31.12.1995  Beitrag drucken

Unheimliche Verwandtschaft

Anmerkungen zum Verhältnis von Marxismus-Leninismus und Antisemitismus

Robert Bösch

(Anläßlich eines Referates von Thomas Haury, gehalten am 25. 2. 94 in der Roten Fabrik, Zürich)1

Die Frage, ob es so etwas wie einen »linken Antisemtismus« gibt, oder ob diese Verbindung eine logische Unmöglichkeit sei, ist weder neu noch bislang überzeugend gelöst.

Sie entzündet sich nicht zufällig immer wieder an der Existenz des Staates Israel und seiner Politik im Nahen Osten, stellt dieser Staat, dessen Entstehung untrennbar mit der jahrhundertelangen Verfolgung der Juden und ihrer vom Nationalsozialismus betriebenen Vernichtung verbunden ist, doch eine besonders widersprüchliche Erscheinung dar: einerseits ein bürgerlicher Nationalstaat (noch dazu in beinahe permanentem Kriegszustand) mit allen damit verbundenen Implikationen, andererseits der Fluchtpunkt von Menschen, die seit jeher das bevorzugte Objekt der gesellschaftlichen Ausagierung und Abreaktion von Affekten und Ressentiments sind, und als solcher der einzige Nationalstaat, dessen moralische Legitimation unmittelbar einsichtig ist.

Der mit dieser Situation verbundene kategorische Imperativ, den Hitler den Menschen aufgezwungen hat und der darin besteht »ihr Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe« (Th.W. Adorno, Negative Dialektik)2, macht es notwendig, die Frage nach den Beziehungen von Antikapitalismus und Antisemitismus neu zu stellen. Freilich sind die Unterscheidungen von »links« und »rechts« dabei kaum noch hilfreich, zeigt es sich doch immer mehr, daß rinks und lechts heute durchaus zu velwechsern sind, weil sie sich fast bis zur Ununterscheidbarkeit einander angenähert haben.

Um zu verstehen, weshalb der Antizionismus als linke Variante des Antisemitismus eine geradezu pathologisch erscheinende Fixierung auf Israel besitzt, die zwischen der trotzig-infantilen Frage, ob man Israel bzw. »die Juden« denn nicht kritisieren dürfe, und der idiotischen Behauptung, Israel sei schlechthin faschistisch, keine Nuancen zuläßt, soll im nachfolgenden Text versucht werden, thesenhaft zu begründen, daß im Befangenbleiben des mainstream der Linken in der Ideologie des Marxismus-Leninismus3 das Umkippen in den Antisemitismus strukturell angelegt ist.

1.

Seit der Oktoberrevolution hat sich die westliche Linke in bezug auf den Marxismus-Leninismus definiert, sei es positiv oder negativ. Die Erfahrung einer Revolution, in der objektiver Geschichtsverlauf und revolutionäre Bereitschaft der Massen zusammenzufallen schienen, wurde vom kommunistischen mainstream in einer Weise absolut gesetzt, die den Leninismus als die einzig mögliche Form des Marxismus erscheinen ließ.

Aber bereits das Ausbleiben der »revolutionären Kettenreaktion« im Westen stürzte den Marxismus-Leninismus in eine Krise, von der er sich nie mehr wirklich erholen sollte. Die Erfahrung des Auseinandertretens von »subjektivem Faktor« und angeblich »objektiv« revolutionärer Situation konnte in leninistischen Kategorien nie anders als durch die Frage nach dem Klassenbewußtsein und seiner adäquaten Organisierung verarbeitet werden. Es reflektiert sich darin die Problematik, daß die konkreten Proletarier als vereinzelte Individuen, die sich in der Produktionssphäre zueinander ebenso in Konkurrenz sehen wie gegenüber dem ihre Arbeitskraft anwendenden Kapital, während sie in der Zirkulationssphäre nur als gleichgültige Geldbesitzer aufeinander treffen, die auf die Kapitalien als Eigentümer der benötigten Konsumgüter verwiesen sind, nie jenem ideellen, an-sich-seienden Klassenindividuum entsprachen, dessen Zu-sich-kommen in der kommunistischen Partei bereits organisatorisch vorweggenommen sein sollte.

Dies deshalb, weil die Kategorie der Lohnarbeit mit zunehmender gesellschaftlicher Entwicklung ihre Verallgemeinerung erfährt und der Proletarier dadurch seine anfänglich noch prekäre rechtliche Stellung überwindet und sich zum politisch gleichberechtigten Staatsbürger erhebt (dies verbunden mit seiner zunehmenden Bedeutung als Konsument)4. Diese »Verbürgerlichung« des Lohnarbeiters5 ist nur der Ausdruck einer Entwicklung, in der das Kapital als sich selbst verwertender Wert seine ihm adäquate Form annimmt, reines gesellschaftliches Produktionsverhältnis wird, was sich auf der Kapitalseite als tendenzielle Auflösung der bürgerlichen Klasse darstellt, d.h. als die zunehmende Bedeutungslosigkeit der Person des Kapitalisten im Produktionsprozeß, seine Ablösung durch einen, das Verwertungsinteresse repräsentierenden, bezahlten Agenten.

Dem auf die Erscheinungsebene des Kapitalverhältnisses (d.h. auf die soziologischen Klassenkategorien) fixierten Marxismus-Leninismus stellt sich die Entwicklung zum Aktien- und Finanzkapital als negative Aufhebung eben dieses Kapitalverhältnisses dar, und zwar insofern, als sich die Kapitalisten angeblich in reine Geldkapitalisten und damit in bloße Zirkulationsagenten verwandeln, die nicht mehr im direktem Gegensatz zur Lohnarbeit stehen, sondern ohne Verhältnis zu dieser erscheinen. Der Produktionsprozeß und die Kapitalverwertung scheinen auseinanderzutreten und einander äußerlich zu werden. In dieser entwickeltsten Form der Kapitalmystifikation stellt sich das Kapital de facto als anonyme Macht dar, die jenseits der Produktion, scheinbar losgelöst von ihr, an der Börse als Zentrum der Kapitalzirkulation, ihre undurchschaubaren, von bloßen Profitinteressen geprägten Entscheidungen trifft.

2.

Im Marxismus-Leninismus wird diese Entwicklung bekanntlich in Lenins Theorie vom Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus reflektiert. Der Übergang zum Aktienkapital wird von Lenin als Ablösung des freien Konkurrenzkapitalismus durch einen Monopolkapitalismus interpretiert, der durch die Bildung großer Trusts gekennzeichnet sei, deren Kontrolle in den Händen einiger weniger »Finanzoligarchen« liege.

Diese Monopole, so Lenin, ermöglichten es, das »blinde Wüten des Wertgesetzes« partiell aufzuheben, da es den wenigen Großbetrieben nun leicht falle, die Produktion untereinander abzusprechen. Der Produktionsprozeß als technisch rationale Basis erscheint Lenin als im Grunde bereits sozialistisch, so daß lediglich seine weiterhin »privatwirtschaftliche Hülle« aufgehoben werden müsse. Die »Fäulnis« des Kapitalismus besteht für ihn also im Widerspruch zwischen der vergesellschafteten Produktion, die den überwiegenden Teil der Bevölkerung in Lohnabhängige verwandelt hat, und der privaten Aneignung des Reichtums durch einige wenige unproduktive Kapitalisten (»parasitäre Schmarotzer«), die zugleich die Beseitigung dieses Widerspruches hintertreiben und also »künstlich verzögern«.

Das Kapital in seiner »fetischartigsten Form« (Marx), als zinstragendes Kapital, in dem der Bezug der Verwertung zur materiellen Reproduktion der Gesellschaft ausgelöscht erscheint6, kann von Lenin nicht als vollendete Gestalt der Verdinglichung der gesellschaftlichen Verhältnisse erkannt werden, sondern muß sich seiner Theorie gemäß in ein unmittelbar personalistisch verstandenes »Herrschaftsverhältnis« übersetzen. »Herrschaft« erscheint bei Lenin als bewußte Verfügung über die Zusammenhänge der gesellschaftlichen Reproduktion als solche und keinesfalls als das, was sie realiter ist: Verfügungsgewalt über den wertförmigen Reichtum, dessen Form den »Herrschenden« allerdings selbst bereits bewußtlos vorausgesetzt ist, und von der sie dementsprechend ebenso »beherrscht« werden wie die über ihre Eigentumslosigkeit definierten »Beherrschten«. In dieser subjektivierten Sichtweise mutiert »Herrschaft« zu einer bloßen Willenskategorie, aus der heraus nun sämtliche gesellschaftliche Friktionen als Resultate individueller Böswilligkeit oder maßloser Profitgier begriffen werden müssen.7

3.

Diese folgenschweren theoretischen Verkürzungen haben ihre Ursache in der mangelnden begrifflichen Durchdringung der Wertform.8

Dies deshalb, weil der Wert von Lenin in erster Linie als Zirkulationskategorie begriffen wird, die vermittels des Marktes die gesellschaftliche Distribution des Reichtums ermögliche9. Der durch die abstrakte Arbeit konstituierte Wert als historisch bestimmte Form dieses Reichtums wird so zu einer »der Arbeit« bloß äußerlich anhaftenden Bestimmung, von der getrennt sich diese in »reiner«, nicht länger von der »Anarchie des Marktes« verzerrter Form entfalten könnte10. Der Sozialismus, verstanden als die warenförmige Planung der industriellen Produktion (die als »neutrale«, vom Verwertungsprozeß unberührte »Produktivkraft« erscheint), wird zum Verwirklichungsmedium der als proletarische Kategorie schlechthin verstandenen und verherrlichten Arbeit.

Dieses Äußerlichsetzen von Produktions- und Zirkulationsprozeß läuft über die Ontologisierung der »produktiven« Arbeit11 als »konkret-positives« Gegenprinzip zur »unproduktiv-negativen« Zirkulationssphäre mit ihren abstrakt-universalistischen Kategorien von Geld, Zins und Recht beständig Gefahr, bloß die nazistische Propaganda von »schaffendem« versus »raffendem« Kapital zu reproduzieren. Denn so wie dem Marxismus-Leninismus erscheint auch den Nazis das (als Vorwegnahme des heutigen Weltkapitals per se internationalistische) Finanzkapital als Hauptgegner, welches von ihnen unmittelbar mit »den Juden« identifiziert wird, die als Verkörperung von »Rast- und Wurzellosigkeit (Ahasverus), Internationalität, Abstraktheit«, als »parasitär von fremder Arbeit lebend, alle Werte zersetzend, als geheime Macht hinter dem Rücken der Menschen das Schicksal der Gesellschaften bestimmend« (Th. Haury) gesetzt werden.

Während sich der Rassismus dadurch auszeichnet, daß er seine Opfer durch eine an Stereotypen orientierte »gesteigerte Sichtbarkeit« (G. Jacob) selektiert, verfolgt der Antisemitismus die Juden (und die, die er für solche hält)12 aufgrund der Unsichtbarkeit, die er ihnen zuschreibt, aufgrund der imaginierten Fähigkeit »des Juden«, sich unkenntlich zu machen, sich hinter Masken zu verbergen, was es ihm erst ermögliche, seine Schliche und Verschwörungen zu planen.13

Daraus ergibt sich die fundamentale Bedeutung einer Kritik des Antisemitismus, da dieser als Form einer verkürzten und ideologisch verzerrten Kapitalismuskritik (die der Marxismus-Leninismus in wesentlichen Momenten teilt) gleichwohl beansprucht, die gesellschaftliche Realität als Totalität zu begreifen.

Exkurs

Als Lenins »philosophisches« Hauptwerk gilt die 1908 erschienene Schrift Materialismus und Empiriokritizismus. Vordergründig gegen die Theorien von Ernst Mach gerichtet, ist sie in erster Linie Ausdruck eines innerbolschewistischen Richtungsstreites, in dem Lenin einen seiner bekannten Kämpfe gegen »linke Abweichler« führt, in diesem Fall vertreten durch den »Linksbolschewisten« Bogdanov, der, entgegen Lenins Position, einen Wahlboykott der Duma befürwortet. Die »philosophische« Widerlegung des »Empiriomonisten« Bogdanov ist das Vehikel für die Ausschaltung des antilegalistischen Politikers Bogdanov.

Lenin will also beweisen, daß der Empiriokritizismus von Mach und Bogdanov, der die Identität von Geist und Materie behauptet, lediglich einen »typischen philosophischen Revisionismus« darstelle, denn, so Lenin im Geiste von Engels: der Gegensatz von Materialismus und Idealismus sei ewig, folglich bleibe für den Marxisten nur die Möglichkeit, das richtige Lager zu wählen, das des Materialismus.

Die Wahl des richtigen Lagers besteht für Lenin in der Theorie der »aktiven Widerspiegelung«, einer Widerspiegelung also, die keine passive Einschreibung des Seins in den Geist sein soll, sondern die praktische Aneignung der Außenwelt durch das Bewußtsein. Das Unerkannte in der Außenwelt ist so lediglich das noch nicht Erkannte (man könnte auch sagen: das noch nicht Beherrschbare), weshalb das unerkennbare Ding-an-sich Kants, jenes »intelligible Substrat«, »welches der äußeren Erscheinung, die wir Materie nennen, zugrunde liegt« (Kritik der reinen Vernunft), und das sowohl Engels wie Lenin als Einfallstor der Religion in die Philosophie erscheint, dementsprechend liquidiert wird.

Diese kritische Liquidation des Dings-an-sich knüpft an die Kant-Kritik Hegels an. Dieser hatte die transzendentale Einheit der Apperzeption bereits dafür kritisiert, nicht inhaltliches Prinzip, sondern leere Einheit zu sein: »Das Ding-an-sich ist … nicht eine jenseits seiner äußerlichen Existenz befindliche bestimmungslose Grundlage, sondern ist in seinen Eigenschaften als Grund vorhanden – aber zugleich als bestimmter Grund, d.h. … es ist nur insofern in sich reflektiert und an sich, insofern es äußerlich ist« (Wissenschaft der Logik II). Hegel wendet sich also gegen das »völlige Abstraktum«, als welches sich das Ding-an-sich Kants darstellt, und als das es als reine, vermittlungslose Setzung den Bedingungen von Raum und Zeit entzogen scheint und demnach jeder Veränderung. Dieser Gedanke Hegels, daß das Ding-an-sich als unerkennbares jede Prozessualität des Bewußtseins sistiert, wird von Lenin (und vor ihm von Engels im Anti-Dühring) aufgegriffen. Während jedoch Hegel diese Prozessualität als den mit sich selbst vermittelten Gott bestimmt, als absolute Idee, deren Explikation Aufgabe der Philosophie sei, wird sie von Lenin als »die ewige unendliche Annäherung« (Philosophische Hefte, LW 38) des widerspiegelnden Bewußtseins des Menschen an die Erkenntnis der Natur verstanden. Die erkenntnistheoretische Vorstellung des Dings-an-sich entfällt somit dadurch, daß Bewußtsein letztlich empiristisch in die Materialität der Welt aufgelöst wird: »Die Praxis des Menschen, milliardenmal wiederholt, prägt sich dem Bewußtsein des Menschen als Figuren der Logik ein« (LW 38)14.

Diese an Engels orientierte Deutung der Hegelschen Philosophie als eines »auf den Kopf gestellten Materialismus« (Philosophische Hefte, LW 38) enthält zwei entscheidende Prämissen: 1. Arbeit als ontologisches Prinzip der Vermittlung von Bewußtsein und Materie; 2. Die These von der Begreifbarkeit der Natur dadurch, daß die Materie sich nach den Gesetzen der Dialektik bewegt.

Diese Positionen, die seither zum dogmatischen Grundbestand des Marxismus-Leninismus gehören, fallen in entscheidender Weise hinter die Kantsche Theorie des Dings-an-sich zurück. Die Unterscheidung von Ding-an-sich und Erscheinung bei Kant, die Engels durch das Experiment und die Industrie, vermittels derer der Mensch sich den Naturvorgang zu seinen Zwecken dienstbar macht, für widerlegt hält, zielt nicht auf die Erkenntnis partikularer Naturvorgänge, deren Beherrschbarkeit in der menschlichen Geschichte beständig zunimmt, sondern auf den universalen Zusammenhang der Naturvorgänge und das Prinzip, welches ihn konstituiert, d.h. auf die Methode naturwissenschaftlicher Erkenntnis, die als solche nicht selbst Objekt der Naturwissenschaft sein kann. Die Konstitution der Bewußtseinskategorien wird dementsprechend im Marxismus-Leninismus empiristisch-sensualistisch fundiert. Diese werden behandelt als Abstraktionen aus der vorgefundenen empirischen Realität.

Die Problematik, daß das Bewußtsein so lediglich als passiver Abdruck der Außenwelt erscheint, versucht der Marxismus-Leninismus dadurch zu umgehen, daß er Arbeit als vermittelnde Kategorie zwischen Bewußtsein und Materie setzt, die es ermöglicht, deren Verhältnis zu prozessualisieren, indem die Veränderung der Natur gleichzeitig den Menschen selbst verändert. Dies impliziert aber eine analog zur Dialektik von Mensch und Natur gesetzte Naturdialektik,15 da nur eine solche letztlich die Konstitution der Bewußtseinskategorien durch die materielle Realität verbürgt. Die Widerspiegelungstheorie setzt die Natur als dialektisch, während die Materialität der dialektischen Natur die Adäquatheit der Widerspiegelungstheorie verbürgt; ein Zirkelschluß, der die Subjekt-Objekt-Dichotomie nicht aufhebt, sondern verewigt. Diese Verewigung schlägt sich ihrerseits im enthistorisierten Arbeitsbegriff des Marxismus-Leninismus nieder, der »Arbeit« als stoffliche Interaktion zwischen Mensch und Natur im Kontext der Widerspiegelungstheorie zu jener bestimmungslosen Abstraktion gerinnen läßt, die in der kapitalistischen Ökonomie erst zu ihrem Begriff kommt und dabei jene »technokratischen Züge« enthüllt, »die später im Faschismus auftreten werden« (W. Benjamin, Über den Begriff der Geschichte).

Aus der Sicht des ontologischen Arbeitsbegriffes, der letztlich mit dem der bürgerlichen Nationalökonomie zusammenfällt, muß deshalb die Marxsche Kategorie der abstrakten Arbeit als Vermittlungsbegriff der kapitalistischen Totalität unverständlich bleiben,16 denn der Marxismus-Leninismus erblickt im Verhältnis der zirkulativen Bestimmungen von Lohnarbeit und Kapital das konstitutive Element. Abstrakte Arbeit wird dabei ontologisch-empirisch als quantifizierbare Wertsubstanz der sich nach Äquivalenten austauschenden Waren bestimmt, und deren innerer Widerspruch als Gegensatz von Wertsubstanz (als Einheit von Wertgrund und Wertmaß) einerseits und Lohnarbeit (als preisbestimmte Ware und äußerliches Wertmaß) andererseits begriffen, d.h. als »Unverträglichkeit von gesellschaftlicher Produktion und kapitalistischer Aneignung« (Anti-Dühring). Diese »Unverträglichkeit« erscheint also in der Ablösung der Zirkulationssphäre vom Produktionsprozeß begründet, spezifischer durch die juristische Form des Privateigentums gesetzt, dessen Ausrichtung auf die Profitmaximierung verhindere, daß die Zirkulationssphäre zum produktionsgerechten Austauschmedium der inzwischen vergesellschafteten Arbeit werde17.

Im Bemühen, das Kantsche Ding-an-sich erkenntnistheoretisch zu vermeiden, ist der Marxismus-Leninismus gezwungen, Arbeit als substantiell zu setzen, da nur durch sie eine Vermittlung zwischen Bewußtsein und Materie möglich ist. Das Ding-an-sich kehrt so, materialistisch gewendet, durch die Hintertüre wieder zurück, da die Arbeit als Wertsubstanz »gleiche menschliche Arbeit« (Marx) darstellt, die als solche nicht unmittelbar erscheinen kann, sondern nur in der Geldform. Die als Sozialismus propagierte ökonomische Planung auf der Grundlage von Arbeitszeitrechnung kann also die gesellschaftliche Objektivität nicht aufheben, sondern lediglich als aufgehobene behaupten.

Dies verdeutlicht auch die Vorstellung vom Proletariat als der Klasse-an-sich: »Der moderne Sozialismus ist weiter nichts als der Gedankenreflex dieses tatsächlichen Konflikts (zwischen Produktivkräften und Produktionsweise), seine ideelle Rückspiegelung in den Köpfen zunächst der Klasse, die direkt unter ihm leidet, der Arbeiterklasse«. Unter den Prämissen der Widerspiegelungstheorie müssen die empirischen Proletarier aber notwendig hinter den an sie gestellten Anforderungen zurückbleiben, so daß es »die Aufgabe des theoretischen Ausdrucks der proletarischen Bewegung, des wissenschaftlichen Sozialismus« sei, »der zur Aktion berufenen, heute unterdrückten Klasse die Bedingungen und die Natur ihrer eigenen Aktion zum Bewußtsein zu bringen« (Anti-Dühring). Den wissenschaftlichen Sozialismus und damit das idealtypische proletarische Klassenbewußtsein repräsentiert die kommunistische Partei als intelligibles Subjekt, dessen Beschlüsse der empirische Arbeiter lediglich post festum nachvollziehen kann.

Insofern knüpft der Marxismus-Leninismus mit seiner Theorie von der »Avantgarde des Proletariats« erkenntnistheoretisch an das absolute Ich in der Philosophie Johann Gottlieb Fichtes an, das die Verschmelzung des transzendentalen Subjekts mit dem Ding-an-sich darstellt, und politökonomisch an die volonté générale Jean Jacques Rousseaus, der die Unterordnung des empirischen bourgeois unter den ideellen citoyen verlangt. In der UdSSR wird letzterer in den Fünfjahresplänen aufgehen und das absolute Ich Stalin heißen.

4.

Die Widerspiegelungstheorie hebt die Dichotomie von Theorie und Empirie also nicht auf, sondern verschärft sie noch.

Weil sie Empirie auf die sinnlich wahrnehmbare Außenwelt reduziert, das Bewußtsein also nur inhaltlich thematisiert und nicht als Formproblem im Sinne des Kantschen Ding-an-sich, vermag sie über die abstrakte Negation des Transzendentalen hinaus dieses nur zu reproduzieren.

Die Notwendigkeit, die Frage nach der Möglichkeit synthetischer Urteile a priori historisch-empirisch zu beantworten,18 verhindert also, das Kapitalverhältnis als sinnlich-übersinnliches zu begreifen, und damit auch ein Verständnis von Dialektik als Widerspruch zwischen Ding und Begriff, Erscheinung und Wesen. Im Bedürfnis nach Unmittelbarkeit, wie es sich in der Ontologisierung der Arbeit niederschlägt, enthüllt sich die affirmative Tendenz des Marxismus-Leninismus, der die kapitalistische Gesellschaft nicht in ihrer Totalität zu bestimmen und aufzuheben versucht, sondern lediglich ein Moment innerhalb dieser vertritt und es als entgegengesetztes bzw. transzendentes bestimmt.

Der Dialektik der bürgerlichen Gesellschaft entkommt er so jedoch nicht, vielmehr kehrt sie im widersprüchlichen Verhältnis von Arbeiterklasse, die unmittelbar der Realität gegenübersteht, und kommunistischer Partei als ihrer abstrakten Instanz, die diese bloße Unmittelbarkeit in Theorie übersetzt, als Verdrängte zurück. Da der Marxismus-Leninismus die Widerspruchslosigkeit als Prädikat der Unmittelbarkeit nicht aufgeben kann, so wie die bürgerliche Ideologie überhaupt das Wesen ihrer Gesellschaft nicht als Wesenlosigkeit akzeptieren kann, ist er wie diese gezwungen, in Krisenmomenten den Schein gewaltsam herzustellen.

Während bei Marx die Methode der Entwicklung der Kategorien der politischen Ökonomie zugleich die Kritik dieser Kategorien ist, worin er die erscheinende Unmittelbarkeit der Empirie als vermittelt begreifbar macht, Empirie bei ihm den Kategorien weder äußerlich noch auf diese reduzierbar ist, das Übersinnliche also eine materielle Struktur besitzt, werden im Marxismus-Leninismus die Kategorien mit dem Empirischen zusammengedacht bzw. gegen dieses ausgespielt. Das Wesen wird auf die Erscheinung reduziert und die Kritik bleibt eine äußerlich an die bürgerliche Gesellschaft herangetragene Methodik.

Es ist dieser bürgerliche Charakter der Erkenntnis- und Gesellschaftskritik des Marxismus-Leninismus, der sie höchst anfällig für den Antisemitismus als originär bürgerliche Ideologie macht. Denn so wie der Marxismus-Leninismus die Abstraktheit, Mobilität, Internationalität, Ausbeutungspotenz etc. des Kapitals vermittels der juristischen Form des Privateigentums aus der Zirkulationssphäre erklärt, d.h. der Empirie als ebenso äußerlich wie auf diese reduzierbar behauptet, erzielt der Antisemitismus das gleiche Resultat mit weitaus geringerem theoretischen Aufwand vermittels der Figur »des Juden«.

5.

Mit der Leninschen Imperialismustheorie und der durch sie kanonisierten Vorstellung vom »Finanzkapital, das in wenigen Händen konzentriert ist« und die Welt mit seinem »Parasitismus« und seinen »amerikanischen Sitten« überziehe, erreicht der Marxismus-Leninismus seinen Scheitelpunkt.19 Die mit der Ontologie der Arbeit verknüpfte Idee der Befreiung der gesellschaftlichen Produktion von der kapitalistischen Aneignung als »geschichtlichem Beruf des modernen Proletariats« (Anti-Dühring), mußte in dem Maße fragwürdig werden, wie die Arbeiterklasse nicht nur mit wehenden Fahnen in den Ersten Weltkrieg zog, sondern sich auch als unfähig erwies, den Faschismus in Europa zu stoppen. Endgültig obsolet wurde sie mit der Integration des metropolitanen Proletariats in die fordistische Nachkriegsgesellschaft.

Und wie bereits die Entwicklung der Zwischenkriegszeit verdeutlicht hatte, daß die zirkulationsfixierte marxistisch-leninistische Revolutionsvorstellung, einmal in die Defensive getrieben, durchaus mit antisemitischen Denkmustern konvergieren kann20, brachte ihre »maoistisch eingefärbte« Verfallsform, »das antiimperialistische Weltbild« in Form des Antizionismus, die ganze Wahrheit über die antisemitische Potenz des Marxismus-Leninismus ans Licht, wird hier doch »die strukturelle Affinität zur teilweisen inhaltlichen Affinität« (Th. Haury).

Der Antizionismus, gemeinhin als die einzig mögliche Form von Antisemitismus nach Auschwitz bezeichnet, verdankt seine Verbreitung der Tatsache, daß seit dem Zweiten Weltkrieg der Marxismus-Leninismus die antikolonialen Befreiungsbewegungen in den »AAA-Staaten« (Afrika, Asien, America latina) zum »revolutionären Subjekt« ausersehen hat, und dabei spezifisch die »arabischen Völker«, bei denen »das Anwachsen des antiimperialistischen Bewußtseins« besonders spürbar sei21. Exemplarisch findet sich dieser Standpunkt bei Karam Khella, der in seiner Schrift Imperialismus heute ausdrücklich auf Lenins Imperialismusanalyse rekurriert, die sich »theoretisch durchgesetzt und in der revolutionären Praxis bewährt« habe. Den Begriff »Finanzkapital«, den Lenin bekanntlich vom SPD-Theoretiker Hilferding übernommen hat, hält Khella für »durchaus treffend gewählt«. Lenin wolle »gerade als Besonderheit des Finanzkapitals den Aspekt des „Parasitismus“ hervorheben«. Die Finanzoligarchie produziere nicht, dennoch kassiere sie die Profite ein: »sie ist parasitär«.

Ihre Herrschaft beruhe nicht mehr wie in Zeiten des Kolonialismus auf dem Export von Waren, sondern auf der Kapitalausfuhr. »Die personalen Träger des Monopolkapitalismus« würden dabei zwar durch den Konzentrationsprozeß »immer weniger, aber mächtiger«. Denn »die überragende Bedeutung des Finanzkapitals … bleibt nicht auf den nationalen Rahmen beschränkt, sondern strebt nach Weltherrschaft«. Im Zentrum dieses Strebens stünden die USA22, die im Rahmen ihres Kampfes gegen den »antiimperialistischen Befreiungskampf«23 eine »Einkreisungsstrategie« gegenüber den »sozialistischen Staaten« verfolgten, die diese sowohl »von außen … bedrohen und von innen … destabilisieren« wie auch »die weltweite antiimperialistische Solidarität … erschweren« solle.

»Zur Durchsetzung und Ausübung ihrer militärischen Kontrolle über die arabische, insbesondere ölreiche Region«, die aufgrund des »antiimperialistischen Widerstandes« ein »besonders empfindlicher Abschnitt« der US-Einkreisungsstrategie sei, wäre deshalb Israel »ins Leben gerufen worden«, das »ein wichtiger Stützpfeiler imperialistischer Interessen im Nahen Osten« sei, da es »als Hauptaufgabe die Unterjochung von Völkern und die Niederschlagung von Befreiungsbewegungen« habe. »Der Schwerpunkt des Zionismus« liege dabei auf der »totalen Vernichtung der PLO«.

Daß »der US-Imperialismus« »mit der Kapitalausfuhr« auch gleich den Faschismus exportiere, dessen »Begleiterscheinungen … Massenvernichtung und Völkermord« seien, zeigt sich für Khella exemplarisch am »Fallbeispiel« Israel, dem er auch gleich seine »neue Faschismusthese« widmet, die aus der Imperialismustheorie abzuleiten sei.

Der »»demokratisch« legitimierte Faschismus« Israels verdanke seine »Genese« »dem Hintergrund der allgemeinen Krise des transnationalen Kapitals«, das Israel »ins Leben gerufen« habe, »um Klassenkämpfe national und übernational (,) … im arabischen Raum und in benachbarten Regionen zu zerschlagen«. Wenn dieser Behauptung das Argument entgegen gehalten wird, daß Israel eine parlamentarische Demokratie mit einem Mehrparteiensystem ist, so sei dieser Einwand rein formal, weil er »die zionistischen Parteien strukturell oberflächlich (?) betrachtet und nicht mehr analysiert. Die zionistischen Parteien – und mit Ausnahme von Rakah24 handelt es sich in Israel nur um zionistische Parteien – sind sich in der Sache absolut einig. Sie haben weiterhin absolut identische objektive Interessen …: Erhalt der Siedlungsgesellschaft und Zerschlagung des antizionistischen und antiimperialistischen Widerstands der Palästinenser und anderer arabischer Völker. Eine (andere) faschistische Bewegung würde in Israel kaum ein anderes Programm haben als die bestehenden faschistischen Parteien. … Vergleichen wir die Politik der beiden Blöcke (Likud und Mirach; R.B.), so stellen wir kaum prinzipielle Unterschiede fest. Sie überbieten sich im Terror, Vertreibung, Aggression und Massenmord. … Da Israel kein natürlich gewachsener (!) Staat ist, sondern eine Auswahl (!) von Siedlern die aus aller Welt nach Israel gekommen sind, werden diese Siedler niemals (!) eine demokratische Gesinnung an die Macht bringen, sondern nur die Parteien, die ihre kolonialen Interessen vertreten. Deshalb kann sich der israelische Faschismus den Luxus von Wahlen erlauben«.

Schließlich gehöre »zum Faschismus … eine ihm eigene Ideologie«. Die Ideologie des israelischen Faschismus sei der Zionismus: »Der Zionismus ist sogar ein Musterbeispiel von faschistischer Ideologie. … Der Faschismus verspricht die Realisierung nationalistischer Ziele. Er allein sei berufen und sei fähig, sie zu verwirklichen. Durch ihn erhebe sich das „Volk“ zu einer unbesiegbaren Macht. Dies sind geradezu die Elemente des politischen Zionismus. Die Gedanken von „Volk“ und „Natur“ werden im Faschismus nicht humanistisch, sondern rassistisch verstanden. Deshalb rechtfertigen sie die Unterdrückung anderer Völker. Dieses Merkmal ist ein tragendes Element der zionistischen Ideologie. Bezeichnend für den Faschismus ist die Aggression und Expansion. Der Zionismus liefert die theoretischen Voraussetzungen dafür: a) Israel ist nicht durch umschriebene Grenzen definiert. Dafür beruft es sich auf das Prinzip Erez Israel (»Das Land Israel«), das ihm grenzenlose (!) Expansion erlaubt. b) Israel hat keine eigene Verfassung und braucht deshalb die Grundrechte nach der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte durch die Vereinten Nationen … nicht anzuerkennen. … Israel fühlt sich an kein Gesetz gebunden, wenn es fremde Territorien erobert, in Ruinenlandschaft verwandelt, Völkermord, Kinderraub und andere Verbrechen gegen die Menschlichkeit begeht«. Das Fazit von Khellas »Analyse«: »Der israelische Staat ist mit aller Konsequenz faschistisch«.

Die Juden sind die Nazis unserer Tage: dies das eindrückliche Resultat eines »Fallbeispiels« humanistischer Interpretation von »Volk« und »Natur«, wie sie der zeitgenössische Marxismus-Leninismus betreibt.

Khella darf aber nicht als isolierter Extremfall abgetan werden. In solchen Aussagen erscheint nur unverhüllt, was erkenntnistheoretisch und kapitalanalytisch in jenem verkürzten »Materialismus« angelegt ist, wie er den Marxismus-Leninismus insgesamt kennzeichnet und bis auf Friedrich Engels und eine entsprechende Lesart der Marxschen Theorie zurückreicht, die »arbeitsontologisch« fixiert ist.

1 Das Referat von Haury war im wesentlichen identisch mit seinem Beitrag Zur Logik des bundesdeutschen Antizionismus, enthalten in dem im ça ira-Verlag (Freiburg/Brsg.) erschienen Buch Vom Antizionismus zum Antisemitismus von Léon Poliakov.

2 Anders als Adorno jedoch, der diesen Imperativ als „so widerspenstig gegen seine Begründung wie einst die Gegebenheit des Kantischen“ (Negative Dialektik) ansieht, also letztlich als ein „abstraktes Sollen“, erscheint mir die Möglichkeit seiner Fundierung in der widersprüchlichen Struktur des Kapitalverhältnisses selbst angelegt.

3 Der Marxismus-Leninismus hat die Marxsche erkenntniskritische Unterscheidung von Wesen und Erscheinung niemals nachvollzogen, weshalb er wie jede andere Form von bürgerlichem Bewußtsein nie über eine dichotome Betrachtungsweise der kapitalistischen Realität hinausgekommen ist, deren Radikalisierung als praktisch »weltanschauliche« (ob nazistisch oder marxistisch) den für den Antisemitismus unabdingbaren Manichäismus konstituiert.

4 Im »Revisionismus« erhält diese Situation lediglich ihren adäquaten politischen Ausdruck, weshalb der Marxismus-Leninismus der Spaltung der Arbeiterbewegung außer hilflosen Verratsvorwürfen an die Adresse der Sozialdemokratie auch wenig entgegenzusetzen wußte.

5 In der Leninschen Theorie ist dies mit dem Begriff der »Arbeiteraristokratie« verbunden. Interessanter für den »westlichen Marxismus« sind die Überlegungen des zwischen Faschismus und Sozialismus oszillierenden französischen Theoretikers Georges Sorel, der mit der »Verbürgerlichung« des Proletariats bereits in den 90er Jahren des 19ten Jahrhunderts die »Krise des Marxismus« anbrechen sah. Diese »Verbürgerlichung« erschien ihm als Resultat einer Strategie der Bourgeoisie, die durch ihre Herrschaft über Schulen und Medien dem Proletariat sein quasi natürliches Klassenbewußtsein planmäßig wegerziehe, eine Vorstellung, die später vor allem von Gramsci aufgenommen wurde.

6 Bis sich in einem Börsencrash und die durch ihn erfolgende Entwertung des »fiktiven Kapitals« (Marx) die scheinbare Abkoppelung des zinstragenden Kapitals von der Produktionssphäre als eine bloß zeitlich begrenzte Möglichkeit erweist.

7 Es ist klar, daß es einer solchen Theorie letztlich nur mittels manipulations- und verschwörungstheoretischer Konstrukte gelingen kann zu erklären, weshalb es einige wenige Kapitalisten schaffen, ihre Entmachtung durch die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung und damit die Abschaffung des bereits »verfaulten« Kapitalismus zu verhindern.

8 Wobei diese Verkürzungen weniger der subjektiven Unfähigkeit des Theoretikers Lenin geschuldet sind, als dem noch unentwickelten Zustand der gesellschaftlichen Verhältnisse selbst.

9 Es widerspiegelt sich darin die Konstitution des Tauschwerts (spezifischer: des Geldes als seiner Erscheinungsform): historisch-genetisch entspringt dieser der Zirkulationssphäre, logisch aber der Produktionssphäre.

10 Dieser zirkulationsbornierten Vorstellung von der »Anarchie des Marktes« fällt die Existenz kleiner, zersplitterter Warenproduzenten mit der freien Konkurrenz zusammen; d.h. der von Marx entwickelte Begriff der »freien Konkurrenz« wird mit einer realhistorischen, nun vergangenen Phase des Kapitalismus identifiziert, die nun im Imperialismus durch die Herrschaft weniger Monopole überwunden sei.

11 Vgl. dazu den folgenden Exkurs.

12 Für den Antisemitismus gilt: »Wer Jude ist, bestimme ich« (Karl Lueger). Als neuere Beispiele dafür seien erwähnt, daß nach dem Fall der Mauer das Grab von Brecht mit antisemitischen Schmierereien geschändet wurde und im heutigen Rußland ein Großteil der Bevölkerung Hitler ebenso für einen Juden hält wie die antisemitische »Pamjat« den Antisemiten Schirinowski.

13 Moishe Postone hat auf die Identifikation des Wertbegriffes mit »dem Juden« im Denken der Nazis hingewiesen. »Der Jude« wird zum Repräsentanten des Werts: dieser ist eine Abstraktion, aber eine Realabstraktion: in seiner entwickelten Form als Kapitalverhältnis, in der er erst die Gesellschaft als Totalität ihrer Momente umfaßt, besitzt er keine empirische Wahrnehmbarkeit, aber subsumiert sich gleichwohl die konkrete Realität; zum »ewigen Juden«: »ewig«, denn das Kapital erscheint als eine sich nicht bewegende Bewegung, als Enthistorisierung der Zeit, als tote Arbeit, ewige Naturnotwendigkeit, und zwar deshalb, weil das Resultat seiner Bewegung immer nur die Reproduktion des Identischen ist, des Werts. Weil »der Jude« eine Abstraktion ist, die aber in den konkreten Juden personalisiert sein soll, muß der Antisemit dazu gelangen, die Individuen zu dem Stereotyp zu entmenschlichen, das der Abstraktion »des Juden« zu entsprechen verspricht. Der Antisemitismus bedarf also (seiner Neigung gemäß, Wesen und Erscheinung nicht als vermittelt zu begreifen, sondern unmittelbar zusammenfallen zu lassen) beständig der empirischen Beweise für die Richtigkeit seiner Behauptungen über das »Wesen« »des Juden«, was in »ruhigen« Zeiten »nur« als eine wahnhafte Wahrnehmungsstörung an den »Rändern« der Gesellschaft erscheint, die jeden Gegenbeweis als Beweis nimmt. Im Moment der Krise aber erweist sich diese als konstitutives Merkmal der »Mitte« der Gesellschaft und radikalisiert sich dahingehend, die eigenen Abstraktionen nun unmittelbar in der Realität geltend machen zu wollen, was, wie schon Hegel wußte, deren Zerstörung bedeutet.

14 Ich denke, es ist hiermit schon angedeutet, daß die erkenntnistheoretischen Vorstellungen Lenins in den Philosophischen Heften (wie im hier zitierten Konspekt zu Hegels Wissenschaft der Logik) durchaus denen von Materialismus und Empiriokritizismus entsprechen, die beliebte Abgrenzung der »dialektischen« Hefte vom empiristischen Materialismus-Buch also äußerst fragwürdig ist. Ebenso wäre zu zeigen, daß der absolute Idealismus eines Hegel nur die andere Seite des Objektivismus eines Lenins ist, denn so wie bei Hegel das als weltgeschichtlicher Prozeß existierende Absolute letzlich wieder in die Natur als seinen Anfang zurückkehrt, taucht es über die Theorie der Widerspiegelung bei Lenin als »subjektloser Prozeß« (Althusser) wieder auf.

15 Vgl. dazu die Analogiebildung bei Engels am Beispiel der »Negation der Negation« des Gerstenkorns: die natürliche Verwandlung des Gerstenkorns in eine Pflanze erscheint analog zur durch menschliche Praxis vermittelten Umwandlung der Gerste in Bier.

16 Der ontologische Arbeitsbegriff des Marxismus-Leninismus ist allerdings bei Marx selbst angelegt, da auch bei ihm ein Verständnis von abstrakter Arbeit ausgesprochen ist, das diese als genuin-zeitlose Kategorie erscheinen läßt; etwa wenn er in den Grundrissen davon spricht, daß die Vorstellung von »Arbeit« als »Arbeit überhaupt« uralt sei. Dagegen wären die Auffassungen des »Fetischkapitels« im I. Band des Kapital zu setzen, in dem die abstrakte Arbeit als Realabstraktion als Resultat der privaten Organisation der Produktion der vereinzelten Einzelnen bestimmt ist, d.h. als Produkt des Kapitalismus selbst, das dieser in seiner Entfaltung beständig reproduziert und erweitert, und das damit zugleich seine historische Schranke darstellt. Die Kategorie der abstrakten Arbeit ist so gekoppelt an eine Auffassung von linearer Zeit und der damit verbundenen Auflösung der Einheit von Produktion und Reproduktion, wie sie sich in der Ablösung des Feudalismus und der ihn prägenden zyklischen Zeit durch den Kapitalismus durchsetzte.

17 In den ökonomischen Krisen wird nach Engels dieser Widerspruch offensichtlich: »Die Produktionsweise rebelliert gegen die Austauschweise«; die Lösung könne nur darin bestehen, »daß also die Produktions-, Aneignungs- und Austauschweise in Einklang gesetzt wird mit dem gesellschaftlichen Charakter der Produktionsmittel«, d.h. daß »die Gesetze ihres eignen gesellschaftlichen Tuns, die ihnen bisher als fremde, sie beherrschende Naturgesetze gegenüberstanden, … dann von den Menschen mit voller Sachkenntnis angewandt und damit beherrscht« würden (Anti-Dühring). So wie Engels eine vorkapitalistische einfache Warenproduktion konstruiert, in der »die Wertbestimmung durch die Arbeitszeit … auf der Oberfläche des Warenaustauschs sichtbar erschien«, das Wertgesetz im prämonetären Warentausch also als verifizierbar setzt und diese Durchsichtigkeit erst durch den »Übergang zum Metallgeld« zerstört sieht, da sich nun »durch die Gewohnheit des Geldrechnens« »das Bewußtsein von der wertmessenden Eigenschaft der Arbeit … verdunkelt« (MEW 25), postuliert er für die sozialistische Gesellschaft, daß die Menschen in ihr wieder genau »berechnen« könnten, »wieviel Arbeitsstunden in einer Dampfmaschine, einem Hektoliter Weizen …, in hundert Quadratmeter Tuch … stecken. … Allerdings wird auch dann die Gesellschaft wissen müssen, wieviel Arbeit jeder Gebrauchsgegenstand zu seiner Herstellung bedarf. … Die Nutzeffekte der verschiednen Gebrauchsgegenstände, abgewogen untereinander und gegenüber den zu ihrer Herstellung nötigen Arbeitsmengen, werden den Plan schließlich bestimmen. Die Leute machen alles sehr einfach ab ohne Dazwischenkunft des vielberühmten „Werts“« (Anti-Dühring). Aber abgesehen davon, daß diese Vorstellung einer gesellschaftlichen Arbeitszeitrechnung auf der Grundlage von unmittelbarer Arbeitszeit letztlich wieder zu genau jenen Aporien führt, die Marx im Elend der Philosophie an der Theorie Proudhons (der nicht nur utopischer Sozialist, sondern auch ein glühender Antisemit war) aufgezeigt hat. Der unvermittelte Übergang von der einfachen zur kapitalistischen Warenproduktion, bei dem der »fahrende(n) Kaufmann, de(r) merchant adventurer« als »das revolutionäre Element« erscheint, da mit ihm »das Geld … aus der Fremde« komme (MEW 25), gerät in gefährliche Nähe zu Theorien vom »semitischen Geldwesen«, in denen das Geld aus »der Zeit der Babylonier, Hebräer, Griechen und Römer« stammt, wie der im Dunstkreis der Proudhonschen Theorie angesiedelte »Freiwirtschaftler« Silvio Gesell erläutert. In dessen Buch Natürliche Wirtschaftsordnung taucht zwar »das Wort Jude kaum … auf. Er spricht vornehmer vom – Zinsnehmer« (V. Woelk, Natur und Mythos, DISS-Texte Nr. 21). Auch an der Marxschen Abhandlung Zur Judenfrage (»Welches ist der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld«) läßt sich beobachten, daß der Antisemitismus als pseudorevolutionäre Ideologie in dem Maße droht, wie sich eine Gesellschaftskritik auf die Zirkulationssphäre konzentriert.

18 Gerade weil der Marxismus-Leninismus die Trennung von Subjekt und Objekt (vulgo: Geist und Materie) ebenso als ontologisch setzt wie der philosophische Idealismus, die Frage der sozialen Konstitution dieser Kategorien also ungelöst bzw. überhaupt unbeachtet läßt, muß er wie dieser das zu lösende Problem im Verhältnis der Kategorien zueinander sehen, bzw. darin, welcher der beiden Pole den Vorrang hat. Als »Materialismus« behauptet der Marxismus-Leninismus logischerweise den Primat der äußeren Welt gegenüber dem Bewußtsein, was ihn aber wie gezeigt in ein vergleichbar zirkuläres Argumentationsdilemma stürzt wie es schon bei Kant auftaucht, der das Vermögen zur Erkenntnis (das »transzendentale Apriori«) der Erkenntnis als vorausgesetzt behaupten muß, diesen Widerspruch allerdings als einen für ihn unlösbaren aushält und nicht in platten Empirismus auflöst wie der Marxismus-Leninismus, zu dessen »Verdiensten« es ja u.a. zählt, die Frage nach der Konstitution des bürgerlichen Subjekts und seiner (Un)Bewußtseinsformen gründlich verschleiert zu haben.

19 Bereits Engels hatte darauf hingewiesen, »daß die Börse die hervorragendste Vertreterin der kapitalistischen Produktion« zu werden verspreche, »die bei der ferneren Entwicklung die Tendenz hat, die gesamte Produktion, industrielle wie agrikulturelle, und den gesamten Verkehr, Kommunikationsmittel wie Austauschfunktion, in den Händen von Börsianern zu konzentrieren« (MEW 25), so daß »der Kapitalist keine gesellschaftliche Tätigkeit mehr (habe), außer Revenuen-Einstreichen, Kupon-Abschneiden und Spielen an der Börse« (Anti-Dühring).

20 Vgl. dazu etwa die Äußerung des ZK-Mitglieds der KPD, Ruth Fischer, in ihrer Berliner Rede 1923: »Wer gegen das Judenkapital aufruft …, ist schon Klassenkämpfer, auch wenn er es nicht weiß … Tretet die Judenkapitalisten nieder, hängt sie an die Laterne, zertrampelt sie!« (zit. nach Eva Groepler, »Zertrampelt die Judenkapitalisten«, Konkret 1/91)

21 Diese und alle folgenden Zitate aus: Karam Khella, Jederzeit, überall, mit allen Waffen. Imperialismus heute, Theorie und Praxis Verlag, Hamburg 1987. Die Schrift stammt wie ersichtlich aus der Zeit vor dem Zusammenbruch des sogenannten Realsozialismus, doch hat dieses Ereignis keinesfalls zu einer grundsätzlichen Revision der antiimperialistischen Sichtweise geführt, sondern eher noch deren verschwörungstheoretische Neigung verstärkt (Imperialismus heute und Die Macht der Hundert waren übrigens Titel von DDR-Lehrbüchern über den »staatsmonopolistischen Kapitalismus«).

22 Weil sich in den USA aufgrund der historischen Bedingungen die Konstitution der bürgerlichen Gesellschaft in atypisch »reiner« Form vollzogen hat, fungiert sie auch seit jeher als eine Art Brennspiegel aller antikapitalistischen Ressentiments. (Vgl. dazu neuerdings: Dan Diner, Verkehrte Welten, Eichborn-Verlag)

23 Khellas Revolutionsphraseologie ist so orthodox marxistisch, daß es schon fast rührend ist: »Insgesamt nimmt der Machtbereich des Imperialismus ab. Sozialistische Staaten, Volksdemokratien und befreite Gebiete bilden sich immer mehr (!) heraus und werden stärker (!!). … Die Produktionsverhältnisse unter den Bedingungen des fortgeschrittenen Monopolkapitalismus widerspiegeln sich gesellschaftsanalytisch (!) in der Weise, daß einer hauchdünnen Monopolkapitalistenklasse die besitzlosen Massen gegenüberstehen. … Der staatsmonopolistische Kapitalismus ist die unmittelbare Vorstufe des Sozialismus. Das Finanzkapital bedingt, weil parasitär, die Fäulnis des Kapitalismus. Darum ist der Monopolkapitalismus sterbender Kapitalismus. … Die Imperialisten sind arm dran. In ihren Heimatzentren sind sie mit dem anwachsenden Widerstand (!) der Arbeiterbewegung konfrontiert. In den Ausbeutungssphären der Dreikontinente machen ihnen die Befreiungsbewegungen die Hölle los. Die AAA-Staaten sind zu Sturmnetzen der Weltrevolution geworden (!)«

24 Bei Rakah handelt es sich um die kommunistische Partei Israels. Abgesehen davon, daß Khella es offenläßt, inwieweit Rakah überhaupt kommunistisch sei, kommt ihr seiner Meinung nach ohnehin nur eine »Alibifunktion« zu, da »eine Siedlergesellschaft niemals eine kommunistische Partei an die Macht bringen (werde). Insofern erlaubt sie sie, wählt sie aber nicht«. Wobei wir bei der tiefsinnigen Erkenntnis angelangt wären, daß Parteien wie Wahlen, würden sie etwas verändern, abgeschafft würden.