter Druck. Einerseits stellen Schule, Universität und die öffentlich finanzierten Teile der Aus- und Weiterbildung einen durchaus nicht unwesentlichen Ausgabenposten in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung dar und kommen im Sinne der dargestellten Entwicklung logischerweise unter Legitimationszwang. Andererseits kommt dem Qualifikationsprofil der erwerbsfähigen Bevölkerung heute unzweifelhaft eine große Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Wirtschaft im grenzüberschreitenden Konkurrenzkampf zu. Allgemein wird sogar angenommen, daß – neben den drei klassischen Wirtschaftsfaktoren Grund und Boden, Finanzkapital und Arbeit – die Bedeutung des sogenannten „Humankapitals“ als Produktionsfaktor in Zukunft sogar noch weiter anwachsen wird. Maßnahmen zur Erhöhung und systematischen Steuerung des Qualifikationsprofils der arbeitsfähigen Bevölkerung werden damit – als ein wesentlicher Impuls zum Erhalt und zur Steigerung der nationalen Wettbewerbsfähigkeit – immer wichtiger. Zugleich erhöht sich – im Sinne der angesprochenen Logik – aber auch der Druck, die Mittel für Aus- und Weiterbildung nach ökonomisch sinnvollen Kriterien einzusetzen, das heißt, sie immer mehr unter dem Gesichtspunkt ihrer Zweckgerichtetheit im Hinblick auf den gegebenen und prognostizierten Qualifikationsbedarf als Funktion wirtschaftlicher Prosperität zu kanalisieren.

Die zunehmende wirtschaftliche Bedeutung des Qualifikationspotentials der Erwerbstätigen läßt „Lernen“ aber auch immer mehr zu jener zentralen gesellschaftlichen Größe werden, bei der sich die spezifischen Interessen der Lohnabhängigen scheinbar mit den „nationalen Wirtschaftsinteressen“ decken. Im Besitz genau jener Qualifikationen zu sein, nach denen am Arbeitsmarkt Nachfrage besteht, verspricht dem Einzelnen den Erfolg im Konkurrenzkampf um Arbeitsplätze. Zugleich macht die Summe der Bemühungen um arbeitsmarktkonforme Qualifikationen, den jeweiligen nationalen Standort für Kapitalinvestitionen attraktiv, da das dergestalt entsprechend adaptierte Humankapital eine hohe Wettbewerbsfähigkeit der dortigen Wirtschaft verspricht. Dementsprechend sind sich heute auch alle – Gewerkschaften, Unternehmer, Parteien, Regierungen, … – in der Betonung der Wichtigkeit von Bildung und insbesondere der von Weiterbildung einig. Der vordergründige Interessenskonsens kulminiert in der wohlklingenden, bei jeder Gelegenheit wiederholten Phrase von der „lebenslangen Bildung“, die sich bei näherem Hinsehen allerdings bloß als die Notwendigkeit zu einer in immer rascherer Folge zu vollziehenden „Anpassungsleistung“ herausstellt. Nicht um „Bildung“ geht es dabei, nicht um die Subjektentwicklung von Individuen, sondern um „Anpassung von Humankapital“ an die sich immer schneller verändernden Bedingungen in Lebenswelt und Beschäftigungssystem. Nicht die Reflexionsleistung freier Individuen wird mit der Parole von der „lebenslangen Bildung“ angesprochen, sondern ein unerbittlicher Zwang zur lebenslänglichen (Nach-)Qualifizierung unter Androhung des sonstigen Untergangs im allgesellschaftlichen Konkurrenzkampf.

Jeder wird – so lautet heute die permanent wiederholte, aber nur selten auf ihre Konsequenzen hinterfragte Botschaft – im Laufe seines Lebens mehrmals umlernen müssen. Die nötige Untermauerung bekommt diese Prognose durch die ebenfalls immer wieder vorgebrachten Hinweise auf die laufenden Prozesse der Strukturveränderung, die Mechanismen von Wirtschaftswachstum und Wettbewerbsfähigkeit sowie die Notwendigkeit des überwiegenden Teils der Bevölkerung, auch morgen noch einen Käufer für ihre Arbeitskraft zu finden. Weiterbildung wird somit zu einem Zwang, dem zu entziehen sich kaum jemand leisten kann. Nicht die Möglichkeit, als Erwachsener Rückschau zu halten und eigene Erfahrung im Lichte neuer Theorien zu reflektieren, bleibt als Motiv für Weiterbildung, sondern der gesellschaftliche Auftrag und die als unabdingbare Notwendigkeit auftretenden Bedingungen des wirtschaftlichen Geschehens. Aus dem in den siebziger Jahren geforderten Recht auf (Weiter-)Bildung, im Sinne eines der Chancengerechtigkeit verpflichteten Bildungsauftrags und der antizipierten Möglichkeit derart beförderbarer Persönlichkeitsentwicklung, ist der Zwang zur laufenden Adaption von Wissen und Können an die Erfordernisse der Wirtschaft geworden. Das schöne Bild vom lebenslangen Lernen ist zur Drohung „lebenslänglichen Lernens“ (Karlheinz A. Geißler) mutiert.32

Was im Postfordismus tatsächlich und endgültig „lebenslang“ geworden ist, ist in erster Linie die zunehmende Gefahr, irgendwann die laufend geforderte Qualifikationsanpassung nicht zu schaffen, dadurch im Beschäftigungssystem nicht mehr brauchbar zu sein, den Arbeitsplatz zu verlieren und aus der bisher aufgebauten sozialen Position geworfen zu werden. Das Versprechen der „Moderne“, daß nicht „Vorrechte der Geburt“, sondern Faktoren wie „Leistungsfähigkeit“ und „Leistungswilligkeit“ ausschlaggebend für das Erreichen bestimmter sozialer Positionen sein sollen, offenbart – obzwar noch niemals wirklich eingelöst – seine brutale Kehrseite. Waren in der vorkapitalistisch-ständischen Gesellschaft von Geburt an die Weichen für die jeweiligen gesellschaftlichen Möglichkeiten gestellt, versprachen die begründenden Werte der bürgerliche Gesellschaft – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – diese Determinierung radikal aufzubrechen. Nur die Eignung und Neigung für das Ausüben bestimmter Funktionen – nachgewiesen durch den entsprechenden Bildungsabschluß – sollte das neue gesellschaftliche Auslesekriterium darstellen. Schule, Ausbildung und Universität mutierten dementsprechend zu den Schlüsselbereichen der „Verteilung von Lebenschancen“. „Bildungspatente“ (Max Weber) wurden anstelle der ehemaligen Adelsprädikate zu den Berechtigungsscheinen der Gesellschaft – die Parallelität zur Installierung der Konkurrenzökonomie ist unübersehbar, und ohne Zweifel stellte die so erfolgte „Freigabe der gesellschaftlichen Positionierung“ auch einen sinngemäßen gesellschaftlichen Fortschritt dar.

Allerdings, trotz der heutigen, relativ gerechten Zugangsbedingungen zu den nunmehrigen Verteilungsinstanzen sozialer Chancen (die jedoch auch erst in den letzten Jahrzehnten, nach einem mehr als ein Jahrhundert dauernden Kampf erreicht worden waren), läßt sich unschwer feststellen, daß auch das Erreichen des neuen Auslesekriteriums „Eignung“ nur allzu deutlich durch die soziale Herkunft determiniert wird. So sind die alten Privilegien zwar nicht ausgeschaltet, aber neue Legitimationsmuster entstanden. Denn, wenngleich als genereller Trend durchaus nicht nachweisbar, so läßt sich mit vielen Einzelschicksalen belegen, daß ein durch Leistung und Anstrengung erreichter „höherer Bildungsabschluß“ den sozialen Aufstieg für einzelne ermöglichen kann. Die verschärften Konkurrenzbedingungen der postfordistischen Gesellschaft stellen nun – in positiver Wendung – quasi die Neuauflage des Versprechens auf gleiche und gerechte Zugangschancen zu den sozialen Positionen dar. Denn der nun zunehmend „lebenslang“ geforderte Kampf um das Erreichen, Sichern und Erweitern beruflicher und sozialer Positionen durch „lebenslange Bildung“ suggeriert im Umkehrschluß auch die Hoffnung, daß „die Karten immer wieder neu gemischt“ würden und man es ja auch später noch „schaffen“ kann. Die „offizielle“ Verteilungsmacht für soziale Positionen verschiebt sich derzeit von Schule und Erstausbildung zur Weiterbildung, damit verbunden werden aber auch jene Mechanismen wieder unklarer, die dafür verantwortlich sind, daß die Möglichkeiten, über die Legitimation „Bildung“ attraktive gesellschaftliche Positionen zu erreichen, äußerst ungleich verteilt sind.

Zusätzlich sollte nicht vergessen werden, daß der derzeitige Zugangsmechanismus zur Weiterbildung nicht einmal dem formaldemokratischen Kriterium der gleichen Zugangschancen gerecht wird. Das was im Schul- und Erstausbildungssystem heute gilt, daß jeder – zumindest formal – (im Rahmen der bildungshierarchischen Berechtigungen) die gleichen Chancen der Teilnahme hat und daß die materiellen Barrieren für das Durchlaufen einer Bildungskarriere heute nur mehr als relativ klein bezeichnet werden können33, trifft überhaupt nicht auf den Weiterbildungsbereich zu. Es gibt derzeit – obwohl von Arbeitnehmerseite seit Jahren urgiert – kein Recht auf „Bildungsfreistellung“ und nicht einmal Ansätze eines „Rechtes auf Weiterbildung“. Ein großer Teil der außerbetrieblichen Weiterbildung wird durch private Anbieter organisiert und ist absolut nicht für jedermann erschwinglich. Zum überwiegenden Teil findet Weiterbildung jedoch sowieso im Rahmen der Unternehmen und im Zusammenhang mit Arbeitsverhältnissen statt; zu dieser betrieblichen oder betriebsbeauftragten Weiterbildung wird man „entsandt“ oder bestenfalls durch die entsprechende Unternehmensinstanz „zugelassen“. Die Möglichkeit, eine Weiterbildungsveranstaltung gleichen Inhalts bei einem anderen Anbieter besuchen zu können und ebenfalls vergütet zu bekommen oder gar überhaupt einen anderen – nicht den aktuellen Unternehmensinteressen entsprechenden – Kurs auf Firmenkosten zu besuchen, besteht nahezu nie. Zugleich gibt es nur in wenigen Bereichen ein allgemein geregeltes System der Anerkennung von Weiterbildungskursen und den dabei erworbenen Zertifikaten.

Wenn – so wie es alle Indikatoren anzeigen – Schul- und Erstausbildungsabschlüsse in Zukunft immer stärker nur mehr die „Startvoraussetzungen“ für den über die „lebenslange (Weiter-) Bildung“ ausgetragenen Konkurrenzkampf um attraktive berufliche und soziale Positionen darstellen werden34, dann resultieren aus den beschriebenen Tatsachen unmittelbar zwei demokratiepolitisch äußerst bedenkliche Folgen: Zum einen kann die – politisch beeinflußbare – staatliche Bildungspolitik damit immer weniger zur demokratischen Zielsetzung einer sozialen oder geschlechtsspezifischen Chancengerechtigkeit beitragen, und es entstehen neue Ungleichgewichte zwischen der Durchsetzungsmöglichkeit von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerinteressen; Weiterbildung wird zu einem Instrument unternehmerischer Personal(steuerungs)politik und damit zu einem neuen Machtmittel der Unternehmerseite. Zum anderen arbeitet die, im Rahmen und bei Kostenübernahme durch die Unternehmen, organisierte Weiterbildung immanent dem zu demokratischen Verhalten fähigen, mündigen Individuum entgegen, da sie sich – logischerweise – ausschließlich an (einzel-)betrieblichen Verwertungsinteressen orientiert.

Damit bleibt aber auf jeden Fall das wesentliche Element einer Bildung, die zu „beruflicher Mündigkeit“ und nicht bloß zu beruflicher Brauchbarkeit führt, ausgeklammert, nämlich die Reflexion der außerberuflichen Folgen des beruflichen Handelns! So wird beispielsweise das grundsätzliche In-Frage-Stellen eines nur zum Zweck der „Mehrwertproduktion“, betriebenen Herstellens, „sinn“loser, vielleicht sogar umweltschädigender oder ressourcenvergeudender Produkte im eigenen Unternehmen wohl kaum Thema eines betrieblich organisierten und bezahlten Weiterbildungsseminars sein. Betriebliche Weiterbildung orientiert sich selbstverständlich nur am grundsätzlichen Unternehmenszweck, der Erhöhung der Dividende des investierten Kapitals, ethische oder moralische Implikationen können – im Falle des Nicht-Kollidierens mit diesem primären Zweck – bestenfalls „Nebenprodukt“ betrieblicher Bildungsarbeit sein. Es geht darum, die Teilnehmer so zu qualifizieren, daß sie in der Lage sind, besser zum Unternehmensziel beizutragen, sicher nicht um ihre Befähigung, die gegebenen Arbeits- und Berufsbedingungen auf Zweck und Nutznießer zu hinterfragen, zu ihnen Stellung zu nehmen und sie selbst nach ihren Bedürfnissen und Interessen beeinflussen zu können.

Einerseits durch die ökonomische Bedeutung des Qualifikationspotentials der Erwerbstätigen bedingt sowie andererseits durch die Tatsache, daß nur wer verwertbare Qualifikationen nachweisen kann, auch Chancen auf einen Arbeitsplatz hat, steht allerdings auch das gesamte öffentlich organisierte Schul- und Ausbildungssystem heute zweifach unter dem „Druck von Verwertungsinteressen“. Von der Seite ihres Klientels und von der Seite der „Abnehmer“ erfolgt immer deutlicher und immer massiver die Forderung nach „Praxisrelevanz“ und „Brauchbarkeit“ des Gebotenen. Gemeint ist damit nichts anderes als die Ausrichtung von Bildungszielen, Bildungsinhalten sowie den strukturellen Bedingungen der Bildungsarbeit am Qualifikationsbedarf der Wirtschaft. Der Markt und dessen Notwendigkeiten werden zum geeigneten Maßstab pädagogischen Bemühens hochstilisiert. Bildung wird damit, auch in ihrer staatlich organisierten Form, reduziert zur bloßen Qualifikation, zur Anpassung an die aus ökonomischen Gegebenheiten abgeleiteten Erfordernisse. Alles was über den Bereich des ökonomisch Zweckmäßigen hinausgeht, die „klassisch-humanistische Orientierung“ am zweckfreien „Wahren, Guten und Schönen“, wird zum unnötigen Ballast veranstalteten Bildungsbemühens und zunehmend aus dem Bereich der gesellschaftlichen Verantwortung verwiesen. Damit ergibt sich der paradoxe Effekt, daß der Besuch von Schulen und Einrichtungen der Aus- und insbesondere Weiterbildung mit dem Voranschreiten des Kapitalismus zwar immer wichtiger wird, die angesprochenen Institutionen zugleich jedoch immer mehr ihren „Bildungscharakter“ verlieren.

Das was zwar weiterhin unter Bildung firmiert – und scheinbar den Interessen aller Beteiligten entgegenkommt -, stellt nur mehr blinde Anpassung an die vorgefundene Gesellschaft mit ihren vorgegebenen Rollen und Funktionen dar. Bildung hingegen, als die Entwicklung der Fähigkeit, den Status quo und seine Triebkräfte grundsätzlich in Frage zu stellen – im Lichte der immer wieder neu gestellten Frage, was die Menschen sind und was sie sollen, die Welt sozial verantwortlich (mit-)zuschaffen35 – verliert völlig ihren gesellschaftlichen Wert. Bildung, die Grundlage humaner, kultureller Entwicklung, wird ersetzt durch Qualifikation, den Motor ökonomischen Wachstums, und damit schlichtweg aufgelöst.

Der sich zunehmend verschärfende wirtschaftliche Konkurrenzkampf zwischen Wirtschaftsblöcken, Staaten und Regionen sowie die Tatsache, daß die Anzahl der Gewinner immer kleiner, die Folgen für die Verlierer immer massiver und die Gefahr, aus der Gewinnerposition in die Situation eines Verlierers abzusteigen36, immer größer wird, zwingt alle, bis hin zum sprichwörtlichen „kleinsten Arbeiter“, unerbittlich unter die Dynamik wirtschaftlichen Wachstums – Fragen nach dem Wofür und Wozu werden irrelevant, weil jede Verhaltensalternative mit dem Preis des wirtschaftlichen Untergangs beziehungsweise der Deklassierung bezahlt werden müßte. Das Stellen der Sinnfrage – immanentes Ziel jedweder Bildungsbemühung, die diesen Namen wirklich verdient – wird unter solchen Begleitumständen zum Privileg jener wenigen, die sich auf Kosten der Mehrheit (noch) in einer abgesicherten Position befinden und sich dem alles umfassenden Konkurrenzkampf zumindest in Teilbereichen entziehen können.

Sowohl für den einzelnen als auch für die Gesellschaft leitet sich Sinn und Zweck von Bildung heute im wesentlichen nur mehr aus einer Abwägung von Kosten und quantifizierbarem Nutzen ab. Bildung wurde „instrumentalisiert“, sie wurde endgültig degradiert zum Einsatz beim gesamtgesellschaftlichen Verdrängungswettkampf und damit auch in den Dienst des allgemeinen Wachstumsideals genommen. Fast niemand kann es sich noch „leisten“, Bildung unter der Zielsetzung wahrzunehmen, sich selbst und die ihn umgebende Welt zu verstehen sowie zu reflektiertem Handeln fähig zu werden; sie wird heute fast ausschließlich als der Erwerb von Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten gesehen, die sich durch Brauchbarkeit – im Sinne der verkürzten Maßstäbe individueller und gesellschaftlicher Effizienz – auszeichnen. Bildung erscheint unter den Bedingungen der fortgeschrittenenen Konkurrenzökonomie faktisch ausschließlich unter dem Aspekt der utilitaristischen Reduzierung auf abnehmeradäquate Qualifizierung. Damit ist die Beschränkung auf die Herausbildung jener Arbeitsfähigkeiten gemeint, die „vermarktbar“ sind, das heißt anderen wirtschaftliche Vorteile versprechen, indem damit ein profitabel verkaufbares Gut oder eine entsprechende Dienstleistung bereitgestellt werden kann. Mit anderen Worten: Bildung unter dem konkurrenzökonomischen Aspekt der Reduzierung auf Qualifizierung ist eindimensional auf die Förderung jener Fähigkeiten und Talente ausgerichtet, die einen aktuellen ökonomischen Nutzen versprechen.

Der alle Poren der Gesellschaft durchdringende Konkurrenzkampf im fortgeschrittenen Kapitalismus und die daraus folgende Unterordnung allen Strebens unter das ökonomische Kosten-Nutzen-Kalkül läßt schließlich alles den Charakter einer Ware annehmen und zum Einsatz beim großen Verdrängungswettkampf werden. Auch Bildung wird in diesem System auf ihren Warencharakter reduziert, ihre effektive Herstellung und ihr profitabler Einsatz, entsprechend ökonomischer Kriterien, werden kalkulierbar und müssen in letzter Konsequenz auch kalkuliert werden, um nicht im alles bestimmenden Konkurrenzkampf zu unterliegen. In einer Gesellschaft, die vom Geist ökonomischen Denkens durchdrungen ist, wird auch der Luxus einer nicht in den Dienst wirtschaftlichen Wachstums genommenen Bildung immer weniger möglich; sowohl aus gesellschaftlicher als auch aus individueller Sichtweise wird Bildung schließlich ebenfalls zur Ware, in Form ihres Zerrbildes – der Qualifizierung – muß sie sich dem Prinzip Wachsen oder weichen unterordnen. Dementsprechend werden auch Schule und die Institutionen der Aus- und Weiterbildung heute faktisch nur mehr daran gemessen, wie sehr sie dem Produktionsprozeß, der „Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft“ und verbesserten Einkommens- und Aufstiegschancen ihrer Besucher dienlich sind, ihre Qualität bestimmt sich nicht am Wachstum der Subjekte, sondern am Wachstum der Wirtschaft.


1 Vgl. Hirsch, J./Roth, R.: Das neue Gesicht des Kapitalismus. Vom Fordismus zum Post-Fordismus. Hamburg 1986.

2 So schätzte der ehemalige Chef und Vordenker der Kommunistischen Partei Italiens, Antonio Gramsci den „Fordismus“ als ein Fortschrittskonzept ein, von dem auch die Arbeiterbewegung profitieren könne, Bert Brecht meinte bewundernd, Fords Fabriken könnten auch dem Sozialismus entstammen, und Kurt Tucholsky drückte seine Bewunderung für das Fordsche Konzept damit aus, daß er „Fortschritt“ gelegentlich als „Fordschritt“ schrieb. Alle Zitate nach Hirsch/Roth, a.a.O.

3 Ebda, S. 45.

4 Kurz, a.a.O., S. 277.

5 Vgl. dazu insbesondere Kurz, a.a.O. sowie Rieseberg, H.J.: Arbeit bis zum Untergang. Die Geschichte der Naturzerstörung durch Arbeit. München 1992.

6 Daß es derzeit, aufgrund des niedrigeren Lohnniveaus (und teilweise auch wegen der geringeren Umweltauflagen), in verschiedenen Industriebereichen zu einem massiven Arbeitsplätzetransfer von Westeuropa in ehemalige Ostblockländer kommt, ist evident. Vgl. für die diesbezügliche österreichische Situation insbes. „Wirtschaftswoche“ 33/ 12. August 1993. Auch daß die dadurch billiger produzierten Produkte eine Konkurrenz für westeuropäische Firmen darstellen, leuchtet ein. Ob der Arbeitsplatztransfereffekt nicht zumindest zum Teil wieder kompensiert wird durch das Entstehen neuer Arbeitsplätze im Westen gerade durch die „Ostöffnung“, darüber gehen die Meinungen der Fachleute auseinander. Fest steht, daß der Hinweis auf die geringeren Lohn- und Sozialkosten in Osteuropa (aber beispielsweise auch in den USA) heute sehr häufig dafür verwendet wird, um die sich laufend verschlechternde Situation am westeuropäischen Arbeitsmarkt zu legitimieren beziehungsweise um Sozialleistungen (und zum Teil auch Umweltstandards) hierzulande in Frage zu stellen. Vgl. „Kurier“, 13. 4. 93, S. 7.

7 Dementsprechend erscheint es auch irreführend, heute zu erklären, daß der Ost-West-Konflikt durch den Nord-Süd-Konflikt abgelöst worden sei. Denn noch ist überhaupt nicht klar, auf welcher Seite des „neuen“ Gegensatzes die ehemaligen „Ostblockländer“ landen werden.

8 Die in den letzten Jahrzehnten häufig übliche Einteilung der Länder der Welt, in industrialisierte, marktwirtschaftlich orientierte Länder einer sogenannten „Ersten Welt“, in die planwirtschaftlich agierenden Länder der „Zweiten Welt“ und in industriell wenig entwickelte Länder der „Dritten Welt“ stellt heute aus verschiedenen Gründen nur mehr ein wenig sinnvolles Unterscheidungsmerkmal dar. Zum einen haben mit dem Zusammenbruch der osteuropäischen Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme ein Großteil der Planwirtschaften zu existieren aufgehört, und zum anderen ist der Begriff „Dritte Welt“ auf Grund der Vielzahl unterschiedlicher wirtschaftlicher Verhältnisse und Wirtschaftspotentiale, die unter ihn subsumiert werden, heute fast bedeutungslos geworden.

9 Gegenwärtig wird es allerdings sowieso immer absurder, sich auf einen solchen „euro-amerikanischen Lebensstandard“ zu beziehen. Immer deutlicher etabliert sich in den Industrieländern ein Nebeneinander von dramatisch unterschiedlichen Lebensrealitäten. Die sogenannte „Zwei-Drittel-Gesellschaft“ ist längst gesellschaftliche Tatsache – innerhalb der sogenannten „reichen Länder“ trennt eine unsichtbare, von der Seite der Ausgegrenzten allerdings immer unüberwindlichere Grenze die Gewinner im allumfassenden Konkurrenzkampf von den an den Rand Gedrängten.

10 Die Tatsache, daß den Bewohnern der „Dritten Welt“ zwar einerseits permanent durch Fernsehen und Touristen der Lebensstandard der Industriestaaten vor Augen geführt wird, ihre realen Chancen, einen solchen Lebensstandard in ihren Ländern jemals zu erreichen, für sie heute jedoch ständig sinken, läßt in nächster Zukunft ein Völkerwanderungs-Szenario erwarten, demgegenüber die bisherige Migration aus den ehemaligen Ostblockländern vergleichsweise harmlos anmutet. „Millionen werden kommen“, prophezeit der Generalsekretär des Club of Rome, Bertrand Schneider, um die zynisch-resignative Frage anzuschließen: „Wer wird den Schießbefehl geben?“ „Spiegel“ Nr. 2/1993, .S. 103.

11 Zit. nach „Spiegel“ a.a.O.

12 So zum Beispiel der renommierte Wirtschaftswissenschafter Fredmund Malik von der Hochschule für Wirtschaftswissenschaften in St. Gallen bei einem Symposium in Wien. Vgl. „Standard“, 13. 5. 1993.

13 Siehe dazu insbesondere: Marx 198817, a.a.O.

14 Die grundsätzliche Triebkraft wirtschaftlichen Geschehens unter kapitalistischen Bedingungen ist die Vermehrung von investiertem Kapital; die Herstellung konkreter Güter oder das Anbieten von Dienstleistungen stellt in diesem Prozeß bloß das Mittel zum Zweck der „Produktion von Mehrwert“ dar, für den es am Markt aber erst einen (möglichst hohen) Preis zu erzielen gilt. Denn, im Gegensatz zur zünftisch organisierten Wirtschaft, wo bei weitgehend starr vorgegebenen Produktionsmethoden auch die Preise der verschiedenen Waren fixiert und garantiert waren, müssen die einzelnen betriebswirtschaftlichen Einheiten nun einen Konkurrenzkampf um den (finanziellen) Gegenwert des produziertem Mehrwerts antreten. Sie können nicht mehr einen definierten Mehrwert in Gestalt von Gebrauchsgütern gegen die entsprechende Menge Geld „eintauschen“, wie der zünftige Schuster gegen Brot und Fleisch, sondern sie müssen sich einen Anteil an der Geldgestalt des gesamtgesellschaftlichen Mehrwerts in der Zirkulation (herrührend aus vergangenen abstrakten Vernutzungsprozessen lebendiger Arbeit) erst „erkämpfen“ durch den Verkauf ihrer Produkte auf dem – in der Realität zwar niemals völlig, aber von seiner prinzipellen Konzeption dennoch weitgehend – freien Markt.
Wie groß der Anteil an der geldförmigen Gestalt des gesamtgesellschaftlichen Mehrwerts ist, den sich eine einzelne betriebswirtschaftliche Einheit aneignen kann, hängt von ihrem relativen Erfolg oder Mißerfolg am Markt ab. Die hier herrschende Logik der Preisregulierung durch Angebot und Nachfrage wird zwar permanent durch eine Vielzahl von Mechanismen unterlaufen (z.B. durch Preisabsprachen oder Marktmonopole), allerdings können diese „Störeinflüsse“ nie die Basislogik völlig außer Kraft setzen, daß diejenige betriebswirtschaftliche Einheit am Markt den größten relativen Erfolg hat, die am billigsten anbieten kann. Diese Fähigkeit wiederum hängt aufs engste mit der höheren oder geringeren Produktivität des Unternehmens zusammen, also damit, mit einem möglichst geringen Mitteleinsatz eine möglichst große und qualitativ „konkurrenzfähige“ Produktmenge herstellen zu können. Die kapitalistische Konkurrenz um die Aneignung des Mehrwerts läßt sich damit als jene Triebkraft identifizieren, die die Unternehmen um den Preis ihres Untergangs – der in der Regel erfolgt, wenn die Profitrate für das eingesetzte Kapital unter einen kritischen Wert fällt – zur permanenten Steigerung der Produktivität zwingt. Vgl. Kurz, a.a.O, S. 81-89.

15 Genauso wenig wie die Produktion von Waren und Dienstleistungen das grundsätzliche Ziel der kapitalistischen Wirtschaft darstellt, ist auch die Beschäftigung von Menschen bloß Nebenprodukt der letztlich angestrebten „Mehrwertproduktion“. Die Industrieproduktion war demgemäß auch – von Anfang an – auf eine menschenlose Produktion ausgerichtet. Die menschliche Arbeitskraft spielt in diesem Produktionssystem im Grunde genommen nur eine Aushilfsrolle auf Zeit.

16 Allein in der österreichischen Industrie stieg durch die Modernisierung des Produktionsapparates und die Rationalisierung des Produktionsablaufes die Produktivität je geleisteter Arbeitsstunde zwischen 1979 und 1992 um 87,4 Prozent. Die gesamte Industrieproduktion hat im gleichen Zeitraum jedoch „nur“ um 40,8 Prozent zugenommen. Die Folge dieses unterschiedlichen Wachstums von „Stundenproduktivität“ und allgemeiner Produktion ist ein zunehmend geringerer Bedarf an Arbeitskräften in der industriellen Produktion, die Zahl der Industriearbeiter ist demgemäß im angesprochenen Zeitraum auch um 26,6 Prozent zurückgegangen. „Standard“ 16. August 1993, S. 20.

17 Bezeichnet man – entsprechend einer EG-gängigen Definition – jemanden als arm, wenn er monatlich bloß einen Betrag in der Höhe der Hälfte eines Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat, mußten beispielsweise 1993 in Österreich, trotz ständig steigendem Bruttosozialprodukt, bereits 771.000 Menschen als arm eingestuft werden („Von Ausgrenzung bedroht“ – Studie zur sozialen Situation in Österreich. Nach „Kurier“, 29. August 1993, S. 2). In der Bundesrepublik Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, in dem der fordistische Produktions- und Reproduktionszusammenhang noch relativ gut funktioniert, fristeten Anfang 1993 bereits 4 Millionen Menschen ihr Leben mit der Sozialhilfe, weitere 2 bis 4 Millionen lebten in versteckter Armut, etwa 1 Million hausten in Notunterkünften oder unter freiem Himmel. Und während etwa 10 Prozent der deutschen Bevölkerung unter der Armutsgrenze vegetieren sowie weitere 15 Prozent mit ihrem Lebensstandard nur knapp darüber liegen und ständig in Gefahr sind, in die Armut „abzurutschen“, verfügen die oberen zehn Prozent über die Hälfte des Volksvermögens („Stern“ 29/15. Juli 1993). Aber auch in anderen Industrieländern läßt sich feststellen, daß der Lebensstandard der armen Bevölkerungsgruppen in den letzten Jahren zunehmend gesunken ist. Zum Beispiel ist in manchen Teilen New Yorks, der klassischen Symbolmetropole westlicher Konkurrenzwirtschaft, der Lebensstandard und die Lebenserwartung der Bewohner bereits unter das Niveau des Elendssynonyms, Bangladesh, gesunken. Aber auch in anderen „Vorzeigeländern“ der Konkurrenzökonomie, wie beispielsweise in Kanada, Großbritannien oder Frankreich, sind heute anwachsende Bevölkerungsteile von Armut in einer Form betroffen, die sich nur wenig von der Situation in den sogenannten unterentwickelten Ländern unterscheidet.

18 Marx 198817,a.a.O., S. 529f.

19 Vgl. Gorz, A.: Ökologie und Politik. Reinbek 1977.

20 In seinem schon weiter vorne zitierten Buch „Die Pflicht zur Faulheit“ belegt der Autor Reinhard Klopfleisch diese Aussage mit einer Untersuchung von Cristian Leipert aus dem Wissenschaftszentrum in Berlin, der berechnet hat, daß die „heimlichen Kosten des Fortschritts“ im Zeitraum zwischen 1970 und 1988 von knapp 7 auf 11,6 Prozent des Bruttosozialprodukts angestiegen sind. Dabei rechnet der Wirtschaftswissenschaftler zu den Kosten, die durch das Wachstum der Wirtschaft entstehen, nicht nur Umweltschäden, sondern auch Kosten des Gesundheitssystems, des Verkehrs, der Zersiedlung der Landschaft, der Kriminalität und der Arbeitsunfälle. Klopfleisch weist allerdingsauch auf Experten hin, die sogar die in dieser Höhe angesetzten Kosten des Wachstums noch als wesentlich zu niedrig ansehen. Klopfleisch, a.a.O, S. 202/203.

21 Negt, O.: Lebendige Arbeit, enteignete Zeit. Politische und kulturelle Dimensionen des Kampfes um die Arbeitszeit. Frankfurt a.M./New York 19873, S. 55.

22 Vgl. Hirsch/Roth, a.a.O., S. 11f.

23 King A./Schneider B.: Die globale Revolution. Bericht des Club of Rome 1991. „Spiegel Spezial“ 2/1991, S. 69.

24 Auch im Biedermeier des 19. Jahrhunderts, als die „Identifikationsfigur Familie“ entstand, war die Idealisierung des privaten Glücks zumeist bloß Flucht vor der weitaus weniger romantischen Realität. Nur eine schmale Gesellschaftsschicht – das ökonomisch potente, aber politisch einflußlose Bürgertum – konnte auf den Spitzelstaat Metternichs mit Rückzug in die Privatheit der eigenen Wohnung reagieren und dort schöngeistige Lebensart kultivieren. Der Großteil der Bevölkerung war gar nicht verheiratet – entweder weil sie kein Recht dazu hatten, wie Knechte, Mägde, Vagabunden, oder sie sich eine eigene Familie nicht leisten konnten, weil sie keinen Anspruch auf das väterliche Erbe hatten -, litt unter Wohnungsnot, erbärmlichen Wohn- und katastrophalen Arbeitsbedingungen.

25 Im amerikanischen Präsidentenwahlkampf 1992 war beispielsweise von kaum mehr etwas anderem die Rede als von „family values“. Der „Schutz der Familienwerte“ ging dabei so weit, daß der damalige Vizepräsident Dan Quale es für notwendig – oder opportun – hielt, sich öffentlich darüber zu empören, daß in einer beliebten Fernsehserie die Hauptfigur als ledige Frau ein Kind bekommt und es ohne Vater großziehen will. Vgl. „Psychologie heute“ 20 (1993) 3, S. 23.

26 Zuhlehner/Denz/Beham/Friesl (Hg.): Vom Untertan zum Freiheitskünstler. Wien 1991. Hier zit. nach „Profil“ 24 (1993) 10, S. 66.

27 Vgl. Gugenberger, E./Schweidlenka, R.: Mutter Erde, Magie und Politik. Zwischen Faschismus und neuer Gesellschaft. Wien 1987.

28 So hat das Lohnkostenmotiv dazu geführt, daß die Bekleidungsindustrie in den letzten Jahren durch eine Reihe asiatischer Länder, jeweils dorthin gewandert ist, wo die Lohnkosten gerade am niedrigsten waren. Begonnen hat es in Hongkong, dann folgte Macao, nach Macao ging es nach Südkorea, Taiwan, Indonesien und schließlich nach Thailand. Und der nächste Schritt ist schon vorbereitet, der Lohnkostenlogik folgend, folgt als nächstes Vietnam. Ein anders diesbezügliches Beispiel stellen die berühmten Seiko-Uhren dar, deren Produktion seinerzeit von Japan nach Hongkong verlagert wurde, von dort nach Taiwan, von Taiwan nach China und schließlich wieder zurück nach Japan. Der Grund für den Weg zurück in das Ursprungsland war, daß man die Uhr in der Zwischenzeit vollautomatisch produzieren kann und die Lohnkosten keine Rolle mehr spielen. Die Beispiele stammen aus: Bauer, H.J.: Die Internationalisierung der wirtschaftlichen Beziehungen. In: BMUK/ÖIIP: Die neuen globalen Herausforderungen – Die UNO an der Schwelle zum nächsten Jahrtausend. Wien 1992, S. 53.

29 Hirsch/Roth, a.a.O., S. 65.

30 Diese Aussage stammt aus einer Besprechung von Konrad Paul Liessmans Buch „Karl Marx. Man stirbt nur zweimal“. Der Autor führt die zitierte Aussage weiter mit einer sarkastischen Kritk an der Vorstellung, durch nationalstaatliche Zusammenschlüsse wie der „Europäischen Gemeinschaft“ die Bedeutung des Staates reaktivieren zu können. „Die EG ist der immer lächerlicher werdende Versuch, diesen Nationalstaat zu retten durch die Konstruktion eines Megastaates, der den Megastrukturen des modernen Kapitalismus (Handel, Verkehr, Industrie) gewachsen ist. Eines der Mißverständnisse der modernen Politik: eine Riesenstruktur könne anstehende Probleme besser lösen. In Wirklichkeit wachsen aber die Probleme mit den wachsenden Wirtschaftsräumen. Außerdem ist ein ökonomisch geeintes Teil-Europa angesichts der beiden Weltprobleme Umwelt und Welthunger gar nicht das Thema, sondern ein um ein Marxsches Vokabel zu verwenden: abgeschmackter Anachronismus.“ Dallamaßl, W.: Sag niemals Nie. In: „Akzente“ 3/1993, S. 36.

31 Mit Ende 1993 haftete der österreichische Staat schon für einen Betrag von insgesamt fast einer Billion Schilling, eine Summe, die etwa gleich groß ist wie die offizielle Staatsverschuldung. Vgl. „Der Standard“ 18./19. Dezember 1993, S. 5.

32 Interessant ist in diesem Zusammenhang ein von Karlheinz A. Geißler vertretener Gedanke. Er argumentiert, daß das „lebenslange Lernkonzept“ in seinem Kern eigentlich ein „Todesverdrängungskonzept“ darstellt, ein Konzept, das die Fortschrittsillusion aufrechterhält und die Fiktion, ewig produktiv und ewig entwicklungsfähig zu sein. Lebenslanges Lernen – so resümiert er – ist gegen die Endlichkeitsdemut gerichtet. In diesem Sinn fügt sich die Idealisierung des lebenslangen Hinterherhetzens hinter den jeweils neu geforderten Qualifikationsanforderungen der Arbeitswelt gut zu der – im Kapitel 7 besprochenen – „Verleugnung des Todes“ der Menschen in der industrialisierten Welt. Vgl. Geißler K. A.: Die zunehmende Verparadoxierung der Erwachsenenbildung. Vortrag am 23. November 1992 im Verband Wiener Volksbildung.

33 Eingeschränkt muß diesbezüglich auf jeden Fall werden, daß die materiellen Barrieren für das Besuchen des derzeit expandierenden Privatschulwesens – das ja seinen „guten Ruf“ oftmals der Tatsache verdankt, daß die Absolventen mit besseren beruflichen Startchancen rechnen können – durchaus sehr hoch sind. So können beispielsweise in Österreich die – im internationalen Vergleich eher niedrigen – jährlichen Kosten für einen Privatschulbesuch bis zu 105.000.- ö.S. betragen. „Gewinn“ 7/8/1993.

34 Vgl. dazu insbesonders Geißler A.: Auf dem Weg in die Weiterbildungsgesellschaft. In: Wittwer, W. (Hg.): Annäherung an die Zukunft. Zur Entwicklung von Arbeit, Beruf und Bildung. Basel 1990, S. 161-188.

35 Ebda.

36 Siehe dazu auch die Fußnote 17 in diesem Kapitel.