31.12.1995  Beitrag drucken

Krisis 16/17 — Editorial

Unter dem virtuellen röhrenden Hirsch an der Wand versucht es sich die postmoderne Spießbürgerei gemütlich zu machen. Das Leben geht weiter. Am Ende doch keine Debatten mehr, die ernstgenommen werden müßten. Es ist angesagt, zur eigenen Langweiligkeit zu stehen. Und das Leben kann so schön sein, so voller verspielter Chancen und unwichtiger Möglichkeiten. Inmitten des ureigenen Müllhaufens von Sekundärkitsch darf das Gefühl aufkommen, daß man eigentlich schon wieder Stil hat. Man lernt wieder mal ständig neue Leute kennen, die auch nichts zu sagen haben und gerade deswegen so nett sind. Der Urlaub, die Kräuter für die Atemwege, die leichte Lektüre, Sex nach dem therapeutischen Lehrplan, der Computer, dies und das. Und wenn einem gar nichts mehr einfällt, wird z.B. weiß geheiratet, so gelegentlich hie und da. Die Krise, ein halbvergessenes Kindermärchen, kommt sowieso nicht mehr; und wenn, dann für die anderen und anderswo, wo sie vielleicht irgendwie schon da ist, als Medienereignis, das man sich anschaut oder auch nicht.

Hinter dieser idyllischen Fassade lauert die nackte Angst. Wenn eine Gesellschaft, die unübersehbar zerfällt und in der sich die Armut voranfrißt wie ein Flächenbrand, über alle sozialen Schichten hinweg eine Art brütende ideelle Gesamtkleinbürgerei hervorbringt, die das geistige und kulturelle Klima einlullt und systematisch vermieft, dann muß die kollektive Verdrängungsleistung bereits so groß sein, daß nur noch eine explosive Lösung der angestauten und bis zum Zerreißen gespannten Widersprüche möglich ist.

In welchem Zustand und mit welchem Bewußtsein der postmoderne Gesamtspießbürger aller Alters- und Besitzstandsklassen freilich aus dem Traum von der rosaroten Idylle erwachen wird, steht auf einem anderen Blatt. Vermutlich im Zustand der absoluten Schamlosigkeit, die jetzt noch durch diverse spät- und post-ideologische Feigenblätter verhüllt wird. Die nahezu verallgemeinerte hedonistische Ideologie kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Zugang zu den falschen Bedürfnissen durch die engen Schleusen der »Arbeitsplätze« und der allseitigen Konkurrenz führt. Je größer die abstrakte Erfolgsgeilheit, desto schlimmer die reale Erfolglosigkeit. Die Scheinhedonisten der postmodernen Neo-Spießbürgerei sind in Wahrheit bereit und willens, sich halb zu Tode zu buckeln, bloß um sich für fünf Minuten mit dem Champagnerkelch in der Hand sehen lassen zu können. Diese an sich schon gemeingefährliche Situation wird dadurch verschärft, daß sie mit einer dumpfen Ahnung vom kreditär simulierten Charakter der eigenen finanziellen Existenz durchdrungen ist. Dabei handelt es sich keineswegs bloß um die persönliche Verschuldung bei den Banken, die allmählich nicht mehr augenzwinkernd ironisiert, sondern als drückende Bürde erlebt wird. Ebensowenig ist es allein die Tatsache der schon vorhandenen und selbst durch ein Wachstum von drei oder vier Prozent nicht mehr abzubauenden strukturellen Massenarbeitslosigkeit, die Panikgefühle hochkommen läßt; nicht zuletzt angesichts der einschneidenden Leistungskürzungen, die nun auch von rot-grünen Verwaltungskoalitionen durchgezogen werden. Vor allem ist es die sich verdichtende Ahnung, daß die noch vorhandenen »Arbeitsplätze« und sonstigen Einkommensquellen als solche von internationalen Verschuldungsprozessen abhängig sind, die Angst macht. Wenn Millionen von Existenzen direkt oder indirekt am Tropf des Staatskredits und/oder von Bilanzierungen des derivativen Spekulationskapitals hängen, dann muß die Drohung eines Entwertungskrachs Schrecken erregen.

Daß ein Ereignis dieser Art trotz aller Entwarnungen seit 1987 weiter heranreift, läßt sich sogar an einem gewissen Stimmungsumschwung innerhalb des Massenbewußtseins und der Öffentlichkeit ablesen. Obwohl der Kausalzusammenhang auf der Hand liegt, daß eine Krise der Finanzmärkte und des Staatskredits nicht auf die Leichtfertigkeit und Bösartigkeit »der Spekulanten« zurückzuführen ist, sondern auf die innere Schranke des Marktsystems selber, schwelgt der gemeine Menschenverstand neuerdings in Haßtiraden gegen die Personage der zu Ende gehenden kasinokapitalistischen Ära. »Der Spekulant« ist zur Unperson Nummer eins geworden. Mit gespielter Entrüstung und künstlicher Aufregung, arbeitsgesellschaftliche Ehrbarkeit heuchelnd, registriert die bürgerliche Öffentlichkeit von den Stammtischen bis zu den Wochenzeitungen, wie ein deutscher Immobilienkönig untertaucht und um den Globus gejagt wird, wie der 29jährige Broker Nick Leeson eine ehrwürdige englische Bank ruiniert und in Frankfurter Abschiebehaft wieder auftaucht, wie sogar Tennisliebling Steffi Graf in Finanzverdacht gerät und der Patriarch des urdeutschen Tennisclans aus dem Luxuskitsch des Grafschen Hochsicherheitstrakts am Neckar heraus verhaftet wird. Der Stoff, aus dem die Träume der postmodernen Regenbogenpresse, aber auch die Alpträume des postmodernen Geldspießers sind. Daß die Pleitiers, Groß-Steuerhinterzieher, abgestürzten Spekulanten und Finanzskandaleure reihenweise in den Knast wandern, ist auch ein Beitrag zum keineswegs unbegründeten gesellschaftlichen Angstpotential. Denn was hier sichtbar wird, ist die Spitze des berühmten Eisbergs. Das sind nicht mehr schaurig-schöne Klatschgeschichten aus dem Reich der windigen 80er-Jahre-Hochfinanz, mit denen noch ein Donald Trump sein Publikum erfreute, sondern die Vorboten einer schon lange befürchteten globalen Finanzkrise.

Weil diese Finanzkrise ans eigene Leder zu gehen droht, wird schon vor dem wieder glaubhafter gewordenen Serienkrach nach den Schuldigen gesucht. Und weil das marktwirtschaftliche System alias Kapitalismus als solches kein Krisengrund sein darf, sucht man die Ursache der zunehmenden Probleme des Finanzsektors kurzerhand in der bleichen Subjektivität der Finanzakteure, denen das Phantasma eines angeblich lebensprallen Realkapitalismus gegenübergestellt wird. Die Systemrepräsentanten stellen sich dumm, und das Arbeitsplatzvolk stimmt in die schrillen Töne der Vorsänger nur allzu bereitwillig ein. Bundesbankpräsident Tietmeyer mochte es kaum glauben, daß »die Zocker« eine vermeintlich »gesunde« Realwirtschaft derart durcheinanderbringen können, wie es die abermalige internationale Währungskrise seit Anfang 1995 deutlich gemacht hat; und Porsche-Chef Wiedeking tobte, es »gehe einfach nicht an, daß „Gambler“ über den Absatz deutscher Produkte im Ausland entschieden« (Spiegel 11/95).

Es ist ganz offenkundig, daß die irrationale Gesamtreaktion, die in der Luft liegt, unterschwellig und strukturell antisemitische Züge trägt. Der Antisemitismus war und ist im 20. Jahrhundert die idealtypische Reaktionsweise des arbeitsgesellschaftlichen Geldspießers quer durch alle Klassen und sozialen Schichten auf eine große Krise des Geldes. Und da die Logik und Zwangsstruktur der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft nicht aufgehoben ist, kann in dieser Hinsicht keine Entwarnung mehr gegeben werden, auch wenn das antisemitische Potential heute in einem ganz anderen Bedingungszusammenhang steht als in den 20er und 30er Jahren.

Das ideologische Grundmuster des antisemitischen Syndroms besteht wohl darin, daß die moderne bürgerliche Arbeitsgesellschaft und warenförmige Realökonomie für »im Kern gesund« erklärt wird, ganz im obigen Sinne des Bundesbankpräsidenten und des Porsche-Managers. Auch das Geld als solches wird für gut und notwendig gehalten, wenn es »ehrlich« und »reell« gehandhabt wird (insofern paßt durchaus sogar noch die monetaristische Doktrin in den weiten Mantel des Syndroms hinein). Diese Grundversicherung und Selbstvergewisserung, daß es eine unerschütterliche arbeitsgesellschaftliche und warenförmige Normalität »an sich« und ontologisch verankert gebe, wirkt entlastend für ein Bewußtsein, das die Krise und Kritik der eigenen warenförmigen Subjektivität als unerträglich erlebt. Wenn dennoch erschütternde Krisenwirkungen fühlbar werden, und wenn diese auf der Ebene des Geldes in Erscheinung treten, dann müssen kriminelle, bösartige Geldmanipulateure am Werk gewesen sein, von denen die »eigentliche« gute und reelle Normalität von Arbeit und Geld sabotiert wird. Womöglich handelt es sich um eine große, international verzweigte Verschwörung; und tatsächlich haben paranoide Verschwörungstheorien gegenwärtig wieder starke Konjunktur, vorzugsweise in der massenhaft gewordenen weitläufigen Esoterik-Szene.

So ist bei einer möglicherweise bevorstehenden globalen Krise der Finanzmärkte mit anschließender Depression der Weltwirtschaft eine arbeitswahnsinnige Spekulanten- und Verschwörungshetze großen Maßstabs denkbar, die in einen offenen neuen Antisemitismus münden und diesen nicht mehr (wie gegenwärtig noch das Spekulanten-Lamento in der »offiziellen« Öffentlichkeit) nur indirekt als durchgehenden Beigeschmack enthalten könnte. Ob offen oder untergründig: das antisemitische Syndrom dient stets dazu, eine bewußtseinsmäßig entlastende Scheinerklärung der Krise zu liefern und dabei in der gegebenen und aggressiv affirmierten gesellschaftlichen Form von Arbeit und Geld verharren zu können. Diese irrationale Scheinerklärung wird dann mit einem ganzen Spektrum von Feindbildern, Aggressionshandlungen und Mobilisierungen vom Alltag bis in die politische Sphäre (und bis in »postpolitische« Verlaufsformen einer neuen Barbarei hinein) verbunden.

Eine Gegenposition kann heute weniger denn je von einem traditionellen »linken Standpunkt« aus eingenommen werden. Sowohl historisch als auch aktuell besteht die crux des Arbeiterbewegungs-Marxismus darin, daß er nie eine konsequente Kritik des antisemitischen Syndroms liefern konnte, weil er immer selber an die Kategorien des modernen warenproduzierenden Systems gefesselt blieb. Zum einen beschränkt sich seine Vorstellung einer gesellschaftlichen Alternative weitgehend auf eine andere (etatistisch überformte) Moderation derselben Grundformen von Arbeit und Geld, die auch dem nicht-marxistischen bürgerlichen Bewußtsein als unaufhebbare ontologische Normalität erscheinen. So gibt es eine untergründige Überschneidung von Marxismus und Antisemitismus, die in der falschen Ontologie der »Arbeit« verborgen enthalten ist. Und in dieser (un)heimlichen Verwandtschaft liegt vielleicht auch der Grund dafür, daß selbst der auf antisemitische Töne sonst immer hellhörige Teil der Linken die allgemeine Spekulantenhetze gegenwärtig merkwürdigerweise fast unkommentiert läßt; womöglich deswegen, weil man sich in diesem Punkt mit dem arbeitsontologischen Massenbewußtsein unbewußt immer schon kompatibel fühlt, ohne die Konsequenzen jemals zu Ende gedacht zu haben.

Zum andern aber neigt aufgrund einer nur halb verarbeiteten historischen Erfahrung gerade in Deutschland der Marxismus dazu, sich angesichts drohender Krisen und eines aufkommenden Antisemitismus auf die Positionen der »westlichen Demokratie« zurückzuziehen (im Grunde genommen eine Orientierung an der längst obsolet gewordenen Konstellation des 2. Weltkriegs), ohne den inneren Zusammenhang von gesellschaftlicher Warenform, Krise und westlicher Demokratie konsequent aufrollen zu können. Der linke Rückzug auf eine abstrakte »Prowestlichkeit« bzw. auf die ideologischen Grundillusionen des Westens aus mangelnder Aufhebungspotenz gegenüber Warenform und Arbeitsgesellschaft ist auch deswegen obsolet, weil er fast zwangsläufig dazu führt, eine oberflächliche Kritik des Antisemitismus auf die spezifisch deutsche Geschichte einzugrenzen. Ob in der Fundi-Version einer anachronistischen »4.Reich-Debatte« oder in der Realo-Version eines Abfeierns der unseligen Vereinigungs-BRD als zivile westliche Marktdemokratie, die als solche gegen die Gespenster der Vergangenheit verteidigt werden müsse: in beiden Fällen wird unterschlagen, daß der neue Antisemitismus nicht nur das ureigene Produkt der warenförmigen westlichen Demokratie ist, sondern heute auch keine spezifisch deutsche Durchschlagskraft mehr entwickelt; stattdessen wird er zusammen mit der Globalisierung der Marktökonomie und des Kreditsystems zusehends ein manifest internationales Phänomen quer durch alle Länder und Kulturen.

Es hängt zweifellos von der Stärke und gesellschaftlichen Wirkung der drohenden Finanzkrise ab, zu welcher Steigerung das neue antisemitische Syndrom fähig ist. Ob es diese objektive Krise gibt oder nicht, und ob (und in welcher Form) sie akut bevorsteht oder nicht, dies kann allerdings keineswegs durch den ideologischen Abwehrzauber von Anti-Krisen-Beschwörungen, sondern nur akkumulationstheoretisch und realanalytisch geklärt werden. Dasselbe gilt für die Reichweite und den Stellenwert einer solchen Finanzkrise, ob sie nämlich nur zyklischen Charakter besitzt oder eine Etappe im Zusammenbruchsprozeß des modernen warenproduzierenden Systems überhaupt ist; bekanntlich ein Reizthema für alle alt-linksradialen Pamphletisten und akademischen Simulanten wissenschaftlicher Seriosität, die den radikal krisentheoretischen Ansatz der KRISIS nach Kräften als illusionär und tatsachenfremd zu verreißen suchen.

Die Kritiker unserer bisherigen Überlegungen zum Schrumpfen und zur historischen Selbstzerstörung der kapitalistischen Wertsubstanz machen es sich allerdings für gewöhnlich recht einfach. Sie argumentieren meist im schlimmsten Sinne des Wortes empiristisch. Jeder kurzfristige Konjunkturaufschwung und jeder Sonderboom in dem einen oder anderen Land gelten gleich als Beleg dafür, daß es sich bei der absoluten Schranke des warenproduzierenden Systems um ein Hirngespinst handeln muß. Eine besondere Rolle spielt dabei die Fama vom »pazifischen Zeitalter« und von den Erfolgen des Neoliberalismus in Lateinamerika. Alle Marktwirtschaftsapologeten, aber auch die letzten Mohikaner eines politizistischen Antikrisen-Marxismus (wie z.B. die Ex-Fundis Rainer Trampert und Thomas Ebermann) werden nicht müde, von den vermeintlichen Erfolgsstories der ostasiatischen Tigerländer auf die Jugendfrische des kapitalistischen Weltsystems zu schließen.

Diese Argumentation läßt sich sogar empirisch unschwer aushebeln. Ein Blick auf die globalen Kapitalkreisläufe zeigt, daß die Weltmarktposition z.B. von Südkorea oder Taiwan auf tönernen Füßen steht. Es ist absehbar, daß diese »Vorbilder« ein ähnlich hartes Schicksal ereilen wird, wie es dem kürzlich gestrauchelten lateinamerikanischen neoliberalen »Musterschüler« Mexiko widerfuhr. Als die Druckfahnen noch nicht trocken waren, auf denen Trampert/Ebermann in der Zeitschrift »Konkret« Anfang 1995 gegen die »Krisis« polemisierten, daß »dem Kapitalismus die Arbeit nicht ausgehe«, was man am »Spitzenreiter Mexiko« mit einem 70-prozentigen Arbeitsplatzzuwachs sehen könne, brach auch schon das kreditfinanzierte mexikanische Kartenhaus zusammen und mußte in der Größenordnung von 50 Milliarden Dollar international gestützt werden; die Inflation kehrte zurück und schlagartig verschwanden mehr als eine Million Arbeitsplätze.

Schon in empirischer Hinsicht kommt es also darauf an, die Zusammenhänge zu prüfen, statt sich der johlenden Euphorie der Finanzmärkte oder dem achselzuckenden Alltagsverständnis der kruden Tatsachenmenschen anzuschließen. Interessanter und bedeutender als das krisenignorante Abwinken von Notenbankern, Neoliberalen und Altmarxisten erscheint uns in dieser Hinsicht die Auffassung eines international und insbesondere im angelsächsischen Raum seit vielen Jahrzehnten so renommierten Experten wie Günter Reimann, der die jüngste mexikanische Finanzkrise als Auftakt nicht nur zu einer ganzen Serie von »Fällen« derselben Art in Lateinamerika, Osteuropa und Asien sieht (Löcher, die dann nicht mehr derart mit Dollars gestopft werden können wie im »Fall Mexiko«), sondern der darüberhinaus auch eine Kettenreaktion für möglich hält, die selbst die USA, die BRD und Japan zur Preisgabe der Währungs-Konvertibilität zwingen und damit eine große Krise des globalen Finanzsystems heraufbeschwören könnte. In einem der KRISIS vorliegenden Manuskript Reimanns heißt es dazu: »Eine Währungskrise…wird sich als der Weg in eine Entschuldungskrise erweisen. Sie wird mit einer Revision des Weltwährungssystems, die die Pläne von Maastricht durchkreuzen wird, enden…Zentralbanken und Weltwährungsautoritäten sind gezwungen, den Zusammenbruch des Weltwährungssystems, das sie aufgebaut haben, handlungsunfähig anzusehen«.

All dies muß dem zusammenhanglosen falschen Unmittelbarkeitsdenken bis zum kruden praktischen Beweis des Gegenteils als unglaubwürdig und irrelevant erscheinen. Umso mehr gilt dies natürlich für die theoretische Reflexion, die über den empirischen Ist-Zustand hinausgeht. Es gibt einen Hauptfeind des kritischen Denkens, und das ist der immer kürzer werdende Zeithorizont des totalen Marktes, dem zunehmend auch die ehemaligen Gesellschaftskritiker erliegen. So sperrt sich schon die ganze Herangehensweise einer krisentheoretischen Reflexion, ja sogar einer weiter gespannten Realanalyse den heute üblichen Wahrnehmungsgewohnheiten. In einer Zeit, in der sich die Realität zu einem einzigen gigantischen Nachrichten-Clip, einem Sammelsurium von (meist unerfreulichen) beziehungslos nebeneinanderstehenden Einzelfakten aufzulösen scheint, mutet die Beschäftigung mit säkularen Entwicklungslinien nicht nur anachronistisch an; die auf das Medien-Stakkato konditionierten Wirklichkeits-Konsumenten sind gar nicht mehr in der Lage, ein solches Denken überhaupt nachzuvollziehen. Jede Überlegung, die sich nicht in ein oder zwei Wenn-dann-Beziehungen auflöst und neben Assoziationsvermögen und Kurzzeitgedächtnis auch noch andere Fähigkeiten des menschlichen Gehirns in Anspruch nimmt, gilt in der Ära des zusammenhanglosen Denkens bereits als »Metaphysik« und wird als unverdauliche »Großtheorie« abgelehnt. Das herrschende Bewußtsein hat einfach kein Sensorium für historische Entwicklungen und größere Zusammenhänge, es kennt nur »Events« und kann daher mit einem Ansatz, dem genau diese längerfristige Perspektive zugrunde liegt, per se nichts anfangen.

Das geistige Klima und das Alltagserleben wird zunehmend vom »rasenden Stillstand« (Paul Virilio) geprägt; im ökonomischen Bereich läßt sich aber besonders gut studieren, wie dieser Zustand der gesellschaftlichen und sozialen Wirklichkeit seinen Stempel aufdrückt. Während früher die Wirtschaftssubjekte wenigstens noch mittelfristig dachten und auf einen mehrjährigen Konjunkturzyklus orientierte Strategien verfolgten, bestimmt heute die Geschwindigkeit, mit der Buchungsimpulse den Globus umrunden, den Horizont der Beteiligten. David Vice von der Northern Telecom feiert diese Entwicklung als die »Nanosekundenkultur der 90er Jahre«. Dem ehemaligen japanischen stellvertretenden Finanzminister Toyoo Gyohten und dem früheren amerikanischen Zentralbankchef Paul Volcker wird angesichts dieser Beschleunigung dagegen schwindelig. Die Tatsache selber ist aber unstrittig, und eine Anekdote aus dem gemeinsamen Buch »Changing Fortunes« der beiden Ex-Verantwortungsträger bringt sie gut auf den Punkt: »Kürzlich sprach ich (es berichtet Toyoo Gyohten) mit einem der erfolgreichsten japanischen Devisenhändler. Ich fragte ihn, welche Faktoren er beim Kauf und Verkauf berücksichtigt. Er antwortete: „Viele Faktoren, manche davon sehr kurzfristig, einige mittelfristig und andere langfristig.“ Ich fand es sehr interessant, daß er auch langfristig dachte, und wollte wissen, was er darunter verstand. Er zögerte kurz und sagte dann vollkommen ernst: „Vielleicht zehn Minuten.“ Mit diesem Tempo bewegt sich heutzutage der Markt« (zit. nach: Wirtschaftswoche vom 23.2.95).

Atemlosigkeit und an völlige Blindheit grenzende Kurzsichtigkeit kennzeichnen aber nicht nur die ökonomische Praxis unserer Tage, auch die ökonomische Analyse wurde längst von diesem Trend erfaßt. Fixiert auf kurzfristige betriebswirtschaftliche Gewinne, Chartanalysen und konjukturpolitische ad-hoc-Maßnahmen, reicht ihr Horizont über den laufenden Zyklus nicht hinaus, während die Theorie nur noch mit mathematisierten zeitlosen und irrealen »Modellen« operiert. Dieser heutige Endzustand hat eine lange Vorgeschichte. Bei der Enthistorisierung und Entdimensionalisierung der Gesellschaftswissenschaften spielte die Wirtschaftswissenschaft traditionell eine Vorreiterrolle, und die Ökonomen unserer Tag setzen sie nur konsequent fort.

Mit Werner Sombart starb bereits 1941 der letzte namhafte Wirtschaftstheoretiker, dessen Werk die Wirtschaftsgeschichte als ein integrales Moment einschloß. Seitdem führt sie ein abgespaltenes und unbeachtetes Dasein neben der eigentlichen, modellplatonisch orientieren VWL-Disziplin. Mit dem Sinn für die geschichtliche Entwicklung kam der ökonomischen Theorie gleichzeitig auch der Sinn für qualitative Fragestellungen abhanden. Sie hörte auf, nach dem Inhalt und der Bestimmung ökonomischer Kategorien zu fragen. Das zusammenhanglose, unhistorische Denken ist gleichzeitig begriffsloses Denken, und die Entwicklung der ökonomischen Theorie in den letzten hundert Jahren war im wesentlichen die Entwicklung dieser Begriffslosigkeit. Zu Beginn des Jahrhunderts wurde im Streit um die »subjektive Wertlehre« die für die Herausbildung der politischen Ökonomie grundlegende Kategorie des »Werts« zum letzten Mal thematisiert. Mit der Etablierung der Grenznutzentheorie wurde jedoch alsbald nicht allein die klassische Werttheorie als »esoterisch« ad acta gelegt; spätestens mit Vilfredo Pareto erlosch diese ganze Art grundsätzlicher Reflexion. Im selben Maße, wie die Mathematisierung der Wirtschaftswissenschaft voranschritt, interessierte sich niemand mehr dafür, was die Größen, mit denen da so fleißig gerechnet wird, eigentlich zu bedeuten haben. An die Stelle der ökonomischen Kategorien und des Streits um deren genaue Bestimmung traten krude Funktionsdefinitionen.

Der wertkritische Ansatz, wie ihn die »Krisis« vertritt, fügt sich diesem Trend natürlich nicht. Das Bemühen, den strukturellen Kontext ausfindig zu machen, der die diversen Einzelphänomene zu einer warengesellschaftlichen Gesamt-Krisenrealität zusammenschließt, wäre unmöglich in Angriff zu nehmen, ohne auch der historischen Dynamik kapitalistischer Entwicklung nachzuspüren. Die Kritik des Kerns warenförmiger Vergesellschaftung bringt die historische Dimension automatisch mit ins Blickfeld.

Eine insofern streng historische Ausrichtung der Wertkritik erscheint auf den ersten Blick möglicherweise als Widerspruch zu der kategorialen Orientierung. Realiter handelt es sich dabei aber nur um die beiden Seiten derselben Medaille. Weil der wertkritsche Ansatz Kategorien wie Wert, »Arbeit«, Staat usw. nicht einfach als mehr oder minder gelungene Denkabstraktionen behandelt, mit deren Hilfe sich reale Erscheinungen katalogisieren lassen, sondern diese Kategorien als strukturierende Realabstraktionen begreift, muß er den geschichtlichen Wandel bis auf die Ebene der Kategorien selber zurückverfolgen. Die historische Entwicklung läßt sich weder vor dem Hintergrund eines unveränderlichen Kategoriensystems fassen noch unmittelbar empirisch. Nicht nur metahistorisch, sondern auch binnenhistorisch im Kontext der kapitalistischen Durchsetzungsgeschichte unterliegen die Realkategorien und demzufolge auch die darauf bezogenen theoretischen Begriffe dem Wandel und der Ausformung. Sie keimen, entfalten sich und sterben, und nur eine Theorie, die imstande ist, mit quasi verflüssigten Kategorien zu operieren, wird den historischen Prozeß als solchen enträtseln können. Wenn heute die gesellschaftliche Wirklichkeit das werttheoretische Bezugssystem zu sprengen beginnt, dann ist dafür nicht das Ungenügen der Werttheorie verantwortlich zu machen, wie jene Marxisten annehmen, die sich heute von der Marxschen Arbeitswertlehre verabschieden. Statt der Werttheorie wird vielmehr die Realkategorie Wert obsolet, und deren Krise gewinnt überhaupt erst vom wertkritischen Standpunkt aus Konturen.

Bei der Umsetzung ihres gleichermaßen kategorial wie historisch ausgerichteten Forschungsprogramms hat die »Krisis« allerdings mit erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Das gilt insbesondere für die Fortsetzung der Kritik der politischen Ökonomie im engeren Sinne und die Analyse der Weltmarktbewegung. Da die ökonomischen Wissenschaften die begriffliche Ebene schon seit Jahrzehnten geräumt haben und zentrale Fragen wie die Bestimmung von produktiver und unproduktiver Arbeit, des Werts, der Funktionen des Geldes usw. kaum noch gestellt werden, ist es nicht möglich, die eigene Begriffsbildung in kritischer Abgrenzung zu entfalten. Die begriffliche Entwicklung wird mangels Widerpart (denn der Altmarxismus taugt dazu nicht mehr in einem produktiven Sinne) scheinbar zur Kopfgeburt, die sich an keinem vorausgesetzten präsenten Vorverständnis abarbeiten kann, sondern bestenfalls archäologische Anknüpfungspunkte findet. Die Widersprüche des warenproduzierenden Weltsystems lassen sich nicht plausibel machen, ohne die kategorialen Grundlagen zu entwickeln; das analytische Resultat wiederum macht erst nachvollziehbar, warum zunächst anachronistisch anmutende Begriffe wie »Wert«, »produktive Arbeit« usw. überhaupt noch verwendet werden können.

Diese Grundkalamität läßt sich auf der Ebene des Geldes verdeutlichen. In den letzten 150 Jahren erlebte das Geld- und Währungssystem mehr als eine Revolution. Seitdem die metallistisch orientierten Geldtheoretiker, erschlagen von der Scheinevidenz der Geldschöpfung im 20. Jahrhundert, weitgehend verstummt sind, hat kein Ökonom mehr diese Umwälzungen zum Anlaß genommen, einen Gedanken an das Wesen des Geldes und seine historischen Veränderungen zu verschwenden. Die Wirtschaftswissenschaft hält sich stattdessen unverdrossen an ein doppeltes Dogma. Zum einen gilt ihr Geld als ein rein »technisches Hilfsmittel des Wirtschaftsverkehrs«, als »eine Spielmarke ohne Eigenbedeutung« (Joseph Schumpeter), und von daher taugt es in ihrer Sicht gar nicht als Gegenstand ernsthafter wissenschaftlicher Beschäftigung; zum anderen behandelt sie den Mammon als die natürlichste und unverrückbarste Einrichtung der Welt. Alle substantiellen Veränderungen in der Welt des Monetären erscheinen auf dieser Folie ex definitione als rein finanztechnische Innovationen, die die Grundstruktur kapitalistischer Vergesellschaftung nicht affizieren.

Die theoretische Lage ebenso wie die unserer Meinung nach weiterhin brisante Lage der Finanzmärkte, das drohende furiose Ende des Kasinokapitalismus und ein Zeitgeist, der sich verschwörungstheoretisch und antisemitisch aufzuladen beginnt, werden daher von der »Krisis« zum Anlaß genommen, sich nicht nur erneut mit der Krisen- und Akkumulationstheorie zu beschäftigen, sondern auch Bezüge zur aktuellen Entwicklung wie zur Geschichte des Finanz- und Kreditsystems, des Weltwährungssystems und des spekulativen Prozesses herzustellen. Gleichzeitig sollen die »Politische Ökonomie des Antisemitismus« und die zeitgeistigen Reaktionsbildungen auf die flackernde Krise des Geldes untersucht und kritisiert werden.

In seinem einleitenden Text »Die Himmelfahrt des Geldes – Strukturelle Schranken der Kapitalverwertung, Kasinokapitalismus und globale Finanzkrise« versucht Robert Kurz die bisherige einschlägige »Krisis«-Argumentation weiterzuentwickeln. Er knüpft dabei an die Beiträge der vor nunmehr sechs Jahren erschienenen Nr. 6 unserer Zeitschrift an, insbesondere an den dort von Ernst Lohoff in dem Artikel »Staatskonsum und Staatsbankrott – Profitrate und Profitmasse« entwickelten Ansatz. Dieser Ansatz wird jetzt über die damalige Auseinandersetzung mit dem Keynesianismus hinaus auf der Ebene des Verhältnisses von Realakkumulation und Kreditsystem überhaupt dargestellt. Gezeigt wird, wie sich über die bloß zyklische Bewegung hinaus in Gestalt der »tertiären Revolution« die vom Kapitalismus selber notwendig hervorgebrachte, im kapitalistischen Sinne unproduktive Arbeit schon seit dem 1. Weltkrieg zum strukturellen Krisenfaktor entwickelt hat. Dieses Problem der Krisentheorie, das von Marx historisch noch nicht gestellt werden konnte, wird erst in dem Maße virulent, wie mit dem Erlöschen der fordistischen Akkumulation auch die produktive Zufuhr für die Expansion des Kreditsystems nicht mehr ausreichend geliefert werden kann. Das Resultat war die Ära des Kasinokapitalismus, die seit den 80er Jahren andauert und die Unausweichlichkeit eines »Entwertungsschocks« nahelegt, der in Gestalt deflationärer und/oder hyperinflationärer Prozesse auch die kapitalistischen Kernländer ereilen wird.

In seinem Beitrag »Die harte Landung des Dollar – Von der Pax Americana zum Weltmarkt ohne Weltgeld« führt Ernst Lohoff diese Untersuchung auf der Ebene des Weltwährungssystems fort. Die Grundthese, daß die Weltmarktgesellschaft aus ihrer eigenen Logik heraus das Medium zerstört, in dem sie sich einzig und allein darstellen und bewegen kann, wird im Durchgang durch die Nachkriegsgeschichte des Dollar erläutert. Die vielleicht überraschende These, daß die Vollendung des Weltmarkts mit der Existenz eines Weltgeldes unvereinbar ist, ergibt sich aus der Unvereinbarkeit von Nationalökonomie und unmittelbarem Weltkapital, ein Widerspruch, der heute herangereift zu sein scheint.

Roswitha Scholz leitet mit ihrem Essay »Die Metamorphosen des teutonischen Yuppie – Wohlstandschauvinismus, 90er-Jahre-Linke und kasinokapitalistischer Antisemitismus« zu den zeitgeistigen Konsequenzen einer drohenden Finanzkrise über. Dabei wird zum einen die konsumhedonistische »Risiko«-, Zapper- und Lotto-Kultur der kurzen kasinokapitalistischen Ära samt ihrem jüngsten Katzenjammer einer kritischen Analyse unterzogen. Zum andern nimmt die Autorin aber auch die affirmativen und selbstaffirmativen Bezüge sowohl der altmarxistischen als auch der hedonistischen Linken auf diese Ära ins Visier und versucht zu zeigen, daß das antisemitische Potential der High-tech- und Konsum-Gesellschaft ebenso wie die gegenwärtig zu beobachtende gemeingefährliche Metamorphose der inzwischen in das Stadium der Verbiesterung eingetretenen »Gute-Laune-Menschen« sträflich unterschätzt wird. In diesem Zusammenhang kritisiert Scholz auch frühere Aussagen und Beiträge der »Krisis«, in denen die (richtige) Kritik der anachronistischen altmarxistischen »4. Reich«-Kampagne ihrer Meinung nach mit einer (falschen) teilweisen Entwarnung hinsichtlich des antisemitischen Syndroms verbunden wurde.

Die untergründigen historischen und erkenntnistheoretischen Bezüge von Arbeiterbewegungs-Marxismus und Antisemitismus leuchtet Robert Bösch (Zürich) in seinem Aufsatz »Unheimliche Verwandtschaft – Marxismus-Leninismus und Antisemitismus« aus. Er zeigt, wie ein verkürzter Kapitalbegriff in Verbindung mit der marxistischen Arbeitsontologie und einem kruden Materialismus zu Interpretationen führte, die diesen Marxismus nicht nur grundsätzlich anfällig für einschlägige Stereotype gemacht, sondern in der positiven Rezeption der »nationalen Befreiungsbewegungen« insbesondere im arabischen Raum sogar offenen Antisemitismus im marxistischen Gewand hervorgebracht hat.

In seinem abschließenden zweiten Beitrag »Politische Ökonomie des Antisemitismus – Die Verkleinbürgerung der Postmoderne und die Wiederkehr der Geldutopie von Silvio Gesell« setzt sich Robert Kurz nicht nur polemisch mit dem aufkommenden Neo-Gesellianismus und den historischen Wurzeln dieser Ideologie auseinander, sondern versucht an den Essay von Roswitha Scholz anknüpfend auch die aktuellen gesellschaftlichen und ökonomischen Gründe für die Wiederbelebung dieses theoretischen Leichnams der 20er Jahre herauszufinden. Auch dabei kann der gegenüber den strukturell und potentiell antisemitischen Geldutopien Proudhonscher Provenienz notwendigerweise verkürzt argumentierende Altmarxismus nicht ungeschoren bleiben.

Wenn man so will, kann die vorliegende Ausgabe der KRISIS als Hommage an zwei jüngst verstorbene führende Theoretiker aus ganz verschiedenen Lagern des Arbeiterbewegungs-Marxismus verstanden werden. Mit dem Tod von Ernest Mandel und Wolfgang Harich ist auch fühlbar eine Epoche der linken Theoriegeschichte zu Ende gegangen.

Daß Ernest Mandel auf die KRISIS-Theorie, soweit er sie noch zur Kenntnis genommen hat, eher allergisch reagierte, war kaum verwunderlich. Dennoch gehörte auch er zu unseren Lehrern in der nunmehr schon weit zurückliegenden »linken Geschichte« seit 1968. Wie dem Trotzkismus im allgemeinen muß es Ernest Mandel im besonderen zugestanden werden, daß seine Theorie über die parteikommunistischen und sozialdemokratischen Bornierungen hinausging und deshalb auch weiterhin Anregungen enthält, die ihrer »Aufhebung« harren.

Mit Wolfgang Harich konnten wir noch persönlich in Verbindung treten. Obwohl die KRISIS mit dem »nationalkommunistischen« Gedanken grundsätzlich nichts anfangen kann, hat Wolfgang Harich ungeachtet aller Differenzen und im Unterschied zu manchen Ex-Mandarinen der Theorie das oft verleugnete »Neue« und Weitertreibende am Ansatz der KRISIS vorurteilsfrei erkannt und auch mit überraschender Energie propagiert. Wir sind ihm dafür dankbar. Nicht nur sein immenses philosophisches Wissen hat uns imponiert, sondern auch der Kampfgeist, mit dem er bis zuletzt seine Sache gegen die vergangene DDR und noch mehr gegen die leider gegenwärtige BRD verfochten hat.

Zuletzt noch zwei Bemerkungen in eigener Sache. Zum einen ist ein Fehler in der letzten KRISIS zu berichtigen, den zumindest der literarisch genaue Leser als peinlich empfunden haben könnte. Aus dem weniger bekannten, aber in mancher Hinsicht tiefgängigen Schriftsteller Erhart Kästner (»Aufstand der Dinge«, »Zeltbuch von Tumilat«) im Typoskript des Editorials von KRISIS Nr. 15 ist durch ein Versehen beim Setzen der bekanntere Moralist und Kinderbuchautor Erich Kästner (»Emil und die Detektive«, »Das fliegende Klassenzimmer«) geworden. Wir bitten um Entschuldigung.

Zum andern wird es unsere Leser vielleicht ein wenig befremden, daß die vorliegende Ausgabe der KRISIS als Doppelnummer firmiert und also teurer als angekündigt ist, obwohl sie keinen größeren Umfang hat als etliche der vorangegangenen Ausgaben. Das Problem besteht darin, daß bei einer gesteigerten Frequenz des Erscheinens eine normale Ausgabe aus Kostengründen 150 Seiten nicht mehr überschreiten darf. Ohnehin ist die KRISIS von Druckkosten-Zuschüssen abhängig. Und wir wollten die hier versammelten Beiträge aus Gründen der thematischen Kohärenz und der inneren Bezüge auf keinen Fall auseinanderreißen. Die obligatorische »Bitte um Verständnis« einer maroden Dienstleistungswirtschaft paßt natürlich nicht zum Konzept der KRISIS; stattdessen appellieren wir an die Einsicht unserer Leser, die vielleicht deswegen noch nicht das letzte Bier opfern müssen. In diesem Zusammenhang erlauben wir uns, den Aufruf zu (auch kleineren) Spenden an diejenigen Leser zu erneuern, die auch in Zukunft das Erscheinen der KRISIS für notwendig halten; sei es als Anregung, sei es als produktives Ärgernis.

Robert Kurz und Ernst Lohoff für die Redaktion der KRISIS, Mitte August 1995