31.12.1994  Beitrag drucken

Zeit für Utopie

Gaston Valdivia

Anlässlich elnes Utopieworkshops an der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg, wurden die Studentlnnen aufgefordert, doch einmal ihre Wünsche für eine neue, bessere Welt frisch und frei von der Leber weg zu artikulieren. Die Resultate lösten das blanke Entsetzen bei mir aus. Offensichtlich war ich mit meiner Annahme, linke Stundentlnnen verstünden unter Utopie etwas, das sich jenseits der herrschenden Verhältnisse ansiedelt, vollkommen schief gewickelt. „Mehr staatliche Kinderbetreuung“, „billiger Wohnraum für alle“, „mehr Mitbestimmung im Betrieb und in der Politik“, „weniger Autoverkehr“, „mehr Geld für die Einkommensschwachen“, „Umverteilung“, etc., so lauteten die gewagten Ideen. Die Sachzwangrealität einer krisenhaften Zeit erzeugt offensichtlich den Drang, besonders pragmatisch und realistisch sein zu wollen. Jemehr eine Überschreitung des Horizontes notwendig wird, desto enger schliessen sich die Mauern um die Gehirnwindungen. Dass diese „realistischen Utopien“ kaum etwas zu ändern vermögen, nicht einmal im bescheidensten Sinne, darauf wurde von den Krisisautoren schon öfter hingewiesen. Pragmatismus und Realitätssinn entlarven sich schnell als moderner Idealismus – Utopie im schlechten Sinn.

Zur Zeit kursieren auch andere Zukunftsvorstellungen, die nicht einfach aus dem hohlen Bauch kommen und die ein wissenschaftliches Fundament für sich beanspruchen. Es handelt sich dabei eher um empirische Zahlenwerke, die die Möglichkeit eines sinvolleren Einsatzes des Geldes zum Zwecke umwelt- und menschenverträglicher Produktion und Konsumtion belegen sollen. Die durchaus ernstzunehmenden Zweifel ihrer Autoren an der marktwirtschaftlichen Vernunft weisen etwas weiter über den beschränkten Horizont einer pausbackenen Kritik ander sogenannten imperialistischen Ausbeutung und einer „ungerechtenVermögensverteilung“ hinaus, wie sie immer noch gerne von linker Seite in die politische Arena getragen wird. Es kommt ihnen das Verdienst zu, das Augenmerk auf die katastrophische ökologische Belastung und die maßlose Ressourcenverschwendung in Produktion und Distribution aufgrund struktureller Zwänge der kapitalistischen Verfaßtheit, gelenkt zu haben. Schwerpunktmäßig weisen sie auf die langen, mit Umweltverpestung einhergehenden Wege der Zulieferung für die Produktion und der Distribution und den hohen Anteil schädlicher und überflüssiger Güter hin, die in der Tat nur im Sinne der reduzierten einzelbetrieblichen Logik und des Marktbehauptungzwanges als rational begriffen werden können.

Vor nicht allzulanger Zeit hat der Artikel „Ein Joghurt geht auf Reisen“ Furore gemacht, in dem auf die phantastisch anmutenden Strecken hingewiesen wird, die die Bestandteile eines Joghurts vom Melker bis ins Kühlregal eines Ladens zurücklegen: 7587 Straßenkilometer per LKW. Ein weiteres Beispiel: Im Durchschnitt konsumiert der durstige Bundesdeutsche 21 Liter Orangensaftgetränk pro Jahr, nicht wenig, wenn man bedenkt, daß die geschätzte Frucht in unseren Breitengraden nicht gedeiht. 80% der für dieSaftherstellung benötigten Orangen stammen aus Brasilien. 12000 km legen sie zurück und jedes Glas O-Saft verschlingt im Laufe seiner Produktion 22 GläserWasser. Noch dramatischer sieht es in den USA aus, wo die Felder künstlich bewässert werden müssen: 1000 Liter Wasser und 2 Liter Treibstoff kommen auf einen Liter des begehrten Getränks.

Bestandteile des Volkswagens kommen aus fast aller Herren Länder – an Deutschem hat er bald nur noch den Namen. Wie die verzweigten und verzwickten Wege der elektronischen und mechanischen Einzelteile der 55000 Produkte des Siemens-Imperiums verlaufen, können nicht einmal mehr die eigenen Manager angeben. Kreuz und quer über den gesamten Globus werden Milliarden von Gütern „kostengünstig“ hin und her bugsiert. Ähnliche oder gleiche Produkte wandern in alle Himmelsrichtungen, unter enormem Zeitaufwand und nicht selten mehrmals aneinander vorbei, die Luft verpestend, Energie verzehrend und Nerven raubend. Wieviel Wald durch „Sauren Regen“, wieviel durch Verpackung, Papier und Werbematerial unwiederbringlich draufgehen muß, ist hinreichend dokumentiert.

Einer der exponiertesten Kritiker dieser Art ökonomischer Vernunft, Winfried Wolf, mittlerweile Verkehrsexperte der PDS und frischgebackener Bundestagsabgeordneter, verweist darauf, „daß weit über 50 Prozent der Produkte und Dienstleistungen, die im hochindustrialisierten Kapitalismus hergestellt werden, unsinnig und destruktiv sind, was durchaus von einem großen Teil der Bevölkerung auch so gesehen wird.“ Hierzu, argumentiert er, werde über die Hälfte der Arbeitszeit unnötigerweise verausgabt. Wenn man Produktion und Dienstleistungen ökologisch sinnvoll gestalte und die destruktiven Elemente beseitige, wäre „ausreichend Spielraum für die Verteilung sinnvoller, gesellschaftlich notwendiger (Haus-, Büro-, Fabrik-,Land-, usw.) Arbeit“ und damit eine bedeutsame Reduzierung der Arbeitszeitpro Kopf möglich. Gegen den Einwand, solch eine „Traumtänzerei“ wäre mangels Geldes nicht realisierbar, führt Wolf die Kosten für die Elendsverwaltung (Arbeitslosigkeit, Sozialhilfe, etc.) ins Feld. Ohne diese und mit einer Umverteilung des in der BRD angesparten Vermögens von 3 Billionen (1)DM könne einiges erreicht werden. Der anerkennenswerten Kritik an wichtigen Aspekten unserer falschen Lebensweise steht leider die idealistische Illusion über die Regulierungsmöglichkeiten des Marktgeschehens entgegen. Diese Position ist repräsentativ für nahezu das gesamte etablierte Spektrum „alternativer Ökonomie“, die sich ebenso verzweifelt wie erfolglos bemüht, Ökonomie und Ökologie irgendwie in Einklang zu bringen. Selbst wenn so der Finger auf einige Pestbeulen gelegt wird, das ganze Ausmaß der Krankheit und ihre Wurzeln bleiben verborgen.

Andere, waghalsigere Autoren anarchistischer, kleinbürgerlich-revolutionärer oder frühindustrieller Provenienz wie Rousseau, Bakunin, Gesell und deren heutige Adepten, wagen sich da schon etwas weiter vor. Sie kratzen beträchtlich am Glanz des Geldes, nehmen gar dessen Abschaffung ins Visier. Die seiner Existenz zugrundeliegenden Tauschverhältnisse wollen sie indessen erhalten, da sie sich eine selbstbestimmte Verteilung von Gütern – ohne Tausch und ohne Leistungskriterien schlechterdings nicht vorstellen können. Formen wie „Naturaltausch“, „Schwundgeld“, „Leistungsvergleich“, (LET-Systeme), „Stundenzettel“ etc. sollen an die Stelle des Geldes treten und den Tausch von dessen schädlichen Auswirkungen befreien.

Damit wird in keinster Weise das entscheidende gesellschaftliche Problemaufgehoben, daß nämlich die menschlichen Tätigkeiten und deren Ergebnisse zum Zweck des Tausches in vergleichbare und quantifizierbare Zeiteinheiten abstraktifiziert werden müssen. Gerade darin besteht aber die permanente (Selbst-)Vergewaltigung der sich die Menschen bewußtlos unterwerfen und die den gesamten Rattenschwanz der Geldwirtschaft samt all seiner katastrophischen Emanationen nach sich zieht. Auch „Stundenzettel“, „Leistungsscheine“ oder „Tauschknochen“ sind Geldformen, selbst wenn sie sich nicht so nennen mögen, und würden, sofern eingeführt, schnell wieder zu den alten Verhältnissen zurückführen.“

(…)

Vom Standpunkt einer Re-Produktionsform (Die Schreibweise von Re-Produktion mit Bindestrich soll deutlich machen, daß hier nicht nur der Lebenserhalt durch Konsum angesprochen ist, wie der Begriff Reproduktion häufig meint, sondern die Totalität aller Lebensäußerungen einer Gesellschaft, also auch die Produktion und andere Sphären), die die Befriedigung der Bedürfnisse zum Ausgangspunkt und Ziel des Handelns macht und zugleich die gebührende Rücksicht auf die ökologischen Lebensgrundlagen nimmt, stellt sich der größte Teil aller im Kapitalismus verrichteten Arbeiten als gigantomanische „Zeitverschwendung“ dar, gegen die sich die eingangs kritisierten Transportwege wie kurzweilige Spaziergänge ausnehmen. Denn sie dienen mittelbar oder ausschließlich der Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Formhülle, sind notwendig nur um die Verteilung der Güter über den mühsamen Umweg des Tausches/Geldes zu organisieren.

Ins Auge springt zunächst die Verkaufssphäre: Abermillionen von Menschen in den entwickelten kapitalistischen Ländern tun den ganzen Tag nichts anderes als Produkte und Dienstleistungen zu verkaufen. Sie fahren oder laufen durch dieGegend um Anderen Kosmetika, Staubsauger und Computer anzudrehen; sie stehen in Läden, Markthallen und Kaufhäusern vor und hinter aufgetürmtenWarenbergen herum oder hocken vor ausgebreiteten Tüchern auf verpesteten Gehsteigen; sie hängen in schicken Büros am Telefon, Fax und PC aquirieren Aufträge und schließen Verträge ab; sie sitzen an Fließbandkassen oder quetschen sich durch verqualmte Kneipen um doch noch eine Rose loszuwerden.Verkäufer verkaufen an Wiederverkäufer die zum Wiederverkauf an andereWiederverkäufer weiterverkaufen, etc. pp. Wo verkauft wird, wird gekauft. Wiederum abermillionen von Menschen sitzen in speziellen Abteilungen und kaufen für ihre Produktions- und Dienstleistungsbetriebe Rohstoffe, Halbfabrikate, Maschinen, Waren und Arbeitskräfte ein. Zahllose Stunden vergehen im Stau, im Kaufhaus, beim Schlangestehen, in Auto, Bus und Bahn, um die notwendigen Konsumgüter zu ergattern und das nächste Schnäppchen zuholen.

Gekauft und verkauft werden kann nur mit Geld. Ob Scheck, Kreditkarte, Überweisung oder Bargeld, seine verschiedenen Existenzformen müssen stets geschaffen und abgesichert werden. Das zieht einen gewaltigen Rattenschwanz an Aktivitäten nach sich, deren „Zeitaufwand“ ohne weiteres mit dem der Verkaufssphäre konkurrieren kann. Die materielle Herstellung von Bargeld, Schecks, Überweisungsformularen, Schatzanweisungen, etc. macht dabei noch den geringsten Aufwand. Schon mehr Zeit „verschlingen“ Förderung, Transport und Einlagerung von Gold, das als Geldwertsicherung gehalten werden muß. Der weitaus größte Zeitanteil fällt hingegen auf die Geldwertschöpfung und Geldwertvernichtung sowie die Buchgeldschaffung und -verwaltung, Hierzu bedarf es zahllosen Personals an Schaltern, Computern, Endgeräten und Schreibtischen, in Zentral- und abertausenden von Geschäftsbanken. Weiterhin: Geld ist Eigentum und steht daher niemandem per se und erst recht nicht in beliebiger Menge zu. Es muß also vor unbefugtem Zugriff geschützt werden.Vom Bankangestellten und dem Nachtwächter, über den Polizeibeamten und den Computerspezialisten, bis zum finster dreinblickenden „Schwarzen Scheriff“, sind Millionen Tag ein Tag aus damit beschäftigt. Und da schließlich Eigentum zu Streit und Diebstahl herausfordert, bedarf es weiterhin unzähliger Richter und Anwälte, die schlichten, richten und verurteilen.

Aufbewahrtes Geld kann sich mit etwas Phantasie auf wundersame Weisevermehren. Hundertausende Banker, Broker, Spekulanten, Groß- und Kleinanleger und viele andere Glücksritter widmen sich dieser heiligen Mission.

Und wo die Banker sind, können auch die Versicherungshaie nicht weit sein. Ihre Existenz verdanken sie der speziellen Manier der bürgerlichen Gesellschaft, jeden Schaden, sei er ideeller, sach- oder personenbezogener Art in Geld zu quantifizieren. Gefühle, Gedanken und Körper bilden ein Puzzle aus addierbarenWertgrößen, die sich u.a. durch die Höhe des zu leistenden Tributs und der quantifizierten Auswirkungen des Schadens bestimmen. Raquel Welchs Busenmacht 10 Mio. US $, mein Daumen 5000 DM und der Kopf des Obdachlosen 0,0.Versicherungen verwalten nicht nur Geld, sie senden auch tausendfach Hausierer in die Lande, die die Leute nachdrücklich auf ihre bedrohlichen Lebensumstände aufmerksam machen.

Die allgemeine Absicherung und Kontrolle des in Geldeinheiten abstraktifizierten und quantifizierten Eigentums der Bürger erfordert eine ununterbrochene Zählung, Abrechnung, Kontrolle und Buchung in allen gesellschartlichen Bereichen und Sphären. Heerscharen von Berufstätgen müssen sich dem partiell oder in Gänze widmen.

Die der Geldwirtschaft und arbeitsteiligen Reproduktionsweise geschuldete gesonderte staatspolitische Sphäre überwacht das Finanzgebaren der Bürger, um den eigenen Selbsterhalt durch Tribute zu sichern und eine begrenzte Umverteilung von Vermögen zu gewährleisten. Heerscharen von Finanzbeamten und -angestellten müssen unterhalten werden, um bezogene Daten eingehend zu überprüfen, Rückzahlungen vorzunehmen, Nachzahlungen anzumahnen, und Gelder in den Staatshaushalt weiterzuleiten. Der wird wiederum von einem riesigen Stab von Sachkundigen und weniger Sachkundigen auf allen Verwaltungsebenen verwaltet, verteilt und verplemmpert. Und da es nicht jeder gern hat, wenn Big Brother gierig auf sein Vermögen schielt, schafft die Verwaltung des Geldes zugleich auch jede Menge Arbeitsplätze für Steuerberater, Steueranwälte, Geldwäscher, Fluchtgeldvermittler, Anlageberater und andere Betrüger.

Hobby- und Berufspolitiker füllen den überwiegenden Teil ihrer Zeit mit Überlegungen, Beratungen und Abstimmungen über Kriterien der Geldverteilung und deren rechtliche und praktische Umsetzung aus. Sie widmen sich der intensiven Kontaktpflege zwecks Geldakquise, was sie – nebenbei bemerkt -immer wieder zwingt, ausgedehnte Dienst- und Amigoreisen über sich ergehen zulassen.

Auch öffentliche Dienstleistungen verlangen ein Entgelt. Bei der Post etwa ist sicherlich weniger als die Hälfte der Beschäftigten mit dem Brief- und Paketumschlag und den ihm gewidmeten Planungs- und Logistikarbeiten befasst. Der restliche Belegschaftsteil verbringt seine gesamte Zeit mit einfallsreicher Gebühreneintreiberei, vom Briefmarkenverkauf bis zum Ausleih von Frankiermaschinen, und mit der Verwaltung und Abrechnung der Einnahmen. Auch der öffentliche Verkehr kommt nicht ohne eine große Schar von Fahrkartenverkäufern, Fahrkartenautomatenaufstellern und -entleerern sowie Kontrolleuren aus, und nicht wenige Busfahrer müssen nebenbei noch als Kassierer fungieren.

Schließlich aber müssen fast alle mit der Geldzirkulation und deren Verwaltungverbundenen Tätigkeiten erst mühsam erlernt werden. Legionen von Lehrern, Dozenten, Professoren, Unterweiser und andere Spezialisten sorgen dafür, daß der Nachwuchs realitätstüchtig in der totalen Welt des Geldes wird.

Damit aber nicht genug. Um diese gewaltige Zahl an Aktivitäten zur indirekten Verteilung der Warenflut und der Dienstleistungen zu gewährleisten, bedarf es eines gigantischen Produktions- und Logistikaggregats.

Die Verkaufssphäre erfordert alle Arten von Gebäuden, vom Wolkenkratzer über die Kaufhalle bis zur Pommesbude. Ein Blick auf Cities und Gewerbeflächen läßt ahnen, wieviel Raum auschließlich zu diesem Zweck umbaut wird. Gebraucht werden Verkaufs- und Transportfahrzeuge, Geschäftswagen, Regale, Lager, Dekorationen; Registrierkassen und Geldkasetten; Pappe, Papier, Farbe und Tinte für Werbung, Verträge, Rechnungen, Kassenbons und Verkaufsverpackungen in Megadimensionen; Handies, Faxgeräte, etc.

Verkaufen verlangt Präsentation und Repräsentation. Die Textil- und Lederindustrie hält hierfür unerschöpfliche Varianten der Bekleidung und andere Accessoires bereit.

Abrechnung, Buchung und Kontrolle erfordern Büroraum in riesigen Dimensionen; Möbel, Einrichtungen, Computer, Kopierer – vom Bleistiftspitzer bis zum Tintenstrahldrucker einfach alles.

Geldverwahrung, Geldvermehrung und Geldsicherung erfordern Bankgebäude, Börsenlokale, Büroraum, Keller, Bunker, Tresen, Rechner, Safes, Sicherungsanlagen, Kasetten, Überwachungskameras, Riegel, Panzerglas, unzählige kleine und große Türen, Schlösser, Sparschweine und vieles vieles mehr.

Auch mittelbar beeinflußt die Logik des Geldes den Produktionsaufwand. Unaufhaltsam hat sie die alten Gemeinschaften gesprengt und die auf sich selbstzurückgeworfene Geldmonade zurückgelassen. Kleinfamilien- und Singledasein prägen andere Konsumgewohnheiten, ihre Versorgung mit kleineren Portionen potenzieren die Verpackungsflut und erfordern besondere Produktionsanlagen für Kleinstmengenabfüllung in Flaschen, Dosen, Becher, usw. und erhöhen so den Rohstoffverbrauch. Jeder Kleinsthaushalt verfügt über eine eigene Infrastruktur, vom Herd, über den Kühlschrank bis zur Waschmaschine. Individuelle Mobilität verlangt nach individuellen Verkehrsmitteln und getrenntes Wohnen beansprucht überdimensionierte Flächen.

Selbst bei intensivster empirischer Forschung dürfte es schwierig sein, den für die (Geld-)lnfrastruktur nötigen „Zeitaufwand“ in der Produktionssphäre zu ermitteln, da sich häufig nicht trennen läßt, welcher Bestimmung jener Rohstoffanteil, jener Backstein oder jene Büroklammer zugeführt werden. Grobgeschätzt dürfte es sich aber um 50% handeln. Außerdem fällt ein großer Teil der restlichen, im produktiven Sektor „verausgabten“ Zeit für die Herstellung von Gütern an, die nur mittelbar mit der Geldökonomie in Zusammenhang stehen. Addiert man noch das Zeitpotential, das für die kritisierte unsinnige und destruktive Produktion „aufgwendet“ wird, von der Einwegverpackung über den Panzer bis zum Atomkraftwerk, dann bleibt ein kümmerlicher Rest von ca. 20%produktiver „Zeitaufwand“, der einer nützlichen und ausreichenden Versorgung der Menschen dient.

Nicht nur die Sphäre der Erwerbstätigkeit steckt in den Klauen des Mammons. Auch das Private entkommt ihnen nicht. Bis das Tauschprinzip „Äquivalent gegen Äquivalent“ Bewußtsein und Unterbewußtsein durchdrungen hat und die intimsten Regungen steuert, muß sehr viel Zeit „aufgebracht“ werden. Wieviel Zeit vergeht, wieviel Kampf und Krampf, wieviel Tränen fließen, bis die Kinder auf das Geld zugerichtet sind bis sie endlich „verstehen“, daß eine Puppe keine Puppe, sondern ein Wertausdruck von 30,- DM ist? Wieviel Zeit vergeht, bis man im Restaurant den Teller aufißt, selbst wenn der Bauch schon platzt, weil die Pizza keine Pizza sondern 12,- DM „ist“ – schließlich hat man nichts zuverschenken! Jahre gehen ins Land bis der Zögling einsieht, daß ihm Gebrauchsdinge nicht einfach zustehen, erst recht nicht wenn sie einen Preis haben. Wie lange dauert’s, bis er bereit ist, vor der Schaufensterauslage zu verhungern, anstatt sich zu nehmen was er zum Leben braucht? Wieviel Zeit verstreicht, bis man Gefühle „investiert“ und nur gegen Äquivalent eintauscht? Wieviel Gespräche und Auseinandersetzungen drehen sich um Geld und Preise?

Angesichts der schwindenden Wertmassen verschärft sich der Kampf um die verbleibende Substanz. Immer mehr Menschen unterliegen im mörderischen Konkurrenzkampf um ihren Anteil daran und sind damit vom legalen Gelderwerb zeitweilig oder definitiv ausgeschlossen. Gedanken über Möglichkeiten an Geld heranzukommen, drängen sich immer mehr in denVordergrund und beanspruchen maßgeblich die Zeit. Der Zwang zur Behauptung auf dem Markt beflügelt die Phantasie. Alles muß in die Geldform hinein. Keine menschliche und natürliche Lebensäußerung entkommt ihrer Hinrichtung auf die Marktfähigkeit: Menschen werden vermietet oder als Sklaven verkauft, als „Ersatzteillager“ gehalten und bei Bedarf zur Operation frisch auf den Tisch serviert. Nur ein ständig abstrahierendes Bewußtsein wie das bürgerliche, kann auch den Gedanken ertragen, im Körper das Herz eines geschlachteten Artgenossen zu tragen – schließlich hat man selbst dafür „geblutet“. Momentan erleben wir mit, wieviel Zeit in die Umwerbung der Bürger „investiert“ wird, um die Akzeptanz für eine Patentierung der menschlichen, tierischen und pflanzlichen Gene zu erhöhen, damit auch sie endlich einen Preisstempel aufgedrückt bekommen können.

Faßt man die gesamte Zeit zusammen, die in allen Berufssparten und Sphären mittelbar oder unmittelbar der Geld/Tauschlogik „geopfert“ wird, kommt man auf gute 80 % bis 85 % der insgesamt gesellschaftlich „verausgabten“ Zeit. Niemals zuvor hat der Homo Sapiens derartig viel Zeit benötigt, um über einen absurden Umweg, verbunden mit gravierenden Folgen fur Psyche, Gesundheit und Natur, seine Produkte konsumieren zu dürfen (Welch eine Ironie! Die Geldwirtschaft kann ihre Umwege nicht mehr bezahlen. Dem Geld geht das Geld aus). Solch eine Wirtschaftsweise gleicht einer gigantischen „Zeitvernichtungsmaschinerie“, die von Arbeitsameisen in Schwung gehalten wird, deren Arbeitsstolz sich vor diesem Hintergrund als lebensgefährliche Dummheit entpuppt. Wer sich zur Tauschwirtschaft bekennt, bekennt sich zu diesem monumentalen Schwachsinn, der seiner Logik nach im allgemeinen Exodus enden muß.

soweit die Auszüge

(1)Zu den 3 Billionen DM, die Wolf anführt bleibt noch was zu sagen.In der SZ wurde eine ähnliche Statistik gezeigt, die aber nur eine Billion deutsches Vermögen auswies. Diese Billion bestand aus ca. 1/3 Immobilien, 1/3 Gebrauchsgüter (vom Auto über die Kaffeemaschine bis zur Unterhose) und 1/3 Geldvermögen und Wertpapiere (diverse Kettenbriefe wie Lebensversicherungen). Man sieht, dass diese „Vermögen“ alles andere als flüssig sind, also für eine staatliche Umverteilung nicht zur Verfügung stehen. Alle darauf aufgebauten Politikvorstellungen sind Luftschlösser.

Die diesbezüglichen Argumente der Konservativen sind im Grunde nicht falsch. Sie entsprechen der Kapitallogik, die nicht einfach per idealistischem Willensentscheid ausser Kraft gesetzt werden kann. Wolfs alternatives „Zahlenwerk“ ist in sich nicht schlüssig, was hier aber nicht weiter aufgerollt werden soll. Nur soviel: Würde man die 3 Billionen DM auf 60 Mio. Deutsche aufteilen, dann stünden jedem Bürger 50000 DM zu. Das reicht gerade mal für ein Jahr zum Leben. Wurde das Geld indessen wirklich ausgegeben, käme es stante pede zu einer Hyperinflation und die ganze schöne Kaufkraft wäre weg. Wie gewonnen so zerronnen.