31.12.1994  Beitrag drucken

Die Arbeit hoch? – Kapitel 6

Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Postfordismus

Inhaltsverzeichnis

6. Entfremdung — das unveränderte Merkmal der Arbeits-Freizeit-Gesellschaft

I. Die Arbeit hoch? Oder: Die erstaunliche Karriere eines historisch schwer belasteten Begriffs

Vor dem Tor zur Fabrik

Hält der Arbeiter plötzlich an

Das schöne Wetter hat ihn am Rock gezupft

Und als er sich umwendet

Und die Sonne betrachtet

Die rot leuchtet und blendet

Lächelnd im bleigrauen Himmel

Zwinkert er ihr vertraulich zu

Sag Kamerad Sonne

Meinst nicht auch du

Man sollte sich verdammt bedenken

Einen solchen Tag

Dem Chef zu schenken?
„Die verlorene Zeit“ von Jacques Prevert

Unsere Gesellschaft, die ja nicht umsonst häufig als „Arbeitsgesellschaft“ bezeichnet wird, ist – wie schon im ersten Kapitel skizziert wurde – zutiefst von Arbeit geprägt. An der Arbeit hängen Einkommen und Lebensstandard, Selbstwertgefühl und gesellschaftliche Stellung. Arbeit und arbeiten sind mit hohem gesellschaftlichem Prestige belegt, dementsprechend werden auch viele nicht im Zeichen des Erwerbs stehende Tätigkeiten unter dem Begriff „Arbeit“ subsumiert. Da wird von Hausarbeit, von Mütterarbeit, von Nachbarschaftsarbeit oder von Friedensarbeit gesprochen, auch die Beziehungsarbeit, Traumarbeit oder Trauerarbeit gehören neuerdings zu unserem stehenden Wortschatz. Nur weniges am menschlichen Leben scheint vor der Vereinnahmung durch den Arbeitsbegriff sicher zu sein – vielleicht noch die Nahrungsaufnahme, aber auch nur, wenn es sich dabei nicht um sogenannte „Arbeitsessen“ handelt, der Austausch von Zärtlichkeiten unter Liebenden und verschiedene Formen der Rekreation und Erbauung.1

Dennoch gilt nicht jede Arbeit als gleich wertvoll. Erst wenn Arbeit einen Ertrag abwirft, weil die Arbeitsleistung bzw. das Arbeitsergebnis von einem finanziell potenten Abnehmer begehrt und gekauft wird, also erst wenn es sich um „Erwerbsarbeit“ im weitesten Sinne des Wortes handelt, verspricht die Tätigkeit gesellschaftliches Prestige und Anerkennung. Diese Arbeit ist es auch, die für die meisten Menschen unserer Gesellschaft unverzichtbar für ihr Überleben ist, und von entlohnter Arbeit wird auch gesprochen, wenn heute konstatiert wird, daß der Arbeitsgesellschaft zunehmend die Arbeit ausgeht.2 Lohnarbeit entwickelt sich zum knappen Gut – zunehmend erhält nicht mehr jeder und jede, der/die arbeiten will beziehungsweise sich nur über diesen Weg eine gesellschaftsadäquate Form der Existenz sichern kann, auch die Gelegenheit dazu. In Österreich werden derzeit die höchsten Arbeitslosenraten seit fast vierzig Jahren verzeichnet, und insbesondere weniger flexibel disponierbare ArbeitnehmerInnen sind immer häufiger auch von sehr langen Arbeitslosigkeitsphasen betroffen. „Ältere“ Arbeitnehmer haben heute in den meisten Branchen nur geringe Chancen, nach einem Arbeitsplatzverlust, wieder eine Anstellung zu finden. Da genügend jüngere, vielfach besser beziehungsweise „zeitgemäßer und technologieangepaßter“ ausgebildete und vor allem auch „billigere“ Konkurrenten am Arbeitsmarkt vorhanden sind, werden eher diese statt der teureren und unter Umständen sogar krankheitsanfälligeren älteren Bewerber angestellt.3 Fast in allen Industriestaaten ist man heute gezwungen, sich mit dem Problem einer relativ hohen Sockelarbeitslosigkeit auseinanderzusetzen, und abgesehen von konjunkturellen und regionalen Schwankungen ist in den nächsten Jahren eher mit einer Verschlechterung denn mit einer Verbesserung dieser Situation zu rechnen.4

Der bekannte Soziologe Oskar Negt spricht in seinem Buch „Lebendige Arbeit – Enteignete Zeit“ in diesem Zusammenhang von einem „Grundskandal unserer Gesellschaft“: Die heutige Gesellschaft „droht an ihrem Reichtum und ihrer Überschußproduktion zu ersticken und ist gleichwohl außerstande, Millionen von Menschen das zivilisatorische Minimum für eine menschliche Existenzweise zu sichern: nämlich einen Arbeitsplatz, einen konkreten Ort, an dem sie ihre gesellschaftlich gebildeten Arbeitsvermögen anwenden können, um von bezahlter Leistung zu leben.“5 Galt noch bis vor wenigen Jahren die Formel: Wirtschaftswachstum sichert Vollbeschäftigung als Universalrezept gegen Arbeitslosigkeit, stehen wir heute vor der Situation, daß in den meisten Industriestaaten, trotz prosperierender Wirtschaft, das Problem Arbeitslosigkeit kaum bewältigbar scheint. Auch in Österreich wiesen die Wirtschaftsdaten der letzten Jahre massive Wachstumsraten aus, bezogen auf das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen gehört unser Land sogar zur Gruppe der reichsten Länder der Welt, gleichzeitig wurde es auch hierzulande für große Gruppen von Arbeitswilligen immer schwieriger, einen Erwerbsarbeitsplatz zu bekommen.

Bei der „verlorenen“ Arbeit handelte es sich vielfach um Beschäftigungen, die die Menschen entfremdet und verschlissen hatten; aber dennoch verschwindet für die Betroffenen mit ihrem Wegfallen auch das organisierende und definierende Zentrum ihres Lebens. In einer Gesellschaft, die sich ausdrücklich als Arbeitsgesellschaft versteht, ist Erwerbsarbeit eben – unabhängig von ihrer konkreten Ausformung – der wesentliche Schlüsselbereich für Lebenssinn und -zweck. So weist der Begriff Arbeitsgesellschaft auf zweierlei hin: Zum einen auf die Tatsache, daß der materielle Status und der immaterielle Geltungsrang des weitaus überwiegenden Anteils der Bevölkerung direkt oder indirekt an (Lohn-)Arbeit gekoppelt ist. Zum anderen sind aber zugleich auch die gesellschaftlichen Werte und Normen unserer Kultur ganz wesentlich auf Arbeit und die durch sie allein erwerbbaren Entschädigungen bezogen. Das heißt, Erwerbsarbeit ist für die allermeisten Menschen nicht nur eine unabdingbare Notwendigkeit, gleichzeitig sind die Menschen unseres Kulturraumes dahin sozialisiert, jenen Zustand auch zu bejahen, in dem ein adäquates Überleben in der Regel nur über entlohnte Arbeit möglich ist.

Dementsprechend sind – obwohl die arbeitsfreien Urlaubswochen in der Werbung als „die schönsten Wochen des Jahres“ apostrophiert werden und wöchentlich Tausende Menschen auf den großen Lottogewinn hoffen, mit dessen Hilfe sie sich dann zumeist ein arbeitsfreies Leben ermöglichen wollen – beispielsweise Diskussionen über ein allgemeines „Grundeinkommen ohne Arbeit“6 hierzulande kaum in Gang gekommen. Obwohl immer offensichtlicher wird, daß, trotz aller wirtschaftlicher Prosperität, das langjährige politische Ideal der Vollbeschäftigung anscheinend in immer größere Ferne rückt, wird krampfhaft daran festgehalten, daß, nur wer arbeitet, Achtung verdient. Dementsprechend leicht war es in den letzten Jahren auch, das gesellschaftliche Problem Arbeitslosigkeit zu einem individuellen Versagen umzuinterpretieren. Wer arbeitslos ist, gilt als selber schuld, entweder weil – wie vielfach behauptet wird – er wahrscheinlich gar nicht arbeitswillig ist, er sich für die angebotenen Arbeiten angeblich als „zu gut“ dünkt oder auf Grund dessen, daß seine Qualifikationen nicht arbeitsmarktgerecht sind, weil er nicht rechtzeitig für eine „Nachjustierung“ seines Qualifikationsprofils gesorgt hat.

Auch die gewerkschaftliche Forderung nach einer generellen Herabsetzung der Arbeitszeit, also quasi einer „Neuverteilung“ der vorhandenen Erwerbsarbeit auf alle Arbeitswilligen, erfährt – im deutlichen Gegensatz zu früheren Arbeitszeitreduzierungskämpfen – nur wenig Unterstützung durch die Mehrzahl der Arbeitnehmer.7 Hauptsächlich mit dem Hinweis auf eine damit eventuell geschwächte Konkurrenzfähigkeit der heimischen Wirtschaft wird vielfach gemeint, daß „wir“ uns eine Arbeitszeitverkürzung nicht leisten können.8 Im Lichte der Tatsache, daß damit den Tausenden Menschen, die sich derzeit mit einer „Arbeitszeitverkürzung auf die Null-Stunden-Woche“ abfinden müssen, nicht nur die Möglichkeit genommen wird am gesellschaftlichen Wohlstand teilzuhaben, sondern ihnen in einer Gesellschaft, die sich weitgehend über Erwerbsarbeit definiert, damit gleichzeitig auch ihr gesellschaftlicher Wert geraubt wird, kann diese Argumentation nur als zynisch bezeichnet werden.

Die Tatsache, daß in unserer Gesellschaft Arbeit offensichtlich in erster Linie nicht bloß als Bedingung der Möglichkeit für ein angenehmes und erfülltes Leben – im Enklang mit Natur und Mitmenschen – für alle begriffen wird, sondern daß „Erwerbsarbeit als Abstraktum“ die primäre gesellschaftliche Schlüsselgröße darstellt, bewirkt eine Reihe weiterer (scheinbarer) Widersprüche. So herrscht beispielsweise hierzulande eine Art von „hilfloser Einigkeit“ darüber, daß es durchaus vertretbar sei, die Produktion von Kriegsmaterial oder von offensichtlich sinnlosen oder schädlichen Gütern aufrechtzuerhalten, um auf diese Art „Arbeitsplätze zu erhalten“. Mit dem Argument, daß solche Produktionen sonst eben in anderen Ländern durchgeführt würden und es noch allemal besser sei, den heimischen Nationalreichtum zu vermehren, wird damit recht leichtfertig ein Beitrag zur weltweiten Rüstung, zur Ausbreitung von Krankheiten, zur weiteren Umweltzerstörung oder zum sinnlosen Verbrauch natürlicher Ressourcen in Kauf genommen.

Alle die genannten Widersprüche und offensichtlichen Absurditäten lassen sich nur erklären, wenn davon abgegangen wird, Arbeit losgelöst von den Rahmenbedingungen zu betrachten, unter denen sie in unserer Gesellschaft geleistet wird. Denn Arbeit ist durchaus nichts Überhistorisches. Die Tatsache, daß das Leben des Menschen immer schon mit Arbeit verknüpft war, daß Arbeit quasi „ewige Natur“ und Kultur-„Bedingung des menschlichen Lebens“ (Karl Marx), sozusagen eine „fundamentale Funktion der Existenz des Menschen“ (Laborem exercens, 1981), oder, noch elaborierter ausgedrückt, eine „conditio humana“, eine Bedingung und Bestimmung menschlicher Existenz, ist, sagt ja noch nichts über die Interessen und Bedingungen aus, die zur derzeit vorfindbaren und mit spezifischen historisch-gesellschaftlichen Gegebenheiten verbundenen Gestalt von Arbeit geführt haben. Die Frage muß den Triebkräften gelten, die verantwortlich dafür sind, daß die in der Antike und im Mittelalter eher geschmähte Arbeit im allgemeinen Bewußtsein zur „selbstverständlichen“ Lebensform wurde, deren Aufrechterhaltung wir heute viel mehr anstreben als das, was durch Arbeit eigentlich erreicht werden sollte; sodaß uns derzeit das Einfordern eines „Rechts auf Arbeit“9 viel eher angemessen erscheint als „bloß“ ein solches auf Wohlversorgtheit.10

Arbeit, so wie wir sie heute kennen, ist eine Erfindung der Moderne. In dieser spezifisch historischen Gestalt fällt sie „weder zusammen mit den tagtäglichen Notwendigkeiten, dem für den Lebensunterhalt und die Reproduktion eines jeden erforderlichen „Tagewerk“, noch mit der Mühsal – so anstrengend sie auch sein mag -, die ein Individuum zur Erfüllung einer Aufgabe vollbringt, deren Nutznießer es selbst oder seine Angehörigen sind, noch mit den Tätigkeiten, die wir, ohne Zeit und Mühe zu zählen, aus eigenem Antrieb zu einem Zweck unternehmen, der nur in unseren Augen Bedeutung hat und den niemand anderes an unserer Stelle verwirklichen könnte.“11 Das definierende Merkmal der Arbeit, die unserer Gesellschaft zur Bezeichnung „Arbeitsgesellschaft“ verholfen hat, ist, daß sie eine Tätigkeit darstellt, deren Wert ausschließlich über die Bedingungen eines Marktes – des Arbeitsmarktes – geregelt wird. Zu jener Arbeit, die wir „haben“, „suchen“ oder „verlieren“ können zählen nur Tätigkeiten, die von anderen nachgefragt, als verwertbar anerkannt und – genau deshalb – auch vergütet werden.

Jene das Leben in unserer Gesellschaft so grundsätzlich bestimmende Arbeit hat nur einen marginalen Zusammenhang mit der „Arbeit als anthropologische Kategorie“, sie tritt historisch auch erst spät, im Zusammenhang mit dem Manufakturkapitalismus, als abstrakte betriebswirtschaftliche Vernutzung menschlicher Arbeitskraft in die Welt. Die bloße für den Lebensunterhalt notwendige Arbeit hingegen war noch niemals in der Geschichte gesellschaftlicher Integrationsfaktor. Solche „Subsistenzarbeit“ versprach in keiner der vormodernen Gesellschaften Prestige und Anerkennung.12 Im Gegenteil, diejenigen, die sie ausführten, galten – da sie der „Notdurft des Lebens“ unterworfen waren – immer als unterste gesellschaftliche Kategorie. So meinte man im Altertum, daß man Sklaven nötig habe, weil es für die Befriedigung der Lebenserfordernisse notwendige Beschäftigungen gibt, die ihrer Natur nach „sklavisch“ sind, nämlich dem Leben und seiner Notdurft versklavt. „Arbeiten hieß Sklave der Notwendigkeit sein, und dies Versklavtsein lag im Wesen des menschlichen Lebens. Da die Menschen der Notdurft des Lebens unterworfen sind, können sie nur frei werden, indem sie andere unterwerfen […]. Im Altertum war [demgemäß] die Einrichtung der Sklaverei nicht wie später ein Mittel, sich billige Arbeit zu verschaffen oder Menschen zwecks Profit „auszubeuten“, sondern der bewußte Versuch, das Arbeiten von den Bedingungen auszuschließen, unter denen Menschen das Leben gegeben ist. Was dem menschlichen Leben mit anderen Formen tierischen Lebens gemeinsam ist, galt als nicht-menschlich.“13

Bis hinauf ins achtzehnte Jahrhundert galt Arbeit als „des freien Mannes unwürdige Mühsal“14 und bezeichnete fast ausschließlich die Beschäftigung der Knechte und Taglöhner, „die entweder Konsumgüter herstellten oder aber lebensnotwendige Dienste verrichteten, die tagtäglich erneuert werden müssen und kein dauerhaftes Resultat hinterlassen. Die Handwerker hingegen, die dauerhafte und akkumulierbare Gegenstände fabrizierten – Werkstücke, die von ihren Käufern meistens an die eigene Nachkommenschaft vererbt wurden -, „arbeiteten“ nicht: sie „werkten“, und bei diesem „Werk“ konnten sie die „Arbeit“ von Handlangern für die groben und unqualifizierten Aufgaben benutzen. Nur die Taglöhner und Handlanger wurden für ihre „Arbeit“ bezahlt; die Handwerker ließen ihr „Werk“ nach einem festen Satz bezahlen, der von ihren berufsständischen Organisationen festgelegt wurde, den Zünften und Gilden.“15 Diese Unterscheidung zwischen zwei mit unterschiedlichem gesellschaftlichem Prestige belegten Formen zielgerichtet-produzierender Tätigkeit spiegelt sich auch in beinahe allen europäischen Kultursprachen durch jeweils semantisch voneinander abgesetzte Begriffe wider; z.B. ponein und ergazesthai im Griechischen, laborare und facere im Lateinischen, travailler und ouvrer im Französischen, schließlich labour und work im Englischen.16

Grundsätzlich ging das mittelalterliche Denken davon aus, daß jeder Mensch die aufgrund seiner Geburt und seines Standes von Gott für ihn vorgesehenen Aufgaben zu erfüllen habe. Die dabei anfallenden Tätigkeiten sollten der Erhaltung des Lebens, nicht der Anhäufung von Reichtum dienen, und der Erlös sollte im Grunde nur die standesgemäße Lebensform sicherstellen. Denn eng verbunden mit dem Gebot, der dem Menschen zugewiesenen Pflicht innerhalb der vorgegebenen sozialen Ordnung gehorsam zu sein, war das Verbot des Gewinnstrebens. Der uns heute vollkommen selbstverständlich erscheinende kaufmännische Grundsatz, eine Arbeit zum Marktpreis abzusetzen, galt als unchristlich. Der Preis sollte durch das Gewissen geregelt sein, d.h. es sollte nicht mehr Gewinn erzielt werden als durch die eigene, in das Werk investierte Mühe gerechtfertigt erschien, und zwar auch dann, wenn der Markt mehr hergegeben hätte.17

Ganz in diesem Sinne waren auch die handwerklichen Produktionsmethoden ausdrücklich festgeschrieben und oft sogar unter Strafandrohung gegen Veränderungsversuche abgesichert. Die vereinzelt bis ins 19. Jahrhundert wirksamen Zunftgesetze verhinderten nicht nur willkürliche Preisfestsetzungen oder ein wahlloses Anwachsen des Warenangebots, sondern auch die Konkurrenz unter den Zunftgenossen. Neue Techniken oder Maschinen durften, wenn sie nicht allen zur Verfügung standen, vielfach gar nicht eingesetzt werden. Streng wurde darauf geachtet, daß keiner dem anderen seine Kunden abwarb und nur in dem Umkreis Waren verkauft werden durften, in dem es von der Zunft erlaubt war. Genauso bestimmten die Zünfte die Dauer der Arbeitszeit und legten die Entlohnung der Gesellen und Taglöhner fest, womit sie sie jedes Feilschen entzogen. Außerdem war die Anlage von Gewinnen im Betrieb und somit dessen Vergrößerung nur bedingt erlaubt.18

Insgesamt war das christliche – und damit das damalige abendländische – Arbeitsverständnis bis zur Reformation geprägt durch den biblisch vermittelten Arbeitsfluch. Der Mensch, der die Gemeinschaft mit Gott durch den Sündenfall gebrochen hat, kann „sein Brot nur im Schweiße seines Angesichts“ essen. Das Streben um eine Wiederherstellung der Gottesgemeinschaft stand im Zentrum des mittelalterlichen Lebens, woraus sich eine logische Unterordnung der Arbeit unter das Primat des geistlichen Lebens beziehungsweise der Frömmigkeit ergab. Arbeit stellte sich in diesem Verständnis als notwendige, jedoch nicht als die primäre Aufgabe des Menschen dar. Ganz im Gegenteil: Auch die Arbeit mußte sich dem Ziel der „religio“, der angestrebten Neuverbindung des Menschen mit Gott, unterordnen. So ist beispielsweise auch das Gebot der Arbeitsruhe an Sonn- und Feiertagen zu verstehen: Damit sollte verhindert werden, daß sich der Mensch der Arbeit statt Gott als dem Wesentlichen zuwendet.

Der scholastische Theologe und Philosoph Thomas von Aquin behandelt an vielen Stellen seiner Schriften das Verhältnis von tätigem und beschaulichem Leben. Dabei räumt er dem beschaulichem Leben, dem Leben der Betrachtung und Muße – ganz in der von ihm gepflegten aristotelischen Tradition – vorerst grundsätzlich den Vorrang ein.19 In diesem Sinn formulierte er beispielsweise unmißverständlich: „Das tätige Leben heißt Knechtschaft, das beschauliche aber Freiheit.“20 Später – im Zusammenhang mit der Verteidigung der Lebensweise der Predigerbrüder, die neben den traditionellen Mönchsgelübde der Armut, Keuschheit und des Gehorsams auch eine Verpflichtung zur seelsorgerischen Arbeit eingingen – unternimmt Thomas zwar eine Rehabilitierung der vita activa, indem er sich recht vehement für eine Synthese der beiden Lebensformen, des tätigen und beschaulichen Lebens, ausspricht. Jedoch handelt es sich bei den Werken des aktiven Lebens, die er für die Kombination mit dem beschaulichen Leben empfiehlt, nur um Tätigkeiten, die um der Nächstenliebe willen ausgeübt werden dürfen.21 Die für die Bewältigung der alltäglichen Lebensnotwendigkeiten erforderliche Arbeit bleibt unerwähnt. Für Tätigkeiten dieser Art liefert Thomas von Aquin eine Zweckbestimmung, die deutlich zeigt, daß Arbeit im Mittelalter keinesfalls Selbstzweckcharakter hatte, sondern demütig angenommen und in gottgefälliger Art bewältigt werden sollte: „Die Arbeit hat einen vierfachen Zweck. Zu allererst soll sie das Lebensnotwendige beschaffen; zweitens die Ursache so vieler Laster, den Müßiggang, vertreiben; drittens durch Kasteiung des Leibes die Fleischeslust zügeln; viertens ermöglicht sie, Almosen zu spenden.“22

Erst im Zusammenhang mit der im ersten Kapitel skizzierten Emanzipation des Menschen von der Vorstellung des Ausgeliefertseins an Natur und Vorsehung begann sich die Sichtweise der Arbeit von der „Erhaltung des Lebens“ zum „Selbstzweck“ zu wandeln. Arbeiten galt nun zunehmend nicht mehr bloß als auferlegte Pflicht, sondern als Tätigkeit zur Ehre Gottes – die „vita activa“ wird der „vita contemplativa“ nun nicht mehr selbstverständlich untergeordnet. Dem göttlichen Gebot entsprechend, sollten alle Menschen die Vollstrecker des göttlichen Willens auf Erden sein; zum Maßstab wurde, wie gläubig die Arbeit verrichtet wurde. Die folgenreichen nächsten Schritte der Entwicklung wurden durch Calvinismus und Pietismus grundgelegt. Calvin, der davon ausging, daß schon bei der Geburt festgelegt sei, ob ein Mensch von Gott gnädig angenommen oder zu ewiger Verdammnis bestimmt ist, meinte, daß sich diese „Prädestination“ am wirtschaftsberuflichen Erfolg eines Menschen ablesen ließe. Damit wurden Erfolg und Tüchtigkeit in Wirtschaft und Beruf zu einem Indikator der Heilsgewißheit hochstilisiert. In der Folge wurde der Wert eines Lebens in Betrachtung und Muße zunehmend geleugnet und dieses gesellschaftlich auch immer mehr abgelehnt – die Grundlagen für den späteren gesellschaftlichen Kampf gegen Arbeitsscheu, Faulheit und Bettelei waren gelegt.

Die skizzierte Entwicklung bedeutete den wahrscheinlich wesentlichsten Einschnitt im Verhältnis des Menschen zur Ökonomie und auf seinem Weg hin zur Arbeitsgesellschaft. Der wirtschaftliche Erfolg, auch der sehr schnelle und unverhältnismäßig große, war damit nämlich aus der bisherigen „religiös-ethischen Verdächtigung“23 entlassen. Zugleich war es allerdings weiterhin nicht erlaubt, sich auf einmal erworbenem Reichtum „auszuruhen“, es mußte tätig zu dessen dauernder Vermehrung beigetragen werden; Wohlleben und Luxus galten in den calvinistischen Gemeinden ja als Zeichen der Verdammung. Die Folge war, daß der Gewinn aus erfolgreichem wirtschaftlichem Handeln – da er nicht konsumiert werden durfte – nur in weitere ökonomische Unternehmungen investiert werden konnte, was wieder nur – Erfolg vorausgesetzt – zu noch größeren Gewinnen und abermaligen Investitionen führen konnte. Das summum bonum dieser Ethik war der Erwerb von Geld, unter strenger Vermeidung alles unbefangenen Genießens. (Max Weber)

Der Soziologe Max Weber identifiziert in der Summe dieser Entwicklungen sowohl die moralischen als auch die materiellen Grundlagen des Kapitalismus. Er meint, daß der calvinistische Geist einerseits die Rechtfertigung für hohe Unternehmergewinne, verbunden mit einer rücksichtslosen Disziplinierung und Ausnutzung menschlicher Arbeitskraft, lieferte und andererseits das über viele Generationen wirksame Gebot des Konsumverzichts auch eine sukzessive Kapitalbildung in wenigen Händen bewirkte. Zwar legitimierten die religiösen Gebote selbstverständlich nicht von vornherein die kapitalistische Ausbeutung lohnabhängiger Arbeiter, die Idealisierung der „vita activa“ und die prinzipielle Befürwortung von wirtschaftlichem Erfolg als gottgefälliges Handeln lieferten hier jedoch offensichtlich einer Entwicklung Vorschub, von der auch die Skeptiker der recht pointierten These Webers, daß der Calvinismus den Kapitalismus hervorgebracht habe, annehmen, daß sie die Industrialisierung begünstigt hat. Für die Annahme einer Schlüsselfunktion der calvinistischen Wirtschaftsethik bei der Entwicklung des Kapitalismus spricht z.B. die Tatsache, daß das puritanische England in der Industrialisierung dem katholischen Frankreich und dem protestantischen Deutschland um fast ein Jahrhundert voraus war.24

Historisch sind wir unserer heutigen Vorstellung von Arbeit nun schon sehr nahe. Der Manufakturkapitalismus, der sich im 18. Jahrhundert durchzusetzen begann, schuf schließlich endgültig die Grundlagen für unser heutiges System der Erwerbsarbeit. Das besondere und historisch noch nie Dagewesene an der sich nunmehr entwickelnden Ausprägungsform von Arbeit ist, daß der Anlaß für das Ingangsetzen von Arbeitsprozessen sich vom ursprünglichen Zweck – der Herstellung von Gebrauchswerten – nun völlig löst. In allen vorhergehenden Gesellschaftsformationen der menschlichen Geschichte traten uns Warenproduktion und Arbeit in ihrer konkreten, unmittelbar-sinnlichen Gestalt entgegen: als das Schaffen von Gebrauchswerten bzw. von Eintauschmöglichkeiten für andere Gebrauchswerte. Im Gegensatz dazu stellt das Schaffen von Mehrwert die primäre Antriebskraft der modernen Warenproduktion dar, das heißt, es geht in erster Linie darum, daß eine in die Ingangsetzung von Arbeitsprozessen investierte Menge an Geld durch Arbeit anwachsen soll. Was und wo jeweils produziert wird, hängt dementsprechend – insbesondere seit Kapital problemlos in verschiedenste Länder transferiert werden kann – ganz allein von der erzielbaren Rendite für eingesetztes Kapital ab.

Zwar bleibt die offensichtliche Tatsache bestehen, daß durch Arbeit Gebrauchswerte geschaffen werden dadurch, daß sich aber die Zielsetzung für das Ingangsetzen von Arbeitsprozessen geändert hat, stellen die konkreten sinnlichen Produkte nun nur noch einen Ausdruck der Geldabstraktion dar. Denn der eigentliche Endzweck der ganzen Veranstaltung ist nun nicht mehr die Vermittlung konkreter Güter, sondern die Verwandlung von Geld in mehr Geld; die Produktion von Gebrauchswerten ist dabei zwar unverzichtbar, nichtsdestotrotz aber bloß Nebeneffekt. Genau darin ist der Grund zu finden, warum heute nicht die Relation zwischen gesellschaftlich notwendigem Arbeitsaufwand und Sinn sowie Zweck der erzeugten Produkte jenes Kriterium sein kann, an dem der Wert und die Notwendigkeit von Arbeit gemessen wird. Ob die Herstellung bestimmter Produkte und die damit verbundenen Arbeiten „sinnvoll“ sind, entscheidet sich derzeit ja letztlich nur daran, ob dabei eine hohe Mehrwertschöpfung möglich ist. „Die Produkte stellen jetzt in ihrem gesellschaftlichen Bezug nicht mehr das dar, was sie stofflich-sinnlich wirklich sind; es handelt sich bei ihrer Herstellung vielmehr um die Produktion von Mehrwert. Der Austausch auf dem Markt erscheint zwar nach wie vor als Kaufen und Verkaufen von konkreten Bedarfsgütern, ist aber in seiner tatsächlichen gesellschaftlichen Vermittlung nur noch die Realisierung des in den Gütern inkarnierten Mehrwerts, dessen Verwandlung in seine eigentliche Darstellungsform Geld. Die Gebrauchsgüter werden degradiert zu einem bloßen Durchgangsstadium im Formwandlungsprozeß des abstrakten ökonomischen Werts.“25

Dieses Umschlagen des primären Zwecks von Arbeitsprozessen bewirkte in der Folge gewaltige Innovationsschübe in der Güterproduktion. Es existierte ja nun erstmals ein allgemeines, treibendes Motiv zur Weiterentwicklung der Produktivkräfte – die „Konkurrenz“. Die möglichst hohe Kapitalrendite als alles überstrahlendes Ziel jedweder Produktion von Waren ließ die tradierten, die gesellschaftliche Güterproduktion regelnden Ordnungsvorstellungen rasch obsolet werden. Waren die strukturellen Bedingungen der vorkapitalistischen Produktion noch weitgehend statisch gehalten worden, wurde nun mit einemmal „Fortschritt“ möglich. Es kam zu einem unvorstellbaren Anstieg der Produktivität durch die Entwicklung neuer Werkzeuge und Maschinen, das Erschließen neuer Energiequellen und die rationellere Organisation der Produktion. Damit war einerseits die Tür aufgestoßen für eine gewaltige Erweiterung der Bedürfnisse und Möglichkeiten der Individuen, und andererseits eröffnete sich durch die zunehmende Entfaltung der modernen Produktivkräfte auch die Möglichkeit einer tendentiellen Befreiung des Menschen von der Notwendigkeit der Arbeit als labor, als Leid „im Schweiße seines Angesichts“26.

Erst die Freigabe der Konkurrenz als „stummer Zwang“ (Karl Marx) des warenproduzierenden Systems konnte die Produktivkräfte derart in Bewegung setzen, wenn auch in schreienden Widersprüchen von Destruktion und Emanzipation.27 Denn genau jene „innovative Kraft Konkurrenz“ – die ja als Konkurrenz um die Aneignung eines möglichst hohen Mehrwerts, vermittels und nicht zum Zweck der Ingangsetzung von Produktionsprozessen in die Geschichte trat – bewirkte gleichzeitig eine neuerliche Unterjochung der Mehrheit unter das Diktat der Arbeit. In den vorindustriellen Gesellschaftsformen manifestierte sich Arbeit, aufgrund des relativ geringen Standes der Produktivkraftentwicklung, als den Lebenshorizont der Mehrheit ganz und gar ausfüllende Mühe und Plage. Im gleichen Maß, wie die Produktivkräfte durch Industrialisierung und Verwissenschaftlichung jedoch Zwang und Bann dieser „ersten Natur“ sprengten, wurden sie wiederum eingebannt in einen gesellschaftlichen Sekundärzwang. Die spezifische gesellschaftliche Reproduktionsform der Ware wurde nun zur „zweiten Natur“, deren Notwendigkeit den Individuen heute ebenso unerbittlich fordernd gegenübersteht wie diejenige der „ersten Natur“, obwohl sie rein gesellschaftlich entstanden ist.28

Da das Herstellen von Waren und das Erbringen von Dienstleistungen unter den gegebenen Bedingungen der Güterproduktion nur „immanente Nebeneffekte“ der Kapitalvermehrung sind, treten auch die in den Arbeitsprozessen eingebundenen Menschen nicht primär als Subjekte in Erscheinung, deren Lebensqualität im Mittelpunkt der Gestaltung und Ausrichtung dieser Arbeitsprozesse steht – ihre Bedeutung gewinnen sie ja einzig als Kalküle betriebswirtschaftlicher Kosten-Nutzen-Rechnungen. Damit wirken auch die Möglichkeiten einer Verringerung von Arbeitsaufwand durch die Entfaltung der Produktivkräfte nicht primär und auch nicht selbstverständlich im Sinne einer Verbesserung der Lebens- und Arbeitssituation der Arbeitenden, sondern bewirken von vornherein nur eine schnellere und bessere Kapitalakkumulation. Dementsprechend bedurfte es auch eines mühseligen und opfervollen, mehr als ein Jahrhundert dauernden Kampfes, um den Arbeitenden einen adäquaten Anteil an der Produktivkraftentwicklung zu sichern.

Der Preis für die Tatsache, daß es schließlich gelang, gesellschaftliche Machtverhältnisse zu erkämpfen, in denen nicht automatisch und selbstverständlich die Interessen des Kapitals über jene der Arbeitenden gestellt werden können, war allerdings das allgemeine Akzeptieren der „Logik des Kapitalismus“. Erst als die Träger der gesellschaftlichen Arbeit das „immer mehr um jeden Preis“ und die damit verbundene möglichst große und intensive Verausgabung von Arbeitskraft jenseits konkreter subjektiv-sinnlicher Bedürfnisse – eben die Logik der kapitalistischen Warenproduktion – akzeptiert hatten, war ihre gesellschaftliche Konsensfähigkeit hergestellt. Die Geschichte des Kapitalismus läßt sich – wie im ersten Kapitel dargestellt – dementsprechend auch als eine Geschichte der Installierung unseres heutigen „Arbeitsethos“ schreiben. In einem umfassenden Prozeß der sozialen Disziplinierung, an dem vor allem Schule, Heer, Zucht- und Armenhäuser beteiligt waren, vollzog sich im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert die gesellschaftliche Geburt eines „neuen Menschen“29, der einerseits den ökonomischen Anforderungen des aufkommenden Kapitalismus entsprach und andererseits die Regeln dieser neuen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung schließlich so verinnerlichte, daß er sie zur absoluten Logik schlechthin erklärte.

Fleiß, Tüchtigkeit, Leistung und Erfolg sind heute positiv besetzte „Werte an sich“, bei denen derzeit kaum noch nach Zweck und Nutznießern gefragt wird. „Die Arbeit“ und die sich aus ihrer Idealisierung ergebenden Werte haben endgültig „alles gute Gewissen auf ihrer Seite“30. Nicht mehr Arbeit als (Über-)Lebensnotwendigkeit, sondern Arbeit als Selbstzweck ist es, was das Leben der Menschen in der industrialisierten Gesellschaft kennzeichnet.31 Damit geht die materiell unvergleichlich bessere Situation der Angehörigen der heutigen Industriegesellschaft, gegenüber jener der Menschen vorindustrieller Gesellschaften, aber auch einher mit Entfremdung und Sinnentleerung. Denn wenn der wirtschaftliche Erfolg von Einzelindividuen, Unternehmungen, Volkswirtschaften oder wirtschaftlich gemeinsam operierenden Regionen zur primären Richtschnur gesellschaftlichen Handelns wird, und sich nicht mehr gegenüber einer übergeordneten Sinngebung legitimieren muß, bleibt der Mensch mit seinen wesentlichen Existenzfragen auf der Strecke. Der Kampf um das „Mehr-haben“ eröffnet nicht die Möglichkeit einer Antwort auf die Fragen nach dem „Sinn des Seins“ sondern treibt Menschen nur immer tiefer in existentielle Deprivationen, oftmals verbunden mit Süchten aller Art oder mit suizidalen Lebensmustern32.

Zugleich zeigt sich in den letzten Jahren aber auch immer deutlicher, daß die unserer Wirtschaftsordnung immanente Zwangsgesetzlichkeit von Wachstum und Konkurrenz auch jede Lösung in bezug auf die immer drängender werdenden weltweiten sozialen und ökologischen Probleme verhindert. Dem weit über irgendwelche ursprünglichen Bedürfnisse hinausgewachsenen Warenangebot in den Industriestaaten steht ja einerseits eine unvorstellbare Armut der außerhalb dieser Regionen lebenden Menschen gegenüber, und andererseits entwickeln sich zunehmend auch innerhalb der Wohlstandsgebiete so etwas wie „Dritte-Welt-Inseln“33. Gleichzeitig ist es heute wohl kaum mehr möglich, die fatalen Folgen der ungebremsten Ausbeutung der Natur zu leugnen. Immer mehr und – im Sinne ökonomischer Logik – immer rationeller zu produzieren bedeutet eben zum einen die Vernichtung zunehmend größerer Ressourcenmengen, begleitet von einem laufend ansteigenden Energieverbrauch, und zum anderen auch die Tendenz zum Ersetzen lebendiger Arbeitskraft durch mechanische und elektronische Aggregate. Da aber die Logik der – inzwischen weltweiten – Konkurrenz eine Aufteilung der verbleibenden Arbeit auf alle Arbeitswilligen, aufgrund der damit verbundenen Wettbewerbsnachteile, nur schwer möglich macht, ist eine weitere Folge die Ausgrenzung anwachsender Gruppen der Bevölkerung vom Arbeitsmarkt. Sowohl die heute bereits allgemein beklagte ökologische Krise als auch die viel zu wenig diskutierte soziale Zeitbombe haben ihre Ursache in den Prinzipien der modernen Warenproduktion. Die durch die Freigabe der Konkurrenz ins uferlose anwachsende Produktivität schlägt in einer zunehmenden Zerstörung der Biosphäre zu Buch, und der dabei aktivierte Wissenschafts- und Sachmitteleinsatz führt gleichzeitig das „Arbeits“-Prinzip ad absurdum. Es scheint somit allerhöchste Zeit, das „Immer mehr um jeden Preis“, einschließlich der damit verknüpften Idealisierung der Arbeit, massiv zu hinterfragen, um die Welt nicht schließlich vollends durch Arbeit zu zerstören.

II. „FREIZEIT“ – FLUCHTPUNKT DER ARBEITSGESELLSCHAFT?

Wie zahlreich sind doch die Dinge,

deren ich nicht bedarf.

Sokrates, Viertes Jht. v. Chr.

Freedom ’s just another word

for nothing left to loose.

(Janis Joplin, 1968)

Wir wollen alles,

und davon möglichst viel,

und zwar sofort.

(Graffiti, 1994)

Häufig wird argumentiert, daß der Anteil an Lebenszeit, den die Menschen für Erwerbsarbeit aufwenden, derzeit sowieso kontinuierlich abnimmt, und unsere Kultur sich sukzessive von einer Arbeitsgesellschaft zu einer Freizeitgesellschaft wandelt. Der technische Fortschritt bewirkt einerseits, daß, obwohl sogar immer mehr Waren produziert werden, eine laufende Verringerung der gesetzlichen bzw. kollektivvertraglich vereinbarten Regelarbeitszeit möglich ist, und gleichzeitig nimmt die Lebensarbeitszeit auch durch eine Verlängerung der durchschnittlichen Schul- und Ausbildungszeit, die immer häufiger notwendigen Phasen der Weiterbildung sowie durch eine Vorverlegung des Pensionsalters ab. Außerdem – so könnte man zynisch argumentieren – stellen eben auch die erzwungenen Phasen der Arbeitslosigkeit, von denen, wie schon erwähnt, relativ viele Menschen unserer Gesellschaft betroffen sind, quasi „durch die Hintertür“, eine Reduzierung der durchschnittlichen Lebensarbeitszeit dar. Und wenngleich derzeit auch noch schwer abschätzbar ist, wie die Entwicklung am Arbeitsmarkt unmittelbar weitergehen wird, welche Substitutionseffekte sich beispielsweise zwischen den Wirtschaftssektoren ergeben werden und wie rasch neue technische Möglichkeiten im Sinne weiterer Arbeitszeitreduzierungen wirksam werden können, scheint es doch eine ausgemachte Sache zu sein, daß wir uns tendenziell einem Zustand annähern, in dem die Menschheit das Joch der Arbeit weitgehend wird abgeschüttelt haben und „die vita activa zum unbedeutenden Restposten einer Moderne“34 werden wird. Daraus ließe sich dann schließen, daß der bestimmende Charakter der (entfremdeten) Arbeit in unserer Kultur tendenziell ebenfalls schon wieder im Schwinden begriffen sei.

Aber, wie Hannah Arendt schon 1958 schrieb, „dieser Schein trügt. Die Neuzeit hat im siebzehnten Jahrhundert begonnen, theoretisch die Arbeit zu verherrlichen, und sie hat zu Beginn unseres Jahrhunderts damit geendet, die Gesellschaft im Ganzen in eine Arbeitsgesellschaft zu verwandeln. Die Erfüllung des uralten Traums (vom leichten, von Mühe und Arbeit befreiten Leben für alle, E.R.) trifft wie die Erfüllung von Märchenwünschen auf eine Konstellation, in der der erträumte Segen sich als Fluch auswirkt. Denn es ist ja eine Arbeitsgesellschaft, die von den Fesseln der Arbeit befreit werden soll, und diese Gesellschaft kennt kaum noch vom Hörensagen die höheren und sinnvolleren Tätigkeiten, um derentwillen die Befreiung sich lohnen würde. Innerhalb dieser Gesellschaft […] gibt es keine Gruppe, keine Aristokratie politischer oder geistiger Art, die eine Wiederholung der Vermögen des Menschen in die Wege leiten könnte.“ Und im Hinblick auf die Entwicklung der permanent steigenden Produktivität, also der Tatsache, daß immer mehr Produkte unter Einsatz von immer weniger menschlicher Arbeitskraft geschaffen werden können, meint sie schließlich: „Was uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht. Was könnte verhängnisvoller sein?“35

In diesem Sinn verspricht, abgesehen davon, daß, trotz eines unbestreitbaren Rückgangs des Anteils der (Lohn-)Arbeit an der Gesamtlebenszeit in den industrialisierten Ländern, ein kritisches Hinterfragen der Behauptung von der permanenten und „dramatischen“ Arbeitszeitverkürzung angebracht bleibt36, auch die bloße Reduzierung der Erwerbsarbeitszeit, bei Aufrechterhaltung der strukturellen Bedingungen, unter denen gesellschaftlich organisierte Arbeit stattfindet, keine Lösung. Freizeit stellt heute kaum einen Gegenpol zur fremdbestimmten Arbeitszeit dar. So wie David Riesmann schon in seinem 1961 erschienenen Buch „Wohlstand wofür?“37 geschrieben hat, kann man sie heute meist nur mehr als jene Zeit charakterisieren, „in der man sich all den Anreizen zum Erwerb neuer Konsumgewohnheiten aussetzt, die ihrerseits neue Einkommensquellen erfordern“. Unsere Arbeitsgesellschaft braucht eben nicht nur bewußtlos sich am Ziel des „Immer-Mehr“ beteiligende Arbeitende, sondern auch Konsumentinnen und Konsumenten, die möglichst viele Modeströmungen mitmachen, sich einreden lassen, daß genau das jetzt neu auf den Markt kommende Produkt ihr Leben lebenswerter machen wird und die unkritisch alle Lifestylerituale, die gerade „in“ sind, mitvollziehen.

Kritische KonsumentInnen hingegen, die nach dem Sinn und Zweck der immer neuen und modeabhängig wechselnden Produkte und Designs fragen würden, könnten die Prämissen unserer Gesellschaft genauso zum Wanken bringen wie eine kritische ArbeitnehmerInnenschaft, von der die Grundsatzfrage nach dem Sinn einer Arbeit gestellt wird, die im Erzeugen von Produkten besteht, die man den Käufern oft erst aufwendig einreden muß und deren „Entsorgung“ in der Zwischenzeit vielfach schon mehr Probleme als ihre Herstellung bereitet. Aber Bedingungen, Form und Rhythmus der Arbeit prägen eben auch das Verhalten außerhalb der Arbeitssphäre. Das für das Funktionieren in der Arbeitswelt verinnerlichte „Immer-Mehr“ fordert seinen Tribut selbstverständlich auch in der arbeitsfreien Zeit. Selbst-findung und Selbst-verwirklichung sind dementsprechend derzeit in beiden Sphären kaum möglich, jedenfalls nicht für die weitaus überwiegende Zahl der ArbeitnehmerInnen. Es wäre eine Illusion, Freizeit als jenen Bereich anzusehen, in dem der Mensch von den Entfremdungstendenzen durch die industrielle Arbeitswelt befreit wäre. Geändert sind nur die Vorzeichen der Entfremdung, statt unter dem Zwang zur Arbeitskraftverwertung steht er in seiner erwerbsarbeitsfreien Zeit unter dem Zwang des Konsums.38

In der Zwischenzeit wird ja das Aufrechterhalten der auf das „Immer-Mehr“ programmierten „Wachstumsgesellschaft“ schon längst nicht mehr nur durch die verinnerlichte Arbeitsmoral der Gesellschaftsmitglieder gewährleistet. Als diesbezüglich mindestens genauso wichtig stellte sich die „Weiter“entwicklung des Menschen zum „homo consumens“ dar. Im Hinblick auf die Notwendigkeit eines ständig steigenden Konsums im Rahmen unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung wurde eine entsprechende Haltung der Menschen, auch in der von Erwerbsarbeit freien Zeit, immer wichtiger. Immer mehr zu konsumieren mußte im gleichen Maß zum bewußtlos befolgten Lebensgesetz unserer Gesellschaft werden wie die Bereitschaft zur intensiven Verausgabung von Arbeitskraft jenseits konkret-sinnlicher Bedürfnisse. Demgemäß kann auch die Welt des Freizeitkonsums keineswegs als Antithese zur heutigen Arbeitssituation und Arbeitswelt begriffen werden. Arbeiten und Konsumieren sind nur zwei Erscheinungsformen des gleichen Prozesses der Mehrwertproduktion; die Freizeit bietet dem einzelnen keineswegs automatisch die Chance zum Sprengen der Fesseln, die die Arbeitsgesellschaft seinem Bewußtsein angelegt hat.

Eine auf permanentes Wachstum und auf Expansion ausgerichtete Wirtschaft muß entweder ständig ihre Absatzmärkte ausweiten oder den Konsumenten immer wieder neue Wünsche suggerieren und diese an bestimmte verkaufbare Utensilien oder vermarktbare Dienstleistungen heften. Nachdem die potentiellen Käufermärkte natürlich irgendeinmal erschlossen sind, bleibt schließlich nur mehr der Weg in die Ankurbelung der Konsumspirale. Daß die Unternehmer in diesem Sinn vorgehen, ist demgemäß auch gar keine Frage der Moral, sondern eine Folge der gesellschaftlichen Produktionsweise, in der jeder Kapitaleigner bei Strafe des Untergangs gezwungen ist, nach steter Kapitalverwertung zu drängen. Eine von Erwerbsarbeit befreite Zeit der Gesellschaftsmitglieder wurde, im Hinblick auf das notwendige Moment des ungezügelten Konsums in unserer Gesellschaft, damit förmlich zu einem wirtschaftlichen Zwang; Freizeit fungiert heute in diesem Sinn primär als ein „Motor der Konsumbedürfnisse“. Für ganze Wirtschaftszweige stellt der „Zugriff auf die Freizeit“ der Individuen in der Zwischenzeit durchaus eine „wirtschaftliche Überlebensnotwendigkeit“ dar.

Die Umformung des Menschen zum „homo consumens“, und damit seine Totalindienstnahme für die Zwecke der Kapitalvermehrung, hat mit der sukzessiven Durchsetzung des Fordismus und somit – für Europa – nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen. Der amerikanische Psychologe Philip Cushman beschreibt die damals eingeleitete Entwicklung als eine systematische „Entleerung des Selbst“39, da dieser Prozeß bei den Gesellschaftsmitgliedern, parallel zum Schaffen der psychischen Voraussetzungen für die Anpassung an den Wachstumszwang unserer Wirtschaft, auch das jahrhundertelang gepflegte Ideal eines autonomen Selbst endgültig zerstört hat. Denn verständlicherweise ist nicht der Mensch, der selbst-bewußt und mündig über die Gestaltung und Ausgestaltung seines Lebens entscheidet, der „Idealkonsument“ einer auf permanentes Wachstum programmierten Wirtschaft, in der es ja darum geht, möglichst hemmungs- und kritiklos zu konsumieren, sondern der – wie ihn Riesmann40 treffend bezeichnet – „außengeleitete Mensch“, ein anpassungsfähiger und flexibler Typ, der sich problemlos in den Strom von Waren, Versuchung und Konsum eingliedern läßt.41

Der „Ort der Kontrolle“ darf sozusagen – im Sinne eines problemlosen Funktionierens unserer Wirtschaftsordnung – nicht mehr im autonomen Selbst der Individuen liegen, sondern bei den vielen Manipulationsinstanzen der Konsumgesellschaft. Waren es früher überwiegend die Familie, die Religion bzw. ein durch das soziale Bezugssystem vermitteltes Weltbild, wodurch den Menschen Leitbilder und Orientierungen geboten wurden, so wurde diese Funktion seit einigen Jahrzehnten auch immer mehr von der Werbung und den Massenmedien übernommen. Heute kann man durchaus sagen, daß primär Werbe- und Marketingexperten die gängigen Normen für sozial korrektes Verhalten, guten Geschmack sowie die Kriterien für Befriedigung und Glück vorgeben. Die Folge ist eine unverkennbare Tendenz zur zunehmenden „Standardisierung“ und „Uniformierung des Bewußtseins“ der Gesellschaftsmitglieder. Diejenigen, die es sich leisten können, versuchen das, was gerade „in“ ist, an Lebensstil, Kleidung, Verhaltensweisen und neuerdings immer häufiger auch Aussehen42, möglichst perfekt zu kopieren – der selbstbewußte Mensch, der sich zu seinem einmaligen und unverwechselbaren Wesen bekennt, scheint damit endgültig passé zu sein.

Möglich wurde dieser „Abschied von der Individualität“, verbunden mit der skizzierten Bereitschaft der Menschen unseres Kulturraumes, sich relativ reflexionslos den Vorgaben der jeweiligen Modetrends zu unterwerfen, durch eine zunehmende Sinnentleerung in modernen Gesellschaften. Als Folge läßt sich quasi auch eine „innere Entleerung“ der Menschen beobachten. Der bekannte Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter meint in diesem Zusammenhang, daß in unserer Gesellschaft die Innerlichkeit, das Nachdenken über eigene innere Probleme, eine zunehmende Entwertung erfahren hat und sich als Folge ein Verlust an Innenwelt, an selbstkritischer Reflexion, an Ernstnehmen des Inneren beobachten läßt. Als Kompensation zeigt sich ein geradezu triebhafter „Konsumismus“, eine Sucht nach unmittelbar herstellbarer Befriedigung durch Kaufen, durch Genüsse, die man sozusagen manipulieren kann.43 Richter nimmt eine Wechselwirkung an, zwischen der – wie er sagt – „inneren Unseligkeit“, also der Perspektivlosigkeit der Menschen einerseits, und dem verstärkten Drang, sich manipulierbare Bedürfnisbefriedigung zu verschaffen, andererseits44. Das Konsumieren dient letztlich der Kompensation der inneren Leere, der Sinnentleerung mit dem damit unmittelbar zusammenhängenden Gefühl, wertlos zu sein; die Menschen suchen etwas, was ihrem Leben Sinn zu geben vermag, und greifen in ihrer Not begierig nach den Angeboten der Warenwelt.

Konsumieren stellt heute für viele Menschen einen Ersatz für Leben und Lebendigkeit dar, für jene kreative Kraft, die sich vielfach nur noch unmittelbar bei Kindern, bei deren Spiel, beobachten läßt. Den Verlust von Sinn und Ziel in der Gesellschaft als Ganzem erlebt der einzelne als Verlust an Werten und Sicherheiten. Die Folge ist eine innere Leere, verbunden mit einem chronischen, undifferenzierten „emotionalen Hunger“45. Genau dieser emotionale Hunger der leeren Selbst ist aber als wesentliches „Schmiermittel“ der Arbeits- Konsum-Gesellschaft erforderlich. Im ständig steigenden Konsum von möglichst vielen Produkten durch möglichst viele Menschen liegt das „Erfolgsrezept“ unserer Marktwirtschaft. Obwohl offensichtlich ist, daß alles, was verkaufbar ist und verkauft wird, bloß warenförmige Produkte und profitabel vermarktbare Dienstleistungen sind, wird dabei so getan, als ob es sich um Lebenssinn und Lebendigkeit handeln würde. Denn „heute geht es nicht mehr (bloß) darum, die Impulse und Triebwünsche der Menschen zu kontrollieren und zu regulieren [wie seinerzeit, bei der Installierung der modernen Industriegesellschaft, E.R.] sondern ihre Sehnsucht nach Trost, Sinn und Zusammenhang zu manipulieren und zu beschwichtigen. Das geschieht, indem das „leere Selbst“ immer wieder – allerdings nur für den Moment – aufgefüllt wird. Die innere Leere muß ständig mit Konsumgütern, Kalorien, Erlebnissen, Unterhaltung und Politik-Symbolen aufgefüllt werden. Auch das „Verständnis“ und die „Empathie“ von professionellen Lebenshelfern kann als „Füllmaterial“ verwendet werden.“46

Dementsprechend geht es heute beim Konsumieren im Grunde genommen auch zumeist gar nicht mehr um die gekauften Waren bzw. die warenförmigen Dienstleistungen selbst, sondern um eine diffuse und unreflektierte „Hoffnung auf Leben“. Einkaufspassagen, Malls, Fitnesscenters, Bars und Cafes sind nicht nur Orte des Konsums, sondern ganz wesentlich die Fluchtburgen für Menschen, die der Langeweile und dem „Frust am ungelebten Leben“ entfliehen wollen. Konsumiert wird primär aus Unlust an der inneren Leere und als Ersatz für ein gutes Lebensgefühl. Der Akt des Kaufens und Konsumierens ist heute überwiegend Selbstzweck, quasi eine Zwangshandlung mit irrationalem Ziel. Der Gebrauchswert des neuen Autos, der Kleidungssstücke oder technischen Geräte ist dabei meist völlig oder zumindest weitgehend unwichtig, worum es vielmehr geht, ist das Hinterherhetzen hinter dem subtilen Versprechen, daß mit dem Erwerb dieses Artikels das Leben ein wenig schöner, problemloser und vor allem „lebenswerter“ werden könne. Sexappeal, Popularität, gutes Aussehen und ganz allgemein „Gut drauf sein“ sind als Symbole für Lebendigkeit jene Versprechungen, mit denen die Werbung arbeitet, und auch das, was die Käufer – unbewußt – wirklich suchen. Kaufen und Konsumieren dienen heute in erster Linie einer Symbolfunktion; es steht für „Selbstverwirklichung“, „Lebensglück“, „Wohlbefinden“ und soll sich und den andern bestätigen: „Ich existiere, und es geht mir gut“.

Dementsprechend arbeitet die Produktwerbung heute primär damit, den Waren Symbole anzuheften, die ihnen ursprünglich überhaupt nicht zukommen. Die unerfüllten Sehnsüchte nach Abenteuer, Freiheit, Lust, Sexualität, … Empfindungen, die grundsätzlich nur aus einer bejahenden Beziehung zu sich selbst, zu anderen und zur umgebenden Natur zu schöpfen sind, werden geschickt ausgenützt, um den Warenumlauf anzukurbeln. Angestrebt wird die emotionale Konditionierung der Konsumenten. Es geht um das permanente Aufrechterhalten der Illusion, daß durch den Kauf und Gebrauch der Waren die Erfüllung jener Wünsche und Bedürfnisse möglich wird, deren echte Befriedigung allerdings genau durch jene gesellschaftlichen Strukturen und Bedingungen verhindert wird, die die unermeßliche Warenvielfalt hervorbringen und für deren Aufrechterhaltung es auch notwendig ist, daß immer mehr gekauft wird.

Die sekundäre Bedeutung des realen Gebrauchswertes der Konsumartikel zeigt sich auch darin, daß man heute auch meist gar nicht mehr kauft, um zu behalten, sondern um möglichst bald wieder wegzuwerfen – oder, gewissensberuhigend, zu „recyclieren“. Während man früher, was man besaß, hegte und pflegte, um es so lange als möglich benützen zu können, lautet die Devise heute: verbrauchen, nicht bewahren. Da die Käufer das, was sie wirklich suchen – Lebenssinn und Lebendigkeit -, durch den Erwerb der Waren und warenförmigen Dienstleistungen logischerweise sowieso nicht erhalten, haben die Dinge für sie auch sehr rasch keine Relevanz mehr47. Ein von der Industrie immer rasanter vorgenommener Modellwechsel und die zunehmend übliche Vorgehensweise, Waren wegzuwerfen, auch wenn sie noch völlig funktionsfähig sind, sind die logische Folge48. Dementsprechend stellt sich heute die Frage, ob im Zusammenhang mit dem skizzierten Verhalten gegenüber Waren überhaupt noch von „Konsumieren“ gesprochen werden kann. Konsum heißt ja eigentlich, die gekauften Waren auch zu verbrauchen, zu genießen, sie eben zu konsumieren. Genaugenommen sind die den Lebensversprechen der Warenwelt hinterherhetzenden Menschen aber nur süchtig auf das Kaufen – das Konsumieren verliert dagegen immer mehr an Bedeutung.

Ganz genau so, wie sich das Ingangsetzen von Arbeitsprozessen völlig vom ursprünglichen Zweck, dem Herstellen von Gebrauchswerten, gelöst hat und die Gebrauchswerte heute de facto nur mehr als Nebenprodukt einer Mehrwertproduktion auftreten, hat sich auch der Konsum aus dem Zusammenhang des im jeweiligen Produkt implizierten spezifischen Gebrauchswertes gelöst. Und so wie das Umschlagen des primären Zwecks von Arbeitsprozessen eine neuerliche, nun zwar nicht mehr, wie in der vorindustriellen Gesellschaft, naturgegebene, nichtsdestotrotz aber genauso unerbittliche Unterjochung des Großteils der Menschen unter das Diktat der Arbeit bewirkt hat, entwickelte sich in Form von Marketing, Werbung, „Einkaufserlebniswelten“ und ständig wechselnden Moden, Designs sowie „prestigeträchtigen“ Lebensstilen (wie z.B. bestimmten Clubmitgliedschaften, Hobbys, New-Age-„Therapien“ oder Reisen, „die man gemacht haben muß“) ein Instrumentarium zur völligen Indienstnahme der erwerbsarbeitsfreien Zeit. Befreit von der Sorge um die Bedarfsdeckung an Gebrauchsgütern sind die Menschen heute eingeherrscht in den Sekundärzwang der „Suche nach Leben“ und dementsprechend hilflos der „Verführung“ zum ungebremsten Warenerwerb ausgeliefert.49 Kaufen wurde in die „gesellschaftliche Pflicht“ genommen (Baudrillard). Zwar wird der „Kaufzwang“ überwiegend nicht als solcher wahrgenommen – er tritt uns ja in der attraktiven Verkleidung einer „Möglichkeit“ gegenüber -, objektiv sind ihm die Menschen der Arbeits- Freizeit-Gesellschaft genauso ausgeliefert wie dem Zwang zur Arbeit.

In logischer Konsequenz dieser Tatsache gibt heute bereits jeder zweite Amerikaner an, vom „Shopping“ mit Sachen zurückzukommen, an die er vorher noch nicht einmal gedacht hat.50 Immer häufiger geht der Versuch, durch Konsumieren die innere Leere zu vertreiben, auch wesentlich weiter als die finanziellen Möglichkeiten erlauben würden. So berichtet der deutsche Freizeitforscher Horst-W. Opaschowski, daß bei seinen Untersuchungen die Klagen über „zu hohe Geldausgaben beim Freizeitkonsum“, vor allem bei der jüngeren Generation, laufend zunehmen: „1984 lebten 53 Prozent der zwanzig- bis neunundzwanzigjährigen FreizeitkonsumentInnen gelegentlich über ihre Verhältnisse, 1987 sind es bereits zwei Drittel (65 Prozent) gewesen.“51 Als weitere Steigerung im System des „Immer mehr – um jeden Preis“ entwickelte sich dabei die heute für den größten Teil der Bevölkerung gegebene Möglichkeit dar, Geld schon auszugeben, bevor man es überhaupt noch verdient hat. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde hierzulande – zuerst noch vorsichtig, in weiterer Folge dann immer problemloser – auch für „Besitzlose“ die Möglichkeit geschaffen, ihr Arbeitsäquivalent über ein Kreditsystem im voraus legitim zu konsumieren. Konnten noch in der Vorkriegszeit nur Wohlhabende, die nicht lohnabhängig waren und über Besitz verfügten, Geld aufnehmen, so stellt in der Zwischenzeit der kreditfinanzierte Kauf ein essentielles System unseres Wirtschaftssystems dar. Mit Hilfe von Kreditkarten, Schecks und Kontoüberziehungsmöglichkeiten erscheint heute der vorspringende Verbrauch eines – erhofften – zukünftigen Arbeitseinkommens als die selbstverständlichste Sache der Welt. Viele Artikel wären ohne dieses Vehikel für große Gruppen von Konsumenten auch gar nicht erschwinglich. Man muß nicht mehr Geld besitzen, um zu kaufen – ein Kredit bedeutet heute, im Gegensatz zu früher, keinen Statusverlust mehr; worauf es in erster Linie ankommt, ist zu kaufen, und erst in zweiter Linie geht es um die Frage des „Leisten Könnens“. Daß mit die ser „Werteveränderung“ viele Menschen in einen unentrinnbaren Kreislauf der Verschuldung getrieben werden, wird als akzeptabler Nebeneffekt dieses Systems hingenommen.

Menschliches Leben wird in unserer Gesellschaft einerseits von der Unterordnung unter die „Verausgabungsmaschine von Arbeitskraft“ bestimmt und wird andererseits definiert durch die Prämisse: „Kaufen um zu sein!“ Dieser Umstand bedingt eine eigenartige Zwiespältigkeit: Einerseits braucht die Wirtschaft Menschen, die hart arbeiten, viel leisten und in diesem Sinn ein hohes Maß an Triebverzicht und Triebaufschub vollbringen. Andererseits kann die derzeitige Wirtschaftsweise nur bei ständig wachsendem Verbrauch stabilisiert werden; die Wirtschaft propagiert deshalb via Werbung mit ihren Produkten sofortigen Spaß, Lust und Vergnügen, Entspannung und Sichgehenlassen. Der hemmungslose Konsum ist gleichsam eine Funktion der heutigen Produktion. Auf der einen Seite steht die Welt der Arbeit, in der die Unterordnung unter die Prinzipien Ordnung, Fleiß und Pünktlichkeit gefordert ist, und auf der anderern Seite eine Welt der vermeintlichen Freiheit und des totalen Genusses, eine Welt, in der alle Vergnügungen als käufliche Ware feilgeboten werden. Gefordert ist der „Teilzeit-Hedonist“ – tagsüber, in der Arbeit, Selbstaufgabe in Form der Triebunterdrückung, außerhalb der Arbeit Selbstaufgabe in Form von manipuliertem Konsum.

Nicht vergessen werden darf in diesem Zusammenhang, daß die Möglichkeiten des Konsumierens jedoch durchaus nicht für alle Gesellschaftsmitglieder im gleichen Maß gegeben sind. Auch in den „reichen Gesellschaften“ der sogenannten „Ersten Welt“ gibt es – wie dargestellt – eine wachsende Zahl von Menschen, die vom Konsumieren über das überlebensnotwendige Maß hinaus weitgehend ausgeschlossen sind52, damit aber gleichzeitig auch das lebende Beispiel dafür abgeben, daß die Teilnahmemöglichkeiten am Konsum nur die „Belohnung“ für Anpassung und Wohlverhalten im Bereich der Arbeit darstellen. Und auch für jene, die in größerem Umfang als Verbraucher partizipieren können, bleibt selbstverständlich immer noch das Versprechen einer eventuellen weiteren Konsumsteigerung, mit der gleichzeitigen Hoffnung auf mehr „Lust am Leben“, aufrecht. Dies sind schließlich auch die Mechanismen, die dafür sorgen, daß Menschen bereit sind, den Widerspruch von Triebunterdrückung einerseits und „triebhaftem“ Kaufverhalten andererseits zu ertragen und halbwegs in der Balance zu halten.

Die skizzierte Haltung zum Konsum bezieht sich nicht bloß auf das Verhältnis der Menschen zu dinghaften Waren, sondern sie definiert das gesamte (Freizeit-)Verhalten. Auf dieselbe zwanghafte Art, wie man Gebrauchswaren kauft und konsumiert,, werden heute auch Musik, Kunst, Information, Vergnügen, Reisen und dergleichen – quasi warenförmig – konsumiert. Faktisch alle For men kultureller Entäußerung werden heute „als Ware“ feilgeboten, immer mit dem gleichen immanenten Versprechen, „durch Konsum zum Leben“ zu gelangen. In der modernen, auf Mehrwertproduktion ausgerichteten Gesellschaft nimmt schließlich alles, was zur angestrebten „Lebensfreude“ (der ausreichend Verdienenden) beizutragen imstande scheint, den Charakter konsumierbarer Waren an. Als Folge kann heute durchaus von einer „Universalität der Konsumhaltung“53 gesprochen werden. Dabei geht es primär immer um das „Haben“, eine aktive Auseinandersetzung, ein „Berührt-Werden“ ist nicht Teil des beworbenen Konsums. So wie beim Auto, bei Schuhen oder sonstigen, im Sinne ihres ursprünglichen Zwecks als Gebrauchsartikel bezeichneten Waren geht es auch bei der Kultur oder beim Reisen in erster Linie um den Prestigegewinn, um das Dazugehören, darum, einen kurzen Moment lang bemerkt zu werden und sich dadurch selbst wahrzunehmen.

Freizeit und Arbeitsleben sind auf das engste miteinander verzahnt. Nicht nur daß die „Logik des Kapitalismus“ jenes von allen sinnlichen Bedürfnissen losgelöste und kaum hinterfragte „Immer mehr, um jeden Preis“ die alles umfassende Grundprämisse abgibt, bildet auch die beide Bereiche in einer ganz ähnlichen Form strukturierende Zeit eine unlösbare Klammer. Die Freizeit der meisten Menschen in unserer Gesellschaft ist heute ähnlich durchorganisiert wie das Arbeitsleben. Eingepaßt in die Arbeitszeiten des Partners, die Schulzeiten der Kinder, Öffnungs- und Betriebszeiten der Dienstleistungsunternehmen, Frequenzen der Verkehrsmittel, Sendeschemata der Massenmedien, Termine, Fristen, Wegzeiten, ergibt sich eine immer stärkere „Verberuflichung der gesamten Lebensführung“. Was früher fast nur für die Berufsarbeit galt, überträgt sich zunehmend auch auf das übrige Leben: es gilt die Zeit nicht bloß zu verbringen, sondern sie optimal zu nutzen; die Dominanz der ökonomischen Rationalität macht auch vor der „Frei“-Zeit nicht mehr halt. Im Zusammenhang mit einer zunehmenden Einführung flexibler Arbeitszeitregelungen kommt es zu einer tendenziellen Auflösung der klaren Wochenstrukturierung in Werktage, Wochenenden, Feiertage und Feierabend. Indem die vorgegebene Struktur der Lebenszeit abnimmt, ist nun jeder selbst verantwortlich für sein „Time-Management“. Nun heißt es auch, in der arbeitsfreien Zeit geschickt einzuteilen und möglichst Zeit zu sparen, denn es gilt ja möglichst viel an „Leben“ unterzubringen.

Das Zeitbudget wird ähnlich kostbar wie das Geldbudget; Zeit ist nun Leben und nicht mehr bloß Geld. Der deutsche Konsumforscher Scherhorn berichtet, daß vor allem junge Menschen oft stolz darauf sind, möglichst viel an „Frei“zeitaktivitäten „unterzubringen“ – Geselligkeit, Konsum, sportliche Aktivitäten, alles in rascher Folge oder, noch besser, gleichzeitig. Die Zeit stellt nicht unbedingt ein objektives Hindernis dar, mit der begrenzten Zeit, die jedem zur Verfügung steht, lassen sich immer noch mehr und teurere Konsumgüter kombinieren – allerdings muß das Konsumieren selbst dabei immer flüchtiger werden.54 Je mehr an Waren und Dienstleistungen wir konsumieren können und aufgrund des suggerierten „Lebensversprechens“ auch zu konsumieren bereit sind, desto weniger kommen wir zur Ruhe. Wir werden zu Konsumenten der Zeit und verlieren damit, auch in der (trotzdem noch so genannten) Freizeit, de facto immer mehr die Verfügungsgewalt über die Zeit. Selbstverständlich passen auch fixe oder überhaupt Ladenschlußzeiten zunehmend nicht mehr in das neue Zeit-(und Konsum-)verständnis. Jeder will und soll jederzeit kaufen können. In den noch „fortgeschritteneren“ Arbeits- Konsum-Gesellschaften, wie zum Beispiel den USA oder Japan, ist es längst verwirklicht: Wer Geld hat, kann immer einkaufen, 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr.

Das ökonomisch-rationale Organisationsmuster der Industriegesellschaft zeigt sich allgegenwärtig. Ob Arbeits- oder Freizeit, alles muß sich letztendlich dem Ziel der Gewinnproduktion durch permanentes Wachstum, durch regionale, mengenmäßige oder strukturelle Ausweitung unterordnen. Das „Immer-Mehr“ ist schon so tief in unsere Köpfe implantiert, daß es kaum noch kritische Stimmen dagegen gibt. Auch die sukzessive Entgrenzung der arbeitsfreien Zeit und die um sich greifende – endgültige – Ausrichtung der Arbeitszeit am wirtschaftlichen Bedarf stößt nur auf wenig Widerstand. Selten, und fast nur von Vertretern von Religionsgemeinschaften, wird eine unverzweckte, der Be- sinn-ung gewidmete und auch entsprechend „geschützte“ Zeit eingefordert. Ulrich Wilckens, Bischof von Holstein und Lübeck, ist ein solcher verbliebener Mahner. Er formuliert: „Es gehört seit jeher zur Lebensqualität einer Gesellschaft, daß es regelmäßige Zeiten der Besinnung auf die Tiefenschichten des Lebens, auf Sinnzusammenhänge und grundlegende Werte und Normen gibt; Zeiten, in denen dies gemeinsam symbolisch erfahren werden kann.“55 Freizeit in der Form, wie sie uns heute überwiegend gegenübertritt und so wie sie unter den Bedingungen der abstrakten Vernutzung menschlicher Arbeitskraft zum Zweck der Mehrwertproduktion ermöglicht wird, kann allerdings kaum (mehr) als eine solche Zeit der Besinnung bezeichnet werden.

Die sich fast ausschließlich im Konsum artikulierende Freizeit stellt sozusagen den anderen Pol der entfremdeten Arbeitsbedingungen der modernen Industriegesellschaft dar, und die skizzierten Erscheinungsformen von Freizeit lassen sich insgesamt ebenfalls nur mit dem Begriff der Entfremdung zusammenfassen. Für den derart unter zweifach entfremdeten Bedingungen existierenden Menschen, kann die Folge nur die totale Entfremdung der Person von sich selber sein. Somit läßt der vorgenommene flüchtige Blick auf die beiden Gesichter der Arbeits- Konsum-Gesellschaft wenig Chance, sich der radikalen Diagnose zu entziehen, mit der Leo Kofler die Situation des Menschen in unserer Gesellschaft charakterisiert: „Der Mensch lebt heute in der tiefsten Entfremdung, das heißt in der Entgeistigung, der Entemotionalisierung […] [es] fehlt ihm die Fähigkeit, seine vielfältigen Kräfte und schöpferischen Tendenzen zu gebrauchen. Der Mensch ist in seiner großen Masse ein armseliges Wesen geworden.“56 Auch für den Psychoanalytiker Erich Fromm ist der Begriff der Entfremdung ein Schlüsselbegriff, um das Verhalten der „modernen Persönlichkeit“ zu erklären, und bestens dafür geeignet, „das Wechselspiel zwischen der heutigen sozioökonomischen Stuktur und der Charakterstruktur des Durchschnittsmenschen aufzuzeigen.“57 Er versteht darunter jene Art von Erfahrung, „bei welcher der Betreffende sich selbst als einen Fremden erlebt. Er erlebt sich nicht mehr als […] Urheber seiner eigenen Taten – sondern seine Taten und deren Folgen sind zu seinem Herrn geworden […]. Der entfremdete Mensch hat den Kontakt mit sich selbst genauso verloren, wie er auch den [echten, unmittelbaren, E.R.] Kontakt mit allen anderen Menschen verloren hat. Er erlebt sich und die anderen so, wie man Dinge erlebt – mit den Sinnen und dem gesunden Menschenverstand, aber ohne mit ihnen und der Außenwelt in eine produktive Beziehung zu treten“58

Nicht zufällig bezeichnet im Englischen das Wort für Entfremdung – alienation – auch den Zustand eines psychisch Kranken. Denn ganz so wie der neurotisch kranke Mensch von Kräften getrieben wird, die zwar aus ihm heraus und durch ihn wirken, ihm aber nicht einsichtig sind, so befindet sich auch der entfremdete Mensch in einem Zustand, in dem durch ihn selbst und durch sein Tun aktivierte Kräfte sich ihm gegenüber verselbständigen und umschlagen zu einer Art „Naturgesetzlichkeit“ bzw. ihm als eine solche erscheinen. Karl Marx, der den Begriff der „Entfremdung“ von Hegel übernommen und zu seinem Durchbruch in der sozialpsychologischen Diskussion verholfen hat, definiert damit einen Zustand, in dem „die eigene Tat des Menschen ihm zu einer fremden, gegenüberstehenden Macht wird, die ihn unterjocht, statt daß er sie beherrscht.“59 Die Ursache für das Umschlagen des ursprünglich Subjektiven (Individuell-Tätigen) ins Objektive (Überindividuell-Naturgesetzliche) liegt in einem verstellten Bewußtsein des Menschen, das ihn hindert, den wahren Charakter des Geschehens und seine eigene Potenz zu erkennen. Er erlebt sich selbst und die anderen im Lichte der Täuschung einer objektiven Macht, die die Freiheit beschneidet und das Verhalten steuert. Indem der entfremdete Mensch sich selbst nicht mehr als den Herrn über seine eigenen Taten zu erkennen imstande ist, wird er sich quasi selbst zu einem Fremden, genauso wie auch sein Nächster ihm fremd wird – die Unfähigkeit, echte, tiefgreifende Beziehungen aufzubauen, ist dabei eine logische und unmittelbare Folge.

Die Tatsache der Entfremdung läßt somit das historisch Gewordene und dementsprechend aber auch grundsätzlich wieder Veränderbare, als ein den Menschen auferlegtes, unüberwindliches Schicksal erscheinen. Je stärker aus dem Bewußtsein der Menschen das Wissen darüber ausgelöscht ist, daß sie selbst die Urheber der jeweiligen historisch-gesellschaftlichen Erscheinungen sind, desto selbstverständlicher erscheint es ihnen, sich dem – vermeintlich unentrinnbaren – Schicksal zu unterwerfen. Die allgemeine Erscheinungsform von Arbeit und Freizeit in unserer Gesellschaft und das dahinter stehende Interesse der Kapitalverwertung sind somit nicht nur Ursache der Entfremdung, sondern gleichzeitig auch die Grundlage für deren Aufrechterhaltung. Es gehört zu den grundsätzlichen Irrtümern bestimmter, sich meist auf den Marxismus berufender Gesellschaftsinterpretationen, monodirektional das Interesse bestimmter Klassen für die Unbewußtheit der gesellschaftlichen Mehrheit verantwortlich zu machen. Tatsächlich kann ein bestimmtes klassengebundenes Interesse jedoch nur auf dem Boden der gedanklichen Nichtbewältigung des objektiven Geschehens – das wieder in einer gesellschaftlichen Gesamtsituation begründet ist – zur scheinbar objektiven Naturgesetzlichkeit mutieren60. Entfremdung ist die Folge der verbreiteten Bereitschaft, eher in Unmündigkeit zu verharren als sich seines Verstandes zu bedienen, und dementsprechend – wenngleich selbstverständlich durchaus im Interesse derjenigen, die aus der Unmündigkeit der Mehrheit Kapital schlagen! – auch mitverschuldet. Aber sicher gilt heute noch viel mehr, was Immanuel Kant schon 1784 formuliert hat, daß nämlich Mut dazu gehört, sich seines Verstandes zu bedienen61. Sich mit dem Wahn- sinn einer Gesellschaft zu konfrontieren, die auf der Logik des „Immer-Mehr“ aufbaut, würde nämlich gleichzeitig auch bedeuten, den Mut aufbringen zu müssen, um dem Grauen der inneren Leere zu begegnen.

Diesen Mut aufzubringen gelingt nur wenigen Menschen. Den gesellschaftlichen Wahnsinn zu reflektieren, jedoch gleichzeitig erkennen zu müssen, Gefangener dieser Gesellschaft zu sein, ist offenbar zumeist eine allzu schreckliche Perspektive. Dementsprechend total stellt sich heute die Entfremdung der Menschen der industrialisierten Gesellschaften dar – faktisch niemand kann sich der Unterordnung von Erwerbsarbeit und erwerbsarbeitsfreier Zeit unter die sinnlose Mehrwertproduktionsmaschinerie entziehen. Arbeit und Konsum erscheinen heute weitestgehend losgelöst von den realen Bedürfnissen der Menschen, gleichzeitig ist damit jeder Maßstab für eine sinnvolle Lenkung und Begrenzung in diesen Bereichen verlorengegangen.


1 Vgl: Fischer, a.a.O, S. 169ff.

2 Vgl. Arendt, H.: Vita Activa oder Vom tätigen Leben. München 19896, sowie Dahrendorf, R.: Geht uns die Arbeit aus? Prognos-Forum Zukunftsfragen, 2/1982, Basel 1983.

3 Aus- und vor allem Weiterbildung wird in diesem Zusammenhang heute zu einer beruflichen Überlebensfrage für „ältere“ Arbeitnehmer. Denn schaffen sie die laufend geforderten Qualifikationssprünge nicht, laufen sie Gefahr, früher oder später „ersetzt“ zu werden. Die traditionelle Hemmschwelle gegenüber dem Entlassen von langjährigen Mitarbeitern verliert zunehmend an Bedeutung. Immer häufiger entscheidet außerdem der Rechenstift über die (Weiter-)Beschäftigung von „älteren“ Arbeitnehmern. Von jüngeren Arbeitnehmern wird eben nicht nur erwartet, daß sie „flexibler“ sind und sich besser an neue Technologien und Organisationsformen anpassen können, sie sind in der Regel auch „billiger“. Als Folge solcher Überlegungen lag z.B. die Arbeitslosigkeit, der über 50jährigen in Österreich im Jahr 1992 schon um fast drei Prozentpunkte über der durchschnittlichen Arbeitlosenquote was wieder dazu führte, daß bereits 23 Prozent der österreichischen Arbeitslosen über 50 Jahre alt sind. Vgl. „Wirtschaftswoche“ Nr. 45, 5. Nov. 1992, sowie „Der Standard“ 5. Feb. 1993.

4 In Westeuropa betrug 1992 die durchschnittliche Arbeitslosenrate 9,9%; für 1993 wurde damals von den Experten der OECD eine Steigerung auf durchschnittlich 10,4% prognostiziert (ÖGB-Nachrichtendienst Nr.: 2665, Oktober 1992). Tatsächlich lag dann bereits im April 1993 die (saisonbereinigte) Arbeitslosenrate in der EG bei diesem Wert, in den OECD-Ländern insgesamt, waren zu diesem Zeitpunkt schon 35 Millionen Menschen arbeitslos – Tendenz weiter steigend. In besonders hohem Maß sind dabei Frauen und Jugendliche betroffen. Auch in Österreich ist die durchschnittliche Arbeitslosigkeit zwischen 1992 und 1993 um etwa 1% gestiegen. (ÖGB-Nachrichtendienst Nr. 2695, Juni 1993, sowie „Der Standard“ 8. Juni 1993).

5 Negt, a.a.O., S. 7.
6 Büchele, H./Wohlgenannt, L.: Grundeinkommen ohne Arbeit. Auf dem Weg zu einer kommunikativen Gesellschaft. Wien 1985.

7 Daß die Gewerkschaftsforderung „Arbeitszeitverkürzung“ keine große Lobby unter den Betroffenen hat, zeigte beispielsweise eine Exklusivumfrage unter österreichischen Gewerkschaftsmitgliedern im Sommer 1990. Dabei präferierten 61 Prozent der Befragten mehr Geld, jedoch nur 35 Prozent mehr Freizeit als gewerkschaftliche Stoßrichtung. Hahn, G.: Erwachsenengerechte Didaktik an Schulen für Berufstätige,Velm-Himberg 1992, S. 13.
Ganz in diesem Sinn hat sich auch das Tempo der Arbeitszeitreduzierung in den letzten Jahren deutlich verlangsamt. War im Zeitraum zwischen 1964 bis 1975 die Arbeitszeit in Österreich noch um durchschnittlich 1,36% pro Jahr zurückgegangen, verringerte sich das Verkürzungstempo zwischen 1975 bis 1986 auf 0,3% und ging bis 1992 schließlich auf durchschnittlich 0,14% pro Jahr zurück. „Der Standard“, 10. 5. 1993.

8 Neuerdings taucht im Gegensatz dazu – von der Arbeitgeberseite in der BRD und auch in Österreich – sogar die Forderung auf, die allgemeine Arbeitszeit wieder zu verlängern, um die „Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Wirtschaft“ zu steigern. Auch wenn derzeit eher nicht zu erwarten ist, daß dieser Wunsch umgesetzt wird, so kann als Effekt der Diskussion mit einer beschleunigten Entwicklung in Richtung flexibler Arbeitszeiten gerechnet werden. Vgl.: „Der Standard“, 28., 29. und 31. Aug 1992.

9 Ein „Recht auf Arbeit“ wurde erstmals vom französischen Sozialisten Charles Fourier 1808 gefordert, heute ist es – faktisch allerdings wirkungslos – in der Menschenrechtsdeklaration der Vereinten Nationen (Art. 23, Abs. 1) und in der Europäischen Sozialcharta verankert.

10 Der, im Gegensatz zu seinem Schwiegervater Karl Marx, eher unbekannt gebliebene Paul Lafargue schrieb in seinem Büchlein „Das Recht auf Faulheit“ in diesem Zusammenhang vor ca. 100 Jahren: „Eine seltsame Sucht beherrscht die Arbeiterklasse aller Länder, in denen die kapitalistische Zivilisation herrscht, eine Sucht, die das in der modernen Gesellschaft herrschende Einzel- und Massenelend zur Folge hat. Es ist dies die Liebe zur Arbeit, die rasende, bis zur Erschöpfung der Individuen und ihrer Nachkommenschaft gehende Arbeitssucht. Statt gegen diese geistige Verirrung anzukämpfen, haben die Priester, die Ökonomen und die Moralisten die Arbeit heiliggesprochen. Blinde und beschränkte Menschen, haben sie weiser sein wollen als ihr Gott; schwache und unwürdige Geschöpfe, haben sie das, was ihr Gott verflucht hat, wiederum zu Ehren zu bringen gesucht. Ich, der ich weder Christ noch Ökonom, noch Moralist zu sein behaupte, ich appelliere von ihrem Spruch an den ihres Gottes, von den Vorschriften ihrer religiösen, ökonomischen oder freidenkerischen Moral an die schauerlichen Konsequenzen der Arbeit in der kapitalistischen Gesellschaft.“ Lafargue, P.: Das Recht auf Faulheit. Wien o.J.

11 Gorz 1989, a.a.O., S. 27.

12 Das gilt genauso heute für jene Reste der Subsistenzarbeit, die weiterhin notwendig sind, da sie (noch) nicht als Nebeneffekte der „Mehrwertproduktion“ auftreten; insbesondere ist dabei zu nennen: Hausarbeit und die Betreuung von Kindern und alten Menschen.

13 Arendt, a.a.O., S.78/79.

14 Die Übersetzung des althochdeutschen Wortes arabeit[i]. Das Wort Arbeit zeigt eine semantische Verwandtschaft sowohl mit dem lateinischen avrum, das auf avra, den „gepflügten Acker“, verweist, als auch mit dem germanischen arba, was soviel wie „Knecht“ bedeutet. Das französische Pendant zum Arbeitsbegriff, travail, dürfte vom vulgär-lateinischen tripalare („pfählen“ oder „quälen“) abstammen, das russische rabota von rab, was „Sklave“ heißt (vgl. Guggenberger, a.a.O., S. 32).

15 Gorz 1989, a.a.O., S. 30.

16 Vgl: Riedel, M.: Arbeit. In: Krings et.al. (Hg.): Handbuch der philosophischen Grundbegriffe, Bd. 1. München 1973, S. 126.

17 Vgl. Blankertz 1982, a.a.O., S. 46/47.

18 Vgl. Gruber, E.: Zwischen Zunft und Manufaktur. Ein Streifzug durch die handwerkliche Berufsausbildung vom Mittelalter bis zur beginnenden Neuzeit. In: Gruber/Ribolits: Bildung ist mehr …, Aufsätze zur beruflichen Qualifizierung. München/Wien 1992, S. 18 u. 20.

19 Vgl.: Bernath, K.: Thomas von Aquin und der Verlust der Muße. In: Tewes (Hg.): Nichts Besseres zu tun. Über Muße und Müßiggang. Oelde 1989, S. 67.

20 Zit. nach Hund, W.D.: Arbeit. In: Sandkühler (Hg.): Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften, Bd, 1. Hamburg 1990, S. 171.

21 Vgl. Bernath, a.a.O. Der Autor begründet im erwähnten Artikel übrigens sehr plausibel, warum er der Meinung ist, daß mit dem „philosophischen Kunstgriff“, mit dem Thomas von Aquin erfolgreich die Existenzberechtigung seines Ordens verteidigte, der Grundstein dafür gelegt war, daß das Leben der Betrachtung und der Muße von nun an sukzessive an Terrain verlor und schließlich völlig unterliegen mußte.

22 Zit. nach Kühnel, H. (Hg.): Alltag im Spätmittelalter. Graz/Wien/Köln 1984, S. 189.

23 Blankertz 1982, a.a.O., S. 48.

24 Vgl. Weber, a.a.O., sowie Blankertz 1982, a.a.O., S. 48.

25 Kurz, a.a.O, S. 81.

26 Allerding lag eine ursprüngliche, ganz wesentliche Potenz des auf der Basis von Konkurrenz und permanentem Wachstum funktionierenden Kapitalismus in seiner schier unerschöpflichen Kapazität bei der „Vernutzung lebendiger Arbeitskraft“. Heute scheint dieser wirtschaftliche Mechanismus – allerdings durch kein gesellschaftliches Regulativ positiv gewendet und dementsprechend begleitet von den letalen Auswirkungen wachsender Arbeitslosigkeit – zu dem Punkt geführt zu haben, an dem sich diese Fähigkeit zunehmend umkehrt. Die dem Konkurrenzkampf laufend geschuldeten technologischen Verbesserungen und Rationalisierungen bewirken zunehmend, daß sich das Verhältnis von notwendigen Arbeitskräften zu Sachmitteln (Maschinen, Roboter, Steuerungssysteme u.dgl.) immer stärker zuungunsten der menschlichen Arbeitskraft verschiebt. Unter den gegebenen Begleitumständen bewirkt die Tatsache, daß mit immer weniger Einsatz an lebendiger Arbeit immer mehr produziert werden kann, eine relative Entwertung der menschlichen Arbeitskraft. Außerdem erfordert der erhöhte Aufwand an den – für eine rationelle Produktion – notwendigen Sachmitteln immer höhere Vorauskosten an Geldkapital, weiters bewirkt schließlich das permanente Mehr an Produktion, bei einem geringeren Erfordernis an menschlicher Arbeitskraft, immer höhere soziale und ökologische Folgekosten der Produktion.

27 Vgl. Kurz, a.a.O., S. 85.

28 Vgl. ebda., S. 15/16

29 Siehe dazu vor allem Bauer/Matis, a.a.O..

30 Nietzsche, F.: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, herausgegeben von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Bd. 3. München 1980, S. 356.

31 Interessant erscheint in diesem Zusammenhang die Argumentation von Robert Kurz, der nicht unberechtigt darauf hinweist, daß auch in den ehemaligen osteuropäischen Gesellschaftssystemen, die von der eigenen Propaganda ja gerne als „real existierender Sozialismus“ bezeichnet wurden, eine im wesentlichen gleiche „Mythologisierung“ der Arbeit wie „im Westen“ herrschte. Ein exemplarisches Beispiel dafür stellte z.B. die Idealisierung des angeblichen Musterarbeiters „Stachanow“ in der Sowjetunion dar. Die Tatsache, daß diese Gesellschaften ihren Mitgliedern im Durchschnitt zwar nur einen wesentlich geringeren Lebensstandard als bei uns ermöglichten und daß ihr schlußendlicher Zusammenbruch auch von einem totalen Finanzbankrott begleitet war, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß sie im Grunde genommen ebenfalls an der Ideologie des „Immer mehr“ ausgerichtet waren. Ein anfangs auch gerne erklärte Ziel war es sogar, im Systemwettbewerb gegen die „marktwirtschaftlich-kapitalistischen“ Gesellschaftssysteme zu gewinnen und diese auch materiell zu überholen. Allerdings hat man sich, nach beachtenswerten Anfangserfolgen, quasi selbst um die Möglichkeit eines Sieges im „Immer-mehr“-Wettbewerb gebracht, indem man weiterhin systematisch die „innovative Kraft der Konkurrenz“ unterdrückt hatte. Kurz meint allerdings, daß das bei weitem noch keine echte Überwindung der „Logik des Kapitalismus“ bedeutete und daß deshalb – im Hinblick auf das grundsätzlich idente und eben nur mit untauglichen Mitteln verfolgte Paradigma „Wachstum“ – diese Gesellschaftssysteme auch gar nicht als nicht- bzw. postkapitalistisch bezeichnet werden können. Vgl. Kurz, a.a.O.

32 Vgl. dazu insbesondere Richter, H.E.: „Immer mehr“ macht uns krank. In: Copray (Hg.): Immer mehr? Die Verführung zur Sucht, München 1991, S. 62-79.

33 Gegenwärtig lebt jeder fünfte Bewohner in der sogenannten „Dritten Welt“ unter der von der Weltbank definierten absoluten Armutsgrenze von weniger als 370 $ im Jahr. Zwei Drittel davon müssen sogar mit dem Gegenwert von 275 $ Jahreseinkommen „durchkommen“ – was nichts anderes heißt, als daß sie permanent am Rande des Hungertodes vegetieren („Der Standard“, 30. 10. 1990). Aber auch in den USA kann man – entsprechend den Kriterien einer Ende 1991 fertiggestellten Studie amerikanischer und europäischer Wissenschafter – 18,1% der Haushalte als arm bezeichnen („Metall“, Nr. 11/91). In den EG-Staaten sind, im Sinne der Definition einer in Ausarbeitung befindlichen Sozial-Charta, immerhin ebenfalls 44 Millionen Menschen – das sind 14% der Bevölkerung – als arm anzusehen (ORF-Nachrichten 6.12. 1991). Die Obdachlosigkeit ist 1990 in 28 US-Großstädten um 24%, 1991 um weitere 13% gestiegen („Die Presse“, 18. 12. 1991). In London sind 20.000 Menschen auf einen Schlafplatz in einem Asyl angewiesen – ihre Zahl ist damit gleich hoch wie am Anfang dieses Jahrhunderts. In Paris stellen die Clochards bereits 1% der Bevölkerung („Kurier“, 19. 1. 1992).

34 Alheit, P.: Abschied von der Lohnarbeit? Bemerkungen zu einer Erweiterung des Arbeitsbegriffs. In: Alheit/Körber/Rabe-Kleberg (Hg.): Abschied von der Lohnarbeit. Bremen 1990, S. 11.

35 Arendt, a.a.O., S. 11/12

36 So weist beispielsweise Lisop nach, daß zwar große Arbeitszeitreduzierungen in der ersten Etappe der industriellen Revolution vorgenommen wurden, damit aber bestenfalls eine Rücknahme der ungeheuren Verlängerung der Arbeitszeit der frühen Entwicklungsstadien des Kapitalismus erfolgte. Die Arbeitszeitverkürzungen im Gefolge der wissenschaftlich-technischen Revolution sind im Verältnis zur damit verbundenen immensen Steigerung der Arbeitsproduktivität hingegen nur noch geringfügig. Die Arbeitszeiten in den vorindustriellen Abschnitten der europäischen Geschichte waren – nimmt man die Arbeitsstunden während eines Jahres als Maßstab – insgesamt sogar geringer als im 19. Jahrhundert. Erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs gewannen verschiedene Gruppen von Facharbeitern wieder das gleiche Ausmaß an arbeitsfreier Zeit, das die im Handwerk Tätigen bereits zum Ausgang des Mittelalters erreicht gehabt hatten. Vgl. Lisop, I: Sozio-kulturelle Entmündigung in der Freizeitgesellschaft. Frankfurt a.M. 1986, S. 110ff.
Auch Arendt führt aus, daß, legt man den Betrachtungen zu Arbeitszeitverkürzung etwas längere Zeiträume zugrunde, man zur überraschenden Feststellung kommt, daß wir es bisher, was die jährliche Gesamtsumme der auf jeden entfallenden Freizeit anlangt, noch nicht sehr viel weiter gebracht haben, als uns wieder einem halbwegs normalen und erträglichen Maß zu nähern. Denn z.B. „schätzt man heute, daß während des Mittelalters nicht mehr als die Hälfte der Tage im Jahr gearbeitet wurde.“ Das Ausmaß der offiziellen Feiertage beziffert sie, unter Berufung auf Levasseur und Liesse, auf 141 Tage. Arendt: a.a.O., S. 120 u. S. 346.
Ehalt gibt an, daß in Wien noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts etwa jeder dritte Tag ein Feiertag war, und daß außerdem das „Blau feiern“ des Montags bei den Handwerksgesellen eine verbreitete Methode war, um einen weiteren freien Tag zu gewinnen. Ehalt, H.Ch.: Arbeit ist aller Laster Anfang. In: Zeitschrift für Sozialpsychologie und Gruppendynamik. In Wirtschaft und Gesellschaft, 16 (1991), Heft 1, S. 15.

37 Riesmann, D.: Wohlstand wofür? Essays. Frankfurt a.M. 1973.

38 Vgl. Heitger, M.: Bildung und moderne Gesellschaft. München 1963, S. 184.

39 Zit. nach: Ernst, H.: Leben statt Lifestyle. Psychologie Heute, 19 (1991), Heft 6, S. 22.

40 Vgl. Riesmann 1973, a.a.O.

41 Vgl. auch Schelsky, H,: Einführung in Riesmann, D.: Die einsame Masse. Eine Untersuchung der Wandlungen des amerikanischen Charakters. Hamburg 1958, S. 14.

42 So werden z.B. in der BRD bereits 180 Millionen Mark pro Jahr für „Schönheits“-operationen ausgegeben. Der SPIEGEL kommentiert diese Zahlen mit der Bemerkung, daß damit etwas, was noch vor wenigen Jahren ein Minderheitenprogramm für reiche Witwen, alternde Playboys und Popstars war, heute bereits ein Massenphänomen darstellt: das Korrigieren des Körpers, dem jeweiligen Schönheitsideal entsprechend, sowie das Rückgängigmachen von altersbedingten Körperveränderungen (den Spuren des Lebens!), um möglichst lange einem im wesentlichen über die Medien vermittelten Bild des „Normalaussehens“ zu entsprechen. „Der Spiegel“, 46 (1992), Heft 32, S. 108-119.

43 Nicht zufällig findet sich die Drogenmetapher immer öfter auch in der Werbung: „Wenn ich nur aufhören könnt‘ …“ – geworben wird mit dem Anspruch, süchtig zu machen, nur der Tonfall und die soziale Realität unterscheidet Junkies von (angeblichen) Genießern von Keksen.

44 Richter a.a.O., S. 62.

45 Ernst a.a.O., S. 22.

46 Ebda.

47 Auch anhand des später noch zu besprechenden „Entfremdungs-Phänomens“ läßt sich darstellen, warum die Menschen der Industriegesellschaft zwar gerne und viel kaufen, das Erworbene aber oft kaum oder nur für sehr kurze Zeit wertschätzen. „Aufgrund seiner allgemeinen Beziehungsunfähigkeit ist (der heutige Mensch) auch Dingen gegenüber gleichgültig. Was für ihn zählt, ist vielleicht das Prestige oder der Komfort, den bestimmte Dinge gewähren, aber die Dinge als solche haben (für ihn) keine Substanz. Sie sind total austauschbar, ebenso wie Freunde oder Liebespartner, die genauso ersetzbar sind, da keine tiefen Bindungen an sie bestehen.“ Fromm, E.: Haben oder Sein. München 198110, S. 143/144.

48 Ein besonders deutliches Beispiel von „Konsumismus“ zitiert Elke Gruber: „Die Japaner sind technikverrückt. Leicht durch Werbung zu beeinflussen, sind sie von allem fasziniert, was neu auf den Markt kommt. Jeder will den letzten Schrei in Sachen Elektronik in seinem Wohnzimmer stehen haben, alte Geräte werden einfach weggeworfen, niemand will sie haben. Die Industrie hat mit rasanten Modellwechseln reagiert. So kommt es, daß die Japaner im Schnitt alle sechs Monate einen neuen Fernseher kaufen, um immer im Besitz des technisch raffiniertesten Modells zu sein. In Tokio stellt man die „veralteten“ Geräte einfach auf die Straße, sie werden einmal im Monat kostenlos von den Bediensteten der Stadt abgeholt, sofern sie nicht mehr als 200 Kilo wiegen. Gemeinsam mit anderen Abfällen werden sie dazu verwendet, vom Meer gewonnenes Land in der Bucht von Tokio aufzufüllen.“ Gruber, E.: Warum viel und schnell lernen noch nicht Bildung bedeutet. In: Gruber/Ribolits: Bildung ist mehr … Aufsätze zur beruflichen Qualifizierung. München/Wien 1992, S. 113.

49 Analysiert man die Symbole, mit denen Werbung arbeitet, läßt sich deutlich das immanent mittransportierte Lebensversprechen erkennen. Man muß sicher kein Psychoanalytiker sein, um z.B. im Einsatz der enthüllten weiblichen Brust ein typisches „Lebenssymbol“ zu erkennen. Peter Sloterdijk meint zur Vermarktung der Frauenbrust in der Werbung: „In der Warenwelt scheint nichts mehr ohne sie zu gehen. Jeder spekuliert zynisch auf den Suchtreflex des anderen. Bei allem, was nach Leben aussehen und Wünsche wecken soll, sind sie dabei, als Universalornament des Kapitalismus. Alles was tot, überflüssig, entfremdet ist, macht mit lachenden Formen auf sich aufmerksam. … Reklame und Pornographie sind Sonderfälle des modernen Zynismus, der weiß, daß die Macht den Weg über die Wunschbilder gehen muß und daß man die Träume und Süchte der anderen zugleich reizen und frustrieren kann, um die eigenen Interessen durchzusetzen.“ Sloterdijk, P.: Kritik der zynischen Vernunft. Frankfurt a.M. 1983, S. 280/181.

50 Opaschowski, Horst W.: Konsum 2000 – Szenarien über die Zukunft von Konsum und Freizeit. In: Rosenberger (Hg.): Konsum 2000. Veränderungen im Verbraucheralltag. Frankfurt a.M./New York 1992, S. 217.

51 Ebda.

52 Vgl. dazu auch die Fußnote 33 in diesem Kapitel.

53 Heitger, a.a.O., S. 166f.

54 Vgl.: „Nur noch beim Kaufen fühlen sich die Menschen frei“. Ein Gespräch mit dem Konsumforscher Professor Gerhard Scherhorn. In: „Psychologie heute“ 20 (1993) 1, S. 22-26.

55 Zit. nach Lenz, W.: „Arbeit und Bildung“ in ihrer historischen Entwicklung. Manuskript, Graz 1988, S. 50.

56 Kofler, L.: Mit einer Zehe im echten Reich der Freiheit stehen. In: Ernst (Hg.): Die Seele und die Politik. Psychologie heute Sonderband. Weinheim/Basel 1983, S. 47.

57 Fromm, E: Wege aus einer kranken Gesellschaft. Eine sozialpsychologische Untersuchung. München 1991, S. 99.

58 Ebda., S. 107.

59 Marx, K.: Die Frühschriften. Hg. von Friedrich Landshut. Stuttgart 1971, S. 361.

60 Vgl.: Kofler, L.: Der proletarische Bürger. Marxistischer oder ethischer Sozialismus. Wien 1964, S. 58.

61 Vgl.: Kant, I.: Was ist Aufklärung? (1784). In: Kant: Werke, hg. von Cassirer, E., Bd. IV. Berlin 1921-1923, S. 169.