31.12.1994  Beitrag drucken

Die Arbeit hoch? — Kapitel 3

Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Postfordismus

Inhaltsverzeichnis

3. Von der tayloristischen Modernisierung zur heutigen „Postmodernisierung“ der Arbeitswelt

… zutreffend ist allerdings, daß wir in einigen Jahren deutlich weniger Arbeitsplätze haben werden. Doch das wird nicht nur Opel betreffen, sondern weltweit in der Industrie zu beobachten sein. […] Wenn wir […] wettbewerbsfähig bleiben wollen, dann brauchen wir dazu weniger Menschen. — David J. Herman, Vorstandsvorsitzender der Adam Opel AG1)

Einen der wesentlichen Gründe für die fordistische „Todeskrise“ stellt die aus der technologischen Entwicklung der letzten Jahrzehnte resultierende Möglichkeit dar, menschliche Arbeitskraft in Produktion und Verwaltung heute in hohem Maß durch datenverarbeitende Maschinen zu ersetzen. Die Folgen, die sich daraus für den Arbeitsmarkt und die Beschäftigungssituation ergeben, wurden im vorigen Kapitel skizziert. Gleichzeitig wurden durch die neuen Technologien aber auch tiefgreifende und in ihrer Tragweite noch gar nicht in vollem Umfang abschätzbare Veränderungen in der bisherigen Arbeitsorganisation und Arbeitsgestaltung ermöglicht und ausgelöst. Verschiedentlich wird in diesem Zusammenhang sogar von einer dritten industriellen Revolution2 gesprochen und damit angedeutet, daß die derzeitigen Veränderungen in ihrer Dramatik und ihren Konsequenzen durchaus mit den technologischen Fortschritten und den umwälzenden arbeitsorganisatorischen Neuerungen in den ersten beiden Jahrzehnten dieses Jahrhunderts zu vergleichen sind. Mit den damaligen – heute vielfach als zweite industrielle Revolution bezeichneten – Entwicklungen war die Grundlage für die endgültige Durchsetzung der Industriegesellschaft und den Fordismus gelegt worden, jener prosperierenden, etwa fünfzig Jahre andauernden Phase des Kapitalismus, in der – auf Kosten einer massiven Ausbeutung und Zerstörung der Natur – eine profitabel funktionierende Verkoppelung von Massenproduktion, Massenbeschäftigung und Massenkonsum erreicht worden war.

Die damaligen industriellen Umwälzungen waren in hohem Maß durch technische Innovationen, wie die Entwicklung härterer Werkzeugstähle oder die Starkstromtechnik, und einem damit möglich gewordenen umfassenden Mechanisierungsschub ausgelöst worden, ihre durchschlagende Dynamik ergab sich allerdings erst aus einer völligen Neuorganisation des Fabriksystems. Galt noch bis um die Jahrhundertwende die Herstellung technischer Waren in Form handwerklich organisierter Produktionsabläufe als selbstverständlich, so erfolgte in den folgenden Jahrzehnten eine systematische Neustrukturierung der industriellen Arbeitsprozesse im Sinne einer konsequenten Rationalisierung der menschlichen Arbeitsleistungen. Ausgehend von der Autoindustrie errreichte das kapitalistische Industriesystem damals eine völlig neue Stufe in seiner Entwicklung – das mit Massen- und Fließbandproduktion verknüpfte industriewirtschaftliche Produktionsprinzip wurde eingeführt. Bis dahin war ja sogar das Auto, das uns heute als das Symbol des Industriezeitalters schlechthin erscheint, noch weitgehend nach den Prinzipien handwerklicher Produktionsrationalität hergestellt worden – erst mit dem ab 1908 bei Ford in Amerika gefertigten „Modell T“ war zum ersten Mal ein für das Fließbandsystem entwickeltes Auto konzipiert und damit gleichzeitig ein revolutionärer fertigungstechnischer Fortschritt in die Wege geleitet worden.

Der Ursprung der hocharbeitsteiligen, durch einen mechanischen Ablauftakt gesteuerten Arbeitsorganisation – und der damit verbundenen Degradierung der in der Produktion und teilweise auch der in Büros tätigen Menschen zu „Handlangern der Maschine“ – ist wahrscheinlich in den Schlachthöfen Chicagos zu suchen, wo erstmalig ab 1905 die Arbeit entlang einem „Fließband“ organisiert wurde. Eine wissenschaftliche Legitimation für das Organisationsprinzip, Menschen und Maschinen wie ein Uhrwerk miteinander zu verzahnen, wurde 1911 vom ehemaligen Stahlarbeiter aus Philadelphia und späteren Hochschullehrer an der Harvard-Universität, Frederik Winslow Taylor, mit seinem Werk „The Principles of Scientific Management“ geliefert. Er legte die Grundlagen für Arbeits- und Zeitstudien und wurde zum Vorkämpfer für die strikte Trennung der betrieblichen Arbeitsbereiche, Planung und Ausführung. Die von Taylor entwickelten Methoden waren schließlich bahnbrechend für eine in den nächsten Jahren und Jahrzehnten vorangetriebene Umgestaltung der industriellen Fertigung. Richtungsweisend war dabei die noch junge Autoindustrie, wo die „Prinzipien der wissenschaftlichen Betriebsführung“ als erstes umgesetzt wurden.

Die Bezeichnung „Taylorismus“ gilt heute als das Synonym für eine Arbeitsorganisation, die den Menschen zum Anhängsel einer nach ökonomisch-rationalen Kriterien organisierten industriellen Megamaschine degradiert. Doch Taylor war nur der exponierteste Vertreter einer großen Zahl von Forschern, die sich damals mit der Rationalisierung des Fabriksystems beschäftigten. Sowohl in den USA als bald auch in Europa wurden zahlreiche, teilweise sehr ähnliche Konzeptionen entwickelt, die alle das grundsätzliche Ziel hatten, das bisher zum großen Teil bei den Arbeitern konzentrierte Produktionswissen sowie deren Gestaltungskompetenz über den Arbeitsablauf so vollständig wie nur möglich der Fabrikleitung zu übertragen. Diese Verlagerung der Entscheidungsmacht sollte die Fertigung durch zentrale Planung und Koordinierung effizienter und damit vor allem profitabler zu machen. Die Rationalisierungsprojekte waren dementsprechend im wesentlichen alle dadurch kennzeichnet, daß man daranging, aufbauend auf eine im Hinblick auf Bewegungs- und Zeitaufwand der Arbeiter durchgeführte Analyse der Produktionsprozesse, diese nach Kriterien der Bewegungs- und Zeitökonomie neu zu strukturieren. Indem zugleich das Tätigkeitsprofil der einzelnen Arbeitsplätze möglichst eng gehalten wurde, konnte den neu geschaffenen arbeitsteilig-repetiven Tätigkeitsbereichen nahezu jede Qualifikationsanforderung abgesprochen werden. Hatte der qualifizierte Monteur der Handwerksproduktion noch alle benötigten Teile herangeschafft, sich die Werkzeuge selbst geholt, sie bei Bedarf repariert und komplexe Montagetätigkeiten ausgeführt, war der Arbeiter der nunmehrigen arbeitsteiligen Produktion nur für einen simple Bearbeitungsschritt zuständig, für den er oft nur wenige Minuten ausgebildet werden mußte. Zulieferung, Koordination und Wartung wurden an andere, ebenfalls nur für scharf abgegrenzte Aufgabenbereiche zuständige „Spezialisten“ übertragen.

Das gewaltige Veränderungspotential der industriewirtschaftlichen Produktionsrationalität lag also zum einen darin begründet, daß es gelang, durch „wissenschaftliche“ Zerlegung der Arbeitsprozesse in immer kleinere Teilstücke und einer Ablaufsteuerung nach ökonomisch-rationalen Kriterien das Arbeitstempo und die Effizienz der Arbeit massiv zu steigern. Das andere, mindestens ebenso wichtige Element der damaligen Rationalisierung und Standardisierung der Arbeitsvorgänge bestand in der „Normierung“. Erst die Normierung – worunter im wesentlichen die Verwendung eines einheitlichen Meßsystems und verbindlicher technischer Qualitätsstandards verstanden wird – schuf die unabdingbare Voraussetzung für jedwede Massenproduktion, nämlich die paßgenaue Austauschbarkeit der einzelnen Bauelemente technischer Produkte. Erst damit war die Möglichkeit geschaffen, die verschiedenen Bauteile unabhängig voneinander tatsächlich „fertig“-zustellen und sie nicht erst – wie bei der bisherigen handwerklichen Fertigung – mühselig im Rahmen des Zusammenbaus aneinander anzupassen. Eine grundlegende Voraussetzung der industriellen Betriebsorganisation lag genau in dieser Ausrichtung an der Norm und im Abgehen von der bisherigen Orientierung am jeweils spezifischen Produktions-Fall.

Die Normierung sowie die damit verbundene Möglichkeit der Serienfertigung – einer Fertigung, in der die hergestellten Produkte einander (abgesehen von Abweichungen in einem minimalen Toleranzbereich) hundertprozentig gleichen – und der Massenproduktion war, gemeinsam mit der Segmentierung der Arbeitsabläufe, die Voraussetzung dafür, nun nicht mehr auf handwerklich umfassend ausgebildete Facharbeitskräfte angewiesen zu sein. Mußten in der bisherigen handwerklichen Produktion die Arbeiter in der Lage sein, die meist von verschiedenen Zulieferern mit teilweise stark differierenden Meßlehren hergestellten Einzelteile Stück für Stück nachzuarbeiten und, den jeweiligen Gegebenheiten entsprechend, aneinander anzupassen – was durchaus hohes handwerkliches Geschick und fachliche Entscheidungskompetenz voraussetzte -, war es nun auch für angelernte Kräfte problemlos möglich, die paßgenau gefertigten Teile zusammenzusetzen. Außerdem waren bisher in der handwerklichen Fertigung im wesentlichen Allzweck-Werkzeugmaschinen zum Einsatz gekommen, deren Einsatz bei den unterschiedlichen Bearbeitungsaufgaben hohes handwerkliches Wissen und Können voraussetzte. Die Großserienfertigung machte nun aber den Einsatz von Spezial-Werkzeugmaschinen – jeweils für die Herstellung und den Zusammenbau ganz bestimmter Bauteile – möglich, womit sich spezifisches Fachwissen über Werkstoffverhalten und den jeweils entsprechenden Werkzeugeinsatz zunehmend erübrigte.

Damit wurde nicht nur die Normierung und die „Austauschbarkeit der Teile“ ein Bestimmungsmerkmal der Fließband- und Serienproduktion, sondern auch die „Austauschbarkeit der Arbeiter“. Bei der Arbeit, in den nach industriewirtschaftlicher Produktionslogik organisierten Fabrikshallen war nur mehr eine kleine Zahl fachlich ausgebildeter „Handwerker“ nötig. Der Handwerker, als das Synonym für den kompetenten und nach individuellen fachlichen Eigenarten gemessenen Experten, war damit weitgehend passé; die Orientierung der Produktion an der Norm forderte sozusagen auch den normierten, austauschbaren und angepaßten Arbeiter – der „tayloristische Massenarbeiter“ (Harry Braverman) war entstanden. Von ihm wurde keine kreative handwerkliche Leistung mehr erwartet, sondern „paßgenaue“ Ein- und Unterordnung in das riesige Räderwerk der industriellen Megamaschine.

Damit ist gleichzeitig auch das letzte wichtige Merkmal industrieller Arbeitsorganisation angesprochen – die vertikale, von „oben nach unten“ ausgeübte Kontrolle des Arbeitsverhaltens, verbunden mit hoher Vorbestimmtheit der Arbeitsvollzüge, minimalen Dispositionsspielräumen der Arbeitenden und einem permanenten Druck zur Erhöhung der Arbeitsintensität. Neben dem damals entstehenden System von Vorarbeitern, Meistern und anderen Gliederungen der hierarchischen Fabriksstruktur war die Fließbandarbeit ein ganz wesentliches Mittel zur Arbeitsdisziplinierung – die Unterordnung unter den Bandtakt ließ nämlich sofort jedes Nachlassen eines Arbeiters offensichtlich werden. Die Akzeptanz der produktivitätssteigernden Unterordnung der Arbeitenden unter die Bedingungen der solcherart organisierten Produktion wurde hauptsächlich durch ausgeklügelte Leistungs- und Prämienlohnsysteme erreicht.

Insgesamt kann die industriewirtschaftliche Rationalität des Taylorismus damit charakterisiert werden, daß das Erreichen des primären Unternehmenszwecks – das Erzielen eines möglichst hoher Gewinns, im Sinne einer hohe Rendite für das eingesetzte Kapital, durch optimalen Einsatz der Ressourcen, inklusive der menschlichen Arbeitskraft – „von oben“ durch ein hierarchisches System von Anweisung, Überwachung und Kontrolle sowie die Reduzierung der Produktionsarbeiter auf das rationelle Funktionieren in dem ihnen zugewiesenen schmalen Arbeitssegment gewährleistet wird. Das dafür erforderliche Management stellt somit genauso eine Folgeerscheinung des nach industriewirtschaftlicher Logik organisierten Fabriksystems dar wie das parallel entstandene Industrieproletariat. Die Notwendigkeit einer Organisations- und Kontrollhierarchie lag im wesentlichen in einer Entwicklung begründet, die sich schon vor der endgültigen Durchsetzung der industriellen Produktion abgezeichnet hatte und einen grundsätzlichen Unterschied zum (protoindustriellen) Verlagssystem darstellt: Die nunmehrigen „Unternehmer-Kapitalisten“ kauften im Gegensatz zu den „Verleger-Kapitalisten“ der vorindustriellen Epoche nicht mehr fertige Arbeitsprodukte ein, sondern Arbeitskraft, die erst noch in Arbeit zu transformieren war. Die effiziente Nutzung der für Tage und Stunden gemieteten Arbeitskraft machte – in Verbindung mit der nunmehrigen, immer weitergehenden Abkehr vom handwerklichen Produktionsprinzip – ein planendes Management sowie permanente Aufsicht und Kontrolle der Arbeitsverausgabung erforderlich.3

Mit dem Taylorismus war die arbeitsorganisatorische und technologische Basis für die Massenproduktion von Konsumgütern gegeben, und gleichzeitig ermöglichte die Steigerung der Arbeitsproduktivität auf längere Sicht auch eine fühlbare Erhöhung des Lohnniveaus der in der Industrie Beschäftigten. Große Teile der Arbeiterschaft konnten damit zu Konsumenten industriell erzeugter Massenprodukte werden. Das bedeutete, daß ihre traditionellen, auf „nacktes Überleben“ orientierten Reproduktionsformen sukzessive von einem „Konsummodell“ überlagert und schließlich weitgehend ersetzt wurden. Industriell erzeugte – zwar nicht überlebensnotwendige, das Leben aber bequemer und angenehmer machende – Konsumartikel, wie Autos, Kühlschränke oder Rundfunkgeräte, rückten für immer größere Bevölkerungsgruppen mehr und mehr in den Bereich des Denkbaren und wurden in weiterer Folge schließlich zu selbstverständlichen Artikeln des Massengebrauchs. Die bis in das zwanzigste Jahrhundert hinein (trotz Kapitalismus) relativ unberührt gebliebenen traditionellen Formen der Arbeitskräftereproduktion – die überwiegend agrarisch geprägten Sozialbeziehungen, Konsumgewohnheiten und Lebensformen – erfuhren nun erst, im Zusammenhang mit industriewirtschaftlicher Arbeitsorganisation und der Massenproduktion von Konsumgütern, ihre grundlegende Veränderung. Die arbeitende Bevölkerung begann damit immer mehr auch in Form der „Reproduktion ihrer Arbeitskraft“ zu Wirtschaftswachstum und Kapitalakkumulation beizutragen.

Wenngleich der Taylorismus sich in seiner reinen Form längst nicht in allen Bereichen der Wirtschaft (vollständig) durchgesetzt hat, formten seine arbeitsorganisatorischen Prinzipien mehr und mehr die Schlüsselsektoren der Produktion und wurden in den nächsten Jahrzehnten zur Basis der neuen dominierenden (Konsumgüter-)Industrien. Ein überproportionales Ansteigen der Angestellten mit Planungs-, Kontroll- und Administrationsaufgaben auf der einen Seite und der An- und Ungelernten mit repetiven Teilaufgaben auf der anderen Seite waren typische Folgeeffekte. Die Arbeitsdisziplin wurde insgesamt rigider, und Arbeitstempo sowie Arbeitsintensität nahmen gewaltig zu. Die Segmentierung der Arbeit und die Unterordnung der Arbeiter unter die „objektiven“ Notwendigkeiten von Arbeitsablauf und Maschinennutzung ermöglichten außerdem – trotz zunehmender gewerkschaftlicher Organisiertheit – eine wesentlich straffere Disziplinierung der Belegschaft. Gleichzeitig ermöglichte die ökonomisch-rationale Arbeitsorganisation aber auch, daß die Arbeiter über höhere Löhne und kürzere Arbeitszeiten an ihrer eigenen intensivierten Ausbeutung mitpartizipierten. Von Anfang an konnte sich die Arbeiterbewegung dementsprechend auch der Faszination des Modells eines „gezähmten Kapitalismus“ nie vollständig entziehen. Ihre diesbezüglich anfänglich jedoch durchaus noch ambivalente Haltung, wich in den nächsten Jahrzehnten zunehmend der Vorstellung eines auf Wachstum und Technokratie gegründeten funktionierenden kapitalistischen Weges in eine durch „Wohlstand für alle“ gekennzeichnete bessere Zukunft.

Der Taylorismus bedeutete eine völlig neue Entwicklungsstufe in der gesellschaftlichen Organisation von Arbeit, „ihre Überführung aus lebensweltlichen, unmittelbar einsichtigen Zusammenhängen unter das abstrakte „Zeit-ist-Geld“-Diktat einer kalt berechnenden Marktökonomie“.4 Dabei darf jedoch nicht übersehen werden, daß die Unterordnung unter die sich neu herausbildenden Bedingungen gesellschaftlich organisierter Arbeit für die Arbeitenden durchaus nicht nur negative Aspekte hatte. Zum einen erfolgte mit dem Überwechseln – meist von der Landwirtschaft – in die Fabrik für sie vielfach zugleich „eine Befreiung aus oftmals entwürdigenden persönlichen Abhängigkeitsverhältnissen und traditionellen Zwängen“.5 Und zum anderen wurde den Arbeitern die Intensivierung und verstärkte Entfremdung der Arbeit mit sukzessiven Verkürzungen der Wochenarbeitszeit und höheren Verdienstchancen durch Akkord- und „Leistungsentlohnung“ schmackhaft gemacht. Edward P. Thompson resümiert diesbezüglich: „Der ersten Generation Fabrikarbeiter wurde die Bedeutung der Zeit von ihren Vorgesetzten eingebleut, die zweite Generation kämpfte in den Komitees der Zehn-Stunden-Bewegung für eine kürzere Arbeitszeit, die dritte schließlich für einen Überstundenzuschlag. Sie hatten die Kategorien ihrer Arbeitgeber akzeptiert und gelernt, innerhalb dieser Kategorien zurückzuschlagen. Sie hatten ihre Lektion – Zeit ist Geld – nur zu gut begriffen.“6

Die sich auf zwei Ebenen manifestierende Veränderung der kapitalistischen Arbeits- und Lebensformen – die Entwicklung der Arbeitsorganisation in Richtung „Taylorismus“ und die parallel stattfindende Entwicklung zu einer Gesellschaft des Massenkonsums – wird (wie im zweiten Kapitel ausgeführt) zusammengenommen heute vielfach mit dem Begriff „Fordismus“ charakterisiert. Mit ihren spezifischen Produktions- und Reproduktionsstrukturen stellte die fordistische Gesellschaftsformation die erfolgreiche Grundlage zur Überwindung der für die Masse der Bevölkerung elenden Bedingungen des Frühkapitalismus dar. Sie schuf, mit einem in der Arbeitswelt bisher nicht gekannten Grad an Disziplinierung und Ausbeutung, sowie einer Lohnpolitik, die die Arbeiterschaft allmählich in die Lage versetzte, Konsumenten ihrer eigenen Produkte zu werden, die Basis für ein insgesamt lang andauerndes Wirtschaftswachstum und einen zunehmenden Massenwohlstand in den industrialisierten Ländern. Der Fordismus signalisierte für die Arbeiterschaft, die sich im Frühkapitalismus als „Klasse“ formiert hatte, wieder den „Abschied vom Proletariat“. Wenngleich die Durchsetzung des fordistischen Akkumulationsmodells nicht kontinuierlich verlief, sondern von heftigen sozialen und politischen Auseinandersetzungen begleitet war und durchaus auch Brüche und Rückschläge zu verzeichnen hatte, wurde das „fordistische Modell“ schließlich zu jener tragfähige Basis, auf der sich die bis heute wirksame, faktisch durchgängige Akzeptanz des kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsystems herausbilden konnte.

Parallel dazu, daß das fordistische Kapitalismusmodell gegen Ende des zweiten Drittels des zwanzigsten Jahrhunderts jedoch immer mehr an seine Grenzen zu stoßen begann, wurden auch Taylorismus und industriewirtschaftliche Arbeitsorganisation stärker auf ihre aktuelle Brauchbarkeit hinterfragt. Zunehmend wurde offensichtlich, daß es mit dem Paradigma der industriewirtschaftlichen Rationalität – das in der Zwischenzeit nicht bloß zur weitgehend akzeptierten und im allgemeinen Verständnis auch vernünftigsten Prämisse gesellschaftlicher Arbeit geworden war, sondern auch die Sozialbeziehungen, Konsumgewohnheiten und Lebensformen tiefgreifend verändert und geprägt hatte – unmöglich war, brauchbare Lösungen für eine Reihe neu auftauchender Probleme in der Arbeitswelt zu entwickeln. Gleichzeitig wurde, durch die parallel stattfindenden technischen Entwicklungen, ein Paradigmenwechsel in den Prinzipien gesellschaftlicher Arbeitsorganisation auch möglich und sinnvoll. Ganz in diesem Sinn lassen sich seit dieser Zeit zunehmend Entwicklungen beobachten, die eine neuerliche tiefgreifende Veränderungen des Gesamtsystems der Produktivkräfte, verbunden mit weitreichenden Veränderungen in der Stellung und Funktion des Menschen im Arbeitsprozeß sowie im gesellschaftlichen Verständnis von Arbeit insgesamt, darstellen.

Die in den letzten beiden Jahrzehnten immer offensichtlicher werdende Notwendigkeit von Alternativen zur industriewirtschaftlichen Produktionslogik sowie die gleichzeitig durch technische Innovationen entstehende Möglichkeit einer grundsätzlichen Veränderung der tayloristischen Arbeitsorganisation läßt sich an einer Reihe von Gründen aufzeigen:

o Zum einen wurde in den letzten beiden Jahrzehnten zunehmend offensichtlich, daß weitere Möglichkeiten der Produktivitätssteigerung in der industriellen Fertigung durch „tayloristische Maßnahmen“ nur mehr in wenigen Teilbereichen der Produktion möglich beziehungsweise wirtschaftlich sinnvoll sind. Die traditionelle Rationalisierungsstrategie im Rahmen tayloristischer Arbeitsorganisation – durch einen immer ökonomischeren Einsatz menschlicher Arbeitskraft in Form repetiver Teilarbeiten und dem Ausbau finanzieller Anreizsysteme, wie der Akkordentlohnung, die Unternehmensgewinne zu erhöhen – sind heute weitgehend ausgeschöpft. Im gleichen Maß wie diese Produktivitätsreserven der tayloristischen Arbeitsorganisation sich als ausgereizt erwiesen, entwickelte sich durch die technischen Innovationen jedoch die Möglichkeit, standardisierte und normierbare Arbeitsaufgaben nun zunehmend überhaupt unter weitgehender Ausschaltung untergeordneter menschlicher Arbeit durch informationsverarbeitende technische Systeme zu bewältigen.

o Weiters wurden in vielen Bereichen der industriellen Produktion in jüngster Zeit mehr und mehr die Grenzen des Mengenwachstums erreicht, was aber zugleich heißt, daß eine wesentliche Stärke des tayloristischen Produktionssystems, die Produktkosten durch Massenfertigung zu senken, ebenfalls weitgehend ausgeschöpft ist. Verstärkt wird diese „Krise der Massenproduktion“ noch dadurch, daß der Konkurrenzkampf heute für viele Industrieprodukte eine immer häufigere Veränderung von Design oder technischer Ausführung erzwingt. In Form der neuerdings zur Verfügung stehenden technischen Systeme ergab sich zugleich wieder die Möglichkeit, eine rationelle Fertigung auch unter Abgehen von der Massenproduktion aufrechtzuerhalten. Durch das Flexibilisierungspotential der Informations- und Kommunikationstechnologien wurde es möglich – im Gegensatz zur klassischen Automatisierung -, auch die Produktion sehr unterschiedlicher Mengen und Produktvarianten zu automatisieren. Die sogenannte flexible Automation macht heute oft auch kleinste Losgrößen, und damit eine starke Ausrichtung an Kundenwünschen, wirtschaftlich sinnvoll.7

o Die zunehmende Sättigung der potentiellen Märkte und die damit verbundenen Schwierigkeiten bei der Erschließung neuer Absatzmöglichkeiten führten zu einer generellen Verschärfung des Konkurrenzkampfes auf dem Industrieproduktesektor. Damit wurden in den letzten Jahren besonders die international sehr unterschiedlichen Kosten der lebendigen Arbeitskraft zu einem immer bedeutenderen Wettbewerbsfaktor. Die sich daraus tendentiell entwickelnde internationale Arbeitsteilung zwischen Europa, den USA, Japan und insbesonder den Ländern des pazifischen Beckens, wie Korea, Taiwan, Hongkong oder Singapur, veranlaßte die traditionellen Industrieländer zum einen, die Möglichkeiten der Informations- und Kommunikationstechnologien in Hinblick auf die damit gegebenen Substitutionsmöglichkeiten von „Allerweltsarbeitskraft“ massiv voranzutreiben, und zum anderen, sich stärker auf jene Produktionsbereiche und Produktionsformen zurückzuziehen, die ein qualitativ gut ausgebildetes Fachpersonal voraussetzen. Dazu gehören beispielsweise komplexe, kundenorientierte Qualitätsprodukte, Industrieprodukte mit anspruchsvollem Wartungs- und Instandhaltungsaufwand sowie Produktionen, die hohe Flexibilität und termingetreue Lieferung erfordern.

o Die entfremdeten, monotonen Arbeitsbedingungen der tayloristischen Arbeitsorganisation hatten zunehmend Erscheinungen „innerer Kündigung“, verbunden mit unorganisierten, individualistischen Formen der „Arbeitsverweigerung“ (Absentismus, Schlamperei und dergleichen) bei den fordistischen „Massenarbeitern“ entstehen lassen. Ein Grund für diesen „schleichenden Bummelstreik“ kann auch in einer ganz grundsätzlichen Legitimationskrise der industriellen Arbeitsgesellschaft gesehen werden, die in den siebziger Jahren mit der zunehmenden Organisierung der „Grünbewegungen“ einen relativen Höhepunkt erreichte. Die damals offensichtlich noch zum Teil ins Bewußtsein tretenden Widersprüche zwischen der fordismusimmanenten „Forderung“ nach hedonistischer Konsummentalität und diszipliniertem Arbeitsverhalten sowie die erstmalig öffentlich geführte Diskussion um die Bedrohung unserer gesamten Ökosphäre durch die fordistischen Produktions- und Reproduktionsformen verschafften kurze Zeit jenen Gehör, die zu einem Ausstieg aus dieser Wirtschafts- und Lebensweise aufforderten.

o Schließlich begannen sich die demotivierenden Arbeitsbedingungen der nach traditioneller industriewirtschaftlicher Logik organisierten tayloristischen Arbeitsorganisation, vor dem Hintergrund der in den sechziger und siebziger Jahren relativ gut ausgebauten Macht der Arbeitnehmervertretungen, zunehmend zu einer allgemeinen „Motivationskrise der Arbeit“8 zu verdichten. Die durch gesetzliche und kollektivvertragliche Regelungen verhältnismäßig gut abgesicherte Position der Arbeitnehmer begann immer stärker das traditionelle Arbeitsanreizsystem des Taylorismus zu unterlaufen, womit dieses einen Teil seine Regulationskraft verlor und damit aber auch gleichzeitig die Tatsache der unbefriedigenden Arbeitsbedingungen stärker ins allgemeine Bewußtsein treten konnte. Ein interessantes Indiz stellt in diesem Zusammenhang beispielsweise die Tatsache dar, daß in den achtziger Jahren für die europäischen Arbeiter in einigen Fällen bei Tarifverhandlungen eine weitere Reduzierung der Arbeitszeit sogar Priorität gegenüber Lohnforderungen erhielt.9

Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß, unter den heute vorfindbaren ökonomisch-technischen Bedingungen, sich die tayloristische Arbeitsorganisation einerseits aus verschiedenen Gründen immer deutlicher als wirtschaftlich kontraproduktiv herausstellt, aber andererseits, angesichts der zunehmend zur Verfügung stehenden „neuen Technologien“, ihre Aufrechterhaltung auch gar nicht mehr notwendig ist. Der massiv verschärfte internationale Konkurrenzkampf erzwingt immer mehr eine „variantenreiche Serienproduktion“ sowie ein rasches und flexibles Reagieren auf sich verändernde Marktbedingungen – Vorgaben, die im Rahmen traditionell-tayloristisch organisierter Fertigungen sowieso kaum erreicht werden können.

Der dementsprechend heute tendentiell stattfindende Wandel von einer starren zu einer flexiblen – an den in immer wieder neuen Varianten animierten Kundenwünschen orientierten – Produktion wurde zwar, so wie seinerzeit bei der „Einführung des Taylorismus“, durch die entsprechenden Technologien ermöglicht, gleichzeitig erfordert er aber auch wieder einen neuen – nunmehr besonders „flexiblen“ – Arbeitnehmertypus. Denn um die Flexibilitätspotentiale der neuen Technik optimal auszunutzen, ist der „normierte“ und austauschbare „tayloristisch-disziplinierte Massenarbeiter“, der sich problemlos in die industrielle Megamaschine einfügt und auf Anweisung „brav“ sein Tätigkeitssegment im Produktionsablauf erfüllt, weitgehend ungeeignet. Dazu bedarf es spezifisch qualifizierter, flexibler und – im Sinne des Unternehmensziels – auch besonders engagierter Arbeitskräfte.

Durch die Rationalisierungs- und Flexibilisierungspotentiale der Mikroelektronik können heute traditionelle Automatisierungsbarrieren überwunden werden und die Produktion – bei weiterhin steigender Produktivität – an variierende Losgrößen und eine Palette von Produktvarianten angepaßt werden; die Kombination des Kostenvorteils der Massenfertigung, mit dem Marktvorteil einer raschen Anpassung an Nachfrageveränderungen, wird möglich. Damit ist der „tayloristische Massenarbeiter“ zunehmend aber nicht bloß nicht mehr erforderlich, seine rasche „Eliminierung“ wird sogar zur Grundsatzfrage im Hinblick auf die Durchsetzungsmöglichkeit einer in verschiedenen Wirtschaftszweigen ökonomisch überlebensnotwendig gewordenen post-tayloristischen Produktion. Seine traditionellen Tätigkeiten – jene formalisierbaren Arbeiten, die genau beschreibbar und festlegbar sind, sich dementsprechend auf der Grundlage einer zweiwertigen Logik abbilden und in die „Sprache“ eines Computers übersetzen lassen – können in wachsendem Maß durch informationsverarbeitende technische Systeme übernommen werden.

Damit wird die Basis der industriewirtschaftlichen Produktionslogik, die Unterordnung der menschlichen Arbeitskraft unter die Bedingungen der normierten Massenproduktion, zunehmend obsolet. Überall dort, wo normierbare Arbeitsabläufe oder Varianten von solchen auftreten, können heute oder in naher Zukunft Maschinen an die Stelle des Menschen treten. Da, durch die zunehmende universelle Adaptierbarkeit der Informationsverarbeitungseinheiten, die Verwendung solcher Maschinen in immer größeren Bereichen der Produktion auch billiger als die menschliche Arbeitskraft kommt, ist es – in der, dem Ziel einer maximalen Kapitalrendite geschuldeten Logik des kapitalistischen Konkurrenzkampfes – unmöglich, die traditionell-tayloristisch organisierte Produktion auf Dauer aufrechtzuerhalten.

Dementsprechend läßt sich derzeit, insbesondere in jenen Produktionsbereichen, die einem starken (internationalen) Konkurrenzdruck ausgesetzt sind, ein Rückgang von einfachen Routinearbeiten verzeichnen, während planende und verwaltende Arbeiten, Steuerung und Überwachung von Arbeitsvorgängen, Bedienung von Informationssystemen und Beratungsaufgaben relativ wichtiger werden. Diese Entwicklung trifft nicht nur einzelne Berufe, sondern läßt sich – mehr oder weniger deutlich – quer durch alle Berufe in den entsprechenden Produktionsbereichen beobachten. Es findet eine tiefgreifende Veränderung in der Tätigkeitsstruktur und den Qualifikationsanforderungen statt. Durch den voranschreitenden Einsatz von Computertechnologie und Mikroelektronik bleiben tendentiell nur mehr die nicht-standardisierbaren Tätigkeitsbereiche – also jene, die sich keiner eindeutigen Ziel-Mittel-Schematisierung unterwerfen lassen – der „Arbeitskraft Mensch“ vorbehalten. Es kann davon ausgegangen werden, daß viele, heute noch nicht von informationsverarbeitenden Maschinen „übernommene“, aber prinzipiell formalisierbare Arbeiten ebenfalls nur mehr zeitlich begrenzt ausgeübt werden, nämlich bis zu dem Zeitpunkt, bei dem sie ebenfalls von der Maschinisierungsspirale erfaßt werden beziehungsweise die entsprechenden Technologien so billig werden, daß sich das Ersetzen der menschlichen Arbeitskräfte betriebswirtschaftlich rentiert.

Diese Entwicklung läßt aber gleichzeitig auch die auf extreme Hierarchie und Arbeitsteilung beruhende industriewirtschaftliche Produktionslogik zunehmend ungeeignet werden. Denn betriebliche Abläufe, bei denen das optimale Ergebnis von Handlungen nicht durch eine klar definierte Ziel-Mittel-Vorgabe eingrenzbar ist, lassen sich logischerweise auch nicht mittels hierarchischer Kontrolle steuern. Das bedeutet, daß es unter den Bedingungen des Post-Taylorismus immer notwendiger wird, daß die Arbeitnehmer mit Eigenmotivation tätig sind, sich an einer verinnerlichten Arbeitsethik orientieren und auf Grund einer starken Identifikation mit dem Unternehmensziel ein hohes Maß an Selbstkontrolle entwickeln. Zugleich signalisiert diese Entwicklung auch eine neue Etappe im Kampf der Arbeitgeber um die Intensivierung der Arbeitsleistung ihrer Arbeitnehmer. Mit Hilfe neuer arbeitsorganisatorischer Maßnahmen sollen die Motivation und die Kooperationsbereitschaft der Beschäftigten gefördert werden und damit jene Leistungspotentiale der menschlichen Arbeitskräfte erschlossen werden, die von den Intensivierungsmethoden der tayloristischen Rationalisierungsmuster nicht aktiviert werden konnen. Wer sich mit dem Unternehmensinteresse identifiziert, wehrt sich nicht gegen den Arbeitsstreß.10

Mißt man diese neuen „post-tayloristischen Arbeitstugenden“ an einer von Claus Offe vorgenommenen Charakterisierung von „Produktionsarbeit“ und „Dienstleistungsarbeit“, bedeutet dies nichts anderes, als daß damit auch die Arbeit in den Produktionsbereichen der Wirtschaft tendentiell „Dienstleistungscharakter“ annimmt.11 Dienstleistungsarbeit muß – im Gegensatz zur klassischen Produktionsarbeit, die vornehmlich eine technisch und zeitökonomisch normierte Tätigkeit darstellt, bei der die notwendigen Arbeitsabläufe definiert und dementsprechend „durch Dritte“ gelenkt und überwacht werden können – über „reflexive Rationalität“ der Arbeitsdurchführenden selbst gesteuert werden. Die eigentümlichen, komplexen Denkstrukturen des Menschen bei der Befassung mit einem „besonderen“, eben nicht vollkommen in ein Normschema integrierbaren „Fall“ lassen sich nicht in ein Ziel-Mittel-Schema pressen und schon gar nicht zeit- und bewegungsökonomisch optimieren. Somit zeichnen sich aber – dadurch, daß formalisierte und formalisierbare Arbeitsabläufe heute zunehmend durch Maschinen übernommen werden, es zu einer sukzessiven Verdrängung des Menschen aus der eigentlichen Produktion kommt und für menschliche Arbeitskräfte nur mehr die vorbereitenden, beratenden und (maschinen-)überwachenden Funktionen erhalten bleiben – die für die „Arbeitskraft Mensch“ verbleibenden Tätigkeiten durch ihren spezifischen „Dienstleistungscharakter“ aus. Die für die neuen Marktbedingungen und den verschärften Konkurrenzkampf des Post-Fordismus notwendige betriebliche Leistungsoptimierung muß mehr durch innere Antriebskräfte der Mitarbeiter und weniger durch den Druck „von oben“ erreicht werden. Im Gegensatz zur industriewirtschftlichen Arbeitsorganisation, die zur Bemächtigung der Arbeitskraft nicht unbedingt die Loyalität ihrer Eigentümer braucht, benötigt die dienstleistungsförmige Arbeitsorganisation den „ganzen Menschen“. Notwendig werden Arbeitskräfte, die sich – im Gegensatz zu den Galeerensklaven unseliger Vergangenheit – die Fesseln selbst anlegen.

Die derzeit beginnenden Umwälzungen der Arbeitsgesellschaft, die ja auch häufig unter dem Titel „Übergang zur Dienstleistungsgesellschaft“ zusammengefaßt werden, implizieren also wesentlich mehr als ein bloßes Anwachsen des Dienstleistungssektors der Wirtschaft, und es läßt sich die Entwicklung auch nicht ausreichend mit einer generellen Ausweitung der Dienstleistungstätigkeiten – auch im Rahmen der anderen Wirtschaftssektoren – charakterisieren. Denn über das quantitativ feststellbare Anwachsen des Dienstleistungssektors hinaus läßt sich – wie ansatzweise skizziert – derzeit eine viel weitergehende Entwicklung beobachten, die sich als ein grundsätzlicher Paradigmenwechsel in der Organisation der Produktionsarbeit und der Beziehung der betroffenen Menschen zu ihrer Arbeit begreifen läßt. Zum einen ist dies an der beschriebenen Tendenz feststellbar, daß auch Produktionsarbeit Charakteristika annimmt, die bisher nur bei Dienstleistungstätigkeiten zu finden waren. Zum anderen – und darüber wird meines Erachtens viel zu wenig systematisch reflektiert – sind, in Verbindung damit, heute auch Ansätze subtiler, aber tiefgreifender Veränderungen von Arbeit und Beruf, der Arbeitsmarktstrukturen sowie der Lebensverhältnisse der abhängig Beschäftigten im Sinne eines zunehmenden Durchdringens dieser Bereiche mit der immanenten Logik der Dienstleistungsrationalität beobachtbar.

Zwar beginnen sich die neuen post-tayloristischen Arbeitsanforderungen vorerst unmittelbar nur für kleinere Gruppen von Arbeitnehmern – primär in den besonders stark der internationalen Konkurrenz ausgesetzten Kernsektoren der Industrie, wie in der Autoindustrie, der Maschinen- oder der Elektronikindustrie, wo auch der Einsatz der neuen Technologien schon besonders weit fortgeschritten ist – auszuwirken. Dort kommt es heute, relativ deutlich erkennbar, teilweise zu einer „Reprofessionalisierung der Industriearbeit“, in dem Sinn, daß die (verbliebenen) Arbeitsplätze nun ein erweitertes und anspruchsvolleres Aufgabenspektrum umfassen und die Arbeiter beispielsweise statt der bloßen Maschinensteuerung auch Instandhaltungsaufgaben oder selbständige Programmieroperationen durchzuführen haben.12 Zudem wird in diesen Industriebereichen verschiedentlich versucht, die Motivationsdefizite der Massenproduktion durch Konzepte teilautonomer Gruppenarbeit – wie zum Beispiel im Rahmen der weiter hinten beschriebenen „lean-production“- Organisationsmodelle – abzubauen. Insgesamt ist jedoch nicht mit einem abrupten Ende des Taylorismus und einer entsprechenden generellen Veränderung der Arbeitsanforderungen zu rechnen; im gesellschaftlichen Durchschnitt ist (zumindest für die nächste Zeit) eher eine Mischung von tayloristischen und nicht-tayloristischen Arbeitsformen zu erwarten.

Allerdings darf nicht vergessen werden, daß sich ja auch der Taylorismus in keiner Phase seiner Entwicklung wirklich vollständig durchgesetzt hat. Dennoch haben seine arbeitsorganisatorischen Prinzipien äußerst tiefgreifend und umfassend die Bedingungen in der Arbeitswelt insgesamt geprägt. In einem ähnlichen Sinn kann heute davon gesprochen werden, daß das heraufdämmernde Ende des Taylorismus bereits überdeutliche Schatten seiner Auswirkungen vorauswirft, die sich mit den zwei Aspekten, „Tendenz zur „(Re-)Qualifizierung“ und „massiv steigende Arbeitsmarktrisiken“ umschreiben lassen.13 Die derzeitige Auflockerung tayloristischer Produktionskonzepte ist einerseits – wie im nächsten Kapitel dargestellt – verbunden mit völlig neuen Qualifikations- und Partizipationsangeboten des Managements an die Kernbelegschaften und den dementsprechenden Tendenzen zu einer „Selbstkontrolle“ der Arbeitskräfte; andererseits wird damit aber auch eine Ausweitung der in der Gesellschaft ohnehin angelegten Spaltungen – und dabei nicht nur der zwischen Beschäftigten und Erwerbslosen – provoziert. Am heutigen „Übergang von der tayloristischen Modernisierung zur postmodernen Arbeitsorganisation“ werden die Arbeitsbedingungen deutlich uneinheitlicher, und es kommt insgesamt zu einer wachsenden Polarisierung der Gesellschaftsmitglieder in Hinblick auf die jeweiligen – positiven oder negativen – Auswirkungen der neuen Produktionskonzepte.

Der Bedarf an Arbeitskräften in der Industrie sinkt im Zusammenhang mit den post-tayloristischen Rationalisierungskonzepten sehr rasch.14 Besonders Arbeitskräfte mit niedrigen oder nicht mehr gefragten Qualifikationen sind damit massiv von Teilzeitarbeit, Arbeitslosigkeit und Ausgrenzung bedroht. Die Möglichkeiten, durch Umlernen und Nachqualifizierung eine neue Beschäftigung, eventuell in einem anderen Wirtschaftsbereich zu finden, und damit den bisherigen Lebensstandard aufrechtzuerhalten, sind bei weitem nicht so großartig, wie das manchmal dargestellt wird. Nicht nur der für seine radikalen Analysen der gegenwärtigen Entwicklungen auf den Arbeitsmärkten der Industriestaaten bekannte André Gorz zeigt immer wieder auf, daß der größte Teil der im Zuge der heutigen „Strukturveränderungen“ neu entstehenden Beschäftigungsmöglichkeiten im Niedriglohnbereich angesiedelt ist.15 Ganz im Sinne seiner Analysen und Prognosen wird auch in einer Studie zur Beschäftigungsentwicklung in den USA darauf hingewiesen, daß die voraussichtlich bis zum Jahr 2005 entstehenden neuen Arbeitsmöglichkeiten sich überwiegend auf unqualifiziertem Niveau und dementsprechend schlechter Bezahlung bewegen werden. Damit wird nur ein Trend fortgeschrieben, der sich schon über die letzten zwanzig Jahre nachweisen läßt: Obwohl in diesem Zeitraum in den USA etwa dreißig Millionen neuer Jobs geschaffen wurden, haben sich die durchschnittlichen Familieneinkommen kaum erhöht, weil viele der neuen Beschäftigungsmöglichkeiten im Niedrigstlohnbereich angesiedelt sind.16 Insbesondere im Dienstleistungssektor, von dem ja vielfach angenommen wird, daß dort die Arbeitsplätze heranwachsen, die im Produktionssektor verlorengehen, entstehen wesentlich mehr schlecht bezahlte Tätigkeiten – wie zum Beispiel Fahrradbote, Pizzaausträger oder Hundeausführer – als hochdotierte Jobs – wie solche eines Investmentberaters oder Computerprogrammierers.17

Ganz unabhängig von diesbezüglichen empirischen Untersuchungen18 steckt ja genaugenommen schon im Argument, daß es gegenwärtig zu einer „Tertiarisierung der Ökonomie“ kommt und damit in Zukunft eine wachsende Anzahl von Menschen im Dienstleistungssektor tätig sein wird, eine Bestätigung der Tendenz zur fortschreitenden Spaltung der Gesellschaft in gutverdienende Vollbeschäftigte auf der einen Seite, die es sich leisten können, die Marginalisierten „der anderen Seite“ zu ihren persönlichen Diensten heranzuziehen, weil sie selbst in der dazu notwendigen Zeit mehr verdienen können, als sie dafür zahlen müssen. Denn berücksichtigt man jene relativ vielen Dienstleistungen, die bisher von den Industriebetrieben selbst erbracht wurden – vom Transport über Lohnverrechnung bis zu Forschung und Entwicklung -, aber jetzt aus Kostengründen häufig in eigene Unternehmungen ausgelagert werden und somit zwar die Statistik der Dienstleistungstätigkeiten entsprechend aufbessern, aber real keinen Arbeitsplatzzuwachs bedeuten19, beruht die tatsächlich stattfindende diesbezügliche Ausweitung des Beschäftigungsangebots sehr stark auf neu entstehenden Arbeitsplätzen in den Bereichen der „persönlichen Dienstleistungen“. Diese Tätigkeiten gehören aber, entsprechend einer von André Gorz unter Berufung auf Adam Smith dargestellten und recht leicht nachvollziehbaren Logik20, nicht zufällig faktisch durchwegs dem Niedriglohnbereich an.

Gorz führt aus, daß das Wirtschaftswachstum in der Vergangenheit überwiegend auf der sogenannten „produktiven Substitution“ beruhte. Da Industrie und Dienstleistungsunternehmungen eine zunehmende Anzahl von Aufgaben, die vorher in der häuslichen Sphäre besorgt worden waren – wie beispielsweise Spinnen, Weben, Brot backen -, auf Grund von leistungsfähigen Maschinen, einem entsprechenden Energieeinsatz und rationalisierten Arbeitsverfahren mit weniger Arbeitszeit und häufig auch qualitativ besser erledigen konnten, waren diese Aufgaben zunehmend an sie übergegangen. Die Folge dieser Entwicklung war, daß die Menschen der industrialisierten Welt heute gemeinhin in einer Arbeitsstunde wesentlich mehr verdienen, als die Waren und Dienstleistungen kosten, die sie durch Eigenarbeit in dieser Stunde selbst herstellen könnten. Das Abgehen von der Selbstversorgung und die Industrialisierung hat auf der gesamtgesellschaftlichen Skala somit Arbeitszeit erspart, wodurch Mußezeiten oder das Produzieren zusätzlicher Reichtümer möglich wurden.

Ganz anders verhält sich die Sache im Bereich der persönlichen Dienstleistungen. Die Arbeitenden tun hier ja nichts, was jene Personen, die die Dienstleistung in Anspruch nehmen, nicht – in durchschnittlich derselben Zeit und der gleichen Qualität – genausogut selber tun könnten. Es handelt sich hier um eine „äquivalente Substitution“, die nur von jenen Menschen in Anspruch genommen werden kann, die um so viel mehr verdienen, als sie zu ihrer gesellschaftsadäquaten Bedürfnisbefriedigung brauchen, daß sie sich von lästiger, langweiliger und unbeliebter Arbeit freikaufen können. Das heißt aber, daß die Summe derjenigen Menschen, die auf Grund des sinkenden Arbeitskräftebedarfs in der Industrie keine Beschäftigung mehr finden und gezwungen sind, persönliche Dienstleistungen zu verrichten, immer nur gerade soviel verdienen kann, als die Gruppe derer zu „entbehren“ bereit ist, die trotz (oder dank) des Einsatzes der neuen Technologien einen gut bezahlten, sicheren Arbeitsplatz hat.21 Stellt man nun die Tendenz in Rechnung, daß die Anzahl der Beschäftigten in den produktiven Sektoren der Wirtschaft rückgängig ist und die Arbeitsplätze im Bereich der persönlichen Dienstleistungen zunehmen, ergibt sich aus dem Dargestellten in logischer Folge eine immer größer werdende soziale Kluft zwischen diesen beiden Bevölkerungsgruppen.

Die post-tayloristische Tendenz zur Dienstleistungsgesellschaft impliziert somit eine fortschreitende gesellschaftliche Spaltung, die mit dem traditionell-marxistischen Erklärungsmuster der „Klassenzugehörigkeit“ nur unzureichend in den Griff zu bekommen ist. Im Grunde genommen handelt es sich um eine Transformation des „Kolonialmodells“ (Gorz) in die Industriegesellschaften. Die heutige Zunahme der Arbeitsplätze im Bereich der persönlichen Dienstleistungen stellt demgemäß keineswegs bloß eine wertfrei interpretierbare Umschichtung der gesellschaftlich zur Verfügung stehenden Arbeitsplätze dar, sondern muß als die unmittelbare Folge der Verarmung eines größer werdenden Bevölkerungsanteils begriffen werden. Gorz faßt die heutige Entwicklung folgendermaßen zusammen: „Die soziale und ökonomische Ungleichheit zwischen denen, die persönliche Dienste leisten, und denen, die sie kaufen, ist zur Triebkraft der Schaffung von Arbeitsplätzen geworden. […] Die Schaffung von Arbeitsplätzen hat nicht mehr die Funktion, auf der gesamtgesellschaftlichen Skala Arbeitszeit zu sparen, sondern Arbeitszeit zu verschwenden; […] ihr Zweck ist es vielmehr, die Produktivität zu vermindern, um die Verausgabung von Arbeit durch die Entwicklung eines Dienstleistungssektors ohne soziale Nützlichkeit zu erhöhen. 22

Fasziniert von den gegenwärtigen Anzeichen eines Abgehens von der tayloristischen Produktionsform verengt sich der Betrachtungsfokus häufig auf das damit vorstellbar gewordene Ende der monotonen und zerstückelten Industriearbeit sowie die Vision einer interessanten, verantwortungsvollen und abwechslungsreichen Tätigkeit in der industriellen Produktion, wo statt auf reagierende Funktionen reduzierte Arbeiter, nun selbständige und mündige Menschen gefordert sind, die kommunikativ und lernfähig sind und eine Vielzahl manueller und intellektueller Fähigkeiten beherrschen. Gerne wird in diesem Zusammenhang die Perspektive von souveränen und autonomen Mitarbeitern entwickelt, die sich ihre Tätigkeit im Team selbst organisieren und – von „flachen Hierarchien“ kaum eingeengt – eigenverantwortlich die Optimierung der Produktion vorantreiben. Diese Entwicklung, die weiter vorne als der Einzug der „Dienstleistungslogik“ in die industrielle Produktion charakterisiert wurde, stellt jedoch nur die eine Hälfte jenes „Übergangs zur Dienstleistungsgesellschaft“ dar, an dessen Schwelle sich die industrialisierten Länder heute befinden. Die weitaus weniger glänzende zweite Hälfte dieser Perspektive besteht darin, daß es – wenn den gegenwärtigen Trends nicht entgegengesteuert wird – zu einem zunehmenden Auseinanderdriften der sozialen Bedingungen von Gewinnern und Verlierern des Konkurrenzkampfes um attraktive Arbeitsplätze kommt.

Die kurzschlüssige Euphorie des postmodernen „anything goes“ mit ihren schillernden Schlagwörtern „Pluralisierung, Differenzierung und Individualisierung“ verstellt heute weitgehend den Blick darauf, daß die angebliche Mannigfaltigkeit der Möglichkeiten der post-fordistischen Gesellschaft jedermann gnadenlos unter das Diktat totaler Leistungsverausgabung und Konkurrenz zwingt. Die „Sportifizierung der Gesellschaft“ fordert permanent, sich und die anderen zu bezwingen, weil nur wer hart und konsequent genug ist, sich durchzusetzen, an den attraktiven neuen Arbeits- und Lebensstilangeboten teilhaben kann. Das heute übliche einseitige Herausstreichen der Möglichkeit, daß ja (angeblich) jeder – nicht zuletzt durch „Weiterbildung“, im Sinne einer laufenden Nachjustierung seines Qualifikationsprofils – zu einem der Gewinner werden kann, und das damit verbundene weitgehende Verdrängen der Tatsache, daß ein Konkurrenzsystem – auch dann, wenn sich alle maximal anstrengen und ihr Bestes geben – immer auch Verlierer produziert, leistet gegenwärtig auch einer rasch fortschreitenden Deregulierung in der Arbeitswelt Vorschub.

Wesentliche Ansprüche, die im Rahmen der „tayloristischen Modernisierung“ der Arbeit entwickelt und durchgesetzt worden waren, wie Stabilität der Beschäftigung und ausreichende soziale Sicherung für alle Arbeitenden, sind derzeit einer raschen Erosion ausgesetzt. In diesem Sinn kann heute ein relativer Rückgang der traditionellen Lohnarbeitsverhältnisse, die in Form eines „Verkaufs von Arbeitskraft über eine bestimmte Zeit“ organisiert sind, einschließlich der damit verbundenen, in der Regel kollektiv ausgehandelten sozialen Sicherheitsmechanismen und der weitgehend üblichen Zeitentlohnung, beobachtet werden. Statt dessen steigt der Anteil solcher Arbeitsleistungen tendentiell an, die unter den Bedingungen von Liefer- oder Werkverträgen erbracht werden. Arbeitnehmer werden dadurch zu formell selbständigen, quasi freien Subunternehmern, die keinen Zeitlohn, sondern ein „Entgelt für eine Leistung unter Bedingungen der Ungewißheit23 erhalten. Damit wird auch das Modell der durch einen Arbeitsvertrag abgesicherten, kontinuierlichen und relativ gleichbleibenden Bezahlung nach und nach durchlöchert und beginnt sein bisheriges Selbstverständnis einzubüßen – es kommt zu einer „Flexibilisierung“ der Arbeitsverhältnisse und der Entlohnungsformen.

Aber auch im Rahmen (derzeit noch) traditionell organisierter Lohnarbeit zeigt sich der Trend zur „Risikogesellschaft“ (Ullrich Beck) im immer häufigeren Unterlaufen des sogenannten „Normalarbeitsverhältnisses“. Insbesondere die Zahl der „Teilzeitbeschäftigten wider Willen“, die ja durchaus auch als „Teilzeitarbeitslose“24 bezeichnet werden können, ist seit den siebziger Jahren permanent im Steigen begriffen.25 Im Zunehmen begriffen sind in allen Industriestaaten auch zeitlich befristete Arbeitsverträge, Gelegenheitsarbeiten und atypische Beschäftigungsverhältnisse wie legale und illegale Leiharbeit.26 Diese Arbeitsformen bedeuten für die Betroffenen durchwegs vermehrte Risiken, wie geringeres Einkommen, einen schlechteren oder gar keinen Pensions- und Krankenversicherungsschutz sowie eine verringerte Absicherung im Falle von Arbeitslosigkeit. Eine weitere Aushöhlung sozialer und arbeitsrechtlicher Standards impliziert die heute weitverbreitete illegale Beschäftigung von Arbeitskräften.

Die damit verbundene Heterogenisierung der Lebensbedingungen von Arbeitnehmern zerstört die letzten Reste einer traditionellen „Solidargemeinschaft“ der vom „Verkauf ihrer Arbeitskraft“ Lebenden. Bei den tayloristischen Massenarbeitern konnte sich zumindest ein diffuses Bewußtsein gleicher Interessenslage von „Lohnabhängigen“, verbunden mit dem Wissen um die Bedeutung kollektiver Formen der Interessenswahrnehmung und einer ideologisch legitimierten Abgrenzung gegenüber der Interessensgruppe der Arbeitgeber, herausbilden. Unter den heutigen Bedingungen hingegen erscheint die gesellschaftliche Bruchlinie Arbeitgeber-Arbeitnehmer im Bewußtsein der meisten Gesellschaftsmitglieder schlichtweg unwichtig. Traditionellen Formen kollektiver Interessenswahrnehmung wird dementsprechend zunehmend weniger Bedeutung zuerkannt, und statt dessen etabliert sich ein partikularer Korporatismus einander befehdender und voneinander abgrenzender Statusgruppen. Ganz im Sinne der Renaissance der Behauptung, daß dem Tüchtigen die Welt gehöre und jeder seines Glückes Schmied sei, verliert die in der traditionellen Wertehierarchie der Arbeiterbewegung äußerst hoch besetzte „Solidarität“ heute rasch an Wert27, was sich nicht zuletzt an der minimalen Beachtung zeigt, die – sogar von potentiell stark Betroffenen – den steigenden Arbeitslosenraten oder der Tendenz eines immer deutlicher gespaltenen Arbeitsmarktes entgegengebracht wird.

1 Interview in „Top-Business“, Report IV, Oktober 1992, S. 35.

2 Über die Einteilung und die Datierung der industriellen Entwicklungsschübe sind sich die Wirtschafts- und Sozialhistoriker nur zum Teil einig. Weitestgehend unbestritten ist bloß die „erste industrielle Revolution“. Ihr Beginn wird zwischen 1760 und 1780, ihr Ende zwischen 1830 und 1850 angesetzt, und sie wird allgemein als die Zeit des „Übergangs zum Fabriksystem“ angesehen. Von einer „zweiten industriellen Revolution“ sprechen viele Autoren im Zusammenhang mit dem „Übergang zur großindustriellen Massenproduktion“ in den letzten Dekaden des 19. und den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts. Eine „dritte revolutionäre Umwälzung der industriellen Fertigung“ wird schließlich verschiedentlich in der Einführung und Anwendung von Computertechnologien in Produktion und Verwaltung seit Anfang der siebziger Jahre gesehen. Vgl.: Müller-Jentsch/Stahlmann: Management und Arbeitspolitik im Prozeß fortschreitender Industrialisierung. In: Österreichische Zeitschrift für Soziologie, 13 (1988). Heft 2, S. 6/7.

3 Vgl. ebda., S. 5

4 Meißl, G.: Von der Modernisierung zur Postmodernisierung der Arbeitswelt. In: Tálos, E,/Riedlsperger, A. (Hg.): Zeit-Gerecht. 100 Jahre katholische Soziallehre. Steyr 1991, S. 146.

5 Ebda.

6 Zit. nach: Klopfleisch, a.a.O, S. 36.

7 Vgl. Rürup, B.: Die Zukunft der Arbeit. Sozioökonomische Konsequenzen des technologischen Wandels. Referat in Wien (Sommer) 1988 (hekt.).

8 Müller-Jentsch/Stahlmann, a.a.O, S. 6.

9 Vgl. Womack, J.P./Jones, D.T./Roos, D.: „Die zweite Revolution in der Automobilindustrie“. Konsequenzen aus der weltweiten Studie des Massachusetts Institute of Technology. Frankfurt a.M./New York 1991, S. 52.

10 Vgl. Klopfleisch, a.a.O., S. 157.

11 Ohne auf die Argumentationen Offes bezüglich der generellen Problematik des Definierens von „Dienstleistung“ und „Dienstleistungstätigkeit“ Rücksicht zu nehmen, wird hier nur auf seine Argumentation Bezug genommen, daß die „immanente Rationalität von Dienstleistungen“ ganz bestimmte Rahmenbedingungen für ihr Erbringen erforderlich macht. Er führt diesbezüglich aus: Während „kontraktionelle Erwerbsarbeit umso rationeller organisiert [werden kann], je eindeutiger ihre Resultate festgelegt sind, je weniger Variationsspielräume bei der Verwendung der sachlichen Betriebsmittel und der Arbeitszeit bestehen, je größer die Kontrollierbarkeit des Arbeitshandelns ist und je geringer die Dispositionsspielräume sind, innerhalb deren sich die konfligierenden Motive der Arbeitenden zur Geltung bringen können, […] liegen die Dinge [für das Erbringen] von Dienstleistungen ganz anders. Hier wird das gedachte Ergebnis des Handlungsablaufs umso besser erreicht, je weniger schematisch Ziele und Mittel vorgeschrieben sind, je größer Dispositions- und Interpretationsspielräume offengehalten werden, je weniger die Eigenmotivation des Dienstleistenden unter äußere Kontrolle gestellt wird und je größer daher die Möglichkeit ist, auf die Besonderheiten eines prinzipiell nicht völlig (d.h. dann nur mit widersinnigen Folgen) standardisierbaren Umweltausschnittes ad hoc einzugehen.“ Offe, C.: „Arbeitsgesellschaft“: Strukturprobleme und Zukunftsperspektiven. Frankfurt a.M./New York 1984, S. 296/297.

12 Nachgewiesen wurde ein diesbezüglicher Trend schon Anfang der achtziger Jahre durch Horst Kern und Michael Schumann in ihrer prospektiven Studie „Das Ende der Arbeitsteilung“. Nach einer Untersuchung der vorherrschenden Rationalisierungsformen in der Automobilindustrie, dem Werkzeugmaschinenbau und der chemischen Großindustrie kamen sie damals zu dem Schluß, daß die Nutzung der fachlichen Kompetenzen der Arbeitnehmer angesichts der fortgeschrittenen Produktionstechniken effizienter ist als die tayloristische Zerstückelung der Arbeit in Einzelverrichtungen. Daraus leiteten sie ab, daß zunehmed Arbeiter mit beruflichen Qualifikationen notwendig werden, durch die garantiert ist, daß angesichts der teuren Anlagen und der vom Markt erwarteten Produktflexibilität möglichst wenig Unterbrechungen im Produktionsablauf entstehen. Dies ist nur dann möglich, wenn die Arbeiter über ein umfassendes Produktionswissen und über ein Mehr an Verantwortung verfügen. Kern, H./Schumann, M.: Das Ende der Arbeitsteilung. Rationalisierung in der industriellen Produktion. München 19852.

13 Mit tragischer Deutlichkeit zeigt sich dieses Doppelgesicht des Post-Taylorismus derzeit in der europäischen Autoindustrie. In diesem Wirtschaftzweig, der besonders stark dem internationalen Konkurrenzkampf ausgeliefert ist und seit Anfang der neunziger Jahre mit massiven Absatzrückgängen konfrontiert ist, wird derzeit versucht, einerseits durch tiefgreifende Umorganisationen in Richtung „Lean production“, die Produktivkraft „Humankapital“ zu aktivieren und andererseits werden seit 1991 radikal Arbeitsplätze abgebaut, sodaß bis Mitte des Jahrzehnts voraussichtlich nur mehr ungefähr zwei Drittel des ursprünglich Personals beschäftigt sein wird. Vgl. „Kurier“ 13. August 1993, S. 21.

14 Insgesamt ist der Anteil der in der Industrie beschäftigten Erwerbstätigen im westlichen Europa seit 20 Jahren um mehr als 20 Prozent gesunken, und ein weiteres Abnehmen von 20 bis 30 Prozent wird für die nächsten zehn Jahre prognostiziert. In Österreich fand zum Beispiel noch 1970 jeder zweite Beschäftigte seine Arbeit in einem Industriebetrieb, 1993 ist es nur mehr jeder dritte. Und diese Entwicklung setzt sich – wie in allen Industriestaaten – noch weiter fort. „Wirtschaftswoche“ 31/29. Juli 1993, S. 14.

15 Vgl. insbesonders Gorz, A.: Und jetzt wohin? Berlin 1991.

16 Auch eine Untersuchung der Wirtschaftsprofessoren Barry Bluestone und Bennett Harrison brachte ein ähnliches Ergebnis: Fast die Hälfte – 44 Prozent – der zwischen 1979 bis 1985 in den Vereinigten Staaten neu entstandenen Arbeitsplätzen erbrachten eine Entlohnung an der Armutsgrenze. Damit hat sich die Quote der neu entstandenen Niedriglohnarbeitsplätze gegenüber den sechziger und siebziger Jahren mehr als verdoppelt. Zit. nach: Kami, M.J.: Zehn Prozent besser als die Konkurrenz. Worauf es heute ankommt, Schlüsselstrategien für den Wettbewerb. Frankfurt a.M./New York 1990, S. 23.

17 Nach „Newsweek“ vom 14. Juni 1993, S. 14.

18 Vgl. dazu beispielsweise: Blossfeld H.-P./Mayer K.U.: Berufsstruktureller Wandel und soziale Ungleichheit. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 43 (1991), 4, S. 671-696.

19 Diese „statistische Verwandlung“ ehemaliger dem Industriesektor zugerechneter Arbeitsplätze in Tätigkeiten des Dienstleistungssektors macht es insgesamt sehr schwer zu überprüfen, wieweit das Argument von der zunehmenden „Tertiarisierung der Wirtschaft“ überhaupt stimmt. Während die echten Produktionsabteilungen in der Industrie ständig schrumpfen, gewinnen zum Beispiel Marketing, Service, Forschung oder Weiterbildung immer mehr an Gewicht, scheinen aber erst wenn sie in eigene (Sub-)Unternehmen ausgelagert werden – was derzeit aus Kostengründen eben recht häufig passiert – im „Dienstleistungssektor der Wirtschaft“ auf. Vgl. „Wochenpresse“ 31/29. Juli 1993.

20 Die folgende Argumentation folgt im wesentlichen der Darstellung von André Gorz 1991, a.a. O., S. 72-76.

21 Dieser Mechanismus greift im übertragenen Sinn auch dann, wenn die angesprochenen persönlichen Dienste nicht auf einem „freien Markt“ gehandelt werden, sondern – wie zum Beispiel verschiedene Tätigkeiten in der Altenbetreuung – durch Länder, Gemeinden oder öffentliche Körperschaften organisiert werden. Denn auch dann kann eine Bezahlung in der Höhe eines adäquaten Standards nur erfolgen, wenn öffentlicher Konsens darüber herrscht, daß das über Steuern und Abgaben erworbene öffentliche Budget entsprechend belastet werden soll. Heute läßt sich jedoch eher der Trend beobachten, die Steuerbelastung der Gutverdienenden – und damit den finanziellen Spielraum des Staates einschließlich aller seinen Gliederungen – zu verringern.

22 Gorz 1991, a.a.O., S. 76; Hervorhebung E.R.

23 Herbert Giersch, Direktor des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, in „Wirtschaftswoche“ 10/1985, S. 38.

24 Die Tatsache, daß die Anzahl der Vollzeitbeschäftigungen relativ abnimmt und die Teilzeitbeschäftigungen ansteigen, hängt ja damit zusammen, daß in den letzten Jahren die Produktivität stärker gestiegen ist, als eine Ausweitung des Konsums möglich war. Um in dieser Situation die verbleibende Arbeit zu „strecken“, besteht zum einen die Möglichkeit, die Arbeitszeit allgemein zu reduzieren. Die Alternative zu dieser Entwicklung ist, daß – wie es derzeit geschieht – zunehmend mehr Menschen in die „Vollzeit-“ oder „Teilzeitarbeitslosigkeit“ abgedrängt werden.

25 Die OECD weist in ihrer jüngsten „Perspektive der Beschäftigung“ darauf hin, daß neben der statistisch sichtbaren Arbeitslosigkeit in den Mitgliedsländern auch die „versteckte Arbeitslosigkeit“ in Form von unfreiwilliger Teilzeitarbeit derzeit rasch zunimmt. So leisten im Jahre 1992 schon 13 Millionen Menschen zeitlich befristete Arbeit, obschon sie lieber einen Vollzeitarbeitsplatz hätten. „ÖGB-Nachrichtendienst“ 2703/29. Juli 1993. Auch in Österreich läßt sich in den letzten Jahren ein sprunghaftes Ansteigen der Teilzeitarbeitsplätze und der sogenannten geringfügig Beschäftigten verzeichnen. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Teilzeitbeschäftigten hierzulande um etwa 100.000 auf 500.000 angestiegen, wobei sich diese Zunahme seit Ende der achtziger Jahre noch beschleunigt. Dabei konzentriert sich Teilzeitarbeit ganz besonders in den Wirtschaftsklassen am unteren Ende der Verdiensthierarchie. Insbesondere die weiblichen Teilzeitbeschäftigungen konzentrieren sich in einfachen Büro- und Verwaltungshilfsberufen, im Verkauf und im Handel, im Bereich der Gebäudereinigung sowie in Gesundheitsberufen. Drei Viertel der teilzeitbeschäftigten Frauen haben nur Pflichtschulabschluß mit oder ohne Lehrausbildung, mehr als die Hälfte sind Arbeitnehmerinnen mit Hilfs- oder angelernten Tätigkeiten. – Es kann angenommen werden, daß nicht alle solcherart Beschäftigten freiwillig keinen Vollzeitarbeitsplatz einnehmen. „Der Standard“, 27. 9. 1993, und 20. 12. 1993, sowie Klaus Firley, Arbeits- und Sozialrechtler an der Universität Salzburg, in der ORF-Sendung „Arbeit ohne soziales Netz“, am 16. 10. 1992.

26 Vgl.: Gorz 1991, a.a.O., S. 71.

27 Deutliche diesbezügliche empirische Hinweise finden sich in dem 1991 veröffentlichten Österreichteil der Europäischen Wertestudie „Religion im Leben der Österreicher 1970-1990“, wo eine deutliche Entwicklung in Richtung „postsolidarischer Gesellschaft“ konstatiert wird.